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Drei Haseln?sse f?r Duo

Teil 1


Lady Agatha Maxwell trat auf den Wehrgang hinaus der in Höhe des ersten Stockes einmal um den gesamten Innenhof reichte und blickte aufgeregt auf das Treiben dort hinab. Überall liefen Dienstboten durch den Schnee und gingen verschiedensten Tätigkeiten nach. Nirgendwo konnte sie auch nur eine einzige Person entdecken die nicht geschäftig wirkte.

Und das war auch gut so! Schließlich kam es nicht jeden Tag vor dass der König ihrem kleinen, zu Lady Agathas großem Bedauern doch recht unbedeutenden Gut einen Besuch abstattete. Genauer gesagt, kam es nur ein einziges Mal im Jahr vor, und zwar immer dann wenn der König auf dem Weg zu seiner Winterresidenz einen kurzen Halt hier einlegte.

Dass er überhaupt hier anhielt statt einfach durchzufahren - das Winterschloss war gar nicht mehr so weit von hier entfernt als dass sich ein Stop wirklich lohnen würde - diese Tatsache verdankte Agatha ihrer Vorgängerin. Nicht dass sie das jemals laut zugegeben hätte - wenn möglich vermied es Agatha überhaupt jemals über ihre Vorgängerin, die frühere Lady Maxwell zu sprechen oder gar an sie zu denken.

Mit Argusaugen beobachtete Agatha die Vorgänge unter ihr. Es musste einfach alles perfekt sein dieses Jahr! Sie durfte sich keine Fehler leisten - viel zu viel stand einfach auf dem Spiel! Schließlich wollte Agatha nicht den Rest ihres Lebens hier verbringen. In Ordnung, das kleine Gut versorgte sie recht ordentlich, es fehlte ihr an nichts wesentlichem, im Gegenteil sie konnte auch in moderatem Luxus schwelgen, aber das waren eben nur die Grundlagen! Eine Frau ihres Standes konnte doch wohl ein wenig mehr vom Leben erwarten als nur das!

"Leg das sofort zurück!" rief Agatha mit lauter, befehlsgewohnter Stimme als sie sah wie einer der Küchenjungen sich ein Brötchen von einem Tablett schnappen wollte. Agatha zog ihren Pelz enger um sich zusammen. Das wäre ja noch schöner wenn der König vor halb abgegessenen Platten stehen müsste! Der Junge zuckte zusammen, zog die Hand zurück und lief aus Angst vor einer wohlverdienten Strafe schnell davon.

Gerade als er die Küchentür erreichte öffnete diese sich von innen und jemand kam heraus. Der Küchenjunge hielt jedoch nicht an, noch nicht einmal als der andere, der einen großen Eimer voller Asche in den Händen trug, von ihm angerempelt zu Boden ging. Der junge Mann der in der riesigen Aschewolke fast unterging warf sofort einen schuldbewussten Blick in Agathas Richtung.

Agatha schüttelte den Kopf. Natürlich, dieser Tollpatsch von einem Jungen. Wer sonst?

"Natürlich Duo," sagte in diesem Moment ihre Tochter Relena an ihrer Seite. "Wer denn sonst."

"Und jeden Augenblick kann Majestät hier erscheinen," erwiderte Agatha empört. Dann beugte sie sich leicht vor und rief, "Beeilt euch ihr Faulenzer!"

Doch natürlich war bloßes Antreiben nicht genug. Diese Nichtsnutze würden garantiert nichts zu ihrer Zufriedenheit erledigen, wenn sie es nicht persönlich überprüfte. Und so stieg Agatha die Treppe hinab und begab sich direkt hinunter in den Hof, um die Dienstboten ein wenig mehr zu scheuchen. Mit Relena an ihrer Seite gab sie letzte Befehle, rügte wenn wieder einmal irgendetwas nicht klappte und trieb alle an sich zu beeilen.

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Duo beobachtete unter seinen langen Ponyfransen versteckt wie seine Stiefmutter über den Hof schritt und rechts und links Befehle verteilte während er versuchte die ganze Asche wieder aufzukehren. Es war doch jedes Jahr dasselbe. Jedes Jahr hoffte sie dass ihre Tochter diesmal dem König ins Auge fallen und dann an den Hof eingeladen würde. Beziehungsweise, dem Prinzen auffallen. Zumindest lief das so ab seit Relena 16 Jahre alt geworden und somit ins heiratsfähige Alter gekommen war. Lady Agatha schien all ihr Hoffen und Streben auf eine gute Partie ihrer Tochter Relena auszurichten, und wehe dem der ihr dabei in die Quere kam!

Duo seufzte leise. Bisher waren Agathas Pläne nicht wirklich aufgegangen, und aus irgendeinem Grund schien sie die Schuld dann immer bei ihm, Duo, zu suchen. Dabei machte Duo sich doch schon seit Jahren möglichst rar wann immer das Königspaar ihren Hof aufsuchte. Wie also konnte es seine Schuld sein wenn der König Relena nicht ins Schloss einlud?

Doch Logik hatte sowieso nicht allzu viel mit Agathas Verhalten Duo gegenüber zu tun. Duo seufzte erneut. Dann warf er einen schnellen Blick in die Runde. Ah, gut, seine Stiefmutter war gerade damit beschäftigt Relena wieder einmal zu verhätscheln. Obwohl das Mädchen in mehr Pelze gehüllt war als all die anderen Leute auf dem gesamten Hof zusammen, wurde sie soeben von ihrer Mutter ins Haus geschickt damit sie sich nicht erkältete.

Duo schüttelte den Kopf. Er selbst trug nur eine dünne Leinenhose, ein dünnes Leinenhemd und eine Weste, aber keiner schien sich Sorgen zu machen dass er sich erkälten könnte. Nicht dass er wirklich fror, aber das lag wohl mehr daran dass er so viel zu tun hatte und ständig in Bewegung war. Wenn er natürlich wie Relena nur faul herumstehen würde wäre ihm vermutlich auch kalt.

Aber egal. Da die Aufmerksamkeit seiner Stiefmutter im Moment etwas anderem galt drehte Duo sich um, stellte den Eimer an die Seite und huschte in Richtung des Stalls. Die Asche war zwar noch nicht vollkommen weggekehrt, aber besser ging es nicht. Außerdem bezweifelte er es doch stark dass der König dieses Jahr so lang bleiben würde, um weit genug in das Gut vorzudringen um die letzten Reste der verstreuten Asche überhaupt zu bemerken. Falls bis dahin nicht sowieso alles zugeschneit wäre.

So unauffällig wie möglich öffnete Duo die Tür zum Pferdestall, warf einen letzten Blick in die Runde und eilte dann hinein.

Im Inneren des Stalls war es angenehm warm, und Duo merkte jetzt doch wie kalt es draußen tatsächlich gewesen war. Mit ein paar raschen Schritten eilte er nach hinten zur letzten Box in der ein wunderschöner pechschwarzer Hengst stand.

Mit einer Hand auf dem Rücken des Pferdes, um es nicht mit seinem plötzlichen Auftauchen zu erschrecken, lief Duo nach vorne in die Box.

"Shinigami, mein Guter," murmelte Duo während er den Kopf des Pferdes streichelte. "Hier, ich hab dir was zum Naschen mitgebracht," sagte er und holte ein Stück Zucker aus seiner Hosentasche. "Weißt du noch wie ich dich von Vater geschenkt bekommen habe?"

Duo seufzte schwer und lehnte sich an Shini. Sein Vater hatte ihm das Fohlen ein Jahr vor seinem Tod geschenkt, und so war das Pferd mehr als nur ein Pferd für ihn. Es war ein Freund, einer der wenigen die er noch hatte, und wann immer Duo irgendetwas auf dem Herzen hatte kam er hierher und erzählte es Shinigami. Sicher, das Pferd konnte ihm nicht antworten, aber es konnte Duos Geheimnisse mit Sicherheit auch nicht ausplaudern. Und das war schon viel wert seit sein Vater tot war.

Shinigami hatte den Zucker inzwischen aufgegessen und schubste Duo auffordernd mit dem Kopf. Duo schreckte aus seinen Gedanken und lächelte Shini an. "Sei nicht böse," sagte er. "Ich würde ja gerne mit dir ausreiten. Aber du weißt doch wir dürfen nicht." Die Ausritte auf Shinigami waren fast das erste gewesen was Duos Stiefmutter ihm verboten hatte.

Nicht dass Duo sich wirklich daran gehalten hatte - zumindest nicht wenn Lady Agatha es nicht mitbekam. Shinigami brauchte Auslauf, und Duo verschaffte ihm so viel Bewegung wie er nur konnte.

Ein kleines abfälliges Lächeln legte sich auf Duos Gesicht als er daran dachte wie Relena vor ein paar Jahren versucht hatte Shinigami für sich zu beanspruchen. Das war einer der Momente den er sein Leben lang nicht vergessen würde. Shini war brav und stocksteif wie eine Statue dagestanden als der Stalljunge ihn gesattelt hatte, aber sobald Relena in den Sattel geklettert war hatte das Pferd sie in hohem Bogen abgeworfen. Dreimal. Das Gesicht seiner Stiefschwester würde Duo sicherlich niemals wieder vergessen.

Duo gab Shinigami einen kleinen lobenden Klaps. Shinigami war nun mal kein zahmes Reitpferd für eine verwöhnte Dame. Er war ein Pferd für die Jagd, für schnelle Ritte quer durchs Gelände. Er benötigte einen sicheren Reiter der genau wusste was er tat. Eigentlich… Duo dachte einen Moment nach. Eigentlich war er selbst der einzige den Shinigami auf seinem Rücken duldete.

"Alles ist hier aus dem Häuschen," erklärte Duo dem Rappen. "Sie erwarten den König." Er streichelte noch ein letztes Mal über den Hals des Pferdes und verließ dann die Box. "Aber wenn ich mit der Arbeit fertig bin, komm ich wieder, ja?" Und mit diesen Worten huschte Duo wieder aus dem Stall.

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Lady Agatha Maxwell war inzwischen zum Eingangstor des Gutes geschritten. Sie hielt es vor Aufregung nicht mehr aus. Jeden Augenblick würden der König und sein Gefolge kommen und im Hof sah es einfach furchtbar aus. Eben hatte der Hirtenjunge sogar noch vier Schweine mitten über den Hof gescheucht. War sie denn nur von Idioten umgeben? Oder wollten ihre Angestellten sie vielleicht extra vor dem König in Misskredit bringen? Fast sah es so aus, denn im Moment wirkte das Gut eher wie ein unaufgeräumter Schweinestall. Sie würde diesen Nichtsnutzen heute Abend schon noch Saures geben. So ließ sie sich nicht behandeln und sie würde ihnen noch beibringen ihre Anweisungen nicht aufs Wort Folge zu leisten!

"Maier, kommen sie noch nicht?" fragte sie ihren Vorarbeiter der direkt am Tor stand.

"Hänschen, siehst du sie?" rief der Mann daraufhin zu einem Jungen, der in die Krone eines Baumes geklettert war um von dort aus den besten Überblick zu haben.

"Nöh," rief der Junge ziemlich respektlos zurück.

Der Vorarbeiter verbeugte sich vor Lady Agatha und sagte, "Herrin, es ist noch niemand zu sehen."

Agatha schnaubte. Einerseits war es vielleicht nicht schlecht, dass der König ein wenig verspätet war, so hatten sie vielleicht doch noch genug Zeit zumindest die größte Unordnung im Hof zu beseitigen. Andererseits hasste Lady Agatha es, wenn ihre Pläne nicht aufgingen. Und eine Verspätung konnte natürlich auch bedeuten, dass der König weniger Zeit für seinen Besuch bei ihr aufbringen konnte. Weniger Zeit in der ihr Engel ihm auffallen konnte. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als dass Relena endlich eine Stellung am Königshof bekommen würde. Als Hofdame hatte sie dann sicherlich die beste Gelegenheit eine vorteilhafte Partie zu finden. Vielleicht sogar dem Königssohn zu gefallen.

Natürlich war es eher ungewöhnlich, dass jemand von so geringem Adel wie sie an den Hof berufen wurde. Das musste Lady Agatha schon zugeben, so ungern sie auch daran dachte, dass sie nur einfache Landadelige waren. Aber immerhin besuchte der König ihren Hof einmal im Jahr. Das war schon eine besondere Ehre. Eine Ehre, die keinem anderen Adeligen in der Gegend gestattet wurde. Da konnte sie doch auch von mehr träumen, oder? Schließlich hatte es ihr Engel - und natürlich auch sie - mehr als verdient.

Lady Agatha schnaubte einmal dann befahl sie dem Vorarbeiter, "Maier, ich erwarte sofort bescheid, wenn sie am Waldrand auftauchen."

"Jawohl Herrin," der Mann verbeugte sich wieder. Von all ihren Dienstboten war er derjenige der ihr am wenigsten Probleme machte. Einer der Gründe, wieso sie ihn überhaupt erst zum Vorarbeiter gemacht hatte. Howard, der es früher gewesen war, hatte ihr andauernd Widerworte gegeben. So etwas hatte sich vielleicht ihr verstorbener Mann von Untergebenen gefallen lassen, aber nicht Lady Agatha.

Sie drehte sich wieder um und wollte gerade zurück in die Mitte des Hofes, als ein lautes Krachen sie innehalten ließ. Unbewusst erschien ein kleines Lächeln auf ihrem Gesicht. Das klang ganz danach, als hätte einer ihrer Dienstboten etwas fallen gelassen. Das würde er noch bereuen. Und Lady Agatha würde dadurch ihre angespannten Nerven beruhigen können.

Mit schnellem Schritt eilte Lady Agatha in die Küche, von der das laute Klirren gekommen war. Dort angekommen sah sie wie einer der Küchenjungen auf dem Boden kniete, vor ihm ein großer Scherbenhaufen. Die Köchin schlug ihm mit einem Handtuch auf die Schultern und murmelte etwas wie, "Du bringst mich noch einmal ins Grab, du Tollpatsch."

Lady Agatha nahm die Szene die sich ihr darbot genüsslich in sich auf. Dann griff sie ohne große Worte zu der Neunschwänzigen Peitsche, die sie extra neben der Tür aufgehängt hatte. Sie würde diesem Jungen schon lehren ihren Besitz zu zerstören. Wenn sein Rücken erst einmal blutig geschlagen war, würde er es sicherlich nie wieder wagen.

Langsam und bedrohlich ging sie auf den Jungen zu, ließ ihn dabei die Peitsche ganz genau in Augenschein nehmen. Er schaute sie mit großen Augen an und schluckte schwer. Lady Agatha lächelte wieder leicht.

Plötzlich huschte Duo an die Seite des Jungen, kniete sich ebenfalls nieder und begann damit die Scherben in ein Küchentuch aufzulesen.

Lady Agatha war ein wenig verwirrt. Sie hätte Stein und Bein schwören können, dass der Küchenjunge der Übeltäter war. Aber wieso sollte ihr Stiefsohn sich dann um das aufräumen kümmern? "Wer war das?" fragte sie deshalb bedrohlich.

"Seid nicht böse, Herrin," warf die Köchin in diesem Moment ein. "Es war die Schüssel die sowieso schon einen Sprung hatte."

"Danach habe ich nicht gefragt," herrschte Lady Agatha die Köchin an. Dann hob sie mit der Peitsche das Kinn des Küchenjungen an. Sie würde schon noch ihre Antwort bekommen, so wahr sie Lady Agatha Maxwell war.

Doch es war nicht der Küchenjunge der seinen Mund öffnete sondern Duo. "Mutter, ich war es. Ich bitte Euch um Verzeihung," erklärte er mit einem unterwürfigen Blick, von dem Lady Agatha ziemlich sicher war, dass er nur gespielt war. Nur leider konnte sie Duo niemals etwas nachweisen.

Grummelnd zog sie die Peitsche zurück, sie würde sie nicht für Duos Bestrafung benutzen können. Er war immerhin noch ihr Stiefsohn und nicht einer der Dienstboten.

"Hmmpft," sagte Lady Agatha. "Ich weiß wahrhaftig nicht, ob du wirklich so ungeschickt bist, oder alles nur zum Trotz machst," erklärte sie ihrem Stiefsohn. Er machte seinem Namen wirklich Ehre. Bereitete immer Ärger für zwei.

"Ihhh," sagte sie, als sie ein paar ascheverschmutzte Haarsträhnen von Duo über seine Schulter nach hinten schob. Es war einfach unglaublich wie dreckig er immer herumlief. "Dein Vater hat mir mit dir eine schöne Erbschaft hinterlassen," ätzte sie. "Na ja, wie der Vater so der…"

"Lasst Vater aus dem Spiel," begehrte Duo auf. "Immerhin habt Ihr von ihm das ganze Gut bekommen."

Lady Agatha atmete tief ein. "Wie sprichst du denn mit mir?" Wie konnte dieser undankbare Junge es nur wagen sie so zu behandeln! Aufgeregt ging sie ein paar Schritte auf und ab. "Aber das du es nur weißt, die Zeiten sind jetzt endgültig vorbei, da dein Vater mit dir durch die Wälder geritten, dich mit der Armbrust hat schießen lassen und dich noch allerlei andere Dummheiten gelehrt hat! So als wärst du ein Edelmann! Für so einen Unsinn haben wir kein Geld mehr übrig! Du musst dein Auskommen jetzt erarbeiten, kannst nicht mehr auf der faulen Haut liegen! Also kümmere dich um die Asche im Herd! Und zu diesem Teufelspferd darfst du auch nicht mehr! Nicht auf zehn Schritte!"

Duo sah sie nur mit großen Augen an, wagte es allerdings nicht zu protestieren. Doch Lady Agatha schien diese Strafe noch lange nicht genug. In dem Moment ging eine der Mägde mit einer großen Schale getrockneter Erbsen an Lady Agatha vorbei. "Gib mal her," herrschte sie die Magd an. Dann nahm sie die Schale und ging zu dem Eimer mit Asche der auf der Herdbank stand. Mit einem genüsslichen Lächeln ließ sie die Erbsen langsam in den halb gefüllten Eimer rieseln. "Bis Mittag wirst du die Erbsen herauslesen und dann kommst du um mich um Entschuldigung bitten," erklärte sie ihrem widerspenstigem Mündel. Sie hob den Eimer an und rüttelte daran um die Erbsen so richtig schön mit der Asche zu vermengen.

"Ich werde dir schon deinen Stolz und deinen Trotz austreiben," sagte sie voller Vorfreude. "Und wehe du lässt dich blicken, wenn der Königszug vorbei kommt!"
Nach dieser letzten Anweisung drehte sich Lady Agatha um und verließ mit hoch erhobenem Haupt die Küche.

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Duo starrte seiner Stiefmutter hinterher. Das war ja mal wieder typisch. Sie spielte sich hier wie die große Herrin auf und beleidigte nebenbei noch seinen Vater. Und das wo Vater sie doch immer als etwas besonders behandelt hatte. Schließlich hatte er ihr und nicht seinem einzigen Sohn das Gut vermacht. Aber diesen Gedanken schüttelte Duo so schnell wie möglich ab. Sein Vater hatte sicher einen guten Grund dafür gehabt. Schließlich hatte er ihn geliebt.

Seufzend schnappte sich Duo den schweren Eimer, wo seine Stiefmutter die Erbsen reingeschüttelt hatte. Irgendwie war das eine ihrer liebsten Arten ihn zu bestrafen. Wahrscheinlich weil sie sich nicht traute, ihn wie einen der Dienstboten zu schlagen. Und weil sie wusste, dass Duo solche Friemelarbeiten nicht leiden konnte.

John, der Küchenjunge, den Duo vor einer unverhältnismäßig schweren Strafe gerettet hatte, kam verlegen auf ihn zu und sagte, "Dankeschön Duo." Dann zeigte er auf den Eimer, den Duo inzwischen in den Armen trug. "Darf ich dir dabei helfen?"

Duo schüttelte schnell den Kopf. Dabei konnte er wirklich keine Hilfe gebrauchen.

Die Köchin mischte sich ein, "Ach und ich bleib dann am Herd allein. Wo heute doch wegen dem Königszug soviel gekocht werden muss. Schlimm genug, dass Duo die nächsten Stunden ausfällt."

John senkte darauf seinen Kopf und verschwand ganz schnell in seine Ecke. Duo schaute ihm noch kurz hinterher.

Die Köchin blickte Duo entschuldigend an. Duo wusste ganz genau, dass sie trotz ihrer oft recht rauen Schale eine derjenigen auf dem Hof war, die ihn wirklich gern hatte und so oft es ging auch vor Lady Agatha in Schutz nahm. "Nimm es dir nicht zu sehr zu Herzen, Duo," versuchte sie ihn sogar jetzt zu trösten. "Sie ist eben nur deine Stiefmutter und nicht deine richtige."

Duo seufzte. Genau damit hatte er auch schon oft versucht sich zu trösten, aber es hatte nie ausgereicht. "Vater hat Relena genauso lieb gehabt wie mich, als er noch lebte." Und wenn sein Vater zwischen seiner Stieftochter und seinem Sohn keinen Unterschied gemacht hatte, wieso konnte es Lady Agatha nicht auch? Er verlangte ja gar nicht viel, er wollte ihr noch nicht einmal das Gut streitig machen. Aber da Duo sich kaum noch an seine eigene Mutter erinnern konnte, wäre es schon schön gewesen, wenn Lady Agatha noch etwas anderes als Abscheu ihm gegenüber empfinden würde.

"Ich geh dann mal die Erbsen aussortieren. Das mach ich am besten in meinem Zimmer," verkündete er laut. "Damit ich nicht gestört werde." Dabei zwinkerte er der Köchin zu.

Sie war die einzige die sein kleines Geheimnis kannte und deshalb zwinkerte sie zurück.

Danach ging Duo zusammen mit dem Ascheimer aus der bevölkerten Küche. Er wusste echt nicht, was seine Stiefmutter antrieb ihm immer wieder diese vollkommen sinnlose Strafe aufzudrücken, aber sie konnte nicht besonders schlau sein, wenn sie wirklich davon ausging, dass er die nächsten Stunden damit verbringen würde die Erbsen aus der Asche zu sortieren.

Duo musste bei dem Gedanken sogar grinsen. Im Grunde hatte Lady Agatha mit der Strafe dafür gesorgt, dass er die nächsten Stunden frei hatte. Vorsichtig ging er mit dem schweren Eimer die Treppe zu seinem Zimmer hinauf. Den Inhalt des Eimers würde er nach Einbruch der Nacht auf dem Komposthaufen entsorgen. Und kurz bevor er nachher zu seiner Stiefmutter gehen und um Verzeihung bitten würde, würde er einen kurzen Abstecher in den Vorratsraum machen - er hatte sich vor Ewigkeiten mal einen Schlüssel beschafft. Dann brauchte er nur noch ein wenig Asche in die neue Schüssel mit Erbsen rieseln lassen und niemandem würde auffallen, dass er nicht stundenlang daran gesessen hatte.

Das mit der Asche hatte er das erste Mal, als Lady Agatha ihm diese Aufgabe gegeben hatte vergessen. Und natürlich war der Köchin sofort aufgefallen, dass die Erbsen viel zu sauber waren. Sie hatte ihm damals nur einen schmunzelnden Blick zugeworfen und ihm geraten noch ein bisschen Asche draufzustreuen. Diesen speziellen Fehler hatte Duo danach nie wieder gemacht. Und jetzt konnte er auch sicher sein, dass es der Köchin nicht wirklich auffallen würde, dass hin und wieder kleine Mengen von Lebensmitteln aus der Vorratskammer verschwanden.

In seiner Kammer angekommen, stellte Duo den Eimer sofort auf den Boden. Er hatte jetzt ein paar Stunden Zeit und die würde er nutzen um endlich mal wieder mit Shinigami auszureiten. Darauf freute er sich schon seit Tagen.

Aber er musste vorsichtig sein. Da Lady Agatha auf die Ankunft des Königs wartete, war sie heute sicher die ganze Zeit im Innenhof unterwegs. Und dann könnte ihr vielleicht auffallen, wenn Duo sich aus dem Gut schlich. Er wollte lieber nichts riskieren.

Und er hatte auch schon die perfekte Lösung für dieses spezielle Problem. Es war schließlich nicht das erste mal, dass er sich rausschleichen musste. Damit seine Stiefmutter ihn selbst bei einem flüchtigen Blick auf ihn nicht erkennen konnte, würde er sich als Mädchen verkleiden.

Er tat das ja nicht besonders gern - schließlich war er ein Mann und Kleider waren so furchtbar unbequem. Aber es war die beste Lösung. Mit seinem langen Haar sah er von hinten sowieso wie eine Frau aus, zumindest wenn er es nicht in seinem speziellen Zopf sondern offen trug. Wenn er dann noch einen weiten Rock trug, war die Illusion perfekt.

Zu diesem Zweck hatte er sich vor Ewigkeiten mal eines der abgetragenen Kleider der Dienstmägde ausgeliehen. Schnell schlüpfte er in das graue Wollkleid. Dann schnappte er sich auch noch das abgetragene Schafsfell, das in seiner Kammer an einem Haken hing und zog es sich über den Kopf. Es würde draußen im Wald sehr kalt sein, einer der Gründe, weshalb er seine Hose unter dem Rock anbehalten hatte. Aber das war kein Problem, das würde sowieso niemand sehen.

Danach schüttelte er noch schnell seine Haare aus dem Zopf. Seine Verkleidung war jetzt perfekt und er schlich sich so leise wie möglich aus dem Zimmer, besonders darauf bedacht auf der Treppe nicht auf die knarrenden Stellen zu treten.

Im Stall lief er dann so schnell es ging zu Shinigamis Pferch. Er hatte gehofft, dass bei der ganzen Aufregung die draußen herrschte niemand mehr im Stall sein würde, aber er hatte sich wohl geirrt, denn eine Stimme fragte plötzlich, "Na Duo, ist der König immer noch nicht da?"

Duo runzelte die Stirn. Nach einem weiteren Schritt, konnte er Howard sehen, der Shinigami gerade abrieb. Allerdings hatte der ältere Mann, der bis vor wenigen Jahren noch der Vorarbeiter hier auf dem Gut gewesen und jetzt zum Stalldienst degradiert worden war, Duo nur den Rücken zugewandt.

Duo trat ganz dicht hinter den älteren Mannes und klopfte seinem Pferd beruhigend auf den Rücken. "Wie hast du gemerkt, dass ich das bin?" fragte er erstaunt.

"Nicht ich. Das war Shinigami. Der wittert dich auf eine Meile gegen den Wind," dabei verzog der Mann sein Gesicht, so dass sich seine Nase kräuselte. "Und warum siehst du dir nicht wie die anderen den Festtagszug an?" Es war schon bezeichnend, dass Howard die Kleidung die Duo gerade trug nicht mit einem Wort erwähnte. Andererseits hatte er schon öfters gesehen, wie Duo sich in dieser speziellen Verkleidung aus dem Haus geschlichen hatte. Und er hatte niemals was dazu gesagt.

Howard war ebenfalls einer der wenigen Freunde die Duo auf dem Hof hatte. Nicht dass ihn die anderen Dienstboten nicht leiden konnten. Die meisten von ihnen behandelten ihn gut und Duo mochte sie alle. Aber er war trotz der Arbeiten die ihm Lady Agatha immer wieder auftrug doch der Sohn des früheren Herrn des Gutes. Das sorgte für eine Art Graben zwischen ihm und den Dienstboten der nicht wirklich verkleinert werden konnte.

Howard war in der Beziehung wirklich etwas anders. Er hatte Duo noch niemals anders als eine Art Neffen behandelt. Vielleicht lag es daran, dass er trotz seiner niedrigeren Stellung von Duos Vater doch eher wie ein Freund, als nur ein Dienstbote behandelt worden war. So war es auch immer selbstverständlich gewesen, dass Howard sich immer um den kleinen Duo gekümmert hatte. Er war wirklich so etwas wie ein Onkel. Eine Vertrauensperson die Duo dringend nötig hatte, nachdem auch noch sein Vater gestorben war.

"Sie lassen mich nicht," beantwortete er beschämt die Frage von Howard. Selbst der niedrigste Schweinehirte durfte heute im Hof den König bewundern, aber ihm war es verboten worden. Dabei hatte sein Vater früher immer zu ihm gesagt, dass er irgendwann einmal als Knappe auf den Hof berufen werden würde. Schöne Träume aus besseren Tagen. Träume die sich als Hirngespinste erwiesen hatten nachdem sein Vater gestorben war. Jetzt musste er froh sein, dass Lady Agatha ihm immer noch eine eigene Kammer erlaubte und ihn nicht vollkommen wie die anderen Dienstboten behandelte. Duo tat wieder sein bestes nicht daran zu denken.

"Ich bin sowieso lieber bei dir und bei Shinigami," erklärte er deshalb mit etwas Trotz in der Stimme.

"Nicht mal auf den Prinzen bist du neugierig?" neckte ihn Howard.

Duo spürte dass er rot im Gesicht wurde und versuchte sein bestes, das so schnell wie möglich zu unterdrücken. Er wollte nicht, dass Howard erfuhr wie neugierig Duo tatsächlich auf den Prinzen war. Als er ihn vor ein paar Jahren zum ersten Mal gesehen hatte, hatte er gedacht den schönsten Mann der Welt zu sehen. Vielleicht war es ganz gut, dass niemand mitbekam wie sehr der Prinz ihm gefiel. "Als er die letzten Jahre hier vorbei geritten ist, hab ich ihn ja schon gesehen," erklärte er deshalb lapidar.

"Na und, hat er dir gefallen?" neckte Howard.

Duo spürte wieder wie er rot wurde. "Shinigami gefällt mir von allen am besten," erklärte er deshalb schnell und verbarg sein heißes Gesicht in der Mähne des Hengstes.

Bevor Howard dazu etwas erwidern konnte, hallte der Schrei eines Jungen durch die Stallungen. "Sie kommen!"

"Oh, da ist der Königszug," sagte dann auch Howard ganz aufgeregt und eilte aus den Stallungen.

Duo blickte ihm hinterher. Wenn er ehrlich mit sich selbst war, dann würde er schon gerne den Festzug bewundern und wieder einen Blick auf den Prinzen erhaschen. Aber dabei könnte er trotz seiner Verkleidung von Lady Agatha entdeckt werden. Und das konnte er nicht erlauben. Außerdem wollte er ja mit Shinigami ausreiten und jetzt war die beste Gelegenheit sich vom Gut zu schleichen. Deshalb nahm er den Hengst beim Zaumzeug und führte ihn durch die Hintertür auf das Feld hinaus. Er würde am besten in den Wald reiten und seine paar Stunden der Freiheit genießen.

Als er endlich den Hof hinter sich ließ und mit Shini an der Führungsleine hinter sich über die Felder lief fühlte Duo sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder frei. In den letzten Monaten hatte er sich weitaus seltener davonschleichen können als er es gern wollte. Diese Momente der Freiheit die er sich so oft es ging erschlich bedeuteten Duo mehr als alles andere. Nur dann konnte er sich so benehmen wie er es wollte, ohne die Reaktion seiner Stiefmutter zu fürchten. Nur dann konnte er lachen und frei sein, ohne dass seine Stiefmutter es ihm sofort vergällte. Aus irgendeinem Grund den Duo nicht begriff, konnte seine Stiefmutter es nicht ertragen wenn er glücklich war, und so tat sie immer ihr möglichstes um seine gute Laune zu zerstören.

Duo seufzte. Manchmal würde er am liebsten einfach davonlaufen und nie wieder zurückkommen. Er wusste wirklich nicht was ihn hier noch hielt. Bis auf die Tatsache, dass er nicht wusste wo er sonst hinsollte. Es gab keinen Ort wo er hinkonnte, niemand der ihn aufnehmen würde. Er hatte keine Verwandten außer seiner Stiefmutter, und die Behauptung seines Vaters dass er eines Tages an den königlichen Hof gehen würde hatte sich nach dessen Tod in Luft aufgelöst. Duo nahm an dass sein Vater nicht mehr dazu gekommen war alles zu arrangieren, denn es war sicherlich niemals Nachricht vom Königshof gekommen.

Auf einmal gab Shini ihm einen Stups von hinten und Duo schreckte aus seinen Gedanken. Verdammt, er hatte sich so sehr von seinen düsteren Gedanken hinunterziehen lassen, dass er gar nicht gemerkt hatte wie er stehen geblieben war. Dann schüttelte er mental den Kopf und gab sich einen Ruck. Er würde seine wenigen freien Stunden garantiert nicht damit verschwenden, dass er über etwas nachgrübelte was sich sowieso nicht ändern ließ.

Endlich bei dem alten Schuppen angekommen der Duos Ziel gewesen war band Duo Shini hastig an einem Pfosten fest und kletterte über die schmale Leiter nach oben ins Innere. Der Schuppen befand sich am Rande des großen Gutes und so kam Duos Stiefmutter niemals hierher. Mal ganz davon abgesehen dass sie selbst wenn sie hierher kommen würde den baufälligen Schuppen niemals betreten würde.

Und das war genau der Grund weswegen Duo ihn als sein persönliches Versteck auserkoren hatte. Gewiss, er hatte zwar immer noch sein eigenes Zimmer im Haus, aber vor seiner Stiefmutter war er dort nicht sicher. Sie hatte nicht die geringsten Skrupel dort einfach hineinzugehen und es zu durchsuchen. Und so hatte Duo alles was ihm kostbar war hierher geschafft. Nicht dass das wirklich viel war. Er war nach dem Tod seines Vaters zunächst viel zu betäubt gewesen als dass er seine Stiefmutter daran hindern hatte können ihm alles wegzunehmen was auch nur den geringsten materiellen Wert hatte.

Als sich Duos Augen endlich an die schummrige Dunkelheit im Schuppen gewöhnt hatten fielen sie sofort auf die Eule die dort saß. Rosalie, wie er die Eule getauft hatte war schon vor Duo hier gewesen und war so großzügig, ihr Zuhause mit ihm zu teilen. Zumindest sah Duo das so. Und obwohl Duo wahrscheinlich der erste Mensch war der der Eule so nahe kam, hatte sie niemals irgendwelche Furcht vor ihm gehabt. Im Gegenteil, sie ließ es sogar zu dass Duo sie streichelte und hochhob, etwas dass sie sonst niemandem erlaubte. Zumindest war das bei Howard so gewesen, der der einzige war der von Duos Schuppen wusste und nach dem Rosalie sofort gehackt hatte als er versucht hatte sie zu streicheln.

"Na," sagte Duo leise als er die Eule erreicht hatte und ihr über ihr weiches Gefieder strich, "hütest du meine Schätze gut?"

Die Eule blinzelte langsam, und Duo lächelte. Dann drehte er sich zur Seite und hob die einfache Holzschatulle hoch die direkt neben Rosalies Sitzplatz stand. Dieses Kästchen enthielt Duos wertvollsten Besitz. Zumindest waren diese Dinge für Duo wertvoll, wenn auch eher von geringem materiellem Wert - dafür hatte seine Stiefmutter schon gesorgt.

Duo öffnete die Schatulle und nahm ein Medaillon heraus. Dieses Schmuckstück war das einzig wirklich wertvolle Stück seiner Sammlung. Aber als er nach dem Tod seines Vaters endlich aus seiner Erstarrung erwacht war, hatte er es einfach nicht ertragen können dass Agatha dieses Medaillon besaß. Es war ein Geschenk von Duos Vater an seine Mutter gewesen, und es enthielt ein Miniaturbild seiner Mutter. Es war dass einzige was Duo von ihr geblieben war, und so war er in Agathas Zimmer geschlichen und hatte es aus ihrem Schmuckkästchen gestohlen. Und obwohl Agatha getobt und gewütet hatte, hatte Duo nicht klein beigegeben und weder zugegeben dass er das Medaillon hatte, noch es herausgegeben.

Duo strich mit einem Finger leicht über das Abbild seiner Mutter. Als sie gestorben war, war er noch sehr jung gewesen, und er konnte sich kaum noch an sie erinnern. Nur an ihre sanfte Stimme, ihr fröhliches Lachen und die Liebe in ihrem Blick, wann immer sie ihn angesehen hatte. Nicht zum ersten Mal in seinem Leben wünschte Duo sich, seine Mutter wäre niemals gestorben. Wie anders wäre sein Leben dann wohl verlaufen?

Mit einem kleinen Seufzer legte Duo das Medaillon zurück zu seinen anderen Schätzen - eine Feder die er auf einem Jagdausflug mit seinem Vater gefunden hatte, ein Stein in der Form eines Herzens den er im Flussbett gefunden hatte und ähnlichen außergewöhnlichen - aber kaum wertvollen - Dingen, die Duo hier aufbewahrte. Bevor er jedoch schon wieder in irgendwelche melancholische Gedanken versinken konnte, hörte er plötzlich Shinigami wiehern, und so schloss er das Holzkästchen schnell und stand auf.

"Shini ruft mich," sagte Duo zu Rosalie, die ihn mit großen Augen beobachtete. "Wir haben wenig Zeit, weißt du." Mochten es auch viele als seltsam erachten wenn sie wüssten, dass Duo mit der Eule und seinem Pferd sprach als wären sie Menschen statt Tiere, so war das für Duo nichts besonderes. Er hatte so wenige Freunde, so wenig Menschen mit denen er wirklich reden konnte, dass er angefangen hatte mit den Tieren zu reden. Und warum auch nicht? Sie waren seine Freunde, warum sollte er nicht mit ihnen reden wenn ihm danach war?

Duo stellte das Kästchen zurück und nahm sich den Sattel, den er stets im Schuppen verwahrte. Dann kletterte er wieder die schmale Treppe hinunter, ging zu Shini und begann den Rappen zu satteln. Genug Zeit vertrödelt. Ein freier Nachmittag im Wald wartete auf Duo, und er würde jede Minute davon nützen.

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Königin Une Khushrenada lehnte sich seufzend in die Polster der offenen Kutsche zurück als sich der königliche Wagenzug dem Maxwell Anwesen näherte. Seit ihrer Heirat mit dem König machte der königliche Zug auf dem Weg zum Winterpalast Halt an diesem Hof, doch in den letzten Jahren war Une dieser kurze Stopp vor ihrem Ziel immer unleidlicher und unleidlicher geworden.

Une seufzte erneut und ließ ihre Gedanken wandern. Begonnen hatte diese kleine Tradition vor ungefähr 25 Jahren, als sie und ihre Cousine - und beste Freundin - Helen zum ersten Mal an den königlichen Hof gekommen waren. Und zum Erstaunen ihrer Eltern und des gesamten Hofstaates hatte Une die Aufmerksamkeit des damals selbst noch sehr jungen Königs erweckt. Une lächelte leicht bei dem Gedanken daran. Treize hatte sie gesehen, sich verliebt und beschlossen, sie zu heiraten. Was für ein Glück dass es Une selbst nicht anders ergangen war, denn sie bezweifelte dass Treize sich von irgendjemand - auch nicht von ihr - aufhalten hätte lassen.

Und so hatte der König Une geheiratet, ein junges Mädchen von geringem Adel. Zu sagen dass die feine Gesellschaft entsetzt gewesen war wäre noch untertrieben. Aber Treize hatte die Meinung der Gesellschaft nicht interessiert, er war der König, und wenn er nicht heiraten konnte wen er wollte, wer dann? Zumindest war das immer sein Argument wenn ihn jemand darauf ansprach.

Une war also Königin geworden. Ihre Cousine Helen hingegen hatte Sir Alexander Maxwell geheiratet, einen Mann aus denselben niederen Adelsständen wie sie selbst. Genau wie Unes Heirat war auch dies eine Liebesheirat gewesen, und Une hatte sich für ihre beste Freundin gefreut, auch wenn es bedeutete, dass sie beide sich aufgrund ihrer verschiedenen Lebensumstände nun sehr selten sehen konnten.

Und so hatte Une es eingeführt, dass sie jedes Jahr wenn sie auf dem Weg zum Winterpalast waren einen kurzen Halt hier bei Helen und ihrem Mann einlegten. Und dass die beiden während der König und die Königin hier logierten so oft wie möglich ins Schloss eingeladen wurden.

Doch dann war Helen gestorben, und Une hatte sehr um sie getrauert, genau wie Sir Maxwell. Trotzdem hatten sie nicht aufgehört jedes Jahr hier einzukehren. Auch wenn der Kontakt zu Maxwell nach Helens Tod sehr viel rarer geworden war - er war keiner der Einladungen in den Winterpalast mehr gefolgt - so wollte Une dennoch den Kontakt nicht ganz abbrechen lassen.

Denn auch wenn Sir Maxwell selbst scheinbar nicht allzu viel am königlichen Kontakt lag, so war da noch sein und Helens Sohn. Der kleine Alexander, oder vielmehr Duo, wie Helen ihren Sohn immer genannt hatte - aufgrund desselben Vornamens wie sein Vater und weil der Junge laut Helen mehr Unsinn im Kopf hatte als zwei Kinder zusammen - war immerhin fast so etwas wie Unes Neffe, so war es nur natürlich dass sie sich über sein Wohlergehen auf dem Laufenden halten wollte.

Schon bei Duos Geburt hatten Helen und Une abgemacht, dass Duo im Alter von 13 Jahren an den Hof kommen sollte. Das war an sich nicht so ungewöhnlich, viele adlige Söhne kamen an den Hof um ihre Ausbildung zu absolvieren und sich den nötigen Schliff anzueignen. Das galt zumindest für Söhne aus dem hohen Adel. Die Söhne aus dem niederen Adel hatten meist nicht das Geld oder die Zeit dafür.

Doch für Duo galt das natürlich nicht. Selbst wenn er nicht genug Geld gehabt hätte - und das war nicht der Fall, Sir Maxwell war äußerst wohlhabend - so spielte das in seinem Fall keine Rolle. Er war der Sohn ihrer Cousine und liebsten Freundin, und es war von Anfang an beschlossene Sache gewesen dass er als Gefährte des Prinzen an den Hof kommen sollte sobald er das richtige Alter erreicht hatte.

Selbst nach Helens Tod, und auch nachdem Sir Maxwell ein zweites Mal geheiratet hatte, hatte sich an diesem Plan nichts geändert. Une hatte noch immer vorgehabt den jungen Duo an den Hof zu holen sobald er alt genug war.

Doch dann war auch Sir Maxwell gestorben, kurz vor Duos 13tem Geburtstag, und von da an schien alles irgendwie aus dem Ruder zu laufen. Als Une ihren ersten Boten geschickt hatte, um den jungen Duo abzuholen, wurde der Mann zurückgeschickt mit der Begründung, Duo wäre noch viel zu betroffen vom Tod seines Vaters um jetzt solche Entscheidungen fällen zu können.

Une hatte das akzeptiert; es war ja auch verständlich. Alexander Maxwell war damals gerade mal drei Wochen lang tot gewesen, kein Wunder dass Duo noch viel zu schockiert war.

Doch als sie drei Monate später einen weiteren Boten geschickt hatte, war auch dieser unverrichteter Dinge zurückgekehrt. Angeblich war Duo zu krank um eine weite Reise auf sich nehmen zu können. So war das noch einige Male hin und her gegangen, bis Une schließlich einen unmissverständlichen Befehl an Lady Agatha geschickt hatte, Duo sofort an den Hof zu schicken, völlig egal ob dieser nun krank war oder nicht.

Die Antwort auf diesen Befehl war nicht das was Une erwartet hatte. Lady Agatha hatte ihr geschrieben, dass es ihr leid tat dass sie Ihre Königliche Majestät so lange in die Irre zu führen versucht habe, aber sie habe dies nur getan, weil ihr der Junge so sehr am Herzen lag. Es wäre nämlich so, dass der junge Duo sich weigerte an den königlichen Hof zu gehen. Und er weigere sich außerdem Ihrer Königlichen Majestät selbst zu schreiben. Nach dem Tode seines Vaters sei der arme Junge völlig verstört und gar nicht mehr er selbst. Lady Agatha habe die Wahrheit nur deshalb so lange hinausgezögert, weil sie dem Jungen Zeit geben wollte sich zu besinnen.

Une war sehr betroffen gewesen als sie diesen Brief gelesen hatte. Sie wäre am liebsten sofort losgezogen um Duo persönlich zu besuchen und mit ihm zu reden, doch Lady Agatha hatte in ihrem Brief immer wieder betont, dass es im Moment wohl das beste wäre, den Jungen in Ruhe zu lassen. Mit der Zeit würde er sich schon noch beruhigen und wieder zu Sinnen kommen.

Doch inzwischen waren mehr als sechs Jahre vergangen, und noch immer weigerte Duo sich auf irgendeine Weise in Kontakt mit ihr zu treten. Und so hatte Une ihre jährlichen Stopps auf dem Maxwell Anwesen aufrechterhalten, obwohl inzwischen weder Sir Maxwell noch Helen lebten. Sie hoffte, dass sie irgendwann vielleicht Duo sehen würde und die Gelegenheit bekommen würde, mit ihm zu sprechen. Doch vergeblich. In all den Jahren seither hatte Duo sich nicht ein einziges Mal blicken lassen wenn sie hier Halt gemacht hatten, und Une hatte inzwischen auch schon fast die Hoffnung aufgegeben.

"Das ist SO unfair!"

Une schreckte aus ihren Gedanken und hob den Kopf. Ihr gegenüber saß Hilde, ihre Tochter, die Arme vor der Brust verschränkt und den Mund unwillig verzogen.

"Das ist wirklich total unfair!"

Une hob schnell die Hand und versteckte ein Lächeln dahinter. Ihr Ehemann Treize, der neben ihr saß und in dessen Richtung Hildes Beschwerden gerichtet waren, tat so als hätte er seine Tochter nicht gehört.

"Wieso muss ich hier in dieser langweiligen Kutsche sitzen während Heero reiten darf?" Hilde schob die Unterlippe schmollend nach vorne. "Und komm mir jetzt nicht wieder mit diesem Unsinn weil ich ein Mädchen bin und er ein Junge!" Hilde starrte ihren Vater böse an. "Du weißt genau dass ich mindestens genauso gut reiten kann wie Heero, und schießen kann ich sogar besser als er!"

"Tatsächlich?" Das schien nun doch Treizes Aufmerksamkeit zu erregen. "Und woher weißt du das, liebe Tochter?"

Hilde öffnete den Mund, schloss ihn dann jedoch wieder. Une versteckte erneut ein Lächeln hinter ihrer Hand. Genau wie Treize auch wusste sie, dass Hilde sich so oft es ging hinaus schlich um mit ihrem Bruder und dessen Freunden durch die Wälder zu toben. Und genau wie Treize machte sie sich nicht wirklich Sorgen um Hilde wenn sie das tat. Immerhin, sie war mit Heero unterwegs, und er würde schon dafür sorgen dass seiner kleinen Schwester nichts geschah.

Doch Hilde war noch immer der irrigen Annahme, dass ihre Eltern nichts von ihren Eskapaden wussten, und sie wollte es auch dabei belassen, deshalb gab es jetzt nichts was sie auf Treizes Frage antworten konnte ohne sich zu verraten. Etwas was Treize sehr genau wusste.

Also schnaubte Hilde nur empört und starrte wütend vor sich hin, die Arme noch immer verschränkt. Une schmunzelte.

"Prinzessin Hilde, es geziemt sich wirklich nicht für eine junge Dame Eurer Stellung auf einem Pferd zu reiten," ertönte eine junge, ernste Stimme und Une drehte den Kopf zur Seite und lächelte zu dem jungen Mann empor, der auf seinem Pferd neben der Kutsch her ritt.

Hilde drehte ebenfalls den Kopf und blickte den jungen Mann aus verengten Augen an. "Was weißt DU denn schon, Wufei!" rief sie empört und jetzt lächelte Une tatsächlich breit. Es war für sie mehr als offensichtlich dass ihre Tochter ein Auge auf den jungen Mann geworfen hatte, und jetzt von ihm kritisiert zu werden traf sie sicherlich tief. Dennoch würde Hilde niemals klein beigeben und ihre Ansichten unterdrücken, nur um einem Mann zu gefallen. Unes Lächeln wurde stolz. Sie hatte ihre Tochter gut erzogen, das stand mal fest.

"Ich kenne mich mit allen Punkten der Etikette und des guten Benehmens aus, Prinzessin," erwiderte Wufei steif. "Das ist schließlich meine Aufgabe, ich bin hier um Euch und Eurem Bruder genau das beizubringen."

"Hah, und wir wissen ja alle wieviel Erfolg du bei Heero damit hast!" rief Hilde triumphierend, was dazu führte dass Wufei rot anlief, Hilde böse ansah und dann seinem Pferd die Sporen gab um etwas Abstand zwischen sich und die Kutsche zu bringen.

Hilde starrte ihm hinterher, dann seufzte sie und sank auf ihrem Sitz zusammen. Une warf ihr einen mitfühlenden Blick zu. Wahrscheinlich machte Hilde sich jetzt innerlich Vorwürfe weil sie so barsch zu Wufei Chang gewesen war. Aber auf die Dauer war es sicherlich besser wenn sie sich dem jungen Mann gegenüber ehrlich gab statt sich zu verstellen nur um ihm zu gefallen. Sollte Wufei kein Interesse an Hilde zeigen so wie sie war, nun dann war es sicherlich besser dies sofort herauszufinden statt irgendwann später.

Doch nun war keine Zeit um mit Hilde darüber zu sprechen, soeben hatten sie das Tor des Maxwell Anwesens erreicht. Une richtete sich in ihrem Sitz auf und blickte sich gespannt um. Vielleicht würde sie ja diesmal einen Blick auf Duo erhaschen können.

Neben ihr richtete auch Treize sich auf und blickte sich suchend um, doch wie seine Worte zeigten schien er jemand anderen zu vermissen. "Wo ist der Prinz, Prezeptor?" fragte er Wufei, der nun wieder neben der Kutsche ritt, allerdings diesmal auf der anderen Seite, neben dem König. "Und Quatre und Trowa?"

Wufei warf nun ebenfalls einen Blick nach hinten, dann wandte er sich stirnrunzelnd an den König. "Das ist unerklärlich, Majestät. Als wir durch den Wald ritten waren sie noch da."

"Sofort auffinden, zurückbringen und scharf rügen," befahl Treize. Dann runzelte er die Stirn. "Nein, das nicht. Letzteres werd ich selbst besorgen."

Wufei nickte einmal knapp, dann drehte er sein Pferd um und galoppierte aus dem Tor wieder hinaus. Une sah ihm kurz hinterher, dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder nach vorne. Auch wenn sie Duo nirgendwo entdeckt hatte, so galt es dennoch, ihre Pflicht zu erfüllen.

Sie gab Treize einen kleinen Schubs mit dem Ellbogen als die Kutsche zum Stillstand kam, um seine Aufmerksamkeit auf ihre Gastgeber zu lenken, dann nickte sie Lady Agatha Maxwell, deren Tochter und dem versammelten Gesinde lächelnd zu, während Treize die Hand zu einem königlichen Gruß hob.

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Duo ritt durch die verschneite Winterlandschaft. Es war schon erstaunlich wie anders der Wald aussah, nur wegen dem Schnee der überall lag. Da Duo kein eigentliches Ziel verfolgte, sondern nur seine kurze Freiheit genießen wollte hatte er mit Shinigami kein besonders schnelles Tempo eingeschlagen. Und er ritt auch ohne groß über die Richtung nachzudenken einfach in den Wald hinein.

Dieser Teil des Waldes gehörte noch zum Gut. Zwar hatte der König und sein Gefolge hier das Jagdrecht, aber im Grunde gehörte das Land seinem Vater. Oder jetzt Lady Agatha. Deshalb war er auch ziemlich erstaunt, als er nach knapp einer halben Stunde reiten drei Männer auf einer Lichtung sah, die dort ihre Pferde an einem umgekippten Stamm festbanden und sich mit Armbrüsten bewaffneten. Duo war zwar noch ziemlich weit entfernt, so dass er sie nicht genau erkennen konnte, aber selbst auf die Entfernung konnte er sagen, dass sie definitiv nicht der Jagdmeister des Königs waren - und sie konnten auch nicht zum Gefolge des Königs gehören. Schließlich war der Königszug noch nicht einmal im Winterschloss angekommen. Da gab es garantiert noch keine Königliche Jagd. Und schon gar nicht mit nur drei Jägern.

Das roch fast nach Wilddieben, auch wenn sie dafür eigentlich zu gut gekleidet waren. Und Wilddiebe hatten normalerweise auch keine Pferde. Aber Duo wollte lieber nichts dem Zufall überlassen. Schnell stieg er aus dem Sattel und band Shinigami an einem Strauch fest. Er tätschelte dem Hengst auf den Rücken und flüsterte ihm zu, "Ich werde nur mal nachschauen was diese drei Tunichtgute da anstellen. Bin gleich wieder da."

Mit diesen Worten ließ er Shinigami versteckt hinter dem Busch zurück und schlich hinter den drei Männern hinterher.

Je länger er sie beobachtete, und je besser er sie zu Gesicht bekam, desto klarer wurde es für Duo, dass es sich wohl wirklich nicht um normale Wilddiebe handelte. Dazu waren sie einfach zu gut gekleidet. Und außerdem waren sie nicht geschickt genug. Die Spuren die sie im Schnee hinterließen könnten ja sogar von einem blinden Huhn entdeckt werden.

Aber das änderte wirklich nichts an der Tatsache, dass sie einfach kein Recht hatten hier zu jagen. Das wäre ja noch schöner, diese Schnösel aus der Stadt - denn was anderes konnten sie nicht sein - würden hier wildern und dann würde bei der großen Königlichen Jagd in zwei Tagen nichts mehr da sein, das gejagt werden konnte. Duo würde das schon zu verhindern wissen.

Endlich schienen die drei bei ihrer Suche von Erfolg gekrönt zu sein. Duo sah, wie der Anführer seine Hand hob und seine Kumpane sofort stehen blieben. Dann zeigte er in eine Richtung und sie alle drei richteten ihre Armbrüste dorthin aus.

Duo schaute auch in die Richtung und entdeckte ein kleines Rehkitz, das auf einer Lichtung stand und sich nicht bewusst war, in welcher Gefahr es sich gerade befand. Nun, Duo hatte ja nicht vor das arme Tier Opfer dieser Schnösel werden zu lassen. Aufgeregt schaute er sich um, wie sollte er es nur anstellen das Kitz zu retten?

Dann kam ihm die perfekte Idee. Schnell griff er sich eine Handvoll Schnee und formte es zu einem Ball. Und diesen warf er dann dem Anführer der Schnösel genau in dem Moment als er mit seiner Armbrust schießen wollte an den Kopf.

Duo hatte schon immer sehr gut zielen können. Und so war es auch diesmal kein Wunder, dass der Schneeball genau dort landete wo er sollte. Die Mütze des Anführers wurde durch die Wucht des Aufpralls von dessen Kopf katapultiert. Der Mann zog durch den Schreck seine Armbrust nach oben und drückte ab, wodurch der Pfeil schnurgerade in den Himmel flog. Durch den Lärm wurde auch das Rehkitz aufgescheucht und es verschwand in Windeseile im Dickicht.

Duo kicherte in sich hinein, das war einfach zu lustig.

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Heero schaute verwirrt drein und versucht zu begreifen, was gerade passiert war. Da trat auch schon Quatre von hinten an ihn ran und schob ihm die Mütze wieder auf dem Kopf. "Wo sind Eure Schießkünste geblieben, Majestät?" witzelte der blonde Mann.

Heero warf seinem Freund einen leichten Deathglare zu, denn seine Freunde nannten ihn wenn sie unter sich waren nur dann 'Majestät' wenn sie sich über ihn lustig machten - oder böse auf ihn waren. Dann klopfte er sich demonstrativ den Schnee von den Schultern. Irgendwas war hier absolut schief gegangen.

Quatre und Trowa unterdrückten beide noch immer ihr Lachen und der Deathglare von Heero wurde etwas ernster. Es war nicht seine Schuld, dass er diesen Schuss in den Sand gesetzt hatte. So etwas war ihm noch nie passiert. Und überhaupt, wo kam all dieser Schnee her?

In dem Moment bemerkte er eine Bewegung am Rande des Dickichts. Er schaute etwas genauer hin und konnte sehen wie ein Mädchen mit langem mausbraunem Haar an den Büschen entlang lief. Dabei hielt sie ihre Faust vors Gesicht, so als wenn sie dadurch ein lautes Auflachen unterdrücken wollte. Heero war sich sofort sicher, dass sie an seinem Fehlschuss Schuld gewesen sein musste.

Er stupste Quatre mit dem Ellenbogen an und zeigte in die Richtung des fliehenden Mädchens. "Da," rief er. Dann machte er ein paar Schritte nach vorne und befahl, "Hinterher!" Wenn er sich nicht vollkommen irrte, dann hatte diese Göre ihn vorhin mit einem Schneeball getroffen. Wie konnte sie das wagen? Na warte, er würde ihr schon noch Respekt einbläuen!

Gemeinsam mit Quatre und Trowa rannte er der fliehenden Gestalt hinterher. Für ein Mädchen war sie ziemlich flink und gelenkig, so dass sie sie nicht so schnell einholten, wie es Heero eigentlich erwartet hatte.

Minutenlang rannten sie durch den Wald und durch das Dickicht. Zweimal verloren sie sogar die Sicht auf das Mädchen und mussten ihren Fluchtweg anhand der Spuren im Schnee erst wieder finden.

Langsam aber sicher kam Heero außer Atem. Dabei hatte er sich eigentlich für ziemlich durchtrainiert gehalten. Aber die wilde Hatz - teilweise durch hüfthohen Schnee - forderte ihren Tribut. Doch er würde auf keinem Fall aufgeben. Das würde schon allein sein Stolz nicht zulassen. Schlimm genug, dass ihn ein kleines Mädchen mit einem Schneeball beworfen hatte, sie entkommen zu lassen wäre noch um vieles schlimmer.

Doch endlich schien auch das Mädchen langsamer zu werden, sie blieb sogar an einem großen Baum stehen und rang nach Luft. Jetzt würde es sich auszahlen, dass Heero nicht allein war. Schnell gab er seinen Freunden ein Zeichen und sofort begannen sie das Mädchen von drei Seiten einzukreisen.

"Ha," sagte Quatre, als sie ihren Gegner praktisch in die Enge gedrängt hatten.

Und Heero konnte zum ersten Mal das Mädchen genauer in Augenschein nehmen. Außer dem langen Haar schien nichts besonderes an ihr zu sein. Die Kleider waren grau und abgetragen, typische Kleidung für niedere Dienstboten. Auf ihren Wangen waren graue Schmierstreifen, so als wenn sie Asche darauf verrieben hätte. Wahrscheinlich war sie eine Magd auf einem der Güter in der Gegend. Wieso nur hatte sie es gewagt ihn mit einem Schneeball zu bewerfen? Selbst wenn sie ihn nicht als Prinz erkannt hatte, so musste ihr doch klar sein, dass er und seine Freunde Edelmänner waren. Für so eine Tat würden einfache Dienstboten normalerweise schwer bestraft werden. Er nahm sich vor, ihr jetzt ein wenig Angst einzujagen und sie dann mit ein paar strengen Ermahnungen wieder nach Hause zu schicken.

"Ist das alles?" fragte in dem Moment Trowa. Dieser hatte wohl bisher nicht so richtig mitbekommen wen sie tatsächlich verfolgt hatten.

Quatre lachte. "Wie du siehst. Mehr ist es nicht."

Heero fiel in das Lachen mit ein. Eigentlich hatte Quatre Recht, die Situation war doch wirklich zu komisch. Hier waren sie, der Prinz und seine besten Freunde und sie vertaten ihre Zeit damit, einer aufsässigen Dienstmagd hinterher zu jagen. "Ein kleines Mädchen, ein Hühnchen ohne Federn," prustete Heero heraus und selbst Trowa konnte sich eines Lachens nicht erwehren. Eigentlich sollte Heero wirklich böse auf das Mädchen sein, doch die Situation war zu komisch um sie ernst zu nehmen.

Das Mädchen hingegen funkelte ihn böse an. Wenn Blicke töten könnten, dann war sich Heero sicher, dass er in diesem Moment tot umgefallen wäre. Er ging auf sie zu um sie am Schlafittchen zu fassen, doch kaum war er einen halben Schritt von ihr entfernt, da zuckte ihre Hand blitzschnell hervor und sie schob seine Mütze nach vorn über sein Augen.

Völlig erstaunt schob Heero die Mütze wieder zurück. Eigentlich sollte das Mädchen doch wohl Angst vor ihnen haben, oder? Schließlich waren sie hier mitten in der Wildnis, und sie allein mit drei Männern. Prinzipiell könnten er und seine Freunde jetzt sonst was mit ihr machen, davon abgesehen, dass er sie wegen dem kleinen Schneeballanschlag bestrafen durfte. Wieso also hatte sie keine Angst vor ihnen? Er drehte sich zu seinen Freunden, die sofort an seine Seite geeilt waren, um und sagte verwundert, "Sieh mal einer an, sie will mit uns raufen."

Quatre setzte sein undurchsichtigstes Lächeln auf und meinte trocken, "Vielleicht möchte sie auch nur den Po versohlt kriegen." Niemand der Quatre näher kannte, würde glauben, dass er diesen Vorschlag in die Tat umsetzen könnte, aber er hatte ein super Pokerface und hatte schon so manchen getäuscht.

"Oder lieber ins Gestrüpp fliegen," schlug Trowa in dieselbe Kerbe.

Doch das Mädchen, das sie drei die ganze Zeit über mit Blicken erdolcht hatte, fing plötzlich selbst an zu lachen, hob ihre rechte Hand und zeigte ihnen eine lange Nase, "Da könnt ihr warten bis ihr schwarz werdet, Dummköpfe." Dann drehte sie sich nach hinten um und rannte davon.

Heero und seine Freunde, die natürlich am gegenüberliegenden Ende standen waren für eine Sekunde verwirrt von ihrer überstürzten Flucht und gaben ihr so ungewollt einen kleinen Vorsprung.

Nachdem sie die Überraschung verwunden hatten liefen auch Heero und die anderen zwei los, dem Mädchen hinterher. "Na warte, gleich kannst du was erleben!" rief Heero dem Mädchen noch hinterher, dann rannte er was das Zeug hielt.

Wieder schien die Verfolgung einige Minuten anzudauern. Dann hatten sie plötzlich die Lichtung erreicht, auf der sie vorhin ihre Pferde zurückgelassen hatten. Das Mädchen war durch ihren Vorsprung schon bei den Pferden und machte sich an dem Zaumzeug zu schaffen.

Heero rief eine laute Warnung, doch das Mädchen drehte sich daraufhin nur zu ihm um und sagte, "Ihr werdet doch wohl nicht mit einem kleinen Mädchen raufen wollen? Drei Edelleute wie ihr?"

Dann schwang sie sich zu Heeros großem Erstaunen mit einem Satz auf Heeros Pferd. Wing schnaubte unwillig und versuchte zu bocken, doch das Mädchen gab ihm die Sporen und ritt auf ihm davon.

Bei dem Anblick blieb Heero fast das Herz stehen. Außer ihm war niemand in der Lage diesen Hengst zu bändigen! Das konnte nur ein schlimmes Ende mit dem Mädchen nehmen, und dafür wollte er auf keinen Fall die Verantwortung tragen. Jetzt musste der Spaß aufhören. "Spring ab, er wirft dich sonst noch runter!" rief er dem Mädchen hinterher. Doch die verdammte Göre hörte nicht auf ihn und raste davon.

"Komm sofort zurück!" versuchte er es noch einmal, völlig außer Atem blieb er neben den anderen zwei Pferden stehen.

"Das wird ein schlimmes Ende nehmen!" brach es besorgt aus Quatre hervor.

"An das Pferd wagt sich sonst noch nicht einmal der Stallmeister," bestätigte Trowa.

"So ein verrücktes, dummes Mädchen," grummelte Heero und rammte voller Wut seine Armbrust in den Schnee. Wenn dem Mädchen etwas geschehen würde, dann würde er sich irgendwie dafür verantwortlich fühlen. Wieso war sie nur geflohen, sie hatten doch nicht vorgehabt ihr was zu tun! Sie zu rügen, ihr ein wenig Angst einzujagen, aber mehr doch nicht.

Aber jetzt hatte er keine Zeit darüber nachzugrübeln. Sie mussten dem Mädchen folgen, damit sie ihr helfen konnten sobald Wing sie abgeworfen hatte. Vielleicht konnten sie so noch das schlimmste verhindern. "Los hinterher!" befahl er deshalb.

Ohne groß zu diskutieren rannten sie zu den verbleibenden Pferden und saßen auf, wobei Trowa und Quatre sich ein Pferd teilten. Dann galoppierten sie in die Richtung in der das Mädchen verschwunden war.

Ein paar Minuten später kam ihnen Wing gemütlich entgegen getrottet. Er hatte also seine unerwünschte Reiterin abgeworfen. Heero fluchte und stieg von Quatres Pferd ab. Mit ein paar beruhigenden Worten ging er auf seinen Hengst zu und klopfte ihm auf den Hals. "Lasst uns weiter in die Richtung reiten aus der Wing gekommen ist. Wahrscheinlich liegt sie im Schnee und hat sich sämtliche Knochen gebrochen."

Doch auch nach ein paar weiteren Augenblicken entdeckten sie nichts. Weder das Mädchen, noch Spuren im Schnee die auf einen Unfall hindeuteten. Dafür fanden sie allerdings plötzlich ein paar Fußspuren von ihr. Und die von einem weiteren Pferd.

"Also wenn ihr meine Meinung hören wollt, dann hat ist sie nicht von Wing abgeworfen worden, sondern hat hier nur die Pferde gewechselt," sagte Quatre mit Bewunderung in der Stimme.

Heero konnte es ihm nicht verdenken. Ihn erstaunte es ebenfalls, wie dieses Mädchen es geschafft hatte mit Wing fertig zu werden, obwohl der Hengst sie nicht kannte. Irgendwie schwankte er zwischen dem Bedürfnis sie übers Knie zu legen, weil er sich wegen ihr so gesorgt hatte, oder ihr einen Orden zu verleihen. "So eine Wilde. Und dass sie uns so reingelegt hat," ereiferte er sich noch einmal.

Jedoch konnten er und seine Freunde nicht lange über das Mädchen reden, denn plötzlich ertönte eine ziemlich aufgeregte Stimme. "Hoheit! Wie konntet Ihr nur den Festzug verlassen?"

Heero rollte mit den Augen. Er hatte schon gehofft, wenigstens für ein paar Stunden dem ganzen Brimborium entkommen zu sein. Aber wenn jetzt Wufei hier im Wald auftauchte und eine seiner berühmten 'Ungerechtigkeits-Reden' schwang, dann bedeutete es, dass es höchste Zeit war das Weite zu suchen.

Oh, eigentlich mochte er Wufei sehr. Wenn er nicht gerade in seiner Aufgabe als Prezeptor aufging und ihn und seine Freunde mit Weißheit fütterte, dann war er sogar ein sehr angenehmer Gefährte. Eigentlich sogar ein Freund. Aber manchmal konnte Heero einfach keine Minute Unterricht mehr ertragen. Manchmal musste er allen Zwängen einfach entfliehen. Genau wie jetzt. Mit einer raschen Geste gab er Quatre und Trowa bescheid und dann galoppierten sie vor Wufei davon.

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Une stellte das Glas mit Wein auf dem Tisch ab und wandte sich wieder der Kutsche zu. Nicht nur dass ihr Gemahl schon seit einigen Minuten deutliche Anzeichen von Ungeduld zeigte, auch sie selbst hatte inzwischen genug von ihrem Aufenthalt auf dem Maxwell Anwesen. Es war einfach nicht mehr dasselbe seit Helens Tod.

Nein, eigentlich war es erst so unerträglich geworden seit Sir Maxwell ein zweites Mal geheiratet hatte. Une seufzte lautlos. Sie wusste wirklich nicht wieso Sir Maxwell das getan hatte. Es war so offensichtlich keine Liebesheirat gewesen, das hatte Une daran erkennen können wie Sir Maxwell mit seiner zweiten Frau umging. Oh nicht dass er sie etwa schlecht behandelt oder sonst irgendwie gedemütigt hätte. Nein, alles in allem war Sir Maxwell Lady Agatha ein guter Ehemann gewesen. Doch er hatte sie niemals so angesehen wie er Helen angesehen hatte. Und Une wusste, dass Maxwell Helen geliebt hatte.

Der einzige Grund der Une für die erneute Heirat einfiel war, dass Sir Maxwell wohl gedacht hatte, dass Duo eine Mutter benötigte. Und Lady Agatha schien alle Voraussetzungen für diese Position zu erfüllen, ja sie hatte sogar noch einen Bonus in Form einer Stiefschwester für Duo mit in die Ehe gebracht. Alles in allem sicherlich nicht die schlechteste Entscheidung. Und doch…

Und doch konnte Une sich des Gefühls der Abneigung verwehren, das sie jedes Mal verspürte wann immer sie Lady Agatha gegenüberstand. Sie gab sich jedoch immer Mühe sich dieses Gefühl nicht anmerken zu lassen. Die arme Frau konnte schließlich nichts dafür dass Helen tot war und sie jetzt deren Stellung einnahm. Es wäre nur unfair von Une sie deswegen zu bestrafen.

"Majestät," sagte Lady Agatha gerade, "ich kann Euch gar nicht sagen wie unsäglich wir uns auf Euch gefreut haben, sowie auch auf Eure gnädige Frau Gemahlin, sowie auch auf Ihre Hoheit die Prinzessin, sowie auch auf Seine Hoheit den Prinzen…"

"Sowie auch auf das ganze Gefolge und so weiter und so weiter," unterbrach Treize die Frau ungeduldig. "Herzlichen Dank."

Doch Treizes schon beinahe unhöfliches Benehmen schien die Frau nicht im Geringsten zu stören. "Meine kleine Relena konnte vor Aufregung gar nicht schlafen. Und Seine Hoheit der Prinz, hat nicht geruht diesmal mit vorbeizusehen?"

Treize setzte das Glas aus dem er soeben einen Schluck genommen hatte wieder ab. "Aber ja, ja, er hat geruht," antwortete er glatt. Dann warf er Une einen kurzen, amüsierten Blick zu bevor er fortfuhr, "Aber er hat sich auf der Reise beim Studium der Schönheiten der Natur aufgehalten."

Lady Agathas Blick wurde beinahe schmollend. "Das ganze Jahr," sagte sie in weinerlichem Tonfall, "haben wir uns so auf den Tag gefreut an dem Ihr an unserem untertänigsten Hof vorbei zum Schloss fahren werdet. Einmal hab ich sogar davon geträumt, Königliche Hoheit haben uns zum Ball eingeladen. Meine Relena, und meine Wenigkeit!" Der Tonfall der Frau wurde nun eindeutig eifrig. "Ein so lebhafter Traum ist es gewesen!"

Treize drehte seinen Kopf langsam zu Une und warf ihr einen leidenden Blick zu, den Une nur mit einer erhobenen Augenbraue erwiderte. Wirklich, Treize sollte an derartige stiefelleckerische Aussagen doch inzwischen gewöhnt sein. Schließlich bekam der König solche und ähnliche Dinge täglich zu hören. Andererseits musste Une ihrem Gatten auch Recht geben. Lady Agatha trug wirklich gewaltig dick auf.

"Königliche Hoheit haben gesagt ‚Komm nur, Relena, wir werden dich sehr gerne sehen'," fuhr Lady Agatha ungestört fort, um ihre absurde Aussage schließlich mit einem "Hm?" und einem fragend geneigten Kopf zu beenden.

Unes Blick schweifte von Lady Agatha zu der Gestalt neben dieser. Relena, die Tochter der Frau stand neben ihrer Mutter, in der Hand ein silbernes Tablett, stets bereit das Weinglas des Königs in Empfang zu nehmen. Während ihres gesamten Aufenthalts auf dem Anwesen hatte das Mädchen keinen einzigen Ton geäußert. Sie war immer nur schweigsam, bescheiden und mit sittsam gesenktem Blick neben ihrer Mutter einher getrabt, ganz so wie es von einem wohlerzogenen Edelfräulein erwartet wurde.

Une ließ ihren Blick zu ihrer eigenen Tochter wandern, die neben der Kutsche stand, aufrecht, den Kopf erhoben, die Schultern gereckt, die Arme vor der Brust verschränkt und mit dem Fuß ungeduldig auf den Boden klopfend. Was für ein Unterschied!

Schließlich stellte Treize das Glas seufzend auf dem Tablett ab. Dann wandte er sich an Lady Agatha. "Wir würden Euch sehr gerne sehen," sagte er in einem fast resignierten Tonfall.

"Mit Vergnügen," fügte Une hinzu. Und wirklich, was sonst hätten sie oder Treize auf diese schamlose und mehr als offensichtliche Aufforderung schon erwidern sollen? Zumindest wenn sie nicht unhöflich werden wollten.

"Dank für die Gastfreundschaft," sagte Une in Lady Agathas Richtung und wandte sich nun endgültig der Kutsche zu. Sie hatte nun wirklich mehr als genug von diesem Aufenthalt und wollte nur noch weg. "Fahren wir weiter," sagte sie über ihre Schulter zu Treize.

"Na endlich!" murmelte Hilde ungeduldig als sie nach Une in die Kutsche kletterte. Wie immer hatte sie nicht darauf gewartet dass ihr Vater oder einer der Lakaien ihr in die Kutsche half - und dabei kam sie ganz nach ihrer Mutter, wie Une amüsiert feststellte. Une hatte es nie einsehen können wieso sie auf einmal, nur weil sie jetzt Königin war, nicht mehr in der Lage sein sollte, alleine in eine Kutsche zu steigen.

Treize stieg als letzter in die Kutsche, setzte sich jedoch nicht sofort hin. Er warf einen Blick auf sein Gefolge, und als er sah dass inzwischen alle aufgesessen waren, hob er die Hand, machte eine winkende Bewegung und sagte, "Ab."

Sofort setzte sich der gesamte Zug in Bewegung.

"Hoheit," rief Lady Agatha der sich entfernenden Kutsche hinterher, "das ist für uns eine unsägliche Ehre!" Dann versank sowohl sie als auch ihre Tochter Relena in einem tiefen Hofknicks.

In diesem Knicks verlieben sie bis Agatha sich sicher sein konnte, dass die Kutsche des Königspaars das Tor passiert und somit außer Hörweite war.

"Nun, das wäre geschafft," sagte Agatha zufrieden und rieb sich die Hände. "Man kann ja schließlich nicht wissen ob du nicht jemandem unter so vielen Herrschaften ins Auge fallen wirst - vielleicht sogar dem Prinzen!"

Relena kicherte.

"Na so hässlich bist du doch nicht!" rief ihre Mutter daraufhin. Dann wandten die beiden sich wieder dem Königszug zu und winkten den letzten Reitern lächelnd zu.

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Der Königszug hatte sich schon ein ganz schönes Stück vom Maxwell Anwesen entfernt als Heero und seine Freunde endlich wieder aufschlossen. Was genau das war was Heero gewollt hatte.

Seine heutige Flucht von seinen Eltern und dem königlichen Gefolge war nicht ganz so ungeplant wie er es Quatre und Trowa hatte glauben lassen. Und es hatte eigentlich auch eher wenig mit Wufei zu tun - während sie auf solchen Reisen unterwegs waren, war Wufei eigentlich immer ein sehr angenehmer Gefährte. Er hatte ein enormes Wissen über eine Menge Dinge, und solange er auf diesen schulmeisterlichen Ton verzichtete, den er leider nur zu oft in ihrem Studierräumen annahm, hatte Heero auch kein Problem damit ihm zu lauschen.

Nein, Heeros Grund für den heutigen kleinen Ausflug war dieses Mädchen.

Und das schlimme war, er wusste noch nicht einmal ihren Namen - oder gar wie sie aussah. Das einzige woran er sich noch erinnern konnte, war ihr schrecklich pinkfarbenes Kleid. Sie war wohl die Tochter der Hausherren des Maxwell Anwesens oder so was in der Art, und bis zum letzten Jahr war sie auch nie ein Problem gewesen. Ehrlich gesagt, bis zum Vorjahr war sie Heero eigentlich überhaupt niemals aufgefallen. Vielleicht war sie ja vorher gar nicht dort gewesen?

Aber wie auch immer, als er zusammen mit seinen Eltern und seiner Schwester dem Anwesen im letzten Jahr wie immer einen kurzen Besuch abgestattet hatte, hatte die Lady des Hauses es irgendwie geschafft, Heero, seine Schwester Hilde und ihre eigene Tochter allein in eine Ecke zu bugsieren, während sie selbst Heeros Eltern in Beschlag nahm.

Und in dieser Ecke hatte dieses Mädchen auf einmal ihr scheues, bescheidenes Wesen abgelegt und hatte sich Heero beinahe an den Hals geworfen. Hatte schamlos mit ihm geflirtet, während sie Hilde gleichzeitig ignoriert hatte als wäre seine Schwester nur Luft. Heero hatte das ganze mehr als irritierend gefunden. In mehr als einer Hinsicht.

Denn Heero wusste nun schon seit einigen Jahren dass er sich nicht zu Frauen hingezogen fühlte. Er hatte schon sehr früh einen derartigen Verdacht gehegt, und als er dann die Gelegenheit hatte, die aufkeimende Beziehung seiner engsten Freunde Quatre und Trowa zu beobachten, da war Heero sich sicher gewesen.

Aber selbst wenn Heero sich zu Frauen hingezogen gefühlt hätte, wäre er von dem Verhalten des Mädchens dennoch abgestoßen gewesen. Es war geradezu vulgär wie sie sich ihm anbot! Noch dazu vor den vor Erstaunen weit geöffneten Augen und Ohren seiner Schwester! Sie hätte nur dann noch offensichtlicher sein können, wenn sie sich dort an Ort und Stelle die Kleider vom Leib gerissen hätte. Was Heero sicherlich traumatisiert und fürs Leben gezeichnet hätte, da war er sich sicher. Heero erschauderte.

Und da er nicht vorgehabt hatte, die Erfahrung in diesem Jahr zu wiederholen, hatte er sich einfach ein gutes Stück vor dem Anwesen mit Quatre und Trowa zusammen aus dem Staub gemacht. Sicher, wahrscheinlich würde er sich nun eine Strafpredigt sowohl von seinem Vater als auch von Wufei anhören müssen, aber das war nur ein geringer Preis dafür dass er dem Mädchen, das er in Gedanken nur 'Die Pinke Pest' nannte - wirklich, wieviel Pink konnte ein Mensch allein tragen? - entkommen war.

Offenbar hatte sein Vater ihn sofort bemerkt, denn der König hob nur die Hand und winkte Heero mit einer ungeduldigen Handbewegung zu sich, ohne sich umzudrehen. Heero schüttelte innerlich den Kopf. Wirklich, hatte der Mann etwa Augen im Hinterkopf? Dennoch gehorchte er sofort und trieb sein Pferd an, um zur Kutsche seiner Eltern aufzuholen.

"Schämst du dich denn nicht dich wie ein kleiner Junge zu benehmen?" fing Heeros Vater auch sofort an. "Ich in deinem Alter habe schon längst die -"

"… die Bürde der Regierung auf meinen Schultern getragen," unterbrach Heero laut - und leicht genervt - den schon wohlbekannten Vortrag seines Vaters.

Treize blickte Heero aus zusammengekniffenen Augen an, dann warf er seiner Gemahlin einen kurzen Blick zu, bevor er sich wieder Heero zuwandte. "Dir wird schon noch der Kamm herunterfallen wenn ich dich verheiraten werde," sagte er in fast gelangweiltem Tonfall - ein Tonfall der Heero mehr alarmierte als es jedes Gebrüll getan hätte. "Dann wirst du zahmer werden."

Heero blickte seinen Vater prüfend an, dann warf er seiner Schwester, die seinen Eltern gegenüber saß, einen schnellen Blick zu. Vielleicht konnte sie ihm ja durch einen Hinweis zu verstehen geben, weshalb ihr Vater so wütend war. Doch Hilde schien nicht in der Stimmung zu sein ihm zu helfen. Im Gegenteil, sie schenkte Heero nur ein spöttisches, schadenfrohes Halblächeln, bevor sie mit erhobener Augenbraue mit den Schultern zuckte. Hn.

"Deine Erfahrungen schätze ich sehr," sagte er spöttisch zu seinem Vater, dann gab er seinem Pferd die Sporen und setzte sich ein Stück nach vorne ab.

"Darüber können wir uns doch zu Hause unterhalten," sagte Une und deutete mit dem Kopf nach hinten, wo einer der Lakaien in Hörweite saß. "Ohne Zeugen."

"Hm," machte Treize zustimmend, dann wandte er sich erneut zur Seite. "Meine Herren," adressierte er die beiden Gefährten seines Sohnes. "Ich habe gehofft dass Ihr Eure Aufmerksamkeit eher der Diplomatie, dem vornehmen Benehmen und der Hofetikette widmen werdet."

Die beiden jungen Männer warfen sich einen kurzen Blick zu, dann antwortete Lord Barton, "Königliche Majestät, wir bemühen uns mit allen Kräften keine Minute zu verlieren…"

"Und dieses Studium ist gewiss eines der schwierigsten, Eure Majestät," fiel nun Lord Winner mit ein, seinen Freund unterstützend. "Und äußerst mühselig."

Treize blickte sie einen Moment zweifelnd an - wirklich, glaubten sie im Ernst dass er ihnen das abnahm? Er war immerhin selbst einmal ein junger Mann gewesen, mit nichts anderem im Kopf als Unsinn. Aber offenbar schienen zumindest die Stunden in Diplomatie etwas gefruchtet zu haben. Dann blickte er suchend den Zug entlang. "Wo habt ihr den Herrn Prezeptor gelassen, hm?"

Die beiden jungen Männer blickten sich um so als wäre ihnen erst jetzt aufgefallen dass einer aus ihrer Runde fehlte. "Sicher hat er sich wieder verlaufen!" rief Lord Barton dann so als würde so etwas andauernd vorkommen.

"Wenn ihm nur nichts zustößt!" fügte Lord Winner in doch recht überzeugend besorgtem Tonfall hinzu.

Treize schnaubte. Oh ja, die Stunden in Diplomatie und Hofetikette hatten eindeutig gefruchtet! Aber dennoch ließ er die beiden jungen Männer damit durchkommen. Es war auch nicht so als würde er sich wirklich Sorgen um Wufei Chang machen. Der junge Mann war mehr als kompetent genug den Weg zu finden, selbst wenn Treizes Sohn und dessen Freunde es geschafft hatten, ihn irgendwo im Wald abzuhängen.

Une war dem Geplänkel ihres Gatten mit den Gefährten ihres Sohnes schmunzelnd gefolgt. Es zeigte nur was für ein guter König Treize war. Wäre er ein Tyrann den das Volk fürchtete, so hätten die beiden jungen Männer es sicherlich nicht gewagt derartig mit Treize zu sprechen - so als wäre er ein väterlicher Freund statt der König.

Heero hatte inzwischen die Kutsche ganz überholt, hatte die Seite der Straße gewechselt und ließ sich nun wieder nach hinten zurückfallen, bis er wieder auf derselben Höhe war wie die Kutsche - diesmal jedoch auf der Seite seiner Mutter. Dann beugte er sich vor, so dass ihn außer der Königin niemand verstehen konnte.

"Hat er nur so gedroht oder will er mich wirklich verheiraten?" flüsterte er seiner Mutter zu.

Königin Une warf ihrem Gemahl einen kurzen Blick zu, dann wandte sie sich Heero zu. "Nein, diesmal meint er es wirklich ernst."

Heero richtete sich erstarrt wieder auf. Sein Vater wollte ihn tatsächlich verheiraten? Das konnte doch wohl nicht sein, oder? Warum ausgerechnet jetzt? Aber eigentlich war der Zeitpunkt sowieso egal, Heero wollte nicht heiraten! Natürlich wusste er, dass er früher oder später heiraten musste, immerhin musste er für einen Thronfolger sorgen. Aber aus den offensichtlichen Gründen behagte ihm die Idee an eine Frau gebunden zu sein gar nicht. Er hatte einfach gehofft, er würde noch mehr Zeit haben sich an diesen Gedanken gewöhnen zu können bevor er es wirklich durchziehen müsste. Nur wie sollte er das seinem Vater verständlich machen? Verdammt, was sollte er jetzt nur tun?