Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > SilverStar > Chibi love > Chibi love - Teil 11 - 14

Chibi love - Teil 11 - 14

11. Kuchenbacken im Tempel


Gespannt saßen alle Schüler der 11d im Hauswirtschaftsunterricht. Die Lehrerin wollte ihnen nur schnell etwas sagen, dann könnten sie nach Hause gehen, da es die letzten zwei Stunden waren.

„Ich muss kurzfristig noch zu einer Besprechung, also hättet ihr jetzt Schluss. Nichts desto trotz werde ich euch eine Aufgabe geben. In Zweiergruppen werdet ihr bis zur nächsten Stunde etwas backen. Jede Art von Kuchen, je nachdem, welchen ihr lieber mögt. Wichtig ist nur, dass ihr das Rezept mitbringt und natürlich euren Kuchen. So, das wäre alles und nun habt noch einen schönen Nachmittag.“

Lächelnd verabschiedete sich die Lehrerin von ihren Schülern und ließ sie dann allein.

Schnell packten alle ihre Sachen zusammen und verließen fluchtartig das Schulgebäude.

~*~*~*~*~*~

Hiro, Himeko, Takashi und ihr Chibi gingen gemeinsam nach Hause. Sie hatten annähernd den selben Weg, wobei Takashi einen minimalen Umweg lief, aber das störte ihn nicht.

„Du, Himeko-san, darf ich mit dir den Kuchen backen?“, fragte der Kleinste von den Vieren.

„Was, mit mir? Willst du nicht lieber mit Hiro backen?“

„Nein, beim Backen verlass ich mich doch eher auf die Frauen und außerdem mag Hiro das nicht, was ich gerne backen möchte.“

„So, und woher willst du das wissen?“, entgegnete Hiro nun beleidigt.

„Weil du dich von meinen Plätzchen übergeben hast.“, grinste der andere zurück.

„Was haltet ihr denn davon, wenn wir morgen alle bei mir backen? So kann jeder jedem helfen. Ich arbeite offiziell mit Masaki zusammen und Hiro mit Takashi. Was meint ihr?“, schlug Himeko nun vor und war von ihrer Idee begeistert.

„Warum nicht, kann ja nicht so schlimm werden?“

„Vielen Dank auch, Takashi!“, knurrte Hiro.

„Gut, dann muss nur noch alles besorgt werden. Was möchtest du denn für einen Kuchen backen, Chibi!“

„Einen Schokoladenkuchen, mit viel Schokolade.“

Hiro verdrehte angewidert die Augen.

„Hast Recht, Chibi, ich mag echt nicht, was du backen willst!“

„Sag ich doch!“

Alle vier setzten sich erst einmal auf eine Bank und überlegten, was sie alles brauchten. Hiro und Takashi wollten einen Sandkuchen machen, der war nicht so schwer, wie sie hofften und schrieben auf, was sie für Zutaten bis morgen besorgen müssten. In Sachen Backen war Himeko ein wandelndes Lexikon.
Dann diktierte sie Masaki, was er holen sollte, weil sie es nicht zuhause hatte. Es war nicht viel. Er sollte einfach nur die Glasur kaufen, die kostete nicht so viel, denn auch ihr war aufgefallen, dass der Kleine sehr sparsam mit seinem Geld umging.

~*~*~*~*~*~

Glücklich schlenderte Masaki auf der Suche nach der Schokoglasur durch den Supermarkt, als er hinter sich eine bekannte Stimme hörte.

„Na, Kleiner, was machst du denn da Feines?“

„Hallo, Kôji-san, ich suche was zum Backen, dass haben wir aufbekommen. Welche Schokoglasur schmeckt besser, die oder die?“

Der Kleinere hielt dem Älteren zwei Beutel entgegen.

Was sollte das denn werden? Kôji hatte echt nicht die Zeit, sich mit solchen Müll zu beschäftigen, also zeigte er auf irgendeinen, war ihm doch egal.

„Kochst wohl mit deinem Maruyama zusammen, was?“, fragte er bissig, als sie an der Kasse standen.

„Aber nein,“, entgegnete der Zwerg fröhlich, „Ich backe mit Himeko zusammen. Hiro kann so was nicht, außerdem mag er keine Schokolade.“

„So, so.“

Kôji hatte Masaki angeboten, ihn ein Stück zu begleiten und der Junge war sehr froh darüber.

„Du warst mit Maruyama im Kino, stimmt’s?“, begann der Blonde wieder ein Gespräch.

„Ja, woher weißt du das?“

„Ich hab euch gesehen, ich war sogar im selben Film wie ihr. Hätte ich Maruyama echt nicht zugetraut, dass er dich in einen Horrorfilm schleift, nur um dir dann an die Wäsche zu gehen.“

„Hä...?“

Masaki verstand gar nichts mehr. Wie kam Kôji plötzlich auf Wäsche, musste er noch welche waschen oder kaufen?

„Ich hab zwar keine Ahnung, was du mit Wäsche willst, aber Hiro hat mich nicht reingeschleift. Ich wollte ihn sehen und Hiro wollte es mir eh ausreden. Ich hätte vielleicht lieber auf ihn hören sollen, ich hatte echt Angst. Bin wahrscheinlich doch noch zu jung für solche Filme.“, grinste Masaki.

„So, ich muss jetzt hier abbiegen. Machs gut, Kôji-san!“

Masaki winkte dem Älteren noch kurz und verschwand dann nach Hause.

~*~*~*~*~*~

Der nächste Tag fing für Hiro nicht gerade gut an. Kôji hatte ihn in der großen Pause abgefangen und ihn mit zwei anderen in eine Ecke gedrängt, wo niemand hinkam. Eigentlich wollte Hiro gleich wieder gehen, denn er wusste, das Kôji andere nie verprügelte, doch als Masakis Name fiel, blieb er stehen.

„Du hast ganz richtig gehört,“, grinste Kôji, „ich habe dich und den Zwerg zusammen im Kino gesehen. Um genau zu sein, habe ich alles gesehen.“

Hiro wollte etwas erwidern, doch der Größere unterbrach ihn.

„Tu nicht so, als wüsstest du nicht, wovon ich rede. Ich frage mich, was der Direktor davon halten würde, schließlich fällt so etwas unter ‚Verführung Minderjähriger’.“

„Was willst du eigentlich, Furuhata?“, fragte Hiro gelassen, doch innerlich tobte er.
Wie konnte dieser Kotzbrocken es wagen, solche Behauptungen aufzustellen? Er wusste doch selber, dass es nicht richtig gewesen war, was er getan hatte, aber Hiro hatte nicht vor, es noch einmal so weit kommen zu lassen. Nie wieder.

„Sagen wir mal so, Maruyama, du bist nicht der Einzige, der gewisse Dinge mit dem Pimpf vorhat.“

Das widerliche Grinsen, welches Kôji an den Tag legte, ließ bei Hiro etwas brechen. Er packte den anderen am Kragen und drückte ihn gegen die Wand.

„Wage es ihn anzufassen, dann werde ich...“

„Was wirst du? Du kannst nichts tun. Ich werde mir das Vertrauen des Kleinen erschleichen und solltest du ihm das erzählen, würde er dir nicht glauben, das weißt du genauso wie ich.“

Hiro ließ Kôji los und ging knurrend davon.

Als Hiro glaubte, dass niemand ihn sehen würde, schlug er mit der Faust gegen die Hauswand. Es tat zwar weh, aber Kôjis Worte waren schlimmer gewesen, denn er hatte Recht. Der Chibi würde Hiro nicht glauben, wenn er ihm das, was passiert war, erzählen würde. Er konnte nichts weiter tun, als auf seinen kleinen Freund aufzupassen und das unbemerkt. Warum war Masaki
nur so gutgläubig?

„Hiro-san?“

Langsam drehte sich Hiro um und sah in Masakis besorgtes Gesicht.

„Was ist los, warum bist du so niedergeschlagen?“

„Schon gut, es ist nichts, Chibi.“

„Und warum hast du so doll gegen die Wand geschlagen, dass deine Knöchel bluten?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm der Kleine vorsichtig Hiros Hand in seine und zog ein Taschentuch aus seiner Hosentasche, das er dann um die verletzte Hand band. Dabei sagte er leise:
„Du musst es mir nicht sagen, aber geh lieber zur Krankenschwester, sonst kannst du heute nicht mit uns backen.“, und lächelte den Älteren offen an.

Bei dieser Geste verzog sich alles in Hiro schmerzlich. Der Kleine war so freundlich und hilfsbereit und er konnte nichts tun, um ihn von Kôji fernzuhalten.

~*~*~*~*~*~

Fröhlich lief Masaki neben Himeko her. Er freute sich schon sehr darauf, mit seinen Freunden zu backen, denn so etwas hatte er erst einmal gemacht und dabei war der Kuchen verbrannt.

Schmunzelnd betrachteten die anderen ihren Kleinen, der glücklich lächelnd seine Schultasche hin und her schwenkte.

„Pass auf, sonst fällt noch etwas raus.“, sagte Takashi, denn das kannte er von seinem Brüderchen, wenn der sich auf etwas freute.

„Keine Sorge, solange der Schokoglasur nichts passiert, ist mir alles egal.“

~*~*~*~*~*~

Vor einem großen Tempel blieben sie stehen.
„Wow, und hier wohnst du?“, fragte Masaki ungläubig.

„Ja. Der Tempel gehört schon seit Jahren unserer Familie und wird zurzeit von meiner Mutter geführt, da mein Vater im Ausland lebt. Aber jetzt komm, wir haben nicht viel Zeit.“

„Gut.“

Freudig hüpfte Masaki die Treppenstufen rauf.

Sie gingen gleich in die große und modern eingerichtete Küche. Generell schien der Tempel sehr neumodisch eingerichtet zu sein, auch wenn er von außen sehr traditionell wirkte.
Alle Zutaten wurden heraus geholt und sie fingen an.

~*~*~*~*~*~

Hiro wusch sich die Hände, da er etwas von dem klebrigen Teig an den Händen hatte. Etwas von ihm entfernt stand der Chibi und naschte von der Schokoladenglasur seines Kuchens. Hiro kam einfach nicht drum herum und spritzte dem Kleinen etwas kaltes Wasser in den Nacken. Der quietschte erschrocken auf und sah Hiro böse an, der wiederum so tat, als hätte er nichts gemacht. Natürlich kaufte Masaki ihm das nicht ab. Er nahm einen Löffel und schöpfte Mehl aus dem Beutel und tat so, als wollte er ihn irgendwo dazu geben.
Hiro drehte sich um, weil er wissen wollte, was der Kleine da tat und hatte plötzlich eine Ladung Mehl im Gesicht.

„Na warte, das kriegst du zurück.“, rief er.

Schnell machte sich Masaki aus dem Staub, als Hiro nach dem Mehl griff und damit nach ihm warf. Doch statt den kleinen Wirbelwind zu erwischen traf er Takashi am Rücken, der nur wütend knurrte und ebenfalls mit Mehl nach seinem Freund warf.
Himeko wollte eingreifen und stellte sich hinter Hiro, der schnell auswich und das Mehl traf das Mädchen. Nun war auch sie sauer. Eine wilde Schlacht entbrannte, in der es hieß: ‚Jeder gegen jeden’ und aus der anfänglichen Wut wurde bald schallendes Gelächter. Doch der Spaß wurde gestoppt, als Himekos Mutter die Küche betrat und sie alle böse anfunkelte. Als die Frau jedoch in die Gesichter der Jugendlichen sah, musste sie anfangen zu lachen und schickte sie erst einmal alle ins Bad, damit sie sich einigermaßen sauber machen konnten, ehe sie die Unordnung beseitigten.

~*~*~*~*~*~


Himeko ging als erste ins Bad, schließlich hatten die Jungs mit der Sauerei angefangen, also sollten sie auch aufräumen und die Kuchen schon mal in den Ofen schieben. Danach ging Takashi, leider konnte er nicht wie Himeko seine Sachen wechseln und musste seine notdürftig ab putzen.

Hiro entschloss sich, gleich ein Bad zu nehmen, denn er hatte von allen am meisten abbekommen. Seine Sachen hatte er erst einmal ins Waschbecken gelegt, damit sie den Boden nicht verschmutzten. So hatte er sich das mit dem Backen eigentlich nicht vorgestellt.
Zögerlich klopfte es an der Tür.

„Hiro-san, darf ich reinkommen?“, fragte Masaki schüchtern.

„Klar, was ist denn Chibi?“

„Na ja, also wir sind unten mit allem fertig und da wollte ich fragen, ob ich vielleicht mit dir baden darf?“

Schüchtern und gleichzeitig erwartend sah der Kleinere Hiro an und der konnte einfach nicht Nein sagen, außerdem war ja nichts dabei. Er hatte ja auch oft mit seinem Bruder in einer Wanne gesessen.
Freudestrahlend zog Masaki sich schnell aus, schmiss seine Sachen zu Hiros und hüpfte zu ihm in die Wanne. Er setzte sich so, dass er mit dem Rücken zu dem Älteren saß und sich bei ihm anlehnte.

„Das ist schön.“, flüsterte er glücklich.

~*~*~*~*~*~

In der Küche saßen Takashi und Himeko auf den Barhockern und tranken Cola und Kirschtee.

„Meinst du, es war gut, Masaki zu sagen, dass er hochgehen und sich waschen soll?“, fragte Takashi in die Stille.

„Klar, warum nicht? Wanne oder Dusche, eins von beidem wird schon noch frei sein und Hiro hat bestimmt auch nichts dagegen.“

„Das macht mir ja gerade Sorgen.“

„Meinst du, weil Hiro den Kleinen so gern hat?“

„Jep. Ich hab so das Gefühl, dass nicht mal Hiro richtig weiß, was mit ihm los ist.“

„Stimmt, das hab ich auch schon bemerkt. Er verhält sich ganz anders als
früher und geht mit Masaki anders um als mit allen Menschen sonst. Ich frage
mich, was Masaki eigentlich von Hiro hält?“

„Ich glaube nicht, dass er für ihn mehr als für einen Bruder empfindet, da bin ich mir ganz sicher.“

„Ja, das fürchte ich auch. Hoffentlich ist es bei Hiro nur eine Phase, denn ich glaube nicht, dass Masaki es verstehen würde. Aber schön wäre es schon, wenn es auf Gegenseitigkeit beruht.“, lächelte Himeko.

„Finde ich nicht.“, widersprach ihr Takashi. „Der Altersunterschied ist zu groß und Masaki ist immer noch eine lange Zeit minderjährig und ob Hiro so lange warten kann?“

„Also Takashi, ich glaube nicht, dass es Hiro nur darum geht.“

„So, vielleicht nicht am Anfang aber mit der Zeit wird der Drang wachsen.“

Himeko seufzte. Irgendwo hatte der Blauhaarige ja Recht.

„Wir sollten aufhören, uns darüber die Köpfe zu zerbrechen. Man wird sehen
und egal was passiert, ich stehe hinter beiden.“

„Zwar fällt es mir schwer, aber dasselbe gilt für mich.“

~*~*~*~*~*~

„Au! Hiro-san, nicht so doll!“

„Tja, Chibi, das ist die Strafe, weil du mich mit Mehl beworfen hast.“

Noch ein klein wenig fester wusch Hiro Masaki den Kopf, ehe er die Brause über ihn hielt und den Schaum abspülte.

„Du hast angefangen.“, protestierte der Kleinere und versuchte den Schaum von seinen Augen fernzuhalten.

„Aber ich hab nur mit Wasser gespritzt. So, und nun raus abtrocknen, ehe du dich noch erkältest.“

„Ja, Mama!“

Masaki stieg aus der Wanne und wickelte das bereitgelegte Handtuch um seinen Körper. Er hörte, dass auch Hiro ausstieg und sich ein Handtuch nahm, ehe er das Wasser abließ. Masaki nahm sich gerade ein kleineres Handtuch, um seine Haare zu trocknen, als Hiro es ihm auch schon aus der Hand nahm und seine Haare trockenrubbelte.

„Hör auf, ich komm mir vor wie ein Baby.“, keifte der Kleine.

„So, bist du das nicht?“

„HIRO-SAN!“

Wütend drehte Masaki sich um und funkelte den Älteren böse an. Warum sagte Hiro immer so etwas Gemeines?

Der hatte jedoch bemerkt, dass er den Kleineren verletzt und gekränkt hatte. Wie schon so oft dachte er über sein Handeln nicht nach und zog den Chibi einfach wieder einmal in seine Arme und bettete dessen Kopf auf seine Brust. Liebevoll strich er ihm durch die feuchten Haare und über den Rücken.
„Ich hab’s nicht so gemeint, Chibi.“


„Ich weiß.“, flüsterte Masaki.

Ja, Hiro hatte ihm gesagt, dass er oft etwas von sich gab und es nicht so meinte. Trotzdem tat es Masaki jedes Mal weh, wenn Hiro ihn wie ein kleines Kind behandelte.
Schutzsuchend kuschelte er sich an den Ältern. Er mochte es, bei ihm zu sein, sich von ihm trösten zu lassen oder mit ihm zu lachen.

„Wir sollten wieder runter, sonst denken die anderen noch, wir wären ertrunken.“, lächelte Hiro und drückte den Kleineren von sich weg, um sich anziehen zu können.


~*~*~*~*~*~

Gemeinsam betraten Hiro und Masaki die Küche, wo sie schon von Takashi und Himeko erwartet wurden.

„Was habt ihr denn so lange gemacht? Habt ihr euch verschwommen?“, stichelte Takashi.

„Gar nichts. Die Sachen warn nur einfach so schwer vom Mehl zu befreien.“, log Masaki.

Eigentlich war er nicht jemand, der andere hinters Licht führte, aber Hiro hatte ihn gebeten, kein Wort darüber zu verlieren, dass sie zusammen gebadet hatten. Warum er das wollte, wusste Masaki zwar nicht, aber wenn es ihm so wichtig war, erfüllte er ihm diese Bitte.

Ein leises ‚Ding’ ließ die Anwesenden aufhorchen und Himeko lief gleich zum Herd, um die Kuchen aus dem Ofen zunehmen. Als sie das geschafft hatte, sahen sich auch die anderen die Backwaren an.

„Sehen lecker aus, ob die auch so gut schmecken?“, fragte Masaki.

„Tja, Chibi, da musst du bis Morgen warten, die können wir noch nicht essen.“, belehrte ihn das blonde Mädchen.

„Schade und was machen wir jetzt mit ihnen?“

„Ich bringe beide morgen mit in die Schule. Mit dem Rad wird das schon gehen.“, meinte Himeko.

„Gut, dann geh ich jetzt, man sieht sich.“

Takashi schnappte sich seine Jacke und die Tasche, verabschiedete sich noch von Frau Tsuburagi, ehe er das Haus verließ.

„Gut, dann geh ich auch nach Hause. Kommst du mit, Chibi?“

„Ja. Bis morgen, Himeko-san und danke, dass du mit mir gebacken hast.“

Er gab ihr ein Küsschen auf die Wange und ging dann gemeinsam mit Hiro nach Hause.
An einer Kreuzung trennten sie sich und gingen beide ihres Weges.

~*~*~*~*~*~

Hiro schloss die Türe auf und trat in den Flur.

„Bin wieder da.“, rief er, während er sich die Schuhe auszog.

„Das ist schön.“, hörte er seine Mutter aus dem Wohnzimmer.

„Ma, wunder dich nicht darüber, wie ich aussehe, aber wir hatten eine kleine Mehlschlacht, deswegen....“

Mitten im Türrahmen blieb er stehen und sah ungläubig auf die Person, die im Sessel saß.

„Hallo Hiro, lang nicht mehr gesehen!“, grinste der schwarzhaarige Mann.

Hiro brachte keinen Ton heraus.



12. Brüder sind anstrengend

Immer noch sprachlos stand Hiro in der Tür und glaubte nicht, was er da sah.

„Bist du etwa sprachlos?“, fragte der junge Mann belustigt und erhob sich aus dem Sessel.

„Youichiru, was…was machst du denn hier, ich dachte, du bist in Osaka?”, stotterte der Brünette unsicher.

Der Größere legte ihm freundschaftlich einen Arm um die Schulter und lächelte, wobei seine Augen unter der dunklen Sonnenbrille funkelten.

„Ach, ich war zufällig in der Gegend und da dachte ich mir, ich guck mal, was mein Brüderchen so ohne mich macht.“

„Aha...du, können wir uns oben weiter unterhalten, ich muss unbedingt aus diesen Sachen raus.“

„Kann ich verstehen!“, grinste Youichiru.

Er zupfte etwas an Hiros Sachen und eine kleine Mehlwolke stob heraus.

„Leg es in die Wanne.“

„Geht klar, Ma.“


~*~*~*~*~*~

Youichiru öffnete die Schublade des großen Schrankes und staunte nicht schlecht über das, was er da sah.

„Na so was, mein alter Aschenbecher ist ja immer noch da. Bist du unter die Raucher gegangen, Hi-chan?“

„So ein Quatsch und nenn mich nicht Hi-chan! Den hab ich für dich aufgehoben, weil du doch so gerne in deinem Zimmer geraucht hast. Hat übrigens ganz schön lange gedauert, ehe ich den Gestank aus dem Zimmer raus bekommen hatte.“, sagte Hiro, während er sich frische Sachen anzog.

Youichiru öffnete das Fenster und setzte sich auf das breite Fensterbrett, den Aschenbecher stellte er neben sich, ehe er sich eine Zigarette anzündete.

„Sei froh, dass ich ausgezogen bin, sonst hättest du weiter in dem kleinen Zimmer hocken müssen.“

„Ja, ja. Also, warum bist du wirklich hier?“, hakte Hiro nach.

„Hab ich doch gesagt, wollt mal sehen wie’s euch geht.“

„Das nehmen dir vielleicht Ma und Dad ab, aber ich nicht, dafür kenn ich dich zu gut.“

„Schön, hast mich erwischt, Hiro-chan.“, grinste Youichiru.

„Ich hab gesagt, du sollst das lassen.“, knurrte Hiro.

„Warum, nennt deine Freundin dich nicht so?“

„Hab keine Freundin.“

„So, dann vielleicht einen Freund?“

„Nur weil wir verwandt sind, bin ich noch lange nicht so wie du!“, schnauzte Hiro seinen älteren Bruder voll.

„Schon gut, schon gut! Apropos, Ma hat erzählt, ihr habt einen Neuen. Ist er süß?“

„Nein, eher niedlich.“

„Ach, schon unter die Lupe genommen?“, stichelte Youichiru.

Hiro platzte der Kragen. Warum glaubte sein Bruder immer, er sei so wie er?

„Du könntest ihn vor wildfremde Leute stellen und die würden auch sagen, er sei niedlich!“

„Echt? Mit 17 ist er noch niedlich?“

„Er ist nicht 17, er ist 13.“

„Was? Ist er ein Wunderkind?“

„Ja, so ähnlich. Aber wir sind vom Thema abgekommen: Warum bist du hier?“

Doch Youichiru überhörte die Frage einfach und redete weiter.

„Mann, den muss ich echt mal kennen lernen.“

„YOUICHIRU!!!!!“

Beschwichtigend hob der Angesprochene die Hände bei diesem Ausbruch.

„Ist ja schon gut! Ich bin fristlos gekündigt worden.“

„WAS? Sie haben dich entlassen? Du warst doch ein Spitzenlehrer und ich muss es wissen, ich hatte dich schließlich ein Jahr in Geschichte und Musik. Und das sag ich nicht, weil du mein Bruder bist. Wissen Ma und Dad davon?“

„Nein, natürlich nicht und mir wurde auch nicht wegen meiner Leistungen gekündigt.“

„Hä, weswegen dann?“

„Ich hab was mit einem Schüler angefangen.“

„DU HAST WAS?“

Entsetzt sah Hiro seinen Bruder an. So etwas hätte er ihm nicht zugetraut.

„Sag mal, bist du total irre? So nimmt dich doch keiner mehr!“

„Das weiß ich auch, aber er hatte angefangen.“, erwiderte Youichiru gelassen und blies den Rauch aus seinen Lungen.

„Also, das musst du mir erklären.“

„Der Junge hatte auf eine Arbeit geschrieben: Ich liebe sie, Maruyama-sensei! Ich hab ihn natürlich gefragt, ob das ein Scherz sein soll. Zuerst wollte er sagen, dass es so war, doch dann verneinte er meine Frage und gestand mir noch einmal, dass er mich schon lieben würde, seit er neu an der Schule sei. Ich muss zugeben, es war blöd von mir, aber ich fand den Jungen echt süß und ein halbes Jahr ging es ja auch gut, aber irgendwie hat der Direktor davon Wind bekommen.“

„Und dann?“

„Tja, der Junge wurde für fünf Wochen der Schule verwiesen und ich wurde entlassen. Jeglicher Kontakt zu ihm ist mir untersagt.“

Schweigend legte sich Hiro auf sein Bett und starrte an die Decke. Was sollte er davon halten? Das sein Bruder schwul war, wusste er ja und dass er bei süßen Jungs nicht widerstehen konnte, aber er hätte wirklich nachdenken sollen.
Er drehte sich auf die Seite und sah seinen Bruder durchdringend an.

„Und, triffst du dich noch mit ihm?“

„Warum interessiert dich das?“, fragte Youichiru verwundert.

„Es interessiert mich halt.“

„Nein, ich hab ihn seitdem nicht mehr gesehen. Keine Ahnung, was er macht.“
„Hast du ihn eigentlich geliebt oder war es nur ein Zeitvertreib?“

„Einen Zeitvertreib würde ich es nicht nennen, denn ich hatte ihn wirklich gern und hab die Zeit mit ihm genossen. Aber ich hab nicht mit ihm geschlafen, wenn du das wissen wolltest.“, grinste der Ältere wieder.

„Das wollte ich überhaupt nicht wissen! Ist mir doch scheißegal, was du machst!“

Mit geröteten Wangen drehte Hiro sich wieder weg. Es war ihm peinlich, dass es genau das war, was er eigentlich wissen wollte. Allerdings schämte er sich auch, dass er im Geheimen geglaubt hatte, sein Bruder wäre nur auf Sex aus gewesen, denn so etwas tat er nie.

„Wie lange bleibst du?“, fragte Hiro, um die bedrückende Stille zu brechen.

„Keine Ahnung, vielleicht sollte ich mich noch mal an deiner Schule bewerben.“

„Bloß nicht, am Ende hab ich dich wieder am Hals und ein Haufen Mädchen geben mir wieder irgendwelche Liebesbriefchen. Nein danke, darauf kann ich verzichten!“

„Keine Sorge, war nur Spaß. Ich bleib ne Woche hier, Ma und Dad glauben, ich hätte solange Urlaub und in der Zeit, kannst du mir ja euren Neuen vorstellen. Vielleicht kann ich da ja was für dich drehen, wenn du so schüchtern bist.“, lachte der Schwarzhaarige.

„YOUICHIRU!!“

~*~*~*~*~*~

Es war ein sonniger Tag, auch wenn einzelne Wolken den Himmel verdeckten. Wartend standen Himeko und Takashi am Schultor, als Masaki kam und mit der Sonne um die Wette strahlte.

„Guten Morgen, Himeko-san! Guten Morgen, Takashi-san!“

„Morgen, Chibi!“

„Guten Morgen, Masaki!“

Suchend sah sich der kleine Junge um, schien aber nicht das zu finden, was er gehofft hatte.

„Nanu, wo ist denn Hiro-san?“

„Keine Ahnung, aber der wird schon noch kommen, ehe die Stunde beginnt.“, versicherte Takashi.


Sie redeten noch etwas und der Chibi schielte immer wieder auf die Tasche, die Himeko in der Hand hielt und in der der Kleine seinen geliebten Schokoladenkuchen vermutete. Wie freute er sich schon darauf , ihn zu probieren und Kôji würde er ein Stück aufheben, schließlich hatte er mit der Schokoglasur recht gehabt.
Ein lauter Motor ließ sich die drei umdrehen, als ein sehr teuer aussehendes Motorrad vor dem Eingang stehen blieb. Der Fahrer trug einen Lederanzug, während sein Beifahrer, der hinter ihm saß und seine Arme um den Bauch des größeren Mannes geschlungen hatte, dieselbe Schuluniform trug wie sie. Fahrig zog er den Helm von seinem Kopf und ein verwuschelter brauner Schopf kam zum Vorschein.

„Hiro-san!?“, stieß Masaki überrascht aus.

Etwas in seinem Herzen zog sich schmerzlich zusammen, als er sah, wie dicht Hiro an dem anderen Mann saß. Wer war das und warum kannte Masaki ihn nicht?

„Oh, morgen, Chibi!“, grinste Hiro etwas dämlich.

„Sag mal, willst du mich denn nicht vorstellen?“, fragte der Mann, der mittlerweile auch seinen Helm abgenommen hatte und pechschwarze kurze Haare kamen zum Vorschein.

Takashi und Himeko hatten den Fremden auch nach zwei Jahren gleich wieder erkannt.

„Ich würd’s gern vermeiden.“, seufzte Hiro.

„Chibi, das ist mein Bruder Youichiru. Youichiru, das ist Masaki Saehara.“

Freundlich sah Youichiru Masaki an und lächelte freundlich. Er war also nur Hiros Bruder. Masakis Herz war gleich viel leichter als zuvor.

„So, du bist also das kleine Genie. Hattest Recht Hiro, er ist wirklich niedlich.“, zwinkerte Youichiru seinem Bruder zu.

Sowohl Hiro als auch Masaki wurden rot, während die anderen drei sich das Lachen verkneifen mussten.
Masaki fand seine Schuhe plötzlich hochinteressant und schielte kurz zu Hiro hoch, der auch nicht so recht wusste, was er auf diese Bemerkung erwidern sollte. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl machte sich in Masaki breit. Hiro fand ihn also niedlich.

Hiro war sauer auf seinen Bruder und auf sich selbst. Er hatte doch geahnt, dass es ein Fehler gewesen war sich von Youichiru zur Schule fahren zu lassen. Andererseits hatte es sich auch gelohnt, denn so verlegen wie Masaki auf den Boden sah, sah sein Chibi richtig süß und niedlich aus.
Die Schulglocke läutet und im selben Moment war die Röte aus Masakis Gesicht gewichen, was Hiro irgendwie sehr schade fand.
Youichiru verabschiedete sich von allen, ehe er wieder auf seine Maschine stieg und mit quietschenden Reifen davon fuhr.

~*~*~*~*~*~

Die Stunden verliefen wie immer recht langweilig und gingen nur langsam zu Ende, denn alle fieberten schon der Hauswirtschaftsstunde entgegen, in der sie sich mal richtig den Bauch voll schlagen konnten.

Zu Masakis Bedauern waren auch Risa und ihr Bruder Rei auf die Idee gekommen, einen Schokoladenkuchen zu backen. Doch dadurch, dass es nun zwei der leckeren Kuchen gab, blieb wirklich noch etwas übrig. Sie aßen die ganze Stunde und jeder stellte sein Rezept vor und als es dann zur Pause klingelte, war der Chibi verschwunden und mit ihm ein Stück des Kuchens.

~*~*~*~*~*~


Vorsichtig lugte Masaki in das Zimmer der 11d und sah sich nach einem strohblonden Schopf um. Er wurde fündig und ging noch einmal tief luftholend auf Kôji zu, der sich mit seinem Klassenkameraden unterhielt.

„Kôji-san, hast du kurz Zeit?“, fragte Masaki schüchtern.

Überrascht drehte sich der Ältere um und lächelte dann freundlich.

„Natürlich.“

„Ich wollt mich bedanken...wegen der Glasur und deswegen hab ich dir ein Stück vom Kuchen aufgehoben. Ich hoffe, er schmeckt dir.“

Masaki überreichte Kôji einen Teller und ging dann wieder.

Immer noch etwas fassungslos sah Kôji dem Knirps nach und dann warf er einen Blick auf den
Kuchen. Der Zwerg hatte daran gedacht, während er es vergessen hatte. Und nur deswegen bedankte er sich bei ihm? Dieser Junge war wirklich seltsam und schrecklich naiv.
Obwohl Masaki nicht leiden konnte, aß er das Stück und musste zugeben, dass er wirklich gut schmeckte und auf merkwürdige Art und Weise versüßte diese Geste ihm den Tag.

~*~*~*~*~*~

„He, Chibi, wo warst du?“, fragte Hiro, als sein kleiner Freund das Klassenzimmer betrat.

„Ich hab Kôji-san ein Stück vom Kuchen gebracht.“

„Du hast was?“

Ungläubig sah Hiro ihn an. Das konnte doch nicht war sein, hatte Kôji den Kleinen etwa schon so eingelullt, dass er ihm jetzt schon etwas brachte, das nichts mit ihm zutun hatte?

„Du hast mich schon verstanden. Kôji hatte für mich die Glasur ausgesucht und da der Kuchen ohne die richtige Glasur nicht wirklich schmeckt, musste ich mich doch bei ihm bedanken.“, lächelte Masaki und setzte sich wieder auf seinen Platz.

Hiro konnte es immer noch nicht glauben. Sein Chibi hatte ihm kein Stück angeboten. Gut, er hätte es eh nicht genommen, weil er Schokolade nicht mochte, aber deswegen muss er ihn ja nicht gleich vergessen. Er musste zugeben, dass er enttäuscht und gekränkt war und sich fragte, ob Masaki Kôji mittlerweile nicht sogar mehr mochte als ihn.

~*~*~*~*~*~

Endlich war die Schule zu Ende. Gerade als die vier Freunde das Schulgebäude verließen, kam ein kleiner Junge auf sie zugerannt.

„Onii-chan! Onii-chan!“, rief er.

So schnell konnten sie gar nicht sehen, wie der kleine Wuschelkopf in Takashis Armen lag und ihn fest drückte.
Masaki war nicht der Einzige, der den grünhaarigen Jungen verwundert ansah.

„Ojiro-chan, was machst du denn hier?“, fragte Takashi verwundert.

Gespielt beleidigt sah Ojiro zu seinem großen Bruder auf.

„Na, ich hab auf dich gewartet, wir wollten uns doch die neue XP-Box ansehen.“, sagte der kleine Junge und zog eine Schnute.

„Ach, wollten wir das?“

Verlegen kratzte sich Takashi am Kopf. Er hatte es eigentlich nicht vergessen, aber er hatte keine Lust. Jedoch konnte er seinem Brüderchen nur schwer etwas abschlagen, besonders, wenn er ihn mit seinen großen blauen Augen vorwurfsvoll ansah.

„Onii-chan...!“

Takashi wusste nicht so recht, was er sagen sollte, doch zum Glück nahm Masaki ihm das ab.

„Die neue XP-Box ist raus?“, fragte Masaki noch einmal ungläubig nach.

„Ja, schon seit zwei Wochen.“, verkündete Ojiro fröhlich.

„Wahnsinn, die würde ich mir gerne mal ansehen.“

„Willst du vielleicht mitkommen, Chibi?“, fragte Takashi.

Masaki konnte sein Glück nicht fassen, denn eigentlich kam er nur selten in die Stadt und konnte sich so die meisten neuen Spiele gar nicht ansehen.
Doch er hatte die Rechnung ohne Ojiro gemacht.

„Nein, ich will nicht, dass er mitkommt. WIR wollten doch zusammen gehen!“, protestierte der Kleinere.

„Ach was, einer mehr oder weniger ist doch egal.“, entgegnete sein großer Bruder.

„Ist es nicht! Ich will mit dir gehen und wenn er mitgeht, dann kümmerst du dich nicht um mich.“

Kleine Tränen bildeten sich in den traurigen Kinderaugen und wieder sah Ojiro seinen Bruder vorwurfsvoll an.
Völlig sprachlos sah dieser erst den Jungen und dann hilfesuchend die anderen an.

Hiro ergriff die Initiative, als er die traurigen Gesichter der beiden Chibis sah. Zum einen Ojiro, der mit seinem Bruder allein sein wollte, und zum anderen Masaki, der sich schon darauf gefreut hatte diese neue XP-Box zu sehen.
Er kniete sich zu dem kleinen Grünschopf und legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. Der Junge sah ihn trotzig an.

„Was hältst du davon, wenn ich mitkomme und Masaki ablenke und du so mit deinem Bruder alleine bist.“

Bei diesem Satz hellte sich das Gesicht des Kleinen wieder auf und er nickte heftig. Damit war es beschlossene Sache.

~*~*~*~*~*~

Resigniert standen Hiro und Takashi nebeneinander in dem Laden und beobachteten die zwei Kleinen, die schon seit einer Stunde vor der XP-Box standen und spielten.

„Es hat sich wirklich gelohnt, dass du mitgekommen bist, Hiro.“

„Jap, find ich auch. Ich muss unseren Chibi wirklich sehr ablenken.“

„Kaum zu glauben, wie sehr mein Bruder mich in Anspruch nimmt.“


Von diesem sehr sinnvollen Gespräch bekamen Masaki und Ojiro nichts mit. Sie waren so vernarrt in ihr Spiel, dass sie nichts mehr um sich herum wahr nahmen.

„Ojiro, lass mir doch mal Zeit mich zu wehren.“, bat Masaki.

„Nix da, keine Gnade, auch wenn ich dich gut leiden kann.“

„He ihr Knirpse, verschwindet, wir wollen jetzt rann.“

Überrascht sah Masaki neben sich zwei Jungen stehen, die größer und kräftiger waren als er und Ojiro. Gegen die konnten sie nichts machen.
Bereitwillig wollte Masaki von der Konsole weg treten und Platz machen, doch wurde er von Ojiro an der Schulter davon abgehalten, der die Jungen nur misstrauisch anfunkelt.

„Du bleibst hier, schließlich haben sie nicht Bitte gesagt.“


Anerkennend sah Hiro den kleinen Jungen an. Er und Takashi wollten sich erst einmal nicht einmischen.

„Dein Bruder hat Mut, das muss ich ihm lassen.“

„Ja, aber nur wenn ich dabei bin, ansonsten ist er eher etwas schüchterner.“

Hiro sah gerade, wie einer der beiden älteren Jungen Ojiro am Arm packte.

„Au!“, kam es von dem Grünhaarigen und damit war das Schicksal der Jungen besiegelt.

Sobald jemand seinem kleinen Bruder wehtat, würde Takashi diesem weh tun und so ging der 1,90 große Junge auf die Übeltäter zu. Hiro folgte ihm nur langsam, allerdings beschleunigte er seine Schritte, als der andere auch seinen Chibi grob am Arm packte.

Verwundert sah der Junge, der Ojiro im Griff hatte, auf den Kleinen, dessen Gesichtsausdruck von verängstigt auf freudestrahlend umgesprungen war.

„Onii-chan.“, sagte er leise.

Siegessicher drehte sich der Ältere um, in der Annahme einem gleich großen Jungen gegenüber zu stehen, doch sah er dann auf zwei verschränkte Arme und blickte nun selbst verängstigt hoch in wütende, Feuer speiende rote Augen.

„Lass meinen Bruder los!“, befahl Takashi kalt.

Sofort wurde seinem Wunsch nachgekommen und auch der andere ließ Masaki los, als er einen ebenso wütenden Hiro vor sich erblickte. Die beiden Halbstarken machten sich schnell vom Acker, war auch besser für sie.

Den schmerzenden Oberarm reibend richtete sich Ojiro an seinen großen Bruder.

„Ich möchte nach Hause, Onii-chan!“


~*~*~*~*~*~


Vor dem Laden verabschiedet sich Ojiro von den andern zwei und nannte Masaki einfach mal ‚Masaki-chan’. Anscheinend hatte der Kleine schon für sich beschlossen, dass der Andere jetzt zu seinen Freunden zählte. Dann ging er an der Hand von Takashi die Straße runter und redete ohne Punkt und Komma.

„Na was ist, wollen wir auch langsam gehen?“, fragte Hiro sanft.

Der Kleine hatte immer noch einen winzigen Schock, denn er schien es nicht gewohnt zu sein, dass es auch Menschen gab, die handgreiflich wurden. Kein Wunder, dass er ihm nicht glauben würde, dass Kôji ihn nur benutzte.
Stumm nickte der Chibi und ergriff Hiros Hand. Der war darüber verwundert und sah seinen Kleinen etwas unsicher an.

„Entschuldige, ich wollte nicht...“, stotterte Masaki nervös.

Hiro spürte, wie er sich wieder von ihm lösen wollte und instinktiv festigte der Ältere seinen Griff um die schmale, kindliche Hand.

„Ist schon gut.“, lächelte er und bekam ein ebenso ehrliches Lächeln zurück.

So gingen Masaki und Hiro Hand in Hand die Straße entlang. Niemand sah sie seltsam an, wenn, dann lächelten sie bloß und glaubten ein Geschwisterpaar käme ihnen entgegen.



13. Wie klärt man(n) einen Chibi auf?

Summend ging Masaki die Gänge der Schule entlang. Obwohl er jetzt schon fast einen Monat hier war, wurde immer noch über ihn getuschelt. Anfangs ging es ihm ganz schön auf die Nerven, wenn die Mädchen ihn als niedlich bezeichneten, doch seitdem er wusste, dass sogar Hiro und dessen Bruder das fanden, störte es ihn nicht mehr. Er fragte sich zwar warum, aber letztlich war es ihm dann doch egal.

Eine helle Stimme halte auf dem Gang wieder, die Masakis Namen rief.

„Saehara, warte bitte!“

Verwundert drehte der Junge sich um und sah ein blauhaariges Mädchen auf sich zukommen, das kurz vor ihm stoppte.

„Du bist doch mit Maruyama-sempai befreundet, oder?“, fragte sie.

„Ja, warum?“

„Na ja, könntest du ihm bitte diesen Brief geben, aber du darfst ihn nicht lesen und du darfst ihm auch nicht sagen, wie ich aussehe.“

„Gut, und wie heißt du?!“

„Ist nicht so wichtig, gib ihm einfach nur den Brief!“

„OK!“

Lächelnd bedankte sich das Mädchen noch einmal bei ihm und lief dann davon. Verwunderte betrachtete Masaki nun den leicht rosafarbenen Briefumschlag, auf dessen Rückseite ein Herz einem förmlich ins Auge sprang. Anscheinend ein Liebesbrief. Masaki hätte zu gerne gewusst, was darin stand, aber das gehörte sich nicht, also würde er ihn Hiro geben, auch wenn ihm bei dieser Vorstellung etwas unwohl zumute war.


~*~*~*~*~*~

Gelassen saß Hiro an seinem Platz und las einen One Piece Manga als ihm ein rosafarbener Brief vor die Nase gehalten wurde. Überrascht sah er in Masakis lächelndes Gesicht.

„Der ist für dich!“, sagte der Chibi schlicht und setzte sich neben ihn.

Mit großen Augen sah Hiro erst den Brief und dann seinen Kleinen an, der ungestört etwas aus seiner Tasche wühlte. Das war doch unmöglich, dass er ihm einen Liebesbrief geschrieben hatte, das wusste Hiro genau! Trotzdem fragte er lieber noch einmal nach.

„Ist der von dir, Chibi?“

Masaki fing an zu kichern, als er verstanden hatte, was sein Freund dachte. Das war doch lächerlich, er würde Hiro nie einen Brief schreiben und schon gar nicht einen Liebesbrief!

„So ein Quatsch! Der ist natürlich von einem Mädchen oder hättest du lieber einen von mir?“, fragte er verschmitzt.

Augenblicklich wurde Hiro etwas rot. So etwas hatte er seinem Chibi gar nicht zugetraut, dass der auch mal austeilen konnte...
„Nein, will ich nicht! Vergiss, dass ich gefragt habe, war blöd von mir.“

„Ich weiß!“, schmunzelte Masaki.

Seufzend wendete sich Hiro von dem Kleineren ab. Es hatte keinen Sinn, sich mit ihm zu streiten.
Schnell überflog er den Brief, denn eigentlich konnte er so etwas nicht leiden. Wie schon vermutet stand kein Name dabei, aber das Mädchen beteuerte, dass sie ihn lieben und irgendwann den Mut finden würde, ihm das auch ins Gesicht zu sagen. Und was sollte Hiro jetzt damit anfangen, den Brief behalten oder einfach wegschmeißen? Es interessierte ihn ja schon, wer das Mädchen war, denn ihr Schreiben klang sehr nett. Vielleicht war sie ja genau die Richtige, die ihn von Masaki ablenken könnte?
Hoffnungsvoll sah er den Kleineren an.

„Chibi, wie hieß denn das Mädchen?“

„Hat sie nicht gesagt.“

„Und wie sah sie aus?“

„Das sag ich nicht.“

„Ach komm schon, Chibi, bitte!“


Hiro sah ihn bettelnd an. Die ganze Art, wie sich Hiro benahm, um zu erfahren, wer diesen Liebesbrief geschrieben hatte, versetzte Masaki einen Stich ins Herz und es tat weh, verdammt weh. Er wusste nicht, warum es so war, aber er würde seinem Freund nicht verraten, wie dieses Mädchen aussah und er bereute es, Hiro den Brief gegeben zu haben.

„Nein, ich hab’s ihr versprochen.“

„Ach bitte, bitte, bitte, bitte!“

„Hör auf damit, das ist ja albern.“

Grinsend stand Masaki auf.

„Hab noch was vergessen, ich komme gleich wieder.“, sagte er und ließ Hiro einfach sitzen.


~*~*~*~*~*~

Masaki hatte sich noch schnell die Erlaubnis des Musiklehrers geholt, dass er das Musikzimmer benutzen konnte, wann er wollte. Auf dem Gang unterhielten sich zwei Mädchen. Erst wollte der Kleine sie nicht beachten, doch als sein Name fiel, horchte er auf.

„Saehara ist ein richtiger, kleiner Uke.“
„Ja, er ist ja so niedlich.“

„Und weißt du, wer der passende Seme wäre?“

„Ja, Furuhata-sempai!”

“Stimmt, der ist auch nicht schlecht, aber ich finde Maruyama-sempai passt besser oder Honda-sempai.“

„Ach, eigentlich kann man sich den Kleinen mit allen vorstellen.“

Die Mädchen fingen an zu kichern und Masaki wurde das zu blöd. Trotzdem fragte er sich, über was die eigentlich geredet hatten, denn er hatte keine Ahnung, was ein Uke oder ein Seme war und was das alles mit seinen Freunden zu tun hatte.

~*~*~*~*~*~

Noch immer saß Hiro auf seinem Platz und grübelte. Wollte er das Mädchen denn wirklich kennen lernen? Ihn reizte es ja schon zu wissen, wer seine heimliche Verehrerin war, obwohl er wusste, dass noch mehr als nur die eine ihn toll fanden. Ob es ein Mädchen aus seiner Klasse war? Mann, warum verriet sein Chibi ihm denn nicht einfach, wer sie war...

*Halt, hör auf immer ‚mein Chibi’ zudenken, da kommst du ja nie auf andere Gedanken!*

Hiro erschreckte etwas, als Masakis Gesicht nahe vor seinem auftauchte. Der Kleine hatte sich einen Stuhl genommen und stützte nun seine Ellenbogen auf Hiros Tisch, während er ihn neugierig ansah.

„Was ist?“, fragte Hiro unsicher.

„Was ist ein Uke?“

„Hä?“

„Und was ist ein Seme?“

„Äh?“

Hiros Gesicht war ein einziges Fragezeichen. Was wollte der Kleine von ihm wissen?

„Sag das noch mal!“

„Na schön. Was ist ein Uke?“

„Wo...woher hast du denn das?“

„Ein paar Mädchen haben gemeint, ich sei ein richtiger, kleiner Uke und jetzt will ich wissen, was das ist!“

„Und, was haben sie noch gesagt?“, fragte der Ältere vorsichtig.

„Sie meinten, das der passende Seme du, Takashi-san oder Kôji-san wären.“

Das Gesicht von Hiro verfinsterte sich. Nicht genug, dass die Mädchen Shonen-ai Mangas lasen und Charaktere aus Animes zusammenbrachten, nein, jetzt mussten sie also auch noch die echten Jungs zu Schwuchteln machen! Gut, der Begriff war nicht gerade nett, zumal er ja eine in der Familie hatte, aber es passte einfach zu seiner jetzigen Stimmung. Was sollte er denn jetzt machen, erklären konnte er es dem Kleinen einfach nicht, das brachte er nicht fertig, aber der würde auch nicht locker lassen, bis er es ihm gesagt hatte...Eine verzwickte Situation.
Plötzlich hatte Hiro eine Idee.

„Pass auf, Chibi! Ich erkläre dir, was Uke und Seme ist, wenn du mir verrätst, wie das Mädchen aussieht.“


Masaki grummelte. Warum musste sein Freund denn solche Bedingungen stellen? Er hatte dem Mädchen versprochen, nichts zu sagen und er wollte auch nichts sagen, aber ihn interessierte es schon, warum er ein Uke war und was das bedeutete.
Ergeben stimmte er zu.

„Ok, einverstanden. Also, was ist ein Uke?“

„Das erzähl ich dir lieber in Ruhe. Komm doch einfach nach der Schule mit mir nach Hause, dann können wir uns ungestört unterhalten. Was meinst du?“

„Ist gut, aber ich müsste meine Eltern anrufen, dass ich später komme.“

„Kein Problem, sofern du die Nummer im Kopf hast?“, grinste Hiro.

„Klar hab ich die im Kopf. Wenn’s um Zahlen geht, kann mir niemand was vormachen“

„Na, dann ist ja gut.“

Es klingelte wieder zur Stunde und alle setzten sich wieder an ihre Plätze. Nur noch drei Stunden, dann hatten sie auch diesen Schultag hinter sich.

~*~*~*~*~*~


Kaum das Hiro aufgeschlossen hatte, zeigte er Masaki, wo das Telefon stand, damit er seine Eltern anrufen konnte. Seine Mutter hatte nichts dagegen, ließ sich aber trotzdem noch die Nummer von Hiro geben, falls seine Eltern ihren Sohn abholen sollten oder etwas dazwischen kam.
Als der Kleinere dann aufgelegt hatte, sah er sich neugierig um. Zum einen, weil er Hiro suchte und zum anderen, weil er noch nie ein so schön eingerichtetes Haus gesehen hatte. Er war nicht neidisch, dass er nur in einer Wohnung lebte und dort nicht so viel Platz war, viel mehr bewunderte er, wie vielfältig jeder Raum eingerichtet war. Davon konnte man ausgehen, dass die Leute, die hier wohnten, sehr flexibel waren und irgendwie stimmte Masaki das sehr fröhlich.
Eine Hand legte sich leicht auf die schmale Schulter und ließ den Kleinen etwas zusammenzucken.

„Brauchst doch keine Angst zu haben, Chibi.“, sagte Hiro und auch wenn Masaki sein Gesicht nicht sah, wusste er, dass der andere ihn freundlich anlächelte.

„Ihr habt es schön hier.“, flüsterte Masaki ehrfürchtig.

„Wenn du meinst. Lass uns hoch in mein Zimmer gehen.“

„Ist gut.“

Masaki drehte sich um und lief dem anderen hinterher.

~*~*~*~*~*~

Staunend betrat der Chibi Hiros Reich und sah sich mit leuchtenden Augen um. Es war wirklich niedlich, wie er versuchte, sich jedes Detail von Hiros Zimmer mit nur einem Blick einzuprägen.
„Setz dich, wohin du willst!“, meinte Hiro freundlich.

Zuerst sah der Kleinere auf das Bett und dann schüchtern zu Hiro.

„Darf ich?“

„Ich hab doch gesagt: Du kannst dich setzen, wohin du willst.“

Masakis Augen leuchteten wieder und ohne weiter darüber nachzudenken, hüpfte er auf das Bett und ließ sich nach hinten fallen.

„Ist das schön weich.“, seufzte der Kleine.

Schmunzelnd betrachtete Hiro seinen Freund noch etwas, doch dann wendete er sich wieder der Tür zu.

„Ich hole uns noch was zu trinken. Rühr dich nicht vom Fleck.“

„Nie mehr“, entgegnete Masaki fröhlich.

Was er allerdings mit diesem Satz bei Hiro auslöste, sah er nicht, denn der errötete bei dem Gedanken, dass sein Chibi wirklich für immer in seinem Bett liegen würde.

~*~*~*~*~*~

Hiro ging schnellen Schrittes, aber nicht in die Küche, sondern ins Gästezimmer, wo sein Bruder hauste. Vorsichtig klopfte er an, nicht dass er seinen Bruder ‚so’ überraschte wie vor vier Jahren. Der Anblick von Youichiru, der über einem anderen Jungen lag, hatte ihm einen ganz schönen Schock versetzt und er hatte eine Woche nicht mit ihm geredet, weil er vor ihm Angst gehabt hatte. Im Nachhinein war es Quatsch gewesen, doch als 13-jähriger wusste man das noch nicht.
Ein knurrendes „Herein!“ ertönte und Hiro befürchtete, er hätte seinen Bruder bei etwas Wichtigem gestört. Trotzdem drückte er die Klinke herunter und war sehr froh, dass sein Bruder allein im Bett lag und grummelte.

„Was ist, warum weckst du mich?“, fragte Youichiru böse, doch als er Hiros bedrücktes Gesicht sah, verschwand der böse Blick.

„Ich brauch deine Hilfe.“, sagte Hiro leise.

„So, wobei denn? Brauchst du Nachhilfe in Sachen Sex?“

Hiros Gesicht wurde flammendrot vor Wut und vor Verlegenheit.

„Hör auf mit dem Scheiß, ich mein es ernst!“

„Ist ja schon gut, Kleiner! Also, was ist los?“

Hiro ging auf seinen Bruder zu und setzte sich auf die Bettkante, sein Gesicht war immer noch leicht gerötet, aber die Röte verblasste allmählich.

„Ich hab ein Problem.“

„Das ist mir schon klar!“, meine Youichiru spöttisch, aber Hiro ging nicht darauf ein.
Der Ältere wunderte sich darüber. Normalerweise kam es immer zu kleinen Stänkereien, aber dieses Mal schien es Hiro wirklich sehr wichtig zusein.
„Masaki sitzt in meinem Zimmer.“

„Und wo ist da das Problem?“

„Ich soll ihm erklären, was Uke und Seme sind.“

„Du sollst was?“

Niedergeschlagen vergrub Hiro sein Gesicht in seine Hände, während Youichiru beinahe aus dem Bett fiel. Dabei hatte er den Chibi für so unschuldig gehalten. Wo hatte er nur diese Sachen her?
Als er seinen Bruder dies fragte, erzählte er ihm das, was Masaki ihm erzählt hatte und auch, dass der Kleine nicht locker lassen würde, bis er endlich wusste, was ein Uke und ein Seme waren.

„Hui“, seufzte Youichiru. „Ich hätte nie gedacht, das Mädchen so über ihre Klassenkameraden denken.“

„Na, ich auch nicht.“

„Allerdings versteh ich immer noch nicht, warum du es Masaki nicht erklären willst oder weißt du selber nicht, was das ist?“

„Natürlich weiß ich das, aber ich will ihm keine Angst machen.“

„Ach, aber ich soll ihm Angst machen?“

„Würdest du das denn tun?“, fragte Hiro hoffnungsvoll.

„Hä, wolltest du mich denn nicht fragen, ob ich es ihm erkläre?“

„Nö, eigentlich wollte ich nur einen Rat von dir, aber deine Idee ist besser!“

„Vergiss es, da mach ich nicht mit.“

Demonstrativ verschränkte Youichiru seine Arme vor der Brust, während Hiro ihn flehend ansah.

„Ach komm schon, bitte, Onii-chan!“

„Nenn mich nicht so, nur um mich rumzukriegen!“

„Du bist gemein!“, schmollte Hiro.

Er hatte diese Methode schon seit ein paar Jahren nicht mehr angewandt, um seinen Bruder von etwas zu überzeugen, weil es ihm selbst peinlich war. Aber harte Zeiten verlangten nun einmal harte Maßnahmen und Hiro wusste, dass Youichiru immer noch auf das bockige Kind ansprang, dass seinen Bruder nicht mehr lieb hatte.
Stöhnend richtete sich dieser auf und streckte sich kräftig, ehe er seinen kleinen Bruder angrinste.

„Na schön, ich mach es, aber nur unter einer Bedingung.“

„War ja klar! Und die wäre?“

„Gesteh dir endlich ein, dass du dich in den Kleinen verknallt hast.“

„HAB ICH ABER NICHT!“

„Schon gut, du wirst es noch merken und nun geh zu deinem Liebling, er wird sich schon einsam fühlen.“

Mürrisch stand Hiro auf und schlug die Tür kräftig zu, um seinem Bruder zu zeigen, dass er sich den letzten Satz hätte sparen können.

~*~*~*~*~*~


„Wo warst du denn solange, Hiro-san?“, fragte der Chibi gleich, als der Ältere den Raum betrat.

„Tut mir leid, aber meine Mutter hatte angerufen und mich zugelabert.“, log er, aber so richtig wohl in seiner Haut fühlte er sich nicht dabei.

Er setzte sich auf seinen Schreibtischstuhl, der gegenüber vom Bett stand, sodass er Masaki immer im Auge hatte.

Plötzlich ging die Zimmertür auf und Youichiru kam fertig angezogen zu den beiden.

„Oh, hallo, Maruyama-san!“, begrüßte der Kleinste den Bruder seines Freundes.

„Ach, lass doch das Maruyama-san und nenn mich einfach Youichiru!“

Er lehnte sich gegen den Schrank, der neben Hiros Schreibtisch stand.

„OK, dann Youichiru-san!“

Verwundert sah Youichiru den Chibi an, ehe er sich zu seinem Bruder runter beugte und ihm etwas ins Ohr flüsterte.

„Sag mal, ist der immer so?“

Ein Nicken erhielt er als Antwort, doch ehe er weiter darüber nachdenken konnte, überraschte ihn Masaki wieder.

„Erklärst du mir jetzt, was ein Uke ist, Hiro-san?“

„Ich nicht, aber er!“

Hiro zeigte gleichgültig auf seinen Bruder, doch hoffte er, dass dieser es dem Kleinen schonend beibringen konnte.


Youichiru räusperte sich kurz und beschloss dann, sich auch auf das Bett zu setzen. Neugierig sah der Chibi ihn an und wartete, dass er endlich anfangen würde.

„Du bist doch aufgeklärt, oder Masaki?“

Youichiru musste diese Frage einfach stellen, denn der Kleine wirkte so naiv, als hätte er von nichts eine Ahnung.

„In welcher Hinsicht?“

„Wie die Babys auf die Welt kommen.“

„Ja, dass weiß ich.“

„Dann weißt du auch sicher wie das geht?“

„Jaaa...“

Masaki verstand nicht ganz, worauf der Ältere hinaus wollte.

„Nun, Tatsache ist, dass das nicht nur Mann und Frau tun.“

„Hä?“

„Na ja, ...also...es kann auch passieren, dass zwei Männer mit einander...schlafen!“

Perplex, sah der Kleine den anderen an. Das hatte er nicht gewusst, aber warum sagte Youichiru ihm das?

„Und was hat das mit Uke und Seme zu tun?“

„Darauf komm ich ja noch. Uke ist der jenige, der den passiven Teil übernimmt und Seme der, der halt aktiv handelt. Verstanden?“

Prüfend betrachtete Youichiru den Kleinen, der ihn wie ein Auto ansah. Unweigerlich musste er seufzen. Dabei hatte er sich so eine Mühe gegeben, es einiger Maßen ordentlich zu erklären.

„Du hast nichts von dem verstanden, was ich gesagt habe!“

„Doch, ich hab verstanden, dass auch Männer zusammen Sex haben, aber das mit aktiv und passiv kapier ich nicht!“

„Ok, versuchen wir es anders. Es gibt da etwas, das nennt sich Shonen-ai.“

„Jungen-Liebe?“

„Genau, und dazu gibt es auch Mangas. Darin übernimmt der Uke meist den Part der Frau. Das heißt, er ist oft niedlich gezeichnet und hat große Augen. Manchmal ist es auch ein schüchterner und naiver Charakter. Er ist der jenige, der beim Sex unten liegt. Der Seme dagegen ist meist das Gegenteil. Extrovertiert und sehr von sich überzeugt, trotzdem sehr freundlich. Er ist der, der beim Sex oben liegt. Hast du’s jetzt verstanden?“

„Ja, schon, aber was hat das mit mir zu tun und mit Hiro-san?“

„Ok, sagen wir einfach, die Mädchen bezeichnen dich als Uke, weil du sehr niedlich für einen Jungen bist und Hiro als Seme weil....weil er oft mit dir zusammen ist und es so aussieht, als würde er dich beschützen.“

Hoffentlich reichte das dem Kleinen als Antwort und wenn nicht, dann müsste er ihm wohl oder übel einen Shonen-ai Manga vorlegen, dann konnte er sehen, wie es gemeint war und würde wahrscheinlich den Schock seines Lebens bekommen, genauso, wie Hiro ihn bekommen hatte.

„Darf ich dich noch was fragen?“, riss ihn Masakis Stimme aus seinen Gedanken.
„Also...wie machen Männer das denn? Ich meine, dass geht doch nicht so, wie mit einer Frau.“

Hiro lief knallrot an, das konnte Youichiru sehen, während Masaki ihn zwar vorsichtig, aber sehr interessiert ansah.

„Willst du das wirklich wissen?“

„Ja.“

„Gut, auf deine Verantwortung. Sie benutzen einfach die andere Öffnung.“

„Aber tut das denn nicht weh?“

Anscheinend hatte Masaki sofort verstanden, was gemeint war und wirkte überhaupt nicht angeekelt, eher interessiert oder besser neugierig, schließlich eröffnete Youichiru ihm etwas, dass er noch nicht wusste.

„Ja es tut weh, aber es vergeht und macht einem viel schöneren Gefühl Platz.“

„Aha. Äm, Youichiru-san, woher weißt du das alles?“

„Nun, ich bin selber schwul.“

„So nennt man das also.“

„Ja, ekelst du dich jetzt vor mir?“

Diese Frage war sehr wichtig, denn würde Masaki sie mit ja beantworten, dann hatte Hiro keine Chance.

„Nein, warum, ich kann mir das zwar immer noch nicht vorstellen, aber deswegen bist du ja nicht anders als bisher.“

„Das hast du nett gesagt, Kleiner.“

Masaki errötete etwas aufgrund des Lobes.
Youichiru beschloss zu gehen, seine Aufgabe war erfüllt und er hielt es für besser, die beiden jetzt alleine zu lassen.

~*~*~*~*~*~


„Bist du jetzt zufrieden?“, fragte Hiro freundlich und unterbrach damit die Stille, die seit Youichirus Abgang im Raum herrschte.

„Ja.“

„Gut, dann sag mir jetzt, wie dieses Mädchen aussieht.“

Schweigend stand Masaki auf und ging auf Hiro zu. Ohne weiter zu fragen, setzte er sich einfach auf seinen Schoß und schmiegte sich an ihn, sah ihn dabei aber nicht an.

„Das darf ich nicht sagen, ich hab’s versprochen.“

„Du hast mir aber auch versprochen, es mir zu erzählen.“

„Warum willst du das unbedingt wissen, reichen dir Takashi, Himeko und ich nicht mehr?“

Bei seinen Worten drückte sich der Chibi immer mehr an den Älteren, wobei seine Haare in Hiros Halsbeuge kitzelten.

„Aber Chibi, was redest du denn da?“

Hiro verstand gar nichts mehr. Warum war sein Kleiner auf einmal so traurig und klang fast verbittert?

„Entschuldige, ich rede Unsinn, aber...aber ich vermisse dich einfach so!“

„Was?“

„Es war so schön, als du neben mir gelegen hast, da fühlte ich mich wohl und meine Alpträume waren verschwunden, aber jetzt ...jetzt fühle ich mich immer allein, wenn ich aufwache und nicht mal meine Eltern können die Träume verschwinden lassen.“

Ganz leise fing der Chibi an zu schluchzen und krallte sich in Hiros Hemd. Dieser wusste nicht, was er sagen oder machen sollte. Was war denn nur mit seinem Freund los? Warum benahm er sich plötzlich so seltsam und warum ließen seine Worte Hiros Herz höher schlagen?
Behutsam legte er dem Kleineren einen Arm um die Taille, damit er nicht runterrutschte und mit der freien Hand streichelte er ihm beruhigend über den Rücken.

„Shh, ist schon gut Chibi. Ich frag nicht mehr.“

„Ich hab dich lieb, Hiro-san“, nuschelte Masaki in Hiros Halsbeuge.

„Ich hab dich auch sehr lieb, Masaki.“

Erstaunt sahen die verweinten Augen in Hiros und schienen nach etwas zu suchen.

„Wirklich?“

„Ja, wirklich.“

„Hast du mich deswegen auch im Kino geküsst?“

Hiro stockte. Erinnerte sich Masaki also doch noch an seinen Ausrutscher...
Betrübt senkte Hiro den Kopf, er konnte nicht ihn diese schönen Augen sehen, ohne sich zu schämen.

„Das war ein Versehen und ich verspreche dir, dass es nie wieder vorkommt.“

„Schade, es war nämlich sehr schön“, flüsterte der Chibi und vergrub sein Gesicht wieder in Hiros Hemd.

„Meinst du das ernst?“, fragte Hiro ungläubig.

Ein stummes Nicken folgte und der Kleinere drückte sich noch mehr an Hiro, gerade so, als wolle er in ihn hineinkriechen.


Hiro erhob sich plötzlich und automatisch schlang Masaki seine Arme um Hiros Hals und seine Beine um Hiros Hüfte. Der hielt ihn immer noch fest, ehe er sich mit ihm auf das Bett legte. Als Masaki spürte, dass er sicher auf etwas lag, ließ er Hiro wieder los und der lächelte ihn einfach nur an.

„Du solltest etwas schlafen, der Tag war lang.“

„Aber, ich muss doch nach Hause!“

„Keine Sorge, ich wecke dich rechtzeitig.“

Damit gab sich Masaki zufrieden und kuschelte sich wieder an seinen Freund. Hiro roch einfach zu gut, auch wenn er nicht wusste, wonach, er würde ihn unter Tausenden wieder erkennen.


~*~*~*~*~*~

Hiro weckte Masaki nicht, als es Zeit wurde. Zu friedlich lag der kleine Körper neben ihm und atmete ruhig und gleichmäßig. Er währe ein Rüpel, wenn er diesen süßen Schlaf jetzt unterbrechen würde.
Kurz entschlossen stand Hiro vorsichtig auf und ging zum Telefon, um Masakis Eltern anzurufen. Die Nummer war noch gespeichert.

~Guten Abend, hier Saehara.~, meldete sich eine freundliche Frauenstimme.

„Guten Abend, Hiro Maruyama. Ich wollte sie nur fragen, ob Masaki vielleicht bei mir übernachten könnte. Er schläft gerade so friedlich und da wollte ich ihn nicht unbedingt wecken.“

~Er könnte schon, aber morgen ist doch wieder Schule!~

„Machen sie sich keine Sorgen, er bekommt alles, was er braucht und ich bringe ihn auch morgen nach der Schule gleich zu ihnen, damit sie sehen, dass es ihm gut geht.“

~Daran zweifle ich nicht. Von mir aus kann er da schlafen.~

„Danke, einen schönen Abend noch!“


~*~*~*~*~*~


„Ja, wünsche ich ihnen auch.“, damit legte Frau Saehara auf.

„Wer war es denn Liebling?“, fragte ihr Mann, als sie das Wohnzimmer betrat.

„Ein Schulfreund von Masaki. Er hat gefragt, ob Masaki bei ihm schlafen
darf.“

„Und warum hat der Junge nicht selber gefragt?“

„Er hat schon geschlafen.“

„So?“

„Mach dir keine Sorgen. Maruyama ist wirklich sehr nett und er würde unserem Sohn nichts tun, da bin ich mir sicher. Außerdem vertraut Masaki ihm, sonst wäre er nicht bei ihm eingeschlafen. Er schläft ja nicht mal bei deiner Mutter einfach ein, wenn er müde ist.“

„Du hast recht, unser Sohn hat eine gute Menschenkenntnis, auch wenn er recht naiv ist.“

~*~*~*~*~*~


Vorsichtig legte Hiro sich wieder zu Masaki und betrachtete ihn einfach nur. Plötzlich regte sich der Kleine und blinzelte ihn verschlafen an.

„Es ist bestimmt schon spät und ...gähn...ich muss noch nach Hause“, nuschelte er und rieb sich den Schlaf aus den Augen.

Das sah wirklich putzig aus. Behutsam drückte Hiro den Kleineren wieder auf die Matratze, als dieser aufstehen wollte.

„Brauchst du nicht. Ich hab deine Mutter angerufen und sie hat erlaubt, dass du hier übernachten kannst.“

„Was, aber das geht doch nicht?“

„Warum nicht?“

„Ich...ich will euch doch keine Umstände machen.“

„Machst du doch nicht“, lächelte Hiro. „Hast du Hunger?“

Masaki schüttelte den Kopf.

„Ich bin einfach nur müde.“

„Gut, dann solltest du dich besser umziehen, sonst ist deine Schuluniform morgen ganz zerknittert und das wollen wir ja nicht.“

Hiro stieg aus dem Bett und kramte in einer Schublade herum.

„Du kannst ein T-Shirt von mir haben. Soll ich dir noch einen Futon holen?“

„Nein, ich...ich möchte gerne bei dir schlafen.“

„In Ordnung, Chibi.“

~*~*~*~*~*~


Fertig umgezogen krabbelte Masaki unter die warme Decke zu Hiro.

„Stört es dich, wenn ich in Boxershorts schlafe?“, fragte dieser, als wollte er den Kleinen nicht verschrecken.

Masaki verneinte und schmiegte sich wieder an den wärmenden Körper des Älteren. Es war einfach ein beruhigendes Gefühl, den anderen zu spüren und seinem gleichmäßigen Herzschlag zu lauschen.

„Hiro-san?“

„Ja?“

„Würdest du mich noch mal küssen,... irgendwann?“

Hiro konnte hören, wie Masaki schon langsam ins Land der Träume abdriftete.

„Vielleicht,...“

*...wenn du das selbe fühlst wie ich.*

Beschützend schlang er die Arme um den zierlichen Körper, der sich auch bereitwillig näher ziehen ließ. Es dauerte nicht lange und beide waren eingeschlafen.


14. Masaki weiß fast alles


Verschlafen öffnete Hiro seine Augen und sah auf den Wecker, der auf seinem Nachttischschränkchen stand. Vier Uhr morgens, also viel zu früh, aber was hatte ihn geweckt?
Ganzleise hörte er ein Seufzen hinter sich und spürte eine kleine Hand, die auf seinem Oberkörper lag. Vorsichtig drehte sich der Brünette in der Umarmung und sah seinen noch schlafenden Chibi an. Der kuschelte sich gleich noch fester an den Älteren, als wäre er die rettende Boje im Meer.
Ganz sanft strich Hiro über die blasse Wange und ein zufriedenes Lächeln stahl sich auf die weichen Lippen Masakis. Soviel war gestern passiert und Hiro begriff es immer noch nicht ganz. Der Kleine hatte gesagt, dass er ihn lieb hätte, er den Kuss schön fand und er hatte Hiro gefragt, ob er noch einen bekommen würde. Sollte sich Hiro wirklich Hoffnungen machen, denn eines stand für ihn fest: so schnell, wie sein Herz jetzt schlug und seine Gefühle Purzelbäume schlugen, war es unumgänglich, dass er mehr für Masaki empfand, als bloße Freundschaft. Aber war das wirklich schon Liebe?
Hiros Hand war mittlerweile höher gewandert und strich durch die hellbraunen Haare, ehe sie über den schmalen Rücken fuhr und an der Hüfte liegen blieb. Glücklich mit sich und der Welt schloss Hiro wieder die Augen. Etwas Schlaf würde ihm noch gut tun und er wollte seinen kleinen Chibi um nichts in der Welt wecken.

~*~*~*~*~*~


Das liebliche Gezwitscher der Vögel drang an Masakis Ohr und die feinen Sonnenstrahlen, die auf die Bettdecke fielen, kitzelten ihn an der Nase. Grummelnd sah Masaki zu der weißen Decke über sich und schreckte plötzlich auf.
„Ich hab verschlafen!“

Erst jetzt registrierte er einen Arm, der um seine Taille lag und nahm eine Bewegung neben sich wahr. Erschrocken sah er die andere Person an.
„Was denn los, Chibi?“
„Hiro, was machst du denn in meinem Bett?“, fragte Masaki verwundert.
„Von wegen, dass ist mein Zimmer und nun leg dich wieder hin, wir haben noch ne Stunde.“

Demonstrativ zog der Ältere Masaki wieder zu sich und strich ihm durch die Haare.
„Kannst du dich denn nicht mehr erinnern?“, fragte er leise, hielt die Augen aber geschlossen.

„Doch, schon.“, gab Masaki als Antwort.

Eine Weile herrschte eine angenehme Stille in dem kleinen Raum.

„Du, Hiro-san?”

„Hm?“
„Ich kann nicht mehr schlafen.“
„Hast du’s denn schon probiert?“
„Ja.“
„Willst du aufstehen?“
„Nein.“
„Was willst du denn dann, Chibi?“, fragte Hiro grinsend und öffnete leicht ein Auge.

Masaki wurde etwas rot um die Nasenspitze, kuschelte sich an den anderen und nuschelte gegen dessen Brust.
„Weiß nicht.“
„Na, wenn du das nicht mal weißt, was soll ich da denn machen?“

Masaki grummelte. Er wusste das doch alles selber, also warum musste er ihn dann gleich am Morgen damit aufziehen?
Doch der Ärger verflog, als Hiro anfing, ihn sanft im Nacken zu kraulen und ein leises Seufzen entkam seinen Lippen. Ja, das war schon viel schöner. Er dachte darüber nach, was er ihm am Abend zuvor gesagt hatte und fühlte sich sehr schlecht deswegen. Aber Hiro hatte ihm gesagt, dass er ihn sehr lieb hatte und alleine diese Worte ließen sein kleines Herz höher schlagen. Noch nie hatte er einen so guten Freund wie Hiro gehabt, von dem er auch noch seinen ersten Kuss bekommen hatte. Ob er ihn wirklich noch mal küssen würde, wenn er ihn fragte?
Masaki fasste einen Entschluss.


Hiro kraulte zärtlich den schlanken Nacken und vernahm mit Genugtuung die leisen Laute des Kleineren. Er würde es tun, er würde den Jungen beschützen und auf ihn aufpassen, ganzgleich ob er seine Gefühle eines Tages erwidern würde oder nicht.
Verstohlen sahen ihn große, apfelgrüne Augen an und der kleine Mund fing an, sich zu bewegen.
„Sie hat lange, blaue Haare, zu einem Pferdeschwanz gebunden und da sie dich Sempai genannt hat, glaube ich, dass sie in die 10. Klasse geht. Mehr weiß ich auch nicht.“
„Das ist mir jetzt egal.“
„Hä, aber gestern wolltest du es doch noch unbedingt wissen?“
„Gestern ist gestern. Du, Takashi und Himeko ihr reicht mir völlig, mehr brauche ich wirklich nicht.“
„Echt? Ich hab gedacht, du wolltest sie kennen lernen?“
„Nein, ich war nur neugierig. Außerdem mag ich schon jemand anderen.“, lächelte Hiro verschmitzt.

Masaki sah Hiro mit großen Augen an.
„Wen?“
„Das sag ich nicht, das bleibt erst mal mein kleines Geheimnis.“
„Schade.“, schmollte Masaki, schmiegte sich aber trotzdem wieder an den starken Körper.

Es dauerte nicht lange und dem Kleinen waren wieder die Augen zugefallen. Nun war Hiro derjenige, der nicht mehr einschlafen konnte und so betrachtete er einfach das friedliche Gesicht seinen Chibis.

*Vielleicht sage ich dir irgendwann, wen ich wirklich mag.*

~*~*~*~*~*~

Glücklich an einem Brötchen kauend saß Masaki am Küchentisch der Maruyamas, während Heer Maruyama seinen jüngsten Sohn nur kritisch über die Zeitung hinweg musterte. Er war nicht gerade begeistert darüber gewesen, dass es sein Sohnemann nicht einmal für nötig gehalten hatte, ihnen zu sagen, dass sie einen Gast hatten. Zugegeben, der Kleine war recht umgänglich und freundlich, doch fragte sich der ältere Mann, ob Hiro wirklich nur freundschaftliche Gefühle für den wesentlich Jüngeren hegte und ob dieser es überhaupt verstehen würde?

Mehrmals bedankte sich Masaki bei Hiros Mutter für das Lunch-Paket und ging dann gemeinsam mit Hiro zur Schule.

~*~*~*~*~*~

Vor dem Schultor warteten schon Himeko und Takashi. Beide staunten nicht schlecht, als die beiden aus derselben Richtung auf sie zukamen.
„Na so was, wo habt ihr euch denn getroffen?“, fragte Himeko verwundert.
„Wir haben uns nicht getroffen, ich hab bei Hiro-san übernachtet.“, verkündete der Chibi fröhlich, ehe Hiro ihm den Mund hatte zuhalten können.
„Was? Nicht mal ich hab bei dir übernachten können, als wir zusammen waren.“, entrüstete sich Himeko.

Sie war etwas eifersüchtig auf Masaki, denn hätte sie diese Möglichkeit gehabt, dann wäre ihre Beziehung vielleicht erhalten geblieben.
Takashi seinerseits sah erst Hiro und dann den glücklichen Chibi an. Anscheinend war nichts passiert, aber es tat ihm auch gleich wieder Leid, überhaupt an so etwas gedacht zu haben. Niemals würde Hiro dem Kleinen wehtun, darauf würde er selbst sein Leben verwetten.

Verlegen kratzte sich Hiro am Kopf.
„Es hatte sich einfach so ergeben.“, gab er als Antwort.

Warum konnte sein Chibi nicht einmal seinen süßen Schnabel halten? Es freute ihn zwar, dass das den Kleinen anscheinend glücklich machte, aber er musste es ja nicht jedem auf die Nase binden. Wenn das die Runde machen würde, kämen Gerüchte auf und das wollte er Masaki nicht antun.

~*~*~*~*~*~

Zwei Monate waren seitdem vergangen und nichts, aber auch gar nichts hatte sich groß geändert. Youichiru hatte sein Eltern doch gestanden, dass sie ihn entlassen hatten. Den wahren Grund verschwieg er ihnen aber. Er hoffte, hier nun mehr Glück zu haben.

Sein Bruder Hiro passte derweilen auf wie ein Luchs, damit Kôji Masaki nicht zu nahe kam und unter Unmengen von Vorwänden ließ er seinen Chibi niemals allein und der hatte nie etwas dagegen. So strichen die Tage dahin. Doch einmal konnte Hiro es nicht verhindern, dass sich Masaki ohne ihn aus dem Staub machte.

Masaki schlenderte die Gänge entlang, auf dem Weg in den Musikraum. Zwar mochte er Hiros Nähe, aber das war ein Ort, wo er lieber allein seien wollte. Doch dort kam er nie an.
Kôji hielt ihn unterwegs auf und bat ihn, doch einmal mitzukommen, weil er ihm etwas sagen müsste. Freundlich wie Masaki nun einmal war ging er mit.

~*~*~*~*~*~

Fast brutal stieß Kôji den Kleineren gegen die Turnhallenmauer und hielt ihn eisern an den Schultern fest, sodass Masaki nicht weg konnte.
„Kôji-san, du tust mir weh!“

Der Brünette versuchte sich aus dem unangenehmen Griff zu befreien, wurde aber wieder zurückgedrängt.
„Na und? Weißt du eigentlich, dass du sehr niedlich bist?“, fragte Kôji und etwas Bedrohliches schwankte in seiner Stimme mit.

Stotternd antwortete Masaki: „Ja, das...das sagen einige“
„Und soll ich dir noch etwas sagen? Ich hasse es, dass du so niedlich bist, denn ich kann solchen Jungen einfach nicht widerstehen.“

Geschockt sah der Chibi ihn an und seine Augen weiteten sich noch mehr, als er Kôjis Lippen auf seinen spürte, denn sie machten ihm Angst. Er war grob und tat etwas, was Masaki abstieß: Er leckte mit der Zunge über seine Lippen. Es war eklig, einfach nur eklig!
Krampfhaft versuchte er, den Älteren von sich zu drücken, aber es ging einfach nicht, er war zu stark.

*Warum? Warum ist das so widerlich, bei Hiro war es doch so schön? Hiro-san, bitte hilf mir!*

Kôji konnte einfach nicht fassen, wie zart und süß diese Lippen waren. Schon viel eher hätte er das machen sollen, dann hätte er sich nicht so widerlich freundlich benehmen müssen.
Er merkte deutlich, dass der Zwerg zitterte und dass es ihm gar nicht gefiel, aber was ging es ihn an? Schade, dass Maruyama nicht da war, dann hätte er beide auf einen Schlag gequält.
Unerwartete wurde er an der Schulter gepackt und von dem Pimpf weggerissen. Als er sah, wer ihn da gerade so rüde unterbrochen hatte, bildete sich ein zufriedenes Grinsen auf seinem Gesicht.

Schützend stand Hiro vor seinem Chibi, der sich auch gleich hinter ihm versteckte und sich an seiner Uniform festkrallte. Wütend funkelten die himmelblauen Augen Kôji an, den das Ganze auch noch zu belustigen schien.
„Komm Masaki nie wieder zu nahe!“, knurrte Hiro gefährlich, dass sogar sein Kleiner etwas zu zittern anfing.

Belustigt trat Kôji auf die beiden zu. Immer noch grinste er siegessicher, was Hiro zur Weißglut brachte. Er packte den Größeren am Kragen und holte mit dem rechten Arm aus. Er würde diesem Arsch das Grinsen aus dem Gesicht schlagen.
Eine plötzliche Last verhinderte dies jedoch.
„Nicht, Hiro-san, das ist es nicht wert!“

Verwundert und verärgert blickte Hiro seinen Chibi an, der sich an seinem rechten Arm festklammerte.
„Was redest du da, das ist es sehr wohl wert!“
„Nein ist es nicht! Es war doch meine eigene Schuld, ich hab doch gewusst, dass Kôji-san mich nur benutzt, aber ich dachte, er würde sich vielleicht ändern“

Flehend sahen die großen, apfelgrünen Augen ihn an.
„Bitte, Hiro-san, lass ihn los.“

Nur widerwillig tat Hiro, worum ihn Masaki gebeten hatte.

Geplättet sah Kôji den Zwerg an. Er hatte es also gewusst und sich trotzdem nicht von ihm ferngehalten, sogar noch gehofft, dass er sich ändern würde. Wie konnte man nur gleichzeitig so schrecklich naiv und unglaublich erwachsen sein? Kôji konnte einfach nicht begreifen, warum Masaki das getan hatte.
Er war verwirrt und das Nachdenken brachte kein Ergebnis. Schnell machte er sich aus dem Staub. Er musste jetzt erst einmal nachdenken, denn etwas stimmte im Moment überhaupt nicht mit ihm.

„Lass ihn gehen.“, sagte Masaki beschwichtigend.

Er hatte schon gesehen, dass sein Freund dem anderen einfach hinterher rennen wollte, um ihn zur Rede zustellen.
Etwas schüchtern umarmte er Hiro und drückte sich an ihn. Er war so froh, dass er ihm geholfen hatte und für ihn da war.
Beruhigend strichen Hiros Hände über seinen Kopf und seinen Rücken.
„Du hast es gewusst?“, fragte der Ältere leise.
„Nein, mehr geahnt und gehofft, dass Kôji-san vielleicht doch nicht so schlecht ist, wie du gesagt hast. Schade, dass ich mich anscheinend geirrt habe.“

Vorsichtig, aber bestimmt drückte sich Masaki wieder von Hiro weg und sah ihn lächelnd an.
„Wir sollten wieder rein gehen, sonst kommen wir zu spät.“

Hiro nickte und beide gingen wieder zum Unterricht.

~*~*~*~*~*~

Wie schon so oft in den letzten Tagen kam Masaki gutgelaunt aus dem Musikzimmer. Vor dem Klassenzimmer sprach ihn plötzlich jemand an.
„Saehara, ich ... möchte mich bei dir entschuldigen.“

Überrascht sah Masaki Kôji an, lächelte dann aber freundlich.

„Ist schon gut, Kôji-san.“
„Nenn mich lieber Furuhata, dass ist besser.“
„Warum?“
„Ich hab dir wehgetan, deswegen verdiene ich es nicht, dass du mich wie einen Freund anredest. Aber ich verspreche dir, dass ich dir helfen werde, wenn du in Schwierigkeiten bist.“

Langsam lehnte sich Kôji zu dem Kleineren hinunter, gab ihm einen sanften Kuss auf die Wange und flüsterte leise in sein Ohr:
„Ich hab dich nämlich wirklich gern.“, ehe er an ihm vorbei ging.

Schnell drehte sich Masaki um und rief ihm nach.
„Wenn wir wieder Freunde sind, dann darf ich dich doch Kôji-san nennen, oder?“
„Ja, darüber würde ich mich sehr freuen.“

Glücklich sah der Kleinere Kôji nach. Hatte er sich also doch nicht geirrt und in dem Älteren steckte doch ein guter Kern.
Ein wissendes Schmunzeln stahl sich auf die sanften Lippen.
„Hiro-san, du kannst rauskommen, ich hab dich schon lange bemerkt.“

Die Klassenzimmertür wurde aufgeschoben, Hiro lehnte sich gegen den Rahmen und sah missmutig in die Richtung, in die der blonde Klassensprecher gegangen war.
„Bist du dir sicher, dass du ihm glauben kannst.“
„Ja, jetzt bin ich es.“
„Hast du dich deswegen auch von ihm küssen lassen?“

Grinsend drehte sich Masaki zu seinem Freund um.
„Was ist denn los, Hiro-san? Bist du etwa eifersüchtig?“

Eigentlich erwartete der Chibi keine Antwort, aber er bekam sie und diese ließ ihn stutzen.
„Und wenn es so wäre?“

Hiros Stimme klang ernst, trotzdem fing Masaki leicht an zu lachen und drängte sich an dem anderen vorbei ins Zimmer.
„Sei nicht albern, Hiro-san!“


Traurig sah Hiro seinen Kleinen nach, der sich auf seinen Platz setzte. Er hatte gewusst, was Kôji vorhatte, was keinem anderen aufgefallen war und hatte sogar gewusst, dass in dem Widerling etwas Nettes steckte. Warum erkannte er dann aber nicht das Offensichtliche?
Hiro hätte es wissen müssen, dass es keine Chance für ihn gab. Zwar wirkte Masaki manchmal vernünftiger als andere in seinem Alter, aber er war einfach noch ein kleines Kind. Er wollte von Hiro nur einen Kuss, weil es ihm gefallen hatte, so wie ein Kleinkind mehr Schokolade haben wollte, wenn sie ihm geschmeckt hatte. Etwas anderes war es nicht und würde es auch nie sein, damit musste sich Hiro einfach abfinden.

~*~*~*~*~*~

Mürrisch knüllte Youichiru die Absage einer High School zusammen und warf sie in den Papierkorb. Dass war schon die sechste in zwei Tagen.
Ein scheues Klopfen war zu hören und unaufgefordert wurde die Tür aufgemacht. Youichiru wollte schon brüllen, dass man gefälligst warten sollte, bis er „Herein!“ gesagt hatte, doch das verkniff er sich, als er das niedergeschlagene Gesicht seines Bruders sah.
„Hast du Zeit?“, fragte Hiro.

„Klar, komm rein.“

Hiro schloss die Tür hinter sich und setzte sich auf das Bett.
„Also, was ist los, Brüderchen?“

„Du hattest Recht, ich bin in Masaki verknallt, aber ich verstehe das nicht. Ich hab mich doch immer nur für Mädchen interessiert und bei anderen Jungen hab ich auch nicht solche komischen Gefühle, nur bei ihm. Warum?“

„Tja, gute Frage. Ok, pass auf!”

Er kramte in einem Schubfach und brachte eine Zeitung zum Vorschein. Er blätterte etwas in ihr herum und hielt Hiro dann ein Bild von einer nackten Frau vor die Nase. Dem stieg etwas die Röte ins Gesicht.
„Was...was soll das?“

„Ganz einfach, was empfindest du?“

„Gar nichts.“

Youichiru blätterte etwas weiter und zeigte seinem Bruder dann ein Bild von einem nackten Mann.

„Und jetzt?“
„Nichts, das hab ich schon mal gesagt!“
„Schon gut. Dann stell dir jetzt mal Masaki nackt vor.“

Schlagartig wurde Hiro tomatenrot und etwas nervös. Youichiru schnippte mit den Fingern, was Hiro wieder aus seiner Traumwelt brachte. Er wusste jetzt was mit Hiro los war.
„Ganz einfach, du hast deinen Deckel gefunden.“
„Bitte was?“
„Den Deckel. In Europa gibt es so ein Sprichwort, dass es für jeden Topf auch einen Deckel gibt. In diesem Falle bist du der Topf und Masaki der Deckel. Ihr gehört praktisch einfach zusammen.“
„Und wie kannst du dir da so sicher sein?“
„Ganz einfach, weil du nur noch Augen für Masaki hast und alle anderen, egal welchen Geschlechts, dich kalt lassen.“
„Tja, aber ich glaube, dieses Mal irrst du dich. Masaki ist noch ein Kind und ich glaube nicht, dass ein 13-jähriger sich im Klaren ist, wen er nun vorzieht, ob Junge oder Mädchen.“
„Du hast ja Recht, aber sag es ihm wenigstens.“
„Nein, dass werde ich nicht tun, denn ich will unsere Freundschaft nicht gefährden. Da ist es mir so lieber, als wenn er plötzlich auf Abstand geht.“

Youichiru wollte noch etwas sagen, doch Hiro war schon aus seinem Zimmer verschwunden. Der Schwarzhaarige wusste nicht warum, aber er glaubte einfach nicht, dass es Masaki stören würde, wenn er wüsste, dass Hiro ihn liebte. Doch das musste sein Bruder selber sehen, er konnte nichts weiter tun, als ihm zur Seite zu stehen, denn er hatte damals niemanden, der ihm erklärte hatte, was mit ihm los war.