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Sweet - Teil 1

Sweet

Teil 01


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Der Winter war nicht die richtige Jahreszeit für Mike Noonan. Er war ein Frühlingsmensch, ein Sommermensch, sogar dem fallenden Laub und dem gemütlichen Zwielicht an Herbstabenden konnte er etwas abgewinnen, also würde er sich auch als einen Herbstmenschen bezeichnen, aber der Winter mit seinem nasskaltem Schnee und der eisigen Kälte, den kahlen Bäumen und den kurzen Tagen?

Nein, der Winter gefiel ihm noch nie, nicht einmal als Kind. In den Fäustlingen, die ihm seine Mutter damals angezogen hatte, wenn er draußen mit den anderen Kindern aus seiner Nachbarschaft spielen sollte, starben ihm nach spätestens einer halben Stunde Schneegetümmel die Finger ab, von seinen Zehen ganz zu schweigen.

Es schien niemals die richtigen Stiefel für einen langen Aufenthalt im Freiem bei diesem Wetter zu geben, seine Füße wurden immer nass, ganz egal, wie viel Paar Socken er sich überzog, früher oder später war es vorbei mit der Gemütlichkeit. Natürlich dachte Mike heute, dass seine Eltern vielleicht einfach kein Geld für vernünftige Winterschuhe ausgegeben hatten, aber aussprechen würde er diesen unverschämten Gedanken natürlich nicht in deren
Gegenwart.

Er war ja nicht lebensmüde.

Desillusioniert, pessimistisch und zynisch vielleicht.
Aber trotzdem nicht lebensmüde.

Normalerweise wollte er nicht hier draußen stehen, frieren und dabei zusehen, wie sein Atem kondensierte, aber als Raucher hatte er keine andere Wahl. Die Sucht war stärker als seine Abneigung gegen den Schnee und die Kälte. Er träumte immer noch von einem offiziellen Raucherraum für Schüler, aber dass es jemals soweit kommen sollte, bezweifelte er stark. Eher würde die Hölle zufrieren.

Ganz nebenbei verbrauchte er mindestens eine Packung Taschentücher pro Stunde, seine Nase musste irgendwo ein Leck haben. Sah fast nach einer ordentlichen Erkältung aus.

Während Mike sich so in seine Winterdepression steigerte, dass sie sich äußerlich auch durch seine Gesichtsmuskeln bemerkbar machte, weil sich seine Mundwinkel mürrisch immer weiter nach unten zogen und er unwillkürlich jeden Passanten mit seinen Blicken aufspießte, näherte sich ihm unbemerkt der Feind von hinten und tippte ihm auf die Schulter.

Gerade eben konnte er einen spitzen Aufschrei unterdrücken, zog mit einer fließenden Handbewegung die Ohrstöpsel seines MP3-Players heraus und wandte sich ärgerlich um, bereit seinem Schrecken Luft zu machen, ganz egal wer da vor ihm stehen würde, doch bereits das erste Wort blieb ihm kläglich im Hals stecken, stattdessen entschlüpfte ihm ein kümmerlicher Grumpflaut.

"Umpfh!"

"Hi, Mikey!"

Es war Mason... Mason, Mason, Mason, Mason.
Ausrufezeichen.

Mason Bowers war ein echter Promi auf dem Schulhof, berufener Lady-Lover und Kennern besser bekannt unter seinem zweiten Namen CT, dem Kürzel für "Chicks-Terminator".

Mike verwandelte sich augenblicklich in ein Streichholz. Die Wärme, die seine Wangen ausfüllte, schrieb er der kalten Winterluft zu, obwohl er es besser wusste.

"Mason..."

Vor dieser Begegnung hatte er sich die letzten 48 Stunden gefürchtet. Dabei gab es nichts, wovor er Angst haben musste. Alle möglichen Szenarien hatte er bereits tausend mal in seinem Kopf durchgespielt. Ja, er war gewappnet, nicht einmal eine Ohrfeige könnte Mike schocken.

"Wie geht es dir?" fragte Mike betont unbekümmert.

Angriff war immer noch die beste Verteidigung. Entgegen aller Erwartungen, klang er lässig, unbedarft, ein bisschen wie Terence Hill, der vor Selbstbewusstsein nur so strotzte, weil er um seinen großen, starken Kumpel Bud Spencer in seinem Rücken wusste.

Um diesen Eindruck zu vertiefen, ließ er seine Zigarette spielerisch von einem Mundwinkel zum anderen tanzen. Gelassenheit und Ruhe auszustrahlen war Mikes erklärtes Ziel. Er hatte keinen Grund nervös zu werden, überhaupt keinen.

Wenn man davon absah, dass er seinem One-Night-Stand des vergangenen Wochenendes gegenüberstand.

Genaugenommen war Mike aber so nervös, dass er sich am liebsten eine Stange Zigaretten angezündet hätte, um sie an Ort und Stelle zu verqualmen. Er glaubte fest daran, dass es ihm dabei besser gehen würde.

Vor seinem geistigen Auge sah er sich schon im Tabakladen seines Vertrauens stehen:

"Eine Stange Marlboro, bitte."

"Soll ich sie einpacken?"

"Nein, danke, ich rauche sie gleich hier."

Mason sah aus wie immer: Zum passenden Emo-Look (dem er nicht aus Überzeugung, sondern aus modischen Gründen frönte), trug er hauptsächlich schwarz, wie es sich gehörte, aber nur bis die Menschheit eine dunklere Farbe erfinden würde, dessen war Mike sich sicher. Rebell, wie der Herr der Schatten nun mal einer war, lockerte er seine düsteren Klamotten ab und zu mit einem fröhlichen Grau auf.

Als Gründungsmitglied einer Schulrockband stand die örtliche Frauenwelt bei Mason Schlange, ohne dass er weiter etwas dafür tun musste. Dementsprechend hoch war sein Verschleiß an Liebschaften, sein Ruf als Playboy legendär, die Liste seiner männlichen Feinde, denen er die Frauen ausgespannt hatte, endlos.

Mike wusste nicht, ob er so viel essen konnte, wie er bei diesem Gedanken kotzen wollte.

Normalerweise stand so jemand wie Mason außerhalb von Mikes Reichweite. Jemand wie Mason nahm die Existenz eines kleinen Lichtes wie Mike eigentlich gar nicht wahr. Der winzige, kalte Mond namens Mike umkreiste den Planeten Mason in der am weitesten entfernten Umlaufbahn und war mit bloßem Auge am Nachthimmel gar nicht zu erkennen.

Darum war die kleine Affäre zwischen ihnen eher als ein bedauerlicher Unfall zu werten. Eigentlich steuerte Masons Raumsonde entlegenere Winkel der Galaxie an, um exotische Sonnensysteme zu erkunden, aber stattdessen war sie auf Mikes winzigen, kleinen Mond abgestürzt, auf dem es nichts zu sehen gab, außer trostlos grauen Kraterlandschaften.

Vater Alkohol hatte selbstverständlich seine Finger als Unfallverursacher dabei im Spiel gehabt. Sagt man nicht, dass die Hemmschwelle bei Alkoholgenuss dramatisch sinkt? Nun gut, er hatte auch gehört, dass die männliche Standhaftigkeit darunter leiden konnte.

Aber davon hatte er wahrlich nichts gemerkt. Nein, ganz ehrlich gesagt, es hatte alles soweit gut funktioniert, keine Probleme, danke, ich packe es ein und nehme es mit nach Hause.

Oder so ähnlich.

Eigentlich rechnete Mike mit allem, besonders aber damit, dass Mason ihn bitten würde, die Angelegenheit zwischen ihnen niemandem zu erzählen und so schnell wie möglich zu vergessen. Schließlich gab es hier für Mason einen hart erarbeiteten Ruf zu verlieren.

Mike war sich nur im Unklaren darüber, ob er es Mason leicht machen sollte oder nicht. Es würde ganz darauf ankommen, wie sich der gute Mann verhielt. Würde er die Sache runterspielen und verharmlosen? So schätzte Mike die Lage ein.

Sobald Mike an sein unaussprechliches Verhalten an jenem Abend dachte, wollte er sich selbst so lange schlagen, bis er sein Gehirn so geschädigt hatte, dass er unter Gedächtnisverlust litt.

An Masons Verhalten hingegen ließ sich bisher nichts ungewöhnliches feststellen. Er lächelte schief, machte den Mund auf und Mike hielt den Atem an, gespannt darauf, was nun kommen würde.

Mason sagte: "Ich wollte dir nur die DVD wiedergeben. Du hast sie bei mir vergessen."

Perplex starrte Mike auf den Film, den Mason ihm entgegen hielt. Das war nicht ganz das, was Mike erwartet hatte, aber gut. Vielleicht brauchte Mason einen etwas größeren Anlauf, um auf das Thema zu kommen, immerhin handelte es sich um eine äußerst delikate Angelegenheit.

So musste es sein.

Automatisch griff Mikes linke Hand nach der DVD und ließ sie in seiner Schultasche verschwinden. Nach wie vor ruhten seine großen Augen auf Masons Gesicht. Er wartete.

"Ähm, du bist ja schnell abgehauen am Samstag..."

Aha, da kam der zweite Anlauf. Darauf hatte Mike gewartet und davor hatte er sich gefürchtet. Nun galt es Ruhe zu bewahren und sich keine Blöße zu geben. Zumindest nicht, bevor Mason es selbst tat.

Also antwortete Mike: "Ja, ich musste zur Arbeit. Nebenjob."

"Ach so?" Mason runzelte die Stirn. "Aber du hattest doch gesagt, dass du Samstag frei hast?"

Shit. Cool bleiben, improvisieren. "Mein Vater hat mir eine SMS geschrieben. Ich muss ihm öfter mal bei Umzügen helfen."

"Oh... aha."

Gut gerettet. Einen Moment lang bewunderte Mike sich selbst für die Fähigkeit, sich innerhalb von Nanosekunden eine glaubwürdige Lüge aus den Fingern zu saugen, ohne dabei rot zu werden.

"Sag mal... die zwei Flaschen Wodka... haben wir die etwa alleine geleert?"

Mike nickte.

"Und die sechs Budweiser?"

Mike räusperte sich und nickte wieder.

"Die Flasche Escorial Grün war auch angebrochen..."

Ein leises Husten später antwortete Mike: "Das hat uns den Kopfschuss gegeben."

Mason lachte und irgendwie klang er dabei sehr erleichtert. "Oh Mann, kein Wunder, dass ich mich an den Abend überhaupt nicht mehr erinnern kann!"

Mike fiel in das Lachen automatisch mit ein. "Haha, ja!" Bis sein Gehirn die Aussage verarbeitet hatte, dauerte es eine Weile. Das Lächeln fror ihm auf dem Gesicht ein. Mühsam den heiteren Ton aufrechterhaltend, quetschten seine Stimmbänder hervor: "Du hast... was?"

Ein verlegenes Räuspern ging Masons Antwort voraus. "Es ist alles schwarz. Ich kann mich noch erinnern, dass wir den Film eingelegt haben, aber frag mich nicht, wie er endet..."

Mason kratzte sich am Kopf. Anscheinend tat er das, um seine Machtlosigkeit zu demonstrieren.

Währenddessen kämpften zwei unheimliche Gestalten auf Mikes kaltem Mond um die Vorherrschaft. Der eine war ziemlich groß und hässlich, hatte eine riesige Keule und hieß "Lord Empörung". Den anderen nannte man "Graf Erleichterung" und er war im Vergleich zu ihm winzig, aber entschlossen.

Eine ganze Zeit lang sah es so aus, als würde die Empörung über Masons Gedächtnisverlust den Kampf gegen die Erleichterung darüber gewinnen. Doch der Graf war ziemlich verschlagen und stellte dem übelgelaunten Lord ein Bein, bevor er zum tödlichen Schlag ausholen konnte.

"Weißt du denn noch, was passiert ist?"

Ein leichtes Augenzucken verriet den Untergang von Lord Empörung in Mikes Innerem. Er taute sein Lächeln wieder auf und sagte: "Nein. Ich habe nicht die geringste Ahnung!"

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Erst seit kurzer Zeit sprachen sie überhaupt richtig miteinander.

Mike und Mason waren zwei grundverschiedene Typen. Man sah sich auf dem Schulhof und nickte sich im Vorbeigehen zu, aber die paar Sätze, die sie innerhalb eines halben Jahres miteinander gewechselt hatten, konnte man an einer Hand abzählen.

Mike war kein typischer Einzelgänger, daher war es ihm nicht schwergefallen, auf der neuen Schule Anschluss zu finden. Allerdings ging diese Cliquenwirtschaft nicht besonders tief und es gab niemanden, der ihn gut kannte und ihm nahe stand. Sie waren einfach ein Haufen spätpubertierender Kerle, die sich an den Wochenenden trafen, um durch die Kneipen der Stadt zu ziehen.

Warum Mike nie richtig Kontakt zu Mason aufgenommen hatte, wusste er selbst nicht so genau. Es lag nicht unbedingt daran, dass er ihn nicht leiden konnte, ganz im Gegenteil. Er brachte Mason eine Art stumme Bewunderung entgegen. Es kursierten einige Gerüchte über die Verführungskünste des Mister Loverboy und auch wenn nur die Hälfte davon stimmen sollte, hinterließen sie bei Mike einen gewissen Ehrfurchtseindruck.

Seine Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht beschränkten sich auf peinlich unbeholfene Fummeleskapaden. Eine richtige Beziehung hatte er noch nie geführt. Und Sex mit einem anderen Menschen, außer sich selbst, hatte es bisher auch nicht gegeben.

Alles nicht unbedingt Umstände, mit denen er hausieren ging und es auch nicht tun würde, wenn ihm jemand einen geladenen Ballermann vor die Nase hielt.

In den vergangenen letzten zwölf Monaten hatte Mike intensiv darüber nachgedacht, ob er möglicherweise schwul war. Auch das war ein heißes Thema, an das er nur zu denken wagte, wenn alle Lichter ausgingen und er mit sich selbst alleingelassen wurde.

Aber bisher hatte es nur einen Mann in seinem Leben gegeben, zu dem er sich sexuell hingezogen fühlte und der hatte ihm eine Abfuhr erteilt.

Ein Ereignis, an das er sich aus offensichtlichen Gründen äußerst ungern erinnerte, aber es nagte penetrant an ihm.

In Wirklichkeit hatte Mike nie daran gedacht mit Mason zu sprechen, weil er sich unwürdig fühlte. Mason Bowers, der Gott seines Planeten, Herrscher über unzählige Harems und Hüter der Coolness hatte alles, was er brauchte, inklusive duzender Amigos, die ihm die Schuhe leckten.

Ob zu seinen Füßen nun einer mehr oder weniger kroch, würde Mason gar nicht weiter auffallen.

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Die Situation änderte sich erst mit einem unscheinbaren Telefonanruf.

Normalerweise hörte Mike das Klingeln seines Handys selten, wenn er durch die Kneipen zog, weil es meistens laut, verqualmt und irgendwie duster war. Verkommen. Er mochte das, weil es zu seiner momentanen Grundstimmung passte.

Wenn er das Klingeln seines Handys wie immer nicht gehört hätte, wäre wahrscheinlich alles ganz anders gekommen. Er hätte später am Abend oder vielleicht auch erst am nächsten Morgen den Anruf in Abwesenheit entdeckt und niemals zurückgerufen.

Aber es war unverkennbar sein Klingelton. "Highway To Hell" klimperte ihm polyphon entgegen und er hatte sich ein bisschen erschrocken, dass sein Handy überhaupt Empfang zu haben schien, obwohl er sich in einem Loch von einer Kneipe befand, das dunkler war als eine Wagenladung voll Arschlöcher.

Diesmal gab es sogar wirklich etwas zu feiern: Ein Typ aus seiner Parallelklasse hatte Geburtstag. Auch diesen Jungen kannte Mike kaum, aber das war nicht so schlimm, es gab etwas umsonst, das nahm er gerne mit. Sonst sah er viele bekannte Gesichter, darunter auch das von Mason, der am anderen Ende des Tresens saß.

So wie es aussah, flirtete er mit der brünetten Kellnerin. Mike zweifelte nicht daran, dass Mason erfolgreich sein würde. Er ließ wirklich nichts anbrennen.

Mike brüllte ein für seine Ohren ziemlich dumpfes "Hallo?!" in den Hörer und zog konzentriert die Augenbrauen zusammen.

"Hi Mikey, ich bin's!"

Diese Stimme kannte er ziemlich gut, aber er hatte sie schon lange nicht mehr gehört. Augenblicklich verdoppelte sich Mikes Herzschlag. Es war eindeutig zu laut am Tresen für Telefongespräche dieser Art.

"Warte kurz..."

Mike flüchtete nach draußen und ging ein Stück weiter. Kalte Nachtluft schlug ihm entgegen. Seine Jacke hing noch an der Garderobe. Er fror erbärmlich. Die Straßen waren teilweise vereist, er wäre beinahe gestürzt.

Er fasste allen Mut zusammen, obwohl er fest damit rechnete, dass kein Ton seine Lippen verlassen konnte, weil ein unglaublich großer Klumpen Befangenheit quer in seinem Hals steckengeblieben war, doch er überraschte sich selbst.

"Hey Richie... wie geht's dir?"

"Endlich erreiche ich dich mal. Du solltest dich doch bei mir melden! Über tausend Ecken bin ich erst an deine neue Nummer gekommen..."

Richard Tozier, sein Kindheitsfreund und gleichzeitig kein geringerer als Mikes berühmte erste große Liebe höchstpersönlich, klang verständlicherweise ein wenig verstimmt. Mike seufzte.

"Tut mir leid..." Er schloss die Augen und legte sich die Hand auf das Gesicht. Unter seinen Lidern begann es gefährlich zu brennen.

"Deine Mutter hat uns zum Essen eingeladen. Ich wollte dir nur Bescheid sagen, dass ich dich besuchen komme! Freust du dich?"

Seine Mutter hatte Richards Familie zum Essen eingeladen? Er würde sie umbringen müssen. Tat ihm ja ein bisschen leid für die Frau, die ihn unter Schmerzen auf die Welt gebracht hatte, aber eins war klar: In dieser Nacht würde noch Blut fließen müssen.

"Wann?"

"In den nächsten Ferien."

"Das ist erst in zwei Monaten..."

"Genug Zeit für dich, dein Zimmer für mich aufzuräumen!"

Mike prustete ein ungewolltes Lachen heraus. "Leck mich, Tozier. Du schläfst auf dem Balkon."

"Ich hab dich auch vermisst, Mikey. Also bis dann!"

"Ja... ja, bis..."

Aufgelegt. Richard hatte sich nicht verändert. Er behandelte ihn wie immer. Warum sollte das auch anders sein? Je länger Mike darüber nachdachte, desto mehr wurde es zur Gewissheit: Richard hatte seine Liebeserklärung völlig falsch oder gar nicht verstanden.

Man sollte auch die Macht der Verdrängung nicht unterschätzen.

Eine unschuldige Mülltonne wurde von Mike umgetreten und landete scheppernd gegen eine Hauswand. "Scheiße!"

Er hatte gedacht, er wäre über die Sache hinweggekommen, aber da hatte er wohl falsch gedacht.

Ein unbeschreiblicher Zorn ergriff Besitz von Mike: Er war wütend, weil seine Mutter über seinen Kopf hinweg Entscheidungen über ihn traf. Er war wütend, weil Richard sich nicht verändert hatte. Er war wütend, weil es gereicht hatte, Richards Stimme am Telefon zu hören, um ihn aus der Fassung zu bringen und er war wütend auf sich selbst, weil er wütend geworden war.

Diese komplizierte Gefühlsbrühe, die heiß in Mike brodelte, ließ ihn blind um sich treten, bis er Plastikgartenstühle traf, die vor der Bar standen, aus der er gekommen war. Und einer dieser Stühle traf Mason Bowers, der gerade zur Tür rauskam, am linken Schienbein.

Ein überraschtes "Hey!" und eine hochgezogene Augenbraue später fragte Mason unbeeindruckt: "Schlechte Neuigkeiten?"

Mike dachte, dass er hier und jetzt auf der Stelle an Herzversagen sterben musste, aber unendliche zwei Sekunden später setzte seine alte Pumpe ihre Arbeit wieder fort.

"Was? Ich... Nein, nicht unbedingt schlecht, nur... Was machst... du hier?"

Sein unkontrollierter Wutausbruch wurde Mike von Minute zu Minute peinlicher. Langsam verschwand das rote Tuch vor seinen Augen. Mason hatte ihn in die Realität zurückgeholt.

"Die Frage ist, was machst du hier? Ich wette, die ersten Nachbarn haben schon die Polizei gerufen und falls sie es noch nicht getan haben, werden sie es auf jeden Fall nachholen, wenn du dich nicht wieder einkriegst."

Das waren die längsten Sätze, die Mason je mit ihm gesprochen hatte. Allein deswegen stand Mike sprachlos da und guckte etwas dümmlich aus der Wäsche.

"Du hast deine Jacke vergessen."

Unheimlich treffsicher landete die Jacke in Mikes Gesicht. Er ächzte überrascht, murmelte aber trotzdem ein zurückhaltendes "Danke" in den Stoff. Während er sich die Jacke über die Schultern warf, beobachtete Mason ihn mit einem undeutbaren Blick.

Schwer zu sagen, was er dachte. Schwer zu sagen, wie viel Mason mitgehört und was er gesehen hatte und was er sich selbst zusammenreimen würde.

Dieses Pokerface war einfach undurchschaubar.

Mit seinen schwarzen Klamotten und der ungewöhnlich hellen Haut sah Mason im schummrigen Licht der Straßenlaterne aus wie ein Vampir, der aus einem Anne Rice Roman entstiegen sein könnte. Dann lächelte er und der merkwürdige Eindruck verschwand mit dem
freundlichen Gesicht.

"Du willst doch jetzt noch nicht nach Hause, oder?"

Mike zuckte gleichgültig mit den Achseln.

"Lass uns zurückgehen, ich geb dir einen aus!"

Um Mikes Schultern legte sich ein warmer Arm und Mason führte ihn zurück in die Bar, wo sie sich bis in die frühen Morgenstunden hemmungslos betranken.

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Mike sah ihn in der Kantine sitzen. Selbstgefällig einen Kaffee schlürfend. Ganz unbekümmert. Als wäre nie etwas gewesen. Lächelte den Mädchen zu, die seinen Tisch passierten. Freute sich des Lebens.

Ein unheimlich starker Drang ergriff Besitz von Mike, doch wenn er dem nachgeben würde, könnte er in der Todeszelle enden. Statt also einen blinden Amoklauf zu vollziehen, griff er zu seinem eigenen Kaffee und blubberte in die Tasse seine vernichtenden Flüche, um sich besser zu fühlen.

"Vergessen hat er das, huh? Vergessen, der feine Herr, pah... Vergessen am Arsch!"

Von der ohnehin kaum vorhandenen Erleichterung über Masons Gedächtnisschwund war nichts mehr übriggeblieben. Inzwischen war Lord Empörung zum Teufel der Wut digitiert und tobte unaufhaltsam durch Mikes kahle Mondlandschaft auf der Suche nach Dingen, die er sinnlos zerstören konnte.

Es störte ihn, dass Mason so sorglos vor sich hin leben konnte, während er selbst ununterbrochen über die Sache nachdenken musste. Das würde ihn wahnsinnig machen, wenn das so weiterging, das wusste er genau. Er würde eines Tages einfach durchdrehen.

Und warum auch nicht? Das geschah jeden Tag auf der ganzen Welt: Menschen drehten durch und Mike würde bald zum Club der Auserwählten gehören.

Diese Nacht... Diese verfluchte Nacht, er würde sie am liebsten aus seinem Gedächtnis streichen...

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...kalt. Kein Hemd, Gänsehaut, unbequem. Er ächzte wie ein alter Mann, der gerade Treppen steigen musste. Er fühlte sich auch wie ein alter Mann, der schon 100 Jahre auf dem Buckel hatte. Sein gesamter Körper schien aus latenten Schmerzen zu bestehen. Verkrampfte Muskeln, schwere Arme, in Beton gegossene Füße.

Pelz auf der Zunge. Seine Mundhöhle war mit einem furztrockenen Teppich ausgelegt. Er hatte unlöschbaren Durst. Er wusste, dass er unlöschbar sein würde, weil er langsam die Symptome eines Katers erkannte.

Ein Kater, der ganz offensichtlich von einem anderen Stern zu kommen schien.

Langsam, unendlich langsam, öffnete er die verklebten Lider, nur um sie sofort wieder zu verschließen. Zu hell. Er legte sich die Hand auf die Augen und stöhnte. Der zweite Versuch klappte besser.

Er lag nicht in einem Bett, sondern auf dem Fußboden. Ein ziemlich zugemüllter Fußboden. Er blickte sich um und entdeckte offene Pizzaschachteln mit Resten vom Vortag, leere Wodkaflaschen und zerdrückte Bierdosen. Sah aus wie ein Schlachtfeld.

Soweit er das aus seinem Blickwinkel beurteilen konnte, lag in der hintersten Ecke sein Hemd, das er so vermisste und ein rotes, gebrauchtes Kondom.

Mhm.

Daneben lag noch ein blaues, direkt auf seiner Jeanshose.

Die Reaktion darauf kam etwas verzögert, weil sein Verstand noch nicht richtig in der Lage war, diese komplizierte Informationenflut zu verarbeiten, aber als die Kugel durchgefallen war, fing es mit einem beängstigenden Tempo an in seinem Kopf zu rattern und zu klingeln.

"Was zur Hölle?" hörte er sich sagen, aber in Wirklichkeit nuschelte er ein unverständliches:
"Woas'n'hiä'losch?!"

Mit einem zu schnellen Ruck setzte er sich auf, was aber tödlich für den Inhalt seines Kopfes war, der dabei dumpf gegen die Innenseiten seines Schädels depperte und unbeschreibliche Schmerzen verursachte.

Sein Magen fing zu allem Überfluss das Rebellieren an und in diesem Augenblick wollte er einfach sterben. Er spürte, wie ihm die Galle hochkam, unterdrückte mit letzter Kraft den Würgreiz und krächzte stattdessen in seine vorgehaltene Hand.

Jetzt erinnerte er sich wieder.

Ein verwirrendes Kopfkino lief vor seinem geistigen Auge ab. Wie in einem Film von Quentin Tarantino wurde dabei nicht auf die Reihenfolge der Ereignisse geachtet. Trotzdem ergaben die hingeworfenen Erinnerungsfetzen am Ende ein klares Bild und vor allem ein anklagendes Wort, das in roten Neonbuchstaben blinkte:

!ONE-NIGHT-STAND!

"Mason..." murmelte er beklommen und entdeckte den Jungen eingerollt zu Füßen des Bettes. Er schien es ganz offensichtlich auch nicht mehr dorthin geschafft zu haben.

Mason schlief fest und ehe Mike noch richtig wusste, was er tat, war er bereits angezogen und befand sich auf dem Weg nach Hause.

Zwei mal musste er seine Flucht unterbrechen, um sich auf ein Gebüsch und ein Blumenbeet zu übergeben.

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Fortsetzung folgt