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Florian

Original/ reale Welt [PG-16]

keine Warnungen

Inhalt: erste unerwartete Liebe und ein Konflikt mit den Eltern 




Florian


Verwirrung

Das hatte man davon, wenn man ehrlich zu seinen Eltern war. Also wirklich!

Da hatte er einmal ein wirklich wichtiges Problem und versuchte nicht es zu verheimlichen, und dann das! Grrr, die Welt war so was von ungerecht, und immer zu ihm!

Okay, er war gestern trotz Verbot in der Disco gewesen. Und dass sein Vater da nicht gerade erbaut drüber war, war ja vorherzusehen. Aber dass der ihm nicht mal zuhören würde? War das normal? Er wollte doch bloß Hilfe beim Sortieren seiner Gedanken...

Immer noch entsetzt über das Vorgefallene wuselte Florian durch sein Zimmer und packte eine Tasche. Ein paar Hosen, T-Shirts und ein paar Pullover waren bereits drin. Sollte er wirklich auch seine CDs und ein paar seiner Lieblingsbücher mitnehmen? Und wohin? Wohin sollte er sie mitnehmen? Er wusste es nicht. Er war doch erst fünfzehn. Wohin sollte er gehen, wenn sein Vater ihn rauswarf?

Und der hatte daran keine Zweifel gelassen. Eine halbe Stunde hatte er ihm gegeben, zu nehmen, was ihm gehörte, und dann wollte er ihn nicht mehr sehen, schon gar nicht in diesem, seinem Hause.

So was Abartiges würde er nicht länger großziehen und er hätte keinen Sohn mehr, nie einen gehabt, hatte er gebrüllt. Zum Glück hatte seine Schwester das nicht mit gehört. Sie war mit ein paar Freundinnen unterwegs. Und auch sonst immer das Lieblingskind seiner Eltern, stellte Florian verbittert fest. Sie wurde gehätschelt und getätschelt, machte nie etwas falsch. Und er? Er konnte machen, was er wollte, nie bekam er auch nur ein Lob dafür! Er war Klassenbester, half im Haushalt und bis auf gestern Abend war er eigentlich auch immer brav und artig gewesen.

Ein Poltern schreckte ihn auf. War aber wohl nur sein Schwesterherz, die mal wieder nicht schnell genug in ihr Zimmer kam, stellte er mit Erleichterung fest. Hastig warf er noch ein paar Sachen in die Tasche, schlich sich, vorsichtig nach allen Seiten spähend, in die Küche und packte noch etwas zu Trinken und zu Essen in seinen Rucksack zu seinem Diskman und verließ dann das Haus seiner Eltern, seine Heimat. Der einzige Platz an dem er bisher glücklich war, seit seine Großeltern bei einem Unfall gestorben waren. Doch damit schien es vorbei zu sein.

Ohne es zu merken, war Florian zur Straßenbahn gelaufen, wie an jedem Schultag auch. Nur das heute Samstag war. Schnell versank er wieder in seinen Grübeleien, nachdem er sich auf einem der freien Plätze fallen gelassen hatte.

Was zum Teufel hatte er denn bloß falsch gemacht?

Was denn nur??

Dass alle sein Schwesterchen mochten, daran hatte er sich mittlerweile gewöhnt. Auch dass man ihm nur selten Beachtung schenkte, war nichts Neues. Tja, so leicht hatte sein Goldlöckchen es aber auch nicht: als einziges Mädchen mit einem Bruder und fünf Cousins. Auch ihr Vater hatte nur zwei Brüder, kein Wunder, dass alle Tanten und die Omas so begeistert von ihr waren. Immer die Augen aller auf sich, nee, das wäre auch wieder nichts für ihn gewesen, stellte Florian grinsend fest.

Und gestern Abend...? Es war schön gewesen, ja das war es wohl. Aber dann... diese Verwirrung:

Ja, er hatte sich mal wieder von Mark und Konsorten überreden lassen, sie in die Disco zu begleiten. Nur dass sein Vater der Meinung war, er hätte schon wieder auf seine Schwester aufpassen sollen. Nur weil dieser länger arbeiten musste, ph! Hätte der das nicht vorher sagen können? Dann hätte er nein sagen können zu seinen Freunden. Aber so... . Und dabei hatte sein kleines Schwesterchen es ja sogar geschafft nix anzustellen. Gar nichts war passiert. Er hatte sie ins Bett gesteckt, sie war eingeschlafen, wie sich das für siebenjährige Kinder abends um neun auch gehörte, und er hatte sich weggeschlichen.

Sie waren in ihrer Stammdisco gewesen. Mark mit Andrea, Jan mit Sandra und der Rest der Bagage halt. Der Einlasser hatte ihn mal wieder komisch angekuckt, aber nichts gesagt. Wurde Zeit, dass er endlich mal noch ein bisschen wachsen würde, hatte Florian gedacht. War ja auch nix mit fast sechzehn immer noch aussehen wie zwölf! Zum Glück hatte Jan sein Grummeln nicht gehört. Der hätte sich nur lustig gemacht. Der hatte auch gut lachen: War ein halbes Jahr jünger und sah aus wie mindestens achtzehn, zumindest hatte er noch nie ein Problem gehabt, irgendwo rein zu kommen mit seinen fast 1,80 m Körpergröße und dem Bärtchen, welches er sich wachsen ließ.

Tja, und dann... Zuerst war es wie immer: Sie hatten sich in einer Ecke zusammengerottet, getratscht, ein bisschen getrunken und immer wieder waren ein paar zum Tanzen verschwunden.

Und dann?

Dann hatte er die anderen verloren. Man, war das peinlich. Er war von der Tanzfläche zurückgekommen und keiner saß mehr in ihrer Ecke. Zumindest keiner seiner Freunde! Mit großen Kulleraugen und offenem Mund hatte er die Fremden angestarrt und einen dummen Kommentar hatte er sich auch eingefangen, bevor er sich hektisch abwandte und fast verzweifelt begann seine Freunde zu suchen. Sogar auf dem Klo hatte er nachgesehen, falls sie ihm mal wieder einen Streich spielen wollten...

Und dann, er! Der andere hatte sich ihn einfach gegriffen und wollte lachend wissen, warum er denn nun bereits seit zwanzig Minuten so hektisch durchs ganze Haus wuseln würde. Und ob er denn schon alt genug wäre. Daraufhin hatte ihm Florian lachend die Zunge rausgestreckt und ihm erklärt, dass er sehr wohl schon alt genug wäre, jawoll. Zweifelnd hatte der junge Mann ihn angesehen, aber nicht weiter nachgefragt.

Dann hatte er den Fremden nach seinen Freunden gefragt. Mit Erstaunen musste er sich anhören, dass sie rausgeflogen waren, da keiner einen Ausweis dabei gehabt hatte und es ja nun auch schon fast ein Uhr in der Früh wäre. Kleinlaut wollte er sich davon schleichen, nicht dass noch einer kam und auch ihn rauswarf, wenn sogar Jan hatte dran glauben müssen.

Doch der andere hatte ihn nicht gelassen. Er hatte ihn auf ein Wasser eingeladen (war er denn jetzt im Kindergarten gelandet, he!?) und sie hatten sich unterhalten, über dies und das und gar nix. Er hatte endlich Zeit gefunden seinen Gegenüber näher in Augenschein zu nehmen. Und ihm hatte gefallen, was er sah. Der andere war bestimmt zwanzig Zentimeter größer als er selbst, hatte kurze, dunkle Haare, ordentlich durcheinander gestrubbelt, und er trug eine Brille, was Florian noch nie in einer Disco gesehen hatte. Alle anderen hielten so was für hässlich, nicht in und kauften sich nur für die Disco Kontaktlinsen, womöglich noch gefärbte. Brr, solche Blödiane.

Und der andere hob sich noch weiter vom Durchschnitt ab: keine Solariumröte verschandelte seine Haut, soweit man das bei dem flackernden Licht überhaupt sagen konnte, und er trug enge Jeans mit einem normalen Shirt, nicht so ein Muskelprotz-Dingens.

Und er hatte ihn zum Tanzen aufgefordert! Zuerst hatte Florian ihn ja nur verwirrt angesehen, doch dann hatte er sich mit Begeisterung auf die Tanzfläche gestürzt und fing an, sich wild im Rhythmus der Musik zu bewegen. Er wollte das Kribbeln in seinem Bauch vertreiben. Doch es war nicht verschwunden, im Gegenteil: es war stärker geworden. Jedes Mal, wenn sie sich zufällig berührten, oder der andere ihn anlächelte, so etwas wie Bewunderung in seinen Augen.

Und dann war das Lied zu Ende und der DJ hatte wohl Mitleid mit den Pärchen, denn er legte irgend so ein langsames Schmuseliedchen auf. Enttäuscht sank Florian ein bisschen in sich zusammen und wollte gerade wieder zu seinem Wasser gehen, als zwei Arme sich um ihn schlangen. Vorsichtig wurde er wieder herum gedreht. „Bitte, bleib“, hatte der junge Mann gewispert, kaum dass er es hatte verstehen können. Und, Florian war immer noch erstaunt und verwirrt darüber: er hatte sich tatsächlich in dessen Arme sinken lassen, seinen Kopf an seine Schulter geschmiegt und ... hm, er roch so gut.

Verträumt musste Florian lächeln, als er sich wieder an diesen Duft erinnerte. Es war so anders, er hatte sich zum ersten Mal seit langem wieder behütet gefühlt, so richtig entspannt und geborgen. Und dabei hatte der Duft gar nix mit dem Blümchenduft seiner Mutter gemein oder mit dem von Opa, als er ihn früher zum Mittagsschlaf überreden musste und es dann so endete, dass sie beide unter einer Decke lagen und kuschelten. Und das nur weil er es absolut nicht eingesehen hatte, alleine Mittagsschlaf halten zu müssen. Doch das war ja auch vorbei gewesen, als sein Schwesterherz dann da war.

Als das Lied zu Ende gewesen war, hatte der andere ihn noch näher an sich gezogen, ein leises Danke gegen seine Wange gehaucht und dann, dann hatte er ihn geküsst, so richtig, nicht nur ein Bussi wie die Tussis in der Schule immer verteilten. Und was hatte er, Troll, getan? Erst war er erschrocken und hatte ihn bloß losgelassen, aber dann, dann hatte er sich mit all seiner Kraft gegen ihn gestemmt. Traurig hatte dieser ihn angesehen, ein wenig enttäuscht und hatte sich abgewendet.

Und er kam gar nicht dazu, ihm nachzulaufen, irgendetwas zu sagen - was denn auch, er wusste gar nicht, wie ihm geschah - als auch schon der Rausschmeißer ihn beim Wickel hatte. Nichts hatte genützt, weder die Aussage, dass er noch unbedingt mit jemandem reden müsse, noch das Versprechen, danach auch gleich und sofort zu gehen. Er war rausgeflogen, mit der Auflage mindestens eine Woche lang nicht wieder zu kommen.

An den Heimweg konnte er sich nicht erinnern, nur dass er dann wohl irgendwie in seinem Bett gelandet war und sich unruhig den Rest der Nacht hin und her drehte. Er hatte Gedanken gewälzt, hin und her. Doch zu einem Ergebnis war er nicht gekommen. Was hatte es nur zu bedeuten?

Dieses Kribbeln in seinem Bauch, wenn der andere ihn ansah oder gar lächelte.

Und beim Tanzen erst... . Es war so schön gewesen.

Und der Kuss... allein bei der Erinnerung daran wirbelte alles in ihm durcheinander.

Und dann das Entsetzen, als er die Trauer in den Augen seines Gegenübers erkannte, die Hoffnung, die gestorben war. Und das nur, weil er so erschrocken war, dass er den anderen weggestoßen hatte. Er musste unbedingt mit ihm reden, auch wenn er keine Ahnung hatte, was er ihm sagen sollte. Er wusste ja noch nicht einmal, wie er ihn wiederfinden sollte. Nur seinen Namen hatte der andere verraten, nix weiter, kein Alter, keine Adresse und keine Telefonnummer. Wie zum Teufel sollte er ihn denn nun erreichen? Er musste ihm doch helfen, die Verwirrung in ihm zu klären.

Und dann hatte er seinen Vater um Hilfe bitten wollen. Wie konnte er nur so dumm sein?! Spätestens als der ihm für die nächste Woche Hausarrest aufgebrummt hatte, hätte er schweigen sollen. Aber nein, wenn schon denn schon, er hatte weiter erzählt, alles, was passiert war. Nun zumindest hatte sein Vater durchblicken lassen, was mit ihm los war. Er war verliebt, in einen Jungen, na ja jungen Mann wohl eher.

Sonst hätte sein Vater wohl kaum was von Schwuchtel gebrüllt und ihn rausgeworfen. Und was sollte er jetzt bitteschön machen? Verliebt sein nützte gar nichts, wenn man nicht weiß, wohin. Und das wo seine Mutter und ihre Freundin mal behauptet hatten, es wäre das schönste Gefühl auf Erden. Man, hatte er sich was anhören dürfen, als er dazwischengefunkt hatte, als die beiden irgend so eine Liebesschnulze im Fernsehen gesehen hatten, beide mit glänzenden Augen und Hach und...

Nur, was nützte es, wenn Liebe erfinderisch machen würde. Er wusste nicht wohin, geschweige denn wie er herausfinden könnte, wo er den anderen wieder sehen könnte. Und selbst wenn, was sollte er sagen? Er hatte ihn doch weggestoßen! Da half ein ’Tschuldigung auch nicht.

Und zu allem Überfluss waren sie jetzt an der Endhaltestelle angekommen und der Fahrer schmiss alle Fahrgäste raus. Verärgert und grummelnd stieg Florian aus, verzweifelt überlegend, was er denn jetzt tun könne. Bei Mark konnte er nicht vorbeisehen, der hatte seine Andrea und wollte samstags nicht gestört werden. Und bei Jan erst recht nicht, der würde nur wieder lästern.

Dann fiel sein Blick auf ein Telefonhäuschen und ihm kam eine Idee. Hoffnung keimte in ihm auf und er schritt forsch darauf zu. Nur war es leider nicht im besten Zustand. Von weitem hatte er nur die Schmierereien gesehen, doch jetzt, wo ihn nur noch zwanzig Meter von seinem Ziel trennten, erkannte er, dass die Scheiben eingeschlagen waren, der Hörer herab hing.

Immer langsamer wurde er, als er auf die Zelle zuging und er hatte dennoch Glück. Das Telefonbuch hing noch in seiner Halterung und schien intakt zu sein. Freudig stellte er sein Gepäck draußen ab und hastig suchte er den Namen heraus und ja, er fand ihn samt Adresse. Sogar der Stadtplan war noch vorhanden, bis auf eine Seite. Und wie sollte es anders sein, seine Straße lag genau in diesem Viertel, leise grummelte Florian vor sich hin. Aber was soll’s. Er wusste jetzt, wo er hin wollte und er konnte ja erst mal in die Richtung gondeln und dann noch mal fragen oder einen anderen Stadtplan suchen.

Freude und Hoffnung machten sich in ihm breit, als er wieder stadteinwärts fuhr. Wenigstens würde er dann nicht mehr allein vor seinem Problem stehen, oder waren sie etwa genauso wie sein Vater? Ein wenig schlich sich doch die Besorgnis in ihm ein. Was sollte er denn tun, wenn sein Plan nicht aufging? Was, wenn er keine Hilfe bekam?

Und so war es kein Wunder, dass er in der Stadt rumbummelte, einem Polizisten auswich, der ihn ein wenig seltsam ansah mit seinem Gepäck und erst am späten Nachmittag genügend Mut fand, wenigstens fragen zu wollen. Also machte er sich wieder auf, diesmal mit dem Bus. Er fuhr an seiner Schule vorbei, bis an den Stadtrand. Dort stieg er aus und ging los, ziemlich zielstrebig bis zur Käthe-Kollwitz-Straße. Gab sie ihm doch Hoffnung. Gleichzeitig hatte er aber auch Angst. Was würde werden, wenn...

Schließlich hatte er genügend Mut gesammelt, war zur richtigen Haustür vorgedrungen und...

klingelte.

Zuerst rührte sich nichts, dann war ein Poltern zu hören, wie wenn jemand eilig die Treppe hinunter lief und strahlende Augen blickten ihn an, als sich die Tür öffnete.



Lösung I


Oh, man! Der Tag war mal wieder anstrengend gewesen.

Warum zum Teufel, kam immer alles zusammen, he? Konnte ihr das mal jemand bitteschön verraten?

Erst hatte Sarah ihren zwei kleinen Monstern versprochen, erneut in den Zoo zu gehen, und dann hatte ihr Mann sie mit einer Teilnahme an einem Wettkampf überrascht. Beides am Samstag!

Also, war sie allein mit zwei kleinen Rabauken, drei und fünf Jahre alt, in den Zoo gegangen. Eigentlich war es schön gewesen, nur dass ihre zwei sich – wie so oft - so was von uneins waren. Der eine wollte unbedingt, ganz dringend und sofort zu den niedlichen Zicklein in den Streichelzoo, während der andere seiner Vorliebe für Pinguine nachgehen wollte und schon hatte es den ersten Streit gegeben und sie hatte beiden einen Kompromiss schmackhaft machen müssen. Und dann ging das so weiter! Hätte man denn nicht einfach eine schöne geordnete Runde gehen können und sich das ansehen, was gerade kam? Nein, sie waren im Zickzack durch den großen Park gegangen, bestimmt an jeder Kreuzung dreimal vorbeigelaufen und… es war zum Haare ausraufen.

Als sie wieder zu Hause waren, hatte Sarah die beiden in ihr Zimmer verbannt, die zwei sollten mal eine halbe Stunde allein zurecht kommen, während sie kochte. Doch auch daraus war nichts geworden. Bereits nach zehn Minuten hatte es den ersten Schreianfall und einen Verletzten gegeben.

Der lag jetzt mit einem kalten, nassen Waschlappen auf seiner Beule auf der Couch und ließ sich von Winnie Puuh trösten.

Der andere versuchte seitdem beim Kochen zu helfen. Nur dass er wohl das Umrühren vergessen hatte, denn es roch auf einmal so lecker verbrannt.

Und genau in diesem Moment klingelte es an der Tür. Hastig stellte Sarah alle Kochplatten aus und nahm noch schnell die Pfanne mit dem angebrannten Gemüse vom Herd und ging zur Tür. Doch sie war nicht schnell genug gewesen. Ihr Jüngster hatte bereits geöffnet und erklärte einem mehr als nur überrascht drein sehenden Florian, dass er zwar nicht der Papa sei, aber trotzdem mit ihm spielen solle, denn es war ja soooo langweilig.

Daraufhin hatte sie ihn vor dem kleinen Rabauken gerettet, nicht dass der ihn noch ansprang, wie er das bei seinem Vater so gern tat, und ihn erst mal herein gebeten. Während Florian sein Gepäck abstellte, übrigens viel zu viel Gepäck für einfach nur mal Hallo-sagen, und seine Schuhe auszog, erklärte sie ihrem Jüngsten mal wieder, warum er doch die Tür nicht öffnen dürfe. Der vergaß das einfach noch viel zu gerne.

Danach verteilten sich die Aufgaben wie von selbst: Florian beschäftigte die Kinder und sie kochte zu Ende, anschließend wurde gegessen, Sandmann gesehen und die Kleinen ins Bett gesteckt. Eine halbe Stunde danach war auch tatsächlich Ruhe im Kinderzimmer eingekehrt.

Anschließend ließ sich Sarah berichten, was denn ihren “Kleinen“ so zugerichtet hatte. Wie ein Häufchen Elend hockte er vor ihr im Sessel, die Beine unter sich versteckt, aber nicht mehr so verheult, wie vorhin, als er geklingelt hatte. Doch der Scherz verschwand ziemlich schnell, als dieser berichtete, sein Vater hätte ihn rausgeworfen.

Etwas verwirrt und ungläubig starrte sie ihn an. „Und deine Mutter?“ Daraufhin bekam sie erklärt, dass diese wohl den ganzen Vormittag einkaufen gewesen war und sich aber auch nicht gemeldet hätte seitdem. Was ja wohl nur so zu interpretieren sei, dass sie die Meinung seines Vaters teile.

„Und warum ist dein Vater so ausgerastet? Versteh’ mich nicht falsch, aber irgendwas muss ja passiert sein, dass er so ausflippt, oder?“, versuchte sie sich an das eigentliche Problem ranzutasten.

Ein Weilchen druckste Florian herum, doch dann meinte er nur, er hätte nix getan, außer in die Disco zu gehen. Ein wenig misstrauisch schaute sie ihn noch an. Deswegen würde Ingolf niemanden aus seinem Haus treiben, da war sie sich sicher. Doch wenn der Kleine nicht reden wollte... Was konnte da nur passiert sein? So kannte sie Florian ja gar nicht, ein kleines Häufchen Elend, verweintes Gesicht und zum ersten Mal schweigsam. Sonst war er ein fröhliches Kind. Nun ja, vielleicht nicht immer laut lachend durch die Gegend springend, dafür immer hilfsbereit und ihm war nie anzumerken, dass das Verhalten aller anderen seiner Schwester gegenüber ihn stören würde.

Dann hatte sie einen Entschluss gefasst, hinaus jagen würde sie ihn auf keinen Fall und wenn er nicht reden wollte, ging sie das Ganze wohl nichts an. Arme Neugier, musste jetzt wohl dumm sterben, aber da war nichts zu machen.

Ein Weilchen ließ sie ihn da noch hocken, so völlig verloren, dann hatte sie die Nase voll. „Okay, Kleiner. Wenn du mir nicht vertraust, kann ich das nicht ändern. Wenn du möchtest, bleibst du hier, bis du und dein Vater euch wieder einig seid. Schlaf dich aus, hör auf mit Grübeln. Ich werde mal die Nerven deiner Mutter beruhigen.“ Mit diesen Worten stand sie auf und ging zum Telefon. Ein angsterfülltes „Nein“ ließ sie inne halten.

Florian war in seinem Sessel zusammengezuckt und zitterte nun, dabei rannen ihm die Tränen über sein Gesicht und er murmelte immer wieder: „Nein, ich will nicht. Ich will das nicht noch mal hören.“

Etwas irritiert ging sie zu ihm zurück, versuchte ihn zu beruhigen. Langsam strich sie immer wieder über seinen Rücken, murmelte beruhigende Worte. Doch so wirklich half es wohl nicht. Also ließ sie ihn weinen.

Eine halbe Stunde später hatte sich Florian wieder beruhigt. „Entschuldige, Tante Sarah“, versuchte er ihr dabei zuzuzwinkern. Doch sie sah, dass es nur gespielt war. „Pscht, schon gut. Nur versuch mal mich zu verstehen: Du kommst hier an, völlig am Boden zerstört. Deine Mom sucht dich verzweifelt.“ Ungläubig sah er sie an. Leise lächelnd fuhr sie fort: „Doch, glaub es mir. Habe eine Nachricht von ihr auf dem AB. Ich will dir ja gerne helfen. Nur habe ich leider keine Ahnung, was passiert ist. Weder sie noch du hast irgendwas erklärt. Also, was soll ich tun? Kann ich ihr wenigstens sagen, dass es dir gut geht, du eine Weile hier bleibst, hm?“

Nachdem er sich den Hilferuf seiner Mutter angehört hatte - ja so musste er es wohl nennen, bei der Verzweiflung in ihrer Stimme - stimmte er zu, verzog sich aber ziemlich schnell in das Gästezimmer, mit ihr reden, wollte er trotzdem nicht. Sarah hatte ihm noch schnell frische Bettwäsche rausgelegt, so bezog er sich schon mal seine Schlafstatt für die nächste Zeit.

Währenddessen rief Sarah ihre Freundin an und erfuhr recht seltsame Dinge. Erleichtert, dass wenigstens einem nichts passiert war, erzählte Kathrin wohl mehr als sie sonst preisgegeben hätte. Sie war gegen Mittag zurückgekommen und hatte niemanden im Haus gefunden. Dafür aber einen Zettel in der Küche: Ingolf müsse nachdenken und sei spazieren und Anita bei einer Freundin, während kein Wort zu Florian zu finden war. Also hatte sie versucht ihn anzurufen, hatte aber sein Handy in seinem Zimmer gefunden, in welchem übrigens ein Chaos herrschte und nicht nur einige Dinge zu fehlen schienen. Daraufhin hatte sie bei jedem angerufen, zu dem er hätte gehen können.

Dafür fiel sie aus allen Wolken, als Sarah berichtete, dass Ingolf wohl Florian rausgeschmissen hätte und dieser deswegen bestimmt nicht einfach so und sofort nach Hause käme. Am Ende einigte man sich, dass Kathrin wohl erst mal versuchte von Ingolf zu erfahren, was passiert sei und Florian so lange bei Sarah und Frank bleiben könne.

Dann kehrte Ruhe ein im Haus. Alle waren mittlerweile zu Bett gegangen und früher oder später eingeschlafen.



Ein lauter Schrei ließ Sarah am frühen Morgen auffahren. Erschrocken, was ihre zwei Quälgeister wohl schon wieder angestellt haben könnten, rannte sie sofort in deren Zimmer. Allerdings musste sie verwundert feststellen, dass alle beide noch tief und fest schliefen und wohl nicht für diesen Krach verantwortlich waren. Dann fiel ihr wieder ein, dass sie ja jetzt ein drittes Kind im Haus hatte. Ob dieses schlecht träumte? Sollte sie nachsehen? Ach Quatsch, er hatte wie früher Tante zu ihr gesagt. Kurz klopfte sie bei ihm an, erhielt aber keine Reaktion. Sie wollte schon wieder beruhigt in ihr Bett gehen, als Florian erneut schrie.

Entschieden stürmte sie ins Zimmer, nur um festzustellen, dass Florian wohl noch schlief und einen Alptraum der heftigeren Sorte hatte.

Vorsichtig weckte sie ihn auf und wurde von einem heulenden Jungen überrascht. Langsam, jederzeit bereit sich zurückzuziehen, nahm sie ihn in die Arme, versuchte ihn zu trösten. Den Kommentar, dass es ja nur ein Traum gewesen sei, verkniff sie sich. Offensichtlich hatte Florian von seinem Rauswurf geträumt, nur dass da alles noch schlimmer gewesen zu sein schien.

Nachdem er sich wieder gefasst hatte, legte sie kurz entschlossen fest, dass sie beide sich am Abend mit seiner Mutter treffen würden. Da sie nicht wusste, worum es ging, konnte sie ihm nicht helfen. Vielleicht würde er seiner Mutter mehr erzählen?

Entsetzt schüttelte Florian den Kopf. Wieder versuchte sie ihm zu erklären, was sie dazu bewog. Ihn hier so vor sich hin leiden lassen konnte sie schlecht, und als Vermittler zwischen ihm und Ingolf war sie auch eine schlechte Wahl, solange sie nicht wüsste, was denn nun genau passiert war.

„Ich will auch gar nicht zurück!“, erklärte ihr Florian daraufhin mürrisch.

„Jetzt vielleicht nicht. Und was ist mit nächster Woche oder nächstem Monat? Du hast Streit mit deinem Vater, nicht mit deiner Mom. Willst du sie und Anita mit bestrafen?“, fragend sah sie ihn dabei an. Eine Weile später verkündete sie, dass es Zeit wäre, aufzustehen, ehe die Rasselbande noch versuchte, alleine Frühstück zu machen.

Der Tag verging ruhig und in völlig ungewohnten Bahnen. Sarah ließ ihn in Ruhe, fragte nicht weiter. Trotzdem achtete sie darauf, dass er sich nicht ausgeschlossen vorkam.

Früher, da war es auch so gewesen. Seine Eltern hatten mit ihm und später auch mit seiner Schwester gemeinsam gespielt und getobt. Na ja, vielleicht nicht ganz so ausgelassen, wie Sarah mit ihren beiden, aber trotzdem…

Hatte sie vielleicht Recht? Warf er etwas weg in seinem Zorn? Aber sie wusste auch nicht, weswegen…

Als er genug gegrübelt hatte, nach dem Mittagessen, konnte er gar nicht schnell genug weglaufen, wie er in die Räuberjagd von Arne und Björn einbezogen wurde. Munter tobte er mit ihnen durch das ganze Haus.

Ihr Spiel wurde erst unterbrochen, als es zwei Stunden später an der Tür klingelte. Freudestrahlend sprangen Arne und Björn alles stehen und liegen lassend die Treppe hinunter und stürzten sich lachend auf ihren Vater. Die nächste halbe Stunde war Florian völlig abgemeldet. Franks Tasche mit den ganzen Klettersachen war da schon viel interessanter, vor allem wenn man beim Aufräumen das eine oder andere heimlich beiseite räumen konnte.

Vorsichtig und leise ging Florian nach einem Hallo auf die Suche nach Sarah. In der Küche wurde er fündig. Mit einem strahlenden Lächeln wurde er gefragt, ob er denn etwa jetzt schon Kuchenhunger hätte, dabei schob sie einen Obstkuchen in den Herd und fing schon mal an, das Kaffeegeschirr aus dem Schrank zu kramen.

Ein wenig verwundert fragte er schüchtern: „Du begrüßt ihn gar nicht?“

Ein verschmitztes Lächeln antwortete ihm: „Du glaubst doch nicht, dass ich jetzt eine Chance hätte, zu ihm durch zu kommen. Nö, ich war kurz draußen, bevor er geklingelt hat.“

Betreten sah Florian auf den Boden. War er etwa schon wieder viel zu vorschnell in seinem Urteil? Eine Weile druckste er herum, doch dann fand er seinen Mut: „Kann ich mich doch mit Mom treffen?“

„Klar, wir rufen nachher einfach an.“, war die schnelle, warme, aber irgendwie nicht beruhigende Antwort.

„Kommst du mit? Ich erzähl dir auch alles.“

„Hey, Kleiner, du musst mir nichts sagen. Ich komme auch so mit.“



Eine Stunde nach dem Kaffeetrinken, was sich ganz schön in die Länge zog durch die ganzen Albereien, war es soweit. Florian und Sarah ließen einen ganz verblüfften Frank mit seinen zwei Söhnen zurück und machten sich auf den Weg.

Unterwegs, während ihres Fußmarsches, erzählte Florian, was gestern so passiert war. Zuerst unsicher und stockend berichtete er von den Geschehnissen in der Disco, seiner unruhigen Nacht und seinem Versuch, Hilfe von Ingolf zu bekommen. Was der ihm alles an den Kopf geworfen hatte, wiederholte er nicht. An das meiste konnte er sich auch nicht mehr wirklich erinnern, nur an den Zorn und die Abscheu seines Vaters.

„Oh, Mist!“, war der alles erschlagende Kommentar von Sarah. Weiter nichts.

Worüber sie jetzt wohl nachdachte? Ob sie sich zurechtlegte, wie sie ihn auf die höfliche Art bitten konnte, zu gehen und sich von ihrer Familie fernzuhalten? Noch unsicherer und nervöser fragte er nach: „Soll ich jetzt gehen?“

Jetzt erst schien Sarah bewusst zu werden, was ihre eigentlich nicht vorhandene Reaktion ausgelöst hatte. Heftig erwiderte sie: „Ach quatsch! Du bleibst. Das wird wohl länger dauern mit der Versöhnung.“ Sie erzählte ihm, dass sie Ingolf bereits einmal erlebt hatte, als er von einem Mann angemacht worden war. Dieser hätte ja ein einfaches Nein akzeptiert, aber Ingolfs Ausfall danach?

Weiter konnte sie nichts erzählen, denn sie waren an ihrem Treffpunkt im Park angekommen, wo Kathrin schon unruhig auf und ab tigerte. Man sah ihr an, wie sehr sie gelitten hatte und Florians schlechtes Gewissen tat sein Übriges: schnell rannte er die letzten Meter auf sie zu und warf sich in ihre Arme.

Ihr Gespräch war lang. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie ihr alles erklärt hatten, zumal Ingolf sich ausgeschwiegen hatte, so tat, als ob er keinen Sohn hätte. Noch länger dauerte es, sie davon zu überzeugen, dass genau das der Grund war, warum Florian nicht einfach mit nach Hause kommen konnte. Dass es für sie alle zu quälend und anstrengend sein würde, wenn sich zwei ignorierten oder andauernd miteinander stritten. Schweren Herzens stimmte sie schließlich zu. Kurz wurde noch über ein paar Formalitäten geredet. Wobei Sarah es heftig ablehnte Kost- und Logisgeld anzunehmen. Lieber wollte sie einen Schriebs haben, der es ihr gestattete Florians Klassenarbeiten zu unterschreiben, ohne dass die Schule einen Aufstand machte.

Mit der Bemerkung „So, jetzt aber, heim geht’s. Es ist Schlafenszeit“ scheuchte sie Florian am Ende auf. Entsetzt sah er sie an. Es war gerade mal 19 Uhr, oder so. „Ähm, du weißt aber schon, dass ich schon groß bin, oder?“, wagte er schüchtern einzuwerfen.

„Was? Wer redet denn von dir? Arne und Björn müssen ins Bett“, erklärte Sarah daraufhin wenig hilfreich.

Doch bevor Florian da noch mal nachfragen konnte, warf Kathrin lachend dazwischen: „Schafft Frank das etwa immer noch nicht?“

Schmunzelnd bestätigte Sarah ihren Verdacht.

Daraufhin gab es ein allgemeines Verabschieden, mit dem Versprechen von Florian sich zu melden, eventuell auch mal vorbeizukommen, wenn Ingolf noch auf Arbeit wäre. Und kurz darauf waren alle wieder auf dem Weg nach Hause, auch wenn nicht jeder sein Dach über dem Kopf Zuhause nannte. 


Lösung II


Irgendwie war alles anders, seit gut einer Woche. Na ja, eigentlich kein Wunder: sein Vater hatte ihn zu Hause rausgeschmissen, ohne das seine Mutter irgendetwas wusste. Das Wochenende war noch richtig stressig geworden, nachdem Florian sich bei Frank und Sarah eingenistet hatte. Zum Glück hatte seine Mutter ein Einsehen gehabt und diesem Arrangement zugestimmt. Lange hätte er das bestimmt nicht durchgehalten, von seinem Vater jeden Tag aufs Neue ignoriert zu werden, oder schlimmer noch, wieder beschimpft zu werden.

Und Sarah erst, sie versuchte ihm zu helfen, warum auch immer. Aber sie hatte ihm vorgeschlagen, doch einfach mal den Türsteher seiner Disco zu fragen, ob er Tino kennen würde. Sie hatte ihn sogar mitten in der Woche losziehen lassen, weil er so hibbelig geworden war.

Und was hatte er für einen Schiss gehabt. Der Reinlasser war ein Riese und hatte ihn gleich angeknurrt. Florian hatte wirklich all seinen Mut zusammen nehmen müssen, um seine Frage loszuwerden. Doch wie sollte es anders sein: Der Türsteher kannte ihn nicht! Also hatte Florian sich völlig deprimiert auf den Heimweg gemacht und die nächsten zwei Tage in dumpfem Brüten verbracht.

Wenn der Türsteher ihn nicht kannte, hieß das ja nur, dass Tino nicht regelmäßig in dieser Disco war, oder? Das musste nicht heißen, dass er nur zu Besuch in der Stadt gewesen war und jetzt auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Aber wenn Tino dort nicht hinging, wie sollte Florian ihn dann finden? Wo könnte er noch suchen?

Aber auch da hatte Sarah ihm geholfen. Sie hatte ihn zu sich auf Arbeit eingeladen, damit er mit ihrem Kollegen, der wohl gerade sein Studium beendet hatte, und dessen Partner reden konnte. Zuerst hatte er sie ja nur entsetzt angesehen, aber dann... Am Ende musste er zugeben, dass ihre Idee gar nicht so schlecht gewesen war. Nur mit ihm völlig Fremden über seine Gefühle reden? So ganz sicher war er sich da nicht. Doch auch da hatte sie ihm den Kopf gerade gerückt. Er solle sie ja bloß fragen, ob sie ihn kannten. Warum er ihn suchte, musste er ja nicht erzählen. Also hatte er schließlich zugestimmt und war zur Schule geflitzt.

Und jetzt war er auf dem Weg zu ihrem Büro, auch wenn er sie wohl eher im Labor finden würde, und war sich gar nicht mehr so sicher, ob er da wirklich hin wollte. Wenn er das Ganze richtig einschätzte, hatte sie zumindest mit ihrem Kollegen bereits darüber geredet. Man, was sollte dieser nur von ihm halten? Konnte nicht mal selber auf Suche gehen, sondern schickte „Mama“ vor. Echt peinlich! Aber wohl seine einzige vernünftige Chance, Tino doch wieder zu finden.

Na ja, er hatte sich zusammengerissen und nicht noch im letzten Moment Reißaus genommen. Die Kaffeeklatschrunde war auch ganz lustig geworden. Zuerst hatten Sarah und Robert noch über ihre Experimente geredet, dann war Benjamin mit Kuchen aufgetaucht und hatte noch Tee gekocht, dabei vor sich hinmurrend, er sei hier Zivi und nicht der Sklave vom Dienst. Und sofort hatten Sarah und Robert ihn geneckt.

Scheinbar hatte Benjamin wohl nicht zum ersten Mal Sonderaufträge von der Sekretärin bekommen. Und dieser schimpfte dann auch sofort los. Sie hätte ihn mit Arbeit eingedeckt, die bis mitten in der Nacht reichen würde, und war dann zur Krönung auch noch eher gegangen, schon um vierzehn Uhr, und er müsse jetzt sehen, wie er die Sachen geregelt bekam.

Dann war Mark aufgetaucht, um Robert zum Tanzkurs einzusammeln, wurde aber überzeugt, sich erst noch ein Stückchen Kuchen und Kaffee zu gönnen.

Und plötzlich hatten sie Florian gefragt, wen er denn suchen würde. Man, war das peinlich gewesen, wie er erst rumgestottert hatte und dann ins Schwärmen geraten war. Aber unterbrochen hatten sie ihn nicht und wohl doch irgendwie die wichtigsten Charakteristika, um jemanden wieder zu erkennen, herausgefiltert.

Allerdings war die verzögert folgende Reaktion eher wie ein Kübel Eiswasser für ihn gewesen. Voller Unglauben hatte er die drei Männer angestarrt, als sie ihm vorsichtig und langsam berichteten, wen sie hinter seiner Beschreibung vermuteten. Das konnte doch nicht wahr sein, sein Tino sollte so ein Arsch sein?!

Nicht dass er Benjamin seine Geschichte nicht glauben würde, aber so wirklich passte das nicht zu seinem Tino.

Oder vielleicht doch? So viel wusste er schließlich nicht von ihm, keine zwei Stunden hatten sie zusammen verbracht.

Konnte es wirklich sein, dass Tino eigentlich nur darauf aus war, jemanden wie ihn in sein Bett zu locken, ihm dabei etwas von einer möglichen Beziehung vorzumachen, nur um ihn dann sitzen zu lassen? Mit all den eigenen Wünschen und Sehnsüchten aufzuwachen und feststellen zu müssen, dass alles nur ein Traum war. Tino angeblich von vornherein gesagt hätte, dass es eine reine und im Übrigen einmalige Bettgeschichte werden würde.

Genau dies hatte Tino mit Benjamin gemacht. Und dieser war nicht der Einzige, auch Mark und Robert hatten ihn des Öfteren beobachtet, wie er Jüngere umgarnt hatte und dann nie wieder mit diesen gesehen wurde.

Irgendwie war es Florian dennoch gelungen, heimlich mit Benjamin auszumachen, dass sie sich vor dieser Disco treffen würden. Er wollte sich mit eigenen Augen davon überzeugen, dass der Tino, von dem ihm berichtet wurde, der gleiche war wie der, den er kennen gelernt hatte.

Und er hatte sich schnellstmöglich aus dieser Runde davon geschlichen. Nicht dass Sarah doch noch dahinter kam, wie es in ihm aussah. Dann würde sie ihn heute Abend erst recht nicht rauslassen, sie hatte ja schon vorher Bedenken angemeldet.





Uff, der Türsteher hatte ihn reingelassen. Also, schnell Sachen loswerden und rein ins Getümmel. Etwas ungewohnt war es schon, nirgendwo ein weibliches Wesen zu sehen, aber sonst war es hier wie in ihrer Stammdisco auch, voll und ziemlich laut. Zum Glück hatte er Benjamin überreden können, sich vorhin draußen zu treffen, um gemeinsam herauszufinden, ob sein Tino und das Arschloch, von dem Benjamin und Robert erzählt hatten, ein und derselbe waren.

Benjamin schob ihn auch ziemlich zielstrebig in den hinteren Bereich. Dort gab es mehrere Tische in einzelnen Nischen, die einen Halbkreis um eine weitere Tanzfläche bildeten. Es war etwas ruhiger als vorn, wo die Tische nicht voneinander abgetrennt waren. Und es gab eine Art Balkon oben drüber, so dass man auch von der zweiten Etage aus einen Einblick auf das Geschehen unten hatte.

Und dort saß er.

Tino.

Inmitten einer Traube seiner Freunde. Wie erstarrt war Florian stehen geblieben und blickte ihn an. Er kam erst wieder zu sich, als Benjamin etwas unsanft in ihn hinein stolperte. Dieser blickte ihn nur fragend an und folgte dann seiner Blickrichtung.

Seine Erwartung hatte sich also bestätigt. Heftig musste er schlucken. Das war so unfair! Das hatte der Kleine wirklich nicht verdient, zum erstenmal verliebt, und dann muss es so ein Arsch sein. Trotzdem zog er ihn mit sich zu einem der freien Tische. Hinten an der Wand war es sogar so leise, dass man nicht schreien musste um sich zu unterhalten. Sanft schubste er Florian in einen der freien Sitze und fragte dann: „Also ist er es wirklich, hm? So wie du ihn angesehen hast.“ Forschend blickte er ihn an.

Leise unterhielten sie sich. Doch Florian hatte kein Einsehen. Irgendwann verlor Benjamin die Geduld und schrie ihn an: „Dann geh’ doch hin. Versuch dein Glück. Komm aber nicht und heul dich aus, wenn er dich nicht wiedererkennen will.“ Weiter fluchend sprang er auf und stürmte davon, einen ziemlich verwirrten Florian zurücklassend.

Dieser war bei Benjamins Ausbruch erschrocken, ließ ihn aber davon stürmen. Einen Moment überlegte er noch. Was war denn so verkehrt, wenn er glaubte, dass Tino nicht so ein Arsch gewesen sein könnte? Wenn er hoffte, dass Tino mit ihm reden, ihn endlich mal wahrnehmen würde? Immerhin hatte dieser mit ihm ‚so’ getanzt, in einer Heten- Disco, ungeachtet aller möglichen Konsequenzen.

Bei diesem Punkt seiner Überlegungen angekommen, stand Florian auf und ging zu dem anderen Tisch hinüber. Er wartete, bis in dem Durcheinander ein wenig Ruhe eingekehrt war und fragte. „Tino, kann...“ doch weiter kam er gar nicht, denn der andere unterbrach ihn ziemlich rüde:

„Was denn, Kleiner? Willst du auch mal?“ Dabei machte er eine recht eindeutige Geste und lachte grölend zusammen mit den anderen am Tisch. Florian machte ziemlich große Augen und konnte nur entsetzt den Kopf schütteln, als ihm die Bedeutung dieser Worte aufging. Entsetzt rannte er davon, immer noch das Lachen von Tinos Freunden im Ohr.

Im Eingangsbereich wurde er aufgehalten. Benjamin hatte ihn eingefangen. Traurig und voller Mitleid sah er ihn an. „Bitte bleib hier, Kleiner. Tu nichts unüberlegtes, das ist er echt nicht wert.“

Unruhig wand sich Florian in seinen Armen, aber es dauerte eine ganze Weile, bis er wieder zu sich kam und nicht mehr versuchte wegzulaufen, um sich in seinem Kummer zu ertränken. Benjamin redete die ganze Zeit auf ihn ein und irgendwann erreichten dessen Worte auch Florians Verstand.

„Okay. Lässt du mich bitte wieder los, ich bring mich schon nicht um.“ Zaghaft lächelte er zu dem Größeren hinauf. Dem wurde wohl gerade bewusst, wie man ihre Haltung auch interpretieren konnte, so plötzlich wie er Florian wieder losließ und schnell ein, zwei Schritte zurücktrat. Verlegen kratzte er sich am Kopf und murmelte was von „Tschuldigung“ und „nicht wieder vorkommen“

Mit einem für den Zorn, den er so langsam in sich aufbaute und schön hegte und pflegte, sehr ruhigen „Schon okay“ drehte Florian sich um und ging zur Tür.

„Ähm, Flo! Nach Hause geht es aber dort raus“, kam auch sofort ein Einwand von Benjamin, der dabei genau in die entgegengesetzte Richtung wies.

Mit einem fiesen Grinsen drehte sich Florian kurz um und erklärte: „Ich weiß, ich muss nur vorher noch eine Rechnung begleichen. Du hast nämlich Recht, er hat kein Recht dazu.“ Dabei ließ er durchaus seinen Zorn durchblicken. Er war nicht der erste, den Tino so abserviert hatte und wegen dem hatte er vorhin Benjamin verletzt. Dieser war bereit gewesen sich zu erinnern, nur um ihn zu warnen. Und er, Trottel, hatte nichts Besseres zu tun, als sich gleich danach genauso wehtun zu lassen. Dafür hatte Benjamin seinen freien Abend bestimmt nicht geopfert!

Und schon war Florian wieder hinein gestürmt und drängte sich nach hinten durch, gefolgt von Benjamin, der aber nicht ganz so schnell war. Wütend baute sich Florian vor dem Tisch auf, an welchem er auch schon mit Erheiterung begrüßt wurde: „Na, Kleiner, haste es dir doch anders überlegt?“

„Ja“, antwortete er leise. Was für eine schlagartige Unterbrechung aller Gespräche in der großen Runde sorgte. Interessiert an einer nicht so üblichen Abwechslung lauschten sie alle dem Kommenden. In diesem Moment tauchte Benjamin keuchend hinter ihm auf. „Komm, lass uns wieder gehen, Flo“ forderte er von ihm.

„Na, Benni, hast du es immer noch nicht kapiert, oder warum schickst du jetzt dein Haustier vor?“ warf Tino mit ätzender Stimme ein.

Zischend holte dieser Luft und wollte gerade wütend diese Frechheit erwidern, als Florian seinen begonnenen Satz fortsetzte, bewusst das Geschehen dazwischen ignorierend: „Ich habe mir überlegt, dass es endlich Zeit wird, dass dir mal jemand die Meinung sagt. Ich kann ja gerade noch verstehen, dass du deine Meinung geändert hast, mich sogar gar nicht kennen willst, nachdem was im ‚Turm’ passiert ist. Aber beleidigen lassen muss ich mich von dir nicht. Und du solltest dir mal...“

Nach seinem spöttischen Einwurf „na dann lass mal hören“ hatte sich der andere noch gelassen zurückgelehnt. Aber das danach wurde ihm zu bunt. Wo sollte was stattgefunden haben? Im ‘Turm’ war er doch schon seit Jahren nicht mehr gewesen. „Moment mal, Kleiner. Ich kenne dich wirklich nicht. War schon ewig nicht mehr im ‚Turm’. Also, was soll das?“ Tino lehnte sich wieder weit nach vorn, so langsam wurde auch er zornig.

„Was das soll?“, kreischte Florian plötzlich los. Ihm wuchs die Situation langsam über den Kopf und mittlerweile war die Wut größer als alles andere. Mit einem Satz sprang er auf den Tisch, verringerte dadurch den Abstand zwischen sich und Tino und landete in der Hocke direkt vor ihm. Wütend funkelte er ihn an und zischte erneut „Was das soll?“

„Ja, das würde ich schon gerne wissen wollen“, erwiderte dieser wütend, sich dabei erhebend, da ihm die kleine Wildkatze so Funken sprühend direkt auf Augenhöhe doch unheimlich war.

Doch dieser antwortete ihm nicht. Florian hatte sich zusammen mit Tino aufgerichtet und setzte zu einem Tiu-Dollyo-Chagi ( = gesprungener Halbkreisfußtritt) an. Doch irgendwo hatte er was nicht mitbekommen: Sarah stand plötzlich vor ihm, die Arme immer noch in einem Abwehrblock erhoben, und meinte sichtlich ein paar Schmerzen verdrängend: „Könntest du mich beim nächsten Training erinnern, NICHT dein Partner zu sein, wenn du wieder so ’ne Wut hast?“, während er sichtlich Mühe hatte, sein Gleichgewicht zu behalten.

Verwirrt blickte er zwischen ihr, Tino und Benjamin hin und her. Letzterer gab ihm dann Gewissheit und deutete nach oben. Also war sie nicht einfach so aufgetaucht, sondern von oben hinab gesprungen und das nur, um ihn dezent an seinen Taekwondo-Eid zu erinnern.

Ph, musste das sein?

Reichte es nicht, dass er sich hier völlig zum Ei machte? Obwohl bewundernswert fand er das schon, drei Meter zu fallen, auf einem eher wackligen Tisch zu landen und dann sofort einen Angriff abzublocken... STOPP irgendwie hatte er jetzt den Faden völlig verloren. Was dachte er hier gerade? Und überhaupt wie war sie hier rein gekommen?

„Ah, wieder anwesend? Bist du zwischendurch eigentlich mal auf die Idee gekommen, dass er (dabei deutete sie neben sich auf Tino) tatsächlich nicht derjenige, welcher, ist“, fragend sah sie zu ihm hinab.

Stumm schüttelte er den Kopf und kletterte wieder vom Tisch. „Wieso sollte ich? Er sieht haargenau so aus und...“

Und schon wieder wurde er unterbrochen.

„Sorry, aber hinsehen musst du wohl noch lernen“, schnell machte sie eine abwehrende Geste als er widersprechen wollte, „Können wir das vielleicht in einer ruhigen Ecke ohne Zuschauer ausdiskutieren?“ Dabei sah sie zu Tino nicht zu ihm, also galt die Frage wohl nicht ihm.

Florian versuchte, sich wieder zu beruhigen, damit er nicht wieder im Zorn auf jemanden einschlug. Auch dieses Gefühl von verraten worden sein, versuchte er zu ignorieren. Er hörte zu wie sich die beiden anderen einigten und folgte ihnen schließlich in einen Raum, an dessen Tür ein Schild „Privat“ verkündete. War wohl der Umkleideraum vom Personal - wieso auch immer Tino einen Schlüssel dazu hatte?

Kaum hatte Sarah die Tür hinter sich geschlossen, fuhr Florian sie an: „Wieso behauptest du er wäre nicht der selbe?“ Deutlich klang das Wort Verräter mit durch.

Ein wenig verwundert, wieso er sich nicht mal die Mühe gemacht hatte, noch einmal hinzusehen, fing sie an aufzuzählen: „Du hattest ihn beschrieben. Brillenträger. Glaubst du wirklich, jemand würde in einer Disco eine Brille tragen und in einer anderen Kontaktlinsen? Sieh dir die Kleidung an, ganz anderer Stil. Und die Hautfarbe. Solariumbräune in einem Ton, den man definitiv nicht in nur anderthalb Wochen bekommt.“

„Aber wer sonst?“ Doch Florians Worte gingen unter. Denn auch Tino wollte endlich wissen, was das ganze sollte.

„Sie sind Tino und haben einen Zwillingsbruder namens Daniel“, fing sie an, zumindest erst mal einem eine Antwort zu geben.

„Eher andersrum. Aber hey, Lady, woher wollen sie das wissen?“ Misstrauisch ging Daniel auf Abstand und beäugte die Tür, vor der sie stand.

Leise seufzte sie auf und fing an zu erklären. Zuerst erzählte sie, dass sie bis vor vierzehn Jahren in der Humangenetik an der Uniklinik als wissenschaftliche Mitarbeiterin gearbeitet hatte, dass einer der letzten Fälle, die sie bearbeitet hatte, ein zehnjähriger Allagille-Patient[1] gewesen sei, bei dem auch die erweiterte Familie zu einer Untersuchung bereit war. Dazu gehörte auch ein fast fünfjähriges Zwillingspärchen.

Die DNA-Analyse hatte ergeben, dass sie höchstwahrscheinlich eineiige Zwillinge waren, die die gleiche genetische Konstellation aufwiesen wie ihr Patient, aber gesund waren und deswegen besonders interessant für die Forschung. Doch die Eltern hatten abgelehnt. Sehr zum Bedauern ihres Chefs, woraufhin sie ziemlich heftige Diskussionen hatten. Reichte es nicht, dass auch die Mutter leichte Symptome zeigte, musste man die Familie dann so sehr bedrängen?

Mit den Worten „Ich glaube, dass sie einer der beiden Zwillinge sind“ schloss sie ihre Erklärungen. Dabei ließ sie Florian die ganze Zeit über nicht aus den Augen, atmete erleichtert auf, als dieser endlich begriffen hatte, dass es für ihn immer noch eine Hoffnung gab, seinen Zwilling wieder zu treffen.

Daniel nickte nur zu der Erklärung und fragte erstaunlich ruhig: „Und das heute, gerade eben?“

Da Florian immer noch keine Anstalten machte, mit irgendeinem der Anwesenden reden zu wollen, ergriff wieder Sarah das Wort: „Er hat letzte Woche Freitag in dieser anderen Disco ihren Bruder getroffen und sich verliebt. Ich weiß nicht genau, was vorgefallen ist, aber so wie er sich verhält, glaube ich, dass er etwas getan hat, was er jetzt, seit etwa einer Woche schon, bereut.“ Mit einem entschuldigenden Schulterzucken ging sie über diese unklare Vermutung hinweg.

„Er war verwirrt, weil er sich zum ersten Mal verliebt hat. Ich glaube, er hat vorher nie wirklich darüber nachgedacht. Und gerade eben? Er hat sie für ihn gehalten. War enttäuscht über ihr Nicht-Erkennen, wütend auf die eigene Hoffnung. Sie haben Benjamin wieder erkannt und gleich wieder verletzt. Dann haben sie vielleicht auch eine Idee, was dieser und ein anderer Freund von mir ihm über sie erzählt haben könnten.“ Abwartend blickte sie in die Runde, wenigstens jetzt könnte Florian mal wieder für sich selbst den Mund aufmachen.

„Na, dann kann ich ja wieder gehen, wo das Missverständnis geklärt ist“, warf Daniel sarkastisch dazwischen und ging Richtung Tür. Er hatte es schließlich nicht nötig, sich von Fremden Vorhaltungen zu seinem Lebensstil machen zu lassen. Doch Sarah legte ihre Hand gegen die Tür, so dass sie nicht zu öffnen war.

„Falls sie jemals an die Liebe geglaubt haben und wie sehr sie einen schmerzen kann, sollten sie noch einen Moment hier bleiben.“ Auffordernd blickte sie ihn an. Woraufhin er schulterzuckend einen Schritt zurücktrat und somit deutlich machte, dass er sich noch einen Einwand anhören würde.

Doch immer noch schwieg Florian. ‚Ist ja wie im Kindergarten!’, murrte Sarah still vor sich hin. „Nun, ich wäre ihnen sehr dankbar, wenn sie ihm die Möglichkeit geben würden mit ihrem Bruder zu reden oder sich zu treffen, oder falls dieser es ablehnt: dass er es ihm selber sagt.“

Doch auch Daniel hatte endlich die Nase voll, seit gut einer Woche hockte nämlich auch sein kleiner Bruder völlig deprimiert zu Hause, ging nicht mehr aus, ließ sein Training sausen und verriet kein Wort und dann so was, noch dazu wegen so einem Grünschnabel.

Man, sollte der Kindergarten doch machen, was er wollte. Er zückte sein Handy und rief bei ihm an: „Tino, komm her. Ich habe da einen kleinen, niedlichen, blonden und blauäugigen Flo aufgegabelt. Er will unbedingt mit dir reden. Meinst du, ich kann ihn überzeugen, es mal mit mir zu versuchen?“

Geschickt wechselte er dabei seine Stimmlage von befehlend zu lasziv säuselnd, schließlich sollte sein Bruderherz glauben, dass er es ernst meinte. Er hörte sich nur kurz dessen Aufbrausen an und lachte dann ein „Ich warte zwanzig Minuten, dann fang ich an“ in den Hörer und legte auf.

Ein wenig irritiert über den Umgangston, der zwischen den Geschwistern zu herrschen schien, hob Sarah eine Augenbraue und wartete auf eine Erklärung. Doch Daniel ignorierte sie und wandte sich an Florian: „Er wird etwas länger brauchen. Wenn du dich benimmst, kommt doch wieder mit zum Tisch.“ Mit diesen Worten verließ er endgültig ohne sich umzusehen den Raum.

Florian wollte schon eine aufbrausende Bemerkung hinterherschicken, ließ es aber bei einem Blick auf Sarah sein. Diese fing nämlich an auf ihn ein zu reden, kaum dass die Tür ins Schloss gefallen war.

Schon nach wenigen Sätzen unterbrach er sie einfach: „Meinst du wirklich, dass der Idiot eine Entschuldigung verdient hat?“ Verneinendes Kopfschütteln und ein Grinsen bestätigten seine Meinung.

Mehr oder weniger zufrieden mit der Situation verließen beide den Umkleideraum, „nicht dass noch jemand auf dumme Gedanken kommt“ war Sarahs grinsender Kommentar.

Wieder in der eigentlichen Disco suchten sie sich einen noch freien Platz in der Nähe von Daniel, ohne sich wirklich dazu zu setzen. Wenig später war auch Benjamin dazugekommen und nach einem obligatorischen, nicht so Ernst gemeinten Rüffel von Sarah an ihn, einfach so ihren Schutzbefohlenen in solch ein Etablissement zu entführen, unterhielten die drei sich prächtig.

Keine zwanzig Minuten später klappte bei Benjamin der Mund auf und er riss die Augen weit auf vor Erstaunen. Mit einem spöttischen „ah, Ankunft des Zwillings und du hast nicht dran geglaubt“ drehte sich Sarah um, um gerade noch beobachten zu können, wie schon wieder jemand Daniel an die Gurgel gehen wollte.

Doch diesmal musste sie ihn nicht retten. Daniel schien seinem Bruder gerade klar gemacht zu haben, wo er die gesuchte Person finden konnte, denn der zweite Zwilling drehte sich um und kam langsam und ein wenig unsicher auf sie zu.

Und nun gab es auch für Florian kein Halten mehr. Er drängelte sich an ihr vorbei und stürmte Tino regelrecht entgegen, nur um dann ziemlich abrupt vor ihm stehen zu bleiben. Irgendwie waren alle guten Vorsätze verschwunden. Er wusste nicht mehr, was er noch vor fünf Minuten alles hatte sagen wollen. Ein wenig verlegen und schüchtern blickte er zu Tino auf und verlor sich wieder in seinen blauen Augen.

Schade eigentlich, dass Sarah wohl doch noch die Geduld verloren hatte. Nachdem sie sich von Benjamin verabschiedet hatte, tippte sie ihm auf die Schulter und wollte wissen, ob man den Rest nach draußen verlagern könne. Traurig nickte Florian bloß und folgte ihr. Glücklicherweise hatte er ohne nachzudenken nach Tinos Hand gegriffen und zog ihn ebenfalls hinter sich her.

Viel zu kurz war der Weg und er wollte gar nicht hören, dass er sich nun doch schon wieder von Tino verabschieden sollte, weil er mit heim sollte.

So entging ihm auch, dass Sarah ihn kopfschüttelnd musterte und Tino fragte, ob er in irgendeiner Weise an der Entstehung des schlechten Rufes seines Bruders beteiligt war. Ihm entging auch die verwundert klingende Antwort, dass er wahrscheinlich Schuld an seinem Verhalten sei, es aber weder unterstützen noch ausnutzen würde, und dass es wahrscheinlich dessen Rache war, meistens seinen Namen zu benutzen.

Florian schreckte erst wieder aus seinen düsteren Vorstellungen auf, als Sarah ihn erneut anstupste. Als sie sicher war, dass er sie hören würde, meinte sie nur lächelnd: „Keine Bange, ich nehm’ dich jetzt nicht mit. Nur reden musst du dann endlich mal selbst, okay?“ Überrascht konnte Florian nur nicken, hatte er doch gerade eben noch verzweifelt überlegt, ob Tino vielleicht mitkommen könnte, wenn sie auf nach-Hause-gehen bestehen würde.

„Na, dann. Wenn irgendwas ist und ich dich irgendwo abholen soll, ruf einfach an. Ansonsten denk dran, dass bei euch, in der Schule, morgen Tag-der-offenen-Tür ist und du hin sollst.“ Und mit einem Zwinkern an Tino gerichtet fügte sie noch ein „Denk dran, er ist noch nicht sechzehn“ hinzu, bevor sie endgültig verschwand.

Mit einem sehr kreativen „Häh“ starrte ihr Florian verwundert hinterher. Da aber Tino leise lachte, drehte er sich zu ihm um. Weil er aber keine Erklärung bekam, fragte er noch mal unter Androhung einer Kitzelattacke, nur damit Tino einen guten Grund zum Kichern hätte, nach.

Allerdings konnte er mit dem Hinweis auf das Jugendschutzgesetz nicht viel anfangen und starrte immer noch völlig verwirrt auf Tino.

Dieser begann dann doch etwas ausführlicher zu erklären: „Na ja, sie meinte doch, du solltest selber reden. Und trotzdem hat sie es dir ein bisschen abgenommen. Wenn sie glaubt, mich daran erinnern zu müssen, dass ich mich unter Umständen strafbar mache, wenn... wenn ich mit dir...“ Bei den letzten Worten wurde er sogar rot und schien nicht weiter zu wissen, wie er es denn nun am unverfänglichsten ausdrücken könnte. Aber Florian hatte immer noch nicht begriffen, also nickte er diesen Fakt erst mal ab und sah weiterhin fragend zu ihm hoch.

Erleichtert, dass er den Gesetzestext nicht weiter ausbreiten musste, fuhr Tino fort: „Tja, also... sie scheint zu glauben, dass du Interesse an einer Beziehung hättest und... ähm...“ Verlegen und sich eigentlich doch nicht mehr so sicher seiend brach Tino ab und sah auf seinen kleinen Engel hinunter.

Diesmal wurde Florian rot, als ihm die Implikationen von Tinos Erklärung bewusst wurden. Nach einer Weile hatte er sich aber wieder gefangen: „Ich wollte mich entschuldigen und dir erklären, dass du mich verwirrt hast, ich nicht wusste, was mit mir los war und alles war so neu... .“ Wieder wusste er nicht weiter.

Aber Tino schien zu verstehen, was er ihm alles sagen wollte, auch ohne die richtigen Worte zu finden. Er ließ seine Hand los und zog ihn langsam in eine Umarmung. Leise flüsterte er in sein Ohr: „Ich habe mich in dich verliebt. Tut mir Leid, dass ich dich so verwirrt habe. Wenn du möchtest, lass uns einfach von vorn anfangen und du sagst mir einfach, wenn ich...“ Tino unterbrach sich, denn Florian regte sich. Allerdings schienen ihm glücklicherweise weder die Worte noch die Umarmung unangenehm zu sein, denn er reckte sich empor und zog Tino ein Stück herab und küsste ihn.

Wohlig schnurrte Tino ein bisschen, umarmte Florian ein wenig fester und ließ sanft seine Zunge über dessen Lippen wandern. 



Lösung III


Seit fast anderthalb Monaten waren sie jetzt zusammen. Es war schon merkwürdig mit ihnen gewesen, und eigentlich konnte Tino nur froh sein, dass die zeitweilige Ersatzmutter von seinem kleinen Engel so viel Verständnis für sie gehabt hatte. So richtig bewusst wurde ihm das erst jetzt. Eigentlich hatten sie ihre gesamte freie Zeit miteinander verbracht. Doch jetzt...

Seit einer Woche schon wohnte sein Engel wieder bei seinen Eltern. Ja, sie hatten sich getroffen in dieser Zeit, aber erst zweimal und immer nur für kurze Zeit, nicht wie sonst halbe Tage. Er vermisste ihn.



Vor anderthalb Monaten hatten sie sich das erste Mal getroffen. Es war Zufall gewesen. Seine Kollegen hatten ihn zu einem gemeinsamen Ausflug überredet, der spontan von einer Kneipe in den ‚Turm’ verlegt worden war. Und dann hatte Thorsten einen Streit mit seiner Freundin gehabt, der irgendwie allen die Stimmung verhagelt hatte. Ihre Runde hatte sich ziemlich schnell wieder aufgelöst. Eigentlich hatte auch er gleich gehen wollen.

Doch dann war sein Blick bei ihm hängen geblieben. Völlig in der Musik versunken, die Welt um sich herum vollständig ausgeblendet, tanzte er mitten auf der Tanzfläche. Er war geblieben und hatte ihn heimlich weiter beobachtet.

Dann war sein Engel völlig verschreckt, suchend durch die gesamte Disco gerannt. Er hatte ihn angesprochen, nur damit dieser nicht mehr so ängstlich drein sah. Eigentlich versprach der Abend noch wunderschön zu werden. Sie hatten eine Ewigkeit miteinander geschwatzt und er war nicht müde geworden ihn anzusehen. Jedes Mal erwärmte es sein Herz, wenn Tino ihn zum Lächeln bringen konnte. Und dann hatte er sogar einem gemeinsamen Tanz zugestimmt. Er war sogar geblieben, als der DJ einen Schmusesong aufgelegt hatte.

Doch danach hatte er wohl alles falsch gemacht. Statt sich einfach nur mit einem Lächeln für den gemeinsamen Tanz zu bedanken, hatte er ihn geküsst. Er konnte zusehen, wie sich der Schreck in seinem Gesicht ausbreitete und wohl auch so was wie Wut und Zorn. Im gleichen Moment hatte Florian ihn von sich gestoßen.

Tino war nicht geblieben, um sich das darauf folgende Gezeter an zu hören. Das hatte sein Stolz nicht zu gelassen, sich erst zu verlieben und dann sich von dieser Liebe beschimpfen zu lassen. Nein, schnell hatte er sich abgewandt und war in der Menge der Tanzenden verschwunden.

Wie hätte er auch ahnen sollen, dass es falsch gewesen war? Dass er seinen Engel einfach nur völlig überrascht hatte? Und diesem wohl auch nicht so richtig klar gewesen war, was mit ihm und seinen Gefühlen passiert war. Dabei hatte er seine Körpersprache für eindeutig gehalten. Tja, so konnte man sich irren.

Die Woche danach hatte Tino erfolgreich verdrängt. Aber wenn sein Zustand sogar seinem absolut egozentrischen Bruder aufgefallen war, musste es wohl schlimm gewesen sein. Aber erzählt hatte er ihm trotzdem nichts.

Das nächste, woran er sich wieder klar und deutlich erinnern konnte, war der Anruf seines Bruders gewesen: „... kleinen, niedlichen und blauäugigen Flo aufgegabelt. Er will unbedingt mit dir reden. Meinst du, ich kann ihn überzeugen es mal mit mir zu versuchen?“

Der Schreck war groß gewesen, erst recht die Angst, sein kleiner, wunderschöner Engel könnte ein weiteres Opfer von Daniel werden. So schnell, wie an diesem Abend, war er noch nie gefahren. Er hatte den Weg sogar in den angekündigten zwanzig Minuten geschafft.

Auf dem Heimweg hatte er fast doppelt so lange gebraucht. Dafür war er aber auch in sehr angenehmer Gesellschaft gewesen, hatte an jeder roten Ampel Küsse mit ihm getauscht, völlig überrumpelt, dass sein Engel tatsächlich nach ihm gesucht hatte. Und dabei wohl ziemlich erfolgreich gewesen war.

Nur das mit dem Reden war etwas komplizierter geworden. Immer wieder hatte dieser seine Erklärung unterbrochen, entweder um seine niedlichen, roten Wangen zu verstecken oder um sich einfach so noch näher an ihn zu schmiegen.

Dafür wusste Tino allerdings auch am Ende dieses Abends mehr als ihm lieb war. Dass Ingolf seinen Sohn trotz dessen Verwirrung rausgeschmissen hatte, verstand er immer noch nicht. Dafür konnte er das Chaos in Florian gut nachvollziehen.

Erst rausgeschmissen, dann zurückbeordert, oder auch nicht.

Es hatte wirklich einen Monat gedauert, ehe Ingolf sich entschuldigt hatte und seinen Sohn bat, zurückzukommen, ihm versprach seine Meinung zu überdenken oder wenigstens für sich zu behalten. Wobei er das wahrscheinlich nur sagte, um wieder Frieden mit seiner Frau zu schließen.

Dass Florian die Chance ergriffen hatte, war auch verständlich. Er konnte schließlich nicht ewig bei der Freundin seiner Mutter wohnen. Und dass er bei ihm nicht einziehen wollte, war auch vorherzusehen. Allerdings hatte er es ihm auch nie angeboten, wusste er doch, wie sehr sich sein kleiner Engel nach seinem Zuhause, seiner Familie sehnte.

Und das hatten sie nun davon: die ganze letzte Woche hatten sie sich gerade einmal sechs Stunden gesehen, zwei unter Aufsicht. Und das Schlimmste: am nächsten Wochenende, Ostern, an dem sie endlich mal wieder mehr Zeit für einander hätten, sollte sein Engel in trauter Familienidylle verreisen. Was ihn viel mehr bekümmerte, war die Zerrissenheit mit der Florian vorhin am Telefon davon berichtet hatte. So verzweifelt, da sie sich nicht sehen könnten, aber auch voller Hoffnung, dass das Verhältnis zu seinem Vater wieder zu kitten war. Schließlich musste man seinem Seilpartner[2] eine Menge Vertrauen entgegen bringen. Wozu auch immer?

Also hatte er ihn getröstet. Ihm bestätigt, dass die Beziehung zu seinem Vater wichtig war, dass das Osterwochenende doch nur vier Tage dauerte und man sich ja gleich am Dienstag Vormittag treffen könnte, schließlich waren Ferien und er, Tino, könne ja auch mal frei nehmen.

Danach hatte er sich völlig deprimiert in sein Zimmer zurückgezogen und Daniel die Tür direkt vor der Nase zugeschlagen, als dieser neugierig wissen wollte, was nun schon wieder los sei. So langsam fing er an, ihre Entscheidung, vorerst zusammen zu wohnen, zu bereuen.

Tino musste wohl mehrere Stunden vor sich hin lamentiert haben, dass fünf Tage doch eine Ewigkeit waren, und es wohl die Zeit danach so weitergehen würde, nur kurze Treffen, meist in Gesellschaft der Familie. Nicht wirklich das, was er sich gewünscht hätte.

Denn es war schon lange dunkel, als Daniel erneut gegen seine Tür hämmerte. Da er ihn auch mit deutlich wütendem Knurren nicht vertreiben konnte, musste er ihn wohl oder übel herein lassen.

Umso überraschter war er, als dieser ihm bloß das Telefon in die Hand drückte und kommentarlos wieder verschwand. Ein Kichern war von diesem zu vernehmen, zusammen mit dem alles erklärenden Kommentar: „Jetzt habe ich vermutlich den richtigen Zwilling am Hörer.“

Immer noch irritiert knurrte er ein „kommt darauf an, welchen sie sprechen wollten“ in den Apparat. Kurzzeitig stieg seine Verwirrung noch an, als ihm die Anruferin sagte, dass Florian ihm wohl die Hiobsbotschaft schon verkündet hätte. Im Gegenzug wurde ihm so langsam klar, wen er da am anderen Ende hatte: Sarah, die Ersatzmama seines Engels.

Blieb die Frage, was sie jetzt noch wollte. Aber nicht lange. Zwar ein bisschen umständlich und nicht wirklich in erkennbar logischer Reihenfolge schlug sie ihm vor, doch sie und ihre Familie Ostern zu begleiten. Er müsse zwar so tun, als ob er am Klettern interessiert wäre, damit Ingolf nicht schon am ersten Abend ausrasten würde, dafür hätte er aber Florians Gesellschaft, wenigstens morgens und abends. Und wahrscheinlich nicht nur ein Kind zu hüten, so zwischendurch für 'ne Stunde oder so.

Am Ende hatte er lachend zugestimmt. Sarah würde ihn mitnehmen auf das traditionelle Ostern-Vereinswochenende und er würde dafür nicht nur Florian um sich haben, sondern wirklich mal zwischendurch den Babysitter spielen. Auch wenn er nicht so wirklich glaubte, dann mit mehr als den zwei Rackern von ihr da zu stehen.

Wie sehr er sich geirrt hatte, konnte er wirklich nicht ahnen. Doch zuerst sah alles noch ganz vernünftig aus.

Frank kuckte zwar etwas verwirrt, als er Donnerstagabend in seinem Auto nicht nur Frau und Kinder sitzen hatte, sondern auch Tino mitfuhr. Er war aber dann ganz glücklich, das Steuer abgeben zu können, als er merkte, dass er doch zu müde zum Fahren wurde.

Es war bereits kurz vor Mitternacht, als sie im Kirnitzschtal der Sächsischen Schweiz ankamen. Doch sie schienen erwartet worden zu sein. Frank und Sarah hatten gerade ihre zwei schlafenden Söhne aus den Kindersitzen befreit, als auch schon drei junge Leute aus der Hütte traten. Zwei davon griffen ganz selbstverständlich nach den Gepäckstücken und halfen somit beim Einzug.

Der dritte dagegen war nur sprachlos stehen geblieben. Doch als die anderen sechs erst einmal im Haus verschwunden waren, stürzte er sich freudestrahlend auf Tino. „Du? Hier?“, konnte er seine Überraschung allerdings nicht ganz verbergen.

Glücklich, ihn wieder zu sehen, schloss dieser grinsend seinen Engel in seine Arme. Ein paar Küsse später bekamen beide ihre Erklärung. Florian erfuhr, dass Sarah Tino eingeladen hatte, und dieser bekam unbekannter Weise schon mal erklärt, wer schon alles da war und im speziellen, wer die beiden Helfer waren – Lars und Erik.

Wenig später fanden sie sich auch in der Hüttenstube wieder, in kleinen Grüppchen schwatzend. Okay, Tino saß nur still daneben und lauschte. Und ganz nebenbei versuchte er noch herauszufinden, wer hier zu wem gehörte und wo genau nun er seinen Schlafsack ausrollen durfte.

Zumindest ersteres gestaltete sich ziemlich schwierig, da wohl Teile von vier oder fünf Familien da waren oder noch erwartet wurden und mehrere Leute Freunde mitgebracht hatten.

Nun, letzteres dagegen klärte sich ziemlich schnell. Es gab nur drei Schlafräume, für jeweils acht bis zehn Leute und die bereits anwesenden kleineren Kinder mussten getrennt werden mit jeweils einem Elternteil dazu. Und irgendwie war es ihnen sogar gelungen, in dem Zimmer ohne Kleinkinder und ohne Erwachsene zu landen. Sie konnten sogar ihre Schlafsäcke nebeneinander ausrollen. Allerdings nicht ohne spöttischen Kommentar von Erik, der sofort von Lars gebremst wurde. Schließlich hatte sich Erik mit seiner Freundin allein in die zweite Etage des doppelstöckigen Matratzenlagers verkrümelt und noch vor wenigen Stunden unaussprechliche Qualen angedroht, sollten sie dort Gesellschaft erhalten.

Tino und Florian konnten der Balgerei zwischen den Brüdern nur grinsend zusehen. Jeder Einwurf, egal ob ernst oder als Scherz gemeint, wurde ignoriert.

Allerdings dauerte diese auch nicht sehr lange. Sie waren wohl alle müde und legten sich schlafen. Unbemerkt von den anderen, so hoffte er wenigstens, rückte Tino ein wenig dichter zu seinem Engel. Wenigstens kuscheln sollte doch möglich sein, jetzt wo alle endlich schliefen und keiner mehr dumme Kommentare werfen konnte.

Am nächsten Morgen wurden sie ziemlich zeitig geweckt, so gegen halb acht Uhr waren wohl nicht nur Arne und Björn kreischend und putzmunter unterwegs. Allerdings brauchten sie dann doch noch gute zwei Stunden ehe alle gefrühstückt hatten, abgesprochen war, wer mit wem wohin gehen würde, wer klettern, wer wandern. Es war lustig zu beobachten, wie Sarah versuchte, ihren Mann heimlich darauf aufmerksam zu machen, dass sie und somit wohl auch Tino mit Ingolf und Familie mit wollten. Lars und Erik schlossen sich an und meinten, sie würden ihrem Vater noch Bescheid geben, der erst später an diesem Tag ankommen würde.

Als sie weitere zwei Stunden später an ihrem Zielgebiet ankamen, ging irgendwie alles ziemlich schnell. Zuerst verschwanden Lars und Erik mit einem Seil hinter irgendeiner Ecke, dann verkündete Florian, dass er sich ihnen anschließen wollte. Während dessen verstreuten Arne und Björn ihr Sandspielzeug in einem weiten Umkreis und stritten mal wieder, wem denn nun welche Schippe gehören würde. Dabei wurden sie von ihren Eltern völlig ignoriert, die sich ebenfalls Gurt und Schuhe anzogen und los wollten. Zum Schluss stand Tino mit den zwei Rackern alleine da. Ingolf war mit Kathrin und Anita losgezogen, während Eriks Freundin Marie sich Sarah und Frank angeschlossen hatte.

Zugegeben, ein wenig verwirrt war er schon. Aber zum Nachdenken kam er nicht, denn keine fünf Minuten später, kam Arne und wollte etwas zu trinken haben. Kaum hatten sie eine Flasche Wasser gefunden, verkündete Björn, dass er Hunger habe. Jetzt, wo die zwei nicht mehr rumkrakeelten, konnte man auch fast vernünftig mit ihnen reden. So erfuhr er, dass das immer so ablief, wenn sie auf der Mühle übernachteten. Und er bemerkte auch nicht, wie die Zeit verging.

Etwa eine dreiviertel Stunde später kam Florian zurück, ein bisschen zerschrammt und leicht erhitzt von seinem leider erfolglosen Unternehmen. Ganz so gut wie die Geschwister war er wohl immer noch nicht.

So ein einfaches Vergnügen schien das wohl doch nicht zu sein. Aber das Angebot, die Kinder zu hüten, damit Tino es auch mal versuchen könne, lehnte dieser ab. Viel lieber zog er seinen kleinen Engel in seine Arme, genoss die Nähe und dass wohl zumindest für ein Weilchen keiner zurückkäme.

Dass sie gleich von mehreren Seiten beobachtet wurden, konnten sie nicht wissen. Lars wich schnell von der Kante ihres Gipfels zurück, ein wenig wehmütig war ihm schon zumute. Hatte ihr Kleiner sich scheinbar doch endlich für jemanden entschieden und er selbst keine Chance mehr. Und außerdem musste er Erik nicht wirklich darauf aufmerksam machen. Das gab nur wieder spöttische Kommentare.

Tja, und auf der anderen Seite lugte jemand neugierig ins Tal, vollkommen verwundert, dass ihre zwei Rabauken so lange still und friedlich gewesen waren. Aber auch Sarah zog sich schnell und leise zurück, Ingolf würde es noch früh genug erfahren.

So vergingen der erste und auch der zweite Klettertag. Die Seilschaften veränderten sich, jeder hatte mal ein Auge auf die Kleinsten und auch Tino wurde in die Handhabung von Seil, Gurten und wenigstens zwei Knoten eingewiesen und musste sich doch noch an dem einen oder anderen leichteren Weg versuchen.

Am Ostersonntag änderte sich das Programm. Lars und Erik zogen alleine los, während ihr Grüppchen den Aufbruch immer wieder verzögerte. Endlich, eine gute halbe Stunde nach den Geschwistern, waren alle abmarschbereit.

Ziemlich schnell war klar, dass sie wohl doch alle das gleiche Ziel hatten, denn unterwegs fanden sie immer wieder kleine Osternester für Anita, Arne, Björn und Florian. In einem war sogar ein Zettel, Florian solle den Inhalt fair teilen mit seinem Schatz. Verwirrt blickten die zwei auf die Erwachsenen. Sie bekamen auch ein verschmitztes Zwinkern von Kathrin, aber keine Erklärung, da die Erwachsenen den drei Kleinsten erst einmal klar machen mussten, dass in den Nestern nicht umsonst Namen standen und diese demzufolge nicht einfach den Findern gehörten.

Also, spielten Lars und Erik wohl gemeinsam Osterhase. Und trotzdem mussten sie sich ein paar nette Kommentare gefallen lassen. Von wegen so zeitig aufgebrochen und noch keinen Weg geklettert, noch nicht mal irgendwo ein Seil eingehängt.

Auch sonst schien so einiges anders zu sein und diverse, komische Wettstreits anzustehen. Im Gegensatz zu sonst, wetteiferten die Männer nicht darum, wer denn nun den schwierigsten Weg klettern könnte, sondern sie dachten sich andere Spiele aus: Wer konnte die meisten Schokoeier in seinem Weg für den oder die Nachsteiger verstecken? Demzufolge gab es auch keine festen Seilschaften. Wer jemanden gesichert hatte, durfte ihm nicht nachsteigen, wäre ja zu einfach die ganzen Ostereier wieder zu finden.

Das musste auch Tino einsehen, der plötzlich Ingolf sichern sollte und keine Ahnung hatte, wie. Der guckte zwar ein wenig ungläubig, entschied sich dann aber für die einfachste Art und drückte Tino einen Krikri[3] in die Hand, nachdem er das Seil bereits eingelegt hatte. Einfach nur Seil ausgeben und im Fall der Fälle das freie Ende nicht loslassen, war seine einzige Erklärung, dann kletterte er auch schon los.

Dummerweise war er wohl doch mehr mit dem Verstecken der Eier beschäftigt, als genau darauf zu achten, wo er denn seine Füße hinstellte.

Mit Entsetzen musste Tino erkennen, dass Ingolf wegrutschte und sich auch nicht mehr mit seinen Händen halten konnte. Wie auch, hatte er doch bereits das nächste Schokoei hervor gekramt? Dummerweise befand er sich nur ein paar Meter über einem Block und seine letzte Sicherung war zu tief. Er würde wohl auf diesem aufschlagen.

Doch dazu kam es nicht. Florian hatte aufgepasst, wusste er doch, dass Tino so gar keine Ahnung, geschweige denn irgendeine Erfahrung diesbezüglich hatte. Deswegen hatte er sich direkt neben ihn gestellt und die Kletterei seines Vaters aufmerksam verfolgt. Lieber verzichtete er auf ein paar Ostereier, als Tino hierbei allein zu lassen.

Keine Sekunde später fand dieser sich auf dem Rücken liegend und Florian auf sich wieder. Verwirrt starrte er ihn an. Doch Florian hatte kein Auge für ihn. Erschrocken blickte er nur Richtung Wand. Erst so nach und nach stellte sich Erleichterung ein, als er erkannte, dass Ingolf sicher im Seil hing und schon wieder rum zappelte, er wolle sich endlich wieder hinstellen und nicht wie die Kirsche im Baum rumhängen. Schon wieder grinsend, rappelte sich Florian auf und rief nach oben: „Moment noch, wir stellen erst mal Tino wieder auf seine Füße. Pass auf!“

Gleich nach seinen letzten Worten reichte er Tino eine Hand und zog ihn wieder hoch. Immer noch geschockt, musste Tino feststellen, dass Ingolf dadurch sich weiter dem Boden näherte, aber sich glücklicherweise an den Block erinnerte und diesen umging.

„Willst du weiter oder lieber erst mal runter?“, fragte Florian seinen Vater als nächstes. Ein eher genuscheltes „runter“ war die Antwort und zeigte somit, dass auch Ingolf diesen Sturz nicht auf die leichte Schulter nahm und noch darüber nachdachte.

Jetzt erst schien Florian zu bemerken, dass sein Schatz immer noch kalkweiß im Gesicht war und das andere Ende des Seiles nach wie vor krampfhaft festhielt. Zusammen ließen sie Ingolf wieder ab. Danach schnappte sich Florian seinen Schatz und zerrte ihn in eine ruhige, vor Blicken geschützte Ecke. Er hatte bemerkt, dass dieser zwar alles getan hatte, was er ihm sagte, aber so wirklich wahrgenommen hatte er nichts.

Also drückte er ihn auf eine Decke, kuschelte sich an ihn und redete auf ihn ein. Es sei ja nichts passiert, sie hatten seinen Vater vor Schlimmerem bewahrt…

Es dauerte ein paar Minuten, bis Tino wieder zu sich kam. Als erstes umschlang er Florian und zog ihn, so das überhaupt ging, noch näher an sich. Dann vergrub er sein Gesicht in dessen Haaren und holte tief Luft. Er begann viele kleine Küsschen auf Florians Hals zu verteilen. Dabei versuchte er sein Zittern zu unterdrücken. Der Schock über das Geschehene ließ sich wohl doch nicht so schnell vertreiben.

Aber er ließ sich von Florian erklären, was denn nun eigentlich passiert sei. Dieser meinte bloß, dass er nur den Abstand zur Wand vergrößern wollte, damit der Seilweg länger wurde und somit Ingolfs Sturz hoffentlich über dem Block endete und nicht auf ihm. „Und du hast super reagiert, Schatz. Du hast das Seil festgehalten, nicht losgelassen. Obwohl ich dich so überraschend geschubst habe. Na ja, bevor du gestürzt bist, hast du noch ein paar große Schritte gemacht. Hat offensichtlich gereicht.“

Danach schmusten sie wieder miteinander. Keiner schien bereit den anderen loszulassen. Sie umarmten sich und küssten einander und, was sie wohl am meisten überraschte, es kam keiner und störte sie. So versanken sie vollkommen in ihrer eigenen kleinen Welt, in der nur noch sie beide existierten. Es gab nichts und niemanden, nur den anderen, ihre Küsse, ihr Streicheln, die Wärme des anderen und das Gefühl nicht allein zu sein, egal was kommt.

Als sie ihre Umgebung wieder wahrnahmen, war es schon deutlich später. So wie es aussah, würde die Sonne wohl bereits in einer Stunde untergehen. Erstaunlicher Weise war es ganz ruhig, fast so, als ob keiner weiter hier wäre. Also, klaubten sie die Decke vom Boden auf und packten ihre Sachen zusammen. Wie bereits vermutet, waren die anderen schon fort, hatten aber neben Tinos Rucksack einen Zettel zurückgelassen.

Anderthalb Stunden später hatten sie den Heimweg geschafft. Sie waren größtenteils Händchen haltend nebeneinander her gegangen, nur den ersten Teil des Weges, den Kletterpfad, der sehr schmal und manchmal auch sehr steil war nicht. Und auch das ständige Küsschen austauschen hatte ihren Gang wohl nicht beschleunigt, wie Erik später grinsend feststellte.

Nun, die anderen hatten bereits gegrillt und auch schon gegessen. Florians Mutter war gerade mit Anita duschen, Arne, Björn und die zwei anderen, für Tino immer noch unbekannten kleinen Mädchen bereits im Bett, und der größte Teil vom Rest hatte sich bereits nach drinnen verzogen. Der Frühling war noch jung und es wurde ganz schön schnell kalt, sobald die Sonne verschwunden war. Nur Frank und Ingolf saßen noch auf dem Freisitz und schwatzten.

Trotzdem brachte Lars schnell zwei Portionen vom aufgehobenen Abendbrot, zusammen mit einer Kanne heißen Tees raus. Mit Frank brachte er dann auch gleich noch das restliche, dreckige Geschirr hinein, welches wohl vom ersten Durchgang immer noch dastand. Nicht ohne vorher noch um Hilfe zu flehen, da er da drinnen sonst gnadenlos eingehen würde beim Spielen, er bräuchte dringend Unterstützung. Grinsend versprach Frank in seinem Team auszuhelfen.

Hungrig machten sich Tino und Florian über ihr Abendbrot her. Dabei warfen sie immer wieder unruhige Blicke zu Ingolf, der einfach geblieben war und bisher noch keinen Kommentar abgegeben hatte. Weder dazu, dass sie Händchen haltend eingetroffen waren, noch dazu, dass sie eigentlich viel zu nah nebeneinander saßen und sich somit gegenseitig ein bisschen beim Essen behinderten.

Dieser musste lächeln, als er die Blicke bemerkte und ein wenig zwickte ihn das schlechte Gewissen, schließlich war es sein Verhalten gewesen, dass sie so, ja fast, ängstlich sein ließ.

„Können wir reden?“, fragte er schließlich und beruhigte sich selbst, als er das zaghafte Nicken seines Sohnes sah.

Tino erhob sich einfach, nachdem er Florian ungesehen beruhigend über den Rücken gestreichelt hatte. „Ich geh dann mal“, meinte er dazu und konnte doch nur hoffen, dass jetzt keine Strafpredigt wegen was auch immer über seinem kleinen Engel hereinbrechen würde.

Doch er hatte noch nicht einmal seinen noch halbvollen Teller gegriffen, als Ingolf ihn schon aufhielt. „Nein, bleib. Es betrifft dich schließlich auch.“

Verwundert schauten sich Tino und Florian an, dann mehr oder weniger besorgt auf Ingolf. Was würde jetzt wohl kommen? Würde er Florian doch noch verbieten wollen, sich mit Tino zu treffen? Würde er Tino sogar auffordern, heute noch zu verschwinden?

Umso überraschter waren sie über Ingolfs nächste Worte. „Ich wollte mich noch bei euch bedanken für heute Nachmittag, und auch entschuldigen, wegen…“

Das gab’s ja nicht! Der sonst so selbstsichere und sture Mann vor ihnen schien unsicher, ja fast verlegen zu sein.

Dafür begann er dann aber nach einem Moment des Schweigens und sich Sammelns zu erklären. Er hätte nachgedacht, wegen seines Sturzes, er hätte ja genügend Zeit gehabt, die anderen hatten ihn einfach nicht mehr klettern lassen heute.

Sein Gewissen hätte auf ihn eingeredet, er könne doch unmöglich seinen Rettern den Umgang miteinander verbieten. Und zu allem Überfluss hatte Sarah ihn auch noch gefragt, was denn nun genau dagegen spräche, wenn Florian mit Tino und keiner Tina glücklich werden wollte.

„Nun, ihr habe ich nicht geantwortet, doch du solltest es wissen. Vielleicht verstehst du ja meine Rektion. Auch wenn ich mittlerweile einsehe, dass sie falsch war.“

Und er erzählte von seiner ersten, großen Liebe. Wie sie sich kennen gelernt hatten, dass sie nur ein paar Treffen gebraucht hatten, um miteinander im Bett zu landen. Und dass der andere ihn danach rausgeschmissen hatte, ihn nicht wieder sehen wollte. Um es kurz zu machen, war dieser jemand wohl wie Daniel gewesen.

Noch nie hätte Ingolf jemanden kennen gelernt, bei dem die Beziehung mit einem Mann gehalten hätte. Alle, die er kannte, hatten sich eher früher als später getrennt oder von vornherein auf one night stands verlegt. Und diese Erfahrungen wollte er seinem Sohn ersparen. Oder er musste verhindern, dass dieser genauso wurde, was noch schlimmer gewesen wäre.

Entschuldigend zuckte Ingolf mit den Schultern. Besser konnte er das nicht erklären, und so sicher, dass das alle Gründe für seine Reaktion waren, war er sich nicht.

Immer noch ungläubig starrte Tino auf Ingolf. Hätte der das nicht gleich sagen können? Okay, gegen dessen Vermutungen konnte Tino nichts vorbringen, und ob Ingolf einem Versprechen, Florian nicht verletzten zu wollen, Glauben schenken würde, wäre auch fraglich gewesen. Aber ihn deswegen auf die Straße zu setzen? Immer noch unvorstellbar!

Auch Florian war nur ungläubig zusammen gezuckt. Einen Grund, rausgeworfen zu werden, hatte er in Ingolfs Erklärung nicht erkannt, aber Eltern musste man nicht verstehen.

Und was hieß hier 'keine glücklichen Beziehungen'? Was war denn bitteschön mit Robert und Mark? Ein mindestens fünfjähriger Zufall, oder was? Und Benjamin? Der hatte doch dasselbe durch mit Daniel, und trotzdem hatte dieser ihm geholfen, ihm gezeigt, wo er ihn finden könnte.

Beide wurden in ihren Gedankengängen unterbrochen. Ingolf redete einfach weiter, obwohl er keine Antwort auf seine Erklärung bekommen hatte. Er sei sich sicher, dass sie ihn wohl nicht verstehen würden, jedenfalls nicht gleich heute.

Und er hatte noch etwas eingesehen. Er hatte jemanden abgelehnt, ohne ihn zu kennen, hatte sich ein Urteil erlaubt, ohne auch nur die Person, die es betraf, kennen lernen zu wollen. Da sich das jetzt zwangsläufig geändert hatte, müsste er auch seine Meinung revidieren. Tino war mit hergekommen, ohne allzu große Chancen auf ruhige Zweisamkeit mit Florian und mit kaum vorhandenem Interesse am Klettern, nur um bei seinem Engel sein zu können. Tino war anders als Ingolf es befürchtet hatte.

„Ich werde wohl noch eine Weile brauchen, ehe ich eure Beziehung einfach so akzeptieren kann. Aber ich werde nichts mehr sagen, euch nicht drein reden, egal wann und wie lange ihr euch trefft.“ Tief musste er Luft holen. Er hatte alles gesagt, was er loswerden wollte. Ob die beiden ihm verziehen, würde die Zeit zeigen.

Dass es die richtige Entscheidung war, zeigte ihm das Strahlen auf Florians Gesicht. Da aber keiner der beiden zu wissen schien, was sie auf seine Erläuterungen erwidern sollten, nickte er ihnen einfach zu und ging hinein.

Nach einer langen Umarmung und mehreren Küssen, die irgendwie so gar nicht beruhigend wirkten, folgten ihm die zwei in die Spielhölle und gesellten sich zu den anderen.

Ihnen allen war bewusst, dass sie wohl noch eine Weile brauchen würden, bis sie wie früher miteinander umgingen. Bis Ingolf auch Tino in seine Familie integrieren könnte. Aber das unerträgliche Misstrauen bei jedem Gespräch war verschwunden. Florian war sich sicher, dass Ingolf diesmal meinte, was er gesagt hatte. Dass Florian nie wieder befürchten musste, so zusammen geschrieen zu werden, wie vor diesen elendlangen, quälenden sechs Wochen.


Ende




1) - Allagille-Syndrom: benannt nach dem französischen Arzt, der die Krankheit als erstes beschrieben hatte. Genetisch bedingte Entwicklungsstörung mit hoher Variabilität der Symptome (Stärke der Symptome und Zusammenstellung). Meist sind Leber, Herz und Niere betroffen, bis hin zu völligem Funktionsverlust. Wenn alle Symptome stark auftreten, werden die betroffenen Kinder nicht sehr alt (<< 10 Jahre). Sind nur wenige oder schwache Symptome vorhanden, können die Patienten ein „normales“ Leben führen, häufig ohne dass jemals eine entsprechende Diagnose erstellt wird. 

2) - ehe hier falsche Ideen aufkommen ;)
ein Seilpartner ist derjenige, der einen beim Klettern sichert. Man vertraut ihm oder ihr quasi das eigene Leben an, vor allem als Vorsteiger und wenn man am eigenen Schwierigkeitslimit klettert 

3) - Sicherungsgerät, welches den Seillauf in eine Richtung gestattet und in die andere blockiert. Erst Seil einlegen, dann zuklappen und am Gurt einhängen.