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Ankaa & Rastaben - Teil a

Prolog

Er hätte weinen können. Er hätte sie anschreien können, doch endlich ihre Augen aufzumachen. Er hätte betteln können, flehen, dass sie ihm endlich sagte, dass es nicht seine Schuld war. Er hätte wie ein kleines Kind bockig so lange neben ihr sitzen bleiben können, bis er ebenso nur noch ein Schatten seiner selbst gewesen wäre. Er hätte jeden Tag zu den Geistern beten können, ihm doch endlich sein Liebstes wieder zu geben.

Aber er tat es nicht. Er sass nur da, hielt ihre Hand und blickte alles andere finster an. Er verabschiedete sich, ging nach hause und wartete auf die nächste Mission, den nächsten Mord, den er begehen musste, damit er endlich Schwarz, und vor allem Schuldig dafür bestrafen konnte, für das, was sie ihm angetan hatten.

Er bettelte nicht. Er schrie nicht. Er flehte und weinte nicht.

Er mordete.

Und er wünschte sich mit aller Inbrunst, zu der er fähig war, dass alles Schwarze, alles Dunkle und Böse ausgelöscht werden würde, und wenn er selbst dafür sein Leben lassen müsste.

 

+++

Andächtiges Mantschen herrschte. Selbst Yohji, der sonst immer auf Kaffe und einer Zigarette beharrte, manschte tüchtig mit. Flocken mit Milch. Omi wunderte sich immer noch, warum der Blonde sich das seit neuestem antat, aber er sagte nichts dazu. Er war froh, wenn der Playboy nun endlich etwas zu Verstand kam, und sich nicht mehr jeden Abend das Hirn raussoff.

Nur noch jeden zweiten Abend, dachte Omi, grinste schief, wandte seinen nachdenklichen Blick von Yohji ab und nah einen weiteren Löffel voll Flocken. Mit andächtigem Kauen sah er sich um und sprach das Offensichtliche aus. „Aya fehlt.“ Yohji knurrte. „Ist das was Neues?“ Er schwieg kurz, starrte seine Flocken an, als hätten sie Augen bekommen und grunzte.

„Kann man die Dinger eigentlich auch als Gesichtsmaske verwenden? Satsumi hat mal was erwähnt…“ Omi verdrehte die Augen. Seit Yohji mit Satsumi ausging, dem einzigen Mädchen, dass es je gewagt hatte, den Playboy nicht schon beim ersten Flirtversuch zu erhören, war er damit beschäftigt, ihr nachzueifern. Er hatte seine Pflegeprodukte alle weg geworfen und sie durch „tierliebe“ ersetzt, wie Satsumi sagt. Biologisch abbaubar und man könnte sie sogar essen. Die Pflegeprodukte, wohl verstanden, nicht Satsumi. Obwohl…

„Dann musst du sie mit Quark anrühren. Mit etwas Honig und so…“ nuschelte Ken undeutlich und nahm einen weiteren Löffel Flocken, bevor er bemerkte, dass das Klappern von Löffeln auf Keramik plötzlich verstummt war. Er sah hoch. Omi und Yohji starrten ihn ungläubig an. Yohi setzte zu sprechen an, schüttelte den Kopf, klappte den Mund wieder zu und murmelte: „Vergiss es! Ich wills nicht wissen.“ Ken zuckte mit den Schultern. „Meine Schwester hat das Zeug immer gemacht!“ pflaumte er Yohji an, der die Augenbrauen hochzog. Nun: da Ken kein guter Lügner war, konnte er sich wenigstens darauf verlassen, dass das, was er gerade gesagt hatte, die Wahrheit war. Er wollte sich ungern einen Ken vorstellen, der mit einer Flocken -Maske durch die Gegend gondelte!

Omi kicherte und wandte den Blick ab. „Wo ist Aya?“ Yohji sah hoch, legte kurz den Kopf schief. „In seinem Zimmer“ murmelte er und vertiefte sich wieder in sein Frühstück. Ken glotzte ihn etwas dümmlich an. „Willst du mir etwa erzählen, dass der noch pennt?“ Yohji legte den Kopf abermals schief, lauschte eine Weile ins Nichts.

Omi schüttelte den Kopf und wandte sich wieder seinem Frühstück zu. Ken tat es ihm nach. Er zeigte Yohji einen Vogel. Wer konnte schon von hier unten (Küche, Parterre) bis hoch in Ayas Zimmer (Belletage, hinterstes, wie alle anderen schallisoliertes Zimmer) hören?

„Er hat gerade wieder einmal den Stuhl mit dem Katana zersäbelt“ murmelte Yohji. Sie alle wussten, was das bedeutete.

Die Tür von Ayas Zimmer flog krachend auf, das Splittern und Knacken von Holz erklang, als der halbierte Stuhl an die gegenüberliegende Wand krachte. Dann fiel die Tür wieder ins Schloss und es wurde wieder ruhig.

Zu ruhig für Yohjis Geschmack. Das Klappern des Geschirrs fehlte und er sah irritiert hoch. „Woher wusstest du das?“ Omi und Ken sahen ihn perplex an. „Hey, ich bin schliesslich der Privatdetektiv! Gutes Gehör ist sozusagen Grundausstattung.“ Grinsend strich er sich eine Strähne hinters Ohr und registrierte während der Bewegung drei Dinge: Erstens war das gerade absoluter Schrott gewesen. Nicht einmal eine Katze konnte durch die Schallisolierten Wände hören, warum also zum Teufel sollte er das können? Zweitens starrten ihn Omi und Ken dementsprechend ungläubig an, und drittens, seit wann zum Teufel fühlte sich sein Ohr pelzig an?

An dem komisch pelzigen, irgendwie zu kleinen Ohre herumfummelnd stand er mit gerunzelter Stirn auf, verliess die Küche und trat in den Eingangsflur, wo ein grosser Spiegel jedem aufzeigte, wie scheisse er aussah, wenn er gerade vollkommen durchnässt von draussen hereinkam(Herbststürme in Japan; Yohji hasste es!). Dort untersuchte er sein nun pelziges…braunes… spitziges… War das überhaupt noch ein Ohr? Himmel, was wuchs ihm denn da aus dem Schädel? Das war doch viel zu klein! Und braun! Und eben… pelzig!

Mit einem lauten, spitzen (um nicht zu sagen: mädchenhaften) Schrei sank er gnädigerweise hintenüber und in Ohnmacht.

Omi, von dem Schrei alarmiert, hechtete hoch, ganz Killer, der er eben war, und erwartete schon Schwarz im Flur stehen, doch er stolperte nur beinahe über Yohjis leblosen Körper. Im ersten Moment war er versucht, in Panik zu geraten. Hatte Mastermind Balinese aus der Distanz das Licht ausgeknipst? Hoffentlich nicht!

Doch da; der Playboy grunzte und seine Nase zuckte leicht. Omi fühlte den Puls und kicherte erleichtert auf, als er leise Schnarchgeräusche vom Blonden hörte.

„Was ist los?“ fragte Ken, der etwas behutsamer um die Ecke kam, und Yohji mit hochgezogenen Augenbrauen ansah. Gleichzeitig krachte die Tür von Ayas Zimmer auf und der Weissleader stand sekundenspäter auf der obersten Treppenstufe, das Katana fest in beiden Händen. Seine Augen glitzerten und Omi erkannte den Ich-töte-jeden-Schwarz- Modus. Beschwichtigend hob er die Arme. „Nur Yohji. Scheint, als wäre er über Kens Turnschuhe gefallen und hätte sich kurz ausgeknockt.“ Er warf Ken einen tadelnden Blick zu, worauf dieser den Anstand hatte, den Kopf etwas einzuziehen. Tatsächlich lag, wie um Yohjis uneleganten Abgang zu Decken, ein Turnschuh Marke Ken neben seinem Kopf.

Aya verzog sich grummelnd wieder in sein Zimmer und Omi rüttelte Yohji wach. Der nuschelte reichlich desorientiert etwas von Fledermäusen und pelzigen Ohren, woraufhin Omi ihn auf das Sofa verfrachtete. Dort verbrachte der Blonde den ganzen Tag, vor irgend etwas hinbrütend, während er seine Ohren befummelte. Er hatte sogar Ken gefragt, ob sein linkes Ohr irgendwie anders aussähe als normal, aber der hatte ihm einen Vogel gezeigt (wieder mal) und ihm gefragt, was an diesen riesigen Lauschern denn schon normal wäre. Daraufhin hatte er einen entsetzten Blick von Yohji und einen tadelnden Klaps auf den Hinterkopf von Omi bekommen.

„Wirklich, Yohji! Mit deinen Ohren ist alles in Ordnung!“ Yohji konnte nicht sagen, warum ihn das so überhaupt nicht beruhigte…

 

Feuer. Er hasste Feuer. Er konnte es nicht leiden. Oder besser, er hatte davor mehr Angst, als vor allem anderen. Er hatte Angst davor, im Feuer umzukommen, und nicht mehr identifiziert werden zu können. Er hatte Angst davor, seiner Welt keinen Stempel mit seinem Namen aufdrücken zu können.

Deshalb hasste er das Feuer. Und, weil es ihn immer wieder einholte. Deshalb hatte er die Tigerkrallen und keine Schusswaffe. Ein Revolver könnte Feuer auslösen. Eine Kralle nicht.

Dennoch stand er wieder einmal in dieser riesigen Lagerhalle, die leuchtend rot glühte. Im wahrsten Sinne des Wortes glühte, denn die Flammen schlugen von jeder Seite auf ihn ein, züngelten über seinen schwarzen Missionsanzug, bleckten nach seinen Haaren und versuchten, ihn zu vereinnahmen.

Er wollte das nicht, wollte kein Opfer der Flammen werden. Er wollte leben und die Leute daran erinnern, dass er lebte, das er existierte. Doch dazu müsste er erst einmal hier raus kommen. Weg von den Flammen, weg von der Hitze.

Hastig blickte er sich um, sah, wie die Flammenmauer immer weiter auf ihn zu walzte, und hinter ihr glaubte er, jemanden zu sehen.

Im ersten Schrecken glaubte er, den Telekineten dort zu sehen, doch dieser hätte eine schwer zu definierende, braune Haarfarbe. Und er wäre, wenn auch nicht viel, kräftiger als der Junge der dort stand. Es könnte auch ein Mädchen sein. Auf alle Fälle hatte es schwarze Haare, denn sie flackerten im Schein der Flammen.

„Hilf mir!“, bat er das Mädchen, doch dieses stand nur teilnahmslos dort und beobachtete ihn. Wie in einem Labor.

Ken wusste bereits, dass niemand ihm helfen würde. Manchmal hatte er hinter den Flammen Weiss gesehen, die ihn zu sich gerufen hatten, manchmal Kaze, wie er damals aus der Lagerhalle verschleppt worden war. Und nun sah er eben ein Mädchen. Es gab nicht wirklich einen Unterschied, es gab nie Hilfe. Er starb jedes mal in den Flammen, immer.

Deswegen hasste er sie so.

Die Hitzewand rollte auf ihn zu, die Flammen bleckten. Dann geschah etwas… seltsames.

Wasser schwappte um seine Füsse und durchtränkte seine Kleidung. Es stieg langsam höher, doch er konnte sehen, wie es unter einem Spalt einer weit entfernten Türe hindurch abfloss.

Es schien nur eine kleine Pfütze gewesen zu sein, denn gerade als er sich Hoffnung machen wollte, und ruhiger wurde, versiegte es, und der Boden war wieder trocken wie zuvor.

Gellend halten seine Schreie durch die endlose, gewaltige Feuerhölle, die am Anfang eine Halle gewesen war.

Dann hörte er ein Tosen. Weit hinter dem immer noch reglosen Mädchen (er hatte nun entschieden, dass es ein Mädchen war, auch wenn er sich dessen ganz und gar nicht sicher war) walzte etwas blaues heran, und Dampf erfüllte plötzlich die Luft. Verwirrt beobachtete er, wie das Feuer von dieser Wand aufgelöst wurde, wie es zurück wich und sich einen anderen Weg suchte.

Und ihn auch fand.

Etwas weiter Entfernt standen grosse Kisten mit Magnesium, die mit lautem Getöse in die Luft flogen, als das Feuer sie erreichte, und als das blaue etwas darauf traf, glaubte Ken, in der Luft zerrissen zu werden.

Wasser. Magnesium. Feuer. Griechisches Feuer. Nicht löschbares Feuer.

Panik keimte in ihm auf. Noch schlimmer als verbrannt zu werden, war, pulverisiert zu werden! Angst und Hilflosigkeit im Angesicht des Sturmes schwappten über seinem Geist zusammen, und er schrie. Schrie, bis die Wasserwand sich abrupt ausdehnte und alles verschlang. Schrie, bis er geschüttelt wurde.

Schrie, bis er erkannte, dass das rote Glimmen vor seinen Augen kein Feuer mehr war, sondern Ayas Haarschopf. Der Schwertkämpfer starrte ihn finster an und Ken schluckte hart. Hatte er es etwa geschafft, durch die Isolation zu schreien? Aber das war unmöglich! Er sah kurz zur Tür und erinnerte sich schwach an ein leises Klicken, dass erklang, nachdem er bereits im Bett gelegen hatte: Die Tür war nicht richtig zu gewesen.

„Halt endlich deinen Mund und wisch die Sauerei weg!“ fauchte Aya ungehalten und Ken blinzelte. „Sauerei?“ dann sah er es: Wo sonst sein Teppich war, glitzerte und funkelte eine Schicht aus Wasser. Woher es kam, war Ken schleierhaft, aber es hatte das ganze Zimmer ausgefüllt und Aya stand Knöcheltief darin. Und es schwappte zur Tür hinaus, unaufhaltsam. Zum Glück war der Gang und die Treppe aus solidem Zement!

Hastig nickte er Aya zu und schwang sich aus dem Bett. Während der Rotschopf wieder in sein Zimmer ging, hastete Ken nach unten und holte Eimer und Wischlappen. Er machte sich daran den Boden aufzunehmen, doch als er das Ausmass des Schadens sah, seufzte er; dafür würde er die ganze Nacht brauchen. Und der Teppich seines Zimmers war eh hinüber! Woher das blöde Wasser gekommen war?

Während er anfing- ziemlich geräuschvoll (Hey, es ist Ken ;-))- den Boden zu wischen, wanderten seine Gedanken davon. Zu dem Traum, an den er sich schwach erinnerte. An die Dinge, die darin nicht so waren, wie sie sonst waren. Das Mädchen (War es wirklich ein Mädchen?) und das Wasser. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass diese beiden Dinge zusammenhingen. Und dass sie ihm noch ärger bringen würden.

„Was machst du denn da?“ nuschelte es hinter ihm, und er warf vor schreck beinahe den Kessel um, welchen er Gott sei Dank (er war immerhin schon drei viertel voll mit Wasser!) gerade noch halten konnte. „Omi! Hast du mich erschreckt!“ „’Tschuldigung“, nuschelte dieser verschlafen und sah auf die Uhr. „Ken, es ist zwei Uhr morgens!“ krächzte er. Der Angesprochene zuckte mit den Schultern. „Mein ganzes Zimmer steht unter Wasser. Wahrscheinlich ist ein Radiator geplatzt. Oder die Decke hat ein Loch. Geh wieder schlafen, Omi. Du hast morgen Schule und wir haben Mission am Abend.“ Omi schüttelte den Kopf doch Ken liess sich nicht beirren. Er stand auf und schob den leise protestierenden Omi zurück in dessen Zimmer, schubste ihn ins Bett und deckte ihn zu. „Aber du hast morgen auch Mission, Ken. Wir haben alle“ versuchte Omi es noch einmal, doch Ken schüttelte nur den Kopf.

„Ich hab morgen den ganzen Morgen frei, wie in ‚keine Schicht’. Ich kann da noch schlafen. Du hingegen, hast morgen wenn ich mich recht erinnere ein Prüfung in Geschichte die wichtig ist. Also keine Wiederrede!“ Ken zwinkerte und Omi seufzte geschlagen. Nachdem er ihm die Haare verwuschelt hatte, drehte er sich um und war schon fast an der Tür, als er Omis Stimme hörte. „Ken, denkst du, das es den Menschen schon in die Wiege gelegt worden ist, ob sie später einmal böse oder gut werden?“

Ken blieb wie angewurzelt stehen und setzte sich schlussendlich wieder zu Omi. Der Kleine schlief schon halb, und Ken kam zu dem Schluss, dass Omi ihn nicht gefragt hätte, wäre er vollkommen bei Verstand gewesen. Er seufzte leise.

„Ich denke, es sind die Menschen, die die Menschen machen, Omi. Ich meine, sieh uns an. Wir sind doch nur hier, weil irgendein Mensch in unserem Leben Mist gebaut hat, oder?“ Omi nickte leicht. Nach einer kurzen Schweigeminute räusperte er sich. „Glaubst du, dass es Menschen mit schwarzer Seele gibt?“ Ken stutzte. Glaubte er das?

„Ich weiss es nicht“, sagte er, und noch während er es sagte, wusste, er dass das die Wahrheit war. Er hatte nie darüber nachgedacht, doch wenn Omi ihn nun so fragte…

„Ich denke, es gibt Anlagen für beides, gut und böse, und dass wir selbst bestimmen, was wir werden. Meist jedenfalls. Wieso, was denkst du denn?“

Omi zog die Decke über die Nase und seufzte. „Ich weiss nicht. Wir…“ er räusperte sich „wir haben einen neuen Mitschüler, schon länger, aber er ist mir erst letzte Woche aufgefallen. Wenn ich ihn sehe, hab ich das Gefühl, als würde etwas um ihn herum schwirren, wie eine Aura. Und sie zieht mich an und stösst mich ab und ich weiss nicht, was sie noch mit mir macht und ich habe das Gefühl als wäre es das Böse in Reinkultur. Es fühlt sich so vertraut- fremd an.“ Er schwieg eine Weile, dann fuhr er weiter. „Ken, haben Verrückte eine Seele?“

„Jeder hat eine Seele, Omi“ kam es wie aus der Pistole geschossen. Dann runzelte der am Bett sitzende die Stirn. „Wovor hast du Angst, Omi?“ murmelte er ganz leise, und strich dem Nesthäckchen eine Franse aus der Stirn. Der seufzte wieder, schob die Decke etwas herunter und starrte unschlüssig an die Decke. Dann wandte er sich entschlossen zu Ken. „Dass ich verrückt werde, Ken. Ich fühle manchmal, wie dieser Mitschüler flimmert, wie etwas Schwarzes aus ihm herausbricht. Und es macht mir angst!“

Ken sah ihn eine Zeit lang stumm an, und Omi zog den Kopf ein. Dann lächelte der Fussballer. „Wir alle haben ab und an schlechte Tage, Omi! Yohji rutscht auf Turnschuhen aus, du spürst Dinge. Vielleicht ist das was du fühlst ja echt und du entwickelst ein Psi- Talent.“ Omis Augen wurden gross und Ken fragte sich, was er jetzt falsch gemacht hatte. „Wenn ich wirklich so etwas werde, was passiert dann mit mir? Was sagt Kritiker dazu, was Aya und Yohji? Und du? Werde ich dann auch so wie Schwarz?“

Ken stutzte. Wurde Omi dann zu einem Schwarz? Sicher nicht! Omi war kein solches Arschloch. Omi war lieb und nett. Omi hatte eine schwere Kindheit und hatte Glück gehabt, dass er von Perser aufgelesen worden war. Warum sollte Omi dann wie ein Schwarz werden?

„Was sollte Kritiker schon mit dir machen wollen, hm?“ Im selben Augenblick, in dem er das fragte, wusste er, worauf genau Omi hinaus wollte. „Nein! Das werde ich niemals zulassen, hörst du? Niemals. Du und ich, wir sind Freunde. Du bist ein Teil meiner Familie, ob du willst oder nicht. Ich würde niemals zulassen, dass die dich untersuchen!“

Omis Schultern sackten herab und er atmete gepresst aus. Dann lächelte er und nickte. „Danke“ wisperte er leise, drückte Kens Hand kurz und wickelte sich dann in seine Decke ein. Ken, dies als Zeichen des Aufbruchs nehmend, stand auf und wandte sich in der Tür noch einmal um. „Gute Nach, Omi!“ sagte er leise, und von Omi kam ein gemurmelter Gruss zurück. Leise schloss er die Tür hinter sich, immer noch sinnierend darüber, was Omi gefragt und er geantwortet hatte. Wenn er’s recht betrachtete, war es ein reichlich verwirrendes Gespräch gewesen und während er weiter den Boden aufnahm, kreisten seine Gedanken weiterhin darum.

Gibt es Menschen mit schwarzer Seele? Kens erster Impuls jetzt war es, JA! Zu schreien, mit Farfarellos verrücktem Grinsen vor sich. Dann aber fiel ihm etwas ein, was er vorhin schon gedacht hatte, was Aya, Yohji, Omi und er selbst auch gehabt hatten. Glück.

Langsam stand er auf und ging zu seinem Nachtkästchen. Dort zuunterst, an der Unterseite der untersten Schublade festgeklebt, war ein Blatt Papier, dass er dort verstaut hatte, weil es Fragen aufwerfen würde. Er löste es vorsichtig ab und faltete es auf, während er sich aufs Bett setzte.

Vom häufigen Falten war es schon ganz weich und schlabberig, und ein paar der Namen (die der Erwachsenen) waren durchgestrichen, doch einer war rot umrandet: Masao Kazumi

Kazumi, der Schützling von Schwester Amamiya. Kazumi, die sich das Leben genommen hatte, obwohl Ken ihr gesagt hatte, dass sie nichts dafür konnte. Er erinnerte sich noch. Wie er mit den Kindern dort Fussball gespielt hatte, und wie Kazumi an der Bande gestanden und ihnen zu gejubelt hatte, zwei Tage bevor die Schwester sie verkauft hatte. Vier Tage bevor er diese dann umgebracht hatte, im Auftrag von Kritiker.

Etwas stupfte an der Seite seiner Gedanken, und er wusste, da war etwas, woran er sich erinnern musste. Da hatte jemand neben Kazumi gestanden, jemand, der auf Kazumis Vorschlag auch mitgespielt hatte und sich ziemlich geschickt anstellte.

Fahrig und eher oberflächlich glitten seine Augen über die restlichen Namen auf der Liste. Keida Sanosuke; Naoe Nagi; Tonmei Hikari; Uregawa Satori; Wanabe Kairi.

Dann blinzelte er irritiert. Da war doch was! Noch einmal glitten seine Augen über die Liste und während der Junge, der neben Kazumi an der Bande stand, immer mehr an Farbe und Form gewann, suchten seine Augen den Namen, der ihn verwirrte.

Er hatte die Liste seit gut einem Jahr nicht mehr in der Hand gehalten. In der Zwischenzeit waren sie auf Schwarz gestossen und Omi hatte seinen Bruder ins Aus befördert. Er hatte gar nicht mehr daran gedacht! Er fand den Namen, das Bild des Jungen wurde klar und scharf und Kens schluckte. Er erinnerte sich mit plötzlicher Klarheit an den Tag, an dem sie zum ersten Mal auf alle Schwarz getroffen waren, und Omi am nächsten Tag die Daten der Mitglieder durchgab. Er erinnerte sich an das Gefühl, welches er gehabt hatte, als es um den Telekineten ging. Als hätte er einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf bekommen. Doch er wusste damals nicht, wieso. Jetzt schon.

Konnte es wirklich so einfach sein? Das Einzige, was ihn, was Weiss, von Schwarz unterschied war, dass Schwarz eben kein Glück gehabt hatte? Ken schluckte. Wie sagte man? Die einfachen Dinge des Lebens gaben ihm seine Besonderheit?

Er legte die Liste zusammen und schlug die Hände vors Gesicht. Dann stand er auf und hastete in den Keller, wo die Abschriften der alten Akten lagen. Wie hatte es passieren können, dass der Telekinet an Schwarz fiel? Er selbst hatte doch darauf gedrängt, für die Kinder ein richtiges Zuhause zu finden! Dann fand er den Bericht und las ihn aufmerksam durch. Er grinste bitter, als er daran dachte, dass Kritiker sich wohl selbst in den Hintern gebissen hatte, als auskam wie Naoe Nagi, Crawford Brad und Weiss zusammen hingen. Seufzend klappte er die Akte zu. Nur Glück, das war alles. Ob Naoe irgendwann einmal auch Glück haben würden? Nicht das Glück, eine Mission leben zu überstehen, sondern das Glück, jemandem etwas Wert zu sein.

Als er sich auf den Weg machte, sein Zimmer endlich zu entsumpfen, nagte der Gedanke an Schwarz an ihm. Wenn Naoe kein Glück gehabt hatte bisher, wie schlimm war es dann den anderen ergangen? Er schob ihr rigoros zur Seit. Nicht, dass er herzlos wäre, nur brachte es jetzt nichts mehr. Aber es half etwas, Schwarz zu verstehen.

Seufzend setzte er sich ans Aufwischen und je mehr er wischte, desto besser gelang es ihm, sich die einzelnen Schwarzmitglieder als unbeschwerte, fröhliche Personen vor sich zu sehen. Naja, was Berserker anging, wie auch immer. Aber es wäre möglich.

Langsam glitten seine Gedanken von Schwarz zu seinem Traum und der Überschwemmung, und als er schliesslich fertig mit aufwischen war, stutzte er. Annehmend, dass der Radiator Schuld an der Überschwemmung war, hatte er langsam drummherum und darauf zu gearbeitet, doch als er den letzten Rest Wasser aufwischte, bemerkte er, dass der Radiator gar nicht leckte. Etwas verwundert beschloss er, das Ding im Auge zu behalten und ihn, sollte es dann doch nötig werden, auszutauschen. Als Aya zum morgendlich Kaffe machen hinunterkam, grüsste er ihn kurz und warf sich dann erst ins Bett. Man, war er tot!

 

Verdammt! Die Mission war so gut verlaufen. Rein, Ziel ausschalten, Daten klauen, raus. Und geradewegs in Schwarz rein! Wie konnte man nur so viel Pech haben?

Bombay drückte sich an die Wand und beobachtete, wie Siberian sich gegen Berserker stellte. Der Freund schien heute etwas zu zaudern, und Bombay hoffte, dass er Berserker erwischen würde, bevor dieser ihn erwischte!

Da war Prodigy und Bombay hatte keine Zeit mehr sich um Siberian und Berserker zu kümmern. Hastig stellte er sich dem Kampf und versuchte sich des kleinen Schwarz etwas zu erwehren.

Dann flackerte seine Sicht und die Realität tat einen kleinen Ruck. Als sie wieder stand, zitterten seine Knie und Prodigy stand immer noch vor ihm. Doch als Bombay ihn ansah, schrie er gellend auf. Dort, wo der Telekinet vorhin gestanden hatte, stand nun…

Bombay wusste nicht, wie er es beschreiben sollte. Es sah ganz danach aus, als wäre Prodigy nun ein Zombie. Aber darunter war er immer noch irgendwie Prodigy. Bombay unterdrückte das Verlangen, den Telekineten bei der Hand zu nehmen und ihn vom Kampfplatz weg zu ziehen. Stattdessen wiche er Schritt für Schritt zurück und musterte mit offenem Mund und vollkommen vernachlässigter Deckung den Schwarz. Und er blieb dabei: Über Prodigys normale Gestalt lag ein Schleier. Als hätte man auf ein bereits entwickeltes Foto mit Buntstiften drübergemalt. Und das war noch gar nicht das seltsamste. Die Augen des Zombie (Bombay entschied sich, bei diesem Wort zu bleiben) starrten ihn leblos und starr an, wie eine Puppe, und sie waren tief schwarz. Leblos. Tot.

Bombay musterte Prodigy mit vorsichtiger Neugierde. War das Masterminds Trick? Er warf einen Blick zu Siberian und Balinese, doch die beiden waren normal. Als er den Kopf wieder zurück wandte, war auch Prodigy wieder er selbst und starrte ihn mit Verwunderung an. Dann warf er Bombay einen herablassenden Blick zu. „Kann auch nicht jeder perfekt aussehen!“ giftete er, und Bombay begriff, dass der Kleine seinen entsetzten Blick von vorhin als persönlichen Affront betrachtete. Er hob die Hände. „War nicht persönlich gemeint“, nuschelte er, und fragte sich im selben Moment, warum er einem Schwarz etwas erklärte.

Dann verrückte die Wirklichkeit zum zweiten Mal an diesem Tag, und Bombay konnte einen Schrei gerade noch unterdrücken.

Der Zombie war wieder da, und diesmal sah Bombay die Fäden! Fäden, als wäre Prodigy eine Puppe, die von einem Puppenspieler gelenkt werden würde! Dann brachen schwarze Stränge aus Prodigy hervor, er schien zu flimmern und zu flackern und die Stränge wurden dicker, umwaberten ihn wie eine dunkle, formlose Masse. Die Luft begann zu knistern und Bombay sah, wie die Stränge sich bündelten und sich auf ihn ausrichteten. Er sprang zur Seite, noch bevor Prodigy diese Stränge an ihn richten konnte. Eine Druckwelle fegte über ihn hinweg, während er strauchelte, wieder hochkam, und Siberian und Balinese den Befehl zum Rückzug gab.

‚Ein Zombie! Das glaubt mir nicht einmal Ken!’ Bombay’s Gedanken fuhren Achterbahn und von hinten hörte er, wie Schwarz die Verfolgung aufnahm. Er sah über die Schulter, doch da waren nur Siberian, Balinese und deren Verfolger. Von Abyssinian und Mastermind war gar nichts zu sehen. Bombay wurde noch ein bisschen schneller. Dann war das, was er gesehen hatte, Wirklichkeit gewesen? In dem Fall hatte er halluziniert! Aber dann wurde er doch verrückt, oder? Keine eventuell spät auftauchende Psi. In Bombay’s Magen bildete sich ein schwerer, kalter Klumpen.

„Lauft so schnell ihr könnt!“ hörte er Balineses panischen Schrei. Es vergingen zehn Sekunden und dann rannte ein Gepard an ihm vorbei. Die Fusstritte, die sowieso nur noch schwach zu hören gewesen waren, verklangen ganz. Schwarz hatte nur mal wieder etwas jagen wollen, wie es schien. Die fliehenden Katzen jagten um eine Ecke und Bombays Gedanken regten sich. ‚Ein Gepard?’

Dann waren sie um die Ecke, verlangsamten ihre Schritte und stützten sich schliesslich auf die Knie. Keine zwanzig Meter weiter war Abyssinian’s Auto und der Seven stand um die Ecke. Bombay versuchte erst etwas zu Atem zu kommen, bevor er sich aufrichtete, und zu Siberian sah. „Alles klar?“ Siberian nickte und richtete sich ebenfalls auf. „Wo ist Abyssinian?“ fragte Bombay und Siberian schnaubte. „Mastermind hat ihn weggelockt. Er wollte spielen, kennst ihn ja.“ Er zuckte mit den Schulten. Es war ja nicht so, dass sie sich um Abyssinian keine Sorgen machen würden, aber der Weissleader würde es sowieso nicht zu schätzen wissen.

„Balinese, alles klar?“ Ein Brummen erklang und Bombay sah hoch. „Mit mir ist alles klar. Hoffentlich schafft’ s Abyssinian!“ liess er verlauten und sah direkt in die geschockten Gesichter seiner Teamkollegen. „Was?“ Dann versuchte er aufzustehen. Es war etwas unangenehm, zu den eigentlich kleineren Teamkollegen aufsehen zu müssen! Mit Schwung kam er auf die Füsse.

Und purzelte (im wahrsten Sinne des Wortes!) Augenblicklich wieder hintenüber. Verwundert sah er hoch in Bombays immer noch geschocktes Gesicht. Siberians sah nicht viel besser aus und so fragte er, gefliessentlich übersehend, dass er gerade eine Käfer-auf-dem-Rücken- Imitation gab; „Was glotzt ihr so?“ Bombays zitternder Finger zeigte auf seinen Körper und Balinese sah an sich herunter.

Dann schrie er. Nicht so dünn und Mädchenhaft wie am Morgen des vorherigen Tages sondern laut und gellend. Bombay und Siberian pressten die Kiefer aufeinander und unterdrückten ihre eigenen Schreie so gut es ging und hielten sich Ohren und Augen zu.

Selbst so war der Schrei noch zu hören, und folglich linsten die beiden vorsichtig zwischen den Fingern hervor, als der durchdringende Lärm endlich verhallt war. Balinese hatte eine Ohnmacht ereilt und Bombay starrte Siberian an, als wäre die Erde gerade von Marsianern überschwemmt worden. Vorsichtig näherten sie sich Balinese nur um rasch zurück zu springen, als dessen Körper sich bewegte. Es war, gelinde gesagt, grotesk.

Die dünnen, für einen Menschen viel zu kurzen Gliedmasse schrumpften, die Haare zogen sich in die Haut zurück und anschliessend wuchsen die Glieder wieder in die Länge. Aus den ehemals langen Katzenhinterläufen wurden wieder Menschenbeine, die geschmeidigen Vorderläufe bildeten wieder klar zu erkennende Hände aus und der Brustkorb verbreitete sich wieder. Der Stromlinienförmige wurde wieder zu einem Menschenkörper und als die Verwandlung abgeschlossen war, lag vor ihren Augen wieder Balinese, unverletzt aber ohnmächtig.

Fassungslos starrten sie sich abwechselnd an und wieder zu Balinese. Der Kopf hatte sich nicht verändert, der hatte sich in der Zeit zurückgebildet, in der Bombay und Siberian noch am rennen gewesen waren.

Schritte hallten, und in Erwartung Abyssinians sahen die beiden in die gerade eben entlanggehetzte Gasse, doch was sie schliesslich aus dem Schatten löste, war nicht Abyssinian.

Es war Mastermind, mit dem ihm eigenen, spöttischen Zug um den Mund, in Begleitung des kleinen Telekineten. „Sieh an, sieh an, zwei, nein drei Kätzchen! Endlich etwas zum Spielen!“ lachte er und Bombay konnte fühlen, wie Mastermind in seinen Kopf eindrang und dort auf das eben geschehene stiess. Die Augenbrauen des Telepathen schossen bis unter den Haaransatz, dann lachte er und wandte sich wieder um.

„Komm Kleiner. Die sind schon verrückt. Würde ich die noch verrückter machen, würden sie wieder normal, und das wollen wir ja nicht, nicht wahr?“ Er lachte immer noch schallend und zog wieder von dannen. „Menschen verwandeln sich nicht in Geparden, Kätzchen! Nur weil ihr Katzennamen trägt, heisst das noch nicht, dass ihr auch Katzen seid!“ Als das Lachen verklang, standen sich zwei Weiss gegenüber, die am ganzen Körper zitterten. „Werden wir wirklich verrückt?“ fragte Siberian mit grossen Augen und Bombay zuckte mit den Schultern. Eines stand für ihn fest: Mochte Siberian nur eine Halluzination gehabt haben, bei ihm wäre es schon die dritte heute. Siberian mochte noch nicht verrückt sein, aber er, Bombay, war es bestimmt schon. Und genau aus diesem Grund würde er auch den Schnabel halten.

Abyssinian fand sie etwas später, wie sie über Balinese kauerten und ihn untersuchten. „Hat er was abgekriegt?“ fragte er in seiner typischen, monotonen Stimme. Die Antwort war ein nein und er half Siberian, den nicht gerade leichten Balinese in sein Auto zu bringen. Siberian übernahm mit Bombay den Seven.

 

Während Omi sich um Yohji kümmerte, ihn auszog und ins Bett steckte (Yohji sollte eine Diät doch einmal in Erwägung ziehen, wie er fand), erzählte Ken unten im Missionsraum in knappen, klaren Sätzen was vorgefallen war. Aya schnaubte, doch Omi, der etwas später dazu kam, bestätigte Kens absurde Geschichte. Die Folge war, dass man sich darauf einigte, es diesmal unter den Tisch zu kehren (worüber vor allem Omi sehr froh war). Im Ausgleich wurde der Laden am nächsten Morgen geschlossen und Aya untersuchte mit Momoes Katze (das Vieh kratzte die Kurve sobald auch nur ein winziges unangenehmes Lüftchen im Weg war) die Treibhäuser und Verkaufsräume auf giftige Gase. Mit mässigem Erfolg: Ein paar seit lange verschollenen Turnschuhe Marke Ken (wieder einmal! Aya fragte sich gar nicht erst, wie die dahin kamen) lagen unter einem der Tische im hintersten Haus und ein Sack Dünger explodierte beinahe, weil er schon mindestens ein Jahr zulange dort lagerte. Sonst fand er nichts.

 

Yohji starrte mit gerunzelter Stirn auf seine Hand hinunter. Die Finger waren länger als die Handfläche, länger, als eigentliche Menschenfinger, und die Handfläche war nun seltsam kurz. Der Daumen war fast genauso lang wie die anderen Finger, sah aber nicht mehr wirklich nach Daumen aus, sondern eher wie ein fünfter Finger der seitlich aus der Hand hinaus ragte (Yohji war sich durchaus bewusst, dass dieses fünfter -Finger- Dings Mist war. Der Daumen war schon immer der fünfte Finger… Oder?) Als würde das nicht reichen, waren die Finger schlänker als seine (Nicht, dass er kurze Stummelfingerchen gehabt hätte oder so! Er war perfekt!), dünner, wie die eines Taschendiebes.

Doch das ausschlaggebende war die Haut beziehungsweise die schwarzen Haare auf dem Handrücken. Die Haut war ledrig und die Haare schwarz und sahen borstig aus, fühlten sich aber weich an.

Yohji nahm noch einen Schluck aus der Flasche. Es war die fünfte in zwei Tagen, und er gedachte nicht, am nächsten Tag aus seinem Zimmer zu kommen. Seit Omi ihn ins Bett gesteckt hatte, hatte er den Jungen nur einmal gesehen, als er gestern früh (Der Morgen nach dem Katzenfellattentat, wie er es nannte) hinunter ging, um sich Wodka zu besorgen. Und Omi war beinahe vor Schreck die Treppe hinunter gefallen, hatte tonlos etwas vor sich hingemurmelt und hatte rechtsumkehrt gemacht.

Yohji grinste schief. Er hatte aber auch Scheisse ausgesehen gestern. Kein Wunder war der Chibi so durch den Wind gewesen.

Wieder ein Schluck Wodka. Nicht, dass das Gesöff ihn wirklich betäuben würde. Leider lag das entdeckte soweit jeglichen normalen Verstandes, dass es sich auch mit dem ganzen Alkohol nicht mehr vergessen liess. Wieder starrte er auf die Hand hinunter. Seine Hand. Die schwarze, ledrige, behaarte Hand eines Affen. (Und er meinte Affe wie in Schimpanse. Er würde niemals so weit gehen, sich selbst als Affen zu betiteln!)

Er schnaubte, wandte den Blick ab und schloss die Augen, konzentrierte sich und rief reflexartig „Ja!“ als es an seiner Tür klopfte. Kaum öffnete die Tür war seine Hand wieder seine Hand, und Ken stolperte hinein. „Was gibt’s?“ knurrte Yohji etwas unleidig. Er brauchte Ruhe um nachdenken zu können, aber mit Ken im Zimmer ging das nicht!

„Könnte ich… Könnte ich dich einen Moment sprechen?“ nuschelte Ken, befeuchtete sich nervös die Lippen und trat einen kleinen Schritt ins Zimmer, während er die Tür schloss.

Yohjis erste Intention war ihn einfach wieder rauszujagen. Er hatte keinen Nerv für einen Herz- zu- Herz- Talk mit Immer- fröhlich- drauf- Ken. Doch als er dem Killer in die Augen sah, redete sein Mund ohne sein Gehirn. „Sicher, setz dich. Was zu trinken? Hab nur noch Wasser.“ Er stand schwankend auf, doch Ken drückte ihn zurück aufs Bett. „Ich hols mir selber, danke.“

Die fünf Flaschen schienen seine Denkfähigkeit nicht zu mindern, wohl aber seine Koordination. Mist, dachte er, als er wieder aufs Bett plumpste und Ken das Fenster aufriss. „Hast du dein Zimmer schon wieder trocken gelegt?“ Er lachte wackelig und grinste Ken an. Dieser zuckte zusammen und klammerte sich an sein Glas Wasser als wäre es ein Rettungsring. „Genau darüber wollte ich mit dir sprechen!“, sagte er nervös und Yohji grinste. „Soll ich dir bei der Teppichauswahl helfen? Einen besseren Innenausstatter als mich wirst du nicht finden. Und den Sanitär brauchen wir auch noch.“ Er zog sich weiter aufs Bett zurück, lehnte sich an das Kopfteil und beobachtete Ken. Dieser seufzte. „Der war schon da“, nuschelte er undeutlich. Und atmete tief durch. „Er konnte nichts finden!“, sagte Ken heftig und Yohji hatte das Gefühl, dass er etwas vergessen hätte.

„Und jetzt?“ fragte er belämmert und Ken schloss ergeben die Augen. „Das Ganze, diese Überschwemmung, istt schon zum zweite Mal passiert. Das letzte Mal hat mich Aya aus einem Alptraum geholt, als er ins Bett ging. Meine Tür war nicht richtig zu, so hat er mich gehört. Und das Wasser hat damals schon auf der Treppe gestanden.“ schloss er leise und Yohji runzelte die Stirn. „Na und? Dann rinnt halt die Decke oder eine Wand, was weiss ich.“

Ken schnaubte. „Ich habe alles durchgesehen, da ist nichts. Der Sanitär konnte feststellen, dass der Teppich unter dem Bett am meisten aufgeweicht war, was darauf schliessen lässt, dass die Überschwemmung vom Bett aus ging.

Yohji, ich hatte in beiden Nächten Alpträume!“, fügte Ken bedeutungsschwer an, doch Yohji verstand nur Bahnhof und das sagte er ihm auch. Alpträume hatten sie schliesslich alle.

„Schon, Yohji. Aber nicht diesen. Den hatte ich vor fast einem Jahr das letzte Mal! Und normalerweise taucht darin auch kein schwarzhaariges Mädchen auf sonder ihr oder Kaze!“ Yohji zuckte mit den Schultern. „Okay, lass uns das logisch angehen. Was war das für ein Alptraum?“ Ken schluckte. „Er handelt davon, wie ich beinahe im Feuer umgekommen wäre. Bloss dass ich im Traum entweder aufwache oder wirklich darin sterbe. Entweder seid ihr da und ruft mir zu, ich solle zu euch kommen, oder ich sehe wieder, wie Kaze verschleppt wird. Aber die letzten beiden Male war hinter den Flammen ein schwarzhaariges, ziemlich junges Mädchen. Und der Traum war auch sonst anders. Sonst komme ich im Feuer um, dieses Mal kommt Wasser in rauen Mengen aus der Richtung des Mädchens und löscht das Feuer. Das wiederum entzündet ein griechisches Feuer und der Laden geht in die Luft. Naja, beim ersten Mal wäre es so gekommen, hätte Aya mich nicht geweckt. Und letzte Nacht hat das Wasser den Brand vollständig gelöscht, ohne dass dabei etwas in die Luft geflogen ist. Das war das erste Mal, dass ich nicht aufgewacht oder gestorben bin.“

Yohji sah ihn durcheinander an. War ja schön und gut, was Ken da erzählte, doch der wollte ihm doch nicht weismachen, dass das Wasser aus dem nichts kam, oder? Ken nickte allerdings nur, als Yohji diese Frage laut stellte. Dann verfiel der Playboy in dumpfes Brüten.

Wenn man mal seine eigene Konstitution mit einbezog, konnte es doch gut möglich sein, das Ken auch irgendwie…

Er stand auf, holte sein Feuerzeug aus der Nachttischschublade, schnappte sich Kens Hand und umklammerte sie Schraubstockartig. „Vertrau mir!“ murmelte er leise, als er das Feuerzeug anmachte und unter Kens Finger hielt. Der versuchte zurück zu weichen und starrte Yohji entsetzt an. „Konzentrier dich auf die Flamme!“, raunzte dieser und hielt sie näher an Kens Finger. Schon konnte dieser spüren, wie die Haut zu spannen begann, wie es heiss wurde und weh tat. „Yohji, hör auf!“, rief er, doch Yohji hielt weiter drauf. „Stell dir vor sie auszulöschen. Stell dir vor, wie ein Tropfen Wasser auf sie niedergeht und sie auslöscht!“

So langsam der Schmerz auch gekommen war, so schnell war er vorbei. Mit einem lauten „Platsch“ wurde die Flamme ausgelöscht und Ken starrte den ehemaligen Detektiv ungläubig an.

Der schüttelte sich. „Ich dachte da zwar eher an einen kleine Tropfen, aber immerhin.“ Er sass auf dem Bett, die Haare klebten ihm im Gesicht und die Kleider tropften. Ken hatte es wohl etwas übertrieben, und schuldbewusst sah er zu Yohji, der pitschnass vor ihm sass. „Tut mir Leid. Vor Feuer hab ich Todesangst, weißt du? Egal wie gross…“ Yohji wischte sich das Wasser aus den Augen und nickte. „Das erklärt wenigstens etwas.“

„Du bist gar nicht überrascht“, merkte Ken vorsichtig an und Yohji grinste leicht. Das erste ehrliche Grinsen dass man von ihm sah, seit er sich in seinem Zimmer verschanzt hatte. „Ich dachte bereits, ich würde verrückt werden, daher bin ich verdammt froh, dass du nun zu mir gekommen bist. Apropos: Warum bist du nicht zu Omi?“

Ken biss sich auf die Lippen. „Der ist heute früh mit entsetztem Gesicht vor mir davon gelaufen und hat etwas von Zombies gemurmelt. Wahrscheinlich hat er gestern wieder ferngesehen und sich einen Horrorstreifen reingezogen. Deshalb dachte ich, du wärst der bessere Ansprechpartner. Jetzt sag schon!“ Yohji blinzelte und holte ein paar seine Handtücher aus dem Schrank. Notdürftig trocknete er das Bett und den Boden davor und wandte sich dann Ken zu. „Was? Warum ich nicht überrascht bin?“ Er grinste hinterhältig, setzte sich mitten aufs Bett und legte den Kopf schief. „Was ist dein Lieblingstier, Kenken?“

„Bär“, antwortete dieser ohne nachzudenken. Dann riss er den Mund zu einem Schrei auf.

Dort, wo eben noch Yohji gesessen hatte, hockte nun ein grosser brauner Bär faul auf seinem Hintern und zwinkerte ihm zu, bevor er die Tatze hob und ihm winkte!

Ken flog rückwärts vom Stuhl und schrie. Wie zum Teufel kam der Bär hierher? Und wo war Yohji? Was ging hier vor sich? Bevor sich Ken aufrappeln konnte um davonzurennen, sass auf dem Bett wieder Yohji und grinste über beide Ohren. Schnell stand der Jüngere auf und ging in Abwehrhaltung während Yohji die Hände hob und auf die Bettkante zu robbte. „Sacht, sachte, Kenken! Ich bins, Yohji!“ Ken war davon offensichtlich nicht so überzeugt wie Yohji selbst. „Was war das?“, haspelte er und Yohji setzte sich gemütlich hin um zu erklären.

„Du erinnerst dich an dieses Gepardenvieh, dass euch vorgestern bei der Mission überholt hat? Das war ich. Ich hab euch zugerufen, dass ihr so schnell laufen sollt, wie ihr könnt. Und das hab ich auch getan, bloss hab ich mich dazu in einen Geparden verwandelt!“ Yohji lächelte kläglich und Ken schnaubte. Er setzte sich wieder hin, rückte mit dem Stuhl allerdings aus Yohjis Reichweite. „Du…“ Ken leckte sich die Lippen. Irgendwie war sein Mund gerade fürchterlich ausgetrocknet. „Du kannst dich in Bären und Geparden verwandeln?“, fragte er misstrauisch und Yohji seufzte bevor er ergeben nickte.

„Nicht nur in Bären und Geparden, auch in Fledermäuse, Affen und, und, und. Ich kann mich in jedes Tier verwandeln, wenn ich mich konzentriere.“ „Jedes? Auch Dinosaurier?“, fragte Ken lauernd. Yohji sah ihn aus dem Konzept gebracht an und überlegte. „Hab ich noch nicht probiert. Aber in einen Dodo, das ging. Dinos sind etwas gross, oder?“ Er grinste wackelig und genehmigte sich einen Schluck bevor er, spasseshalber, Ken die Flasche hinhielt. Seine Augen wurden gross, als Ken die Flasche an sich nahm und ein paar zügige Schlucke daraus nahm. Dann hustete der Braunhaarige und Yohji grinste.

„Also, ganz langsam, von vorne bitte!“, forderte er Yohji auf und dieser seufzte. Er hatte gehofft, er könnte sich die Erklärung ersparen, aber offenbar war Ken vollkommen überrumpelt. Denn nur wenn der Fussballer überrumpelt war, zeigte sich, wie schnell er eigentlich nachdenken konnte.

„Satsumi hatte heute ein Kurzreferat an der Uni. Über, und jetzt lach nicht, Dodos. Sie hatte aber keine Zeit sich Infos zu besorgen und so war ich gestern Vormittag an Omis PC mit meinem Passwort. Dort hatte ich ziemlich lange bis ich im Internet etwas über Dodos fand.“ Er grinste etwas mürrisch. „Wohl nicht zuletzt, weil der dämliche Vogel Dodo geschrieben wird, und nicht Dodu. Jedenfalls hatte ich einen ziemlich langen Artikel vor mir und war fasziniert, wie viel Schwachsinn man schreiben musste, um etwas wahres zustande zu bringen, und als ich mit der Maus hinunterscrollen wollte, konnte ich diese nicht greifen. Als ich auf meine Hand sah, musste ich mit Erschrecken feststellen, dass ich zwei kurze, hässliche Flügel statt meiner Arme hatte. Kannst dir den Schock sicherlich vorstellen.“ Er seufzte theatralisch und warf Ken einen finsteren Blick zu, als dieser leise kicherte. „Nicht witzig!“, murmelte er, und Ken versteckte sein Grinsen hinter seiner Hand.

„Ich habe mich tierisch erschrocken.“ Ken musste nicht wissen, dass er rückwärts vom Stuhl gefallen war, genauso, wie der Fussballer eben, und sich den Kopf ziemlich heftig gestossen hatte. Nachdem die Sterne verklungen waren, waren seine Arme wieder normal gewesen und er hatte zu überlegen begonnen. Doch genau konnte er das Ken ja nicht auf die Nase binden, oder?

„Ich war wohl kurz etwas neben mir, denn als ich wieder zu mir kam, waren die Flügel weg und die Arme wieder normal. Ich dachte, ich halluziniere, also hab ich den Artikel schnell ausgedruckt, hab mir eine weitere Flasche Wodka geholt (In dessen Vorgang er eben Omi so erschreckt hatte,) und hab mich in meinem Zimmer besoffen. Masslos. Während der angenehmen Müdigkeit habe ich in meinen wirren Gedanken nachgedacht, warum ich halluziniere und irgendwann kam der Gedanke was wohl wäre, wenn ich eben gar nicht halluzinieren würde sondern dass alles real wäre! Und da ich so dermassen sternhagelvoll war, war wohl die Hemmschwelle meines Verstandes soweit gesunken, dass der kleinste Gedanke reichte, um mich in ein Tier zu verwandeln. Ich war zuerst eine Katze, lach nicht!“ Er warf Ken einen noch finstereren Blick zu und fuhr weiter: „dann eine Schlange. Dann, ich wurde wohl neugierig, ein Schimpanse. Und mit diesem ist es mir gelungen, dank der Hände und so, ein vernünftiges Foto von mir im Spiegel zu schiessen.“ Er war aufgestanden und zum Nachtschränkchen gegangen. Er zog eine weitere Lade auf und drückte Ken ein paar Polaroids in die Hand. Der sah sie mit immer weiter aufgehendem Mund durch und als er wieder zu Yohji sah, flackerten seine Augen verräterisch. „Yohji, was geschieht mit uns, werden wir verrückt?“

Dieser zuckte die Schultern. „Was ist, wenn wir eine Psi entwickeln? Es wäre seltsam, absolut nicht logisch. Aber wie willst du das sonst erklären?“ Ken schluckte und erinnerte sich vage daran, vor kurzem etwas ähnliches gesagt zu haben, doch es entwischte ihm gleich wieder. „Und was machen wir jetzt?“ Hoffnungsvoll sah er den Älteren an. Der war schliesslich Privatdetektiv, der musste so was doch wissen, oder?

Yohji seufzte. Er hatte sich das auch schon gefragt. „Ich hab mir überlegt, ob wir es Manx erzählen sollen. Dann ist mir eingefallen, was sie gesagt hat, als ich mal gefragt hab, was wir mit Schwarz am Besten machen sollten. Ihre Antwort war: Lebend fangen, wenn möglich. Auf jeden Fall zu Kritiker bringen, tot oder lebendig. Dort würden sie untersucht. Sie meinte, sie hätte von einem anderen Team einmal einen sehr schwach ausgeprägten Telekineten bekommen, der hätte bisher erstaunliche Ergebnisse geliefert. Mich hat heute früh gewundert, wer der Telekinet war, und ich hab mich von Omis PC aus in Kritikers Akten eingeloggt. Die meisten sind für uns ohne Probleme zugänglich und ich bin über ein ehemaliges Kritikermitglied gestossen, dass ‚versetzt’ wurde. In die Forschungsabteilung. Als Versuchskaninchen, weil einmal ein paar Scheiben zersprungen sind, als er wütend wurde.“

Er warf Ken, der nun ein bisschen käsig um die Nase rum aussah, einen bezeichnenden Blick zu und seufzte wieder. „Das heisst dann wohl, wir halten dicht. Was ist mit Aya und Omi?“ Yohji runzelte die Stirn. „Was sollte mit ihnen sein?“

Ken verdrehte die Augen. „Ich dachte, du wärst der Detektiv!“ Yohji verzog das Gesicht und rollte mit den Augen. „Verzeih, oh du erleuchteter Ken, aber nach dem Alkohol den ich hier bereits intus habe, ist es ein wahres Wunder, dass ich noch sprechen, geschweige denn denken kann. Und bevor du eine abfällige Bemerkung über meine Denkfähigkeit machst…“, er warf Ken einen Blick zu, (den diesen beinahe in Gelächter ausbrechen liess und musste dabei selbst grinsen,) bevor er weiterfuhr; „möchte ich dich daran erinnern, dass du zu mir gekommen bist, gerade eben weil ich der Detektiv bin.“ Er sah Ken an, Ken sah ihn an.

Und dann begannen sie beide haltlos zu lachen und die etwas angespannte Atmosphäre lockerte sich wieder auf. Ken wischte sich die letzten Lachtränen aus den Augen und musste für sich selbst anmerken, dass er eigentlich ziemlich hysterisch geklungen hatte mit seinem Lachen gerade eben. Dennoch wollte er das jetzt wissen.

„Jetzt mal ehrlich, Yohji. Ich meine, es kann durchaus sein, dass unsere ‚Psi’ erst jetzt auf den Plan tritt. Bei dem kleinen Schwarz kam sie ja auch erst nach einem Schlüsselerlebnis. Aber denkst du nicht, es ist etwas seltsam, dass wir beide uns kennen und zur selben Zeit so was entdecken? Was ist, wenn Omi und Aya… Was ist wenn die beiden auch… du weißt schon?“ Er schien es irgendwie nicht über die Lippen zu bringen, doch Yohji lächelte auf eine Art und Weise, die Ken dann doch überrascht.

„Rein theoretisch wäre es unmöglich, dass wir so was entwickeln. Und noch unmöglicher wäre es, wenn Omi oder Aya oder gerade Beide ebenfalls mit einer ‚Psi’ bestückt würden. Aber ‚Psi’ an sich ist ja schon unmöglich und ich denke deshalb, dass es mich nicht überraschen würde, wenn Omi nächstens zu dir hereinschneit und mit dir darüber sprechen will.“

Ken überlegte kurz, dann kratzte er sich verlegen am Hinterkopf. „Um ehrlich zu sein: Soweit waren wir schon.“ Und er erzählte das nächtliche Gespräch so detailgetreu wie möglich.

Yohji war eine Weile ruhig. Seine Gedanken drehten sich um den Klassenkameraden, den Omi hatte. Wenn ihn sein detektivisches Gespür nicht trog, wusste er, wer dieser neue Mitschüler war. Und er konnte durchaus verstehen, dass Omi mit dieser Information vorsichtig umging, denn wenn er jetzt damit herausrückte, hätte er wohl eine Untersuchung am Hals, so paranoid wie Kritiker manchmal war. Er seufzte.

„Okay, dann versuch du mal mit ihm zu reden. Ich hau mich hin und schlafe den Rausch aus. Hat nicht nur Vorteile, sich in einen Elefanten verwandeln zu können!“ Er grinste schwach und Ken sah ihn verwirrt an. „Häh?“, war auch gleich die intelligente Frage und Yohji seufzte wieder. Er tat das in letzter Zeit öfters, wie ihm auffiel. „Na, überleg mal. Ein Elefant brauch sicher mehr als ein paar lumpige Flaschen Wodka um besoffen zu werden!“

„Kannst du dich denn in einen verwandeln?“ Ken grinste verschlagen und Yohji hatte ein ungutes Gefühl. „Wahrscheinlich schon. Warum?“, fragte er misstrauisch und Ken liess ein selten wölfisches Lächeln sehen. „Aya erschrecken!“ Er lachte leise und war zum Zimmer hinaus, noch bevor Yohji das Kissen auch nur hochheben konnte.

 

Es klopfte leise und er fuhr zusammen. Die plötzlich aufwallende Panik niederkämpfend, stellte er hastig den PC auf stand-by und drehte sich zur Tür. „Ja?“

„Ich bins, Omi. Ich muss was mit dir besprechen.“ Omi bis sich auf die Lippen. Sollte er? Heute war ein verschissener Tag. Fast jede zweite Person konnte er inzwischen als komisches Wesen sehen. Und besonders seine Arbeitskollegen erschreckten ihn jedes Mal aufs neue mit ihrem Zombieähnlichen Auftritt. Dennoch; Wiedereinmal mit Ken reden zu können, hatte definitiv seine Pluspunkte und wenn er Glück hatte, war Ken ja jetzt wieder normal?

„Komm rein“, rief er leise und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Er stand auf um Ken etwas zu trinken zu holen (Yohjis Idee mit einem kleinen Kühlschrank im Zimmer hatte er gerne imitiert), als sein Blick auf seinen besten Freund fiel.

Da war es wieder! Ken sah aus wie ein Zombie!

Omi hatte im Verlauf des Tages feststellen müssen, dass diese Halluzinationen sich veränderten, dichter und mächtiger wurden. Wo eigentlich Ken stehen sollte, stand wieder ein Zombie mit schmutzigen Bandagen. Die Augen waren aber nicht so, wie bei Prodigy oder Yohji oder Aya. Kens Augen waren zwar auch fast schwarz, aber eben nicht wirklich. Es war ein tiefes dunkles Grün, dass beinahe schwarz wirkte. Dennoch hatte Omi nicht wirklich grosses Interesse daran, herauszufinden, warum und wie das war. Mit einem erstickten Schrei stolperte er rückwärts, streckte eine Hand abwehrend nach Ken aus und wünschte sich gleichzeitig, dass der beste Freund ihn trotzdem einfach in seine Arme ziehen würde, und ihm sagen würde, dass alles in Ordnung sei.

Ken beobachtete Omi genau, als er ins Zimmer trat, und war in Sekunden bei ihm, als dieser plötzlich zurückwich und Panik in dessen Gesichtszüge trat. „Omi! Was ist los?“, drängte er ihn, doch Omi sank nur gegen ihn und begann haltlos zu schluchzen. Kens Gedanken rasten. Konnte es sein, dass Omi tatsächlich eine Psi entdeckt hatte, mit ihr aber nicht zurecht kam? So wie er ihn kannte, dachte der Jüngere sicher, dass er nun verrückt würde und Ken ihn nicht mehr als seinen Freund haben wollte, obwohl Ken ihm doch vorletzte Nacht seinen Beistand versichert hatte.

Er zog ihn hinüber zum Bett, setzte sich und zog Omi auf seinen Schoss. Es war lange her, dass er ihn so gehalten hatte. Meist stand Omi nachts neben Kens Bett und weckte ihn wenn er besonders schlecht geschlafen hatte. Dann hielt ihn Ken eben so, bis er eingeschlafen war, und deckte ihn anschliessend zu. Ken lächelte bei dem Gedanken. Omi war wie ein Bruder.

„Was ist denn, Omi? Was hast du gesehen?“, murmelte er leise und Omis Körper wurde steif. „Wer sag das? Wer sagt, dass ich etwas gesehen habe?“, fragte er mit zitternder Stimme und Ken wischte ihm die Tränen von den Wangen. „Eine Vermutung. Du warst den ganzen Tag schon so komisch, hast dich ab mir erschreckt und bist schnell auf dein Zimmer verschwunden. Also sag schon, was hast du gesehen?“

Omi kniff die Lippen zusammen. Sollte er es sagen? Würde Ken ihn dann für verrückt halten? Wahrscheinlich. Aber er musste etwas sagen. Nicht zuletzt, weil er das Team gefährden könnte!

„Zombies! Überall sind Zombies!!“, brach es aus ihm hervor und Ken runzelte die Stirn. Hatte Omi am Ende doch nur einen Horrorstreifen gesehen, der zu hart war? Omi sah ihn ängstlich an und schien zu erraten, was in seinem Kopf vorging. „Du bist einer, Yohji auch. Prodigy war einer. Matsu war einer. Ich…ich hab ihn begrüsst und er hat gelacht und gefragt, ob ich Mathe gemacht hätte und dann hab ich gesagt dass er in der Pause abschreiben könne und dann hat er gesagt ich sähe etwas käsig aus und hat gefragt ob es mir gut ginge und ich hab genickt und ihn auch gefragt und… und dann war er plötzlich ein Zombie!“ Ohne Punkt und Komma redete Omi weiter, redete von dem ganzen Tag, während Ken irgendwann einmal ausklinkte. Omi verlor sich zu sehr in Farben und dem Schrecken, den er dabei bekommen hatte, als dass Ken am Schluss noch hätte sagen können, wer dann wo wie ausgesehen hatte. Schliesslich verstummte Omi und sah Ken mit grossen, angsterfüllten Augen an. „Du denkst auch dass ich verrückt bin, oder?“

Ken schüttelte den Kopf. „Nein.“ Er nahm ihn vorsichtig in die Arme. „Erzähl mir mehr von den Erscheinungen. Wie sehe ich aus?“ Es war das erste, was ihm einfiel und ausserdem würde Yohji ihn bestimmt das selbe fragen, wenn er es ihm dann erzählte.

„Du bist ganz mit Bandagen eingedeckt. Alle sind in Bandagen eingedeckt. Manchmal sind sie grau, manchmal schwarz. Weisse habe ich noch nie gesehen. Deine sind grau. Und dann sind da die Flecken.“ „Flecken?“, fragte Ken behutsam nach und Omi nickte. „Rote Flecken. Yohjis Kopf war ein einziger roter Fleck. Du hast heute nur an der linken Schläfe einen, gestern war der noch nicht da.“

Reflexartig hob Ken die Hand und tastete sich an die Schläfe. Es tat weh und er zuckte leicht zusammen. Omi beobachtete ihn argwöhnisch und Ken grinste leicht. „Da hab ich mir heute früh beim aufwischen den Kopf am Radiator gestossen. Vielleicht sind die roten Flecken nur da, wo man sich verletzt hat?“

Omis Blick wurde kritisch. „Dann müsste Yohjis Kopf eine einzige Fleischwunde sein!“, protestierte er, und Ken nickte nachdenklich. Dann fiel ihm etwas ein. „Ah, aber vielleicht zeigt es einfach nur, dass etwas nicht in Ordnung ist! Schliesslich hat Yohji seit gestern fünf Flaschen Wodka getrunken. Er muss tierisch Kopfschmerzen haben! Genau!“ Er grinste, zwar etwas fies, aber Omi lächelte endlich wieder und Ken fiel ein Stein vom Herzen. Nicht auszudenken, wenn der Junge ihm nicht mehr vertraute!

Omi nickte schliesslich zaghaft, er traute der Ruhe wohl immer noch nicht. Nach einem kurzen Zögern holte er tief Luft und setzte wieder an. „Dann ist in der Mitte der Brust ein weiterer Flecken der meist eine andere Farbe hat. Er ist grau, und darauf ist eine Flamme die züngelt, als würde da wirklich was brennen. Ich hab sie bisher nur bei dir, Yohji und Prodigy gesehen, bei ihm ist sie ganz schwarz. Eure ist sehr dunkelgrau. Und dann sind da noch die Augen. Deine sind grün, so dunkelgrün, dass ich fast dachte, es wäre schwarz, aber es ist noch grün. Yohjis waren auch fast schwarz, und die von Prodigy waren ganz schwarz. Ken, was bedeutet das alles?“

So leid es ihm tat, seinen Freund enttäuschen zu müssen, aber Ken hatte ihm keine Antwort. Dass sagte er ihm auch und Omi seufzte leise. „Sag mal Omi, gibt es etwas bestimmtest, was dir dabei aufgefallen ist? Vielleicht ein Traum, den du letzte Nacht hattest? Oder hast du gestern was zum Einschlafen genommen?“ Wäre ja möglich, oder? Schliesslich würde dass die Hemmschwelle genauso senken, wie der Alkohol bei Yohji. Doch zu seiner Enttäuschung schüttelte Omi den Kopf. Er sah ihn eine Weile stumm an, dann schossen Tränen abermals in die blauen Augen. „Ich hab mir solche Sorgen um euch gemacht!“, heulte er in Kens Brust und der blinzelte überrascht, bevor er die Arme um Omi legte. „Warum denn?“

„Du und Yohji, ihr habt ausgesehen, als wärt ihr der Tod auf Latschen! Und bei der Mission, da sah Prodigy so hohl aus und ich hab mich daran erinnert, dass du gesagt hast, dass niemand mit einer bösen Seele geboren wird. Und Matsu, er hat gefragt wie es mir geht. Das tut er nur, wenn er sich selber nicht wohl fühlt, weil er sich nicht die Blösse geben will. Da hab ich mir gleich sorgen gemacht.“ Er erzählte weiter, und Ken fiel schlussendlich auf, dass er sich zu jedem gesehenen ‚Zombie’ irgendwie Gedanken, wenn nicht sogar Sorgen gemacht hatte. Vielleicht der Auslöser? Er fragte danach. Omis Augen wurden rund. „Dann darf ich mir nie mehr sorgen machen?“, fragte er mit dünner Stimme.

Ken lachte leise. „Nein, Omi! Ich denke eher, dass dir das helfen könnte, das ganze in Griff zu bekommen. Was denkst du, wollen wir es mal versuchen?“ Omi war unsicher, Ken sah es ihm genau an, doch nach ein wenig gutem Zureden hatte er ihn schliesslich so weit, dass er Ken fragte, wie es ihm ginge.

Ken wusste, dass sie Erfolg hatten, als Omi hastig die Augen zusammenkniff. Er zog ihn auf die Füsse und trat mit ihm an den Spiegel neben dem Schrank. „Ich sehe nichts“, sagte er etwas verdrossen. Gleich darauf schallt er sich. Das war Omis Gabe, warum sollte er dann etwas sehen können? Omi linste vorsichtig zwischen seinen Fingern hindurch. Er sah bleich aus, abgespannt, und Ken erinnerte sich wieder daran, dass der jüngere sich schon länger mit solchen Visionen herumplagte. Er zog ihn in die Arme, drückte ihn an seine Brust und stellte sich vor den Spiegel. Er wollte, dass Omi sah, dass er ihm nichts tat, selbst wenn er mal nicht appetitlich aussah.

„Hei, wie geht’s eigentlich dir?“, fragte er leise, denn Omis Züge wollten einfach nicht weicher werden. Er bekam nicht gleich Antwort und hatte kurz das Gefühl, als wäre Omi an ihn angelehnt eingeschlafen, aber dann drang Omis leise Stimme doch noch an seinen Gehörgang.

„Beschissen! Mein Kopf tut weh und ich bin müde. Ich mach mir Sorgen, darf mir aber keine mehr machen…“ Er brach ab und wischte die Tränen weg, die unter den geschlossenen Lidern hervorquollen. Hastig schlug er die Augen auf und blinzelte zur Decke. „Erbärmlich!“, nuschelte er verdrossen und Ken lachte leise. „Nein, Omi. Schau doch, es ist alles in Ordnung!“ Er drehte ihn zum Spiegel um und Sekunden später wurde der Teen vollkommen steif. „Omi?“

„Ken! Ken! Das bin ich!“ Omis Stimme war nur leise, aber so voller Panik, dass es Ken die Kehle zuschnürte. Er sah hinunter in das Gesicht, dass nun dem Spiegel zugewandt war und fragte sich, wie das hatte passieren können. Wie hatte er Omi dazu gebracht, sich selbst so zu sehen? Seine Gedanken hetzten einander und es fiel ihm wieder ein. Mir sorgen machen…

Er hatte Omi mit seiner Frage doch eigentlich genötigt, sich über sich selbst sorgen zu machen, oder? „Mist!“, fluchte er leise, während Omi vollkommen weggetreten in den Spiegel starrte.

„Omi! Omi hörst du mich?“ Mechanisches Nicken. „Omi, komm wieder zurück!“ Doch das schien nicht so einfach zu sein, wie er sich das vorstellte. Er redete auf ihn ein, doch Omi stand angewurzelt dort, betrachtete sein Gesicht mit Abscheu und Faszination bis Ken nichts anderes übrig blieb, als ihn wieder zu umarmen. Als er den direkten Blickkontakt zum Spiegel unterbrechen wollte, schob ihn Omi zur Seite und Ken blieb nichts anderes übrig, als sich hinter ihn zu stellen und die Arme um seine Brust zu schlingen. Sanft sprach er in Omis Ohr, sinnlose Phrasen, bis ihm eine Frage rausrutschte, für die er sich hätte Ohrfeigen können.

„Omi, was siehst du denn da?“ Omi gab Antwort.

„Ken, da ist etwas neues. Meine Flamme ist lila, ganz dunkel lila. Und die Augen waren eben noch dunkelgrau“, hauchte er leise und Ken hielt den Atem an. „Eben noch? Wie sind sie denn jetzt?“ Omi antwortete ihm wieder. „Braun. Und orange. Ken, ich hab mir solche sorgen gemacht und jetzt fühl ich mich sicher.“ Ein wenig erinnerte Ken Omis momentaner Zustand an einen Junky der gerade in einem Staun- Flash festsass. Omi hatte ein Lächeln auf dem Gesicht, das eindeutig debil aussah, aber im Moment war Ken viel zu froh, dass Omi wieder sprach, als dass er deswegen etwas gesagt hätte.

„Sicher? Warum sicher, Omi?“ Omi antwortete nicht, starrte immer noch mit grossen Augen auf sein Spiegelbild. „Weil ich dich halte, Omi?“ Ein Schuss ins Blaue, aber einen Versuch war es wert.

Omi zeigte zuerst keine Reaktion, dann wandte er den Blick zu Ken. Er nickte. „Bleibst du heute nacht hier, Ken?“, murmelte er und Ken nickte. Klar, wenn Omi sich dafür besser fühlte?

Dieser hatte seinen Blick wieder auf den Spiegel gerichtet und kniff die Augen zusammen. „Da ist noch etwas“ nuschelte er angestrengt. „Da in der Flamme ist ein kleiner, weisser Punkt. Und da drinn ist ein komisches Zeichen und…“ Omi kniff die Augen noch weiter zusammen und richtete seinen Blick wieder auf Ken. „Ja, bei dir auch. Aber deines ist anders“, murmelte er. Ken blinzelte. „Hast du’s im Griff?“, fragte er mit einem schiefen Grinsen. Schon klar, dachte er, waren nicht alle so langsam wie er.

Omi schüttelte den Kopf. „Naja, ich habs versucht. Aber es macht mir immer noch angst!“ Er schien genug gesehen zu haben, denn er drehte sich zu Ken um und lehnte sich schwer gegen ihn. „Dieses Zeichen, was das wohl bedeuten mag?“ Er sah aus, als würde er nachdenken, hatte die Augen fest zusammengekniffen. „Hei, dass ist komisch! Jetzt brauch ich mich nur daran zu denken und bei dir und Yohji und Prodigy sind auch so komische Zeichen drin. Hm!“

Ken grinste leicht. War schon eine komische Situation, oder? Sanft zog er Omi zum Bett und platzierte ihn drauf. „Okay, Omi, ich penn heut bei dir. Und dafür legst du deine Angst zur Seite und probierst etwas, ja? Ist noch viel Zeit bis zum Abend, geh etwas raus und frag dich, wie’s den Menschen geht. Wenn’s dir zu unheimlich wird, kannst du ja wieder herkommen. Ich gehe nicht weg, versprochen!“ Er legte sich die Hand aufs Herz und schwor bei seinem Fussball, und Omi kicherte leicht. „Es sieht plötzlich gar nicht mehr gefährlich aus, weißt du?“ Dann wurde er ernst. „Warum glaubst du mir?“, fragte er zaghaft und Ken schluckte. Während er sich aufs Bett setzte, begann er zu erzählen, warum er heute früh schon wieder den Boden hatte aufnehmen müssen.

Omi hörte ihm schweigend zu, versuchte sich kurz an einer Fischimitation bevor er seufzte und sich an Ken anlehnte. „Wir zwei sind schon komische, was? Jetzt werden wir wie Schwarz. Was wohl Kritiker dazu sagt?“ Ken wollte gerade erzählen, dass Yohji davon nicht begeistert war und ja, Yohji auch eine Psi hätte, als Omi ihn mit tiefernstem Gesichtsausdruck ansah. „Du wirst keiner Menschenseele etwas davon sagen, hörst du? Ich will erst herausfinden wie das alles geht, bevor ich es Manx sage! Und vor allem will ich sicher sein, dass es dauerhaft ist. Stell dir vor, wir werden geschult und plötzlich ist es einfach weg! Dann sind wir tot!“

Ken hatte nicht gewusst, dass Omi eine theatralische Ader hatte. Ihr Jüngster sass auf dem Bett und zerrte sich zur Verdeutlichung ihres Schicksals an den Haaren, während er das Gesicht zu einer leidenden Fratze verzog. Ken schmunzelte nur. „Alles was du sagst, Omittchi!“, lachte er, und Omi grinste ihn schief an. Dann erhob er sich. „Ich hab Aya vorhin versprochen ihm beim kochen zu helfen. Er hat sicher schon angefangen.“ Ken grinste. „Du musst auch ganz schön von der Rolle gewesen sein, als zu ihm das versprochen hast! Seit wann kochst du freiwillig?“ Omi verzog das Gesicht mürrisch und stapfte zur Tür, während Ken zu lachen begann. „Das ist nicht witzig! Ich werde die ganze Zeit dran sein, das Gemüse aufzutauen, während er versuchen wird, es mit dem Katana zu zerhäckseln! Ich meine, so kühl, wie der immer ist, bekommt ihr eure Misosuppe heute am Stiel und nicht brühend heiss.“ Er streckte Ken völlig kindisch die Zunge heraus, lachte schliesslich doch auch noch und machte sich auf in die Küche. Ken blieb schmunzelnd zurück, bevor er sich mit wirbelnden Gedanken auf zu Yohji machte.

Es nagte an ihm, dass er Omi versprochen hatte, niemandem etwas zu sagen, aber wenn Omi erfuhr, dass Yohji auch eine Psi hatte, würde er es verstehen. Und so, wie sich Omis Werdegang (oder Leidensweg; Ken war da nicht so kleinlich) anhörte, würde der jüngste Weiss noch am meisten Hilfe benötigen. Vielleicht konnten Yohji und er etwas tun, um Omi zu helfen?

Leise klopfte er an Yohjis Tür und ging dann einfach rein. Yohji lag auf dem Bett und sah ihm stirnrunzelnd entgegen. In knappen Sätzen erzählte Ken, was gerade eben bei Omi vorgefallen war, und liess auch nicht aus, dass er eigentlich versprochen hatte, nichts zu sagen. Yohji nickte bedächtig. „Das sieht ihm ähnlich. Was hältst du davon, wenn wir beide heute zusammen in Ausgang gehen? Dann können wir in Ruhe reden und etwas Ablenkung würde dir auch ganz gut tun.“ Ken schüttelte den Kopf. „Ich penn heut bei Omi, hab ich das nicht gesagt?“ Yohji schüttelte den Kopf, dann seufzte er. „Dann geh ich halt allein!“, sagte er mürrisch und Ken verzog missbilligend die Lippen.

„Wie wärs… Eine vollkommen verrückte und neuartige Idee, das wird dir sicher gefallen, Yohji“, begann Ken mit einem feinen, leicht fiesen Grinsen auf den Lippen, welches Yohji, dank seines Hang overs nicht sah. „Sag schon“, fragte er neugierig und Ken grinste. „Wie wärs, du bleibst heute einfach mal zuhause und wir zwei hübschen gehen morgenfrüh in die japanische Nationalbibliothek in der Innenstadt? Dort sind viele alte Bücher, hab ich mal gehört. Vielleicht finden wir dort was?“

Yohji sah ihn zehn Sekunden lang völlig weggetreten an. „Hä?“, war dann das einzige, was er vorbrachte und Ken grinste noch breiter. „Warum Bibliothek? Dass können wir doch von Omis PC aus!“, maulte der Blonde und Ken nickte leicht. „Du vergisst, dass Omi ein Genie im Umgang mit PC’s und Internet ist. Und er hat nichts gefunden, das hätte er gesagt. Und da es etwas ist, dass eher geheim gehalten wird, dachte ich mir, es gäbe vielleicht irgendwelche Aufzeichnungen. Alte Legenden, Märchen, oder ein Buch, indem alles als Scherz aufbewahrt wurde.“ Ken lief vor Yohji auf und ab, nicht schnell, dennoch wurde Yohji vom Zusehen schlecht. Er streckte die Hand aus und zog diesen zu sich aufs Bett. „Okay, hast Recht, guter Ansatz“, gab er ungern zu, und Ken strahlte übers ganze Gesicht.

Während der Fussballer sich langsam verabschiedete, fiel Yohji in eine tiefe Sinneskrise. Wer war hier eigentlich der Detektiv, Himmeldonnerwetter?

 

Das Messer schnippelte stoisch weiter an der Karotte herum, immer schön gleichdicke Scheiben. Als es abrutschte und ins weisse Fleisch der linken Hand des Weissleaders fuhr, japste dieser kurz erschrocken auf und warf es von sich. Automatisch führte er den Finger zum Mund und leckte das Blut ab.

Moment! Welches Blut? Misstrauisch betrachtete Aya seinen Finger. Da war kein Kratzer. Aber er hatte fest und tief geschnitten, der halbe Finger müsste eigentlich ab sein! Was war hier los? War Schwarz hier? Hatte Mastermind ihm eine Illusion geschickt, die ihm weiss machen sollte, es wäre alles in Ordnung, während er in Wahrheit jämmerlich verblutete? Aber so was funktionierte nur, solange es nicht durchschaut wurde, und er hatte es doch gerade eben durchschaut, also was war hier los? Vielleicht war das Messer stumpf?

Grummelnd tauschte Aya das Messer und machte sich wieder an die Arbeit. Seine Hand zitterte leicht, obwohl er sich dafür selbst schämte. Er hatte sich mit einem stumpfen Messer geschnitten, wo war da das Problem? Warum sagte ihm sein Killerinstinkt, dass das dicke Ende der Wurst erst noch kam?

Wieder rutsche er ab, und das Messer fuhr zentimetertief in den Handballen.

Bevor es zurück spickte und die Klinge mit einem hellen ‚Plick’ entzwei brach.

Wie gelähmt starrte Aya auf die zerbrochene Klinge und wieder auf das Messer in seiner Hand. Mit zitternden Händen schaffte er es, dass unheimliche Küchengerät wieder auf die Anrichte zu legen, bevor er die Hände darauf abstützte und tief durchatmete. Was zum Teufel ging hier vor? Sei wann zerbrach ein Messer an Haut? Noch dazu an seiner Haut, die eigentlich ziemlich empfindlich gegenüber äusseren Einflüssen war? (Deshalb durften die anderen drei durchs Gestrüpp krauchen, während er die Vordertreppe nahm, wenn sie auf Mission waren!)

Das stumpfe, zur Seite gelegte Messer zog seine Aufmerksamkeit auf sich. War es am Ende gar nicht stumpf? Als er es mit viel Schwung in die Karotte hackte, wurde das Gemüse schön sauber zerteilt. Als Aya, leicht panisch und mit der Situation etwas überfordert, das Messer in seinen Oberschenkel fahren liess, schlitze es die Hose auf und prallte an der darunter liegenden Haut ab.

Aya keuchte erschrocken und vollkommen verwirrt, hob das Messer und stach wie von Sinnen mehrmals auf seine Oberschenkel ein, bis die Klinge wieder zerbrach. Dann wurden seine Gedanken wieder klarer, und er beschloss, dass Ganze wissenschaftlicher anzugehen. Mit einer grösseren Klinge. Wann kam denn endlich Omi?

Als der Weissschütze die Treppe hinunter schlich, warf Aya gerade die Messer in den Müll. Zwischen Tür und Angel warf er Omi die Schürze zu. „Ich muss weg“, sagte er barsch noch bevor Omi fragen konnte, und liess den verdutzten Jungen einfach in der Küche stehen. Omi stand immer noch dort, als Aya Minuten später die Treppe hinunter stieg und zum Auto lief, das Katana fest in der Hand.

 

Omi war seit etwa einer Stunde aus dem Haus und Ken hatte sich extra auch bequemt aufzustehen, um noch joggen zu gehen. Nun, nach einer Dusche und einer ordentlichen Rasur, stand er vor Yohjis Zimmertür und klopfte leise an. Dann etwas fester.

Schliesslich pochte er energisch an die Tür. War Yohji am Abend zuvor doch noch in eine Bar und hatte sich zugedröhnt? Er hatte gedacht, Yohji wäre daheim geblieben, aber der antwortete nicht. Leise drückte er die Türfalle hinunter und war überrascht, als die Tür nachgab. Leise trat er ein.

Das Bett war nicht gemacht, und es roch als hätte jemand hier geschlafen. Misstrauisch trat Ken an das Bett. Die Decke bewegte sich!

„Ach komm, du Spinner! Die Bibliothek macht in einer Stunde auf, und wie ich dich kenne, wirst du diese Stunde vor dem Spiegel zubringen, also steh endlich auf! Sonst ziehe ich dir die Decke weg!“ Ken grinste und wusste, dass diese Drohung jetzt nicht ganz so drohend rüber gekommen war, wie er sich das gewünscht hätte. Doch er wusste auch, dass Yohji auch sonst keinen Wank getan hätte. Fies grinsend zog er die Decke mit einem Ruck weg. Und schrie erschrocken auf, als ihn ein Waschbär erst anblinzelte, dann anfauchte.

Mit einem erschrockenen Schrei stolperte Ken zurück und kam auf dem Hosenboden zu liegen. Mit gerunzelter Stirn starrte er zum Bett auf, dessen Liegefläche er jetzt nicht mehr sehen konnte. Das Bett wackelte und er fragte sich, was der Waschbär (Waschbär? In Japan? Himmel!) wohl gerade machte, und nach einigen Sekunden erstarrtem auf dem Boden sitzen, schob sich ein blonder Schopf oben über die Bettkante. „Bist du das, Ken?“, nuschelte Yohji.

Ken konnte den Stein im Keller aufschlagen hören, als er ihm vom Herzen fiel. Erleichtert und doch etwas angesäuert stand er auf. Er hatte doch glatt vergessen, was Yohjis Psi war! Mal ehrlich, der Typ musste ein Schild anbringen; Vorsicht Wildwechsel!

„Man, das ist echt nicht witzig!“, knurrte er Yohji an, dem langsam dämmerte, warum Ken denn da auf dem Boden rumhockte. Auf Yohjis Gesicht breitete sich ein breites Lächeln aus. „Was machst du denn da auf dem Boden, KenKen? Suchst du was?“ Er feixte so breit er konnte und Ken knurrte. „Ich such den Waschbären, dem ich das Fell abziehen und mir daraus ne Mütze machen will!“, fauchte er schliesslich und Yohji fiel vor lachen fast aus dem Bett.

Während Ken schmollend daneben sass (etwas, was er wirklich nur gaaanz selten tat), sammelte sich Yohji und war schliesslich sogar in der Lage, Ken zu fragen, was genau er denn hier wolle. Ken sah ihn erst etwas überrascht an, dann verdrehte er die Augen.

„Wir wollten in die Bibliothek, du Hirni!“ Man echt! Yohji war schlimmer als ein Opa mit Altshaimehr, oder? Ken überlegte sich kurz den Vergleich laut auszusprechen, liess es dann aber. Das mit der Bibliothek könnte noch länger gehen, und wenn sie beide dann sauer auf einander waren, war das nicht unbedingt die beste Voraussetzung, um schnell voranzukommen.

„Oh, glatt vergessen.“ Yohji seufzte. „Na gut. Obwohl ich immer noch nicht ganz weiß, was du dir davon erhoffst. Ich meine, Psikräfte als Sammelband? Huh.“ Ken verdrehte wieder die Augen und kramte ein Stück Papier aus seiner Hosentasche. „Hier. Omi und ich haben gestern noch lange gequatscht und er hat mir erzählt, wie die Symbole im Innern dieser Flamme aussehen. Ich hab unsere und die des kleinen Schwarz. Vielleicht finden wir so was.“

Yohji war aufgestanden und hatte sich seine Sachen zusammengesucht. Im Vorübergehen nahm er Ken den Zettel ab und betrachtete die Bilder. Er schwieg eine Weile, während er weiter im Zimmer herumlief, After Shave und Zahnbürste zusammensuchend.

„Hm“, machte er schliesslich, und drückte in etwa aus, was Ken sich schon gedacht hatte. „Was ist das hier?“, fragte Yohji und deutete auf ein Zeichen. „Und das da?“

Ken runzelte die Stirn. „Das da ist deines. Eine Pfote. Ziemlich einfallslos, wenn du mich fragst, aber was solls.“ Yohji grummelte. „Deines ist nicht besser. Ein blauer Tropfen in einer grauen Flamme?“ Ken zuckte mit den Schultern. „Was willst du? Als Aquakinet…“ Er grinste schief.

„Aber Omis, was soll das darstellen?“ nuschelte Yohji, während er den Zettel wieder zurück gab und zur Dusche marschierte. Ken lächelte leicht. „Er selbst hat es Planetenherz genannt. Klingt doch ganz treffend, oder?“ Yohji warf ihm von der Tür noch einen skeptischen Blick zu, überlegte kurz und nickte dann. „Was besseres fällt mir nicht ein.“ Damit verschwand er unter der Dusche und Ken machte sich daran, Frühstück zu machen. Aya war im Laden, und Kens eigene Schicht fing erst um elf an. Wenn sie in einer halben Stunde losgehen konnten, wären sie bis dahin vielleicht schon zurück, und Aya würde ihm nicht den Hintern aufreissen, fürs zu spät kommen…