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Der Liebeszug - Teil 1 bis 4

Kapitel 1

„Was machen die denn da?“ fragte Heero und zeigte mit seiner Bierflasche nach draußen auf dem großen Platz der zwischen Steves Pub und der Zugstation lag. Er setzte sich an den Tisch von Wufei und Trowa und genehmigte sich einen kräftigen Schluck des kühlen Getränks. Es war Freitag Abend und wie meistens verbrachte er ihn mit seinen besten Freunden im einzigen Lokal von Blackside, der Stadt in der sie lebten.

Obwohl, Stadt war eigentlich übertrieben, da im Grunde nur knapp tausend Menschen hier lebten – und die meisten davon nicht einmal direkt in Blackside sondern wie Heero und seine Freunde auf Farmen die großzügigerweise zum Stadtgebiet dazu gezählt wurden.

Trowa und Wufei sahen beide auf und verfolgten für einige Momente das rege Treiben vor dem Fenster. Wufei genehmigte sich ebenfalls einen Schluck Bier, dann antwortete er. „Das sind Bauarbeiter aus der Stadt.“ Wie alle die hier in Blackside wohnten, meinte Wufei mit „der Stadt“ die nächste große Stadt die knapp zwei Zugstunden entfernt von Blackside lag. Dazwischen gab es außer ein paar anderen kleinen Ort, vielen Bergen und Farmen nichts.

„Soviel ist mir klar,“ erklärte Heero. „Aber was machen die hier?“ Es war sehr seltsam einen so großen Haufen Fremder hier zu sehen.

Wufei lehnte sich in seinen Stuhl zurück und sagte, „Na die befestigen den Platz.“

Heero schüttelte verwirrt den Kopf. Er wurde immer noch nicht schlau aus der Aktion, obwohl die Bürokraten in der Stadt oft merkwürdige Entscheidungen trafen konnte er diese wirklich nicht einordnen. „Aber wieso?“ hakte er deshalb noch einmal nach.

Wufei verdrehte leicht die Augen. „Ts, das kannst du doch nicht vergessen haben. Nächsten Samstag kommt doch der Liebeszug.“

Heero stöhnte bei diesem Gedanken. War wirklich schon wieder ein ganzes Jahr vorbei? Mit Schaudern dachte er an den letzten Liebeszug der Blackside erreicht hatte. Er war zwar selbst nicht dabei gewesen aber was ihm die anderen darüber berichtet hatten war ziemlich erschreckend gewesen. Wenn dieses Tohuwabohu nächste Woche wieder stattfand, dann würde er sich am besten auf seiner Farm verschanzen.

„Und wieso befestigen die jetzt schon den Platz?“ fragte Trowa, der damit zum ersten Mal an diesem Abend seinen Mund zum sprechen aufmachte.

Wufei seufzte wieder. „Ach stimmt ja, ihr wart letztes Jahr nicht dabei. Da hat es den ganzen Tag geregnet und deshalb war der ganze Platz aufgeweicht, auch im Festzelt. Es sind wohl von allen Frauen die Tanzschuhe ruiniert worden. So ein Fiasko will der neue Sponsor nicht erleiden. Darum wird jetzt der Platz befestigt und die nächsten Tage wird ein Holzboden aufgebaut auf dem dann das Festzelt stehen wird.“

Heero musste eingestehen, dass das auf eine merkwürdige Art sogar Sinn machte. Trotzdem konnte er es nicht auf sich beruhen lassen. „Ganz schön viel Aufwand, für einen „Ball der einsamen Herzen“. Und du kennst dich ganz schön in der Sache aus,“ neckte er seinen Freund. Wirklich, Heero konnte nicht sagen, wann Wufei jemals an so einer Sache Interesse gezeigt hatte.

„Es passiert sonst ja nichts,“ nuschelte Wufei in sein Bier.

Danach herrschte für einige Momente eine geradezu entspannte Ruhe am Tisch. Heero war sich sicher, dass Trowa und Wufei nicht zuletzt deshalb seine besten Freunde waren, weil sie auch die Ruhe genießen konnten und nicht sofort lärmten nachdem sie ein zwei Bier getrunken hatten – im Gegensatz zu einigen anderen aus Blackside.

Dann stellte Wufei seine Flasche auf den Tisch und schaute sie beide erwartungsvoll an. „Ich hoffe doch, dass ihr dieses Jahr auch endlich zum Ball kommen werdet. Es ist DAS Ereignis des Jahres und ganz Blackside wird kommen. Außerdem, wie wollt ihr sonst eine Frau kennen lernen? Ihr seid beide dreißig, viel zu alt um noch Junggesellen zu sein.“

Wufei zog ihn und Trowa oft wegen ihres Junggesellenstatus auf. Zwar war es keine Besonderheit für Blackside, dass ein Mann keine Frau fand – immerhin war dass überhaupt der Grund wieso „der Ball“ bzw. „der Liebeszug“ vor vier Jahren überhaupt ins Leben gerufen wurde, aber dass Heero und Trowa die ganze Zeit über Single gewesen waren, war dann doch auffällig. Die meisten Blacksider hatten zumindest in ihrer Jugend eine Freundin, solange bis das Mädchen erkannte dass es da draußen eine weite Welt gab – und in die Stadt verschwand. Die Jungs blieben zurück, übernahmen das Land ihrer Eltern und damit das harte, einsame und arbeitsreiche Leben eines Farmers.

Wufei hielt sich in der Beziehung für weiter fortgeschritten als seine Freunde. Immerhin war er schon einmal verheiratet gewesen. Er hatte seine Jugendliebe Meiran geehelicht, noch bevor sie die Schule beendet hatten. Und sie schienen sogar sehr glücklich gewesen zu sein. Solange bis Meiran vor zehn Jahren bei der schrecklichen Überschwemmung – ein Unglück indem Heero auch seine beiden Eltern verloren hatte – gestorben war.

Wufei war natürlich am Boden zerstört gewesen. Und hatte verkündet das niemand jemals seine Meiran würde ersetzten können. Schließlich war sie ein sehr traditionell erzogenes chinesisches Mädchen gewesen und hatte genau gewusst was ihre Stellung war. Etwas was man von den anderen Onnas nicht behaupten konnte. Scheinbar hatte sich Wufeis Einstellung jetzt ein wenig gelockert. „Du gehst also auf den Ball?“ fragte Heero nach.

„Natürlich nur um zu sehen wie die ganzen Onnas verrückt spielen.“

„Natürlich nur deshalb,“ wiederholte Trowa mit leicht sarkastischem Ton.

Wufei seufzte. „Ich will ehrlich sein. Ich hätte auch nichts dagegen eine ruhige, scheue Frau kennen zulernen. Eine die das Leben und die Arbeit auf der Farm mit mir teilt. Die mich versorgt. Es ist verdammt einsam da draußen und ich hab lang genug um Meiran getrauert.“

„Wufei wir sind im 21 Jahrhundert. So eine Frau gibt es nicht,“ erklärte Heero.

„Und wenn, dann findest du die sicher nicht im Liebeszug. Was ich so von den anderen gehört hab sind die teilweise sehr ausgelassen,“ fügte Trowa hinzu.

„Es gibt auch gut erzogene,“ widersprach Wufei. „Aber ihr habt Recht. Wenn ich dieses Jahr keine Frau finde die weiß wo ihr Platz ist, dann werde ich Onkel Lee in der Stadt bitten eine Heirat für mich zu arrangieren.“

Heero sah Trowa an, aber beide hielten sich zurück. Der Abend war zu schön um Wufei stundenlang darüber referieren zu hören, dass die Frauen von heute schlecht erzogen waren.

„Aber ihr zwei solltet wirklich dieses mal dorthin gehen. Es ist schon allen aufgefallen, dass ihr die letzten Jahre nicht dabei wart. Wie gesagt, wie wollt ihr jemals eine Frau finden, wenn ihr nicht wenigstens sucht?“

„Findet da überhaupt jemand einen Partner?“ zweifelte Heero.

Wufei zuckte mit den Schultern. „Sicher doch. James, Harry und Chris haben da letztes Jahr ihre Frauen kennen gelernt. Patrick hat mir verraten, dass er seiner Freundin dort nächste Woche einen Antrag machen will. Und etliche hatten zumindest für einige Monate eine Beziehung. Kein schlechtes Ergebnis für ein Ball. Die anderen Jahre waren ähnlich erfolgreich.“

„Hn,“ machte Heero, sagte aber nichts weiter.

„Also, werdet ihr kommen?“ hakte Wufei noch einmal nach.

Heeros Gedanken wirbelten. Er wusste nicht, wie er einem seiner besten Freunde mitteilen konnte, dass er wirklich keine Lust hatte auf diesen Ball zu gehen, ohne ihm zu erklären warum es ihn nicht reizte. Allein schon der Gedanke in einem Festzelt mit circa 200 heiratswilligen und leicht überdrehten Frauen gefangen zu sein ließ ihn schweißnasse Hände bekommen.

„Ich würde gerne mal wieder tanzen,“ erklärte in diesem Moment Trowa.

Heero schaute seinen Freund ungläubig an. Er hatte eigentlich felsenfest damit gerechnet, dass Trowa genauso wenig Lust auf diese Veranstaltung hatte wie er. Immerhin verband ihn und Trowa ein großes Geheimnis. Ein Geheimnis, dass sie in dem kleinen Blackside zu Außenseitern machen würde, wenn es bekannt würde.

Sie waren nämlich beide schwul. Nicht dass Heero sich dafür schämte auf Männer zu stehen, aber in so einem kleinen Ort wie Blackside war es wirklich etwas außergewöhnliches. Statistisch gesehen waren er und Trowa sogar die einzigen Schwulen ihrer Generation.

Umso besser, dass sie schon immer befreundet gewesen waren und dieses Anderssein auch im jeweils anderen erkannt hatten. So waren sie sich nicht wirklich wie Außenseiter vorgekommen, waren nicht ganz so einsam.

Sie waren sogar soweit gegangen, dass sie als Teenager miteinander und ihren erwachenden Körpern experimentiert hatten. Aber über ein paar flüchtige Streicheleinheiten und Küsse war es nie hinausgegangen. Irgendwie hatte es nie zwischen ihnen gefunkt.

Nach der Schule war Heero dann in die Stadt gegangen um dort Computerwissenschaften zu studieren. Er war ein richtiges Genie auf dem Gebiet und seine Eltern hatten Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt um ihren Sohn ein Studium zu ermöglichen.

Und dort in der Großstadt hatte Heero dann endlich in relativer Freiheit seine Sexualität erforschen können. Es hatte etliche Flirts, ein paar One Night Stands und auch eine längere Beziehung gegeben.

Doch dann als seine Eltern kurz vor seinem Studiumsende so tragisch ums Leben kamen, da wusste er dass er nicht in der Stadt bleiben würde. Er liebte das Land dass seiner Familie gehörte und jetzt da es außer ihm niemand gab der sich darum kümmern konnte, wusste er, dass er nach Blackside zurück kehren musste.

Und so schlug er nach dem erfolgreichen Ende seines Studiums etliche großzügige Angebote von angesehenen Computerfirmen aus und ging zurück aufs Land. Aber er konnte auch nicht nur Farmer sein. Da er alleine sowieso nicht in der Lage gewesen wäre die große Farm zu bewirtschaften veränderte er einiges. Er verkaufte das meiste Vieh und bepflanzte nur wenige der Felder. Genug um die Farm in Schuss zu halten, aber ihm blieb trotzdem noch genug Zeit um als freischaffender Programmierer zu arbeiten. Mit seinen Auftraggebern blieb er über Internet in Kontakt und konnte trotzdem auf seinem geliebten Land bleiben.

Alles andere war unwichtig. Und mit alles andere meinte er sein Liebesleben. Er und Trowa hatten es nach seiner Rückkehr noch einmal versucht, doch die Funken waren immer noch nicht da. Und so entschieden sie lieber beste Freunde zu bleiben. Und immer wenn es Heero überkam – so alle paar Monate einmal – fuhr er am Wochenende in die Stadt und riss jemand für eine Nacht auf. Mit seinem Aussehen hatte er nie Schwierigkeiten jemand zu finden. Gab so seinem Körper die Befriedigung die er benötigte. An eine Beziehung war einfach nicht zu denken, wer würde schon freiwillig in die Einsamkeit kommen? Es gab ja schon genug Schwierigkeiten genügend Frauen für die Bewohner zu finden.

All das rannte durch Heeros Kopf während er versuchte zu verstehen, wieso Trowa freiwillig zu dieser Brautschau gehen wollte. War wirklich das tanzen der einzige Grund, oder wollte Tro nicht auffallen?

Aber der Blick auf Trowas Gesichtsausdruck ließ nur einen Schluss zu, sein großer Freund freute sich wirklich auf das Fest. Wie Wufei schon gesagt hatte, es war DAS Ereignis in Blackside. Wer würde schon in einem Ort wo nie etwas passierte freiwillig auf so etwas verzichten?

„Sehr gut. Heero, was ist, wirst du auch kommen?“ fragte Wufei.

Heero seufzte. Wenn sogar Trowa bei diesem Ball der einsamen Herzen mitmachte, würde Wufei keine Ausrede von ihm gelten lassen. Wahrscheinlich war es wirklich einfacher mit dem Strom zu schwimmen. Er würde dort auftauchen, sich kurz blicken lassen, vielleicht sogar ein paar Mal tanzen und dann wieder auf seine ruhige Farm zurückgehen. Und dafür sorgen, dass er nächstes Jahr um diese Zeit ganz weit weg war. Im Urlaub oder so.

Und während er seine Zusage gab, hoffte er inbrünstig, dass die heiratswilligen Frauen nicht zu kreischig waren. 



Kapitel 2

Duo gähnte und ruckelte ein wenig in seinem Schreibtischstuhl, um die bequemste Haltung zu finden. Er hatte heute Nacht kaum geschlafen – eindeutig ein Berufsrisiko.

Trotzdem glaubten die meisten Leute die er kannte, dass er nur Event-Manager geworden war, um andauernd auf Partys zu gehen, dort viel Spaß zu haben und dafür auch noch bezahlt zu werden.

Es war wohl schwer sich vorzustellen, wie anstrengend es war solche Events zu planen und wenn sie stattfanden auf Kommando gute Laune zu verbreiten.

Natürlich liebte Duo seinen Job trotzdem. Nur dass er ihn sich nicht ausgesucht hatte. Er war eigentlich nur durch Zufall überhaupt dazu gekommen. Angefangen hatte nämlich alles damit, dass ihn sein Studium unendlich gelangweilt hatte.

Schon ein paar Monate nachdem er angefangen hatte, hatte er erkannt dass der Beruf des Lehrers wohl doch nicht wirklich passend für ihn war. Aber er hatte ein Problem. Er hatte zwar ein Stipendium, dass ihm das Studium finanzieren würde, aber das ließ sich nicht auf ein anderes Fach übertragen. Und da seine Pflegeeltern auch nicht in der Lage waren ihm die Jahre auf der Universität zu finanzieren, hieß es für Duo die Zähne zusammen zu beißen und bis zum Abschluss durchzuhalten. Denn einen Abschluss brauchte er. Er wusste, dass er später jeden anderen Job bekommen könnte, nur brauchte er halt irgendeinen Studienabschluss. Ohne würde er als Versager dastehen.

Außerdem war es ja nicht so, als wenn er befürchten musste die Prüfungen nicht zu bestehen, er war ziemlich intelligent und hatte keine Probleme mit den Klausuren, er langweilte sich halt nur.

Und so war es natürlich absolut vorhersehbar, dass er sofort auf Hildes Idee angesprungen war, für sie die Hochzeitsfeier zu planen. Zum einen liebte er seine Schwester und wollte ihr – auch mit den begrenzten Mitteln die sie zur Verfügung hatten – die schönste Feier überhaupt beschaffen. Zum anderen tat er alles, was ihn für eine Weile von dem absolut langweiligen Unterricht ablenken konnte.

Die folgenden zwei Monate hatte er völlig unter Strom gestanden. Es war zwar nicht einfach gewesen, das Studium, sein Kellnerjob und die Vorbereitungen unter einen Hut zu bringen, aber es hatte Spaß gemacht. Soviel Spaß, dass er fast traurig war, als der große Tag endlich dar war. Denn danach würde wieder alles normal und langweilig sein.

Natürlich war die Hochzeit ein grandioser Erfolg. Alles hatte geklappt und Hilde war zu Tränen gerührt. Ok, Bräute schienen aus irgendeinem Grund an ihrem Hochzeitstag sowieso nah am Wasser gebaut zu sein, aber Hilde hatte sich ehrlich über das Fest, dass ihr Bruder ausgerichtet hat gefreut.

Und es schien nicht nur ihr gefallen zu haben. Denn zwei Tage später bekam Duo einen Anruf von Keira, Hildes Brautjungfer. Keira kam sehr schnell zur Sache und erklärte, dass sie ebenfalls verlobt sei und ihre Hochzeit in einem Monat stattfinden würde. Und dass bisher alle Vorbereitungen in grandiosen Katastrophen geendet wären. Sie war verzweifelt und bat um seine Hilfe.
Duo zögerte für einen Moment, doch dann brachte Keira ein Argument, dass es ihm unmöglich machte abzusagen. Sie bot an ihn für seine Hilfe zu bezahlen. Und da der Betrag den sie nannte ungefähr dreimal soviel war, wie er bei seinem Aushilfskellnerjob im Monat verdiente, griff Duo sofort zu.

Er wusste dass die Vorbereitungen diesmal stressiger sein würden, aber er würde halt einfach den Kellnerjob hinschmeißen. Sonderlich gut gefiel ihm der sowieso nicht. Wem würde es schon gefallen in so einer Spelunke zu arbeiten und hin und wieder von Betrunkenen Gästen angetatscht zu werden? Unvorstellbar was sich manche Leute herausnahmen, nur weil sie etwas getrunken hatten.

Mit dem Geld für die Hochzeitsfeier würde er drei Monate auskommen, vier wenn er sich etwas einschränkte. In der Zeit würde er sicherlich wieder was neues finden.

Wie er erwartet hatte, war der folgende Monat sehr stressig, aber er war voller Elan dabei und schaffte es wiederum eine gelungene Hochzeitsfeier hinzubekommen. Und er bekam zwei Folgeaufträge von Gästen dieser Feier.

Und als die nächsten zwei Hochzeiten vorüber waren, da verschwendete Duo noch nicht einmal mehr einen Gedanken daran, wieder zu kellnern. Hatte er auch nicht nötig, denn durch Mund zu Mund Propaganda hatte er inzwischen eine Handvoll Klienten, die für das nächste Jahr perfekte Hochzeiten geordert hatten.

Duo beschloss das zu seinem Nebenjob zu machen. Obwohl, wenn er ehrlich war, dann war sein Studium inzwischen sein Nebenjob. Aber jetzt, wo er etwas hatte das ihn forderte und das ihm Spaß machte, konnte er das Studium auch leichter ertragen. Er strengte sich dort nur eben genug an um das Stipendium nicht zu verlieren und demnächst seinen Abschluss zu bekommen.

Und das Planen der Feiern wurde von Mal zu Mal einfacher. Duo hatte inzwischen genug Erfahrung gesammelt um die Aufgaben mit weniger Stress zu bewerkstelligen. Und er kannte inzwischen genug Händler und Lieferanten – und sie kannten ihn – um sehr gute Preise heraushandeln zu können. Außerdem war er der absolute Partytyp. Er schaffte es jede Feier zu einem erfreulichen Ereignis zu machen.

Irgendwann wurde er von einem zufriedenen Klienten gebeten, ob er nicht auch eine Firmenfeier organisieren konnte und das war der Startschuss seine Angebotspalette zu erweitern.

Inzwischen schaffte er die ganzen Aufträge auch nicht mehr allein. Er hatte seinen besten Freund und Zimmergenossen Quatre voll mit eingespannt. Sie waren ein super Team. Wobei sich nach und nach herausgestellt hatte, dass Quatre hervorragend darin war mit Kunden und Händlern zu verhandeln und die Bücher zu führen, und dass Duos Stärken die Interaktion mit den Gästen und die kreativen Ideen für die Feiern waren.

Und kurz vor ihrem Studiumsabschluss mussten sie beide einsehen, dass sie inzwischen verdammt viel Geld mit ihrem kleinen Nebenjob einnahmen. Soviel Geld, dass sie erst gar nicht auf die Idee kamen jemals wieder damit aufzuhören.

Im Gegenteil, sie wollten es nach dem Abschluss so richtig professionell betreiben. Und sie nannten sich auch nicht mehr ‚Hochzeitsplaner’ sondern ‚Event Manager’. Sie wollten sich in ihrem Aufgabenbereich nicht zu sehr einschränken und ‚Hochzeitsplaner’ hörte sich auch viel zu altmodisch an.

Bisher waren sie eher durch Mund zu Mund Propaganda bekannt geworden. Doch jetzt als ‚Event Manager’ mit einem richtigen Firmennamen und einem Büro in der Innenstadt, machten sie auch Werbeanzeigen in den Zeitungen.

Der Erfolg hatte ihnen Recht gegeben. In den letzten Jahren hatten sie immer größere Events planen dürfen und ihr Ruf in der Branche war ungemein gut. Und sie hatten immer noch viel Spaß bei ihrem Job. Meistens zumindest.

Duo gähnte wieder.

„Lange Nacht?“ fragte Quatre der auf der anderen Seite des Doppelschreibtisches saß und Unterlagen durchblätterte.

„Der letzte Gast ist erst um fünf gegangen. Mit dem Aufräumen waren wir bis sechs beschäftigt.“

„Die Feier war als ein voller Erfolg?“ erkundigte sich Quatre.

Duo grinste. „Natürlich. Ich hab selten soviel gut gelaunte Angestellte auf einer Firmenfeier gesehen. Ich hab fast befürchtet, die würden noch ewig weiter machen. Der Chef war auch ganz begeistert.“

„Sehr schön. Wieder ein zufriedener Kunde. Aber warum bist du nicht zu Hause geblieben und hast dich ausgeschlafen? Immerhin ist Sonntag.“

Duo winkte ab. „Ich geh auch gleich. Keine Sorge. Ich wollte nur Fragen wie es dir denn auf dem platten Land ergangen ist. Läuft alles nach Plan für unseren nächsten Auftritt?“

Quatre lächelte. „Alles ist perfekt. Der Boden ist befestigt, der Holzboden fast fertig und am Dienstag wird das große Festzelt geliefert. Der letzte Gesprächstermin mit den Caterern und den Getränkelieferanten ist am Dienstag. Aber da seh ich keine Probleme. Das Essen wird rustikal einfach sein – drei große Grillanlagen werden am Mittwoch nach Blackside geliefert – und die Getränkeauswahl beschränkt sich auch auf Antialkoholika, Bier und Wein. Da hatten wir schon sehr viel anspruchsvollere Gäste.“

Duo musste bei dem Gedanken leicht grinsen, denn Quatre hatte Recht. Was die Vorbereitung betraf, war dieser Event wirklich sehr simpel. „Trotzdem Q, vielleicht hätten wir diesen Auftrag nicht annehmen sollen.“

Quatre zog die linke Augenbraue erstaunt hoch. „Wieso? Wir werden viel Geld verdienen. Und der Outdoorbekleidungskonzern, der diesen Ball sponsert, wird uns vielleicht noch öfters für ähnliche Events engagieren. Das könnte der Beginn einer langen, erfolgreichen Geschäftsbeziehung werden.“

„Und wenn das alles so einfach ist, wieso haben dann die Event-Manager vom letzen Fest dankend abgelehnt?“

„Weil die völlig überfordert mit der Situation waren,“ erklärte Quatre leichthin.

„Ach, und wir sind das nicht? Ich hab so manche Schauergeschichten gehört, was in dem Liebeszug und auf dem Ball so vor sich geht. Und bei dem Gedanken 300 überdrehte Frauen zu betreuen wird mir schon etwas mulmig.“

„350,“ stellte Quatre richtig. „Wir haben sämtliche Karten verkauft.“

„350,“ murmelte Duo. „Gibt es in dem Kaff überhaupt genügend Junggesellen für diese Horde Frauen?“

Quatre zuckte mit den Schultern. „Inzwischen hat der Ball schon Kultstatus. Die männlichen Gäste kommen nicht nur aus Blackside sondern auch als allen umliegenden Gegenden. Für die Laufstegshow haben sich knapp 100 gemeldet und da wir wissen, dass die meisten Männer dort zwar hingehen, sich aber nicht auf den Laufsteg trauen werden, denke ich schon dass wir eine ausgeglichene Verteilung von Männlein und Weiblein haben werden.“

„Aber nachdem was ich gehört hab, sollen die Weiblein völlig überdreht sein,“ zweifelte Duo. Immerhin, welcher geistig gesunde Mensch würde schon zu einem Ball der einsamen Herzen Mitten im Nirgendwo fahren um dort den Mann fürs Leben zu finden? Gab es nicht genug Single-Treffen hier in der Stadt?

„Nachdem was mir Iria berichtet hat, liegt das nur am Alkohol. Sie sagt, dass die ganze Sache ziemlich viel Spaß gemacht hat. Und wenn sie dieses Jahr nicht bei dem Termin auf Dienstreise sein würde, wäre sie wieder hingefahren.“

„Deine Schwester war bei dieser Brautschau für Bauerntrampel?“

Quatre kicherte. „Du solltest nicht so von unseren Kunden reden. Und ja, Iria war da. Ihre ganze Clique ist dahin gefahren. Es hatte wohl keine wirklich vor sich einen Farmer zu angeln, aber sie haben sich gut amüsiert. Und sie sagt, die Situation im Liebeszug wäre nur deshalb etwas außer Kontrolle geraten, weil zuviel harter Alkohol geflossen ist. Diejenigen die sich aus der ganzen Sache nur einen Spaß machen, werden dadurch nur noch aufgedrehter und diejenigen die glauben dieser Ball wäre ihre einzige Chance einen Mann zu bekommen, werden noch verzweifelter. Das ist kein besonders gesunder Mix.“

„Also werden wir kein Alkohol im Zug gestatten.“

„Sekt und Wein sollte ok sein. Es schadet nichts, wenn unsere Gäste etwas aufgelockert zum Ball erscheinen. Nur sollten sie nicht völlig betrunken sein. Und ich bin schon der Meinung, dass wir zwei mit unserem Charme es schon schaffen sie bis Blackside unter Kontrolle zu halten.“ Quatre lächelte.

Duo musste zustimmen. Quatre würde wahrscheinlich sogar eine Schlangengrube mit seiner Engelsmiene betören können. „Und wie ist das Kaff so?“ hakte er noch einmal nach. Immerhin würde er das ganze nächste Wochenende dort verbringen.

„Wie man sich einen Ort mitten im Nirgendwo halt vorstellt. Staubige Straßen, kein Restaurant, kein Kino, kein Supermarkt. Nur ein Pub, ein kleiner Lebensmittelladen und eine Filiale unseres Sponsors. Ein Ort wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Kein Wunder das denen die ganzen Frauen weglaufen. Wer will da schon freiwillig leben?“ Quatre schüttelte sich leicht.

„Und die Männer? Ungepflegt mit Bierbauch?“

„Zumindest bei den jungen Farmern scheinen etliche Leckerbissen dabei zu sein, deren muskulöse Körper von harter Arbeit herrühren. Und vermutlich würden die einem im Bett nicht so sehr enttäuschen wie so manche Muckie-Buden-Schönheit. Also ich hätte gar nichts dagegen mich mit dem einen oder anderen im Heu zu vergnügen.“

Duo tat gespielt entsetzt. Man traute es dem sanften, liebenswerten Quatre nicht zu, aber manchmal konnte er auch ziemlich obszöne Sachen sagen. „Aber Quatre. Das würde unserem Kunden gar nicht gefallen. Wir sollen schließlich die Frauen an den Mann bringen. Und nicht den Mann in den Mann,“ sagte er mit leicht tadelndem Unterton.

„Du hast ja Recht. Ich werde mich vollkommen professionell verhalten und die Land-Adonisse nicht vom rechten Weg abbringen.“

„Gut so. Aber ich hoffe trotzdem, dass wir die Fahrt mit dem Liebeszug überstehen.“ 


Kapitel 3

„Soll ich dir auch von dem Wein einschenken?“ fragte Trowa, als Heero auf die Veranda zurückkam.

„Ja danke,“ antwortete Heero, dann stellte er den Fressnapf den er in der Küche gefüllt hatte auf den Boden und pfiff einmal lang, einmal kurz. Ein entferntes ‚Wuff’ war zu hören und dann konnte er auch schon sehen, wie Wing – sein Irish Setter – vom hinteren Ende des weitläufigen Gartenbereichs zur Terrasse hetzte.

Trowa lachte kurz auf bei diesem Anblick. „Heero, du brauchst doch gar nicht zu pfeifen. Ich wette, dass Wing sein Essen drei Meilen gegen den Wind riecht.“

Heero zuckte nur mit den Schultern. Auf jeden Fall war sein Hund hervorragend erzogen und gehorchte aufs Wort. Ob das jetzt an dem Essen lag oder nicht. Der braun-schwarze Setter hatte inzwischen den Platz erreicht an dem sein Fressnapf stand und wedelte erfreut mit dem Schwanz. „Wuff,“ machte er erneut, dann senkte er seinen Kopf und fing an zu essen.

Heero blickte voller Liebe und Besitzerstolz auf seinen Hund herab, während er ihm den Rücken tätschelte. Seine Eltern hatten ihm Wing vor knapp neun Jahren geschenkt. Heero war nur zu sehr bewusst, dass für einen Hund dieser Größe dies schon ein recht hohes Alter war. Er wollte gar nicht daran denken, was denn passieren würde, wenn Wing einmal nicht mehr da war. Im Grunde war der Hund das letzte bisschen Familie dass er noch hatte.

Heero schüttelte sich kurz und verbannte diese Gedanken. Es war Freitag Abend und einer seiner besten Freunde war zum Essen vorbei gekommen. Da würde er sich nicht mit solch deprimierenden Gedanken herum schlagen. Darum klopfte er seinem Hund noch einmal auf den Rücken und ging dann zurück in die Küche um sich die Hände zu waschen. „Wie sehen die Steaks aus?“ rief er über seine Schulter.

„Ich glaub die sind gleich fertig,“ erklärte Trowa.

Heero, der wieder auf die Veranda zurück gekommen war und dort die Schüssel mit Salat auf den Tisch gestellt hatte blickte zu seinem Freund, der mit einer großen Zange und einem Weinglas bewaffnet am gemauerten Grill stand. So wie Trowa die Steaks mit Argusaugen überwachte, konnte ja gar nichts schief gehen. „Eigentlich hab ich dich zum essen eingeladen. Und nicht zum kochen,“ meinte Heero mit einem Hauch von Humor in der Stimme.“

Trowa winkte ab. „Also den Grill zu bewachen ist doch kein Problem. Hauptsache du hast den Salat geschnippelt. Dafür habe ich kein Händchen.“

Dem mochte Heero nicht widersprechen. Er ging ebenfalls zum Grill und schaute auf die Folienkartoffeln. Mit einem kurzen Blick auf die Uhr entschied Heero, dass die jetzt fertig sein mussten und holte sie mit einer anderen Zange aus der Glut. Als er alle vier in eine Schüssel gelegt hatte sagte er: „Also wenn jetzt die Steaks auch fertig sind, können wir essen.“

Ein paar Minuten später saßen sie beide dann an dem großen Holztisch und begannen zu essen. Der Abend war einfach herrlich. Der Himmel war klar und es war warm genug um es sich hier draußen gemütlich zu machen, obwohl es erst Frühjahr war.

„Das Steak ist wie immer hervorragend,“ erklärte Trowa nach einigen Bissen. „Du musst mir irgendwann mal das Rezept für deine Marinade verraten.“

Heero musste fast schmunzeln. Es war schon interessant, das Trowa von diesem Thema nicht lassen konnte. „Ich hab dir schon oft genug gesagt, dass ich meiner Mutter versprochen hab ihr Geheimrezept nur an meine zukünftige Frau zu verraten.“

„Was für ein Jammer, dieses Rezept in die Vergessenheit geraten zu lassen,“ stichelte Trowa.

Heero zuckte nur mit den Schultern als Antwort. „Musst ja nur meine Frau werden,“ gab er zurück. Über dieses Thema hatten sie sich schon unendliche Male amüsiert.

„Ähm, nein,“ erklärte Trowa. „Dann lade ich mich lieber einmal in der Woche bei dir zum Steak essen ein. Übrigens, wo ist denn Wufei?“ Normalerweise kamen immer alle drei Freunde zum grillen zusammen.

Heero zuckte erneut mit den Schultern. „Er hat nur gesagt, dass er nicht kann und dabei ganz geheimnisvoll getan,“ berichtete er.

Trowa zog die eine sichtbare Augenbraue erstaunt hoch. Doch dann nickte er. „Oh, er wird sicher noch was wegen diesem Ball vorbereiten wollen. Unser Wufei ist ja schon ganz aufgeregt.“

Heero rollte mit den Augen. „Oh ja der Ball,“ er schüttelte sich. „Erinnere mich nur nicht daran. Wie sollen wir den morgigen Abend nur überstehen?“ In seinem Inneren überlegte Heero, ob ihm Wufei wohl glauben würde, wenn er plötzlich an Malaria erkranken würde. Oder Masern. Oder Ebola. Irgendwas, das es ihm erlauben würde, morgen nicht zu dieser schrecklichen Veranstaltung zu gehen.

„Mit viel Spaß?“ erwiderte Trowa trocken.

Heero war jetzt wirklich erstaunt. „Du glaubst doch nicht allen ernstes, dass wir morgen Spaß haben werden?“ versicherte er sich.

Trowa zuckte erneut mit den Schultern. „Wieso denn nicht? Es gibt gutes Essen und Trinken. Dazu tolle Lifemusik und der ganze Ort wird auf den Beinen sein. Warum sollten wir uns nicht amüsieren?“

„Da sind auch ein paar überdrehte Weiber, die aus der Stadt hierher kutschiert werden um auf dem Land den Mann fürs Leben zu finden,“ erwiderte Heero. Er konnte immer noch nicht begreifen, wieso dieser so genannte Liebeszug derart viel Anklang in der Stadt fand. Wer würde schon freiwillig nach Blackside fahren um dort jemanden kennen zu lernen? Er liebte die Gegend, sie war seine Heimat. Aber gerade das was er an seiner Farm liebte – die Ruhe und die Abgeschiedenheit – musste doch jeden anderen nur abschrecken. Es war ja schließlich kein Zufall, dass die meisten jungen Leute, zumindest all diejenigen die keine Farm erben würden, Blackside so schnell wie möglich den Rücken kehrten. Was ja auch den großen Frauenmangel erklärte. „Bei so einer Aktion, da können doch nur die absolut verzweifelten mitmachen. Wahrscheinlich sind die Frauen alle strunzdumm. Oder potthässlich. Oder beides.“

„Wenn dem so wäre, wieso ist das dann so ein Erfolg bei unseren Freunden und Bekannten? Alle mit denen ich gesprochen hab und die in den letzten Jahren da waren, sind begeistert. Zumindest passiert hier mal was. Und neue Leute kennen zulernen ist doch auch mal ganz nett. Seh die Sache doch nicht ganz so kritisch Heero. Immerhin...“

„Immerhin?“ hakte Heero nach.

„Immerhin können wir zwei die Sache doch auch absolut entspannt angehen, oder? Mit dem Liebeszug wird ja nichts nach Blackside geliefert, dass uns gefährlich werden könnte. Wir können einfach das gute Essen und die Musik genießen und zusehen wie die anderen sich zum Affen machen.“

„Hn,“ erklärte Heero und dachte nach. Wahrscheinlich hatte Trowa nicht unrecht. Wenn man die Heiratswilligen Frauen aus dem Zug einfach ignorierte könnte der Abend vielleicht doch amüsant werden. Und wenn nicht, dann würde er halt einfach ganz früh gehen.

Trowa spießte mit seiner Gabel den Rest seines Salates auf, dann sagte er: „Ich weiß übrigens aus sicherer Quelle, dass Wufei in der Woche bei Mrs. Adams war um sich noch einmal die wichtigsten Tanzschritte zeigen zu lassen.“

Mrs. Adams war die Lehrerin die schon seit Jahrzehnten die Kinder in der Grundschule unterrichtete. Und nebenbei auch Tanzunterricht gab. Heero musste bei der Vorstellung jetzt doch leicht lachen. Wufei der bei ihrer alten Lehrerin war, war einfach ein zu lustiges Bild. „Ist nicht dein Ernst,“ erklärte er deshalb.

„Doch. Er behauptet, dass er nur deshalb die letzten Jahre erfolglos in seiner Suche gewesen ist, weil er seinen Tanzpartnerinnen auf die Füße getreten ist.“

Heero rollte mit den Augen. „Es könnte nicht daran liegen, dass er ein Frauenbild hat, dass schon im letzten Jahrhundert veraltet war und er mit seinen Ansichten jede moderne Frau schreiend in die Flucht jagt?“

„Nein, daran kann es sicher nicht liegen. Zumindest laut Wufei nicht.“

Jetzt prustete Heero doch los. Und Trowa stimmte mit ein. Sie mochten ihren Freund unheimlich gerne, aber die Meinung die dieser zu Frauen hatte war einfach nur erheiternd. „Ich denke nicht, dass er eine Frau finden wird, die seinen Ansprüchen genügt,“ meinte Heero dann.

Trowa schüttelte den Kopf. „Das wäre auch gar nicht gut für unseren Freund. Er braucht eine willenstarke Frau die ihm den Kopf zurecht rückt.“

„Meinst du wirklich?“

„Klar. Außerdem ist das viel interessanter für uns, als wenn er so ein verhuschtes Ding bekommt, das zu jedem Ja und Amen sagt.“

„Du willst dich also über unseren besten Freund lustig machen?“ warf Heero Trowa vor.

Der zuckte nur mit den Schultern. „Ach, das kann er ab. Außerdem gönne ich es ihm ja wirklich, eine Frau zu finden. Er war lang genug allein.“

Plötzlich schob sich eine leichte Melancholie über die beiden Männer. Sogar Wing schien es zu spüren, denn der Rüde trottete zu seinem Herrchen und legte seinen Kopf auf dessen Knie.

Heero streichelte unbewusst über das dunkle Fell. „Ja, er ist schon verdammt lang allein.“ Der Gedanke an Meirans Tod war immer sehr schmerzhaft für Heero, denn seine Eltern waren in der gleichen Überschwemmung ums Leben gekommen. Das Hochwasser war eine wirkliche Katastrophe für die kleine Gemeinde gewesen.

„Ja, das ist er Heero. Und ich finde es gut dass er endlich über Meirans Tod hinweg kommt. Aber seien wir doch mal ehrlich. Nicht nur Wufei ist einsam. Und wir werden alle nicht jünger.“

Heero blickte seinen sonst so stoischen und beinah schweigsamen Freund erstaunt an. Was war denn heute mit Trowa los? Diese ganze Liebeszuggeschichte schien alle im Ort völlig aus der Bahn zu werfen und ließ jeden nur noch an Beziehungen denken. „Sag mir jetzt nicht, dass du einen Partner willst?“

„Wieso denn nicht?“ war die lakonische Antwort.

Heero zog seine Augenbrauen hoch. „Hier in Blackside?“ brachte er als Argument hervor.

„Ich hab lange darüber nachgedacht Heero. Wenn das mit uns zweien geklappt hätte, dann wären wir doch auch zusammen gewesen, hier in Blackside. Das hätten wir nicht geheim halten können. Und ich bin mir sicher, es hätte sich niemand daran gestört.“

Heero musste nachdenken. Aber er gab seinem Freund Recht. Es hätte sicher diverse dumme Witze gegeben. Und gerümpfte Nasen. Aber alles in allem waren die Leute aus Blackside eine eingeschworene Gemeinschaft. Sie mochten Trowa und Heero, weil beide von hier stammten, und eben einfach dazu gehörten. Und früher oder später hätten sie sie als Paar akzeptiert.

Heero war regelrecht erstaunt über diese Erkenntnis. Soweit hatte er früher nie gedacht. Aber es stimmte, da sie zum inneren Kreis gehörten, hätten die anderen sie akzeptiert. „Das stimmt zwar,“ gab er jetzt zu bedenken. „Aber was werden sie sagen, wenn du jemand anderes hierher holst? Mal davon abgesehen, dass ich mir nicht vorstellen kann wie du es dies schaffen kannst. Würden die Blacksider einen Mann aus der Stadt als deinen Partner akzeptieren? Oder würden sie nicht erst einmal sämtliche Vorurteile die sie haben ausgraben und euch das Leben zur Hölle machen?“

„Wie ich das schaffen kann? Was weiß ich Heero. Ich weiß nur eins. Es ist einsam auf meiner Farm. Ja, ich hab dich und Wufei, aber wir sind nur Freunde. Das ist toll, aber ich will mehr. Und ich will mehr, als alle paar Wochen in die Stadt zu fahren und dort jemand aufzureißen. Das ist nicht wirklich mein Ding. Ich will jemand, der sein Leben mit mir teilt, so kitschig das auch klingt. Es muss doch möglich sein, jemanden zu finden der nicht sofort Reißaus nimmt, nur weil ich nicht in der Stadt wohn.“

„Frag nicht mich. Es scheint verdammt schwierig zu sein, oder es würde diesen verdammten Liebeszug nicht geben.“

„Aber das zeigt doch nur, dass es Möglichkeiten gibt. Das man es vielleicht einfach versuchen muss. Und wieso beziehst du das ganze nur auf mich? Willst du denn niemanden finden? Willst du alleine bleiben?“

Heero patschte wieder auf den Kopf seines Hundes. „Selbst wenn es einen ‚Ball der einsamen Herzen’ für Schwule geben würde Trowa, dann glaub ich nicht, dass du dort jemanden finden würdest der zu dir passt.“ Heero schüttelte sich bei der Vorstellung. „Und was mich angeht. Ich bin nicht allein. Ich hab Wing. Ich brauch niemanden.“

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Duo warf einen letzten Blick in den Spiegel. Alles sah perfekt aus. Er hatte sich dem Anlass entsprechend etwas rustikaler gekleidet. Die schwarze Jeans saß perfekt und passte sehr gut zu den glänzenden Lederstiefeln die er sich vor einigen Wochen aus einer Laune heraus gegönnt hatte und dem schlichten roten Hemd.

Er sah zum anbeißen aus, wenn er das mal so unbescheiden erklären durfte. Natürlich würde es mitten im Nirgendwo niemanden geben der anbeißen würde, aber das bedeutete ja noch lange nicht, dass er sich schlecht kleiden sollte. Für einen kurzen Augenblick überlegte er, ob er den großen Cowboyhut aufsetzten sollte. Doch dann entschied er sich dagegen. Es war eine Sache sich rustikal zu kleiden. Eine völlig andere, auszusehen wie ein Trottel aus der Stadt der sich als Cowboy verkleidete.

„Duo, wie lange brauchst du noch?“ nörgelte Quatre aus dem Nebenzimmer.

Duo seufzte, sein blonder Freund wurde ungeduldig und schien keine weitere Verzögerung hinnehmen zu wollen. „Nur noch einen Augenblick, dann bin ich fertig.“

„Das hast du jetzt schon dreimal gesagt. Wir müssen jetzt wirklich los. Oder der Liebeszug fährt ohne uns ab.“

Duo warf seinen Zopf energisch nach hinten. Ihn würde es nicht wirklich stören, wenn dieser Zug ohne sie ins Nirgendwo fahren würde. Aber er wusste, dass er wirklich keine Chance hatte seinem Schicksal zu entkommen.

„Ich brauch nur noch ein paar Accessoires, dann kann es losgehen.“ Er blickte zu seinem Bett, wo schon alles bereit lag. Als erstes steckte er die Handschellen ein. Damit würde man zur Not eine von den durchgedrehten Kundinnen ruhig stellen können. In die andere Hosentasche steckte er ein Pfefferspray. Er war nicht gewillt irgendwelche Risiken einzugehen.

Er hätte auch noch gerne so ein Elektroschockgerät und eine Panzerweste gehabt, aber das würde er nicht an Quatre vorbeischmuggeln können. Er hoffte, dass das Pfefferspray ausreichen würde. Er holte noch einmal tief Luft, dann ging er in Richtung Nebenzimmer. Es gab jetzt kein Zurück mehr. Er würde mit dem Liebeszug in die Wildnis fahren. Und er konnte nur hoffen, dass die Verluste minimal blieben.



Kapitel 4


So langsam ging es auf dem Bahnsteig wie in einem überfüllten Taubenschlag zu. Wie in einem überfüllten, vollkommen chaotischen Taubenschlag, um genau zu sein. Innerhalb der letzten Viertelstunde hatte sich der Bahnsteig mit unheimlich vielen Frauen gefüllt. Duo traute seinen Augen kaum – und seinen Ohren – denn das aufgeregte Geschnatter ihrer Kundinnen übertönte sämtliche andere Geräusche im Bahnhof.

Duo blickte noch einmal über seine Schulter zurück in die Wagons des Liebeszugs. Alles sah perfekt aus. Ihre Vorgänger hatten für dieses Event nur einen normalen Zug bei der Bahngesellschaft angemietet. Aber Quatre war der Meinung gewesen, dass sie doch mehr Stil in die Sache bringen sollten. Und so hatten sie bei dem Museumsbahnverein eine alte Diesellok und wunderschön hergerichtete alte Wagons gemietet. Und von der Bahngesellschaft nur die Genehmigung eingeholt deren Schienennetz benutzen zu dürfen.

Unter dem Strich war es kaum teuerer gewesen, als das was ihre Vorgänger bezahlt hatten. Und auf der kurvenreichen Strecke waren sie auch nur unwesentlich langsamer. Aber im Gegensatz zu dem langweiligen Vorstadtszug der früher verwendet wurde, würden sie jetzt stilvoll in der ersten Klasse fahren. Die Wagons waren kitschig schön eingerichtet und außerdem spielten sie mit dieser Zugwahl auf die Tatsache an, dass es diesen Liebeszug schon mal vor 100 Jahren gegeben hatte. Im Grunde waren wohl die Geschichten von dem alten Liebeszug der Auslöser gewesen, diese Tradition wieder aufleben zu lassen.

In dem Moment kam Quatre aus dem kleinen, abgetrennten Kabuff – das wohl früher dem Schaffner als eine Art Arbeitsraum gedient hatte. Genau diesen Raum hatten Quatre und Duo zu ihrem Hauptquartier erkoren.

„Ich glaub wir sollten anfangen Quatre,“ erklärte Duo der ganz genau beobachtete, wie sich der Bahnsteig immer mehr füllte.

Quatre nickte kurz, dann klatschte er dreimal in die Hände. „Meine Herren, wir werden jetzt mit dem Einlass in die Wagons beginnen. Jeder von euch geht bitte zum ihm eingeteilten Wagon. Wie bereits besprochen, müsst ihr nicht nur die Eintrittskarten überprüfen, sondern bitte auch alle Taschen auf harte Alkoholika kontrollieren. Alles was über Sekt oder Wein hinausgeht wird bis zur Ankunft in Blackside konfisziert. Wenn eine der Damen protestiert, dann weist bitte auf unsere Geschäftsbedingungen hin, und darauf dass sie die Getränke ja nach der Zugfahrt wieder bekommen.“ Quatre strahlte absolutes Selbstbewusstsein aus, während er den 5 Männern die sie heute als Schaffner engagiert hatten noch einmal das ganze Prozedere erklärte.

Duo und Quatre hatten schon sehr früh für sich festgestellt, dass sie allein nicht in der Lage wären die Rolle als Zugbegleiter auszufüllen. Dazu wollten einfach viel zu viele Frauen mit dem Liebeszug nach Blackside. So hatten sie sich entschlossen noch ein paar Helfer vom der Museumseisenbahn als Schaffner zu engagieren. Jeder Wagon hatte jetzt einen Betreuer. Und dies würde ihnen beiden genug Zeit und Gelegenheit geben, währen der Fahrt als eine Art Animateur zur Verfügung zu stehen.

„Ok, dann kann es los gehen,“ erklärte Quatre noch einmal. Jeder von ihnen ging zu einer bestimmten Wagon Tür, und auf ein weiteres Zeichen – Quatre ließ auf einer Schaffnerpfeife ein fast markerschütterndes Geräusch erklingen – öffnete der Liebeszug seine Pforten.

Ein Raunen ging durch die wartende Menge. Danach war es für einen kurzen Augenblick still. Diesen Moment nutzte Quatre um über Lautsprecher ihre Kundinnen zu begrüßen. Duo musste ungewollt grinsen. Sein blonder Freund schien tatsächlich absoluten Spaß an dieser Aufgabe zu finden. Gar nicht schlecht dass zumindest einer von ihnen mit absolutem Enthusiasmus bei der Sache war. Nicht, dass sich Duo nicht auch ein wenig von der Begeisterung seines Freundes anstecken ließ.

Aber Duo hatte nicht genug Muße um darüber nachzudenken. Er ging auch zu einem der Eingänge und begann damit die aufgeregten Frauen in den Wagon einzulassen.

Dabei fiel ihm etwas sehr schnell auf. Die meisten Frauen hatten sich herausgeputzt als wenn sie zum Opernball gehen würden. Vielleicht nicht wirklich die beste Wahl, wenn man an die Lokalität dieser Feier dachte, aber eines konnte man zumindest sagen, sie hatten sich verdammt hübsch rausgeputzt.

Irgendwie widersprach das ein wenig dem Bild, dass sich Duo von den Frauen gemacht hatte, die es nötig hatten auf diese Art und Weise einen Mann zu finden. Er hatte fast erwartet nicht ganz so schöne Frauen zu treffen. Eher verzweifelte Mauerblümchen die nur so jemanden finden konnten.

Duo wurde klar, was für ein Vorurteil das war. Außerdem passte das ja auch gar nicht dazu, dass Q’s Schwester hierbei auch schon mitgemacht hatte. Und man konnte über Iria sagen was man wollte, aber sicher nicht, dass sie ein hässliches Entlein war.

Und so viele Verzweifelte schien es auch nicht zu geben. Die meisten der Frauen lachten und witzelten und warfen ihm Blicke zu, die ihm nur zu deutlich machten, wie sich das letzte Stück Schokoladentorte in einer Diätklinik vorkommen musste. Aber über ein paar ziemlich eindeutige Anmachsprüche gingen die Frauen nicht hinaus. Und trotz allem schien eher der Spaß im Vordergrund zu stehen. Alles in Allem gab es vielleicht doch Chancen den heutigen Abend zu überstehen ohne das Pfefferspray verwenden zu müssen.

Innerhalb kürzester Zeit hatten sich die Wagons gefüllt und anhand der eingesammelten Fahrkartenabschnitte konnten sie sehen, dass auch jede Frau an Bord war. Dies schien eines der wenigen Ereignisse zu sein, wo niemand zu spät kam.

Pünktlich konnten sie die Wagontüren schließen und dem Lokomotivführer ein Zeichen zum starten geben. Kaum fing der Zug an zu fahren, rollte beinah Ohrenbetäubender Jubel durch die Massen. Die Frauen lachten und schnatterten aufgeregt durcheinander.

Nachdem sie einige Augenblicke gefahren waren, schnappte sich Quatre das Mikrophon und begann seine kleine Begrüßungsrede. „Hallo Ladys. Willkommen im diesjährigen Liebeszug nach Blackside!“

Wieder grollte ein unbeschreiblicher Jubel durch die Sitzreihen. Die Frauen schienen fast außer sich, einige hüpften aufgeregt auf ihren Stühlen auf und nieder. So hatte Duo sich das ganze wirklich nicht vorgestellt. Das hier konnte leichter sein als befürchtet. Aber auch sehr viel schlimmer.

„Wie diejenigen die nicht zum ersten Mal bei diesem Event dabei sind vielleicht schon bemerkt haben, gibt es diesmal ein paar Veränderungen,“ erklärte Quatre weiter. Der Blonde war immer sehr gut bei so was. Auf seine höfliche, aber dennoch sehr bestimme Art schaffte er es immer wieder, dass ihm die Menschen bildlich gesprochen aus der Hand fraßen.

„Wir konnten diesmal diesen wunderschönen, originalgetreuen Zug für diese Fahrt mieten. Bitte achtet auf die Wagons. Das ist auch einer der Gründe wieso wir leider den harten Alkohol kurzfristig beschlagnahmen mussten. Aber keine Angst, ihr bekommt alles in Blackside wieder,“ und wirklich, Quatres sanfte Stimme schien auch diesmal wieder zu punkten, denn es gab nicht den geringsten Protest.

„Wir werden in ca. zwei Stunden Blackside erreichen. Rechtzeitig zum Beginn des Balles um 19:00. Und wie in den letzten Jahren wird der Zug um acht Uhr morgen früh wieder zurück fahren. Für diejenigen unter euch die nicht durchfeiern wollen, haben wir drei Schlafwagen dabei. Diese Wagons stehen euch allen zur Verfügung.“

Bei dieser Aussage gab es erneuten Jubel. Nicht zu unrecht wie Duo fand, denn die Idee mit den Schlafwagen war wirklich nicht die schlechteste. Wenn es in den letzten Jahren immer wieder einen Kritikpunkt gegeben hatte, dann von Frauen, die nicht die ganze Nacht durchfeiern wollten. Und dann mitten im Nirgendwo ohne ein Hotel oder Pension – bis zum nächsten Morgen hatten durchhalten müssen.

Abschließend erklärte Quatre noch ein paar Kleinigkeiten über den Ablauf auf dem Ball. So würde z.B. das Barbecue sofort gestartet werden wenn der Zug Blackside erreichte. Auch das alle Getränke auf dem Ball im Preis für die Eintrittskarten schon enthalten waren, ließ die Stimmung höher schlagen. Und das die Laufstegshow schon um 19:30 losgehen würde.

Duo schüttelte sich bei dem Gedanken. Knapp 100 Männer aus Blackside und Umgebung wollten sich auf dem Laufsteg präsentieren. Die ultimative Fleischbeschau. Sie hatten die Show extra früh angesetzt, damit die Stimmung nicht schon zu ausgelassen war, bevor das überhaupt anfangen konnte. Die armen Männer. Andererseits, niemand hatte sie gezwungen sich dafür freiwillig zu melden.

Die Fahrt verlief dann in etwa so, wie Duo es erwartet hatte. Es ging hoch her in den Sitzreihen. Die Stimmung war noch fröhlich, aber trotzdem schon ziemlich ausgelassen. Wie sollte das erst werden, wenn sie tatsächlich in Blackside angekommen waren?

Er bekam auch immer mehr Blicke zugeworfen, die seinen Fluchtinstinkt alarmierten, immer wieder fühlte er sich wie das letzte Schokoladentörtchen.

Er und Quatre patrouillierten die Gänge entlang und beantworteten immer wieder neue Fragen und zeigten dabei ihr bestes Lächeln. Immerhin waren sie Profis. Als Duo aber zum dritten Mal in den Hintern gekniffen wurde, fand er es an der Zeit mal eine kurze Pause zu machen.

Hastig verließ er – unter breitem Gejohle der Gäste – den Wagon. Er hatte eigentlich vorgehabt, sich zu ihrem kleinen Hauptquartier durchzukämpfen, aber als er den Wagon verlassen hatte, realisierte er, dass zwischen diesem Wagon und dem nächsten eine Art Balkon existierte. Nicht das dies ein Problem darstellte, immerhin war er vorhin auch schon zwischen den zwei Wagons gewechselt. Aber die Tatsache, dass er sich jetzt draußen befand ließ ihn kurz innehalten. Er atmete tief durch, während die Landschaft langsam und zum Greifen nahe an ihm vorbei rauschte. Dieser Platz war fast noch besser als das Kabuff das sie Hauptquartier nannten.

„Machen Sie eine Pause vom Hühnerhaufen?“ ertönte eine sanfte, aber dennoch leicht genervte Stimme.

Duo drehte sich verwundert um und erblickte auf der anderen Seite des Balkons eine Frau, die er seltsamerweise vorher übersehen hatte. „Ich brauchte etwas frische Luft,“ antworte er und setzte sofort sein geschäftliches Lächeln auf. „Und Sie?“

„Ich auch,“ erklärte sie. Hob dabei aber ihre linke Hand, so dass Duo die Zigarette zwischen ihren Fingern sehen konnte.

„Rauchen schadet der Gesundheit, Ma’am,“ witzelte er.

Die Frau rollte mit ihren Augen. Dabei wurde Duo erst bewusst was für ungewöhnliche Augenbrauen sie hatte. Neben den mehr als ungewöhnlichen Augenbrauen hatte sie langes weißblondes Haar, für das wohl so manche Frau vieles gegeben hätte. Und sie trug ein unheimlich eng anliegendes rotes Kleid, dass ihre Kurven mehr als zur Schau trug, und von dem Duo vermutete, dass er es vor einigen Wochen auf dem Cover einer der Modezeitschriften seiner Schwester gesehen hatte.

„Also angesichts der Tatsache, dass ich mich im Liebeszug nach Blackside befinde sollte ich vielleicht noch ein paar Zigaretten mehr rauchen. Könnte den Schmerz verringern,“ meinte die Frau ironisch. Dann lachte sie einmal trocken auf. „Nichts für ungut.“

Duo musste unbewusst schmunzeln. Endlich jemand, der von diesem Liebeszug genauso viel hielt wie er. Das machte ihm die Frau gleich ungemein sympathisch. „Ganz meiner Meinung,“ erklärte er deshalb verschwörerisch. „Übrigens, ich bin Duo,“ er reichte ihr seine Hand.

„Dorothy,“ antwortete die blonde Frau, warf ihre Zigarette über die Balustrade und schüttelte Duos Hand. Dabei konnte Duo ziemlich genau die edlen Schmuckstücke sehen, die sie an ihren Fingern und um ihr Handgelenk trug.

Duos Neugierde war geweckt. Was machte diese klasse Frau hier in diesem Zug? Wenn das Kleid und der Schmuck echt waren, dann könnte sie es sich wahrscheinlich leisten den ganzen Zug zu kaufen. Was wollte sie in Blackside? Sie war garantiert keine von den verzweifelten die einen Mann finden wollten, aber sie wirkte auch nicht wie diejenigen, die sich aus der ganzen Sache einen Spaß machten. „Ich möchte Ihnen ja nicht zu nahe treten Dorothy. Aber was machen Sie hier?“ fragte er deshalb ziemlich frei von der Leber weg.

„Bin ich so offensichtlich?“ erwiderte sie.

Duo grinste. „Nun Dorothy, Sie wirken wie eine Frau von Welt. Wie eine Frau, die es nicht überleben würde, mehr als drei Tage nicht in eine Luxus Schuhboutique zu gehen. Hab ich nicht recht?“ Auf Dorothys amüsiertes Lächeln sprach Duo weiter. „Also, was zum Geier treibt Sie nach Blackside?“

Die Blonde Frau lachte laut auf. „Du kannst mich ruhig duzen, wo du mich schon so gut durchschaut hast. Ich bin im Liebeszug aus Familiengründen.“

Jetzt war es an Duos Stelle die Augenbrauen zu heben. „Familiengründe?“ echote er.

Dorothy fuchtelte mit ihrer Hand in Richtung des Wagoninneren. „Ist dir beim Weg durch die Sitzreihen eine große Pinke Zuckerwatte aufgefallen?“

Duo runzelte mit der Stirn, doch dann drehte er sich um und blickte zurück. Und tatsächlich konnte er von hier eine Frau erkennen die über und über in pinken Tüll gehüllt war. Sie hatte blonde Haare und saß allein in ihrer Sitzreihe. Anders als die anderen Frauen im Wagon schien sie aber keinen Spaß zu haben. Sie lachte nicht und schwenkte auch keine Sektflasche. Stattdessen hatte sie ein paar Prospekte fest an die Brust gedrückt. Duo schätzte sie sofort als eine von den Verzweifelten ein.

„Das, ist meine Cousine Relena,“ erklärte Dorothy und steckte sich eine weitere Zigarette an. „Ich bin mitgekommen um etwas auf sie aufzupassen.“

„Was ist ihr Problem?“ fragte Duo ohne groß darüber nachzudenken. Er wusste dass dies eine ziemlich blöde Frage war. Immerhin warum sollte jemand ein Problem haben, nur weil sie im Liebeszug saß. Aber der fast grimmige Gesichtsausdruck und die Wahl der Kleidung ließen Duo unbewusst schlucken.

„Problem,“ lachte Dorothy. „Das trifft es ziemlich genau. Weißt du Duo, meine Cousine ist einfach durchgeknallt. Nicht lebensfähig oder wie du es auch immer ausdrücken willst. Anstatt ihr Leben zu genießen stürzt sie sich von einem Fiasko ins andere. Immer will sie die Welt verändern. Erst war es der Umweltschutz, dann die Friedensbewegung jetzt ist es Esoterik. Ich will ja nicht sagen dass es falsch ist sich zu engagieren. Aber sie tut es aus den falschen Gründen. Wie gesagt, nachdem sie feststellen musste, dass sich die Welt nicht nach ihrem Willen beugt hat sie sich einem neuen Projekt verschrieben. Sie will eine Familie. Und eine Wahrsagerin hat ihr erklärt, dass sie ihren Traumprinzen auf dem Land finden wird. Und so sind wir hier im Liebeszug gelandet. Sie hat schon alles für die Hochzeit geplant, sogar schon alle Papiere beisammen. Wenn sie einen Dummen findet, dann wird sie ihn innerhalb der nächsten Woche vor den Altar zerren. Wahrscheinlich bevor dem Ärmsten aufgeht welche Dampfwalze ihn da gerade überfährt. Ich bin hier um das schlimmste zu verhindern.“

„Oh,“ war alles was Duo da sagen konnte. Er bedauerte den armen Kerl jetzt schon.

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„Was ist das?“ fragte Heero erstaunt, als Wufei ihm eine Tafel mit der Zahl 21 in die Hand drückte.

Es war Samstagabend und nur noch knapp eine Stunde würde sie von diesem schrecklichen Ball der einsamen Herzen trennen. Sie hatten sich alle in Trowas Haus versammelt um dann gemeinsam in die Stadt zu fahren.

Heero gefiel es immer noch nicht, aber er würde sich seinem Schicksal nicht mehr erwehren. Vielleicht war Trowas Sicht der Dinge ja doch die beste Idee. Vielleicht könnte er dem Abend ja doch etwas Spaß abgewinnen. Immerhin gab es was zu essen, das nicht er selbst zubereitet hatte und die Getränke waren auch umsonst. Vielleicht war sogar die Musik in Ordnung. Er musste einfach nur daran denken, dass anders als all die anderen armen Kerle auf dem Ball, er niemanden beeindrucken musste.

Aus diesem Grund hatte er sich auch nicht sonderlich fein gemacht für heute Abend. OK, er trug eine schwarze Stoffhose und ein kobaltblaues Hemd, das seine Augen betonte, aber anders als Wufei hatte er sich nicht in ein Sakko geworfen. Das würde noch fehlen soviel Aufheben um den Liebeszug zu machen.

„Das ist deine Startzahl für die Laufstegshow,“ erklärte Wufei leichthin.

Heero, der gerade eine Colaflasche an den Mund angesetzt hatte, verschluckte sich fast. „Für die was?“ fragte er ungläubig.

„Na für die Laufstegshow. Ich hab uns alle angemeldet. Diejenigen die bei der Show mitmachen haben die besten Chancen eine der Frauen abzubekommen. Das ist eine Tatsache.“

„Wie läuft das ab?“ fragte Trowa der auch eine Tafel in der Hand hielt.

„Jeder von uns geht einmal den Laufsteg auf und ab. Dabei wird ein Sprecher ein paar Einzelheiten zur Person verkünden. Das ist der perfekte Einstieg. So wissen die Frauen schon wie man heißt.“

„Welche Einzelheiten?“ fragte Heero vorsichtig.

„Na die, die ich bei der Anmeldung angegeben hab. Keine Angst Freunde, ich hab euch im besten Licht erscheinen lassen. Und jetzt lasst uns gehen, wir kommen sonst noch zu spät.“

„Hn,“ grummelte Heero. Dann seufzte er tief und folgte seinen Freunden zu seinem Auto. Irgendwann und irgendwie würde er das Wufei heimzahlen müssen. Soviel stand fest.