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Der Liebeszug - Teil 11 bis 12

Kapitel 11


Heero saß hinter dem Steuer und beobachtete Duo aus seinen Augenwinkeln. Irgendwie widerstrebte es ihm, den anderen jetzt zum Liebeszug zu fahren. Denn dann würde er ihn niemals wieder sehen.

Entschlossen schüttelte Heero den Kopf und verbat sich solche unsinnigen Gedanken. Schließlich war dies nicht der erste One Night Stand den er hatte. Zwar der erste den er mit zu sich nach Hause genommen hatte, aber das Prinzip sollte ja wohl das gleiche sein, oder? Man hatte gemeinsam Spaß und ging dann wieder getrennte Wege. Das sich die Sache mit Duo irgendwie anders anfühlte, lag garantiert nur an den merkwürdigen Ideen die Trowa seit neuestem vertrat. Und Heero würde jetzt garantiert aus der Sache nicht mehr machen, als da war.

Auch wenn Duo einfach unglaublich war!

Um sich abzulenken, aber auch um die Stille die im Auto herrschte zu durchbrechen wandte sich Heero mit einer Frage an seinen Beifahrer. „Macht ihr so etwas eigentlich öfters?“

Duo drehte sich zu ihm um und starrte ihn erstaunt an. „Huh?“

„Na so was wie dieser Liebeszug und den Ball der Einsamen Herzen,“ spezifizierte Heero.

„Ach das meinst du,“ erwiderte Duo. „Nein, ich kann ehrlich sagen, dass wir ‚so was’ wie den Liebeszug noch nie gemacht haben. Ich war eigentlich sogar dagegen. Es hörte sich nach verdammt harter Arbeit an – die es dann ja auch war. Aber wir organisieren schon sehr viele große Events.“

„Was hab ich mir darunter eigentlich vorzustellen?“ hakte Heero nach.

„Nun, wir organisieren all diese Events. Vom Geburtstag über eine Hochzeitsfeier zu einem großen klassischen Festakt. Ist alles schon vorgekommen. Angefangen haben wir mit Hochzeiten, aber unser Kundenkreis ist immer größer geworden. Quatre und ich sorgen dafür dass auf diesen Events alles glatt läuft, dass die Gäste eine schöne Zeit haben, dass es genug zu essen und zu trinken gibt, dass die Unterhaltung stimmt. Einfach alles.“

Heero konnte ein kleines Lächeln kaum unterdrücken. Duo schien seinen Beruf wirklich zu lieben, so wie er jetzt voller Begeisterung davon sprach.

„Es macht einfach alles Spaß. Am Anfang mit den Kunden über deren Vorstellungen zu sprechen. Ihnen den perfekten Event zu planen. Alles zu organisieren und dann natürlich bei den Feiern dabei zu sein. Aktion und Spaß, das haben wir eigentlich immer.“

Und während Duo noch weiter von seinem tollen Leben als Eventmanager erzählte wurde Heero etwas sehr deutlich bewusst. Das ihre Leben nicht unterschiedlicher sein konnten, selbst wenn sie es geplant hätten. Duo schien immer auf Achse zu sein, so wie Heero es einschätzte liebte er es im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Wenn Heero wirklich jemals geglaubt hätte, dass sie zwei vielleicht doch eine Chance hätten, dann wäre er jetzt eines besseren belehrt worden. Duo war nicht nur ein Stadtmensch, er war auch ein Partymensch. Zwei Dinge die Heero so absolut nicht war.

Alles in allem war es wirklich das beste, dass er sich niemals überhaupt Hoffnungen gemacht hatte. Nur wieso fühlte er sich dann so merkwürdig, als er den Jeep auf dem Parkplatz abstellte? Wieso hatte er das Gefühl, er müsste Duo irgendwas sagen, ihn irgendwie davon abhalten mit dem Liebeszug zurück in die Stadt zu fahren?

Aber Heero war niemand, der sich an Dinge klammerte die von vornherein zum Scheitern verurteilt waren. Dafür würde er keine Energie aufwenden. Entschlossen machte er den Motor aus und verkündete: „Wir sind da.“

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Duo wusste nicht, ob er einfach sitzen bleiben sollte, oder sofort aus dem Jeep aussteigen. Wenn er gedacht hatte, dass die Situation vor dem Frühstück schon angespannt gewesen war, dann hatte ihm die kurze Fahrt von Heeros Farm nach Blackside gezeigt, dass es noch schlimmer ging. Wieso mussten diese ‚Morgen danach’ auch so furchtbar peinlich sein? Wahrscheinlich war das der Grund, warum die meisten bei einem One Night Stand noch nicht einmal über Nacht blieben. Duo konnte es ihnen auf jeden Fall nicht verdenken.

Zunächst hatte sich zwischen ihm und Heero eine fast bedrückende Stille in dem Auto ergeben. Was eigentlich merkwürdig war, weil sie hatten sich ja nicht gestritten oder so was. Deshalb hatte Duo sich sofort auf die Unterhaltung gestürzt die Heero dann doch initiiert hatte. Und wie immer wenn er nervös war, hatte Duo wie ein Wasserfall geredet. Na ja, alles war besser als die Stille.

Aber jetzt waren sie am Ende der Fahrt angelangt. Heero hatte den Jeep geparkt, es gab keinen Grund länger in dem Auto zu verweilen. Nun hieß es Abschied nehmen. Noch so eine peinliche Aktion. Duo biss sich nervös von innen auf die Wangen.

„Soll ich dich noch zum Zug bringen?“ fragte Heero plötzlich.

„Das ist nett von dir, aber nicht nötig,“ antwortete Duo automatisch. „Ich muss zuerst sowieso zum Zelt um dort nach dem Rechten zu schauen. Und das Zelt seh ich von hier ja schon. Das kann ich gar nicht verpassen.“

„Ok,“ erwiderte Heero leise.

Duo hatte schon seine Hand am Türgriff, dann drehte er sich noch mal zu dem anderen Mann um und setzte sein professionellstes Lächeln auf. „Noch mal vielen Dank für die Nacht. Und fürs Fahren.“

Duo meinte etwas in Heeros Augen glitzern zu sehen. Doch der andere Mann erwiderte nur ruhig: „Ich hab zu danken. Die Nacht war wunderbar.“

Duo knabberte kurz auf seiner Unterlippe, dann umspiegelte ein ehrliches, kleines Lächeln wehmütig seinen Mund. „Ja das war sie. Also, mach’s gut.“ Eine andere Verabschiedung fiel ihm beim besten Willen nicht ein. Sie würden sich wohl nie wieder begegnen, da würde ein ‚Wir sehen uns’ nicht passend sein.

„Ja, du auch. Und pass auf das pinke Monster auf.“

Duo kicherte: „Ich glaub da bist du in der größeren Gefahr. Tschüß!“ Dann öffnete er tatsächlich die Autotür und stieg aus dem Jeep aus. Als er die Tür wieder ins Schloss fallen ließ, startete Heero auch schon das Auto. Ein paar Augenblicke später fuhr er dann auch schon vom Parkplatz.

Duo blieb noch für ein paar Augenblicke stehen und sah ihm hinterher. Er wagte es noch nicht einmal zu winken, dass würde hier in dem Hinterwäldlerkaff sicher nicht so gut ankommen. Doch während Duo dem Jeep und Heero hinterher blickte wurde klar, dass er sich wie unreifer Teenager verhielt. Und das wo er sich doch vorgenommen hatte, sich hiervon nicht runterziehen zu lassen. Und deshalb gab er sich einen mentalen Arschtritt, rückte seine Schultern zurecht und machte sich auf dem Weg zum Festzelt.

Dort angekommen, sah er wie unzählige Helfer dabei waren alles aufzuräumen und für den Abtransport vorzubereiten. Und er sah, wie Quatre all diese Aufgaben mit Argusaugen bewachte. So wie er seinen Partner kannte lief alles wie am Schnürchen.

„Hi Q,“ begrüßte er den blonden Mann.

Quatre warf ihm einen bitterbösen Blick zu. „Ich rede nicht mehr mit dir Duo!“ erklärte er.

Duo warf sich vor Lachen fast auf den Boden. Quatre mochte ja viel sein, und als Chef lernten seine Angestellten ihn zu fürchten. Aber als Freund war er der liebste und netteste Mensch weit und breit. Weshalb auch niemand so eine Aussage von ihm ernst nehmen konnte. „Ach komm schon Q, was hab ich denn groß getan,“ scherzte Duo und stupste seinen Freund mit der Schulter an.

„Du hast mich und Trowa unterbrochen!“ empörte sich Quatre.

Jetzt lachte Duo doch richtig auf. „Und was ist da schon groß dabei? Ich glaub nicht dass wir euch lange gestört haben, oder?“

Quatre wurde tatsächlich rot. So wie Duo seinen Freund kannte, hatten er und dieser große schweigsame Landbursche wahrscheinlich noch etliche Runden in dem kleinen Abteil eingelegt. „Weißt du wie sehr wir uns erschreckt haben, als du plötzlich geklopft hast?“ fragte Quatre.

„Weißt du wie enttäuscht Heero und ich waren, als wir bemerkt haben dass der Raum schon belegt ist? Und was ist schon groß geschehen Q? Ihr habt euch erschreckt, du bist zusammengezuckt und dabei hast du den Schwanz von deinem Landjungen nur noch mehr genossen. Gib’s doch zu!“

Quatre murmelte etwas unverständliches, wurde aber noch röter. „Ha, ich hab also Recht,“ grinste Duo.

Quatre warf ihm noch einen bösen Blick zu, doch länger konnte sein Freund den gespielten Ärger nicht aufrechterhalten. „Tu das nur ja nie wieder,“ verlangte er. Dann wurde sein Blick weich. „Und wie war deine Nacht?“

„Toll. Der perfekte One Night Stand,“ gab Duo als Antwort.

„Nun lass dir doch nicht jedes Detail einzeln aus der Nase ziehen,“ ereiferte sich Quatre.

„Q, ich werde ganz sicher nicht, hier am hellichten Tag in aller Öffentlichkeit die ‚Details’ verkünden. Es war schön. Heero war großartig. Und das ist es auch schon.“

„Ok,“ erwiderte Quatre. Dann legte er dieses Grinsen auf. Dieses Grinsen dass Duo klar machte, dass sein Freund darauf brannte über seine eigene Nacht zu erzählen. So war das mit Quatre immer. Nicht nur, dass dieser engelsgleiche Mann gerne Eroberungen machte, nein er erzählte auch für sein Leben gern Duo darüber.

Duo seufzte, tat dann aber was ein bester Freund tun sollte: „Ok, spucks aus. Wie war dein Land-Adonis.“

„Einfach perfekt!“ sprudelte es aus Quatre hervor. „Diese Muskeln. Und er ist groß. Wirklich groß!“ So wie Quatre dieses Wort betonte war Duo klar, dass der blonde Mann nicht von Trowas Körpergröße sprach. „Und ein Durchhaltevermögen hat er. Unbeschreiblich.“

„Also besser als deine letzte Eroberung.“

Quatre winkte ab. „Besser als alles was ich je gekostet hab. Ich glaub ich steh auf diese schweigsamen Typen.“

Dem hätte Duo gerne widersprochen, wenn dass nicht eine lange Diskussion ausgelöst hätte. Eine Diskussion die er am heutigen Morgen wirklich nicht führen wollte. „Ok ich geb mich geschlagen. Scheint so, als wenn dein One Night Stand besser war als meiner.“

„Ich glaub das ist mehr als ein One Night Stand,“ erwiderte Quatre fast schüchtern.

Duo fielen fast die Augen aus dem Kopf. Hatte er da richtig gehört. „Bitte was?“ fragte er um sich zu vergewissern.

Quatre wurde wieder rot. „Nun Trowa ist sehr nett. Und er hat mich um meine Telefonnummer gebeten. Er will mich wieder sehen.“

Duo glaubte sich verhört zu haben. „Er will was?“

„Mich wieder sehen. Ist das etwa so unwahrscheinlich?“

Duo winkte sofort ab. „Natürlich nicht.“ Eigentlich sogar im Gegenteil. Bisher hatte sich noch jede von Quatres Eroberungen darum gerissen noch mehr Zeit mit dem blonden jungen Mann zu verbringen. „Aber Quatre, das hat doch keinen Sinn!“

„Was meinst du?“ fragte sein Freund erstaunt.

„Quatre!“ ereiferte sich Duo. Konnte es wirklich sein, dass sein Partner über Nacht seinen Realitätssinn verloren hatte? „Trowa ist aus Blackside.“

„Ja und?“

„Und du wohnst in der Stadt.“ Stellte sich Quatre extra dumm? Wollte sein Freund ihm vielleicht doch hinters Licht führen.

„Ja und?“

„Er ist Farmer. Du bist Event Manager.“

„Ich sehe nicht, was unsere Berufe damit zu tun haben.“

Duo rollte mit den Augenbrauen. Wenn Q wollte, dann konnte er verdammt störrisch sein. „Quatre, du weißt ich liebe dich wie einen Bruder. Und ich bin weit davon entfernt dir irgendwelche Vorwürfe zu machen, also versteh das jetzt nicht falsch. Aber du reißt dir doch in schöner Regelmäßigkeit jemand neues auf. Wieso musst du da diesem Trowa erlauben dich wieder zu sehen? Du hast doch sicher an jeder Hand mindestens drei Typen aus der Stadt die alles für dich tun würden.“

„Das verstehst du einfach nicht,“ sagte Quatre.

„Erklär es mir.“

„Trowa ist einfach perfekt.“

„Aber er ist aus Blackside!“

Quatre lachte. „Kann es sein, dass du Vorurteile gegen die Landbevölkerung hegst. Duo. Duo. Duo.“

Duo hob seine Hände. „OK, ich geb mich geschlagen. Dieser Trowa ist also perfekt. Wie du das nach einer einzigen Nacht wissen kannst ist mir unverständlich aber wer bin ich, dass ich dir Vorschriften mach.“ Aber Duo lachte während er das sagte. Im Grunde freute er sich für seinen Freund.

„Gut das du es einsiehst. Ich kann es wirklich nicht beschreiben, aber als ich Trowa gesehen hab, da hat es sofort klick gemacht.“

Oh je, das hörte sich nach Liebe auf den ersten Blick an. Duo hatte immer gedacht so was würde nur jungen Mädchen passieren. Scheinbar war nicht einmal Quatre dagegen immun. Hoffentlich würde ihm so was nie passieren. „Und wann wirst du Mr. Perfekt wieder sprechen?“

„Ich denke heute Abend. Schließlich hat er mich ins Restaurant eingeladen. Also Finger weg von meiner Tür!“ 



Kapitel 12


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Entschlossen trat Heero auf das Gaspedal. Zwar hatte er irgendwie das Bedürfnis jede noch mögliche Sekunde mit Duo zu verbringen, aber genau dieser Impuls ließ ihn so schnell wie möglich das Weite suchen. Wieso sollte er sich noch länger auf dem Parkplatz aufhalten und sich an etwas fest krampfen aus dem doch nichts werden würde? Und so fuhr er mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt los. Im Rückspiegel konnte er noch sehen dass Duo ihm hinterher blickte doch dann konzentrierte sich Heero wieder auf die Straße. Wobei er erstaunt mit dem Kopf schüttelte, wieso nur verhielt er sich heute so absolut untypisch?

Er hatte Blackside kaum ein paar Minuten hinter sich gelassen, als ihm ein bekannter Jeep entgegenkam. Fast automatisch hielt Heero an und ließ das Fahrerfenster herunter, die Bewohner von Blackside hielten oft ein Schwätzchen auf der Straße, und da der Verkehr in der Umgebung nicht so sonderlich groß war, gab es dadurch keine Probleme.

Das andere Auto hielt auch an. „Guten Morgen Heero,“ begrüßte ihn Trowa erstaunlich gesprächig. Und gute Laune schien er auch zu haben, denn seine nächsten Worte waren von einem Lächeln untermalt. „Mach so was wie gestern nie wieder, oder sie werden deine Leiche nie finden.“

Für einen kurzen Moment musste Heero überlegen worauf Trowa denn ansprach, doch als die Erinnerung kam, wurde er sofort rot. Es war eine Sache theoretisch zu wissen dass ein Freund Sex hatte, eine ganz andere dies auch life zu hören. „Hn,“ gab Heero deshalb nur zurück.

„Und wie war’s bei dir?“ hakte Trowa nach.

Heero zuckte mit den Schultern. „Nett,“ erklärte er. Er würde jetzt sicher nicht hier auf der Landstrasse damit anfangen lang und breit zu erklären dass sich die Sache mit Duo anders anfühlte und dass er seit dem Morgen seltsame Gedanken hegte. Wahrscheinlich würde er das Trowa sowieso nie erzählen. Es gab halt Dinge die niemanden anderen etwas angingen, auch nicht dem besten Freund.

„Wieso fährst du eigentlich in die Richtung?“ wunderte sich Trowa.

Jetzt schaute Heero mit großem Erstaunen zu seinem Freund. „Na weil ich nach Hause will!“ Er quittierte die Frage von Trowa mit einem Stirnrunzeln.

„Hast du vergessen, dass heute der erste Sonntag im Monat ist?“

Oh, jetzt wurde Heero klar was Trowa meinte. Jeden ersten Sonntag im Monat trafen sie drei sich bei Wufei zum Frühstück. Das war eine Tradition die vor Ewigkeiten angefangen hatte. „Meinst du echt dass er uns heute zum Frühstück erwartet? Wer weiß wie lange er noch auf der Feier war? Außerdem hat er gestern gar nichts davon gesagt.“

Ein leichtes Grinsen huschte über Trowas Gesicht. „Na, dann überraschen wir ihn halt, das schadet ihm gar nichts. Und außerdem bin ich sehr gespannt wie es ihm später auf der Feier ergangen ist. Ich hab nicht alles mitbekommen.“

Heero überlegte. Es war sicher nicht nett, einen Freund zu überfallen. Andererseits war das Frühstück wirklich schon Tradition und Neugierig war er irgendwie auch. Außerdem würde es ihn sicher vom Grübeln abhalten wenn er den Vormittag mit seinen Freunden verbrachte. Zwar hatte er schon etwas mit Duo zusammen gegessen, aber noch ein weiterer Kaffee konnte nicht schaden. „OK, dann lass uns fahren,“ verkündete er und startete seinen Wagen. Nach einem gekonnten U-Turn fuhr er hinter Trowa hinterher.

Ein paar Minuten später hielten beide Autos vor Wufeis Haus. Heero stieg aus und zusammen mit Trowa ging er zur Eingangstür und klopfte. Sie mussten ein wenig warten, bis endlich Wufei die Tür öffnete und sie aus verschlafenen Augen anblickte. „Was ist?“ fragte ihr Freund.

Trowa schien heute hyperaktiv zu sein, denn ganz uncharakteristisch lächelte er und erklärte, „Na wir kommen natürlich zum Frühstück.“

Heero konnte auf dem Gesicht von Wufei sehen, wie diesem wohl schlagartig klar wurde um welchen Sonntag es sich handelte. „Sorry Jungs, ich hab nichts vorbereitet,“ erwiderte er und machte keinerlei Anstallten zur Seite zu gehen und sie herein zu bitten.

Aber das störte Trowa wenig. „Macht nichts, wir helfen dir,“ sagte er und drängte sich an Wufei vorbei, der zu überrumpelt schien um sich zu wehren.

Irgendwie fand Heero die Situation lustig. Wufei war sonst viel zu gut organisiert um so etwas zu vergessen. Deshalb ging er auch einfach ins Haus. „Ich will sowieso nur Kaffee trinken,“ verkündete er. Er und Trowa machten sich auf den Weg in die Küche und ließen dabei einen ziemlich verdatterten Wufei an der Tür zurück. Bei dem Gedanken musste Heero fast schmunzeln.

Ohne lange nachzudenken begannen er und Trowa damit in der Küche das Frühstück herzurichten. Was auch weiter kein Problem war, da sie sich natürlich im Haus ihres Freundes sehr gut auskannten. Innerhalb kürzester Zeit hatten sie den Tisch mit allem nötigen gedeckt und der Kaffee war aufgesetzt.

„Übrigens Wufei wo warst du eigentlich den Rest der Feier? Nach der großen Szene hab ich dich gar nicht mehr gesehen.“

„Du warst auch den halben Abend verschwunden,“ konterte Wufei ohne auf die Frage einzugehen. „Und Heero ist ja fast sofort gegangen.“

„Welche große Szene?“ hakte Heero nach. Alles war besser als Wufei zu sagen wieso er denn die Feier verlassen hätte.

„Das hättest du erleben müssen Heero. Eine von den Frauen hat wohl zu tief ins Glas geschaut und ist total ausgeflippt. Hat ne riesige Szene hingelegt und erklärt ihr zukünftiger Ehemann wäre von einer langhaarigen Schlampe verführt worden. Einer männlichen Schlampe. Echt auf Ideen kommen die Leute. Wer sollte das schon gewesen sein?“ Dann nach einer kurzen Pause formten Trowas Lippen nur den Laut ‚Oh’ aber er sagte nichts.

Heero rutschte unruhig auf seinem Stuhlsitz. Hatte sich Relena doch nicht ruhig zurückgezogen? Eigentlich hatte er gehofft dass sie nach der Konfrontation mit Duo klein beigeben würde. Schließlich schien sie ja gerade einen öffentlichen Skandal um jeden Preis vermeiden zu wollen.

„Ungerechtigkeit. Wie kann diese Onna nur so etwas von einem Blacksider behaupten!“ grummelte Wufei.

Trowa und Heero warfen sich einen Blick zu. Vielleicht war es wirklich höchste Zeit dass sie ihrem Freund endlich mal reinen Wein einschenkten? „Wufei, ich glaub…“

Doch wie so oft kam Heero gar nicht dazu seinen Satz zu beenden. Wenn Wufei erst einmal einer seiner berühmt berüchtigten ‚Ungerechtigkeits-Reden’ anfing dann war er so schnell nicht zu stoppen. „Wie kann sich eine gut erzogene Frau nur so in der Öffentlichkeit gehen lassen! Sie hat sich wie eine Irre verhalten und dabei nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Familie beschämt! Unglaublich!“

„Die Irre ist meine Cousine!“ kam es in dem Moment von der Küchentür.

Heero fiel bei dem Anblick der sich ihm bot fast der Unterkiefer herunter. Dort in dem Türrahmen stand die blonde Frau von gestern. Die Frau die er auf Wufei angesetzt hatte um seinen Freund ein wenig zu ärgern. Und wenn er sich ihre Aufmachung anschaute – sie war nur in ein Arbeitshemd von Wufei gehüllt und hatte sich wohl auch keine Zeit genommen mehr als zwei der Knöpfe zu schließen – dann musste Heero der Gedanke kommen dass sie wohl die Nacht hier im Haus verbracht hatte. Zusammen mit Wufei wie es schien.

Wufei war von einer Sekunde auf die andere flammend rot geworden. Er warf erst einen geschockten Blick auf die Frau dann einen sehr hilflosen zu seinen Freunden. „Dorothy!“ rief er aus.

„Wie gesagt, die Irre ist meine Cousine. Und du hast Recht, sie hätte sich niemals so in der Öffentlichkeit gehen lassen dürfen. Eigentlich war ich ja auch dazu da um auf sie aufzupassen. Aber ich war wohl ein wenig abgelenkt. Auf jeden Fall hab ich noch dafür gesorgt dass sie was zur Beruhigung nimmt und schlafen geht. Sobald der Zug in der Stadt eintrifft wird ihr Vater sie abholen und ein ernstes Wort mit ihr sprechen. Sie wird wohl wieder in Therapie gehen müssen. Oder am anderen Ende der Welt Bäume retten. Mir egal, Hauptsache ich muss sie für eine Weile nicht mehr sehen. Oh Frühstück.“ Mit den letzten Worten ging sie auf den Esstisch zu, setzte sich ohne große Formalitäten hin und schnappte sich ein Brot.

„Dorothy!“ rief Wufei erneut.

„Was ist?“ nuschelte die Frau um das Brot herum.

„Du kannst dich doch nicht so blicken lassen!“ pures Entsetzen spiegelte sich aus Wufeis Worten. „Du bist kaum angezogen, und meine Freunde können alles sehen. Das schickt sich nicht.“

Ein lautes Lachen erschallte in der Küche. „Zum einen ist das Hemd im Moment das einzige was ich zum Anziehen habe, du solltest deine Leidenschaft ein wenig zügeln Fei. Das Kleid das du heute Nacht zerrissen hast war nicht billig.“ Dann warf sie Heero und Trowa einen abschätzenden Blick zu. „Zum anderen Glaub ich nicht dass deine Freunde wirklich Interesse an diesem Anblick haben.“

„Natürlich nicht, sie sind meine Freunde und gut erzogene Gentlemen!“ ereiferte sich Wufei.

Dorothy hob ihre linke Augenbraue und sagte in Heero und Trowas Richtung, „Heißt das er weiß es nicht?“

Heero konnte nur vermuten, dass die blonde Frau aus irgendeinem Grund wusste das er und Trowa schwul waren. Nur woher? Vielleicht hatte Relena ja mehr erzählt, aber wieso wusste sie es von Trowa? Er schüttelte den Kopf und signalisierte so die Antwort.

„Aber das ist doch so offensichtlich!“ erwiderte die Frau.

„Was?“ fragte Wufei.

Doch Dorothy ging zum Glück nicht darauf ein. Heero war ihr wirklich dankbar dafür. Und er nahm sich fest vor Wufei so bald wie möglich reinen Wein einzuschenken. Am besten noch heute. Nur nicht gerade jetzt. Dorothy schien zwar viel zu wissen und auch nett zu sein, aber das war ein Gespräch das er und Trowa mit Wufei allein abhalten mussten.

Trowa schien auch der Meinung zu sein, dass das Gespräch dringend eine andere Richtung einschlagen musste. „Was macht eigentlich Dorothy hier?“ fragte er deshalb. Angriff war ja immer noch die beste Verteidigung.

Wufei wurde auf einen Schlag wieder rot im Gesicht. „Sie äh, sie…“

„Wir hatten Sex,“ erklärte die junge Frau ohne Umschweife und füllte sich eine Tasse die Heero ihr automatisch gereicht hat mit Kaffe.

„Onna! So etwas sagt man nicht!“ rief Wufei entsetzt aus.

„Ich weiß nicht was dieses Onna bedeutet, aber es gefällt mir gar nicht,“ gab Dorothy zurück. Dann wandte sie sich wieder an Heero und Trowa. „Euer Freund ist ja ganz nett und ein Tiger im Bett, aber hättet ihr ihm nicht mal beizeiten beibringen können dass wir uns jetzt im 21 Jahrhundert befinden? So verklemmt ist doch wirklich niemand mehr.“

Heero musste hart an sich arbeiten um seine Gesichtszüge nicht entgleisen zu lassen. Wufei sah aus als ob er kurz davor war im Boden zu versinken während Dorothy völlig entspannt am Tisch saß und die Situation genoss.

Trowa schien sich auch zu amüsieren. „Ihr habt also die Nacht miteinander verbracht. Wufei du Hengst.“

Zur Abwechslung wurde Wufei diesmal kalkweiß im Gesicht. „Natürlich werde ich das ehrenvolle tun. Wir werden heiraten.“

„Wir werden was?“ fragt Dorothy zum ersten Mal tatsächlich überrascht.

„Ich werde so schnell es geht bei deinem Vater um deine Hand anhalten,“ verkündete Wufei ernst und seine Stimme machte klar das er wirklich keinen Zweifel daran hegte diesen Entschluss auch in die Tat umzusetzen.

„Bei meinem Vater?“ hauchte Dorothy.

„Ja, so wie es sicht gehört.“

Erneut erklang schallendes Gelächter. „Oh mein Gott. Du meinst es wirklich ernst, oder?“ Dorothy schien sich Lachtränen aus den Augenwinkeln zu wischen. „Vielleicht sollten wir dich erstmal ins 20te Jahrhundert transportieren und wenn du dich daran gewöhnt hast können wir den nächsten Schritt machen. Das ist ja zu köstlich.“

„Was ist daran witzig, das ich deine Ehre wieder herstellen will?“ Wufei schien wirklich nicht zu begreifen was gerade abging.

Heero warf Trowa einen Blick zu und konnte entdecken dass sein Freund sich genauso gut amüsierte wie er selbst. Das hier war ganz großes Kino.

„Also zum einen hat mein Vater gar nichts damit zu tun wen ich heirate oder wen nicht. Zum anderen, wenn ich jeden Mann heiraten würde mit dem ich den Horizontaltango getanzt hab, dann wäre ich schon längst wegen Polygamie verhaftet worden.“

„Dorothy!“ das Entsetzen in Wufeis Stimme schien eine neue Stufe erreicht zu haben.

Die blonde Frau beugte sich vor und pflanzte einen Kuss auf Wufeis gerunzelte Stirn. „Du bist süß wenn du dich aufregst. Vielleicht behalte ich dich für eine Weile!“

Heero konnte nicht mehr an sich halten, er spürte wie das Lachen über diese fast surreale Situation in ihm aufstieg. Deshalb trat er den taktischen Rückzug an und verschwand so schnell wie möglich auf die Terrasse. Dort angekommen bemerkte er dass Trowa ihm gefolgt war.

„Oh Mann,“ erklärte sein Freund.

„Ja, es schein dass Wufei jetzt seine ‚Traumfrau’ gefunden hat.“

„Das wird noch lustig,“ bestätigte Trowa und Heero konnte dem nicht widersprechen.