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Ankaa & Rastaben - Teil b

Yohji hatte sich wirklich beeilt und sie schafften es tatsächlich als zwei der ersten in die Bibliothek. Ken fragte sich, ob das wirklich so eine gute Idee gewesen war, aber Yohji (der bereits wieder mit einer Angestellten flirtete) schien davon nichts hören zu wollen. Er entlockte dem zierlichen Mädchen hinterm Tresen gerade wo die alten Bücher waren, und wie man da ran kam. Und für „so einen netten jungen Mann“ liess sich natürlich etwas drehen, was auch der Grund war, dass sie ohne Studentenausweis zu den alten Handschriften durften.

„Also los, Ken. Die Lady sagte, dass der PC dort drüben in der Ecke sämtliche Inhalte der Bücher hat und dass man dort nach Stichworten suchen kann. Dann geben wir mal ‚Psi’ ein.“ Ken fragte sich gerade, ob Yohji wirklich so dumm sein konnte, allen ernstes zu glauben, dass es so einfach würde, als dieser jubelte. „Bingo! Hah, ich bin ein Genie!“ Ken trat neben ihn.

„Märchen und Sagen: Wie die Zauberer ihre Hüte und Zauberstäbe bekamen“, las er über Yohjis Schultern und schlug sich eine Hand vor die Stirn. „Ich will dich ja nicht enttäuschen, aber das ist ein Kinderbuch. Zwar wirklich alt, aber nicht das, was wir suchen.“

„Ach, und woher willst du das wissen?“ Yohji starrte ihn mit blitzenden Augen in Grund und Boden.

Ken senkte den Kopf. Klar, warum hatte er auch den Schnabel aufreissen müssen? „Kaze hat das Buch meiner Schwester geschenkt, als wir noch Kinder waren…“ Seine Stimme verlief sich. Er räusperte sich und sah wieder hoch. „Ich kenne es auswendig“ , fügte er leise an und Yohji nickte nach kurzem Zögern. „Okay, lassen wir das. Probieren wir die anderen aus.“

Auf der Liste standen mehrere, doch wenn man sie einzeln nach Stichworten wie Aquakinese überprüfte, waren alle eine Fehlanzeige. Yohji hechelte sämtliche Wörter, die sie bisher gebraucht hatten, durch, fand aber nichts gescheites. Leicht deprimiert liess er sich schlussendlich auf einen Stuhl sinken.

Ken hatte bisher nur die Regale durchstöbert und Yohjis Fluchen gelauscht. Jetzt trat er ebenfalls neben den PC und zog das schon etwas ramponierte Blatt Papier heraus. Er studierte es eine Weile. „Welche Wörter hast du schon eingegeben?“

Yohji sah hoch und grummelte missmutig. „Psi, Aquakinese, Telekinese, Tiermensch, Telepathie.“ Ken warf ihm einen langen Blick zu. Warum denn das letzte; schien sein Blick zu fragen, und Yohji schnaubte. „Naja, hätte ja sein können, oder?“ Er versank wieder in dumpfes, missmutiges Brüten, bevor er aufsprang und die Regale absuchte.

Wenn er Telepathie eingibt, warum dann nicht Omis ‚Planetenherz’?, dachte sich Ken, und schon flogen seine Finger über die Tasten.

 

Wie zum Teufel kamen die zwei hier rein? Er hatte von Izumi doch die Garantie erhalten, dass so früh am morgen nie jemand da war, was sollte das also? Und dann ausgerechnet die beiden! Konnten die Recherchen nicht übers Internet betreiben, oder wie?

Ziemlich angesäuert lag Nagi auf einem der Regale. Er lag gut. Das Regal war leer und im hintersten Winkel, dennoch gab ihm seine Position einen perfekten Überblick. Obwohl er eigentlich niemanden von Weiss sehen wollte. Pech für ihn, wie sich herausstellte, denn die Beiden wollten nicht mehr so schnell verschwinden. Was suchten die Deppen überhaupt?

Nagi horchte auf. Was sollte das? Man sollte meinen, eine Arbeitsgemeinschaft wie Weiss sollte einen Hintergrund haben, der solide genug wäre, um solche Recherchen in Labors durchzuführen, aber nein! Und fiel diesen Deppen wirklich erst jetzt auf, dass Schwarz Psi- Menschen waren? Dazu hatten sie aber lange gebraucht! Nagi grinste.

Natürlich wusste er, dass Weiss nicht erst seit heute wusste, dass Schwarz aus Psi’s bestand. Was also suchten die in einer öffentlichen Bibliothek in der Sektion ‚Alte Bücher’? Angestrengt lauschte der kleine Schwarz. Dann hörte er Siberian jubeln und er wäre fast vom Regal gefallen, hätte er sich nicht aus Reflex mit seiner Psi obengehalten.

„Was gefunden, Ken?“ Blöde Frage, dachte Nagi. Wenn man so schreit, hat man hundert Pro was gefunden! Aber irgendwie kam ihm diese blöde Frage vertraut vor; Fragte nicht auch Schuldig immer so sinnlose Dinge? Lag wohl an der Haarfarbe. Alles, was soo blond (rotblond, wie mans nimmt; Nagi war da gar nicht kleinlich!) war, war wohl auch etwas hohl in der Birne…

„Ich hab Planetenherz eingegeben, und: Treffer!“ Planetenherz? Höh? Sonst gings ihm hoffentlich noch gut? Oder vielleicht doch lieber nicht, dann wären sie schon den ersten Weiss los!

Aber je länger er darüber nachdachte, brachte der Name ‚Planetenherz’ etwas in ihm zum Klingen und er fragte sich, wo er den Ausdruck schon einmal gehört hatte. Es musste länger her sein, normalerweise vergass Nagi nicht einfach so Dinge.

„Echt jetzt? Man, wieso bin ich nicht selbst darauf gekommen?“, hörte er den Blonden murmeln. Weil du blond bist?, wollte Nagi antworten, unterliess es dann aber. Viel lieber hörte er weiter zu, und was er da hörte, liess seine Augen immer grösser werden.

 

„Und was hat’s ergeben?“ Yohji schlenderte zu ihm hinüber und sah ihm über die Schulter. „’Legenden der Welt’? Klingt vielversprechend. Wo steht es?“ Ken sah ihn etwas verdutzt an. „Na, hier, du Depp! Wo sollte es denn sonst stehen?“ Ken blinkte verwirrt mit den Augen, während Yohji ihn sprachlos anblinzelte. Dann schnaubte er spöttisch. „Anfall geistiger Umnachtung, Ken? Ich meine: Welches Regal, welche Zeile und so weiter. Los, los!“ Sekunden später beugten sich die beiden über einen schweren, alten, in Leder gebundenen Band, der ganz schön staubte, als Yohji ihn mit langen Fingern aufschlug. Ken überliess es dem ehemaligen Detektiven, die Themen zu sichten und brauchbares herauszusuchen. Er war nicht so gut befreundet mit Büchern. Er hatte sie in der Schule meist als Fussballersatz missbraucht. Warum andere in ihnen lasen, das war ihm immer noch schleierhaft. Fussball war wesentlich besser. Mehr Action, mehr Spass, mehr Bewegung!

„Pfüh! Hier steht doch gar nichts von einem Planetenherz. Was verzapft denn der blöde PC?“ Yohji stiefelte rüber, um sicherzugehen, das er das richtige Buch hatte, und Ken warf einen Blick hinein. „Du hast ja noch gar nicht bis zum Schluss gesehen!“, rief er fragend, doch Yohji wedelte abwehrend mit den Händen. „Da sind nur noch die Quellenverzeichnisse, und da steht nie was schlaues.“ „Ach so“, murmelte Ken und warf dem aufgeschlagenen Buch einen langen Blick zu. Es war ihm, als würden ihn die Schatten auslachen, als er mit spitzen Fingern eine Seite umdrehte und misstrauisch hinein guckte.(Nagi biss sich vehement auf die Zunge. Siberian war aber auch zu doof! Das wusste doch jeder! Hatte der überhaupt schon mal ein Buch gelesen?)

„Aber Yohji, hier steht es doch!“, rief er verwirrt, und Yohji wirbelte zu ihm herum. „Was?“, fragte er etwas heftig und kam mit grossen Schritten zu Ken zurück. Ken deutete auf eine Stelle im Quellverzeichnis und grinste, als Yohji mit gerunzelter Stirn darüber sass.

„Erwähnung der ‚Seelenforschung’; Auszug aus dem ‚Stilleben des Nostradamus’; Kapitel XII; Absatz 10: ‚Planetenherz’“ Eine Weile war Ruhe, und Ken schien es, als würden sogar die Schatten den Atem anhalten. (Nagi sass versteinert auf dem Regal. Mochte es bei ‚Planetenherz’ immer noch nicht ‚Klick’ gemacht haben, beim ‚Stilleben des Nostradamus’ waren sämtliche Alarmglocken angegangen!)

Schliesslich seufzte Yohji und massierte sich mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel. „Mal ehrlich, kann nicht einmal etwas einfach sein?“, grummelte er leise und marschierte wieder zum PC hinüber. Ohne allzu grosse Hoffnung gab er den Titel des Buches ein und wartete.

„Und?“, fragte Ken, kaum dass er die letzte Taste gedrückt hatte. „Geduld; KenKen!“ Yohji grinste schief und überhörte beinahe das leise ‚Pling’, das eine erfolgreiche Suche abschloss. Er gab Ken hektisch die Daten des Regals durch und Sekunden später lag das Buch schon auf dem Tisch. „Meinst du, das wird endlich was?“, fragte Ken. Er war plötzlich ziemlich aufgeregt, und Yohji selbst hatte ein Ziehen im Magen, dass ihm sagte, dass gleich etwas passieren müsste.

Doch das Buch war leer.

Nun, leer ist vielleicht etwas zuviel gesagt. Es war beschrieben. Die ersten zehn, fünfzehn Seiten waren als eine Art Tagebuch benutzt worden. Dann brach die Schrift ab und was blieb, war unbeschriebenes Papier. Enttäuscht fielen die beiden Forscher zurück in ihre Stühle. Nach endlosen Sekunden stand Yohji auf, um Kaffe zu holen und Ken fragte sich, warum sie nicht gleich nach hause gehen konnten. Yohji grinste. „Vielleicht weiss die reizende Dame am Empfang ja was über das Buch?“ Kens Gesicht hellte sich wieder auf und ungeduldig wartete er auf Yohjis Rückkehr.

Doch der Playboy brachte schlechte Nachrichten. Es gab nur Espresso (Ken verzog das Gesicht, als Yohji ihm die Tasse hinstellte) und Izumi hatte keine Ahnung von dem Buch. Sie war nur als Teilzeit angestellt. Missmutig setzten sich die beiden an den grossen, dunklen Tisch und starrten auf die leeren Seiten. Ken führte gedankenlos den Kaffe an seine Lippen und verzog angesäuert das Gesicht. Verdünnen, dass müsste man der Kaffe! Ob er seine Psi hier trainieren könnte? Er hatte letztens nicht einmal das Becken getroffen, als Omi eine Vorstellung wollte! Aber vielleicht gelang es ihm ja jetzt? Das bei Omi war ja auch eher Spass gewesen, das hier war bitterer Ernst! Er konnte doch keinen Espresso trinken!

Er visierte den Becher an (Mal ehrlich! Espresso in einem 2dl Gefäss? Tststs!), prägte ihn sich gut ein und schloss die Augen. Völlig konzentriert sass er da, während Yohji durch das Buch blätterte und verzweifelt einem eventuell übersehenem Hinweis auf die Schliche zu kommen.

Nachdem Ken sich genug konzentriert hatte, stellte er sich vor, wie ein wenig Wasser in den Becher tröpfelte, nicht viel, sonst gäbe es wieder eine Überschwemmung, aber doch genug, um den fürchterlichen Kaffe zu strecken. Als er die Augen aufmachte, und in die Tasse schaute, musste er enttäuscht feststellen, dass das nichts geworden war. Wieder schloss er die Augen, und wieder passierte nichts. Angesäuert versuchte es Ken noch einige Male bis Yohji sich einschaltete. „Versuch dir doch ein Feuer im Becher vorzustellen.“ Yohji hatte leise gesprochen, ein paar Oktaven tiefer als üblich. Einer Eingebung folgend beschrieb er Ken das Feuer im Becher mit tiefer, weicher Stimme, brachte das Flackern und Züngeln mit seiner Stimme direkt in Kens Gehör und dessen Kopf.

Als Ken diesmal die Augen schloss, glitt er vollkommen in das Feuer ab, doch mit Yohjis Stimme an seiner Seite und dem Wissen um seine Psi hatte er nun einmal keine Panik vor dem Feuer. Als er die Augen wieder öffnete und in den Becher schaute, grinste er Yohji dankbar zu und der fiel aus allen Wolken. „Ne, oder? Das hat jetzt nicht mal so auf die Schnelle gewirkt, das kannst du mir jetzt nicht weiss machen wollen!“ Doch es blieb dabei: Die zwei Zentimeterschicht starken Kaffees war nun so hoch, das Ken vorsichtig einen Schluck davon trinken musste, bevor er die Tasse anhob. Er prostete Yohji zu. „Du wirst mir beim Training helfen müssen!“ Er grinste, denn so konnte man Kaffe trinken!

Sein Blick fiel wieder auf das Buch, und beinahe hätte er den Kaffe über den Tisch gespieen. Hastig schluckte er und starrte dann ungläubig auf die letzte Seite, die beschriftet war. „Yohji, warum ist da plötzlich mehr geschrieben?“, fragte er unsicher und Yohji sah ihn mit gerunzelter Stirn an. „Was meinst du?“ Er sah nichts. Die Tagebuchartigen Einträge hörten etwa in der Mitte der Seite auf, darunter war nichts mehr.

Dennoch starrte Ken wie hypnotisiert auf den Teil, der darunter war. Seine Augen bewegten sich, als würde er etwas lesen und Yohji runzelte die Stirn. „Was?,“ fragte er schliesslich etwas harsch und Ken fuhr hoch. „Das Buch! Ich kann es lesen!“ (Nagi war unendlich dankbar, dass seine Psi leise funktionierte. Das war schon das zweite Mal, dass er fast vom Regal gefallen wäre! Siberian konnte das Buch lesen? Das konnte gar nicht möglich sein!)

Yohji sah ihn misstrauisch an. „Was steht denn da?“ (Nagi lauschte gespannt. Die ersten Worte des Buches kannte jeder Psi auswendig, also würde sich gleich zeigen, ob Siberian wirklich lesen konnte!)

Ich, Abdul Alhazred, gebe hiermit mein Leben, um der Nachwelt aufzuweisen, welche Geschöpfe auf dieser Erde wandeln“ Ken stoppte. (Nagi jappste. Wie konnte das möglich sein?) „Der Name kommt mir bekannt vor. Sagt er dir was?“ Yohji wiegte nachdenklich den Kopf. „Ja. Der Typ soll das Necronomicon geschrieben haben. Aber das Buch ist fiktiv, daher wundert mich jetzt gerade, dass der hier wieder aufgegriffen wird. Aber warum kannst du es lesen? Warum hast du das nicht vorher gesagt?“

Ken zog einen Flunsch. „Ich kann es erst lesen, seit ich was getrunken hab. Unterstell mir hier nichts“, grummelte er, und hielt zur Verdeutlichung den Kaffeebecher hoch. Yohji seufzte. „Man, mit dieser Psi- Sache haben wir bis jetzt nur ärger, oder?“ Er kaute eine Weile nachdenklich au seiner Unterlippe herum, dann kicherte er. „Warum fragen wir nicht einmal Mastermind? Der könnte uns sicher helfen, denkst du nicht auch?“ Er grinste breit und Ken runzelte die Stirn. „Aber sonst geht’s dir noch gut, oder?“ Er schnaubte.

„Lies mal vor, wenn du schon lesen kannst.“ Ken gehorchte und grinste kurz darauf. „Um die Geschöpfe zu schützen, werde ich dieses Buch mit meinem Leben schützen und nur die Geschöpfe selbst mit ihrer angewandten Gabe werden hieraus lesen und zitieren auf das sie sich nicht fürchten. Was erklärt, warum ich es lesen kann, und du nicht!“ Ken grinste noch breiter.

Yohji hatte den Kopf in den Nacken gelegt und die Augen geschlossen. Jetzt schreckte er hoch. „Häh?“ Ken verdrehte die Augen. „Man, du bist seit gestern so was von eloquent!“, maulte er, und Yohji blinzelte ihn verwirrt an. „Was meinst du?“, sprach er die für ihn offensichtliche Frage schliesslich aus und Ken verdrehte abermals die Augen. „Die Psi! Du sollst sie anwenden!“

Yohji guckte einige Sekunden wie ein Auto, dann erhellte sich sein Gesicht. „Ja, klar! Warum bin ich selber nicht darauf gekommen?“ Eine Sekunde später war seine Hand schwarz und ledrig.

 

Was zum Teufel meinte der Weiss damit: Er solle die Psi anwenden? Welche Psi? Waren die jetzt vollkommen bekloppt, oder was? Den Atem anhaltend, beobachtete er aus der Ferne, wie Balinese eine Hand hoch streckte, die er in einen schwarzen Handschuh gesteckt hatte. Wahrscheinlich Leder, denn er schimmerte schwach im Licht der Leuchtstoffröhren die, die Decke zierten.

Sollte er näher ran? Er verstand zwar das meiste, aber ab und an murmelten die beiden so undeutlich, dass er es nicht richtig verstand. Vielleicht hatten sie gar nicht von Psi gesprochen, und vielleicht hatte er bei Siberian’s Vorlesen einfach halluziniert. Jah, genau. Und Schuldig war der Weihnachtsmann, oder so. Wenn Nagi etwas nicht tat, dann war es halluzinieren. Dafür hatte Schuldig schon gesorgt. Was also ging da drüben vor sich?

Mit Hilfe der Telekinese schwebte er Regal für Regal näher an die Beiden ran. Er hätte sicher bis auf das Regal direkt vor ihnen schweben können, war sich aber nicht sicher, ob sie die veränderten Schatten nicht doch bemerken würden. Weiss war (seiner Meinung nach) doof, aber nicht so doof!

„Hey, jetzt kann ich’s auch lesen! Das ist perfekt!“ Balinese rieb sich die Hände und Nagi spitzte über den Rand seiner Liegestatt. Die beiden lasen wirklich darin! Konnte es sein, dass die sich ihre „Psi“ einbildeten? Und dass sie darin so effektiv waren, dass sie das Buch lesen konnten? Oder war am Ende etwa der Schutz über dem Buch verflogen? Wenn dem so war, musste er es mit nachhause nehmen und Crawford zeigen. Der würde ausrasten!

 

„Vorsicht, Yohji! Die Seiten sind alt, zerr nicht so daran herum!“ Ken blätterte behutsam weiter und las zügig. Dann kramte er in seiner Hosentasche herum und förderte den Zettel zu Tage, der Omi ihm gegeben hatte. „Hier, ein kleines Inhaltsverzeichnis. Mal sehen, was es uns sagen kann!“ Das Jagdfieber hatte Ken gepackt. Wie in seinen Kindertagen, in denen er mit Kaze, seiner Schwester und ein paar anderen Kindern aus der Nachbarschaft nach Piratenschätzen gesucht hatten! Das Kribbeln in den Fingerspitzen, das Herz, das schneller schlug, allerdings nicht vor Panik sondern vor Aufregung! Er atmete ein paar Mal tief durch, bevor die Pferde mit ihm durchgehen konnten. Wer hätte gedacht, dass Bücher so spannend sein konnten?

Das Inhaltsverzeichnis war nicht gross und recht übersichtlich gestaltet. Im ersten Teil, der Yohjis Blick sofort fesselte, wurde beschrieben, wie man eine Psi erkennen konnte, wie sie zu trainieren war und welche berühmten Persönlichkeiten aus der Geschichte eine Psi besessen hatten. Bei einigen Namen pfiff Yohji leise durch die Zähne und grinste, bei dem Kapitel über das Erkennen der Psi runzelte er nachdenklich die Stirn.

„Zieh mal deinen linken Schuh aus!“, befahl er Ken und der sah ihn etwas geblitzt an. „Häh? Warum?“ Yohji rollte mit den Augen. „Allen Psi ist es eigen, dass sie das Zeichen ihrer stärksten Psi auf der Fusssohle ihres linken Fusse tragen. Nun mach schon!“ zitierte er kurz und Ken runzelte die Stirn. „Mach du doch“, wollte er antworten, liess es dann aber und entblösste seinen Fuss.

Beherzt griff Yohji sich das Körperteil und sah nach. „Tatsächlich“, murmelte er erschüttert und liess den Fuss wieder fallen, der etwas unglücklich auf dem Boden landete und Ken einen Schmerzensschrei über die Lippen trieb. Das „Pass doch auf“ von Ken hörte Yohji nicht als er nun seinen eigenen Fuss inspizierte. „Aber das war früher nie so kräftig!“, murmelte er leise und starrte abwesend auf seinen Fuss.

Ken hatte in der Zwischenzeit seinen Fuss wieder eingepackt und las an der Stelle weiter, an der Yohji aufgehört hatte. „Ah, das ist interessant.

Fast alle Menschen tragen ein Zeichen, doch bei den wenigsten wird es jemals genug dunkel. Die meisten Psi werden mit einem dunklen Zeichen geboren, einige erhalten es auch erst in ihrer Erwachensphase. Solche die hell bleiben zeigen an, dass wohl eine Psi vorhanden, diese aber nur durch das weisse oder schwarze Schicksal hervorgelockt werden kann.

Yohji starrte immer noch auf seinen Fuss, als er Kens verwirrten Ausruf hörte. Er hatte am Rande mitgehört, überflog kurz den Abschnitt und runzelte die Stirn (er hoffte, dass ihm der heutige Tag keine Falten einbrachte, sooft, wie er schon die Stirn gerunzelt hatte!) „Das klingt so, als wäre dieses weisse oder schwarze Schicksal ein Mensch. Aber welcher Mensch sollte dazu in der Lage sein?“

„Vielleicht sollte es einfach nur ein schwerer Schicksalsschlag sein? Du weißt schon, wie bei dem kleinen Schwarz!“, schaltete sich Ken ein. Yohji richtete sich auf und taxierte seinen Kollegen. „Was meinst du?“ Ken sank etwas in sich zusammen. „Naja, dessen Fähigkeiten brachen erst aus, nachdem er von dem Heim weg musste. Du erinnerst dich noch an Schwester Amamyia? Er war auch da.“ Yohji sah Ken verblüfft an. „Das weißt du?“ Seine Stimme klang etwas brüchig und Ken verzog das Gesicht. „Habs während der ersten Überschwemmung mit bekommen. Ich könnt mich selbst in den Hintern beissen, dass ich da nicht näher nachgeforscht hab! Vielleicht hat Oracle etwas dummes mit ihm gemacht? Um die Fähigkeit hervorzuholen?“

Sie schwiegen, bis sich Yohji wieder meldete. „Er tut dir leid?“ Ken zuckte zusammen. Wie sollte er das auch erklären? Er hatte Mitleid mit seinem ärgsten Feind! Und nicht nur das; Er hatte mit ganz Schwarz Mitleid. Es tat ihm weh, daran zu denken, dass es eben nur Mangel an Glück war, dass Schwarz zu Schwarz machte. Er erzählte Yohji, was er in der Nacht der ersten Überschwemmung gedacht hatte, und hoffte, dass der Exdetektiv ihn dafür nicht gerade verpfeifen würde.

Yohji seufzte. „Nun, was glaubst du, wer dieser furchteinflössende Schulkamerad von Omi ist?“ Er starrte Ken in die Augen, bis er sicher war, dass dieser verstanden hatte, was er sagen wollte. Kens Gesicht gefror. „Omi hat gesagt, er hätte eine schwarze Seele. Seine Flamme wäre vollkommen schwarz und jedes Mal, wenn er ihn ansehen würde, würde daraus schwarze Stränge hervorschiessen und sich um ihn legen, wie ein Schutzmantel. Glaubst du das? Dass der kleine Schwarz wirklich vollkommen böse ist? Omi hat gesagt, die Flamme von mir wäre dunkelgrau, bedeutet dass dann, dass ich auch fast böse bin?“ Yohji blieb ihm eine Antwort schuldig, vorerst. Tief in sich wollte er glauben, dass weder Ken noch er selbst noch Prodigy von Grund auf böse waren. Das wäre ungerecht, oder?

„Lass uns weiter suchen!“, sagte er nach einigen schweigenden Minuten. Zusammen sahen sie sich das Inhaltsverzeichnis an, nachdem sie den Abschnitt über das Erkennen der Psi fertig gelesen hatten. Es stand noch etwas über das Erkennen der Stärke der Psi, und dass war das erste Mal, dass sie in diesem Buch wirklich über den Begriff ‚Planetenherz’ stolperten.

Einer Sage nach soll es eine Psi mit Namen ‚Planetenherz’ geben, die fähig ist, die Seele, den Körper und den Geist zu erfassen. Was bis anhin bekannt ist, sei in Teil 2, Kapitel XII erwähnt.

Ken blätterte, nach einem kurzen Blick ins Inhaltsverzeichnis direkt zu Kapitel XII. Schon das Ansehen der Überschrift verriet, dass sie richtig waren. Das Bild, welches ihm Omi aufgemalt hatte, war dort ebenfalls. Mit roter Farbe war ein Herz gemalt, vor dem drei Planeten schwebten. Dass es Planeten waren, erkannte man daran, dass eine der Kugeln einen Ring hatte, wie der Saturn. Er warf Yohji einen bezeichnenden Blick zu und begann zu lesen.

Von allen Psi, die mir bekannt sind, ist diejenige des Planetenherzens die Aussergewöhnlichste, da sie nur im Zusammenhang mit dem Weissen und dem Schwarzen Schicksal auftritt. Das Planetenherz ist dazu in der Lage, einen Menschen anzusehen und zu sagen, wie es um ihn steht. Dabei wird seine Kraft auf drei Teile gelenkt. Den Körper, den Geist und die Seele.

Es war eine weile Still, bis Ken und Yohji sich mit etwas bleichen Gesichtern ansahen. „Okay, das erklärt die roten Flecken, die Verletzungen anzeigen. Aber das mit der Seele und dem Geist verstehe ich immer noch nicht“, murmelte Ken unsicher und Yohji seufzte. Während er Ken zum Kaffe holen schickte, las er den nächsten Abschnitt einmal durch, und als Ken wieder kam, konnte er ihm erklären, worum es genau ging. Die Erleichterung war Ken deutlich anzuhören, als er seufzte. „Dann ist Prodigys Seele also nicht schwarz sondern grau. Und meine und deine und Omis auch, nicht wahr?“ Er schloss die Augen und liess den Kopf in den Nacken fallen.

Yohji schüttelte bestätigend den Kopf. „Diese Flamme, die Omi als Seele betrachtet, ist in Wirklichkeit die Psi. Sie ist auch nicht schwarz, sondern nur dunkel violett. Die Farbe der Mystik übrigens, wie mir gerade einfällt. Dass sie bei dem kleinen Schwarz so dunkel ist, bedeutet nur, dass seine Psi sehr stark ausgeprägt ist.“ Ken nickte schwach. Komisch, dass beinahe alle Menschen eine Flamme besassen, also eine Psi, aber nur wenige auch ein Zeichen darin. Nur diejenigen mit einem Zeichen waren fähig diese Psi zu benutzten. Was, wie sie jetzt wussten, auf den Körper ankam, und nicht auf den Geist, oder die Seele.

„Der Körper ist meist ein helles grau, unsere sind laut Omi dunkelgrau. Warum?“ Yohji zog die Stirn in Falten. „Ich kann nur mutmassen. Vielleicht weil es so etwas wie ein vollkommen gesunder Mensch nicht existiert?“ Er liess den Gedanken im Raum stehen und Ken wiegte nachdenklich den Kopf. „Kann ich als Erklärung akzeptieren. Okay, weiter: Die Augen. Omi sagte seine eigenen Augen wären vor dem Spiegel dunkelorange bis braun gewesen. Irgend eine Idee?“ Yohji kramte in seinem Denkkasten umher, dann schüttelte er den Kopf. „Nein, sagt mir nichts“, murrte er.

Mit geschlossenen Augen lehnten sich die beiden zurück und liessen ihre Gedanken etwas schweifen. Yohjis kreisten um die Farbe der Flamme und deren Bedeutung. War es Zufall, dass Violett die Farbe der Mystik und Magie war? Vielleicht, aber ehrlich gesagt glaubte er nicht mehr an Zufall seit er Schwarz kannte.

 

Nagi horchte auf, als Balineses schleppende, müde Stimme erklang. „Ob es Zufall ist, dass die Flamme violett ist?“ Siberian sah sich nicht genötigt, die Augen aufzumachen. „Denke ich nicht. Seit wann glauben wir an Zufall seit wir Schwarz kennen?“ Ein heiseres Lachen von Balineses Seite und Nagi biss sich auf die Lippen. Was zum Teufel geschah hier nur? Was für eine Flamme?

Nagi war sich sicher, das Buch zu kennen. Es hatte zum Ausbildungsstoff gehört, mit dem ihn Brad damals zugedeckt hatte. Allerdings hatte er nur die Einleitung und die Fähigkeiten seiner eigenen Kollegen wissen müssen. Alles, was nach Kapitel X kam, waren Legenden, die Abdul nur der Vollständigkeit halber aufgeschrieben hatte. Aber genau dort forschten diese Idioten von Weiss gerade, also was war los?

Er grübelte etwas. Er hatte damals nicht mehr gelernt, als er wissen musste, weil es ihm unheimlich war, dennoch konnte er das Inhaltsverzeichnis auswendig, es hatte sich irgendwie eingebrannt. Kapitel XI handelte von dem ‚Berg’ wie er genannt wurde. Was genau das war, wusste er nicht mehr. Dann war Kapitel XII, das ‚Planetenherz’ um das die zwei Weiss nun sassen. XIII und XIV handelten vom weissen bzw. schwarzen Schicksals und gehörten definitiv in Reich der Mythen! Wessen Seele war schon vollkommen weiss? Nagi schnaubte ganz leise.

„Also, wenn die violette Farbe kein Zufall ist, dann waren es das Braun und das Orange auch nicht, oder?“, hörte er Siberians Stimme wieder und Balinese liess ein „Hmm“ vernehmen. Dann knirschten die Stühle. „Wir sollten uns nachher mal eine Farbenlehre vornehmen, vielleicht ergibt sich was.“ Man sollte meinen, dass Floristen über so was bescheid wüssten!

 

„Okay, dann noch der Rest. Lass uns die Zeichen raussuchen und kopieren. Dort drüben steht ein Kopierer.“ Ken deutete neben den PC in der Ecke und Yohji nickte. Zusammen gingen sie hinüber und schlugen das Kapitel über Aquakinetik auf. Die ausgedruckten Seiten allerdings waren leer.

„Häh?“, machte Ken und Yohji war im ersten Moment dazu verleitet, ihm zuzustimmen. „Wahrscheinlich kaputt.“ Er legte ein anderes Kapitel auf, was ebenso nicht funktionierte und schliesslich holte er entnervt Izumi und diese lachte sie aus. „Wenn ihr leere Seiten kopieren wollt, ist klar, dass nur leere Seiten dabei herauskommen!“ Sie verschwand kopfschüttelnd.

Ken und Yohji starrten sich eine Weile stumm an, dann seufzte Yohji. „Abschreiben also“, murmelte er wenig begeistert und zog Papier und Stift zu sich. „Mach ich. Deine Sauklaue kann eh keiner lesen!“, grollte er und Ken grinste schief.

„Lass uns die Zeichen von Schwarz auch rauslesen, dann kann Omi sagen, ob sie stimmen, oder nicht!“ „Ja klar, damit ich mehr zu schreiben hab!“, maulte Yohji auf Kens Vorschlag, ergab sich dann aber dem ausnahmsweise guten Vorschlag des Fussballfreaks. So sassen sie eine Weile bis Ken nicht mehr weiterkam.

„Sag mal, was ist eigentlich Berserkers Fähigkeit? Dieses ‚verspürt keinen Schmerz’ ist hier nicht verzeichnet.“ Yohji zuckte mit den Schultern. „Vielleicht im hinteren Teil?“

Zusammen flogen sie über die Kapitel nach dem ‚Planetenherz’. „Okay, das erklärt das weisse und das schwarze Schicksal. Aber ich denke eher nicht, dass Berserker dazu gehört. Vielleicht ist das auch gar keine spezielle Fähigkeit und Schwarz hat ihn nur als Pseudopsi bei sich?“ Yohji nickte nachdenklich. „Kann sein. Woanders konnte er wahrscheinlich gar nicht hin.“ Sie sahen sich schweigend an und konnten einen Anflug von schlechtem Gewissen nicht unterdrücken. Schliesslich räusperte sich Yohji. „Los, zeig mir die einzelnen Zeichen. Ich will sie abmalen.“

Das ging schnell und zu Kens Erstaunen war sein Zeichen als Unterkategorie vom Zeichen für Telekinese aufgelistet, genauso wie Pyrokinese , Aerokinese und der Zusatz ‚Vita’. „Das ist cool!“, murmelte Ken fasziniert. „Prodigys Zeichen ist ähnlich wie meins, aber warum ist hier dieser Kreis?“ Ein dicker fetter Kreis war das einzige Zeichen für Telekinese, und je nachdem eine Flamme oder ähnliches (bei Ken eben ein Tropfen) ein Anzeichen für eine bestimmte Richtung. „Das bedeutet, dass man sowohl als auch verwenden kann. Bei dir fehlt der Kreis, oder? Du kannst keine Telekinese, nur Aquakinese, also...“ Yohji zuckte mit den Schultern. „Prodigys Zeichen dürfte dafür nur der Kreis sein.“

 

Langsam wurden ihm die beiden Gestallten unheimlich! Er musste schnellst möglich raus und Brad informieren! Wenn Weiss tatsächlich Psi entwickelte (was an sich schon vollkommen unmöglich war!) dann müsste das Orakel doch sicherlich etwas darüber wissen, oder? Es brannte ihm unter den Fingernägeln, aufzuspringen und nachhause zu laufen, aber dann würden ihn die beiden sehen und dass war sicher nicht in Brad Sinn.

Die Fäuste geballt lag Nagi auf dem Regal und lauschte still weiter.

 

„Hah, ich bin halt wieder einmal Einzigartig!“ Ken schnaubte, als er Yohjis Grinsen sah. „So, und was ist das denn?“ Er blätterte eine Seite um und Yohjis Lächeln wurde zu einer zum Schmollen verzogenen Schnute. „Das ist gemein! Jetzt lass mir doch den Spass!“

Yohjis Zeichen, eine braune Pfote, war ebenfalls nicht das einzige. Es gehörte zu den Wandlungszeichen und neben dem Animorph* gab es noch den Metamorph**, den Objemorph° und den Botamorph°. Sie wurden durch eine Hand, ein Rechteck (Yohji meinte, dass die meisten Objekte irgendwie einen rechteckigen Abdruck hätten, so als Fingerabdruck) oder ein Blatt dargestellt.

Überraschend war das Zeichen des Oracle. Es war nicht (wie Ken sich gedacht hatte) eine Kugel (die ja eigentlich nur als schwarzer Punkt zu sehen gewesen wäre) sondern ein eindeutig als Kristall zu identifizierendes Gebilde das laut der Beschreibung sogar schimmern sollte. Wie das allerdings auf der Fusssohle des Oracles sein sollte… Ken brach die Gedanken mit Gewalt ab.

Das des Telepathen war ein Herz, was Ken wiederum an das Zeichen des ‚Vita’ erinnerte. Allerdings schienen auf das Telepathenherz ein paar Blitze einzuschlagen. Yohji erklärte dies als Symbole für die Gedanken.

Sie sahen sich noch eine Weile die Zeichen an, scherzten über das eine oder andere obwohl sie wussten, dass es nicht lustig war und schliesslich dachte Ken an seine anstehende Schicht im Laden. Yohji streckte sich. „Geh du schon. Ich suche noch was über die Farben, dann komm ich für die Nachmittagsschicht mit Omi und abends gehen wir zusammen aus. Mit Omi. Wir sollten ihn langsam aufklären, sonst läuft er uns doch noch Amok!“

Ken nickte und machte sich auf den Weg, während Yohji den Kopf in den Nacken legte, und die Augen schloss. „Warum jetzt?“, murmelte er leise, und überdachte das Gelernte noch einmal. Schliesslich liess es ihm keine Ruhe und er schlug den Absatz über Omis Fähigkeit und die dahinterliegenden noch einmal auf. In den hintersten Seiten stand keine Psi- Beschreibung mehr, sondern eine alte Legende, und nachdem Yohji sie gelesen hatte, hatte er ein sau mulmiges Gefühl im Magen, als er den Heimweg antrat.

Das Planetenherz taucht hinter dem Berg auf, wenn das Schicksal sich in zwei hälften aufsplittert und sich in die Waagschale wirft.

 

Nagi hielt den Atem an, als der letzte Weiss das Buch versorgte und nach oben ging. Er wartete noch eine Weile, dann sprang er vom Regal. Vorsichtig nahm er ‚Stilleben des Nostradamus’ aus dem Regal (er grinste. Das ‚Nekronomikron’ der Psi- Begabten wurde es genannt. Für die meisten bedeutete es bis anhin verderben.) und packte es in seine Schultasche. Dann schlich er hoch in den Hauptraum der Bibliothek.

Balinese lungerte bei Izumi rum und stob schliesslich in eine Richtung davon, die Nagi bisher gemieden hatte. Zweifellos war er immer noch auf der Suche nach einer Farblehre. Nagi schnaubte. Das lernte man doch heutzutage in der Schule, oder? Aber er vergass. Balinese war ja schon älter…

Schnurstracks machte er sich auf den Weg nachhause. Die Tür flog ins Schloss und der erste, der Nagi über den Weg lief, war Schuldig der wie immer, sofort seinen Weg in Nagis Gedanken fand. Er kramte eine Weile. Nagi liess es geschehen und lehnte sich an die Wand. Bewegte er sich während Schuldigs intensiver Suche (wonach auch immer), wurde es ihm übel, das wusste er. Folglich liess er es bleiben.

Schuldigs Lachen lenkte ihn ab. „Man sind die Meschugge! Lass mal, Kleiner! Die haben sich wieder nur etwas eingebildet. Lass Brad mal damit in Ruhe. Die Börsenkurse sind etwas zusammengekracht.“ Was das bedeutete, wusste er: Brad würde den ganzen Tag nicht wirklich ansprechbar sein, und wenn doch, riss er demjenigen, der es wagte ihn zu nerven den Kopf ab.

Farfarello schlich um die Ecke, warf Nagi einen Blick zu. Das tat er immer, wenn Nagi nachhause kam. Das tat er bei jedem. Schwarz wusste nicht, ob Farfarello noch Zugriff auf seine eigentliche Psi hatte, aber in Momenten wie diesen schien es ganz so.

„Der Berg erwacht. Gut.“ Oder auch nicht.

Farfarello wandte sich ab und verzog sich wieder in sein Zimmer. Normalerweise sprach er nicht. Dass er es jetzt tat, irritierte Nagi, aber er hatte nicht das Bedürfnis, weiter darauf einzugehen, also liess er es. Schuldig stehen lassend (der sowieso in fünf Minuten in seinem Zimmer stehen und PS2 zocken wollen würde) machte er sich daran, die eben nicht in der Bibliothek gemachten Aufgaben zu vervollständigen.

Dennoch wollten ein paar der Dinge, die Balinese und Siberian gesagt hatten, nicht aus seinem Kopf.

 

„Huang Feng wird für die nächsten paar Wochen bei Weiss mitwirken. Perser glaubt, dass er eine gute Unterstützung gegen Schwarz ist. Er wird bei euch wohnen und mit euch Aufträge erledigen, bis das Problem Schwarz endgültig ausgeräumt ist. Der erste Auftrag rollt morgen Abend an. Bombay, wir haben die Mission vorbereitet, du wirst nur noch eine Strategie ausarbeiten müssen. Dafür werdet ihr bis morgen mit Huang warm werden, verstanden?“

Weiss nickte unisono. Was blieb ihnen auch anderes übrig? Huang war kleiner als Omi, viel kleiner und zierlicher, und Weiss bezweifelte, dass er für ihren Job geeignet war, aber was Kritiker sagte, war nun einmal Gesetzt.

„Komm, Huang, ich bring dich ins Gästezimmer. Wir haben kein anderes.“ Omi trat vor und musterte Huang. Er gab ihm ein aufmunterndes Lächeln und wandte sich um. Huang nickte knapp. „Feng reicht“, sagte er leise, und Omi lief es kalt den Rücken hinunter. Es war eine leise durchdringende Stimme und Omi spürte instinktiv, dass es nicht nur ihm so ging.

Er brachte Feng hoch und dieser schloss sich für den restlichen Abend ein. Aya tat es ihm gleich und Yohji drängelte solange, bis er Omi und Ken überredet hatte, noch mit ihm in einen der ruhigeren Clubs zu gehen. Dort klärten sie nun endlich Omi über ihre Recherchen auf und dieser atmete erst einmal tief durch. Dann lächelte er.

„Es beruhigt mich irgendwie, dass das nicht Prodigys Seele war!“ stiess er hervor und erwartete das vernichtende Urteil seiner Kollegen. Diese warfen sich indessen nur kurze Blick zu und lächelten dann leicht. Der Abend wurde lang, und nur selten kamen sie auf wirklich ernste Dinge. Eines davon war Feng.

„Was hältst du von ihm, Omi?“ Wenn es einer wissen musste, dann doch das Planetenherz, oder? Yohji lachte, als er Omi diese Antwort gab. Der runzelte die Stirn.

„Da Manx gesagt hat, er würde uns speziell gegen Schwarz unterstützen, hab ich schon angenommen, dass er eine Psi besitzt. Ich hab ihn durchleuchtet, als er in sein Zimmer ging, aber er ist komisch. Vielleicht bin ich auch einfach nur müde.“ Er seufzte und spannte die anderen beiden absichtlich auf die Folter, bevor er weiter fuhr.

„Er ist ein einziger schwarzer Fleck. Dort, wo die Flamme sein sollte, ist ein schwarzer Wirbel, der deutlich macht, das eigentlich etwas da sein sollte. Ich werde daraus nicht schlau, ehrlich! Und seine Stimme! Wie alt denkt ihr ist er? Und wie sieht er wohl ohne Linsen aus? Und die Haare sind ja wohl eindeutig gefärbt!“

Ken lehnte sich zurück. Die Fragen, die Omi gestellt hatte, waren durchaus berechtigt, doch die Art, wie er sie gestellt hatte, war geradezu prädestiniert von Yohji aufgefangen und reisserisch verarbeitet zu werden. Dementsprechend funkelten die Augen des Playboys kurz auf, bevor er sich über Feng ausliess. „Die Linsen sind cool, was meinst du, wo er die her hat? Die Haare sind seltsam, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie echt sind. Die scheinen Licht geradezu zu verschlucken, habt ihr bemerkt? Normal schimmern sogar vollkommen schwarze Haare im Licht leicht bläulich, aber seine sind nur schwarz. Und die Stimme! Ob er die bei Hörbüchern anwendet? Damit könnte er jeden einlullen! Hey, vielleicht kann er Aya sanft reden?“ Ken hielt ihm kurzerhand den Mund zu.

„Wir habens geschnallt, Yohji! Du hast dich unsterblich in den Kleinen verknallt.“ Ken seufzte dramatisch und Omi versteckte ein Kichern, während Yohji ihm einen geschockten Blick zuwarf. „Hey, du vergisst, dass ich Sastumi treu ergeben bin!“

Stille.

Dann wurde Yohji rot und senkte den Blick. Omi zog einen Augenbraue hoch. „Dann hats dich endlich mal erwischt? Und wie erklärst du ihr Weiss?“ Ken schüttelte leicht den Kopf. Egal wie süss und unschuldig Omi auch aussah, wenn er etwas fragte, dann traf es immer genau den richtigen Punkt, nämlich den, über den man eigentlich nicht nachdenken wollte. Oder zu dem man einfach keine Lösung fand. Dementsprechend sank Yohji zusammen.

„Ich weiss nicht. Ich wollte… Ich wollte erst mit euch reden, aber nicht so. Irgendwie… anders.“ Er seufzte und starrte die Tischplatte an. Omi warf Ken einen kurzen Blick zu. Der zog die Augenbrauen hoch. ‚Hey, lass mich da raus! Du bist unser Psychiater vom Dienst!’ schien sein Blick zu sagen, und Omi verdrehte die Augen.

„Weißt du, Yohji, wenn es nach mir ginge, würde Weiss lieber heute als morgen aufgelöst. Der Einzige, der wirklich an diesem Beruf hängt, ist Aya. Für uns drei ist das alles schon längst genug, denkst du nicht? Ich bin schliesslich nächstes Jahr an der Uni zugelassen, und da kann ich Nachts nicht mehr über Dächer turnen. Das soll wer anderer machen. Oder am liebsten gar niemand mehr. Schon gar nicht solche Fliegengewichte wie Feng!“

Womit wir wieder beim Thema wären

„Feng wird als Ankaa betitelt. Ich weiss, ich weiss es ist kein Katzenname und er macht auch überhaupt keinen Sinn“, sagte er sogleich abwehrend, als Yohji mit gerunzelter Stirn auf ihn einreden wollte. „Ich hab ihn durch die Datenbanken im Internet gelassen, nachdem ich bei Kritiker nichts gefunden habe. Das Einzige, was irgendwie noch Sinn macht, ist Ankaa als Alpha Phoenicis.“ Er setzte wieder eine Pause ein und Ken wusste, dass Omi von ihm nun ein ‚Ach sooo!’ erwartete, aber er wusste absolut nicht, was der Jüngere mit einem ‚Alpha Phoenicis meinte.

Yohji offenbar schon, denn der verzog das Gesicht. „Also bitte! Ich meine die Katzennamen gingen ja noch! Aber jetzt werden schon Sternennamen vergeben? Was soll das, sind die Katzen alle, oder was?“ Er schnaubte und Omi zuckte mit den Schultern.

Ken blinzelte. „Alpha Phoenicis ist ein Stern?“ Omis Mundwickel zuckte leicht, als Yohji entnervt die Augen verdrehte. „Es ist nicht irgendein Stern. Es ist der Hauptstern im Sternbild des Phönix.“ Ken blinzelte wieder. „Heh, was bist denn du so ruppig? Musst mich doch nicht gleich so anpflaumen! Was ist schon besonderes daran, dass Feng nach einem Sternbild benannt wurde?“

Yohji sperrte bereits den Mund auf, doch Omi runzelte die Stirn. „Aus! Yohji! Ken! Ich hatte noch keine Zeit mich mit der Thematik Huang Feng und Ankaa auseinander zu setzten, also vertagt eure Streitereien bitte solange, bis es wirklich was zu streiten gibt.“ Er warf beiden einen kurzen Blick zu und wechselte dann abrupt das Thema.

„Was ist mit Aya? Habt ihr herausgefunden, ob er auch eine Fähigkeit hat?“ Yohji nippte an seinem Drink. „Sag du es mir. Ich hab dir alle unsere Aufzeichnungen gegeben, du bist das Planetenherz!“ Er warf Omi einen amüsierten Blick zu, als dieser errötete. „Es ist aber nicht dabei“, verteidigte sich Omi und Yohji schüttelte den Kopf. „Alles, was in dem Buch stand, hab ich dir gegeben. Ausser vielleicht … oh!“

„Was?“ Ken schüttelte den Kopf. Warum hatte er es nicht kommen sehen? Yohji hatte etwas vergessen! Und er selbst war normalerweise der vergessliche, ja? „Was oh?“ fragte nun auch Omi und Yohji verzog den Mund. „Naja, die hinteren Teile. Ich hab nicht so sehr auf den ganzen ‚Berg in der Waagschale vom Schicksal’ geachtet.“ Er blickte von einem zum anderen und seufzte, als er die durchdringenden Blicke seiner Kollegen gewahrte. „Okay, okay, ich geh morgen früh noch mal hin!“, rief er aus, und grinste leicht, als Omi ihm einen zufriedenen und Ken einen finsteren Blick zuwarf.

 

„Mastermind!“

Angesprochener verdrehte die Augen. „Ja, Oracle?“ Er betonte den Missionsnamen seines Bosses extra, doch Crawford dachte gar nicht daran, sich irgendwie aus der Ruhe bringen zu lassen. Alles was er sagte war: „Ich kann den Ausgang nicht sehen, also pass auf.“

Mastermind fuhr hoch. „Warum sagst du mir das?“ Prodigy grinste. „Weil du meist die Fehler machst?“ Die Frage war nur rethorisch, und alles, was Prodigy darauf erhielt, war eine Zunge, die der Deutsche ihm hingebungsvoll entgegenstreckte, bevor er sich umdrehte und zu seinem Auto lief. Mit Berserker hinter sich, brauste der Deutsche davon.

Prodigy trat neben Oracle. „Was ist es?“, fragte er beinahe tonlos. Im Gegensatz zu Mastermind nahm er sich die Zeit, die zusammengekrampften Fäuste seines Leader zu bemerken und anzusprechen.

Oracle knirschte mit den Zähnen, was Prodigy in Alarmbereitschaft versetzte. „Etwas stimmt nicht! Beim kleinsten Problem legst du Berserker lahm, sollte er bereits entfesselt sein. Er kann notfalls fahren, aber es wäre mir schon lieber, wenn wir dann ale vier beisammen wären.“

Prodigy presste die Kiefer zusammen. „Ich wünschte, wir müssten die Mission nicht machen“, seufzte Oracle leise. Mit Prodigy im Schlepptau ging er langsam den Kiesweg hinunter.

„Wie kommts dass du etwas nicht siehst?“, fragte Prodigy beinahe ängstlich. Oracle genehmigte sich eines der seltenen Lächeln, die nur für seinen Ziehsohn bestimmt waren. „Die Zeit ist ein gefährliches Gebilde. Eine einzige Geste kann ausreichen, um alles vollkommen umzustürzen. Und heute Abend ist etwas da draussen, dass sogar das Einkalkulieren aller Möglichkeiten schwierig macht, weil es noch viel mehr Möglichkeiten mit einbezieht. Du weißt ja…“

„…Präkognition ist reine Mathematik“, führte Prodigy zuende, und lächelte leicht zu Oracle hoch. Dieser nickte, erwiderte das Lächeln und stieg ins Auto.

 

„Ankaa melden!“

„Ankaa roger!“

„Rein mit dir! Du weißt, wo das Target sich aufhält! Balinese, Siberian! Haltet sie auf! Verdammt Abyssinian, komm in die Gänge!“

Bombay hetzte durch die Gänge und schaltete die Wächter aus, die ihm entgegenkamen. Die meisten mussten nur betäubt werden, doch da Abyssinian heut nicht so ganz bei sich war, gelang es mehr als nur einem, ihre Gesichter zu sehen. Solche mussten eliminiert werden.

Ein weiterer ging mit offenen, glasigen Augen zu Boden, während Abyssinian zielstrebig auf den Ausgang zulief. Sie waren übers Dach gekommen und sollten durch den Haupteingang hinaus. Das Chaos, dass sie anrichteten, sollte Ankaa zur Eliminierung des Targets verhelfen.

„Sie sind da!“ Abyssinians Stimme war leise und doch konnte Bombay die Vorfreude heraushören. „Wer“, fragte er übers Headset und Abyssinian drehte sich zu ihm um. „Schwarz!“

Es war nur ein Flüstern, doch Abyssinian gab einen unheimlichen Endruck ab. Seine Silhouette war schwarz gegen den Mond, der durch die Tür schien. Nur seine violetten Augen schien mörderisch zu funkeln. Es verstärkte Bombays nagendes Gefühl der Unruhe.

Irgendetwas würde heute passieren, und es war nicht wegen Ankaa! Abyssinians manisches Funkeln in den Augen jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken und er hatte das dumpfe Gefühl ihn zu verlieren, sollte er heute in diesem Zustand da hinaus gehen und gegen Schwarz kämpfen.

„Abyssinan, bleib zurück, bis die Lage sich beruhigt hat. Balinese, Siberian, mitkommen! Wir fangen sie ab!“ Balinese nickte nach einem kurzen Blick auf Abyssinian. Er konnte Bombays Zurückhaltung den Einsatz Abyssinians betreffend sehr gut verstehen. Abyssinian erinnerte etwas an Berserker, wenn dieser in seinen Blutrausch fiel.

Entschlossen trat er an Bombay vorbei aus dem Eingangsportal. Die Wächter schliefen alle. Die beiden Autos, die auf der Gegenseite hielten, spuckten vier Personen aus und Balinese wusste nicht, ob er heute Lust auf einen solchen Kampf hatte. Sie waren übereingekommen, ihre Fähigkeiten noch eine Weile zu verstecken bis sie wussten, was mit Abyssinian war. Ob er auch eine solche hatte und wenn ja welche.

Langsam und bedächtig näherte sich Balinese Schwarz. Er konnte Siberian direkt hinter sich spüren, irgendwie hatte ihn seine Fähigkeit sensibilisiert; Er musste keine speziellen Ohren mehr haben, um zu wissen, wer neben oder hinter ihm war. Langsam trat Siberian an ihm vorbei, deckte ihn mit seiner Waffe, während Balinese seinen Draht ein Stückweit herauszog.

„Abyssinian, du wartest auf Ankaa!“, knisterte es leise, doch Balinese konnte Abyssinians Schritte hinter sich hören. Rasch warf er einen Blick zurück.

Abyssinian schritt mit dem Katana in der einen Hand und leise raschelndem Trenchcoat an ihnen vorbei und missachtete Bombay Befehl. Dieser knirschte sichtbar mit den Zähnen, als er zu den anderen Beiden aufschloss. „Der hat sie heute nicht alle!“, knurrte er leise und schloss anschliessend zu Abyssinian auf.

Mit einem manischen Flackern in den Augen bohrte sich dessen Blick in Masterminds. Ein beinahe fanatisches Lächeln erschien auf Abyssinians Gesicht, als der Telepath überheblich Grinsend auf ihn zutrat. „Bereit für eine Beerdigung, Kätzchen?“, lachte er rau.

Noch bevor Bombay verstand, was geschah, jagte Abyssinian auf Mastermind zu. „Ich werde dir aber keine Blumen aufs Grab legen, Schwarz!“, antwortete er höhnisch, und dann ging alles sehr schnell.

Weiss prallte auf Schwarz und einen Moment war Bombay gelähmt als er sah, mit welcher Wucht Abyssinian und Mastermind aufeinander trafen. Zuerst dachte er, Mastermind hätte Abyssinian geblockt, doch dann entfaltete sich ein surreales Schauspiel vor seinen Augen. Ungläubig sah er zu, wie sein Teamkollege Mastermind immer weiter vor sich hertrieb. Mit einem manischen Funkeln in den Augen fuhr das Katana wieder und wieder auf Mastermind nieder und Bombay konnte sehen, dass das überhebliche Grinsen des schwarzen Telepathen zu wanken begann.

Unbewusst war er weiter gelaufen, näher an Schwarz heran. Er konnte Siberians Wärme neben sich spüren, spürte, wie dessen Angst unterschwellig brodelte und wie Balineses Fähigkeit loderte und kurz davor war, einfach zu übernehmen. Er hoffte, dass Abyssinian bald zu Sinnen kommen würde, doch wusste er gleichzeitig, dass das wohl aussichtslos war. Das einzige was er tun konnte, war, diesem den Rücken frei zu halten. Was hiess, sich um den Rest von Schwarz zu kümmern.

Er wandte seine Aufmerksamkeit ab und streifte Oracle, der wohl zum selben Schluss gekommen war. Der Leader des gegnerischen Teams sah etwas mitgenommen aus, und als sich ihre Blicke kurz ineinander bohrten, hatte Bombay das Gefühl, Angst darin zu sehen, doch es verging so schnell, wie es gekommen war. Dennoch reichte es um Bombays Fähigkeit zu aktivieren.

Der Schwarzleader unterschied sich nicht wirklich von Ken, oder ihm. Seine Seelenfarbe war etwas dunkler, was zu erwarten war. Aber seine Augen, der Ausdruck seiner jetzigen Gefühlswelt, leuchteten dunkel. Nicht schwarz sondern blau. Dunkles Nachthimmelblau. Angst.

Eine Sekunde geriet Bombay aus dem Takt, während Balinese sich auf Oracle stürzte und Siberian Berserker abfing. ‚Oracle und Angst, also wirklich, Omi! Du solltest es besser wissen!’, dachte er, und wandte sich Prodigy zu.

Dieser sah ihn abwartend an. Auch seine Augen leuchteten kurz nachtblau und nun war Bombay sich sicher, dass er sich nicht getäuscht hatte, denn entgegen seiner sonstigen Attitüden griff Prodigy nicht sofort an, sondern wartete ab. Bombay passte sich ihm an. Taxierend schlichen sie um einander herum. Selbst als Bombay einen kurzen Blick auf das Schlachtfeld warf, griff Prodigy nicht an.

Was Bombay sah bestätigte seinen Verdacht, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung sein konnte. Oracle und Balinese umkreisten sich wie die Geier, griffen aber nicht an. Der Schwarzleader sah so aus als ob er schwitzen würde und Bombay schaffte es nicht, den Eindruck als Einbildung abzutun. Der Einzige, der sich neben Abyssinian reinhängte, selbst Mastermind verteidigte sich nur noch, war Berserker. Doch selbst dieser wurde langsamer, lahmer, als er begriff, dass Siberian es nicht darauf abgesehen hatte, ihm Schmerzen zu zufügen. Es schien für Berserker keinen Sinn zu machen, dass Siberian lieber Schmerzen auf sich nahm, als ihn ernsthaft zu verletzten.

Schliesslich blieb der weisshaarige Ire mit schiefgelegtem Kopf stehen. Prodigy trat rasch neben ihn, sich immer wieder absichernd, ob Bombay ihn verfolgte. Dieser dachte jedoch nicht daran. Mit plötzlicher, überklarer Sicht gewahrte er, dass Prodigy noch ein ganzes Stück jünger als er selbst war, und dass er es damals gehasst hatte, andere zu töten. Wie hätte er da Prodigy noch töten können?

Er schüttelte kurz irritiert den Kopf. „Ich kanns auch nicht!“, flüsterte Siberians Stimme neben ihm, und warme braune Augen sahen auf ihn hinunter. Plötzlich wollte er nichts mehr, als in Kens Arme zu fallen und sich wieder einmal in seinem Bett zu verkriechen, mit seinem grossen Bruder.

Siberians sah es ihm wohl an, denn er legte ihm den Arm um die Schulter, drückte kurz zu und löste sich dann gleich wieder. Immer noch wachsam, wurden ihrer beider Blicke immer mehr auf Abyssinians Kampf gelenkt, zumal nun sogar Oracle aufgehört hatte zu kämpfen.

„Mastermind, nicht!“, hallte es plötzlich gellend über den Platz, Bombay brauchte einige Sekunden bis er verstand, dass ausgerechnet Oracle so geschrieen hatte Er sah, wie sich Entsetzten auf dessen Gesicht ausbreitete und er auf Mastermind zugehen wollte, doch da war es schon zu spät.

Abyssinian hatte kurze Zeit, nur Sekunden, nicht auf seine Deckung geachtet und Mastermind hatte dies genutzt. Breitbeinig stand er da, die Pistole rauchte immer noch und der Knall hallte schrecklich verzerrt von den Wänden wieder. Sein Gesicht war ungläubig verzogen, abgehetzt und gar nicht mehr so höhnisch wie sonst. Man sah ihm an, dass dieser Kampf ihm etliches gekostet hatte, doch das beinahe Schlimmste war der entsetzte Gesichtsausdruck, der nun auf seinem Gesicht platz nahm.

Abyssinian griff sich ans Herz, verzog das Gesicht vor Schmerz und…kippte einfach nach hinten um.

Die Pistole landete klappernd auf dem Boden und für wenige Sekunden sah es so aus, als würde Mastermind ihr folgen, sosehr schwankte er. Doch dann fing er sich, starrte immer noch ungläubig zu Oracle hinüber und folgte schliesslich dessen Blick. ‚Das kann es doch nicht gewesen sein, oder? Das war zu leicht!’, schoss es ihm kurz durch den Kopf, als er Oracles Fokus auf Abyssinian aufnahm.

Oracle war weiss wie die sprichwörtliche Wand. Er schien am liebsten rechts um kehrt machen zu wollen, doch er hielt standhaft seinen Platz. „Es ist noch nicht vorbei!“, konnte ihn Bombay knapp flüstern hören. Prodigy und Berserker wandten sich erst zu ihm, dann zu Abyssinian. Berserker kicherte. „Berge kann man nicht erschiessen, Mastermind!“, sagte, nein; tadelte er mit sanfter Stimme, die Weiss’ Nackenhaare aufstellten. „Noch nicht“, wiederholte er, und sein Auge war brennend auf Abyssinian gerichtet.

Bombay tat den ersten Schritt auf Abyssinian zu. „Nein!“, brachte er leise hervor. Siberian stoppte ihn, warf Mastermind einen schnellen Blick zu, der allerdings noch vollkommen erstarrt zu sein schien. „Ken, Aya ist… Aya…“ Bombay brach ab, und Siberian biss sich auf die Lippen. Erschüttert wandte er sich ab, zog Bombay fest an seine Brust.

Ein irres Kichern war zu hören, ein erschrockenes, abgewürgtes Keuchen. Siberian kämpfte die Tränen nieder und wandte seinen Kopf den Geräuschen zu und erstarrte…

Ein Stöhnen, gefolgt von einem „Verdammt!“ war zu hören. Bombay brauchte eine Weile, bis er verstand, dass das von Abyssinian gekommen war. Dessen Hände waren auf seine Brust gewandert. „Tut das weh. Verflucht!“, beschwerte sich Abyssinian, bevor er mit einem Ruck aufsass und seine Brust umklammert hielt. Er holte Luft, tief und rasselnd. Es klang, als wäre sein ganzer Brustkasten zertrümmert, doch er lebte!

Blass und zitternd stand er auf, fluchte leise vor sich hin, stützte sich auf sein Katana. Vorsichtig wandte er sich Mastermind zu, schloss kurz die Augen und sammelte sich. Ein dünnes, vor schmerz verzerrtes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Pech gehabt, Schwarz!“, kam es keuchend von dem eigentlich Toten, und Mastermind blinzelte.

Blankes Entsetzen kroch seinen Rücken hoch, vergiftete sein normales Denken und lähmte seinen Körper. ‚Tot! Er ist tot! Er muss tot sein’ Seine innere Stimme klang schrill und hysterisch, drückte genau das aus, was er im Moment fühlte.

Dann handelte er ohne nachzudenken. Voller Angst bückte er sich, hatte mit einem Mal die Pistole wieder in Händen und schoss. Das Mündungsfeuer blitzte grell in der Nacht und Bombay schrie. Er konnte Prodigys Entsetzten und Oracles *Nein!* am Rande seiner Gedanken wahrnehmen, doch nichts zählte mehr. Abyssinian musste tot sein, nichts konnte einen Toten wieder zu den Lebenden zurückholen! Nicht einmal die Nekromanten von SZ hatten das gekonnt, wenn derjenige nicht in einem Zeitfeld eingegrenzt war!(*) Abyssinian musste tot sein!

Die Kugel traf Abyssinian wieder in die Brust. Der Killer hustete, röchelte und schwankte. Aber er fiel nicht um! Er wankte ein paar Schritte zurück unter dem Aufprall der Kugel, doch dann machte er wieder Boden wett, und kam unerbittlich auf Mastermind zu. „Du bist tot!“, krächzte dieser.

Mastermind schrie gellend auf, während Oracle noch ein Mal versuchte, zu ihm durchzudringen, doch er war zu weit weg. Prodigy schien gelähmt zu sein vor Entsetzten und Berserker… schien erleichtert? Bombay verdrängte es, versteckte sein Gesicht an Siberians Brust und linste zaghaft dazwischen hervor. Er wusste, er würde auch schreien, wenn Siberian ihn loslassen würde.

Mastermind schoss wieder und wieder.

Und wieder.

Bis er das Magazin verschossen hatte.

Abyssinian schwankte bei jedem Schuss, fiel aber nicht mehr zu Boden. Auch der Aufprall der Kugel schien ihm von Mal zu Mal weniger auszumachen, ob wohl ihn der Rückstoss eigentlich hätte umnieten müssen. Stattdessen ging er Schritt für Schritt mit einem wahnsinnigen Grinsen (Berserker als Hausgenossen wäre Bombay in dem Moment tausendmal lieber gewesen, aber ihn fragte ja keiner!) auf den Deutschen zu.

Es klickte, das Magazin war leer, doch Mastermind betätigte die Waffe immer noch. Der Wahnsinn schien nach ihm zu greifen und Bombay’s Verstand wechselte zu seiner Fähigkeit, wie ein Schutz, der ihm das Grausamste vorenthalten wollte.

Als Abyssinian vor Mastermind stand und das Katana in Angriffsposition brachte, sah Bombay sich um. Abyssinians Augen leuchteten gelb, strahlendes, giftiges, stechendes Gelb, reinster Hass. Bombay hörte schwach, wie Oracle Mastermind anschrie und diesen aus seiner Lethargie holte. Prodigys Augen waren dunkelblau, Oracle flackerte zwischen grau und rot. Nur Berserkers leuchteten hell. Weiss, grün und Orange, eine Mischung, die Bombay vollkommen verwirrte. Schliesslich flackerten sogar die Augen seiner Teamkameraden dunkelblau oder schwarz.

Abyssinian griff an, schwerfällig und doch hätte er Mastermind um ein Haar getroffen, wäre nicht Oracle’s Schrei gewesen. Bombay schloss gequält die Augen. Warum sich sein Planetenherz jetzt gerade mit aller Macht meldete, vermochte er nicht zu sagen, aber es tat ihm weh, die Sorge, die Angst und die… Liebe zu spüren, welche Oracle Mastermind entgegenbrachte. Bombay konnte fühlen, wie tief die Bande zwischen den einzelnen Schwarz waren, genauso tief, wie diejenigen der Weiss waren. Selbst zu Abyssinian…

Abyssinian holte zum zweiten Mal aus, und diesmal schien nichts auf der Welt mehr Masterminds Kopf auf seinen Schultern lassen zu wollen. Das Katana schnitt die Luft auf seinem Weg zu Masterminds Hals. Ein sirrendes Geräusch erklang und mehr als ein Anwesender schrie auf.

„Target eliminiert!“, meldete sich Ankaa just in diesem Moment zurück. Er rettete Masterminds Leben. Für den Bruchteil einer Sekunde war Abyssinian abgelenkt, und sein lädierter Körper, dessen ganze Kraft er in diesen letzten Angriff gesteckt hatte, verlor die Kontrolle über die Präzision, mit der er den Schlag ausgeführt hatte. Die Klinge sauste haarscharf an Masterminds Kehle vorbei. Das einzige was sie schnitt, war die Luft. Und ein paar oranger Haare, die lautlos zu Boden fielen.

Ankaa war lautlos neben Bombay aufgetaucht und überblickte die Situation rasch. Ein kurzes Stirnrunzeln war zu sehen, kurz streifte sein Blick Mastermind, bevor er auf Oracle hängen blieb. Die Aufmerksamkeit des Kampfplatzes richtete sich auf den Jungen mit den schwarzen Haaren und Augen und er nickte knapp, als Bombay ihn sofort mit den Augen überprüfte. Es fehlte ihm nichts, wie es schien.

Aber Oracle fehlte so einiges! Stirnrunzelnd sah Bombay, wie der gegnerische Leader herumfuhr bei Ankaas Meldung, Ankaa zum ersten Mal richtig ansah, die Augen aufriss, noch weisser wurde und dann …

Einfach kollabierte.

 

~…Verschwindet!~

Mastermind sah hoch. Bis eben hatte er wie alle anderen fasziniert auf diesen Neuen gestarrt. Jetzt fuhr er zu Oracle herum. Bombays aufgerissene Augen und Ankaas Stirnrunzeln nahm er nur am Rande wahr. Ihn interessierte nichts mehr, als er sah, dass sein Chef einfach zusammenbrach. Hastig schickte er dessen letzten Befehl an Prodigy und Berserker weiter, bevor er zu Oracle und aus Abyssinians Reichweiter hechtete. Sein Leader war ein ziemlicher Brocken, dennoch gelang es Mastermind ihn hochzuheben, wobei ihm seine plötzlich aufwallende Angst sicherlich zusätzliche Kraft gab.

Er war kurz versucht, die Gedanken des Neuen zu inspizieren, unterliess es aber, als er das pure Chaos hinter dessen Stirn sah. Ausserdem musste es einen Grund haben, warum ausgerechnet Oracle beim Anblick eines Halbstarken zusammenbrach, oder?

Rasch stopfte er Oracle in sein Auto, während er sich in Berserkers Gedanken einklinkte, bereit, diesen soweit zu beruhigen, dass er ihn Autofahren schicken konnte.

Doch Berserker schien von ihnen allen einschliesslich Weiss der ruhigste. ~Nette Hälfte!~ waren dessen einzige Gedanken und Mastermind hatte recht wenig damit zu tun, dass Prodigy und Berserker schlussendlich wohlbehalten nach haus kamen.

Schuldig stopfte Crawford ins Bett und liess sich anschliessend schwer auf die Couch im Wohnzimmer nieder. „Hat jemand eine Ahnung was das war?“ Farfarello linste zu ihm hinüber und setzte sich schliesslich auf den Boden. „Abyssinian war das. Und Brad“, sagte er matter-of-factly. Schuldig schnaubte. „Ich meine warum Brad einfach umkippt! Und warum ist Abyssinian nicht…“

Nagi kam in den Raum, blass, seine Hände fest um ein Buch geschlungen dass selbst Farfarello als das ‚Nekronomikron’ der Psi erkannte. „Warum ist es hier?“, fragte er. Nagi zitterte leicht. Rasch setzte er sich neben Schuldig.

„Ich hab die beiden Weiss belauscht, Balinese und Siberian, wie sie in der Bibliothek darüber gesessen haben und unsinniges Zeug geredet haben! Schuldig hat gesagt, ich solle es nicht Brad sagen, da die beiden sowieso verrückt wären, aber jetzt… Hätte ich es ihm doch nur gesagt!“ Verwirrt und hilflos rutschte er unbehaglich hin und her, bis der immer noch sehr bleiche Schuldig die Hand ausstreckte und ihn zu sich zog.

Farfarello nahm das Buch an sich, strich andächtig mit den Fingern über das lederne Deckblatt, bevor er es aufschlug, Punktgenau auf der Seite über das ‚Schwarze und Weisse Schicksal’. „Es hat begonnen“, murmelte er leise, machte aber keine Anstallten sich zu erklären.

Crawford erholte sich schnell und sass bereits am nächsten Tag wieder am Frühstückstisch. Schuldig und Nagi warfen ihm unruhige Blicke zu, doch er schien sich nicht erklären zu wollen. Als es an der Tür klingelte, stand Crawford ruhig auf und kam mit einem… Kind zurück. Schuldigs mentale Fühler fuhren erschrocken zurück, nachdem er versucht hatte, den Jungen (oder war es ein Mädchen? Es war noch kleiner und zarter als Nagi und der ging mit ein wenig Make-up schon als Mädchen durch.) zu lesen. Es war, als hätte er sich gedanklich verbrannt. Das Kind starrte ihn ausdruckslos an.

„Long Bai, meine Herren. Das dort ist Schuldig, Farfarello, Nagi. Er wird dir dein Zimmer zeigen. Willkommen im Team, Rastaben!“ Mit offenem Mund starrten Schuldig und Nagi erst Crawford und dann Long Bai an. „Interessanter Name“, murmelte Nagi leise. Schuldig sah stirnrunzelnd zu ihm. „Warum?“

~Wenn man die Wörter umkehrt, ergeben sie das chinesische Wort für ‚weisser Drache’~

Schuldig schwieg. Er betrachtete die Gestallt und sie erinnerte ihn frappierend an das neue Mitglied der Weiss. Klein, fein, mädchenhaft, unlesbar. Zusammen mit Farfarellos erwartungsvollem ich –weiss-mehr-als-ihr- Blick und den weissen Haaren und Augen (Schuldig war noch nie ein Fan von Gruselfilmen und Thrillern gewesen!) liess es in ihm sämtliche Alarmglocken schrillen.

 


*Es gibt eine Bücherserie mit diesem Namen. Empfehlenswert.

**Aus: J.K. Rowlings Harry Potter und der Orden des Phoenix

°Beides eigene Kreationen. Morph= Gestalt; Obje von Objekt; bezeichnet die Fähigkeit, sich in Leblose Dinge zu verwandeln. Bota von Botanik, bezeichnet die Fähigkeit, sich in Pflanzen zu verwandeln.

 

, dachte Ken. „Sag ma Omi, du hast die Missionsakte bestimmt schon kurz überflogen, oder? Wie lautet eigentlich Fengs Missionsname?“ Etwas, das im allgemeinen Trubel um die Person des neuen Weiss- Mitgliedes vollkommen untergegangen war. Omi nickte auch sogleich bestätigend.
Höh?“