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Wie werd ich ein Engel in 30 Tagen?

20.12.2006



Vom Butler zum Leibwächter II

Es war noch viel zu früh am Morgen, zumindest für einen kleinen Elfen - doch er lag schon wach in seinem Kissen. Genaugenommen lag Adalbert unter seinem Kissen, denn es lag auf seinem Bauch und er hatte es fest an sich gedrückt und umklammert. Angestrengt dachte er nach. Über gestern und über Jez und der kleine Elf konnte es nicht vermeiden, dass ihm ein Schauer nach dem anderen über den Rücken lief. Das war doch Wahnsinn. Der helle Wahnsinn!

Seufzend fiel der kleine Elf mit seinem Kissen auf die Seite und knurrte leise. Der gestrige Tag hatte ihn total durcheinander gebracht. Stöhnend warf sich der Elf auf die andere Seite, doch viel brachte das auch nicht. Die Gedanken ließen ihn nicht los.

Seltsame Gedanken, irgendwie ziemlich anregende Gedanken!

Wie Adalbert da fast nackt auf der Liege gelegen hatte, wie er sich immer wieder gefragt hatte, ob das Jez wohl gefiel oder ob er viel zu dürr war für den Engel? Warum hatte er sich so was gefragt? Warum machte er sich über so was Sorgen? Woher kamen solcherart Gedanken? Sie waren nicht gerade rein. Schlimmer noch - sie gefielen Adalbert. Sie kribbelten über seinen Rücken, die Arme und die Beine und den kleinen, runden Elfenpo, wenn er nur daran dachte, wieder fast nackt vor Jez zu liegen. Im Nachhinein ärgerte sich Adalbert, dass er es nicht gewagt hatte, Jez dabei mal ins Gesicht zu sehen, zu wissen, ob es ihm gefallen hatte, Adalbert anzufassen oder ob er wirklich nur seine Tarnung gespielt hatte, damit sie nicht aufflogen.

Dieser Gedanke machte Adalbert fast wahnsinnig! Was hatte Jez dabei empfunden?

Feige wie er war, hatte er Jez freilich auch nicht danach gefragt, sondern sich nur seine Klamotten wieder angezogen, sich den Stern gekrallt und war ohne ein Wort verschwunden - das war ihm alles so peinlich gewesen. Aber jetzt, mit etwas Abstand auf die ganze Sache, war ihm sein Abgang eigentlich viel peinlicher als alles andere.

Es war so herrlich gewesen, die großen, weichen Hände auf dem Rücken zu spüren, wie sie nicht müde wurden, Adalbert zu streicheln. Es war irre gewesen. Zu gern hätte Adalbert jetzt noch mehr gehabt, doch gestern war er zu feige gewesen, das zuzugeben. Er hatte sich so geschämt dafür, dass ihm etwas Anrüchiges, wie diese erotische Nähe, gefallen hatte. Warum nur? War er immer noch viel zu sehr Elf, als dass er sich eingestehen konnte, dass er anders war?

Langsam machte alles Sinn. Warum er mit Elfriede nichts anfangen konnte, die ihm in der Schule immer Zettelchen zu schob und ihn auf einen Elfenbecher einladen wollte. Warum er sich langsam sicherer wurde, dass er Elfstadt verlassen wollte, solange Jez nur bei ihm blieb. Er war kein Elf, er war wohl nie wirklich ein Elf gewesen - er gehörte nicht dorthin. Er konnte nicht keusch sein, er konnte keine reinen Gedanken haben. Nicht, wenn ein wunderschöner Engel ihm so nah war, ihn so berührte, ihn ansah, so wie nur Jez ihn ansah. Er musste hier weg und mit Jez neu anfangen - egal wo. Und wenn es hier nicht ging, dann eben auf der Menschenwelt.

Wenn Adalbert die Sterne nicht zusammen bekam, um ein Engel zu werden, vielleicht würde Jez ihn trotzdem noch besuchen kommen wollen. Wenn er irgendwo ein kleines Zimmerchen hatte, sich ein bisschen Geld verdiente.

Wieder seufzte der kleine Elf. War es wirklich schon so weit mit ihm? Gab er seine Identität auf?

Ja, es gab kein Zurück mehr. Hier konnte er nach seinem Geburtstag nicht länger leben. Die Schranken, die er früher nie gesehen hatte, spürte er nun bei jedem Schritt. Egal ob er den Fernseher anmachte und nur die heile Welt sah, egal ob er an seine Familie dachte und feststellte, dass eigentlich nie einer ehrlich fragte, was ihn bedrückte. Die von oben diktierte gute Laune, rund um die Uhr und täglich.

Nein, das war nicht seine Welt. Das hatte ihm die letzte Zeit deutlich gemacht. Er musste mit Jez darüber reden. Vielleicht konnte der ihm helfen - doch vorerst wollte er noch glauben, glauben an das, was Jez ihm gesagt hatte. Es würde alles gut werden, wenn Adalbert nur nicht aufgab. Noch hatte er fünf Tage, noch war nicht alles verloren.

„Aber dann muss ich mit Jez reden", sagte Adalbert und setzte sich auf. Er konnte sich ein Leben hier - ohne Jez - nicht mehr vorstellen. Es war nicht sein Leben. Sein Leben lag außerhalb dieser Mauern, außerhalb dieser Stadt. Er gab es nicht gern zu, er drehte seinen Eltern nicht gern den Rücken zu, aber die Enge und die Oberflächlichkeit, die Selbstverliebtheit der Elfen, damit konnte er nicht mehr umgehen. Alec und Jack waren das beste Beispiel. Anstatt zu begreifen, dass diese beiden nicht für einander geschaffen waren, hetzte der hohe Rat mit seinem Drang nach Harmonie auf der Erde die beiden immer wieder aufeinander und Adalbert, der scharf auf seine Belohnung war, half auch immer wieder mit, sie zu verletzen. Er baute sein Glück auf dem Unglück anderer. Das war nicht fair. Das war es nicht, was ein Elf tun sollte. Doch irgendwie war sich wohl selbst ein Elf nur selbst der nächste, wenn es darum ging, seinem kleinen Leben zu entfliehen und seinen Platz im Kosmos zu finden.

„Wah!" Adalbert schoss hoch. Seine eigenen Gedanken machten ihn noch ganz kirre. Er wusste langsam nicht mehr, wo oben und unten war. Je schneller die Tage vergingen, je weniger noch übrig waren, an denen er Jez sehen konnte, umso panischer reagierte er wohl darauf, daran zu denken, was danach noch kam. Die Zeit floss ihm schneller durch die Finger als die Sterne - wie sollte er in fünf Tagen noch acht Sterne finden? Das ging doch nur, wenn er einen Auftrag - gelinde gesagt drei - so gut erledigte, dass er zwei Sterne dafür bekam. Aber wenn wir ehrlich waren: das würde nicht passieren, das wusste Adalbert genau.

Nie, nie, nie würde das passieren und deswegen konnte er auch nicht so zuversichtlich an die Sache ran gehen, wie sein schöner Engel. So gern er Jez vertraute und alles glauben wollte, was er sagte, so sehr wusste er, dass es unmöglich war. Doch das konnte er Jez einfach nicht sagen. „Weil ich zu feige bin", murmelte Adalbert und kroch langsam aus dem Bett. Nun wanderte er - immer noch mit seinem Kissen vor dem Bauch - durch seine Wohnung. Er fand einfach keine Ruhe. Die Ungewissheit darüber, was werden würde, machte ihn kirre. Also machte er es wie jeden Morgen. Er ging duschen, suchte sich ein paar Klamotten und mit einem heißen Kakao in den Fingern wartete er und fragte sich lieber, was der nächste Auftrag sein würde. Er verbot sich jeden Gedanken an Jez oder an die Zeit danach. Das war nicht leicht, wirklich nicht. Schon gar nicht, wenn man ein kleiner Elf war, der sich nur zu gern ablenken ließ.

Doch da blinkte das Elf-O-Phon und kaum kam die Kartusche, hatte Adalbert sie schon geöffnet. „Hö?", machte er und sah sich die Bilder an. Die Beiden kannte er doch? Waren das nicht Alexander und sein Butler? Der arme Kerl, der die Prügel bezogen hatte und der nicht gehört hatte, wie Alexander ihm erklärt hatte, er würde ihn lieben? Jez hatte gesagt, es wäre wichtig, dass Johan es noch nicht hörte. Adalbert hatte es nicht begriffen, aber akzeptiert. Nun kam also sein nächster Versuch. Ging das so gut wie gestern mit Phil oder würde das ein Fiasko werden, wie mit Alec? Adalbert wusste es nicht, doch er griff sich die Unterlagen, die er brauchte, steckte sie in die Tasche und machte sich auf zum Elf-Trans.

Hoffentlich wartete auf der anderen Seite Jez auf ihn und war nicht sauer, weil Adalbert gestern hochrot einfach abgerauscht war.

Geflüchtet, um das Kind mal beim Namen zu nennen. Er war vor Jez geflüchtet. So sah es aus!

Und aus diesem Grund sah sich Adalbert nun auch etwas suchend um, denn er war sich plötzlich gar nicht mehr so sicher, dass Jez noch Lust hatte, ihm zu helfen. Er war aber auch ein Mimöschen! Klar, dass Jez da keinen Schimmer hatte, was er mit Adalbert noch anstellen sollte. Er hatte doch extra beschlossen, für seinen Engel mutiger zu werden und ihm ebenbürtig, aber da hatte er wohl mal wieder auf der ganzen Linie versagt. Dass er vor dem Krankenhaus stand, in dem Johan sicher noch lag, wunderte Adalbert kein bisschen. So wie der junge Mann ausgesehen hatte, würde der hier auch noch ein bisschen liegen.

Tief holte der Elf Luft, als er sich etwas enttäuscht gegen die Wand neben dem Eingang sinken ließ. Doch was hatte er erwartet? Jez war nicht da. Da hatte das Elfchen aber auf ganzer Linie Mist gebaut. Doch es half nichts. Er konnte sich ja jetzt nicht schmollend zurückziehen. Er hatte einen Job. Und den würde er zur Not auch allein bewältigen. Er würde Jez zeigen, dass er kein Babyelfchen mehr war, sondern auch selber was gebacken bekam, ohne die Zeche zu prellen, Zwangsehen zu stiften oder Menschenhandel zu betreiben.

Entschlossen zog er sich also noch mal die Jacke straff, dann ging er langsam los. Keiner fragte ihn, wo er hin wollte. Das war gut. So kam er ganz gut durch die Flure. Natürlich hatte er sich wie üblich erst mal verlaufen, war auf der Frauenstation gelandet und hatte einsehen müssen, dass er dort nicht finden würde, was er suchte. Resigniert schlich sich der Elf also von Etage zu Etage, bis er vor einer Tür auf einem der Stühle im Flur jemanden sah, der ihm bekannt vorkam. Das war doch Alexander. Dann konnte Johan ja nicht weit sein. Sicher in dem Zimmer, vor dem Alexander saß. Langsam kam Adalbert näher, doch Alexander schien ihn gar nicht zu bemerken. „Hi", sagte der kleine Elf also und setzte sich zwei Stühle entfernt.

Kurz nur sah Alexander auf, wer es wagte, ihn in seinem Trübsal zu stören. Doch als er den kleinen Elfen sah, musste er doch grinsen. „Hi", sagte er also und senkte dann wieder den Kopf. Er war völlig in seinen Gedanken vergraben und zog den Bademantel etwas enger. Auch er war noch zur Beobachtung hier behalten worden. Sein Vater hatte nichts dagegen gehabt, dass er blieb und er selbst wollte keine Sekunde von Johans Seite weichen. Er hatte tagelang geschlafen, bis er endlich zu sich gekommen war, doch seit dem schwiegen sie sich nur an. Sie wechselten die nötigsten Worte und irgendwie hatte Alexander langsam das ungute Gefühl, dass Johan ihn nicht sehen wollte. Was ja nach dem, was passiert war, auch kein Wunder war. Das musste er selber zugeben. Er war doch dran schuld, dass Johan hier lag. Er war daran schuld, dass er diese Schmerzen hatte. Wie ein geprügelter Hund schlich Alexander nur noch durch das Zimmer, was sie teilten. Um Johan einen Gefallen zu tun, hatte er sogar das Zimmer wechseln wollen, doch da hatte sein Vater nicht mitgespielt. Entweder blieb er mit Johan in einem Zimmer oder er kam mit nach Hause. Schwer war die Entscheidung gewesen, doch egoistisch hatte sich Alexander dafür entschieden, bei Johan zu bleiben, auch wenn der sich in Alexanders Nähe nicht mehr wohl zu fühlen schien.

So viel wollte er ihn noch fragen. Ob er wirklich aufhören wollte, er, Alex, ihm denn gar nichts bedeuten würde. Doch all das war ihm nicht über die Lippen gekommen. Ein Blick aus den traurigen Augen und Alexander waren seine sinnlosen Fragen im Halse stecken geblieben.

Allerdings war das allein nicht der Grund, warum Alexander hier draußen hockte und nicht weiter wusste, sondern der Besuch, den Johan seit drei Tagen bekam. Groß, blond, aufdringlich und hörte auf den Namen Erica. Alexander mochte diese Frau nicht, weil sie ihn auch nicht mochte. Oft genug hatte er sich anhören dürfen, was er für ein feiges Schwein wäre, immer Johan Ärger zu machen. Er hätte es nicht verdient, so behandelt zu werden, weil er doch so ein sanfter, liebenswerter Mann wäre.

Und Johan? Freute sich jedes Mal, wenn diese Tussi den Kopf durch die Tür steckte. Heute auch schon wieder. Sie hatten schweigend fern gesehen. Irgendwelche Trickfilme, denn was anderes lief nicht. Doch kaum klopfte es und diese Sumpfkuh trat ein, machte Johan den Fernseher aus. Ohne zu fragen - gerade so, als wäre er nicht mehr Alexanders Angestellter, sondern einfach jemand auf gleicher Stufe. Es war ja nicht so, als würde Alexander das stören! Es tat nur weh, dass Johan wohl seine Entscheidung gefällt hatte und ihn einfach aus seinem Leben gestrichen hatte. Er war eben nur noch ein störendes Anhängsel und das tat weh.

Richtig dolle sogar.

Erica gab sich auch keine Mühe, dafür zu sorgen, dass Alexander sich nicht ganz so mies fühlte. Sie redete laut und aufgebracht, wie verantwortungslos manche Leute waren. Alexander wusste genau, wer mit "manche Leute" gemeint war, doch er machte sich nicht die Mühe, sich zu rechtfertigen. Johan tat es ja auch nicht. Er ergriff keine Partei mehr für ihn, rückte Alexander nicht wieder ins rechte Licht. Er machte sogar Platz in seinem Bett, damit Erica sich zu ihm setzen konnte.

Damit Alexander ihnen nicht auf die Zudecke kotzte, hatte er es vorgezogen zu gehen. Er konnte das nicht ertragen.

Warum diese Tussi? Was fand Johan an ihr? Das war doch nicht fair.

Alexander fühlte sich kraftlos. Wie sollte das denn werden, wenn er hier raus kam? Das waren seine letzten Tage zusammen mit Johan und der behandelte ihn wie Luft! Er liebte diesen Kerl und der nutzte das aus und trampelte Alexander nieder, wo es nur ging? Immer schön rein in die Wunde. Fehlte nur noch, dass Alexander zurück ins Zimmer kam und die beiden lagen dort knutschend - oder schlimmeres. Vielleicht war das auch der Grund, warum er immer noch hier draußen saß und sich nicht zurück ins Zimmer traute.

Adalbert neben ihm sah ihn nachdenklich an. Er hatte keinen Schimmer, was los war oder was er tun musste, also erhob er sich wieder, denn er wusste auch nicht, wie er Alexander in ein unverfängliches Gespräch hätte verwickeln können. Er musste sich erst mal Johan ansehen, um entscheiden zu können. Also ging der kleine Elf in einen weniger besuchten Gang des Flures und wandelte sich in eine Fliege. Die kamen immer ganz gut überall hin und so schwirrte er an dem immer noch bedrückten Alexander vorbei, tauchte unter der Tür durch und sah ziemlich schnell, warum Alexander so bedrückt war.

Was machte diese Tussi denn hier? Wie sollte der kleine Elf denn zwei Männer zusammen bringen, wenn ihm da noch ein Mädchen dazwischen pfuschte? Wütend steuerte die kleine Elfenfliege also auf das Mädchen zu, doch die scheuchte den Störenfried nur weg. Adalbert taumelte und ehe er sich wieder gefangen hatte, wurde es dunkel um ihn. Panik!

Was war passiert? Wo war er denn?

„Hey, Elfchen", flüsterte über ihm eine bekannte und geliebte Stimme und als es wieder hell wurde, sah die kleine Elfenfliege in Jez' Gesicht, der ihn wissend angrinste. Adalbert verwandelte sich zurück und spürte gleich die weichen Federn überall. Es war herrlich, wunderbar.

„Jez", sagte Adalbert und wurde leicht rot. Er hatte wirklich nicht damit gerechnet, dass der Engel ihn noch einmal sehen wollte. Der musste ja wirklich die sprichwörtliche Engelsgeduld haben. „Ich dachte, du kommst heute nicht", gestand er leise und senkte den Blick, doch Jez korrigierte und ließ Adalbert zu ihm auf sehen.

„Warum?", wollte er sichtlich irritiert wissen.

„Na wegen gestern, weil ich einfach... weggelaufen bin", sagte der kleine Elf und man spürte, wie peinlich ihm das eigentlich war.

„Das war okay", sagte Jezeriel leise und strich seinem aufgelösten Elfen durch die blonden Haare, streifte dabei die Mütze nach hinten hin ab.

„Nichts war okay. Du bist immer so lieb zu mir und ich lauf immer weg. Das ist voll peinlich, dabei will ich das gar nicht und hinterher, heute Morgen, hab ich das voll doof gefunden und..." Adalbert holte kaum Luft zwischen seinen Worten. Er redete und redete und stoppte, als Jez leicht grinste.

„Adi, du bist süß", sagte er nur und zog seinen Elfen fest an sich. So verstummte Adalbert. Er ließ sich einfach in die Umarmung fallen und genoss sie ein paar Minuten. Bei seinen Schützlingen konnte er sowieso nichts machen.

„Johan, was ist denn los?", fragte Erica, die sich dicht an den jungen Mann gekuschelt hatte. Ihre Hand lag auf Johans Brust und immer wieder folgte sie seinem suchenden Blick. „Warum guckst du immer zur Tür. Sei doch froh, dass der Kerl nicht da ist und Ärger macht", sagte sie und war verärgert. Sie hatte eigentlich gedacht, dass Johan schlauer wäre und endlich begriffen hätte, dass dieser Kerl ihm nicht gut tun würde. Aber nein, auch jetzt schien er immer noch auf Alexander zu warten. Das war doch krank. Bediensteter hin oder her. Wenn der Kerl einfach Johans Leben in Gefahr brachte, dann hatte er sein Anrecht auf Johans Freundschaft in ihren Augen verloren.

Doch der junge Mann sagte nichts. Es brachte nichts, mit Erica darüber zu diskutieren. Er hatte es vor ein paar Tagen versucht, doch mit der Frau war nicht zu reden. Sie hatte ihre Meinung von Alexander und sie wollte auch keine andere gelten lassen. Sprach selber von Intoleranz, aber war nicht in der Lage, eine andere Meinung als die eigene zu akzeptieren. Johan hatte nicht die Kraft, diese Schlacht noch einmal zu schlagen. Er wusste ja selber nicht einmal, warum er sie noch schlug.

Alexander ging ihm nur noch aus dem Weg. Er sagte nichts, er sah ihn nicht an, er ging aus dem Raum. Alles sah irgendwie nach Flucht aus und Johan begriff einfach nicht. War er denn Alexander wirklich so wenig wert gewesen, dass er seine Nähe jetzt einfach nur noch als lästig befand? Zum Glück hatte Herr von Thalheim ihm das Angebot gemacht, das Haus jederzeit verlassen zu können, wenn er sich seiner Aufgabe nicht mehr gewachsen sah. Anfangs hatte Johan noch überlegt, hatte sich eingestehen müssen, versagt zu haben, denn er hatte Alexander nicht zu einem besseren Menschen machen können. Mittlerweile aber war es ihm egal. Alexander hatte nicht einmal gefragt, wie es ihm ging, ob er Schmerzen hatte, ob er ihm etwas geben oder etwas für ihn tun könnte. Und wenn es nur das schlechte Gewissen gewesen wäre, was ihn getrieben hätte. Doch Alexander hatte neben ihm her gelebt. Kein Ton, kein Blick.

„Noch ist er mein Herr und ich bin für ihn verantwortlich. Er hockt jetzt da draußen und wenn er sich erkältet, habe ich ein Problem", sagte Johan und senkte die Lider. Er wusste doch genau, dass das nicht der Grund war, warum er sich Sorgen um Alexander machte. Er war nicht mehr sein Butler. Wenn einer von beiden dieses Zimmer verließ und zurückging, dann trennten sich ihre Wege für immer. Es war schwer, sich das vorzustellen. Ein Leben ohne Alexander war für Johan noch unvorstellbar.

„Soll er doch da draußen hocken. So lange der nicht mal bereut, was er dir angetan hat, hab ich mit dem Arsch eh kein Mitleid. Der gehört verboten, aber echt mal. Ich kann den eh nicht leiden und das solltest du auch? Kündige. Der Kerl ist doch allgemeingefährlich. So was gehört weggesperrt", murmelte Erica vor sich hin. Es missfiel ihr sichtlich, dass Johan einfach nicht aus seiner Haut konnte.

„Erica, bitte. Du kennst ihn nicht, also rede bitte nicht so über ihn", sagte Johan und starrte an die Decke. Er konnte ja verstehen, wenn sie nicht das beste Bild von ihm hatte, aber wie die meisten auch, kannte sie Alex doch kaum. Sie sah nur, was der sie sehen ließ und das war nicht viel. Auch wenn er immer versuchte, der totale Arsch zu sein, wenn er sich alle Mühe gab, sich von seiner miesesten Seite zu zeigen, so wusste Johan ganz genau, dass Alex auch andere Seiten hatte. Nette Seiten. Schöne Seiten. Die kaum einer kannte. Und er kannte sie auch nur, weil er seinen Herrn ab und an beobachtet hatte, wenn der Junge geglaubt hatte, er wäre allein.

„Johan, hör endlich auf, ihn zu verteidigen. Das hat der doch echt nicht verdient. Ich kümmere mich um dich, du brauchst ihn nicht", sagte sie und richtete sich auf, um Johan ins Gesicht sehen zu können. „Bitte, lass ihn endlich links liegen. Ich wäre immer an deiner Seite. Ich würde alles für dich tun, dass weißt du. Zeig mir doch endlich, dass ich dir nicht ganz egal bin." Ihre Lippen legten sich auf Johans. Verzweiflung lag in den hektischen Bewegungen ihrer Lippen. Erst verstand Johan nicht, doch dann schob er sie sanft wieder von sich. „Erica", sagte er mahnend und sah sie verblüfft an. Doch sie funkelte nur mit den blauen Augen.

„Du bist so blind vor Gehorsam für diesen Bastard, dass du gar nicht merkst, wen du alles aus deinem Leben gleiten lässt, ohne sie je bemerkt zu haben. Du bist so blind für alles andere, verdammt." Wieder versuchte sie ihn zu küssen, doch Johan hielt sie fest.

„Erica, was soll denn das?", fragte er und machte sie wütend, auch wenn er das nicht beabsichtigt hatte.

„Was das soll? Wenn du es mit Andeutungen nicht begreifst, muss ich eben schwerere Geschütze auffahren. Ich habe mich verliebt und will dir zeigen, dass ich es wert bin, dass du mich endlich bemerkst. Als Frau, nicht nur als Banknachbarin, Johan. Mach die Augen auf, fang an zu leben - dein Leben, nicht seins!", rief sie und drängte sich noch einmal dichter. Aber als Johan sie erneut weg schob, gab sie auf. „Ach, das hat doch keinen Sinn. Für dich gibt es doch nur Alexander von Thalheim. Das finde ich zum Kotzen!" Mit einem Satz war sie aus dem Bett und schlüpfte in die Schuhe, sie sah nicht noch einmal auf, als sie mit einem Tschüss durch die Tür verschwand. Sie blieb nicht stehen, als Johan nach ihr rief, sondern knallte nur die Tür.

Alexander saß noch immer vor der Tür, tief in seine Gedanken versunken und begriff nicht, warum Erica ihn plötzlich als egozentrisches Arschloch betitelte und abrauschte, ohne sich noch einmal umzuwenden. Irritiert sah er ihr nach. Was war das denn jetzt gewesen? Er hatte doch gar nichts gemacht? Er hatte doch nur das Feld geräumt, damit sie mit Johan da drinnen machte konnte, was immer sie wollten. Warum musste er sich jetzt dafür noch beschimpfen lassen? War er hier im falschen Film oder was?

Was hatte Johan denn alles über ihn erzählt, dass diese Frau ihrem Ärger auf diese Art und Weise Luft machen musste? Am liebsten wäre Alexander hochgeschossen und in das Zimmer gerauscht, hätte Johan angefahren und eine Erklärung verlangt, doch irgendwie war seit Tagen die Luft raus. Er konnte nicht. Was, wenn Johan wieder nicht redete? Wenn er ihn nur ansah, mit diesem Vorwurf im Blick, als müsste Alexander das selber wissen. Das konnte er nicht, dieser Blick ging ihm durch und durch - der brannte bis auf die Knochen. Das war unerträglich.

„Feigling", knurrte er sich selber an und erhob sich. Er musste noch einmal mit Johan redeten, ehe sich ihre Wege trennten. Er konnte diese angespannte Atmosphäre nicht ein Leben lang mit sich tragen. Langsam ging er auf die Tür zu, doch als seine Hand auf der Klinke lag, zuckte sie elektrisiert zurück. Er war so feige. Und alles nur, weil er an Johan hing, weil er ihn nicht verlieren wollte und dabei benahm er sich so ungeschickt, dass er ihn wohl erst recht verlor. Vater hatte ihm doch gesagt, dass die Kündigung bereits rechtswirksam war. Alexander hatte doch eigentlich nichts mehr zu verlieren. Was bremste ihn dann so?

Noch einmal nahm er Anlauf und öffnete die Tür. Johans Blick traf ihn und er zuckte ertappt zurück. Doch dann trat er ein und ging rüber zu seinem Bett. Hastig kroch er unter die Decke. Vielleicht schützte sie ihn vor Johans fragenden Blicken.

Stille.

Keiner sagte etwas. Es war unerträglich. Sie legte sich lähmend auf Alexander und all seine Vorsätze, noch einmal mit Johan zu reden, wurden davon erdrückt. Es war so erbärmlich!

„Okay, spuck's aus!", rief Alexander plötzlich, als er diese ohrenbetäubende Stille einfach nicht mehr ertragen konnte. Er sah zu Johan, doch der schien gar nicht zu verstehen.

„Was?", fragte er und kam sich selber etwas komisch dabei vor. Was ging nur in Alex' Kopf vor?

„Es muss ja einen Grund haben, warum du mich schlecht machst und warum Erica an mir vorbei rauscht und mich anschnauzt. Ich weiß, dass ich ein Arsch bin, aber... ach vergiss es." Alexander zog die Decke über den Kopf und drehte sich auf die Seite, er wusste selber nicht, was er sagen sollte oder wie er sich selber eigentlich noch rechtfertigen sollte. Es ging nicht. Er war ein Arsch und gut, und außerdem hatte er doch Johan gar keine Anweisungen mehr zu geben. Dass er nett zu ihm gewesen war, war wirklich nur deshalb gewesen, weil es sein Job gewesen war. Nicht weil Johan ihn vielleicht ein bisschen gemocht hatte. Denn jetzt, wo sie kein Arbeitsverhältnis mehr hatten, da scherte sich Johan einen Dreck um ihn.

Vielleicht war es wirklich das Beste, sie gingen getrennte Wege.

„Wie bitte?", fragte Johan, auch wenn er nicht viel Hoffnung hatte, dass die Kugel unter der Decke mit ihm reden würde. Er kannte seinen Herrn viel zu gut. Wenn Erica ihn wirklich beleidigt hatte und Alex sich einbildete, das wäre, weil Johan ihn schlecht gemacht hatte, dann war der Junge stinksauer. Dann war mit dem nicht zu reden und er war nicht zugänglich für Logik. Wenn Alex sich ungerecht behandelt fühlte - was ziemlich schnell passieren konnte, dann mauerte er und ließ keinen mehr an sich ran. Ab und an war Johan der einzige gewesen, der dann noch Zugang gefunden hatte, doch in den letzten Monaten war auch er nicht mehr hinter diese Mauer gelassen worden.

„Alexander, lass den Mist. Sieh mich an und rede, wenn du ein Problem hast", forderte Johan. Leicht keuchend setzte er sich auf und knüllte sich das Kissen im Rücken, damit er aufrecht sitzen konnte, ließ das Bett rauf fahren und lehnte sich dann dagegen, um besser auf Alexander sehen zu können. Doch der maulte nur undeutbares unter seiner Decke und ließ Johan die Augen verdrehen.

„Lass diese Kinderkacke und erkläre mir lieber endlich, was dich dazu bewogen hat, dich mit Suzuki anzulegen", forderte Johan und versuchte seinen Herrn so hervorzulocken. Vielleicht, wenn man ihm bei seinem männlichen Ego packte und unter der Decke hervorschleifte. Johan grinste, als nur eine Nase und ein Auge unter der Decke hervor guckte.

„Weil ich das wollte!", erklärte Alexander und senkte die Decke wieder. Warum musste jetzt ausgerechnet dieses Thema kommen? Er konnte doch Johan nicht sagen, warum er diesen Zwist angefangen hatte. Das konnte er nicht. Er schämte sich jetzt schon in Grund und Boden.

„So, so. Weil du wolltest."

„Ja, weil ich das wollte!", schoss Alexander plötzlich unter seiner Decke vor und kam auf alle Viere. Er funkelte Johan an. Er hatte nichts mehr zu verlieren - er hatte schon alles verloren, was ihm wichtig war. „Ja, ganz genau!", zischte er also. „Weil ich es wollte. Weil ich wusste, dass du es nie zulassen würdest und dich vor mich stellen würdest. Ich wollte, dass er dir so richtig eine auf die Fresse haut!" Alexanders Puls ging rasend. Er schmerzte in den Fingerspitzen, in den Armen, in den Beinen, so hart hämmerte er gegen die Wände. Sein Atem floh, als wäre er Marathon gelaufen. Keuchend sah er Johan an und er musste mit ansehen, wie dessen Gesicht langsam einfror.

Nur langsam schien Johan zu begreifen. Alex hatte sich nur mit den Typen angelegt, damit die ihm auf die Nase hauen konnten? Er wollte, dass sie ihn klein machten? Es war Absicht gewesen, dass er jetzt hier lag? Das durfte doch alles nicht wahr sein. Warum tat diese Erkenntnis nur so weh? Als würde man ihm die Haut langsam abziehen, er zog sich zusammen, wie eine Kugel. Seine Beine wurden ihm weg geschlagen. Es war gut, dass er saß. Langsam sank sein Blick.

Alexander verstand diese Reaktion nicht, doch er redete einfach weiter. Nun hatte er angefangen, da konnte er nicht aufhören. „Ja, ich wollte, dass sie dich schlagen, dass kein Weib dich mehr ansieht", sagte er kalt und Johan sah ihn fassungslos an.

„Du bist sauer, weil ich mehr Chancen hatte? Deswegen tust du mir so was an?", fragte Johan mit brüchiger Stimme. Er konnte das einfach nicht glauben! Er konnte sich in Alex doch nicht so sehr getäuscht haben. Hasste er ihn denn wirklich so sehr, nur weil er bei den Damen nicht so landen konnte wie Johan? Verdammt, er war doch nicht schuld daran, dass Alexander keine Manieren hatte, dass er glaubte, alles kaufen zu können! Es war doch nicht seine Schuld, dass der junge Herr des Hauses Thalheim so ein selbstverliebter Bastard war.

„Weißt du was", sagte Alexander nur resigniert. Johan hatte nicht begriffen, was er sagen wollte, "diese Schlampen sind mir egal. Du kannst jede einzelne ficken, wenn dir so ist. Die gehen mir hinten lang."

„Und warum dann das alles?" Johan begriff nicht. Der war doch irre! Der redete doch nur noch sinnloses Zeug.

„Ich wollte nicht, dass sie dich ansehen und gut", erklärte Alexander und zog die Decke wieder zu sich.

„Und welchen Sinn sollte das haben?" Johan schluckte. Nur langsam sickerten all die gewechselten Worte durch. Sie hatten wohl schon viel zu lange aneinander vorbei gelebt. Sie kannten sich nicht. Ob Alex sich je die Mühe gemacht hatte, seinen Butler kennen zu lernen, das wusste Johan nicht. Aber er selbst hatte immer geglaubt, er würde seinen jungen Herrn kennen. Doch das musste er jetzt einsehen. Er kannte ihn nicht.

„Du gehörst mir!", sagte Alexander in einem Ton, der zeigte, dass er nicht begriff, warum Johan solch dumme Fragen stellte.

„Aha", machte Johan. Mehr konnte er noch gar nicht sagen. Er gehörte Alex? Er war wie ein paar Socken oder ein Buch. Er gehörte ihm und gut und deswegen durfte er ihn entstellen lassen, damit kein anderer ihn ansah. Doch weiter kam er nicht mit seinen Gedanken, denn ein Schrei von Alexander riss ihn heraus. Verstört sah er zu seinem Herrn rüber, der ihn wütend anfunkelte.

„Aha. Immer nur aha! Alles was ich je von dir hörte war aha. Du hast nie gesagt was los ist. Immer hast du mich mit so was abgespeist. Ah!", schrie Alex und es schnürte ihm die Kehle zu. Wieder dieses gleichgültige Aha! Er sagte Johan, dass er ihn verletzt sehen wollte, er sagte ihm, dass er nur Alex gehören würde. Doch anstatt dagegen zu reden, wie jeder normale Mann, sagte Johan nur beiläufig Aha. Es war ihm also total egal!

„Alex", sagte Johan. Nun begriff er wirklich nichts mehr. Was ging denn hier ab? Stand er noch unter Medikamenten oder warum konnte er Alex' Gedankensprüngen einfach nicht mehr folgen.

„Hör doch auf mit Alex. Für dich war ich immer nur Herr von Thalheim. Für dich war ich ein Job und nicht mehr. Ich hab dich doch nur Zeit und Nerven gekostet, mehr nicht. Immer war dir alles egal. Ich habe dich beschimpft, dich verletzt, ich habe angefangen, dir das Leben zu versauen und, bist du einmal wütend geworden? Hast du mir nur ein einziges Mal gezeigt, dass Leben in dir steckt? Du hast den Kopf für mich hingehalten, du hast den Arsch für mich riskiert. Aber hinter her nicht ein einziges Wort über die Vorfälle. Es war eben deine Pflicht, nicht wahr? Ich war nur deine verdammte Pflicht."

Nun konnte Alex doch nicht mehr an sich halten. Der Kloß in seinem Hals forderte Tränen. Er hatte lange nicht mehr geweint, nicht wegen so was und deswegen sank er in sich zusammen und schluchzte leise und je intensiver er versuchte es zu unterdrücken, um so lauter wurde er und ärgerte sich darüber. Johan aber konnte noch gar nicht reagieren.

Es war das erste Mal, dass er Alex so erlebt hatte. Dass er redete, dass er sagte, was eigentlich los war. Aber es gab keinen tieferen Sinn. „Du - du wolltest, dass ich dich anschreie?", fragte er, weil er sich nicht sicher war, ob er die Essenz aus Alex' Worten richtig verstanden hatte. Doch der nickte nur, weil er nichts sagen konnte und wischte sich trotzig über die Augen.

„Öhm", machte Johan ziemlich intelligent und wusste wirklich nicht, was er davon halten sollte. „Sorry, Alexander. Ich verstehe es nicht. Warum? Warum wolltest du, dass ich dich anschreie", fragte er und sah, wie Alexander versuchte sich zu beherrschen, das Schluchzen zu unterdrücken, um antworten zu können.

„Weil", fing er an und schluchzte wieder, „ich wollte, dass du mich - mich als Alex - wahrnimmst", sagte er schnell, ehe der nächste Schluchzer ihn unterbrach. „Ich wollte nicht nur ein Job sein, ich wollte wichtig für dich sein", erklärte er und holte tief Luft. Er kam sich so albern vor. Heulte hier herum, weil sein Butler ihn nicht für voll nahm. Was musste Johan nur von ihm denken?

„Aber ich hab dich doch als Mensch wahrgenommen", sagte Johan irritiert, das machte für ihn einfach keinen Sinn. Er hatte Alex doch nie wie einen Gegenstand behandelt.

„Mag sein, aber nie als Mann!", murmelte Alexander und bekam rote Wangen, nur dass er Johan damit völlig aus der Bahn warf. Was genau passierte hier gerade?

„Wie bitte?"

Alexander seufzte. Warum stellte sich Johan denn so dumm? Wollte er es wirklich hören oder begriff er tatsächlich nicht? Das war doch demütigend! War das die Strafe für all das, was er Johan angetan hatte? „Ich weiß ja, dass ich nicht aussehe wie Erica, aber ich kann doch auch nichts dafür, dass ich mich verliebt habe, verdammt noch mal. Ich dachte, irgendwann würdest du es von selber merken, aber da hätte ich ja alt werden können", maulte er leise.

Johan schluckte hörbar und versuchte zu ergründen, ob er sich gerade selbst verhört hätte. Alexander hatte bitteschön was? Johan starrte ihn an, doch der sah nur auf seine Decke und spielte mit einem Zipfel, als wäre dies das Wichtigste auf diesem Erdengrund.

„Und wenn du jetzt nicht gleich was sagst, dann renn ich raus!", sagte Alexander, dem das Schweigen zu lange dauerte. Er hatte ja nicht gerade erwartet, dass Johan sagte: „Ach Alex, ich liebe dich auch schon so lange“, aber wenigstens eine ehrliche Absage wäre doch fair gewesen! Aber Johan konnte nicht. Er verstand nicht. Und so ließ er nicht nur Alexanders Herzschlag stolpern, sondern auch den eines kleinen Elfen, der hinter Engelsflügeln unsichtbar auf seinen nächsten Stern lauerte.

„Okay, verstanden", sagte Alexander resigniert und ließ den Kopf hängen, als er langsam aus dem Bett kroch. „Tut mir Leid, ich... ich kann heute sowieso entlassen werden, wenn ich das will. Ich wollte dir das nur noch sagen. Ich werd meine Sachen packen und gehen und dann musst du dich um mich nicht mehr kümmern." Er konnte Johan nicht mehr ansehen. Es hätte wehgetan, ihn angewidert zu erleben. Er schlurfte zum Schrank und zog über seinen Schlafanzug Jeans und Jacke. Noch immer war es still. Er suchte sich sein Zeug zusammen und stopfte alles in die große Tasche. Sammelte auch alles aus dem Bad zusammen. Johan sah ihm nur verwirrt zu. Was genau passierte hier gerade?

„Alexander, was tust du da?", fragte er, als der auch noch den Nachttisch ausräumte und alles in die Tasche stopfte, ohne aufzusehen.

„Ich knabbere runde Kekse eckig, wonach sieht es denn aus?", knurrte er nur zurück und schlüpfte gerade in seine Schuhe.

„Es sieht danach aus, dass du einen Schaden deluxe hast und definitiv in Behandlung gehörst", sagte Johan, doch nicht wie erwartet explodierte Alexander und schoss zurück, nein, er zuckte nur die Schultern.

„Möglich, aber das kann auch der Hausarzt", und warf sich die Tasche über die Schulter. Er zuckte zusammen, denn auch sein Körper war noch nicht wieder dafür ausgelegt, Taschen durch die Gegend zu schleppen, doch er verzog nur das Gesicht und straffte sich wieder.

„Alex, lass den Mist und sieh mich an!", rief Johan aufgebracht. Er arbeitete sich gerade zur Bettkante vor, leider ging das bei ihm alles noch etwas langsamer, denn mit eingegipstem Arm und Bein war kein schnelles Vorwärtskommen. „Bist du total bescheuert?"

„Ja", sagte Alexander nur und ging zur Tür, damit Johan nicht die Chance hatte, ihm noch zu folgen. „Ich hätte heute Morgen gehen sollen, als Vater es mir angeboten hat!" Er schluckte schwer, er hatte es sich einfacher vorgestellt, dieses Zimmer zu verlasen und nie wieder zurückzukommen. Sich von Johan zu trennen und ihn aus seinem Leben zu streichen.

„Du kleines, egoistisches Arschloch, du!" Jetzt hatte Johan die Nase voll. Er kam nicht hinter Alexander her, weil er ohne Hilfe nicht aufstehen konnte. So blieb ihm nur noch seine Stimme. „Denkst du, mit einer lumpigen Erklärung wäre alles gesagt?"

Alexander begriff nicht, doch er blieb stehen, ließ die Tasche sinken, sah aber weiter zur Tür. „Dann los, lass du auch noch dein Sprüchlein ab. So viel Zeit hab ich dann auch noch!", erklärte er.

„Sieh mich an, du Feigling", forderte Johan mit fester Stimme und ließ Alexander gehorchen. Aus roten Augen sah er auf ihn hinab.

„Komm her", gab Johan die nächste Anweisung. „Komm gefälligst näher, wenn ich mit dir rede oder hast du die Grundzüge jeder Höflichkeit vergessen?"

Alexander schluckte. Diese Worte taten weh. Johan sollte nicht so mit ihm sprechen. Dann sollte er lieber gar nichts sagen. Vor allem, wenn jetzt eine Predigt à la "ich bin kein Homo" kam.

„Näher", forderte Johan und schwang sich aus dem Bett, so dass er auf der Kante zu sitzen kam. Alexander musste ihn ansehen, die eingegipsten Gliedmaßen, die Blessuren und Wunden. Und das alles nur, weil er eifersüchtig gewesen war. Es wurde ihm eigentlich das erste Mal bewusst, was er Johan angetan hatte, all die Jahre. Reue fing an, an ihm zu nagen. Also folgte er den Worten und kam langsam näher zum Bett. Er machte sich darauf gefasst, eine Ohrfeige zu bekommen, dafür, was er alles getan hatte. Johans Rache, ehe er ging.

Als die Hand des jungen Mannes vor schoss, schloss Alexander wissend die Augen und war bereit, seine Strafe entgegen zu nehmen. Doch als er die festen Finger im Nacken spürte, die ihn tiefer zogen, dann die weichen Lippen seines Butlers auf seinen eigenen spürte, riss er nicht verstehend die Augen auf.

„Wenn ich dir wirklich etwas bedeute, dann rennst du jetzt nicht einfach weg, sondern fängst an, es mir zu zeigen", sagte Johan ernst und sah Alexander in die Augen. „Klar?"

Alexander nickte nur, langsam wagte sich ein Lächeln auf seine Lippen. „Klar", sagte er leise und als Johan auf dem Bett weiter hinter gerutscht war, zog er Alexander so dicht zu sich, dass der seine Knie rechts und links von Johans Schoß aufs Bett stemmen konnte. Fester schlossen sich seine Arme um Johan und er nickte heftig. „Ja, ja, ja!"

Doch weiter kam er nicht, denn ihre Lippen trafen sich zu einem weiteren Kuss, ausgehungert, leidenschaftlich und voller Zuneigung, ein Kuss eben, der auch kleine Elfen glücklich machen konnte, wenn sie ihren Stern hamsterten und sich wieder glücklich in die Arme ihres Engels sinken lassen konnten.