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Der maskierte Koch - Teil 0 bis 8

Prolog

1793

Eilige Gestalten marschierten durch die dunkle Nacht, Schemen gleich und wegen der Bündel auf ihren Rücken kaum als Menschen zu erkennen. Und doch war es ein Bild, das man in diesen Tagen nur allzu oft sah – Menschen auf der Flucht. ‚La Terreur’ hatte das ganze Land ergriffen und nicht mehr nur in Paris waren die Guillotinen ununterbrochen im Einsatz, sondern bald jeder größere Marktflecken nannte ein solches Hinrichtungswerkzeug sein Eigen.

Der kleine, knapp vierjährige Junge stolperte an der Hand seiner Mutter durch die Dunkelheit. Eine kindliche Mischung aus Furcht und Neugier hatte von ihm Besitz ergriffen, als seine Mutter ihn mitten in der Nacht geweckt und hastig mit den Worten „Das Schloss brennt!“ ins Freie gebracht hatte. Selbst jetzt schien man die Schatten des Feuers noch am Horizont hinter ihnen erahnen zu können.

„Wo gehen wir hin, Maman?“, fragte er, unruhig geworden von der Stille, die auf der kleinen Gruppe lastete, welche den Weg gen Küste eingeschlagen hatte.

„Fort“, antwortete die Mutter leise. Und noch leiser fügte sie hinzu: „Nach England. So wie Papa es schon seit der Abschaffung des Adels vorhatte.“

Als hätten diese Worte den Knaben erst jetzt darauf aufmerksam gemacht, dass jemand Wichtiges fehlte, hakte er sofort nach: „Wo ist Papa? Kommt er nicht mit?“

Eine eigentümliche Leere klang aus der Stimme der jungen Frau, als sie ihrem Sohn antwortete: „Papa ist in der Küche.“

Und obgleich der Junge diese Antwort auf die Frage, wo sein Vater sei, fast sein Leben lang zu hören bekommen hatte, begriff er doch in diesem Moment, dass die Mutter heute etwas anderes damit ausdrückte als sonst. Dass hier nicht von blank schimmernden Kupfertöpfen, Bratenspießen und gelegentlichen, köstlichen Happen für den Sohn des Küchenchefs die Rede war. Dass am Morgen, wenn die Flammen, die er in der Ferne noch zu sehen glaubte, von dem Schloss nur noch eine schwelende Ruine übrig gelassen hatten, sein Vater Teil dieser Ruine sein würde.

Nunmehr gleichsam schweigend, ließ der Knabe sich weiter durch die Nacht führen. 


1. Kapitel

1807

England war eine Insel. Ein allgemein bekannter Fakt, doch nie zuvor hatte man es so deutlich gespürt, wie in diesen Tagen. Beinahe ganz Europa brannte unter dem Krieg, den Napoleon Bonaparte, selbstgekrönter Kaiser von Frankreich, entfacht hatte. Auch England befand sich im Krieg mit Frankreich, doch fand dieser zur See statt oder eben auf dem Kontinent. Weshalb in London die Zerstreuungen der feinen Gesellschaft so gut wie ungestört ihren gewohnten Verlauf nahmen. Einzig vielleicht die Damen jammerten, dass sie nun nicht nach Paris schicken konnten, um von dort das Neuste vom Neusten in Punkto Mode zu beziehen. Allerdings fand dieses Gejammer stets nur geflüstert statt, schließlich wollte man nicht unpatriotisch wirken. Als ob das Gerangel um die begehrten Eintrittskarten bei Almack’s oder das stundenlange Paradieren vor dem Spiegel, ehe man die passende Toilette für die Ausfahrt in den Park gefunden hatte, besonders patriotisch waren. Aber schließlich waren die Herren auch nicht viel besser, mit ihren zahllosen, gestärkten Krawattentüchern, die unzähligen misslungenen Knoten zum Opfer fielen, bis das weiße Tuch endlich in den gewünschten Falten lag, oder den verzweifelten Versuchen, das Haar genau so zu legen, dass es aussah als habe der Wind – wehe ihm, täte er es wirklich – es gerade zerzaust. Wen kümmerte also angesichts so weltbewegender Fragen, wer in dieser Saison den Platz einer Unvergleichlichen einnehmen würde, oder wessen Tochter sich den ersten Preis im diesjährigen Junggesellen-Fischen angeln würde, oder wer wegen eines Skandals vorzeitig abreiste, was mit Europa geschah?

Diese und ähnliche Gedanken wirbelten durch Roxtons Kopf, während er versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihn die Ausführungen seiner Tante Tilly, eigentlich die Marquise of Falcon, aber die Familie nannte sie stets nur Tante Tilly – anödeten. Nicht, dass Roxton sich sonderlich für die Politik und die Wirren auf dem Festland interessiert hätte. Nein, Selwyn Ulric Roxton, der siebte Earl of Roxfield mochte das amüsante Leben, das sich einem ungebundenen, vermögenden Adligen in London bot. Aber während die energische, grauhaarige Dame ihm nun zum wiederholten Male einen Vortrag über seine Pflichten gegenüber der Familie hielt, schlich sich ihm doch von Zeit zu Zeit der Gedanke in den Kopf, sich bei der Armee um ein Offizierspatent zu bemühen. Natürlich verwarf er diese Idee sofort wieder, außerdem war es gar nicht mal so unwahrscheinlich, dass er angesichts seiner gesellschaftlichen Position gar nicht in die Kämpfe auf dem Kontinent mit einbezogen würde. Doch es war ein amüsanter Zeitvertreib sich zumindest im Geiste die Landschaften Spaniens vorzustellen, während seine Tante über die Ehe und die Notwendigkeit eines Erben schwadronierte. Gewiss war es in Spanien selbst im Winter auch deutlich wärmer und angenehmer als in England, von dem trüben, oft nebeligen London ganz zu schweigen.

„Demnächst ist Weihnachten. Wieso nimmst du nicht ein paar der Einladungen zu den Hausfeiern an? Du müsstest noch nicht einmal dein geliebtes London verlassen, wenn du dich auf die in Frage kommenden Familien in der Nähe der Stadt beschränktest. Und wer weiß, vielleicht gefällt dir ja die ein oder andere Tochter deiner Gastgeber“, versuchte Tante Tilly das ganze pragmatisch darzustellen.

Als Roxton erkannte, dass seine Tante eine Antwort auf diesen Vorschlag erwartete, verabschiedete er sich schweren Herzens von seiner Phantasie bezüglich der spanischen Sonne und konzentrierte sich nun doch auf das Gespräch. Zum Glück hatte er den Großteil der verwandtschaftlichen Predigt so oft gehört – Tante Tilly war seit Allerheiligen fast wöchentlich bei ihm vorstellig geworden, da sich scheinbar die Idee von einer Verlobung zu Weihnachten beharrlich in ihrem Kopf festgesetzt hatte –, dass er jetzt mühelos den Faden aufnehmen konnte. Er setzte sich etwas aufrechter hin, ohne dabei den gelangweilten Ausdruck in seiner Haltung, der von einem Mann seines Standes einfach erwartet wurde, zu verlieren, dann sagte er: „Wie überaus strapaziös. Ich wäre die ganzen Feiertage im Grunde nur unterwegs, müsste mich mit vom Schnee aufgeweichten Straßen abquälen und käme ich dann bei der nächsten Gesellschaft an – sofern ich nicht durch einen Achsbruch oder ähnliches aufgehalten würde – wäre ich vermutlich nur ein schlechter Gesellschafter. Du wirst doch nicht ernsthaft erwarten, dass sich unter diesen Umständen eine passende Braut finden ließe.“

„Dann gib selbst eine Hausgesellschaft zu Weihnachten und lade ein paar in Frage kommende junge Damen mit ihren Eltern nach Roxfield ein. Das wäre vielleicht sogar die beste Lösung.“ So leicht ließ die ältere Dame nicht locker. „Romantische Schlittenfahrten durch verschneite Landschaft, das Haus vom Duft von Tannengrün und Gewürznelken erfüllt, Wangen, die sich nach der Kälte durch heißen Apfelcidre rosig färben… Unter diesen Umständen sollte es sogar dir gelingen, in entsprechende Stimmung zu kommen.“ In ihre Augen war bei diesen Bildern ein träumerischer Ausdruck getreten.

Beinahe hätte Roxton bei den Worten ‚in Stimmung kommen’ laut aufgelacht. Denn wenn eines sicher war, dann dass er, umringt von einer Schar weißgekleideter Debütantinnen, in keine wie auch immer geartete Stimmung kommen würde. Aber er konnte seiner Tante ja wohl schlecht erklären, wie es wirklich um ihn stand. Dass mit sein bestgehütetes Geheimnis seine Vorliebe für das eigene Geschlecht war. Dass er, wenn er mit seinen Freunden nach einem Abend im Club noch gewisse Etablissements aufsuchte, stets wartete, bis die anderen mit ihren Mädchen verschwunden waren und dann nach den Spezialangeboten fragte.

Sicher, er wusste, dass er eines Tages würde heiraten müssen. Die Gesellschaft erwartete es, aber mehr noch, seine Familie und auch er selbst erwarteten es. Denn er hatte nicht vor, den Titel und alles, was damit zusammenhing seinem Cousin zweiten Grades Eustace zu überlassen. Aber er wusste auch, dass es der Frau, die er dereinst heiraten würde, gegenüber nicht fair sein würde. Denn das Beste, was er ihr bieten konnte, war sein Respekt. Und eine Frau, die sich damit zufrieden gab, die nicht doch tief in ihrem Innern den Wunsch verspüren würde, ihn zu bekehren, die sich wünschte auch dann seine Gedanken einzunehmen, wenn er für die Zeugung des Erben an einen Mann dachte, war ihm noch nicht begegnet. Vielleicht hatte er auch noch nicht intensiv genug nach einer solchen Frau gesucht. Aber er würde gewiss nicht jetzt damit anfangen. Nicht dieses Jahr und auch nicht nächstes Jahr.

„Meine liebe Tante, ich werde mir ganz bestimmt nicht zu Weihnachten das Haus voller schnatternder Gänse laden, geschweige denn ihren intrigierenden Anhang von Eltern. Denn ich werde weder das Andenken an meine Vorfahren, noch die Erinnerungen an die glücklichen Weihnachtsfeste in meiner Kindheit durch so eine Posse beschmutzen“, sagte Roxton fest. „Ich weiß, wie sehr du dir die Erbfolge gesichert wünscht. Und glaube mir, ich kenne meine Pflichten der Familie gegenüber genau. Dazu gehört auch, dass ich heiraten werde. Aber ich werde es auf die Weise angehen, die mir beliebt.“

Mit diesen Worten stand er auf, küsste seine Tante auf die Wange und verließ die Bibliothek. In der Halle ließ er sich von einem Diener Hut und Mantel reichen und schritt gleich darauf die Stufen seines imposanten Stadthauses hinunter. Er wusste, dass es alles andere als höflich gewesen war, seine Tante auf diese Weise, ohne ein weiteres Wort des Abschieds zu verlassen. Aber zugleich wurde ihm auch bewusst, dass sein Abgang einer Niederlage gleich kam, denn es war immer noch sein Haus, sein Leben und er war derjenige, der es vorgezogen hatte, zu gehen. Roxton seufzte, als er die adventlich geschmückten Straßen entlang ging, denn ihm war klar, dass seine Tante morgen, spätestens aber am Tag danach einen neuen Versuch unternehmen würde, ihn von einer weihnachtlichen Brautschau zu überzeugen.



2. Kapitel

„Die Vanillesauce! Ich habe gefragt, wer für die Vanillesauce zuständig war?“ Die Kasserolle mit der cremig-gelben Sauce in der einen, den Schneebesen mit der anderen Hand betätigend, sah sich die maskierte Gestalt in der Küche um. Obwohl er weder laut noch zornig gesprochen hatte, wurde es schon bei den ersten wohlprononcierten Worten mucksmäuschenstill in dem Kellergewölbe. Alle Küchenangestellten, die eben noch eifrig damit beschäftigt gewesen waren, Geschirr umher zu tragen, Essen vorzubereiten oder nicht länger gebrauchte Utensilien weg zu räumen, sahen jetzt teils ehrfürchtig, teils erschrocken zu dem Mann, der an diesem Abend die Oberherrschaft über die Töpfe und Pfannen hatte. Allein schon die Tatsache, dass der Koch nicht wie üblich in Weiß gekleidet war, sondern zusätzlich zu der schwarz-goldenen Maske, welche einen Großteil seines Gesichts verdeckte, graue Kleidung trug, dazu eine Schwarze Schürze, hätte ihn in dieser Küche abgehoben. Doch auch sein Umgangston hob den ‚maskierten Koch’, wie er sich selbst nannte, von den üblichen Küchenchefs ab. Diese brüllten, schlugen mit Suppenkellen oder Bratenwendern nach säumigen Helfern und waren prinzipiell im Recht. Der maskierte Koch dagegen setzte seine Stimme in ruhigeren Tönen, aber dafür so schneidend wie ein Tranchiermesser ein. Und eben jetzt suchte er denjenigen, der beinahe die abgebundene Sauce für das Dessert hatte anbrennen lassen.

Ein Küchenjunge hatte schließlich genug Mut zu sagen: „Es ist meine Schuld. Mir war die Schüssel mit dem Brotteig für morgen im Weg, ich wollte sie zur Seite räumen und ließ sie versehentlich fallen. Horace wollte mir bloß helfen.“

Der Koch sah erst zu dem Küchenjungen, dann zu dem, dessen Name wohl Horace war, und wieder zurück. „Es mag deine Schuld gewesen sein, was den ruinierten Brotteig betrifft. Aber das Brot für morgen ist heute Abend für mich ohne Belang. Die Vanillesauce hingegen schon. Und es war Horaces Aufgabe, diese zu rühren, nachdem ich sie abgebunden hatte, damit sie nicht anbrennt, und nicht dir zu helfen. Das hätte auch jemand anderes tun können, oder du hättest eben länger gebraucht.“ Egal was geschehen wäre, es wäre dem Koch gleich gewesen. Solange Horace die Sauce nicht vernachlässigt hätte. Weshalb die Worte auch so scharf kamen, dass beide Küchenjungen unter ihnen zusammenzuckten. Doch der Küchenchef wusste, dass es ihm nicht helfen würde, wenn er die jungen Männer einfach gewähren ließ. Denn ging etwas mit dem Dinner schief, dann fiel das unweigerlich auf ihn zurück, und er war nur vorübergehend in diesem Haus. Nur für diesen Abend. Doch nur wenn alles klappte, konnte er mit weiteren Aufträgen rechnen. Und die bisher aufgetragenen Speisen waren alle ohne Fehl gewesen... „Für den Rest des Abends will ich keinen von euch beiden auch nur noch in der Nähe einer der Speisen sehen.“ Damit winkte er eine andere Küchenhilfe heran und gab dieser den Auftrag, die Sauce weiter zu rühren, während er sich um die gesottenen Apfeltörtchen kümmern wollte.

Knapp eine Stunde später war das herrschaftliche Gastmahl zu Ende gegangen und auch in der Küche war mittlerweile Ruhe eingekehrt. Die benutzten Töpfe und Schüsseln waren bereits in die Spülküche getragen worden, während einige der Reste dankbare Abnehmer unter dem Personal fanden. Selbiges saß jetzt an dem langen Holztisch bei ihrem eigenen, vergleichsweise einfachen Abendessen.

Einzig der Küchenchef hatte sich nicht dazugesellt. Aber das tat er nie. Seine Aufgabe war es zu kochen. Dass er die Aufräumarbeiten hinterher noch anleitete und zum Teil überwachte, lag einfach daran, dass er ja nicht mit dem letzten Gang von seinem Arbeitgeber erwarten konnte, das Honorar zu bekommen. Stattdessen wartete er also, bis dieser und dessen Gäste fertig gespeist hatten und nutzte so die Zeit. Jetzt aber waren die meisten der Gäste zu irgendeinem Ball aufgebrochen, zu welchem der Gastgeber wenig später folgen wollte.

Der Koch atmete noch einmal ruhig durch, dann band er sich die Schürze ab und nahm die Mütze vom Kopf – einzig die Maske behielt er auf –, dann begab er sich nach oben in das Studierzimmer von Lord Montgomery, seinem heutigen Auftraggeber.

Nach einem knappen Klopfen, trat er ein. Montgomery wartete bereits mit einem Umschlag in der Hand.

„Ah, da sind Sie ja. Ich muss Ihnen gratulieren, das heute Dinner war einfach perfekt. Himmlisch, um es mit den Worten meiner Frau auszudrücken“, sagte der Hausherr.

Der Koch quittierte das Kompliment mit einer leichten Verbeugung und erwiderte: „Das freut mich zu hören...“ Er hatte den Satz absichtlich so offen ausklingen lassen, um damit seiner Hoffnung auf weitere Engagements Ausdruck zu verleihen.

Sein Gegenüber schien dies entweder herausgehört zu haben, oder mit diesem Thema auf die ein oder andere Weise gerechnet zu haben, denn während er dem maskierten Mann den Umschlag reichte, sagte er: „In ein paar Tagen werden meine Familie und ich aufs Land übersiedeln, um in unserem Familiensitz die Weihnachtsfeierlichkeiten zu verleben. Daher werden wir wohl erst im kommenden Jahr wieder ein Dinner bei Ihnen in Auftrag geben. Aber vielleicht haben Sie ja selbst auch eigene Pläne für das Christfest und hätten ohnehin nicht zur Verfügung gestanden. Auf jeden Fall wünsche ich Ihnen ein frohes Fest.“

Mit diesen Worten hatte der Umschlag den Besitzer gewechselt und der Koch zog sich zurück. Zum Glück verbarg die Maske den größten Teil seines Gesichts, denn andernfalls hätte man die Enttäuschung, die sich darauf widerspiegelte, deutlich erkennen können.

Kein Wort drang über seine Lippen, als er die Küche durchquerte, seine Sachen packte und das Souterrain über die Außentreppe verließ. Ein kurzer Blick in den Umschlag hatte ihm gezeigt, dass der Herr neben dem üblichen Honorar noch ein großzügiges Trinkgeld beigefügt hatte. Wohl zum einen Ausdruck dafür, wie zufrieden er mit der Arbeit des Kochs gewesen war, zum anderen aber auch so eine Art Weihnachtszulage. Nicht, dass sich der Auftrags-Küchenchef nicht über das Trinkgeld gefreut hätte, doch an diesem Tag hatte es einen schalen Beigeschmack. Denn kein Trinkgeld konnte über die Tatsache hinwegtäuschen, dass Weihnachten ihm seine Aufträge nahm. Lord Montgomery war nicht der einzige, der ihm zu verstehen gegeben hatte, dass man in der kommenden Woche aufs Land aufbrechen wollte, um dort Weihnachten zu feiern. Und Landsitze bedeuteten angestammtes Personal inklusive eines Kochs, der seit Jahren für die Familie ein und dasselbe, jedes Jahr wieder geliebte, traditionelle Festtagsmenü kochen würde.

Weihnachten... Darauf hätte er in diesem Jahr gut verzichten können!



3. Kapitel

Kaum, dass er außer Sichtweite des Stadthauses der Montgomerys war, nahm André auch noch die Maske ab. So unbequem sie beizeiten auch war, so war sie doch unabdingbarer Bestandteil seiner Aufmachung. Mit achtzehn Jahren war er einfach zu jung, als dass man ihm seine Fachkenntnis abgenommen und ihm die Oberaufsicht über eine herrschaftliche Küche anvertraut hätte. Da mochte er das Kochen noch so sehr im Blut haben. Und das hatte er nun mal.

Was vermutlich auch der Grund gewesen war, weshalb er es bei seiner vorherigen Anstellung nicht einfach hatte hinnehmen können, dass der Küchenchef des angesehenen Londoner Restaurants sich den Portwein lieber hinter die Binde als in die Sauce kippte. Natürlich, ein guter Koch war in der Lage auch ohne Portwein eine vernünftige Sauce zuzubereiten, aber kein Mensch konnte eine Sauce retten, wenn sie erst einmal angebrannt war und sich das verkohlte Aroma in der Flüssigkeit festgesetzt hatte. Vermutlich hatte es so kommen müssen: Just in dem Moment, wo André wie so oft an den vergangenen Abenden eine neue Sauce angesetzt hatte, war der Besitzer in die Küche gekommen, um etwas wegen einer größeren Gesellschaft zu klären und selbstverständlich war der Suffkopf von Oberkoch genau dann mal ausnahmsweise aus seinem Rausch aufgewacht. Worauf dieser André die Schuld für die angebrannte Sauce zugeschoben hatte, um vor dem Besitzer gut dazustehen und André wegen Anmaßung fristlos entlassen wurde. Schließlich sei er ja bloß ein Küchenjunge, den man nur aus reiner Menschenliebe und weil er, wie der Chef, Exilfranzose war, eingestellt hätte.

Er war Mensch genug, um aus der Gewissheit, dass es in den nächsten Wochen häufiger keine brauchbare Sauce geben würde – von anderen Speisen, die er vor dem Ruin gerettet hatte, ganz zu schweigen – genug Stolz zu ziehen, dass er nicht anfing zu betteln, egal wie dringend er diese Arbeit vielleicht brauchen mochte. Und er war jung genug, um in seiner Wut dem Chef entgegenzubrüllen, dass dieser schon sehen würde, was er davon hätte, ihn rauszuwerfen und wie ungenießbar die Speisen doch sein würden.

Er war damals ähnlich rastlos durch die Straßen gewandert, wie an dem heutigen Abend. Und während heute seine Füße ihn in den verlassenen, nächtlichen Hyde Park lenkten, war es damals – damals, wie das klang… dabei war es noch keine vier Monate her – das Themseufer gewesen. Aus einer Laune heraus, hatte André den Fluss überquert und einen Schilling für den Zutritt zu den Vauxhall Gardens gezahlt. Geld, das er eigentlich nicht übrig hatte. Denn mittlerweile war ihm klar geworden, dass sein Ausbruch ihn jeglicher Chance beraubt hatte, in einem anderen Restaurant eine Anstellung zu finden. Wie ein Lauffeuer würde sich unter den Restaurantbesitzern und Köchen verbreiten, was er dem Chef alles an den Kopf geworfen hatte, und er mochte noch so sehr im Recht sein, was die miserable Qualität des Küchenchefs betraf, niemand würde ihn einstellen.

Der Zufall hatte es gewollt, dass an jenem Abend ein Maskenball in der Rotunda stattgefunden hatte. Überall hatte man tanzende, sich unterhaltende oder flanierende Paare gesehen, welche den Schutz der Masken nutzten, um Stand, Aussehen und Alter zu verbergen und stattdessen einmal nur sie selbst zu sein.

Irgendwie hatte sich der Gedanke, dass hinter einer Maske niemand sehen würde, wie alt ein Mensch war, oder auch wie jung, in Andrés Kopf festgesetzt. Und so war eins zum anderen gekommen: Die dekadente Oberschicht, die stets auf der Suche nach etwas Neuem war, womit sich deren Mitglieder gegenseitig ausstechen konnten, und ein exzellenter Koch, der stets nur maskiert in Erscheinung trat.

Am nächsten Abend war er wieder nach Vauxhall gegangen, doch dieses Mal, angetan mit einer schlichten, schwarzen Maske, um zu sehen, ob sich sein Plan in die Tat umsetzen ließ. Und der Zufall war ihm hold gewesen. Ein Ehepaar hatte sich halblaut darüber gestritten, wie man aus der nächsten Gesellschaft in ihrem Haus etwas Besonderes machen konnte:

„Und ich sage dir Henry, Lady Forbes will ihr ganzes Haus in eine Unterwasserlandschaft verwandeln. Mit blaugrünen Wandbehängen und künstlichen Seen“, ereiferte sich die Dame, die offensichtlich damit von ihrer Rivalin ausgestochen wurde.

„Aber meine Liebe, das beweist doch nur, wie vulgär Lady Forbes in ihrem Inneren ist. Ihre Herkunft wird sie wohl nie ganz verleugnen können. Ein solches Spektakel mag das einfache Volk beeindrucken und begeistern, aber für London halte ich es untauglich“, widersprach ihr Gatte.

„Dann lass uns wenigstens einen Maskenball veranstalten. Eine gewöhnliche Abendveranstaltung mit Gedrängel hat doch heutzutage wirklich jeder.“ Flehentlich flatterten ihre Wimpern.

„Wer einen Maskenball will, geht hier nach Vauxhall. Bei privaten Festlichkeiten dieser Art kommt es dann immer zu recht peinlichen Verkleidungen. Oder hast du schon Lady Darnleys peinlichen Auftritt als Schäferin vergessen? Und Lord Stanhams Gewandung war auch nicht viel besser gewesen.“ So leicht ließ sich der Herr nicht von seiner Gemahlin um den Finger wickeln.

Ehe der Zwist eskalieren konnte, hatte sich André eingeschaltet. „Und was, wenn Sie eine exklusive Dinnerparty gäben? Mit einem Mahl, welches Ihnen der maskierte Koch zubereitet?“

„Der maskierte Koch? Noch nie was von gehört. Und überhaupt, wie können Sie es wagen, sich in fremder Leute Unterhaltungen einzumischen. Scheren Sie sich fort“, fuhr ihn der Edelmann an. Doch seine Ehefrau hatte die Chance erkannt, die ihr der Fremde hier bot.

„Ein maskierter Koch? Was genau soll das für ein Koch sein?“, fragte sie André.

„Ein französischer Emigrant“, erwiderte er, doch er merkte, dass dies noch nicht reißerisch genug für die Dame war. „Er tritt nur maskiert in Erscheinung, um nicht erkannt zu werden.“ Soweit entsprach es ja noch der Wahrheit. „Es heißt, er sei der Leibkoch von Marie Antoinette gewesen.“ Und das war jetzt eindeutig gelogen. Aber er hatte ja auch nicht behauptet, die Wahrheit zu sprechen. Abgesehen davon, wenn die Erzählungen seiner Mutter und anderer Emigranten stimmten, dann hatte die enthauptete Königin von Frankreich mehr als nur einen Leibkoch gehabt. Wer konnte da also schon sagen, wer die Wirren der Revolution überlebt, wer geflohen und wer schlicht verschwunden war?

Aufgeregt begann die Dame mit ihrem Gemahl zu tuscheln. Denn selbst wenn der Koch nicht wirklich Leibkoch am glanzvollen Hof von Versailles gewesen war, allein der Vorsprung, den sie damit vor ihren Freunden haben würden… Schließlich richtete der Mann wieder das Wort an André: „Und wie viel verlangt Ihr Wunderkoch für einen Abend?“

André überschlug rasch im Kopf ein paar Zahlen. „10 Guineas, 15 wenn er auch noch den Einkauf übernehmen soll“, nannte er dann die in seinen Augen fast schon maßlose Summe. Aber andererseits wusste er, dass er, wollte er mit diesem Plan Erfolg haben, wirklich einen Koch mimen musste, welcher der Ansicht war, so viel Geld wert zu sein. Abgesehen davon hatte er in den knapp zwei Jahren, die er nun in London war, schon des öfteren feststellen können, wie kurzlebig Modeerscheinungen in der gelangweilten Oberschicht waren. Da konnte er von Glück sagen, wenn er als maskierter Koch bis zur nächsten Saison im Frühjahr Engagements fand. Denn spätestens dann würde eine Abendgesellschaft mit einem Dinner des maskierten Kochs schon ein alter Hut sein. Wenn er also mit diesem Plan so viel Geld verdienen wollte, dass es vielleicht sogar reichte, den Traum seines Vaters, der gleichzeitig auch sein eigener war, von einem eigenen Restaurant zu verwirklichen, durfte er sich nicht mit zu geringem Lohn abspeisen lassen.

Sein Plan war damals aufgegangen. Und nachdem die Abendgesellschaft seiner ersten Arbeitgeber dank seines Essens für eine Zeitlang als das Ereignis schlechthin in aller Munde gewesen war, hatte André sich nicht über mangelnde Aufträge beklagen können. Bis jetzt.

Im Park angekommen, ließ er sich auf eine Bank nahe der Serpentine fallen. „Wer kam nur auf diese blöde Idee, dass es dieses Jahr so etwas wie Weihnachten geben muss?“, fragte er in die Nacht hinein.

„Das gleiche habe ich mich auch gerade gefragt…“



4. Kapitel

Roxton hatte sich wahllos durch die Straßen treiben lassen und dabei versucht eine Lösung für sein Weihnachtsproblem zu finden. Verbrachte er das Fest in Roxfield, würde ihn seine Familie belagern, verbrachte er es in London, würde er sich vermutlich zu Tode langweilen, und nahm er eine der vielen Einladungen an, dann müsste er ständig auf der Hut sein, nicht in irgendwelche Fallen, die ambitionierte Mütter oder Möchtegern-Geliebte auslegten, zu tappen. Wie man es auch drehte und wendete, dieses Jahr war Weihnachten einfach nur eine Plage.

Schlussendlich war er dann in seinen Club gegangen, um sich bei einem Glas Cognac und einem netten Kartenspiel ein wenig abzulenken. Dort hatte er die üblichen Verdächtigen getroffen, mit ihnen zu Abend gegessen, sich zu einem Besuch im Drury Lane Theatre überreden lassen, dem sich der übliche Streifzug durch diverse Etablissements anschließen sollte. Roxton hatte das Stück bereits ein paar Mal gesehen, es war gut, aber nicht überragend. Und da ihm wirklich nicht der Sinn danach stand, hinterher noch Madame Chéries neuste Errungenschaften zu begutachten, hatte er das Theater bereits nach der Hälfte des Stückes wieder verlassen. Stattdessen war er, wie schon am Nachmittag einfach durch die Straßen geschlendert und letztlich im Hyde Park gelandet.

Die Serpentine, tagsüber beliebter Treffpunkt für Spaziergänger, lag nun, ungestört von Kinderlachen, dem Rollen von Kutschenrädern, dem Hufschlag der Pferde und dem steten Gemurmel sich grüßender Menschen, still vor ihm in der kalten Dunkelheit der Dezembernacht. Roxton setzte sich auf eine Bank und starrte gedankenverloren auf die Wasserfläche, als sich plötzlich jemand auf die benachbarte Bank fallen ließ und genau das aussprach, was er selbst auch schon die ganze Zeit dachte.

„Wer kam nur auf diese blöde Idee, dass es dieses Jahr so etwas wie Weihnachten geben muss?“

Aus einem Impuls heraus, antwortete er: „Das gleiche habe ich mich auch gerade gefragt…“

Roxton konnte hören, wie der Neuankömmling überrascht die Luft einsog.

„Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken“, sagte er, von der Einsamkeit des nächtlichen Parks weniger zynisch gestimmt als sonst. „Es war nur, dass Sie mir so unerwartet aus dem Herzen gesprochen haben. Darf ich fragen, weshalb Sie dieses Jahr so gerne auf das Weihnachtsfest verzichten würden?“

Einen Moment lang herrschte Stille, dann aber schien sich sein unbekannter Gesprächspartner doch zu einer Antwort aufzuraffen. „Meine ganzen Kunden verbringen die Feiertage auf dem Land…“

Roxton meinte einen prüfenden Blick auf sich zu spüren und für einen Moment konnte er nur über sich selbst den Kopf schütteln. Diese Ironie des Schicksals war einfach nur zu lächerlich. Da verabschiedete er sich extra früher von seinen Freunden, um nicht am Ende des Abends in einem Bordell zu landen und dann wurde er hier im Park von einem Freischaffenden angesprochen. Er lachte leise. „Danke, kein Interesse“, sagte er möglichst gelassen und neutral.

„Bitte?“, fragte der andere irritiert.

„Du hast mir doch gerade ein verstecktes Angebot gemacht, oder etwa nicht?“ Abschätzend durchmaß Roxtons Blick die Dunkelheit.

Nun hatte er die volle Aufmerksamkeit des jungen Mannes auf der Bank neben ihm. Und er meinte fast so etwas wie Entsetzen auf dem Antlitz erkennen zu können, jedenfalls drückte das dessen Körperhaltung aus, ehe er eine empörte Antwort erhielt. „Wollen Sie mir etwa unterstellen…? Was fällt Ihnen ein? Wenn ich Ihnen ein Angebot gemacht hätte, wäre dies gänzlich anderer Natur, als Sie scheinbar annehmen. Anmaßendes Pack!“ Die letzten beiden Worte waren nur leise gemurmelt, trotzdem konnte sie der Earl of Roxfield in der nächtlichen Stille gut hören. „Nur zu Ihrer Information: Ich bin keineswegs einer jener jungen Männer, die ihren Körper feilbieten. Von daher wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie Ihre schmutzigen Gedanken für sich behielten und mir zudem mit gebührender Höflichkeit begegneten“, kanzelte er Roxton ab.

Der Earl schluckte und hatte den Anstand betreten drein zu sehen, auch wenn sein Gesprächspartner das wohl kaum sehen konnte. „Verzeihung, es klang nur recht eindeutig, wenn man den Ort und die Uhrzeit mit in Betracht zieht“, sagte er.

„Mir war bislang nicht bekannt, dass die Serpentine ein bekannter Umschlagsplatz für derlei Dienstleistungen ist.“ Roxtons unbekannter Gesprächpartner brachte es fertig zugleich aggressiv und belustigt zu klingen. „Ein wenig zu still hier für derlei Geschäfte, oder?“

Roxton beschloss das ganze mit Humor zu nehmen. Zumindest so viel Humor, wie er an diesem Abend noch aufbringen konnte. „Hätte ja auch sein können, dass Sie zur gehobeneren Klasse gehören und eigentlich schon Feierabend haben, hier her kamen, um ein wenig abzuschalten, bei meinem Anblick aber an noch ein wenig leicht verdientes Geld dachten und sich doch entschieden, mir ein Angebot zu machen.“ Er schickte ein leises Lachen hinterher, damit deutlich wurde, dass es als Scherz gemeint war.

Was auch immer er darüber dachte, der Fremde beschloss nicht näher darauf einzugehen. Stattdessen fragte er: „Und wieso sind Sie der Ansicht, dass Weihnachten in diesem Jahr überflüssig ist?“

Roxton akzeptierte den Themenwechsel. „Meine Familie wünscht sich, dass ich als Familienoberhaupt endlich heirate. Und meine Tante, die ich sonst wirklich gern habe und auch schätze, hat sich jetzt in den Kopf gesetzt, dass Weihnachten als Fest der Liebe doch wie kein anderes für eine Verlobung geeignet wäre.“

Der junge Mann lachte. „Lassen Sie mich raten: Sie verspüren herzlich wenig Neigung dazu?“ Die Art, wie der andere das Wort Neigung betonte, versetzte Roxton einen Schreck. Waren seine Vorlieben so offensichtlich?

„Ich liebe meine Freiheit“, sagte er deswegen ein wenig steif. Er konnte förmlich das Schmunzeln des anderen, das er mit dieser Antwort hervorrief, durch die Dunkelheit spüren. Roxton seufzte ein wenig. „Mir ist bewusst, dass ich irgendwann heiraten muss, um die Erblinie zu garantieren, aber wieso gerade dieses Jahr und wieso gerade Weihnachten?“

„Weil es das Fest der Liebe ist?“, kam es spöttisch zurück. „Und für Ihre Familie ist dieses Jahr genauso gut wie das nächste Jahr, wobei man Sie wohl lieber früher als später verheiratet sähe.“

„Fest der Liebe, dass ich nicht lache!“, schnaubte Roxton. „Als ob es bei einer Ehe um Liebe ginge…“

„Nun, in Ihrem Fall sicher nicht. Bei Ihnen ginge es nur um einen Erben. Obgleich sich dieses Projekt interessant gestalten dürfte.“

Und wieder war da dieser wissende Unterton im letzten Satz, der Roxton aggressiv nachfragen ließ: „Wer unterstellt hier jetzt wem etwas?“

Ein leises Lachen wehte zu ihm hinüber. „Nur getretene Hunde bellen. Oder ich sollte eher sagen: Nur jemand mit gewissen Vorlieben würde überhaupt in Erwägung ziehen, dass ihm ein zweifelhaftes Angebot gemacht würde. Jeder andere Mann würde schlicht ein solches Angebot nicht erkennen oder aber erhobenen Hauptes ignorieren und die Existenz dieses Gewerbezweigs leugnen.“

Also war sein nächtlicher Gesprächspartner doch ein Professioneller! Wieso sonst kannte sich der Kerl so gut aus, was die Verhaltensweisen potenzieller Kunden betraf? Andererseits war dessen Empörung vorhin echt gewesen… Zu echt, um gespielt zu sein. Aber was hatte der junge Mann gerade gesagt? Nur jemand mit gewissen Vorlieben würde ein Angebot als solches erkennen? Das hieße dann aber auch, dass nur ebenso jemand eine Ablehnung als solche erkennen würde, oder? Wenn das nicht interessant war… Und plötzlich schlug Roxtons Aggressivität in etwas anderes um. Abrupt wechselte er die Bank, zog den fremden jungen Mann an sich und presste seine Lippen auf dessen Mund.

Einen Moment lang befürchtete er, sich für diese Aktion zumindest eine saftige Ohrfeige einzufangen, wenn nicht gar schlimmeres, doch dann spürte er, wie der andere nach einem Augenblick der Überraschung den Kuss geradezu fieberhaft zu erwidern begann.

Denn im Grunde war es ganz einfach. Egal, wer der andere war, egal, was er von Beruf war, die Nacht hatte sie beide gleich gemacht, hatte ihnen die Gelegenheit gegeben, sich einander anzuvertrauen, sich einander zu verraten. Und der Kuss gab ihnen nun die Möglichkeit all die Spannung, die sich in ihnen aufgebaut hatte, zu teilen, sie auf andere Weise auszuleben, sie abzubauen.



5. Kapitel

Zwei Tage später musste André noch immer an die merkwürdige Begegnung im Park denken. Und an den Kuss. Vor allem an den Kuss. Es war als hätte von dem Moment an, da er auf seine Frage bezüglich Weihnachten eine Antwort aus der Dunkelheit erhalten hatte, diese Begegnung darauf abgezielt. Entsprechend hatte er auch keinen Rückzieher gemacht, als er plötzlich fremde Lippen auf seinen gespürt hatte. Beide hatten sie bei diesem Kuss keinen Deut nachgegeben und nur langsam war diese Kollision einer nicht weniger intensiven Liebkosung gewichen, die sie am Ende beide reichlich nach Atem hatte ringen lassen.

Doch André hatte es besser gewusst, als danach groß etwas zu sagen. Oder gar zu bleiben. Der Zauber der Dezembernacht hatte viel möglich gemacht, aber dieser Zauber war fragil. Und da war es besser, dass sie nichts weiter voneinander wussten. Also war er wortlos gegangen, einfach in der Nacht verschwunden, noch ehe die Nähe zueinander ihnen erlaubt hätte, die Gesichtszüge des anderen genauer zu erkennen.

Apropos Gesichtszüge, es wurde langsam Zeit, dass er seine Maske wieder aufsetzte, denn die Hackney-Kutsche, in welcher er saß, war soeben in ihre Zielstraße eingebogen. Ein weiterer Tag im Leben des maskierten Kochs. Und noch dazu einer, der verdammt früh angefangen hatte, weil der heutige Auftrag das Einkaufen mit eingeschlossen hatte. Aber wer war André, dass er sich beschwerte? Es war ein Auftrag und ein sehr gut bezahlter obendrein. Außerdem hatte er auf diese Weise die Flusskrebsterrine schon bei sich zu Hause vorbereiten können, ein Unterfangen, das andernfalls zeitlich knapp geworden wäre.

Die Kutsche hielt vor einem pompösen Stadthaus in Mayfair. André stieg aus, bat den Kutscher noch zu warten, damit einer der Lakaien die Einkäufe ausladen konnte – schließlich war André Koch und kein Laufbursche – und stieg dann die Treppen zum Haupteingang hinauf. Auch so eine Sache: Er war kein beliebiger Angestellter, und auch wenn er es am Ende des Abends vorzog das jeweilige Haus durch den Dienstboteneingang zu verlassen, bei seiner Ankunft benutzte er stets den Haupteingang, ließ sich dem Verwalter, Sekretär oder Butler melden, je nachdem, wer in dem jeweiligen Haushalt der ranghöchste Bedienstete war, und begab sich dann erst in die Küche. Ganz abgesehen davon, dass seine verwöhnten Auftraggeber wohl auch eine gewisse Arroganz von ihm erwarteten, wenn sie ihm schon ein so üppiges Honorar zahlten.

An diesem Tag war es ein freundlicher Verwalter, der ihn in Empfang nahm, ihn dann mit dem Butler bekannt machte, der wiederum zwei der jüngeren Lakaien anwies, die Einkäufe in die Küche zu bringen.

André war über diesen Empfang erleichtert. Es schien als wären alle Bediensteten schon höchst gespannt darauf, was der maskierte Koch an diesem Tag in ihrer Küche zaubern wollte, und sogar MacGregor, der schottische Hauskoch schien keineswegs erbost darüber zu sein, an einem Abend die Oberhoheit über die Töpfe einem anderen überlassen zu müssen. Er vertraute André sogar an, dass er hoffte, sich vielleicht den ein oder anderen Kniff abgucken zu können. Ein solches Willkommen, noch dazu vom Küchenchef, war nicht alltäglich, und André wusste es entsprechend zu schätzen.

„Habt ihr alles?“, fragte er die beiden Burschen freundlich, die ihm mit den Körben entgegen kamen, als er zur Kutsche trat, um den Fahrer zu entlohnen. Er wollte nicht, dass etwas aus Versehen zurück blieb und er hinterher Schwierigkeiten mit seinem Menü bekam.

„Bis auf die eine Schüssel“, sagte der ältere ehrerbietig und wies auf die längliche Form, in welcher die vorbereitete Flusskrebsterrine auf ihre Vollendung wartete.

„Gut, dann nehme ich diese“, erwiderte André, reichte dem Kutscher einige Münzen und trat dann von mit der Terrine von dem Fahrzeug zurück. Die Pferde zogen an und die Kutsche rollte davon.

Er drehte sich zum Haus um und fand sich im nächsten Moment unsanft auf dem Boden wieder, die Schüssel in Scherben neben ihm. Und über ihm die etwas derangierte, aber nichts desto trotz aristokratische Gestalt des Hausherren. Zumindest schloss André aus dem Verhalten der erschrockenen Dienstboten, dass es sich um den Hausherren und somit seinen heutigen Auftraggeber, den Earl of Roxfield handelte, der in ungebührlicher Hast das Haus verlassen und dabei mit ihm zusammen gestoßen war.

„Argh! Verdammt!“, kam es ein wenig schmerzverzerrt und so gar nicht würdevoll von dem feinen Herrn, genau in dem Moment, in dem André aus dem Affekt heraus grollte: „Wenn Sie keine Flusskrebsterrine haben wollten, hätten Sie es mir auch einfach sagen können.“

Dann herrschte abruptes Schweigen. So abrupt, dass André beinahe glaubte, der andere müsse sein Herz schlagen hören, welches ihm bis zum Halse klopfte. War doch sein Auftraggeber niemand anderer als der nächtliche Fremde aus dem Park. Und allem Anschein nach hatte dieser gleichsam Andrés Stimme erkannt, zumindest ließ der ungläubige Blick, der ihn traf, das vermuten.

Erst der herbeigeeilte Butler brach den Bann, indem er seinem Herrn aufhalf und die gaffenden Bediensteten wieder an die Arbeit trieb. Ein Küchenjunge machte sich daran, die Scherben und Überreste der Terrine aufzulesen, während die Hauswirtschafterin sich um André kümmerte. Wie betäubt starrte dieser dem Earl nach, der die Stufen zum Haus wieder empor stieg und hinter der schweren Eingangstür verschwand.

Enttarnt! Das war sein einziger Gedanke. Alles in ihm schrie förmlich danach, seine Sachen wieder zusammen zu packen und schleunigst zu verschwinden. Doch das ging nicht. André war Profi. Er war Koch. Und wenn er in Zukunft weiter als solcher arbeiten wollte, dann musste er diesen Auftrag durchziehen. Was bedeutete, dass er ein Abendessen vorzubereiten hatte. Schlimmer noch, durch den Unfall musste er das Menü umstellen. In dem Bestreben, sich nichts anmerken zu lassen – und vermutlich der irrigen Hoffnung, dass entgegen jeden besseren Wissens der Earl of Roxfield ihn vielleicht nicht bloßstellen würde – schüttelte er die augenblickliche Benommenheit ab und folgte der Wirtschafterin ins Untergeschoss des Hauses.

Eine halbe Stunde und einige Ausflüge zwecks Bestandsaufnahme in die Speisekammer später, hatte André eine in seinen Augen annehmbare Alternativzusammenstellung für das Abendessen gefunden. Natürlich war sie längst nicht so perfekt, wie das zuvor ausgearbeitete Menü, auch musste auf die vom Hausherrn gewünschte Crème Brûlée verzichtet werden, da die vorrätige Sahne anderweitig Verwendung fand. Dafür hatte André aber eine Mousse au Chocolat als Dessert auf den neuen Menüvorschlag gesetzt, da Eier in ausreichender Menge vorhanden waren. Das einzige, was jetzt noch fehlte, war die Zustimmung des Hausherrn. Zwar würde André dem Earl kaum eine andere Wahl lassen als den Vorschlag abzusegnen, aber es war besser, ihm die geplanten Änderungen mitzuteilen.

Seufzend stand André vom Küchentisch auf, an welchem er über dem neuen Menüplan gesessen hatte. Nur zu gerne hätte er auf eine erneute Begegnung mit dem Earl of Roxfield verzichtet, aber allein schon der Anstand gebot es, dass er selbst den geänderten Menüvorschlag seinem Auftraggeber unterbreitete.

Mit klopfendem Herzen ließ er sich dem Hausherrn melden.



6. Kapitel

Selwyn saß in einem bequemen Lehnstuhl und gönnte sich ein Glas Cognac. Es war ein hervorragender Brandy, vermutlich zollfrei importiert, wie derartige Schmuggelware so schön in den vornehmen Kreisen bezeichnet wurde, aber das kümmerte ihn relativ wenig. Jeder machte es und niemand hatte direkt damit zu tun, es gab genug Mittelsmänner und ähnliches, dass der Ton sich die Hände in Unschuld waschen konnte. Abgesehen davon, dass Roxton selbst sich ja nicht mit den Händlern in Verbindung setzte, sondern sein Verwalter derartige Einkäufe erledigte.

Für gewöhnlich trank er so früh am Tag noch keinen Alkohol, schon gar nicht so etwas Starkes wie französischen Weinbrand, aber der unglückliche Zusammenprall vor seinem Haus steckte ihm noch in den Knochen. Und noch immer schien in seinem Kopf nicht alles zusammen zu passen. Die Stimme war eindeutig dieselbe gewesen, wie neulich Nacht im Park. Aber der Mann, den er im Park geküsst hatte, war jünger gewesen als er selbst, jung genug, dass er ihn im ersten Moment für einen Professionellen gehalten hatte. Der maskierte Koch aber hatte in den Diensten der hingerichteten französischen Königin Marie Antoinette gestanden. Zumindest erzählte man sich das in der Londoner Gesellschaft. Und die Hinrichtung war jetzt vierzehn Jahre her. Das heißt, selbst als Hilfskoch hätte dieser zum Zeitpunkt der Hinrichtung knapp zwanzig Jahre alt sein müssen, was für das Hier und Heute ein Alter von fast 35 Jahren bedeutete. Und nach einer Vater-Sohn-Sache sah es auch nicht aus, schließlich hatte der junge Mann im Park von seinen Kunden gesprochen und nicht den Kunden seines Vaters oder von ihren Kunden. Denn das damit die Auftraggeber für die einzelnen Abendessen gemeint waren, war Roxton mittlerweile klar. Aber dennoch…

Er schrak aus seinen Gedanken hoch, als der Butler ihm meldete, dass der Koch den neuen Menüplan vorlegen wollte. Zuerst wunderte er sich, dass es eine neue Menüzusammenstellung geben sollte, doch dann fiel ihm ein, dass wegen der zerschellten Terrine das ursprüngliche Menü wohl nicht mehr realisierbar war. Und er erkannte augenblicklich die Gelegenheit, in Ruhe mit dem geheimnisvollen jungen Mann zu reden, der ihn in der vergangenen halben Stunde so beschäftigt hatte.

„Und zum Abschluss eine Mousse au Chocolat, gefolgt von ein wenig Käse und Weintrauben“, beendete der Koch ein wenig nervös die Menüvorstellung und reichte dem Earl das Papier.

Es dauerte ein paar Sekunden, ehe Roxton in die Realität zurückfand und das Blatt entgegennahm. Zu sehr hatte ihn die Idee fasziniert, diesen Mund, der auf so praktische Weise von der Maske ausgespart wurde, zu küssen. Jede Lippenbewegung eine Versuchung, so dass er kaum mitbekam, was der andere ihm sagte. Zumal ihm das Essen mittlerweile auch relativ egal war und einzig sein Ehrgefühl gegenüber seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen hielt ihn davon ab, in letzter Minute die heutige Abendgesellschaft abzusagen. Viel mehr wollte er endlich Gewissheit haben, ob sein Eindruck im Park neulich ihn getrogen hatte, oder ob einfach ein paar der Gerüchte über den maskierten Koch nicht der Wahrheit entsprachen.

Mit langsamen, fast bedächtigen Bewegungen, stand Selwyn auf und trat auf den Mann vor ihm zu, der seinen forschenden Blick unruhig erwiderte. Fast schon zögerlich hob er die Hand, fuhr an der Unterkante der Maske entlang in das dichte, dunkelblonde Haar und zog dann das Gesicht näher zu sich ran. Und als kein Widerwille, kein Ausweichen, höchstens Überraschung in den Augen des anderen zu sehen waren, gab Roxton der Versuchung nach und küsste seinen Koch. Nicht so verzweifelt wie im Park sondern mit weit mehr Ruhe, mit Neugier, mit Gründlichkeit, die in ihrer Sanftheit beinahe erschreckend war, erschreckend, weil sie so tief ging.

Wie von selbst lösten seine Finger den Knoten, der die Bänder von Andrés Maske zusammenhielt, und als sie schließlich den Kuss beendeten, glitt die schwarz-goldene Illusion zu Boden. Unglaube und Erleichterung vermischten sich in Roxton, als er sah, dass er sich bezüglich des Alters vor wenigen Tagen nicht getäuscht hatte. Tatsächlich war der junge Mann sogar noch jünger als er zuerst geschätzt hatte – bestimmt noch keine zwanzig Jahre alt. Demnach war das Gerücht über die Dienste am französischen Königshof falsch, allerdings sahen diese wunderbar warmen, braunen Augen überhaupt zu jung aus, um eine Küche zu führen.

Und doch war es genau das, was der andere jetzt zum Ausdruck brachte, als er die Maske wieder aufhob. „Man wartet unten auf mich.“ Ein leises Lachen erschien in den braunen Augen. „Ja, ich bin tatsächlich Ihr Koch heute Abend, Mylord.“

„Aber...“, setzte Selwyn an.

André, der ahnte, worauf der Earl anspielen wollte, erwiderte: „Die Maske trage ich nicht ohne Grund. Und ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mit niemandem über mein Alter redeten. Aber nun, wenn das Abendessen pünktlich fertig werden soll, muss ich wirklich wieder in die Küche.“ Und er ging auf die Tür zu, band sich aber zuvor erneut die Maske um, schließlich waren seine Auftraggeber nicht die einzigen, vor denen er seine Jugend geheim hielt.

Roxton erkannte eine gewisse Logik in dieser Aussage und seufzte innerlich. Er wollte den jungen Mann jetzt nicht gehen lassen. Noch nicht, nicht so, nicht ohne die Chance mit ihm zu reden, ihn zu fragen, Dinge zu klären, ihn abermals zu küssen... „Nenn mir wenigstens deinen Namen“, sagte er leise, als er das schwache Klicken des Türgriffs, wie er heruntergedrückt wurde, hörte.

Einen Moment lang herrschte Schweigen, dann kam es von der Tür mit weichem, französischem Akzent, der zuvor kaum hervorgetreten war: „André Bernis.“ Ein letztes Lächeln, und Selwyn war wieder alleine in der Bibliothek.

Frustriert fuhr er sich durch die Haare. Wie konnte der andere, nein, wie konnte André – ein schöner Name, den er immer und immer wieder in seinen Gedanken sagte – so einfach zur Tagesordnung übergehen? Kein Wort über den Kuss. Weder den bei ihrer ersten Begegnung, noch jetzt gerade eben. André wäre sogar gegangen, ohne ihm seinen Namen zu verraten. Und doch konnte Selwyn nicht glauben, dass dem jungen Koch etwas Derartiges jeden Tag widerfuhr. So eingebildet es vielleicht klang, aber das hätte er an der Art erkannt, wie André den Kuss erwidert hatte. Beide Küsse.

Während er sich zum zweiten Mal an diesem Tag ein Glas Cognac einschenkte, beschloss er, dass, was auch immer seine Freunde unter den Gästen am heutigen Abend für nach dem Essen geplant hatten, er sich ihnen nicht anschließen würde. Denn er wollte verdammt sein, wenn er nicht wenigstens versuchte, nach dem Abendessen, wenn André kam, um sein Honorar in Empfang zu nehmen, mit diesem zu sprechen. Und zwar mehr als nur fünf Worte, sondern eher etwas, das zwei gemütliche Sessel vor dem Kamin und ein gutes Glas Rotwein mit einschloss.



7. Kapitel

Falls Roxton dachte, dass der Kuss André nichts bedeutet hätte, oder ihn nicht beschäftigte, so irrte er sich. Vielmehr war es so, dass der junge Koch sich hinter seiner abgeklärten Fassade versteckte und der rasche Rückzug in die Küche war im Grunde nichts anderes als eine Flucht, weil André nicht anders mit der Situation umzugehen wusste. Denn hätte er sich erlaubt, darüber nachzudenken, wären einfach zu viele Gedanken auf einmal auf ihn eingestürmt. Die Frage, was das bedeutete, für ihn, für Roxton, für die Zukunft, was er wollte, dass es bedeutete... Die Liste würde sich wie eine Spirale in seinem Kopf immer weiter winden und fortführen. Dicht gefolgt von jener lästigen inneren Stimme, die ihm erzählte, was alles dagegen sprach, sich auch nur ansatzweise Hoffnungen zu machen.

Und so tat André genau das, was er seinem Auftraggeber gesagt hatte: Er kochte ein Abendessen. Und während er mit Töpfen, Gewürzen und ähnlichem hantierte, konnte er spüren, wie die alltäglichen Handgriffe ihm allmählich auch innerlich die Ruhe zurückgaben, die er äußerlich ausstrahlte.

Er wusste nicht genau, wieso, oder besser gesagt, hatte er sich ja verboten, darüber näher nachzudenken, feststand nur, dass dieses Abendessen mit zu den besten gehörte, die er in seiner Zeit als maskierter Koch zubereitet hatte. Vielleicht lag es auch daran, dass die Angestellten, wohl wegen des Unfalls, alle darauf bedacht waren, ihr Bestes zu geben. Auf jeden Fall stellte sich im Laufe des Abends sogar so etwas wie Zufriedenheit bei André ein.

Doch als es an der Zeit war, sein Honorar abzuholen – er war sich sicher, dass der Hausherr es sich nicht nehmen lassen würde, ihm dies selbst zu überreichen, zu deutlich war dessen ganzes Gebaren früher am Tag gewesen – war mit einem Schlag alle Nervosität wieder da und er war einmal mehr froh über die Maske, die so viel von seinem Mienenspiel verbarg.

„Feierabend?“, grüßte ihn die mittlerweile vertraute und doch so unbekannte Stimme warm, als er die Bibliothek betrat.

André zögerte einen Moment, straffte sich und sagte dann: „Noch nicht ganz.“ Den Kopf in Richtung des Kuverts geneigt, welches auf dem Tisch lag, machte er deutlich, was er mit seiner Aussage meinte.

„Aber in dem Moment, da ich es dir gebe“, erwiderte Roxton, der dem Blick Andrés gefolgt war, „gibt es für dich keinen Grund mehr hier zu bleiben.“ Er hatte ruhig gesprochen, es klang keine Erpressung aus den Worten heraus, allenfalls eine leise Traurigkeit.

„Für gewöhnlich schon“, stimmte André zu. „Wieso?“ Er war gleichermaßen neugierig wie misstrauisch. Es störte ihn wenig, dass Roxton ihn duzte, es schien beinahe natürlicher, insbesondere, da er ihn, André, und nicht ihn, den maskierten Koch, den er für ein Abendessen engagiert hatte, anzusprechen schien.

„Ich hatte gehofft, mich vielleicht noch mit dir unterhalten zu können“, kam die ehrliche Antwort, und in einem Versuch zu Scherzen, fügte Selwyn hinzu: „Wenn es dir lieber ist, können wir natürlich auch wieder in den Hyde Park gehen.“

Für einen Moment war André sprachlos. Dann, als wäre er zu einer Entscheidung gelangt, begann er leise zu lachen. „Also, wenn ich die Wahl habe, dann würde ich ein warmes Kaminfeuer der Dezemberkälte vorziehen.“

Roxton stimmte in das Lachen ein. „Dann die Sessel vor dem Kamin“, sagte er, nun deutlich entspannter. „Allerdings gilt diese Einladung André Bernis und nicht dem maskierten Koch.“

André freute sich, schüttelte aber leicht den Kopf. „Ich fürchte, dann haben wir eine Pattsituation. Denn André Bernis kommt erst zum Vorschein, wenn der Koch Feierabend hat.“ Es war nicht so, dass er Roxton unterstellte, dass dieser ihn um seinen Lohn bringen wollte, es war mehr, dass André befürchtete, am Ende des Abends das Geld zu vergessen, und das konnte er sich nicht leisten. Nicht, mit seinem Traum in solch greifbarer Nähe, auch wenn Weihnachten ihm partout einen Strich durch die Rechnung machen wollte.

„In diesem Fall...“ Selwyn griff nach dem Kuvert, um es André zu reichen. „Aber ich hoffe doch, dass du dennoch bleibst?“

André konnte gar nicht anders, als zu nicken. Denn allein in Roxtons Gegenwart zu sein, brachte all die schönen, kribbelnden Gefühle, die von den Küssen, die sie geteilt hatten, ausgelöst worden waren, und die er bislang krampfhaft unterdrückt hatte, zurück.

Wenig später saßen sie gemütlich vor dem Kamin, in dem ein warmes Feuer prasselte. Selwyn hatte ihnen jeweils ein Glas Wein eingeschenkt – sein Gast hatte es abgelehnt, etwas Stärkeres zu trinken, und André hatte die Maske gelöst und auf den Schreibtisch zu dem Kuvert gelegt.

Die ersten paar Schlucke schwiegen beide. Auf absurde Weise beruhigte es Roxton, dass André augenscheinlich gleichermaßen nervös war und doch seine Gegenwart zu genießen schien, bedeutete es doch nichts anderes, als dass auch ihn die Küsse nicht unberührt gelassen hatten. Und doch war es André, der das Schweigen brach.

„Hast du vor, jemandem zu erzählen, wer sich hinter der Maske verbirgt?“ Auch ihm schien jetzt und hier das ‚Du’ natürlicher als die förmliche Anrede.

Selwyns Herz sank ein wenig bei diesen Worten. War es nur die Besorgnis um das Geheimnis, weshalb André eingewilligt hatte, noch zu bleiben? Er hoffte nicht. „Nein, schließlich hattest du mich darum gebeten“, sagte er schlicht. „Auch wenn ich zugeben muss, dass du definitiv zu jung für einen Küchenchef wirkst. Allerdings hat das Abendessen heute diesbezüglich etwas ganz anderes erzählt.“

André nickte. „Genau deswegen trage ich die Maske. Keiner glaubt einem Achtzehnjährigen, dass er in der Lage ist, eine Küche zu führen und ein hervorragendes Essen zuzubereiten. Noch nicht einmal, wenn es nur um letzteres ginge. Vielleicht eine Komponente, eine Suppe oder eine Sauce, aber einen vollwertigen Hauptgang? Von einem Menü ganz zu schweigen. Aber ich kann es. Es wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Ich kann mich nicht daran erinnern, einmal nicht in der Küche gewesen zu sein.“

Erfreut, ein Thema gefunden zu haben, bei dem sich sein Gegenüber wohl fühlte, ermunterte Roxton André, mehr über seinen Werdegang als Koch zu erzählen, etwas, worauf dieser bereitwillig einging.

„Schon mein Vater war Koch. Er war Küchenchef bei einem französischen Adligen. Und kaum dass ich laufen konnte, war ich eigentlich immer bei ihm in der Küche“, erzählte André.

Und bald erfuhr Selwyn alles über die Flucht aus Frankreich, den Verlust des Vaters, den Traum, den der Sohn weiterzuleben gedachte, die erste Anstellung in London, die Entlassung aus selbiger und die Idee mit dem maskierten Koch.

„Aber du kannst mir nicht erzählen, dass du je für Marie Antoinette gekocht hättest“, sagte er schließlich schmunzelnd.

André lächelte ein wenig verschmitzt. „Das habe ich auch nie so behauptet. Die Formulierung lautet: Es heißt, er habe... Und das wiederum bedeutet, dass es bestenfalls ein Gerücht ist, und in diesem Fall einfach ein Gerücht, dass nicht wahr ist. Aber bei der verwöhnten Londoner Gesellschaft muss man schon mit so etwas aufwarten, wenn man überhaupt das Interesse erwecken will.“

Jetzt lachte Selwyn. „Ein wirklich geschickter Schachzug. Aber du hast Recht, der Ton ist mit der richtigen Werbung schnell begeistert, allerdings meist auch genauso schnell gelangweilt.“

„Deswegen kommt mir Weihnachten auch so ungelegen. Das Fest hätte in diesem Jahr wirklich ausfallen können. Denn ich weiß selbst, dass mein Wert als Modeerscheinung nach spätestens einem halben Jahr erlischt. Und wenn ich es in dieser Zeit nicht schaffe, genug Kapital für ein eigenes Restaurant zu verdienen, kann ich diesen Traum für lange Zeit, wenn nicht für immer, auf Eis legen“, sagte André grummelnd.

„Ist denn die Auftragslage so schlimm?“, fragte Roxton und eine Idee begann in seinem Kopf Gestalt anzunehmen.

André nickte. „Fast alle Herrschaften, für die ich in der vergangenen Woche gekocht habe, gaben mir zu verstehen, dass sie für dieses Jahr keinen weiteren Auftrag an mich vergeben würden, weil sie aufs Land führen. Und diejenigen, bei denen nicht von einem Weihnachtsaufenthalt auf dem Land die Rede war, waren doch nur einmalige Auftraggeber.“

„Und was, wenn ich dich für die übrigen Abende buchte? Weihnachten mit inbegriffen? Wir könnten Zeit miteinander verbringen, und du müsstest auch nicht jeden Abend für mich kochen, schließlich habe ich selbst einen festangestellten Küchenchef.“ Im selben Augenblick, da die letzten Worte ausgesprochen waren, spürte Roxton, dass er zu weit vorgeprescht war. Hatte André zu Beginn des Vorschlags noch zustimmend gewirkt, hatte er sich mit jeder weiteren Silbe versteift.

„Ich habe dir schon neulich im Park gesagt, dass ich nicht mich sondern allenfalls meine Dienste verkaufe. Und meine Dienste sind die eines Kochs“, sagte er entschieden.

„So habe ich das auch nicht gemeint...“, versuchte Roxton dem Unmut des jungen Mannes entgegenzusteuern.

„Und Almosen will ich schon gar nicht“, zischte André und stand erbost auf, um zu gehen.

Sein verletzter Blick schnitt Selwyn direkt ins Herz. Und einzig die Tatsache, dass André ihn nicht, noch nicht, wieder mit seinem förmlichen Titel anredete, gab ihm Hoffnung. Weshalb er instinktiv nach der Hand des anderen griff, um diesen am Gehen zu hindern. „Nein, bitte missversteh das Angebot nicht. Es ist so“, setzte er an, seufzte kurz und fuhr dann vorsichtig fort, „dass ich mich in deiner Gegenwart wohl fühle, mehr noch, du ziehst mich an, wie du vielleicht schon bemerkt haben dürftest. Deshalb würde ich gerne mehr Zeit mit dir verbringen. Nur würde jede Zeit, die du mit mir verbringst, Zeit bedeuten, in der du nicht für deinen Traum arbeiten kannst.“

„Das könnte ich mit der momentanen Auftragsflaute eh nicht“, unterbrach André ihn. „Also habe ich, wenn auch unfreiwillig, so etwas wie Freizeit. Und diese kann ich verbringen, mit wem ich will. Wenn du also Zeit mit mir verbringen möchtest, in der ich nicht für dich als maskierter Koch arbeiten soll, dann frag einfach.“ Er sah Selwyn fest an. „Ich will dein Geld nicht. Nicht so. Denn meine Freundschaft kann man nicht erkaufen.“

„Und was, wenn ich von dir mehr will als deine Freundschaft?“ Ein vielsagender Blick begleitete Roxtons Worte.

„Das ist erst recht nicht käuflich, das solltest du eigentlich wissen“, erwiderte André, aber die Schärfe, mit der er sonst derartige Reden zurückwies, fehlte dieses Mal in seiner Stimme.

Selwyn nickte und lächelte. „Ja, das hast du mir schon bei unserer ersten Begegnung deutlich zu verstehen gegeben.“ Er zögerte kurz, beschloss dann aber, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. „Würdest du denn Zeit mit mir verbringen wollen? Einfach nur so?“

„Immerhin bin ich noch hier, oder?“, gab André vage zurück. Er war sich noch nicht ganz sicher, was er von der Situation und von Roxton halten sollte, war aber bereit, es auf einen Versuch ankommen zu lassen.



8. Kapitel

Es dauerte eine Weile, bis sie beide wieder zu einem lockeren Gesprächston fanden, aber bald unterhielten sie sich ganz entspannt über alles Mögliche. Über Essen, über Pferde, über ihre Familien, und im Zuge dessen wurden die Gespräche allmählich auch vertraulicher. Deutlich vertraulicher.

„Irgendwie hatte ich immer gedacht, dass ich einfach noch nicht dem richtigen Mädchen begegnet wäre, und ich deswegen nicht interessiert wäre und auch nicht in Stimmung käme. Aber egal, ob ich mich bei den Bällen in London umsah oder auf dem Land und obgleich ich einer Menge hübscher Frauen begegnet bin, hat mich nie irgendwas zu ihnen hingezogen“, erzählte Selwyn irgendwann zu fortgeschrittener Stunde. „Bis ich eines Tages nach einer Runde im Club mit ein paar Bekannten in einem Freudenhaus landete und mir die Herrin, nachdem ich zuletzt noch übrig war und immer noch keine Anstalten machte, mir unter den freien Mädchen eines auszusuchen, von den ‚Spezialangeboten’ des Etablissements erzählte.“ Er lachte leise. „Ich war zu schockiert und verlegen, um der Dame klar zu machen, dass ich so etwas überhaupt nicht im Sinn hatte, und ehe ich mich versah, fand ich mich in einem Raum, wo mich ein junger Mann erwartete. Du kannst dir vielleicht vorstellen, dass ich nach anfänglichem Zögern relativ schnell Gefallen an diesem Spezialangebot fand…“

André stimmte in das Lachen ein. „Sonderbarerweise habe ich mir nie solche Gedanken gemacht. Irgendwie wusste ich immer, dass es mich mehr zum eigenen Geschlecht hinzieht. Sicher, Mädchen waren ganz nett, man konnte sich mit einigen wirklich gut unterhalten, aber sie haben bei mir nie irgendwelche besonderen Regungen hervorgerufen. Junge Männer hingegen schon. Vor allem Joe.“ Ein halb trauriger, halb verträumter Ausdruck schlich sich auf Andrés Gesicht.

„Joe?“, fragte Selwyn neugierig.

„Joe war Stallknecht bei Lord Deverough. Ist es vermutlich heute noch.“

„Ah, daher also dein Wissen über Pferde“, unterbrach ihn Roxton amüsiert. Er hatte sich schon gefragt, woher ein Koch ein so fundiertes Wissen über Pferde hatte.

André lächelte und nickte. „Ja, und er weiß seit der Zeit auch einen Pudding von einer Mousse zu unterscheiden. Denn angefangen hat alles damit, dass wir einfach die Gegenwart des anderen gesucht haben. Und da bleibt es nicht aus, dass man sich auch unterhält. Bis dann aus den Gesprächen mehr wurde.“

Roxton konnte es sich vorstellen. Verstohlene Blicke, heimliche Küsse im Stall oder in der Speisekammer, vielleicht sogar mehr...? „Und was hat Joe von deinen Plänen gehalten, nach London zu gehen, um Koch zu werden?“, fragte er neugierig.

Augenblicklich verdüsterte sich Andrés Gesicht wieder und Selwyn befürchtete fast, mit seiner Frage zu weit gegangen zu sein – wäre schließlich nicht das erste Mal an diesem Abend gewesen – doch da setzte André zu einer Antwort an.

„Ich hatte gar keine Gelegenheit, ihm davon groß zu erzählen. Dass ich nach London gekommen bin...“ Er unterbrach sich. „Sicher, eines Tages wollte ich schon versuchen, den Traum meines Vaters zu verwirklichen, und mir war klar, dass ich das nur in London könnte. Aber ich hatte eigentlich vorgehabt solange auf den Deverough’schen Besitztümern zu bleiben, bis der Lord mir ein Zeugnis ausstellen konnte, indem er meine Fähigkeiten als Koch bescheinigt. Und nicht bloß die eines Küchenjungen.“ André seufzte und fuhr sich durch die Haare.

„Ich konnte ihm nur ein paar hastige Zeilen hinterlassen, als ich das Schloss fluchtartig, mitten in der Nacht verlassen habe. Natürlich war es so am besten, aber...“ Seine Augen nahmen einen harten Glanz an, als er Roxton in knappen Worten erzählte, was damals vorgefallen war und ihn zu der eiligen Abreise geführt hatte.

„Lord Deverough war und ist ein sehr verständnisvoller, gütiger Mensch. Wie auch sonst hätte es sich fügen können, dass meine Mutter so schnell nach unserer Ankunft in England – mit wenig mehr als wir auf dem Leib trugen – eine Anstellung fand. Lord Deverough sieht in allen Menschen nur das Gute, und das Erstaunliche ist, dass er mit dieser Art die Menschen um ihn herum tatsächlich dazu bringt, so gut zu sein, wie er sie sieht. Zumindest ihm gegenüber.

Sein Neffe Adolphus, der ihn eines Tages beerben wird, war dagegen aus ganz anderem Holz geschnitzt. Seinem Onkel gegenüber selbstverständlich freundlich und zuvorkommend und er verstand es geschickt, die Gier in seinen Augen zu verbergen, die deutlich zum Vorschein trat, wenn sein Onkel nicht im Raum war. Dann maß er jedes Objekt mit einem Blick als könne er so einen Preis festlegen. Und Menschen maß er mit genau dem gleichen Blick. Doch die Art, wie er mich ansah, besagte noch etwas ganz anderes. Nämlich, dass er mich besitzen wollte, um jeden Preis.

Er muss mich mit Joe gesehen haben, ich weiß nicht wo, ich weiß nicht wann, letztendlich war es wohl egal, ob er uns überhaupt zusammen gesehen hat oder nicht, aber er kam wohl zu dem Schluss, dass ich leichte Beute für ihn sei. Schließlich war er von Adel, der Erbe des Hauses, quasi so etwas wie mein zukünftiger Arbeitgeber und was weiß ich, was er sich in seinem Hirn noch alles zusammengesponnen hat. Und eines Tages, als ich gerade vom Stall in Richtung Küche ging, hat er mich urplötzlich gepackt und in die Kräuterkammer, die auf halbem Weg lag, gezerrt. Erst war ich zu geschockt, um mich zu wehren, aber dann, als er sich an meinen Kleidern zu schaffen machte, habe ich nach Kräften um mich geschlagen und getreten. Leider war Adolphus, trotz seines verweichlichten, oberflächlichen Auftretens stärker als ich, wie ich feststellen musste.“ André hielt kurz inne.

„Verdammt, er wollte mich vergewaltigen! Und nur die Tatsache, dass in diesem Moment der alte Kammerdiener von Lord Deverough zum Stall lief und rufend nach Adolphus suchte, hat mich damals gerettet. Er ließ augenblicklich von mir ab, strich sich seine Kleider glatt, warf mir noch einen letzten Blick zu, der so viel bedeutete, wie dass er noch nicht mit mir fertig sein, und verließ dann die Kammer.

Meine Mutter hat sofort gehandelt, als sie erfuhr was passiert war. Sie hatte schon länger bemerkt, wie der junge Herr mich ansah und es hatte ihr gar nicht gefallen. Aber solange nichts weiter geschah, hatte sie das Verhältnis der Lords zu seinem Neffen nicht belasten wollen. Jetzt aber bat sie ihn umgehend um ein Zeugnis für mich und ausreichend Geld, dass ich nach London konnte. Ich weiß nicht, ob sie Lord Deverough erzählt hat, was vorgefallen war, aber das ist auch egal. Noch in dieser Nacht verließ ich das Schloss und mit der ersten Kutsche am Morgen reiste ich nach London.

Zum Glück half mir der Name meines Vaters und das Zeugnis von Lord Deverough bei einem der französischen Restaurants eine Arbeit zu finden. Und den Rest kennst du.

Vielleicht hätte ich Joe noch mal schreiben können, nachdem ich in London einigermaßen zur Ruhe gekommen war, aber... ich wollte auf gar keinen Fall, dass Adolphus mich vielleicht fand.“