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Der Liebeszug - Teil 13

Kapitel 13

Heero und Trowa lachten noch einige Minuten vor sich hin. Immer wenn gerade einer von ihnen dabei war sich zu beruhigen, fing der andere wieder an. Es war wirklich absolut komisch ihren Freund so unter der Fuchtel zu sehen. Und ja, Heero war sich sicher dass es noch lustiger zwischen den beiden werden würde. Wufei hatte in Dorothy wahrlich sein perfektes Gegenüber gefunden. Es tat ihm mal ganz gut wenn seine Werte und Vorstellungen etwas zurecht gerückt wurden. Blieb nur zu hoffen dass Dorothy auf lange Sicht hinaus Freude an diesen ‚Erziehungsmaßnahmen’ hatte.

Doch dann, nach einigen Minuten schaffte Heero es endlich sich wieder auf das eigentliche Problem zu konzentrieren. Schnell wischte er sich eine Lachträne aus den Augenwinkeln. „Du weißt dass wir es ihm endlich sagen müssen, oder?“ fragte er Trowa.

Für eine Sekunde schien es als wenn sein Freund zu einer Art Salzstatue erstarrt wäre. Doch dann nickte Trowa. „Tja, jetzt kommen wir wirklich nicht mehr darum herum. Er hat es verdient die Wahrheit zu kennen.“

Auch Heero nickte. Ja, ihr bester Freund hatte es absolut verdient nicht länger im Unklaren gelassen zu werden. Aber so folgerichtig die Entscheidung auch war, einfach war es noch lange nicht. „Ich hoff nur, wir haben nicht zu lang gewartet,“ gab Heero zu bedenken.

Trowa gab ihm einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter. „Das wird schon. Wie heißt es so schön, besser spät als nie.“

Darauf konnte Heero nur nicken. Dann sagte er, „Also los, lass uns den Stier bei den Hörnern packen.“ Und mit diesen Worten ging er in Richtung Terrassentür. Als er dicht gefolgt von Trowa die Küche wieder betrat konnte er nur Wufei sehen der gerade an der Spüle stand und sich um den Abwasch zu kümmern schien. „Wo ist denn Dorothy?“ fragte er neugierig.

„Die verrückte Onna wollte ein Bad nehmen. Erst hat sie minutenlang darüber geschimpft das ich nicht die richtigen Badeöle besitze und dann hat sie mich weggescheucht und gesagt ich soll sie frühestens in einer Stunde wieder stören. Unglaublich.“ Wufei schüttelte seinen Kopf.

Heero musste sich ganz fest auf die Innenseiten seiner Wangen beißen um nicht laut loszulachen. Dorothy schien es faustdick hinter den Ohren zu haben. Und sie hatte Wufei vollkommen unter dem Pantoffel. Das würde wirklich noch eine Menge Spaß in näherer Zukunft garantieren.

Doch dann verwarf Heero diese Gedanken erst einmal. Die Aufgabe die vor ihm lag war bei weitem nicht witzig und er und Trowa hatten sie schon viel zu lange vor sich her geschoben. Heero räusperte sich kurz: „Wufei, wir müssen dir was sagen.“

„Was denn?“ fragte Wufei neugierig über seine Schulter.

„Es ist vielleicht besser, wenn du dich vorher hinsetzt,“ gab Trowa zu bedenken. Wobei er und Heero sich sofort an den Frühstückstisch setzten.

„Was ist denn in euch gefahren,“ wunderte sich Wufei. Doch er schien dem merkwürdigen Vorschlag seiner Freunde auch nichts entgegenstellen zu wollen. In Ruhe legte er das Geschirr das er gerade in der Hand gehabt hatte hin und trocknete sich kurz die Hände ab. Dann wandte er sich wieder in die Richtung des Küchentischs und setzte sich Heero und Trowa gegenüber. „Was ist denn los? Ihr schaut so problemumwölkt aus.“

Heero und Trowa warfen sich einen kurzen hilflosen Blick zu. Sie hatten zwar besprochen dass sie ihr Geheimnis endlich lüften wollten, aber sie hatten nicht besprochen was sie genau sagen wollten. „Hn, wir müssen dir was sagen,“ stammelte Heero.

„Wegen gestern Abend,“ fügte Trowa aufgeregt zu.

Wufei wurde wie auf Kommando puterrot. „Ihr braucht gar nichts zu sagen. Ich weiß dass ich mich nicht wie ein Gentleman aufgeführt hab. Ich hätte niemals Dorothy in eine derart kompromittierende Situation bringen dürfen. Aber irgendwas hat mich gestern übermannt. Und ich werde die Konsequenzen meines Handelns tragen. Wir werden heiraten und wenn sie im Moment noch so protestiert. Sie wird schon noch einsehen dass es das Beste ist.“

„Ähm, also darauf wollten wir eigentlich nicht direkt zu sprechen kommen,“ fügte Trowa hastig hinzu.

„Nicht?“ fragte Wufei und man konnte die Erleichterung die ihn überkam praktisch spüren.

Heero fand das sie langsam lang genug um den heißen Brei herum geredet hatten. „Wufei, wir wollten dir eigentlich erklären wieso wir nicht viel Lust zum Ball gehabt haben.“

„Es tut mir leid dass ihr niemandem auf dem Ball gefunden habt. Ich hätte schwören können dass auch für euch etwas dabei war,“ plapperte Wufei dazwischen.

Heero knirschte fast mit den Zähnen Wie sollten sie endlich ihr Geheimnis aufdecken, wenn Wufei sie einfach nicht ausreden lies?

„Im Gegenteil Wufei, sowohl Heero, als auch ich haben jemanden auf dem Ball kennen gelernt. Es könnte sogar etwas Ernstes draus werden. Zumindest bei mir.“

Wufei schien verwirrt zu sein. „Aber ich habe euch mit keiner Frau zusammen gesehen. Außer dem einen Tanz den Heero mit dieser pinken Cousine von Dorothy gemacht hat.“

„Aber vielleicht hast du uns mit zwei Typen gesehen,“ versuchte es Trowa erneut.

Aber Wufei schien nicht zu begreifen, was sein großer Freund damit andeuten wollte. Heero knurrte innerlich, doch als er den total verwirrten Blick von Wufei sah, entschied er sich nicht länger um den heißen Brei herum zu reden und Frank und Frei zu erzählen was Sache war. „Also Trowa und ich haben auf dem Ball zwei Typen kennen gelernt. Und wir sind mit ihnen gegangen. Und wir hatten Sex.“ Doch dann verhaspelte sich Heero kurz weil ihm aufging wie doppeldeutig er sich ausgedrückt hatte. „Also nicht alle vier zusammen,“ stellte er fest.

Wufei lachte schallend. „Oh Gott das ist der beste Witz den ich seit langem gehört habe. Aber ihr müsst nicht glauben, dass ich darauf reinfalle.“

Trowa rollte mit den Augen. „Das ist kein Witz Wufei. Wir versuchen hier dir etwas wichtiges zu erzählen und du willst uns einfach nicht zuhören.“

„Verdammt Wufei,“ fuhr Heero dazwischen. „Wir sind schwul. Und das ist kein Witz.“ Irgendwie war Heeros Stimme lauter geworden als er es eigentlich beabsichtigt hatte.

Wufei schien mitten in seinem Lacher zu erstarren. „Seit wann?“ kam es über seine Lippen gehaucht.

„Schon immer,“ sagte Heero jetzt mit ruhiger Stimme.

Plötzlich herrschte eine Grabesstille. Eine Stille die Heero praktisch in den Ohren wehtat. Er konnte nur Wufeis absolut fassungsloses Gesicht sehen. Konnte es sein, dass sie mit ihrer Ehrlichkeit tatsächlich ihre Freundschaft getötet hatten? Hätten sie vielleicht schweigen sollen?

Doch noch während Heero hilflos in seinen Gedanken gefangen war, schien sich Wufei ein wenig erholt zu haben. Zwar sah er noch immer vollkommen geschockt aus, aber zumindest konnte er wieder sprechen. „Das ist wirklich kein Scherz, oder?“ fragte er leise.

Trowa und Heero schüttelte synchron mit ihrem Köpfen.

Wufei fuhr sich aufgeregt mit den Händen durchs Haar. „Verdammt noch mal. Wieso habt ihr mir davon bisher nichts gesagt? Ich dachte wir wären Freunde! So was verschweigt man seinem besten Freund nicht!“

Heero befürchtete dass Wufei jetzt eine seiner berühmt berüchtigten ‚Ungerechtigkeits-Reden’ abhalten würde. Aber er wagte es auch nicht zu widersprechen. Schließlich hatten er und Trowa sich das selber eingebrockt.

„Wir hatten Angst,“ gab Trowa in dem Moment zu.

„Angst? Wovor musstet ihr Angst haben? Ihr habt euch ja schließlich nicht in den letzten 16 Jahren damit lächerlich gemacht eure schwulen Freunde mit Frauen verkuppeln zu wollen!“

Autsch, der hatte gesessen. Aber anstatt seine Wunden zu lecken, entschied sich Heero dafür lieber in Ruhe weiter die Sachlage zu klären. Und so begannen er und Trowa abwechselnd – fast als hätten sie es einstudiert – zu erklären wie sie sich als schwule Teenager in Blackside gefühlt hatten. Wie sie immer befürchtet hatten aus der kleinen verschworenen Gemeinschaft ausgegrenzt zu werden. Und so erstaunlich es auch war, Wufei unterbrach sie nicht. Er hörte ihnen aufmerksam zu.

„Du siehst, wir wollten dich nicht hinters Licht führen. Wir hatten nur solche Angst nicht mehr dazu zu gehören. Deine Freundschaft zu verlieren,“ beendete Heero die lange Erklärung.

Wufei saß für einige Augenblicke einfach nur so da. Heero konnte nicht erkennen ob ihr Freund sie gleich voller Abscheu aus dem Haus jagen oder ob er wirklich einen Streit anfangen würde. Es war schon merkwürdig das er Wufei in diesen Momenten so gar nicht lesen konnte. Und das nachdem sie sich ein Leben lang kannten.

„Wisst ihr, was der einzige Streit war den ich jemals mit Meiran hatte?“ fragte Wufei plötzlich.

Heero runzelte verwirrt die Stirn. Dann schüttelte er verneinend den Kopf.

Wufei seufzte tief. „Irgendwann, kurz vor ihrem Tod hat Meiran mit mir einen Streit vom Zaun gebrochen. Sie fand dass ich euch nicht immer bedrängen sollte eine Frau zu finden. Ich war empört und fragte sie wieso ich das lassen sollte. Dann hat sie mir gesagt dass sie glaubte dass ihr gar nicht an Frauen interessiert wäret.“ Wufei schloss für einen Augenblick seine Augen, so schmerzhaft war die Erinnerung. „Wir haben uns daraufhin fürchterlich gestritten. Ich hab ihr vorgeworfen dass meine besten Freunde mich nicht dermaßen belügen würden. Und jetzt knapp zehn Jahre danach kommt ihr an und sagt mir dass ich Unrecht hatte. Das ich mich umsonst mit Meiran gestritten hab.“

Heero hatte einen heftigen Kloß im Hals. „Wufei, es tut mir leid. Es tut uns beiden leid.“

Er wollte noch mehr sagen, doch Wufei hob eine Hand und ließ ihn nicht aussprechen. „Nein, es ist ok. Ich kann eure Gründe verstehen. Aber es tut trotzdem weh. Verdammt weh. Ihr könnt nicht erwarten dass ich diese Enthüllung innerhalb von Sekunden verdauen werde. Wie gesagt ich kann eure Gründe verstehen aber für mich ist das trotzdem ein Vertrauensbruch. Das muss ich erst einmal verdauen.“

Heero wusste nicht ob er sich jetzt freuen oder ärgern sollte. Das Gespräch war nicht so katastrophal verlaufen wie sie es befürchtet hatten, aber auch nicht so gut, wie sie es gehofft hatten.

„Sind wir jetzt noch Freunde, oder nicht?“ brachte Trowa die Unsicherheit die er und Heero in diesem Moment empfanden auf den Punkt.

Wufei blickte ihnen beiden tief in die Augen. Dann sagte er, „Ihr dummen Arschlöcher. Natürlich sind wir das noch. Auch wenn ihr heute noch nicht das letzte Mal über diese himmelschreiende Ungerechtigkeit zu hören bekommen habt!“

Eine Welle der puren Erleichterung erfasste Heero. Das war der Wufei den er kannte und als Freund liebte. Sie hatten wohl doch nicht alles zerstört.

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So aufgekratzt hatte Duo seinen Freund noch nie erlebt. Schon während der Rückfahrt in die Stadt schien Quatre geradezu vor Glück zu schweben – und Duo musste hart an sich halten um ihm deshalb nicht ins Gesicht zu springen. Ihm selber ging es nicht so gut, aber Quatre war der pure Sonnenschein. Unglaublich.

Auch nachdem der Zug pünktlich angekommen war, die letzten Gäste gutgelaunt den Bahnhof verließen und sie alle Formalitäten erledigt hatten, hatte sich an Quatres wunderbarer Laune nichts verändert. Er summte vor sich hin, während sie beide zurück in ihre Wohnung fuhren. Und Duo überlegte ernsthaft ob er mit Notwehr als Verteidigung durchkommen würde.

Doch auch am Nachmittag fand Duo keine Ruhe. Er hätte sich am liebsten in die nächste Ecke verkrochen und wäre weiter seinen leicht depressiven Gedanken nachgegangen doch Quatre fegte durch die Wohnung wie ein Wirbelwind. Erst schien er für Ewigkeiten am Telefon fest zu hängen, dann überfiel ihn eine plötzliche Aktivität und er fing an tausend verschiedene Ausgehoutfits zu probieren. Zumindest kam es Duo so vor, besonders da er zu jeder Klamotte sein Urteil abgeben musste. Wirklich so aufgeregt und aufgedreht hatte er seinen blonden Freund schon lange nicht mehr erlebt.

Dann endlich schien Quatre sich für länger als drei Sekunden für eines der Outfits entschieden zu haben und er machte sich für seinen großen Abend mit dem schweigsamen Landburschen zurecht. Und während Duo noch überlegte ob er für die heutige Nacht wohl noch ne Doppelpackung Ohropax besorgen sollte, schellte es auch schon an der Tür.

Der Landadonis stand pünktlich wie verabredet da und überreichte einen Strauß rote Rosen an Quatre. Der Blonde quietschte vor Vergnügen und Duo konnte nur innerlich mit den Augen rollen. Quatre benahm sich, als wenn er sein allererstes Date hatte. Merkwürdig.

Zum Glück gingen die beiden sofort nach der Begrüßung zum Restaurant. Duo hätte das junge Glück auch nicht für eine Sekunde länger ertragen. Die waren so süß, dass sie Karies verursachen mussten.

Doch wenn er ehrlich mit sich selbst war, dann musste Duo zugeben dass er einfach eifersüchtig war. Wieso sah Quatre seine Eroberung von gestern heute schon wieder, während Heero ihn so kalt abserviert hatte? Das war doch nicht gerecht, oder? Vor allem da Quatre eh an jedem Finger zehn Verehrer hatte. Da brauchte er doch keinen vom flachen Land. Und vor allem keinen der Duo an Heero erinnerte. Nicht nur das Trowa auch aus Blackside kam, nein er war sogar noch ein guter Freund von Duos One Night Stand.

Duo knurrte. Diese Erinnerungen an Heero konnte er gar nicht gebrauchen. Denn irgendwie taten sie weh. Brachten ihn dazu nach dem ‚Wieso’ zu fragen. Und das zeigte ihm nur dass er ein totaler Loser war. Nichts das Duo gerne über sich erfahren wollte.

Doch dann schob er entschlossen sein Kinn nach vorne. Was sollte schon groß passieren? So wie er Quatre kannte, war der Landadonis in spätestens einer Woche eh abgeschrieben. Und die paar Tage würde Duo schon mit diesem merkwürdigen Gefühl zu Recht kommen. Schließlich war er erwachsen. Und er würde sich von nichts und niemanden runter bringen lassen. Sicher nicht. 


Fortsetzung folgt