Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Fich > Wie werd ich ein Engel in 30 Tagen? > Wie werd ich ein Engel in 30 Tagen?

Wie werd ich ein Engel in 30 Tagen?

24.12.2006



Happy End mit Hindernissen

So gut wie letzte Nacht hatte Adalbert schon lange nicht mehr geschlafen. Zufrieden rollte er sich auf seiner Matratze hin und her, aber nur vorsichtig, denn neben sich hatte der kleine Elf seine Sterne ausgebreitet - 19 Stück an der Zahl. Er konnte sein kleines Glück immer noch nicht fassen!

19!

Nun fehlte ihm nur noch einer und sein größter Traum konnte sich doch noch erfüllen! Er konnte es einfach noch gar nicht begreifen - er war seinem Ziel so nah, wie er nie gedacht hätte. Nicht nach den Tiefschlägen in den letzten Wochen und vielen Tagen, in denen er leer ausgegangen war. Doch er musste seinem Engel Recht geben, es hatte alles einen Sinn gehabt, jeder Tag, an dem er leer heimgegangen war, hatte zumindest seine Schützlinge weiter gebracht.

Heute konnte Adalbert ganz entspannt darüber philosophieren, was für seine Schützlinge wichtig gewesen war und was nicht. Gestern Morgen war er noch etwas verkrampfter gewesen. Mürrisch hatte er sich in seinem Bett gedreht und sich gefragt, ob es sich überhaupt noch lohnte aufzustehen, doch es hatte sich gelohnt. Definitiv.

Er hatte nun noch einen weiteren Tag, einen weiteren Auftrag und einen weiteren Stern, den er bekommen musste und dann würden die Elfen-Flatterflügel verschwinden und er würde richtige Engelsflügel bekommen. Riesige, weiße Schwingen, mit weichen Federn. Und er würde endlich wachsen und so groß werden wie Jez.

Von diesem Tag heute hing alles ab! Wenn er heute versagte und seinen letzten Stern nicht bekam, dann würde er Jez nie wieder sehen. Allein der Gedanke machte Adalbert Bauchschmerzen. Und damit heute auch ja nichts mehr schief ging, erhob er sich, deckte seine Sterne schön zu, damit sie nicht froren, doch dann legte er sie lieber wieder in die Schachtel zurück, denn der kleine, blaue Staubisaugi wuselte gerade durch das Wohnzimmer und machte sauber. Heute war der heilige Abend, da musste jedes Elfenhaus blitzeblank sein! Nicht auszudenken, wenn der Kleine die Sterne einsaugte! Nein, nein, nein! Besser, Adalbert ging da mal auf Nummer sicher und packte sie gut weg.

Aber wiederum nicht zu gut! Es war ihm mehr als einmal passiert, dass er Dinge so gut weg getan hatte, dass er sie nie wieder gefunden hatte. Seinen Plüschweihnachtsmann von vor drei Jahren suchte er heute noch! Also legte er die Sterne mit ihrer Kiste nur auf den Küchenschrank und verschwand erst einmal im Bad. Wenn heute endlich sein Traum in Erfüllung ging, wollte er gut aussehen. Also wusch sich der kleine Elf fix noch die Haare und trocknete sie mit einer Haube, während er sich selbst auch abtrocknete und in seine Klamotten schlüpfte. Die üblichen Verdächtigen: Ringelsocken bis zu den Schenkeln, kurze Hosen und Ringelshirt. Dazu Elfenstiefelchen und, als die Haare trocken waren, sein Mützchen. Mit der Jacke in der Hand und einem Schal holte er die Sterne wieder zu sich an den Tisch und fing an zu warten.

Der letzte Auftrag.

Mal sehen, was es war, denn es war eigentlich nichts mehr offen. Adalbert war gestern Abend alle Akten durchgegangen und nichts war offen geblieben. Zumindest hoffte er das. Nicht dass doch noch mal etwas kam, mit dem er nicht gerechnet hatte.

Da saß der kleine Elf und die Zeit verging, tick - tock - tick - tock - tick - tock - und Adalberts Blick wanderte immer wieder zwischen Uhr und Elf-o-phon hin und her. Es ging auf neun zu, auf zehn, doch es rührte sich nichts.

Panik stieg in ihm auf. Hatten sie ihn vergessen? Der letzte Auftrag! Er musste doch noch einen bekommen, um einen letzten Stern zu kriegen! Das konnten die hohen Elfen doch nicht vergessen haben! Adalbert sprang auf, untersuchte das Elf-o-phon, ob er die Ankunft der Kartusche vielleicht übersehen hatte. Ob etwas anderes angekommen war, ob vielleicht das blöde Ding doch noch kaputt gegangen war, weil Elfi Elfchen immer so viel damit herum spielte und ihren Bruder durch die Wohnung jagte!

Doch nichts dergleichen. Das Elf-o-phon war leer und es tutete, wenn man den Hörer abnahm. Alles so wie es sein sollte, nur dass die hohen Elfen wohl den kleinen Elfen mit den großen Zielen einfach vergessen hatten. Heute war der heilig Abend, da wurde jeder Elf gebraucht. Da war es wohl nicht wichtig, dass Adalbert doch eigentlich nur einen Traum hatte, dass er kein Weihnachtself sein wollte, weil Elfen auch nicht die netten, kleinen Wesen waren, für die die Menschen sie immer hielten!

Alles, was er wollte, war bei Jez zu bleiben, bei seinem Jez, aber das war ihm wohl nicht vergönnt. Das Leben war ungerecht. Langsam lief er durch seine Wohnung, den Kopf gesenkt, zog er die Mütze wieder ab. Er war enttäuscht. Da hatte er sich so aufgerieben, Nächte kaum geschlafen, war durch Schnee und Eis gegangen, hatte sich strafbar gemacht und wofür das alles?

Für nichts.

Für 19 Sterne, die ihm nichts mehr nutzten, weil morgen sein Traum wie eine Seifenblase zerplatzen würde - pling. Einfach so. Er zog die Sterne zu sich und kippte sie aufs Bett, ließ sich daneben fallen. Warum hatte er nicht früher von all dem erfahren? Warum hatte sein Vater ihn nicht schon vor einem Jahr beiseite genommen und gesagt: Junge, so und so sieht's aus, mach dich an die Arbeit. Dann würde Adalbert heute nicht hier liegen und sich selbst bemitleiden, sondern er wäre ein Engel mit schönen, weißen Flügeln, da war er sich sicher. Aber sein Vater hatte es nicht getan. Hatte er geglaubt, dass Adalbert das sowieso nicht schaffen würde? War es nur ein Alibi gewesen, dass man ihm später keinen Vorwurf machen konnte?

Ach, es war zum Verzweifeln. Nun war er in diesem Leben, was er nicht mochte, gefangen. Er war dazu verdammt, ein Elf zu bleiben so lange er lebte, ein mickriger, kleiner Elf, der Tag und Nacht in den Spielzeugfabriken des Weihnachtsmannes arbeitete, ohne Abwechslung. Er würde Jez nicht mehr sehen und er würde die Menschenwelt nicht mehr besuchen, denn das durften ja nur die Elfen, die auch einen Auftrag hatten. Adalbert hatte versagt, er würde keine Aufträge mehr bekommen.

Vielleicht lag es daran, wie er gearbeitet hatte? Sich in Bordellen herum zu treiben, Zwangsehen zu stiften, Menschen zu verkaufen und die Zeche zu prellen, Betrügereien aller Art und Beleidigungen der Klienten war vielleicht nicht die Arbeitsweise, die der hohe Rat gern gesehen hätte. Doch er war doch auch zum Ziel gekommen und es war keiner zu Schaden gekommen. Warum also hielt man ihn hier fest wie einen Gefangenen? Er fühlte sich hier nicht mehr wohl. Alles was er wollte, war eine letzte Chance und einen Stern und dann diesem Land hier Lebewohl sagen.

Alles, was er wollte, war zu Jez, für immer und ewig.

Schniefend zog Adalbert Staubisaugi in seine Arme, der gerade an ihm vorbei robbte und den Dreck vom Teppich sammelte. Er drückte die kleine Fellkugel an sich und schniefte nur noch lauter. Er hatte sich lange nicht so allein gefühlt wie heute. Nicht einmal seine Eltern riefen an, denn die waren sicher beim Ausliefern und Sortieren der Geschenke voll eingespannt. Jeder Elf war nützlich, nur für Adalbert interessierte sich keiner. Der hockte hier, bedauerte sich und sein beklagenswertes Schicksal lautstark und hätte fast das Elf-o-phon nicht gehört, das mitteilte, eine Botschaft sei eingegangen. Schwupps, wurde Staubisaugi wieder auf den Boden gesetzt und mit wild schlagendem Herzen lief Adalbert los, griff in den Kasten für die Nachrichten und guckte etwas verdutzt. Keine Kartusche, nur ein Zettel. Kein Auftrag, keine Daten - nur ein Zettel.

Fassungslos sah Adalbert auf das Stück Papier in seiner Hand. Was sollte das? Er brauchte doch Angaben für seinen Auftrag! Was dachten sich die hohen Elfen? Dachten die überhaupt mal?

Doch als Adalbert anfing zu lesen, musste er zugeben, dass er den hohen Elfen in dem Punkt unrecht getan hatte. Der Zettel war nicht von ihnen, er war von Jez, der ihn bat, alles zu schnappen, was Adalbert lieb war und zu den Koordinaten zu kommen, die er ihm nannte, er wolle ihm etwas zeigen.

Was sollte das denn? Adalbert starrte auf den Zettel. Drehte ihn, wendete ihn, doch er blieb, was er war, die Aufforderung, zu Jez zu kommen. Warum? Er musste doch hier bleiben und warten, ob die Elfen ihm nicht doch noch die Chance auf einen letzten Stern gewährten. Das musste Jez doch wissen. Oder wusste er mehr? Wusste er, dass es keinen Sinn mehr hatte, noch zu warten? Sollte Adalbert deswegen alles schnappen, was ihm lieb war, weil er mit ihm durchbrennen wollte?

Adalbert grinste schief. Die Idee war gar nicht so schlecht. Wenn er schon kein Engel werden konnte, dann wollte er wenigstens bei Jez bleiben. Also suchte er sich seinen Rucksack und fing an zu überlegen, was ihm lieb und teuer war. Er griff die Sterne und tat sie ganz unten rein, suchte ein paar Shirts, die er besonders gern mochte, und eine große Tasse, seine Lieblingstasse. Ein Buch landete noch in dem Rucksack und dann sah er sich um. Was noch?

Er schlüpfte in die Jacke, legte den Schal um und ehe er sein Haus verließ und vielleicht nie wieder kam, griff er sich einfach Staubisaugi. Ohne den würde er nirgends hin gehen!

Als er die Tür ins Schloss zog und das Klicken hörte, war es wie der Startschuss für etwas, was Adalbert noch nicht kannte. Er hatte das Gefühl, nicht wieder zu kommen. Vielleicht blieben sie einfach in der Menschenwelt, dort ließ es sich aushalten. Vielleicht blieb auch Adalbert nur allein da und Jez kam so oft, wie sie ihn dort, wo er lebte, entbehren konnten, was hoffentlich sehr oft war.

Weil es stürmte und der Schnee ihnen entgegen peitschte, steckte Adalbert seinen kleinen, blauen Liebling in die Jacke und passte auf, dass der Reißverschluss nicht das Fell einklemmte, so guckten oben nur noch die Schlappohren und ein paar Knopfaugen raus, denn der empfindliche Rüssel steckte in der warmen Jacke.

Heute war der Elf-Trans so gut wie leer, denn die meisten Elfen waren in den Fabriken beschäftigt, bestückten die Schlitten, machten die Rentiere fertig, so dass der Weihnachtsmann, wenn ein Schlitten leer geschenkt war, nur zurückkommen und umsteigen musste. Also dauerte es gar nicht lange, bis Adalbert seine Koordinaten eingeben konnte und dann verschwand, vielleicht für immer.

Als er wieder zu sich kam, stand er in einem Zimmer. Nicht besonders groß. In der Mitte ein großes Bett, rechts und links Nachtschränkchen. Ein Schreibtisch, eine Sitzecke, ein großer Fernseher und zwei Türen, die abgingen. Etwas verwirrt setzte Adalbert erst einmal den Rucksack und Staubisaugi ab und sah sich um, wo war er hier?

„Adi!", rief es plötzlich hinter ihm und Jez kam ihm entgegen, in der Hand eine Tasse heißen Kakao für seinen kleinen Elfen. „Schön, dass du da bist", sagte er und lächelte, während er seinen Kleinen an sich drückte und sich mit ihm auf die Couch fallen ließ. Grinsend registrierte er den kleinen, blauen Fellball, der gerade unter dem Bett verschwand und Staubmäuse jagte.

„Ja, warum nicht, du wolltest mir doch was zeigen", sagte Adalbert etwas verwirrt und wusste nicht so richtig, wo er hier eigentlich war. Er hatte sich Jez' Zimmer irgendwie anders vorgestellt. Irgendwie engelhafter. „Packst du noch schnell deine Sachen, damit wir durchbrennen können, oder wie?", wollte er wissen, weil er noch immer nicht verstand.

Aber Jezeriel ging es da nicht besser. Wovon redete der kleine Elf eigentlich?

„Bitte wie?", fragte er deswegen und ließ sich mit dem kleinen Elfen zusammen auf die Couch fallen.

Adalbert stockte. Bitte wie? Das klang so überrascht, also hatte Jez nicht daran gedacht, mit Adalbert durchzubrennen, damit sie zusammen bleiben konnten? Das schmerzte irgendwie. War er denn der einzige, der sich Gedanken darüber machte, wie sie zusammen bleiben konnten?

„Ach so, schon gut, vergiss es", sagte er und konnte nicht verhindern, dass es enttäuscht klang, schließlich war er es auch.

Doch Jez ließ noch nicht locker. Er hatte das untrügliche Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben und er wollte wissen, was es war, um es in Zukunft vermeiden zu können. „Was ist los, Adi? Manchmal kann es helfen, einen Satz früher anzufangen zu sprechen", lachte er leise und zog seinen Elfen fester in seine Arme, setzte ihn so, dass er hinter Adalbert saß und ihn mit seinen Armen und den weichen Schwingen umfangen konnte. „Na los, einen Satz früher, damit ich weiß, wovon du redest", sagte er und rieb seine Nase durch die frisch gewaschenen Haare seines Elfchens.

Doch Adalbert kam sich so albern vor, so unsagbar albern. Er konnte das Jez doch nicht sagen, was er sich in seinem kleinen, kranken Hirn ausgesponnen hatte. Also lenkte er völlig ab und sah sich etwas um. „Du wolltest mir doch was zeigen, was ist das?", fragte er und ruckelte so lange herum, bis es ungemütlich wurde, denn diese Nähe hatte ihn gerade verrückt gemacht. Er war ganz rot im Gesicht, ihm war heiß und er hatte den unerklärlichen Gedanken gehabt, auf Jez' Schoß zu klettern und ihn zu küssen. Das war doch nicht normal!

Etwas aus der Bahn geworfen sah Jez ihm dabei zu, bemerkte auch den Wink mit dem Zaunpfahl, dass Adalbert das, was auch immer passiert war, nicht mehr ausschlachten wollte. Der Engel seufzte leise. Was war denn nur los mit dem Kleinen? Er war angespannt und unausgeglichen. „Ich habe deine Auswertungen hier", ging er aber auf Adalberts Frage ein und holte einen Stapel und eine CD aus dem Schreibtisch, neben dem sie saßen.

Adalbert schoss hoch und sah ihn fassungslos an. „Auswertung?", fragte er mit heiserer Stimme. Also doch! Es war vorbei, es gab keine Aufträge mehr und er würde nie ein Engel werden! Diese dämlichen Elfen hatten ihn verarscht und zwar nach Strich und Faden! Sicher hielten sie sich jetzt ihre dicken Bäuche und lachten, weil der blöde Adalbert auch noch drauf reingefallen war. Wie hatte er auch glauben können, einer wie Adalbert könnte ein Engel werden! Das war doch lachhaft.

Doch dass ausgerechnet Jez ihm das sagen musste, das tat weh. Das war nicht fair!

„Ja, die Auswertung. Ich will dir zeigen, was aus deinen Klienten geworden ist", sagte Jez und verstand nicht so richtig, warum Adalbert blass wurde. Er hatte sie doch alle glücklich gemacht, wovor hatte er denn jetzt solche Sorgen? Bis auf ein paar kleine Patzer, an denen aber auch er selbst nicht ganz unschuldig war, hatte Adalbert seine Sachen doch erstklassig gemacht. Wo lag also sein Problem?

„Auswertung heißt doch, dass es vorbei ist, ich bekomme also keinen Auftrag mehr von den Elfen, oder?", fragte Adalbert das Unvermeidliche und wollte die Antwort doch eigentlich gar nicht wissen.

Das konnte Jez aber nicht ahnen, als er sagte: „Ja, von den Elfen bekommst du heute keinen Auftrag mehr. Ihre Aufträge sind beendet."

Fassungslos stand Adalbert einfach nur da, dann sackte er in sich zusammen. Was hatte er auch erwartet? Dass einer wie er mal Glück haben würde, in seinem eintönigen Leben? Dass er aus diesem Knast endlich raus kam? Doch nicht Adalbert - nie im Leben! Er war ein Elf, er blieb ein Elf und was der Mist sollte, er solle mitbringen, was ihm lieb und teuer war, verstand er auch nicht, doch er wollte keine hirnrissige Erklärung dafür hören. Er wollte jetzt einfach nur hier vor dem Bett kauern und Staubisaugi an sich drücken.

Das Bild tat Jez in der Seele weh, was war denn mit dem Kleinen nur los? Er hatte sich den Tag heute so schön ausgemalt. Sie sahen sich an, was aus den Menschen geworden war, die Adalbert zusammengeführt hatte und dann würden sie in seinen Geburtstag rein feiern und dann würde Adalbert sich endlich wandeln und sie würden für immer zusammen bleiben. Wollte Adalbert das etwa gar nicht? Laut äußerte er seine Überlegungen und Adalbert sah ihn aus geschlitzten Augen an. Wollte der Kerl ihn verarschen?

Wütend und voller Zorn, weil er sich verschaukelt fühlte, wühlte sich der kleine Elf durch seinen Rucksack und griff die Schachtel mit den Sternen. „Da, zähl mal", knurrte er und Jez tat, was verlangt wurde.

Doch egal wie oft er sie von einer Hand in die andere fallen ließ, es waren immer nur 19 - 19 Sterne. „Da fehlt ja noch einer", sagte er ziemlich fassungslos, denn er hatte sich wohl selber in den letzten Tagen verzählt!

„Ja, da fehlt noch einer, aber du hast ja gesagt, die Elfen schicken mir keinen Auftrag mehr, also vergiss den Quatsch mit dem Wandeln und dem Zusammenbleiben", sagte Adalbert. Dass Jez so schockiert darüber war, dass noch ein Stern fehlte, machte ihn irgendwie wieder versöhnlicher. Langsam erhob er sich und kam wieder rüber zur Couch. „Los, sehen wir uns an, was aus den Jungs geworden ist, dann geh ich wieder heim und helfe meinen Eltern bei den Schlitten", sagte er und merkte gar nicht, wie hart es Jez traf, dass Adalbert sich einfach in sein Schicksal fügen wollte. Der Kampfgeist der letzten Tage war erloschen. Adalbert hockte zusammengekauert da und starrte auf den Fernseher, auch wenn der noch gar nicht an war. Er starrte einfach nur, weil er Jez nicht ansehen wollte. Er hatte ihn enttäuscht und zwar richtig!

„Adi", versuchte es Jez leise, er wusste nicht, was er sagen sollte. Die Stimmung war getrübt und lag wie eine schwere Glocke über dem Raum. Nur der kleine Staubisaugi jagte eine Staubmaus nach der anderen und würde gleich platzen, so voll gefressen wie er war.

„Adi, bitte, komm rüber zu mir", sagte Jez leise, der am anderen Ende der Couch saß und nicht ertragen konnte, wie Adalbert immer mehr in sich zusammensank. Die Zeit rann ihnen durch die Finger. So schnell konnte selbst der Engel keinen Auftrag mehr besorgen! Heute war der heilige Abend, da war nicht mehr viel zu machen. Doch er suchte telepatisch Hilfe bei seinem Vorgesetzten, nur konnte der ihm auch nicht viel Hoffnung machen - die Engel, wie die Elfen, arbeiteten das ganze Jahr nur auf einen einzigen Tag hin und das war heute. Die Zentralen waren nicht besetzt, heute hatten sie andere Sorgen, als einen kleinen Elfen, der einer von den Engeln werden wollte. Sie hatten Adalbert einfach vergessen. Es hätte doch in den Akten stehen müssen, dass dem Kleinen noch ein Stern fehlte und er noch einen weiteren Tag Zeit hatte, das zu ändern.

„Lass uns bitte die Auswertung ansehen, ich hab noch zu tun", sagte er und versuchte nicht zu zeigen, dass er hart schlucken musste. Er hatte einen Kloß im Hals und wenn er Jez jetzt ansehen müsste, dann würde er in Tränen ausbrechen - das wollte er nicht. Es reichte, wenn er sich wie ein Versager fühlte, da musste Jez nicht noch ein schlechtes Gewissen bekommen. Er hatte Adalbert sowieso schon geholfen, wo er nur konnte. Nur dass es eben nichts gebracht hatte.

„Gut, wenn du das willst", sagte Jez leise, doch es schmerzte. Er hatte sich den Tag so schön ausgedacht und den Abend erst! Aber nun war die Stimmung im Keller und die Zeit war gegen sie. Er konnte Adalberts Enttäuschung verstehen, er selbst war auch enttäuscht. Wie hatte er sich nur so verzählen können, verdammt noch mal? Er ließ die CD in den Player schieben und startete alles. „Als erstes Alec und Jack", erklärte er, was gleich folgen würde und Adalbert zuckte. Auf dem Monitor erschien Alexanders Schlafzimmer und in dem riesigen Bett lagen er und Jack, hielten sich eng in den Armen und küssten sich zart.

„Wenn du nicht gewesen wärst, wären sie immer noch einzeln und ziemlich unglücklich. Nachher wollen sie zu Jacks kleiner Familie fahren und dort feiern. Sie sehen glücklich aus, nicht wahr?", fragte Jez leise und Adalbert nickte nur. Was sollte er auch sagen? Dass es nicht fair gewesen war, dass sie ihn so lange hingehalten hatten? Dass es nicht fair war, dass die beiden glücklich waren und vereint und er seinen Engel nie wieder sehen würde? Das war auch nicht fair. Es war in erster Linie seine Aufgabe gewesen, die Schützlinge glücklich zu machen, nicht in die eigene Tasche - bzw. Schatulle - zu arbeiten. 4 Sterne dafür zu bekommen, war mehr als ein guter Lohn gewesen, doch er ließ Adalbert sich auch fragen, warum er für andere Aufträge, die ihn mehr als einen Anlauf gekostet hatten, auch nur einen einzigen lumpigen Stern bekommen hatte.

Er fühlte sich einfach nur ungerecht behandelt, daran wollte und daran konnte er nichts ändern. „Schön für sie", sagte er nur, um irgendwas zu sagen, was nicht allzu negativ klang. Es war ja nicht so, als würde er den beiden ihr Glück nicht gönnen, aber selber ein bisschen Glück zu haben wäre ja auch nicht schlecht gewesen, irgendwie.

Jez beobachtete ihn und seufzte. Es musste sich doch noch etwas machen lassen! Er konnte Adalbert nicht wieder gehen lassen! Seit Jahren hatte er nur darauf hin gearbeitet, dass er und Adi wieder zusammen sein konnten! Und jetzt sollte das einfach so vorbei sein? Deswegen hatte der kleine Elf also gefragt, ob sie durchbrennen wollten? Vielleicht war das gar keine schlechte Idee? Aber noch wollte er die Hoffnung nicht aufgeben, dass das Wunder der Weihnacht nicht auch einmal für sie wahr werden würde.

Noch waren es ein paar Stunden bis zu Adalberts 16. Geburtstag, noch hatte das Wunder Zeit zu passieren. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit sank, je schneller sich der Zeiger über das Ziffernblatt fraß.

„Das hier sind Chris und Gerald von vorgestern", erklärte Jez, als das Bild sich änderte und ein Mann dabei war ein Pferd zu striegeln. Kurz kam ein türkisfarbener Strubbelkopf ins Bild, küsste den Mann auf den Nacken und verschwand lachend wieder aus dem Bild. „Chris hat seine Kündigung noch vorgestern Nacht eingereicht und den restlichen Urlaub genommen, der ihm noch zusteht. Sein Vertrag ist wasserdicht. Er kann aussteigen und muss ausgezahlt werden. Sobald das Wetter besser wird und die Straßen freier sind, will er seine Möbel holen, denn er hat in dem alten Bauernhaus Zimmer von Gerald zugewiesen bekommen, die er gern für sich gestalten kann. Sie sind sehr glücklich und alles nur wegen dir, Adi."

Doch der kleine Elf knurrte nur. „Kannst du nicht aufhören, das zu betonen, dass sie sehr glücklich sind? Schön für sie, sollen sie. Aber sie sollen andere mit ihrem Glück nicht belästigen, die selber nicht davon verwöhnt wurden." Es klang verbittert, auch wenn Adalbert das gar nicht vorgehabt hatte. Er freute sich darüber, dass er Gutes getan hatte, doch zu sehen, dass jeder belohnt worden war, nur er nicht, das tat weh und es ließ ihn irgendwie wieder an der Gerechtigkeit zweifeln.

„Ach, Adi!" Irgendwie konnte Jez nun auch nicht mehr anders und zog seinen Elfen wieder zu sich. „Es tut mir so leid. Ich hätte besser zählen müssen", sagte er leise und strich mit seinen Schwingen über Adalberts Arme. „Aber jetzt verstehe ich, was du vorhin gesagt hast. Wenn kein Wunder geschieht, lass uns durchbrennen, aber so lange noch Zeit ist und so lange noch Hoffnung besteht, solange lass uns auf ein Wunder hoffen, Adi", bat er leise und strich seinem Elfen wieder über die Arme.

Was sollte Adalbert darauf sagen? Auf ein Wunder zu hoffen, war doch sinnlos. Woher sollte es kommen? Wunder waren für Menschen, nicht für Elfen! Elfen waren die, die die Wunder vollbrachten, nicht umgekehrt. Doch er nickte und zeigte sich einverstanden. Wenn Jez immer noch den Glauben daran hatte, wollte er ihm den auch nicht nehmen. War doch schön, wenn sich wenigstens einer von ihnen beiden seine kindliche Naivität erhalten hatte. Adalbert hatte sie verloren und daran waren die Elfen selbst nicht ganz unschuldig. Aber er wollte sich nicht wieder darin verlieren, sich aufzuregen, was Elfen doch für Heuchler waren und er war einer von ihnen.

„Lass uns weiter gucken, mal sehen, was noch so los ist."

Jez nickte. „Okay, als nächstes Elias und Kyle." Der Film lief weiter und man sah Kyle an einem Schreibtisch sitzen, um ihn herum hopste Elias, er lachte, er wirkte so glücklich. „Elias macht jetzt eine Ausbildung. Er will unbedingt Kyles Sekretär werden und lernt jetzt in diese Richtung. Seinen praktischen Teil macht er in der Firma seines Geliebten." Erst war Jez versucht festzustellen wie glücklich sie waren, als Kyle seinen Freund auf den Schoß zog und ihn lachend küsste, doch er ließ es bleiben. Schließlich hatte Adalbert ihn darum gebeten, das nicht immer noch so zu betonen.

„Das heißt, er muss nicht mehr in diese Lasterhöhle zurück?", fragte Adalbert schon wieder etwas besser gelaunt. Wenn Jez mit ihm durchbrennen wollte, dann war vielleicht noch nicht alles verloren und so kam auch langsam wieder das Interesse an seiner Arbeit zurück.

„Nein, muss er nicht. Er macht sich ziemlich gut. Kyle ist stolz auf ihn, wenn er mit seinen Noten heim kommt." Jez lächelte, es ging aufwärts. So sahen sie nach und nach alles durch, beobachteten Vincent und Joshua in den Flitterwochen, sahen einem Auftritt von Dick van Patten zu. Sein Gitarist war doch nicht ausgestiegen, aber Atai, der in der ersten Reihe stand, hatte nur noch Augen für seinen Obi.

Til, der Kleine, der seinen Vater verloren hatte, feierte Weihnachten nun bei seinem Bruder und seiner Mutter und die beiden jungen Männer, die Adalbert im hohen Norden wieder vereint hatte, wohnten auch wieder zusammen. Nie wieder würde Craig es zulassen, dass seine kleine, eifersüchtige Schwester zwischen ihn und Joe trat.

Adalbert entspannte sich zusehends und kuschelte sich gegen seinen Engel. Irgendwie war er auch stolz auf sich. Das Lächeln, was die jungen Männer auf den Lippen hatten, war sein Verdienst. Ihm war es zu verdanken, dass sie zu Weihnachten nicht allein waren, sondern glücklich.

Vielleicht waren die letzten Tage doch nicht so vergeblich gewesen, wie er hatte glauben wollen. Gut, sein Traum war ausgeträumt, aber er hatte einer Menge Menschen ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.

Genauso wie bei Phil, der gerade mit seinem Freund Warren und dessen Bruder Dylan, inklusive Verlobter, in der Küche stand und kochte. Es war so harmonisch und entspannt und die kleinen Küsse, die immer wieder verspielt getauscht wurden, ließen es Adalbert heiß den Rücken runter laufen.

Grinsen musste er bei dem jungen Sushi-Koch, der nun für seinen Freund wirklich Chicken-Sushi anbot und der sich heute zur Abwechslung und zum Ausgleich des ganzen Jahres von Tim bekochen ließ. Sie wirkten so entspannt, so verliebt, immer wieder zarte Berührungen, immer wieder sanfte Küsse. Herden von angenehmen Schauern liefen Adalbert bei den Bildern über den Rücken und Jez grinste, weil auch er die Schauer spüren konnte.

Die Zeit verging, als sie sich weiter durch die Auswertung sahen, Bill und Gerrit dabei beobachteten, wie sie immer noch zusammen wohnten und jetzt, wo sie wussten, was der andere fühlte, besonders lange hinter dem Duschvorhang standen, damit der andere zugucken konnte. Da musste selbst Adalbert lachen. Es war albern, aber irgendwie total süß! Es erinnerte ihn auch daran, wie er mit Jez dort in der Gaststätte gearbeitet hatte, wie Jez auf ihn aufgepasst hatte. Instinktiv kuschelte er sich noch dichter an den Engel und schloss kurz die Augen. So könnte es immer sein, er und Jez - keiner der sie störte.

Wäre das nicht herrlich.

„Chad und sein Steffen sind über die Feiertage nach Thailand geflogen. Hat zwar mehr gekostet als vier T-Rex, aber Chads Großmutter hat darauf bestanden, dass der Enkel zum Jahreswechsel bei ihr ist und der hat die Chance genutzt und stellt dort nun Steffen vor", kommentierte Jez weiter und hatte damit begonnen, Adalbert mit seinen Händen über die Arme zu streichen, über die Schultern, massierte ihn im Nacken. Es war herrlich, ihn so berühren zu können. Adalbert behielt die Augen einfach geschlossen. Er ging jetzt davon aus, dass es seinen Schützlingen gut ging, nun war er an der Reihe, es sich ein bisschen gut gehen zu lassen. Und was Jez mit ihm tat, war sehr gut.

„Erzähl mir, was mit den anderen noch los ist", murmelte der kleine Elf und wollte nicht mehr hinsehen, er wollte lieber Jez' Stimme lauschen. Also tat ihm der Engel grinsend den Gefallen.

„Alexander von Thalheim hat zwar einen neuen Leibwächter, weil Johan immer noch genesen muss, aber damit kann er leben, solange Johan nur nicht kündigt und ihn allein zurücklässt. Er ärgert ihn auch nicht mehr, er küsst ihn nur noch und verbellt die Mädchen aus der Klasse von Johan, wenn sie ihn besuchen kommen. Aber damit kann Johan gut leben.

Herr von Thalheim hat seinen Vertrag geändert. Es ist ihm frei gestellt, ob er weiter für die Familie arbeitet oder nicht, aber Johan wird das Haus wohl nicht verlassen", erklärte Jez weiter und besah sich die beiden, die gerade Strohsterne auf der Couch bastelten. Aber Geduld und Fingerspitzengefühl waren eben nicht Alex' Tugenden und so sah er lieber Johan dabei zu und schmuste sich an ihn, während dieser die Halme zu Sternen formte.

„Ach ja, Torsten und Steve", lachte Jez, als er die beiden sah. Steve musste noch ein Manuskript fertig machen, während Torsten trampelnd in der Tür stand, weil sie bei seiner Schwester zum Mittag eingeladen waren. „Die wilden Fantasien, die Torsten immer aufgeschrieben hat, werden übrigens als Buch verlegt. Willst du ein Exemplar, ich könnte billig eines bekommen", lachte Jez frech, während der kleine Elf ein paar Sekunden brauchte, bis er begriff und feuerrot im Gesicht hoch schoss wie ein Springteufelchen aus seiner Kiste.

„Jez", murmelte er, musste aber zugeben, dass er nicht so abgeneigt war, wie er gern tun würde.

„Ha, guck mal", lenkte Jez lachend ab und zog Adalbert wieder zu sich. Draußen war es schon lange dunkel, doch sie hatten es aufgegeben, zu warten. Wenn die Uhr Mitternacht schlug würden sie einfach ihre Sachen packen und gehen - keiner würde sie je finden!

„Da, Hagen Grzeske."

Adalbert sah sich um und erkannte den Arzt, der ihn auf dem Flur des Krankenhauses umgerannt hatte.

„Er und Veith sind über die Feiertage verreist. Sie lassen sich in Hawaii die Sonne auf den Hintern braten, sofern sie mal aus dem Zimmer und aus dem Bett raus kommen", schob Jez noch grinsend nach, denn Adalbert wurde bei solchen Anspielungen immer so niedlich rot! Auch jetzt wurde er nicht enttäuscht. Die kleine Elfennase glühte wie bei Rudolph, schnell versteckte Jez seinen Elfen hinter den weichen Schwingen, damit keiner auf die Idee kam, den kleinen Elf vor einen Schlitten zu spannen.

So verging der Abend, sie sahen ihren Schützlingen dabei zu, wie sie glücklich waren und langsam konnte sich Adalbert auch mit ihnen freuen. Dass er selber nicht gerade vom Glück verwöhnt worden war, wurde nebensächlich, denn Jez hatte versprochen, mit ihm abzuhauen. Sie würden zusammen bleiben und ob nun als Elf oder als Engel, das war dann irgendwie auch nebensächlich. Adalbert ließ sich halten, ließ sich über die Arme streichen. Er spürte mit wild schlagendem Herzen die fremden Lippen an seinem Hals und er schlug sich immer wieder auf den Mund, wenn er aus Versehen gurrte und purrte wie eine zufriedene Taube. Das war ja so peinlich!

Doch Jez lachte nur leise und genoss es, Adalbert so zu verwöhnen. Er würde es nie zugeben, aber er war enttäuscht darüber, was passiert war. Enttäuscht darüber, dass mindestens zwei der Aufträge von den hohen Elfen selbst versaut worden waren, denn Phillip und Dylan konnten gar nicht zusammen finden, weil einer der beiden nicht auf Männer stand. Und die Geschichte um Tim und seinen großen Bruder ging zwar ans Herz, aber Adalbert gegenüber war das echt nicht fair gewesen. Mit anderen Aufträgen hätte sein kleiner, mutiger Elf, der so viel durchgemacht hatte, sicher seine zwanzig Sterne bekommen und wäre jetzt bereit, mit ihm in den Himmel aufzusteigen - stattdessen mussten sie sich verstecken, damit man sie nicht auseinander riss. Nein, fair war das nicht, aber wem sollte er das schon sagen?

Wenn die hohen Elfen auch nur etwas Anstand hätten, hätten sie Adalbert nicht so kurz vor dem Ziel hängen lassen, aber wie Adalbert mal gesagt hatte, Elfen waren nicht so edel wie sie sich selbst gern sahen. Leider.

Immer weiter fraßen sich die Zeiger über das Stundenblatt, Mitternacht kam immer näher. Auch der Engel verlor langsam die Hoffnung, dass vielleicht doch noch etwas passierte. Sie hatten Adalbert einfach vergessen. Also fasste er seinen Entschluss. „Komm Adi, pack dein Zeug, wir verschwinden. Wenn die Elfen dich einfach vergessen und dir keine letzte Chance mehr geben, dann haben sie auch nicht das Recht, dich weiter zu besitzen. Du gehörst zu mir und daran werde ich auch nichts ändern lassen", sagte er und zog den kleinen Elfen mit sich auf die Füße, als er sich erhob. Adalbert sah ihn etwas verwirrt an, weil er kurz davor gewesen war einzuschlafen. Er gähnte etwas verhalten.

Jezeriel lachte leise. „Hey, willst du denn die Nacht vor deinem Geburtstag einfach so verschlafen? Das geht doch nicht, Süßer!", lachte er und versuchte Staubisaugi unter dem Bett hervor zu locken. Doch der hatte mit den Unmengen Staubmäusen seine helle Freude und schmatzte zufrieden. Jez lachte leise.

Ach ja, Geburtstag, erinnerte sich Adalbert dunkel daran, dass da ja noch etwas war, was er in seinem ganzen Stress fast vergessen hätte. Er grinste schief. Das erste Mal, dass er ihn nicht im Kreise seiner Familie und seiner Kollegen feiern würde. Schade eigentlich, es war immer lustig gewesen. Aber dieses Mal hatte er Jez bei sich, das war mehr wert als alle Elfen der Welt. Also packte er alles wieder in seinen Rucksack, als ein seltsames Licht den Raum erhellte. Dass Jez erleichtert aufatmete, bemerkte Adalbert nicht. Er sah sich nur verwundert um und ging auf das Glühen mitten im Raum zu. „Was ist das denn?", fragte er ziemlich verwirrt, denn als er näher kam sah er, dass es eine Schriftrolle war, die glühte und strahlte, sie schwebte mitten im Raum.

„Weiß nicht, guck halt rein", grinste Jez gespielt unwissend. Doch selbst das entging dem kleinen Elfen. Er war zu aufgeregt, denn so was hatte er noch nie gesehen. Vorsichtig kam er also näher und griff zögerlich danach. Als er in das Licht fasste glühte auch seine Hand und er betrachtete sie fasziniert. „Cool", murmelte der kleine Elf und Jez, der immer die Uhr im Auge hatte, wurde nervös. Wenn Adalbert jetzt noch eine Weile trödelte, dann war die Frist um.

„Greif zu", forderte er also etwas harscher.

Adalbert gehorchte, ohne zu wissen warum, und als er die Rolle berührte, hörte sie auf zu glühen und fiel in seine Hand. Neugierig machte Adalbert sie auf und las: „Mach den jungen Engel Jezeriel endlich glücklich, er wartet schon zu lange darauf", murmelte er die Nachricht, die auf dem Zettel stand. Das war doch wohl ein schlechter Scherz! Er sollte Jez, seinem Jez, einen anderen Kerl geben? Das war nicht fair! Verdammt noch mal, Jez gehörte doch ihm! Was sollte das?

Nun stand Adalbert einfach nur da und in seinem Kopf drehten sich die Gedanken - wenn er den Auftrag nicht annahm, dann blieb er ein Elf und konnte mit Jez abhauen, wenn er den Auftrag annahm, dann wurde er ein Engel und Jez gehörte nicht mehr ihm. Alles in allem hatte das einen ziemlich schalen Nachgeschmack, fast schon bitter, als Adalbert schmerzlich schluckte. Der Kloß im Hals wurde immer dicker. „Nicht fair", murmelte er nur und war den Tränen nahen. Das war doch sein Jezzi! Keiner auf und über dieser Welt konnte ihn so lieb haben wie Adalbert das tat. Das war nicht fair.

„Bitte was?", fragte Jez mit schreckgeweiteten Augen. Was war denn jetzt los?

„Woher soll ich denn wissen, wer dich glücklich machen könnte. Die Zeit ist eh fast abgelaufen. Ich lehne den Auftrag ab, ich weiß, dass das egoistisch ist, dich bei mir behalten zu wollen, auch wenn du jemand anderes liebst, aber ich will auch mal egoistisch sein und nur an mich denken. Pfeif auf die Sterne, pfeif auf die Federn, ich gebe dich nicht einfach so her!", erklärte Adalbert, doch seine Stimme war leise und zögernd. Seine Augen wurden feucht. Was für ein bescheuerter Tag.

Jezeriel hingegen sah man deutlich an, dass er kein Wort von dem begriff, was Adalbert da sagt. Eigentlich hatte er erwartet, dass Adalbert ihm mit einem Strahlen um den Hals fiel und ihn küsste, der Stern erschien und sein kleiner Elf endlich ein Engel wurde, aber der schien gar nicht zu begreifen, wie das hier geplant war und der Zeiger fraß sich über das Stundenblatt, der letzten Stunde immer näher!

„Adalbert, bitte. Tu das nicht. Löse den..."

„Nein", schrie der kleine Elf, „ich gebe dich nicht her. Ich will dich behalten. Kein anderer soll dich haben, nur ich!" Wütend warf sich Adalbert auf das Bett und zerknüllte den Auftrag.

Jez sah ihn fassungslos an. Nein, Adalbert hatte wirklich keinen Schimmer, was von ihm verlangt oder erwartet wurde. Also hockte er sich neben das Bett und strich dem kleinen Elfen die Zipfelmütze vom Kopf, ehe er seine Finger in dem blonden Haar vergrub. „Adi, Süßer", sagte er leise und rieb eine Nase über Adalberts Ohr. Viel mehr war nicht zu sehen, weil der kleine Elf sich tief im Kissen vergraben hatte. „Was denkst du gerade?", wollte er wissen, denn er wollte verstehen, was mit Adalbert eigentlich los war.

„Ich will nicht, dass der dich bekommt", nuschelte der kleine Elf, er war schwer zu verstehen mit dem ganzen Stoff vom Kissen im Mund.

„Wer, der?" Jez begriff nicht.

„Na der, der dich glücklich machen kann. Ich kann dich nicht gehen lassen." Adalbert schoss hoch, funkelte Jez wütend an, dass er ihn zwang, das auch noch zuzugeben und ließ sich dann wieder ins Kissen fallen.

Langsam schien Jez zu verstehen und lachte leise. Allmählich wurde ihm klar, was Adalbert da in seinem kleinen, verdrehten Elfenhirn dachte. „Adi", lachte er leise und strich seinem Elf über die Wange, über das Kinn, auch wenn er da tief in das Kissen kriechen musste. „Schau mich mal an, Adi, bitte", sagte er leise und versuchte den kleinen Elfen auszugraben. Doch der war stur, er dachte ja gar nicht daran, sich noch umstimmen zu lassen.

Jetzt wurde es dem Engel doch zu bunt. Wenn wegen Adalberts verqueren Gedanken noch alles platzte, würde er sich das nie verzeihen, also zog er den sturen Elf einfach zu sich und auf seinen Schoß und hielt sein Kinn sanft fest, so dass Adalbert ihn ansehen musste, ob er das nun wollte oder nicht. Dass er nicht wollte, sah man daran, dass er immer wieder die Augen so verdrehte, dass er Jez nicht sah. „Hör auf mit den Kindereien", forderte der Engel streng, doch im nächsten Moment tat er das, was er schon so lange gewollte hatte, was er seit Monaten in seinen Träumen Nacht für Nacht getan hatte. Er küsste Adalbert sanft und wollte diese stille Berührung erst einmal auf ihn wirken lassen.

Der Elf war völlig irritiert und begriff nicht, was hier passierte. Was tat Jez denn da? Es war ja nicht so, dass Adalbert das nicht genoss. Es war so schön und so unbekannt und doch wieder total vertraut. Aber irgendwas lief hier gerade richtig schief, oder? Doch dann kam der sture, egoistische Elf in ihm durch und er wurde mutiger. Egal was die Elfen erwarteten, Jez gehörte ihm und daran würde kein Auftrag dieser Welt noch etwas ändern! Immer intensiver ließ er seine Lippen über Jezeriels reiben, keuchte erschrocken auf, als er dessen Zunge an seinen Lippen spürte. Doch Adalbert war viel zu neugierig, um zurückzuschrecken. Er ließ ihn ein und eine Explosion an Emotionen schaltete sein Denken aus.

Das war herrlich!

Doch leider viel zu schnell vorbei, denn Jez löste sich lächelnd und sah langsam nach oben - über sich und Adalbert. „Da."

Der kleine Elf folgte irritiert seinem Blick. Er war von dem, was passiert war, noch viel zu aufgeregt.

„Nummer zwanzig, kleiner Engel", lachte Jez leise. „Lass die anderen frei." Keine Minute zu früh, denn es waren nur noch ein paar Minuten bis Mitternacht.

Wie in Trance griff Adalbert in seinen Rucksack und kippte die Kiste mit den Sternen neben sich auf das Bett, doch da blieben sie nicht liegen - sie erhoben sich und schwebten über ihm. Jez entfernte sich, denn er wusste nur zu gut, was jetzt passierte. „Jez?" Adalbert sah ihn hilfesuchend an, doch dann tanzten schon die Sterne um ihn herum und hoben ihn so mit ihrer Magie langsam an, bis der kleine Elf über dem Bett schwebte und sich hilfesuchend umsah. Was geschah jetzt mit ihm? Er hatte Angst und doch war er aufgeregt, denn wenn er den Stern für einen Kuss mit Jez bekommen hatte, hieß das doch, dass Jez ihn liebte, so wie Adalbert ihn liebte. Egal was jetzt auch passierte, dieses Band konnte keiner mehr trennen.

Adalbert wurde komisch, sein Körper kribbelte.

Fasziniert sah Jez auf seinen kleinen Elfen, der in einem strählenden Licht gefangen war, weiß und rein, so wie der kleine Elf. Langsam wuchs er und wurde zwei Köpfe größer, die Züge wurden maskuliner, doch Adalberts natürliche Schönheit ging nicht verloren. Ganz im Gegenteil, wurde er nun vom Kind zum Mann. Die Kleider lösten sich auf, denn für den wachsenden Leib waren sie zu eng. Dafür legten sich die großen, weißen Federschwingen um den schutzlosen Körper. Das blonde, struppige Haar des Elfen wuchs bis auf die Hüften und wehte in sanften Wellen um den strahlenden Leib.

Es war atemberaubend, das zu sehen. Mit offenem Mund stand Jez nur da und starrte auf Adalbert. Er hatte nicht zu viel erwartet. Aus dem niedlichen, kleinen Elfen war ein strahlend schöner Engel geworden - und nichts auf dieser Welt würde sie je wieder trennen können.

Langsam schwebte Adalbert in dem strahlenden Licht zu Boden, die Augen immer noch geschlossen, genauso wie die Schwingen. Erst als das Licht langsam erlosch, öffnete er ungläubig die Augen. Der Blickwinkel auf Jez hatte sich völlig geändert. Er sah nicht mehr zu Jez auf, er sah zu ihm runter, weil er ihn um ein paar Zentimeter überragte. Doch als Adalbert die Federn vor seiner Nase sah, riss er die blauen Augen auf. „Ich...", stammelte er und wusste gar nicht, was er sagen sollte. Wild fing er an damit zu wedeln und hatte wohl noch nicht bemerkt, dass er keine Kleider trug.

Jez saß einfach nur da und starrte ihn an, genoss jeden Blick, jede Bewegung. Er studierte den Leib und grinste. „Nette Aussichten, Adi", lachte er, als Adalbert an sich hinab sah und nicht gleich verstand. Doch als er sah, was Jez meinte, schlossen sich schnell die Schwingen wieder um ihn herum. Er war wirklich überall enorm gewachsen.

Hochrot im Gesicht sah er Jez an, der langsam zu ihm kam und seine Hände vorsichtig tastend zwischen den geschlossenen Schwingen hindurch schob, um Adalbert zu umfangen. „Willkommen, Adariel", sagte er leise und schmiegte sich in die weichen Federn, strich Adalbert aber dabei über die nackten Seiten. „Du bist wunderschön."

„Wir haben es wirklich geschafft", sagte Adalbert, der nun kein Elf mehr war und schluchzte leise. Sie hatten es wirklich noch geschafft.

„Ja, Schatz, das haben wir und ich bin der erste, der dir gratulieren darf. Ich liebe dich. Adi, ich liebe dich so sehr und endlich darf ich dich bei mir haben. Nur bei mir. Keiner wird dich mir je wieder wegnehmen." Jez konnte nicht verhindern, dass ihm die Tränen liefen, er war viel zu glücklich, um sich noch zu beherrschen. Gierig suchten seine Lippen nach Adariels und küssten ihn ausgehungert. Viel zu lange hatte er darauf gewartet.

Der neu geborene Engel ließ es geschehen - war es doch das, wonach auch ihm der Sinn stand. Jezzi gehörte ihm, nur ihm! „Liebe dich", nuschelte er, ehe er der frechen Zunge in seinem Reich Paroli bot. Langsam schlossen sich ihre Flügel um sie beide, hüllten sie gänzlich ein. Wie von Geisterhand wurden Adalberts Sachen gepackt und auch der kleine Staubisaugi unter dem Bett wurde nicht vergessen, als die beiden Gestalten sich auflösten und aus dieser Welt in eine andere verschwanden.

In ihre Welt.