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Drei Haseln?sse f?r Duo

Teil 4


Duo rannte den Gang entlang so schnell er konnte. Was in dieser Kleidung und mit diesen Schuhen nicht sonderlich schnell war. Er wollte nur noch weg. Fort von diesem Ort wo er die schlimmste Demütigung seines Lebens erleiden musste.

Als er die große Außentreppe hinuntereilte stolperte er auf einer der Treppenstufen und musste sein ganzes Geschick aufbringen um nicht die Treppe herunter zu purzeln - was ihm jetzt gerade noch gefehlt hätte. Mit seinem Schwung war er schon mindestens zehn Stufen weiter, bevor er überhaupt bemerkte, dass er bei diesem Beinahesturz seinen rechten Schuh verloren hatte.

Für einen Moment blieb er unentschlossen stehen. Sollte er wieder hoch eilen und den Schuh zurückholen oder einfach weiter rennen? Dann hörte er hastige Schritte hinter sich. Als er sich umdrehte konnte er Heero erkennen der hinter ihm her rannte. Wahrscheinlich wollte der Prinz seine zukünftige Braut nicht so einfach davon kommen lassen. Duo biss die Zähne zusammen, zog auch den zweiten Schuh aus und stürmte einfach weiter. Sobald er Shinigami erreicht hatte, würde er sowieso reiten, da konnte es ihm egal sein, ob er Schuhe anhatte oder nicht. Und dann würde er so schnell wie möglich nach Hause reiten und sich dort in eine dunkle Ecke verkriechen, aus der er niemals wieder hervorkommen würde.

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Königin Une beobachtete wie ihr Sohn und die fremde junge Frau plötzlich mitten im Tanz stehen blieben. Anders als bisher schienen sie sich nicht prächtig zu amüsieren, im Gegenteil es schien eine gewisse Anspannung in der Luft zu liegen.

Dann sah sie, wie die Frau um Heero herumlief und redete, während sie dabei etwas an den Fingern abzuzählen schien. Als Heero daraufhin mehrmals verständnislos den Kopf schüttelte blickte ihn das Mädchen noch ein paar Augenblicke stumm an, dann stürmte sie plötzlich aus dem Saal.

Une war verwundert, was hatte ihr Sohn denn jetzt schon wieder angestellt? Gerade hatte sie sich damit abgefunden, dass sie ihren Sohn wohl immer falsch eingeschätzt hatte und er sich doch für eine Frau interessierte, und dann stellte er irgendwas an um diese Frau von sich fortzujagen. Es brannte Une unter den Nägeln zu erfahren, worüber die beiden sich denn unterhalten hatten.

Doch von Heero würde sie es wohl nicht erfahren können. Denn nach einem ziemlich langen Moment des Schocks schüttelte sich der Prinz einmal und dann rannte er der jungen Frau hinterher. Une seufzte. Zumindest etwas machte ihr Sohn richtig. Aus den Augenwinkeln konnte sie noch erkennen, wie Heeros Freunde Quatre und Trowa sich ebenfalls auf den Weg machten.

Treize war während der ganzen Aufregung von seinem Stuhl aufgestanden und schaute Une jetzt verwirrt an. "Was, wenn er sich verliebt hat?" fragte er aufgeregt.

Une stand ebenfalls auf und stellte sich dicht neben ihren Mann. "Aber genau das war doch dein Wunsch," erinnerte sie Treize an seine ursprünglichen Absichten.

"Ich wollte ihn doch nur etwas aus sich herauslocken," gestand Treize fast kleinlaut ein. Dann wurde er plötzlich etwas forscher. "Und überhaupt, ohne meine Erlaubnis hat er sich nicht zu verlieben! Na, das möchte ich mir doch verbitten!"

Une musste trotz der Aufregung schmunzeln. "Aber mein Lieber," sagte sie und tätschelte seinen Arm. "Du hast damals doch auch niemanden um Erlaubnis gefragt und hast mich geheiratet. Dein Sohn folgt also nur deinem guten Beispiel."

"Hm," grummelte der König.

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Heero wusste nicht genau was da schief gegangen war, aber es war reichlich schief gegangen. Soviel stand fest. Aber bei dem Verlauf des Abends war es ja fast schon vorherzusagen gewesen. Es schien, als hätte sich alles gegen ihn verschworen.

Er war vorhin wirklich bereit gewesen, den Ball zu verlassen und sich den Ärger seines Vaters einzuhandeln. Und tatsächlich hätte er in dem Moment lieber sämtliche Bäume des Waldes gefällt, als noch einen Augenblick länger bei dieser Farce mitzumachen.

Doch dann war er IHR begegnet. Heero konnte es immer noch nicht fassen, wieso ausgerechnet diese junge Frau ihn in so kurzer Zeit derart faszinieren konnte. Und das obwohl er weder ihren Namen kannte, noch ihr Gesicht gesehen hatte.

Alles was er von ihr wusste, war dass sie einen herrlichen Humor hatte und er sich wundervoll mit ihr unterhalten konnte. Aber anders als bei Lady Dorothy gab es etwas an ihr, zu dem Heero sich hingezogen fühlte.

Das überraschte ihn, und das nicht zu knapp. Er hatte heute mit vielen Debütantinnen getanzt, aber zu keiner hatte er sich auch körperlich hingezogen gefühlt. Wie sollte er auch, schließlich empfand er nichts für Frauen. Hatte er noch nie und er war immer davon ausgegangen, dass es auch niemals passieren würde.

Doch diese junge Frau war anders. Heero konnte nicht einmal sagen wieso. Er kannte ihr Gesicht nicht, deshalb konnte er nicht behaupten er hätte sich in ihr schönes Aussehen verliebt. Das Kleid das sie trug war sehr schön, aber das musste ja auch nicht unbedingt etwas über die Trägerin aussagen. Sie war kleiner als er und schien eher zart gebaut - trotzdem war ihr Händedruck beim Tanz erstaunlich fest gewesen.

Aber all das erklärte immer noch nicht, wieso Heero sich plötzlich zu dieser Unbekannten hingezogen fühlte. Vielleicht war es das wunderschöne Haar - das einzig unverhüllte an seiner Tanzpartnerin - das ihn so in seinen Bann zog.

Aber all die Überlegungen waren sinnlos. Heero musste einfach akzeptieren, dass zwischen ihm und dieser Frau etwas vorging, das über eine reine Freundschaft hinausgehen könnte.

Heero war verwirrt. Noch vor ein paar Tagen hätte er diese Begegnung als Antwort auf all seine Probleme empfunden. Er hatte sich mit einer Ehe die nur auf dem Papier bestand abgefunden, war bereit gewesen dieses Opfer zu bringen um seinen Vater und das Volk nicht zu enttäuschen.

Das höchste auf das er zu hoffen wagte, war eine Ehefrau mit der er zumindest eine freundschaftliche Beziehung haben konnte. Eine Frau die ihn nicht bis aufs Blut hassen würde und mit der er zwar kein leidenschaftliches gemeinsames Leben haben konnte, aber zumindest ein zufriedenes.

Aber jetzt, jetzt schien es, als wenn er doch für eine Ehe geeignet wäre die aus mehr bestand.

Nur dass ihn diese Aussicht jetzt nicht mehr so sehr freute, wie sie es noch vor ein paar Tagen getan hätte. Denn es gab eine weitere Variante in dieser Gleichung die er nicht außer Acht lassen konnte. Da gab es Duo und er wollte den jungen Mann trotz allem nicht verlieren. Er war fest entschlossen Duo morgen zu bitten zu ihm zu kommen, mit ihm zusammen zu sein. Er war sich sicher, dass er Duo liebte und das konnte er nicht einfach auf sich beruhen lassen.

Doch, wo passte dann die junge Frau zu der er sich so seltsam hingezogen fühlte in dieses Bild? Wie sollte er das alles unter einen Hut bringen? Heero hielt sich nicht für so flatterhaft, verdammt er hatte sich in den letzten Jahren so gut wie nie für irgendjemand interessiert - und auch das waren nur sehr wenige und sehr kurze Momente gewesen. Da konnte es doch nicht sein, dass er sich jetzt innerhalb von zwei Tagen in zwei verschiedene Menschen verliebte, oder? Und dazu auch noch ein paar Tage davor jemand anderen sehr interessant zu finden.

Heero schüttelte innerlich den Kopf, nein dass war nicht möglich. Aber dann ging ihm etwas anderes auf, er hatte sich in die junge Frau nicht verliebt. Es war definitiv ein anderes, ein wesentlich schwächeres Gefühl, als das welches er für Duo empfand - aber dennoch mehr als er jemals für irgendeine Frau empfunden hatte.

Das war zumindest eine kleine Erleichterung für Heero. Trotzdem konnte er diese Frau nicht einfach beiseite schieben. Ja, er liebte Duo, aber sie war vielleicht seine einzige Chance überhaupt auf eine halbwegs normale Ehe. Er wusste zwar noch nicht, wie er das Duo beibringen konnte, oder wie er es schaffen sollte mit beiden zusammen zu sein. Aber die Staatsräson war leider wichtiger als sein eigenes Glück. Er würde irgendwann einmal der König sein, er brauchte eine Ehefrau und Erben. Und er würde das lieber mit dieser jungen Frau haben, für die er zumindest etwas empfand, als mit irgendeiner anderen.

Als Heero in seinen Gedanken endlich zu diesem Entschluss gekommen war, hatte er die junge Frau gebeten ihn zu heiraten. Was sollte er auch noch lang um den heißen Brei herum reden? Und während er sie fragte, hoffte er nur inständig, dass Duo es verstehen würde, wenn er es dem jungen Mann morgen erklärte. Vielleicht würde er Duo trotz allem dazu überreden können mit ihm zu kommen. Heero wusste zwar, dass es nicht gerade nett war, zwei Menschen gleichzeitig an sich zu binden, aber jetzt war alles noch zu neu und zu verwirrend. Vielleicht würde ihm mit ein wenig Abstand einfallen, wie er es schaffen sollte keinen von beiden zu verletzen.

Doch zu Heeros großem Erstaunen schien seine Tanzpartnerin von der Aussicht seine Braut zu werden alles andere als begeistert gewesen zu sein. Heero konnte sich nicht sicher sein, da dieser verdammte Schleier ihr Gesicht so veränderte, aber er meinte sogar einen traurigen Ausdruck zu sehen.

Auf seine hastige Nachfrage, ob sie ihm etwa einen Korb geben würde, hatte sie dann auch nur sehr höflich und ausweichend reagiert. Und dann hatte sie ihm diese drei Rätsel aufgegeben. Heero hatte diesen kryptischen Sätzen gelauscht konnte aber nicht den geringsten Sinn darin finden. Verwirrt und ratlos hatte er nur den Kopf geschüttelt. Er hatte nicht die geringste Ahnung, worauf sie da anspielte.

Dann hatte sie kurz geseufzt und war aus dem Saal gerannt. Ungläubig hatte Heero ihr hinterher gestarrt. Sie war tatsächlich vor ihm davon gerannt! Hatte noch etwas gesagt, nach dem Motto, dass sie ihn erst wieder sehen wollte, wenn er die Lösung des Rätsels kannte und war dann vor ihm geflohen. Denn anders konnte man es nicht nennen.

Heero hatte ihr verwundert nachgestarrt. Wieso hatte sie das getan? Sie hatten sich doch so wunderbar verstanden und wenn er sie nicht völlig falsch gelesen hatte, dann war sie auch an ihm interessiert gewesen. Kein vernünftiger Mensch rannte vor einem Antrag des Prinzen davon. Im Gegenteil, die meisten der anwesenden Debütantinnen würden sonst was veranstalten um diese Ehre zu erhalten. Er hatte ihr angeboten die zukünftige Königin zu werden und sie war davon gestürmt, weil er ein dummes Kinderrätsel nicht entziffern konnte!

Aber die Wut hielt sich nur für wenige Sekunden in Heero und etwas anders machte sich in ihm breit. Nämlich die Angst sie zu verlieren. Er kannte ihren Namen nicht, sie hatte sich die ganze Zeit geweigert ihn zu nennen. Und ohne Namen, noch dazu wo er ihr Aussehen nicht beschreiben konnte, würde er sie niemals wiederfinden können. Und das konnte er nicht zulassen. Sie war seine einzige Chance. In dem Moment wurde Heero klar, dass er wertvolle Zeit damit verschwendet hatte wie eine Statue mitten im Ballsaal zu stehen und schüttelte seine Erstarrung ab. Ohne groß nachzudenken, was seine Eltern oder die anderen Ballgäste davon halten würden, setzte er sich in Bewegung und rannte der Unbekannten hinterher.

Eines musste er ihr lassen, für ein zartes Mädchen hatte sie ein ganz schönes Tempo drauf. Heero war sich bewusst, dass seine Erstarrung nicht länger als ein paar Augenblicke angedauert hatte, trotzdem schien es so, als würde er sie nicht einholen können. Als er den Eingang zum Ballsaal erreicht hatte, konnte er gerade noch sehen wie ihr Schleier am Ende des langen Ganges um eine Ecke verschwand, aber das schien der Abstand zu sein, der zwischen ihnen blieb. Egal wie schnell Heero auch rannte.

Als Heero die Balustrade zur großen Außentreppe erreichte konnte er sehen, wie sie gerade die Stufen heruntereilte. Er wollte ihr schon hinterher rufen, aber da er nicht wusste, ob sie das nicht eventuell erst recht verscheuchen würde, ließ er es bleiben und rannte ihr lieber weiter hinterher.

Doch als er ungefähr die Mitte der Treppe erreicht hatte, konnte er von weiter unten das Klappern von Pferdehufen hören. Und eine Sekunde später sah er dann auch schon, wie die junge Frau, gehüllt in einen weiten seidenen Umhang, auf einem schwarzen Pferd in die Nacht preschte. Eines war klar, zu Fuß würde er sie jetzt nicht mehr einholen können.

Er wollte schon die Treppe wieder hinaufeilen, als er in den Augenwinkeln etwas Lilafarbenes auf einer der Stufen liegen sah. Ohne groß nachzudenken bückte er sich und hob einen Damenschuh hoch. Verwundert betrachtete Heero ihn, während er sich fragte, wie dieser wohl hierher gekommen war. Doch dann ging es ihm auf. Bei der Farbe des Schuhes musste er einfach zu der jungen Frau gehören, es passte einfach zu gut zum Kleid. Und sie war die einzige Frau, die hier herunter gelaufen war. Wahrscheinlich hatte sie in ihrer Hast den Schuh verloren und hatte ihn liegen gelassen. Heero blickte den Schuh böse an, es konnte doch wohl nicht sein, dass dies das einzige war, was ihm von der Unbekannten blieb, oder?

In dem Moment kamen auch Quatre und Trowa heftig atmend hinter ihm zum stehen. "Warum ist sie weg?" fragte Trowa. Quatre setzte ein, "Was ist passiert?" hinterher.

Doch Heero beachtete die Fragen seiner Freunde nicht weiter. Er würde sich nicht so schnell geschlagen geben. "Kommt mit, wir besorgen uns Pferde und folgen ihr," erklärte er deshalb. Doch als er sich schon umdrehen und in Richtung Stall rennen wollte, bemerkte er dass seine zwei Freunde die Pferde schon bei sich hatten.

Quatre grinste Heero an. "Hab ich mir doch gedacht, dass wir die noch brauchen erklärte er.

Ohne sich weiter groß aufzuhalten schwang Heero sich auf sein Pferd und galoppierte los. Er wartete nicht einmal lang genug um zu sehen, ob seine beiden Freunde ihm auch folgten, so sehr war seine Sorge er könnte die Unbekannte nicht wieder einholen.

Und wie es sich zeigte, war diese Sorge nicht einmal so unbegründet. So sehr Heero sich auch anstrengte, er konnte die junge Frau nicht einholen. Das Pferd das sie ritt schien ein wirklich schnelles Tier zu sein, selbst Wing hatte Mühe mit dem Rappen mitzuhalten, und die junge Frau selbst ritt wie der Teufel. Heero hatte noch niemals eine Frau so reiten sehen wie diese - selbst seine Schwester Hilde die praktisch im Sattel zuhause war, war keine so gute Reiterin.

Aber auch wenn Heero den Abstand zwischen sich und seiner Unbekannten nicht verkleinern konnte, so vergrößerte er sich immerhin auch nicht wesentlich. Solange er sie nur nicht aus dem Blick verlor, war noch nicht alles verloren. Irgendwann würde sie an ihrem Ziel ankommen und anhalten müssen, und dann würde Heero sie schon noch einholen.

Und dann schien die junge Frau tatsächlich ihr Ziel zu erreichen, denn Heero merkte wie sie sich einem Gutshof näherten. Die Unbekannte hielt genau auf das Tor des Hofes zu und verschwand dann darin. Das Tor fiel hinter ihr schwer ins Schloss, und Heero zügelte sein Pferd zu einem langsamen Trab und betrachtete das Gebäude forschend. Kannte er dieses Gut nicht? Irgendwie kam es ihm bekannt vor - genau wie die Gegend übrigens durch die sie vorhin geritten waren.

Mit einem Mal kam Heero die Erkenntnis. Er wusste jetzt, warum ihm die Gegend so bekannt vorkam. Er war ganz in der Nähe des Schuppens, in dem er Duo getroffen hatte! Und das bedeutete, dass der Gutshof vor ihm wohl das Anwesen war, welches zu dem Schuppen gehörte. Duo war da drin! Genau wie seine Unbekannte.

Heero zögerte. Wäre es vielleicht möglich, dass die unbekannte junge Frau mit Duo verwandt war? Eine Halbschwester etwa? Und würde das vielleicht diese seltsame Anziehung erklären, die Heero verspürt hatte? Weil sie Duo ähnelte? Aber würde diese Tatsache es für Heero eher leichter oder schwerer machen?

Wenn die Unbekannte tatsächlich Duos Schwester war, könnte es die Situation vereinfachen. Wenn die beiden gut miteinander auskamen, dann würden sie vielleicht mit dieser Dreieckssituation leben können. Andererseits, wenn die beiden sich nun bis aufs Blut hassten? Was wenn Heero sich zwischen ihnen entscheiden musste?

Heero brachte sein Pferd abrupt zum stehen. Diese Möglichkeit war sogar mehr als wahrscheinlich, völlig egal ob Duo und seine Unbekannte nun miteinander verwandt waren oder nicht. Wenn Heero von Duos Reaktion im Schuppen ausging, wenn er Duos absoluten Abscheu vor der Möglichkeit Heeros Mätresse zu werden bedachte, dann war es nicht abwegig anzunehmen, dass Duo Heero nicht teilen wollen würde. Mit niemandem.

Was also sollte Heero tun wenn Duo ihn vor die Entscheidung stellte? Duo oder die Unbekannte? Würde er Duo aufgeben können? Heeros Herz stockte allein bei dem Gedanken daran. Nein! Er würde Duo niemals aufgeben können, das wurde ihm jetzt klar. Was er für Duo empfand war so groß, so überwältigend dass Heero sich nicht vorstellen konnte, dieses Gefühl jemals zu verlieren. Sollte es also hart auf hart kommen und er sich entscheiden müssen, würde er sich für - Duo entscheiden.

Heero schloss die Augen und schluckte. Er wusste was seine Pflicht dem Königreich gegenüber war. Heiraten und einen Erben zeugen. Aber selbst wenn er diese junge Unbekannte heiratete und so seine Pflicht erfüllte, ohne Duo wäre das kein Leben. Dann würde Heero einfach nur so dahinexistieren, ohne Freude, ohne Glück, ohne einen Sinn in alledem zu sehen. Und das konnte sicherlich auch nicht gut für das Königreich sein, oder?

Aber es hatte keinen Sinn sich jetzt schon über Dinge Sorgen zu machen, die noch gar nicht geschehen waren. Bevor Heero überhaupt irgendeine Entscheidung treffen konnte, musste er erst einmal mit allen Beteiligten sprechen. Also öffnete er die Augen wieder, gab Wing die Sporen und ritt die letzten Meter bis zum Tor. Die Mission war noch immer die gleiche wie zuvor - die unbekannte Frau finden und mit ihr sprechen.

Am Tor angekommen sah Heero, dass seine beiden Freunde ihm offenbar gefolgt waren, denn sowohl Quatre als auch Trowa schlossen soeben zu ihm auf. Heero warf ihnen einen kurzen Blick zu, dann hob er die Faust und klopfte mehrmals an das große, geschlossene Tor. "Aufmachen!" rief er. "Heh, aufmachen!"

Nach einer Weile, die Heero wie eine Ewigkeit vorkam, öffnete sich schließlich die im Tor eingelassene Tür und ein älterer Mann steckte den Kopf heraus. "Schreit nicht so rum!" herrschte er Heero an. "Ihr weckt noch den ganzen Hof!"

Heero war ein wenig verblüfft über die barsche Art des Mannes, doch dann ging ihm auf, dass der andere in der Dunkelheit wohl nicht erkennen konnte, dass er den Prinzen vor sich hatte. "Verzeiht," sagte er deshalb. "Das war nicht meine Absicht."

Der Mann grummelte noch ein wenig vor sich hin, dann verengten seine Augen sich auf einmal abschätzend. Mit einem scharfen Blick maß er Heero von Kopf bis Fuß, dann sagte er, "Was wollt Ihr hier?"

Heero, der sich ob des prüfenden und teilweise sogar drohenden Blickes des Mannes - der kräftige Stock den dieser in der Hand hielt trug auch nicht gerade zu Heeros Beruhigung bei - sehr unwohl fühlte, versicherte schnell, "Wir sind mit guten Absichten gekommen."

"Und warum?" fragte der Mann unfreundlich.

Heero zögerte. Er hatte nicht wirklich Lust diesem unhöflichen Mann, einem Dienstboten, seine Geschichte zu erzählen. "Wer ist der Herr dieses Hauses?" fragte er deshalb.

"Kein Herr, eine Herrin," war die kurzangebundene Antwort des Mannes. "Die findet Ihr mit ihrer Tochter auf dem Königlichen Ball."

Heero runzelte die Stirn. Konnte es sein dass seine Unbekannte ihm doch mit all den anderen jungen Debütantinnen vorgestellt worden war, und er hatte es einfach nicht mitbekommen? Doch dann schüttelte er schnell den Kopf. Nein, keine der ihm vorgestellten jungen Frauen war verschleiert gewesen oder hatte ein Kleid in dieser Farbe getragen, und ganz sicher wäre keine der Frauen auf einem Pferd zum Ball geritten, wenn sie von ihrer Mutter begleitet worden wäre. Das schickte sich einfach nicht. Überhaupt, überlegte Heero plötzlich, wieso war die Unbekannte allein auf den Ball gekommen? Die Geschichte wurde immer undurchsichtiger.

"Was habt Ihr hier zu suchen?" wiederholte der Mann seine ursprüngliche Frage als Heero weiterhin schwieg.

"Die junge, unbekannte Edeldame die hier eben hineingeritten ist," antwortete Heero.

Der Mann starrte ihn eine Sekunde an, dann antwortete er, "Edeldame? Geritten?" Offenbar musste der Mann sich mit Mühe das Lachen verkneifen.

"Jawohl," erwiderte Heero steif. "Sie ist gerade vor mir reingeritten!"

"Ihr müsst Euch irren, Prinz," erwiderte der Mann. "Wir haben hier keine reitenden Edeldamen."

Heero warf dem Mann einen scharfen Blick zu. Woher wusste er dass Heero der Prinz war? Hier im Dunkeln, direkt unter dem Torbogen war Heero unmöglich zu erkennen, schon gar nicht von jemandem der ihn gar nicht kannte. Wusste der Mann etwa doch etwas über die Frau von der Heero redete und wollte es ihm nur nicht sagen? Denn von wem sonst hätte der Mann erfahren können, wer Heero war. "Woher wisst Ihr dass ich der Prinz bin?" fragte er den Mann deshalb.

"Euer Pferd," erwiderte der Mann lakonisch.

Heero sah auf Wing hinab. Oh. Daran hatte er nicht gedacht, aber Wing war tatsächlich ein sehr auffälliges Tier, und es war weithin bekannt dass das Pferd des Prinzen ein großer Apfelschimmel war.

"Wie auch immer," fuhr der Mann fort, "hier werdet Ihr keine Edeldame finden. Vielleicht solltet Ihr besser am Morgen zurückkehren, wenn die Herrin wieder da ist."

Heero runzelte die Stirn, doch bevor er etwas darauf erwidern konnte, beugten sich Quatre und Trowa zu ihm rüber.

"Das wäre vielleicht das beste," meinte Trowa.

"Wir finden sie bei Nacht sowieso nicht," setzte Quatre hinzu.

"Nein," Heero schüttelte den Kopf. "Ich muss sie finden." Dann wandte er sich wieder an den Mann, der noch immer an der Tür stand und ihn neugierig ansah. "Seid Ihr euch wirklich sicher?" fragte er erneut. "Ich habe zwar ihr Gesicht nicht gesehen, aber sie hatte langes, kastanienfarbenes Haar und ist auf einem schwarzen Pferd geritten. Und ich habe hier ihren Schuh." Heero hielt den Schuh hoch den er auf der Treppe gefunden hatte.

Die Augen des Mannes weiteten sich, und Heero hätte schwören können, er hätte so etwas wie Schock im Blick des anderen gesehen. Doch er war sich nicht sicher, dazu war es zu dunkel unter dem Torbogen. Der Mann fuhr sich mit einer Hand grübelnd über das Kinn, murmelte, "Ein schwarzes Pferd, soso," und maß Heero erneut mit einem dieser seltsamen, prüfenden Blicke von Kopf bis Fuß.

Dann schien der Mann zu einer Entscheidung gekommen zu sein, denn er verschwand wieder im Inneren des Gutes, und kurz darauf wurde das Tor von innen geöffnet. Heero und seine beiden Freunde ritten hinein.

Drinnen angekommen sprang Heero vom Pferd, band es an einen Pfosten. Quatre und Trowa taten es ihm gleich.

Der Mann, der sie am Tor empfangen hatte, war inzwischen herangekommen. "Mein Name ist Howard," sagte er mit einer kleinen Verbeugung in Heeros Richtung.

Heero winkte ungeduldig ab. "Ihr wisst also von wem ich rede, ja?" rief er ungeduldig.

"Ich glaube schon," erwiderte Howard.

Heero runzelte die Stirn. "Ihr glaubt? Lebt die junge Frau jetzt hier oder nicht?"

Howard verzog sein Gesicht. "Das ist… nicht so einfach zu beantworten," sagte er schließlich.

Heero starrte ihn nur verständnislos an. "Was meint Ihr damit?" fragte er.

"Glaubt mir Prinz, ich wünschte ich könnte Euch diese Frage einfach so beantworten, aber wenn ich mich irre…" Der Mann zögerte einen Moment. "Wenn ich mich irre, dann könnte das unangenehme Konsequenzen haben - für alle Beteiligten."

Heero schüttelte den Kopf. Je mehr Howard von sich gab, desto unverständlicher wurde es. Wovon sprach der Mann eigentlich? Was für unangenehme Konsequenzen?

Schließlich schüttelte Howard den Kopf und sagte, "Am besten Ihr findet es selbst heraus. Kommt." Er winkte Heero zu ihm zu folgen und lief auf eines der Gebäude zu.

"Wartet!" rief Heero ihm hinterher. "Wo gehen wir hin?"

"Wir gehen zu jemandem, der Euch Eure Fragen vielleicht beantworten kann," war Howards kryptische Antwort.

"Und wer ist das?" fragte Heero

"Duo," antwortete Howard und blickte kurz über seine Schulter zu Heero zurück.

Heero stockte mitten im Schritt? Duo??? Also hatte er Recht gehabt mit seiner Vermutung dass Duo auf diesem Hof lebte. Aber wieso sollte Duo ihm seine Fragen beantworten können? Nicht dass Heero Duo nicht wieder sehen wollte, das wollte er, sehr sogar, aber wieso brachte Howard ihn zu Duo, wenn er den älteren Mann doch wegen der jungen Frau befragt hatte? Wieso brachte er ihn stattdessen nicht zu der Unbekannten selbst?

"Duo?" fragte in diesem Moment Trowa an Heeros linker Seite erstaunt.

"Ist das nicht…" fügte Quatre hinzu, doch Heero wartete die Frage nicht ab. Mit einem Ruck riss er sich aus seiner Erstarrung. Völlig egal dass er im Moment keine Ahnung hatte, wie das alles zusammenhing, Howard wollte ihn zu Duo führen, und diese Aussicht beflügelte Heeros Schritte geradezu. Dicht gefolgt von seinen beiden Freunden lief er auf Howard zu, der abwartend im Türrahmen stehen geblieben war. Keiner der vier bemerkte den Schlitten, der schon vor einer ganzen Weile still in den Hof gefahren war und dessen Insassen, die ihnen gebannt gelauscht hatten.

Gerade als sie das Gebäude betreten wollten, hörte Heero ein Pferd aufgeregt wiehern. Offenbar hatte auch Howard das Tier gehört, denn der Mann stockte mitten im Schritt und legte den Kopf schief. "Der Stall!" sagte er plötzlich, drehte sich um und eilte an Heero vorbei zu einem der anderen Gebäude. Heero blickte ihm eine Sekunde lang verwirrt hinterher, dann folgte er ihm einfach.

Im Stall eilte Howard sofort zur hintersten Box, und als Heero bei ihm ankam, entdeckte er ein schwarzes Pferd, das darin stand. Aber nicht irgendein Pferd, es war das Pferd seiner unbekannten Tanzpartnerin! Ja, es war sogar noch gesattelt und ganz nass von dem schnellen Ritt!

"Das ist das Pferd!" rief Heero und blickte sich suchend um, in der Hoffnung die Reiterin noch irgendwo entdecken zu können.

Howard warf ihm schon wieder einen merkwürdigen Blick zu, dann streichelte er den Kopf des Pferdes, das ihn spielerisch und offenbar auf der Suche nach einer Leckerei anstupste. "Na Shini, was habt ihr beide heute Nacht denn wieder angestellt?" hörte Heero den Mann murmeln, doch er achtete gar nicht darauf. Das hier war der Beweis, die junge Frau stammte ganz offensichtlich von diesem Gut hier!

"Was geht hier vor?" fragte er Howard ungeduldig.

Howard seufzte nur, dann sagte er, "Kommt, ich bringe Euch jetzt zu Duo."

Er verließ den Stall wieder, erneut gefolgt von Heero und seinen beiden Freunden, und diesmal betraten sie das Haupthaus auch wirklich. Stumm folgten sie Howard eine schmale Treppe hinauf in das oberste Stockwerk. Oben angekommen öffnete Howard eine schmale Tür und betrat die kleine Kammer, die dahinter lag.

Heero blickte sich forschend um. Hier lebte Duo also? Wenn Quatre Recht hatte mit seiner Vermutung, dass Duo der illegitime Sohn des Hausherrn war, dann war dieses Kämmerlein wirklich ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr die Hausherrin ihn verabscheute. Ein so winziges Zimmer mutete man normalerweise noch nicht einmal dem niedrigsten aller Dienstboten zu.

Aber er hatte im Moment andere Sorgen als sich über Duos Zimmer aufzuregen. Denn das kleine Kämmerchen war absolut leer. Hier war kaum genügend Platz für Heero und Howard - Quatre und Trowa hatten sogar draußen auf der Treppe warten müssen weil sie nicht hinein passten - das Duo sich hier irgendwo versteckt hielt war völlig unmöglich.

Während Heero sich noch ratlos umsah bückte Howard sich plötzlich und hob etwas vom Boden auf. Als er es hochhielt sah Heero, dass es sich um das violette Seidentuch handelte, das die Unbekannte auf dem Ball vor ihrem Gesicht getragen hatte.

Heero nahm Howard das Tuch aus der Hand und starrte es an. Diese ganze Geschichte wurde immer verworrener und verworrener. Aber eins war klar - Duo war nicht hier oben, und deshalb drehte Heero sich um und eilte die Treppe wieder hinunter. Unten angekommen lief er wieder hinaus auf den Hof - er wusste zwar nicht wo er jetzt Duo finden sollte, doch dort drinnen auf gar keinen Fall.

Als er draußen ankam entdeckte Heero einen Schlitten mit einem davor gespannten Pferd, der mitten auf dem Hof stand und offenbar auf jemanden wartete. Und im nächsten Moment öffnete sich auch schon die Tür eines Gebäudes und Heeros unbekannte Tanzpartnerin kam herausgehuscht und eilte auf den Schlitten zu, dicht gefolgt von einer weiteren Frau. Zumindest nahm Heero an dass es sich um seine Unbekannte handelte, denn die junge Frau trug dasselbe Kleid und war in denselben Umhang gehüllt, auch wenn sie die Kapuze hochgezogen hatte und Heero so weder ihr Gesicht noch ihre Haare sehen konnte.

Sofort rannte Heero zum Schlitten hinüber - seine unbekannte Tanzpartnerin saß bereits drin und sie konnte jeden Moment losfahren! - doch die andere Frau machte einen Schritt auf ihn zu und stoppte ihn zwei Schritte vor der Kutsche.

"Halt!" rief die Frau und hielt beide Hände hoch.

Heero kam schlitternd zum stehen. "Ich bin also doch nicht umsonst gekommen," sagte er zu der Frau. "Noch einmal lass ich sie nicht entwischen."

"Aber…" machte die Frau, "… wir wissen überhaupt nicht, warum Ihr hierher gekommen seid."

"Ich wollte sie finden," sagte Heero und versuchte über die Schulter der Frau hinweg einen Blick auf die Unbekannte zu werfen.

"Und warum habt Ihr sie gesucht?"

Heero starrte die impertinente Frau böse an. Was ging sie das bitteschön an? "Ich muss mit ihr sprechen. Über wichtige Dinge, die auch sie betreffen," antwortete er kalt.

"Was hindert Euch daran?" fragte die Frau scheinheilig, verstellte Heero aber immer noch den Weg.

Heero warf ihr einen misstrauischen Blick zu. "Zeigt mir ihr Gesicht," forderte er sie auf. Gut, er hatte das Gesicht seiner Unbekannten selbst noch nie gesehen, aber das konnte diese Frau schließlich nicht wissen, und sollte sie versuchen ihn hereinzulegen, so könnte er sie so entlarven.

"Warum?" fragte die Frau schnell.

"Damit ich sie erkennen kann," log Heero unverfroren.

"Sie trägt alles wie auf dem Ball," erwiderte die Frau. "Das Kleid, den Schleier -"

"Aber warum spricht sie nicht mehr?" unterbrach Heero sie. Er glaubte immer weniger dass das hier seine unbekannte Tanzpartnerin war - wieso sollte diese Frau hier ihm sonst so ausweichend antworten - aber er würde dennoch auf Nummer Sicher gehen und es auch wirklich überprüfen.

"Erst wenn Ihr ihr den Verlobungsring an den Finger steckt," erwiderte die Frau frech.

Heero starrte sie kalt an. Wie kam diese Person dazu? Für diese impertinente Forderung allein könnte Heero sie schon in den Kerker werfen lassen. Mal ganz davon abgesehen, dass er selbst wenn das Mädchen tatsächlich seine Unbekannte war, ihr nicht einfach so einen Verlobungsring anstecken würde. Nicht bevor er nicht mit Duo und dem Mädchen selbst gesprochen hatte.

"Den Schuh probieren," raunte auf einmal eine Stimme in Heeros Ohr, und als Heero einen Blick über die Schulter warf, erkannte er dass Howard, Quatre und Trowa ihm zum Schlitten gefolgt waren und der Unterhaltung mit Spannung lauschten.

Howard war derjenige gewesen, der Heero soeben die Idee mit dem Schuh zugeraunt hatte - und dem Ausdruck auf dem Gesicht des Mannes zu urteilen wusste dieser etwas, was Heero nicht wusste. Aber er hatte jetzt keine Zeit Howard auszufragen, und da er nicht vorhatte sich einfach so mit jemandem zu verloben, den er nicht kannte, erschien ihm Howards Methode zur Identifizierung genauso gut wie jede andere.

"Möchte sie nicht wenigstens ihren Schuh zurück?" fragte Heero deshalb und holte den Schuh hervor, den er in seinen Umhang gesteckt hatte. "Es muss doch sehr unbequem sein mit nur einem Schuh." Jetzt würde Heero gleich sehen ob der Schuh passte, und wenn nicht…

"Sie hat bereits andere Schuhe angezogen," wich die Frau schnell aus.

Heero hob eine Augenbraue. "Wenn ihr der Schuh passt, dann… bekommt sie den Ring," sagte er schließlich.

Die Frau starrte den Schuh eine Sekunde lang an, dann sagte sie, "Begreift Ihr denn nicht? Sie schämt sich."

Heero sah die Frau ungläubig an. Das Mädchen schämte sich? Dann konnte das hier unmöglich seine Unbekannte sein, denn die Frau mit der er getanzt hatte war alles andere als ein schüchternes, verschämtes Fräulein gewesen! Und außerdem, wofür sollte sie sich schon schämen?

"Wollt Ihr sie nun heiraten oder nicht?" fragte die Frau auf einmal mit scharfer Stimme.

"Erst wenn sie den Schuh probiert hat," sagte Heero.

Mit einem unwilligen Schnauben nahm die Frau den Schuh aus Heeros Hand, doch statt ihn dem Mädchen zu geben damit diese ihn anprobierte, stieg die Frau in den Schlitten, rief dem Kutscher "Los!" zu, und daraufhin setzte sich der Schlitten in Bewegung und verschwand durch das Hoftor.

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Quatre beobachtete wie der Schlitten sich in Bewegung setzte und den Hof verließ. Sein Freund Heero starrte dem Gefährt kurz nach, dann drehte er sich um und schwang sich auf sein Pferd. "Ich werde ihnen hinterher reiten," erklärte er.

"Ich glaube nicht, dass das dort in dem Schlitten deine Tanzpartnerin ist," erklärte in dem Moment Trowa ruhig.

Heero zuckte nur mit den Schultern. "Ich glaube es ehrlich gesagt auch nicht. Aber ich kann sie auch nicht so einfach davon fahren lassen. Sie trägt zumindest ihre Kleider, wenn sie es nicht ist, dann werden mir die beiden Frauen Rede und Antwort stehen. Ich werde schon herausfinden wo sie ist."

"Aber Heero, wieso bist du eigentlich so hinter dieser Frau hinterher?" fragte jetzt Quatre neugierig. Er hatte zwar auf dem Ball schon mitbekommen, dass sich sein Freund zu dieser Fremden hingezogen fühlte, aber es passte nicht so wirklich in sein Bild von Heero, dass dieser jetzt der jungen Frau hinterher jagte. "Was ist mit Duo? Wolltest du nicht ihn..."

Doch Quatre kam nicht dazu seine Frage zu Ende zu stellen, denn Heero unterbrach ihn hastig. "Natürlich will ich Duo noch an den Hof holen! Ich muss mit ihm reden. Bitte findet ihn und bringt ihn zum Schloss. Howard hier weiß vielleicht wo sich Duo aufhält." Und mit diesen Worten gab Heero Wing die Sporen und galoppierte dem Schlitten hinterher.

Quatre schaute seinem Freund stirnrunzelnd nach. Wusste Heero eigentlich, wen er jetzt wollte? Scheinbar nicht. Quatre seufzte. Aber er würde versuchen alles so zu arrangieren, wie Heero es wollte. Deshalb drehte er sich zu dem alten Diener um. "Also, wo finden wir diesen Duo?"

"Das werde ich euch nicht verraten," erklärte der Mann schlicht.

Quatre blieb der Mund offen stehen. So eine Unverfrorenheit hatte er noch nicht erlebt. "Ihr habt den Prinzen gehört, er möchte dass Ihr uns zu diesem Duo führt."

"Jungchen, ich werde mich jetzt erst einmal um Shini kümmern. Das arme Pferd ist noch immer gesattelt und nass geschwitzt. Ich kann ja nicht zulassen, dass dem Hengst was geschieht."

Jungchen, der Mann hatte ihn tatsächlich Jungchen genannt! Quatre war etwas verwirrt. "Aber was ist mit Duo?" fragte er noch einmal.

Der Diener schaute ihm direkt in die Augen. "Ich werde euch nicht zu ihm führen. Das letzte Mal, als euer Prinz in Duos Nähe war, war Duo hinterher am Boden zerstört. Und deshalb werde ich nicht zulassen, dass ihr beide ihn einfach so zum Palast bringt, als wäre er ein Verbrecher."

"Aber…" Quatre wusste nicht was er sagen sollte, eine sehr ungewöhnliche Situation. Es schien fast so, als wenn der Diener in das Geheimnis zwischen Heero und Duo eingeweiht wäre, aber Quatre war sich bei dieser Einschätzung doch nicht sicher genug um. Vielleicht interpretierte er das gesagte nur falsch und wenn er dem Mann jetzt erklären würde dass Heero nur ehrliche Absichten mit Duo hatte, dann könnte er ungewollt ein Geheimnis lüften.

"Nichts aber. Ich werde nicht zu Duo gehen, solange ihr zwei noch hier auf dem Hof seid. Aber ich verspreche eines, wenn Ihr hohen Herren jetzt das Gut verlasst, dann werde ich Duo ausrichten, dass der Prinz nach ihm sucht. Dann kann Duo selbst entscheiden, ob er zum Schloss gehen will, oder nicht."

Quatre sah zu Trowa herüber, der auch nur hilflos mit seinen Schultern zuckte. Es sah nicht so aus, als wenn sie irgendwelche weitergehende Informationen aus dem störrischen Mann herausholen könnten. Es wäre nur verschwendete Liebesmühe. Vielleicht war es doch besser, jetzt zurück zum Schloss zu reiten. Es könnte vielleicht auch nichts schaden, wenn sie dem König und der Königin Bericht erstatteten.

Deshalb nickte Quatre und sagte, "In Ordnung, wir tun was Ihr verlangt. Aber Ihr werdet dann auch mit Duo reden."

"Und richtet ihm aus, dass Heero es ernst meint," fügte Trowa hinzu.

Howard nickte. "Das werde ich tun," sagte er, dann drehte er sich grummelnd um und ging in Richtung Stall.

Quatre schaute Trowa fragend an, aber der zuckte nur erneut mit den Schultern und schwang sich in seinen Sattel. Quatre tat es ihm nach, es war klar, dass sie hier nichts mehr ausrichten konnten. Und so ritten sie zurück zum Schloss.

Dort angekommen versorgten sie als erstes ihre Pferde. Dabei sagte Quatre, "Ich versteh wirklich nicht, wieso Heero jetzt so sehr hinter dieser Frau her ist. Er wollte doch morgen mit Duo reden und ihm anbieten hierher zu kommen. Es muss ihm doch klar sein, dass Duo es gar nicht gern sehen wird, wenn Heero sich gleichzeitig eine Frau nimmt. Noch dazu eine, die scheinbar vom gleichen Gut stammt wie er, vielleicht sogar mit ihm verwandt ist." So wie Heero diesen Duo beschrieben hatte, konnte es gut sein, dass Heero sich für einen derartigen Vorschlag erneut eine schallende Ohrfeige einfangen würde.

Trowa drückte sympathisch seine Schulter. "Quatre, ich glaub Heero weiß im Moment selbst nicht was hier abläuft. Wahrscheinlich ist seine Idee alle Beteiligten hierher zu bringen und dann in Ruhe mit ihnen zu reden noch nicht einmal die schlechteste. Wir operieren eigentlich nur mit Annahmen und Vermutungen, sollen die drei das doch gemeinsam klären."

"Aber ich mag es gar nicht, wenn etwas nicht nach meinem Plan abläuft," ereiferte sich Quatre. "Und mich so hilflos zu fühlen mag ich auch nicht."

Trowa lachte kurz. "Heero wird schon das richtige tun. Vertrau auf unseren Freund. So wie er wegen diesem Duo gelitten hat wird er nicht alles wegen einer interessanten Tanzpartnerin hinwerfen. So leichtfertig und oberflächig ist Heero nicht."

Quatre nickte, es blieb ihm wohl auch nichts weiter übrig als hier der Dinge zu harren, die da noch kommen würden.

Plötzlich hörte er wie sich jemand hinter seinem Rücken räusperte. Quatre warf erst einen kurzen Blick zu Trowa - der genauso erstaunt drein sah wie er, schließlich hatten sie nicht erwartet hier im Stall um diese Uhrzeit auf jemanden zu treffen. Doch als sie sich dann gemeinsam umdrehten musste Quatre schwer schlucken. Ihnen gegenüber stand Lady Dorothy in ihrem roten Kleid und blickte sie beide mit einem wissenden Lächeln an. Quatre musste unbewusst schlucken, während er an seine erste deprimierende Begegnung mir ihr auf dem Ball zurück dachte.

"Meine Herren," verkündete sie mit dem gleichen Lächeln und einem befehlsgewohnten Unterton in der Stimme. "Auf ein Wort." Und damit hakte Lady Dorothy sich bei Quatre und Trowa unter und führte sie aus dem Stall.

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Heero galoppierte hinter dem Schlitten her. Zumindest bei dieser Verfolgungsjagd schien er erfolgreich zu sein, denn trotz des guten Vorsprungs den der Schlitten am Anfang hatte, holte Heero ziemlich rasch auf. Kein Wunder, Wing war das schnellste Pferd überhaupt und in dem Schlitten befanden sich drei Personen. Und da es so langsam auch wieder hell wurde, konnte er sein Ziel auch immer gut im Auge behalten.

Immer wieder konnte Heero das Knallen der Peitsche hören, der Kutscher trieb die Pferde bis zum Äußersten an, aber das besorgte Heero gar nicht, denn so würden die Pferde noch schneller ermüden.

Inzwischen hatten sie schon einen ziemlich weiten Weg zurückgelegt, aber der Abstand wurde immer kürzer. Heero wusste, dass es nur noch eine Frage der Zeit war bis er sie eingeholt hatte. Und dann würde er den Kutscher zwingen anzuhalten und er würde die Matrone zwingen ihn direkt mit dem verschleierten Mädchen reden zu lassen. Irgendwie wusste Heero genau, dass er sofort erkennen würde ob sie die Richtige war oder nicht. Von der Schuhprobe einmal ganz abgesehen.

Als Heero den Schlitten fast schon erreicht hatte, passierte das Unglück. Heero konnte nur vermuten, dass der Kutscher eine Unebenheit im Boden nicht erkannt hatte, aber wie dem auch sei, der Schlitten wurde plötzlich auf der linken Seite angehoben.

Etwas, das bei einer geringeren Geschwindigkeit nicht weiter tragisch gewesen wäre, führte jetzt zu einer kleinen Katastrophe. Der Schlitten verlor seine Haftung und wurde zur Seite geschleudert. Die Frauen und der Kutscher schrieen entsetzt auf.

Der Unfall hätte sehr böse enden können, immerhin lag der Schlitten jetzt auf dem Kopf im halbgefrorenen Fluss und die Wucht des Aufpralls hatte dafür gesorgt, dass die Deichsel gebrochen war so dass die aufgescheuchten Pferde auf und davon rannten.

"Stehen bleiben ihr Gäule," schrie der Kutscher, der es noch rechtzeitig geschafft hatte sich mit einem Sprung von der Kutsche vor dem Sturz ins kalte Wasser zu retten. Er hing in einer Baumkrone fest und versuchte sich freizukämpfen.

Jetzt bemerkte Heero auch das schrille Geschrei der zwei Frauen und sah, dass sie nicht so glücklich gewesen waren. Zusammen mit der Kutsche waren sie in dem Wasser gelandet und riefen um Hilfe.

Heero stoppte Wing und sprang in aller Eile von seinem Hengst. So wie er die Situation erfasste, hätte es viel schlimmer kommen können. Das Gewässer schien nicht sehr tief zu sein, denn die Frauen konnten stehen. So mussten sie wohl nur vor einer Lungenentzündung gerettet werden, nicht aber vor dem Tod durch ertrinken.

Heero sprang auf den umgestürzten Schlitten und reichte der jungen Frau seine Hand. "Nehmt meine Hand, ich zieh Euch heraus," versicherte er dem panisch schreienden Mädchen.

Sie schrie und klammerte sich an ihm so fest, dass er sie fast nicht aus dem Wasser bekam, aber nach einer schier unendlichen Weile hatte er es geschafft und sie war auf gleicher Höhe mit ihm. Wenn sie sich jetzt etwas an dem Schlitten abstützen könnte, dann wäre es ein leichtes für ihn, sie in Sicherheit zu ziehen.

Doch gerade in dem Moment wurde ihm klar, dass er ihr direkt ins Gesicht sehen konnte. Und Heero wusste instinktiv, dass dies nicht die Unbekannte vom Ball sein konnte. Zwar hatte er deren Gesicht nicht gesehen, aber diesen dümmlichen Gesichtsausdruck konnte er sich im Leben nicht bei seiner Tanzpartnerin vorstellen.

Ohne groß Nachzudenken schob Heero die Kapuze des Umhangs noch weiter zurück. Dunkelblondes Haar stach ihm ins Auge und jetzt wusste er mit absoluter Sicherheit, dass es nicht seine Tanzpartnerin war. Außerdem konnte er das Gesicht dieser Betrügerin besser sehen und erkannte die eine dumme Pute vom Ball wieder, wegen der er sich mit seinem Vater gestritten hatte. "Du bist nicht die richtige," erklärte er deshalb angewidert. "Sag mir wo sie ist, oder ich schwöre dass ich dich in den Tümpel zurückwerfen werde."

Das Mädchen starrte ihn mit großen Augen an, schien aber nicht in der Lage zu sein ihren Mund aufzumachen und zu sprechen. Deshalb ließ Heero sie ein paar Zentimeter tiefer sinken um ihr etwas Angst zu machen.

Sie schrie wieder in den höchsten Tönen auf. Die Matrone hatte sich inzwischen von selbst an den Schlitten vorgekämpft und hielt sich jetzt an den Kufenstreben fest. "Ihr solltet froh sein meine Relena zu bekommen! Sie ist zumindest eine Frau und nicht so eine Missgeburt wie dieser Duo!"

Und in dem Moment wurde Heero plötzlich alles klar. Er schalt sich selbst einen Idioten, dass er die Zusammenhänge nicht früher erkannt hatte. Aber es half nichts über vergossene Milch zu jammern. Er musste zu Duo. "Wo habt Ihr ihn versteckt?" herrschte er beide Frauen an. Und als er nicht sofort eine Antwort bekam, schüttelte er die junge Frau solange bis sie wieder kreischte.

"Wir haben ihn in den Keller gesperrt. Aber so wie ich diesen Mistkerl einschätze hat er sich schon selbst befreit."

Er wusste wo Duo war, das war alles was zählte. Mit einem so tiefen Abscheu wie Heero ich noch nie in seinem Leben gespürt hatte, stieß er die junge Frau zurück in das Wasser. Mit Befriedigung konnte er sehen, dass sie so unglücklich auf die ältere Frau fiel, dass diese die Strebe loslassen musste und auch wieder gänzlich im kalten Wasser landete. Nun, es würde sie nicht töten und Heero hatte jetzt wahrlich wichtigere Dinge im Kopf.

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Duo krabbelte in den Haufen Stroh und rollte sich zu einer kompakten Kugel zusammen. Ihm war kalt, was zum einen an seiner spärlichen Bekleidung lag - Lady Agatha hatte sich nicht wirklich die Mühe gemacht ihm warme Kleidung zu geben bevor sie ihn gefesselt im Keller zurückgelassen hatte.

Der andere, weitaus größere Grund dafür dass Duo unaufhörlich zitterte war der Verlauf des heutigen Abends. Was hatte er sich doch für große Hoffnungen gemacht als er zum Ball aufgebrochen war! Er hatte von einer glücklichen Zukunft an Heeros Seite geträumt, davon diesem elendigen Dasein unter Lady Agathas Knute endgültig zu entfliehen.

Duo unterdrückte mit Mühe das Schluchzen das ihm in der Kehle festsaß. Obwohl er sich doch vorgenommen hatte, endlich der Realität ins Auge zu sehen und keine so hochtrabenden Träume mehr zu haben, war er dennoch wieder in seine alten Verhaltensweisen zurückgefallen. Und umso härter war diesmal auch der Aufprall auf dem Boden der Tatsachen gewesen.

Deshalb hatte Duo sich auch so gut wie gar nicht gewehrt als Lady Agatha und Relena ihn in seinem winzigen Zimmer überfallen hatten. Hatte fast teilnahmslos das Kleid ausgezogen, sich von Lady Agatha in den Keller zerren und dort festbinden lassen. Es war ihm sowieso schon alles egal gewesen.

Nachdem Lady Agatha dann zusammen mit Relena verschwunden war, hatte Duo keine Sekunde gezögert sich von seinen Fesseln zu befreien - nur weil er tiefunglücklich war hieß das noch lange nicht, dass er auch im Keller sitzen und sich dort den Tod holen musste. Mal ganz davon abgesehen dass Lady Agatha wahrscheinlich noch niemals zuvor in ihrem Leben einen Knoten geknüpft hatte - die Seile waren praktisch fast von allein abgefallen.

Als Duo dann schließlich dem Keller entkommen war, war er nicht zurück in sein Zimmer gegangen. Er konnte draußen auf dem Hof immer noch die Stimmen von Lady Agatha und Heero hören - und das waren zwei Personen, denen er gerade in diesem Moment nicht hatte begegnen wollen. Also hatte er sich hinten rausgeschlichen und war sofort zu seinem Schuppen gerannt.

Und jetzt lag er also hier, die Haare noch immer zu dieser komplizierten Hochsteckfrisur gewunden und nur in Unterhemd und Unterrock gehüllt - wenigstens diese Demütigung hatte Lady Agatha ihm erspart und ihn nicht gezwungen, sämtliche Kleidungsstücke abzulegen - und starrte blicklos vor sich hin. Und versuchte sich davon zu überzeugen, Heero zu vergessen.

Duo schloss gepeinigt die Augen. Doch wie sollte er das tun? Wie konnte er das tun? Heero war alles was er sich jemals gewünscht hatte, Heero war wunderbar, Heero war umwerfend, Heero war… offenbar nicht für Duo bestimmt. Duos Zittern wurde noch heftiger und er rollte sich noch fester zusammen.

Heero war so sehr von seiner unbekannten Tanzpartnerin eingenommen gewesen, dass er sie sogar verfolgt, ihr sogar nachgeritten war. Und egal wie sehr Duo Shinigami auch angetrieben hatte, er hatte den Prinzen nicht abschütteln können. Was alles nur an diesem dreimal verfluchten Damensattel lag, Duo war sich da sicher. Hätte er einen sichereren Halt auf Shini gehabt, Heero hätte ihn niemals einholen können.

So aber war Heero ihm hierher bis auf das Gut gefolgt, und jetzt hatte Relena Duos Kleid, und da Heero auf dem Ball niemals Duos Gesicht gesehen hatte, konnte es gut möglich sein dass Lady Agatha es schaffte ihn davon zu überzeugen, dass Relena dessen unbekannte Tanzpartnerin gewesen war.

Duo seufzte. Noch vor zwei Stunden hätte er beim bloßen Gedanken einer Verbindung zwischen Heero und Relena Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um es zu verhindern. Jetzt jedoch… Duo hatte einfach nicht mehr die Energie irgendetwas zu tun. In den letzten Tagen hatte er wirklich alles versucht, hatte unglaubliche Mühen auf sich genommen, ja hatte sogar die Hilfe zweier Zaubernüsse gehabt, aber es hatte trotzdem alles nichts genutzt. Heero war ihm ferner denn je.

"Duo?" Ein Klopfen ertönte an der Falltür von Duos Versteck. "Duo, bist du hier?" Dann öffnete sich die Falltür und Howard steckte seinen Kopf hinein. "Duo?" fragte er erneut, und als Duo sich nicht rührte - er hoffte dass Howard ihn nicht sehen und wieder gehen würde - kletterte Howard vollends die schmale Leiter hinauf, schloss die Falltür hinter sich wieder und kam zu Duos Strohhaufen hinüber.

Duo rührte sich noch immer nicht. Mit geschlossenen Augen und zu einer festen Kugel zusammengerollt hoffte er noch immer, dass Howard einfach gehen und ihn in Ruhe lassen würde.

Doch der ältere Mann tat ihm diesen Gefallen nicht. Stattdessen ließ er sich seufzend neben Duo ins Stroh fallen. "Duo?" wiederholte Howard und legte eine Hand auf Duos Schulter.

"Der Prinz war eben hier," sagte Howard schließlich, als ihm wohl klar wurde dass Duo ihm nicht antworten würde. "Er hat nach dir gefragt."

Duo schnaubte. Von wegen, Heero hatte vielleicht nach seiner Unbekannten gefragt, aber sicherlich nicht nach Duo.

"Oh doch, das hat er," beantwortete Howard Duos ungläubiges Schnauben. "Nachdem ich ihm gesagt habe dass du hier lebst konnte er es kaum erwarten dich zu finden."

"Du hast WAS?" Duo öffnete die Augen und setzte sich abrupt auf.

"Ah," machte Howard und lächelte leicht. "Dachte ich mir doch dass das eine Reaktion hervorruft."

"Warum hast du das denn getan?" Duo war kurz davor die Hände zu ringen.

"Was hätte ich denn tun sollen?" gab Howard zurück. "Dein Prinz kommt hier an, fragt nach einer jungen Frau, deren Beschreibung zufällig genau auf dich passt und die auf einem Pferd geritten ist, das nur Shinigami sein konnte. Hätte ich etwa zulassen sollen dass dein Prinz den ganzen Hof aufweckt? Wäre dir das tatsächlich lieber gewesen? Das alle hier von dieser Sache erfahren?"

Duo starrte den älteren Mann an. "Nein," meinte er schließlich kleinlaut. "Und er ist nicht mein Prinz," fügte er dann etwas verspätet noch hinzu.

Howard lächelte erneut. "Ist er nicht?"

Duo schüttelte vehement den Kopf.

Howard seufzte. "Duo," sagte er dann, "ich habe niemals mit dir darüber gesprochen, weil ich dachte, es würde nur dich etwas angehen und dass du schon von selbst davon anfangen würdest, wenn du darüber reden wolltest. Aber ich weiß… ich weiß was du für den Prinzen empfindest. Ich weiß dass du an ihn denkst wie du niemals an eine Frau denken würdest."

Duo wurde kreidebleich. "Das… das weißt du?" wisperte er tonlos. Oh Gott, Howard wusste es, was wenn er ihn nun verabscheuen würde? Was wenn -

Howard lächelte. "Natürlich weiß ich das. Ich kenne dich seit du ein Baby warst, Duo."

"Und… und… was denkst du jetzt?" Duo wagte es kaum seinem väterlichen Freund in die Augen zu blicken. "Über mich?"

"Oh Duo," seufzte Howard. "Ich verabscheue dich nicht, wenn es das ist was du jetzt denkst. Du bist für mich wie der Sohn den ich niemals hatte. Glaubst du wirklich ich würde dich wegen dieser Sache weniger gern haben?"

Duo hob langsam den Kopf und blickte Howard forschend an. Im Blick des älteren Mannes lag nicht ein Funken Abscheu, im Gegenteil, Duo konnte darin nur dieselbe Zuneigung erkennen wie immer. Duo lächelte zögernd.

"Also," fuhr Howard fort. "Willst du mir jetzt erzählen warum der Prinz mitten in der Nacht auf der Suche nach dir an unser Hoftor schlägt?"

"Er war nicht auf der Suche nach mir," antwortete Duo. "Er war auf der Suche nach seiner unbekannten Tanzpartnerin."

"Aber das warst doch du, oder irre ich mich?" Howard legte den Kopf fragend schief.

"Ja," gab Duo unwillig zu. "Aber das wusste Heero schließlich nicht! Er ist hierher gekommen weil er die Frau gesucht hat, die ihm einen Korb gegeben hat!"

"Du hast ihm einen Korb gegeben?" Howard starrte Duo überrascht an. "Einen Korb?" wiederholte er. "Soll dass bedeuten, er hat dir einen Heiratsantrag gemacht?"

"Nein! Ja! Das ist kompliziert!" rief Duo aus.

"Wieso erzählst du mir dann nicht am besten alles von Anfang an?" fragte Howard.

Duo sah ihn einen Moment lang an, unschlüssig ob er tatsächlich irgendjemandem von all dem Durcheinander erzählen sollte, doch dann siegte sein Bedürfnis sich jemandem anzuvertrauen. Und sobald er begonnen hatte, konnte er nicht mehr aufhören. Sein ganzes Herz schüttete er der einzigen Vaterfigur aus, die er noch besaß, und bis auf die Tatsache wie weit er mit Heero im Schuppen tatsächlich gegangen war ließ er nicht eine Kleinigkeit aus.

Als er schließlich fertig war, holte er erschöpft Luft. Diese Aussprache hatte ihn emotional völlig geschlaucht, und am liebsten hätte Duo sich wieder zu einem Ball zusammengerollt und wäre eingeschlafen. Stattdessen blickte er Howard erwartungsvoll an.

"Ich verstehe," sagte der ältere Mann schließlich. "Dann nehme ich an dass du Heeros Bitte also nicht nachkommen willst und ihn nie wieder sehen willst, stimmt's?"

"Ja!" rief Duo. "Nein! Moment mal, was? Welche Bitte?" Duo runzelte die Stirn.

"Nun," Howard zuckte mit den Schultern, "bevor der Prinz hinter Lady Agathas Schlitten hergeritten ist, bat er mich noch, dir auszurichten, dass er dich dringend sprechen müsste. Ich soll dir ausrichten dass du bitte zum Schloss kommen sollst."

"Was?" Duo spürte wie erneut sämtliche Farbe sein Gesicht verließ. "Das hat er gesagt? Aber… wieso… ich meine…" Verwirrt brach er ab.

Ein feines Lächeln umspielte Howards Lippen. "Also wirst du doch hingehen?"

"Ich… ich…" stammelte Duo. "Ich weiß nicht… Heero will mich wirklich sehen? Er will mit mir reden? Das hat er gesagt?" Duos Herz schlug vor lauter Hoffnung schneller. "Nein!" rief er dann jedoch aus und schüttelte den Kopf. "Nein. Heero ist hinter Relena her, weil er denkt sie wäre seine unbekannte Tanzpartnerin. Heero will nicht mich, er will jemanden den es gar nicht gibt. Und wenn sich alles gegen mich verschworen hat, dann bekommt er am Ende Relena."

Howard schüttelte den Kopf. "Glaub mir, dein Prinz ist ganz sicher nicht der Meinung, Relena wäre die Frau die er sucht. Er ist ihr nur hinterher um herauszufinden was sie weiß."

Duo sah ihn einen Moment lang an, dann schüttelte er erneut den Kopf. "Das ändert nichts. Heero ist trotzdem noch immer wild entschlossen, seine Unbekannte zu heiraten. Er will nicht mich, er will sie!"

Howard seufzte schwer. "Duo, ich denke du bist hier dem Prinzen gegenüber nicht ganz fair."

"Nicht fair?" Duo runzelte unwillig die Stirn. "Was soll das heißen?"

"Nun," meinte Howard, "hast du überhaupt einmal darüber nachgedacht, wie das für den Prinzen sein muss? Wenn ich es recht verstehe, dann bist du ihm gegenüber in der letzten Woche in drei verschiedenen Verkleidungen aufgetreten. Du hast dich ihm als drei verschiedene Personen gezeigt, richtig?"

Duo nickte.

"Aber wie tief gingen diese Verkleidungen?" fragte Howard.

Duo runzelte die Stirn. "Was meinst du damit?"

"Naja, hattest du einfach nur verschiedene Kleidung an - ein Jäger, ein Diener, eine Edeldame," erklärte Howard, "oder hast du dich auch sonst verstellt? Hast du dich so gegeben wie du bist? Oder hast du Rollen gespielt?"

Duo überlegte kurz. "Ich hab keine Rollen gespielt," erklärte er dann. "Wieso hätte ich mich verstellen sollen?"

"Ist es dann denn wirklich so ungewöhnlich," sagte Howard leise, "dass dein Heero jede einzelne dieser Personen liebenswert fand? Dass er sich zu jeder deiner Verkörperungen hingezogen gefühlt hat? Auf der Außenseite magst du ja jedes Mal anders ausgesehen haben, aber da wo es wirklich zählt, da drin," Howard stupste mit dem Zeigefinger auf Duos Brustkorb, auf den Punkt direkt über seinem Herzen. "Da drin warst du immer nur du selbst. Dieselbe Person, nur mit drei Gesichtern."

Duo blinzelte heftig. So wie Howard das sagte hatte er das ganze bisher noch gar nicht betrachtet. Konnte es sein, dass sein Freund tatsächlich Recht hatte?

"Versetz dich doch mal in die Lage des Prinzen," redete Howard weiter. "Glaubst du nicht dass es für ihn nicht absolut verwirrend war, in nur einer Woche drei verschiedenen Menschen zu begegnen, die Gefühle in ihm wecken? Wie hättest du an seiner Stelle gehandelt?"

Duo schluckte trocken. Er hatte das Gefühl er hätte einen dicken Kloß im Hals. Howard hatte noch niemals so mit ihm gesprochen - niemand hatte jemals so mit ihm gesprochen, zumindest nicht mehr seit sein Vater gestorben war. In diesem Moment wurde Duo klar, wie sehr er das vermisst hatte. Wie sehr er jemanden vermisst hatte dem er sein Herz ausschütten, dem er sich anvertrauen konnte und der ihm einen guten Ratschlag gab, wann immer er Hilfe benötigte.

"Der Prinz will dich nicht nur wegen deinem hübschen Gesicht oder deinem Körper," fuhr Howard fort als Duo nicht gleich antwortete. "Auch wenn ich mir sicher bin, dass das natürlich auch eine Rolle spielt. Aber er liebt dich für das was du bist. Das ist ein seltenes und kostbares Geschenk, Duo. Bist du wirklich sicher dass du das einfach so wegwerfen willst?"

"Nein," flüsterte Duo und schüttelte den Kopf. Nein, das wollte er nicht. Wenn Howard tatsächlich Recht hatte, dann war Duo es Heero schuldig mit ihm zu sprechen. Dann war er es sich selbst schuldig! Und es machte ja eigentlich auch keinen Sinn jetzt aufzugeben, nach allem was er schon auf sich genommen hatte. Nicht wenn es vielleicht doch noch eine Chance gab.

"Ich weiß dass du dich richtig entscheiden wirst," sagte Howard mit einem leichten Lächeln. "Dein Prinz wartet auf dich. Wenn du ihn wirklich liebst, dann geh zu ihm. Sprich mit ihm."

Duo nickte schwach.

Howard lächelte noch ein weiteres Mal, dann stand er umständlich auf, ging zur Luke hinüber, öffnete sie und kletterte die Leiter wieder hinab auf den Boden.

Duo blieb zurück, äußerlich vollkommen ruhig, doch seine Gedanken rasten. Er würde tun was Howard ihm geraten hatte. Er würde zu Heero gehen und mit ihm sprechen. Das war ja eigentlich das was er schon die ganze Zeit hatte tun wollen, nur dass ihm dann seine eigenen verletzten Gefühle in die Quere gekommen waren.

Er würde also zum Schloss gehen, so wie Heero es ihn gebeten hatte. Doch dazu benötigte er Kleidung, er konnte wohl kaum in Frauenunterwäsche dort aufkreuzen und verlangen, den Prinzen zu sehen.

Seufzend stand Duo auf und ging zu der Ecke, in der er die Jagdkleidung versteckt hatte. Das war zwar nicht angemessen, aber besser als nichts. Doch bevor er dort angekommen war, hörte er plötzlich ein leises 'Schuhu'.

Als Duo sich umdrehte, sah er, dass Rosalie, die bis jetzt schlafend auf einem Balken gesessen war, nun auf seinem kleinen Schatzkästchen saß und ihn aus großen, klugen Augen ansah.

Duo zögerte. Er hatte noch eine Nuss übrig von seinem zauberhaften Geschenk. Sollte er sie tatsächlich jetzt verbrauchen? Eigentlich war das nicht wirklich notwendig, die Jagdkleidung würde durchaus ihren Dienst tun. Doch andererseits… es handelte sich um Zaubernüsse. Wenn Duo jetzt die letzte benutzte - und wirklich, wofür sollte er sie schon sonst aufsparen? - dann könnte sie ihm vielleicht durch die Art der Kleidung einen Hinweis auf seine Zukunft geben. Darauf wie sein Gespräch mit Heero verlaufen würde.

Langsam und mit klopfendem Herz ging Duo zu dem Kästchen, öffnete es und holte die verbliebene Nuss hervor. Ein paar Sekunden lang drehte er das Zweiglein unentschlossen in der Hand, dann sah er Rosalie fragend an. "Nehmen wir die letzte?" fragte er leise.

Rosalie blinzelte ihm träge zu. Duo sah sie noch einen weiteren Moment lang unschlüssig an, dann schloss er die Augen, streckte die Hand aus und ließ den kleinen Zweig einfach fallen.

Und wie beim letzten Mal, als Duo die Augen wieder öffnete, lag anstelle der Nuss ein ordentlich gefalteter Stapel Kleidung am Boden. Duo bückte sich langsam, packte das Kleidungsstück an den Schultern und hob es hoch. Ein Kleid? Schon wieder??? Duo traute seinen Augen nicht. Wollten diese Zaubernüsse ihn etwa völlig fertig machen? Was sollte das denn bitteschön? Wieso schon wieder ein Kleid?

Als er jedoch den Kopf hob und sein Spiegelbild in dem Spiegel erhaschte, der noch immer dort an die Wand gelehnt stand, stockte Duo der Atem. Er hatte sich bis eben vollkommen auf die Tatsache konzentriert, dass ihm diese blöde Zaubernuss schon wieder ein Kleid beschert hatte. Und hatte dabei völlig übersehen, um welche Art von Kleid es sich handelte.

"Aber…" stammelte Duo und starrte fassungslos auf das weiße, mit Perlenstickerei versehene Kleid, "… das ist ja ein Brautkleid!!!"

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Heero ritt mit gemäßigtem Tempo zurück zum Gutshof. Zwar wollte er so schnell es ging zu Duo gelangen, aber Wing hatte zwei anstrengende harte Ritte hinter sich. Es war besser für den Hengst wenn er ihn jetzt nicht bis zum äußersten antrieb.

Außerdem blieb Heero so noch ein paar weitere Minuten um über die Geschehnisse der letzten Tage nachzudenken. Jetzt ergab endlich alles einen Sinn. Was hatte er mit sich selbst gehadert, das er sich plötzlich für so viele unterschiedliche Menschen interessierte! Und dabei waren Duo und die Unbekannte auf dem Ball die gleiche Person. Das war eine große Erleichterung für Heero. Zwar hatte er jetzt für das Problem mit seiner Heirat immer noch keine Lösung, aber das war ihm jetzt auch vollkommen egal.

Er wusste zwar nicht warum Duo das alles gemacht hatte, aber er würde ihn finden und ihm anbieten mit ihm zu kommen. Zur Not würde Heero seinem Vater halt wirklich die Stirn bieten müssen. Er würde jetzt nicht irgendeine Frau heiraten. Nicht wo er Duo schon wieder fast verloren hatte. Aber um diese Dinge würde er sich dann später Gedanken machen. Jetzt war nur eines wichtig, Duo von seinen redlichen Absichten zu überzeugen. Und ihn von diesem schrecklichen Ort wegholen. Es war mehr als offensichtlich, dass er dort nicht gut behandelt wurde, zumindest nicht von dieser Matrone - von der Heero sicher annahm dass es sich um Lady Agatha handelte. Dies hier war kein Ort an dem jemand so besonderes wie Duo leben sollte.

Dann endlich kam der Gutshof in Sichtweite. Inzwischen war es noch heller geworden, sicherlich würde jetzt schon rege Betriebsamkeit auf dem Hof herrschen. Da würde es wohl für Heero einfacher sein den Hof zu betreten und dort nach Duo zu suchen. Wo hatte der Drache behauptet Duo zurück gelassen zu haben? Im Keller? Das sollte leicht zu finden sein.

Heero hatte den Eingang zum Hof fast erreicht, als er in einiger Entfernung jemanden sah, der auf den Feldern in Richtung Gutshaus lief. Zwar konnte sich Heero nicht absolut sicher sein, aber er glaubte dass es sich dabei um Howard handelte. Zumindest hatte die Person die gleiche Art Hut auf, wie der Diener vorhin. Und da Heero ja seine Freunde beauftragt hatte sich von Howard zu Duo bringen zu lassen wollte Heero sofort mit dem Mann sprechen. Vielleicht war es gar nicht mehr nötig den Keller durchsuchen zu lassen.

So gab Heero Wing die Sporen und ließ den Hengst die kurze Entfernung galoppieren. Ungefähr auf halbem Weg schien Howard ihn auch zu bemerken, denn der Mann hielt an und sah Heero abwartend entgegen.

"Habt Ihr Duo gefunden?" rief Heero dem Mann zu kaum dass er bei ihm angekommen war. "Geht es ihm gut? Diese schreckliche Person hat ihn im Keller eingesperrt -"

"Macht Euch keine Sorgen, Hoheit," unterbrach Howard ihn und machte eine beruhigende Handbewegung. "Ich habe Duo gefunden. Ihr glaubt doch wohl nicht wirklich dass der Keller ihn lange halten könnte, oder?"

"Wo ist er?" Wing schien Heeros Ungeduld zu spüren und begann, nervös herumzutänzeln. "Ich muss mit ihm reden! Sind Quatre und Trowa bei ihm?"

"Eure Freunde sind bereits zurück zum Schloss geritten, aber Duo ist noch hier," antwortete Howard.

"Sagt mir wo er ist!" Heero blickte den älteren Mann flehend an. "Ich muss ihn finden! Bitte!"

Howard sah ihn einen Moment lang prüfend an, dann seufzte er. "Er ist beim Schuppen. Ihr wisst ja sicherlich noch wo das ist, nicht wahr?"

Heero spürte wie er rot wurde bei dem Gedanken an das was im Schuppen passiert war. "Danke," sagte er schlicht. Dann gab er Wing erneut die Sporen und galoppierte in die Richtung, in der er den Schuppen wusste. Hoffentlich kam er noch rechtzeitig. Hoffentlich war Duo noch dort!

Doch er brauchte sich gar keine Sorgen zu machen. Er hatte den Schuppen noch nicht ganz erreicht, als ihm ein Reiter entgegen kam. Heero erkannte das schwarze Pferd auf Anhieb. Es war genauso außergewöhnlich und einzigartig wie sein eigenes, er würde es unter hunderten erkennen können. Die Person auf dem Pferd jedoch war nicht ganz das was er erwartet hatte.

Oder eigentlich doch. Denn auch wenn er noch zu weit weg war um das Gesicht zu erkennen, so wusste er doch sofort, dass es sich um seine unbekannte Tanzpartnerin handelte. Sie trug zwar ein anderes Kleid als auf dem Ball - es war weiß, sehr schlicht und als einziger Schmuck diente ein Medaillon das an einer langen Kette um den Hals hing - aber ihre ganze Haltung und ihre Haare, deren kastanienbraunen Ton Heero überall wiedererkannt hätte waren unverkennbar. Heero zügelte sein Pferd, stieg ab und lächelte ihr entgegen.

Genauer gesagt, er lächelte IHM entgegen. Denn als das schwarze Pferd näher kam, erkannte Heero dass es sich bei seiner Unbekannten tatsächlich um Duo handelte, so wie er es seit kurzem vermutete. Eine unglaubliche Welle der Erleichterung überschwemmte ihn.

"Duo," sagte Heero, packte den Rappen am Zaumzeug und blickte zu Duo hinauf.

Duo sah auf ihn herab und errötete. Heero konnte den Langhaarigen nur anstarren. Wenn er es nicht gewusst hätte, wenn er sich Duos Gesicht nicht so gut eingeprägt hätte als würde er ihn schon sein Leben lang kennen, dann hätte er niemals vermutet, dass das hier etwas anderes als eine junge Edeldame war.

Als sich das Schweigen hinzuziehen drohte, fragte Duo schließlich, "Bringst du mir meinen Schuh wieder?" Er deutete mit einem Nicken auf Heeros Mantel. Heero blickte an sich hinab und sah, dass da noch immer der Schuh steckte, den Duo auf seiner Flucht verloren hatte, und den er vorhin Relena wieder abgenommen hatte. Tatsächlich, das hatte er in all der Aufregung ganz vergessen.

Mit einem schiefen Grinsen zog Heero den Schuh hervor, schob Duos Röcke beiseite und streifte den Schuh über den Fuß des Langhaarigen. Dann streckte er seine Arme aus und hob Duo vom Pferd.

Duo blickte ihm forschend ins Gesicht. "Kannst du mir jetzt mein Rätsel beantworten?" fragte er ernst. "Ein Hut mit Federn, die Armbrust über der Schulter, aber ein Jäger ist es nicht."

Heero blickte Duo ins Gesicht, ließ seinen Blick langsam über jeden Millimeter wandern. Dann weiteten sich seine Augen. "Alexander!" rief er. "Auf der Jagd! Das warst du!"

Duos violette Augen blitzten freudig auf, und ein winziges Lächeln legte sich auf sein Gesicht. Er hob seine linke Hand und zeigte Heero den Ring, der daran saß. Heero blinzelte. Er hatte den Ring bis eben noch gar nicht bemerkt, so sehr war er auf Duos Gesicht fixiert gewesen.

"Die Wangen sind mit Asche beschmutzt, die Kleider sind alt und abgetragen, aber ein Dienstbote ist es nicht," fuhr Duo mit seinem Rätsel fort.

Heero lächelte. Das war leicht. "Das bist du. Als wir uns im Schuppen getroffen haben."

Duo lief wieder rot an, doch sein Lächeln wurde breiter und er nickte. "Ein silbergewirktes Kleid mit Schleppe zum Ball, aber eine Prinzessin ist es nicht, mein holder Herr. Wer ist das?"

"Du," antwortete Heero glücklich. "Das warst immer nur du!" Er blickte Duo atemlos ins Gesicht. "Duo, es tut mir so leid! Ich habe mein Angebot dort im Schuppen nicht abwertend gemeint, Duo, das musst du mir glauben! Ich habe einfach nur nach einem Weg gesucht wie ich mit dir zusammen sein konnte. Und ich hätte niemals behaupten dürfen du würdest dich verkaufen! Ich war nur so enttäuscht und wütend, weil du nicht auf meinen Vorschlag eingegangen bist und ich dachte, du hättest nur mit mir gespielt. Ich habe einfach nicht verstanden, warum du so aufgebracht warst. Aber jetzt verstehe ich es. Und es tut mir leid, so unendlich leid. Kannst du mir verzeihen?"

Während Heeros gesamter Rede war Duos Gesichtsausdruck immer staunender und staunender geworden, und jetzt strahlten seine violetten Augen Heero mit einer Mischung aus Verwunderung und Freude an.

"Aber ich weiß wie ich es wieder gut machen kann," sagte Heero schnell, bevor ihn der Mut verließ. Oder bevor Duo irgendetwas sagen konnte, das Heero den Mut verlieren ließ. Mit ein paar knappen Sätzen erklärte er Duo von Quatres Plan und versicherte ihm immer wieder, dass er keinerlei Bedingungen daran knüpfen würde. Und wie sehr er hoffte, dass Duo ihm verzeihen und vielleicht irgendwann daran denken könnte, eine Beziehung mit ihm einzugehen. Als er schließlich fertig war blickte er Duo erwartungsvoll an.

Doch die Reaktion des Langhaarigen war nicht ganz das was er erwartet hatte. Nicht einmal in seinen kühnsten Träumen. Duo sah ihn noch einen Moment lang beinahe perplex an, dann brach er in lautes Gelächter aus.

Heero blinzelte verwirrt. Was war denn los? Wieso lachte Duo denn auf einmal so? Sein Vorschlag war doch gut und keineswegs lachhaft gewesen, oder?

"Oh Heero," brachte Duo schließlich zwischen zwei Lachern hervor. "Danke," sagte er dann als er sich wieder halbwegs beruhigt hatte. "Danke für dein Angebot, aber es ist wirklich unnötig."

"Unnötig?" fragte Heero und spürte wie sein Herz sank. Wenn Duo dieses Angebot nicht annehmen wollte, hieß das dann, dass er nicht länger an Heero interessiert war?

"Ja," nickte Duo lächelnd. "Dein Quatre liegt nur teilweise richtig. Sir Maxwell war mein Vater, das stimmt. Aber ich bin nicht unehelich. Lady Maxwell war meine Mutter, und das macht mich zu Sir Alexander Maxwell II."

"Lady Agatha ist deine Mutter?" fragte Heero entsetzt. Diese schreckliche Person die er im halbgefrorenen Fluss zurückgelassen hatte? Wie konnte sie nur ihren eigenen Sohn so behandeln?

"Nein!" Duo wirkte ehrlich entsetzt. "Lady Agatha ist meine Stiefmutter! Meine Mutter war Lady Helen Maxwell, die erste Frau meines Vaters."

"Oh," machte Heero erleichtert. Die Möglichkeit dass Duo mit dieser furchtbaren Frau verwandt sein könnte hatte ihn wirklich erschreckt. Dann fiel ihm etwas auf. "Sir Alexander Maxwell II? fragte er.

Duo nickte. "Das ist mein richtiger Name. 'Duo' ist nur ein Spitzname den meine Mutter mir gegeben hat als ich noch ein Baby war. Und da ich denselben Vornamen habe wie mein Vater, ist der Spitzname geblieben."

"Dann muss ich dir also keine Adelstitel verleihen damit du an den Hof kommen kannst," sagte Heero erfreut. Das war gut, denn das machte die ganze Sache wesentlich einfacher.

"Nein," schüttelte Duo den Kopf.

"Und wirst du es?" fragte Heero atemlos. "Wirst du mit mir an den Königlichen Hof kommen?"

Duo senkte auf einmal den Blick und biss sich auf die Unterlippe. Dann blickte er Heero wieder an. "Das würde ich wirklich gern, Heero," sagte er. "Aber zuerst…" Er brach ab und biss sich erneut auf die Unterlippe.

"Ja?" fragte Heero und wagte es kaum zu atmen. Was auch immer Duo von ihm verlangen würde, er würde es tun. Solange er nur zustimmte und mit Heero mitkam.

"Zuerst muss ich mich bei dir entschuldigen!" platzte Duo schließlich heraus.

"Entschuldigen?" fragte Heero stirnrunzelnd. "Bei mir?"

"Ja!" Duo nickte heftig. "Es tut mir leid dass ich dich so in die Irre geführt habe! Ich hatte es wirklich nicht geplant, dir als drei verschiedene Personen zu gegenüberzutreten. Ich habe nur einfach jede Möglichkeit genutzt die ich hatte, dir zu begegnen - in welcher Form auch immer!"

Heero lächelte. "Wirklich?" fragte er leise.

Duo nickte stumm. Als Heero daraufhin nichts antwortete - er war noch viel zu sehr mit dem überwältigenden Gedanken beschäftigt, dass Duo ihn um welchen Preis auch immer wieder sehen hatte wollen - fügte Duo schließlich fast kleinlaut hinzu, "Also, verzeihst du mir?"

Heeros Lächeln vertiefte sich. "Nur wenn du mir auch verzeihst," sagte er.

Duo starrte ihn einen Augenblick an, dann warf er sich mit einem kleinen Jauchzer auf Heero, schlang die Arme um seinen Hals und presste sich eng an ihn. Heero zog geistesabwesend ein paar Strohhalme aus Duos Frisur - wie waren die denn da reingekommen? - dann schloss er seine Arme um Duos Mitte und wirbelte ihn glücklich herum, so dass dessen Röcke flogen. Was Heero an etwas erinnerte.

"Duo," fragte er mit einem Stirnrunzeln. "Warum trägst du eigentlich ein Kleid?"

Duo ließ ihn los, trat einen Schritt zurück und lief erneut tiefrot an. "Das ist nur die Schuld dieser verdammten Zaubernüsse," murmelte er vor sich hin.

"Was?" Heero beugte sich vor um besser zu hören. Sicherlich hatte er Duo nur missverstanden, oder?

"Egal," winkte Duo ab, immer noch hochrot. "Es ist eine lange und komplizierte Geschichte, glaub mir. Ich erzähle es dir ein anderes Mal, in Ordnung?"

Heero nickte. Eigentlich war es ihm ja auch egal, was Duo anhatte. Alles was für ihn zählte war die Frage, ob Duo ihn noch wollte. "Und was ist jetzt deine Antwort?" fragte er deshalb.

Duo runzelte die Stirn. "Meine Antwort? Worauf?"

Heero trat nervös von einem Fuß auf den anderen. "Willst du mit mir zurückkommen? An den königlichen Hof? Ich wäre sehr glücklich wenn du es tätest, Duo. Ich möchte mit dir zusammen sein, so wie… so wie damals im Schuppen. Und noch viel mehr. Was… was sagst du dazu?"

Duo starrte ihn einen Moment lang ungläubig an. "Natürlich will ich mit dir zum Königlichen Hof kommen!" rief er schließlich. "Glaubst du allen ernstes, ich hätte all das hier auf mich genommen," er deutete an sich hinab, "wenn ich dich nicht wirklich wollte? Denk lieber noch mal, Heero." Er schlang erneut seine Arme um Heeros Hals. "Du hast mich jetzt am Hals, Heero, buchstäblich, und so einfach wirst du mich jetzt nicht mehr los."

Heero erwiderte die Umarmung glücklich. Duo fühlte sich so wunderbar in seinen Armen an, er wollte ihn am liebsten nie wieder loslassen. Aber etwas gab es, das er noch viel lieber tun würde. Heero beugte sich etwas zurück um in Duos Gesicht blicken zu können.

"Duo," flüsterte Heero, und als der Langhaarige den Kopf hob um ihn anzusehen, presste Heero seinen Mund auf Duos Lippen. Er wusste hinterher nicht wie lange dieser Kuss gedauert hatte - Heero ließ sich Zeit und erforschte gründlich jeden einzelnen Millimeter von Duos Mund. Heero erschauerte. Duo zu küssen und von ihm zurückgeküsst zu werden war einfach unglaublich. Die Erinnerung an die Küsse die sie im Schuppen geteilt hatten konnte der Realität einfach nicht gerecht werden.

Schließlich löste er sich wieder von Duo, lächelte ihn an und sagte, "Lass uns gleich losreiten."

Duo erwiderte das Lächeln strahlend und nickte enthusiastisch. Heero half ihm aufs Pferd zu steigen - Duos Flüche dabei waren zahlreich und äußerst farbenfroh - stieg dann ebenfalls auf sein Pferd, und Hand in Hand ritten sie anschließend zum Schloss.

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Une saß zusammen mit ihrem Mann in ihren Privatgemächern und lauschte dem Bericht von Quatre Winner und Trowa Barton. Die beiden waren vom König hierher befohlen worden um über den Verbleib des Prinzen zu berichten, und erzählten gerade farbenfroh und im Detail über die 'Verfolgungsjagd' von Heeros unbekannter Tanzpartnerin. Doch trotz allem hatte Une irgendwie das Gefühl, dass die beiden etwas Wichtiges in ihrem Bericht verschwiegen.

"Und dann ist die Herrin des Gutes zusammen mit dem verhüllten Mädchen davon gefahren. Zwar glaubt Heero auch nicht, dass es sich um die richtige Frau handelt, aber er ist ihnen hinterher geritten um mehr Informationen zu bekommen."

"Eine Ungeheuerlichkeit," erklärte Treize grummelnd.

Quatre blinzelte. "Ich versichere Euch, das war die einzige Möglichkeit die der Prinz hatte."

Treize winkte ab. "Ach papperlapapp. Natürlich musste Heero hinter der Kutsche herreiten. Ich rede von dieser Lady Agatha. Was fällt Ihr ein, den Prinzen derart zu erpressen? Das wird ein Nachspiel haben," erklärte er bestimmt.

Und Une konnte ihm dabei nur aus tiefstem Herzen zustimmen. Das war tatsächlich Erpressung. Und normalerweise stand darauf eine empfindliche Strafe. Une schüttelte erstaunt den Kopf, was ging nur in Lady Agatha vor, dass sie zu so einer unverfrorenen Tat griff? So wie Une ihren Mann kannte, würde das wirklich nicht ungestraft bleiben.

Quatre wollte schon den Mund öffnen um mit seinem Bericht fortzufahren, als plötzlich die Tür zu den Privatgemächern aufgestoßen wurde und eine breit grinsende Hilde mit einem eher widerstrebenden Wufei im Schlepptau herein kam. Kaum hatten sich die Türen hinter den beiden geschlossen verkündete Hilde mit stolz geschwellter Brust, "Wufei und ich werden heiraten! Ich habe Wufei kompromittiert und er hat um meine Hand angehalten!"

"Prinzessin," stotterte Wufei entsetzt, während sein Kopf tiefrot wurde. Bei dem Anblick musste Une fast lachen, aber da es dem Ernst der Lage nicht angemessen wäre unterdrückte sie es so gut es ging.

Treize stützte sich mit seinen zwei Händen auf die Lehne seines Stuhls, wirkte so als wenn er gleich aus ihm aufspringen würde um dem Prezeptor an die Gurgel zu gehen. "Wufei, Ihr habt was getan?" fragte er mit einem gefährlichen Zucken um die Augenlider.

"Äh," stammelte Wufei, der sonst nie um ein Wort verlegen war. "Es war nicht meine Absicht, ich meine ich wollte nicht… Ich bin bereit das ehrenvolle zu tun und möchte deshalb offiziell um die Hand von Prinzessin Hilde bitten." Obwohl es kaum möglich war, schien der junge Gelehrte noch roter zu werden.

Hilde rollte mit den Augen. "Vater, du hast mir nicht zugehört. Ich war es die Wufei kompromittiert hat, nicht umgekehrt. Er ist nur so sehr ein Gentleman, dass er deshalb um meine Hand angehalten hat. Und ich hab sofort angenommen." Ihr stolz hervor geschobenes Kinn und auch der Rest ihrer Körperhaltung zeigten nur zu deutlich, dass sie jedem der es wagen würde diese Hochzeit zu verhindern das Leben zur Hölle machen würde.

Une musste jetzt doch etwas schmunzeln. Sie hatte schon immer vermutet, dass ihre Tochter mehr für Wufei empfand und scheinbar hatte sie es nicht riskieren wollen, dass er sie nicht um ihre Hand bat. Ja, so war ihre Tochter. Immer bereit zu kämpfen für das was sie wollte.

"Ich… ich weiß dass ich nicht die beste aller Partien bin," erklärte Wufei immer noch leicht stotternd. "Ich bin nur der vierte Sohn und werde niemals den Titel erben. Und auch meine Besitztümer sind eher bescheiden zu nennen. Aber Prinzessin Hilde…" dabei schaute er mit einem ungewöhnlich sanften Blick auf die junge Frau. "Prinzessin Hilde scheint sich daran nicht zu stören. Ich hoffe deshalb sehr, dass Ihr mir verzeihen könnt und mir die Ehre zukommen lasst sie zu meiner Frau zu nehmen." Der sonst so stolze Gelehrte stand jetzt ziemlich verschüchtert vor ihnen.

Une konnte sehen, wie bei ihrem Mann eine Stirnader gefährlich pulsierte. Deshalb legte sie beruhigend ihre Hand auf seinen Arm. "Du willst ihn?" fragte sie ihre Tochter unverblümt.

"Ja," antwortete diese genauso bestimmt.

Dann lehnte sich Une in den Stuhl zurück und sagte zu ihrem Mann, "Ich befürchte in diesem Fall sind wir machtlos."

"Kompromittiert, meine einzige Tochter," murmelte Treize und bei jedem Wort zuckte Wufei zusammen. Dann nach einem kurzen Moment der Stille erklärte Treize, "Nun gut, ich befürchte wir können nichts mehr dagegen unternehmen. Ich gebe die Erlaubnis zu dieser Hochzeit."

Hilde jauchzte vor Freude und Wufei sah sehr erleichtert aus. Wahrscheinlich hatte der arme Mann damit gerechnet in den Kerker geworfen zu werden.

"Prezeptor, ich hoffe dass Euch bewusst ist, dass Ihr als Ehemann der Prinzessin dafür zu sorgen habt, dass sie sich ihrer Stellung als Ehefrau entsprechend zu verhalten hat?"

Bei diesen Worten begehrte Hilde auf. "Moment mal…" konnte sie noch sagen, bevor Wufei ihren Arm nahm in leicht drückte und sehr bestimmt verkündete, "Die Prinzessin wird sich immer vorbildlich verhalten."

Une musste schmunzeln. Ah, dass war also die Strafe von Treize. Sehr perfide, aber passend. Dann wandte sie sich an ihre Tochter, "Muss die Hochzeit so schnell wir möglich abgehalten werden, oder können wir es sorgsam planen?"

Bei dieser Frage wurde Treize definitiv grün im Gesicht. An so eine Möglichkeit hatte er wohl trotz des 'kompromittiert' nicht gedacht.

Wufei wurde so tief rot, dass Une befürchtete er würde gleich in Ohnmacht fallen, und Hilde sagte beschämt, "Wir haben uns nur geküsst. Ehrlich."

Erleichterung durchströmte Une. Wenn sie sich nur geküsst hatten, dann war ja nichts wirklich Schlimmes geschehen. Selbst wenn Treize der Hochzeit nicht zugestimmt hätte, hätte das den Ruf ihrer Tochter nicht gefährdet. Außer natürlich den Familienfrieden. "Nun gut. In dem Fall schlage ich vor, dass wir demnächst eure Verlobung bekannt geben und die Hochzeit dann im Sommer stattfinden wird. Also noch Zeit genug, damit Wufei unserer Tochter genau beibringen kann, wie sich eine verheiratete Dame in der Öffentlichkeit verhält."

"Mutter!" protestierte Hilde, aber Une grinste sie nur an. Ein klein wenig Strafe musste halt sein.

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Heero und Duo waren ohne weitere Vorkommnisse zum Königspalast gelangt. Dort hatten sie die zwei Pferde in den Stall gebracht und einem ziemlich verschlafenen und sehr erstaunten Stallburschen befohlen sich um die zwei Hengste zu kümmern. Der Diener warf besonders Duo in dem langen Kleid sehr merkwürdige Blicke zu, aber Heero ignorierte es einfach.

Stattdessen schnappte er sich Duos Hand und führte ihn zum eigentlichen Palast. Er wollte so schnell wie möglich zu seinen Räumen. Dort könnte er weiter mit Duo alles in Ruhe bereden. Sie mussten soviel planen und besprechen. Und vielleicht könnten sie auch endlich da weiter machen, wo sie vor ein paar Tagen im Schuppen so bösartig unterbrochen wurden. Bei diesem Gedanken wurde Heero gleichzeitig heiß und kalt. Allein Duos Hand zu halten - so wie er es jetzt tat - war ja schon unglaublich. Wie sollte es da erst sein, wenn sie einander wieder so nah wären?

Verliebt blickte Heero auf den Mann seiner Träume und drückte kurz seine Hand. Dann beugte er sich vor, um ihn einen kurzen Kuss auf die Wange zu geben.

Sie waren nur noch wenige Meter von seinen Gemächern entfernt, als sich ihnen plötzlich eine rot gekleidete Frau in den Weg stellte. Sie lächelte sie beide an und Heero erkannte Lady Dorothy. Doch bevor er sich noch wundern konnte, was seine neue Freundin hier in der Nähe der Königlichen Räume zu suchen hatte, sagte sie auch schon, "Ah Heero und Duo, endlich seid ihr beide da."

Heero erstarrte mitten im Schritt und auch Duo blieb stocksteif stehen. Lady Dorothy schien sich jedoch nicht an ihren überraschten Gesichtsausdrücken zu stören. Stattdessen beäugte sie Duo neugierig von oben bis unten. "Das ist ein wirklich interessantes Kleid, das Ihr da tragt, Sir Maxwell. Sehr passend."

Heero spürte wie sämtliche Farbe aus seinem Gesicht wich. Doch noch bevor er irgendetwas sagen konnte lachte Dorothy auf und sagte, "Macht nicht so erschreckte Gesichter. Ich habe die perfekte Lösung für euer Problem." Und mit diesen Worten trat sie zwischen ihn und Duo und hakte sich bei beiden unter. "Folgt mir einfach," erklärte sie und dirigierte sie in eine andere Richtung.

Heero war perplex. Woher kannte Dorothy Duos Namen? Wieso reagierte sie so gelassen darauf dass Duo ein Kleid trug? Und was meinte sie mit 'Lösung für euer Problem'? Heero war so erstaunt, dass er sich vollkommen willenlos von der jungen Frau führen ließ. Duo schien es nicht anders zu ergehen. Das ganze war so schnell gegangen, dass jeglicher Protest schon im Keim erstickt wurde.

Nach einigen Momenten öffnete Dorothy eine Tür, und noch bevor Heero wirklich begreifen konnte um welche es sich handelte, fiel die Tür auch schon hinter ihm ins Schloss und Dorothy verkündete, "Eure Majestäten, ich habe den Prinzen und seine Braut gefunden."

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Treize starrte völlig perplex auf die junge Frau, die soeben vollkommen unangekündigt in die privaten Gemächer der königlichen Familie geplatzt war. Lady Dorothy - denn um diese handelte es sich - trat völlig unbeeindruckt von all den anwesenden Personen in die Mitte des Raums und zog dabei zwei sich sträubende Figuren hinter sich her, bei denen es sich bei genauerer Betrachtung um Heero und eine unbekannte junge Dame handelte.

"Was zum Teufel soll das bedeuten?" grollte Treize. Er mochte es gar nicht überrumpelt zu werden, und jetzt gerade war er zum zweiten Mal an diesem Abend - oder eher Morgen - überrumpelt worden. Schlimm genug dass seine eigene Tochter einfach losgezogen war und sich verlobt hatte - ohne seine Erlaubnis! - aber dann auch noch Heero? Wo sein Sohn doch immer lautstark geschworen hatte, er würde nicht heiraten wollen? Treize knurrte leise.

"Nun," erwiderte Lady Dorothy immer noch völlig unbeeindruckt, "das sollte doch wohl klar sein. Prinz Heero hat sich eine Braut ausgewählt, ganz wie Ihr es mit diesem Ball doch wohl beabsichtig hattet."

Treize starrte die junge Frau sprachlos an. Und da war er nicht der einzige. JEDER im Raum starrte Lady Dorothy sprachlos an. Niemand hatte es jemals gewagt so mit dem König zu reden! Das hieß, von Königin Une einmal abgesehen. Aber sicherlich niemals jemand, der nicht zur Familie gehörte!

"Lady Dorothy!" zischte Heero in dem Moment. "Was tut Ihr da?"

Das würde Treize auch gerne wissen. Was auch immer die junge Edeldame vorhatte, es schien so, als hätte zumindest Heero nicht die geringste Ahnung davon.

Doch noch bevor Lady Dorothy dem Prinzen darauf eine Antwort geben konnte, erhob sich plötzlich Une von ihrem Sessel. "Duo?" fragte sie beinahe ungläubig und ging ein paar Schritte auf die junge Frau im weißen Kleid zu, die nach Lady Dorothys Aussage wohl die besagte Braut des Prinzen sein musste.

Die junge Frau wurde kreidebleich und wich einen Schritt von der Königin zurück. Und auch Heero starrte seine Mutter alarmiert an. Treize hingegen warf seiner Gemahlin nur einen stirnrunzelnden Blick zu.

"Du kennst Heeros Braut?" fragte er verblüfft. Treize war natürlich klar, dass es sich bei der jungen Dame wohl um Heeros unbekannte Tanzpartnerin vom Ball handeln musste, aber bisher hatte die Königin keinerlei Anzeichen dafür gezeigt, dass sie wusste wer sie war.

Unes Blick schien geradezu an der verängstigten jungen Frau zu kleben. "Aber natürlich," sagte sie mit einem sekundenkurzen Blick über ihre Schulter zu Treize. Dann wandte sie sich wieder dem Mädchen zu. "Du siehst deiner Mutter so unglaublich ähnlich," sagte sie mit einem Lächeln.

Das Mädchen hob den Kopf und blickte Une neugierig an. "Meiner Mutter?" fragte sie.

Une nickte. "Ja. Helen hatte dasselbe kastanienbraune Haar und dieselben violetten Augen."

Treize runzelte die Stirn. "Helen? Deine beste Freundin Helen?"

Une nickte.

"Aber…" Treizes Stirnrunzeln vertiefte sich noch. "Ich dachte immer, Helen hätte nur einen Sohn gehabt."

So unglaublich es klang, das junge Mädchen erbleichte noch mehr. Und was noch erstaunlicher war, auch Heero wurde blass wie eine Wand. Lady Dorothys Gesicht hingegen zeigte nur ein winziges Lächeln, während der Rest der Anwesenden - also die Lords Barton und Winner, Prinzessin Hilde und Wufei Chang - sich wohlweislich im Hintergrund hielten. Wahrscheinlich weil sie befürchteten sonst aufzufallen und aus dem Raum verwiesen zu werden.

Doch Treize achtete nicht wirklich darauf, all seine Aufmerksamkeit galt der Königin, die sich soeben langsam zu ihm umdrehte und ihn lange ansah. Schließlich antwortete sie ihm, "Ja. Das hat sie."

"Aber…" machte Treize verwirrt. Wenn Unes Freundin nur einen Sohn gehabt hatte, wer war dann das Mädchen hier? Und wieso behauptete Une, Helen wäre die Mutter gewesen? Das gab alles keinen Sinn. Dieses Mädchen - wie hatte Une sie noch gleich genannt? Duo? Also, diese Duo konnte unmöglich…

Treize keuchte und riss die Augen ungläubig auf. Sein Blick schnellte zu der Person im weißen Kleid und blieb dort hängen. "IHR seid Duo Maxwell? Alexander Maxwell II?" fragte Treize beinahe fassungslos. "Lady Helens Sohn?"

Der junge Mann - denn darum handelte es sich offenbar trotz des gegenteiligen Aussehens wie Treize soeben klar geworden war - nickte ängstlich mit dem Kopf.

Treize holte tief Luft, um sich zu beruhigen. Es würde wirklich nichts bringen wenn er jetzt anfangen würde, hier herumzubrüllen und zu toben. Außer dass es ihm natürlich eine tiefe Befriedigung verschaffen würde. Dann sagte er langsam und mit gefährlich leiser Stimme, "Was zum Teufel geht hier vor? Ich will jetzt Antworten hören, und zwar sofort!"

Heero, der sich endlich aus seiner Erstarrung gelöst zu haben schien, machte einen schnellen Schritt in Duos Richtung, legte einen Arm beschützend um ihn und funkelte seinen Vater mit einer Mischung aus Ärger und Herausforderung an.

Une trat ganz dicht an Treize heran und legte ihm eine Hand auf den Arm. "Reg dich bitte nicht auf, mein Lieber," murmelte sie ihm leise ins Ohr. "Hör die beiden erst bis zu Ende an bevor du ein Urteil fällst, ja?"

Treize warf seiner Gemahlin einen kurzen fragenden Blick zu. "Weißt du etwas was ich nicht weiß?" fragte er ebenso leise zurück.

Doch Une schüttelte nur kurz den Kopf. "Nicht jetzt," sagte sie, dann richtete sie ihren Blick auf ihren Sohn.

Treize holte erneut tief Luft, dann wandte er sich an Heero und sagte in deutlich freundlicherem Tonfall, "In Ordnung. Ich verspreche dass ich versuchen werde nicht wütend zu werden und dich während deiner Geschichte nicht zu unterbrechen, Heero. Aber ich weiß nicht wie lange ich das durchhalten werde, also fängst du am besten gleich an zu erzählen."

Heero schluckte einmal und hob dann sein Kinn herausfordernd. "Da gibt es nicht viel zu erzählen," sagte er erstaunlich ruhig. "Ich liebe Duo und ich will mit ihm zusammen sein. Ich interessiere mich nicht für Frauen. Es tut mir leid dass ich es dir nicht schon früher gesagt habe, aber das ist der Grund warum ich nicht heiraten kann."

Duo warf Heero einen überraschten Blick zu. "Du liebst mich?" fragte er atemlos.

Heero drehte den Kopf und blickte den Langhaarigen lächelnd an. "Natürlich liebe ich dich," antwortete er leise. "Was hast du denn gedacht?"

Duo antwortete darauf nicht, aber sein Mund verzog sich zu einem strahlenden Lächeln. Dann warf er beide Arme um Heeros Hals und küsste ihn völlig überraschend. "Ich liebe dich auch," flüsterte er als die beiden sich schließlich wieder voneinander lösten.

Treize räusperte sich deutlich hörbar. Das Pärchen zuckte bei diesem Geräusch zusammen und drehte sich überrascht und ein wenig schuldbewusst wieder zu Treize herum. Treize ließ seinen Blick von einem rot angelaufenen Gesicht zum anderen wandern.

Auch wenn Heeros Offenbarung doch sehr überraschend für Treize gekommen war und es sicherlich noch einige Zeit kosten würde, bis er sie verdaut hätte, so konnte er dennoch nicht umhin zu bemerken, wie sehr sein Sohn sich verändert hatte.

Statt des gelangweilten und leicht genervten Gesichtsausdrucks, denn sein Sohn normalerweise zur Schau trug, hatte Treize dort in den letzten Minuten mehr Emotionen gesehen, als in den letzten fünf Jahren zusammengenommen. Auch wenn dieser Duo also nicht unbedingt die Person war, die Treize für seinen Sohn gewählt hätte, so machte der junge Mann Heero eindeutig glücklich. Und allein dafür würde Treize die beiden jungen Männer niemals verurteilen können. Heeros Vorlieben waren ein Schock für Treize, keine Frage, aber er war nicht so engstirnig dass er seinen Sohn dafür verachten würde. Schließlich war es nur wichtig, dass er glücklich war. Dennoch…

Treize seufzte. "Heero, ich gebe zu, das kommt überraschend für mich. Und ich kann dir sicherlich nicht vorschreiben wen du liebst. Und wenn du nur ein einfacher Edelmann wärst, dann würde ich es jetzt auch einfach dabei belassen und dir und deinem Duo euer Glück gönnen. Aber du bist nun mal der Prinz, Heero. Es ist deine Pflicht zu heiraten und einen Erben zu zeugen."

Heero schüttelte vehement den Kopf. "Nein, Vater," sagte er sehr bestimmt. "Ich hatte in den letzten Tagen sehr viel Zeit darüber nachzudenken, und ich habe mich entschieden. Ich werde nicht heiraten, niemals. Das kann ich weder mir noch Duo antun, und auch der Frau gegenüber wäre es mehr als unfair."

Treize seufzte erneut. "Heero," sagte er tadelnd. "Es geht hier nicht darum was du willst oder nicht. Du bist der Prinz und du hast Pflichten. Wenn du nicht heiratest wird es zu politischen Unruhen im Land kommen, das weißt du. Es muss zumindest die Möglichkeit eines Erben bestehen, wenn du nicht willst dass dich irgendwelche Widersacher vom Thron stoßen. Auch wenn es nur eine Ehe auf dem Papier wird, Heero, es ist nötig."

"Nein," Heero schüttelte wieder den Kopf. "Nein. Keine Ehe, weder auf dem Papier noch sonst irgendwie. Keine Frau. Ich werde nicht heiraten, und du kannst mich nicht zwingen. Und wenn eine Heirat nötig ist, damit ich auf den Thron komme, dann verzichte ich eben darauf. Ich danke ab und Hilde wird eben nach dir die nächste Königin, und wen immer sie mal heiratet darf dann neben ihr den Prinzgemahl spielen."

Treize bemerkte aus den Augenwinkeln, wie Wufei Chang auf einmal kreidebleich wurde, doch er ignorierte es einfach. Im Moment war das Gespräch mit seinem Sohn wichtiger.

"Hildes Kinder wären so oder so die nächsten Erben," fuhr Heero fort. "Wir können mich als Zwischenschritt genauso gut auch gleich umgehen. Wie auch immer, es ist mir egal. Duo ist mir wichtiger als die Krone."

"Heero," sagte in diesem Moment Duo und zog an seinem Arm. "Tu das nicht."

Heero drehte den Kopf und blickte Duo an.

"Tu es nicht," wiederholte Duo und sah ihm ernst in die Augen. "Nicht wegen mir."

"Ich werde dich nicht aufgeben," antwortete Heero ebenso ernst. "Und wenn das bedeutet, dass ich auf meine Position verzichten und irgendwo anonym leben muss wo mich keiner kennt, dann werde ich das tun. Solange du nur bei mir bist."

Duo lächelte Heero zärtlich an. "Es bedeutet mir wirklich viel dass du das tun willst," sagte er. "Aber ich will nicht dass du für mich auf alles verzichtest. Außerdem hast du eine Verantwortung dem Königreich gegenüber."

"Dein junger Mann hat Recht," warf Treize ein. "Du kannst nicht einfach alles hinwerfen."

"Ich werde aber auch auf keinen Fall heiraten," beharrte Heero stur.

"Ähm," räusperte Dorothy sich in diesem Moment und lenkte somit die gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Treize blinzelte sie überrascht an. Nach ihrem wirklich dreisten Auftritt vorhin hatte sie sich erstaunlich zurückgehalten. Ja, er hatte in den letzten Minuten sogar ganz vergessen, dass sie noch hier war.

"Ich wüsste da eine Lösung für dieses Problem," fuhr die junge Frau fort als sämtliche Aufmerksamkeit auf ihr lag.

"Die da wäre?" fragte Treize.

Lady Dorothy zuckte mit den Schultern. "Ganz einfach, Prinz Heero wird natürlich Duo heiraten."

Totenstille herrschte im Raum. Sämtliche Augen waren auf die Frau im flammendroten Kleid gerichtet, die diese Blicke gar nicht zu bemerken schien und stattdessen ein sehr zufriedenes kleines Lächeln trug.

Schließlich war es Une, die als erste ihre Sprache wiederfand. "Das ist sicherlich… eine höchst kreative Idee, Lady Dorothy, doch ich fürchte, sie ist undurchführbar."

Die junge Frau schien von dieser Ablehnung gänzlich unbeeindruckt zu sein. "Oh, das liegt nur daran dass ich es noch nicht zu Ende erklärt habe. Aber im Grunde ist es wirklich ganz einfach - außer den hier anwesenden weiß schließlich kaum jemand dass Duo keine Frau ist sondern ein Mann. Und seien wir doch ehrlich, keiner der ihn so sieht," sie deutete mit einem Kopfnicken auf Duo, "würde ihn für einen Mann halten."

"Hey!" rief Duo empört aus, doch Dorothy ignorierte ihn einfach.

"Ihr habt Euren Sohn gehört, Majestät," fuhr Dorothy an Treize gewandt fort. "Er hat nicht die Absicht zu heiraten, und obwohl ich ihn erst seit kurzem kenne, glaube ich nicht dass Ihr ihn umstimmen könnt."

Treize konnte sehen wie mehrere der anwesenden Personen, unter anderem auch seine Gemahlin den Mund öffneten um etwas zu sagen. Doch Treize hob nur seine Hand zu einer gebieterischen Geste, um alle zum Schweigen zu bringen und nickte Lady Dorothy zu. Die junge Frau hatte zweifellos Recht mit ihrer Aussage, und er wollte hören was sie sonst noch zu sagen hatte. "Sprecht weiter," forderte er sie auf.

"Gerne," Lady Dorothy lächelte ihn an. "Ihr habt gesagt, Euer Sohn muss eine Braut wählen um die politische Stabilität des Reiches zu gewährleisten. Da diese Ehe ohnehin bestenfalls nur auf dem Papier bestehen und auf keinen Fall einen Erben hervorbringen würde, wieso sollte er dann nicht gleich Duo heiraten können?"

"Die Priester und das Volk werden etwas dagegen haben," erklärte Treize. Natürlich war ihm bewusst, dass er die Situation eher untertrieben darstellte. Die Priester würden nicht nur etwas dagegen haben, sie würden den Prinzen und seinen jungen Mann verdammen.

"Nur wenn sie erfahren, dass Duo keine Frau ist," sagte Dorothy bestimmt. "Und wenn wir es ihnen nicht verraten..."

"Ich weiß immer noch nicht wie Ihr Euch das vorstellt, Lady Dorothy," warf Une ein, doch Treize konnte zu seinem großen Erstaunen am Tonfall seiner Gemahlin erkennen, dass sie dieser Idee nicht mehr so abgeneigt war wie zuvor.

"Nun, jeder hat gestern Abend auf dem Ball mitbekommen wie der Prinz mit dieser jungen Frau getanzt und ihr dann sogar hinterher gerannt ist. Das ist inzwischen das Gesprächsthema überall und die Gerüchte darüber schlagen unglaubliche Wellen," erklärte Dorothy. "Da wird es sicherlich niemanden wundern, wenn er sie dann tatsächlich heiratet."

"Aber ich bin keine Frau!" warf Duo ein und stemmte die Arme empört in die Seiten.

Lady Dorothy zuckte erneut mit den Schultern. "Das muss ja wie bereits gesagt keiner erfahren. Keiner kennt Euch, Ihr seid der Gesellschaft völlig unbekannt. Und wenn Ihr mir die Bemerkung gestattet, Ihr gebt eine höchst entzückende junge Dame ab." Dorothy grinste Duo breit an, der nur wie ein Fisch auf dem Trockenen seinen Mund auf und zu klappen konnte ohne dass ein Laut hervorkam.

"Hm," machte Treize und blickte Dorothy forschend an. So unglaublich der Vorschlag der jungen Frau auch war, Treize konnte nicht umhin zu gestehen, dass er seine Möglichkeiten hatte. Es gab da nämlich noch einen weiteren Punkt den keiner der anderen bisher offenbar bedacht hatte.

Denn wenn Heero tatsächlich eine Ehe nur auf dem Papier eingehen würde, war es gut möglich dass seine Frau sich früher oder später einen Liebhaber nehmen würde. Völlig auszuschließen wäre das nicht. Und was wäre wenn daraus ein Kind resultieren würde? Heero würde das Kind anerkennen müssen, wollte er nicht dass sein Geheimnis aufflog. Was bedeutete, dass der nächste Thronerbe nicht der königlichen Familie angehören würde. Und diese Aussicht gefiel Treize ganz und gar nicht.

Würde Heero jedoch Duo heiraten… Treize konnte es selbst kaum fassen dass er diese Möglichkeit ernsthaft in Betracht zog. Aber würde Heero tatsächlich Duo heiraten, würde es zwar garantiert keine Kinder in dieser Ehe geben, aber es würde ihm auch niemand ein Kuckucksei ins Nest legen können. Wenn Heeros Ehe kinderlos bliebe, wären automatisch Hildes Kinder die Erben der Königswürde, und alles würde in der Familie bleiben.

"Es würde eine Menge Planung und Geheimhaltung erfordern," sagte Treize langsam, "aber Lady Dorothy hat Recht. Es wäre machbar."

"Moment mal!" protestierte Duo in diesem Moment. "Ich will nicht den Rest meines Lebens in Frauenkleidern verbringen und als 'Königin Duo' in die Geschichte eingehen!" Der junge Mann wirkte überaus empört.

"Duo?" fragte Heero, der bisher nur stumm zugehört hatte, leise. "Wäre es… ist der Gedanke mich zu heiraten wirklich so schrecklich für dich?"

Duo drehte sich zu Heero um und sofort wurde sein Gesichtsausdruck weicher. "Natürlich nicht!" versicherte er. "Ich würde dich liebend gern heiraten. Aber ich bin ein Mann, Heero! Nur weil ich das hier trage," er deutete an sich hinab und verzog das Gesicht. "Ich will das nicht ewig tragen. Weiß Gott was mich geritten hat das ich es überhaupt angezogen habe."

"Ich bin sicher du wirst nicht nur in Frauenkleidern rumlaufen müssen, wir finden schon eine Lösung," sagte Heero. "Nur… bitte denk darüber nach. Wenn wir verheiratet wären, könnten wir zusammen sein, wirklich zusammen sein! Wir würden uns nicht immer davonschleichen müssen, wenn wir allein sein wollen. Wir würden im selben Zimmer schlafen. Wir würden -"

"Ahem!" Treize räusperte sich laut. So sehr er seinen Sohn auch liebte und wollte, dass dieser glücklich war, DAS musste er nicht wirklich hören.

Heero warf seinem Vater einen kurzen Blick zu und wurde knallrot. Dann drehte er sich wieder zu Duo um. "Also, was sagst du? Willst du mich heiraten?"

Duo starrte Heero an. "Ich weiß nicht…" meinte er zögernd.

"Eigentlich," sagte Heero und fing auf einmal an zu grinsen, "eigentlich hast du mir dein Ja-Wort bereits gegeben. Wir sind eigentlich schon längst verlobt."

"Was?" riefen Duo und Treize gleichzeitig aus. Sein Sohn hatte sich verlobt? Ohne seine Erlaubnis? Langsam erkannte Treize hier ein gewisses Muster. Erst seine Tochter, dann sein Sohn. Fragte ihn hier denn überhaupt niemand mehr um Erlaubnis? Das hatten die beiden sicherlich von ihrer Mutter. Er warf Une einen kurzen Blick zu, doch seine Frau grinste ihn nur an.

"Erinnerst du dich nicht?" fragte Heero, immer noch grinsend. "Auf dem Ball. Du hast mir gesagt, du würdest mich heiraten wenn ich dein Rätsel lösen könnte. Nun, das hab ich getan! Es ist also beschlossene Sache!"

"Heero!" rief Duo aufgebracht, doch Heero schüttelte nur den Kopf. "Zu spät, Duo. Du hast mir dein Wort gegeben, du kannst nicht mehr zurück."

"Oh mein Gott!" rief Hilde aus, die sich offenbar nicht länger zurückhalten konnte. "Soll das heißen ihr wollt das wirklich durchziehen? Heero wird einen Mann heiraten? Das bedeutet ja wohl, dass ich jetzt wieder das Lieblingskind bin, oder?" Sie grinste breit und hüpfte aufgeregt auf und ab. Treize warf ihr einen strengen Blick zu. Vielleicht war es gar nicht so schlecht wenn Hilde bald heiraten würde. Dann könnte Wufei sich darum kümmern sie zu zähmen. Wobei sich Treize nicht wirklich sicher war, wer dann wen zähmen würde. Er persönlich würde sein Geld immer auf Hilde setzen.

"So weit so gut," erklärte jetzt Une und Treize konnte sehen wie seine Frau Dorothy ernst in die Augen blickte, "Nur weiß ich noch immer nicht, was Ihr Euch von diesem Arrangement erhofft. Was springt dabei für Euch raus?"

Die blonde Frau zeigte wieder ihr besonders Lächeln. "Oh, ich dachte da an 'eine Hand wäscht die andere'."

"Denkt Ihr etwa an Erpressung?" donnerte Treize ungehalten.

Doch die junge Frau winkte beruhigend mit ab. "Aber natürlich nicht. Egal ob Ihr auf meine Ideen eingeht oder nicht, das Geheimnis von Duo und Heero ist bei mir sicher. Zum einen mag ich Heero, zum anderen liebe ich es Dinge zu wissen, die niemand anderes weiß. Aber wenn ich diese Informationen herausplaudere, dann sind sie ja keine Geheimnisse mehr."

"Also was wollt Ihr dann, wenn es keine Erpressung ist?" hakte Une nach. Dabei sah sie wie ihr Sohn und sein junger Mann die ganze Unterhaltung gebannt verfolgten aber zu verwirrt schienen um selbst das Wort zu ergreifen.

Dorothy lächelte wieder. "Nun, als Frau des Prinzen und zukünftige Königin," bei diesen Worten zuckte Duo zusammen, "wird Duo natürlich eine vertrauenswürdige Erste Hofdame benötigen. Eine Frau die das Geheimnis niemals preisgeben und dabei helfen wird, die Illusion aufrecht zu erhalten. Ich wäre durchaus bereit diese Stellung einzunehmen. Und ohne unbescheiden klingen zu wollen, ich bin dafür auch die beste Wahl, da die Idee ursprünglich von mir selbst stammt. Aber dafür, dass ich als Duos Hofdame agiere, hätte ich gerne eine Belohnung."

"Die da wäre?" fragte Treize. Er wusste nicht, ob er die Unverblümtheit von Lady Dorothy bewundern oder verdammen sollte.

"Nun, es gibt da einen jungen Mann den ich sehr liebe und mit dem ich verlobt bin." Dorothys Gesichtszüge wurde für einen Moment richtig weich. "Ian ist intelligent, er sieht gut aus und hat einen wunderbaren Humor. Und reich ist er obendrein. Aber meine Familie lehnt eine Heirat ab, da er 'nur' der Sohn eines erfolgreichen Kaufmanns ist und keinen Adelstitel besitzt. Wenn Eure Majestät Ians Vater vielleicht in den Adel erheben könnte? Damit wäre uns sehr geholfen."

Treize rieb sich über das Kinn. "Nun, das ließe sich sicherlich einrichten. Wir könnten behaupten, dass der Mann das Leben des Prinzen gerettet hat, das kommt immer wieder gut als Grund für einen Adelstitel." Erstaunlicherweise konnte Treize plötzlich im Augenwinkel sehen wie Quatre Winner stark an sich halten musste um nicht zu lachen. Aber Treize hatte keine Lust sich darum zu kümmern.

Dorothy nickte erfreut. "Das wäre sehr gut. Und wenn Ihr vielleicht auch noch den offiziellen Wunsch an meinen Vater richten könntet, dass ich mich mit Ian vermähle? Zwar hat meine Familie bisher immer als einzigen Ablehnungsgrund nur den fehlenden Adelstitel angegeben aber ich möchte lieber kein Risiko eingehen, dass ihnen ein neuer Grund gegen Ian einfällt."

"Auch das ließe sich einrichten," sagte Treize. "Wäre das dann Eure letzte Forderung?"

"Außer dem bereits genannten möchte ich nur, was mir in der neuen Stellung als Erste Hofdame sowieso zustehen würde. Ich bin sehr bescheiden, und wie gesagt, Ians Familie ist sehr reich."

"Ihr seid eine interessante Frau, Lady Dorothy," erklärte Une bewundernd.

"Das Kompliment gebe ich gerne zurück," lächelte Dorothy. "Wenn denn jetzt alle mit dem Plan einverstanden sind, sollten wir vielleicht alles noch genauer besprechen. Ich hatte leider nicht genug Zeit um alles bis in die kleinste Einzelheit auszuarbeiten."

"Woher habt Ihr überhaupt davon gewusst und die Zeit zum planen gefunden?" fragte plötzlich Heero.

Dorothy lächelte wieder. "Ach, das ist schnell erzählt. Ich war neugierig auf Eure Tanzpartnerin, die Euch plötzlich so sehr in den Bann gezogen hatte. Vorher seid Ihr mir nicht unbedingt als jemand vorgekommen, der sich von einer Frau faszinieren lässt. Deshalb bin ich ihr in den Erfrischungsraum der Damen gefolgt und habe dort gehört, wie sie sich 'Duo' nannte. Das ist ein sehr ungewöhnlicher Name, wie sicher alle Anwesenden bestätigen werden. Nun ist es aber so, das der Onkel meines Verlobten früher Verwalter auf dem Maxwell Gut war. Er arbeitet auch heute noch da, obwohl die neue Herrin kein gutes Haar an ihm findet und Ians Vater ihn immer wieder drängt doch eine Anstellung bei ihm anzunehmen. Er erzählt dann immer vom Sohn des alten Herren, Duo, den er fast wie einen eigenen Sohn liebt und den er dort nicht allein zurücklassen will."

"Howard," flüsterte Duo.

Dorothy nickte. "Ja genau, so heißt der Onkel. Diese Geschichten fand ich sehr interessant und der Name ist mir deshalb in Gedächtnis geblieben. Als die Tanzpartnerin des Prinzen dann so überhastet den Ballsaal verlassen hat und Heero ihr hinterher geeilt ist, hab ich mich gewundert, ob es mehr als eine Person geben konnte die 'Duo' heißt. Meine Neugierde war geweckt und so hab ich darauf gewartet mehr zu erfahren. Und als die Herren Quatre und Trowa von der Suche zurück gekommen sind, habe ich sie ein wenig belauscht. Und dabei erfahren, dass der Prinz Duo an den Hof bitten wollte. Aber die beiden sprachen nicht von einer jungen Frau, sondern von einem Mann. Und da habe ich zwei und zwei zusammengezählt und mir überlegt wie wir dieses Problem zum Nutzen aller Beteiligten lösen können."

"Ihr seid tatsächlich eine äußerst interessante junge Dame, Lady Dorothy," erklärte der König nachdenklich. Vielleicht sollte er sie bei den nächsten Verhandlungen einsetzen?

"Danke, Eure Majestät," erwiderte Dorothy. "Ich bin stets bemüht das Beste aus jeder Situation zu machen. Aber wie bereits gesagt, wir müssen noch etliches genauer besprechen. Um die Hochzeit und die Täuschung aufrecht zu erhalten muss noch einiges geklärt werden."

Heero seufzte tief. "Können wir das nicht später in Ruhe machen?" fragte er an Treize gewand. "Duo und ich sind sehr müde und würden uns gerne zurückziehen."

Treize überlegte kurz, dann nickte er zustimmend. "Vielleicht nicht einmal die schlechteste Idee. Wir sollten uns alle etwas ausruhen und diese Situation später in aller Frische erneut besprechen. In der Zwischenzeit kann ja auch jeder - und ich meine damit wirklich jeden hier im Raum - darüber nachdenken was wir alles noch benötigen um diese Geschichte durchzuziehen."

"Endlich," murmelte Heero und fasste Duo bei der Hand. Dann wandte er sich in Richtung Tür.

"Moment mal," rief Une in dem Moment. "Wo wollt ihr beiden denn hin?" fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen.

"Ähm," stottere Heero, "In meine Gemächer." Duo wurde plötzlich so rot im Gesicht, dass man meinen konnte er würde in Flammen stehen. Aber Heero war auch nicht viel besser.

"Auf keinen Fall," sagte die Königin bestimmt.

"Was?" fragte der Prinz erstaunt.

"Ich weiß ja nicht wie deine früheren Pläne Duo betreffend aussahen. Aber jetzt seid ihr verlobt und werdet heiraten. Ihr beide werdet euch auf keinen Fall gemeinsam in deine Gemächer 'zurückziehen'. Die Diener würden sonst denken, dass du deine Tanzpartnerin auf so unziemliche Weise kompromittierst. Das ist ein Skandal den weder du, noch deine zukünftige Frau gebrauchen können. Ihr zwei," erklärte Une und zeigte dabei auf ihren Sohn und Duo, "werdet euch peinlich genau an die Etikette halten. Und ihr werdet bis zur Hochzeit niemals allein in einem Raum sein. Ohne mindestens eine Anstandsdame dürft ihr euch nicht sehen. Und ihr werdet auch keine weiteren Zärtlichkeiten mehr in der Öffentlichkeit austauschen. Das schickt sich nicht für ein unverheiratetes Paar."

Heero wurde plötzlich aschfahl im Gesicht und blickte entsetzt zu seinem jungen Mann. "Aber," stammelte er, während Duo scheinbar einen sehr farbigen Fluch vor sich hinmurmelte.

"Heero, du willst doch nicht etwa, dass deine Braut einen liederlichen Ruf erhält oder?" Als ihr Sohn seinen Kopf schüttelte fügte sie hinzu, "Deshalb darf es jetzt keinen zusätzlichen Skandal geben. Nicht dass durch die Neugierde der Leute dann auch noch das große Geheimnis an die Öffentlichkeit gezerrt wird. Dass du deiner zukünftigen Braut heute Nacht hinterher gejagt bist hat schon für genug Aufregung gesorgt. Ab jetzt werdet ihr euch vorbildlich verhalten."

"Wie lange?" fragte Duo entsetzt.

"Nun, ich hab immer gedacht, dass Juli ein wunderschöner Monat für eine Hochzeit ist," sagte Une mit einem Lächeln auf den Lippen. Treize musste heimlich grinsen als er es sah.

"Mutter!" erklärte Heero fassungslos.

"Heißt das, ihr wollt schnell heiraten?" setzte Treize süffisant hinzu. Nach all den verwirrenden Erkenntnissen heute, fand Treize dass er es verdient hatte auch mal auszuteilen.

"Aber natürlich," antwortete sein Sohn aus tiefstem Herzen.

"So schnell wie möglich," fügte sein junger Mann noch hinzu.

"Nun, wenn ihr brav seid, lässt sich das vielleicht einrichten."

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"Ungerechtigkeit," erklärte Duo, tief in die wärmenden Pelze gekuschelt. "Wieso kann ich nicht reiten?" fragte er zum wiederholten Mal.

"Ganz meine Meinung," erwiderte Prinzessin Hilde, die ihm in der königlichen Kutsche die auf den Weg in die Hauptstadt war gegenüber saß. Dort sollte in zwei Tagen die Vermählung stattfinden. Danach würde der Hofstaat wieder ins Winterquartier zurückkehren und Duo und Heero würden endlich ihre wohlverdiente Hochzeitsreise - in ein kleines weit entferntes Jagdschloss - antreten. Duo konnte es gar nicht mehr erwarten wenigstens für kurze Zeit dem ganzen Trubel zu entgehen.

Duo musste ungewollt schmunzeln. In den letzten Tagen hatte er Heeros kleine Schwester doch recht gut kennen gelernt. Und er mochte sie wirklich.

"Weil es sich für junge Damen Eures Standes nicht schickt," erklärte Chang Wufei mit mahnendem Unterton. Der junge Gelehrte ritt rechts neben der Kutsche. Duo war sehr erstaunt gewesen, als er erfahren hatte, dass dieser ruhige und in sich gekehrte Mann mit der Prinzessin verlobt war. Das hätte er nie gedacht, aber wenn er seine und Hildes Reaktionen nicht falsch interpretierte, dann war es eine Liebesheirat.

Die Tatsache, dass auch die Prinzessin aus Liebe heiraten durfte freute Duo. In den letzten Tagen hatte er mehr und mehr gelernt unter welchem Druck die königliche Familie immer wieder stand. Und wie schwer es manchmal war die Erwartungen des Volkes zu erfüllen. Dieser Druck war schließlich nicht zuletzt daran schuld, dass er sich jetzt in dieser Situation befand. Seit Tagen spielte er jetzt schon die Rolle der 'Lady Alexandra Maxwell', das junge Mädchen, das das Herz des Prinzen im Sturm erobert hatte und bald schon seine Frau werden würde. Duo hätte gerne abfällig geschnaubt bei dem Gedanken, aber Wufei würde ihn dafür zurechtweisen. Deshalb seufzte er nur tief und zeigte mit seinem Finger anklagend in Heeros Richtung. "Das ist alles nur deine Schuld!"

"Ja, meine Liebe," antwortete Heero mit einem Grinsen im Gesicht, während er in sicherer Entfernung links neben der Kutsche ritt.

Oh wie sehr Duo sich wünschte, ihm dieses Grinsen aus dem Gesicht schlagen zu können. Oder es solange küssen, bis sie beide ohnmächtig werden würden. Duo spürte wie er allein bei dem Gedanken augenblicklich rot wurde. Das Verbot nicht allein sein zu dürfen oder Zärtlichkeiten auszutauschen, nagte an Duo und Heero schon sehr. In seinen Tag- und Nachtträumen wurde Duo mit Bildern aus dem Schuppen versorgt. Er wollte das wieder spüren, Heero wieder so nah sein. Stattdessen spielte er jetzt das unnahbare Fräulein, das bald zum Altar geleitet werden würde.

Obwohl, etliche Mitglieder des Hofstaates und der Dienerschaft hielten ihn und Heero wohl nicht mehr für so 'unschuldig'. Es kursierten anscheinend die wildesten Gerüchte über sie beide. Und dass die Hochzeit schon so schnell stattfinden sollte heizte die Gerüchte noch an. Quatre hatte sogar erzählt, dass es Wetten darüber gab, ob er und Heero nicht schon acht Monate nach der Hochzeit Eltern werden würden. Das waren Wetten, die Quatre und Trowa wohl alle gewinnen würden.

Duo dröhnte der Kopf. Soviel war in den letzten Tagen geschehen. Erst das auf und ab mit Heero. Und dann diese merkwürdige Konferenz in den Gemächern des Königs, wo seine Zukunft so absolut auf den Kopf gestellt worden war. Duo konnte es immer noch nicht so richtig begreifen, dass er jetzt Heero tatsächlich heiraten würde. Er erwartete immer noch, aus diesen Traum zu erwachen.

Nur dass er die ganze Zeit in diese schrecklichen Frauenkleider gesteckt wurde, gab ihm das Gefühl, dass dies alles doch passierte. Denn so etwas grausames konnte er sich nicht einmal im Traum ausdenken.

Dieses ganze Versteckspiel nagte an Duo. Fast wäre er versucht zu wünschen, dass sie doch bei ihrem ursprünglichen Plan geblieben wären und er nur als Gefährte des Prinzen an den Hof gekommen wäre. Zwar hätten sie dann immer noch alles heimlich tun müssen, aber im Großen und Ganzen wäre es vielleicht leichter gewesen. Bis auf eine Tatsache. Wenn sie bei diesem Plan geblieben wären, dann wäre Heero niemals wirklich sein gewesen. Sicher, Heero hatte verkündet dass er keine Frau heiraten würde um nicht ihr und Duo weh zu tun. Aber ein unverheirateter König wäre immer wieder dem Drängen des Kronrates ausgesetzt. Vielleicht hätte er irgendwann einmal doch heiraten müssen. Und Duo war klar, dass er das nicht zulassen konnte. Er wollte Heero nur für sich, und wenn er sich als Frau verkleiden musste um dies zu erreichen, dann würde er diese Tortur eben auf sich nehmen.

Aber zumindest würde diese Qual bald nicht mehr die ganze Zeit bestehen. Nach langem hin und her, und lautstarken Protesten von Duo, hatte man sich darauf geeinigt, dass die zukünftige Frau von Prinz Heero nur sehr selten in der Öffentlichkeit auftreten würde. Nur bei besonderen Anlässen. Als Grund dafür würde eine schlechte gesundheitliche Lage angegeben werden. Etwas, das erklären würde warum sie meist nur verschleiert zu sehen war, und - was viel wichtiger war - wieso Heero und seine Frau keine Kinder bekamen.

Heeros Frau würde deshalb die meiste Zeit in ihren Gemächern verbringen. Nur in der Gesellschaft einiger Zofen und ihrer Ersten Hofdame.

Dafür würde ihr 'Bruder' Duo seine Studien im Ausland beenden und ebenfalls an den Hof berufen werden, um seiner Schwester und seinem Schwager als Gefährten zu dienen. Das würde Duo die Gelegenheit bieten, tatsächlich auch er selbst zu sein. Etwas, das ihm und auch Heero sehr wichtig war. Duo wollte sich nicht vollkommen in diesem Versteckspiel verlieren. Er war keine Frau! Und er wollte auch keine sein! Auf diese Weise würden seine Auftritte als Alexandra sehr beschränkt sein, und er konnte trotzdem immer in Heeros Nähe sein. Und das war das einzige was zählte.

Es war schon interessant, was sie alles an jenem Tag besprochen hatten. Und wie schrecklich einfach es doch schien, diese Täuschung tatsächlich durchzuziehen. Die Idee mit dem Bruder war so einfach und gleichzeitig brillant. Und auch alle anderen Lösungen bestachen durch ihre Schlichtheit.

Es war allen klar, dass sie mehr vertrauensvolle Leute brauchten um die Täuschung aufrecht zu erhalten. Alexandra brauchte mehr als nur eine Hofdame, und noch ein paar Zofen dazu. Und Duo und Heero benötigten Kammerdiener die verschwiegen waren wie ein Grab.

Das einfachste bei allem war die Frage wie denn die Schlafarrangements gelöst werden sollten. Es schien, dass viele frühere Könige Mätressen gehabt hatten, Mätressen die sie gerne schnell und im geheimen in ihren Gemächern besuchen wollten. So würde Duo jetzt immer ein Zimmer in der Nähe des Prinzenpaares bekommen, in das er sich ganz normal zurückziehen könnte, nur um dann durch den Geheimgang in seine und Heeros gemeinsame Gemächer zu gehen. So würden sie jede Nacht gemeinsam verbringen können, ohne dass ein Außenstehender es erfuhr.

Etwas schwieriger schien da schon die Frage nach vertrauensvollen Zofen und Kammerdienern. Sicher, es gab auch bei Hofe ein paar Menschen die in das Geheimnis eingeweiht werden konnten und die es mit ihrem Leben verteidigen würden. Aber das war noch lange nicht genug.

Aber es fand sich wieder eine erstaunlich einfache Lösung. Die Familie von Dorothys zukünftigem Mann war groß. Viele der jüngeren Kinder empfanden es als großen Sprung, dass sie an den Hof berufen wurden. Für sie war es die Chance es weit zu bringen und für ihre Familie, den neuen Adelsstatus zu festigen. Es war - wie es Dorothy so gerne ausdrückte - eine Gewinn-Gewinn Situation. Kein Mitglied der Familie würde es wagen das Geheimnis preiszugeben und durch ihr Schweigen würde die Familie stetig an Macht gewinnen.

Und noch eine Sache war vor ein paar Tagen zu Duos großer Freude gelöst worden. Immer wenn er daran zurück dachte, überkam ihm eine tiefe Zufriedenheit.

Er und Heero hatten dem Ereignis beiwohnen dürfen und er war froh das er nicht eine Sekunde davon verpasst hatte. Der König hatte Lady Agatha an den Hof bestellt zu einer Audienz.

Ob seine Stiefmutter schon geahnt hatte was auf sie zukommen würde, konnte Duo nicht mit Sicherheit sagen. Aber selbst wenn sie etwas geahnt hätte, was blieb ihr schon übrig, als der Einladung des Königs folge zu leisten? Und so war sie dann vor ein paar Tagen von ein paar beeindruckend wirkenden Wachen in den Audienzraum geführt worden, wo sie auf den König und die Königin, Hilde, Wufei, Quatre, Trowa, Heero und ihn selbst traf.

Duo stand zwischen Quatre und Trowa ein wenig vom Königspaar entfernt. Und er war auch diesmal in Frauenkleider gesteckt worden, etwas das er absolut hasste, das aber wegen den Dienern und dem Rest des Hofstaates nötig war.
Bis zu dem Zeitpunkt an dem der 'Bruder' von Heeros Braut offiziell am Königshof eintreffen würde, durfte ihn niemand hier als Mann sehen. Zwar konnte Duo die Gründe für dieses Versteckspiel verstehen, aber er hatte trotzdem lang und breit über die Notwendigkeit des Kleides lamentiert.

Als die Wachen den Raum verließen, hatte Lady Agatha tief vor dem König geknickst. Sie hatte sich richtig herausgeputzt, dass sah Duo auf einen Blick. Und sie hatte wieder den Maxwell-Schmuck getragen. So wie sie sich präsentierte, hatte sie vielleicht doch nicht geahnt, weswegen sie an den Hof berufen wurde. "Eure Majestäten, womit kann ich Euch dienen?" hatte sie mit falscher, unterwürfiger Stimme gefragt.

Duo musste bewundernd zugeben, dass der König und auch die Königin ihre Sache einfach perfekt machten. Es war wirklich eine Freude zu sehen, wie sie mit Lady Agatha spielten. Er selbst war bei dem Gespräch ein nervöses Bündel gewesen. Was vielleicht auch daran lag, dass Heero auf der anderen Seite des Thronpodestes stand.

"Uns ist zu Ohren gekommen, dass eine grobe Täuschung gegen die königliche Familie begangen wurde," hatte Treize mit kalter Stimme erklärt, während er fast gelangweilt wirkte.

Lady Agatha hatte sich bei diesem Satz gewunden und nervös ihren Blick umher schweifen lassen. Als sie dabei Duo erkannte, zogen sich ihre Augen erstaunt zusammen. Aber sie schien sich von der Überraschung relativ schnell zu erholen, denn kaum einen Moment später sagte sie, "Eure Majestät, bitte seid versichert, dass ich mit der Täuschung dieser Missgeburt die sich unschicklicherweise in Frauenkleidern Zutritt zum Ball erschlichen hat, nichts zu tun hatte. Wenn ich geahnt hätte, was der Sohn meines verstorbenen Mannes vorhatte, ich hätte ihn für immer weggeschlossen."

Trotz allem hatte es Duo einen tiefen Stich gegeben, als seine Stiefmutter ihn als Missgeburt bezeichnete. Er wusste, dass sie ihn nicht liebte, aber dass sie ihn derart hasste? Das zeigte nur, wie wichtig seine Entscheidung gewesen war, dem Gut und damit Lady Agatha den Rücken zu kehren. Dort wäre er niemals glücklich geworden.

"Oh, Wir sprechen nicht von den Ereignissen auf den Ball," erklärte der König süffisant.

Das hatte Lady Agatha etwas aus dem Konzept gebracht. Verwirrt hatte sie auf den König und die Königin geblickt und gestammelt, "Eure Majestät, ich verstehe nicht."

"Wir sprechen davon, dass Ihr, Lady Agatha, Unsere Gemahlin die Königin jahrelang belogen habt. Dass Ihr sogar direkte Anweisungen nicht befolgt habt. Ihr wusstet, dass Wir Euren Stiefsohn Alexander als Gefährten für den Prinzen am Königlichen Hof erwarteten. Aber Ihr habt auf jede Anfrage geantwortet, dass Alexander krank wäre. Zuletzt habt Ihr sogar behauptet, dass er gar nicht an den Hof gehen wollte. Ihr habt Unsere Königin direkt belogen!"

Daraufhin war Lady Agatha wirklich nervös geworden. Ihr Blick war zwischen Duo und dem König hin und her gewandert. Sie schien wohl zu überlegen, was Duo dem König alles erzählt hatte, und ob dieser ihm glaubte. Dann hatte sie erneut einen tiefen Knicks gemacht und gesagt, "Verzeiht, Eure Majestäten. Aber ich konnte einfach nicht zulassen, dass diese Missgeburt mit ihren unheiligen Gelüsten an den Hof gelangte und sogar Gefährte des Prinzen würde. Es war meine Pflicht Euch und Eure Familie vor diesen Einflüssen zu schützen. Aber ich wollte auch nicht das Andenken meines verstorbenen Ehemannes beschmutzen, indem ich mit der Wahrheit über Duo herausrückte."

Duo war in dem Moment bereit gewesen seine Stiefmutter anzugreifen. Wie schnell sie es versuchte erneut ihm die Schuld für ihre Missetaten in die Schuhe zu schieben. Und wie sie sich überhaupt nicht scheute die Wahrheit zu verdrehen. Das einzige was ihn davon abhielt die Frau niederzuschlagen, war zum einen die beruhigende Hand von Heeros Freund Quatre auf seinem Arm, und zum anderen dass er wusste, dass der König und die Königin Lady Agatha nicht glaubten.

"Lady Agatha, es ist an Uns, und Uns allein, zu entscheiden wer an den Hof berufen wird und wer nicht. Die Königin und Wir haben nach Alexander verlangt und Ihr habt Uns - und damit die Krone - belogen. Prezeptor, welche Strafe ist für so ein Vergehen vorgesehen?"

Der ruhige junge Mann hatte sich kurz verbeugt und dann verkündet, "Da die Täuschung über Jahre hinweg aufrecht erhalten wurde, müsste die Angeklagte mit der öffentlichen Hinrichtung durch den Strick rechnen."

Bei dieser schlichten Aussage war alle Farbe aus Lady Agatha Gesicht gewichen.

Doch bevor sie noch etwas stammeln konnte hatte Treize seinen Arm erhoben und sprach erneut, "Nun gut, Wir denken Wir können Milde walten lassen, da die Delinquentin es ja scheinbar nur aus guter Absicht getan hatte." Wobei Treizes Gesichtsausdruck ziemlich klar machte, dass er das nicht wirklich glaubte. "Außerdem hat Duo ein gutes Wort für Euch eingelegt."

Lady Agatha hatte unglaublich erleichtert gewirkt und, "Danke Majestät," gestammelt, aber trotzdem einen bösen Blick in Duos Richtung geworfen. Es hatte ihr wohl nicht gepasst, dass ihr verhasster Stiefsohn für sie um Gnade gebeten hatte.

"Aber," fuhr der König fort. "das führt Uns zu Unserem nächsten Anklagepunkt. Wenn Wir den Bericht des Prinzen - und der Lords Winner und Barton - richtig verstehen, dann habt Ihr vor drei Tagen versucht den Prinzen zu erpressen."

"Was?" keuchte Lady Agatha.

"Ihr habt versucht eine Verlobung mit Eurer Tochter aus dem Prinzen heraus zu pressen. Prezeptor, welche Strafe?"

"Nun Eure Majestät. Von so einem ungeheuerlichen Verbrechen hat man noch nie gehört. Aber ich würde sagen, es ist mit Hochverrat gleichzusetzen. Das bedeutet Folter bis zum Tode."

Lady Agatha war kurz davor in Ohnmacht zu fallen. Aber sie versuchte trotzdem erneut sich aus der Sache herauszureden. "Eure Majestät, Ihr missversteht meine Absichten! Ich konnte nur nicht zulassen, dass der Prinz erfährt, dass er diesem Abschaum gefolgt war!"

"Und als netten Nebeneffekt wolltet Ihr meinen Sohn an Eure Tochter binden," ereiferte sich jetzt die Königin.

Der König hingegen hob wieder seine Hand und brachte alle zum Schweigen. "Genug, Wir wollen nichts mehr von dieser Sache hören. Auch sind Wir erneut gewillt Gnade vor Recht ergehen zu lassen."

"Ich bin ja so dankbar," erklärte Lady Agatha mit einer tiefen Verbeugung.

"Nun gut. Wir haben auch erfreuliche Nachrichten für Euch. Der Prinz wird Eure Tochter ehelichen."

Das Gesicht von Lady Agatha leuchtete plötzlich wieder auf. "Oh, seid Euch sicher, dass Ihr das nie bereuen werdet! Meine Relena wird ihm die beste aller Ehefrauen sein!"

Der König schüttelte den Kopf. "Ich glaube Ihr habt das falsch verstanden. Der Prinz wird Eure Stieftochter Alexandra ehelichen."

"Aber…" Lady Agatha war verwirrt, und verängstigt.

"Es ist ganz einfach. Wir werden verkünden, dass Unser Sohn auf dem Ball seine zukünftige Braut gefunden hat. Die Tochter von Sir Maxwell. Und Ihr, Ihr werdet für immer darüber schweigen, dass es diese Tochter nicht gibt. Von nun an werdet Ihr bis zu Eurem Lebensende immer erklären dass Euer verstorbener Ehemann zwei Kinder hatte, Zwillinge."

"Wieso sollte ich?" begehrte Lady Agatha auf.

Der König hatte daraufhin gelächelt. "Weil Wir hier zwei Todesurteile für Euch haben. Sollte es jemals auch nur das kleinste Gerücht über Unseren Sohn und seine Frau geben, dann werden Wir wissen wer dafür verantwortlich ist. Und seid gewiss, der Tod durch Folter kann eine sehr langwierige Sache sein."

"Wollt Ihr diese Farce tatsächlich durchziehen?" ereiferte sich Lady Agatha.

Doch der König blieb ruhig. "Ihr habt nicht das Recht Unsere Entscheidungen anzuzweifeln. Stattdessen solltet Ihr lieber den Göttern danken, dass Wir durch die bevorstehende Hochzeit so in Gnadenlaune sind. Wir denken, Ihr werdet einsehen, dass es besser für Euch ist, zu schweigen. Und das solltet Ihr auch Eurer Tochter klarmachen. Sie war an der Täuschung gegen den Prinzen beteiligt, es würde sie also die gleiche Strafe erwarten. Also, werdet Ihr schweigen? Oder sollen Wir dem Kerkermeister schon bescheid geben?"

"Schweigen," krächzte Lady Agatha entsetzt.

"Gut. Oh, da ist noch etwas anders. Wir wissen Ihr habt das Maxwell Gut von eurem Ehemann geerbt - und daran wollen Wir auch gar nichts ändern. Aber Uns ist zu Ohren gekommen, dass die Verwaltung des Gutes nicht mehr in den besten Händen ist. Das werden Wir jetzt ändern. Schließlich wäre es eine Schande zu sehen, dass der Geburtsort Unserer geliebten Schwiegertochter durch Misswirtschaft zerstört wird. Deshalb verfügen Wir, dass Howard wieder der Verwalter wird. Er wird sämtliche Entscheidungen das Gut betreffend fällen."

Das war eine Idee von Dorothy gewesen. Howard, der natürlich in die ganze Sache eingeweiht war, würde nicht nur als Verwalter agieren können, sondern auch immer ein Auge auf Lady Agatha und Relena haben.

"Sämtliche Entscheidungen treffen? Was heißt das?"

"Es bedeutet, dass Ihr und Eure Tochter ein ruhiges und bequemes Leben auf dem Gut haben werdet, Wir wollen Euch ja nichts von Eurem Komfort nehmen. Aber Ihr werdet nur noch dem Namen nach die Herrin sein. Ihr dürft nichts bestimmen und dürft auch keinen Dienstboten bestrafen."

"Das ist ungeheuerlich!" begehrte Lady Agatha auf.

"Das mag sein wie es will, aber Wir denken es ist dem Kerker durchaus vorzuziehen. Meint Ihr nicht auch? Und Wir an Eurer Stelle würden schweigend akzeptieren, es könnte sonst sein, dass Wir dafür sorgen werden, dass Ihr von jetzt an für Euren Unterhalt arbeiten müsst. Duo hat Uns von ein paar sehr interessanten Arbeiten erzählt."

Lady Agatha wurde rot im Gesicht. Dann zischte sie, "Ich akzeptiere!"

"Gut, dann dürft Ihr Euch jetzt zurückziehen," erklärte der König.

Als sich Lady Agatha schon zum Gehen umdrehen wollte, hatte Duo zum ersten Mal seinen Mund geöffnet, "Halt, da ist noch eine Sache."

Seine Stiefmutter hatte ihm daraufhin einen Blick zugeworfen, der vor Hass nur so triefte. Aber Duo ließ sich davon jetzt nicht mehr beeindrucken. "Die Kette die sie trägt ist ein altes Familienstück der Maxwells. Ich will sie haben." Seine Mutter hatte die Kette geliebt und es hatte Duo immer einen tiefen Stich gegeben, seine Stiefmutter damit zu sehen.

"Was?" herrschte Lady Agatha ihn an.

Doch der König kümmerte sich gar nicht erst darum. "Eine vortreffliche Idee. Die Kette wird Teil der Mitgift sein. Gebt sie Duo."

Mit vor Wut zitternden Händen hatte Lady Agatha daraufhin die Kette abgenommen und sie Duo gereicht. Dabei hatte sie ihn wie Dreck angesehen. Aber Duo war klar, dass seine Stiefmutter nicht mehr widersprechen würde. Ihr war klar dass ihr Leben davon abhing. "Ich hasse dich," erklärte sie zischend.

Doch Duo hatte sie nur angelächelt. Er hatte schon viel früher gewusst, dass sie ihn hasste. Aber jetzt konnte sie ihm nichts mehr tun, er war ihrem Einfluss entgangen. Mit tiefer Befriedigung nahm er die Kette die seinen Eltern gehört hatte entgegen. "Lebt wohl," erklärte er. Nie wieder würde er dieser Frau begegnen, nie wieder würde sie ihm weh tun können. Endlich hatte er gesiegt. Und das war fast so schön, wie die Freude darüber, dass er Heero gewonnen hatte.

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Mit einem letzten Aufseufzer ließ Heero sich in die Polster der geschlossenen Kutsche fallen. Endlich war es geschafft.

Die letzten Tage waren mehr als stressig gewesen. Zu behaupten eine Königliche Hochzeit würde viel Wirbel verursache wäre sicherlich die Untertreibung des Jahrhunderts. Alles was Rang und Namen hatte - oder sich dafür hielt - war letzte Woche in die Hauptstadt geströmt um die kurzfristig anberaumte, aber nichtsdestotrotz aufsehenerregende Hochzeit des Kronprinzen mit seiner der Gesellschaft unbekannten Braut mitzuerleben.

Und genau wie Lady Dorothy es prophezeit hatte, die Gerüchteküche war geradezu am überkochen. Schenkte man den Klatschmäulern Glauben, so hatten Heero und seine Braut schon seit langem im geheimen eine Affäre gehabt und hätten die Szene auf dem Ball nur inszeniert, um zu vertuschen, wie gut genau sie beide sich schon kannten.

Eine andere Version lautete, der Prinz und seine Braut wären sich sowieso seit der Geburt versprochen gewesen - immerhin, waren ihre Mütter nicht verwandt gewesen? - und die Szene auf dem Ball war nichts weiter als ein Streit unter Verlobten gewesen. Der Grund für die hastig anberaumte Hochzeit war natürlich bei jeder Version der gleiche. Quatre hatte Heero breit grinsend erzählt, dass die Wettsummen darüber, wann das erste Kind des Kronprinzenpaares geboren würde, inzwischen absurd astronomische Höhen angenommen hatten. Heero schnaubte. Kein Zweifel, Quatre und Trowa würden sich dabei eine goldene Nase verdienen, waren sie doch die einzigen die mit absoluter Sicherheit das Ergebnis wussten.

Wie auch immer, die Gerüchte brodelten, und obwohl Heero und Duo deswegen ziemlich besorgt gewesen waren, schienen der König und die Königin eher zufrieden zu sein. Heero hatte sogar den Verdacht, dass seine Mutter die Gerüchteküche eher anheizte statt sie im Keim zu ersticken. Auf seine Frage hin hatte seine Mutter nur achselzuckend gemeint, je mehr dieser absurden Gerüchte kursieren würden, umso besser. So käme niemand auch nur in die Nähe der Wahrheit, und das war schließlich das wichtigste.

Doch die vielen Gerüchte waren trotz ihrer Lästigkeit nicht der Grund für all den Stress vor der Hochzeit gewesen. Heero grollte kurz. Ganz genauso wie seine Mutter es versprochen hatte, hatten er und Duo seit ihrer 'Verlobung' nicht eine Sekunde mehr allein verbracht. Die Königin hatte Duo gleich danach in die Obhut von Howards Cousin gegeben, und die neuerdings in den Adelsstand erhobene Familie von Lady Dorothys Verlobten hatte sich mit vollem Elan in die ihr anvertraute Aufgabe geworfen.

Besonders Lady Dorothys zukünftige Schwiegermutter hatte sich als wahrer Drachen erwiesen und wann immer Heero vorbeigekommen war, hatte sie ihn behandelt, als hätte er den Ruf massenhaft unschuldige Jungfrauen zu schänden. Heero erschauerte. Was für ein Glück dass sie nicht wirklich Duos Mutter war. Sonst wäre es gut möglich gewesen, dass er sich das mit der Hochzeit noch einmal überlegt hätte.

Der Rest von Lady Dorothys zukünftiger Verwandtschaft war allerdings nicht ganz so furchterregend, wie Heero zugeben musste. Natürlich war die gesamte Familie in die Hauptstadt gekommen um der Hochzeit des Kronprinzen beizuwohnen und so ihren neuesten Stand als eine der höher gestellten Familien des Landes zu feiern. Dorothys Verlobter Ian hatte sich als freundlich, schlagfertig und Dorothy in jeder Hinsicht ebenbürtig erwiesen, und Heero war sich sicher, dass er den jungen Mann bald einen Freund nennen könnte.

Doch trotz allem war diese Situation mehr als lästig gewesen, und Heero war äußerst froh dass seine Eltern nicht wirklich auf einer langen Verlobungszeit bestanden hatten.

Und dann war es endlich soweit gewesen. Heero konnte es immer noch nicht ganz fassen, aber vor noch nicht ganz drei Stunden waren Duo und er verheiratet worden. Trotz all der hektischen Vorbereitungen der letzten Tage, trotz all der Besprechungen und Überlegungen wie man das alles am Besten in Angriff nähme hatte Heero es nicht wirklich glauben können. Er hatte ständig das Gefühl gehabt, er würde im nächsten Augenblick aufwachen und feststellen, dass alles nur ein Traum gewesen wäre. Bis zu dem Moment in dem Duo ihm in der Kirche sein Jawort gegeben hatte.

In diesem Moment war es wie ein Schlag über Heero hereingebrochen. Duo hatte ihn wirklich geheiratet! Duo war wirklich und wahrhaftig sein! Und nichts und niemand würde ihn ihm je wieder wegnehmen können! Nicht in all seinen kühnsten Träumen hätte Heero sich das jemals vorstellen können. Er hatte höchstens auf ein paar versteckte Momente hie und da, ein paar gestohlene Stunden hoffen können. Und stattdessen hatte er jetzt den Rest seines Lebens mit Duo an seiner Seite. Es war definitiv das Schicksal das hier seine Hände im Spiel hatte, Heero war sich da sicher.

Vor allem nachdem er von Duo die Geschichte mit den Zaubernüssen erfahren hatte. Heero schüttelte den Kopf. Es klang einfach zu unglaublich, aber welchen Grund hätte Duo so etwas zu erfinden? Noch dazu wo Heero wusste, dass Duo nur so an all die vornehmen Kleider gekommen sein konnte als er noch unter Lady Agathas Fuchtel gelebt hatte.

Doch das alles lag in der Vergangenheit. Egal wie sie an diesen Punkt gelangt waren, nun zählte nur noch, dass sie zusammen waren. Heero lächelte Duo, der ihm in der Kutsche gegenübersaß, kurz zu. Duo sah einfach umwerfend aus in diesem Kleid, selbst wenn Heero es niemals laut aussprechen würde. Duo reagierte immer noch höchst empfindlich auf jede Anspielung die ihn und Frauenkleider betraf. Und schließlich wollte Heero noch in der Lage sein die Flitterwochen zu genießen.

Es handelte sich dabei natürlich um dasselbe Kleid, das Duo aus der dritten Zaubernuss gezogen hatte. Sowohl Heero als auch Duo waren der Meinung gewesen, dass es Bestimmung war, und so hatte die Königin Duo nur noch mit einem Diadem aus dem königlichen Schatz ausgestattet - eine Kette war nicht nötig, denn Duo trug die Kette seiner Mutter - und Duo war für die Hochzeit bereit gewesen.

"Uff," machte Duo in diesem Moment und unterbrach damit Heeros Gedankengänge. "Bin ich froh dass das alles endlich vorbei ist."

Heero nickte. "Du sagst es. Noch einmal will ich sowas nicht mitmachen müssen."

Duo funkelte ihn beinahe wütend an. "Ach ja? Ich weiß gar nicht was du hier groß zu meckern hast. Schließlich bist du ja nicht derjenige, der den ganzen Tag in diesen Schuhen verbracht hat!" Er streckte sein Bein aus und zog das Kleid ein wenig hoch, damit Heero den Absatz des Schuhs begutachten konnte.

Heero starrte auf das Stück bestrumpften Unterschenkels das dabei sichtbar wurde. Er konnte spüren, wie ihm allein bei diesem doch recht unschuldigen Anblick ganz heiß wurde. Schnell, bevor Duo sein Bein zurückziehen konnte, griff er danach und legte es sich auf den Schoß.

"Hey!" rief Duo empört, der bei diesem Manöver fast vom Sitz geworfen wurde. "Heero!"

"Hm?" machte Heero, achtete jedoch nicht wirklich auf Duos Proteste. Mit einer schnellen Bewegung zog er Duo den Schuh runter und fing an, den Fuß zu massieren.

Sofort verwandelten sich Duos empörte Geräusche in etwas gänzlich anderes. Mit einem zufriedenen Seufzer, der schon fast wie ein Stöhnen klang lehnte der Langhaarige sich in die Polster der Kutsche zurück und legte auch sein anderes Bein in Heeros Schoß. Heero lächelte leicht.

Nachdem Heero beide Füße ausgiebig massiert hatte - und dabei von den Geräuschen, die Duo von sich gab beinahe in den Wahnsinn getrieben worden war - ließ er seine Hände langsam über Duos Unterschenkel nach oben wandern.

"Hm?" machte Duo fast schläfrig als er endlich registrierte, dass Heero mit der Massage aufgehört hatte. "Wieso hast du aufgehört?"

"Oh," machte Heero und streichelte über Duos Knie. "Ich habe da diesen Plan."

"Du hast einen Plan?" fragte Duo ein wenig verwundert.

"Hm," nickte Heero. Seine Hand lag nun auf der bloßen Haut oberhalb der Strümpfe und begann damit, auf die Innenseite von Duos Oberschenkeln zu wandern.

"Was für einen Plan?" fragte Duo, auf einmal äußerst atemlos.

Heero lächelte breit und zog Duo mit einem Ruck zu sich her, so dass dieser auf seinem Schoss zu sitzen kam. Duo stieß einen kleinen Schrei aus, schlang dann aber sofort beide Arme um Heeros Hals.

"Erinnerst du dich daran wie schnöde wir damals im Schuppen unterbrochen worden sind?" fragte Heero während er an Duos Ohrläppchen knabberte. Seine linke Hand machte sich unter Duos Röcken wieder auf Wanderschaft.

Duo nickte heftig atmend.

"Nun, mein Plan ist es, genau dort weiterzumachen wo wir unterbrochen wurden," sagte Heero und streichelte erneut die weiche, warme Haut auf der Innenseite von Duos Oberschenkeln.

"Hier?" keuchte Duo. "Jetzt?"

"Warum nicht?" fragte Heero und knabberte an Duos Hals. "Immerhin haben unsere Flitterwochen soeben angefangen. Und wir sind endlich allein. Und ungestört."

Duo starrte ihn einen Moment lang aus beinahe glasigen Augen an, dann erschien ein verführerisches Lächeln auf seinem Gesicht. "Du hast Recht," sagte er, dann beugte er sich vor und verschloss Heeros Mund zu einem Kuss.

Und während Heero sich dem Kuss und dem Gefühl von Duo in seinen Armen hingab, konnte er nur denken, dass er der glücklichste Mann der Welt war. Duo war sein, und ihre Flitterwochen und ihr gemeinsames Leben hatten gerade begonnen. Was auch immer die Zukunft ihnen bringen mochte, sie würden es gemeinsam meistern. Und Heero konnte sich nichts schöneres vorstellen.