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Bitter - Teil 11

Murphy's Law
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Das war der achte Whiskey On The Rocks, den Nick an diesem Abend für den Herrn mit der dunklen Jacke am Tresen ausschenkte und er beobachtete mit Besorgnis, wie auch dieses Getränk in einem Zug geleert wurde.

Die Eiswürfel klirrten im Glas, als es mit Schwung wieder auf der Theke abgestellt wurde.

"Noch so einen."

Es gab nur zwei Arten der Liebe: Zum einen das Liebesglück und zum anderen die Liebesqual. Für Nick sah es ganz so aus, als würde für diesen Mann im Augenblick nur die Qual existieren.

Das erkannte Nick auch ohne geübten Blick, aber er konnte nicht leugnen, dass die Stammkundschaft dieser Kaschemme nur aus drei Grundtypen bestand: Da gab es die einsamen Mitfünfziger, die in dieses Lokal kamen, weil sie Gesellschaft suchten und am Ende doch nur allein in einer Ecke saßen und Löcher in ihr schal werdendes Bier starrten, sowie die Laufkundschaft, welche sich nur zufällig in "Murphy's Law" verirrten und spätestens nach dem zweiten Bier genau so schnell wieder verschwanden, wie sie gekommen waren.

Und natürlich die armen, liebeskranken Kerle, die ihren Kummer trotz besseren Wissens im Alkohol ertränken wollten, um den Schmerz wenigstens ein bisschen zu betäuben. In seiner fünf jährigen Laufbahn als Kellner und Schankwirt hatte Nick schon viele gebrochene Herzen gesehen und eines davon saß hier mit eingefallenen Schultern und verschleierten Augen direkt vor seiner Nase.

"Hör mal, Kumpel, meinst du nicht, dass es langsam reicht?" Nick deutete mit dem Kinn zu dem leeren Glas. "Das war das achte."

Normalerweise hielt er nichts davon, seinen Kunden das Trinken abzusprechen, solange sie am Ende bezahltenund keinen Ärger machten. Wie ein armer Schlucker sah der Mann nicht aus, auch wenn er in keinem gutenkörperlichen Zustand zu sein schien und auffällig war er bisher auch nicht geworden.

Wenn man mal davon absah, dass Nick innerhalb von zwei Stunden mit fünf verschiedenen Namen angesprochen wurde, aber darüber sah er angesichts der Umstände großzügig hinweg. Zumindest vorerst.

Seine Aushilfe für den Abend (Marcy, ein fleißiges Mädchen) hatte Nick vor einer halben Stunde nach Hause geschickt und nun hätte er so langsam auch mal gerne Feierabend gemacht.

"Einer geht noch..."

Der Mann unterdrückte mit Mühe ein Hieksen, woraufhin Nick doch tatsächlich grinsen musste, bis er lachteund den Kopf schüttelte.

"Na schön, aber das ist der letzte Drink. Ich will hier zu machen. Und du solltest langsam auch nach Hause gehen, wenn du mich fragst."

"Bob, ich frag dich aber nicht. Schenk dir auch was ein, alleine trinken macht einsam."

"Ich heiße nicht Bob."

"Is' mir scheißegal, Bob. Trink mit mir, ich bestehe darauf."

"Ich fürchte, das kann ich nicht tun."

"Doch, du kannst, Bobby, hier..." Der Unbekannte griff mit einer raschen Bewegung über die Theke undschnappte sich den Whiskey, bevor Nick ihn daran hindern konnte.

"Ein Feierabendgetränk auf meine Kosten, selbstverständlich. Sieh es als Dank für den freundlichen Service." Er zwinkerte und schob Nick das neu gefüllte Glas zu. "Und nu' trink, sonst trink ich. Zum Wohl!"

"Daran besteht kein Zweifel," murmelte Nick in den Whiskey, nahm aber einen großen Schluck und leckte sich danach über die Lippen.

"Gar nicht so übel, was?"

"Natürlich nicht übel." Nick betrachtete die langen Finger des Mannes, die nach einer Zigarette griffen. Der Typ hatte große Hände, aber keine Probleme damit, sie präzise zu benutzen. "Schließlich weiß ich, was gut schmeckt."

"Arbeitest du nur hier oder gehört dir der Laden?" Grau-blauer Rauch begleitete jedes der Worte desMannes. Er sah Nick schräg von der Seite an und erbemerkte, dass der verschleierte Blick etwas klarerwurde und er sich regelrecht visuell abgetastetfühlte. "Nimm es mir bitte nicht übel, Bobby, aber du siehst noch so jung aus."

"Nick," sagte Nick.

"Bitte?"

"Nicht Bob, Bobby, Fred oder Jack. Mein Name istNick."

Nick ertappte sich dabei, wie er langsam doch etwas säuerlich wurde, weil sich der Mann seinen Namen nicht merken konnte oder wollte und er dachte schon, er hätte seinen Kunden vielleicht mit dieser patzigen Antwort verärgert, aber dieser lächelte nur gelassen wie Buddha und nahm einen demonstrativen weiteren Zug von seiner Zigarette.

"Na schön, Nicky, es tut mir leid. Lass uns Freunde sein, okay?"

Er reichte Nick die Hand, welche er nur zögernd entgegen nahm, weil er sich über die Verniedlichung seines Namens ärgerte. Nick hatte angenommen, dass sich die Haut schwitzig und klebrig anfühlen würde, aber sie war überraschend angenehm warm und trocken.

"Wie lautet dein Name, Gringo?"

"Samuel," antwortete der unbekannte liebeskranke Kettenraucher mit dem leidenschaftlichen Hang zur Whiskeyvernichtung. "Aber meine Freunde nennen mich Sam."

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Zwei weitere Stunden und jeweils vier Whiskey später taumelte Nick mit Sam zusammen auf die Straße. Wie er sich dazu hinreißen lassen konnte, noch so lange mit ihm zusammen zu trinken, wusste er nicht genau zu sagen, aber nun hatte auch er einen gehörigen Schuss im Tee.

Das war Nick noch nie passiert und er sollte lieber sicher gehen, dass sein Vater besser nicht davon erfuhr, sonst würde er ihm so ohne weiteres den Laden nicht mehr alleine überlassen.

Die frische Luft traf Nicks trunkenes Gemüt wie ein Vorschlaghammer und schien den Nebel um seinen Kopf noch mehr zu verdichten, anstatt ihn zu klären. Er riskierte einen Blick in Samuels Gesicht, aber dieser ließ keinerlei Schwächen erkennen.

"Wie kommst du jetzt nach Hause?" fragte Nick.

"Auf meinem treuen Ross!" grinste Sam und hielt seine Autoschlüssel in die Höhe.

Nick schnaufte: "Das glaubst du ja wohl selbst nicht."

Er griff nach dem Schlüsselbund, aber Sam zog seinen Arm weg, sodass Nicks Hand nichts als Luft zu fassen bekam. Er verlor das Gleichgewicht und klammerte sich an Samuels Schultern fest.

"Oh mein Gott, Entschuldigung..." Nick wollte Sam loslassen, bis er spürte, wie sich ein Arm um seine Hüfte schlang und er dicht an die Brust seines Gegenübers gedrückt wurde.

Die plötzliche Verdopplung seines eigenen Herzschlages konnte Nick sich genau so wenig erklären, wie die Reaktion seines Körpers auf Samuels Eigengeruch, den er als sehr angenehm empfand und verstohlen aufsog.

Er kam einfach zu dem Schluss, dass er keinen Whiskey mehr vertrug.

Samuel lachte so dunkel, dass es in Nicks Kopf vibrierte. "Anschmiegsam wie ein Kater."

Der anschmiegsame Kater fauchte, nutzte die Gelegenheit und brachte Samuels Autoschlüssel in seinen Besitz. "Hier fährt keiner mehr Auto. Den Schlüssel kannst du dir morgen wieder abholen."

Immer noch waren Nicks Wangen gerötet, er spürte es, sein Kopf glühte und er wusste nicht, warum er so nervös wurde. Je länger er Sam betrachtete, desto mehr Dinge fielen ihm auf, die er attraktiv fand und das alarmierte ihn.

Jack Daniels hatte ihm ganz schön den Kopf verdreht.

"Ich ruf dir jetzt ein Taxi..." Nick kramte in den Untiefen seiner Hosentasche nach dem Handy, aber Sam griff nach seiner Hand und hinderte ihn somit daran, das Telefon zu benutzen.

"Ich fürchte, ich werde zu Fuß gehen müssen, da ich dir mein letztes Geld gegeben habe."

Nick bewunderte Samuels klare Artikulation bei dem Stand seines Alkoholpegels, der sicherlich nicht zu verachten war und mit hoher Wahrscheinlichkeit schlimmer ausfiel, als bei ihm selbst.

Er hatte einmal gelesen, dass völlig unabhängig vom Alter, Geschlecht oder Körperbau immer die selbe Menge Alkohol pro Stunde im Körper abgebaut wurde und es einfach eine Frage der Trinkgewohnheiten war, wie betrunken ein Mensch wurde.

Demnach musste Samuel definitiv zu den harten im Garten gehören. Unsinnigerweise fühlte Nick sich verantwortlich dafür, dass Sam jetzt Schwierigkeiten hatte nach Hause zu kommen. Tatsächlich schwirrten ihm im Moment ziemlich viele unsinnige Dinge im Kopf umher und die dümmste Idee von allen sprach er schließlich aus.

"Wenn das so ist..." Plötzlich schlug Nicks Herz in seinem Hals, sodass er trocken schluckte und er noch einmal ansetzen musste. "Wenn das so ist, also, ich wohne direkt hier vorne, einmal über die Straße. Nicht dass du denkst, ich würde das jedem anbieten, der mir ein Getränk ausgibt, oder so, ich meine, du hast ja wohl nicht vor, mir eins über den Schädel zu geben, sobald ich dir den Rücken zuwende, um meine Wohnung zu plündern, nicht wahr? Ich würde dir jedenfalls davon abraten, denn der Aufwand würde sich kaum lohnen..."

Samuel lächelte. "Ich nehme das Angebot an."

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Viel zu betrunken, viel zu betrunken. Was hatte er sich nur dabei gedacht, einen wildfremden Mann, noch dazu einen Kunden aus seiner Kneipe (die inWirklichkeit eigentlich die Kneipe seines Vaters war und er nur die Urlaubsvertretung darstellte) in seineWohnung zu lassen, damit er hier seinen Rauschausschlafen konnte?

Und warum kam es ihm so vor, als würde er eine Frau mit nach Hause bringen? Samuel war definitiv keine Frau, so betrunken war er dann doch noch nicht. Trotzdem fühlte sich die Situation so wirklichkeitsfremd an, dass Nick an seinem Geisteszustand zweifelte.

Nun stand er vor seinem Kleiderschrank und kramte nach einem Hemd oder T-Shirt, damit sein Gast etwas für die Nacht auf der Couch hatte. Er konnte sich nicht daran erinnern, etwas ähnliches für einen seiner Freunde getan zu haben, die manchmal, wenn der Suff zu groß wurde, zwischen leeren Pizzaschachteln und Bierdosen komplett mit Straßenklamotten bekleidet auf dem Sofa einschliefen.

Endlich hatte er was gefunden, das so aussah, als würde es Samuel passen. Mit dem Hemd auf dem Armkehrte er in die Stube zurück. Sein Gast lag schräg auf der Couch und für einen Moment sah es so aus, als wäre er nicht mehr wach. Nick näherte sich vorsichtig und beugte sich über Samuels Gesicht.

Noch kurz hatte Nick die Gelegenheit zu bemerken, wie abgeschlagen Sam aussah. Er gab dem unwiderstehlichen Drang nach, die dunklen Haarsträhnen aus der Stirn zu streichen, da wurden seine Finger prompt eingefangen und er fiel auf den vermeindlich schlafenden Körper, obwohl das so nicht ganz stimmte.

Vielmehr wurde Nick gezogen und als er weich landete, fühlte er sich von zwei Armen eng umschlungen. Als er seinen Kopf hob, sah er in hellwache Augen, die ohne eine Spur von Müdigkeit oder Trunkenheit seinen Blick erwiderten und nur allein deswegen wurde Nick heiß und kalt.

"Ich..."

Bevor Nick in Panik ausbrechen konnte, wurde ihm der Mund mit einem erstaunlich weichen Lippenpaar verschlossen. Das extra herausgesuchte Hemd für Samuel glitt vergessen auf den Boden. Der erste Schock über diese intime Art und Weise der Berührung verflog, übrig blieb nur Nicks galoppierender Herzschlag, der drohte, ihn ins Jenseits zu katapultieren.

Warme Hände schmuggelten sich durch Stoff, streiften seinen Bauch, seine Brust, ließen ihn erzittern und seufzend nach Luft schnappen, während der Kuss immer intensiver wurde und ihm kaum noch Raum für klares Denken ließ.

Am besten sollte er gar nicht mehr denken, einfach machen und tun lassen, aber sein Verstand meldete sich zurück, auch wenn es sich dabei nur um eine kleine, klagende Stimme handelte, die aus einem anderen Universum zu ihm durchzudringen schien. Eine halbe Ewigkeit verging, bis er schließlich die Worte verstand und laut aussprach.

"An wen... denkst du?"

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Der Brief
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Cole erwachte in den frühen Morgenstunden des folgenden Tages in Richards Bett. Es war nicht das erste mal, dass er hier zusammen mit ihm lag und doch fühlte es sich anders an, vor allem sehr viel entspannter. Er blickte in Richards schlafendes Gesicht und spürte erst jetzt, dass er von ihm festgehalten wurde.

Lächelnd kuschelte Cole sich in die warme Umarmung und seufzte. So gut hatte er sich lange nicht mehr gefühlt. Der ganze Stress, der Kummer und die Sorgen der vergangenen Tage und Wochen, alles schien innerhalb nur einer Nacht von ihm abgefallen zu sein.

Aber er wusste nur zu gut, dass sie erst am Anfang neuer Probleme standen. Da war zum Beispiel die Frage, wie sie mit ihrer Beziehung umgehen sollten.

Beziehung.

Dieses Wort klang so unglaublich in Coles Ohren, so fantastisch wie ein Science-Fiction Roman, in denen Außerirdische auf der Erde landeten. Alles vorstellbar, aber wohl kaum innerhalb seiner Lebenspanne.

Und doch lag er hier in Richards Armen, das war real. Er spürte Arme um seiner Körpermitte, auch das war real, genau so wie das leise Ein-und Ausatmen Richards, was bedeutete, dass er am Leben war.

Bevor er noch allzu melodramatisch wurde beschloss Cole, dass Bett zu verlassen, auch wenn das hieß, der verlockenden Wärme und Geborgenheit, die Richard spendete, zu entsagen, sonst würden seine Hormone noch komplett durchdrehen und er würde vor lauter Glück anfangen zu heulen, wie ein zwölf... elf... zehn jähriges Mädchen auf einem Tokio Hotel Konzert.

Er kletterte behutsam aus dem Bett. Richard murmelte unverständliche Dinge, was Cole schmunzeln ließ. Sein erster Gang führte ihn zum Fenster, er wollte es öffnen, damit etwas frische Luft ins Zimmer kam. Es musste hier drinnen riechen wie im Pumakäfig.

Cole entdeckte den Brief sofort. Er war unübersehbar von außen mit Tesafilm an die Fensterscheibe geklebt worden. Er hatte schon eine Vermutung, von wem die Nachricht stammen könnte und der Verdacht bestätigte sich, als er das Fenster öffnete, den Brief löste und auf die Rückseite sah.

M.

M. für Mikey? Der Brief wurde nicht zugeklebt, also nahm Cole sich die Freiheit und entnahm den Inhalt. Der kurze Anflug eines schlechten Gewissens gegenüber Richard ignorierte Cole. Viel stand da nicht, aber was da stand, ließ seine Augen tellergoß werden.

Er blickte auf seine Armbanduhr, die ihm sagte, dass es kurz vor acht war. Eine dreiviertel Stunde hatten sie noch. Vielleicht reichte die Zeit, aber dann mussten sie sich beeilen.

"Richie!"

Unbarmherzig zog Cole die Decke vom Bett, was Richard mit einem verwirrten Brummen quittierte, sich umdrehte, einrollte und... weiterschlief?!

"Wach auf, Richie!"

Alles Ziehen, Drücken und Rufen brachte Richard nicht aus der Ruhe, also tat Cole das, was ihm noch am sinnigsten erschien: Er nahm Richards Kinn zwischen die Finger, drehte seinen Kopf zu sich und presste seine Lippen auf Richards Mund.

Eine hundertstel Sekunde später flatterten Richards Augenlider auf und mit einem Schlag war er hellwach. Erst war er sichtlich überfordert, doch dann freundete er sich für Coles Geschmack unglaublich schnell mit der Situation an, indem er ziemlich leidenschaftlich auf den Kuss einging.

Auch wenn Cole langsam in Stimmung kam: "So war das nicht gemeint!" Er wich plötzlich zurück und Richard fiel mit einem Plumpsen aus dem Bett.

"Das is' mal 'ne Art geweckt zu werden... Den Anfang und den Schlussteil müssen wir aber noch überarbeiten..."

"Sehr lustig, du Vogel! Lies das."

Er hielt Richard den Brief vor die Nase, aber dieser kniff nur verwirrt die Augen zusammen und kratzte sich am Hinterkopf. "Was is' das?"

"Zieh dich an, wir müssen los. Wie lange brauchen wir von hier bis zum Bahnhof?"

"Was willst du am Bahnhof?"

"Mensch, Junge, werd' wach!" Während Cole sprach, suchte er Klamotten zusammen und so landeten im Laufe des Gesprächs Socken, T-Shirt und Hose auf Richards Gesicht.

"Jetzt mal schön langsam, was is denn los, beim blauen Fi...?"

Cole unterbrach ihn schroff. "Mike, der Brief ist von Mikey! Also hau die Hacken in den Teer, sonst verpassen wir den Zug!"

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Irgendwie schmeckten seine Zigaretten heute nicht. Mochte daran liegen, dass er die vergangene Nacht komplett versoffen hatte und dabei bereits über eine Schachtel Tabak verqualmt hatte. Seine Sucht sollte für die nächsten zwei Tage befriedigt sein.

Mike drückte die nur bis zur Hälfte gerauchte Zigarette aus, schulterte seine Reisetasche und machte sich auf den Weg zu seinem Gleis, immerhin fuhr in zehn Minuten sein Zug.

Er wollte sich nicht nach Richard umsehen, doch seine Augen suchten trotzdem unkontrollierbar nach seinem Freund, entdeckten ihn aber nicht, was ihn mehr enttäuschte, als er zugeben wollte.

Aber er hatte kein Recht, Richard irgendwelche Vorwürfe zu machen. Er hätte sogar Verständnis dafür, wenn Richard so sauer war, dass er ihn gar nicht mehr sehen wollte, schließlich hatte er sich einfach zu lange ausgeschwiegen und am Ende nur einen Brief geschrieben, für den er sich mittlerweile schämte.

Nicht einmal zum Schluss hatte er ihm ins Gesicht sagen können, dass er fortging. Richard hatte zur Zeit sicher ganz andere Probleme und vielleicht... vielleicht war es einfach besser, wenn Mike sich nicht mehr in sein Leben einmischen konnte, insofern kam dieser Umzug mehr als gelegen.

Auch für ihn war es einfach an der Zeit, sich von Richard zu lösen, er konnte nicht ewig abhängig vonihm bleiben. Seine Mutter hatte sicher recht, wenn sie sagte, dass es nur am Anfang schwer werden würde, aber später, sobald sie sich aus den Augen waren, würde er auch aus seinem Sinn verschwinden.

Mike schloss die Lider und seufzte, zu gerne würde er daran glauben, doch er wusste einfach, dass das unmöglich war, denn wann hatte es je eine Zeit gegeben, in der er nicht an Richard denken musste, ganz gleich wo er sich aufhielt?

Eine laute Ansage verkündete mit knisternder Stimme die Ankunft seines Zuges und empfahl den Menschen, hinter die weiße Linie zurückzutreten. Nun war es also soweit, es gab kein Zurück mehr.

Laut zischend und quietschend kam der Zug zum Stehen und die ersten Menschen stiegen aus. Wieder schloss Mike die Augen und versuchte bewusst zu atmen, um sich selbst zu beruhigen. Es brachte ihm nichts, wenn er zuviel dachte, sich den Kopf zermarterte und doch
nichts dabei herum kam.

"Mikey!"

Jetzt musste Mike tatsächlich ein wenig grinsen, er begann schon Richards Stimme zu hören. Vielleicht sollte er sich mal gehörig die Ohren waschen, er hatte nur so das unbestimmte Gefühl, dass ihm sowas nicht weiterhelfen würde, wenn die Stimme aus seinem Inneren kam.

"MIKEY!"

Aber das war keine Einbildung. Mikes Kopf flog herum und er sah etwas, das er für eine Halluzination hielt, ganz klarer Fall von Wahnvorstellung im fortgeschrittenen Stadium.

Richard kam völlig außer Atem auf ihn zugerannt und selbst als der Abstand zwischen ihnen nicht mal mehr fünf Meter betrug, drosselte der Junge sein Tempo nicht. Mike ließ seine Tasche fallen und fing Richard auf, der mit solcher Wucht in seinen Armen landete, dass sie beinahe zusammen gestürzt wären.

"Mikey, du blödes Arschloch!"

Richard hielt Mike fest und drückte ihn innig, er schien sich nicht darum zu kümmern, wie das für die umstehenden Leute aussehen musste. Nach den ersten Schocksekunden vergrub Mike sein Gesicht in Richards Halsbeuge. Er bemerkte erst, dass er weinte, als er seine eigene brüchige Stimme hörte.

"Es tut mir leid, Richie!"

"Scheiße, Mike..."

Eine neue Ansage bat die Fahrgäste einzusteigen. Nein, nur noch ein bisschen... ein bisschen länger, dachte Mike, stöhnte leidlich, grub seine Finger in Richards Rücken und sog ein letztes mal seinen Geruch ein. Sein Herz flatterte wie verrückt, die Worte kamen von ganz allein.

"Ich liebe dich, Richie..."

Richard drückte Mike noch einmal kurz und löste sich dann von ihm. Er lächelte schief und fuhr ihm durch das verkorkste Haar, zwinkerte ihm zu und sagte nur: "Ich weiß, Mikey."

Mike lachte auf, wischte sich mit der Hand durch das Gesicht und schniefte. Er bückte sich, griff nach seiner Tasche und stieg in den Zug ein. Richard stand an der Tür.

"Du siehst lieber zu, dass du dich bei mir meldest, ich bin nämlich noch lange nicht fertig mit dir, Freundchen."

Da Mike befürchtete, erneut in Tränen auszubrechen, sagte er lieber nichts und nickte nur mit
zusammengekniffenen Lippen.

Die Tür schloss sich und der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Er winkte Richard zu, der noch einige Schritte hinterher lief. Dann konnte er es nicht mehr ertragen, ihn zu sehen, drehte sich um und setzte sich einfach mitten in den Gang auf seine Tasche, vergub die Hände im Gesicht und schluchzte.

Aber nicht lange, denn die unheimliche Erleichterung und das Glück, das er empfand, zauberten ihm ein Lächeln auf seine Züge.

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"Hast du ihn noch erwischt?" fragte Cole und reichte Richard eine Brottüte. "Hier, unser Frühstück."

Richard lächelte und bedankte sich artig. "Ja, ich hab ihn noch erwischt."

"Und was hat er gesagt?"

"Wir hatten nicht viel Zeit zum Reden, aber sobald er mir seine neue Adresse gibt, stehe ich bei ihm vor der Matte und mache ihn zur Schnecke, darauf kannst du einen lassen."

"Lieber nicht", antwortete Cole todernst und schlürfte an einem Soft-Drink.

"Ich liebe deine zickige Seite, Cole." Den nicht ganz ernstgemeinten Ellbogencheck steckte Richard grinsend weg und konterte dafür mit einem raschen Kuss auf die Nasenspitze.

Cole schrie spitz auf, sein Kopf explodierte, wurde knallrot. "Das kannst du doch hier nicht machen, die Leute..."

"...sind mir scheißegal."

Richard griff nach Coles Hand und verschränkte ihre Finger miteinander, es interessierte ihn nicht im geringsten, dass sie sich mitten auf einer Fußgängerzone befanden.

"Du bist unmöglich."

Diesmal zog Richard es vor, Cole das letzte Wort zu überlassen, wusste er doch, dass er gewonnen hatte, denn trotz der Proteste ließ Cole seine Hand nicht los.

Er beschloss ihn mit Haut und Haaren zu fressen, wenn sie wieder zu Hause waren.

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Nachschlag
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"Wie sieht's denn aus, Nick, was meinst du? Kommst du jetzt alleine klar?"

Marcy blickte ihn aus großen runden Augen an, denen er nicht widerstehen konnte. Er seufzte und nickte, machte eine wegwerfende Handbewegung. Mit den letzten zwei Gästen würde er schon fertig werden.

"Danke, du bist der beste!" Sie schlang ihre Arme um seinen Nacken und gab ihm einen dicken Schmatzer auf die Wange.

"Schon gut, übertreib mal nich'..." Trotz seiner säuerlichen Worte lächelte Nick verhalten. Sein Kopf flog sofort hoch, als er die Tür aufgehen hörte, aber herein kam nur Marcys Freund, um sie abzuholen wahrscheinlich.

Das Timing erschien ihm etwas zu perfekt, anscheinend hatte sie fest damit gerechnet, dass er sie gehen lassen würde. Durchtriebenes Biest.

Aber was beschwerte er sich, er war einfach zu nachgiebig, schon von Natur aus. Definitiv. Er seufzte, als würde ihm der gesamte Weltschmerz auf den Schultern lasten. Das tat er in letzter Zeit ständig.

Seine Gedanken waren nie bei der Sache. Wie sehr er sich auch dagegen sträubte, immer wieder musste er an Samuel denken, an diese unwirkliche Nacht vor drei Wochen. Nein, um genau zu sein, war es drei Wochen, einen Tag und zwölf Stunden her, dass sie zusammen gewesen waren.

Seit dem hatte Nick ihn nicht mehr gesehen. Natürlich war Samuel fort, als er am nächsten Morgen aufwachte und jeder normale Typ, der sich für heterosexuell hielt und es bleiben wollte, hätte sich darüber gefreut und die Sache als bösen Traum abgeschrieben.

Aber Nick konnte das nicht, dafür fühlte er sich zu sehr benutzt. Da hatten wir es wieder, er fing an zu reden und zu denken wie eine Frau. Samuel war so einfühlsam und zärtlich gewesen, dass er dabei einfach nicht an Nick gedacht haben konnte, während sie es taten.

Und doch machte es ihm nichts aus, als Ersatz für Samuel herzuhalten, wenn er nur... zurückkommen würde.

"Bekomme ich hier was zu trinken oder muss ich dir weiter dabei zusehen, wie du Löcher in die Luft guckst?"

Sehr langsam drehte sich Nicks Kopf in die Richtung, aus der er Samuels Stimme gehört hatte und da saß der Mann tatsächlich an seinem Tresen und blickte ihm mit einem schiefen Lächeln entgegen.

Ganz der intelligente Junge, der er war, fragte Nick perplex: "Was darf's denn sein?"

"Whiskey und...", Samuel beugte sich vertraulich vor, raunte mit sinnlich tiefer Stimme, "...einen kleinen Nachtisch?"

Nick zog eine Augenbraue in die Höhe. "Nachtisch gibt es nur, wenn du in Zukunft artig bist."

Samuel Mrutzec lachte und in seinen Augen blitzte es raubvogelartig. "Deswegen bin ich hier, Nick. Ich brauche eine strenge Hand!"

Leider konnte Nick es nicht vermeiden, dass sich seine Mundwinkel zu einem breiten Grinsen kräuselten, welches seine Vorfreude auf gewisse Dinge bereits verriet.

Durfte er etwa glauben, dass zum ersten Mal in seinem Leben das Glück auf seiner Seite stand?

Warum zum Teufel eigentlich nich?


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ENDE
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