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Drei Haseln?sse f?r Duo - Teil 3

Teil 3


Duo wälzte sich im Bett hin und her. Dies war die zweite Nacht in der er so gut wie keinen Schlaf bekam. Morgen - wohl eher später am Tag - würde er wahrscheinlich wie ein tollpatschiger Bär durch die Gegend schlurfen und alles kaputt machen. Und dadurch natürlich noch mehr Ärger mit Lady Agatha bekommen.

Aber das war ihm alles egal. Es verblasste alles im Vergleich mit dem Grund, wieso er nicht schlafen konnte. Duo stöhnte tief in sein dünnes Kissen, als seine Gedanken wieder zu diesem folgenschweren Nachmittag zurückkehrten.

Alles war so wunderbar gewesen, so perfekt. Wie in seinen geheimsten Träumen. Wenn er ehrlich mit sich selbst war, dann musste er zugeben, dass er sich wohl schon vor drei Jahren in den Prinzen verliebt hatte. Damals hatte er sich heimlich an einen Ort geschlichen, von dem aus er den Königszug beobachten konnte und als er den Prinzen gesehen hatte war es um ihn geschehen gewesen. Es war damals alles so verwirrend gewesen, denn ihm war erst vor kurzem klar geworden, dass er sich eher zu Männern hingezogen fühlte. Wobei allerdings keiner in ihm dieselben Gefühle auslösten wie der stolze Prinz.

Natürlich war das nur eine dumme Schwärmerei gewesen. Wer konnte sich schon nach nur einem kurzen Blick verlieben? Aber diese Schwärmerei, dieses Bild von Heero war eines der wenigen schönen Dinge, die Duo noch in seinem Leben hatte. Und so hatte er sich daran geklammert wie ein Ertrinkender.

Nur um in diesem Jahr festzustellen, dass der Prinz auch ein wirklicher Mensch war. Schon als er sich in die Jagdgesellschaft eingeschlichen hatte, hatte er sich gut mit Heero verstanden. Was seine jugendliche Schwärmerei erneut - und verstärkt - entfachte.

Und dann war das Unglaubliche geschehen. Sie waren sich wirklich begegnet. Nur sie zwei, niemand sonst und Duo hatte mit dem Prinzen reden können, wie mit jedem anderen Menschen auch. In dem Moment war Duo verloren gewesen. So wie Heero ihn am Anfang behandelt hatte, so wie sie sich in dem Schuppen bei ihrem kargen Mahl verstanden hatten, so hatte sich Duo immer seinen perfekten Partner vorgestellt.

Das wurde noch verstärkt von dieser wunderbaren Erfahrung im Stroh. Duos Körper erzitterte bei der Erinnerung daran, wie wunderbar sich das alles angefühlt hatte, was Heero alles mit ihm getan hatte. Das war wirklich der schönste Moment in Duos Leben gewesen.

Kurz gefolgt vom schrecklichsten. Als Heero ihn bat mit an den Königshof zu kommen, da hatte Duo für einen Moment geglaubt, dass seine alten Träume doch noch wahr würden. Dass er jetzt endlich von diesem schrecklichen Dasein hier unter Lady Agathas Fuchtel erlöst werden würde. Das er gerettet würde.

Doch nur eine Sekunde nach diesem wunderbaren Gedanken hatte ihn eine Schüssel mit Eiswasser voll im Gesicht erwischt. Der Prinz wollte ihn zwar an den Hof holen - aber nicht als Gefährte, so wie in Duos Träumen. Sondern als Diener.

Als Diener, der praktischerweise Heero auch noch im Bett zu diensten sein könnte. Als seine Hure!

Und nein, das konnte Duo nicht zulassen. Niemals!

In dem Moment, wo der Prinz ihm dieses unverschämte Angebot gemacht hatte, war etwas in Duo zerbrochen. All seine Träume und seine Hoffnung auf ein besseres Leben. Dieser eine Satz vom Prinzen hatte ihm nur zu genau gezeigt, für was dieser ihn hielt. Für einen Dienstboten über den man verfügen konnte wie man wollte. Trotz all der Versuche seiner Stiefmutter ihn bei jeder Gelegenheit zu demütigen hatte sich Duo noch nie in seinem Leben so tief gefühlt wie in dem Moment.

Aber es kam noch schlimmer. Als er - verständlicherweise - die Stellung als Heeros Hure, als das dunkle Geheimnis von dem niemand wissen durfte, abgelehnt hatte, da war der Prinz wütend geworden. Hatte ihn beschimpft und ihm sogar an den Kopf geworfen, dass seine Versuche Heero zu erklären warum er ablehnen musste nur ein Versuch waren den Preis hochzutreiben!

Der Prinz würde es wohl nie erfahren, aber wenn Duo in dem Moment bewaffnet gewesen wäre, es hätte etwas Schlimmes geschehen können. So hatte nur heftige, unbändige Wut alles in Duo zum Erfrieren gebracht und er hatte den Prinzen geohrfeigt. Das war sicherlich nicht genug um wirklich auszudrücken wie sehr der Prinz ihn mit diesen fürchterlichen Worten getroffen hatte, aber es hatte zumindest für den ersten Moment gereicht.

Und jetzt, zwei Nächte später, spielte Duo in Gedanken die Ereignisse wieder und wieder durch, nur um am Ende erneut verletzt zu werden.

Aber außer diesem tiefen, dumpfen Schmerz in Duos Inneren hatte dieser schreckliche Tag doch auch noch etwas Gutes. Duo war jetzt klar, dass er seine Träume endlich ziehen lassen musste. Er musste erwachsen werden und akzeptieren, dass es niemanden gab, der ihn von hier retten würde. Er würde niemals an den Königshof bestellt werden und auch Heero würde ihn nicht wie im Märchen von hier fort bringen.

Es tat weh, diese alten Träume loszulassen. Schon als kleines Kind hatte er mit großen Augen zugehört wenn sein Vater von seiner ach so wunderbaren Zukunft gesprochen hatte. Diese schönen Träume waren kurz nach dem Tod seines Vaters zerbrochen. Als er doch nicht an den königlichen Hof bestellt wurde sondern die Königin Lady Agatha mitgeteilt hatte, dass sie Alexander Maxwell II nun doch nicht als Knappe benötigte. Scheinbar hatte das Interesse der Königin ihm nur solange gegolten, wie sein Vater noch lebte.

Trotzdem hatte er von Jahr zu Jahr weiter gehofft, dass man sich doch wieder an ihn erinnerte und ihn doch endlich an den Hof holen würde. Dass er sich überhaupt so lang an diese falschen Hoffnungen geklammert hatte, zeigte nur, dass seine Stiefmutter vielleicht doch Recht hatte mit ihrer Annahme dass er dumm wäre.

Jeder vernunftbegabte Mensch hätte schon vor Jahren erkannt, dass es nie besser werden würde. Dass Märchen und Träume nicht in Erfüllung gingen.

Und er wurde sich bewusst, dass es im Grunde nur eine einzige Person gab, die ihn retten konnte. Nämlich er selbst!

Er hatte die letzten Jahre damit verplempert hier auf dem Hof auszuharren und auf ein Wunder zu hoffen. Er hatte stillgestanden und alles mit sich machen lassen in der Hoffnung dass es besser werden würde.

Aber es wurde nicht besser. Im Gegenteil, es wurde immer schlimmer. Lady Agatha reduzierte seine Rechte Stück für Stück, inzwischen war er schon so tief als Dienstbote gesunken dass niemand mehr in ihm 'Alexander Maxwell' sah. Der Sohn des ehemaligen Besitzers war zu einer Art Geist geschrumpft.

Wenn er weiter hier bliebe, dann würde er vielleicht irgendwann sich selbst für den dummen Diener halten der nur für die untersten Arbeiten gut waren. Er würde sich selbst verlieren.

Und das konnte er nicht zulassen. Er hatte in den letzten Jahren überlebt, weil er seine Träume gehabt hatte, aber jetzt wo diese so rücksichtslos zerstört worden waren konnte er entweder als leere Hülle zurück bleiben, oder endlich sein Leben wieder in seine Hand nehmen.

Bei dem Gedanken streckte Duo unbewusst sein Kinn hervor. Ja, er würde sich nicht unterkriegen lassen! Von nichts und niemandem! Aber ihm war bewusst, dass sich hier am Hof unter Lady Agathas Fuchtel niemals etwas für ihn ändern würde. Und das bedeutete, er musste es wagen und endlich von hier verschwinden.

Als dieser Entschluss gefasst war, wurde Duo seltsam aufgeregt, aber gleichzeitig in seinem Inneren auch ruhig. So als wenn er endlich eine Entscheidung getroffen hätte, die schon lange fällig gewesen wäre.

Er hatte sich entschieden, bei der ersten sich bietenden Gelegenheit würde er diesem Gut den Rücken kehren und nie wieder zurückkommen. Er würde Howard vermissen, das war klar. Aber Duo wusste auch absolut sicher, dass Howard der erste wäre, der ihn zum gehen drängen würde.

Aber es gab noch andere Fragen. Die wichtigste war dabei, was er dann anstellen sollte? Er würde natürlich bevor er vom Hof floh aus Lady Agathas Schatulle die Papiere klauen, die bewiesen, dass er Alexander Maxwell war, ein freier Mann. Schließlich wollte Duo nicht irgendwo als entflohener Dienstbote gebrandmarkt werden oder im schlimmsten Fall sogar an Lady Agatha zurück geschickt werden.

Aber zu beweisen dass er ein freier Mann war, war nur die eine Sache. Was sollte er tun, sobald er den Hof verlassen hatte? Er hatte nie ein Handwerk gelernt und kannte nur die Arbeiten die er hier verrichtet hatte. Sicher er würde immer irgendwo eine Anstellung als Handlanger finden - vielleicht könnte ihm sogar Howards Cousin in der Stadt helfen. Dieser war ein Händler und hatte viele Kontakte in anderen Städten.

Doch Duo wollte sich nicht mehr einzig und allein auf andere verlassen. Dazu war er zu tief verletzt worden. Er wollte seinen Weg selber finden, sich selber retten. Aber außer den fadenscheinigen Kleidern die er am Leib trug und ein paar wenigen - fast wertlosen - Kleinigkeiten besaß er nichts. Nichts mit dem es ihm gelingen würde irgendwo in der Fremde Fuß zu fassen und sich als etwas anderes als niederer Diener durchs Leben zu schlagen.

In dem Moment riss Duo die Augen auf und keuchte laut. Er hatte es fast vergessen! Aber seit ein paar Tagen hatte er die perfekte Lösung für dieses Problem. Er besaß ja jetzt diesen Ring! Der Preis der bei der Jagd ausgesetzt worden war! Den Ring, den Heero ihm an den Finger gesteckt hatte! Bei dieser Erinnerung wummerte Duos Herz erneut, aber Duo ignorierte es einfach.

Er hatte den Ring. Zwar verstand Duo nicht viel von Schmuck, aber so wie das Ding geglitzert hatte, war es sicherlich einiges wert. Der König hatte ihn selbst gespendet und Duo glaubte kaum, dass der König wertlosen Tand in seiner Schatzkammer aufbewahren würde.

Mit dem Ring standen Duo plötzlich ganz andere Möglichkeiten offen. Wenn er ihn verkaufen könnte, dann hätte er eine Möglichkeit den Start für sein neues Leben zu finanzieren. Er konnte jetzt wirklich nur raten wieviel das Ding tatsächlich wert war, aber vielleicht würde es ja damit möglich sein, sich irgendwo als Lehrling einkaufen konnte. Oder vielleicht reichte es auch für ein kleines Stück Land. Duo war harte Arbeit gewöhnt, er würde es schon schaffen.

Nur ergab sich jetzt eine andere Frage. Könnte er den Ring verkaufen? Oh nicht wegen der Erinnerung daran wie er ihn von Heero bekommen hatte. Solche Gefühle waren jetzt vollkommen irrelevant. Sondern aus einem ganz praktischen Grund. Würde ein Juwelier jemandem wie ihm einen so wertvollen Ring abkaufen? So wie er gekleidet war wirkte er eher wie ein gemeiner Dieb der seinen Herren bestohlen hatte, als der rechtmäßige Besitzer dieses Ringes.

Duo kaute kurz gespannt auf seiner Unterlippe herum Es musste doch eine Möglichkeit geben, dass er den Ring verkauft bekam, ohne wie ein Dieb auszusehen. Dann leuchteten seine Augen plötzlich auf. Natürlich, wieso hatte er nicht gleich daran gedacht! Er hatte ja immer noch die Kleider aus der Zaubernuss! Natürlich waren sie eigentlich für die Jagd gedacht, aber die Stoffe waren sehr kostbar und Duo war schon einmal für einen Edelmann gehalten worden als er sie getragen hatte.

Mit ein bisschen Mut und Einfallsreichtum würde es ihm so gelingen wieder als Edelmann aufzutreten. Und dann würde niemand seinen Besitz anzweifeln.

Duo wurde plötzlich ganz aufgeregt. Er durchdachte seinen neuen Plan noch ein paar Mal, fand aber keinen Makel darin. Das bedeutete, er hatte tatsächlich eine echte Chance dem hier zu entkommen. Er musste hier nicht versauern, er konnte etwas aus sich machen. Nie wieder würde Lady Agatha ihn bis aufs Blut demütigen. Nie wieder würde jemand ihn für etwas niederes, für wertlos halten.

Jetzt, wo er endlich etwas hatte das ihm Hoffnung gab, etwas das eine reelle Chance auf ein besseres Leben war, jetzt erkannte er erst wirklich wie tief er selbst gesunken war.

Aber das war der alte Duo, der Duo der an Träumen hing die zu nichts führten. Er brauchte jetzt nicht mehr auf ein imaginäres 'Irgendwann' zu hoffen. Er musste nur genau planen, so dass er den Hof verließ wenn Lady Agatha das nächste Mal den ganzen Tag unterwegs war. Das konnte vielleicht noch ein paar Tage oder Wochen dauern, aber es würde garantiert geschehen. Und sehr viel früher als das 'Irgendwann' mit dem er sich früher getröstet hatte.

Dieser Gedanke machte Duo ruhig. Ließ endlich einen großen Teil des Schmerzes, der ihn seit dem Tod seines Vaters umgeben hatte, von ihm abfallen. Mit dem beruhigen Gefühl, dass er sein Leben endlich wieder in die eigene Hand genommen hatte, ließ Duo sich zurück in sein Kissen fallen. Vielleicht könnte er jetzt endlich schlafen. Aber wann immer er seine Augen schloss sah er Heeros Gesicht. Und er konnte nicht umhin sich zu fragen, wieso er Heero immer noch wollte. So sehr wollte dass sein Herz schmerzte.

Eine Stunde später war Duo noch immer nicht weiter mit seinen Überlegungen. Heero hatte ihn wie Dreck behandelt und trotzdem sehnte er sich noch nach ihm. Denn auch wenn der andere ihn so tief verletzt hatte, so war der Rest doch noch immer wunderschön. Bis zu diesem verhängnisvollen Satz wo Heero ihm die Stelle als seinen Kammerdiener angeboten hatte war alles perfekt gewesen. Schöner als in jedem Traum.

Plötzlich durchzuckte Duo ein merkwürdiger Gedanke. Wenn doch vorher alles so perfekt gewesen war, dann passte das nicht wirklich mit dem zusammen, was Heero ihm zum Schluss angetan hatte, oder? Irgendwie konnte Duo das Bild von Heero der sich so normal mit ihm unterhalten hatte während sie das karge Mahl geteilt hatten und der fast ängstlich darum gebeten hatte ihn küssen zu dürfen nicht mit dem kühlen Prinzen der ihn ihm nur einen Dienstboten sah den man benutzen konnte vereinen.

So sehr Duo es auch drehte und wendete, nur eine von diesen Seiten konnte der wirkliche Heero sein. Und so sehr Duo sich in seiner Wut auch immer wieder davon zu überzeugen versuchte dass Heero ein kaltherziger Mistkerl war, so glaubte er dennoch nicht, dass der Beginn ihres gemeinsamen Tages eine Lüge gewesen war. Wieso hätte Heero sich auch anders geben sollen als er wirklich war? Nur um einen einfachen Dienstboten hinters Licht zu führen? Wozu? Und soviel Falschheit mochte Duo ihm auch gar nicht unterstellen, dass er sich ihr ganzes Treffen über verstellt hatte nur um ihn zu verführen. Nein, das konnte nicht sein, das fühlte sich nicht richtig an.

Doch wenn das der wahre Heero war, wie ließ sich dann der fürchterliche Schluss ihrer Unterhaltung erklären? Wieder und wieder ging Duo die Worte - die sich in sein Gedächtnis gebrannt hatten - durch. Hatte er vielleicht irgendwo etwas falsch verstanden?

Und je öfter Duo die Unterhaltung wieder durchspielte desto mehr glaubte er, dass es irgendwo ein großes Missverständnis gab. Sicher, Heero hatte ihn die Stelle als Kammerdiener angeboten, daran gab es nichts zu deuteln. Aber war das wirklich als Herabsetzung von ihm gemeint gewesen?

Wenn sich Duo richtig erinnerte, dann war Heero selbst entsetzt gewesen, als er ihm mitgeteilt hatte, dass er darin eher die Stellung einer Hure sah. Aber er selbst war so wütend in dem Moment gewesen, dass er das damals gar nicht wirklich realisiert hatte.

Duo konnte sich noch genau an diesen Moment erinnern. Er hatte praktisch nur noch weißes Rauschen gehört, so geschockt war er gewesen. Und er hatte sich in seinem Inneren die schlimmsten Dinge ausgedacht, nur weil Heero ihm diese Stelle als Kammerdiener angeboten hatte. Denn schließlich war er kein Dienstbote, er war von Geburt ein Edelmann, wenn auch nur von sehr geringem Adel. Dieser Vorschlag von Heero war einer Ohrfeige gleichgekommen.

Doch wenn Duo ehrlich mit sich selbst war - und genau das wollte er seit einigen Stunden sein - dann konnte Heero das ja gar nicht wissen. So wie er ausgesehen und weil er nichts gesagt hatte, hatte Heero ihn ja tatsächlich für einen Dienstboten dieses kleinen Gutes halten müssen. Für einen sehr niedrigen Dienstboten da er noch nicht einmal eine fest umrissene Aufgabe hatte.

So jemanden hätte der Prinz niemals als seinen Gefährten an den Hof holen können. Allerdings wäre die Stellung als Kammerdiener für so jemanden ein riesiger Schritt nach oben. Das Höchste was jemals erreicht werden könnte. Und wenn Duo nicht so schrecklich enttäuscht gewesen wäre, weil in dem Moment sein Kindheitstraum zerplatzt war hätte er das vielleicht auch bemerkt.

Vielleicht hätte er statt sofort auf stur zu schalten und nichts mehr von Heero hören zu wollen, wirklich mit dem anderen reden sollen. Warum hatte er Heero nicht erklärt, dass er kein einfacher Dienstbote war? Für Alexander Maxwell II hätte der Prinz vielleicht eine ganz andere Möglichkeit gefunden an den Königshof zu kommen.

Und das wichtige war hierbei doch, dass Heero ihn wollte. Heero wollte ihn bei sich haben, mit ihm zusammen sein. Und Duo war klar, dass eine Beziehung zwischen ihnen - egal ob er nun Dienstbote oder Edelmann war - immer ein dunkles Geheimnis sein würde. Sie hätten immer irgendeinen Vorwand gebraucht um zusammen sein zu können.

Aber das bedeutete noch lange nicht, dass Heero ihn wirklich als seine Hure benutzen wollte.

Duo stöhnte auf. Konnte es sein, dass er durch seine Voreiligkeit und sein aufbrausendes Wesen alles kaputt gemacht hatte? Hätte sich wirklich alles durch ein ruhiges Gespräch klären lassen?

Egal, es ließ sich jetzt sowieso nicht mehr verändern, oder? Duo hatte diesbezüglich alle Brücken hinter sich abgebrochen. Er hatte Heero sogar geschlagen und er glaubte kaum, dass der Prinz das irgendjemanden durchgehen lassen würde.

Duo lächelte gequält. Hatte er sich selbst seinen großen Traum zerstört? Wahrscheinlich schon. Jetzt blieb nur noch übrig mit den Konsequenzen zu leben. Die da waren, dass er sich sein Leben lang nach Heero verzehren würde. Er hatte alles kaputt gemacht und musste jetzt dafür bezahlen.

Aber vielleicht, vielleicht war ja doch noch nicht alles für immer dahin. Duo wusste nicht ob er sein Herz, das sich an diese unrealistische Hoffnung klammerte, verfluchen sollte oder nicht.

Dennoch, sein Vater hatte ihm beigebracht dass sich so gut wie alles mit einem ruhigen Gespräch klären ließ. Sicher, er hatte Heero tief mit seiner Ablehnung verletzt - dass sah er jetzt ein. Aber wenn er dem anderen alles erklären könnte? Vielleicht war ja doch noch nicht alles verloren? Vielleicht könnten sie reden und zu einer Einigung kommen die ihn nicht zum Dienstboten machte, Heero aber trotzdem nicht das Gefühl gab, dass er sich durch ihre Beziehung bereichern wollte.

Der Ring könnte da helfen. Mit dem Ring hatte er eine finanzielle Sicherheit erlangt die er noch nie zuvor in seinem Leben besessen hatte. Heero bräuchte ihn also nicht zu 'bezahlen' damit er bei ihm blieb. Ja, das könnte er ihm anbieten, es musste doch wirklich eine Möglichkeit geben. Vor allem wenn Heero erst einmal wusste wer er wirklich war.

Blieb nur noch das Problem wie er zu dem anderen durchdringen sollte. Für die nächsten Wochen waren keine Jagdausflüge angesetzt und er bezweifelte, dass Heero sich beim alten Schuppen wieder sehen lassen würde. Irgendeine Möglichkeit zum Prinzen zu gelangen musste es doch geben. Duo hoffte sehr dass ihm bald etwas einfallen würde.

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Heero stapfte missmutig in Richtung seiner Gemächer. Heute Abend würde dieser große Ball stattfinden, zu dem all die heiratsfähigen Frauen der Gegend eingeladen waren, und Heeros Laune war sowieso schon auf dem absoluten Tiefpunkt.

Sein Vater dagegen war vollkommen aus dem Häuschen, viel aufgeregter wegen der abendlichen Festivitäten als Heero selbst, und dabei war Treize gar nicht derjenige der verheiratet werden sollte. Und Quatre und Trowa, Heeros beste Freunde benahmen sich in den letzten Tagen wie ein jung verheiratetes Pärchen auf Hochzeitsreise. Es war einfach widerlich.

Am liebsten würde Heero sich in seinem Zimmer einschließen und erst wieder rauskommen, wenn dieser schreckliche Ball vorüber war. Oder noch besser, wenn der Hofstaat bereit war weiterzuziehen. Und nächstes Jahr würde Heero am besten gleich daheim in der Hauptstadt bleiben. Was sollte er schließlich schon hier im hintersten Winkel des Königreichs?

Heero stieß die Tür zu seinen Gemächern auf, warf sie hinter sich ins Schloss und ging hinüber zum Fenster. Der Tag war furchtbar grau, genauso wie der gestrige schon. Bei so einem Wetter konnte man einfach nichts anderes als schlechte Laune haben. Quatre hätte sich also gar nicht so darüber aufregen brauchen dass Heero auf jeden Vorschlag wie sie den Tag verbringen wollten nur mit einem mürrischen "Hn," geantwortet hatte.

Mit einem Seufzer wandte Heero sich schließlich vom Fenster ab, ging hinüber zu seinem Bett und ließ sich rücklings darauf fallen. Eigentlich konnte er es Quatre ja gar nicht verdenken, er hatte wirklich eine grauenvolle Laune. Seit zwei Tagen schon, seit er von…

Heero stöhnte unwillig auf und warf sich einen Arm über die Augen. Er wollte nicht schon wieder daran denken, aber das würde wohl nicht viel nützen. Seit zwei Tagen konnte er eigentlich an kaum etwas anderes denken als an Duo.

Wie hatte etwas, das zunächst so gut ausgesehen hatte hinterher so schief laufen können? Heero verstand es einfach nicht, ja er wusste noch nicht einmal an welchem Punkt plötzlich alles aus dem Ruder gelaufen war. Alles was er gewollt hatte war mit Duo zusammen zu sein. Wie hatte der Langhaarige das nur so verdrehen können?

Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Heero sich einem anderen gegenüber so geöffnet, sich so wohl in der Gegenwart eines anderen Menschen gefühlt. Selbst Quatre und Trowa, seine besten Freunde, konnten ihm nicht so ein friedvolles Gefühl vermitteln wie Duo. Und dann hatte der Langhaarige auf einmal eine 180 Grad Drehung gemacht und Heero Dinge an den Kopf geworfen, die diesen bis ins Mark getroffen hatten.

Und doch… Heero seufzte. Und doch wollte er Duo noch immer. Er konnte es selbst gar nicht glauben, hatte er die Gesellschaft des anderen doch nur einen kurzen Tag lang genossen. Aber er vermisste Duo, vermisste ihn mit einer Heftigkeit die ihn erschreckte.

Aber es gab nichts was Heero dagegen unternehmen konnte. Duo hatte mehr als deutlich gemacht was er von Heero und dessen vernünftigem Angebot hielt, und Heero würde den Teufel tun und vor Duo zu Kreuze zu kriechen und um eine weitere Chance zu betteln. Er hatte schließlich auch seinen Stolz!

"Aha, hier hast du dich also verkrochen!"

Heero nahm den Arm von seinen Augen und drehte den Kopf. In der Tür zu seinem Zimmer stand Quatre mit verschränkten Armen und funkelte ihn an. Dicht hinter ihm stand wie immer Trowa.

"Was sollte das eben da unten im Stall?" fragte Quatre und betrat nun vollends das Zimmer. Trowa folgte ihm und schloss die Tür hinter sich.

"Lasst mich in Ruhe," knurrte Heero.

"Nein," antwortete Quatre und setzte sich in einen Sessel. "Und jetzt pack aus. Was ist los?"

"Nichts ist los."

"Ist es etwa immer noch wegen diesem Alexander?" fragte Quatre. "Du wirst ihn schon noch wieder sehen, wahrscheinlich sogar heute Abend auf dem Ball."

"Wer?" Heero setzte sich verwundert auf. "Oh, der junge Jäger. Nein, es ist nicht wegen ihm."

Quatre warf ihm einen forschenden Blick zu, dann lehnte er sich im Sessel zurück. "Du bist schon so merkwürdig seit du vorgestern Abend von deinem Ausritt zurückgekommen bist - der übrigens den ganzen Tag gedauert hat. Wo warst du da, Heero? Was ist passiert?"

Heero zögerte. Er hatte nicht die geringste Lust Quatre und Trowa von Duo zu erzählen. Wenn er den beiden von ihm erzählte, dann wäre das so als würde Duo nicht mehr nur ihm allein gehören. Und das gefiel Heero überhaupt nicht, auch wenn Duo ihn so harsch abgewiesen hatte, so wollte er ihn dennoch mit niemandem teilen.

"Ich hab Zeit, weißt du," fügte Quatre milde zu. "Wenn nötig bleibe ich bis zum Ball hier sitzen, und danach ebenfalls, solange bis du auspackst. Du kannst es also genauso gut auch gleich erzählen."

"Und du kennst Quatre. Wenn er sich etwas in den Kopf setzt, dann führt er das auch durch," fügte Trowa mit einem Schmunzeln in der Stimme hinzu.

Heero stieß einen langen, leidenden Seufzer aus, dann lehnte er sich bequem in die Kissen seines Bettes zurück und begann zu erzählen.

Als er damit fertig war herrschte Stille im Zimmer. "Ich verstehe," sagte Quatre schließlich lang gezogen.

Heero runzelte die Stirn. Was sollte denn dieser Tonfall bitteschön bedeuten? "Was meinst du damit?" fragte er deshalb misstrauisch.

"Nun," sagte Quatre, "dir ist ja wohl hoffentlich klar dass du dich entschuldigen musst."

"WAS?" Heero sprang von seinem Bett auf und starrte Quatre ungläubig an. "ICH soll mich entschuldigen? Wofür denn bitte? Ich habe wirklich alles versucht damit wir zusammen sein konnten, aber was ich auch vorgeschlagen habe, es war ihm nicht gut genug! ICH war ihm nicht gut genug!"

Quatre schüttelte traurig den Kopf. "Heero, setz dich hin," sagte er.

Heero ignorierte ihn und lief stattdessen vor seinem Bett auf und ab. "Ich habe wirklich gedacht Duo wäre was besonderes, aber offenbar war das nur etwas einseitiges, er hat mich nur benutzt für was auch immer und dann -"

"Er hat Recht," warf Trowa ruhig ein, und das brachte Heero dazu schlagartig zu verstummen. "Was?" fragte er schwach.

"Quatre hat Recht," wiederholte Trowa. "Du musst dich entschuldigen."

Heero ließ sich fassungslos einfach nach hinten in einen Sessel fallen. Glücklicherweise stand hinter ihm auch tatsächlich ein Sessel, denn er hatte nicht nach hinten gesehen um das zu überprüfen. Zu sehr hatten ihn Trowas Worte schockiert. Wenn sogar Trowa der Meinung war dass Heero sich entschuldigen musste… Heero schluckte hart.

Eine Weile sah Quatre ihn nur stumm an, dann sagte er plötzlich, "Du bist verletzt."

"Ich… nun… ich…" rang Heero nach Worten, dann stieß er hervor, "Ja!" Und tatsächlich, jetzt wo er es aussprach, merkte er dass es tatsächlich stimmte. Er war verletzt, tief verletzt.

Quatre nickte nur. "Warum?"

"Warum?" fragte Heero perplex. "Nun, weil… ich meine, ich… weil er…" Heero brach verwirrt ab.

"Also sind es verletzte Gefühle und nicht verletzter Stolz." Quatre lächelte. "Gut."

"Gut?" Heero starrte ihn ungläubig an. "Was soll an meinen verletzten Gefühlen bitteschön gut sein?"

"Nun, weil es dann wert ist dafür zu kämpfen, nicht wahr?" Quatre legte seinen Kopf schief. "Wenn dieser Duo nur deinen Stolz verletzt hätte, dann würde ich dir jetzt sagen, dass du schon noch darüber hinwegkommen wirst. Aber so werde ich versuchen dir zu helfen."

"Ich weiß immer noch nicht was daran gut sein soll," grummelte Heero.

"Na dass du tatsächlich endlich einmal Gefühle zeigst, Heero," lächelte Quatre strahlend. "Du hast diese ganze Sache, dass dein Vater dich verheiraten will obwohl du überhaupt keine Neigung in dieser Richtung hast, viel zu gelassen hingenommen. Dass du endlich einmal Leidenschaft zeigst ist etwas gutes, glaub mir."

"Hn," machte Heero nur, beschloss aber Quatre zuzuhören. Was konnte es schließlich schaden?

"In Ordnung, also zu unserem Problem. Du bist also praktisch über diesen Duo hergefallen, und anschließend bietest du ihm eine Stelle als dein Kammerdiener an, zumindest offiziell, denn inoffiziell hast du natürlich schon erwartet dass ihr beide dort weitermachen werdet wo ihr unterbrochen wurdet," fasste Quatre Heeros Geschichte zusammen. "Hab ich damit Recht?"

Heero rutschte unbehaglich auf seinem Sessel umher. "Nun… ja. Aber ich bin nicht über ihn hergefallen, wie du es nennst. Es war in beiderseitigem Einvernehmen."

"Ok," akzeptierte Quatre die Korrektur. "Aber das spielt jetzt keine Rolle. Es tut mir wirklich leid, Heero, aber ich fürchte ich muss in diesem Fall deinem Duo zustimmen. Letzten Endes wäre er nichts anderes gewesen als deine Hure."

"Was?" Heeros Kopf ruckte hoch. Er starrte seinen Freund ungläubig an. Nicht Quatre auch noch. "Quatre, ich… ich dachte du wärst mein Freund!"

"Das bin ich, Heero," erwiderte Quatre ernst. "Und als dein Freund ist es meine Pflicht dir die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie unangenehm sein sollte."

"Aber…" Heero schüttelte abwehrend den Kopf. "Du verstehst das nicht! Ich wollte Duo nicht zu meiner Hure machen! Ich wollte mit ihm zusammen sein! Ich wollte dass er… Ich wollte so etwas wie du und Trowa…"

Quatres Augen weiteten sich, er lehnte sich vor doch noch bevor er etwas sagen konnte kam Trowa ihm zuvor.

"Du liebst ihn," sagte der große Mann ruhig.

"Was?" Heero schüttelte abweisend den Kopf. "Natürlich nicht. Wie kommst du darauf? Ich kenne ihn doch kaum, wie kann ich ihn da lieben?"

"Ich stimme Trowa zu," antwortete Quatre. "Und manchmal braucht es nicht lange um sich in einen Menschen zu verlieben." Dann lachte er auf. "Dass ich das noch erleben darf!" rief er und schüttelte ungläubig grinsend den Kopf.

"Lass das," knurrte Heero. Dann hielt er einen Moment inne. Wäre es möglich dass die beiden Recht hatten? Konnte er Duo tatsächlich schon nach so kurzer Zeit lieben? Es würde natürlich erklären warum er so verletzt war und die ganze Sache nicht einfach abhakte. "Vielleicht habt ihr Recht," gab er schließlich unwillig zu. "Das hilft mir aber trotzdem nicht weiter bei der Lösung dieses Problems."

Quatre lehnte sich in seinem Sessel wieder zurück. "Lass mich dir eine andere Frage stellen: nehmen wir einmal an, du hättest diesen jungen Jäger, Alexander, tatsächlich ausfindig gemacht. Nehmen wir an, du hättest ihm eine Stellung am königlichen Hof angeboten und aus euch beiden wäre tatsächlich später ein Paar geworden. Was hättest du gemacht wenn du irgendwann einmal das Interesse an ihm verloren hättest? Wenn du keine Gefühle mehr für ihn gehabt hättest?"

Heero zuckte die Schultern, etwas verwundert über die Richtung in die das Gespräch ging, antwortete jedoch, "Ich hätte es ihm vermutlich gesagt und wir hätten die Beziehung beendet."

"Und wenn er derjenige gewesen wäre, der die Beziehung beenden wollte?"

"Natürlich hätte ich ihn dann auch gehen lassen," antwortete Heero. "Schließlich kann ich ihn nicht zwingen mit mir zusammen zu sein."

"Und hättest du ihn in diesem Fall von Hofe entfernen lassen? Ihm die Position wieder weggenommen, damit du ihn nicht jeden Tag zu sehen brauchst?"

"Selbstverständlich nicht!" erwiderte Heero empört. Wie konnte Quatre nur so etwas von ihm denken.

"Auch nicht wenn es zu schmerzhaft gewesen wäre, den Mann den du liebst jeden Tag zu sehen, ihm aber nicht mehr nahe sein zu können?" Quatres Blick ließ ihn nicht für eine Sekunde los.

Heero dachte kurz nach. "Vielleicht hätte ich versucht ihm eine andere Position zu geben, und sollte er das nicht wollen, dann wäre ich ihm eben so gut wie möglich aus dem Weg gegangen. Nur weil er am königlichen Hof ist heißt das ja nicht dass ich ihn ständig sehen muss."

Quatre nickte. "Und jetzt stellen wir uns das ganze einmal mit Duo vor. Nehmen wir an, er hätte tatsächlich die Stelle als dein Kammerdiener angenommen. Und eines Tages stellt einer von euch beiden fest, dass er den anderen nicht mehr liebt. Was dann?"

Heero stockte für einen Moment der Atem. "Ich…" stammelte er, doch weiter kam er nicht. Seine Gedanken rasten hin und her. So sehr er es auch versuchte, er konnte es sich einfach nicht vorstellen, Duo jemals nicht zu wollen, nicht zu lieben. Und die Alternative… Allein die Vorstellung dass Duo ihn nicht liebte war…

"Was für eine Möglichkeit hätte Duo in der Position als dein Diener schon die Beziehung zu beenden?" sagte Quatre leise. "Könntest du es ertragen deinen ehemaligen Liebhaber Tag für Tag zu sehen? Müsste Duo nicht befürchten du würdest ihn auf die Straße setzen wenn er sich dir verweigern würde? Und im umgekehrten Falle wäre es fast noch grausamer - dann würde er Tag für Tag den Mann sehen, den er liebt, der ihn aber nicht mehr liebt. Müsste mit ansehen wie du dir vielleicht einen neuen Liebhaber nimmst, und es gäbe nichts was er dagegen tun könnte. Er könnte noch nicht einmal den Hof verlassen, denn wo könnte er schon hingehen?"

Quatre blickte ihn einen Moment ernst an. "Nimm Trowa und mich. Wir beide sind gleichgestellt, nicht unbedingt so sehr vom Rang, sondern von unserer Abhängigkeit. Sollte einer von uns beiden jemals die Beziehung beenden wollen - was ich nicht hoffe," Quatre drehte den Kopf und lächelte seinem Liebhaber, der der Unterhaltung größtenteils stumm gefolgt war kurz zu, "dann könnte er es tun. Wir sind uns in unserer Beziehung ebenbürtig. Duo wäre das nicht. Als dein Diener muss er gehorsam sein, er muss sich darauf verlassen dass du ihn gut behandelst. Er wäre von dir abhängig, Heero, und das ist keine Beziehung."

Heero starrte seinen Freund stumm an. Quatre hatte… Heero schluckte. Quatre hatte Recht. So genau hatte Heero noch gar nicht darüber nachgedacht, verdammt, alles was er gewollt hatte war mit Duo zusammen zu sein, und dies war ihm als die einfachste Methode erschienen. Er hatte nicht eine Sekunde daran gedacht, was es für Duo bedeuten musste…

"Aber… aber was hätte ich denn sonst tun sollen?" stammelte Heero.

Quatre schüttelte traurig den Kopf. "Das kommt darauf an. Wenn du so etwas willst wie Trowa und ich es haben, wenn du einen Partner willst, dann müsst ihr beide euch zumindest in der Beziehung gleichgestellt sein. Soweit das mit dir als Prinzen möglich ist. Willst du das, Heero?"

Heero nickte stumm.

Quatre lächelte. "Gut. Dann ist es ja eigentlich ziemlich einfach."

"Einfach?" Heero schüttelte den Kopf. "Quatre, ich weiß nicht wie das funktionieren soll! Wie können wir uns ebenbürtig sein wenn Duo nur ein Dienstbote ist? Er wäre immer von mir abhängig, es sei denn er wäre der Diener von jemand anderes, aber das will ich auch nicht!"

"Na dann verleih ihm doch einfach irgendeinen Adelstitel - mach ihn zum Sir oder so - und gib ihm vielleicht noch ein kleines Stück Land dazu und dann müsste er überhaupt kein Diener mehr sein," war die lakonische Antwort von Trowa.

Heero starrte seine Freunde nur an. "Und wie soll das bitteschön gehen?"

Quatre seufzte tief. "In Ordnung, dann buchstabier ich es eben. Heero, denkst du im Ernst dass Duo wirklich nur irgendein einfacher Diener ist?"

Heero zuckte mit den Schultern. "Was sollte er denn sonst sein?"

Quatre schüttelte den Kopf. "Ist dir denn bei deiner Erzählung gar nichts aufgefallen? Heero, ein einfacher Diener hätte sich niemals mit dir über all diese Dinge unterhalten können, von denen du berichtet hast! Ein einfacher Diener hätte keine so gewählte Ausdrucksweise gehabt! Und ein einfacher Diener hätte es wahrscheinlich nie gewagt dich so zu behandeln wie Duo es getan hat!"

"Was willst du damit sagen?" Heero runzelte verwundert die Stirn.

Quatre zuckte mit den Schultern. "Ich nehme an, dass Duo der illegitime Sohn des Hausherrn ist. Er hat daher wahrscheinlich dieselbe Erziehung genossen wie die ehelichen Kinder. Und wahrscheinlich ist der Hausherr gestorben und die Hausherrin war nicht ganz so begeistert über das uneheliche Kind wie dessen Erzeuger. Das würde auch erklären warum Duo bei so vielen verschiedenen Aufgaben helfen muss statt einen genau definierten Aufgabenbereich zu haben. Er sitzt irgendwie zwischen den Stühlen, nicht ganz zur Familie und nicht ganz zur Dienerschaft gehörend."

Heero blinzelte überrascht. Jetzt wo Quatre es erwähnte ergab das tatsächlich einen Sinn. Duo hatte tatsächlich nicht wie ein Diener auf ihn gewirkt, obwohl er wie einer gekleidet gewesen war. Und es würde erklären warum dieser sich herausnahm, Schneebälle auf eine imaginäre Hausherrin zu werfen, weil diese ihn geärgert hatte. Ein einfacher Dienstbote würde es sicherlich nicht wagen.

"Im Grunde ist es also ganz einfach," fuhr Quatre fort. "Geh zu deinem Vater, bitte ihn darum dass er Duo irgendeinen Adelstitel verleiht, weil… ja, weil er dein Leben gerettet hat. Das kommt immer gut. Gib noch ein kleines Anwesen dazu und das Problem mit der Abhängigkeit ist erledigt."

Heero runzelte die Stirn. "Aber würde Duo das nicht auch wie eine Art Bestechung oder Bezahlung ansehen?"

Quatre rollte mit den Augen und seufzte tief auf. "Heero, das ist doch nicht so schwer. Gib ihm den Titel und das Gut ohne irgendwelche Bedingungen daran zu knüpfen. Er bekommt es, egal ob er einer Beziehung mit dir zustimmt oder nicht. Dann ist es keine Bezahlung und ihr könntet zusammen sein ohne dass der eine vom anderen abhängig ist. Duo hätte etwas worauf er zurückgreifen könnte, sollte irgendwann einmal das schlimmste eintreten und ihr euch trennen. Dieses Wissen allein kann unglaublich beruhigend sein, vor allem für jemanden der bis dahin nichts besessen hat."

Heero starrte zu Boden und dachte nach. Quatre hatte Recht. Mit allem. Gott, wenn Heero daran dachte, wie sehr er Duo durch dieses Angebot wohl verletzt hatte! Heero wünschte sich wirklich, er könnte die Zeit zurückdrehen und ihren Streit ungeschehen machen. Vor allem wünschte er sich, er hätte den letzten Satz nicht gesagt. Duo hatte jedes Recht gehabt ihn dafür zu schlagen. Heero schämte sich unglaublich.

Aber es hatte keinen Sinn sich das zu wünschen, die Vergangenheit konnte nicht ungeschehen gemacht werden. Aber die Zukunft konnte verändert werden, und genau das hatte Heero vor. Gleich am nächsten Tag - sollte er den schrecklichen Ball heute Abend überleben - würde Heero zu Duo gehen und sich bei diesem entschuldigen. Das wäre das mindeste was er tun musste. Und dann würde er genau das tun was Quatre ihm vorgeschlagen hatte. Und er hoffte wirklich sehr, dass Duo ihm verzeihen konnte und vielleicht doch eine Beziehung mit ihm in Betracht ziehen würde. Das wünschte Heero sich wirklich sehr.

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Am frühen Abend wusste Duo immer noch nicht, wie er am besten mit Heero Kontakt aufnehmen könnte, aber er hatte im Augenblick auch keine Möglichkeit in Ruhe darüber nachzudenken. Lady Agatha und Relena wurden gerade für den Ball angekleidet deshalb herrschte rege Betriebsamkeit in dem großen Raum. Obwohl die Kleider eigentlich fertig gestellt waren, gab es offenbar genug Dinge, die in letzter Sekunde noch geändert werden mussten. Und so musste Duo allerlei Arbeiten verrichten. Im Moment war er gerade dabei sämtliche Stoffreste die auf dem Boden herumlagen aufzusammeln.

"Duo, bring die Knöpfe her," ertönte in diesem Moment die schneidende Stimme seiner Stiefmutter.

Leise seufzend setzte Duo den Korb mit den Stoffresten auf den Boden und rannte wieselflink in die andere Ecke des Zimmers um von dort die geforderte Kiste mit Knöpfen zu holen. Die Kiste stellte er dann auf einen kleinen Tisch, neben Lady Agatha.

Um seine Stiefmutter herum standen zwei Zofen die an ihr und ihrem Kleid herumzupften um es fertig zu stellen. Währenddessen betrachtete seine Stiefmutter sich bewundernd in einem kleinen Spiegel.

Lady Agatha hatte sich ziemlich herausgeputzt. Sie trug ein edles Kleid in dunkelgrün und weiß. Man könnte fast meinen, sie wollte selbst auf Bräutigamssuche und nicht nur ihre Tochter begleiten.

"Duo, wo hast du die Spitze?" kreischte in diesem Moment Relena, die ein paar Meter neben ihrer Mutter stand und ebenfalls von zwei Frauen fertig angekleidet wurde.

Duo fragte sich war, wozu Relena jetzt noch die Spitze brauchte, immerhin war die Schneiderin doch gestern schon mit den Kleidern fertig geworden, aber er würde den Teufel tun und das jetzt fragen. Stattdessen sprang er auf und rannte dorthin wo er vorhin die Spitze hatte liegen sehen und brachte sich zu Relena zurück.

Kaum war die Aufgabe beendet, da befahl Lady Agatha schon, "Das Halsband Duo!"

Wieder rannte Duo in eine andere Ecke des Raumes und holte aus der großen, schweren Schmuckschatulle die Kette, von der sein Vater immer gesagt hatte, dass sie schon seit Generationen seiner Familie gehörte. Es war eine schwere Kette, die aus verschiedenen goldenen Quadraten bestand, die alle einen roten Stein in ihrer Mitte hatten.

Behutsam hielt Duo die Kette in seinen Händen und ging diesmal etwas langsamer zu seiner Stiefmutter zurück, er wollte es nicht riskieren diese wertvolle Kette fallen zu lassen.

Lady Agathas Kleid schien fertig zu sein, denn sie stand jetzt an einem anderen Platz, direkt vor einem großen Spiegel und betrachtete sich von oben bis unten. Als Duo ihr die Kette umlegen wollte, griff Lady Agatha danach, sagte, "Tsk, Tsk," und reichte die Kette dann weiter an eine der Zofen, welche sie ihr dann umlegte.

"Howard," rief Lady Agatha währenddessen. "Leg Teppiche von der Tür bis zur Kutsche!"

"Sehr wohl," erklärte Howard nur und machte dass er den Raum verließ.

Duo konnte es ihm nicht verdenken. Er wäre jetzt am liebsten auch ganz woanders gewesen. Und er wusste noch nicht einmal wieso, aber dass Lady Agatha ihm noch nicht einmal gestattete, dass er ihr die Kette seiner Familie umlegte hatte ihn tief getroffen.

Doch er hatte keine Zeit darüber nachzugrübeln, denn in dem Moment wollte Relena wieder etwas von ihm. Nachdem Duo die Zwirnreste vor Relenas Füßen aufgerollt hatte, stellte das Mädchen sich in Pose und fragte, "Na, wie gefall ich dir?"

Duo stand auf und ließ seinen Blick anerkennend über Relenas Kleid wandern. Die Schneiderin musste gestern wohl ein Wunder verbracht haben, denn Relena war nicht wie sonst üblich eine einzige rosa Wolke gehüllt. Zwar war ihr Unterkleid wieder rosa, aber das Überkleid war in einem fast schlichten weiß gehalten auf dem in aufwendiger Stickarbeit ein paar dunkelrosa Blumen gestickt waren. Dazu hatte sie eine Schleppe in einem so blassen hellblau, dass das Weiß des Kleides hindurchschimmerte. "Sehr schön," bestätigte Duo deshalb, ließ aber mit Bedacht weg, dass er nur vom Kleid sprach. Er hatte auch so schon genügend Schwierigkeiten.

"Sehr schön," ereiferte sich in diesem Moment Lady Agatha, die auch zu ihnen getreten war. "Wunderschön, Relena!"

Relena strahlte ob des Lobes von Ohr zu Ohr, dann blickte sie zu Duo und fragte, "Vielleicht möchtest du mit uns auf den Ball mitkommen? Hast du nicht Lust?"

Duo zögerte für eine Sekunde. Er war es nicht gewöhnt, dass Relena ihm so etwas Nettes anbot aber dann siegte seine Hoffnung Heero wieder zu sehen. Auf dem Ball würde es sicher eine Möglichkeit geben kurz mit den Prinzen zu reden. "Ich würde sehr gerne mitkommen," erklärte er deshalb.

Relena lachte laut auf. "Aber die Einladungen gelten nur für Mutter und mich, du Dummerchen. Außerdem, so wie du angezogen bist, kannst du dich nicht bei den hohen Herrschaften blicken lassen."

Duo sah an sich herunter und musste seufzen. Relena hatte ja Recht, mit diesen abgewetzten Kleidungsstücken sah er eher aus wie ein Schweinehirt und nicht wie der Gast eines Königlichen Balles. Aber er wollte so schnell nicht aufgeben. "Ich weiß ja, dass ich nicht eingeladen bin. Aber wir haben doch noch ein paar Livreen, ich könnte eine davon anziehen und als euer Diener mitkommen."

Bei dem Vorschlag musste Relena laut auflachen.

Duo wurde jetzt endgültig bewusst, dass seine Stiefschwester niemals vorgehabt hatte ihm so etwas Schönes wie diesen Ball zu gönnen. Sie hatte es nur genutzt um ihn wieder zu demütigen. Normalerweise wäre Duo darauf nicht hereingefallen aber heute hatten seine Alarmglocken nicht rechtzeitig geläutet.

Jetzt mischte sich auch noch Lady Agatha in die Unterhaltung ein. "Und wer wird hier aufräumen, hm? Und die Wäsche zum Bügeln anfeuchten, was?"

"Bis zum Morgen wird alles fertig sein, bestimmt," versicherte Duo bevor er noch darüber nachdenken konnte - doch die Hoffnung Heero wiederzusehen war einfach übermächtig.

Lady Agatha lächelte plötzlich von einem Ohr zum anderen. "Ach, wenn du nicht genug Arbeit hast, bekommst du halt noch welche obendrauf," erklärte sie süffisant und schritt zum großen Ofen. Auf der Ofenbank standen zwei Schüsseln, die Duo bisher nicht beachtet hatte. Lady Agatha nahm beide in ihre Hände und schüttelte sie nacheinander mit einem erfreuten "So!" auf den Boden. Mais und Linsen kullerten in einem riesigen Durcheinander umher.

Dann stellte Lady Agatha die Schüsseln wieder zurück und erklärte mit hocherhobenem Finger, "Bis wir zurück kommen will ich hier kein einziges Körnchen mehr sehen. Den Mais in die eine Schüssel, die Linsen in eine andere. Viel Spaß."

Duo schäumte vor Wut. Am meisten über sich selbst. Lady Agatha hatte scheinbar diese spezielle Demütigung von langer Hand vorbereitet und er war ihr wie ein dummer Junge in die Falle getappt. Dass er nachdem seine Stiefmutter und Relena den Hof verlassen hatten die Unordnung in wenigen Minuten weggekehrt und neue Linsen und Mais aus der Vorratskammer besorgt haben würde machte es nicht besser. Wieso hatte ihn seine Hoffnung Heero wieder zu sehen so dumm in das offene Messer rennen lassen? Komme was da wolle, hier würde er nicht mehr bleiben können. Er ertrug Lady Agatha einfach nicht mehr.

Seufzend kniete sich Duo neben den Haufen und schob ein paar Linsen und Maiskörner hin und her - solang Lady Agatha noch hier war wollte er zumindest den Anschein aufrechterhalten. Plötzlich stand Relena vor ihm, tappte ihren Fuß direkt in die Mitte des Körnerhaufens und machte genüssliche Kreisbewegungen damit. "Und ich werde dir morgen erzählen, wie oft ich mit dem Prinzen getanzt habe," sagte sie höhnisch, dann drehte sie sich um und hielt Duo das Ende ihres Kleides hin. "Halt meine Schleppe."

Duo packte das Ende der Schleppe, rührte sich aber nicht von der Stelle und ließ auch nicht los, als Relena ein paar Schritte gegangen war. Als sie nicht mehr weiter gehen konnte machte Relena ein erstauntes "Huch!" und sah ihn empört an.

Duo ließ die Schleppe los und sagte mit einem ehrlichen Grinsen, "Ich würde sie dir eh nur beschmutzen, halt sie dir selber." Duo konnte gar nicht beschreiben, wie gut es tat seiner Stiefschwester endlich mal Paroli zu bieten - wenn auch nur in einer so kleinen Angelegenheit.

Relena warf ihm einen bösen Blick zu, doch entweder traute sie sich nicht ihn für diese 'Unverschämtheit' zu bestrafen - bisher hatte das immer Lady Agatha übernommen, Relena selbst hatte sich immer nur auf irgendwelche Gemeinheiten beschränkt - oder sie hatte keine Zeit mehr dafür.

Wahrscheinlich letzteres, denn auf einmal herrschte eine aufgeregte Betriebsamkeit, Lady Agatha und Relena hüllten sich in so viele Pelze dass es gereicht hätte sämtliche Fußböden des Gutes damit auszulegen. Howard kam zurück in den Raum und meldete, dass nun auf dem gesamten Weg bis zum Schlitten Teppiche ausgelegt wären, und dann machten Lady Agatha und Relena sich auf den Weg nach draußen.

Duo stand auf und folgte mit langsamen Schritten dem Gesinde, das hinter Lady Agatha und Relena herlief und hier und da noch etwas zurecht zupfte. Er wusste nicht was genau ihn dazu antrieb - vielleicht irgendein selbstquälerischer Charakterzug von dem er bisher noch nicht gewusst hatte - aber er musste einfach mit ansehen wie seine Stiefmutter und -schwester auf dem Weg zum königlichen Ball das Gut verließen.

Halb hinter Howard und einem der Küchenjungen versteckt beobachtete Duo wie Lady Agatha und Relena in den Schlitten stiegen, sich zurechtsetzten und dann dem Kutscher das Zeichen zum losfahren gaben. Als der Schlitten das Tor passierte, hätte Duo am liebsten losgeheult. Scheinbar hatte es irgendwo ganz tief in ihm noch immer einen winzigen Teil gegeben, der darauf gehofft hatte dass seine Stiefmutter im letzten Moment doch noch ihre Meinung ändern und ihn mitnehmen würde.

Stattdessen stand Duo nur auf dem sich langsam leerenden Hof und starrte mit brennenden Augen der immer kleiner werdenden Kutsche hinterher, während er das Ende seines Zopfes in seinen Händen hielt und fast verzweifelt daran zog und zerrte.

"Du bist traurig," sagte Howard leise und legte Duo von hinten eine Hand auf die Schulter.

Duo schluckte und versuchte mit aller Macht die Tränen zurückzuhalten. Wenn er sich jetzt umdrehen und Howard ansehen würde, würde er sich nicht mehr zurückhalten können, sich Howard an die Brust werfen und vor all den Dienstboten hier im Hof anfangen zu schluchzen. Deshalb schüttelte er nur schnell abwehrend den Kopf, riss sich von Howard los und rannte die Treppe hinauf, zurück in das Zimmer wo noch immer die Linsen und der Mais auf ihn warteten.

Howard blickte Duo mit schwerem Herzen hinterher. "Ich weiß," murmelte er, denn trotz Duos Kopfschütteln war ihm klar, wie traurig Duo wirklich sein musste. Schon seit zwei Tagen, seit Howard gesehen hatte wie der Prinz - der Prinz! - wütend aus Duos Schuppen gestürmt war, und Duo kurz darauf nicht weniger wütend zu ihm in den Baum geklettert und schweigend beim Holzschneiden geholfen hatte, war der Junge einfach nicht mehr er selbst gewesen.

Es schmerzte Howard Duo so zu sehen. Er kannte den Jungen nun schon seit dessen Geburt, und noch niemals hatte Howard ihn so still, so ernst und in sich gekehrt erlebt wie während der letzten zwei Tage. Howard wusste zwar nicht genau was passiert war - Duo hatte sich geweigert ihm irgendetwas zu erzählen - aber wie gesagt, er kannte Duo seit dieser ein Baby gewesen war. Howard konnte es sich schon ungefähr zusammenreimen.

Howard seufzte und schüttelte schwer den Kopf. "Aber leider kann ich dir nicht helfen," fügte er traurig in Duos Richtung hinzu. Und das war sicherlich das traurigste an der ganzen Sache. Obwohl Howard Duos Vater niemals irgendetwas in der Richtung versprochen hatte - schließlich hatte der arme Mann seinen Tod nicht kommen sehen und so keine wirklichen Vorkehrungen getroffen - so fühlte Howard dennoch das Bedürfnis, sich um Duo zu kümmern. Leider war ihm das eher schlecht als recht gelungen, und so hatte er zusätzlich auch noch das Gefühl, seinen ehemaligen Herrn und Freund im Stich zu lassen.

Howard seufzte erneut. Die Zustände hier am Hof wurden einfach immer schlimmer und schlimmer. Wäre Duo nicht gewesen, Howard hätte das Gut schon längst verlassen und wäre in die Stadt gegangen, um dort für seinen reichen Cousin zu arbeiten, wie dieser es ihm nun schon seit Jahren anbot. Aber solange Duo hier blieb, solange würde auch Howard bleiben. Das war er dem Jungen schuldig.

Duo war inzwischen wieder zurück im großen Wohnzimmer des Gutes. Mit einem resignierten kleinen Seufzer schnappte er sich Schaufel und Besen und kehrte das Durcheinander aus Linsen und Mais schnell zusammen. Ein schneller Gang zum Abfallhaufen im Hof - um das Linsen-Mais-Mischmasch zu entsorgen - und ein kurzer Abstecher in die Vorratskammer - um sich je eine neue Schüssel Linsen und Mais zu besorgen - und Lady Agathas Strafaufgabe für ihn war erledigt.

Da Duo für den Rest des Abends nichts mehr zu tun hatte - die Mägde erledigten die Wäsche lieber selbst und scheuchten ihn immer fort, sobald Lady Agatha nicht mehr in der Nähe war - und Duo außerdem keine Lust hatte, für den Rest der Nacht die mitleidigen Blicke der anderen Dienstboten zu ertragen, machte er sich auf den Weg hinaus zu seinem Schuppen.

Obwohl Duo in den letzten zwei Tagen durchaus Gelegenheit gehabt hätte, sich erneut zu seinem Versteck zu schleichen, war er seit dem gemeinsam mit Heero dort verbrachten Nachmittag nicht mehr da gewesen. Er hatte befürchtet, dass die Erinnerungen zu quälend sein würden.

Doch als er nun die kleine Leiter hinaufstieg und sein Refugium betrat, überfielen ihn keine bösen Erinnerungen an den Streit, wie er befürchtet hatte. Stattdessen erfüllte ihn ein schmerzhaftes Sehnen nach Heero, so schmerzhaft dass es sich fast körperlich anfühlte. Duo stöhnte leise auf und ließ sich auf den Strohhaufen in der Ecke fallen. Wenn er die Augen schloss war es fast so, als würde Heero direkt neben ihm liegen. Er bräuchte nur die Hand auszustrecken und dann…

Eine einzelne Träne lief Duo aus dem Augenwinkel. Jetzt, wo seine Wut und sein Ärger auf Heero vollkommen verraucht waren, jetzt vermisste er den Prinzen sehnsüchtig. Es war fast als hätte er Heero sein Leben lang gekannt und nicht nur einen kurzen Nachmittag lang.

Duo seufzte, stand auf und ging zu Rosalie hinüber. "Vater hat immer gesagt, wenn ich erst an Hofe wäre, würde ich die wunderbarsten Abenteuer erleben. Ich würde dort so viele Freunde finden, dass ich meinen armen, alten Vater ganz vergessen würde," erzählte er der Eule mit einem Lächeln. "Ich hab dann immer meine Arme um seinen Hals geworfen und lachend protestiert, dass ich immer wenn der königliche Hof seine Winterresidenz bezogen hätte, auf Shinigami zu ihm herüberreiten und ihm von all den wunderbaren Dingen berichten würde, die ich das ganze Jahr über erlebt hätte. Und dass ich all meine Freunde mitbringen würde, damit er nicht allein sein müsste. Vater hat dann immer gelacht und mich im Kreis herumgewirbelt bis mir schwindlig geworden ist." Duos Lächeln wurde traurig während er der Eule über ihr weiches Gefieder strich. "Und geblieben ist mir nur Shinigami," flüsterte er.

Einen Moment lang streichelte Duo nur weiter stumm die Eule, dann hob er den Kopf. "Aber nein, ich hab ja noch viel mehr Schätze bei dir im Versteck," rief er aus als ihm etwas einfiel. "Vor allem drei Zaubernüsse!" Schnell griff Duo nach dem kleinen Holzkästchen das neben Rosalie stand, öffnete es und suchte nach dem kleinen Zweig. "Eigentlich ja nur noch zwei," berichtigte er sich als er die Nüsse endlich gefunden und herausgeholt hatte.

Duo starrte unentschlossen auf die verbliebenen zwei Nüsse, die noch an dem Ast hingen. Eine der Nüsse hatte sich als Zaubernuss erwiesen, aber bedeutete das automatisch, dass es die anderen beiden auch waren? Was wenn er seine Hoffnungen jetzt wieder hochschraubte, nur um dann erneut enttäuscht zu werden? Duo wusste nicht ob er das ertragen könnte.

Rosalie schuhute.

Duo sah sie hoffnungsvoll an. "Du meinst also auch?"

Andererseits, was hatte er schon zu verlieren? Er wollte, nein er MUSSTE Heero einfach wieder sehen! Er musste diese Episode einfach zu einem Abschluss bringen, so oder so, oder er würde sein Leben lang nicht glücklich werden und sich ewig fragen, was hätte sein können. Und die sicherste Gelegenheit Heero wieder zu sehen wäre heute Abend, auf dem Ball.

Duo hatte schon überlegt, ob er nicht einfach die Kleidung aus der ersten Zaubernuss anlegen und so zum Ball gehen sollte. Doch obwohl diese Kleidungsstücke sicherlich edel genug waren, so waren es doch eindeutig Dinge, die man nur zur Jagd trug. Duo wäre damit aufgefallen wie ein schwarzes Schaf in einer Herde voller weißer Schafe. Er bräuchte also Kleidung, die einem Ball im königlichen Schloss angemessen war, wollte er unauffällig dort hineingelangen und mit Heero reden.

Mit einem letzten Blick auf Rosalie brach Duo eine der Nüsse ab, presste die Augen fest zusammen, wiederholte in Gedanken immer und immer wieder ‚Angemessene Kleidung für den Ball, angemessene Kleidung für den Ball,' und warf dann die Nuss mit einem Ruck über seine Schulter.

Nach ein paar Sekunden öffnete Duo die Augen wieder, hielt den Atem an und drehte sich langsam um. Und tatsächlich, auch die zweite Nuss hatte sich wieder als Zaubernuss erwiesen! Dort auf dem Boden lag fein säuberlich gestapelte Kleidung, die vorher eindeutig nicht dort gewesen war.

Duo stieß den angehaltenen Atem wieder aus und griff freudig nach den Kleidungsstücken, um sie zu begutachten. Doch als er das erste Stück hochhielt traute er seinen Augen kaum. Sicher, die Kleidungsstücke waren aus den edelsten Stoffen gemacht, und mehr als angemessen für den königlichen Ball, aber…

"Ein KLEID?" rief Duo fassungslos aus und starrte ungläubig auf das in Violett- und Lilatönen gehaltene Ballkleid mit silberner Stickerei, das er in den Händen hielt.

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Die Königliche Familie hatte auf einem Podest Platz genommen, wobei Heero hinter seinen Eltern stand, die beide auf schweren Stühlen saßen - ebenso wie seine Schwester Hilde, die neben ihrer Mutter saß - während der Zeremonienmeister einen Gast nach dem anderen vorstellte. Das ging jetzt schon seit mindestens einer halben Stunde so und Heero wünschte sich inzwischen ganz weit weg. Er hatte ja sowieso keine Lust auf diese als Ball getarnte Brautschau, aber jetzt wo Quatre und Trowa ihm vorhin den Kopf gewaschen hatten und er sich klar darüber geworden war dass er Duo in seinem Leben wollte und vielleicht auch einen Weg hatte ihn wieder zu bekommen, da war diese Farce hier nur eine noch größere Zeitverschwendung.

Der Zeremonienmeister klopfte mit seinem Stab zweimal auf den Boden und verkündete, "Die hochwohlgeborene Fürstin von der Weihe mit Tochter Elsa."

Heeros Eltern nickten den beiden Gästen höflich zu, während Heero das Mädchen nur gelangweilt anschaute. Eine weitere Debütantin, die auch nicht viel anders aussah, als all die anderen die ihm bisher vorgestellt worden waren. Er verzog sein Gesicht zu einem gequälten Lächeln, weil ihn seine Mutter sonst garantiert wegen seiner Unhöflichkeit zurecht weisen würde, aber wirklich erfreut war er nicht.

"Gräfin Stauch mit Tochter Imme," verkündete der Zeremonienmeister jetzt. Wieder setzte Heero das gequälte Lächeln auf. Die Schlange mit den Gästen die noch vorgestellt werden mussten reichte vom Podest bis zum Eingang des großen Saals, und Heero machte sich auf eine weitere quälend langweilige Zeit gefasst.

"Frau Baronin von Eck mit drei Töchtern."

Heero schnaubte leise. Scheinbar waren das jetzt so viele Mädchen, dass selbst der Zeremonienmeister die Namen nicht mehr wusste. Überhaupt, der ganze Tanzsaal hatte sich schon mit Frauen und jungen Mädchen gefüllt. Gab es denn gar keine geladenen männlichen Gäste? Musste sein Vater so offensichtlich an die Brautschau herangehen?

"Mach doch kein Gesicht, als wenn du Sauerkraut kauen würdest," zischte Treize in dem Moment in Heeros Richtung. "Lächle ein bisschen."

Heero zementierte das Lächeln auf seinem Gesicht, allerdings wurde es deshalb nicht weniger gequält.

"Freifrau von Echternacht mit Töchtern Lore und Marie," waren die nächsten Gäste.

Heero konnte sich nicht mehr zurück halten. "Ich möchte dich sehen wie du lächelst, wenn man dich mit solchen Schnepfen verheiraten will," gab er zurück. "Vater, ich bitte dich. Verschieben wir es auf das nächste Jahr!" Bis dahin hatte er Duo hoffentlich sicher an seiner Seite und diese erzwungene Ehe würde ihn vielleicht weniger empfindlich treffen.

"Hörst du ihn?" erklärte Heeros Vater mit einem tiefen Seufzen der Königin. "Und das soll einmal mein Nachfolger werden."

"Zum Zanken hättet ihr zwei kaum eine schlechtere Gelegenheit finden können," herrschte Une die beiden an. Heero und sein Vater schauten sich kurz an und blickten dann wieder auf die Debütantinnen die vorgestellt wurden. Wenn Königin Une einmal ein Machtwort sprach, dann war es für alle Beteiligten besser dem auch zu folgen.

"Lady Agatha Maxwell und Tochter Relena." Der Zeremonienmeister hatte seine Arbeit nicht für eine Sekunde unterbrochen.

Heero blickte erstaunt auf. Lady Agatha, war das nicht der Name von Duos Herrin gewesen? Er betrachtete die Frau und konnte sie augenblicklich nicht leiden. Irgendwie hatte sie etwas Berechnendes an sich, noch mehr als all die anderen hoffnungsvollen Mütter die heute ihre Töchter dem Hof vorstellten. Das Mädchen, das neben Lady Agatha stand hatte allerdings gar keine Ähnlichkeit mit Duo. Vielleicht hatte Quatre mit seiner Annahme über Duos Vater Unrecht. Oder es war gar nicht die gleiche Lady Agatha. Wie auch immer.

"Hab ich je so ein Theater gemacht wegen des Heiratens?" fragte in diesem Moment der König.

"Nur hast du damals Mutter geheiratet," erklärte Heero. "Und mir lässt du lauter unbekannte Miezen vorführen." So wie Heero die Sache sah, schien keine der anwesenden Debütantinnen genug Verstand zu haben um eine einfache Unterhaltung aufrecht zu halten. Da ihm die weiblichen Reize der Mädchen völlig egal waren, musste er seine Hoffnungen auf eine Frau setzen, mit der er sich wenigstens unterhalten konnte ohne vor Langeweile einzuschlafen.

"Herzogin von Catalonia und Tochter Dorothy."

"Huh," sagte Heeros Mutter leise. Etwas das Heero tatsächlich dazu brachte sich diesmal das entsprechende Mädchen tatsächlich anzuschauen. Und er konnte erkennen, wieso seine Mutter so erstaunt gewesen war. Die junge Frau hatte sich nicht wie alle anderen Debütantinnen der Etikette entsprechend in Pastelltönen gekleidet sondern hatte ein tiefes, kräftiges Rot gewählt. Zwar war ihr Kleid hochgeschlossen - und zeigte deshalb weit weniger als die meisten anderen - aber allein durch die Farbe stach die junge Frau heraus.

Und noch etwas unterschied sie. Zwar schien ihre Mutter genauso aufgeregt zu sein, wie alle anderen, doch das Mädchen in dem roten Kleid schaute Heero eher gelangweilt als hoffnungsvoll an.

Ohne Pause wurden weitere Mädchen vorgestellt. Nachdem tatsächlich alle Gäste einmal am Podest vorbei geführt worden waren kam sich Heero ausgelaugter vor als nach so manchem Reitausflug. Und das war jetzt erst der Anfang. Der Ball konnte noch bis in die frühen Morgenstunden gehen.

"Wäre es nicht besser, wenn du dein Temperament beim Tanzen beweisen würdest?" fragte Heeros Mutter.

Heero seufzte tief. Tanzen, auch das noch. "Hn, mir ist schon alles egal. Zeigt mir eine und ich hol sie zum Tanz." Sein Herz war sowieso nicht bei der Sache, was würde es ihn interessieren mit welcher dieser Schnepfen er jetzt tanzte?

Treize gab dem Zeremonienmeister ein Zeichen und dieser verkündete der gesamten Gesellschaft: "Seine Königliche Majestät der Prinz wird nun den Tanz eröffnen. Musik!" Der gesamte Saal war summte mit dem aufgeregten Geschnatter der weiblichen Gäste. Als ob es so etwas Ungewöhnliches war, dass auf einem Ball auch noch getanzt werden würde. Heero seufzte tief.

Heero schaute von einem Ende des Saals zum anderen. Alle Mädchen und ihre Mütter standen in einer Art Halbkreis um die Tanzfläche und warteten darauf dass er eine von ihnen zum Tanz auffordern sollte. Aber welche? Heero zögerte.

Sein Vater schien das gar nicht zu gefallen. Ungeduldig trommelte er mit seinen Fingern auf der Stuhllehne. "Mach schon, es ist sehr unhöflich sie warten zu lassen."

"Was sagst du zu der hübschen Blonden mit der silbernen Schleppe?" fragte Heeros Mutter.

"Nimm lieber die Schwarzhaarige mit der grünen Schleppe," warf der König ein.

Wunderbar, nicht mal seine Eltern konnten sich auf eines der Mädchen einigen. Wie sollte er sich dann bloß entscheiden? "Was soll ich groß wählen," erklärte er deshalb gelangweilt. "Ich mach einfach die Augen zu." Das wäre sicher genauso gut wie alles andere.

Als Heero vom Podest herunterstieg, begann das aufgeregte Tuscheln unter den Gästen erneut. Heero versuchte es auszublenden. Und er versuchte seine Augen geschlossen zu halten, während er die lange Reihe an Mädchen abging. Natürlich gelang es ihm nicht wirklich. Er wollte ja schließlich niemanden umrennen und wenn er absolut ehrlich mit sich selbst war, war es ihm auch nicht absolut egal welches der Mädchen er wählen würde. Zwar war ihm keine besonders aufgefallen, aber er meinte sich zu erinnern, dass ein paar schrecklich hässlich gewesen waren. Er hatte zwar kein Interesse an den Mädchen, aber er wollte seiner Tanzpartnerin zumindest in die Augen schauen können ohne das Gesicht zu verziehen.

Nachdem er einen großen Teil der Gäste abgelaufen war, blieb er vor einem der Mädchen stehen und verbeugte sich. Sie hatte blondes Haar und trug ein weiß-rosa Kleid mit hellblauer Schleppe. Sie trat einen Schritt nach vorne und machte einen tiefen Knicks.

Doch dann preschte die junge Frau in dem schockierend roten Kleid - die ein paar Schritte neben der anderen gestanden hatte - vor, schnappte sich einfach Heeros Hand und zog ihn auf die Tanzfläche.

Heero war erstaunt und überrumpelt, leistete aber keinerlei Widerstand. Nachdem Heero seine Tanzpartnerin 'gewählt' hatte, traten auch endlich die anwesenden Männer des Hofstaates vor und baten die restlichen Debütantinnen um die Ehre des Tanzes. Die Musik begann zu spielen und Heero und seine Partnerin stellten sich in Pose.

"Nicht dass Ihr euch irgendwelche falschen Hoffnungen macht mein Prinz," erklärte in diesem Moment die junge Frau, während sie anfingen zu tanzen. "Ich bin schon verlobt und habe nicht das geringste Interesse daran Eure Braut zu werden."

Heero war, als wenn ihm ein riesiger Stein vom Herzen fallen würde. Da sie sich so schamlos vorgedrängelt hatte um seine Tanzpartnerin zu werden hatte er schon das schlimmste befürchtet. Erleichterung machte sich auf Heeros Gesicht breit und er stimmte ihr ohne groß Nachzudenken zu, "Seid versichert, dass ich auch nicht wirklich auf der Suche nach einer Braut bin."

Die junge Frau lachte laut auf. "Na, dann sind wir uns ja einig, was unser gegenseitiges Desinteresse betrifft. Mein Name ist übrigens Dorothy."

"Erfreut Eure Bekanntschaft zu machen, Lady Dorothy," antwortete Heero. "Doch, wenn Ihr nicht an mir als Eurem zukünftigen Gemahl interessiert seid, wieso habt Ihr dann…?"

Dorothy lachte auf, während sie beide eine komplizierte Drehung beim Tanz machten. "Sagen wir, ich habe meine Gründe."

Heero musste lachen. Dorothy war erfrischend anders, als die Hofdamen die er bisher kannte. "Welche da wären?"

Sie lachte wieder. "Also gut. Die Schnepfe die Ihr beinahe zum Tanz aufgefordert habt, dieses dumme blonde Ding. Die hat sich vorhin über mein Kleid mokiert. Und uns anderen Debütantinnen lauthals erklärt, dass sie sicher wäre, dass sie Euer Interesse wecken würde. Ich konnte doch wohl unmöglich zulassen, dass sie Recht behält!" Dorothys Lächeln wurde geradezu wölfisch.

Heero lachte auf. "Das ist ein wahrlich guter Grund," erklärte er.

"Sag ich doch," lächelte auch Dorothy. Gut gelaunt tanzten sie weiter, und stoppten auch nicht, als die Musik zum nächsten Tanz wechselte.

Heero war sehr erstaunt, Dorothy war nicht nur erfrischend anders, sondern sie hatte auch Witz und führte eine sehr intelligente Unterhaltung. Das hatte er für den heutigen Abend gar nicht erhofft. Nach einigen Tänzen sagte er sogar bedauernd, "Es ist fast schade, dass wir beide keinerlei Interesse aneinander haben, Ihr seid die interessanteste und intelligenteste Frau die mir außer meiner Mutter je untergekommen ist." Eine Frau wie Dorothy könnte er sich an seiner Seite vorstellen. Nur dass sie viel zu gut wäre für eine Ehe die nur auf dem Papier bestand.

"Auch Ihr seid nicht wirklich, was ich erwartet habe, mein Prinz. Aber ich glaube wir verstehen uns nur so gut, weil uns klar ist, dass wir nichts voneinander wollen." Dabei leuchteten ihre Augen verschmitzt auf.

Lady Agatha, die vom Rand der Tanzfläche aus beobachtete wie gut sich der Prinz mit seiner Tanzpartnerin zu verstehen schien, schnaubte. Wie konnte Relena sich nur so eine Chance entgehen lassen? "Dummkopf," schimpfte sie deshalb. "Hättest du nicht etwas schneller sein können?"

Relena verzog ihr Gesicht so als wenn sie gleich heulen würde. Aber das würde jetzt noch fehlen. Hier, wo es jeder sehen konnte! "Heul hier nicht rum," zischte Lady Agatha deshalb. "Überleg dir lieber, wie du den Prinzen doch noch dazu bekommst dich aufzufordern."

"Aber wie denn Mama?" fragte Relena. "Er tanzt jetzt schon die ganze Zeit mit dieser roten Kuh. Die machen keine Pause."

Da musste Lady Agatha Relena leider Recht geben. Der Prinz schien ungewöhnlich fixiert auf seine Tanzpartnerin zu sein. Aber es gab nichts, was man nicht ändern konnte. Und in genau dem Moment begann die Kapelle auf dem Balkon damit zu einer Quadrille aufzuspielen. Und so, als einer der anwesenden Herren Relena zum Tanz aufforderte, gab Lady Agatha ihrer Tochter einen kleinen Schubs in die entsprechende Richtung.

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Königin Une blickte verwundert auf das Tanzgeschehen. Es war schon erstaunlich Heero so gut gelaunt zu sehen. Bei dieser 'Treibjagd', wie er den Ball immer verächtlich genannt hatte. Une war klar, dass ihr Sohn überhaupt nichts davon hielt verheiratet zu werden, dass hatte er schließlich immer wieder lautstark verkündet. Trotzdem tanzte er jetzt schon unverhältnismäßig lange mit der Tochter des Herzogs von Catalonia.

So lang, dass ihr Mann Treize sich vom Zeremonienmeister schon alles über die Familie und deren Tochter hatte berichten lassen. "Eine sehr alte, mächtige und reiche Familie," freute sich Treize. "Unser Sohn hat eine sehr gute Wahl getroffen. Eine bessere Partie wird er hier im Saal wohl nicht finden können."

Une schnaubte leise. "Du glaubst doch nicht wirklich, dass unser Sohn sich jetzt schon eine Braut erwählt hat, oder?"

"Aber hoffen werde ich ja wohl noch dürfen," sagte Treize.

Une seufzte. Es wäre sicherlich eine Erleichterung, wenn Heero tatsächlich eine Braut gewählt hätte und man mit dem Planen der Hochzeit beginnen könnte. Aber Une hatte so ihre Zweifel. Sicher, Heero schien sich mit Lady Dorothy gut zu verstehen, aber er wirkte trotzdem nicht wie ein Mann, der plötzlich die Frau seiner Träume gefunden hatte. Er lächelte zwar, aber es war kein verführerisches Lächeln, sondern eines, das er auch aufsetzte wenn er mit seinen Freunden scherzte. Und für einen Galan, der um eine Frau warb, behandelte er Dorothy viel zu sehr wie eine Schwester. Ja genau, er könnte genauso gut mit Hilde tanzen. Es schien keinerlei verliebtes Geturtel zwischen den beiden zu geben.

Aber das erstaunte Une nicht wirklich. Heero hatte bisher noch niemals an irgendeiner Frau Interesse gezeigt. Und es gab auch nicht die geringsten Gerüchte in dieser Richtung. Aus diesen Gründen hatte Une immer geahnt, dass ihr Sohn - genau wie seine Freunde - sich nichts aus weiblicher Gesellschaft machte. Was auch erklären würde, wieso er sich mit Händen und Füßen gegen diese Vermählung wehrte. Da würde sich Une jetzt eher wundern, wenn er plötzlich bei seinem allerersten Tanz auf dem allerersten Ball doch eine Frau gefunden hätte, die ihn interessierte.

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"Verflixt noch mal!" Duo fluchte lautstark vor sich hin während er versuchte die Haken am Rücken des dunkelvioletten Unterkleides zu schließen. Wie machten die Frauen das nur? Kein Wunder das Lady Agatha und Relena jedes Mal mehrere Zofen brauchten, die ihnen beim Ankleiden halfen!

Beim Anblick des Ballkleides aus der Zaubernuss war Duo überaus empört gewesen und hatte sich strickt geweigert, auch nur daran zu denken das Kleid auch tatsächlich anzuziehen. Doch dann war der erste Schock verflogen und Duo hatte doch begonnen nachzudenken. Er wusste aus welchem Grund dieser Ball heute gegeben wurde - Heeros Vater hatte öffentlich verkünden lassen, dass sein Sohn auf Brautschau war, und diese Nachricht war wie ein Lauffeuer durch die umliegenden Grafschaften gegangen. Jede heiratsfähige Frau aus passender Familie hatte sich daran gemacht nach dem idealen Kleid zu suchen, welches ihr die Hand des Prinzen bescheren würde.

Duo schnaubte. Ihm gefiel diese ganze Brautschau-Geschichte überhaupt nicht - natürlich wusste er dass er kein Recht hatte so zu denken, aber Heero gehörte ihm, ihm allein, und er würde ihn mit niemandem teilen! Natürlich war es seinem Verstand klar, dass Heero als der Kronprinz eine Braut wählen musste, wenn auch nur dem Anschein nach, aber seine Gefühle schienen seine rationale Seite einfach zu ignorieren.

Aber das war im Moment auch gar nicht der Punkt. Hier ging es schließlich um diese dämliche Zaubernuss, die Duo statt mit den passenden Kleidern eines Edelmannes mit einem Ballkleid versehen hatte! Als ob er sich freiwillig so herausputzen würde! Schlimm genug dass er sich ab und zu das alte Kleid der Dienstmagd überziehen musste wenn er sich vom Hof schlich, damit seine Stiefmutter ihn nicht erkannte! Da wollte er wenigstens beim Königlichen Ball er selbst sein!

Doch dann war Duo klar geworden, dass er wenn er in den Kleidungsstücken eines Edelmannes zum Ball ginge, sehr wahrscheinlich erkannt werden würde. Seine Stiefmutter war immerhin auch dort, und Duos Zopf war doch ein mehr als sicheres Erkennungszeichen.

Und dann war da noch der Grund dieses Balles: Heero sollte sich eine Braut suchen. Das bedeutete, dass der Prinz wahrscheinlich die ganze Zeit mit den anwesenden jungen Damen beschäftigt sein würde. Wie sollte Duo es da schaffen, sich Heero unauffällig zu nähern und ein halbwegs privates Gespräch mit dem Prinzen führen? Wenn er das ganze von dieser Perspektive betrachtete, dann machte das Ballkleid mehr als Sinn. Als junge Debütantin würde er sich Heero ohne Verdacht zu erregen nähern und mit ihm sprechen können.

Dennoch hatte es Duo sehr große Überwindungskraft gekostet, sich tatsächlich zu diesem Schritt zu entschließen. Nur seine Sehnsucht nach Heero und seine Furcht, den Prinzen vielleicht nie wieder zu sehen sollte er diese eine Chance vertun hatten ihn überhaupt dazu gebracht.

Und so kam es also dass Duo in seinem Schuppen stand und mit den Kleidungsstücken einer jungen Debütantin kämpfte. Im Gegensatz zu dem alten Kleid der Dienerin - die ungefähr zweimal so breit war wie Duo - in welches er einfach hineinschlüpfen konnte, schien dieses Kleid maßgeschneidert zu sein. Duo konnte noch von Glück sagen dass zurzeit diese hohen Taillen direkt unter der Brust modisch waren und er sich deshalb wenigstens nicht mit einem Korsett abmühen musste. Mal ganz davon abgesehen dass er ein Korsett sowieso nicht alleine hätte anlegen können.

Dann - nach etlichen vergeblichen Versuchen und einer ganzen Reihe blumiger Flüche - hatte Duo es endlich geschafft das Unterkleid zu schließen. Glücklicherweise war das Überkleid nicht ganz so kompliziert anzuziehen, er konnte wie in einen Mantel hineinschlüpfen und das Kleid anschließend mit einer silbernen Spange direkt unter der Brust schließen.

Duo betrachtete sich so gut es ging in dem Spiegel den er in einer Ecke des Schuppens gefunden hatte. Er war nicht groß genug um ihn komplett zu zeigen, aber es reichte aus. Duo drehte sich verblüfft von vorn nach hinten.

So sehr es ihm auch widerstrebte, aber Duo musste zugeben, dass das Kleid tatsächlich gut aussah. Die langen, fließenden Ärmel des Unterkleides und das hochgeschlossene Dekollete verliehen Duo ein zartes, weibliches Aussehen - was ein ärmelloses Kleid das seine durchaus muskulösen Arme zeigte und ein tiefes Dekollete sicherlich nicht vermocht hätten. Das dunkle, kräftige lila des Unterkleides wurde durch das helle violett in der Farbe von Duos Augen des Überkleides gedämpft und wirkte deswegen nicht so streng. Die silberne Stickerei gab dem Kleid zusammen mit dem dunklen violett eine besonders edle Note, so dass es sich positiv von all den pastellfarbenen Kleidern der anderen Debütantinnen abheben würde.

Nur das Gesicht stimmte irgendwie nicht. Duo runzelte die Stirn. Wenn er sich vom Hals abwärts betrachtete, sah er tatsächlich aus wie eine junge Frau, gekleidet für ihren ersten Ball. Aber betrachtete er seinen Kopf ebenfalls im Spiegel, sah er aus wie Duo, ein junger Mann, der sich als Frau verkleidet hatte. So konnte das nicht funktionieren.

Dann kam ihm die Erkenntnis. Die Haare! Es lag an den Haaren! Keine der Frauen die Duo kannte trug ihr Haar so wie er. Sie alle trugen Hochsteckfrisuren, komplizierte Gebilde die an kleine Kunstwerke erinnerten, oder ab und zu auch einfach mal offene Haare. Wenn Duo also wie eine dieser jungen Frauen aussehen wollte, so würde er sich die Haare ebenfalls hochstecken müssen.

Duo stöhnte auf und fluchte erneut lautstark. Wie zur Hölle sollte er seine Haare in irgendeine Form bringen, die einer der eleganten Frisuren glich? Er konnte wohl kaum so wie er war ins Haupthaus hinüber gehen und eine der Zofen darum bitten! Er würde es also selbst machen müssen.

Mit einem Seufzen ging Duo hinüber zu seinem Kästchen und holte die kleine Haarbürste hervor, die er dort drinnen verwarte. Ein sicherlich ungewöhnliches Accessoire für einen jungen Mann, aber mit Haaren wie seinen ein durchaus nötiges. Mit einer schnellen Bewegung löste Duo das Band vom Ende seines Zopfes, schüttelte den Zopf aus und begann seine Haare zu bürsten. Er hatte die Zofen seiner Stiefmutter und -schwester oft genug bei deren Arbeit beobachtet. Er würde das schon hinkriegen, oder? So schwer konnte das schließlich nicht sein.

Als Duo begann die ersten Strähnen zu komplizierten Gebilden zu winden, seufzte er erneut. Was er nicht alles tat für Heero! Hoffentlich wusste der Prinz das nachher auch wirklich zu schätzen! Denn wenn er das alles hier umsonst getan hätte, dann… dann würde irgendjemand dafür büßen müssen, das war mal sicher!

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Heero amüsierte sich inzwischen recht gut auf dem Ball. Ehrlich gesagt, er hätte niemals gedacht dass er dieser 'Treibjagd' überhaupt irgendetwas ähnliches wie Vergnügen abgewinnen könnte, aber er musste zugeben, dass Lady Dorothy eine wirklich unterhaltsame Tanzpartnerin war.

Heero war sich natürlich klar, dass ein Großteil seiner guten Laune auf die Tatsache zurückzuführen war, dass Lady Dorothy nicht hinter ihm her war. Da die junge Frau von Anfang an mehr als klar gemacht hatte, dass sie bereits vergeben war, hatte Heero sich völlig normal mit ihr unterhalten können, ohne ständig auf jedes Wort achten zu müssen in der Sorge, es könnte sonst als Brautwerbung ausgelegt werden.

Der Rest von Heeros guter Laune lag an Lady Dorothy selbst. Die junge Frau hatte einen wachen Verstand und eine spitze Zunge, und sie versorgte Heero mit einer ganzen Menge an Anekdoten und sarkastischen Bemerkungen über die anderen hier anwesenden Frauen, und Heero konnte ein lautes Auflachen ab und zu nicht unterdrücken.

Wenn es nach Heero ginge, würde er am liebsten den Rest des Balles nur mit Dorothy tanzen - das wäre wenigstens sicher - aber offenbar schienen seine Eltern anderer Meinung zu sein. Denn nach einer - ziemlich langen und eindringlichen, wie es für Heero aussah - geflüsterten Unterhaltung seiner Eltern hatte Treize schließlich tief geseufzt und anschließend dem Zeremonienmeister ein Handzeichen gegeben.

Der Zeremonienmeister hatte daraufhin sofort genickt und damit begonnen, Heero eine junge Dame nach der anderen zuzuführen. Heero hatte sich mit Bedauern von Dorothy verabschiedet, dann sein bestes formelles höfliches Lächeln aufgesetzt und mit diesen neuen Partnerinnen getanzt.

Wenn man diese Farce denn überhaupt noch 'tanzen' nennen konnte. Der Zeremonienmeister hatte ihm die jungen Damen in einem Tempo vorgeführt, dass Heero kaum eine Figur des Tanzes mit derselben jungen Frau beenden konnte, mit der er sie begonnen hatte. Hatte sein Vater etwa tatsächlich vor ihn mit JEDER heute anwesenden Debütantin tanzen zu lassen?

Irgendwann - nach der wievielten Frau wusste Heero schon gar nicht mehr - hatte er dann genug. Er warf dem Zeremonienmeister, der schon wieder eine junge Frau an der Hand führte, einen seiner tödlichsten Blicke zu, drehte sich um und machte sich dann auf die Suche nach Lady Dorothy.

Schließlich fand er die junge Frau. Sie schien gerade in eine Unterhaltung mit Quatre und Trowa vertieft zu sein und sich prächtig dabei zu amüsieren. Quatre allerdings schien nicht ganz so erfreut zu sein, denn er blickte eher ungeduldig und frustriert drein, während Trowas Gesichtsausdruck so unbewegt wie immer war.

Als Heero sich der Gruppe näherte, verstummte die Unterhaltung und alle drei drehten sich zu ihm um. Heero verbeugte sich formell und sagte, "Lady Dorothy, darf ich um diesen Tanz bitten?"

Lady Dorothy lachte kurz auf, warf Quatre einen amüsierten Seitenblick zu und sagte dann, "Natürlich, ich fühle mich geehrt, Hoheit."

Mit einem erleichterten Seufzer führte Heero Lady Dorothy auf die Tanzfläche. Ihm war klar dass er sich unmöglich einfach in eine Ecke stellen und weigern konnte, weiterzutanzen - sein Vater würde toben - aber wenn er diese Tortur schon durchmachen musste, so wollte er sich seine Tanzpartnerin wenigstens selbst aussuchen! Und im Moment war außer seiner Schwester Lady Dorothy die sicherste Alternative.

"Worüber habt Ihr euch mit Quatre - ich meine, Lord Winner - unterhalten?" brachte Heero ein Gespräch in Gang.

Dorothy lachte kurz auf. "Nun, mir scheint Euer Freund wollte mich aushorchen und herausfinden, was Ihr an mir so faszinierend findet. Und ob die Chance besteht, dass ich womöglich als Eure Braut auserwählt werde."

Heero hob eine Augenbraue. "DAS hat Quatre gesagt?"

"Nun, natürlich nicht mit genau diesem Wortlaut," erwiderte Lady Dorothy als es die Figuren des Tanzes, die die beiden Tanzpartner immer wieder auseinander führten, das nächste Mal zuließen. "Er hat es sehr viel subtiler und von hinten herum gemacht."

Heero nickte verstehend. Das klang schon eher nach dem Quatre, den er kannte. "Und was habt Ihr ihm darauf geantwortet?" fragte er.

Lady Dorothy lächelte spöttisch. "Oh, ich war genauso ausweichend, subtil und hinten herum wie Euer Freund, Hoheit," erwiderte sie. "Hätte er mir eine klare Frage gestellt, hätte ich ihm klar geantwortet. So habe ich es aber einfach bei Andeutungen und Mehrdeutigkeiten belassen."

Heero lachte auf. Jetzt verstand er warum sein Freund vorhin so frustriert gewirkt hatte! Es schien, als hätte der gute Quatre in Lady Dorothy zumindest jemand ebenbürtiges, wenn nicht sogar seinen Meister gefunden! Heero konnte gar nicht aufhören zu grinsen. Oh dass er das noch mal erleben durfte!

Immer noch grinsend ließ Heero Dorothys Hand los - die nächste, durchaus komplizierte Figur dieses Tanzes erforderte es, einmal um das Tanzpaar direkt daneben zu schreiten - und vollführte gut gelaunt die schwierigen Schritte der Figur. Doch als er wieder an seinen Ausgangspunkt zurückgekehrt war und schon seine Hand ausstreckte, ergriff ihn plötzlich jemand an der anderen Hand und drehte ihn zu sich herum.

Heero blinzelte ein wenig verwirrt in Dorothys Richtung, die die ganze Szene ebenfalls etwas verwirrt, aber auch neugierig betrachtete, und dann wandte er sich der Person zu, die ihn so unverschämt seiner Tanzpartnerin entrissen hatte. Eigentlich wollte Heero dieser jungen Frau am liebsten sofort die Meinung sagen, aber das würde garantiert zu einer Szene auf der Tanzfläche führen. Und das wollte Heero - noch! - vermeiden.

Also verbeugte er sich formell vor der jungen Dame im weiß-rosa Kleid - Moment einmal, kannte er die junge Frau nicht irgendwoher? War das nicht das Mädchen über das Lady Dorothy am Anfang des Balles erzählt hatte? Heero warf seiner vorigen Tanzpartnerin einen gequälten, um Hilfe bittenden Blick zu, doch Lady Dorothy zuckte nur spöttisch mit den Schultern, zwinkerte ihm zu und hauchte, "Viel Spaß!"

Heero knirschte leise mit den Zähnen. Das würde Lady Dorothy ihm noch büßen! Vielleicht würde er ihr später einen Frosch ins Bett stecken. Bei seiner Schwester Hilde hatte das jedenfalls immer funktioniert. Doch dann verwarf er seine kindischen Gedanken schnell. Er konnte sich später noch überlegen, wie genau er sich bei Dorothy dafür 'bedanken' konnte, jetzt musste er erst einmal diesen Tanz hinter sich bringen.

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Duo zog an Shinigamis Zügel und brachte das Pferd so dazu, anzuhalten. Dann schwang er sein Bein umständlich über den Knauf des Damensattels und rutschte langsam, um das Kleid nicht zu beschädigen, zu Boden. Wirklich, wie machten die Frauen das nur, mit so einem unbequemen Sattel zu reiten? Man hatte ja so gut wie überhaupt keine Kontrolle über das Pferd wenn man derart verrenkt drauf saß! Was für ein Glück dass Shinigami Duo aufs Wort gehorchte, Duo hätte sonst nicht gewusst ob er den Weg zum Schloss überlebt hätte.

Nachdem er es - nach Stunden, wie es schien - endlich geschafft hatte, seine Haare zu einer eleganten Hochsteckfrisur zu formen, war Duo völlig geschafft von dieser Herkulestat aus seinem Schuppen geklettert. In Gedanken hatte er schon fieberhaft überlegt, wie er jetzt am besten - und möglichst unauffällig - ins Schloss kommen könnte.

Doch all seine Sorgen waren völlig unbegründet gewesen. Draußen vor dem Schuppen hatte Shinigami auf ihn gewartet, bereits fertig gesattelt und aufgezäumt. Duo war stocksteif stehen geblieben und hatte sein Pferd verblüfft angestarrt. Wie war Shinigami nur hierher gekommen? Und wer hatte ihn gesattelt?

Doch dann hatte Duo mit den Schultern gezuckt und es einfach hingenommen. Offenbar war auch dies die Tat der Zaubernuss, und Duo war froh gewesen dass er in seinem derzeitigen Aufzug nicht ins Haupthaus schleichen musste um Shini erst noch aus dem Stall zu holen. Als er dann jedoch in den unbequemen Damensattel kletterte - verdammt noch mal, seit wann hatten sie denn einen Damensattel für Shinigami? - hatte er es nicht vermeiden können, leise vor sich hinzufluchen. Wenn diese dumme Zaubernuss schon dafür sorgen konnte, dass sein Pferd fertig gesattelt auf ihn wartete, hätte sie dann nicht auch gleich seine Frisur machen können? Schöne Zaubernuss war das!

Doch nun hatte Duo es ja geschafft, er war am Schloss angekommen, heil sogar, und jetzt musste er nur noch hineingehen, Heero finden und mit ihm sprechen. Duo blickte am Schloss hinauf. Oh je, das war wirklich einfacher gesagt als getan. Jetzt, wo er tatsächlich hier war, verließ ihn beinahe wieder der Mut. Sollte er wirklich in dieser Verkleidung da hineingehen? Sich so hunderten von Menschen präsentieren? Sicher, als er sich im Spiegel betrachtet hatte, war er sehr zufrieden gewesen mit dem Bild das er bot. Er hatte durch und durch wie eine junge Dame auf dem Weg zu ihrem ersten Ball gewirkt. Aber was wenn die Menschen dort drin seine Verkleidung durchschauten? Duo konnte sich nichts demütigenderes vorstellen.

"Was meinst du, Shinigami, soll ich da wirklich reingehen?" wandte Duo sich an einen seiner ältesten Vertrauten.

Shinigamis Kopf nickte auf und ab, so als hätte das Pferd Duo tatsächlich verstanden.

Duo lächelte das Pferd schwach an, dann blickte er zur Seite. Das Geländer der Treppe an der er Shini festgebunden hatte, hatte mehrere steinerne Streben. Er würde jetzt einfach die Streben abzählen, und das was am Ende als Ergebnis rauskommen würde, würde Duo tun, komme was da wolle.

"Mach ich's, mach ich's nicht," fing Duo an zu zählen und bewegte sich dabei jeweils eine Strebe weiter nach unten. "Mach ich's, mach ich's nicht, mach ich's, mach ich's nicht, mach ich's." Duo war an der letzten Strebe angekommen und stoppte. "Also gut, ich mach's." Mit einem letzten Unterstützung suchenden Blick in Shinigamis Richtung wandte Duo sich der Treppe zu und ging hinauf.

Oben überquerte er den leeren Vorhof des Schlosses, doch statt direkt auf die Tür zuzugehen wandte Duo sich zunächst den Fenstern zu. Er wollte sich zumindest ein Bild von der Situation machen, in die er gleich hineinplatzen würde.

Die Fenster des Schlosses waren mit einer dünnen Frostschicht überzogen, und so hauchte Duo leicht dagegen und rieb dann einen kleinen Kreis frei. Als das geschafft war presste er ein Auge dagegen und spähte hinein.

Zunächst konnte Duo nur eine ganze Menge gutgekleideter Menschen sehen, von denen sich die meisten auf der Tanzfläche befanden. Heero konnte er in der Menge nicht entdecken, und so beschloss er, einfach noch ein wenig zu warten.

Offenbar hatte sich das Warten ausgezahlt, denn schließlich tanzte auch Heero in die Richtung von Duos Spähposten - und Duo gefror sämtliches Blut in den Adern. Er hatte sich innerlich schon darauf gefasst gemacht, Heero in den Armen irgendeiner Ballschönheit zu sehen, aber nicht… aber nicht Relena! Duo spürte wie er wütend wurde. Jede, nur nicht Relena! Nach allem was dieses Mädchen und ihre Mutter ihm angetan hatten würde Duo es nicht ertragen können, wenn sie diejenige sein würde, die Heero als seine Braut auserkor! Noch nicht einmal wenn es nur dem Namen nach wäre!

Mit einem Ruck richtete Duo sich auf und wandte sich der Tür zu. Er würde jetzt da hineingehen und dafür sorgen, dass Heero nicht in Relenas Klauen endete, und wenn es das Letzte wäre was Duo in diesem Leben täte!

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Heero musste sich alle Mühe geben um nicht allzu gelangweilt zu wirken. Dieses Mädchen war wirklich schlimmer als alle zuvor, und diesmal wartete noch nicht einmal Rettung in Form des Zeremonienmeisters auf ihn, der ihn während der früheren Tanzrunde wenigstens alle zwanzig Sekunden von seiner Tanzpartnerin erlöst hatte. So hatte er sich wenigstens nicht allzu viel sinnloses Geplapper anhören müssen.

"Kommt Ihr von weit her?" warf Heero schließlich ein als er es nicht länger ertragen konnte, das Mädchen von dessen Ballkleid schwärmen zu hören. Gooooott, wie lang dauerte denn dieser Tanz noch? Heero kam es vor als würde er schon Stunden mit dieser Person tanzen und nicht erst knapp zwei Minuten.

"Jedenfalls ist die Entfernung nicht größer gewesen," erwiderte das Mädchen mit einem Blick, den sie wohl für kokett hielt, "als mein sehnsüchtiger Wunsch mit Euch zu tanzen!"

Heero rollte mit den Augen. Wie oft hatte er heute diesen Satz oder etwas Ähnliches schon gehört? Wenn sie doch wenigstens originell wäre! Aber so? "Obwohl ich Euch dauernd auf die Schuhspitzen trete?" fragte er deshalb trocken.

"Für mich ist das eine Ehre, Königliche Hoheit!" sagte das Mädchen und himmelte Heero an. "Ich würde mit Eurer Königlichen Hoheit bis ans Ende der Welt tanzen!"

Heero starrte sie entsetzt an. Alles, nur das nicht! "Ihr habt vielleicht eine Courage," brachte er schließlich hervor. Und wirklich, was sonst hätte er darauf schon antworten können? Zumindest wenn er nicht unhöflich werden wollte.

"Davon kann ich Euch leihen soviel Ihr nur wünscht!" hauchte das Mädchen und beugte sich leicht vor um Heero tief in die Augen zu blicken - und wohl auch, um Heero einen tiefen Einblick in ihr Dekollete zu gewähren.

Heero blieb abrupt stehen. Das reichte jetzt. Höflichkeit hin oder her, aber das würde er nicht mehr länger mitmachen! "Ich danke vielmals," sagte er mit eiskalter Stimme. "Aber ich mache keine Schulden." Und mit diesen Worten ließ er das Mädchen einfach mitten auf der Tanzfläche stehen.

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Duo ging voller Ehrfurcht den langen Gang zum Ballsaal entlang. Überall standen bewaffnete Wachen, doch keiner schien daran Anstoß zu nehmen, dass er hier war. Scheinbar funktionierte seine Verkleidung doch so gut, wie er gehofft hatte. So würde ihn wohl auf dem Ball keiner als einen Mann erkennen.

Aber dann fiel ihm etwas anderes ein. Vielleicht würde es sich nicht vermeiden lassen, in die Nähe von Lady Agatha oder Relena zu kommen. Und die könnten ihn ja vielleicht trotz des edlen Kleides und der anderen Frisur erkennen. Duo wollte lieber nichts riskieren. Fieberhaft überlegte er, was er jetzt tun sollte, dann kam ihm eine recht simple Idee. Er holte das dünne violette Seidentuch hervor, von dem er sich schon gewundert hatte wozu es wohl gut sein könnte, und machte es an dem kleinen Diadem fest, das zusammen mit dem Kleid aufgetaucht war und das Duo mit Mühe in die Frisur eingefügt hatte. Das Seidentuch hing nun von der Stirn bis zu seinem Mund und verdeckte sein ganzes Gesicht. Es war dünn genug, dass Duo immer noch sehr gut sehen konnte, aber es würde trotzdem für alle anderen seine Gesichtszüge verbergen.

Je näher er dem Ballsaal kam, desto lauter wurde die Musik, er brauchte also nur den Geräuschen zu folgen. Der Gang wurde immer bevölkerter, scheinbar hielten sich viele der Gäste auch hier draußen auf, wohl um halbwegs ungestört miteinander reden zu können.

Etwas anderes fiel Duo auch auf, nämlich dass ihm viele neugierige Blicke zugeworfen wurden. Aber er beschloss nichts daran zu finden, schließlich kannte ihn niemand weshalb er wahrscheinlich wirklich aus der Menge hervorstach. Und da niemand an ihn heran trat und ihn fragte was zum Teufel er denn hier wollte, nahm er es gelassen. Außerdem, wenn er jetzt schon versucht war zu kneifen, wie sollte es denn erst im Ballsaal werden?

Doch als er endlich vor dem Eingang zum Ballsaal stand verließ ihn seine Entschlossenheit für einen kurzen Augenblick. Sollte er es wirklich wagen? Aber da war die Erinnerung von Heero der mit Relena tanzte. Und die Erinnerung an die ganze Mühe die er auf sich genommen hatte um überhaupt erst hierher zu kommen. Er würde jetzt nicht kneifen. Komme was da wolle. Und was sollte auch groß passieren? Er würde jetzt in diesen Saal gehen, sich irgendwie Heero schnappen und mit ihm sprechen. Das ganze sollte kaum länger als eine halbe Stunde dauern und dann könnte er auch schon wieder gehen. Eine halbe Stunde konnte er ja wohl die Illusion einer Debütantin aufrechterhalten. Mit neuer Entschlusskraft betrat Duo den Saal.

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Als Heero zum Podest zurückkehrte, warf er seinem Vater einen bitterbösen Blick zu, damit dieser es erst gar nicht wagen würde ihn wieder auf die Tanzfläche zurück zu schicken. Erstaunt stellte er fest, dass seine Schwester nicht mehr neben seinen Eltern saß, scheinbar hatte sie einen Galan gefunden der es wagte mit ihr zu tanzen. Vielleicht hatte sie ja mehr Glück als er.

Heero stellte sich hinter seine Eltern und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Seine letzte Tanzpartnerin war wirklich das schlimmste gewesen, was er sich nur vorstellen konnte. Er würde höchstens noch mal mit Dorothy tanzen, aber mit niemandem sonst. Am Ende würde er sonst wieder eine Unterhaltung führen müssen die beinahe körperliche Schmerzen bei ihm auslöste. "Ich kann nicht mehr," erklärte er deshalb seinen Eltern.

Seine Mutter warf ihm einen mitleidigen Blick zu, dann wandte sie sich an ihren Mann, "So hab doch endlich Erbarmen mit ihm."

Doch der König schüttelte nur leicht mit seinem Kopf, "Nur kein Mitleid, so wird wenigstens leichter mit Heero auszukommen sein."

Bei diesen Worten knirschte Heero mit den Zähnen. Das hörte sich ja fast an, als wenn ihn sein Vater durch diese elendigen Tänze zähmen wollte. Nur über seine Leiche!

Aber sein Vater schien über ein sehr gutes Gehör zu verfügen, denn er drehte sich mit einem beinahe genüsslichen Gesichtsausdruck zu Heero um und sagte, "Du bist doch wohl am Ende nicht außer Atem, oder? Ich lasse dir etwas Flotteres spielen."

"Es ist nicht die körperliche Anstrengung die mich so fertig macht, sondern die Gesellschaft! Lass spielen was du willst, ich tanz nicht mehr mit diesen Schnepfen!" Heero wunderte sich selbst, woher er den Mut fand so mit seinem Vater zu reden. Aber allein bei dem Gedanken an irgendeine von diesen Debütantinnen für den Rest seines Lebens gebunden zu werden wurde ihm übel. Und das lag nicht allein daran, dass er an Frauen nicht interessiert war. Jemanden wie Dorothy würde er an seiner Seite dulden können, aber keine der anderen. Das kam ihm hier auf dem Ball ja schon wie die reinste Folter vor, wie sollte es erst sein, wenn sie verheiratet wären? Da verzichtete er lieber dankend.

Sein Vater schien von seinem Ausbruch gar nichts zu halten. "Kehre zurück," befahl er mit kalter Stimme.

Aber Heero wollte sich das nicht mehr befehlen lassen. "Nein," erklärte er.

Jetzt hob der König seine Stimme, "Kehre zurück oder du wirst es bereuen!" Ein Raunen ging durch den Saal. Scheinbar hatten alle das Machtwort des Königs mitbekommen, sogar die Musiker hatten vor lauter Erstaunen aufgehört zu spielen.

Aber Heero wollte sich nicht wieder zwingen lassen. Er hatte bisher gegen diese Heirat nur wenig protestiert, weil er in seinem Inneren wusste, dass er als zukünftiger König eine Braut brauchte. Aber es war nicht richtig. All diese Frauen waren nicht richtig für ihn. Und es gab da Duo, was diese ganze Farce hier noch unglaubwürdiger scheinen ließ als sowieso schon. Wie sollte er auf diesem Ball eine Frau finden, die gewillt wäre ihn nur auf dem Papier zu heiraten? Dazu bräuchte er jemanden dem er vertraute, aber wie sollte er einer von diesen Gänsen vertrauen, die ihn auf Schritt und Tritt anhimmelten? Ihn noch nicht einmal mochten, weil er Heero war, sondern nur weil er der Kronprinz war. "Lieber werde ich Bäume fällen," sagte er deshalb bestimmt. Und er sprach die Wahrheit. Wenn er die Wahl hätte zwischen einem einfachen, harten Leben wo er sich aber nicht zu verstecken bräuchte, oder dieser Farce, dann würde er immer die Bäume wählen.

"Ich nehme dich beim Wort, du kannst sofort beginnen!" erklärte in diesem Moment sein Vater mit ärgerlicher Stimme.

"Treize," warf seine Mutter ein, in dem Versuch die erhitzten Gemüter zu beruhigen, aber weder Vater noch Sohn hörten auf sie.

Heero war klar, dass er die ganze Sache falsch angefangen hatte. Er hätte in Ruhe mit seinem Vater reden müssen. Wenn sie allein waren. Und er hätte auch endlich mit dem eigentlichen Grund wieso er nicht heiraten konnte und wollte herausrücken müssen. Aber das hatte er nicht getan, sondern den König hier vor aller Öffentlichkeit brüskiert. Natürlich musste sein Vater jetzt auf ihn wütend sein.

Dennoch regte sich in Heero auch eine große Portion Trotz. Hatte sein Vater ihn nicht immer dazu erzogen seine Meinung frei zu äußern? Und kaum tat er es einmal, kaum wagte er es einmal zu widersprechen, da wurde er derart wütend. Er hatte doch bisher im Großen und Ganzen immer getan was von ihm erwartet wurde. Aber er würde seinem Vater nicht erlauben alles in seinem Leben zu bestimmen. "Bitte, wie du willst," stieß er deshalb trotzig hervor und stürmte vom Podest.

"Heero," rief ihm seine Mutter noch nach, aber Heero wollte sich nicht von ihr aufhalten lassen. Ihm war zwar klar, dass er und sein Vater über diese Sache noch einmal in Ruhe würden reden müssen, aber nicht hier und nicht jetzt.

Während Heero zum Ausgang des Ballsaales stürmte, bemerkte er wie das Raunen der Gäste immer lauter wurde, und wie alle vor ihm zurückwichen, ihm praktisch einen freien Gang ließen. Und so stürmte Heero voran ohne wirklich etwas um sich herum zu erkennen.

Solange, bis er an einer jungen Dame vorbeistürmt, die nicht vor ihm zurückwich, sondern stattdessen einen tiefen Knicks vor ihm machte und "Guten Abend, Hoheit. Vielen Dank für die freundliche Begrüßung," sagte.

Das war derart ungewöhnlich, dass Heero innehielt. Begrüßung, was meinte sie mit Begrüßung? Er hatte sie in seiner Hast fast umgerannt, aber das konnte man doch wohl kaum als freundliche Begrüßung auffassen, oder? Und hatte er da nicht einen Hauch Sarkasmus in ihrer Stimme gehört? "Wieso denn? Ich habe Euch ja gar nicht…" stammelte Heero, der kurzfristig vergessen hatte, dass er ja den Ballsaal so schnell wie möglich verlassen wollte. "Verzeiht dass ich Euch fast umgerannt habe, aber Ihr habt mich so überrascht." Heero betrachtete die junge Frau jetzt zum ersten Mal richtig. Sie trug ein interessantes lila- und fliederfarbenes Kleid, und sie hatte einen Schleier vor ihrem Gesicht. Heero konnte sich nicht erinnern sie vorher hier gesehen zu haben. Sehr merkwürdig.

Sie lachte leise auf. "Oh, und ich dachte Ihr wolltet mir entgegen kommen."

Heero zuckte mit den Schultern. "Ganz im Gegenteil, ich wollte gerade gehen. Draußen warten ein paar Bäume die ich fällen will."

Sie lachte wieder. Es war nicht dieses falsche Kichern, das die meisten seiner Tanzpartnerinnen heute verwendet hatten, sondern ein ehrliches Lachen. Dann drehte sie sich halb zur Seite und sagte, "Dann darf ich Euch wohl nicht aufhalten. Selbst wenn die Bäume sicher auch noch bei Tageslicht auf euch warten werden."

Heero musste schmunzeln. Das war eine verdammt gute Antwort gewesen und der leichte Humor ließ ihn vergessen, dass er noch vor wenigen Augenblicken vor Wut geschäumt hatte. Sollte es möglich sein, dass es neben Lady Dorothy auch noch eine andere intelligente und interessante Frau auf diesem Ball gab? "Warum denn nicht? Wie Ihr schon sagtet, die Bäume werden auch morgen noch da sein. Darf ich also um diesen Tanz bitten?" Er machte eine höfische Verbeugung vor ihr.

Sie machte erneut einen Knicks und lachte erneut. "Wäre das nicht besser mit Musik?" fragte sie.

"Hm?" machte Heero erstaunt. Dann ging ihm auf, dass die Musiker noch nicht wieder mit dem Spielen angefangen hatten. Und ihm wurde bewusst dass wohl jeder im Ballsaal ihm und dieser interessanten Unbekannten zuschauten. Aber Heero würde sich davon nicht beeindrucken lassen. "Zeremonienmeister, warum spielt die Musik nicht?" wandte er sich an den älteren Mann, der nicht weit von ihm stand.

Dieser schaute auch erst verwundert drein, dann gab er ein Handzeichen und die Musiker auf dem Balkon fingen sofort wieder an zu spielen. Das war der Moment, in dem Heero die Hand der jungen Frau ergriff und mit ihr zu tanzen begann.

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Une betrachtete mit seltsam gemischten Gefühlen, wie ihr Sohn nun schon den fünften Tanz mit der unbekannten jungen Frau tanzte, die vorhin so überraschend hier im Ballsaal aufgetaucht war. Une war sich sicher, dass das Mädchen vor Heeros stürmischem Beinahe-Abgang noch nicht im Saal gewesen war. Wo also war sie so plötzlich hergekommen?

Doch das war nicht der Grund warum Une so erstaunt war. Nein, es war die Reaktion ihres Sohnes auf die junge Frau. Ganz im Gegensatz zu Lady Dorothy vorher behandelte Heero dieses Mädchen nicht wie seine Schwester. Wenn Une es nicht besser wüsste würde sie fast sagen, der Prinz wäre verliebt.

Une schüttelte leicht den Kopf. Als das Pärchen vor wenigen Minuten hier am Königspaar vorübergetanzt war, hatte Une einen Teil der Unterhaltung der beiden mitbekommen. Ihr Sohn hatte die junge Unbekannte nach ihrem Namen gefragt - etwas was auch Une brennend interessierte - doch dass Mädchen hatte nur leise gelacht und gekontert, ob der Prinz tanzen oder sie ausfragen wolle. Und Heero hatte das einfach so hingenommen! Hatte sich mit einem Lächeln für das Tanzen entschieden! Wenn das kein Zeichen dafür war wie gefesselt Heero von der jungen Frau war, dann wusste Une nicht was sonst.

"Wer ist sie?" fragte in diesem Moment Treize, der sich zu Une rübergebeugt hatte, seine Augen jedoch nicht von seinem Sohn und dem fremden Mädchen nahm.

Une blickte ihren Mann kurz an, dann antwortete sie, "Wir werden's erfahren." Dann schüttelte sie schmunzelnd den Kopf. "Wie schnell unser Sohn die Bäume vergessen hat."

"Sieh sie dir doch einmal an!" rief Treize. "Diese Haltung! Sollte ich sie nicht hierher einladen?"

"Lass sie zuerst miteinander tanzen," entschied Une. Sie wollte einfach wirklich sicher gehen, dass ihr Sohn auch tatsächlich an dieser Frau als Frau interessiert war, und nicht wieder nur an einer Freundschaft.

"Mit unserem Tölpel!" machte Treize ungläubig.

"Du wirst noch staunen," erwiderte Une. Wenn natürlich auch nicht so sehr wie Une selbst in diesem Moment staunte. Ihr Sohn machte mehr und mehr den Eindruck eines vollkommen vernarrten Mannes. Nicht eine Sekunde nahm er seine Augen von seiner Tanzpartnerin, und was immer sie auch von sich gab, es schien jedes Mal ungeheuer interessant zu sein. Jedenfalls nach Heeros Reaktion zu schließen.

"Ich erkenne ihn nicht wieder," sagte Treize und wirkte gleichzeitig sehr zufrieden und erstaunt.

Une blickte ihren Mann an. "Er macht nur was du von ihm verlangt hast," sagte sie, konnte aber gut verstehen was Treize meinte. Seit wann machte Heero einfach das was Treize von ihm verlangte? Ohne groß darüber zu diskutieren?

"Aber wer ist sie?" Treize konnte offenbar nicht von dem Thema lassen.

Une schmunzelte und legte ihre Hand auf Treizes Arm. "Du bist ja ungeduldiger als dein Sohn," neckte sie.

Treize warf ihr einen Blick zu, dann stimmte er in Unes Lachen mit ein. Une tätschelte noch einmal Treizes Hand, dann richtete sie ihren Blick wieder auf die Tanzfläche. Was zum Teufel ging da unten nur vor sich?

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Duo stützte sich schwer auf einen der Tische im Erfrischungsraum der Damen und seufzte tief. Wie zur Hölle hatte er nur wieder in diese furchtbare Situation hineingeraten können? Mit einem weiteren Seufzer löste Duo den Gesichtsschleier, griff nach einem der Tücher die auf dem Tisch lagen und tauchte es in die Schüssel mit kaltem Wasser. Wenn er schon einmal hier war, konnte er sich genauso gut auch wirklich frisch machen.

Seit über einer Stunde befand Duo sich jetzt schon auf diesem Ball, und seit genau derselben Zeit tanzte er nun schon einen Tanz nach dem anderen mit Heero. Und genau wie Duo es sich gedacht hatte, war das tatsächlich die perfekte Möglichkeit zumindest annähernd ungestört mit dem Prinzen zu reden. Was sie beide auch lang und breit gemacht hatten, über alle möglichen Themen - nur nicht über das weswegen Duo eigentlich gekommen war.

Denn nicht in einer einzigen seiner Phantasien wie der Abend wohl verlaufen würde hatte Duo sich vorgestellt, dass Heero ihn schlicht und ergreifend nicht erkennen würde! Ganz genau! Duo wusste nicht ob er geschmeichelt oder empört sein sollte. Geschmeichelt weil seine Verkleidung offenbar so gut war, oder empört weil Heero IHN NICHT ERKANNTE! Es war zum aus der Haut fahren.

Anfangs hatte Duo es noch ganz amüsant gefunden, dass Heero ihn nicht gleich erkannte. Er hatte sich gedacht, er würde Heero nach spätestens zehn Minuten bescheid sagen, und dann würden sie beide herzhaft über diese Verwechslungskomödie lachen können. Doch dann hatte Heero so fasziniert, so gefesselt von der Frau die Duo darstellte gewirkt, dass Duo jeglicher Mut verlassen hatte. Und außerdem war irgendwie auch nie der richtige Moment gekommen Heero die Wahrheit zu sagen! Es war fast genauso wie damals im Schuppen, Duo hatte seine Chance verpasst die Wahrheit zu sagen, und nun war er in diese Farce verstrickt und wusste nicht mehr wie er heil heraus kommen konnte!

Das war auch der Grund warum Duo schließlich hierher geflüchtet war. Der Erfrischungsraum der Damen war sicherlich der einzige Ort im Schloss, an den Heero ihm nicht folgen würde. Duo seufzte und wischte sich mit dem feuchten Tuch über das Gesicht. Und dann war da noch die andere Sache weshalb Duo hierher geflüchtet war.

Heeros Vernarrtheit in die junge Frau, mit der er die letzte Stunde verbracht hatte. Duo schnaubte spöttisch. Klar, eigentlich war das keine Frau sondern er selbst, aber das wusste Heero ja nicht. Und so wie der Prinz sich Duo gegenüber benahm… Duo konnte sich auch irren, aber ihm schien es so als wäre der Prinz verliebt.

Duo lachte gequält auf. War das nicht wieder typisch für ihn? Hatte er sich nicht gewünscht dass der Prinz ihn lieben würde? Nur hatte er sich das niemals so ausgemalt, verstrickt in dieses Verwechslungsspiel. Denn Heero war ja eigentlich nicht in Duo verliebt, sondern in die junge Frau mit der er meinte den Abend zu verbringen. Wie sollte Duo das jemals wieder entwirren?

Und die Frage war - wollte er das überhaupt? Denn die Tatsache dass Heero offenbar so schnell für ihn, Duo, Ersatz gefunden hatte - und noch dazu eine Frau - dieser Gedanke tat weh. Und er machte Duo wütend.

Duo schüttelte den Kopf und blickte sich traurig im Spiegel an. "Was zur Hölle machst du hier eigentlich, Duo?" fragte er sein Ebenbild leise.

Plötzlich hörte Duo ein Geräusch, und als er sich umdrehte, erkannte er mit Schrecken dass er nicht länger allein im Raum war. Nicht weit hinter ihm stand eine weitere junge Dame in einem tiefroten Kleid und blickte ihn neugierig an. Schnell griff Duo nach dem Seidentuch das er auf dem Tisch abgelegt hatte und befestigte es wieder vor seinem Gesicht. Dann holte er tief Luft, gab sich einen Ruck und verließ den Erfrischungsraum wieder. Er würde diese Situation mit Heero auf irgendeine Weise klären müssen. Und das so schnell wie möglich.

Draußen vor dem Raum wartete der Prinz bereits auf Duo, reichte ihm galant den Arm und führte ihn wieder in den Ballsaal zurück. Als sie beide sich wieder begannen zu der Musik zu drehen, grübelte Duo fieberhaft wie er das Thema am besten anschneiden konnte. Doch Heero kam ihm zuvor und eröffnete als erster das Gespräch.

"Sagt Ihr mir jetzt, wer Ihr seid?" wiederholte Heero die Frage, die er in der letzten Stunde mehr als einmal gestellt hatte.

Duo lächelte traurig. "Könnt Ihr es nicht selbst erkennen?" fragte er leise mit dem letzten kleinen Funken Hoffnung, dass Heero ihn vielleicht doch erkennen würde.

"Dann nehmt den Schleier ab," erwiderte Heero und streckte eine Hand danach aus, doch Duo wandte schnell sein Gesicht ab. Irgendetwas in ihm wollte das nicht zulassen. Wenn Heero ihn wirklich liebte, dann würde er ihn doch sicherlich erkennen - oder?

Eine ganze Weile tanzten sie schweigend weiter, und Heero ließ Duo dabei nicht eine Sekunde aus den Augen. Ja, Duo hätte sogar schwören können, der Prinz würde ihm die ganze Zeit tief in die Augen blicken, wenn das aufgrund des Schleiers nicht eigentlich unmöglich gewesen wäre.

"Nun?" fragte Heero schließlich mit einem derart ernsten Tonfall, den Duo während der gesamten Unterhaltung während des Balles noch nicht an ihm gehört hatte. "Wollt Ihr mir nicht endlich verraten wer Ihr seid?"

"Warum wollt Ihr das wissen?" konterte Duo mit einer Gegenfrage.

"Weil ich mir eben meine Braut ausgesucht habe und nicht weiß wer sie ist," antwortete Heero ernst.

Duos Blut gefror zu Eis. Heero hatte was…? Duo rang nach Atem. Irgendwie schaffte er es dennoch ein, "Leiser, Prinz, man hört uns," zu flüstern.

"Mögen es alle hören!" erwiderte Heero. "Sie werden es sowieso früh genug erfahren dass ich Hochzeit halten will."

Duo hörte mitten im Schritt auf zu tanzen. Er hatte also Recht gehabt. Heero hatte sich niemals wirklich etwas aus ihm gemacht. All die schönen Worte, und all die Zärtlichkeit und die Verletzlichkeit die Duo an jenem Nachmittag im Schuppen bei Heero wahrzunehmen geglaubt hatte, das alles war nicht echt gewesen. Konnte gar nicht echt gewesen sein, wenn Heero nur zwei Tage später dasselbe zu einer jungen Frau sagte. Und nicht nur das, dieser jungen Frau bot er die Ehe an, etwas was er Duo niemals geben konnte - oder gar wollte. Dass Duo ja diese junge Frau war, die Heero so in ihren Bann gezogen hatte, machte das ganze fast noch schlimmer.

"Etwas habt Ihr dabei vergessen," sagte Duo leise, aber bestimmt.

"Was denn?" fragte Heero, der nun ebenfalls aufgehört hatte zu tanzen.

"Die Braut zu fragen ob sie auch möchte."

"Ihr würdet mir einen Korb geben?" Heero wirkte ehrlich verblüfft.

Duo sah ihn einen langen Moment stumm an. "Das wäre wohl eine unerhörte Frechheit," sagte er schließlich.

"Antwortet mir," sagte Heero als Duo sonst nichts weiter sagte. "Wollt Ihr mich heiraten?"

Duo schloss gequält die Augen. Das also war es. Das Ende seiner Liebe, noch bevor sie wirklich begonnen hatte. Er hätte niemals gedacht dass es so wehtun könnte. Am liebsten hätte Duo sich hier auf dem Boden zu einem schützenden Ball zusammengerollt und geweint, bis nicht eine einzige Träne in seinem Körper zurückbleiben würde. Doch das konnte er jetzt nicht tun, dafür war später noch Zeit genug. Jetzt musste er sich erst einmal aus dieser Affäre ziehen - und wenn er Heero dabei gleichzeitig ein wenig des Schmerzes zurückgeben konnte, dann war das nur umso besser! Entschlossen öffnete Duo die Augen wieder.

"Erst gebe ich Euch ein Rätsel auf das Ihr erraten müsst," beantwortete er deshalb Heeros Frage. Dann lief er langsam um den Prinz herum und begann: "Ein Hut mit Federn, die Armbrust über der Schulter, aber ein Jäger ist es nicht. Die Wangen sind mit Asche beschmutzt, die Kleider sind alt und abgetragen, aber ein Dienstbote ist es nicht," Duo brach ab und blickte Heero erwartungsvoll an, doch der Prinz schüttelte nur ratlos den Kopf.

"Zum Dritten," fuhr Duo fort und blickte hoffnungslos zu Boden, "Ein silbergewirktes Kleid mit Schleppe zum Ball, aber eine Prinzessin ist es nicht, mein holder Herr." Duo hob den Kopf und sah Heero direkt ins Gesicht.

Heero blickte ihn stirnrunzelnd an, dann schüttelte er erneut ratlos den Kopf.

"Nun?" fragte Duo nachdem Heero eine ganze Weile stumm geblieben war. Doch auch diesmal schien der Prinz nicht zu wissen was er antworten sollte, und so sagte Duo nur traurig und enttäuscht, "Schade, solang Ihr die Antwort auf mein Rätsel nicht wisst - lebt wohl." Und damit drehte Duo sich von Heero weg und rannte aus dem Ballsaal, bevor er noch etwas wirklich Dummes tun konnte - wie zum Beispiel in Tränen auszubrechen.