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Drei Haseln?sse f?r Duo

Teil 2


Lady Agatha schritt die Treppe zum Innenhof herunter, dicht gefolgt von Relena. "Und von der Seide nimm gleich eine ganze Rolle. Außerdem zwei Spulen goldenen Zwirn," zählte Lady Agatha auf, während Howard bei jedem neuen Punkt ein "Ähm" grummelte.

Eigentlich passte es Lady Agatha gar nicht, diesen Taugenichts in die Stadt zum Einkaufen zu schicken. Aber er war der einzige den sie heute dafür erübrigen konnte. "Außerdem dreißig Rollen Samt, damit er auch für die Schleppe reicht," fügte sie noch hinzu. "Am besten in dunkelblau."

"Aber Mama, ich will keinen Samt, ich will ein Kleid aus Seide! Rosa Seide," schmollte ihre Tochter.

"Aber Relena, der Samt ist doch für mich," beruhigte Lady Agatha ihre aufgebrachte Tochter. Natürlich würde sie ihre Kleine nicht in Samt kleiden, das würde sie viel zu alt aussehen lassen. "Also Howard, vierzig Ellen der besten und teuersten rosa Seide."

"Aber vierzig Ellen ist doch viel zu wenig," warf Relena ein.

Lady Agatha warf einen kurzen Blick auf die Figur ihrer Tochter und korrigierte sich. "Nimm also fünfzig," wies sie Howard an.

In der Zwischenzeit waren sie bei dem Schlitten, mit dem Howard in die Stadt fahren würde angekommen. Der ältere Mann nickte wieder und grummelte ein bestätigendes "Ähm."

Plötzlich hielt Lady Agatha inne. "Siehst du, fast hätte ich's vergessen!" Sie ärgerte sich über sich selbst. "Eine breite goldene Borte brauchen wir noch. Zehn Ellen," sie zeigte mit ihren Fingern, wie breit die Borte sein musste.

Relena klammerte sich an Lady Agatha. "Und ich brauch noch silberne Spangen für meine Tanzschuhe!"

Lady Agatha nickte. "Und der Schneiderin richte aus, dass du sie übermorgen abholen kommst. Der Ball ist schon ziemlich bald."

"Ähm," nickte Howard.

"Ich hoffe du hast nichts vergessen," herrschte Lady Agatha den Mann an. Wie sie diesen Trampel kannte, würde er irgendwas Wichtiges vergessen mitzubringen. Warum war sie nur von solchen Trotteln umgeben?

Howard schüttelte nur seinen Kopf und dann stieg er grummelnd in den Schlitten. Kaum hatte er die Zügel in die Hand genommen, da rief er auch schon "Hüa!" und verschwand durch die Tordurchfahrt.

Alles was Lady Agatha übrig blieb, war abzuwarten, was der Trottel denn diesmal vergessen würde.

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Duo kniete an einem Bach und kämpfte sich durch den Wäscheberg. Immer wenn er eines der Wäschestücke durch das eiskalte Wasser gezogen hatte, holte er es heraus und wrang das Wasser wieder heraus. Er wusste nicht wie lange er hier schon arbeitete, aber inzwischen waren seine Hände lila angelaufen und er spürte sie überhaupt nicht mehr. Aber er würde den Teufel tun und diese Aufgabe nicht ausführen. Auch wenn die Kleidungsstücke viel besser - und viel einfacher - mit warmen Wasser in der warmen Küche gereinigt werden könnten.

Während er mit dieser schrecklichen Tätigkeit beschäftigt war, kehrten seine Gedanken unbewusst zum gestrigen Tag zurück. Trotz der immensen Kälte wurde sein Gesicht ganz rot.

Er hatte dem Prinzen einen Schneeball an den Kopf geworfen. Dem Prinzen! Von allen unglaublich dummen Streichen die er jemals in seinem Leben gemacht hatte - und das waren einige, dass musste selbst Duo zugeben - war das der dümmste. Es hätte sonst was passieren können! Der Prinz hätte das als Angriff auf sein Leben werten können und ihn einsperren und foltern lassen können! Duo erschauerte bei dem Gedanken.

Genau das war es, was ihm gestern auch den Mut gegeben hatte, abzuhauen. Und wenn er ehrlich mit sich selbst war, dann hatte die Verfolgungsjagd mit dem Prinzen und seinen Gefährten sogar Spaß gemacht.

Duo schüttelte über sich selbst den Kopf. Spaß gemacht! Nicht nur, dass er dem Prinzen einen Schneeball an den Kopf geworfen hatte, nein noch viel schlimmer, auf der Flucht hatte er sich auch mal kurz dessen Pferd ausleihen müssen. Was natürlich auch wieder Spaß gemacht hatte, aber das würde Duo niemals zugeben.

Irgendwie war dann doch noch alles gut gegangen und er war entkommen. Erst war er sehr entsetzt über sich und seine eigene Unverfrorenheit gewesen. Doch nachdem das erste Entsetzen sich gelegt hatte, waren ihm zwei Sachen aufgefallen. Zum einen, dass der Prinz von nahem noch viel besser aussah, als das Duo es für möglich gehalten hatte. Zum anderen, dass dieser ihn für ein Mädchen hielt.

Unglaublich! Nur weil er lange, offene Haare hatte und ein Kleid trug, hieß das ja wohl noch lange nicht, dass er ein Mädchen war! Das diese Verwechslung genau die Absicht war, die hinter Duos Verkleidung steckte ließ er jetzt mal galant aus dem Spiel. Es ging darum, dass dieser unheimlich gut aussehende Mann ihn für ein Mädchen hielt! Und sich lustig über ihn gemacht hatte! In dem Moment wäre Duo am liebsten umgekehrt und hätte diesem impertinenten Kerl mit einer großen Ladung Schnee das Gesicht gewaschen. Er war kein Mädchen! Und schon gar nicht ein Hühnchen ohne Federn!

In der Nacht hatte Duo gar nicht schlafen können, so aufgeregt war er gewesen. Wobei er vor seinem inneren Auge die Szenen immer wieder abspielte und schwankte zwischen dem Bedürfnis, dem Prinzen den Schnee in das Gesicht zu schieben oder ihn zu küssen.

Plötzlich hörte er klingende Glocken und sie kamen immer näher. Erstaunt blickte Duo auf, er hatte gar nicht gewusst, dass heute jemand mit dem Schlitten fahren würde. Dankbar für die Ausrede seine ungeliebte Arbeit wenigstens für ein paar Sekunden zu beenden, und für die Gelegenheit seine armen Hände zum aufwärmen unter seine Armbeugen zu steckten, stand er auf und wartete darauf, dass die Kutsche nach der nächsten Kurve in Sichtweite kam. Er wollte zu gern sehen, wer denn heute unterwegs war.

Als Duo endlich den Fahrer sehen konnte, winkte er ihm ganz aufgeregt zu.

Howard sah ihn wohl auch und befahl den zwei Pferden anzuhalten. Als er mit seinem Schlitten nicht weit von Duo entfernt stehen blieb, rief er zu Duo herüber, "Duo was machst du da? Du wirst noch erfrieren! Hat dir das etwa die Herrin aufgetragen?"

"Wer denn sonst?" fragte Duo zurück. Da er die Nacht über nicht geschlafen hatte, war er am Morgen bei seiner Arbeit sehr ungeschickt vorgegangen. Etwas, dass Lady Agatha nicht entgangen war. Und heute hatte sie mal von ihrer 'Erbsen aus Asche lesen' Bestrafung abgesehen und ihm stattdessen diese Aufgabe gegeben.

Howard machte nur ein kurzes mitleidiges Geräusch, sagte aber nichts weiter zu diesem Thema. Was sowieso nichts bringen würde, denn es war schließlich allen klar, wieso Lady Agatha Duo immer wieder solche unmöglichen Aufgaben auftrug. "Ich hab heute auch eine spezielle Aufgabe," erklärte Howard stattdessen. "Ich soll in die Stadt fahren und die Stoffe für die Kleider zum Fest besorgen. Die Herrin und Relena sind schon ganz aus dem Häuschen, weil sie auf das königliche Schloss eingeladen wurden."

Duo lächelte leicht bei der Vorstellung. Er hatte schon gehört, wie sich seine Stiefmutter diese Einladung regelrecht erschlichen hatte. Aber es war ein bittersüßes Lächeln. Jetzt würden also Lady Agatha und Relena auf das Schloss kommen. Etwas das er sich immer gewünscht hatte, das ihm jetzt aber verwehrt war.

"Soll ich dir nicht auch was aus der Stadt mitbringen?" fragte Howard.

Duo seufzte. Wie gerne würde er in die Stadt fahren und sich dort in den Geschäften umsehen. Wie gerne würde er sich irgendwas leisten können. Früher hatte sein Vater ihn alle paar Monate mitgenommen und ihm etwas Geld zugesteckt, so dass er sich eine Kleinigkeit kaufen konnte. Süßigkeiten oder ein Messer oder was auch immer seine Aufmerksamkeit erregte. Aber seit Lady Agatha das Gut übernommen hatte, besaß Duo nichts weiter als seine Kleider. Er hatte keinen einzigen kümmerlichen Pfennig. Auch einer der Gründe, wieso er noch immer auf dem Gut blieb.

"Oh ja, besorg mir bitte ein tolles Gewand, edle Schuhe und ein Barett. Ich seh es im Geiste schon vor mir, wie sie sich doch noch an mich erinnern und an den Hofstaat einladen," brach es voller Bitternis aus Duo hervor.

"Deshalb brauchst du doch nicht traurig zu sein, Duo," erklärte Howard mitfühlend. "Und wenn es nach mir ginge, dann würde ich dir alles mitbringen was dein Herz sich wünscht. Das kannst du mir ruhig glauben."

Duo rieb sich mit der kalten Hand die Augen. Howard hatte ja Recht. Es nutzte nichts, über vergossene Milch zu trauern. Die hochfliegenden Pläne die sein Vater für ihn gemacht hatte, waren zu Staub zerfallen, er musste sich nur endlich damit abfinden. Er würde niemals an den Königshof berufen werden und den Rest seines Lebens hier unter Lady Agathas Knute verbringen.

Und ihm wurde bewusst, dass Howard ihm wirklich alles besorgen würde, dass er sich wünschte. Natürlich würde sein väterlicher Freund dafür später von Lady Agatha bestraft werden. Sie würde niemals zulassen, dass jemand Geld für Duo ausgab. "Dann bring mir was dir auf dem Weg vor die Nase kommt und nichts kostet," erwiderte Duo deshalb.

Howard lachte kurz auf. Dann sagte er, "Ist gut, ich versuche mein bestes."

Danach trieb er die Pferde wieder an und sein Schlitten verschwand in die Richtung zur Stadt. Duo blickte ihm noch ein paar Augenblicke nach, bis er sich wieder zu dem eiskalten Wasser beugte. Vielleicht hätte er sich lieber ein Feuer und einen großen Topf wünschen sollen?

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"Und ebenfalls erscheint Lady Sperling mit Tochter," las der Zeremonienmeister laut die Liste in seiner Hand vor.

Treize nickte zustimmend. "Und wie ist es mit Lady Rosenstein? Hat sie die Einladung angenommen?"

"Sie geruht bestimmt mit beiden Töchtern zu kommen," versicherte der Zeremonienmeister. "Miss Louisa und Miss Lulu."

Heero, der bis vor kurzem noch am Fenster gestanden und nach unten gestikuliert hatte, wie Treize aus den Augenwinkeln mitbekommen hatte, beugte sich zu seiner Mutter, die neben Treize saß, und wisperte, "Die jüngere von beiden ist mindestens dreißig!"

Une unterdrückte ein schnelles Auflachen und selbst Treize musste schmunzeln. Wirklich, wie kam Heero darauf? Nur weil Louisa Rosenstein mit ihren 21 Jahren in den Augen der Gesellschaft schon fast als alte Jungfer galt, hieß dass noch lange nicht dass sie schon jenseits des heiratsfähigen Alters war!

"Sie ist ein Jahr jünger als du und sehr lieb," korrigierte Une ihren Sohn auch schon. "Im Gegensatz zu dir."

Treize schmunzelte als er die Grimasse seines Sohns sah. Niemand verstand es so gut wie seine Gemahlin ihren Sohn mit ein paar ruhigen, wohlgesetzten Worten in seine Schranken zu verweisen - nicht einmal er selbst, das musste er ihr zugestehen.

"Und wie ist es mit der Witwe von Schöneberg?" wandte er sich wieder an den Zeremonienmeister.

"Majestät meinen, die Baronin von Eckenstein," korrigierte der Zeremonienmeister ihn. Oh ja, stimmte ja. Die Dame hatte vor kurzem wieder geheiratet. "Sie hat versprochen bestimmt mit allen drei Töchtern zu kommen," fuhr der Mann fort.

"Ich habe gedacht wir laden zum Ball ein," gab Heero sarkastisch von sich. "Aber mir scheint es wird eine Treibjagd."

"Prinz, Eure Naseweisheit ist hier gänzlich fehl am Platze!" wies Treize seinen Sohn in schneidendem Tonfall zurecht und erhob sich von seinem Thron. Es war eine Sache abfällige Bemerkungen im Flüsterton zu machen, solange andere Personen anwesend waren, aber sie einfach so laut herauszuposaunen würde Treize nicht dulden.

"Ich bitte meine Offenheit zu entschuldigen," erwiderte Heero in ebenso eisigem Tonfall, "aber ich wurde dazu erzogen. Darf ich jetzt gehen?"

Treize schnaubte kopfschüttelnd, dann gab er dem Zeremonienmeister mit einer Handbewegung zu verstehen, dass dieser sich zurückziehen möge. Was jetzt folgen würde war ganz sicherlich nicht für fremde Augen und Ohren bestimmt.

"Zuerst wirst du anhören was ich auf dem Herzen habe," sagte Treize als sie endlich allein waren.

"Verzeiht Majestät," sagte Heero in steifem, formellem Ton den er nur dann aufsetzte wenn er wirklich wütend auf seine Eltern war - oder etwas von ihnen wollte. "Aber ich wusste nicht dass der Familienrat so lange dauern würde. Es ist nur… Wufei, Quatre und Trowa warten auf mich. Soll ich ihnen absagen?"

"Was habt ihr denn so furchtbar wichtiges zu tun?" fragte Treize ironisch, ging zum Fenster hinüber und öffnete es.

"Das Studium… der Historie!" hörte er Heero antworten. "Dann… wollten wir noch den Stammbaum Eurer Königlichen Majestät durchnehmen, woraufhin Wufei mich noch mit einer Stunde des vornehmen Benehmens und der geistreichen Konversation quälen wollte."

Treize schmunzelte. Dort unten im Hof standen die Lords Barton und Winner, beide mit Armbrüsten bewaffnet und damit beschäftigt, Zielübungen zu machen. Daneben stand ein Stallbursche mit drei Pferden, eines davon Wing, der Hengst seines Sohnes. Glaubte Heero wirklich er könnte ihn so einfach in die Irre führen? Wo Heero doch genau wissen musste was Treize gerade sah, und trotzdem erzählte er noch diesen Unsinn von wegen Unterrichtsstunden.

"Studium der Historie und geistreiche Konversation," wiederholte Treize spöttisch die Aussage seines Sohnes während er vom Fenster wieder zurück an die Seite seiner Gemahlin wanderte. "Willst du mich zum Narren halten?"

Heero warf seiner Mutter einen wirklich überzeugend verwirrten Blick zu. "Ich dich? Zum Narren halten? Das würd ich nicht wagen."

Treize verengte die Augen und blickte seinen Sohn scharf an. War das etwa Spott was er da in diesem Tonfall gehört hatte? Das würde er ganz sicherlich nicht dulden. "Wozu dann also diese Armbrüste?" fragte er und deutete zum Fenster. "Ein schönes Studium. Warum sollte er auch heiraten wollen?" Treize beugte sich zu Une hinüber. "Wo er doch jetzt den ganzen Tag mit der Armbrust herumtollen kann."

"Armbrust?" fragte Une. "Herumtollen? Wieso?"

"Bitte," sagte Treize, reichte seiner Gemahlin die Hand und führte sie zum Fenster.

Une blickte eine ganze Weile aus dem Fenster, dann drehte sie sich zu Treize um und blickte ihn fragend an. "Ich begreife nicht, Treize."

Treize runzelte die Stirn, trat an Une vorbei und sah nun selbst ein zweites Mal in den Hof hinab. Doch dort hatte sich das Bild dramatisch verändert. Die Lords Barton und Winner waren immer noch da, doch inzwischen hatte sich auch der junge Gelehrte Wufei Chang hinzugesellt. Die Pferde waren weg, genauso wie die Armbrüste, stattdessen hatten Barton und Winner Bücher in der Hand und schienen aufmerksam den Ausführungen des nur wenige Jahre älteren Mannes zu lauschen.

Treize schüttelte kurz ungläubig den Kopf. Was zur…? Wie hatte Heero das gemacht? Vor noch einer Minute war dort unten alles bereit zu einem Jagdausflug gewesen, doch nun… Wie auch immer. Treize räusperte sich kurz, dann ging er zurück in Richtung seines Throns. Nur keine Blöße zeigen.

"Und vergiss nicht die Tanzfiguren zu üben," wies er seinen Sohn an. "Damit du mir beim Ball keine Schande machst. Und merke dir, dass ich in deinem Alter drei Paar -"

"… drei Paar Schuhe durchgetanzt habe!" fiel Heero seinem Vater ins Wort, während er sich schnell aus dem Staub machte.

Treize sah ihm frustriert hinterher. Wirklich, das wurde langsam zur Gewohnheit. In letzter Zeit kam es immer öfter vor dass Heero ihm ins Wort fiel und seine Sätze vervollständigte. Vielleicht sollte er anfangen andere Geschichten zu erzählen?

"Wirklich?" fragte Une amüsiert und kam zu Treize hinüber, der noch immer die Tür anstarrte die gerade hinter seinem Sohn ins Schloss gefallen war.

Treize riss seine Aufmerksamkeit von der Tür und richtete sie auf seine Gemahlin. "Das war ehe wir uns kennen lernten, selbstverständlich."

Une lachte auf und schmiegte sich an die Schulter ihres Gatten. "Aber bei mir hast du dich damals entschuldigt es sei dein erster Tanz im Leben - als du mir auf meine Schuhe getrampelt hast!"

Treize lachte ebenfalls auf bei dieser Erinnerung. "Damit werd ich doch wahrhaftig nicht vor meinem Sohn prahlen," erwiderte er während er die Arme um Une legte. "Das wirst du doch wohl verstehen."

Une schüttelte lächelnd den Kopf. "Er ist dir doch sowieso in allem schier unglaublich ähnlich."

"Hm?" Treize drehte seinen Kopf ungläubig in die Richtung in die Heero verschwunden war. Heero? Ihm ähnlich? Unmöglich. Er sah Une ungläubig an.

"In allen wesentlichen Dingen," präzisierte sie.

"Nein." Treize blickte sie fassungslos an. Er war doch wirklich niemals so ein junger, verantwortungsloser, aufsässiger Heißsporn gewesen wie sein Sohn - oder?

"Ja," bestätigte Une herzlos.

Treize schluckte. Verräterin!

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Ein paar Stunden später hatten Heero und seine Freunde es zum Glück endlich wieder geschafft Wufei abzuhängen. So nett er auch normalerweise war, wenn sich Wufei erst einmal in den Kopf gesetzt hatte, sein Amt als ihr Lehrmeister auszuüben, dann tat er das auch bis zum bitteren Ende. Die ganze Zeit über hatte er ihnen einen Vortrag nach dem anderen gehalten. Heero hatte sogar schon geglaubt, dass ihm die Fakten schon wieder aus den Ohren herausgetropft waren.

Doch dann war ihnen der Zufall in Form von seiner Schwester Hilde zu Hilfe gekommen. Sie war einfach in die Unterrichtsstunden hereinspaziert und hatte darauf bestanden auch in Militärgeschichte unterwiesen zu werden.

Natürlich war Wufei darauf sofort angesprungen und hatte ihr einen seiner geliebten 'das schickt sich für eine junge Dame Eures Standes nicht' Vorträge gegeben. Etwas worauf Hilde natürlich nur auf eine mögliche Art und Weise reagieren konnte. Während sich die zwei Streithähne lautstark unterhielten, hatte Heero mit seinen Freunden einen taktischen Rückzug angetreten und sie waren so schnell es ging zum Stall verschwunden. Dort hatten sie sich ihre Pferde geschnappt und waren wieder in den Wald geritten. Sie wussten, dass sie sicherlich ein paar Stunden Freiheit haben würden, bevor Wufei sie wahrscheinlich wieder zum Unterricht zurück bugsieren würde. Die Stunden mussten also gut genutzt werden.

Und im Moment taten sie dies, indem sie eine der Tanzstunden nachspielten. Quatre hatte sich einen langen, verwinkelten Ast geschnappt und tat so, als wenn er darauf die Tanzmusik trompetete und Trowa spielte die Tanzpartnerin von Heero. In den wohl albernsten Verrenkungen spielten sie die Tanzschritte nach. Einmal hob Trowa sogar sein Bein an und reichte es Heero anstelle seiner Hand. Als Heero es ergriff, fielen sie beide vor Lachen in den Schnee.

Heero war sich bewusst, dass sie sich wie kleine, alberne Kinder aufführten, aber wenn er daran dachte, dass er bald in eine ungeliebte Ehe gezwungen werden würde, dann hatte er sich diese Momente der Unbeschwertheit irgendwie verdient.

Und ihm wurde zu seinem großen Erstaunen auch bewusst, dass er auf seine Freunde neidisch war. Nicht nur, weil sie ineinander einen Partner fürs Leben gefunden hatten, sondern weil sie auch die Freiheiten hatten, dies auszuleben. Natürlich war ihre Beziehung ein großes Geheimnis und musste es auch bleiben - auch wenn es eher ein offenes Geheimnis war. Aber da die beiden jeweils die jüngeren Söhne ihrer Familie waren, lasteten auf ihnen nicht die Pflichten, die auf Heero lasteten. Wenn sie niemals heiraten und Kinder bekommen würden, dann würde dass sicher immer wieder für hochgezogene Augenbrauen sorgen, aber sie würden trotzdem nicht zum Erhalt der Familienlinie zu einer Heirat gezwungen werden.

Das war natürlich keine Alternative die auf Heero zutraf. Wer hatte jemals von einem unverheirateten König gehört? Niemand. Aber was half es schon über sein Schicksal zu lamentieren, er würde lieber noch ein wenig herumalbern. Solange er das zumindest noch konnte.

Quatre hatte inzwischen den Ast zur Seite geworfen und war zu ihm und Trowa geeilt. Dann half er Heero beim Aufstehen, verneigte sich tief - etwas das Heero dann sofort nachmachte - und verkündete mit nachgemachter Stimme von Wufei, "Und nach der Tanzstunde etwas Konversation."

"Hmmm in Ordnung," erklärte Heero.

Quatre klimperte dann mit seinen Wimpern und hielt ihm in einer vollkommen übertriebenen Geste seine Hand zum Kuss hin. Eines musste man Quatre lassen, wenn er wollte, dann konnte er eine Hofdame ziemlich gut nachmachen. Vollkommen übertrieben zwar, aber lustig.

"Hoheit, ich habe Euch dazu ausersehen, dass Ihr mich um meine Hand bitten werdet," erklärte er jetzt mit leicht geröteten Wangen und einem Kichern, während er gespielt verschämt seinen Kopf zur Seite drehte.

Heero musste sehr an sich halten, um nicht sofort in einem Lachkrampf auszubrechen. Genau diese Szene hatte sich mit einer äußerst renitenten Verehrerin auf dem letzen Ball abgespielt. Unglaublich auf welche Ideen die Frauen kamen! Und dabei wurden sie erzogen keusch und schüchtern zu sein. In Ordnung, wenn er an seine Schwester dachte, dann war ihm klar, wie erfolgreich so eine Erziehung wohl bei den meisten war.

Heero spielte das Spiel mit. Er trat ganz dicht an Quatre ran und nahm dessen Hand fest an seinen Oberkörper.

"Nun, seid Ihr einverstanden?" fragte Quatre wieder mit einem keuschen Augenaufschlag.

"Mitnichten, schöne Lady," erklärte Heero so hochgestochen, wie nur möglich.

"Ohhh," seufzte Quatre.

"Ich verehre Eure rühmlich bekannte, uralte Familie und bin ein Anbeter Eurer Schönheit, aber ich habe mein Herz für immer dem Waidwerk und den Pferden verschrieben, da ich leider an keiner Frau auf diese Art und Weise interessiert bin, so dass Ihr Euch leider um eine andere Partie umsehen müsst."

Bei jedem Wort hatte Quatre theatralisch geseufzt und dann fiel er in einer gespielten Ohnmacht zu Boden. Heero lachte, wünschte sich aber tatsächlich dass er jeder Frau die ihm demnächst als womögliche Braut vorgestellt werden würde genau diese Antwort geben konnte.

Trowa, der dem ganzen Schauspiel in den letzten Minuten ruhig zugesehen hatte, meinte jetzt, "Oder wie meine Erbtante sagt: Dieser Bock ist nicht zu melken."

Heero lachte. "Oder wie das kleine Mädchen gestern gesagt hat: Da kannst du warten bist du schwarz wirst."

Sie lachten alle lang und laut. Bis Quatre sich die Lachtränen aus den Augen wischte. "Aber mal ehrlich Heero. Du solltest deinem Vater reinen Wein einschenken."

Heeros ungewöhnlich gute Laune verschwand sofort. "Und wie soll ich das bitte tun, Quatre? Ich kann doch wohl kaum zum König gehen und sagen ‚Vater egal mit welcher Frau du mich vermählen wirst, es wird nur eine Ehe auf dem Papier sein'."

"Aber Heero…"

"Nichts, aber Heero. Wenn ich ihm das sage, dann werde ich plötzlich die größte Enttäuschung für ihn sein - noch größer als ohnehin schon - vielleicht wird er mich sogar enterben müssen. Das kann ich einfach nicht zulassen. Nein."

"Bist du dir wirklich sicher, dass du diese Heirat durchziehen willst?"

Heero schüttelte den Kopf. "Sicher? Nein. Aber gewillt diesen Preis zu zahlen. So ist es halt als Kronprinz. Mein Leben gehört nicht nur mir allein. Und jetzt lasst uns bitte von etwas anderem reden, ja? Dieses Problem wird mich noch früh genug beschäftigen. Außerdem ist es ja auch nicht so, als wenn da jemand wäre, an dem ich interessiert bin. Also lasst uns einfach jetzt nicht mehr daran denken."

Quatre seufzte, wahrscheinlich weil er nicht viel davon hielt dieses Problem vor sich her zu schieben. Aber er widersprach Heero nicht.

Danach beschlossen sie, wieder auf die Jagd zu gehen. Herumgealbert hatten sie jetzt genug. Und da morgen die große Königliche Jagd stattfand, war es nicht schlecht, wenn sie jetzt noch ein paar Zielübungen machen würden.

Während sie so mit ihren Armbrüsten in der Hand durch den Wald schritten, hörten sie plötzlich das Läuten von Glocken. Ziemlich schnell wurde ihnen klar, dass in ihrer Nähe ein Schlitten entlangfuhr. Aber wenn sie die Geräusche richtig deuteten, dann konnte dieser Schlitten nicht besonders schnell sein.

Ein paar Sekunden später wurde Heero auch klar, wieso. Denn der Schlitten wurde auf einer Lichtung sichtbar, und er erkannte sofort, dass der Kutscher wohl eingeschlafen war. Das oder er hatte einen brummenden Braunbären aufgeladen, der schnarchte.

Quatre, der direkt neben Heero stand kicherte leise. "Der Mann kann sich glücklich schätzen, dass die Pferde wohl den Weg nach Hause von allein kennen."

"Vielleicht sollten wir ihm einen kleinen Schrecken einjagen? Ist ja schließlich gefährlich, so beim fahren einzuschlafen."

Quatre warf ihm einen merkwürdigen Blick zu, nickte dann aber.

Heero überlegte. Einen Schrecken. Aber nichts Schlimmes. Sollte er vielleicht einen Schneeball auf den Mann werfen? Doch dann sah er es. Ein paar Schritte weiter hing direkt über dem Waldweg ein Zweig auf dem ein Vogelnest war. Von seinem Standpunkt aus sollte es ein leichtes sein, dieses Nest von dem Ast herunter zu schießen. Er musste nur den richtigen Zeitpunkt abwarten.

Und so nahm er seine Armbrust hoch und zielte auf das Nest. Das Läuten der Glocken zeigte ihm sehr genau wo sich der Schlitten gerade befand, er musste seinen Blick dafür nicht vom Ziel nehmen.

Dann, kurz bevor der Mann unter dem Zweig war, löste Heero seine Armbrust aus. Und wie vorhergesagt, traf er das Nest, dieses wurde durch den Aufprall vom Ast geschleudert und fiel direkt in den Schoß des schlafenden Mannes.

"Brrrr," rief der Mann und zog heftig an den Zügeln. Die Pferde blieben sofort stehen und der Mann, der sich vollkommen verwirrt umgeblickt hatte, schien endlich zu merken, dass er jetzt ein Vogelnest in seinem Schoß hatte.

Der Mann untersuchte das Nest, rüttelte daran und griff herein und zog sogar etwas heraus. Heero runzelte ein wenig seine Augenlider und konnte sehen, dass der Kutscher jetzt einen kleinen Zweig mit drei Haselnüssen daran der Hand hielt.

Aber das merkwürdigste war, dass der Mann plötzlich sehr freudig drein blickte, "Junge, dich hätt ich ja fast vergessen," sagte und sich die Nüsse in die Jackentasche stecke. Dann ergriff er wieder die Zügel und spornte die Pferde an loszulaufen.

Heero schüttelte den Kopf. Merkwürdig.

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Duo kniete vor dem Kachelofen in Lady Agathas Salon und war gerade dabei ihn sauber zu machen. Im Hintergrund konnte er seine Stiefschwester und ihre Mutter über die Stoffe und die Kleider, die sie daraus nähen lassen wollten reden hören. Und wann immer er den beiden einen kurzen Blick zuwarf war eine von ihnen gerade dabei sich mit einer anderen Stoffbahn um die Schulter im Spiegel zu bewundern, den seine Stiefmutter hier aufstellen hatte lassen.

Duo schüttelte innerlich den Kopf. Er wusste wirklich nicht, wieso Lady Agatha darauf bestanden hatte, dass ausgerechnet er - ein Mann - den Kachelofen putzen sollte, während sie mit Relena gerade dabei war, die Stoffe auszuprobieren. Aber seine Stiefmutter schien ihm mit Vorliebe Aufgaben zuzuteilen, die er vor ihren Augen oder zumindest in ihrer Gegenwart ausführen musste. Und je niedriger die Aufgabe, desto besser. Wahrscheinlich liebte sie es einfach, ihn so gedemütigt zu sehen - und sie konnte ihn auch sofort für jeden kleinen Fehler bestrafen.

Mit einem letzten spöttischen Blick auf Relena, die gerade von der Tür in Richtung Spiegel stolzierte und dabei rosa Seide um die Schultern drapiert trug - wirklich, wie wollte sie denn bitte einen Unterschied zu ihrem pinken Tageskleid erkennen? - wandte Duo sich wieder seiner Arbeit zu. Er hoffte inständig, dass seine Stiefmutter und -schwester nichts anderes tun würden als die Stoffe auszuprobieren. Denn wenn sie jetzt anfangen würden sich hier auszuziehen dann würde Duo sicherlich erblinden. Oder zumindest würde er sich das dann wünschen.

"Lümmle nicht herum, mach dass du fertig wirst!" herrschte Lady Agatha ihn in diesem Moment an, und Duo warf ihr einen raschen Blick unter seinen Ponyfransen hervor zu. Offenbar hatte seine Stiefmutter mitbekommen dass er Relena eine ganze Weile fast ungläubig - pink auf pink? - angestarrt hatte. Und da er im Moment wirklich keine Lust auf irgendeine weitere dämliche, nutzlose Strafarbeit hatte, beugte er sich einfach nur stumm über seine Aufgabe. Sollten Relena und Lady Agatha doch über die Stoffe in Begeisterungsschreie ausbrechen so viel sie wollten, Duo würde sie keines weiteren Blickes mehr würdigen.

Eine Hand legte sich plötzlich von hinten auf Duos Schulter, und als er den Kopf drehte, sah er dass Howard, der bis eben stumm in einer Ecke gestanden und Stoffe ausgeladen hatte, zu ihm hinübergekommen war.

"Duo," sagte Howard und begann in seiner Tasche zu wühlen, "sie sind mir wirklich gerade auf die Nase gefallen."

Duo legte das Schäufelchen und den kleinen Besen ab, stand auf und drehte sich zu Howard um. Howard hatte ihm tatsächlich etwas mitgebracht? Duo spürte wie er wirklich aufgeregt wurde. Er hatte schon so lange nichts mehr geschenkt bekommen!

Endlich schien Howard gefunden zu haben was er suchte, denn er zog seine Hand aus der Tasche und überreichte Duo einen kleinen Zweig an dem drei perfekte Haselnüsse hingen. Duos Augen wurden groß. Wo hatte Howard das nur gefunden? Jetzt, mitten im Winter! Und so wie die Nüsse am Zweig saßen sah es wirklich hübsch aus, fast wie ein kleines Kunstwerk. Duo schenkte Howard ein strahlendes Lächeln und nahm den Zweig entgegen.

"Was hast du ihm gerade gegeben?" ertönte auf einmal Lady Agathas barsche Stimme.

Duo zuckte zusammen und versteckte schnell die Hand mit den Haselnüssen hinter seinem Rücken. Oh nein! Seine Stiefmutter hatte es gemerkt!

"Zeig mal her!" befahl Lady Agatha und streckte die Hand in Duos Richtung aus.

Duo zögerte. Er wollte sein erstes Geschenk seit über sechs Jahren - seit dem Tod seines Vaters - nicht hergeben müssen. Schon gar nicht an Lady Agatha. Aber wenn er sich weigerte, würde sie ihn bestrafen, und das Geschenk würde sie ihm trotzdem abnehmen. Also konnte er es ihr auch gleich zeigen. Langsam, so als könnte er so das Unvermeidliche hinauszögern, brachte Duo seine Hand wieder nach vorne und legte den Zweig mit den Haselnüssen in die Hand seiner Stiefmutter.

Lady Agatha betrachtete den kleinen Zweig ein paar Sekunden. "Hm, ein hübsches Geschenk," sagte sie dann spöttisch. "Ts, ts, ts, ts. Wie für ein Eichhorn."

Relena, die neben ihrer Mutter stand und Duo die ganze Zeit nur höhnisch lächelnd beobachtet hatte, brach sofort in Gelächter aus.

Lady Agatha warf noch einen letzten abfälligen Blick auf den kleinen Zweig, dann warf sie ihn in Duos Richtung.

Duo streckte die Hand aus und fing den kleinen Zweig auf. Er konnte nicht fassen, dass Agatha es ihm wieder zurückgegeben hatte. Denn auch wenn der Zweig nun wirklich keinen materiellen Wert hatte, so bedeutete er für Duo doch eine Menge, zeigte es doch, das es wenigstens einen Menschen gab, der an ihn dachte und ihm eine Freude machen wollte. Normalerweise hatte Lady Agatha einen ziemlich guten Riecher selbst für so kleine Gesten und vergällte sie jedes Mal für Duo, doch offenbar war sie heute von den Vorbereitungen zum Ball viel zu abgelenkt. Doch Duo würde sich sicherlich nicht darüber beschweren, und so steckte er die Nüsse schnell weg bevor er sich wieder an die Arbeit machte.

Relena stand inzwischen wieder vor dem Spiegel, immer noch in die rosa Seide gewickelt und überlegte laut vor sich hin. "Hier müsste jetzt noch die Spitze drauf, und hier… Mami! Mami du hast vergessen mir die Spitze zu kaufen!" Relena drehte sich mit Schwung vom Spiegel weg und zu Lady Agatha um, die noch am Tisch mit den Stoffen stand.

"Und was ist mit der Halskette?" fügte Relena mit weinerlicher Stimme hinzu. "Und den Ohrringen?"

Lady Agatha eilte zu ihrer Tochter hinüber, legte einen tröstenden Arm um ihre Schulter und rief, "Ähm, Howard?"

"Ja, Herrin?" antwortete Howard sofort und eilte aus seiner Ecke zu Lady Agatha hinüber.

"Aber Mami!" rief Relena und übertönte damit Howards ruhige Antwort vollkommen. "Du wirst doch nicht den Howard schicken damit er für uns… damit er für uns Spitzen und Schmuck kauft!"

"Du hast Recht," sagte Lady Agatha. "Wir werden am besten selber in die Stadt fahren!"

Sofort hellte sich Relenas Gesicht auf, und Lady Agatha drehte sich zu Howard um, der immer noch geduldig wartend dastand.

"Ja, bitte?" wiederholte Howard.

"Ruf den Maier!" sagte Lady Agatha. "Er soll einspannen lassen!"

Howard nickte und verließ den Raum, während Relena fröhlich vor sich hinkichernd durch den Raum wirbelte. Auf einmal blieb sie direkt neben Duo stehen und sah auf ihn hinab. Und obwohl Duo sich vorgenommen hatte, sie für den Rest des Tages zu ignorieren, hob er schließlich doch den Blick.

"Duo," sagte Relena so honigsüß, dass Duo sofort auf der Hut war. "Möchtest du mit uns in die Stadt fahren?"

Duo unterdrückte schnell ein Schnauben. Ja klar. Relena würde ihn sicherlich gern dabeihaben wollen, damit ER beim auswählen von Spitze und Schmuck helfen konnte. Lieber wäre er tot. Aber andererseits, er war schon so lange nicht mehr in der Stadt gewesen…

Obwohl Duo auf Relenas Frage nichts antwortete, musste ihr dennoch die Sehnsucht in seinem Blick aufgefallen sein, denn sie lachte auf und sagte spöttisch, "Ausreißen würden die Leute vor dir!"

Wenn Blicke töten könnten, dann hätte Duo Relena in diesem Moment wohl mit seinen Blicken erdolcht. Was hatte er dem Mädchen denn jemals getan dass sie so grausam zu ihm war?

"Du faulenzt ja schon wieder!" rief Lady Agatha in diesem Moment. "Aufkehren sollst du!" Dann legte sie ihren Arm um Relena und führte ihre Tochter hinüber zum Tisch.

Duo warf seiner Stiefmutter einen ungläubigen Blick zu. Das war ja wieder mal typisch, Relena unterbrach ihn und hielt ihn vom arbeiten ab - denn wehe er hätte es gewagt Relena einfach zu ignorieren - und ER war dann derjenige der faulenzte? Aber da ein Protest sowieso nichts genützt hätte, biss Duo nur die Zähne zusammen und machte sich wieder an die Arbeit.

Doch offenbar war das noch immer nicht gut genug, denn nur Sekunden später hallte erneut Lady Agathas barsche Stimme vom anderen Ende des Raumes herüber: "Ordentlich hab ich gesagt, verstanden!"

Das reichte. Duo hatte jetzt wirklich genug. Mit einem lauten Knall warf er die Schaufel und den kleinen Besen zu Boden, stand auf und schnappte sich den großen Reisigbesen. Und dann begann er den Boden vor dem Kamin mit kräftigen Bewegungen zu fegen. Die Asche die sich dort befand wirbelte auf, flog im ganzen Zimmer umher, und da Duo immer in Richtung seiner Stiefmutter und -schwester fegte, waren die beiden bald in eine schwarze Wolke aus Asche und Staub gehüllt.

"Hör sofort auf!" hustete Lady Agatha und hielt sich ein Taschentuch vor den Mund, während Relena sich schützend über die Stoffe warf.

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Erst am nächsten Tag schaffte Duo es, sich vom Hof wegzuschleichen und zu seinem Versteck zu gehen, um seinen neuesten Schatz zu seinen anderen zu legen.

Nach dem kleinen Zwischenfall am Vortag mit der Asche hatte seine Stiefmutter ihn hart bestraft, härter als jemals zuvor. Oh nicht dass sie ihn geschlagen hätte oder so - bis jetzt hatte sie irgendein Grund immer davon abgehalten bei Duo zur Peitsche zu greifen - aber sie hatte dafür gesorgt, dass Duo am Vortag eine Menge schwerer Arbeiten hatte ausführen müssen. Arbeiten, die normalerweise nur von zwei bis drei Männern ausgeführt wurden, und die Duo nun alle alleine machen musste. Und sie hatte sogar extra ihren Ausflug in die Stadt auf heute verschoben, nur um persönlich zu überwachen, dass Duo sich auch nicht drückte.

So war es also wirklich kein Wunder dass Duo es nicht früher geschafft hatte zu seinem Versteck zu gehen. Aber jetzt war Lady Agatha mit Relena auf dem Weg in die Stadt, und die anderen Dienstboten drückten gern ein Auge zu, wenn Duo den ganzen Tag über einfach verschwand wenn seine Stiefmutter mal nicht da war.

Seufzend stieg Duo die kleine Leiter des Schuppens hinauf und lehnte sich dann müde an die Kiste, auf der Rosalie, die Eule saß und ihn mit großen Augen beobachtete. Duo seufzte noch einmal. "Meine liebe Rosalie," murmelte er und streichelte der Eule über das Gefieder. "Du kannst fliegen wohin du willst. Ich darf jetzt nicht mal mehr vom Gut." Selbst sein Aufenthalt hier würde von seiner Stiefmutter schwer bestraft werden, wenn sie davon wüsste - eine weitere Konsequenz seiner Eskapade.

"Und ich würd so gern wissen wo ich ihn wiederseh." Duo schloss die Augen und lächelte. Seit seiner letzten - zugegebenermaßen etwas unglücklich verlaufenen - Begegnung mit dem Prinzen im Wald hatte er ständig daran denken müssen. Wenn er den Prinzen einmal dort getroffen hatte, dann konnte er ihn auch noch ein weiteres Mal dort treffen, oder? Und dann würde er nicht wie ein Mädchen aussehen und den Prinzen mit Schneebällen bewerfen! Nein, er würde sich mit ihm unterhalten und ihm zeigen wie gebildet er war - im Gegensatz zu Relena und deren Mutter hielt er Lesen nicht für eine Krankheit und hatte deshalb jedes einzelne Buch in der für einen Landedelmann doch recht umfangreichen Sammlung seines Vaters geradezu verschlungen.

Er würde also Prinz Heero mit seinen geistigen Fähigkeiten beeindrucken, und damit wie gut er schießen und reiten konnte, wenn sie sich das nächste Mal wieder sahen, und dann würde der Prinz ihn anlächeln, und er würde… er würde…

Duo seufzte frustriert auf und öffnete die Augen wieder. Ach wen versuchte er hier eigentlich zum Narren zu halten? Das würde sowieso niemals passieren. Er durfte nicht mehr vom Hof, und selbst wenn, die Wahrscheinlichkeit dem Prinzen über den Weg zu laufen war mehr als gering. Die einzige Gelegenheit von der er wusste wann und wo er den Prinzen ganz sicher treffen würde wäre heute, bei der Königlichen Jagd.

"Aber kann ich denn so gehen?" fragte er Rosalie und sah frustriert an sich hinab. Er trug die Kleidung eines Dienstboten, und dafür würde der Prinz ihn auch halten, sollte er Duo so sehen. Und der Prinz würde sich niemals die Zeit nehmen mit einem Dienstboten wie mit einem Gleichgestellten zu reden.

Mit einem letzten Seufzer holte Duo die kleine Holzschatulle und öffnete sie. Dann kramte er in seinen Taschen nach dem kleinen Zweig mit den Haselnüssen um ihn dazuzulegen.

Kaum hatte er den Zweig jedoch hervorgezogen als Rosalie plötzlich gurrte. Duo blickte überrascht auf. Seit er Rosalie kannte hatte diese noch niemals ein Geräusch von sich gegeben wenn sie mit ihm hier drin war. Er sah sie fragend an, doch Rosalie sah ihn nur stumm aus ihren großen Augen an.

Duo schüttelte leicht den Kopf, dann streckte er den Arm aus um den Zweig in die Kiste zu legen. Erneut gab Rosalie ein leises 'Schuhu' von sich, und als Duo sie diesmal fragend anblickte, erkannte er, dass die Eule nicht ihn ansah, sondern den kleinen Zweig in seiner Hand.

Verblüfft hob Duo den Arm und sah sich die Haselnüsse genauer an. Was an diesem Zweig konnte Rosalie nur so faszinieren? Eulen fraßen keine Nüsse, also konnte es nicht Hunger sein. Was also dann?

Noch während Duo über diese Frage nachgrübelte löste sich plötzlich ganz ohne sein Zutun eine der Nüsse und fiel zu Boden. Sofort bückte Duo sich und hob die Nuss wieder auf, doch offenbar war der Aufprall härter gewesen als er gedacht hatte, denn die kleine Haselnuss hatte einen Sprung.

Duo runzelte die Stirn. Das war ja seltsam. Es sah fast so aus als würde da irgendetwas aus der Nuss herausragen. Es sah fast so aus wie… Duo packte es vorsichtig mit zwei Fingerspitzen und zog leicht daran. Ja, eindeutig eine Feder! Duos Augen wurden groß. Wie kam denn eine Feder ins Innere einer Haselnuss?

Doch Duo hielt sich nicht lange mit dieser Frage auf, jetzt war seine Neugier geweckt. Erneut packte er die Spitze der Feder, die aus der Nuss ragte und zog daran. Der Riss in der Nuss wurde größer und größer, je mehr Duo an der Feder zog, und auf einmal platzte die Nuss auf und etwas fiel daraus zu Boden. Als Duo mit dem Blick folgte, sah er dass dort Kleidungsstücke lagen. Seine Augen weiteten sich immer mehr.

Dort auf dem Boden lagen Kleidungsstücke, Hemd, Wams, Umhang und Hose wie sie ein Edelmann zur Jagd tragen würde, passend mit einem kleinen Hut mit Feder. Duo starrte ungläubig die beiden nun leeren Haselnusshälften an, die er noch immer in den Händen hielt. Das konnte doch wohl nicht möglich sein, oder? Diese Kleidungsstücke konnten doch wohl unmöglich aus dieser kleinen Nuss gefallen sein, oder?

Aber es gab keine andere Erklärung dafür. Die Kleidungsstücke waren erst erschienen, als Duo die Nuss aufgebrochen hatte. Voller Ehrfurcht starrte Duo auf den kleinen Zweig hinab, den er vorhin schnell in der Schatulle abgelegt hatte. Waren das etwa… Zaubernüsse?

Doch Duo beschloss, sich nicht lange mit dieser Frage aufzuhalten. Er hatte hier eben ein Geschenk erhalten, ein weitaus kostbareres Geschenk als irgendeiner auch nur ahnen könnte. Mit diesen Kleidungsstücken könnte er an der Königlichen Jagd teilnehmen, er könnte sich dem Prinzen als Gleichgestellter nähern, und das war eine Gelegenheit, die Duo sich mit Sicherheit nicht entgehen lassen würde, nur weil er nicht ganz sicher war, woher diese Kleidungsstücke überhaupt gekommen waren.

Mit zitternden Fingern hob Duo das Hemd aus feinem Leinen hoch und hielt es an seinen Körper. Er hatte schon seit langer Zeit keine Kleidung mehr aus so edlen Stoffen besessen. Mit einem ungläubigen Lächeln drehte er sich zu Rosalie um. "Das soll alles mir gehören?" fragte er sie, doch Rosalie hatte offenbar genug für den heutigen Tag gesagt und schloss nur die Augen.

Doch Duo ließ sich davon nicht entmutigen. Schnell schlüpfte er in die Jägerkleidung, versteckte seinen Zopf hinten im Wams - er konnte es wirklich nicht riskieren dass Lady Agatha auf irgendwelchen Umwegen von einem langhaarigen Teilnehmer der Jagd erfuhr - und setzte den kleinen Hut auf. Dann schnappte er sich schnell die alte Armbrust und die Pfeile die er hier versteckt hatte, nahm den Sattel und kletterte aus dem Schuppen.

Draußen pfiff er nach Shinigami, den er mit hinausgenommen hatte und der bis eben begleitet von einem der Hunde des Hofes fröhlich zwischen den Obstbäumen umhergetrabt war, sattelte den Rappen, und machte sich dann auf den Weg zur Königlichen Jagd.

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Alles in allem hatte Duo viel Spaß auf der Jagd. Es war unglaublich, er hatte sich der Gesellschaft einfach anschließen können, ohne dass irgendjemand auch nur eine Augenbraue hob, oder ihn nach dem Namen fragte. Aber seine Verkleidung war auch einfach zu perfekt. Shinigami war ein edles Rassepferd und dass der Hund den er dabei hatte ein ausgebildeter Jagdhund war, war auch nicht zu übersehen. Außerdem wirkte die Kleidung die er trug extrem kostspielig. Nur ein Edelmann konnte sich so etwas leisten. Und zu dieser speziellen Jagd waren alle Edelmänner der Umgebung eingeladen.

Doch trotz der Tatsache, dass niemand sein Hiersein hinterfragte, hatte Duo es bisher noch nicht gewagt sich dem Prinzen zu nähern. Dieser hielt sich mit den zwei Männern, mit denen er auch letztes Mal zusammen unterwegs gewesen war immer an der Spitze des Jagdzuges auf. Und schaffte es auch immer einen gewissen Abstand zwischen sich und allen anderen - außer seinen Freunden - zu halten. Wenn er auf seinem Pferd saß und tatsächlich einmal zum Rest der Jagdgruppe zurück schaute, dann war sein Blick sehr distanziert. Und so kam es, dass Duo es trotz seiner Vorsätze bisher noch nicht gewagt hatte sich ihm zu nähern.

Aber wie sollte er es auch tun? Selbst wenn Prinz Heero und seine Freunde sich nicht etwas abseits von allen anderen halten würden, zwischen ihnen und dem Rest des Jagdtrupps waren immer etliche Jäger unterwegs und schienen als zusätzliche Abschirmung zu dienen.

Aber Duo hatte beschlossen sich davon nicht herunterziehen zu lassen. Sicher, er würde so niemals mit dem Prinzen sprechen können, aber mal ehrlich, selbst wenn - was sollte daraus schon entstehen?

Seine kindischen Träume, dass er den Prinzen dann durch seine Intelligenz und seine Jagdfähigkeiten beeindrucken wollte, waren genau das, nämlich kindisch. Selbst wenn, und das war schon ein ziemlich unwahrscheinliches Ziel, selbst wenn es ihm tatsächlich gelingen würde den Prinzen zu beeindrucken, was sollte dann als nächstes passieren? Würde der Prinz ihn wirklich an den Hof bestellen, würde er in diese elitäre Gruppe von Freunden aufgenommen werden? Würde sich der Prinz in ihn verlieben?

Beim letzten Gedanken schnaubte Duo laut. Wie albern konnte er nur sein? Das war etwas, das niemals geschehen würde. Ein Prinz verliebte sich nicht und schon gar nicht in einen Hochstapler, einen männlichen Hochstapler.

Also war es besser diese ganzen kindischen Hoffnungen abzuschütteln und diesen schönen Tag einfach zu genießen. Zwar hielt Duo sich während der Jagd immer ziemlich zurück - um nicht tatsächlich noch Aufsehen zu erregen, aber er hatte trotzdem seit Jahren schon nicht mehr soviel Spaß gehabt. Und vielleicht war das ja auch der einzige Sinn und Zweck dieser Zauberkleidung gewesen. Dass er für einen Tag mal die Zukunft genießen konnte, die sein Vater ihm immer prophezeit hatte.

Tief in seinen Gedanken versunken war Duo noch ein wenig weiter zurück gefallen, als sowieso schon. Deshalb gab er Shinigami schnell die Sporen. Sie waren gerade dabei einen Fuchs in einer Treibjagd zu stellen und er konnte schon sehen, wie diejenigen die an der Spitze des Feldes ritten ihre Armbrüste anhoben. Also schien der Fuchs gestellt zu sein.

Und tatsächlich, als Duo den Rest der Gruppe erreicht hatte, brauste lautes Jubeln auf. Jemand schien den tödlichen Treffer gemacht zu haben. Dann bemerkte er, dass Prinz Heero von seinem Pferd absprang und mit stolz geschwellter Brust zu dem Kadaver ging, um den alle Jagdhunde herumschnüffelten.

Der Jagdmeister trat ebenfalls zum Kadaver. Er präsentierte Heero auf einer Art Kissen einen Tannenzweig. Der Prinz zog sein Dolch hervor und hob damit den Zweig an. Dann kniete er sich neben den Kadaver und presste den Zweig auf die blutende Wunde.

Als der Prinz wieder aufstand, streckte der Jagdmeister ihm seine Hand entgegen und als Heero diese ergriff, schüttelte er sie heftig. "Gratuliere, Majestät."

Der Prinz nahm die Gratulation relativ gelassen entgegen. Zu Recht, wie Duo fand. Zwar hatte er wohl tatsächlich den Fuchs erlegt, aber da sie eine große Jagdgesellschaft waren, war das eigentlich nichts Besonderes. Nur weil er als Prinz das Tier getroffen hatte? Wenn er nicht die Fähigkeiten zum Jäger hatte, dann hätte er Duos Meinung nach sowieso nichts hier auf der Jagd zu suchen gehabt.

Natürlich mischte sich in diesen komischen Gedanken von Duo noch etwas anders rein. Nämlich, dass der Prinz einfach unwerfend gut aussah, wie er so stolz in die Runde blickte. Innerlich schimpfte Duo sich aus, dass er so etwas überhaupt bemerkte.

Der Jagdmeister ergriff wieder das Wort. "Ich habe die Ehre zu verkünden, dass unsere Majestät der König heute einen besonderen Preis ausgesetzt hat. Demjenigen von Euch, meine Herren, der als erstes einen Raubvogel erlegt, widmet der König diesen wertvollen Ring aus seiner Schatzkammer." Der Jagdmeister holte aus einem Lederbeutel einen Ring hervor und hob ihn hoch, so dass alle ihn sehen konnten.

Duo musste fast schlucken, als er den Ring erblickte. Er kannte sich ja nicht unbedingt mit Schmuck aus, aber so wie der glitzerte - und so groß wie er war - war er bestimmt ziemlich wertvoll. Ein Mann konnte sicherlich lange gut davon leben. Und so etwas wurde einfach bei einer reinen Zeitvertreibjagd als Preis ausgesetzt?

Trotz dieses enormen Wertes reihte Duo sich nicht in die Reihe derjenigen mit ein, die um diesen Ring kämpfen wollten. Er war sich zwar sicher, dass auch er Chancen hätte ihn zu gewinnen, aber er wollte ja kein Aufsehen erregen. Außerdem, was sollte er mit so einem Ring?

Diejenigen, die einen Raubvogel schießen wollten, begannen jetzt durch das Dickicht zu gehen. Die Pferde waren alle auf der Lichtung zurück gelassen worden, während der Rest des Zuges mit einem gewissen Abstand hinter ihnen her ging um zu beobachten, wer denn gewinnen würde.

Duo war auch neugierig. Und er hoffte, dass der Prinz es schaffen würde den Vogel zu schießen.

Dann hörten sie das Kreischen eines Raubvogels. Als Duo in den Himmel blickte, konnte er sehen, wie der Vogel hoch in den Lüften über ihnen kreiste.

"Erster Schuss," sagte der blonde Mann, der immer neben dem Prinzen stand.

"Zweiter," konterte der andere Freund des Prinzen, bevor Heero selbst "Dritter," sagen konnte. Die anderen vier Jäger die um den Ring kämpften reihten sich danach ein.

Dritter Schuss, das war schon nicht mehr die allerbeste Chance, den Vogel zu erlegen.

Der blonde Mann hatte inzwischen seine Armbrust in Anschlag genommen, zielte auf den Vogel und schoss. Aber der Pfeil ging daneben. Er zuckte mit den Schultern und der zweite hob seine Armbrust. Währenddessen war der Vogel immer höher geflogen. Und so schaffte es auch der zweite Schütze nicht, ihn zu treffen.

Duo schielte noch mal in den Himmel. In Ordnung, einfach war es nicht den Vogel jetzt noch zu treffen, aber nicht völlig unmöglich. Er drückte dem Prinzen die Daumen es jetzt zu schaffen.

Heero nahm auch Anschlag, doch nach wenigen Augenblicken senkte er seine Armbrust wieder. "Er fliegt schon zu hoch," erklärte er.

Das schienen auch die anderen Jäger zu denken, denn alle senkten ihre Waffen. Duo schnaubte. Es war doch noch immer möglich diesen Vogel zu treffen. Warum traute sich denn keiner einen Schuss zu wagen? Wollten sie sich nicht die Blöße geben und vorbei schießen? Das fand Duo albern. Es war doch besser, etwas zu versuchen und es nicht zu schaffen, als es gar nicht erst zu versuchen, oder?

Er selbst würde diesen Vogel ohne Probleme schießen können. Er war zwar etwas aus der Übung, aber er hatte früher zusammen mit seinem Vater weitaus schwierigere Situationen erfolgreich gemeistert. Und ohne groß darüber nachzudenken, hob Duo seine Armbrust und schoss.

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Heero war ziemlich enttäuscht. Wider besseren Wissens hatte er gehofft, dass zumindest ein oder zwei der anderen Jäger versuchen würden doch noch den Vogel zu schießen. Immerhin war der Raubvogel noch nicht völlig außer Reichweite.

Aber wie so oft wagte es niemand besser zu sein als er. Heero hasste das. Er liebte zwar die Jagd, aber er wusste, dass er nicht der beste war. Hey, seine eigene Schwester war besser als er - ok, sie war besser als eigentlich jeder andere Mann, aber das war hier nicht der Punkt! Er konnte besiegt werden! Doch immer wieder war er es, der bei solchen Veranstaltungen gewann, und zwar nicht weil er so gut war, sondern weil alle anderen sich nicht trauten besser zu sein als er.

Oh, zum Glück nicht alle anderen, Quatre und Trowa zeigten ihm so oft es ging, wo die Harke hing, aber leider waren sie heute wohl vom Pech verfolgt. Schon bei der Fuchsjagd hatte Heero so seine Zweifel gehegt. OK, er hatte einen guten Schuss abgegeben und er freute sich auch darüber, dass er das Tier erlegt hatte, doch er war sich sicher, dass einige der anderen Jäger bessere Positionen gehabt hatten. Doch keiner von ihnen hatte getroffen.

Um seine Theorie zu testen, hatte er als der Jagdmeister das mit dem Preis für den ersten Raubvogel verkündet hatte, darauf verzichtet, schnell anzugeben, als wievielter er schießen wollte. Bezeichnenderweise waren es seine besten Freunde die deshalb als erster und zweiter Schütze endeten. Selbst dann ließ Heero noch eine kleine Pause verstreichen, bevor er den dritten Platz beanspruchte. Die anderen Jäger hätten genug Zeit gehabt sich zu melden. Doch keiner tat es.

Und dann, als er noch nicht einmal einen Schuss abgegeben hatte, da hatte es auch keiner der anderen mehr versucht. Nicht einmal versucht! Es war zum Haare ausraufen. Heero wollte gerne gewinnen, wollte beweisen dass er gut war. Aber er wollte es in einem fairen Kampf zeigen und nicht gewinnen, weil die anderen ihn gewinnen ließen weil sie dachten dass es sich nicht schickte, gegen den zukünftigen König zu gewinnen.

Heero wollte sich schon enttäuscht abdrehen, als plötzlich der Vogel nur ein paar Schritte von ihm entfernt in den Schnee fiel. Heero schaute erstaunt auf den Kadaver. Hatte etwa doch einer aus der Truppe geschossen? Aber er hatte die anderen die an diesem Wettbewerb teilnahmen genau beobachtet. Von denen hatte sich keiner gerührt.

Rasch ging Heero auf den Kadaver zu und hob ihn hoch. Wie nicht anders zu erwarten steckte ein Pfeil in der Brust des Vogels. Heero zog hin heraus und zeigte ihn der Menge. "Wem gehört der Pfeil?" verlangte er zu wissen.

Lautes, erstauntes Gemurmel ertönte, aber niemand beanspruchte der Schütze gewesen zu sein.

Etwas ungeduldig wiederholte sich Heero. "Wem gehört dieser Pfeil?"

Dann trat einer der Jäger aus der Zuschauermenge hervor. Die restlichen Zuschauer stöhnten empört auf, es war sogar Getuschel zu hören, so als ob keiner es wahrhaben wollte, dass einer aus ihrer Gruppe es gewagt hatte den Prinzen zu besiegen.

Der junge Mann, denn um einen jungen Mann handelte es sich bei dem Jäger, machte noch ein paar Schritte auf Heero zu und blickte beschämt auf den Boden. Heero runzelte die Stirn. Wieso schämte sich der Schütze? Er sollte doch stolz auf seinen Erfolg sein. Heero hoffte inständig, dass der junge Mann nicht irgendwas Dummes tun würde und ihn jetzt um Verzeihung bat oder so was.

"Ihr habt gesagt, dass Ihr nicht mehr schießen wollt," erklärte der junge Mann mit einer Stimme in die sowohl Stolz, Trotz aber auch etwas Unsicherheit gemischt war.

Heero musste plötzlich lächeln. Also keine Entschuldigung. Gut! "Ja, das hab ich," bestätigte Heero. "Und da die anderen auch auf ihren Schuss verzichtet haben, war es Euer gutes Recht es zu versuchen. Meinen Glückwunsch zu diesem Schuss."

Die Menge seufzte erstaunt auf. Damit hatte wohl kaum einer gerechnet. Aber Heero gab dem jungen Mann Recht. Und Heero freute sich. Scheinbar gab es in dieser Truppe außer seinen Freunden doch noch jemand, der über Rückgrad verfügte. Interessant.

Der junge Mann hob seinen Kopf, und blickte Heero jetzt an. Leider war sein Hut sehr tief in das Gesicht gezogen und außerdem hing eine Feder sehr vorwitzig direkt vor dessen Nase, so dass Heero kaum sein Gesicht erkennen konnte. Aber etwas anderes konnte er dafür umso deutlicher sehen. Die Kleidung die der junge Mann trug, war sehr eng anliegend und präsentierte einen wohlgeformten Körper. Auch wenn der Mann einen halben Kopf kleiner zu sein schien als Heero und recht schlank - beinahe zierlich - gebaut war, konnte Heero Muskeln erkennen. Wer auch immer dieser junge Mann war, er war auf jeden Fall kein Stubenhocker. Und Heero musste hart mit sich kämpfen um nicht weiter auf dessen Beine zu starren und zu sabbern anzufangen.

Als Heero seinen Blick wieder nach oben gewandt hatte, konnte er aus den Augenwinkeln sehen, dass Quatre, der neben ihnen stand, von einem Ohr zum anderen grinste. Heero seufzte innerlich, also war sein Starren aufgefallen. Und wie er Quatre kannte, würde er damit die nächsten Monate aufgezogen werden.

Der junge Mann redete wieder und riss Heero so aus seinen Gedanken. "Ach, das war doch gar nichts, jedes kleine Mädchen hätte diesen Vogel treffen könnten."

Heero dachte an seine kleine Schwester und gab ein "Da gebe ich Euch vollkommen Recht," von sich. "Trotzdem war es ein beeindruckender Schuss. Vielleicht könnt Ihr mir zeigen wie Ihr das gemacht habt."

Der junge Mann blickte ihn unter seiner Feder hervor an, und Heero meinte so etwas wie Erstaunen in dessen Blick zu erkennen. Dann verzog sich der Mund des anderen zu einem Lächeln. "Vielleicht könnte ich das," war die kryptische Antwort.

Heero starrte geradezu hypnotisiert auf den Mund des jungen Mannes. Er war großzügig geschnitten, ohne breit zu wirken, die Lippen waren rosig von der Kälte und leicht feucht, so als hätte der junge Mann gerade darüber geleckt und Heero wünschte fast…

"Bitte nennt mich Heero," sagte Heero schnell und riss sich aus seinen Phantasien über den jungen Mann, den er doch gar nicht kannte. "Und wie ist Euer Name?" Er hielt dem jungen Mann seine Hand entgegen.

Dieser zögerte für einen kurzen Augenblick, dann ergriff er Heeros Hand und drückte sie kräftig. "Alexander," sagte er schlicht, akzeptierte somit das Angebot des Prinzen ihn beim Vornamen zu nennen. Heero war begeistert. Er wusste dass die Speichellecker am Hofe alles für so ein Angebot geben würden, aber allesamt zu feige wären es auch anzunehmen. Der junge Mann - Alexander - erstaunte ihn immer mehr. Und Heero wollte mehr über ihn herausfinden. Irgendwie faszinierte er ihn und das nicht nur weil seine Beine so perfekt aussahen und seine Lippen wie zum Küssen gemacht waren. Trotzdem hätte Heero auch noch gern mehr von Alexanders Gesicht gesehen, doch irgendwie schien immer die Hutkrempe oder die Feder im Blickfeld zu sein.

"Eure Hoheit, soll es denn jetzt weiter gehen mit der Jagd?" fragte in dem Moment der Jagdmeister.

Heero schüttelte den Kopf. "Der beste Schütze hat bereits gezeigt was er kann." Dann wandte er sich kurz zu dem Jagdmeister und forderte, "Den Ring."

Der Mann wirkte nicht sonderlich erstaunt, sondern eher zustimmend und fingerte in dem Lederbeutel, der an seinem Gürtel hing. Er zog den Ring hervor und legte ihn auf Heeros ausgestreckte Hand.

Heero drehte sich dann wieder zu Alexander um und trat ganz dicht neben ihn. Nur noch wenige Zentimeter trennten sie beide, und als er Alexanders Hand ergriff und zu sich zog, um ihn den Ring anzustecken, da fing Heeros Herz an erstaunlich schnell zu schlagen.

Heero wurde mehr als klar, dass er sich zu Alexander hingezogen fühlte. Die erfrischende Art des jungen Schützen und dessen Körper faszinierten ihn. Doch Heero war mit seiner Weisheit am Ende. Was sollte er jetzt tun? Wie sollte er nur herausfinden ob der andere sich vielleicht auch für ihn interessieren könnte? Warum war immer alles so kompliziert? Und warum reagierte er so heftig auf den anderen Mann?

Alexander versuchte seine Hand aus der von Heero zurück zu ziehen. Und Heero konnte trotz der Feder erkennen, wie eine leichte Röte das Gesicht des jungen Mannes eroberte. "Ich hab den Pfeil nicht abgeschossen um den Ring zu gewinnen," hauchte Alexander aufgeregt.

"Ich weiß," erklärte Heero. "Du hast es getan um zu zeigen dass es möglich ist den Vogel noch zu treffen. Und da niemand sonst das gewagt hat, hast du dir den Preis verdient. Der Ring gehört dir. Du bist der König der Jagd und wir alle sollten uns ein Beispiel an dir nehmen." Mit diesen Worten zog er Alexanders Hand wieder dichter zu sich und streifte ihm den Ring über einen Finger. Und während der ganzen Zeit pochte Heeros Herz so laut, dass er sich einfach sicher war, dass alle es hören mussten.

Das Rot auf Alexanders Gesicht wurde noch tiefer, aber er protestierte nicht mehr sondern hob seine Hand um den Ring zu bewundern.

Für ein paar Momente sagte keiner von beiden etwas, doch dann sprach Quatre um das Eis zu brechen, "Hast du eine besondere Armbrust, oder wieso konntest du so weit schießen?"

Alexander schien bei dieser Frage seine Scheu sofort über Bord zu werfen. "Nein, da ist gar nichts Besonderes dran. Die hab ich mit meinem Vater zusammen gebaut, aber jeder Waffenmeister könnte eine bessere bauen. Ich bin halt nur sehr gut im Zielen."

Heero schmunzelte. Ihm gefiel die Ehrlichkeit von Alexander, und dass dieser Stolz auf seine Leistung war. "Vielleicht erlaubst du uns ein paar Übungsschüsse um uns von deiner Behauptung zu überzeugen?" fragte Heero. Er wollte noch länger mit Alexander zusammen sein. Wollte mehr von ihm erfahren. Aber da sich die Jagdgesellschaft gerade auflöste, war es wahrscheinlich, dass der junge Mann auch bald verschwand. Aber vielleicht ließ er sich noch etwas aufhalten.

Alexander lachte auf. "Natürlich kein Problem. Ihr könnt alle damit schießen, wenn ihr wollt. Aber ich möchte auch einmal deine ausprobieren, Heero."

Das ließ sich Heero nicht zweimal sagen und reichte Alexander wortlos seine Waffe.

Nachdem sie ein paar Minuten lang gegenseitig die Waffen des jeweils anderen ausprobiert hatten und Alexander Heero mit seinen Kenntnissen und seinem Wissen über die Jagd im allgemeinen und Armbrüste im speziellen beeindruckt hatte, fragte Quatre auf einmal, "Sag mal Alexander, kommst du hier aus der Gegend?"

Heero warf ihm einen merkwürdigen Blick zu. Außer den Leuten vom Hofstaat waren doch nur Edelmänner aus der näheren Gegend bei der Jagd eingeladen gewesen. Wieso stellte der Blonde also eine so dumme Frage? Doch dann ging Heero auf, dass Quatre so versuchte mehr aus Alexander herauszubekommen. Da sie sich nur beim Vornamen nannten, wusste Heero bis jetzt nicht, aus welcher Familie Alexander kam. Aber das musste er wissen wollte er den jungen Mann irgendwann einmal wiedersehen um herauszufinden, ob da mehr zwischen ihnen beiden sein konnte oder ob dieses Gefühl eine absolut einseitige Sache war.

Heero hielt gespannt den Atem an. Alexander öffnete gerade den Mund um zu antworten, gleich würde Heero erfahren was er wissen wollte. Die Zeit schien stillzustehen, alle Geräusche im Wald verstummten, nur das leise Glockenklingeln eines Schlittens, der wohl gerade in der Nähe vorbeifuhr, war noch zu hören.

Plötzlich stockte Alexander mitten in der Bewegung, dann schüttelte er kurz den Kopf und schien leise zu fluchen. Als er sich danach in Richtung seines Pferdes bewegte rief er fahrig und in Eile, "Oh, ich hab ganz die Zeit aus den Augen vergessen! Ich muss los!" Einen Augenblick später war er auch schon auf seinem Pferd aufgesessen und preschte durch die Lichtung davon.

Heero und die anderen waren für einige Augenblicke wie vom Donner gerührt. So einen abrupten Abgang hatte er noch nie erlebt. Dann fluchte Heero. "Verdammt ich kenne seinen Familiennamen nicht!"

Er wollte schon auf Wing springen und hinter Alexander her galoppieren als Quatres Hand auf seiner Schulter ihn aufhielt. "Heero sei doch vernünftig. Eine Verfolgungsjagd? Bei diesen Lichtverhältnissen?"

Es war inzwischen später Nachmittag und die Wintersonne schaffte es zwar noch alles leicht zu erhellen, aber Quatre hatte Recht, für eine Verfolgungsjagd würde es nicht ausreichen.

"Außerdem sollte es kein Problem sein, seinen Namen herauszubekommen. Einer der anderen Teilnehmer wird ihn schon kennen." Dann grinste der Blonde wieder von Ohr zu Ohr und stupste ihn mit dem Ellenbogen an.

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Heero galoppierte missmutig durch den Wald. Zum ersten Mal seit der Königliche Hof Residenz im Winterschloss genommen hatte war er völlig allein unterwegs. Zum ersten Mal hatte er nicht nur Reißaus vor seinen Eltern und dem Hofstaat genommen, sondern auch vor seinen zwei engsten Freunden.

Er hatte es eben einfach nicht länger ertragen.

Seit der Königlichen Jagd vor zwei Tagen war er schon so schlecht gelaunt. Oh, die Jagd war ganz amüsant gewesen, und als er dann auch noch diesen jungen Edelmann, Alexander, getroffen hatte, da hatte Heero schon gehofft, dass der diesjährige Aufenthalt hier gar nicht so schlimm wäre. Er hatte sich fast sogar schon damit abfinden können, dass sein Vater nun ernsthaft die Brautschau für ihn eröffnen würde - was einen langwierigen Ball nach dem anderen bedeutete. Immerhin hatte er etwas gehabt, auf das er sich freuen konnte - nämlich Alexander etwas näher kennen zu lernen.

Doch nachdem der junge Mann sich beinahe fluchtartig von der Jagd entfernt hatte, war nichts mehr so gelaufen wie Heero es gewünscht hatte. Die Befragung der anderen Jagdteilnehmer hatte einfach nichts gebracht. Keiner von ihnen hatte gewusst wer der junge Jäger gewesen war. Scheinbar war Alexander nicht in Begleitung anderer Jäger zur Jagd gekommen sondern hatte sich ihnen allein angeschlossen.

Und auch Heeros Beschreibung des jungen Mannes - auch wenn er dessen Gesicht nie wirklich gesehen hatte - hatte bei niemandem ein Glöckchen klingeln lassen. Niemand schien ihn jemals gesehen zu haben, und der Vorname allein war leider nicht ungewöhnlich genug als dass Heero ihn damit allein finden könnte.

Alles in allem war es also gar nicht verwunderlich dass Heeros Laune auf dem Tiefpunkt war. Der erste Mann für den er sich seit Ewigkeiten interessierte, und dann verschwand er einfach so als hätte es ihn nie gegeben!

Natürlich hatten seine beiden Freunde versucht ihn aufzumuntern. Sie hatten heute in aller Herrgottsfrühe - bevor Wufei oder irgendjemand anderes sie aufhalten konnte - ihre Pferde gesattelt und waren in den Wald geritten. Doch statt das Thema Alexander einfach ruhen zu lassen hatte Quatre versucht ihn aufzumuntern indem er ihm immer wieder gesagt hatte, dass Heero nur Geduld haben musste.

Heero schnaubte. Er hatte den ganzen letzten Tag nichts anderes getan als sich so diskret wie möglich umzuhören ob jemand den jungen Jäger kannte. Aber er hatte keine positive Antwort erhalten, und so viele Adelsfamilien gab es hier auch wieder nicht, als dass er sich noch groß Hoffnungen machen konnte.

Und dann, während einer kurzen Reitpause hatten Quatre und Trowa auch noch angefangen sich verliebte Blicke zuzuwerfen und heimliche Küsse auszutauschen - als ob Heero das nicht merken würde, also wirklich, sie hätten es genauso gut auch nicht heimlich tun können. Und Heero hatte es einfach nicht mehr ertragen.

Er war aufgestanden, war zu seinem Pferd gestapft, war aufgesessen und einfach davon galoppiert. Die besorgten Rufe seiner Freunde hatte er schlicht ignoriert. Er brauchte jetzt etwas Zeit für sich. Und ganz sicher brauchte er es nicht, das verliebte Getue seiner Freunde mit anzusehen, während die Eifersucht in seinem Inneren an ihm nagte.

Offenbar war diese kleine Flucht genau das richtige gewesen. Der scharfe Galopp durch den Wald und über etliche Felder hatte tatsächlich geholfen, dass Heero sich etwas besser fühlte. Vielleicht war ein Tag Urlaub von seinem Dasein als Prinz genau das was er jetzt brauchte. Er wollte Wing gerade zu einer gemächlicheren Gangart bremsen, als ihn plötzlich etwas Kaltes seitlich am Kopf traf. Die Überraschung und die Wucht des Aufpralls warfen Heero aus dem Sattel, und dann schlug er auch schon so hart auf dem Boden auf, dass ihm die Luft wegblieb.

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Duo formte mit den Händen einen Schneeball und warf ihn mit voller Wucht an die Wand des Schuppens. Gott, wie sehr wünschte er sich es wäre seine Stiefmutter und nicht der kleine Schuppen in dem er seine Schätze aufbewahrte!

Er hatte es vor zwei Tagen so gerade noch geschafft zu Hause zu sein bevor seine Stiefmutter etwas bemerkte. Er war geritten wie ein Wilder, hatte sich in Rekordzeit die Jagdkleidung vom Leib gerissen, war in seine alten, abgetragenen Sachen geschlüpft und war keuchend und nach Luft schnappend so gerade noch in der Küche angekommen, bevor Lady Agatha dort auftauchte um nach ihm zu sehen.

Duo formte einen weiteren Schneeball und warf ihn wütend an die Wand. Was hatte seine Stiefmutter auch ausgerechnet dann nach Hause kommen müssen? Hätte sie ihre Einkaufstour nicht noch um eine Stunde verlängern können? Aber nein, das wäre ja auch zu schön gewesen um wahr zu sein!

Und dabei war gerade das unglaublichste und wundervollste geschehen, was Duo jemals zugestoßen war! Das was er sich in den letzten Tagen immer wieder ausgemalt hatte, war tatsächlich eingetreten! Er hatte sich mit dem Prinz - nein, mit Heero, der Prinz hatte ihm schließlich die Benutzung seines Vornamens angeboten, und genau das würde Duo auch tun, wenn auch nur in Gedanken.

Er hatte sich mit Heero unterhalten, wie mit einem Gleichgestellten, und Heero hatte ihm aufmerksam zugehört! Er hatte ihn angelächelt und ihn behandelt als wäre er ein Freund! Duos Herz fing allein bei der Erinnerung daran an heftig zu klopfen.

Doch dann hatte er das Klingeln der Glocken an Lady Agathas Schlitten gehört, und ihm war nichts anderes übrig geblieben als die Flucht zu ergreifen. Duo fluchte laut. Lady Agatha schaffte es wirklich immer ihm alles zu vermasseln, ob sie es nun bewusst oder unbewusst tat. Das war seine einzige Chance gewesen Heero näher zu kommen, und er hatte sie nicht nutzen können weil seine Stiefmutter ihm verboten hatte, den Hof zu verlassen.

Duo knirschte vor Wut mit den Zähnen und presste den Schneeball, den er gerade formte noch fester. Oooooh, wie sehr er sich doch wünschte einmal, nur einmal, seiner Stiefmutter zu zeigen was er wirklich fühlte. Wie oft hatte es ihm schon in den Fingern gejuckt Lady Agatha einen Schneeball in den Nacken zu werfen?

Doch das konnte er nicht tun. Weiß der Himmel was diese Frau ihm dann antun würde. Vielleicht wäre das dann der Moment, der Lady Agatha doch noch zur Peitsche greifen ließ, und Duo war dann doch nicht so selbstzerstörerisch veranlagt.

Auf einmal konnte er das Geräusch eines galoppierenden Pferdes hören, und Duo hob schnell den Kopf. Er hatte Shini doch heute gar nicht mitgenommen - vor einer halben Stunde war die Schneiderin auf dem Hof angekommen, und da dieses Ereignis Lady Agatha den ganzen Tag beschäftigen würde, hatte Duo die Gelegenheit zu einer schnellen Flucht genutzt.

Es war auch nicht Shinigami der da angaloppiert kam, sondern ein fremdes Pferd mit einem fremden Reiter drauf, und die beiden galoppierten einfach über ihr Feld mit der Wintersaat! Dieser Idiot würde noch die halbe Ernte vernichten! Ohne groß nachzudenken hob Duo die Hand mit dem Schneeball und warf diesen mit all dem Hass und der Wut, die er im Moment auf Lady Agatha empfand, nach dem fremden Reiter.

Sein Geschoss traf das Ziel perfekt, der Schneeball landete mit einem befriedigenden 'Platsch!' genau am Kopf des Reiters. Doch offenbar musste Duos Wurf sehr viel heftiger gewesen sein als er angenommen hatte - oder der Schneeball war eventuell ein klein wenig zu hart gewesen nachdem Duo ihn vor lauter Ärger über seine Stiefmutter beinahe zehn Minuten lang geformt hatte. Jedenfalls stieß der Reiter einen überraschten Laut aus und flog dann seitlich vom Pferd.

Duo hielt erschrocken die Luft an. In dem Moment als er den Schneeball geworfen hatte, hatte er das Pferd erkannt. Und wie auch nicht? Es gab nur einen einzigen derart schönen Apfelschimmel hier in der Gegend! Oh wie hatte er es nur nicht früher schon erkennen können? Duo stöhnte auf.

Er hatte den Prinzen abgeschossen! Er hatte Heero - schon wieder! - mit einem Schneeball beworfen und diesen damit sogar vom Pferd geworfen! Und offenbar hatte der Prinz sich beim Sturz schwer verletzt, denn obwohl es nun schon einige Augenblicke her war hatte Heero sich noch nicht gerührt sondern lag einfach nur still im Schnee!

Duo zögerte einige Sekunden, dann lief er schnell hinüber. In seinem Kopf wiederholten sich immer und immer wieder nur dieselben Gedanken: ‚Bitte lass mich ihn nicht getötet haben!'

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Heero lag auf dem Rücken im Schnee und starrte in den Himmel. Langsam schien der Sauerstoff in die Lungen zurückzukehren, den ihm die Wucht des Aufpralls genommen hatte. Aber trotzdem rührte er sich nicht sondern starrte weiter nur nach oben.

Was war da eben geschehen? War er tatsächlich… durch einen Schneeball aus dem Sattel geworfen worden? Durch einen Schneeball??? Heero schüttelte leicht den Kopf. Das war ja so demütigend!

Auf einmal schob sich ein Gesicht in Heeros Blickfeld und verdeckte die Sicht auf den Himmel. Violette Augen blickten besorgt auf ihn hinab, und eine Stimme rief, "Oh mein Gott, es tut mir ja so leid, ist alles in Ordnung?"

Heero blinzelte. Dann öffnete er den Mund. "Verdammt noch mal, ist es hier in der Gegend etwa üblich harmlose Fremde mit Schneebällen zu bewerfen?" rief er weitaus heftiger als er eigentlich vorgehabt hatte.

Das Gesicht über ihm rötete sich leicht, runzelte dann jedoch die Stirn und alle Besorgnis verschwand aus dem Blick. "Wenn diese harmlosen Fremden einfach über unsere Felder mit der Wintersaat reiten, dann schon!" war die beinahe wütende Antwort.

Heero blinzelte erneut. Das hatte er jetzt nicht erwartet. Niemand hatte jemals so mit ihm gesprochen - das hieß, niemand außer seinem Vater. Heero stützte sich auf seine Arme und setzte sich auf.

Als er den Kopf drehte konnte er erkennen, dass das Gesicht zu einem jungen Mann gehörte, der neben ihm kniete und ihn wütend aus seinen Augen anfunkelte. Heero starrte den anderen an. Er konnte sich einfach nicht helfen, er hatte noch niemals einen so wunderschönen jungen Mann gesehen.

Der junge Mann konnte nicht viel jünger sein als Heero selbst, er war schlank aber gut gebaut, soweit Heero das aufgrund der etwas locker sitzenden Kleidung des anderen sagen konnte. Doch das war nicht was Heeros Aufmerksamkeit so fesselte. Nein, das waren die Augen.

Groß und von einem tiefen violett saßen sie in einem herzförmigen Gesicht und flankierten eine kleine Stupsnase. Die vollen Lippen waren zu einem dünnen, missbilligenden Strich zusammengepresst, und über die Schulter des jungen Mannes fiel ein langer, kastanienbrauner Zopf.

Heero schluckte. Der Junge vor ihm war einfach umwerfend, anders konnte er es nicht beschreiben. Und er schien auf irgendeine Erwiderung von Heero zu warten, denn er verschränkte die Arme vor der Brust und schob das Kinn herausfordernd vor, ohne dabei seinen wütenden Blick von Heero zu nehmen.

Schnell wiederholte Heero in Gedanken ihre bisherige Unterhaltung, dann sagte er, "Es tut mir leid. Ich wusste nicht dass das ein Feld war. Ich hoffe ich habe nicht zu viel zerstört."

Das schien den anderen jetzt zu überraschen, denn das Stirnrunzeln verschwand von dessen Gesicht, die Arme öffneten sich und hingen wieder seitlich hinab und der junge Mann blinzelte ein paar Mal erstaunt. Dann räusperte er sich und sagte, "Schon gut. Ist nicht so schlimm. Und es tut mir leid dass ich Euch so hart getroffen habe."

Heero winkte ab. Was sollte es schon. Hätte der junge Mann das nicht getan, dann hätte Heero ihn sicherlich nicht zu Gesicht bekommen, und das war etwas was er ganz sicher nicht bereute.

Der junge Mann sprang auf die Beine und hielt Heero eine Hand hin. Heero griff danach und ließ sich von seinem Gegenüber auf die Beine ziehen. Während Heero sich den Schnee von der Kleidung klopfte blickte der Langhaarige sich suchend um.

"Wenn Ihr wollt kann ich Euer Pferd für Euch einfangen, Hoheit," sagte er.

Heero hob den Kopf und blickte den anderen scharf an. Woher wusste dieser, dass er der Prinz war? Nicht dass das ein Geheimnis wäre, aber wenn der andere wusste, dass er der Prinz war, wieso hatte er ihn dann dennoch mit einem Schneeball beworfen?

Doch sein Gegenüber zuckte vor Heeros Blick nicht zurück sondern sah ihm nur ruhig in die Augen, und Heero blinzelte überrascht. Zum ersten Mal nahm er das gesamte äußere Erscheinungsbild des anderen wahr - nicht nur dessen Gesicht. Der Mann trug die einfache Kleidung eines Dienstboten, und doch wagte er es den Prinzen zu behandeln als wäre er ihm ebenbürtig?

Das war etwas was noch niemals jemand gewagt hatte, und Heero war einen Moment lang verwirrt, wie er damit umgehen sollte. Doch dann merkte er plötzlich, dass es ihn nicht wirklich störte. Hatte er nicht immer gejammert dass niemand ihn als Menschen sah sondern immer nur seine Stellung und seine Macht? Hatte er nicht immer gewollt dass man ihn behandelte als wäre er wie alle anderen?

Nun, jetzt hatte er tatsächlich einmal jemanden gefunden der genau das tat, und in diesem Moment war es Heero völlig egal ob es sich dabei um einen Edelmann oder einen einfachen Dienstboten handelte. Er hatte einen Tag Urlaub gewollt, und genau das würde er sich jetzt nehmen.

"Das ist nicht nötig," sagte Heero deshalb. "Wing wird früher oder später schon wieder zurückkommen." Dann streckte er seine Hand aus, sah seinem Gegenüber direkt ins Gesicht und sagte, "Ich bin Heero."

Der Langhaarige starrte ihn überrascht an, die violetten Augen vor Erstaunen weit aufgerissen. Nach einem Moment, der Heero wie eine Ewigkeit vorkam, ergriff der andere schließlich seine Hand, lächelte und antwortete, "Ich bin Duo."

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Duo konnte es nicht fassen. Er konnte so einiges nicht fassen. Am schlimmsten war es, dass er tatsächlich den Prinzen von seinem Pferd geschossen hatte. Er schüttelte sich wieder bei der Erinnerung. Dann konnte er nicht fassen, dass der Prinz nicht nur nicht Himmel und Hölle schrie und ihn dafür bestrafen wollte sondern relativ ruhig blieb und sich sogar freundschaftlich mit ihm unterhielt. Es war zwar schön, aber Duo hatte schon befürchtet für diesen Anschlag auf das Leben des Prinzens im Kerker zu landen. Das war eine Wendung der Ereignisse, die erst einmal verdaut werden musste.

"Und Ihr wollt sicher…" Duo unterbrach sich selbst. Der Prinz hatte ihm seinen Vornamen angeboten. Klar er hatte es auch bei dem Jagdausflug getan, aber da war Duo als Edelmann aufgetreten. Hier und jetzt, mit den abgetragenen Fetzen die er am Leibe trug musste der Prinz ihn für einen Dienstboten halten. Und trotzdem hatte er ihm seinen Vornamen angeboten. Was blieb Duo also übrig, als dieses Geschenk anzunehmen? "Und du bist sicher, dass du einfach hier auf dein Pferd warten willst?"

Der Prinz nickte, hob dann aber seine Hand zum Kopf und rieb ihn. "Au, das tut weh," erklärte er.

"Tschuldigung," nuschelte Duo noch einmal.

Heero machte eine abfällige Handbewegung. "Schon gut, du hast nur versucht die Saat deines Herren zu beschützen. Aber ich sollte meinen Kopf für ne Weile nicht zu ruckartig bewegen. Was ich sagen wollte ist, dass Wing bald bemerken wird, dass ich ihn nicht mehr reite. Und dann wird er zurückkommen. Er ist ein sehr schlaues Pferd. Wenn du jetzt nach ihm suchst, kann das nur dazu führen, dass er sich einen Spaß daraus macht noch weiter wegzulaufen."

"Ahhh, in Ordnung. Und was willst du jetzt tun?"

"Na, hier warten. Das ist doch wohl offensichtlich, oder?" Dabei lächelte Heero ihn an.

Duo bemerkte wie seine Knie weich wurden. Das Lächeln ließ Heero einfach umwerfend aussehen, und der Gedanke, dass es ihm gewidmet war ließ sein Herz schneller schlagen. "Aber hier ist doch gar nichts interessantes," murmelte er.

"Du bist hier, Duo," antwortete Heero.

Duo merkte, dass er rot wurde und kämpfte verbissen dagegen, drehte sogar sein Gesicht zur Seite um es zu verbergen. Der Prinz hatte es sicher nicht so gemeint, wie es sich anhörte. Ganz sicher nicht. "Ich, ähm, ich muss aber arbeiten," stammelte Duo.

"Kein Problem, dann schau ich dir dabei zu. Vielleicht kann ich sogar helfen. Was tust du denn gerade?"

Duo wurde noch röter. Er wusste dass es hier am Schuppen überhaupt nichts zu tun gab, zumindest nichts wofür er die richtigen Werkzeuge dabei hatte. Es schien Zeit für die Wahrheit zu sein. "Ähm… also ok ich hab mit Schneebällen gegen die Schuppenwand geworfen."

Heero lachte. "Eine sehr interessante Arbeit. Ich kann dir dabei sicherlich helfen, nur irgendwie kann ich den Sinn dieser Tätigkeit nicht erkennen. Muss wohl daran liegen, dass ich mich mit dem Landleben nicht sonderlich gut auskenne."

Ein Lächeln umspielte Duos Lippen. Der Prinz konnte ja Witze machen. Das machte ihn ihm noch sympathischer. Und ließ ihn reden ohne groß nachzudenken. "Lady Agatha hat mich heute in den Wahnsinn getrieben mit all ihren Forderungen. Duo tu dies, Duo tu das… Da musste ich mich einfach abreagieren," plapperte Duo.

"Also hast du dir vorgestellt die Bälle nach deiner Herrin zu werfen?" erkundigte sich Heero.

Duo errötete wieder. Wenn man es so betrachtete, dann war das schon ziemlich respektlos für einen Diener. Aber er wollte Heero jetzt auch nicht seine ganze langweilige Lebensgeschichte erzählen und erklären, dass er Lady Agathas Stiefsohn war. Das interessierte niemanden und würde nur seine eigene Stimmung töten. "Ähm…. Wie wäre es mit Essen? Hast du Hunger? Ich hab ein paar Kleinigkeiten aus der Küche mitgehen lassen. Ist nicht viel aber ich teile es gerne."

Heero lächelte wieder dieses wunderbare Lächeln und sagte, "Ich würde unheimlich gern mit dir zusammen essen."

"Prima, dann komm mit." Duo ging in Richtung des Schuppens. Dort drinnen hatte er die Vorräte verstaut. Nachdem sie beide die schmale Leiter nach oben erklommen und Duo die Luke hinter sich verschlossen hatte wies er auf den Heuvorrat der dort lagerte. "Mach es dir bequem. Ich weiß es ist nichts besonders, aber besser als auf dem Boden zu sitzen. Und draußen ist es viel zu kalt."

"Da stimme ich dir zu," erklärte der Prinz und setzte sich ohne große Probleme auf eine Ladung Heu.

Duo blieb für einige Sekunden mit offenem Mund stehen und sog das Bild in sich ein. Der Prinz der hier in diesem heruntergekommenen Schuppen auf schlichtem Heu saß und sich daran gar nicht störte. Lady Agatha würde dem Schuppen nicht einmal auf zehn Meter nahe kommen ohne Zeter und Mordio zu schreien. Duo fand es mehr als angenehm, dass Heero so ganz anders war. Fast wie ein normaler, einfacher Mensch. Nur das natürlich niemand der einfach und normal war so gut aussehen konnte.

Duo schnappte sich den Beutel, in dem er ein wenig Brot und Käse transportiert hatte und setzte sich dicht neben Heero. Der Schuppen war klein, er hätte sich gar nicht weit weg setzen können, zumindest würde er das als Ausrede gebrauchen falls er gefragt werden würde. Eigentlich wollte er dem anderen nur so nah wie möglich sein. Seit dem Jagdausflug wo Heero beim Überreichen des Ringes seine Hand gehalten hatte, hatte sich Duo nach dieser Nähe verzehrt.

Er setzte sich also so nah wie möglich, ihre Schultern berührten sich dabei beinah. Dann öffnete Duo den Beutel und zog das Brot heraus. Er brach das Stück in zwei Hälften und reichte eine an Heero. "Ist nicht viel," entschuldigte er sich.

"Mach dir keine Sorgen. Schließlich bin ich ein Überraschungsgast," antwortete Heero verschmitzt.

Duo musste lächeln. Wer hätte gedacht, dass der Prinz wirklich so umgänglich war? Die paar Mal, wo er ihn früher von weitem gesehen hatte, hatte er ihn immer für sehr in sich gezogen, fast abweisend gehalten. So konnte man sich irren.

"Mhm, das Brot ist lecker," erklärte Heero.

Duo kicherte. "Es ist auch ganz frisch. Die Köchin und ich haben es heute Morgen gebacken."

"Oh, du arbeitest in der Küche?"

Duo wurde wieder rot. "Ich helfe wo immer es mir gerade befohlen wird," brach es aus ihm heraus. Dann hätte er sich am liebsten auf die Lippen gebissen. Er schallt sich selbst einen Idioten. Jetzt musste Heero ihn ja für einen ganz niedrigen Dienstboten halten, einen der noch nicht einmal eine bestimmte Tätigkeit hatte. Schnell versuchte er das Gespräch in eine andere Richtung zu bringen. "Aber am liebsten arbeite ich in den Stallungen. Ich habe eine gute Hand für Pferde," berichtete er und fing an sich über die verschiedenen Pferde des Hofes und ihre Pflege auszulassen.

Damit hatte er scheinbar tatsächlich ein Thema angeschnitten, dass Heero auch sehr interessierte und sie begannen zu fachsimpeln. Wobei es Duo sogar erstaunte, wieviel Heero über Pferdepflege verstand. Er hatte irgendwie angenommen, dass ein Prinz ein Pferd nur ritt, sich aber nicht dafür interessierte was mit ihm ansonsten passierte.

So entstand eine recht lebhafte Unterhaltung, während sie beide ziemlich abwesend an dem Brot und dem Stück Käse knabberten. Von der Pferdepflege war es ein leichtes auf Wing zu sprechen zu kommen und von dort wanderte ihre Unterhaltung zur Jagd.

Duo fühlte sich wohl, inzwischen hatte er fast gänzlich vergessen, dass es zwischen ihm und Heero einen gewaltigen Standesunterschied gab. Aber das war auch nur zu leicht zu vergessen, wo sie beide doch hier in diesem alten Schuppen so freundschaftlich beisammen saßen.

Und noch etwas anders passierte. Duo bemerkte immer wieder wie Heero ihm merkwürdige Blicke zuwarf. Blicke, die Duo nur als Interesse deuten konnte. Er befürchtete zwar, dass sein eigenes Wunschdenken ihm einen Streich spielte, aber sein Herz bummerte trotzdem aufgeregt in seiner Brust. Was wenn der Prinz ihn auf die gleiche Art und Weise mochte wie er ihn? Was wenn… Nein daran wollte Duo jetzt nicht denken. Es konnte einfach nicht sein und er würde sich nur zum absoluten Idioten machen.

Trotzdem überzog eine leichte Röte sein Gesicht und ließ sich einfach nicht bekämpfen. Und während sie lachten und sich unterhielten schaffte Duo es auch immer dichter an den Prinzen zu rutschen.

Duo wühlte noch ein letztes Mal in dem Beutel und zog eine kleine Ecke Käse hervor, die er dann Heero hinhielt. "Hier, das letzte Stück. Du kannst es gerne haben."

Heero griff danach, doch statt das Stück Käse aus Duos Hand zu nehmen, nahm er die Hand in seine eigene. Dann zog er ein wenig an Duos Arm und brachte ihn so dazu sich zu dem Prinzen zu drehen. Durch den Positionswechsel saßen sie sich jetzt direkt gegenüber. Nur wenige Zentimeter von einander entfernt. Duo hatte sogar das verrückte Gefühl, dass sich ihre Nasenspitzen einfach berühren mussten.

"Duo," hauchte Heero ziemlich leise. "Darf ich dich küssen?" Dabei blickte er Duo fast ängstlich an.

Duos Gedanken überschlugen sich. Der Prinz hatte ihn um einen Kuss gebeten? Er musste träumen, oder? Das konnte doch nicht in der Realität passieren. Er hielt ihn doch für einen einfachen, niederen Dienstboten. Und er war ein Mann. Duo war sich sicher, dass er träumte.

Aber Heeros Gesichtsausdruck wurde mit jeder Sekunde die seit seiner Frage verging ängstlicher. Und in dem Moment war Duo klar, dass es diese Frage tatsächlich gegeben hatte und dass es nur eine einzige Antwort gab. "Natürlich," sagte er schlicht.

Heeros Augen leuchteten erfreut auf. Dann hob er seine Hand zu Duos Wange und geleitete dessen Gesicht zu seinem eigenen. Als ihre Münder sich trafen wummerte Duos Herz so schnell in seiner Brust, dass er befürchtete, dass es gleich explodieren würde.

Dann öffnete sich Heeros Mund und seine Zunge schob sich vor, spielte mit Duos Lippen, verlangte nach Einlass. Erstaunt öffnete Duo seinen Mund ebenfalls. Er hatte nicht viel Erfahrung was das Küssen anging - eigentlich gar keine. Deshalb beschloss er einfach das zu tun, was Heero ihm vormachte.

Als Heeros Zunge in seinen Mund stieß und auf seine traf, stöhnte Duo tief in der Kehle auf. Das war ein unglaubliches Gefühl. Instinktiv hob er seine Hände und drückte Heeros Kopf noch dichter an seinem. Er wollte so viel wie möglich spüren.

Nach einer halben Ewigkeit - zumindest schien es Duo so - brachen sie den Kuss. Heero seufzte und drückte seine Stirn gegen die von Duo. "Was für ein Glück," brach es aus ihm hervor. "Ich hatte schon befürchtet, dass ich mich geirrt hab und du mich gar nicht willst."

"Und ich hab gedacht, dass ich mir das alles nur einbilde," gestand Duo.

"Dann sind wir zwei Idioten," befand Heero. "Aber wir sollten die verlorene Zeit wieder aufholen."

Duo lächelte. Ihm gefiel wie Heero dachte. "Unbedingt," erklärte er und schnappte sich Heeros Mund für einen weiteren Kuss.

Der zweite war genauso schön wie der erste, vielleicht sogar besser, denn mitten im Kuss bugsierte Heero sie beide so, dass sie jetzt im Heu lagen. Heero drückte Duo mit seinem Gewicht in die weiche Unterlage und Duo meinte fast zu vergehen. Es war ein unglaubliches Gefühl.

"Du machst mich wahnsinnig," keuchte Heero und begann Duo erneut zu küssen. Doch diesmal blieben seine Hände nicht untätig und begannen damit Duos Hemd zu öffnen.

Duo war ein wenig erstaunt. Er hatte nicht viel Ahnung über das, was sie hier gerade taten. Er war auf dem Land aufgewachsen und wusste genau wie die Tiere sich paarten, aber das hier war etwas völlig anderes. Aber zum Glück wirkten Heeros Bewegungen sehr erfahren, er würde also dem einfach nur folgen müssen.

Inzwischen hatte Heero das Hemd geöffnet und Duos Brustkorb freigelegt. Eigentlich hätte Duo jetzt frieren müssen, immerhin war es draußen schrecklich kalt. Aber zwischen ihren beiden Körpern bestand soviel Hitze, dass die Gänsehaut auf Duos Körper von etwas anderem als der Kälte stammte.

Dann begann Heero plötzlich mit seiner Zunge Duos Oberkörper entlang zu tasten und alle Gedanken verließen Duos Gehirn. Als die Zunge seinen linken Nippel erreichte und Heero sogar ein wenig mit seinen Zähnen daran spielte, wand sich Duo im Stroh hin und her und stöhnte tief. Das was hier passierte war einfach unglaublich.

Heero lachte leise. "Ich sehe dir gefällt was ich hier tu," erklärte er und legte zum Beweis seine Hand in Duos Schoß.

Duo wurde auf Kommando tief rot im Gesicht. Er wusste dass er erregt war, und es war ein sehr merkwürdiges Gefühl, dass jemand ihn dort unten berührte. Merkwürdig aber auf keinen Fall unangenehm. Eher das Gegenteil. "Gefällt ist noch gar kein Ausdruck," antwortete er deshalb. "Aber jetzt will ich mehr."

Heero hob fragend seine Augenbrauen hoch.

Duo schob seine Hände zu Heeros Brustkorb und fingerte mit dessen Wams. "Ich finde es ungerecht, dass du noch alle Kleidung anhast," erklärte er.

Heero küsste ihn kurz. Dann lachte er. "Dem kann abgeholfen werden," sagte er und begann ebenfalls an seinen Knöpfen zu arbeiten.

Gemeinsam befreiten sie Heero aus dem Wams und aus dem Hemd. Danach legte sich Heero wieder auf Duo und sie küssten sich erneut tief und innig, während ihre Hände den nackten Oberkörper des anderen streichelten.

Duo wusste nicht wie lange sie dies taten, aber es war einfach zu schön. Heero fühlte sich gut an, er hatte wunderbare Muskeln die sich unter Duos Händen spannten und wieder lockerten, während er Duo mit seinem Gewicht so herrlich in das Heu drückte.

"Jetzt möchte ich mehr," sagte Heero plötzlich und blickte Duo dabei fragend in die Augen.

Duo brauchte einen kurzen Augenblick um zu begreifen worum Heero da bat. Und als es ihm klar wurde, errötete er wieder. Und er wurde für einen Moment unsicher. Er wusste nicht genau was jetzt passieren würde. Er hatte hier und da mal ein getuscheltes Wort darüber gehört, was zwei Männer wohl miteinander taten. Aber er wusste nichts Genaues und alles war so vage und unklar.

Wenn er ehrlich mit sich selbst war, dann hatte er ein wenig Angst. Angst vor dem Unbekannten. Aber diese Angst wurde von etwas völlig anderem überstrahlt. Er wollte Heero und das was sie bisher getan hatten war zwar überwältigend, aber nicht angsteinflössend gewesen. Und er vertraute Heero, vertraute ihm bedingungslos.

"Das möchte ich auch," erklärte er deshalb.

"Oh Duo," seufzte Heero und küsste ihn wieder tief. Seine Hände begannen erneut Duos Oberkörper entlang zu fahren. Doch diesmal machten sie keinen Halt, als sie Duos Hüfte erreichten. Diesmal begannen Heeros Hände damit Duos Hose aufzuknöpfen.

"Heero," rief Duo aufgeregt, als er plötzlich kalte Winterluft an seinem Penis spürte. Heero hatte ihm die Hose mit einer einzigen, schnellen Bewegung vom Körper gezogen.

"Ist schon gut," flüsterte Heero und legte beruhigend seine Hände auf Duos harte Länge. Nur dass diese Hände dort nicht zu Duos Beruhigung beitrugen.

Duo atmete heftig. "Verdammt," stieß er hervor. "Ich will dich jetzt auch spüren," verlangte er. Es war so ungerecht, dass er jetzt vollkommen nackt und Heero immer noch bekleidet war.

"Nur keine Ungeduld," verkündete Heero mit einem breiten Lächeln. Dann begann er sich selbst aus seiner Hose zu befreiten. Viel zu langsam für Duos Geschmack aber er hatte auch keine Energie um dagegen zu protestieren.

Dann endlich war auch Heero nackt. Duos Blick wurde von Heeros Schoß geradezu angezogen. Und das was er da sah, ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen und er stöhnte auf. Ein Nest aus dunkelbraunen Locken umrahmte einen Penis, der nur als perfekt zu beschreiben war.

"Ich sehe, dir gefällt was du siehst," sagte Heero während er sich wieder auf Duo legte. "Ich hoffe dir gefällt auch was du spürst."

Als sich ihre nackten Körper diesmal trafen schrie Duo auf. Es war einfach zu überwältigend, vor allem Heeros harter Penis, der sich an seinen ebenfalls erregtem presste. Duo wand sich im Heu, rieb sich an Heero und versuchte irgendwie dieses unheimliche Gefühl noch zu steigern.

"Oh Gott, Duo," stöhnte Heero und küsste ihn erneut.

Duo spreizte seine Beine instinktiv und ließ Heero so dazwischen gleiten. Irgendwas musste jetzt passieren. Er wollte eine Steigerung, er wollte mehr, er wollte Heero, er wollte…

"Duo! Duo, bist du oben im Schuppen? Was ist das für ein Pferd das hier steht? Duo? Die Herrin hat mich geschickt Holz zu besorgen und ich könnte deine Hilfe brauchen! Duo, hörst du mich?" ertönte in dem Moment Howards laute Stimme von unten.

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Heero sog keuchen Luft in seine Lungen als Duos nackter Körper sich an seinem rieb. Er konnte selbst nicht glauben dass das hier jetzt geschah. Und doch gab es nichts was er in diesem Moment lieber getan hätte.

"Oh Gott, Duo," stöhnte Heero und beugte sich hinab, um Duo erneut zu küssen. Dieser unglaubliche junge Mann der sich ihm hier so willig hingab… Heero konnte gar nicht mit Worten beschreiben was für Gefühle das in ihm auslöste.

Von dem Moment an als Duos Gesicht über ihm erschienen war und ihn gefragt hatte, ob es ihm gut ginge war es um Heero geschehen gewesen. Er hatte eine derartig starke Anziehungskraft zu dem Langhaarigen verspürt wie niemals zuvor in seinem Leben.

Und als sie dann gemeinsam in diesem schummrigen Schuppen gesessen waren, da hatte Heero innerlich gehofft und gebetet, dass es dem anderen eben so erging wie ihm selbst. Und als Duo ihm erlaubt hatte ihn zu küssen, hatte es für Heero kein halten mehr gegeben.

Er wollte den Langhaarigen wie noch niemals zuvor etwas in seinem Leben. Er wollte ihn besitzen, sich in ihm vergraben, ihn nie wieder loslassen, und das mit einer Leidenschaft die ihn selbst erschreckte. So etwas Intensives hatte er noch niemals zuvor erlebt. Selbst sein Interesse an dem jungen Jäger vor zwei Tagen verblasste im Vergleich zu dem hier.

Der junge Jäger hatte Heero fasziniert, und er hatte sich zu ihm hingezogen gefühlt, aber wer wusste schon ob sich jemals etwas daraus ergeben hätte? Alexander war nur die Hoffnung auf etwas Mögliches in ferner Zukunft gewesen. Duo hingegen - Duo war hier und er war jetzt und er war real, oh so real. Er war warmherzig, lustig, intelligent, und er wollte Heero ebenso sehr wie dieser ihn! Das war ein einfach überwältigendes Gefühl.

Dann öffnete Duo seine Beine und Heero glitt sofort dazwischen. Duo wirkte verführerisch und unschuldig zugleich, eine Mischung die Heero sämtliche Beherrschung vergessen ließ. Er ließ gerade seine Hand an Duos Seite nach unten gleiten als plötzlich eine laute, fremde Stimme den Nebel aus Lust in seinem Hirn durchdrang:

"Duo! Duo, bist du oben im Schuppen? Was ist das für ein Pferd das hier steht? Duo? Die Herrin hat mich geschickt Holz zu besorgen und ich könnte deine Hilfe brauchen! Duo, hörst du mich?"

Heero erstarrte mitten in der Bewegung, und auch Duo hörte auf sich unter ihm zu winden. Mit weit aufgerissenen Augen starrte der Langhaarige zu Heero hinauf.

"Wer ist das?" flüsterte Heero fast lautlos.

"Das ist Howard," wisperte Duo ebenso lautlos zurück. Dann rief er mit lauter Stimme, "Ja, ich bin hier oben! Ich komm gleich runter, fang schon mal an das Holz zu schneiden!"

Die beiden lauschten mit angehaltenem Atem bis sie hörten, wie sich die Schritte des Mannes vom Schuppen entfernten, dann ließen sie erleichtert die Luft entweichen.

"Oh Mann," sagte Heero und legte seine Stirn auf Duos Schulter ab. "Was wenn er hier hoch gekommen wäre? Uns gesehen hätte?"

"Das wäre er nicht," erwiderte Duo. "Er weiß dass ich allein sein will wenn ich hierher komme."

Heero hob den Kopf und lächelte auf Duo hinab. "Ach ja? Dann darf ich mich wohl geehrt fühlen weil du mich mit hierher genommen hast, hm?"

Duo wurde rot und nickte. "Du bist eine Ausnahme," sagte er. "Du bist… was Besonderes."

"Was Besonderes, hm?" machte Heero, senkte den Kopf und begann an Duos Schlüsselbein zu knabbern.

Duo keuchte auf, wand sich ein wenig, dann legte er seine Hände auf Heeros Schulter und schob ihn weg. "Nicht," sagte er. "Wenn ich nicht bald herunterkomme, wird Howard zurückkommen und vielleicht doch noch hier hoch kommen."

Heero seufzte auf, sah aber ein dass der Langhaarige Recht hatte. Mit großem Bedauern rollte er sich von Duo runter und griff nach seinen Kleidern. Während er sich wieder anzog beobachtet er wie Duo sich ebenfalls wieder in seine Kleidungsstücke kämpfte und ab und zu leise auf das entsprechende Kleidungsstück schimpfte, wenn etwas nicht gleich so klappte.

Heero lächelte. Wie Duo da so im Stroh saß, mit Strohhalmen die kreuz und quer aus seinem Zopf ragten und über die Kleidungsstücke fluchend, da wirkte er so liebenswert dass Heero nicht anders konnte als sich vorzubeugen, den Kopf des Langhaarigen zu drehen und seine Lippen zu einem Kuss zu verschließen.

Sobald Heeros Mund Duos berührte lehnte der Langhaarige sich sofort in die Liebkosung und gab alles von sich in diesen Kuss. Heero versank wieder in den Gefühlen die bis vor einigen Momenten noch in ihm getobt hatten. Er wollte sich jetzt nicht von Duo trennen, er wollten den anderen wieder sehen, wollte ihn jeden Tag an seiner Seite haben, wollte…

"Wann kann ich dich wiedersehen?" fragte Heero atemlos als sie sich voneinander trennten. "Morgen?"

Duo starrte ihn einen Augenblick lang nur keuchend an, dann schüttelte er langsam den Kopf. "Nein, tut mir leid. Ich darf normalerweise nicht vom Hof, ich konnte mich heute nur wegschleichen weil Lady Agatha mit der Schneiderin vollauf beschäftigt war."

"Aber ich will dich unbedingt wiedersehen," beharrte Heero.

Duos Gesicht verzog sich zu einem wunderschönen Lächeln. "Das will ich auch. Sehr sogar. Ich werde versuchen mich morgen wegzuschleichen, aber ich kann dir leider nichts versprechen."

Heero runzelte unwillig die Stirn. Das war ihm zu unsicher - und viel zu wenig! Er wollte nicht nur wenige, verstohlene Stunden im Heu, wo sie sich beeilen mussten weil sie jederzeit gestört werden konnten - so wie heute!

Duo schien sein Stirnrunzeln falsch zu deuten, denn sofort verschwand das Lächeln von seinem Gesicht und er brachte etwas Abstand zwischen sie beide. "Ich… es tut mir leid, Heero, aber mehr kann ich dir wirklich nicht versprechen! Lady Agatha kann unberechenbar sein, ich weiß nie vorher was sie mir zu tun gibt. Wenn du nicht mehr willst dann…"

"Nein, nein, das ist es nicht!" beruhigte Heero den Langhaarigen sofort. "Es ist nur… Ich will nicht immer darauf warten müssen dass du dich wegschleichen kannst um dich zu sehen! Ich will mit dir zusammen sein wann immer wir es wollen!"

Das wunderbare Lächeln war wieder zurück, sogar noch strahlender als zuvor.

"Ich hab's!" rief Heero. "Die Lösung ist ganz einfach! Du kommst zu mir aufs Schloss!"

Duos Augen wurden riesig vor Erstaunen und er keuchte ungläubig auf. "Du… du willst dass ich zu dir ins Schloss komme? An den Hof?"

Heero nickte und lächelte zufrieden. Das war wirklich die perfekte Lösung! "Ja," sagte er. "Du könntest… ich weiß, du könntest mein Kammerdiener sein! Dann können wir uns jeden Tag sehen und können jede Nacht zusammen verbringen, ohne dass uns jemand stört!"

Duos Gesicht, das bis eben noch Unglauben und Freude gezeigt hatte, wurde auf einmal ganz blank. "Dein Kammerdiener," wiederholte der Langhaarige steif.

Heero nickte erneut. "Ja," antwortete er. "Das ist wirklich perfekt! Als mein Kammerdiener ist es ganz normal wenn du dich in meinen Gemächern aufhältst und sogar die Nacht dort verbringst. Die meisten Kammerdiener und Kammerzofen schlafen in den Ankleideräumen ihrer Herrschaften."

"Ihrer Herrschaften."

"Ja." Heero lächelte Duo an. "Du kannst gleich mit mir mitkommen wenn du willst. Also, was sagst du?"

Duo sprang mit einem Satz vom Heuhaufen und blieb dann mit dem Rücken zu Heero stehen. Heero runzelte die Stirn. Was hatte der Langhaarige denn?

"Duo?" fragte Heero und stand ebenfalls auf. Er streckte eine Hand aus und legte sie auf Duos Schulter.

Sofort wirbelte der Langhaarige herum und funkelte Heero aus wütenden Augen an. "Vielen Dank für Euer Angebot, Eure Majestät," sagte er mit steifer, förmlicher Stimme. "Aber ich muss es leider dankend ablehnen."

Heero blinzelte verblüfft. Duo wollte das Angebot ablehnen? Und was sollte das ganze 'Eure Majestät' Getue auf einmal? Darüber waren sie doch längst hinaus. "Wieso willst du das Angebot ablehnen?" fragte Heero leicht verletzt. "Die Stellung als mein Kammerdiener ist heiß begehrt und genießt hohes Ansehen."

"Dann dürfte es wohl ein leichtes für Euch sein jemand anderes für diese Stellung zu finden," war die abweisende Antwort.

"Was zum Teufel soll das bedeuten?" rief Heero der nun langsam wütend wurde. "Was ist los mit dir?"

"Mit mir ist nichts los, Majestät," antwortete Duo, immer noch mit dieser schrecklichen, steifen Stimme. Und noch immer blickte er Heero nicht direkt in die Augen. "Ich denke nur nicht, dass dies die richtige - Stellung - für mich wäre."

"Und warum nicht?" fauchte Heero den seine Wut und sein Unglauben fast übermannten. Er tat alles damit sie zusammen sein konnten und Duo behandelte ihn plötzlich wie einen Aussätzigen. "Hast du nicht eben noch behauptet du würdest mit mir zusammen sein wollen? Nun, SO könnten wir zusammen sein, jederzeit! Warum also willst du nicht mit mir mitkommen? Deine Position hier an diesem hinterwäldlerischen Bauernhof kann doch wohl kaum besser sein als eine Stellung als mein Kammerdiener!"

"Als Eure Hure, meint Ihr wohl!" Nun endlich wurde auch Duos Stimme wütend, so wütend dass Heero vor Überraschung sogar einen Schritt zurücktat. "Ich mag ja vielleicht nur ein dummer Dienstbote auf einem kleinen hinterwäldlerischen Bauernhof sein, aber ich habe sehr wohl verstanden was Ihr mir da vorschlagt, Hoheit! Ich soll Euch zu Diensten sein, jederzeit, Tag und Nacht, wann immer Euch gerade danach ist, und das alles unter dem Deckmantel Eures 'Kammerdieners'! Und sobald Ihr meiner überdrüssig werdet, werdet ihr mich einfach durch einen neuen Kammerdiener ersetzen! Wie praktisch für Euch! Nun, lasst Euch eins gesagt sein - ich bin niemandes Hure, auch Eure nicht, habt ihr mich verstanden?"

Heero starrte sein Gegenüber sprachlos an. Duo dachte… "Ich würde nicht… Ich habe nie… Wie kommst du überhaupt dazu so etwas zu behaupten? Du wärst doch keine Hure wenn du als mein Kammerdiener zu mir kommst!"

"Ach, und was anderes wäre ich dann bitteschön?" war die wütende Antwort. "Ihr würdet mich aushalten, mich dafür bezahlen dass ich mit Euch schlafe, und mich vor dem Rest der Welt verstecken weil Ihr Euch insgeheim für mich schämt. Das ist eindeutig die Definition einer Hure. Aber wenn Ihr wollt können wir auch gern die beschönigende Bezeichnung 'Mätresse' dafür verwenden, nur würde das nichts an meiner Antwort ändern! Nur weil ich vorhin in einem Moment geistiger Umnachtung meine Beine für Euch gespreizt habe, heißt das nicht dass ich Eure Hure bin! Niemals!"

Heero hatte das Gefühl als hätte er einen Schlag in die Magengegend bekommen. Duo stellte das was sie beide vorhin miteinander geteilt hatten so hin als wäre es etwas Schmutziges, Schlechtes. Dabei hatte Heero niemals an so etwas gedacht, alles was er gewollt hatte war mit Duo zusammen zu sein! Wut stieg in seinem Inneren empor und verdrängte den Schmerz den Duos Worte in ihm verursacht hatten, bis die Wut ihn vollkommen ausfüllte.

"Dafür dass du angeblich keine Hure bist feilschst du aber gut um deinen Preis," erwiderte Heero eisig.

Duos Gesicht verlor alle Farbe und seine violetten Augen wirkten auf einmal riesig und völlig leer in seinem Gesicht. Dann hob er den Arm, und so schnell dass Heero keine Zeit hatte zu reagieren, verpasst Duo ihm eine Ohrfeige.

Eine ganze Weile war nichts anderes zu hören als der Nachhall der Ohrfeige. Heero starrte Duo stumm an und musste all seine Energie aufbringen um sich zurückzuhalten. Als er sicher war dass er sich unter Kontrolle hatte, lief er an Duo vorbei, öffnete die Luke des Schuppens und kletterte die Leiter hinab. Wing, der wie vorhergesagt inzwischen zurückgekommen war, stand nicht weit vom Schuppen und knabberte an irgendwelchen Büschen. Heero rannte zu seinem Pferd und ignorierte die verwunderten Blicke des Mannes der nicht weit davon entfernt in einem Baum saß und Äste mit einer Säge abschnitt. Er schwang sich in den Sattel, gab Wing die Sporen und machte, dass er so schnell wie möglich von dort verschwand.