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Wie werd ich ein Engel in 30 Tagen?

21.12.2006



Zehn B52s und ihre Folgen

Heute war Adalbert schon lange fertig, als die Nachricht vom Elfenrat kam. Frisch geduscht, gefönt und gekleidet sprang er schon seit einer Viertelstunde um das Elf-o-Phon herum und das dachte gar nicht daran, dem kleinen Elfen das Warten zu erleichtern. Er war doch aufgeregt, wen er heute beglücken sollte und außerdem trieb es ihn geradezu voller Verlangen zu Jezeriel. Die Stunden, die der kleine Elf ohne seinen Engel verbringen musste, waren schmerzlich. Er spürte deutlich, wenn er allein in seinem Bett lag, dass er Jez vermisste. Er wollte nicht hier liegen und allein an die Decke starren.

Er wollte in Jez' Armen liegen, sich ankuscheln, einfach nur die Stimme seines Engels hören, sich in den langen, blonden Haaren vergraben. Er wollte noch viel mehr, was der kleine Elf sich nicht einmal zu denken wagte.

„Mach, mach, mach!", knurrte Adalbert also und starrte das Gerät an der Wand an, was gar nicht daran dachte, den kleinen Elfen zu erlösen, der sich hier in seiner Welt eigentlich nicht mehr zuhause fühlte. Er wollte ausbrechen, weg hier - endlich kam der erlösende Ton und Adalbert riss die Unterlagen an sich, als er schon aus dem Haus stürmte und den einzigen Ort anstrebte, der ihn von hier wegbringen konnte.

„Zu Jez, zu Jez", murmelte er nur, als er durch den tiefen Schnee zum Elf-Trans stapfte und anfing zu lesen ... Ein Kellner in einem Club. Interessant.

+++

„Mann, wer hat dich denn gelutscht und ausgespuckt, du siehst ja scheiße aus“, lachte die junge Bedienung hinter der Bar. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussehen sollte, arbeiteten im Boyz 'R' uz nur Jungs. Dass die Bedienungen hier trotzdem langhaarige Schönheiten in knappen Röcken und hohen Schuhen waren, lag schlicht und ergreifend daran, dass solche Klamotten nicht nur Mädels gut standen. Die wenigsten der Bedienungen waren wirklich Travestie-Künstler, sondern Studenten und ausgebildete Gastronomen, die sich ihr Gehalt verdienten. Und Vincent, der Besitzer des Ladens, zahlte wirklich alles andere als spärlich. Deswegen gab auch jeder sein Bestes, den Job hier noch recht lange behalten zu dürfen.

„Börje, du bist dermaßen doof, das muss doch schon weh tun“, knurrte Frank, der sich vor einer Bar in der oberen Galerie des riesigen Tanzraumes fallen gelassen hatte. Es war gerade mal Mittag, noch lange nicht geöffnet und deswegen war er auch noch in Zivil und hörte auf den Namen Frank. Wenn er die Turnschuhe dann später gegen hohe Stiefel mit 20cm Absatz eintauschte, wurde aus Frank Djala, eine langbeinige, schwarzhaarige Rasseschönheit, mit Haaren bis auf die Hüfte und einem Lächeln, für das der eine oder andere Gast gern mal was springen ließ. Aber Frank war nicht käuflich. Entweder war ihm ein Gast sympathisch, dann wurde er auch belohnt oder er war ein Arsch, dann eben nur Dienst nach Vorschrift.

Die Rothaarige hinter der Bar putzte Gläser und polierte sie auf Hochglanz, lachte aber leise, als der Blonde vor der Bar langsam den Kopf aufs Holz sinken ließ und knurrte und murrte. Weil nur sanfte Musik im Hintergrund lief, verstand man aber so entschieden mehr als zu den Abenden und so konnte Börje zumindest noch Wortfetzen erkennen. Blöde Männer, Ungerechtigkeit und 'ich hasse Kinder'. So wurde Börje doch neugierig und legte das Laken, mit dem die Gläser poliert worden waren, beiseite, um sich auf die Theke zu setzen und Frank durch die Haare zu streichen. „Ach, komm schon, Schnuffel, so schlimm kann es doch gar nicht gewesen sein, wie du tust“, lachte Börje leise, denn auch wenn ihm Frank leid tat, weil er sich schon vor dem Mittag anfing zu betrinken, so war es doch irgendwie goldig, ausgerechnet den Ich-bin-Single-Bekenner Frank über Kinder schimpfen zu hören. Da war doch was im Busch. Also würzte Börje eine Bloody Mary ordentlich ab, um einem Kater vorzubeugen und stellte die Frank als Tausch gegen seine Geschichte auf den Tisch. Es wechselte noch ein skeptischer Blick, doch dann ließ sich Frank dazu hinreißen.



Alles hatte gestern damit begonnen, dass er keinen Dienst gehabt hatte und deswegen mal wieder ein bisschen durch die Stadt gezogen war. Erst hatte er ja ins Boyz 'R' uz gehen wollen, weil dort mittwochs immer 'Ladynight' ist und diese Woche ein ziemlich begehrlicher Stripper auf dem Programm stand. Den hatte sich Frank eigentlich an Land ziehen wollen, aber er hatte von Vincent, der ihn wohl schon viel zu gut kannte, eine auf die Nase bekommen – im übertragenen Sinne, denn es war ein Rüffel, er sollte gar nicht erst auf die Idee kommen, sich an Aït ranzumachen. Es wäre schwer genug gewesen, ihn endlich für das Boyz 'R' uz zu mieten und man wolle ihn nicht gleich nach der ersten Nacht verstören, weil er mit dem Vamp des Hauses Bekanntschaft machte. Zwar war es nur scherzhaft gewesen, wie Vincent das gesagt hatte, aber der wahre Kern des ganzen war nicht zu übersehen gewesen und der hieß auf den Punkt gebracht: lass die Pfoten vom Personal! Also war Frank gestern in einen anderen Schuppen gegangen, der so grottenschlecht war, dass man sich nicht mal die Typen schön saufen konnte. Nach dem zehnten B52s hatte auch Frank dieser Tatsache ins Auge sehen müssen, auch wenn es zu diesem Zeitpunkt mit dem Sehen nicht mehr weit her gewesen war.

Alles, an was sich Frank von gestern noch erinnern konnte, war die geöffnete Tür, der Schnee auf seiner überhitzten Haut und eine Menge Schwarz vor seinen Augen. Egal wie intensiv er auf seinem Festplattenspeicher im Kopf suchte und kramte und wühlte und stöberte, da war keine Sequenz, die ihm zeigte, wie er von da, wo es schwarz geworden war, bis dorthin gekommen war, wo er heute morgen zu sich gekommen war. Sein Schädel hatte gehämmert, sein Magen rebelliert. An die wackligen Knie – selbst im liegen – wollte Frank auch jetzt noch nicht zurückdenken. Und trotzdem war es der schönste Morgen seines Lebens gewesen, denn ein Engel hatte neben ihm gelegen. Es musste ein Engel gewesen sein, denn ein solch fein geschnittenes Gesicht hatte Frank vorher noch nicht gesehen. Schmale, schwarze Brauen, fein geschwungen über noch geschlossenen Augen. Eine süße Stupsnase und volle, rote Lippen. Die schokoladenbraunen, kurzen Strähnen hingen dem Schlafenden noch etwas ins Gesicht und selbst in seinem derzeitigen Zustand hatte Frank den Hauch von Erotik in diesem Bild nicht abschwören können. Er hatte sich also aus seiner Decke gewühlt, um sich aufzusetzen, doch sein Schädel hatte ihn fast umgebracht. Der Druck wurde von mal zu mal größer, mit jedem Atemzug, den er bewusst tat. Fast so, als würde er nur noch von den Wänden des Zimmers beschränkt, so fühlte sich sein Kopf an. Er musste bestimmt so lange in diesem Zimmer mit diesem schönen, übrigens halb nackten Mann liegen, bis sein Schädel so weit abgeschwollen war, dass er wieder ohne Probleme durch eine handelsübliche Tür passte. Doch das wäre ja sicher nicht das schlimmste. Der Kerl war ja so lecker! Nicht nur ein schönes Gesicht, nein, der Herr hatte auch eine haarlose, trainierte Brust, war links gepierct und ein Skorpion war über dem Ring tätowiert. Der Körper passte irgendwie gar nicht zu dem unschuldigen Gesicht.

Weil sie sich eine französische Decke geteilt hatten und Frank mit einem explodierenden Kopf herum saß, hatte er die Decke von dem Schlafenden gezogen, der nun anfing zu frösteln und so langsam zu sich kam. Wie jetzt, wusste Frank, was er in diesem Augenblick gedacht hatte: Wenn der jetzt noch braune Hundeaugen hat, verliebe ich mich auf der Stelle.

Und seit diesem Augenblick war Frank verliebt, das erste Mal in seinem Leben und leider nicht gerade glücklich, sonst würde er nicht mittags in einer Bar sitzen und sich betrinken, sondern sich mit seiner neuen Errungenschaft in den Laken wälzen.

„Hey, du bist ja schon wach. Geht's dir gut?“, fragte der Fremde und richtete sich auch langsam auf. Besorgt wanderte sein Blick über Frank.

„Hm“, konnte der aber nur knurren, denn seine Gedanken waren so ein wirres Gespinst aus Anzüglichkeiten und Liebesbekundungen, dass Frank Angst hatte, jedes Wort, was er sprach, würde ihn als sabbernden Lustmolch enttarnen, der er ja – zumindest in seinen Augen – gar nicht war! „Passt schon“, warf er noch nach, als er das Wort über seine interne – durch den Alkohol etwas angeschlagene – Korrekturliste geschoben hatte. Er konnte den anderen nur anstarren. Als dann auch noch eine von diesen engen Shorts unter der Decke vor kam, weil der Fremde zu ihm gekrochen kam, um die Stirn zu fühlen, wäre Frank am liebsten – eine Ohnmacht vortäuschend – in dessen Arme gesunken. Da war ja kein Gramm Fett zu viel! Dafür verhüllte die enge, schwarze Shorts reichlich Ausstattung und als der Kerl auf allen Vieren zur Bettkante krabbelte und seinen Hintern wackeln ließ, bekam auch Frank zu viel und ließ sich wieder fallen. Gott hasste ihn – definitiv. Oder wie sollte er das verstehen, dass ein solcher Leckerbissen dann vor seiner Nase herum tanzte, wenn Frank zu keinem klaren Satz und zu keiner anregenden Handlung fähig war. Gott war eine Frau! Oh ja, das war sie!!

„Bleib liegen, ich mach dir einen Aspirin-Cocktail und eine salzige Brühe, damit dein Mineralien-Haushalt wieder in Schwung kommt. Bist du gegen Aspirin allergisch, oder so?“, fragte der Fremde, der übrigens bis dahin noch keine Energie darin verschwendet hatte, sich vorzustellen. Frank war wohl mit all den Informationen auf einmal völlig überfordert gewesen. Er grinste nur schief, murmelte was von 'mach ruhig' und schloss wieder die Augen. Das war ja so peinlich! Ein einziges Mal traf er einen Mann, der ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ und da konnte er sich nur von seiner peinlichsten Seite zeigen. Er konnte sich nicht einmal an den Sex erinnern oder hatten sie gar keinen gehabt?

Scheiße! Warum hatte er gestern auch so viel trinken müssen, dass ihm der Rest des Abends fehlte! An die besten Stunden seines Lebens erinnerte er sich nicht mehr!

Oh ja – Gott war eine Frau oder ein Hetero. Irgendjemand, der ihn grausam leiden sehen wollte. Wer sonst würde den Kerl in seiner vollen Pracht in einen Türrahmen drapieren und ihm das verlockendste Lächeln schenken, was es auf dieser Welt nur geben konnte? Und seit wann tropften Franks Gedanken eigentlich vor Schmalz?

Aua. Nachdenken tat weh!

„Wie heißt du eigentlich und wie komm ich hier her?“, wollte Frank dann schlussendlich doch wissen, als er diesen Gedanken von allem Schweinskram, der da noch drum herum lungerte, befreit hatte und richtete sich stöhnend wieder auf. Verdammt, tat ihm der Schädel weh!

„Ich hol dir erst mal Aspirin und Elektrolyte, dann stehe ich dir gern Rede und Antwort. Ich heiße übrigens Leander.“ Und schon wandte sich die Lichtgestalt um und ließ Frank in seinem tristen Schmerz allein zurück.

„Leander“, murmelte der nur vor sich hin. Klang irgendwie altmodisch, aber es passte zu dem Kerl. Und sicher hätte Frank auch bei jedem anderen Namen gefunden, dass er zu ihm passen würde. Der Kerl war einfach nur zum Anbeißen. Bloß keinen Fehler machen und rausgeschmissen werden!

Um sich als Mann zu beweisen und nicht als warmduschendes, turnbeutelvergessendes, in der Sauna unten sitzendes Weichei betitelt zu werden, kroch er also auch aus dem Bett und musste vor der riesigen Spielwiese erst mal die Lage peilen und ein paar Dinge suchen. Das wichtigste war sein Gleichgewicht, das nächste war seine Hose. Aber zweiteres ohne ersteres anziehen zu wollen endete damit, dass man wieder aufs Bett fiel, gerade als Leander in der Tür stand.

Oh Gott, ich bleibe Heide!!

„Hey, mach langsam. So wie du dich gestern hinter den Mülltonnen ausgekotzt hast, würde es mich nicht wundern, wenn du eine Alkoholvergiftung hast. Geh's etwas ruhiger an, okay? Ein Kreislaufschock nutzt uns beiden nichts.“ Mit eiligen Schritten kam Leander zum Bett, ließ die Tabletten und das Wasser auf den Nachttisch fallen und half Frank erst mal wieder aus der Hose, in die er sich mit Mühe und ziemlich wenig Würde gerade gerobbt hatte. „Geh erst mal duschen. Ich geb dir ein paar Klamotten von mir. So nimmt dich doch kein Busfahrer mit.“

Frank war so weit, er hätte den Teufel angefleht, die Hölle für ihn zu öffnen und ihn zu sich zu holen. Schlimmer konnte das ewige Fegefeuer auch nicht sein, als diese Situation. Das war doch so peinlich!

„Deine Klamotten waren über Nacht in der Maschine, liegen jetzt im Trockner, deswegen kannst du meine Hose auch hier lassen“, grinste Leander plötzlich und merkte wohl nicht mal, wie er das Peinlichkeitslevel seines unfreiwilligen Gastes in die Höhe und ans Limit trieb. „Nimm so viele Tabletten wie du brauchst und komm in die Küche, ich mach Kaffee, meine Kleine kommt gleich. Sie ist das Wochenende hier. Wäre schön, wenn du bis dann was an hast.“ Dann war Leander wieder weg und Frank starrte ihm mit offenem Mund nach. Seine Kleine? War das etwa seine Freundin? Das war doch nicht fair!

Das Leben war ungerecht, das Leben war definitiv ungerecht. So einen Mann an die Damenwelt zu verschwenden gehörte bestraft. Weiber wussten mit einem solchen Kerl doch gar nichts anzufangen. Frank hätte ihm den Himmel auf Erden geben können.

Doch er sollte erst in einer halben Stunde merken, wie falsch er mit seiner Vermutung lag – es war noch schlimmer.

Noch nichts ahnend robbte Frank also vom Bett, stopfte sich mit schmerzlindernden Drogen voll und wartete noch ein paar Minuten, bis aus dem Hämmern ein stetes Pulsieren geworden war, was langsam in den Hintergrund drängte und ihn wieder klar denken ließ. Okay. Seine Klamotten waren noch im Trockner, Leander bekam gleich Besuch und er wollte eigentlich erst mal weg hier. Aber er musste mindestens noch so lange warten, wie die Klamotten brauchten um zu trocknen.

Wenn er also Pech hatte und nicht schnell genug hier weg kam, musste er noch die Frau sehen, der Leanders Herz gehörte. Das war nicht fair. Aber seit Frank wusste, dass Gott eine Frau war, seit dem wunderte ihn ja fast gar nichts mehr. Langsam schwankte er durch das Schlafzimmer, über den Flur, der zum Glück hilfsbereite Wände hatten, die ihn auffingen, als er strauchelte. Und so blickte Frank zwei Minuten später in eine moderne Küche, wo auf der Theke gerade Brötchen dufteten und Kaffee und ein halb nackter Leander herum sprang, um Beläge für die Brötchen zu suchen. „Setz dich“, rief er seinem Gast zu, ohne sich umzusehen und suchte aus dem Gemüsefach – ganz unten – noch eine Gurke.

'Geiler Arsch', wäre es Frank fast entwichen, doch er beherrschte sich und korrigierte in: „Guten Morgen“, denn er wollte ja nun nicht einen noch schlechteren Eindruck hinterlassen, auch nicht bei einem Hetero.

Schnell wurde noch Kaffee ausgeschenkt und Frank mit seiner Brühe abgespeist, da klapperte auch schon ein Schlüssel im Schloss und Frank sah panisch auf die Uhr. War die Frau zu früh oder hatte er sein Zeitgefühl total verloren.

„Bin da-ha, wer no-och?“, rief eine Kinderstimme und Leander rief lachend zurück: „Nicht die Mama!“

So weit konnte Frank gerade noch denken, dass er wusste, wo die Zitate her stammten und wer „nicht die Mama“ eigentlich war. Leander hatte keine Freundin, die kam, er hatte eine Tochter! Das musste Frank erst einmal verarbeiten. Das war zu viel für ihn. Mit entgeistertem Gesichtsausdruck sah er auf die Tür, durch die die Kleine jeden Augenblick kommen musste, während sich Leander schnell ein Shirt überwarf und in eine kurze Hose schlüpfte. Dann lief er in den Flur. „Na, mein Schatz“, begrüßte er die Kleine, die auch gleich lachend anfing zu plappern, was die Mama wieder alles gesagt hatte, was sie nicht machen sollten und sie beschloss, sich daran nicht zu halten.

Lachend kam Leander zurück in die Küche, die Kleine auf dem Arm. Sie sah ihm so ähnlich, dass es Frank das Herz zerriss.

Der kleinen Dame fiel er auch gleich ins Auge und sie verschmälerte die sonst kugelrunden Augen zu Schlitzen. „Was macht der nackte Mann da in deiner Küche“, wollte sie von Leander wissen und der grinste.

„Ist nur ein Freund, keine Sorge, du bist und bleibst meine Liebste, hm?“, sagte Leander und zwinkerte Frank zu, der das gar nicht zu deuten wusste. Er kämpfte damit, dass Leander eine Tochter hatte, dass der nicht mal auf die Idee kam, sich Frank genau anzusehen, dass er sich sagen würde: der Kerl wäre eine Sünde wert. Alles was der wohl in ihm sah war ein Spritti, der sich bekotzt hatte und ihm gerade den Kaffee wegsoff.

„Tja, so war das gewesen vorhin. Ich hasse Kinder!“, endete Frank mit seinem Monolog und sah Börje traurig an. „Das blöde Miststück hat mir alles weggenommen, hat mich nur angemotzt, hat Leander gar nicht dazu kommen lassen, sich auch mal mit mir zu beschäftigen. Als meine Klamotten trocken waren, bin ich dann gegangen, weil die in den Zoo wollten und das Balg so gedrängelt hat. Die hat mir sogar die Tür vor der Nase zu geschlagen, als ich Leander endlich um seine Telefonnummer bitten wollte, weil ich mich gern mal revanchiert hätte“, klagte er sein Leid. „Dabei war das so ein geiler Kerl, so einen hab ich noch nie gesehen.“

Börje lachte leise. So hatte er Frank noch nie erlebt. Er war immer souverän, immer der große Macher. Wenn ihn einer nicht wollte, hatte Frank schon den Namen vergessen, noch ehe er sich umgedreht hatte und nun lag er hier auf der Bar und bemitleidete sich nach allen Regeln der Kunst. Irgendwie war das ja schon niedlich, auch wenn er das Frank nie im Leben sagen würde. Das ging ja gegen dessen Ego. Er war nicht niedlich, er war cool. Nur nicht gerade. Gerade sah er aus wie ein kleines Kind vor einem Bonbon-Glas, dessen Deckel sich definitiv nicht für ihn öffnen würde.

„Das Leben ist ungerecht. Ich hasse mein Leben. Warum musste ich mich gestern auch so betrinken. Warum hätt ich den Kerl nicht treffen können, als ich noch nüchtern gewesen war“, ging es weiter. Nun malte sich Frank aus, wie das geworden wäre, wenn sie sich vor seiner Druckbetankung und dem Koma getroffen hätten, wie sie Spaß hätten haben können.

„Glaubst du, der kann was mit Männern anfangen? Er hat ein Kind und er hat mich hinter den Mülltonnen vom 'Tutti' aufgesammelt, muss ja 'n Grund haben, warum der dort lang gegangen ist. Vielleicht sucht er ja auch einen Kerl und...“ Frank spekulierte also so vor sich hin, während Börje weiter die Bar bestückte und für den Abend vorbereitete. Er hörte Frank weiter zu und gab immer mal einen Kommentar ab. So vergingen die nächsten Stunden.

Langsam wurde Frank wieder richtig nüchtern. Nicht auszumalen, wenn er sich auf seinen hohen Schuhen noch etwas brach und die nächsten Wochen ausfiel, daheim lag und viel zu viel Zeit hatte, um nachzudenken – vorzugsweise über die Ungerechtigkeit der Welt im allgemeinen, seiner Welt im speziellen. Ablenkung war immer noch die beste Medizin gegen... nein! Frank ermahnte sich mental, dass er ganz bestimmt und definitiv keinen Liebeskummer hätte. Er doch nicht. Er war ja noch nicht mal verliebt, auch wenn der Kerl braune Augen hatte. Na und? Leander war nicht der einzige mit braunen Augen. Auch anderer Mütter Söhne hatten braune Augen und so einen würde er sich dann eben heute Abend suchen. Ein bisschen das Hirn frei poppen half eigentlich über jede seelische Krise hinweg. Zumindest bei Frank. Es war kein Allerwelts-Patent-Rezept, aber es konnte einem den Blick auf das Wesentliche wieder etwas klarer machen.

„Wie war Aït eigentlich gestern gewesen?“, fragte Frank, der mit dem Ablenken gleich anfangen wollte und Börje grinste.

Er war ja dann auch kein Feiner und ärgerte Frank einfach zu gern, als dass er jetzt auf dessen Gemütszustand Rücksicht nehmen konnte. „Die Wucht in Tüten! Ich sag's dir. Für den würde ich mich auch gern mal über die Bar beugen. Gepierct an Stellen, wo man nur zu gern mal die Zunge durchschieben möchte und einen Körper. Ich kann dir sagen. Der hat eine Show an der Stange abgezogen, da hat jeder Muskel gearbeitet. Kopf über, Kopf unter und extrem freizügig. Ich habe noch nie einen Kerl so im Spagat ohne Hose die Stange runter...“

„Danke, das reicht!“, knurrte Frank, der langsam verstand, dass er gerade verarscht werden sollte.

„Aber hey, dein Abend war doch auch schön“, lachte Börje und ging in Deckung, als Frank schreiend den Spülschwamm griff und nach Börje warf. Dann ging er langsam runter in die privaten Bereiche, wo er sich umziehen wollte.

Na toll. Das hatte er also jetzt davon, dass er Börje sein Leid geklagt hatte. Wer den Schaden hatte, spottete wohl wirklich jeder Beschreibung. Wie hatte das nur passieren können? Wie hatte er einem Kerl nachweinen können? Normal hatte er die Namen vergessen, sobald die Wohnungstür zufiel – warum nicht Leanders Namen? Warum nicht sein Gesicht? Das war doch nicht fair. Hätte es nicht einer der Tänzer sein können? Oder einer von den Kellnern? Zur Not auch einer der Gäste, aber nein – ein Hetero mit Kind, der ihn kotzend hinter einer Mülltonne gefunden hatte. Nein, schlimmer ging es wirklich nicht mehr.

Langsam kroch Frank aus seinen Kleidern und aus seiner Identität, er legte Frank ins Regal und streifte sich Djala über. Als erstes die leicht ausgestopfte Coursage. Ein Bolero-Jäckchen drüber und Hotpants. Alles in einem dunklen Smaragdgrün. Dazu lange Strümpfe und die Stiefel. Mit geschickten Handgriffen wurde die Echthaarperücke auf den eigenen kurzen Stoppeln befestigt und als auch das Make-up endlich saß, war Leander fast vergessen. Djala hatte mit diesem Mann nichts zu tun, also wollte sie sich auch keine Gedanken darüber machen. Das Kapitel war abgehakt. Eiligen Schrittes stöckelte sie zurück in die Großraumdisco und mittlerweile kam der Laden in Schwung.

So wie in anderen Lokalen, wo die ersten beiden Stunden bis auf an-der-Theke-rumlungern nicht viel passierte, so war es hier nicht. Schon ein paar Minuten nach der Öffnung tobte hier wortwörtlich der Bär. Die unterschiedlich gestalteten Tanzflächen waren von leicht bekleideten Männern bevölkert. Sie ließen sich vom Rhythmus mitreißen, ließen sich treiben, peitschten sich gegenseitig noch weiter.

Jedes Mal wenn Djala hier stand und auf die kleineren Tanzpodeste sah, die sich immer nach unten und nach oben bewegten, fielen ihm die Passagen aus einem Lied wieder ein. Sex ist eine Schlacht – Liebe ist Krieg. Nirgendwo fand er Rammsteins Passage so bewahrheitet wie hier in diesen kleinen Arenen, in denen sich die Gladiatoren dem Kampf stellten, um als Sieger aus der Schlacht hervorzugehen und die Beute mit aufs Klo oder mit nach Hause zu schleppen.

Gelinde gesagt war dieser Schuppen die größte Kuppelbörse für schnellen Sex, die Djala kannte, doch das war egal. Seine Schicht hatte begonnen und seine Aufgabe war, den Stammgästen an den Tischen ihre Bestellungen zu bringen und hinter den Bars auszuhelfen, wo gerade Hilfe gebraucht wurde. Er war ein Springer und somit den ganzen Abend in Bewegung. Seine Füße hatten sich langsam an die Folter in den hohen Stiefeln gewöhnt und meckerten nur noch leise herum. Also tänzelte Djala mit seinem Tablett voll mit Getränken immer wieder die steile Lichtgitterrost-Treppe hoch und runter, bis er an Börjes Bar gebraucht wurde, weil der mal mit jemand bestimmten verschwinden wollte. Na ja, Djala sollte es recht sein, denn so kam er mal wieder aus der Masse der Menschen raus. Er war nicht prüde, er war nicht kontaktscheu, doch jedes Mal aufs Neue angetatscht zu werden, das zerrte an den Nerven. Vielleicht sollte er sich auch endgültig hinter einer Bar in Sicherheit bringen und darüber mal mit Vincent reden, denn er kam sich vor wie Freiwild.

Allerdings hatte er jetzt Schonfrist und war im Kellnerschutzgebiet, denn hinter der Bar hatte kein Gast was zu suchen. Wer sich da erwischen ließ, flog raus, da war Vincent streng.

Routiniert arbeite Djala also die Bestellungen ab, die rein kamen, kassierte, lächelte ohne jemanden wirklich anzusehen.

„Mach Pause!“, sagte Börje, als sie zurückkamen und fließend ging der Dienst hinter der Bar wieder vom einen auf den anderen über. Djala nickte und nahm sich einen Saft, als er in der Bewegung erstarrte und Börje so gerade noch verhindern konnte, dass ein Liter Apfelsaft den Boden verklebte. „Pass doch auf“, knurrte der Feuerkopf und schob die erstarrte Djala beiseite.

„Leander“, keuchte Djala aber nur und wusste nicht, was sie machen sollte. Das war doch jetzt alles nicht wahr. Was wollte der Kerl denn hier? Hatte Frank nicht beschlossen, ihn zu vergessen? Sich nicht mehr für ihn zu interessieren und sich Ersatz zu suchen? Das gestaltete sich bestimmt nicht leichter, wenn der Kerl hier herum schlich.

„Wie, Leander?“, fragte Börje etwas verwirrt und sah sich um. Vor der Bar standen so viele, da konnte er niemanden erkennen, den er nur aus einer schwärmerisch-stilisierten Erzählung kannte.

„Na Leander halt, der geile Kerl mit dem Tattoo und dem Kind!“, zischte Djala und versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Er hatte schon viele Leute hinters Licht führen können und so holte er noch mal Luft und trat an die Bar, pickte sich gezielt Leander heraus und fragte: „Na, Hübscher, was soll's sein?“

Leander wirkte unsicher. Er war hier noch nie gewesen und ob es eine gute Idee gewesen war, dem blonden Kerl zu glauben, dass er hier fand, was er suchte, schien plötzlich auch nur noch eine Schnapsidee gewesen zu sein. Aber verzweifelt hatte er heute Morgen nach jedem Strohhalm gegriffen, nachdem Sylvana Frank einfach vor die Tür gesetzt hatte.

„Ein Wasser und eine Auskunft hätte ich gern“, sagte er also zu der großen Frau hinter der Bar und sah sich weiter um. Wie sollte er denn in diesem Chaos jemanden finden? Das war aussichtslos! Zwar sprangen hier eine Menge blonder Männer rum, aber keiner davon war Frank.

„Das Wasser kannst du gleich haben“, lachte Djala, auch wenn es nicht leicht war, sich gelassen zu geben. Er war so nervös, dass seine Hand beim Einschenken ganz schön zitterte. „So, bitteschön. Und was willst du wissen, hm?“, fragte er mit einem sanften Lächeln und sah Leander in die braunen Hundeaugen, die Frank heute Morgen den Rest gegeben hatten. Er spürte, wie er ganz weich in den Knien wurde, doch zum Glück stützte er sich auf der Bar auf.

„Ich suche jemanden. Er soll oft hier sein. Deswegen bin ich hier“, sagte Leander und kam sich schon etwas komisch dabei vor. Schon allein, weil er diese Frau vor sich nicht einschätzen konnte. Zwar war ihm klar, dass in einem Schwulenclub keine Frauen arbeiten würden, aber die beiden hinter der Bar sahen so echt aus, dass er sich plötzlich gar nicht mehr so sicher war.

„So, du suchst also jemanden. Geht's vielleicht etwas genauer? Denn sonst wird das schwierig“, schrie Djala mittlerweile, weil die Musik aus den Boxen immer laute wurde. Was sollte der Mist denn jetzt! Seit wann wurde die Anlage hier oben so laut gedreht, dass man die Gäste nicht mehr verstand. Das war doch schädlich fürs Geschäft. Noch schlimmer, er konnte mit Leander gar nicht richtig reden. „Komm mal mit“, sagte er also und lotste Leander in den Raum hinter der Bar, schließlich hatte er sowieso gerade frei. „So, noch mal“, lachte Djala und setzte sich auf einen der Schränke und sah Leander an, der in der Tür stehen geblieben war und am Holz in seinem Rücken lehnte. Sie musterten sich gegenseitig, das war kein Geheimnis.

Leander trug schwarz von oben bis unten. Schwere, stahlbeschlagene Schuhe, eine Hüfthose und ein schlichtes Hemd. Darüber ein langer, schwarzer Mantel. Die Augen waren leicht betont und er sah einfach wie immer zum Anknabbern aus. Djala war so aufgeregt. Zwar versuchte sie immer wieder den Gedanken zu verdrängen, dass Leander wegen Frank hier sein könnte, doch ganz gelang es ihm nicht.

„Viel weiß ich nicht. Ich hatte ihn gestern mitgenommen und er... Frank hieß er, glaube ich. Etwa so groß wie ich, blond. Und ich weiß selber, dass das mindestens auf die Hälfte der Kerle da draußen zutrifft. Ich...“ Leander brach ab, er wusste einfach nicht, was er sagen sollte. Wie sollte er auch die Irrationalität erklären, dass er einem Wildfremden, der ihn und Frank doch eigentlich gar nicht kennen konnte, geglaubt hatte, Frank wäre hier. Nur weil es der einzige Strohhalm war, an den er sich klammern konnte.

„Hey, ganz ruhig. Bis jetzt haben wir hier noch jedem helfen können“, lachte Djala und wirkte verändert. Er suchte also Frank! Das war doch wie Weihnachten! Wenn das nicht ein Wintermärchen war, was dann? Da hatte Frank schon beschlossen aufzugeben, da kam Leander extra hier her? Das konnte kein Zufall sein. Wenn Gott ihn schon nicht mochte, vielleicht waren ja die Weihnachtsengel auf seiner Seite. Er würde sich auch gar nichts weiter wünschen, wenn es mit dem hier klappen würde. Doch er sollte besonnen vorgehen, vielleicht freute sich Frank auch viel zu früh und Leander wollte ihm nur noch was geben, was er vergessen hatte.

„Ich glaube, ich kenne einen Frank. Komischer Vogel. So blonde Strubbelhaare und blaue Augen?“, fragte Djala und legte den Kopf schief. „Trägt Diesel-Jeans und Calvin Klein Unterhosen?“

Leander nickte, schluckte aber. Woher um alles in der Welt wusste dieser... diese... die Bedienung das? Er spürte schon, dass er ein bisschen eifersüchtig war. Er wusste doch eigentlich gar nichts von Frank, außer dass er ihm gern noch einmal nüchtern, angezogen und ohne seine kleine Schwester treffen würde, weil er sich gut angefühlt hatte. Die Küsse, die Berührungen. Doch Frank war eingepennt. Leander hätte heulen können. „Ja, glaub schon“, sagte er nur und strich sich durch die Haare. Rückte die Tussi bald mal mit der Sprache raus oder sollte er hier noch ewig seine Zeit verschwenden, während er da draußen suchen könnte.

„Was hat der Depp denn nun schon wieder angestellt?“, wollte Djala wissen und nahm sich einen Saft, bot Leander auch was an. Er wirkte unbeteiligt und doch war er ganz auf den Mann in der Tür fixiert, versuchte sich soviel wie nur möglich an ihm einzuprägen.

„Ich wollte ihn noch was fragen, mehr nicht“, sagte Leander, der der Meinung war, dass es diese neugierige Bedienung ziemlich wenig anging, was er von Frank wollte. „Und wenn du mir nicht helfen kannst, geh ich.“

„Warte“, rief Djala erschrocken und sprang von der Anrichte. „Ich wollte doch nur wissen, was ich... ob du sauer auf mich bist, oder so“, sagte er und wischte sich das Make-up aus dem Gesicht, während er die Perücke vom Kopf zog. Frank schluckte hart und beobachtete Leander dabei ganz genau. Wie reagierte er? War er wütend? Enttäuscht? Angeekelt?

Doch in Leanders Gesicht war nichts zu lesen, denn er war selber noch unschlüssig. „Frank?“, fragte er ziemlich verwirrt, damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Nun wusste er zumindest, dass die Bedienungen definitiv keine Frauen waren, denn dass Frank ein Kerl war, das hatte er schon gespürt, wenn, für seinen eigenen Geschmack, auch nicht intensiv genug.

„Ja, tut mir Leid, Leander“, sagte er, auch wenn er nicht genau wusste, was ihm eigentlich alles Leid tat. Leander sah ihn einfach nur so fassungslos an, dass er den Drang gespürt hatte, sich dafür zu entschuldigen.

„Du bist... du stehst...“, stammelte der Mann an der Tür und musste erst einmal schlucken. Es war ja nicht so, dass er so intolerant war, dass er einen Mann in Rock nicht mehr ansah, aber eigentlich suchte er einen dominanten Kerl, keinen femininen.

Frank verdrehte leicht die Augen. „Nein, ich bin keine Transe, nein, ich steh nicht auf Frauenkleider, das ist meine Arbeitskleidung, ich bin hier Kellner. Das ist alles“, sagte er und sah Leander nun eindringlich an. Jetzt, wo das aus der Welt geschafft war, konnte man doch eigentlich mal daran forschen, warum Leander nun wirklich hier war. Franks Herz schlug mittlerweile bis zum Hals. Sein Drang, ihn zu greifen und küssend gegen die Tür zu drücken ließ sich nur noch schwer unterbinden.

Leander hatte ihn gesucht, verdammt! So egal konnte er ihm also gar nicht sein. „Du hast mich gefunden, was wolltest du mir denn sagen?“, fragte Frank also und versuchte nicht zu aufdringlich zu wirken. Reichte ja schon, dass er Leander angaffte wie ein Zootier.

„Ich wollte nur sagen, dass das heute Morgen scheiße gelaufen ist und dass ich es lieber gesehen hätte, meine kleine Schwester wäre netter zu dir gewesen. Ich hätte gern einen guten Eindruck bei dir hinterlassen, damit du mir deine Telefonnummer da lässt und wir uns mal unter besseren Umständen treffen“, gestand Leander leise und lachte, als bei dem Wort Schwester Franks Gesicht Bände sprach. Das passierte ihm öfter, dass Männer dachten, Sylvana wäre seine Tochter, dabei war sie nur das Produkt des zweiten Frühlings ihres Vaters und extrem vernarrt in ihren großen Bruder. Dass 20 Jahre zwischen ihnen lagen, das störte Sylvana dabei ziemlich wenig.

„Ich wollte dir ja meine Nummer geben, aber da war schon die Tür zu“, grinste Frank und kam einen Schritt näher. Seine Knie zitterten und es war gar nicht so leicht, das Gleichgewicht dabei zu halten. Sein Mund wurde trocken und er schluckte hart.

„Sie kann ziemlich besitzergreifend sein, hm?“, lachte Leander leise und stieß sich auch von der Tür ab. „Aber ich musste dich wieder sehen. Schon als du da neben der Mülltonne gelegen hast. Ich nehme zwar sonst keine Typen mit, die irgendwo herum liegen - wird schon einen Grund gehabt haben, warum jemand sie entsorgt hat - aber dich konnte ich da nicht liegen lassen!“, gestand Leander und grinste schief. „Wer hätte gedacht, dass ich so einen schönen Kerl mal im Müll finde.“

„Hey, hör auf. Das wird nicht unpeinlicher, nur weil es öfter gesagt wurde. Ich hab mir eben die Kante gegeben, weil echt nichts Brauchbares mehr zu finden war und dann lande ich ausgerechnet dann bei dir, wenn du mich nur von der peinlichsten Seite siehst. Aber ich glaube, wenn dich das noch nicht geschockt hat, wenn dich meine Arbeitskleidung nicht vergrault hat, sollten wir es doch einfach mal versuchen, hm?“, fragte Frank unsicher und sah Leander wartend an. Machte der mal einen Schritt, aus dem man schlau werden konnte?

Ja, das tat er. Er schob die Kellnerin zurück auf die Anrichte und mit dem Rücken gegen die Wand, dabei sah er Frank tief in die Augen. „Und diese Nacht legst du dich nicht erst in den Müll, sondern gleich zu mir ins Bett. Ich mag's nicht, wenn du mir wieder einschläfst und ich alleine weiter machen muss“, sagte er und ehe Frank anfangen konnte zu grinsen, schlossen sich ihre Lippen zu einem Kuss.

„Ich gelobe Besserung“, grinste Frank noch, dann hatte er auch schon Leander erobert. Seine Hände fuhren harsch durch die braunen Haare, Frank wusste gar nicht, wo er Leander zuerst anfassen wollte. Das war doch alles nur ein Traum! Immer schneller bewegten sich ihre Lippen, immer dichter drängten sich ihre Körper aneinander. Nur aus dem Augenwinkel nahm Leander noch eine Bewegung wahr.

„Hey, warte“, rief Leander dem Blonden zu, der gerade seine Flügel öffnete und einen kleinen Elfen laufen ließ, der freudestrahlend etwas aus der Luft klaubte und fröhlich in seiner Hand verbarg… „Woher wusstest du, dass ich Frank suche und dass ich ihn hier finde?“

„Weil Engel alles wissen“, lachte Jez und verschwand zusammen mit dem kleinen Elfen wieder, der nur noch Augen für seinen Stern hatte, der heute gar nicht schwer zu erringen gewesen war.

„Weil Engel alles wissen“, überlegte er und wusste plötzlich, warum er gestern durch diese Gasse gegangen war, von der er vorher nicht gewusst hatte, dass es sie überhaupt gab. „Danke, lieber Weihnachtsmann, ich pass gut auf mein Geschenk auf“, lachte er übermütig und küsste Frank erneut. Und morgen konnte jemand anderes seine Schwester hüten – er hatte anregenderes vor.


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Anmerkung:

Djala und Börje sind eigentlich zwei Charaktere aus einer anderen Kurzgeschichte mit dem Titel "Erdbeerlatte und die Wurzel aus 109", die beim Papiertiger-Verlag in der reihe "Shounen-Ai-Dreams" erscheinen wird. Eigentlich war geplant, dass die Geschichte vor dieser hier erscheinen soll, damit der Wiedererkennungswert bei euch größer ist, aber das war wohl zeitlich nicht möglich ... freut euch also auf ein Widersehen mit ihnen, denn welche geschichte als erstes gelesen wird, ist eigentlich egal ...