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Tr?ume

Original, Goth (?) [PG-16]

Inhalt: 
Was antwortet man auf die Frage „warum hast du dich für mich entschieden?“ Und was soll man sagen, wenn die Antwort in einer Erinnerung liegt, die man vergessen hat oder für einen Traum hält? 



Träume?

Zufrieden und glücklich lag ich nach einem langen und anstrengenden Arbeitstag an meinen Freund gekuschelt auf der Couch. Als dieser plötzlich fragte: „Erzählst du mir heute, warum du dich damals für mich entschieden hast?“
Hm… „damals“ ist gut. Eigentlich ist es erst einen Monat her, dass wir uns kennen lernten. Ich hatte Geburtstag und mein Mitbewohner Jens war der Meinung, ich müsste endlich mal wieder unter Leute kommen. Also hatte er eine Party organisiert und einen Haufen Leute eingeladen, alte Freunde, Arbeitskollegen…
Ich muss ihn wohl mittelprächtig entsetzt angesehen haben, denn Pjotr küsste mich beruhigend auf die Stirn und meinte, ich müsse nicht, wenn ich nicht wollte. 

Ich druckste ein wenig herum… er hatte schon einmal gefragt, ich hatte also genügend Zeit zum Nachdenken gehabt. Doch es war ganz schön kompliziert, mir meiner Beweggründe bewusst zu werden… und diese dann noch in eine verständliche Form zu bringen…
Zum Glück war Wochenende, wir hatten also Zeit.
„Du siehst jemandem ähnlich, den ich zu kennen glaubte.“
Und keiner ahnt, was alles hinter diesem Satz stecken könnte. Auch mein Schatz nicht, sonst hätte er wohl nicht voller Neugier gefragt: „Wem?“ 

„Ich weiß es nicht. Die Bilder sind wie ein Traum. Du weißt doch, dass es da einen Zeitraum gibt, vor etwa einem dreiviertel Jahr, an den ich überhaupt keine Erinnerungen habe.“ Pjotr nickte vorsichtig. Dass er mich möglichst nicht darauf ansprechen sollte, hatte Jens ihm wahrscheinlich gleich am ersten Morgen verklickert. Und bisher hatte er sich auch strikt daran gehalten. 

„Na ja, so einfach ist es leider nicht. Ich habe Bilder, eher ganze Sequenzen in meinem Kopf, von denen ich bezweifle, dass sie wahr sind. Es ist eher wie ein Traum, so zusammenhanglos. Und doch so detailliert, und vor allem so unwirklich. Kleine Heldengeschichte, ich als der Retter einer Gruppe Menschen. Kannst du dir das vorstellen?“ Ein wenig zynisch war ich wohl.
Doch Pjotr hatte wohl erkannt, dass es nur eine rhetorische Frage war. Beruhigend fuhren seine Hände über meine Seiten, verhinderte so, dass ich hysterisch wurde bei meiner nächsten Erklärung: „Nein, eigentlich sind… waren sie Vampire, vampyroi wie sie selbst sagen. Ph, nur habe ich seither keinen von ihnen wieder gesehen, geschweige denn einen anderen kennen gelernt! 

Es gibt da leider ein paar Dinge, die verhindern, dass ich es einfach als Traum abtun kann: Der Zeitraum ist absolut identisch mit dem, der mir fehlt. Und ich habe noch nie in Bildern geträumt. Nie! Weder vorher noch danach.“
Ich merkte erst, dass ich begonnen hatte zu weinen, als mein Freund mir die ersten Tränen wegküsste.
„Pscht, ist es denn nicht egal, ob real oder Traum? Für verrückt erklärt dich deswegen doch keiner. Oder?“, versuchte er mich mit leiser Stimme zu beruhigen. 

„Doch, ich beginne langsam zu zweifeln“, meinte ich trocken. Wie oft hatte ich im letzten halben Jahr darüber nachgedacht? Nicht nur wegen meines Verstandes, auch über die Schlussfolgerungen, wenn es wahr wäre. Vampire! Blutsauger! Untote! 

Würden sie nicht irgendwann die Menschen ausrotten und somit sich selbst auch, wenn jeder von ihnen jede Nacht einen Menschen töten musste? Wozu hatten sie ihre telepathischen Fähigkeiten entwickelt? Wie ist das mit den zwei Hälften einer Seele? Kann ein Mensch, der die zweite Hälfte trägt, nur mit einer halben Seele leben? Um mal nur ein paar Fragen meines kranken Wissenschaftler-Hirns zu nennen, das sich sowieso viel lieber mit hypothetischen Situationen, denn mit realen Problemen rumschlug, wie zum Beispiel der Frage, was passierte, wenn man die zweite Hälfte seiner Seele gefunden hatte, wusste, wer es war und die betreffende Person dann nie wieder sah. 

Nach einer kurzen Pause erzählte ich weiter: „Eines nachts nach dem Training bin ich über ein blutendes, kleines Häufchen Elend gestolpert. Ich habe ihn mit nach Hause genommen, obwohl ich wusste, wer… was er war, und ihn überredet mir zu erzählen, warum mein Trainer ihn unbedingt töten lassen wollte. Ich habe solange gedrängelt, bis er mich seinem Clanführer vorgestellt hat. Der hat sofort seine Möglichkeit erkannt und eingewilligt, mich den Spion spielen zu lassen. Um es kurz zu machen, wir konnten meinem Trainer und seinen Handlangern das Handwerk legen. Sie werden nie wieder Vampire jagen, einfangen oder foltern. … Ich habe ihn nie wieder gesehen.“ 

Pjotr schien den seelischen Schmerz in mir zu fühlen, meine Trauer zu verstehen. Eine ganze Weile hielt er mich einfach nur fest, gab mir seine Wärme, das Gefühl nicht allein zu sein.
Doch dann kam sein neckisches Naturell durch. Frech piekste er mich in die Seite und fragte mit einem Kichern in der Stimme: „Wen? Den ollen Clanführer?“ 

Aus irgendeinem Grund konnte ich schon wieder lachen. „Nein, du Spinner. Das kleine, blutige Häufchen Elend. Wir haben mehr als nur eine Nacht miteinander geteilt. Er hat einfach so akzeptiert, dass ich Jens und seinen Kleinen beherberge, ohne ewige Diskussionen. Und ich war mir sicher, dass da mehr ist, nicht nur ein simpler one-night. Seit dem ist mir so, als ob ein Teil meiner Seele gegangen ist und die fehlende Erinnerung es nur erträglicher machen soll. Hat leider nicht funktioniert.“ 

Ich unterbrach mich selbst. Wie sollte ich weitererzählen? Ihm beibringen, dass mein Interesse zumindest an jenem Abend nicht ihm gegolten hatte, sondern nur dem, den ich glaubte wieder gefunden zu haben.
Und ich fühlte seinen neugierigen Blick auf mir ruhen. Mir war klar, dass diese Erklärung viel zu kurz und in einem Punkt wohl auch zweideutig war. Doch wie es ihm erklären, ohne ihn zu verletzen? Wo beginnen und was besser verschweigen? Und was, wenn alles doch nur eine Art Traum war? 

Also fing ich von vorne an zu erzählen, beschrieb die Traumbilder, erklärte, was ich mir zusammenreimte. Auch die Erklärung von Robespierre, dass zwei Vampire sich eine Seele teilten und immer auf der Suche nach der zweiten Hälfte waren, ließ ich nicht aus. Fügte hinzu, dass er vermutete, dass Pjotr und ich eine Seele teilten, auch wenn es das erste Mal wäre, dass die zweite Hälfte in einem Menschen und nicht bei einem anderen Vampir war. Zumindest hatte er gesagt, dies sei die einzige Erklärung, warum Pjotr und ich telepathisch kommunizieren konnten, ohne zu wissen wo der andere war, dass ich auf seinen Biss nicht wie andere Menschen reagierte. Wäre ja auch blöd, wenn der Partner jedes Mal völlig willenlos wird. 

Ich erzählte auch vom Ende: dass wir uns nach unserem Sieg alle beim Clanführer trafen und feierten, dass er mir plötzlich aus dem Weg ging, mich nicht mehr ansah, mich aus seinem Kopf ausschloss. Schließlich der Abschied: keine Erklärung, kein ‚Auf Wiedersehen’, nur ein ‚Geh’.
Und dann, etwa siebeneinhalb Monate später, meine Geburtstagsparty, die ich nicht wollte. Es gab keinen Grund zum Feiern, nur quälende Bilder in meinem Kopf und das Gefühl etwas verloren zu haben. Etwas Wichtiges, Unersetzliches.
Und die quälende Frage: Wieso? Hatte ich etwas falsch gemacht? Irrte sich Robespierre und es war alles ganz anders? Oder doch nur alles Einbildung? 

„Party war doof. Du warst der einzige interessante Mensch. Zugegeben, an diesem Abend hatte ich nur eines im Sinn: Du trägst seinen Namen, siehst genauso aus wie er. Endlich jemand, den ich fragen konnte, hoffte ich zumindest.
Dann habe ich ein paar andere Dinge festgestellt: Sorry, aber du sahst scheiße aus, wie durch den Fleischwolf gedreht, völlig übernächtigt, total blass, dunkle Ringe unter den Augen und mehr oder weniger „etwas“ abgemagert.
Du warst nicht er. Wie hätte ein Untoter sich dermaßen verändern können? Aber ich war neugierig und ich wollte dir helfen. Also habe ich dich abgeschleppt. Und mittlerweile weiß ich, dass du nicht er bist. Ich… Die Gefühle in mir sind anders, viel chaotischer. Die Sicherheit, die ich bei ihm spürte, ist weg. Bei dir bin ich viel unsicherer, frage mich oft, wie du wohl reagieren würdest.“ 

Lange hielten wir uns einfach nur fest umschlungen. Pjotr gab mir auf diese Weise das Gefühl, dass er mir vertraute, glaubte, dass ich wirklich einen Unterschied zwischen ihnen beiden sah, wirklich ihn liebte und nicht nur ein Phantasie-Gespinst, dem er zufällig ähnelte.
Doch dann stellte er die nächste Frage: „Was wäre, wenn er dir wieder begegnen würde?“
Ich war völlig überrascht. Wie meinte er diese Frage? Hatte er Angst, ich könnte ihn verlassen und zu dem Vampir zurückkehren? Bestimmt nicht! Ich war sauer auf ihn, er hatte mich verlassen, einfach so beschlossen, es nicht mal wenigstens zu versuchen, ganz ohne Erklärung. Und das, wo wir uns so gut verstanden, so häufig einer Meinung waren und… wir teilten eine Seele. Ich war endlich komplett, hatte gefunden, was ich noch nicht einmal wissentlich suchte, einfach nur rundrum glücklich und zufrieden, trotz der Gefahr und Hektik, … gewesen. 

Aber, würde ich zu ihm zurückkehren, wenn er mich darum bäte? Die Antwort gefiel mir gar nicht. Kein klares „Nein“. Und das, wo ich mich mit Pjotr genauso glücklich fühlte, mir nicht mehr vorstellen konnte, ohne ihn zu sein. Gut, das Gefühl des Vertrautseins, des schon vorher Wissens, was er denkt, das fehlte mir, war nicht so stark ausgeprägt, aber trotzdem…
Unsicher sah ich zu meinem Schatz auf, wusste nicht, was ich ihm sagen sollte und versteckte meinen Blick wieder. Dann versuchte ich es ihm zu erklären, dass ich ihn liebte, ihn nicht verlieren wollte und dass ich sauer auf den Vampir war. Ich erklärte aber auch, dass es ein paar Dinge an dem Vampir gab, die ich vermisste, die mich wahrscheinlich darüber nachdenken lassen würden, ob es anders nicht doch besser wäre. 

Wieder wusste ich nicht weiter. Hatte er verstanden, was ich sagen wollte. War er jetzt wütend, weil meine Liebe zu ihm nicht so stark zu sein schien?
Doch ich kam nicht dazu, mir weiter den Kopf zu zerbrechen, denn plötzlich fühlte ich etwas Vertrautes in meinen Geist eindringen: das Gefühl von Wärme und tiefer Zuneigung, leichte Zweifel, aber auch Hoffnung.
Überrascht blickte ich in Pjotrs Gesicht, neugierig, ob diese vertrauten Schwingungen tatsächlich von ihm ausgingen. Dann sah ich in seinem Lächeln zwei lange, spitze Fänge hervorblitzen.


Ende