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J?ger und Beute

Original/ Gothic [NC-14]

keine Warnungen

Inhalt: Der Nervenkitzel einer Jagd, das Schönste überhaupt für einen geborenen Jäger.
Doch was ist, wenn der Anlass plötzlich wichtiger wird als die Hatz selbst? 



Jäger und Beute



Ich hockte in tiefster Dunkelheit auf einem Dachfirst und beobachtete die Straße unter mir. Wenn Niklas der Spur, die ich ihm großzügiger Weise, aber nur spärlich hinterlassen hatte, gefolgt war, müsste er jeden Moment auftauchen. Und richtig, dort am Ende der Straße bewegte sich ein lautloser Schatten. Diese Jagd versprach interessant zu werden! Auch wenn es zunächst etwas ungewohnt war, die Rolle der Beute und nicht die des Jägers auszufüllen.

Doch ich sollte wohl von Anfang an erzählen:

Mein Name ist Lukas und ich studiere wie so viele BWL im dritten Semester. Die meisten meiner Kommilitonen glauben, ich sei wie sie 21 oder 22 Jahre alt und käme aus einer anderen Stadt und litte unter Heimweh, oder so. Keine Ahnung, was genau sie sich zusammenreimten, um zu erklären, dass ich nie, wirklich nie auch nur ein Wort über meine Familie oder meine Schulzeit verlor. Dabei gibt es dafür doch ganz andere Gründe...

Vor zwei Wochen hatte ich die erste Begegnung mit Niklas. Wir sind ganz profan zusammengestoßen, im Gedränge der Mensa. Ich war sofort fasziniert von ihm, bewunderte sein gutes Aussehen, bezweifelte jedoch ihn jemals wieder zu sehen.

Wie sehr ich mich irrte, zeigte noch derselbe Abend: Ich wollte zu einer Verabredung mit meinen Studienfreunden, war aber spät dran. Also flitzte ich durch den Park, weil dieser Weg viel kürzer war und ich auf der anderen Seite gleich in die richtige Linie einsteigen konnte, statt erst mal mühselig mit der Kirche ums Dorf zu gondeln.

Etwa in der Mitte, weit ab von jeder Laterne und jedwedem nächtlichen Besucher, wurde ich aufgehalten. Zwei kräftige Arme umschlangen mich und ich wurde niedergerungen. Und genauso schnell fühlte ich zwei Fänge in meine Halsader eindringen. Ich war viel zu perplex, um mich zu wehren, ich dachte noch nicht einmal daran. Nur ein Gedanke hallte durch meinen Schädel: Es gibt sie immer noch!

Und der süße Typ aus der Mensa ist einer von ihnen, vielleicht auch der einzige! Vampyroi, ein Untoter, ein vom Blute anderer ‚Lebender’.

Nach kurzer Zeit verschwand er fast lautlos wieder, schien satt zu sein und ließ mich benommen liegen. Meine Verabredung an jenem Abend konnte ich vergessen, ich war viel zu aufgewühlt, musste über vieles nachdenken.

Ich brauchte nur ein paar Tage um herauszufinden, wer er war, besser: wer er vorgab zu sein. Gott sei dank, sind auch männliche Kommilitonen wahre Tratschweiber. Ich erfuhr, was er studierte, dass jedes Mädchen für ihn schwärmte und er auch schon ein paar zweideutige Angebote von seinen Mitstudenten erhalten hatte und wohl eher diese annehmen würde. Viel wichtiger: Er war immer montags, dienstags und freitags in unserer Mensa und ging anschließend mit Freunden in den angrenzenden Park.

Es wurde Zeit, dass ich ihn zur Rede stellte.

Also folgte ich ihm und einer ganzen Traube anderer Studenten an jenem Dienstag. Ziemlich mürrisch, weil ich zugegebener maßen immer noch unmutig über die möglichen Implikationen war, forderte ich ihn auf mit mir allein zu reden. Ein ziemlich gelangweiltes „Ich wüsste nicht worüber“ war seine Antwort. Also zeigte ich ihm die immer noch gut sichtbaren Bissmale an meinem Hals. Er riss ziemlich erschrocken oder auch erstaunt die Augen auf, fing sich aber sehr schnell wieder, als seine Kumpels anfingen zu johlen, sein Liebchen würde sich wohl über Knutschflecke beschweren. Er kam mit mir mit, ein gutes Stück weg von den anderen, aber gut sichtbar mitten auf der Wiese blieben wir stehen. Keiner wollte wohl wirklich mit dem anderen allein sein.

Nun, um es kurz zu machen: er war erstaunt, dass ein Mensch sich erinnern konnte und dass die Male immer noch zu sehen waren. Normalerweise verheilten sie innerhalb weniger Sekunden. Ich grinste zufrieden, zumindest mussten wir uns nicht erst mühselig darauf einigen, dass auch ich wusste, was er war. Aber über seine Herkunft, seinen Clan oder andere banalere Dinge wollte er nichts verraten.

Also schlug ich ihm einen Deal vor: Er würde in Zukunft sein Blut - zum Glück schien er aus dem immer hungrigen Alter bereits raus zu sein - von mir bekommen. Allerdings müsste er es sich verdienen. Wenn er seine Beute, also mich, nicht innerhalb einer bestimmten Zeit finden würde, musste er mir meine Fragen beantworten, um sein Blut trotzdem zu bekommen. Zuerst lachte er mich aus. Musste ihm wohl wirklich komisch vorkommen, dass ein einzelner Mensch ihn daran hindern wollte, weiterhin andere zu überfallen und deren Blut zu trinken.

Doch er verstummte rasch, als ich ihm die Alternative erklärte: meine Familie jagte Vampire schon seit ewigen Zeiten. Und auch wenn wir seit gut 300 Jahren keinem mehr begegnet seien, wissen wir immer noch gut unseren Job zu erledigen. Und wenn er meinen Deal ablehnen würde, sähe ich mich gezwungen ihn zur Jagd freizugeben. Zuerst wollte er spotten, von wegen langsame und träge Menschen. Doch die Klinge an seinem Hals, die ich schnell, lautlos und unbemerkt von ihm dort platzieren konnte, überzeugte ihn schnell, dass wir ernst zu nehmende Gegner wären.

Aber er gab sich nicht gleich geschlagen. Warum sollte er mich jagen, wenn er sein Blut auch so von mir bekommen könnte. Zugegeben diese Frage war durchaus berechtigt. Nur weil ich ihn überraschen konnte, hieß das noch lange nicht, dass ich mich erfolgreich gegen ihn wehren könnte, jeden Tag wieder.

Es würde viel interessanter werden, und ich hätte die Chance, die gewünschten Informationen von ihm zu bekommen, erklärte ich ihm zwinkernd. Ich kannte den Unterschied zwischen Blut von einem ahnungslosen Opfer und von Beute einfach zu gut. Aber das musste ich ihm nun wirklich nicht auf die Nase binden.

Wir handelten noch eine ganze Weile, einigten uns dann aber darauf, dass er das Spiel mit der Jagd nur dann mitmachen würde, wenn sie wirklich interessant für ihn wäre. Andernfalls würde er sich trotzdem sein Blut von mir holen und ich müsste meiner Familie gegenüber schweigen. Da ich mit dieser Bedingung kein Problem hatte, verhandelten wir nur noch Ort und Zeitpunkt unserer ersten Jagd und wie oft er von mir trinken müsse.

Nun, vorgestern war es soweit gewesen. Ich hatte scheinbar alles richtig gemacht: Er ist mir lange genug auf verschlungenen Pfaden durch die Stadt und den angrenzenden Wald gefolgt, um das Spiel interessant zu finden. Auf der anderen Seite war die Zeit kurz genug gewesen, so dass er kein Misstrauen schöpfte und selbst anfing unbequeme Fragen zu stellen. Welcher Mensch könnte sich schon stundenlang vor einem Vampir verbergen? Oder auf längere Zeit genauso schnell sein?

Ich hatte mich sozusagen genau zum richtigen Zeitpunkt von ihm finden lassen, natürlich schwer hechelnd und Seitenstechen vortäuschend. Und ich kam wieder in den Genuss von ihm gebissen zu werden. Dieses Mal tauchte die Panik nicht auf. Stattdessen konnte ich spüren, wie in Zeitlupe, seine Fänge meine empfindliche Haut durchbrachen, der erste Blutstropfen hervorquoll und leicht erregende Schauer meinen Körper durchliefen.

Was war das? Eigentlich sollte ich doch gegen seine Gifte immun sein. Das sollte ich im Auge behalten. Nicht dass die alten Legenden doch wahr waren und er einfach eine neue Kombination an Wirkstoffen in seinem Speichel austestete und auch ich zu einem willenlosen Opfer wurde…

Nun, das Wichtigste war: nachdem er satt war, erklärte er sich einverstanden, im Falle seiner künftigen, total unwahrscheinlichen, Niederlagen meine Neugier zu stillen und jeweils eine Frage zu beantworten.

Heute war es soweit. Ich musste mich nur noch eine Stunde vor ihm verbergen. Die vergangene Zeit hatte ich damit zugebracht, falsche Fährten zu legen, hin und wieder meinen eigenen Weg zu kreuzen, nachdem oder auch kurz bevor er diese Stellen passierte. Es war schön die Verwirrung auf seinem Gesicht sehen zu können. Er runzelte dann immer die Stirn und kniff ein Auge dabei zu. Richtig niedlich.

Doch jetzt kam es darauf an: entweder ich schaffte es und bekam so nach und nach ein paar Antworten oder ich wurde wohl so etwas wie ein lebender Kühlschrank für ihn. Also, eine Stunde noch. Ich beobachtete weiter wie sich Niklas meinem letzten Kreuzungspunkt näherte. Sehr schnell und doch äußerst wachsam, auf alles gefasst und alles beobachtend. Er hatte fast etwas von einem Tiger an sich.

Jetzt würde es sich entscheiden. Entweder er folgte kontinuierlich meiner Spur und ich hätte genügend Zeit, die letzte Stunde im Wald auszusitzen. Oder aber er folgte der zweiten Spur, wesentlich frischer, aber auch ein paar Meter entfernt. Dann hätte ich ein Problem. Denn diese Spur führte direkt zu mir auf dieses Dach. Wenn ich dann noch die Chance behalten wollte, ein paar Antworten zu erhalten, müsste ich wohl mein kleines Geheimnis enthüllen, um noch schnell genug verschwinden zu können. Diese Option gefiel mir gar nicht, zumal meine Familie dann wohl richtig sauer auf mich wäre und mich wahrscheinlich verstoßen würde… zumindest wenn sie es erfahren würden.

Ah, Niklas blieb stehen, mitten auf der Straße, ein einfaches Ziel, sollte ich es doch auf sein Leben abgesehen haben. Aber er schien meinem Wort, meine Familie außen vor zu lassen, zu vertrauen. Prüfend sog er die Luft zur Nase herein, schien zu überlegen. Oh, er verließ die offensichtliche Spur und prüfte die Seitengassen dieses alten Industrieviertels. Clever! Aber nicht clever genug. Unverrichteter Dinge kehrte er zu meiner alten Fährte zurück und folgte dieser bedächtig.

Erleichtert drehte ich mich um, um langsam und leise in Richtung Wald zu verschwinden. Doch ich stieß mit einer Katze zusammen. Glücklicherweise konnte ich meinen Überraschungsschrei unterdrücken, doch dieses blöde Mistvieh konnte sich nicht zurückhalten. Laut fauchend fuhr sie ihre Krallen aus, um ihr Revier zu verteidigen. Mist, verdammter, aber auch! Das konnte Niklas doch gar nicht entgehen.

Dummerweise verlor ich durch das zusätzliche Gewicht der Katze mein Gleichgewicht und fiel polternd vom Dach hinunter und mitten in einen großen Berg Müll.

Was nun? Niklas würde bestimmt jeden Moment hier auftauchen.

Was nun? Er würde bestimmt sofort die neue Spur bemerken.

Und dann? Erstmal musste ich das blöde Katzenvieh verscheuchen. Am einfachsten in meiner natürlichen Gestalt. Rrrrh! Hihi, und weg war sie. Aus lauter Verwirrung sprang sie direkt in Niklas’ Arme. Oh ha, war der verdutzt. Nicht schlecht, dachte ich mir und lief so schnell ich konnte, immer noch knurrend an ihm vorbei und auf in den Wald.

An jenem Abend fand er mich nicht.



+++



Langweiliger Abend. Es schüttete mal wieder wie aus Kannen und ich hockte zu Hause und hatte nix zu tun. Erst vor einer Stunde hatte Lukas angerufen und unser Date abgesagt, na ja Hatz traf es wohl besser.

Unsere Beziehung war schon merkwürdig, obwohl ein Außenstehender würde es wohl kaum Beziehung nennen.

Ich hatte ihn vor etwa einem dreiviertel Jahr kennen gelernt. Hm, kann man das so nennen, wenn man jemandem auflauert, ihn beißt und um fast einen Liter Blut erleichtert?

Na ja, danach fingen die Probleme an. Keine Woche später kam er angelatscht und wollte mit mir reden, ich war mehr als nur erstaunt… Aber so richtig erschrak ich erst, als er mir die Bisswunden zeigte.

Das hat man nun davon, wenn man seinem Meister alles glaubte. Von wegen jeder dumme Mensch vergisst… Okay, das Vergessen könnte auch mir schwer fallen, mit zwei so hübschen, blutunterlaufenen Malen am Hals. Aber dass er dann auch noch die Dreistigkeit hatte mir zu drohen! Zum Glück bin ich nicht ganz auf den Kopf gefallen. Seit dem kann ich wieder Beute schlagen. Es genießen, wenn er weiß, was ich von ihm will und, egal wie schnell oder weit er davon läuft, es auch bekommen werde… hmmm.

Allein die letzte Jagd: der Geruch, der in der Luft liegt, wenn die Beute ganz genau weiß, wovor sie flieht, einfach unwiderstehlich. Jede Menge Panik, aber auch Hoffnung, gepaart mit Aufregung. Und all die Endorphine im Blut, echt lecker!

Dummerweise musste ich ihm versprechen, ihm Fragen zu beantworten, sollte er es tatsächlich schaffen, sich länger als vier Stunden meinem Zugriff zu entziehen. Ein Ding der Unmöglichkeit, wollte ich meinem Meister glauben.

Doch wieder einmal musste ich erfahren, dass er sich irrte. Schon bei unserer zweiten Jagd ist Lukas mir entkommen, wie vom Erdboden verschluckt. Seine Fährte hörte plötzlich auf und ich hatte eine schreiende Katze im Arm, wie peinlich! Hoffentlich erfährt das niemand!

Und die Fragen, die er stellte…

Er weiß mehr über Vampire als die Menschen, selbst für den Sprössling eines alten Jägerclans. Nicht umsonst versteckten wir uns seit über 350 Jahren vor der Welt.

Seit jener Jagd hat sich das Verhältnis zwischen uns geändert. Ich genieße es immer noch, aller zwei / drei Tage sein Blut zu kosten und mir ist es mittlerweile egal, ob ich es mir erjagt habe oder ob ich ihm lästige Fragen beantworten musste.

Es ist einfach nur berauschend, seinen Geschmack auf meiner Zunge, einzigartig, wie für mich geschaffen. Zugegeben, als Beute nach der Jagd schmeckte er noch besser, all das Adrenalin, welches durch seine Adern peitschte, wenn ich ihn mir überraschend griff. Einfach lecker.

Dafür ist er viel anschmiegsamer, wenn ich mal wieder verloren habe und ihm seine Frage beantwortet habe, richtig verschmust. Es sei denn, ich schmollte und fing an zu raufen, was auch nicht zu verachten war. Wieder ein bisschen mehr Endorphin in seinem Blut. Ob es die Angst war, ich könnte mich, und unsere Abmachung, vergessen?

Doch heute musste ich wohl mal wieder auf ihn verzichten. Dringende Familienangelegenheiten.

Was sollte ich bloß mit dem angefangenen Abend tun? Verregneter Vollmond, und ich hatte versprochen niemanden zu überfallen, wollte es auch gar nicht mehr. Schon merkwürdig…



Momentmal… Vollmond!? Das letzte Mal, als er mich versetzte, war auch Vollmond gewesen. Hatten wir uns überhaupt schon mal an diesem Tage getroffen?

Und seine Fragen…, viel zu speziell. Sie zeugten von einem Wissen, das die Menschen nicht besaßen. Wer dann?

Die Katze von jenem Abend? Auf keinen Fall, zu klein und struppig. Und sie roch gar nicht nach ihm.

Aber der Wolf…

Wenn ich es mir recht überlege, der ist genau da aufgetaucht, wo Lukas’ Spur aufhörte. Auch wenn das schwer zu sagen ist, in dem Berg Müll. Wieso bin ich ihm damals nicht gefolgt?!

Ich musste dringend mit ihm reden… Doch, würde das etwas ändern?

Wollte ich, dass sich etwas änderte?

Hm, ich könnte ihm anbieten zu Vollmond die Rollen zu tauschen.

Obwohl, ab welchem Alter gewannen die Werwölfe die Kontrolle über den Wolf in ihnen? War er schon so alt? Oder müsste ich um mein Leben fürchten, wenn ich ihm dieses Angebot machte?

Was wollte er überhaupt von mir??

Die Werwölfe und Vampire waren sich schon seit ewigen Zeiten spinnefeind. Was sollte also dieses Spiel? Wollte er Informationen über meinen Clan oder war er tatsächlich an mir interessiert? Wie viel wusste sein Rudel? Über ihn? Mich? Unsere Beziehung?

Okay, wenn ich an die Feindschaft zwischen unseren Spezies denke, seine Drohung dazu nehme… Sie würden mich wohl kaum zum Kaffee einladen, es sei denn, ich wäre das Dessert.

Wäre es vorbei, wenn ich heute zu ihm ginge?

Wir mussten wohl wirklich endlich einmal ehrlich miteinander reden!

Doch nicht heute.

Nein, besser nicht heute.