Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > SilverStar > Chibi love > Chibi love - Teil 15 - 17

Chibi love - Teil 15 - 17

15. Hiro’s girlfriend


Nichtsahnend schlenderte Hiro durch die Gänge, er war auf dem Weg zum Chemiesaal, als sich ihm plötzlich ein blauhaariges Mädchen in den Weg stellte und ihn verschüchtert ansprach.

„Maruyama-sempai, ich...“, weiter kam sie nicht, da sie ihre eigene Nervosität aufhielt.

Hiro betrachtete das Mädchen etwas genauer und Masakis Worte kamen ihm wieder in den Sinn.

*Sie hat lange, blaue Haare, zu einem Pferdeschwanz gebunden und da sie dich Sempai genannt hat, glaube ich, dass sie in die 10. Klasse geht.*

„Sag mal, hast du Masaki den Liebesbrief gegeben?“

Schlagartig lief das Mädchen feuerrot an und vergrub sein Gesicht in den Händen. Es schien es ihm sehr peinlich zu sein, vor allem, weil der Chibi es ja eigentlich hätte geheim halten sollen.

„He, das ist doch nicht schlimm.“, versuchte Hiro die Kleine zu beruhigen. „Ich fand sehr nett, was du geschrieben hast, ehrlich.“

Schüchtern sah das blauhaarige Mädchen auf.

„Wirklich?“

Hiro schluckte, als er ihre Augen sah, sie waren grün. Aber nicht irgendein Grün, sie waren apfelgrün, genau wie die von Masaki.

*Oder ist es das? Vielleicht steh ich einfach nur auf so hellgrüne Augen und deswegen habe ich solche Gefühle für Masaki. Vielleicht sollte ich es einfach versuchen und wenn ich Recht habe, dann muss ich mir keine Sorgen mehr machen. Außerdem find ich das Mädchen wirklich nett.*

Freundlich lächelte Hiro, worauf das Mädchen wieder etwas roter wurde.

„So, da das ja nun geklärt ist, würde ich noch gerne wissen, wie du heißt, schließlich kennst du meinen Namen auch.“

„Arisu Yoshida.“

„Das ist ein schöner Name.“

„Danke.“, flüsterte Arisu und sah verlegen auf den Boden.

„Also, wie gesagt, ich fand deinen Brief sehr nett und ich wollte dich fragen, ob du nicht mal mit mir irgendwo hingehst, dann könnten wir uns besser kennen lernen.“

„Ja, das würde ich sehr gerne.“

„Gut, hast du heute Zeit?“

Überrascht sah Arisu ihren Schwarm an, der sich darauf hin etwas verlegen am Kopf kratzte.

„Entschuldige, ich wollte dich nicht überrumpeln. Tut mir Leid.“

„Nein, ist schon in Ordnung. Ich hab heute noch nichts vor.“

„Wollen wir dann vielleicht, nach der Schule ins Eiscafé um die Ecke?“

„Ja, das wäre toll.“

„Gut, ich warte dann am Tor auf dich. Bis nachher.“

Freundlich die Hand hebend setzte Hiro seinen Weg fort und wunderte sich über sich selbst. Warum wollte er sie denn plötzlich so schnell kennen lernen oder wollte er Masaki einfach nur vergessen?


~*~*~*~*~*~


Die Klingel ertönte schrill und alle Schüler packten freudig aufstöhnend ihre Sachen zusammen. Endlich hatten sie wieder einen Tag Schule überstanden.


Während Masaki sein letztes Heft einpackte, sah er Hiro fröhlich an.

„Hiro-san, hast du heute Zeit?“

„Nein.“

„Oh, und morgen?“

„Ne, auch nicht. Sorry, Chibi, ich muss los!“

Damit schulterte Hiro seine Tasche und ging seiner Wege. Traurig sah Masaki ihm nach, schon seit einer Woche hatte Hiro keine Zeit mehr, wenn Masaki ihn fragte.
Plötzlich wurde er in den Schwitzkasten genommen und seine Haare wurden zerzaust.

„Takashi! Lass das!“

„Wenn du aufhörst so traurig zu gucken, als ob du gleich heulen würdest, dann lass ich los.“

„Ist ja gut, ist ja gut. Ich lach doch schon wieder, guck, ich lache.“

Masaki zeigte seine Beißerchen und Takashi ließ ihn los.

„Na, Masaki, hat Hiro wieder keine Zeit?“, fragte Himeko, die auf die beiden Jungen zukam.

„Ja. Glaubst du, er geht mir aus dem Weg?“

„Nein, und wenn, dann nicht mit Absicht.“

Takashi schnappte sich Masakis Ranzen und Himeko schleifte den Kleinen aus dem Klassenzimmer.

„Lass uns Eis essen gehen, dann geht es dir bestimmt gleich wieder besser.“


~*~*~*~*~*~


Keine zehn Minuten später saßen die drei Freunde in dem kleinen Café nahe der Schule. Doch nicht nur sie waren auf die Idee gekommen ein Eis zu essen, obwohl es eigentlich schon auf den Winter zuging.
Genüsslich trank Himeko ihren Eiskaffee, während Takashi immer mal etwas von Masakis Bananensplitt stibitzte, was der Kleiner aber nicht auf sich sitzen ließ und ebenfalls etwas klaute. Sie unterhielten sich über dieses und jenes, eigentlich über alles mögliche.

Plötzlich hielt Himeko in ihrer Rede an und starrte gebannt auf einen Punkt hinter den beiden Jungen. Verwundert sahen Takashi und Masaki ihre Freundin an, ehe sie sich umwanden um zu erfahren, was Himekos Aufmerksamkeit erregt hatte. Doch sie hatten nicht damit gerechnet, so etwas zu sehen, besonders Masaki verspürte einen Stich im Herzen.

Nicht weit von ihnen, nämlich am Fenster, saß Hiro mit einem blauhaarigen Mädchen. Takashi und Himeko kannten sie nicht, aber Masaki hatte sie wiedererkannte: Das Mädchen mit dem Liebesbrief. Seelenruhig saß der Brünette da und erzählte etwas, worauf das Mädchen anfing zu lachen. Eine unglaubliche Wut stieg in Masaki auf. Doch er war nicht nur wütend auf das Mädchen, sondern auch auf Hiro, der ihn enttäuschte.

„He, lasst uns mal rübergehen, ich möchte zu gerne wissen, wer das ist!“, verkündete Himeko und Takashi stimmte ihr zu.

Masaki wurde ungefragt hinterher geschliffen. Zu dritt gingen sie auf den Tisch zu, wobei Masaki unwohl zumute wurde.


„Hi, Hiro, dass ist ja ein Zufall, dich hier zu treffen.“


Überrascht sah Hiro auf und direkt in Takashis grinsendes Gesicht. Neben ihm stand Himeko, die wissend lächelte und etwas abseits Masaki, der den Kopf leicht hängen ließ und es vermied, Hiro anzusehen. Hiro fand das Verhalten des Chibis seltsam, denn sonst freute der sich doch immer ihn zu sehen.


„Ja, find ich auch. Das ist übrigens Arisu Yoshida“, sagte Hiro und deutete mit der Hand auf das Mädchen, das ihm gegenüber saß.

Der böse Blick, mit dem sein Kleiner das Mädchen betrachtete, verwunderte ihn. Was war denn mit ihm los?

„He, Masaki, was ist?“, fragte er deshalb.

Wütend und feindlich gesonnen sah Masaki ihn an, sodass sich auf seiner Stirn Falten bildeten.

“DU LÜGNER!!“, schrie der Kleine und rannte Hals über Kopf aus dem Café.

Geschockt sah Hiro ihm nach, ehe er selber schwungvoll aufstand und ihm hinterher rannte.

„MASAKI!“
Im Hintergrund hörte er noch wie der Stuhl umfiel und Arisu nach ihm rief. Doch das war ihm jetzt egal, er musste wissen, was mit seinem Kleinen los war.


~*~*~*~*~*~


Mit Tränen in den Augen rannte Masaki ziellos durch die Straßen. Er wollte weg, einfach nur weg. Er fühlte sich so elend.

„MASAKI!“, rief es hinter ihm.

Masaki versuchte seine Schritte noch zu beschleunigen, aber es ging nicht und Hiro kam immer näher. Er wurde von ihm am Arm gepackt und in eine Seitengasse gezogen.

„Lass mich los!“, protestierte der Kleinere.

Hiro ließ ihn wirklich los, platzierte aber seine Hände neben Masakis Kopf, sodass der nun zwischen ihm und der Wand gefangen war.


Ernst sah Hiro seinem Freund in die Augen.

„WAS sollte das, Masaki?“

Schweigend drehte der Chibi seinen Kopf weg.

„Ich rede mit dir, warum hast du mich einen Lügner genannt?“

Masakis Unterlippe bebte und mit verheulten Augen sah er auf.

„Weil du mich angelogen hast! Du hast gesagt, dass Takashi, Himeko und ich dir reichen würden und jetzt bist du mit diesem Mädchen zusammen gewesen, dass dir eigentlich egal ist. Ist sie etwa die Person, die du magst?“

„Ich habe nicht gelogen, bis vor einer Woche kannte ich sie doch auch nicht. Es ist mehr Zufall gewesen, dass ich es herausbekommen habe, verstehst du?“

„Nein, versteh ich nicht! Warum triffst du dich mit ihr?“

„Weil ich sie sehr nett finde.“

„Und was ist mit der Person, die du gern hast, hast du die jetzt einfach vergessen?“

Hiro ließ den Kopf hängen. Hatte er das denn, hatte er Masaki vergessen? Nein, eigentlich nicht oder doch? Wenn er an Arisu dachte, dann sah er immer nur apfelgrüne Augen und ein hübsches Gesicht. Aber gehörte es Arisu?
Er schüttelte den Kopf, um diese dummen Gedanken los zu werden und sah Masaki wieder eindringlich an. Doch dieser Blick verflog, als er sah, dass immer noch Tränen über die geröteten Wangen des Chibis liefen.

„Und warum nennst du mich nicht mehr Chibi?“

Erschrocken riss Hiro die Augen auf. Dass stimmte, seit ein paar Tagen nannte er ihn immer beim Vornamen, sollte das jetzt heißen, dass er ihn doch vergessen hatte? Das war doch genau das, was er erreichen wollte, warum fühlte er sich dann nicht wohl?

Masakis sah Hiro wie durch einen Schleier an. Warum sagte er nichts mehr, fiel ihm die Antwort denn so schwer? Konnte er ihm denn nicht einfach sagen, warum? Anscheinend nicht!
Hiros momentane geistige Abwesenheit nutzte Masaki aus, schlüpfte unter dem Arm hindurch und rannte weg. Ob Hiro es überhaupt gemerkt hatte, wusste er nicht. Dabei hätte der nächste Tag so schön werden können. Masaki wollte Hiro eigentlich fragen, ob er nicht mit zu seiner Schwester wollte, schließlich hatte er ja gesagt, dass er sie kennen lernen wollte. Doch wie es aussah, hatte das der Brünette nur gesagt, um ihn aufzumuntern und hatte nie wirklich die Absicht gehabt, etwas mit ihr zu tun zu haben. Vielleicht wollte er ja auch nichts mehr von Masaki wissen, nachdem der sich jetzt in seine neue Klassengemeinschaft eingewöhnt hatte?

~*~*~*~*~*~

Die ganze Fahrt über war Masaki merklich still, obwohl er sich sonst immer freute, wenn sie zu seiner Schwester fuhren. Aber heute hatte er keine Lust und wäre viel lieber zu Hause geblieben, doch das konnte er seiner Schwester nicht antun.
Seine Eltern sagten nichts zum Schweigen ihres Sohnes, schließlich hatte auch er das Recht, einmal schlechter Laune zu sein. Das etwas nicht stimmte, war ihnen klar, aber sie wollten ihn nicht drängen und beließen es erst einmal so, wie es war.

~*~*~*~*~*~


Übers ganze Gesicht strahlend fuhr Nanami, Masakis Schwester, im Rollstuhl auf ihre Familie zu, als sie das Zimmer betraten. Sie umarmte alle und gab jedem einen Kuss auf die Wange.

„Ich bin so froh, dass ihr da seit.“, sagte sie.

„Das sieht man.“, lächelte Herr Saehara.

Auch seine Frau sah ihre Tochter glücklich an. Sie war stolz auf sie, dass sie sich trotz ihrer Behinderung nicht unterkriegen ließ und es schon seit so vielen Jahren in dieser Klinik aushielt. Das lag vielleicht aber auch daran, dass diese Klinik wie ein Internat eingerichtet war und sie hier Freunde gefunden hatte.

~*~*~*~*~*~


Sie redeten schon seit einer Stunde, nur Masaki beteiligte sich nicht daran.

„Masaki-chan, was ist los?“, fragte Nanami besorgt.

„Was?...Nichts, alles in Ordnung.“, log er und setzte ein gespieltes Lächeln auf.

Nachdenklich betrachtete das braunhaarige Mädchen seinen kleinen Bruder.

„Mama, Papa, würdet ihr uns alleine lassen? Vielleicht für eine halbe Stunde?“

„Natürlich, wenn du das möchtest.“, antwortete ihre Mutter und gemeinsam verließ sie mit ihrem Mann das Zimmer.

Nach dem die Tür geschlossen war, fuhr Nanami nachdrücklich auf Masaki zu und stoppte vor dem Stuhl, auf dem er saß.

„So, Mama und Papa sind jetzt weg: Also, was ist los?“

„Hiro-san, mag mich nicht mehr.“, kam es leise geflüstert.

Verdutzt sah Nanami ihn an.

„Woher weiß du das, hat er das gesagt?“

„Nein, aber er hat keine Zeit mehr für mich und sagt nicht mehr Chibi zu mir.“

„Aber das ist doch noch kein Beweis, dass er dich nicht mehr mag. Weißt du denn, warum er keine Zeit mehr hat?“

„Weil er sich immer mit einem Mädchen trifft.“

„Aber, dass ist doch toll.“

„Ist es nicht! Er hat gesagt, das wir ihm reichen würden und das er keine anderen Freunde bräuchte.“

„Mag er sie denn?“

„Ja, das hat er gesagt.“

„Tja, Masaki-chan, dann musst du jetzt einstecken, denn anscheinend ist Hiro in dieses Mädchen verliebt und bei Liebe stehen die Freunde oft zurück. Doch das darfst du ihm nicht übel nehmen. Gerade in dieser Zeit solltest du zu ihm stehen und für ihn da sein, denn nur dann bist du ein wahrer Freund. Er ist sich bestimmt nicht bewusst, dass er dich mit seinem Verhalten vor den Kopf stößt, aber, Masaki-chan, Hiro gehört nicht nur dir allein, auch wenn ihr Freunde seit, dass musst du verstehen.“

„Warum muss man immer alles verstehen?“

„Frag nicht, je eher du es aber akzeptierst, um so schneller wirst du auch andere Dinge begreifen und nicht mehr so niedlich naiv durch die Welt laufen.“

Aufmunternd wuschelte Nanami ihrem Bruder durch die Haare, der darauf leicht grummelte, aber lächelte. Anscheinend hatte er verstanden, wenigstens ein bisschen.


~*~*~*~*~*~


Der restliche Tag verlief sehr fröhlich und Masaki vergaß seine Probleme, darüber konnte er sich auch noch am Sonntag nachdenken und überlegen, was er bezüglich Hiro machen sollte.

~*~*~*~*~*~


Zur selben Zeit saß Hiro in dem kleinen Café, in dem sich viele seiner Mitschüler trafen. Schon seit einer Woche war er fast täglich hier, um sich mit Arisu zu unterhalten. Doch im Moment redete nur sie und er hörte mehr oder weniger zu. Doch seine Gedanken waren nur bei seinem kleinen Chibi.


*Was war denn nur mit ihm los, warum hat er so einen Aufstand gemacht, nur weil ich mich mit einem Mädchen treffe? Ist er etwa eifersüchtig?...Quatsch, dass hätte ich nur gerne oder auch nicht. Warum sitz ich eigentlich hier? Mag ich sie nun wirklich so sehr oder ist sie nur Lückenbüßerin? Nein, eigentlich nicht, ich wollte sie ja schon kennen lernen, aber....*

„Hiroshi! He, Hiroshi, hörst du mir zu?“

„Was?“

„Das könnte ich eher dich fragen, was ist denn los?“

„Tut mir Leid, Arisu, aber mir geht’s nicht so besonders.“

„Und warum hast du das nicht gleich gesagt, dann hätte ich dich doch nicht hierher gebeten.“

„Ich wollt dich nicht enttäuschen.“

Zärtlich ergriff Arisu Hiros Hand, die auf dem Tisch lag, und streichelte sie sanft.

„Das hättest du nicht. Geh lieber nach Hause, wir sehen uns am Montag ja wieder.“

„Gut, wenn du meinst. Bis Montag.“

Er gab ihr noch einen leichten Kuss auf die Wange und verschwand dann. Er wusste, dass es nicht richtig war, sie anzulügen, doch so wie er sich im Moment fühlte, konnte er ihr einfach nicht zuhören.



~*~*~*~*~*~


Am Montag trat Masaki schüchtern an Hiro heran, als der gerade seine Sachen für die Stunde auspackte.

„Hiro-san, kann ich dich mal kurz sprechen?“

„Klar, was ist?“

„Ähm...unter vier Augen.“

„Ok, lass uns etwas auf dem Gang laufen, wir haben noch etwas Zeit, bis die Stunde anfängt!“


Gesagt getan. Beide liefen die Gänge entlang und schwiegen sich an. Hiro wunderte sich darüber, denn eigentlich wollte Masaki doch mit ihm reden.

„Was ist nun, du wolltest mir doch etwas sagen, Ma...Chibi.“

Hui, beinahe hätte er wieder Masaki gesagt. Warum er das machte, wusste er selber nicht. Was ihn jedoch irritierte war, das der Kleine neben ihm plötzlich leise kicherte.

„Ist schon gut, du musst mich nicht Chibi nennen, wenn du das nicht mehr willst.“, dann wurde er wieder ernst.

„Ich wollte mich bei dir entschuldigen. Was ich am Freitag gesagt habe, war absoluter Blödsinn und es tut mir leid, dass ich dich einen Lügner genannt habe. Nur weil wir Freunde sind, musst du mir ja nicht alles sagen und gerade weil ich dein Freund bin, sollte ich mich eher für dich freuen, anstatt dich anzuschreien. Das hat zumindest meine Schwester gesagt und sie hat Recht.“

Etwas verwundert sah Hiro Masaki an.

„Deine Schwester?“

„Ja, wir waren am Samstag bei ihr und da hatte ich dich eigentlich fragen wollen, ob du nicht mitkommen möchtest, weil du sie doch kennen lernen wolltest. Aber das ist ja jetzt egal. Ich soll dich übrigens unbekannter Weise von ihr grüßen. Sie meinte, weil ich so viel von dir erzähle, hat sie schon fast das Gefühl, als würde sie dich persönlich kennen.“


*Er redet viel von mir? Er muss mich ja wirklich sehr lieb haben, kein Wunder, dass er so ausgetickt ist.*

„Ach ja, und ich soll dich fragen, ob du nicht das nächste Mal mitkommst, sie würde sich sehr freuen.“

„So, wann fahrt ihr denn wieder?“

„Weiß nicht, vielleicht so in ein-zwei Wochen, immer Samstags.“

„Gut, ich wird mir die Tage freihalten.“

Strahlend grüne Augen sahen den Älteren an.

„Heißt das, du kommst mit?“

„Ja, wenn es deine Eltern nicht stört.“

„Bestimmt nicht!“


Masaki fühlte sich wieder glücklich, beinahe noch glücklicher als zuvor. Hiro würde mitkommen, einfach perfekt.
Seine Aufmerksamkeit wurde auf ein Mädchen gelenkt, das etwas weiter hinter Hiro stand und die beiden ansah. Ein kleines Grinsen bildete sich auf Masakis Gesicht.

„Da wartet jemand auf dich!“, sagte er und drehte Hiro einfach um, so dass er Arisu direkt ansah, die daraufhin etwas rot wurde.

„Vergiss nicht, die Stunde fängt gleich an, also mach nicht zulange.“, feixte Masaki und ging wieder in die Klasse.

Doch so fröhlich, wie er tat fühlte er sich nicht. Er hatte Hiro nur versichern wollen, dass alles wieder in Ordnung war, doch an den Gedanken, dass Hiro jetzt eine Freundin hatte, daran konnte und wollte er sich nicht gewöhnen. Doch er konnte nichts machen, denn wie seine Schwester schon sagte, gegen die Liebe konnte man nichts machen.


16. Der Tag ist da


Regen, nichts als Regen, seit drei Tagen. Zwar schien zwischendurch immer mal die Sonne, aber nicht für sehr lange.
An so einem Tag stand Hiro zusammen mit Arisu unter einem Schirm. Beide hatten sich wie schon so oft getroffen und warteten nun gemeinsam auf den Bus. Etwas schüchtern und mit geröteten Wangen sah Arisu zu Hiro auf, der ihren Blick erwiderte. Beide drehten sich zueinander und Arisu stellte sich leicht auf die Zehenspitzen.


~*~*~*~*~*~


Geschockt stand Masaki auf der anderen Straßenseite und sah mit an, wie sich die beiden immer näher kamen. Es tat weh, es tat so verdammt weh.
Seine Augen fingen an zu brennen. Schniefend ging er weiter, beschleunigte seine Schritte aber bald und begann zu laufen. Er wollte weg, nur weg von Hiro und diesem Mädchen.


~*~*~*~*~*~


So nah, sie war ihm so nah. Er würde sie küssen, er wollte sie küssen, doch sein Herz war völlig ruhig. Hätte er nicht eigentlich Herzflattern haben müssen oder etwas Ähnliches? Tausend Gedanken rasten plötzlich durch seinen Kopf, begleitete von der Stimme seines Chibis.

*Was ist mit der Person, die du gern hast, hast du sie vergessen? ... Ich reiche dir... Du hast mich angelogen.... Hast du mich vergessen?... Bekomme ich noch einen Kuss...Ich hab dich lieb!...Hiro-san!*

Erschrocken riss Hiro seine Augen wieder auf. Bestimmt drückte er Arisu von sich und sah beschämt auf den Boden.

„Ich kann nicht.“

„Was, aber warum?“

„Weil ich es jemanden gibt, den ich einfach nicht vergessen kann.“

„Soll das heißen, ich war nur Lückenbüßerin?“, entrüstete sich das blauhaarige Mädchen.

„Es tut mir Leid.“

Ehe sich Hiro versah, hatte ihm Arisu auch schon eine Ohrfeige verpasst.

„Du bist erbärmlich, Hiroshi Maruyama!!!“, schrie Arisu und rannte weg.

Sich die schmerzende Wange haltend stand Hiro nun im Regen. Was sollte er denn jetzt machen? Arisu war weg, er hatte sie selber vergrault und Masaki verhielt sich ihm gegenüber reserviert.


~*~*~*~*~*~


Den Kragen seiner Jacke hochgeschlagen ging Hiro die Straße entlang, die Hände tief in den Taschen vergraben. Es war ihm egal, dass er klitschnass wurde. Seine Gedanken waren nicht bei dem, was er tat, er dachte nur an ihn. Immer, immer hatte er nur an Masaki gedacht. Wenn er sich mit Arisu getroffen hatte, hatte er ihr immer in die Augen gesehen und jedes Mal hatte er festgestellt, dass sie an Masakis leuchtende Augen nicht herankamen. Doch zur Zeit waren diese Augen eher stumpf. Hatte er ihn denn wirklich so sehr verletzt? Vielleicht sollte er ihm wirklich sagen, wer die Person war, die er mochte. Aber würde er ihn dann nicht noch mehr verletzen und ihn vergraulen, so wie er es bei Arisu getan hatte?

*Du hast ja so Recht, ich bin wirklich erbärmlich. Erbärmlich und feige!*


~*~*~*~*~*~


Enttäuscht sah Masaki sich am nächsten Morgen im Klassenzimmer um, aber von Hiro war keine Spur. Er legte seine Tasche einfach auf den Tisch und ging wieder raus auf den Gang, vielleicht würde er ja noch kommen?
Doch auch als es zur ersten Stunde klingelte, war von Hiro immer noch nichts zu sehen. In der zweiten und dritten Stunde tauchte er ebenso wenig auf. Je mehr Zeit verstrich, desto geknickter und niedergeschlagener wurde Masaki.


Himeko und Takashi blieb diese Veränderung in dem sonst so fröhlichen Chibi nicht verborgen und sie warfen sich vielsagende Blicke zu. Dass das alles etwas mit Hiro zu tun hatte, war ihnen klar und auch dass seine neue Freundin etwas damit zu tun hatte, stand außer Frage.
Himeko beschloss im Sekretariat nachzufragen. Masaki war so mit seinen Gedanken beschäftig, dass er gar nicht merkte, dass seine Freundin nicht mehr da war. Auch als Takashi ihn scherzhaft nach seinem Bento fragte, wurde es ihm wortlos übergeben.


Himeko betrat wieder das Klassenzimmer, doch Masaki saß immer noch so da wie vor ein paar Minuten.

„Masaki-chan, ich weiß was mit Hiro ist.“

Sofort horchte der Kleine auf und sah sie erschrocken an.

„Was ist mit ihm?“

„Mach dir keine Sorgen, er hat sich nur eine Erkältung zugezogen und wird vielleicht morgen wiederkommen .“

„Dann gehen wir ihn nach der Schule besuchen, ja?“

Zufrieden betrachtete das blonde Mädchen den Klassen-Chibi, der wieder fröhlich war und das Ende der Schulstunden gar nicht mehr erwarten konnte.


~*~*~*~*~*~


Etwas mulmig war Masaki schon zumute, als er vor dem Haus der Maruyama stand, aber er wollte Hiro sehen und wissen, wie es ihm ging.
Tief durchatmend betätigte er die Klingel und es dauerte auch nicht lange, da wurde ihm die Tür geöffnet.

„Hallo, Saehara, du möchtest bestimmt Hiro besuchen“, begrüßte ihn die Frau des Hauses auch gleich.

„Ja, ... wenn es keine Umstände macht?“

„Aber nein, komm ruhig rein.“

Masaki tat, was man ihm anbot und zog auch gleich seine Schuhe aus, während Frau Maruyama ihm seine Regenjacke abnahm, denn es goss immer noch wie aus Eimern.

„Hiro liegt in seinem Zimmer. Könntest du bitte den Tee mit hochnehmen?“

„Ja, natürlich.“

Hiros Mutter reichte ihm die Kanne. Masaki beeilte sich in das Zimmer zu kommen, denn die Kanne war noch heiß.
Vorsichtig machte er die Tür auf und stellte das Gefäß auf die nächstbeste Abstellfläche. Er wollte den im Bett liegenden Hiro schon ansprechen, als er bemerkte, dass dieser gar nicht wach war. Leise ging er auf den Älteren zu und sah ihn an. Wirklich, er schlief tief und fest. Masaki zog sich den Drehstuhl neben das Bett. Er würde einfach warten, bis Hiro wach wurde und ihn in der Zwischenzeit beobachten.


~*~*~*~*~*~


Schon eine Weile saß Masaki einfach nur da, aber Hiro wollte einfach nicht aufwachen und auch ihn zu beobachten wurde langweilig. Masaki konnte behaupten, dass er Hiros Gesicht nun auswendig kannte. Die etwas höhere Stirn, die gerade Nase, seine sanft geschwungenen Lippen und diese wunderbar verwuschelten Haare. Ja, Masaki konnte Hiro jedem beschreiben.
Unruhig wippte er auf dem Stuhl hin und her.

*Soll ich oder soll ich nicht? Ach was soll’s, er wird mich nicht gleich umbringen.*

Mutig stand Masaki auf, hob die Decke etwas an und schlüpfte darunter. Wohlig seufzend kuschelte er sich an den warmen Körper neben sich und genoss dessen Nähe. Hier fühlte er sich wohl und so schnell würde sein Freund schon nicht aufwachen, nur weil er sich zu ihm gelegt hatte. Tief zog er den Geruch von Hiro ein und fand mal wieder, dass er unheimlich gut roch. Noch mehr schmiegte er sich an ihn, wollte ihm einfach so nah wie möglich sein.


Was er jedoch nicht wusste war, dass Hiro schon längst wach war, seine Augen jedoch geschlossen hielt und jede Bewegung des Kleineren wahrnahm. Am Anfang hatte er sich gefragt, wer da bei ihm war, aber dass da jemand war, hatte er gespürt. Als die Bettdecke plötzlich angehoben wurde, wollte er sich schon aufrichten, ließ es dann aber. Er wollte wissen, was diese Person machen würde. Alles in ihm fing an zu kribbeln, als er den schmalen Körper an seinem gespürt hatte, der sich zaghaft immer weiter an ihn kuschelte.
Hiro war glücklich, denn Masaki war bei ihm, auch wenn man das eigentlich nicht machte, was der Kleine da tat, aber ihm konnte er alles verzeihen.
Sein Körper war auf einmal wie elektrisiert, als die kleine Hand auf seiner Brust anfing, sich zu bewegen und ihn abwesend streichelte. Er war sich sicher, dass sein Chibi es einfach nur so tat, ohne eine bestimmte Absicht, aber er konnte sich einfach nicht mehr beherrschen.
Besitzergreifend schlang er seinen Arm um die schmale Hüfte des Kleineren und zog ihn an sich, vergrub seine Nase in dem hellbraunen Schopf und prägte sich den Duft der Haare ein. Sie rochen nach grünem Apfel, wie passend.


Masaki erschrak, als er den starken Arm um seine Taille spürte, der ihn immer mehr an Hiro drückte. Er wollte aufstehen und zwischen sich und Hiro Platz bringen, aber dieser ließ das nicht zu.

„Es tut mir leid“, sagte er fast flehend und versuchte sich immer noch zu befreien.

Es war ihm so peinlich. Er war einfach so zu Hiro ins Bett gekrabbelt und das gehörte sich einfach nicht. Warum er das gemacht hatte, wusste er nicht, es war einfach über ihn gekommen. Doch noch mehr hatte er Angst vor Hiros Reaktion, was würde der jetzt tun?
Schüchtern und etwas verängstigt sah er nach oben in zwei blaue Augen, die etwas glasig waren.

„Was machst du hier?“, fragte Hiro, aber nicht böse oder verärgert, sondern sanft und freundlich.

„Ich...ich wollte nur sehen, wie es dir geht“, antwortete Masaki, versuchte es aber trotzdem noch einmal, sich von dem anderen Körper zu lösen.

„Warum willst du denn weg? Bleib ruhig liegen, ich bin dir nicht böse, aber beschwer dich dann nicht, wenn du auch krank wirst“, grinste Hiro, aber es wirkte etwas schwach.

Allgemein sah Hiro sehr erschöpft aus und es schien ihn anzustrengen, mit Masaki zu reden.
Dieser faste allen Mut zusammen und schmiegte sich wieder an den Älteren. Wenn er nichts dagegen hatte, dann war es in Ordnung. Masaki konnte sehen, dass Hiro sich wieder in die Kissen sinken ließ und die Augen schloss.

„Geht es dir sehr schlecht?“, fragte Masaki leise.

Ebenso leise kam auch eine Antwort.

„Nein, ich hab nur etwas Fieber und Ohrenschmerzen, ansonsten geht es eigentlich. Ich fühl mich halt nur sehr müde. Warum besuchst du mich eigentlich?“

„Na, warum wohl? Weil ich mir Sorgen gemacht habe. Eigentlich wollte ich ja Himeko-san und Takashi-san mitbringen, aber sie meinten, dass es reichen würde, wenn ich dich besuche, weil du so viel Besuch gar nicht haben willst.“

„So, so...“


~*~*~*~*~*~


Einige Zeit herrschte Schweigen, aber es war nicht unangenehm oder bedrückend. Masaki konnte es nicht beschreiben, aber er fühlte sich einfach nur wohl.
Doch wie es so oft war, wurde jede Stille einmal unterbrochen und in diesem Falle war es Hiro, der dies tat.

„Masaki?“

„Hm?“

„Willst du immer noch einen Kuss?“

Überrascht sah Masaki Hiro an, doch der starrte einfach nur an die Decke. Wie kam er denn jetzt darauf und warum fragte er Masaki das, Hiro hatte doch Arisu?


Abwartend lauschte Hiro, doch sein Chibi antwortete nicht. Notgedrungen musste er ihn nun doch ansehen, denn er wollte eine Antwort haben. Doch Masaki hatte seinen Kopf schon längst wieder gesenkt und starrte auf die Bettdecke.

„Und?“, hakte Hiro noch mal nach.

Ein winziges Nicken war die Antwort.
Vorsichtig hob er das Kinn des Kleineren an und sah ihm in die Augen. Diese Augen, diese wunderschönen, lebendigen Augen waren die Richtigen, in sie wollte er jeden Tag sehen und in ihnen ertrinken.
Eine zarte Röte hatte sich auf den kindlichen Wangen gebildet und ließ Masaki noch viel süßer und zerbrechlicher als sonst erscheinen.
Langsam näherte er sich den rosigen Lippen und ließ sich Zeit, damit Masaki immer noch wegkonnte, wenn er es doch nicht wollte. Aber er tat nichts dergleichen.
Es waren nur noch wenige Millimeter, die zu überbrücken waren und die Entscheidung, ob er es wirklich machen sollte, nahm ihm sein Chibi ab, der sich etwas weiter zu ihm lehnte.
Ein unbeschreibliches Gefühl ergriff von Hiro Besitz, als sich die kleinen Lippen zögerlich auf seine legten, doch er wollte mehr.
Vorsichtig zog er den kleineren Körper näher an sich und presste seine Lippen auf Masakis. Er war süchtig nach der Süße, die von diesen Lippen ausging.


Etwas überrascht war der Chibi schon, als Hiro den Kuss verstärkte, aber er ließ es einfach zu. Dieser war so anders als ihr erster, viel schöner und aufregender. Nie hätte Masaki geglaubt, dass sich das bloße Berühren von Lippen so gut anfühlen konnte.
Unbewusst drückte auch er sich immer mehr an den starken Körper, der ihm Halt gab, denn er hatte das Gefühl, als wären seine gesamten Knochen ganz weich geworden. Er glaubte nicht, dass es noch schöner werden konnte und das wurde es auch nicht.
Erschrocken richtete sich Masaki auf und unterbrach damit den Kuss, als Hiros Zunge plötzlich über seine Lippen leckte und versuchte, sich Zugang zu verschaffen. Es erinnerte ihn an Kôji. Schon da hatte er es eklig gefunden und daran hatte sich auch jetzt nichts geändert.


Verunsichert sah Hiro den Kleineren an. Hatte er etwas falsch gemacht?

„Masaki, was...“

„Tut mir Leid, aber es war einfach...deine Zunge...“

Sofort verstand Hiro, was sein Chibi meinte und ohrfeigte sich gedanklich selber. Wie konnte er nur so blöd sein?

„Du musst dich doch nicht entschuldigen! Es ist doch in Ordnung, wenn du dich gegen etwas wehrst, was dir nicht gefällt. Außerdem muss ich mich bei dir entschuldigen! Mir tut es Leid, ich bin zu weit gegangen. Entschuldige.“

Gott, warum war er nur so dumm gewesen? Masaki war noch ein Kind und im Küssen völlig unerfahren und er wollte ihn gleich mit Zunge küssen. Er war doch echt zu dämlich!


Schweigend betrachtete Masaki seinen Freund, der wieder in den Kissen lag und die Hand übers Gesicht gelegt hatte. Im schien es wirklich Leid zu tun. Masaki war ihm ja nicht böse, dass konnte er gar nicht wirklich, aber eine Frage brannte ihm plötzlich auf der Seele und er musste es jetzt wissen.

„Hast du Arisu auch so geküsst, ich meine ... mit Zunge?“

Beschämt sah er auf die Decke. Ihm war unwohl bei der Frage und das Hiro ihn so merkwürdig ansah, half da auch nicht gerade.

„Ich hab Arisu nicht geküsst...ich konnte es nicht und jetzt hasst sie mich.“

„Warum?“

„Weil sie rausgefunden hat, dass sie nichts weiter als die Lückenbüßerin war und ich ständig an eine andere Person denken muss.“

Masakis kleines Herz fing immer schneller an zu schlagen. Das hieß, dass Hiro nicht mehr mit Arisu zusammen war und er der Einzige war, dem Hiro so nah gekommen war. Aber was, wenn er auch nur Lückenbüßer war und Hiro ihn nur küssen wollte, weil die andere Person nicht da war?

„Wer? Wer ist diese Person.“


„Ist doch egal.“

„Ich muss es aber wissen! Bitte Hiro, sag es mir.“

Flehend sah Masaki Hiro an. Warum war das dem Kleinen denn so wichtig?
Hiro kämpfte mit sich, sollte er es ihm wirklich sagen? Er würde bestimmt nicht mehr mit ihm reden, andererseits wollte er es ja unbedingt wissen. Hatte sein Chibi etwa Angst, dass er ihn wieder vernachlässigen würde oder war er einfach nur furchtbar neugierig?
Gut, er würde es sagen, schlimmer konnte er sich ja nicht mehr fühlen, als er es jetzt schon tat. Und wenn der Kleine es nicht ertragen konnte, dann würde Hiro es einfach auf das Fieber schieben und behaupten, dass er nicht ganz er selbst war.

„Die Person, die ich mag....Nein, die Person, in die ich mich verliebt habe, ist......“

„SAEHARA, DEINE MAMA IST AM TELEFON!“, rief Hiros Mutter von unten.

Unentschlossen sah Masaki zwischen der Tür und Hiro ihn und her und schien sich nicht entscheiden zu können.

„Geh schon!“

„Aber...“

„Es ist bestimmt wichtig.“

„Ich beeil mich.“

Kaum war Masaki aus dem Zimmer verschwunden, da ließ sich Hiro seufzend in die Kissen fallen. Beinahe, beinahe hätte er es gesagt. Aber, vielleicht war es besser so.


~*~*~*~*~*~


Schnell hastete Masaki wieder die Treppen nach oben. Er wollte es wissen, wer die ganze Zeit im Kopf seines besten Freundes herumspukte.
Leise machte er die Tür auf und Hiro sah ihn schon abwartend an.

„Und?“

„Ich muss nach Hause.“

„Dann solltest du gehen.“

„Wer ist es?“

„Masaki.“

„Du sollst mir endlich sagen, wer es ist!“, schrie der Angesprochene.

Warum wollte Hiro es ihm denn nicht sagen und warum wollte er, dass er nach Hause ging?

„Aber das habe ich doch gerade“, versicherte der Ältere ruhig.

„Nein, du hast nur ...meinen...Namen...“

Masaki verstummte, sollte das etwa heißen, dass er die ganze Zeit auf sich selber eifersüchtig gewesenen war? Hiro liebte ihn?
Hiro nickte stumm, als hätte er seine Gedanken gelesen und wüsste, was in ihm vorging.
Völlig überfordert mit der neuen Situation schnappte sich Masaki seine Tasche und verließ fluchtartig das Zimmer.

„Ich geh jetzt.“


Überrascht sah Hiro seinem Chibi nach. Er konnte hören, wie er sich noch schnell von seinen Eltern verabschiedete und die Tür ins Schloss fiel. Hätte er es bloß nicht gesagt.


~*~*~*~*~*~


Den ganzen Weg nach Hause rannte Masaki ohne zu gucken, wo er gerade war. Ein Lächeln lag auf seinen Lippen und nur ein Gedanke beherrschte ihn.

*Hiro ist in mich verliebt! Hiro ist in mich verliebt!*

Plötzlich blieb er stehen und sah ernst auf den Bürgersteig.

*Aber liebe ich ihn denn auch?*

Der Himmel zog sich zu und die ersten feinen Regentropfen fielen auf den Asphalt. Es regnete wieder, wie schon so oft in den letzten Tagen.


~*~*~*~*~*~


Youichiru stand gerade in der Küche und machte sich einen Kaffe, als es an der Tür klingelte. Griesgrämig verließ er seinen Posten und machte auf. Er staunte allerdings nicht schlecht, als er Klein-Masaki vor sich hatte. War ja süß, dass er Hiro schon wieder nach der Schule besuchte.

„Hiro ist oben.“

„Ich wollte nicht zu Hiro, ich wollte zu dir.“

„Zu mir.“

„Mh.“

„Gut, dann komm, wir gehen in mein Zimmer.“


~*~*~*~*~*~


Der schwarzhaarige Mann schloss die Tür und bat Masaki, sich irgendwo hinzusetzten.

„Also, was beschafft mir die Ehre deines Besuches?“

„Ich wollte dich was fragen.“

„So, was denn?“

Da war er ja gespannt, was der Kleine von ihm wissen wollte. Er konnte es sich schon denken, immerhin hatte er ihn gesehen, als er aus der Tür gestürmt war, aber er hielt erst mal die Klappe.

„Woran merkt man, dass man verliebt ist?“

„Puh, gute Frage, das ist unterschiedlich, eigentlich weiß man das.“

„Oh.“

„He, nicht traurig sein, ich versuch es mal, in Ordnung?“

„Gut.“

„Also, wenn man verliebt ist, dann hat man ein ganz komisches Gefühl in der Magengegend wenn man die Person sieht, das man schlecht beschreiben kann. Es ist fast so, als hätte man Bauchschmerzen, aber es ist trotzdem angenehm. Außerdem denkt man fast pausenlos an diesen Menschen und wenn er einen ansieht, anspricht oder berührt, dann wird dieses Gefühl noch viel stärker und...“

„... man möchte immer bei dieser Person sein, sie mit niemandem teilen, richtig?“

„So ist es. Hab ich deine Frage damit beantwortet?“

„Ja, danke, Youichiru-san.“

Masaki fiel Youichiru glücklich um den Hals und verließ dann fröhlich sein Zimmer. Schmunzelnd sah der Ältere dem Kleinen nach. War ja klar gewesen, dass er das fragte und wo er jetzt hinging, wusste er auch ganz genau.


~*~*~*~*~*~


Ganz vorsichtig öffnete Masaki die Tür und sah durch einen Spalt hinein. Hiro lag ruhig in seinem Bett und schlief. Leise betrat er das Zimmer und schlich zu dem Bett. Dieses Gefühl, das sein Herz schneller schlagen ließ, tauchte wieder in ihm auf.
Er ließ sich auf die Knie sinken und betrachtete Hiro eine Weile. Er sah ganz genau, wie sich die Brust hob und senkte, wenn er atmete. Hiro sah so friedlich aus, wenn er schlief, dass war Masaki schon auf der Klassenfahrt aufgefallen, doch da war dieses Gefühl noch nicht da gewesen. Das heißt, es war schon da gewesen, aber er hatte es nicht wahrgenommen.
Mit Vorsicht näherte sich Masaki Hiros Gesicht und legte seine Lippen ganz sanft auf die des anderen. Nur einmal, nur ganz kurz. Alles in ihm überschlug sich, als er wieder die warmen Lippen spürte. Es war zwar dumm, aber er hatte sie vermisst, auch wenn er sich gestern von ihnen gelöst hatte, so hatte er dieses Kribbeln nicht vergessen können.
Nur ungern entfernte er sich wieder und öffnete die Augen, um im nächsten Moment erschrocken aufzuspringen. Zwei himmelblaue Augen sahen ihn musternd an.

„Was machst du hier?“, fragte Hiro trocken.

„Ich...ich hab Youichiru-san besucht.“

„Ach so, du hast ihn was gefragt, nicht wahr?“

Masaki nickte schnell. Mist, hätte er das nur nicht gemacht, dann würde Hiro noch schlafen und hätte nicht mitbekommen, dass er da gewesen war.


Hiro wartete. Er war sehr überrascht gewesen, als er gesehen hatte, dass sein Chibi ihn einfach im Schlaf küsste, allerdings rief das bei ihm auch Hoffnung hervor, denn Masaki war zu ihm gekommen und nicht einfach wieder gegangen.
Die leicht zitternde Stimme Masakis weckte ihn wieder aus seiner vorrübergehenden Starre. Beschämt sah der Kleine auf den Boden und knetete verlegen seine Hände. Außerdem erkannte Hiro, dass er rot geworden war, auch wenn er den Kopf gesenkt hielt.

„Ich glaube, ich hab mich auch in dich verliebt.........irgendwie.“

Bei dem letzten Wort musste Hiro schmunzeln und aufpassen, dass er nicht anfing zu lachen.


Natürlich bemerkte Masaki das und sah ihn etwas fragend an.

„Was, hab ich was Falsches gesagt?“

Er bekam Panik. Hatte er sich gestern vielleicht verhört und sich gerade zum Eimer[1] gemacht?

„Nein, nein, du bist einfach nur süß. Komm schon her.“

Aufmunternd lächelte Hiro ihn an und breitete einladend seine Arme aus. Masaki zögerte, sollte er das jetzt wirklich machen?

„Na, was ist? Ich fresse dich schon nicht.“

Schluckend krabbelte Masaki auf das Bett und ließ sich in Hiros Arme sinken, die ihn auch gleich besitzergreifend umarmten.

„Und, ist es nun anders als sonst?“, fragte Hiro, während er durch die weichen Haare Masakis fuhr.

Masaki verneinte, kuschelte sich an den Älteren und seufzte immer mal etwas, wenn Hiro ihn im Nacken kraulte oder über seinen Rücken streichelte.


~*~*~*~*~*~


Eng aneinander gekuschelt lagen sie in Hiros Bett. Geredet hatten sie nicht, aber das brauchten sie auch gar nicht, stattdessen genossen sie die Gegenwart des anderen. Alles schien im Moment so einfach zu sein.
Probeweise sah Masaki aus dem Fenster, um zu sehen, ob es noch regnete und bemerkte, dass es bereits dunkel wurde.

„Ich sollte jetzt gehen, es ist schon spät.“, flüsterte er, damit er die schön Atmosphäre nicht zerstörte.

„Warum bleibst du nicht über Nacht hier?“

„Nein, Mama möchte bestimmt, dass ich nach Hause komme.“

„Ich bin krank und ich wünsch mir, dass du hier bleibst“, entgegnete Hiro trotzig und zog einen Schmollmund.

Masaki kicherte leicht, weil Hiro so einfach niedlich aussah. Er gab ihm einen flüchtigen Kuss auf den Mund und stand dann auf, wobei Hiro versuchte, ihn ein bisschen dran zu hindern.
Als Masaki es geschafft hatte, sich von seinem Freund zu lösen, ging er zur Tür.

„Ich komm morgen wieder, wenn du nicht in der Schule bist“, versprach er lächelnd und ging dann.


Hiro konnte es immer noch nicht glauben. Er hatte Masaki gesagt, was er für ihn empfand und dieser brachte ihm dieselben Gefühle entgegen. Zwar war sein Chibi sich noch unsicher, das konnte er spüren, aber es war ein Anfang. Glücklich schloss Hiro die Augen und träumte schon mal davon, wie es sein würde, wenn sein kleiner Liebling wiederkommen würde.



17. Bruder, Bruder, ich mag dich sehr

Nach zwei weitern Tagen konnte Hiro dann wieder in die Schule gehen. Jeden Nachmittag hatte Masaki ihn besucht. Doch anstatt miteinander zu kuscheln, bombardierte Hiros Chibi ihn mit allem was sie gerade in der Schule behandelten und wenn Hiro meinte, es würde reichen, fing der Kleine an zu schmollen und dann war auch nichts mit ihm anzufangen. Also entschied sich Hiro doch für die Schule, so konnte er wenigstens der angenehmen Stimme seines Kleinen lauschen.


In der Schule und auch sonst wusste niemand, nicht einmal Himeko und Takashi, dass die beiden zusammen waren, obwohl man das so nicht sagen konnte. Sie hatten niemals gesagt, dass sie jetzt miteinander gingen oder ein Paar waren. Alles war wie immer und sie benahmen sich auch wie zuvor, niemandem fiel etwas auf. Und seitdem Masaki vor Hiro zurückgewichen war, hatte der auch keine weiteren Anstalten gemacht, seinen Kleinen zu küssen. Sie wirkten wie sehr gute Freunde, doch beide wussten, dass da mehr war.


~*~*~*~*~*~


Bettelnd stand der große Basketballer vor dem kleinen Chibi.

„Komm schon! Nur ein kleines Stück!“

Schützend versteckte Masaki die Lunch-Box, die Himeko ihm mitgebracht hatte, hinter seinem Rücken.

„Nix da, ich hab dir vorhin schon was von meinem Bento gegeben. Himekos will ich selber essen.“

Unerwartet wurde ihm das Bento stibitzt. Überrascht drehte er sich um und sah einen grinsenden Hiro, der triumphierend die Lunch-Box in Händen hielt.

„Ah, Hiro-san, gib das wieder her!“

„Komm und hol sie dir doch.“

Masaki lief auf Hiro zu und versuchte ihm die Lunch-Box wieder abzunehmen, aber Hiro hielt sie einfach in die Höhe, sodass er nicht mal mit Springen heran kam.

„Das ist gemein, ich hab dir vorhin auch was gegeben.“

„Na und? He, Takashi, fang!“

Takashi stellte sich in Position und Hiro machte sich bereit zu werfen. Verzweifelt sah der Chibi zwischen den beiden hin und her. Doch ehe Hiro werfen konnte, verpasste Himeko ihm und Takashi eine kräftige Kopfnuss und nahm dem Brünetten ihr zubereitetes Essen aus den Händen.

„Lasst Masaki in Ruhe, das ist nur für hin! Hier, bitte Chibi.“

„Danke, Himeko-san!”, lächelte Masaki und streckte Hiro frech die Zunge heraus.

Dann setzte er sich an seinen Platz und aß genüsslich, was Himeko ihm mitgebracht hatte. Hiro setzte sich vor ihn und sah ihm mit großen Augen beim Essen zu.

„Bitte, Chibi, nur ein Stück.“

„Hm, na gut, aber nur ein Stück.“

Masaki nahm einen der panierten Garnelenschwänze mit den Stäbchen und hielt sie seinem Freund vor die Nase.

„Mach Ah!“

„Ah!“

Begierig nahm Hiro das kleine Ding entgegen und kaute genüsslich darauf herum. Im Hintergrund kicherten einige Mädchen: „Wie süß, Masaki-chan füttert Hiro.“, und andere sahen weniger begeistert aus, zum Beispiel Kazuko.

Mürrisch kam nun auch Takashi zu dem Kleinen.

„Das ist nicht fair.“

Genervt verdrehte Masaki die Augen und ohne ein weiteres Wort fütterte er nun auch den blauhaarigen Jungen mit einem Garnelenschwanz.


~*~*~*~*~*~


Verwundert sahen die Schüler auf den Gängen den kleinen Jungen an, der wie ein geölter Blitz auf ein ganz bestimmtes Zimmer zurannte. Schwungvoll riss er die Tür auf und rief in das Klassenzimmer hinein: „Onii-chan!“
Überrascht drehten sich alle zu dem quirligen Kind, das sich zielstrebig auf Takashi zu bewegte und ihm stürmisch um den Hals fiel.

„Ojiro-chan, was machst du den hier?“

„Ich hatte schon Schluss und da wollte ich dich besuchen.“, verkündete der Kleine stolz und krabbelte auf den Schoß seines Bruders.

„Aber Papa wird sich Sorgen machen und ich hab noch zwei Stunden Unterricht.“

„Macht doch nichts. Papa kommt eh erst am Abend wieder und ich warte einfach auf dich.“

„Ich weiß nicht...“

„He, Takashi-san,“, meldete sich Masaki zu Wort, „wir haben doch jetzt Kunst, ich bin mir sicher, dass unsere Lehrerin nichts dagegen hat, wenn er hier bleibt.“

„Stimmt, sie ist sehr kinderlieb und mehr als malen tun wir zur Zeit eh nicht.“, bestätigte Himeko.

„Na schön, wir fragen.“


~*~*~*~*~*~


Wie Himeko und Masaki schon vermutet hatten, hatte ihre Lehrerin nichts dagegen und so saß Ojiro nun glücklich auf dem Schoß seines Bruders, der es nicht so leicht hatte, sein Bild fertig zu malen. Das bloße Zugucken wurde ihm aber bald zu blöd, also ging er vor und fragte die Lehrerin nach einem Blatt Papier, holte sich einen freien Stuhl, setzte sich wieder neben Takashi und fing auch an zu malen. Er passte auf, dass er seinen Bruder nicht aus Versehen anrempelte, schließlich bekam er ja eine Note auf das Bild.

„Du, Onii-chan?“

„Ja?“

„Hast du Geld mit?“

„Warum?“

„Naja, wir könnten doch in den Spielladen gehen und du kaufst mir neue DuellMonsters-Karten.“

„So, das ist also der Grund, warum du hier bist!“

„Nein...ja, aber Papa erlaubt mir ja nicht Geld mit in die Schule zu nehmen.“

„Du sollst nach der Schule auch eigentlich gleich nach Hause.“

„Menno!“, schmollte Ojiro und kritzelte sein Bild durch.

„Schon gut, schon gut, wir gehen, aber du zahlst mir alles zurück, verstanden?“

„Ja, und Masaki-chan und Hiro müssen auch mit.“

*Na, ob die Lust haben?*


~*~*~*~*~*~


Zu Takashis Bedauern hatten Masaki und Hiro Lust, wobei Letzterer wohl eher wegen dem älteren Chibi mitkam. Und so sahen er und Hiro wieder dabei zu, wie die Kleinen an irgendeiner Spielkonsole hockten und zockten. Gott, war das spannend.
Ein Mädchen trat lächelnd auf Takashi zu.

„Hallo, bist du mit deinem Bruder hier?“

„Äh, ja.“

„Mich hat meine kleine Schwester hierher geschleift. Da, das Mädchen mit den blonden Zöpfen und dem roten Mantel. Wer gehört denn zu dir?“

„Der grünhaarige Wuschelkopf an der Spielkonsole.“

„Der ist ja niedlich, er wird bestimmt mal genau so gut aussehend.“

„Wie wer?“

„Wie sein großer Bruder.“

Takashi wurde etwas rot und kratzte sich verlegen am Hinterkopf. Es war selten, dass irgendein Mädchen anfing, mit ihm zu flirten und dem entsprechend wusste er nie, was er sagen sollte.


Hiro verdrehte nur die Augen. Wie konnte ein 1,90 großer Junge nur so schüchtern Mädchen gegenüber sein?


~*~*~*~*~*~


Die Chibis waren in ihr Spiel vertieft und nur am Rande nahm Masaki wahr, dass da ein Mädchen bei seinen Freunden stand.

„He, Ojiro-kun, da steht ein Mädchen bei deinem Bruder.“

Leicht erschrocken sah der Kleine zu Takashi. Er fing etwas an zu knurren, als Takashi plötzlich über irgendetwas lachte, was das fremde Mädchen gesagt hatte.
Verwundert sah Masaki seinen jüngeren Freund an und war noch überraschter über das, was er vor sich ihn brabbelte.

„Das ist mein Onii-san.“

Ruckartig stand Ojiro auf und ging festen Schrittes auf die drei Jugendlichen zu. Masaki folgte ihm.


~*~*~*~*~*~


Als Takashi seinen Bruder bemerkte, lächelte er ihn freundlich an.

„Ah, Ojiro-chan, das ist...“

„Lass die Finger von meinem Bruder, du Pute!“, keifte dieser das überraschte Mädchen an und fiel somit seinem Bruder ins Wort.

Geschockt sahen alle den Jungen an, aber er achtete nicht darauf.

„Er ist mein Onii-chan und da braucht er nicht so eine wie dich.“

„Ojiro!“

„Er hat mich und das reicht, verstanden, du Hexe!?“

„Ojiro, es reicht!“

„Verzieh dich, du Schlampe!!“

BATSCH! Wütend und enttäuscht sah Takashi seinen Bruder an, dessen rechte Wange rot leuchtete. Große Krokodilstränen bildeten sich in den geschockten Augen, während die kleine Hand zu der roten Stelle fuhr. Ebenso wütend drehte sich Ojiro zu seinem Bruder und schrie ihn an.

„ICH HASSE DICH!“

So schnell ihn seine Füße tragen konnten, rannte er zu den Toiletten.

„Ojiro-kun!“, rief Masaki und rannte dem Jungen nach.

Erst jetzt registrierte Takashi, was er getan hatte. Entsetzt sah er auf seine Hand, die er seinem kleinen Bruder ins Gesicht geschlagen hatte.

„Takashi...“, fragte Hiro vorsichtig.

„Das war das erste Mal, das ich meine Hand gegen ihn erhoben habe.“, flüsterte der Angesprochene heiser.


~*~*~*~*~*~


Weinend saß Ojiro mit angezogenen Beinen auf dem gefliesten Boden. Masaki setzte sich zu ihm.

„Ojiro-kun...“

„Er hat mich geschlagen, er hat mich zum ersten Mal geschlagen.“, schniefte der Jüngere und fing noch doller an zu weinen.

Tröstend nahm Masaki ihn in den Arm und strich ihm über den Kopf, so wie Hiro es bei ihm getan hatte.

„Er hat es bestimmt nicht so gemeint und ihm tut es sicherlich leid, aber was du gesagt hast, war nicht sehr nett.“

„Na und, deswegen muss er mich doch nicht gleich schlagen.“

„Nein, natürlich nicht, aber vielleicht wollte er das Mädchen besser kennen lernen.“

„Das braucht er nicht, er hat doch mich.“

„Aber, vielleicht reicht ihm das nicht?“

„Doch, es reicht ihm! Er hat doch selbst gesagt, dass er mein Onii-chan ist.“

„Aber das bleibt er doch auch.“

„Bleibt er nicht, er hasst mich.“

„Nein, er hasst dich nicht und du hasst ihn doch auch nicht.“

„Natürlich nicht.“

„Dann solltest du dich bei ihm und dem Mädchen entschuldigen.“

„Vergiss es, er soll sich bei mir entschuldigen, weil er mich geschlagen hat.“

Schniefend drehte sich Ojiro von Masaki weg und stellte auf stur. Masaki war mit seinem Latein am Ende und ging wieder hinaus.


~*~*~*~*~*~


Zur selben Zeit, an einem anderen Ort.

„Nun, Ihre Referenzen sind recht vielversprechend und ich freue mich, Sie bei uns zu haben. Sollte mir jedoch etwas Ähnliches wie in Ihrer alten Stelle zu Ohren kommen, werde auch ich Sie fristlos entlassen.“

„Ja, Herr Direktor, vielen Dank.“


~*~*~*~*~*~


Erwartungsvoll sahen Hiro und Takashi Masaki an.

„Chibi, wo ist Ojiro?“

„Er will nicht rauskommen.“

„Hiro, Masaki, geht ruhig.“, sagte Takashi tonlos, ehe er zu den Toiletten ging.

Besorgt sah der Chibi seinem großen Freund nach.

„Hiro-san, glaubst du, Takashi ist sehr böse auf Ojiro?“

„Nein, mach dir keine Sorgen, er würde ihm nie absichtlich weh tun und was er getan hat, tut ihm schrecklich leid. Du musst wissen, dass Takashis Mutter bei Ojiros Geburt gestorben ist und sein Vater hat nur wenig Zeit für seine Kinder. Deswegen übernahm Takashi die Mutter-, Vater- und Bruderrolle für Ojiro, weswegen der Kleine auch so an ihm hängt, anscheinend sogar mehr, als ich geglaubt habe.“

„Wie meinst du das?“

„Ist nicht so wichtig, lass uns gehen.“

Hiro legte einen Arm um seinen Chibi und schob ihn sanft zur Tür.

„Hiro-san?“

„Ja?“

„Bringst du mich nach Hause?“

„Wenn du das möchtest.“, lächelte Hiro.

„Ja.“


~*~*~*~*~*~


Takashi betrat den kühlen Raum und sah sofort das kleine Häufchen Elend in der Ecke.

„Ojiro...“

„Geh weg!“, erwiderte der Kleine erstickt.

Takashi fasste seinen kleinen Bruder sanft an den Schultern und drehte ihn zu sich um, damit er ihn ansehen konnte. Die großen blauen Augen waren ganz rot geweint und die gerötete Wange stach gerade zu ins Auge. Vorsicht legte er seine Hand auf die geschundene Wange, worauf Ojiro leicht zurückzuckte.

„Tut es sehr weh, Ojiro-chan?“

„Nein, es geht schon.“

„Glaub mir, ich wollte dir wirklich nicht weh tun, aber ich war so erschrocken über das, was du gesagt hast. Du hast mich sehr enttäuscht.“

„Ich weiß und deswegen hasst du mich jetzt, weil ich das Mädchen vergrault habe.“

„Ach, Ojiro-chan, ich hasse dich doch nicht. Ganz gleich was für Müll du anstellst, ich werde dich immer lieb haben.“

Schniefend warf sich Ojiro in Takashis Arme und vergrub sein Gesicht in seiner Halsbeuge.

„Ich hab dich auch ganz doll lieb, Onii-chan!“

Takashi drückte den schmalen Körper an sich, der gar nicht mehr aufhören wollte zu weinen. Nach einer Weile drückte Takashi seinen Bruder etwas von sich weg und sah ihm fest in die Augen.

„Versprich mir eines, sag nie wieder solche Dinge, egal zu wem.“

„Versprochen, Onii-chan.“

„Gut, dann können wir ja gehen.“

„Vergiss es!“

„Was ist denn jetzt noch?“

„Hast du mich mal angesehen, ich hab ganz verheulte Augen. Ich will nicht, dass mich alle für eine Heulsuse halten!“, entrüstete sich Ojiro.

Takashi fing leicht an zu lachen. Er hockte sich wieder zu seinem Bruder und zog ihn liebevoll in seine Arme.

„Du kleiner Dummkopf.“


~*~*~*~*~*~


Schweigend liefen Masaki und Hiro nebeneinander her. Es herrschte eine bedrückende Stille zwischen ihnen.
Ganz vorsichtig nahm Hiro Masakis Hand in seine und sofort wurde der leichte Druck erwidert. Beide wurde etwas rot, konnten es aber nicht sehen, denn sie vermieden es, sich anzusehen. Hiro fand es albern, wie er sich benahm, aber er konnte irgendwie nicht anders. Noch vor ein paar Tagen hätte er ganz anders reagiert, doch jetzt war es einfach so anders zwischen ihnen.


~*~*~*~*~*~


Sie fuhren Hand in Hand mit dem Fahrstuhl in den 12. Stock. Vor Masakis Wohnungstür standen sie sich einfach nur gegenüber und sahen auf den Boden.

„Ich muss jetzt rein.“

„Dann solltest du gehen.“

Stille. Beide waren in ihren Gedanken versunken und keiner wollte den anderen alleine lassen.
Masaki hob seinen Kopf und sah seinen Freund an.

„Hiro-san...“

„Ja?“

Masaki krallte sich in Hiros Uniform, zog ihn nach unten und drückte sanft seine Lippen auf Hiros. Hiro war völlig überrumpelt und starte seinen Chibi an, der sich mit geröteten Wangen von ihm löste.

„Gute Nacht.“, sagte er schnell und verschwand hinter der Tür, ehe Hiro reagieren konnte.


~*~*~*~*~*~


Mit klopfendem Herzen lehnte sich Masaki gegen die Tür.

„Masaki-chan, da bist du ja. Ist etwas passiert?“

„Nein, Mama, alles in Ordnung.“

*Mir ging es noch nie besser!*


~*~*~*~*~*~


Mit einem breiten und zufriedenen Lächeln kam Hiro bei sich zu Hause an. Sein Chibi hatte ihn wieder aus freien Stücken geküsst, damit war er sich sicher, dass er beim nächsten Mal keine Angst vor einem weiteren Zurückweichen des Kleinen haben müsste. Hiro glaubte nicht daran, dass ihm noch irgendetwas die gute Laune und die vielen Schmetterlinge im Bauch vertreiben könnte.
Kaum hatte er die Tür aufgeschlossen, da riefen ihn seine Eltern auch gleich ins Wohnzimmer.

„Youichiru wollte uns etwas Wichtiges sagen, aber er wollte warten, bis du auch da bist.“, erklärte seine Mutter, als er sich in den Sessel plumpsen ließ.

„Gut, dann fang ich mal an.“, begann Youichiru.

Seine Eltern sahen ihn gespannt an, nur Hiro war mit seinen Gedanken noch bei Masaki und lächelte vor sich hin. Davon ließ sich Youichiru aber nicht stören.

„Ich habe eine neue Stelle gefunden und zwar an Hiros Schule.“

Schlagartig entgleisten Hiro alle Gesichtszüge und er sah seinen Bruder geschockt an.

„Du hast was?“

„Du hast schon richtig gehört, kleiner Bruder. Ab nächsten Montag werde ich immer in deiner Nähe sein und dich beobachten. Vielleicht hab ich dich sogar in Geschichte oder Musik.“

Hiro wurde in dem Sessel immer kleiner. Das konnte ja toll werden.