Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Conni > Sonnenscheinchen

Sonnenscheinchen

Original [PG]

[depri]

Inhalt: 
Maik hat vor einem dreiviertel Jahr einen neuen Job angefangen. Vor einem halben Jahr hat er seinem Kollegen, mit dem er sich den Arbeitsplatz teilt, gestanden, dass er sich in ihn verliebt hat. Letzte Woche hat er ihn gefunden zu Hause, blutüberströmt…. 





Sonnenscheinchen

Sonnenscheinchen, was hast du nur gemacht?
Ich weiß, du glaubst ich würde spotten, wenn ich dich so nenne. Doch so ist es nicht…
Eigentlich wollte ich dich besser kennen lernen, doch du hattest sofort abgeblockt. Was hätte ich anders machen müssen, damit du mir ein wenig mehr vertraut hättest? Was ist nur passiert, dass du jetzt hier bist? Hätte dir keiner deiner „Freunde“ helfen können? Wolltest du ihre Hilfe nicht? Warum?
Seit einer Woche stelle ich mir diese Fragen. Doch eine Antwort weiß ich immer noch nicht.

Vielleicht hätten wir einfach mal reden sollen, du und ich. Nicht auf Arbeit, nicht über die Arbeit.
Ich weiß, wir sind wie Tag und Nacht, so verschieden…
Du: immer freundlich, gut gelaunt, nie gereizt, egal was ist.
Ich dagegen: wechselhaft wie das Wetter, hast du einmal gesagt. Doch dem ist nicht so. Ich zeige es nur, wenn mich etwas nervt, ich ungeduldig bin, ich mich freue, ich früh verschlafen habe und trotzdem nicht wach auf Arbeit erscheine. Manchmal mag es grausam sein unseren Kollegen gegenüber. Dafür weiß man immer woran man mit mir ist.
Doch bei dir? Keinen Schimmer! Bestimmt hat es Tage gegeben an denen dich keiner hätte bequatschen sollen, doch du hast nie nein gesagt. Immer gelächelt, nie auch nur die Stirn gerunzelt.

Und jetzt? Jetzt bist du hier. Eine Woche wenigstens haben die Ärzte gesagt. Es sei unwahrscheinliches Glück gewesen, dass du rechtzeitig in der Klinik warst. Nur fünf Minuten später und sie hätten nichts mehr tun können und ich hätte dich verloren, nie wieder dein strahlendes Lächeln sehen können.
War es Absicht, dass du mich gebeten hattest vorbeizukommen, um diesen blöden Vortrag durchzusprechen. Hattest du vergessen, dass ich vorbeikommen sollte?
Was hat dich nur dazu bewogen, so etwas zu tun? Was ist passiert, dass du nicht mehr weiter wusstest? Dass dir der Tod viel einfacher erschien als zu leben, mit irgendjemanden darüber zu reden, gemeinsam eine Lösung zu finden. Weißt du eigentlich, wie gern ich derjenige wäre, mit dem du reden könntest, offen und ehrlich, nicht nur blabla.
Oder war es etwa gar meine Frage, die dich… Nein, bitte nicht. Du hast abgelehnt, ich habe es akzeptiert, zumindest mein Verstand, mein Herz noch lange nicht. Ich habe nie wieder ein Wort darüber verloren, das ganze letzte halbe Jahr, auch wenn du immer so herausfordernd zu mir gesehen hast, als wenn du sagen wolltest: trau dich doch.

Hast du eine Ahnung, wie es weiter gehen soll? Deine Eltern sind sofort hergekommen und wollten dich mitnehmen, nach Hause. Du hast abgelehnt. Wieso? Was auch immer dir hier Kummer bereitet hat, dort wäre es nicht gewesen. Du hättest vergessen können, was auch immer es war.

Hm, in einer Woche darfst (oder doch eher sollst?) du wieder auf Arbeit. Hast du eine Ahnung, wie sehr sie sich das Maul zerreißen? Woher auch immer sie es wissen, Gerüchte sind schnell. Weißt du, wie sie starren und tuscheln, doch keiner fragt. Keiner fragt, ob es stimmt? Ob du dir wirklich die Pulsadern zerschnitten hast? Oder ob dich doch bloß eine Grippe erwischt hat?
Dafür schweigen sie, wenn ich einen Raum betrete, und zischeln wieder, sobald ich die Tür hinter mir schließe. Dass ich dich gefunden habe, steht außer Frage. Doch warum war ich bei dir? Die Dinge, die sie sich erzählen, werden immer verrückter.
Ich hoffe für dich, dass sie schweigen werden, falls du nächste Woche wirklich wieder zurückkommst.
Dass wir einander nicht freund sind, nie waren, wissen sie. Doch keiner weiß, warum. Selbst denen, die du „Freunde“ nennst, hast du es nicht gesagt. Soll ich dir dafür dankbar sein? Oder darf ich mich wundern? So wie du auf meine Frage reagiert hast, hättest du dich keine fünf Minuten später bei ihnen echauffieren müssen. Wie konnte ich es nur wagen? Und überhaupt dann auch noch dir diese Frage zu stellen. Würdest du so aussehen, als wenn meine Worte bei dir Freude hervorrufen könnten. Ich sehe es richtig vor mir: mein kleiner Wirbelwind als Furie, auch wenn du nie „mein“ sein wirst.
Dass du niemals so reagieren könntest, lernte ich erst später. Die Ohrfeige, die du mir verpasst hast, scheint die einzige zu sein, die du jemals verteilt hast. Dafür hattest du aber ordentlich zugelangt. Die Striemen hat man das ganze Wochenende noch gesehen…

Und deine „Freunde“? Keiner von ihnen war hier! Keiner hat dir Blumen oder auch nur eine Karte geschickt. Was denken sie von dir? Was verbindet euch? Nur dieses oberflächliche Getue? Hauptsache abends nicht alleine dumm zu Hause sitzen? Wieso interessiert sich keiner von denen dafür, wie es dir geht? Wieso will keiner wissen, warum du dies getan hast? Und warum hast du mir nie gestattet, wenigstens zu versuchen, ein Freund für dich zu werden? Jemand, mit dem du reden kannst. Der nicht sauer ist, wenn du mal schlechte Laune hast. Jemand, den man mal anschreien kann, ohne zu befürchten, dass man ihn nie wieder sieht. Jemand, dem man die guten Dinge erzählt: vor zwei Monaten zum Beispiel, als es dir gelang endlich unseren Chef zu überzeugen. Wochenlang hatten wir alle auf ihn eingeredet, doch dir ist es letztendlich gelungen…
Oder auch, dass du dich verliebt hast, mir würde das Herz bluten, da nicht ich es bin, dem es gehört, und ja, ich hätte mich für dich gefreut.
Oder der letzte Wettkampf, an dem du teilgenommen hattest. Ich wäre mitgekommen, hätte dich angefeuert.
Doch du wolltest es nicht. Nichts von alledem.

Stattdessen hast du dich mit den anderen getroffen und sinnloses Zeug gelabert und Alkohol in dich rein geschüttet, mehr als gut für dich war. Doch gewarnt hat dich keiner!
Und auf mich hast du nicht gehört. Ich hatte zwar keine Ahnung, aber gesagt habe ich dir immer, was ich dachte. Nur Hohn und Spott bekam ich von dir, und selbst das konnte man immer nur zwischen den Zeilen erahnen.
Wieso verbietest du dir selbst, offen zu sein? Man kann es nie allen recht machen. Warum dann nicht Ablehnung zeigen, Zorn, wenn du ihn verspürst? Ungeduld, wenn die Praktikantin mal wieder nicht aus dem Knick kommt? Oder eben sagen, dass du gerade jetzt keine Zeit hast, um etwas zu erklären. Du hast lieber von vorn begonnen, als jemanden zu bitten in einer Stunde wieder zu kommen.

Und ich stehe wieder vor deiner Tür. Seit drei Tagen traue ich mich nicht mehr zu dir hinein, seit dem Tag, an dem die Schwester mir strahlend berichtete, du seiest wieder aufgewacht.
Ich habe Angst.
Angst, dass du mich einfach rausschmeißt, mich mit einem Lächeln bittest zu gehen.
Angst, dass du mich anbrüllst, ich hätte kein Recht gehabt, mich in dein Leben einzumischen.
Angst, dass du mir vorwirfst, ich würde mich freuen, Recht behalten zu haben.
Zuviel Angst, um diese Schwelle zu überschreiten und dir in deine meergrünen Augen zu sehen.