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Winterzeit

Original [abgeschlossen]

keine Warnungen




Winterzeit

Tief in Gedanken versunken stand Stefan am Fenster. Nahm die Schneeflocken nicht einmal wahr, die sacht an das Glas klopften. Viel zu tief war seine eigene kleine Welt abgetaucht. Hatte sich in ihr verloren.
Christian. 

Alles drehte sich immer bloß um Christian. Um diesen einen jungen Mann der sein Leben auf den Kopf gestellt hatte. Der mit nur einem Blick alles verändert hatte. Nichts in seinem leben war mehr so wie früher. Es hatten nur ein paar nette Worte gereicht und er war diesem Fremden verfallen gewesen. Wie hatte das bloß passieren können?
Ausgerechnet ihm? Ihm, der doch seine Freundin geliebt hatte?
Warum hatte Christian auch in ihrer Firma anfangen müssen? Es war eine Reihe von Fragen auf die er keine Antwort wusste.
Nur zu gut erinnerte er sich an ihre erste Begegnung.
Es war vor einen Jahr auf der Firmenweihnachtsfeier gewesen. Vorher hatte er den jungen Mann mit diesem unwiderstehlichen Lächeln noch nie gesehen. Es hatte sich schnell herausgestellt das Christian in der Firma neu war und gerade auf einer Baustelle auf Rügen arbeitete. Genau so das es ihm dort nicht gefiel. 

Die zwei jungen Männer hatten schnell Freundschaft geschlossen und sich unterhalten. Vorher hatte es Stefan jedoch einige Anstrengung gekostet dem Neuling Hallo zu sagen. Viel zu sehr war er von dem Anblick geblendet gewesen.
Das unsichere Lächeln als Reiner ihm ein Glas anbot. Wie seine Blicke durch den Saal wanderten, als suche er jemanden. Die ganzen Erscheinung Christians hatte ihm den Atem geraubt. Schon allein dessen Bewegungen. Oder seine Kleidung.
Seine Beine steckten in einer engen, blauen Jeans. Der Oberkörper wurde von einer hellen Strickjacke bedeckt.
"Hallo. Ich bin Stefan. Möchtest du dich mit zu uns setzen?," stellte sich der Schwarzhaarige vor und lächelte.
Unendlich tiefe blaue Augen wandte sich ihm zu und der Fremde schenkte ihm ein zaghaftes lächeln. Das war zu süß.
Stefan musste schlucken als sich die blauen Diamanten auf ihn richteten. Sie waren so unendlich klar und rein. Atemberaubend.
"Hallo. Ich bin Christian. Gerne. Ich hoffe es stört die anderen nicht," entgegnete Christian mit Blick in die Richtung des Tisches.
Stefan folgte dem Blick. Dann schüttelte er den Kopf.
"Warum sollte es sie stören? Komm setz dich."
Die Worte waren leise. Deuteten von unterdrücktem Eifer. 

Mit einem Grinsen, schüttelte Christian den Kopf und folgte seiner neuen Bekanntschaft.
An dem kleinen Tisch wurde er herzlichst empfangen und ließ sich neben Stefan nieder. Dieser umklammerte sein Glas um sich zur Ruhe zu zwingen. Das war doch einfach nicht normal. Nur dieser eine Blick hatte ihn völlig aus der Fassung gebracht. Hatte es geschafft das sein Herz raste, wie schon lange nicht mehr.
War es Einbildung, oder konnte er Christians Körperwärme spüren? War es sein Parfum was so gut roch? Hatte der Blondschopf ihn angelächelt?
Verdattert über seine eigene Gedanken, nahm er einen großen Schluck. Dachte er könnte sie hinfort spülen. Aber es brachte nichts.
Aus den Augenwinkeln beobachte er Christian, der sich mit Sascha unterhielt. Der einzige am Tisch, den er kannte.
Irgendwann erhob sich Sascha und meinte, das er mal kurz so Martin gucken wollte. 

Stefan warf einen Blick in sein leeres Glas und bestellte sich etwas neues zu trinken. Dann wandte er sich an Christian.
"Wie lange arbeitest du schon bei uns? Bis jetzt habe ich dich noch nie gesehen," wollte der Schwarzhaarige wissen.
"Noch nicht sehr lange. Erst seit zwei Monaten. Es war echt Zufall das ich den Job bekommen habe. Mehr Glück als Verstand würde ich behaupten wollen," antworte er mit einem Grinsen.
Den ganzen Abend unterhielten sich die beiden. Plauderten über dies und das. Am Ende tranken sie sogar Brüderschaft.
Es war für Stefan unnatürlich das er sich auf Anhieb mit jemanden verstand. Mit diesem jemand über alles reden konnte. Das er eine solche Vertrauensbasis aufbauen konnte. Zwar war Stefan kein Kind von Traurigkeit, aber er hatte nie etwas über Vertrauen gelernt und es fiel ihm sehr schwer dies aufzubauen. Aber bei Christian schien das anders.
Spät in der Nacht tauschten die jungen Männer Telefonnummern aus und das Versprechen sich auch mal wieder Privat zu treffen. 

Es hatte mehr als ein halbes Jahr gedauert bis Stefan verstanden hatte, was an Christian so besonders war und warum er sich zu ihm hingezogen fühlte.
Mittlerweile waren sie sehr gute Freunde geworden und trafen sich in unregelmäßigen Abständen am Wochenende. Außer sie waren zusammen auf Montage.
Eine Tatsache die Stefan immer wieder aufs neue seine ganze Selbstbeherrschung abverlangte. Schon so oft hatten sie ein Zimmer, ein Bett geteilt.
In den ersten Nächten hatte der Schwarzhaarige keine Minuten geschlafen. Viel lieber hatte er den gleichmäßigen Atemzügen neben sich gelauscht. Sie waren so beruhigt gewesen. Aber sie hatten auch eine Sehnsucht in ihm geweckt.
Zugern hätte er seine Finger ausgestreckt und das wunderschöne Gesicht berührt. Wäre hauchzart darüber geglitten. Hätte den ganzen Körper erkundet. Die weiche Haut gespürt.
Verlangen. 

Unendliches Verlangen raste durch seinen Körper. Breitete sich immer wieder aus.
Viel zu oft hatte er sich auf die Lippen gebissen um nicht aufzustöhnen. Oder er war Nachts aufgewacht aus einem seiner feuchten Träume.
Es war verrückt.
Einfach nur Verrückt. Er war ein Mann und Christian auch. Wie konnte er nur so etwas empfinden? Konnte für einen anderen Mann solche Gefühle haben?
Ihre Begegnungen waren für Stefan Freude und Schmerz zugleich. 

Seine Freundin Conny, hatte diese Eskapaden nicht lange mitgemacht und war gegangen. Etwas was Stefan im Grunde ganz recht war. Zwar liebte er sie, aber es tat ihm weh sie zu belügen. Das hatte Conny einfach nicht verdient.
Leise aufseufzend legte Stefan eine Hand an die kalte Scheibe.
Es war fast ein Jahr her, das sie sich das erste Mal begegnet waren. Danach war so viel passiert. Hatte sich so vieles verändert.
Kurz schloss der junge Mann die Augen, dann schnappte er sich sein Handy und wählte. Eine Kurzschlussreaktion.
Am anderen Ende knackte es und dann hörte er Christians angenehme, weiche Stimme. Sein Herz machte einen leichten Hüpfen. 

"Hey. Ich wollte fragen ob du Lust auf einen Glühwein hast. Ich wollte nicht allein daraus in den Schnee," meinte Stefan.
Die Augen geschlossen, betete er das Christian Ja sagen würde.
"Du willst mich also betrunken machen? Klar komme ich mit. Ich war grad bei meinen Eltern. Ungefähr in zehn Minuten bin ich bei dir. Bis gleich." 

Damit war die Verbindung beendet.
Stefan starrte das Telefon an. Am liebten hätte er vor Freude laut aufgeschrieen. Aber ihm blieb keine Zeit.
Mit einem Blick zum Fenster und eine Grinsen begab er sich in sein Schlafzimmer.
Klar waren die Gefühle anwesend und sie würden auch dableiben. Aber er genoss die Nähe und die Wärme die Christian ihm schenkte. Es tat ihm unglaublich gut.
Zwar liebte er diesen jungen Mann, so war er doch Abhängig von dessen Freundschaft. Einer Freundschaft die ihm Kraft gab.
Er hatte jemanden dem er vertrauen konnte und der ihm zu hörte.
Nur das allein zählte. 


~~~~~ OWARI ~~~~~