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Der Kammerdiener des Prinzen

Original/ Märchen [PG]

keine Warnungen
 
Inhalt: 
Seit fünf Jahren dient Wolfgang der königlichen Familie und seit einem Jahr ist er auch der offizielle Kammerdiner des Prinzen, der auf Wunsch seiner Eltern sich endlich eine Prinzessin suchen soll um sie zu heiraten. Wolfgang versucht zwar seinen Prinzen zu unterstützen, doch eigentlich möchte er etwas ganz anderes. 

Kommentare: 
Mein allererstes Märchen oder so was in der Richtung. Und es spielt mal nicht in Japan ^-^°



Charakter

Wolfgang

Alter: 16
Haarfarbe: Blond
Augenfarbe: Türkisgrün

Vor einem Jahr wurde Wolfgang zum Kammerdiener des Prinzen erhoben. Er war überglücklich gewesen seinem verehrten Prinzen direkt dienen zu können, schließlich hatten sie sich schon recht gut verstanden, als er noch als Stallbursche dessen Pferde und die des Königspaares versorgt hatte.
Geduldig hört Wolfgang sich immer mit einem Schmunzeln die Schimpftiraden seines Prinzen auf die Prinzessinnen an und versucht ihn mit ruhigen Worten wieder auf den Boden zu bringen, schließlich weiß er darum, dass sich der Prinz oft in seine meist übertriebenen harschen Reden hineinsteigert.
So sehr Wolfgang jedoch auch für die Prinzessinnen spricht, so steht er der zukünftigen Hochzeit Prinz Ludwigs mit gemischten Gefühlen gegenüber. Nur seiner Schwester Elisa kann Wolfgang etwas über seine verwirrenden Gedanken und Gefühle erzählen.

Prinz Ludwig

Alter: 27
Haarfarbe: Dunkelbraun
Augenfarbe: Dunkelgrau

Ludwig ist der Prinz eines großen Reiches.
Da der König der Ansicht ist, dass sein Sohn schon längst alt genug sei um endlich zu heiraten, schickt er Ludwig in die angrenzenden Königreiche, damit er sich die von seinen Eltern ausgesuchten Prinzessinnen ansehen kann und eine von ihnen zur Frau nimmt.
Allerdings findet Ludwig immer wieder etwas an diesen auszusetzen, sodass er jedes Mals frustriert zurück kommt.
Sein wohl engster Vertrauet in dieser Sache, ist sein junger Kammerdiener Wolfgang. Bei ihm kann er sich über alles und jeden beschweren, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Und irgendwie schafft es Wolfgang immer ihn wieder mit seiner sanften und zurückhaltenden Art auf den Boden der Tatsachen zu bringen.


Elisa

Alter: 19
Haarfarbe: Blond
Augenfarbe: links Blaugrün, recht Grünblau

Als Küchenmagd hört Elisa immer den neusten Klatsch und Tratsch, der im Schloss verbreitet wird. Besonders die Gerüchte über den Prinzen behält sie sich gut im Gedächtnis, um sie dann ihrem Bruder Wolfgang zu erzählen. Sie ist die einzige, der sich Wolfgang anvertraut und von seinen wirren Gefühlen erzählt. Uneigennützig versucht sie ihrem jüngeren Bruder zum Glück zu verhelfen, auch wenn der diese Aktionen nicht immer als angenehm empfindet.




Der Kammerdiener des Prinzen


„Ich hab genug von alledem!“

Wütend und frustriert schlug Prinz Ludwig höchstpersönlich die schwere Holztür mit den goldenen Verzierungen seines Gemachs zu.
Augenblicklich entledigte er sich seiner samtblauen Jacke und seiner fein gearbeiteten Weste. Sowie von allen anderen Dingen, die er für unnötig empfand. Dabei hinterließ er eine Spur aus Sachen.

Geschafft ließ sich der dunkelhaarige Prinz in einen seiner Lieblingssessel fallen und ergriff den silbernen Becher, der vorsorglich schon mit etwas Wein gefüllt war. Sein Kammerdiener wusste eben, was er brauchte.

Genau dieser bückte sich gerade nach den abgelegten Sachen. Fein säuberlich zusammengefaltet legte er sie auf den Stuhl, der nicht weit von ihm entfernt stand. Wolfgang kannte die Art seines Prinzen schon und so war er auch nicht erschrocken gewesen, als dieser schnaubend das Zimmer betreten hatte.

„War es so schlimm gewesen, Hoheit?“, fragte er schmunzelnd, schließlich übertrieb Ludwig gern einmal.

„Schlimm? Es war grauenhaft“, beschwerte sich der Prinz. „Nicht nur, dass diese Prinzessin eine schlechte Gastgeberin war, sie hat mich auch die ganze Zeit mit banalem Unsinn gefoltert.“

„Meint Ihr nicht, dass Ihr übertreibt, Hoheit? Vielleicht stellt Ihr nur zu hohe Ansprüche an eure zukünftige Gattin?“, mutmaßte der junge Kammerdiener.

„So ein Unsinn, Wolfgang! Ich habe überhaupt keine hohen Ansprüche. Ich möchte nur nicht den Rest meines Lebens mit einer Hyäne verbringen!“

„Eine Hyäne, Hoheit?“

„Ja, denn das war das Schlimmste überhaupt. Die Prinzessin hat gelacht wie eine Hyäne. Hoch und schrill. Einfach grässlich.“

Schmunzelnd betrachte der blonde Jüngling den im Sessel lümmelnden Prinzen und konnte sich ein verstohlenes Kichern nicht verkneifen. Doch der Prinz hatte gute Ohren und hörte selbst diese leisen Laute seines Dieners.

„Hör auf zu lachen und lass mir ein Bad ein. Ich bin von dem langen Ritt zurück völlig verschwitzt“, befahl Ludwig grummelnd.

„Wie Ihr wünscht, Hoheit!“

Respektvoll, aber immer noch leise glucksend, verbeugte sich Wolfgang und ging dann in Richtung Badezimmer, um für den Prinzen den großen Zuber mit heißem Wasser zufüllen, welches er schon vorsorglich bereit gestellt hatte.
Seit einem Monat war es immer die selbe Prozedur, wenn der Prinz von einem Besuch bei einer eventuellen Anwärterin auf den Königsthron zurück kam. Immer hatte der siebenundzwanzigjährige Prinz etwas an den Prinzessinnen auszusetzen. Entweder waren sie ihm vom Aussehen nicht angemessen genug oder es mangelte ihnen nach seiner Meinung an Charakter. Er suchte geradezu immer nach Fehlern an den meist jungen Frauen.

Wolfgang konnte ihn verstehen. Er würde auch nicht gern zu Prinzessinnen gehen, die seine Eltern ausgesucht hatten, nur um zu sehen, ob sie sich für eine Zwangsheirat eigneten. Denn das würde es sein, eine Zwangsheirat. Das Königspaar fand, dass ihr Sohn endlich heiraten und nicht den ganzen Tag mit Jagen verbringen sollte. Was dieser davon hielt, stand nie zur Debatte.

So in seinen Gedanken vertieft goss Wolfgang das heiße Wasser in den Zuber und merkte gar nicht, wie der Prinz das Bad betrat und sich seiner restlichen Sachen entledigte, welche er über einen nahegelegenen Holzstuhl hängte.

„Du hast ja schon alles vorbereitet, Wolfgang“, staunte Ludwig und trat neben den Jungen.

Dieser drehte sich mit einem Lächeln zu ihm um. Doch als er ihn so entblößt erblickte, wand sich Wolfgang schnell wieder ab. Erstens gehörte es sich nicht, dass er seinen Herren so sah und zweitens bekam er bei diesem Anblick wieder so ein seltsames Gefühl, welches sehr schnell von seinem ganzen Körper besitz ergriff, wenn er sich nicht zusammenriss.

„Ich weiß doch, Hoheit, dass Ihr nach einem so langen Ritt gerne ein ausgiebiges heißes Bad nehmt“, antwortet Wolfgang leise und versuchte dabei seine Stimme ruhig klingen zu lassen.

Doch so wirklich gelang es ihm nicht. Um dies zu überspielen, stellte er den geleerten Holzeimer ab und hob einen Neuen an, damit auch dessen Inhalt in den Zuber fliesen konnte.

„Du kennst mich ja wirklich schon recht gut, Wolfgang“, gestand der Prinz, während er sich seufzend in das heißen Wasser sinken lies. „Erzähl mir was es Neues gibt, damit ich auf andere Gedanken komme.“

„Was es Neues gibt?“, überlegte Wolfgang angestrengt.

Auf die Schnelle fiel ihm wirklich nichts aufregendes ein, mit dem er den Prinzen ablenken konnte.

Routiniert griff er bei seinen Überlegungen nach dem Lappen und einem Hocker, welchen er neben dem im Zuber sitzenden Prinzen stellte und sich darauf niederließ. Es war schon zur Gewohnheit geworden, dass er dem Prinzen den Rücken und die Arme wusch, während er ihm erzählte, was im Schloss so gemunkelt wurde.

„Nun,“, begann Wolfgang gedämpft, „es verbreitet sich das Gerücht, dass Euer Hoheit mit einer der Mägde eine Nacht im Heu verbracht hätte. Es wird viel gemunkelt und spekuliert. Ein oder zwei Namen sind auch schon gefallen, doch bis jetzt sind es alles nur Vermutungen. Keine der Mägde nimmt diese Behauptung für sich in Anspruch, aber das Gerücht hält sich schon seit vier Tagen sehr hartnäckig unter den Bediensteten. Wahrscheinlich hält es sich deswegen auch so gut, weil jede gern verdächtigt werden würde mit euch das Nachtlager geteilt zu haben, aber sich selbst dazu nicht äußern möchte. Also schüren sie weiter, um das kleine Lauffeuer aufrecht zu erhalten. Ihr seht, Hoheit, Ihr seit bei der Damenwelt sehr beliebt!“

„Das schmeichelt mir nicht im Geringesten, Wolfgang“, ermahnte ihn der Prinz. „Nur einmal habe ich eine Nacht mit einer der Kammerzofen meiner Mutter verbracht und nun verbreiten sich solche Gerüchte schon seit Jahren.“

„Was man einmal falsch gemacht hat, dass merken sich die Leute nun einmal, Hoheit“, entgegnete Wolfgang in einem leicht bedenkenden Ton.

Verärgert riss Ludwig den Arm zurück, den sein Diener gerade wusch, und funkelte ihn aus dunkelgrauen Augen an.

„Ich brauche deine Zurechtweisungen nicht, Wolfgang“, zischte er.

Erschrocken zuckte Wolfgang etwas zusammen.

„Es tut mir Leid, Hoheit. Ich habe mir zu viel heraus genommen. Bitte verzeiht“, versuchte der Blonde seinen Prinzen wieder zu beschwichtigen.

„Dir sei verziehen. Doch erkläre mir, warum ich erst jetzt von dir über dieses Gerücht informiert werde, wenn es sich schon vier Tage hält. Ich war nur zwei Tage weg.“

„Ich habe auch erst gestern Abend eher zufällig davon erfahren, Hoheit. Die Küchengehilfen haben darüber gesprochen, doch als sie mich bemerkten, verstummte ihr Gespräch. Es ist nicht mehr so einfach für mich etwas in Erfahrung zu bringen, seit jeder im Schloss weiß, dass ich Euch diene. Man spricht mit mir nicht mehr über Themen, die mit Euch zu tun haben oder Euch indirekt betreffen. Aber gestern war es schon zu spät, ich hatte bereits genug gehört“, feixte Wolfgang frech und hoffte Ludwig so wieder milde zu Stimmen.

Wolfgang mochte es, wenn er mit dem Prinzen herumalbern konnte ohne sich wirklich Gedanken darüber machen zu müssen, was es für Auswirkungen haben könnte. Und so gut wie immer ging Prinz Ludwig auch auf kleine Sticheleien oder Spitzfindigkeiten ein.
Auf diesen Status, den Wolfgang bei dem Prinzen inne hatte, war er stolz, denn niemand anderes durfte es sich erlauben so mit dem Prinzen zu reden. Auch der Hofnarr nicht, der schon öfter Ludwigs Wut über einen Scherz, der auf Kosten des Prinzen ging, auf sich gezogen hatte.

Auch dieses Mal enttäuschte Ludwig Wolfgang nicht.

„Da kann ich ja wirklich von Glück reden, dass mein Kammerdiener in seiner Freizeit am liebsten Geheimnisse von anderen Menschen belauscht. Findest du nicht auch, Wolfgang?“

„Ja, da habt Ihr wirklich Glück gehabt, dass Ihr einen solch guten Spitzel als Diener habt. Vielleicht solltet Ihr ihm Aufträge geben, wen er in Eurer Abwesenheit belauschen soll.“

„Vielleicht sollte ich das tun“, meinte Ludwig nachdenklich und Wolfgang hatte den leisen Verdacht, dass er wirklich über diese Möglichkeit nachdachte.

Wolfgang bereute bereits seine im Scherz gesagten Worte, denn wenn sein Prinz erst einmal eine Idee hatte und von dieser überzeugt war, dann war er davon nicht mehr so schnell abzubringen.


Glücklicherweise begann Ludwig jedoch das Gespräch wieder mit einem anderen und auch ernsteren Thema.
Und nur nebenbei bemerkte er, dass Wolfgang ihm mit dem Lappen auch über den Brustkorb strich. Etwas, was der Junge noch nie gemacht hatte. Aber er ließ ihn gewähren, denn so schlecht fühlte es sich gar nicht an. Der Prinz kam sogar fast auf den absurden Gedanken, dass es sich wie liebevolle Streicheleinheiten anfühlte. Einfach grotesk!

„Weiß mein Vater schon von diesem Gerücht?“

„Ja, Hoheit, in allen Einzelheiten. Aber macht Euch keine Sorgen“, fuhr der Sechzehnjährige schnell fort, als er das verbissene Gesicht des Prinzen bemerkte. „Eure Mutter hat ihn sofort beruhigt und seiner Majestät erklärt, dass dieses Gerücht gar nicht stimmen kann, da Ihr zu dieser Zeit noch bei der Prinzessin von Blauenstein gewesen seit. Er hat es auch fast sofort eingesehen, aber wenn ich es richtig mitbekommen habe, will Euer Herr Vater heute beim Abendessen noch einmal mit Euch reden, Hoheit.“

„Als hätte ich nicht schon genug Probleme“, schmollte Ludwig und ließ sich etwas tiefer in den Zuber sinken.

Vergessen war die ihn verwöhnende Hand. Doch sie kam ihm sofort wieder ins Gedächtnis, als sie durch die plötzliche Bewegung ins Wasser sank und er sie leicht und warm auf seinem Unterbauch spürten konnte. Hatte Wolfgang schon immer so schmale Hände gehabt? Überrascht sah Ludwig dem anderen in die Augen, der nicht weniger überfordert in seine sah.

Blitzschnell zog Wolfgang seine Hand aus dem mittlerweile lauwarmen Wasser hektisch heraus. Mit einem mehr als rotem Kopf trocknete er sie sich sogleich grob ab, bevor er sich von dem Zuber und somit auch von Prinz Ludwig in Richtung Tür entfernte.

„Ich muss noch einmal in die Küche, Hoheit. Ich habe etwas vergessen“, kommentierte Wolfgang hastig seinen überstürzten Abgang.

Verständnislos blickte Ludwig seinem plötzlich so nervösen Kammerdiener hinterher. Das war er von diesem gar nicht gewöhnt. Ihm war sehr wohl aufgefallen, dass Wolfgang ein für sein Alter recht schüchterner und zurückhaltender Junge war, aber noch nie hatte sein Weggehen so nach einer regelrechten Flucht ausgesehen.
Zwar hatte Ludwig schon einmal von seinem Fenster aus gesehen, wie Wolfgang extra einen Umweg zu ihm genommen hatte, als ihm eine der Gesellschafterinnen der Königin mit ihrem tiefen Dekolletee und ihrem viel zu üppig geschminkten Gesicht, entgegen gekommen war, aber auch da hatte sich der Junge beherrscht. Schon von weitem hatte Wolfgang sie gesehen, einen gebührenden Diener gemacht und war dann einfach abgebogen, als hätte er es sowieso vorgehabt. Enttäuscht hatte ihm die Dame nachgesehen und erst etwas später hatte Ludwig von seiner Mutter erfahren, dass diese Frau ein Auge auf Wolfgang geworfen hatte.
Aber auch sonst stand Wolfgang dem anderen Geschlecht eher unsicher gegenüber. Jedes Mal, wenn er mit einer Frau redete oder ihr gegenüberstand, bekamen er rote Wangen. Und auch die Spitzen seiner Ohren blieben davon nie verschont. Auch als ihm der König vor einem Jahr offenbart hatte, dass er der Kammerdiener des Prinzen werden sollte und ihm die Königin dazu gratuliert hatte, hatten seine Wangen sich Rot gefärbt und Ludwig hatte sich den Gedanken nicht verkneifen können, dass Wolfgang niedlich ausgesehen hatte.

Schmunzelnd lies sich Ludwig wieder ins Wasser sinken. Wenn er so darüber nachdachte, war Wolfgang in manchen Situationen immer noch in Gewisserweise niedlich. Und er konnte sich den schüchternen Jungen mit einem Mädchen oder einer Frau an seiner Seite gar nicht vorstellen. Zwar hatte sich Wolfgangs Aussehen im letzten Jahr verändert – seine Kreuz war breiter geworden und er war auch ein paar Zentimeter gewachsen – aber es würde noch dauern, ehe er wie ein richtiger Mann aussah. Ludwig schätzte, dass Wolfgang wahrscheinlich noch eine ganze Weile wie ein Junge und nicht wie ein Mann aussehen würde.


~*~*~*~*~*~


Aufgelöst und noch immer mit geröteten Wangen betrat Wolfgang die große Küche des Schlosses. Er hielt sich nicht lange damit auf zu sehen, wer gerade hier war. Sein Weg führte ihn sofort zu einer blonden jungen Frau, die sich gerade ihre Hände an ihrer Schürze abwischte.

„Elisa“, rief er ihr entgegen, worauf sich seine Schwester auch sofort zu ihm umdrehte.

„Wolferl? Was ist denn los?“, fragte sie besorgt, denn ihr Bruder kam höchst selten zu ihr in die Küche, wenn sie Dienst hatte.

„Es wird immer schlimmer“, entgegnete er verzweifelt und Elisa verstand sofort worum es ging.

Energisch ergriff sie seine Hand und ging mit ihm in die Vorratskammer. Hier waren sie ungestört, denn das Essen für das Abendmahl der Königsfamilie hatten sie schon heraus genommen.

„Also, was ist denn passiert, Wolferl?“

„Ich halt es nicht mehr aus, Elisa. Ich kann ihm nicht einmal mehr in die Augen sehen. Jedes Mal wenn er mir irgendwie nahe kommt bekomme ich diese komischen Gefühle. Ich will das nicht mehr. Warum hört es denn nicht auf? Ich mache alles so wie immer, doch jede Tätigkeit die ich verrichte scheint plötzlich ... Was soll ich denn nur machen, Elisa? Was ist wenn der Prinz merkt, dass mit mir etwas nicht stimmt? Er wird mich weg schicken und nie mehr wieder sehen wollen. Warum kann es nicht so sein wie früher? Warum nur...?“

Geschafft war Wolfgang in sich zusammen gesunken und umklammerte seine Knie, während er sein Gesicht versteckte. Er wollte nicht weinen. Er war ein Mann, da weinte man nicht. Aber seit Tagen, Wochen, ja schon bald Monaten war er völlig durcheinander. Elisa war die Einzige, die von seinem momentanen Zustand wusste. Ihr hatte er auch als erstes von seinen seltsamen Empfindungen erzählt, die er seit einiger Zeit dem Prinzen gegenüber spürte. Und was sie ihm erzählt hatte, woher das alles stammte, das hatte ihm gar nicht gefallen.

„Ach, Wolferl, mein Kleiner“, versuchte Elisa ihren jüngeren Bruder zu beruhigen.

Zärtlich nahm sie ihn in den Arm, wie sie es schon oft getan hatte, seit ihre Eltern vor sechs Jahren gestorben waren. Damals war sie gerade dreizehn gewesen und hatte im Schloss eine Stelle als Dienstmagd bekommen, während ihr Bruder in den Ställen arbeiten sollte. Seit damals war viel passiert.

„Gräm dich nicht, Wolferl. Es wird alles gut. Der Prinz wird nichts merken, da bin ich mir sicher. Im Moment hat er soviel mit der Auswahl einer Braut zutun, dass er auf dich nicht weiter achten wird. Verhalte dich einfach weiter so und unterstützte ihn in seiner Brautschau, auch wenn es dir schwer fällt, dann wird er keinen Verdacht schöpfen. Ich wünschte, es gäbe eine Möglichkeit um dich glücklich zu machen. Ich würde dir das Glück mit dem Prinzen wirklich gönnen, auch wenn es wieder der Natur ist.“

„Elisa!“

Verzweifelt klammerte Wolfgang sich an seiner Schwester fest und konnte nicht verhindern, dass ein paar kleine Tränen flossen.
Doch ihre Zweisamkeit wurde durch eine Stimme gestört, die Wolfgang nicht mehr so schnell hatte hören wollen.



„Wolfgang? Bist du hier?“, fragte Ludwig in den Raum, wobei sich die Bediensteten schnell verbeugten.

Sie hatten gar nicht bemerkt, dass der Prinz die Küche betreten hatte. Und sie bemerkten auch nicht den Jungen und seine Schwester, die aus der Speisekammer kamen. Man sah Wolfgang nicht an, wie aufgelöst er noch vor ein paar Sekunden gewesen war.

„Hoheit, was macht Ihr denn hier unten?“, entgegnete Wolfgang empört.

„Ich habe dich gesucht. Du warst plötzlich so schnell verschwunden.“

„Aber ich sagte doch, dass ich noch etwas vergessen hätte.“

Mit schnellen Schritten kam der um einen Kopf kleinere Diener auf den Prinzen zu und geleitete ihn aus der ihm unwürdigen Umgebung, eher er schnell dessen Kleidung im Gang richtete. In seiner überstürzten Fluch hatte er ganz vergessen dem Prinzen etwas zum Anziehen herauszulegen und nun hatte dieser sich selbst angezogen. Wolfgang musste unweigerlich schmunzeln, dass der Prinz, der mehr als zehn Jahre älter war als er, sich nicht richtig anziehen konnte.

„Was grinst du so?“, fragte Ludwig mürrisch, denn er hatte das unweigerliche Gefühl, dass der Junge vor ihm sich gerade über ihn lustig machte.

„Verzeiht, Hoheit. Es tut mir leid, dass ich vergessen habe Euch Sachen heraus zu suchen und Euch zu helfen.“

„Schon gut“, meinte Ludwig versöhnlich. „Ich hab mir Sorgen um dich gemacht, Wolfgang. Ist alles in Ordnung mit dir?“

„Ihr braucht Euch keine Sorgen machen. Das ist unnötig. Mir geht es sehr gut“, versicherte Wolfgang lächelnd. „Ihr solltet Euch beeilen, damit Ihr nicht zu spät zum Abendbrot kommt, Hoheit. Seine Majestät wird verärgert sein, wenn Ihr es schön wieder verpasst.“

„Du hast Recht, Wolfgang. Iss auch du etwas und dann warte bitte in meinem Zimmer auf mich.“

„Wie Ihr wünscht, Hoheit.“


~*~*~*~*~*~


Über eine Stunde wartete Wolfgang nun schon auf den Prinzen. Nicht, dass es ihm etwas ausmachte zu warten. Es war der Ort, der ihm nicht passte. Überall roch es nach den teuren Parfüms und Badzusätzen des Prinzen und nach einer Nuance von ihm selbst. Es war verrückt, was Wolfgang fühlte, aber er konnte nichts gegen die aufkommenden Emotionen machen.

Endlich wurde er von seinem Warten erlöst. Doch als er das vor Wut verzerrte Gesicht des Prinzen sah, wünschte er sich, er wäre schon vor einer Weile seinem Impuls gefolgt und einfach gegangen.


„Was bildet er sich eigentlich ein? Nur Weil er mein Vater und der König ist, hat er noch lange nicht über mich zu bestimmen. Dass lasse ich nicht mit mir machen.“

Unwirsch fegte Ludwig die Vase, die auf dem kleinen Tisch neben ihm stand, mit der Hand herunter, sodass sie klirrend auf dem Boden zersprang.
Erschrocken zuckte Wolfgang zusammen und erst da merkte der Prinz, dass er ja nicht allein war. Es tat ihm sofort leid, was er getan hatte, denn Wolfgang sah ihn leicht ängstlich an.

„Entschuldige, Wolfgang. Ich wollte dich nicht erschrecken.“

„Schon in Ordnung“, räusperte Wolfgang sich.

„Ich bin nur so wütend auf meinen Vater. Nicht nur, dass er mich auf Brautschau schickt, jetzt hat er auch noch alle adligen heiratsfähigen Mädchen und Frauen unseres Landes zu einem Ball eingeladen, damit ich unter ihnen eine zukünftige Gemahlin finde. Und dass alles schon morgen Abend. Warum will er mich nur unbedingt verheiraten?“

„Ihr seit sein einziges Kind und er möchte, dass ihr eines Tages das Reich übernehmt mit einem Menschen an eurer Seite, dem ihr vertraut.“

„Wenn das alles ist“, meinte Ludwig ernst, „dann kann ich auch dich heiraten.“


Erschrocken sah Wolfgang den Prinzen an und konnte nicht verhindern, dass sein Kopf sich rötete, wie eine überreife Tomate.

„Aber...aber, Hoheit ...“

„Warum nicht? Ich vertraue dir. Wenn das die einzige Anforderung ist“, grinste der Prinz und Wolfgang merkte, dass er ihn auf die Schippe genommen hatte.

„Das...das ist nicht witzig, Hoheit.“

„Entschuldige, aber ich konnte einfach nicht wiederstehen.“

Noch immer grinste Ludwig vor sich ihn, doch Wolfgang fiel nicht in die Heiterkeit mit ein.

„Wenn das alles ist, worüber Ihr mit mir reden wolltet, Hoheit, dann werde ich jetzt gehen. Ich wünsche Euch eine gute Nacht.“

Sauer stapfte Wolfgang an dem jungen Mann vorbei und verneigte sich auch nicht vor ihm. Er war verletzt. Zwar machte der Prinz öfter Späße auf seine Kosten, aber noch nie hatte er sich so erniedrigt dabei gefühlt.


Auch Prinz Ludwig begriff, dass er wohl etwas falsch gemacht hatte. Auch wenn er sich nicht erklären konnte, warum Wolfgang auf einmal so empfindlich war. Musste wohl daran liegen, dass er langsam doch zum Mann wurde. Ob er sich in diesem Alter damals auch so verhalten hatte? Da musste er seine Mutter direkt einmal fragen. Vielleicht konnte er dann mit seinem jungen Diener wieder besser umgehen. Denn das der Junge ihm etwas bedeutete, war ihm klar. Er hatte es schon bemerkt, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren. Der schüchterne Junge hatte in ihm sofort den Beschützerinstinkt eines Bruders geweckt.


~*~*~*~*~*~


Sein Weg führte Wolfgang sofort wieder zu seiner Schwester Elisa. Er erzählte ihr, was passiert war und von dem Ball. Er war wütend auf den Prinzen und wünschte ihm sogar eine sehr hässliche Braut an den Hals. Als ihn seine Schwester jedoch abschätzend ansah, nahm er es sofort zurück, denn eigentlich wollte er ja auch nur, dass sein Prinz glücklich wurde.

„Hör zu, Wolferl“, sagte Elisa „Was hältst du davon, wenn du auch zu dem Ball gehst?“

„Das geht nicht, Elisa, dass weißt du genau. Außer den Musikern, dem Hofmarschall und den Küchengehilfen ist es niemandem erlaubt, auf irgendwelchen Festlichkeiten der Hoheiten aufzutauchen.“

„Ich meine ja auch nicht als Kammerdiener des Prinzen, sondern als eine der adligen Damen.“

„Was? Elisa, hast du den Verstand verloren?“, entrüstete sich Wolfgang, der nicht glauben konnte, was seine Schwester da sagte.

„Ich mein es ernst. Ich hab es dir nie gesagt, aber für einen Jungen kannst du mit jedem hübschen Mädchen mithalten. Auch ist deine Figur noch nicht ganz ausgereift. In einem Jahr würde es nicht mehr gehen. Aber jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt. Und gib es doch zu: Du möchtest sehen wie dein Prinz aussieht und welche Frau er bevorzugt.“

„Selbst wenn es stimmt was du sagst, ich hätte nichts was ich anziehen könnte. Außerdem werden alle eingeladenen Gäste vorgelesen. Es würde also auffallen wenn ich als Einziger nicht auf der Liste stehen würde.“

„Darüber mach dir keine Gedanken, Wolferl. Ich werde dir bis morgen Abend ein langes Kleid besorgt haben. Dazu noch flache Schuhe. Du bist zwar für einen Jungen klein, aber für ein Mädchen zu groß. Hohe Schuhe wären also nicht das richtige. Eine Perücke und etwas Schminke werde ich auch auftreiben können. Und wenn du durch eine der Seitentüren schleichst und dich unter die Menge mischst wird es niemand merken. Und zurück kommst du wie du gekommen bist.“

„Ich weiß nicht...“

„Komm schon, Wolferl. Tu es nicht für mich oder für den Prinzen. Sondern für dich, damit du ihn sehen kannst und vielleicht wird er ja auch auf dich aufmerksam“, zwinkerte Elisa, doch ihr Bruder schüttelte sofort den Kopf

„Das soll er gar nicht. Wenn, dann soll er mich mögen wie ich bin. Aber du hast recht. Ich mache es.“

Somit verabschiedete sich Wolfgang von Elisa. Zufrieden legte er sich in sein Bett, doch es dauerte nicht lange, da bekam er Zweifel, ob es so eine gute Idee gewesen war, den Vorschlag seiner Schwester anzunehmen.


~*~*~*~*~*~


Den nächsten Tag verbrachte Wolfgang wie immer. Er brachte am Morgen seinem Prinzen das Frühstück, half ihm beim Aussuchen seiner Kleidung, hörte sich dessen Gezeter über den König und den Ball an und bei alledem versuchte er sich nicht anmerken zu lassen, was er am Abend vorhatte. Zwar zweifelte Wolfgang noch immer, doch je mehr Stunden verstrichen, desto sicherer wurde er sich, dass er Ludwig auf dem Ball unbedingt sehen wollte, um als einer der Ersten zu sehen, wen der Prinz zu seiner Braut auswählen würde.

Und am Abend hatte Elisa es tatsächlich geschafft ein Kleid, eine Perücke und Schuhe zu organisieren. Der Ball hatte zwar schon längs begonnen, als sich die beiden Geschwister in einem der unendlich vielen Zimmer des Schlosses verschanzt hatten, um Wolfgangs Verwandlung zu vollziehen, doch noch hatten sie Zeit. Jedoch waren sie nicht so ganz unbeobachtet geblieben, wie sie es sich erhofft hatten.


~*~*~*~*~*~


Es war wahrscheinlich schon die zehnte Anwärterin, die um seine Gunst buhlte, mit der Ludwig tanzen musste. Zumindest kam es ihm so vor. Seine Füße taten ihm schon weh und wenn er ehrlich war, dann entsprach keine der jungen Frauen seiner Vorstellung. Sie waren alle, bis auf ein paar Ausnahmen, schön anzusehen in ihren geschmackvollen Kleidern und den kunstvoll frisierten Haaren. Ebenso hatte jede ihre eigenen Vorzüge, doch Keine hatte dieses gewisse Etwas, das Ludwig beinahe verzweifelt suchte.

Das Lied verstummte und höfflich verabschiedete sich der Prinz von seiner Tanzpartnerin. Der Zeremonienmeister wollte ihm schon die Nächste zum Tanzen reichen, doch Ludwig winkte bestimmt ab. Er hatte keine Lust mehr auf diesen Zirkus und wollte dieses dem Königspaar auch mitteilen, als sein Blick doch noch einmal über die anwesenden Gäste wanderte. Dabei streifte er eine braunhaarige Schönheit in den hinteren Reihen, die ihm bis zu diesem Moment unter all den anderen Anwesenden noch nicht aufgefallen war. Doch nun nahm ihn ihr wacher und zugleich schüchterner Blick regelrecht gefangen, selbst als sie sich ertappt von ihm abwand und versuchte wieder unter den Gästen zu verschwinden.

Mit festen Schritten ging Ludwig auf die junge Frau zu, deren Bewegungen aussahen, als würde sie regelrecht vor ihm flüchten. Sollte sie es vorgehabt haben, so gelang es ihr allerdings nicht, da alle ehrfürchtig vor dem Prinzen zurück wichen, als er sich näherte und somit eine Gasse für ihn bildeten. So war Ludwig der jungen Frau sehr schnell näher gekommen und schnitt ihr in diesem Moment den Weg ab.
In den wenigen Sekunden, in denen die junge Frau wie versteinert da stand, hatte der Prinz Zeit, sie sich einmal genauer anzusehen. Ihm fiel auf, dass ihr nachtblaues Kleid schlichter war, als das der anderen anwesenden Frauen und auch ihr Make-up war dezent, kaum auffallend. Aber sie brauchte auch kein glänzendes Kleid und Tonnen von Farbe im Gesicht, Ludwig gefiel sie so, wie sie war.


Erschrocken wich der verkleidete Wolfgang ein paar Schritte vor seinem Prinzen zurück, als er sich aus seiner kurzweiligen Starre gelöst hatte. Demütig senkte er den Kopf um sein Gesicht etwas unter den langen leicht gelockten Haaren zu verbergen, denn ihm war Ludwigs prüfender Blick nicht entgangen.
Jedoch tat er im selben Moment auch etwas sehr dummes. Er wollte trotzallem nicht unhöflich gegenüber dem Prinzen sein, doch anstatt einen damenhaften Knicks zu machen, wie es sich in seiner Verkleidung gehört hätte, verbeugte Wolfgang sich wie ein Diener, der er ja eigentlich war.


Verwundert zog Ludwig unbewusst eine Augenbraue nach oben. Wollte dieses Mädchen – denn es war eher ein Mädchen als ein Frau, dass hatte Ludwig bei seiner näheren Betrachtung erkannt – ihn, den Prinzen, vor allen Leuten zum Gespött machen und sich selbst noch mit dazu? Denn nicht nur er sah sie merkwürdig an, auch alle Umstehenden, die die Szene beobachtet hatte.
Auch das Mädchen schien ihren Fehler bemerkt zu haben, den ein erschrockener Laut kam über ihre Lippen und sie sah ihn schuldbewusst aus bläulichgrünen Augen an. Irgendwo hab ich diese Augen schon einmal gesehen, ging es Ludwig durch den Kopf.

„Bitte verzeiht, Hoheit“, begann die Unbekannte. „Ich... mein Knöchel ist verletzt, deswegen ... entschuldigt vielmals.“

„Dann kann ich Euch wohl nicht zu einem Tanz überreden?“

„Es tut mir leid, aber das ist leider nicht möglich. Bitte entschuldigt.“

Mit hastigen Schritten entfernte sich das junge Mädchen, drängelte sich durch die Masse der Gäste und entschwand Richtung Garten.
Notgedrungen musste Ludwig sie ziehen lassen, denn es bot sich ihm bereits eine andere junge Dame zum Tanz an und als Prinz durfte er diese Bitte nicht ablehnen.


~*~*~*~*~*~


Mit klopfendem Herzen blieb Wolfgang in der Mitte des großen Parks stehen. Er hoffte, dass ihn hier niemand zwischen all den hohen üppig grünen Hecken, die jetzt in der Dunkelheit eher wie schwarze Mauern wirkten, finden würde.
Immer noch etwas bleich von der plötzlichen Begegnung mit dem Prinzen, setzte sich der junge Mann auf eine der steinernen Bänke. Glücklicherweise spürte er die Kälte des Gesteins durch die vielen Unterröcke nicht.

Kopfschüttelnd stützte Wolfgang die Ellenbogen auf die Knie und verbarg das Gesicht in seinen Händen. Was hatte er sich nur dabei gedacht, so auf den Ball zu gehen? Wie hatte er überhaupt hier herkommen können? Und die Ausrede, dass er nur sehen wollte, welchen Typ Frau sein Prinz bevorzugte und welche der Damen seine Auserwählte werden sollte, konnte er sich nicht einmal selbst mehr vormachen. All diese Informationen hätte er auch so bekommen können, in dem er Ludwig einfach gefragt hätte.
Aber durch Elisas verqueres Gerede, wie feminin ihr Brüderchen doch noch aussehen würde, hatte sich in Wolfgangs strapaziertem Hirn wirklich der lächerliche Gedanke ergeben, dass Ludwig ihn auserwählen würde und sie glücklich werden könnten.

Was hatte er sich nur dabei gedacht? Ihm war sowieso erst klar geworden, dass er diesen Wunsch gehabt hatte, als Ludwig ihn gerade eben wirklich angesprochen hatte. Er hatte ihn genauso angesehen, wie Wolfgang es sich schon lange erträumt hatte. Aber der Prinz hat ja nicht wirklich ihn angesehen, sondern das Mädchen, als das er sich ausgab.
Und anstatt diese Chance zu nutzen, um der ganzen Sache doch noch etwas Gutes abzugewinnen, blamierte er sich bis auf die Knochen. Die Ausrede mit dem verletzten Knöchel hätte Wolfgang sich auch sparen können, wie ihm gerade einfiel. So wie er davon gestürmt war, glaubte ihm das eh keiner mehr.

Er konnte nur hoffen, dass ihn hier niemand fand und sobald alle Anwesenden wirklich beschäftigt waren und den Vorfall vergessen haben würden, würde er sich trollen wieder durch die kleine Tür zu verschwinden. Er hatte hier einfach nichts verloren.


Das Rascheln der Heckenblätter und das Geräusch von herannahenden Schuhen, die über Kies gingen, schreckten Wolfgang aus seinen Gedanken auf. Hastig stand er auf, nur um im Notfall wegzurennen, und sah in die Richtung aus der die Geräusche kamen.
Ein großer langer Schatten näherte sich ihm.

„Ach, hier seit Ihr“, hörte er die unverkennbare Stimme Ludwigs.

Unter Tausenden hätte er sie immer wieder erkannt, daran hatte Wolfgang keinen Zweifel. Doch im Moment wäre er froh darüber gewesen, wenn er sie nicht gehört hätte.

„Sagt, habe ich Euch mit meinen Worten in irgendeiner Weise verärgert, mein Fräulein?“, fragte der Prinz ruhig und kam Wolfgang immer näher.

Nur mit Mühe riss dieser sich zusammen, um nicht wieder Hals über Kopf davon zustürmen. Wie hatte Ludwig ihn nur gefunden und warum war er nicht drinnen bei den richtigen Gästen und kümmerte sich um eine der Frauen, die ihn anschmachteten?

„Nein, Euer Hoheit. Ihr habt nichts falsches getan oder gesagt“, versuchte Wolfgang sowohl den Prinzen, als auch sich selbst zu beruhigen.

„Warum seit Ihr dann so hastig davon geeilt?“

„Ich... es lag nicht an Euch, Hoheit, das versichere ich Euch. Ich... ich schämte mich, weil ich so ungeschickt war und Euch vor den Gästen lächerlich gemacht habe.“

„Ihr habt mich nicht lächerlich gemacht und Eure Ungeschicktheit hatte etwas sehr charmantes an sich.“

„Sagt das nicht, Euer Hoheit.“

Beschämt wand Wolfgang sich um. Was sollte er denn nur tun? Ludwig redete mit ihm so, wie noch nie. Mit Stichelein kam der blonde Junge ganz gut klar, schließlich hatte er fünf Jahre Zeit gehabt sich daran zu gewöhnen. Aber Komplimente... Und irgendwie war es doch schon ein Kompliment gewesen, oder nicht?

Wieder einmal schrak Wolfgang zusammen, als der Prinz plötzlich wieder vor ihm stand. Er hatte seine momentane Abwesenheit einfach schamlos ausgenutzt und ihn umrundet.

„Würdet Ihr jetzt mit mir Tanzen, mein Fräulein?“

„Aber, Hoheit, ich sagte Euch doch bereits, dass mein Knöchel verletzt ist“, versuchte es Wolfgang noch einmal, allerdings funktionierte es nicht.

„Bitte verzeiht wenn ich behaupte, dass Ihr mich gerade anlügt. So wie Ihr davon geeilt seit, kann ich Euch dies einfach nicht glauben.“


Betreten sah Wolfgang auf den Kiesweg. Er hatte es sich schon denken können, dass die Sache mit dem Knöchel nicht mehr funktionierte, aber er hatte es probieren müssen.

„Könntet Ihr es denn nicht vielleicht versuchen?“, fragte er leise und sah Ludwig bittend, ja beinahe flehend an, der darauf nur mit einem gewinnenden Lächeln antwortete.

„Tut mir sehr leid, aber das kann ich leider nicht. Ich habe einfach den brennenden Wunsch einmal mit Euch zu tanzen. Wollt Ihr mir diesen denn nicht erfüllen?“

„Das würde ich wirklich gern, Euer Hoheit, aber ich muss Euch leider sagen, dass ich nicht tanzen kann.“

Mit geröteten Wangen sah Wolfgang seinen Prinzen an. Dieses Mal hatte er nicht gelogen. Er konnte wirklich nicht tanzen. Aber er würde alles darum geben es in diesem Moment zu können. In diesem Augenblick wünschte er sich nichts sehnlicher, als mit Ludwig zu tanzen. Ihm war es plötzlich völlig egal, dass er eigentlich ein Junge war. An diesem Abend war er ein junges Mädchen in einem nachtblauen schönen Kleid, mit lockigen Haaren und etwas Schminke im Gesicht, das nur mit dem Mann zusammen sein wollte, der ihr Herz zum tanzen brachte.
Jetzt war es eh schon zu spät um sich noch rauszureden, warum also nicht die Gelegenheit nutzen, Ludwig auf eine Art näher zu kommen, die es nie wieder zwischen ihnen geben würde.


„Es ist nicht schlimm, wenn ihr es nicht könnt“, beruhigte Ludwig ihn. „Ich bringe es euch gerne bei.“

Wolfgang konnte die ruhige und langsame Musik vom Ballsaal her hören. Leise, aber sehr deutlich drang sie an sein Ohr und ehe er es sich versah, hatte Ludwig ihn näher zu sich gezogen. Mit der einen Hand hielt er Wolfgangs Linke ganz sanft fest, während er die andere locker auf dessen Taille gelegt hatte. Etwas unbeholfen sah Wolfgang den anderen an. Er wusste nicht so recht, wohin mit seinem rechten Arm, denn im Moment hing dieser einfach schlaff hinunter.
Ludwig schien bemerkt zu haben, was den verkleideten Jungen beschäftigte, denn er lächelte ihn aufmunternd an.

„Ihr müsst Eurer Kleid festhalten, damit es nicht auf dem Boden schleift.“

Etwas ungeschickt hob Wolfgang das lange Stück Stoff an und sah Ludwig erwartungsvoll in dessen dunkelgraue Augen. Langsam begann Ludwig sich zu bewegen und ohne dass Wolfgang groß darüber nachdenken musste tat er es ihm gleich. Es dauere nicht lange und bald tanzte er, hals hätte er nie etwas anderes getan. Wolfgang hatte gerade zu das Gefühl zu schweben, so leicht vielen ihm die Schritte.
Je länger sie so zusammen tanzten, desto mehr achtete er nicht mehr auf seine Umgebung, sondern sah nur noch ununterbrochen in Ludwigs Augen und spürte dessen angenehme Wärme, die von seinen Händen ausging. Wolfgang vergaß alles um sich herum. Wer er eigentlich war, dass er gar nicht hatte herkommen wollen und noch so vieles mehr. Es zählte nur dieser wunderschöne Augenblick, den er in seinem Leben nie vergessen würde.
Er merkte nicht einmal, dass er seinen Kopf an Ludwigs Schulter gelegt hatte und dieser ihn nun mit beiden Armen festhielt. Nur noch leicht bewegten sie sich zum Rhythmus der Musik und als er das nächste mal zu ihm hinaufsah, waren sich ihre Gesichter näher, als jemals zuvor. Langsam verklang der letzte Ton des Musikstückes und ehe Wolfgang weiter darüber nachdenken konnte, was er schon seit geraumer Zeit nicht mehr tat, schloss er seine Augen und genoss nur noch das angenehme Gefühl der fremden Lippen auf seinen. Es war nur eine kurze zarte Berührung, aber für Wolfgang fühlte es sich noch süßer an als Honig.

Verträumt sah er seinen Prinzen an, der ihn ebenfalls etwas verklärt ansah und glücklich lächelte.

„Kommt“, sagte Ludwig sanft und führte ihn langsam aber bestimmt zurück in Richtung Ballsaal.

Erst als Wolfgang die anschwellende Lautstärke von Stimmengewirr wahrnahm, begriff er wirklich, was geschehen war. Verzweifelt versuchte er sich Ludwigs Griff zu entwinden, doch es war zu spät. Sie hatten den Saal bereits betreten und ausnahmslos alle Augenpaare waren auf sie gerichtet.

Wie hatte das nur passieren können? Wolfgang hatte sich von den süßen Worten des Prinzen und der romantischen Musik nur zu gern einwickeln lassen und nun hatte er die Misere. Sein absurder Wunsch war in Erfüllung gegangen, doch nun hatte dieser einen bitteren Nachgeschmack.
Er konnte nicht abstreiten, dass er den Tanz und besonders den Kuss genossen hatte, schließlich hatte er sich schon lange danach gesehnt, aber er war nicht das Mädchen, für das sein Prinz ihn hielt. Und das war eigentlich das schlimmste an der Sache. Er hatte Ludwig belogen.


Festen Schrittes ging Ludwig auf seine Eltern und damit auch auf die einzige Erhöhung im ganzen Raum zu. Er merkte nicht einmal, dass das Mädchen versuchte sich aus seinem Griff zu lösen. Er war viel zu aufgewühlt und glücklich, als das er noch wirklich irgendetwas wahrnahm. Er hatte das gefunden, was er schon lange gesucht hatte.

Immer noch freudestrahlend drehte Ludwig sich und das Mädchen den Gästen zu, die ihn genauso erwartungsvoll und gespannt ansahen, wie das Königspaar.

„Liebe Gäste, ich habe meine zukünftige Braut gefunden.“

Überrascht sahen alle den jungen Mann an. Zwar hatte sie damit gerechnet, dass er so etwas sagen würde, aber nicht, dass der Prinz es gleich ohne große Worte auf den Punkt bringen würde.
Auch seine Auserwählte sah ihn geschockt an, was er dann doch nicht ganz verstand. Hatte er etwas falsch gemacht? Er war sich sichergewesen, dass sie es auch wollte, schließlich hatte sie ihn seit ihrer ersten Begegnung so verliebt angesehen und auch dem Kuss war sie nicht abgeneigt gewesen. Hatte er sich wirklich so täuschen können?


„Ihr solltet Eure Wahl noch einmal überdenken, Eure Majestät.“

Eine etwas ältere Frau, wahrscheinlich eine der Mütter, löste sich aus der Menschenmasse und trat auf die beiden zu. Sie kam immer näher und noch bevor Ludwig oder ein anderer eingreifen konnte, packte sie eine der langen Haarsträhnen des Mädchens und riss mit einem kräftigen Ruck daran. Alle Anwesenden zogen bestürzt die Luft ein und der Prinz wollte gerade aufgebracht etwas sagen, als er mit Verwunderung und Schrecken feststellte, dass die langen Haare des Mädchens immer weiter von ihrem Kopf rutschten und immer mehr kurze blonde Strähnen unter ihnen hervor lugten.
Triumphierend hielt die viel zu üppig geschminkte Frau die braune Perücke in Händen, während Ludwig fassungslos in das Gesicht seines Kammerdiners sah. Sie war es gewesen, die die beiden Geschwister gesehen hatte und beobachtete hatte, wie der blonde Junge sich umgezogen hatte. Natürlich konnte sie es nicht zulassen, dass so ein unmoralischer Bengel dem Prinzen schöne Augen machte. Nicht nur, dass es abartig war, schließlich wollte sie ja auch, dass ihre Tochter den Prinzen heiratet, wie so ziemlich jede Mutter und jeder Vater in diesem Raum.
Während die ältere Frau mit Entzücken das fassungslose Gesicht des Prinzen beobachtete, sahen auch alle anderen Gäste Wolfgang entsetzt an und ein immer stetiger werdendes Raunen ging durch den Saal.


Verzweiflung kroch immer schneller in Wolfgangs Herz. Erst jetzt wurde ihm das ganze Ausmaß seiner kleinen Verkleidung bewusst. Er hatte nicht nur den Prinzen getäuscht, sondern auch alle anderen. Aber das schlimmste war, er hatte Ludwig enttäuscht.

„Bitte, Hoheit, lasst mich erklären...“, versuchte es Wolfgang, doch er wurde barsch in seinen Worten unterbrochen.

„Was gibt es da noch groß zu erklären? Du hast unseren Prinzen hintergangen und wolltest dir einen Spaß daraus machen ihn vor allen Menschen bloß zu stellen!“

„Nein, das stimmt nicht. Hoheit, bitte glaubt mir...“

„Geh!“, entgegnete Ludwig kalt und emotionslos.

„Was?“

„Du sollst verschwinden! Ich will dich nie wieder sehen!“

Mit einer harschen Geste wies Ludwig seinem Diener den Weg zur Tür. Unglaubliche Wut und unbändiger Zorn loderte in seinen Augen, ebenso wie bittere Enttäuschung.

Wolfgang konnte diesen Blick einfach nicht ertragen. Er traf ihn mitten im Herz und er wusste, das sein Prinz allen Grund hatte so zu reagieren. Tränen sammelten sich in seinen Augen und ohne ein weiteres Wort rannte er schluchzend aus dem Ballsaal, verfolgt von allen Blicken.
Es war vorbei. Er hatte seine Freundschaft mit dem Prinzen wegen seinen dummen Gefühlen zunichte gemacht. Nie wieder würde er ihm in die Augen sehen können. Nie wieder.


Noch immer stand Ludwig auf dem Podest. Wieso? Wieso hatte Wolfgang dies getan? Hasste er ihn etwa doch? Waren all die Neckereien und freundschaftlichen Ratschläge nur ein Trick gewesen um sein Vertrauen zu gewinnen, damit er ihn heute bloß stellen konnte?

„Geht nach Hause, der Ball ist vorbei.“

Mit erhobenem Haupt ging Ludwig an den Gästen vorbei zu der Tür, aus der Wolfgang vor wenigen Sekunden gestürmt war. Er sah weder nach Links noch nach Rechts.


~*~*~*~*~*~


Nachdenklich saß Ludwig in seinem Lieblingssessel und schwang ein Glas Cognac in der Hand, als es unerwartet an der Tür klopfte.

„Ludwig, darf ich eintreten?“, fragte eine helle Frauenstimme.

„Ich kann Euch eh nicht davon abhalten, Mutter.“

Schmunzelnd betrat die Königin das Gemach ihres Sohnes. Geschmeidig lies sie sich in den anderen Sessel sinken, der Ludwigs gegenüber stand.

„Wie geht es Dir, mein Sohn?“, fragte die noch sehr jung aussehende Frau mitfühlend nach.

„Wie soll es einem schon gehen, wenn man so getäuscht wurde“, erwiderte Ludwig bitter und nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Glas. „Ich hätte nie gedacht, das Wolfgang so etwas tun würde. Ich hatte immer geglaubt, dass wir in gewisser Weise Freunde wären. Ich hab ihm alles erzählt. Er war mein Vertrauter, der einzige Mensch, der mir auch mal Kontra gegeben hat. Und nun hat er mich so schamlos verraten.“

Mit einem weiteren Schluck lehrte er das Glas, ehe er es geräuschvoll auf dem kleinen Tisch abstellte.

„So etwas hätte ich nie von ihm erwartet, niemals.“

„Glaubst du wirklich an das, was diese Frau gesagt hat, mein Sohn?“

„Eben nicht, dass macht es ja so schlimm. Ich glaube nicht das Wolfgang so etwas tun würde, aber ich habe es doch am eigenen Leib erfahren und gesehen.“

„Soll ich dir sagen, was ich gesehen habe, Ludwig“, unterbrach ihn seine Mutter sanft. „Ich habe einen Prinzen gesehen, der auf ein unscheinbares Mädchen zugegangen ist, dass sich unter all den Gästen verstecken wollte. Ich habe einen Mann gesehen, der diesem Mädchen nach gegangen ist, obwohl sie eindeutig vor ihm geflüchtet ist. Und ich habe dich gesehen, mit einem so unbekannten und verliebten Ausdruck in den Augen, wie ich ihn noch nie bei dir gesehen habe. Ich weiß nicht, was im Garten vorgefallen ist, aber ich weiß, dass es nicht Wolfgang war, der deine Nähe gesucht hat, sondern du die seine. Auch glaube ich nicht, dass Wolfgang dies alles beabsichtigt hatte, denn dafür war er viel zu geschockt als du verkündet hast, dass er deine Braut werden soll. Was ich damit sagen will, Ludwig, höre auf dein Herz und nicht deinen Verstand, auch wenn es schwer ist. Ich bin zwar wahrlich nicht begeistert davon, aber ich habe es schon seit längerem vermutet.“

„Wovon redet Ihr, Mutter?“

Verständnislos sah Ludwig sie an, doch mehr als ein verschwörerisches Lächeln hatte sie nicht für ihn übrig.


Überrascht sahen beide zu Tür, als es wieder leise klopfte und Ludwig den nächtlichen Besucher hinein bat.
Es war Elisa, die sofort zu dem Prinzen eilte und sich vor ihn kniete.

„Bitte, Hoheit, verzeiht meinem Bruder Wolfgang. Es war meine Idee gewesen ihn als Frau zu verkleiden. Er hatte Euch doch so gerne sehen wollen und ich fand es eine lustige Idee. Ich konnte doch nicht wissen, das so etwas passiert. Bitte gebt ihm keine Schuld und jagt ihn nicht fort. Er respektiert und schätzt Euch mehr als jeden anderen. Ich flehe Euch an Hoheit, gebt ihm keine Schuld.“

Immer mehr war die junge Frau in sich zusammen gesunken und hockte nun weinend vor den Füßen des Prinzen, der langsam zu bergreifen schien. Die Worte Elisas und die seiner Mutter fügten sich in seinem Kopf zusammen und ergaben ein seltsames Bild.

„Ich gebe weder dir noch Wolfgang Schuld, Elisa. Bitte geht jetzt, ich muss über etwas nachdenken.“

Die Königin verstand, dass auch sie gemeint war und half dem aufgelösten Mädchen sich zu erheben. Bevor sie den Raum jedoch verließen, sprach Ludwig sie noch einmal an.

„Elisa! Wo ist dein Bruder jetzt?“

„An dem Ort, an dem ihr euch zum ersten Mal begegnet seit.“


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Schluchzend verbarg Wolfgang sein Gesicht in seinen Armen. Hier hoch kam er immer, wenn er nicht mehr weiter wusste und hier oben konnte er seinen Gefühlen freien lauf lassen, denn er war allein. Noch immer fragte er sich, wie er nur so dumm hatte sein können. Er hatte Ludwig doch nur sehen wollen und nun war alles zu Ende. Er machte seiner Schwester keine Vorwürfe, schließlich hatte er ja ablehnen können. Aber das hatte er nicht. Wie sehr er sich auch wünschte, dass das alles nur ein Traum gewesen wäre und er gleich aufwachen würde, es geschah nicht.

Schutz suchend schmiegte er seinen Kopf an die wohltuende Hand, die ihm schon seit längerem über den Kopf streichelte und ihn beruhigte. Sie war groß und warm, das könnte er spüren und es war ein angenehmes Gefühl.
Nachdem er sich wieder besser fühlte, wollte Wolfgang wissen, wer ihn da so zärtlich umsorgte, erschrak allerdings schrecklich, als er in Ludwigs graue Augen sah.
Eingeschüchtert rutschte er in dem trockenen Heu von Ludwig weg. Wie hatte er ihn gefunden?

„Hoheit, ich...“

„Schon gut, deine Schwester hat mir alles erzählt und auch meine Mutter hat mir ins Gewissen geredet.“

„Elisa hat Euch alles erzählt?“

Oh Gott, wenn Elisa wirklich alles erzählt hatte... Wolfgang wollte am liebsten im Boden versinken.

„Ja, sie hat alles auf sich genommen, das es ihre Idee gewesen war und sie hat mir auch gesagt, dass du hier bist.“

Langsam war Ludwig zu Wolfgang aufgerückt und hatte sich neben ihn gesetzt.

„Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, als wir uns hier zum ersten Mal begegnet sind“, begann der Prinz ruhig. „Damals gingst du mir gerade mal bis zum Bauch und hast mich mit verheultem Gesicht angeknurrt.“

„Hört bitte auf so zu Grinsen, das ist nicht lustig.“

„Stimmt schon, aber niedlich saßt du damals trotzdem aus“, grinste Ludwig weiter, während Wolfgang ihn schmollend ansah.

Es war überhaupt nicht lustig gewesen. Damals hatte er sich auf dem Heuboden des Stalls versteckt, während seine Schwester versucht hatte hier Arbeit zu finden. Wolfgang hatte sich damals gefürchtet und noch mehr als unerwartet Ludwig zu ihm hochgekommen war, weil er ihn hatte weinen hören. Wolfgang wusste schon gar nicht mehr, mit was für Worten er den Prinzen damals beschimpft hatte, aber er konnte sich noch gut an dessen entspannte Gesicht erinnern, das er gemacht hatte. Ludwig hatte ihm einfach zugehört und ihn angelächelt, genau so, wie er es auch jetzt wieder tat.

„Soll ich dir mal etwas verraten, Wolfgang“, begann der Prinz ein weiteres Gespräch. „Ich weiß jetzt, warum ich immer etwas an den Prinzessinnen, die mir bis jetzt begegnet sind, auszusetzen hatte.“

„So, und warum?“, fragte Wolfgang neugierig nach.

Das er immer noch das für ihn schreckliche Kleid an hatte, hatte er vergessen und war ihm auch ziemlich egal. Ludwig war zu ihm gekommen, hatte ihn schweigend getröstet und redete mit ihm. Das war alles, was für Wolfgang im Moment zählte.
Er fragte eigentlich nur aus Höfflichkeit nach, denn interessieren tat es ihn nicht. Was ihm sein Prinz dann allerdings offenbarte, damit hätte er im Leben nicht gerechnet.

„Weil sie nicht so waren wie du. Ich mochte dieses Mädchen, als das du dich ausgegeben hast nur, weil sie dir ähnlich sah und weil mich alles an ihr an dich erinnert hat. Das ist mir nun klar geworden. Überhaupt ist mir in den letzten Stunden in denen ich ernsthaft über alles nachgedacht habe einiges klar geworden. Über dich und dein seltsamer werdendes Verhalten. Über mich und meine ständige Fehler suche bei den Prinzessinnen. Und auch über uns. Ich weiß nicht, wie ich mit diesen plötzlichen Erkenntnissen umgehen soll, aber vielleicht kannst du mir ja dabei helfen, Wolfgang?“

Ohne das sich die beiden ansahen, fanden sich ihre Hände und beide bekamen einen rosa Schimmer auf ihren Wangen und mussten unbewusst Lächeln.

„Ich würde Euch sehr gern dabei helfen, Euer Hoheit.“


~*~ENDE ~*~