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Live-Rollenspiel mit Folgen - Teil 1

I.

„Aargh!“ Stöhnend fasste sich Niclas an den schmerzenden Kopf und versuchte sich aufzurichten. Was war nur passiert? Und wieso lag er auf dem Boden?

„Er kommt zu sich“, drang da eine weibliche Stimme an sein Ohr.

„Na, wird ja auch langsam mal Zeit“, brummelte eine zweite, tiefere und offensichtlich männliche Stimme.

Vorsichtig öffnete Niclas die Augen und sah sich drei merkwürdig gekleideten Gestalten gegenüber. Schlagartig fiel ihm alles wieder ein: Wie sein bester Freund Thilo ihn dazu überredet hatte, mit zu diesem Live-Rollenspiel zu kommen, damit er auf andere Gedanken käme und nicht ständig an seinen Ex, Stefan, dächte. Was an sich schon vollkommener Blödsinn war, schließlich hatte Niclas mit Stefan Schluss gemacht und nicht umgekehrt und außerdem hatte er diesen Entschluss keine Sekunde lang bereut. Dass er nicht gleich wieder auf die Piste gegangen war, um sich schnellstmöglich einen neuen Freund oder – wie Thilo es so charmant ausgedrückt hatte – wenigstens was fürs Bett zu suchen, hatte schlicht daran gelegen, dass Niclas sich ein wenig Zeit lassen wollte, um nicht gleich auf den erstbesten Typen reinzufallen, bloß um der Welt irgendwas zu beweisen. Das hatte er in seinem Bekanntenkreis einfach zu oft gesehen, und auch wenn gegen Dummheit noch kein Kraut gewachsen war, konnte er doch zumindest den Versuch starten, etwas aus den Fehlern seiner Freunde zu lernen.

Er erinnerte sich auch wieder daran, wie sein bester Freund ihn dann überredet hatte, sich für dieses Wochenende in die Gewandung eines Zwergs zu werfen. Was angesichts seiner Körpergröße von über 1,90m mehr als lächerlich war, aber laut Thilo lag genau darin der Reiz. Vermutlich war Niclas einfach nicht Rollenspieler genug, um ebenfalls diesen Reiz zu erkennen.

Und dann zu guter Letzt, wie ein paar wichtigtuerische Rollenspieler auf sie zugekommen waren, behauptet hatten, sie wären von einer magischen Gilde und würden sie jetzt der Prüfung mit dem Pendel der Wahrheit unterziehen. Pendel der Wahrheit – was für eine idiotische Idee! Für Niclas hatte dieses Pendel eher wie ein glattgeschliffener Flaschenboden ausgesehen, wie man ihn manchmal an Steinstränden fand, umwickelt mit etwas Lederkordel, damit es auch pendeln konnte. Aber Thilo hatte nur gelacht und den Unfug mitgemacht, weshalb Annicka – Thilos neueste Eroberung – auch gelacht hatte und ihm, Niclas, nichts anderes übrig geblieben war, als gottergeben mit den Augen zu rollen und das Ganze über sich ergehen zu lassen. Nur, dass ihm mitten während der Beschwörung – unverständliches Gebrabbel ohne Sinn und Verstand – speiübel geworden war, er in den nahegelegenen Wald gestürzt war, um sich dort zu übergeben und dann bewusstlos zusammengebrochen war, bloß um jetzt von drei Menschen angestarrt zu werden, die allesamt nicht wie Thilo oder Annicka aussahen. Wobei einer dieser Menschen angesichts der langen spitzen Ohren wohl einen Elben darstellen sollte. Oder einen Kurzohrhasen. Jedoch war letztere Spezies bei klassischen Rollenspieler eher unterrepräsentiert, weshalb Elb wohl wahrscheinlicher war.

Eben dieser Elb drängte sich nun dergestalt in Niclas Blickfeld, dass er es spontan vorzog, den Rückzug anzutreten und sich wieder hinzulegen, nur um etwas freier atmen zu können.

„Hallo, mein Schöner! Endlich wieder unter den Lebenden?“, wurde Niclas auf eine Art angeflötet, dass sich ihm beinahe die Zehennägel aufrollten. „Ich bin Hugo, und wer bist du?“

Hugo? So tuntig wie dieser Elb sprach, hätte Niclas eher auf Detlef mit dem weichen D getippt, erweitert um ein schnuckeliges ‚omér’ um elbischer zu klingen. Okay, Detlefomér klang nicht gerade nach einem tollen Elbennamen, aber man konnte ja schließlich nicht alles haben, oder?

„Niclas der Zwerg“, gab Niclas zur Antwort, war er sich doch nur allzu bewusst, dass auch die anderen beiden dieses merkwürdigen Trios darauf harrten, seinen Namen zu erfahren. „Und obendrein, wie es scheint, von meinem besten Freund im Stich gelassen. Ihr wisst nicht zufällig, wo der wohledle Ritter Thilo mit seiner ach so holden Annicka abgeblieben ist?“ Bei der Erwähnung seiner treulosen Gefährten, die sich scheinbar aus dem Staub gemacht hatten, troff seine Stimme nur so vor Sarkasmus.

Der Brummbär, welcher neben dem einzig weiblichen Mitglied der Truppe gestanden hatte, zog bei Niclas Antwort skeptisch die Augenbrauen nach oben und ließ den Blick über dessen lange Beine gleiten. „Du sollst ein Zwerg sein?“

„Klar, oder warum sonst, glaubst du, trage ich diese Dinger?“, entgegnete Niclas spöttisch und deutete auf seine Knieschoner, die er sonst beim Inliner fahren trug. „Und glaub mir, auf Knien kann man wirklich keine großen Schritte machen.“ Um seinen Punkt zusätzlich noch zu unterstreichen setzte er sich auf, schob Hugo beiseite und demonstrierte umständlich die Schrittweite eines auf Knien laufenden 1,90m großen Zwergs.

„Hey, soll das heißen, dass du die untere Hälfte deiner Beine nur hast, damit du einen besseren Stand hast und nicht so leicht von einem Gegner umgestoßen werden kannst? Wirklich clever!“, mischte sich da die junge Frau ein, deren Stimme Niclas als allererstes beim Aufwachen vernommen hatte.

Irritiert wandte er seinen Blick zu ihr, musterte sie von unten bis oben und stand dann ein wenig ächzend vom Boden auf. Zu seiner vollen Größer aufgerichtet, überragte er sie um Haupteslänge. „Nein, für gewöhnlich laufe ich nicht auf meinen Knien, sondern wie jeder normale Mensch auf meinen beiden Füßen“, erklärte er, sichtlich um Geduld ringend.

„Aber eben hast du doch noch behauptet ein Zwerg zu sein“, kam es arglos zurück.

Niclas schloss die Augen, zählte in Gedanken bis fünf, um sich nicht über diese offenkundige Blödheit aufzuregen und schwieg einfach. Das war nun wirklich keine Antwort wert. Aber gut, vermutlich trug diese Dame ihre linke und ihre rechte Gehirnhälfte nicht dort, wo jeder normale Mensch sie trug – sicher unter der Schädeldecke verwahrt und dort jederzeit einsatzbereit – sondern als Bestandteil des mächtigen Vorbaus, den sie hatte, und der allein schon beim Hinsehen Kreuzschmerzen verursachte.

„Also schön, nachdem wir nun alle wissen, wer ich bin, und dass dieser Kurzohrhase da drüben Hugo heißt, wer seid ihr zwei?“, wollte Niclas schließlich wissen und ignorierte mit herrlicher Gleichgültigkeit das Gezeter des Elben, dass er kein Kurzohrhase sein, sondern eben ein Elb.

„Ich bin Brangelina, eine der fünf magischen Schwestern vom Orden des göttlichen Morgentaus auf sternförmigem Klee in der Dämmerung des Spätherbstes“, stellte sich die Frau vor, posierte gekonnt mit ihrem langen Magierstecken und warf dabei lässig ihr langes, goldblondes Haar über die Schulter.

Niclas konnte sich nur mit Mühe ein Lachen verkneifen, erinnerte ihn das Ganze doch – mit Ausnahme des Namens – stark an eine Hörspielreihe, die in den unendlichen Weiten des WWWs kursierte. Dort hatten die übrigen Mitstreiter diesen ganzen Magiertitelfirlefanz einfach auf ein allumfassendes ‚Uschi’ zusammengekürzt.

Als sich ihm aber der letzte im Bunde mit einem brüsken „Romeo, Krieger“, vorstellte, war alles zu spät. „Romeo, o Romeo! Es war die Nachtigall und nicht die Lerche!” Und mit einem glucksenden Lachen ging Niclas zu Boden und hielt sich den Bauch.

„Alles klar, der ist hinüber“, kam es knapp und verächtlich von dem Krieger. „Brangelina, sieh zu, dass du den da zum Funktionieren bringst oder uns einen neuen Zwerg besorgst, du weißt, ohne einen Zwerg können wir leider nicht losziehen.“

„Och, Romeo, Süßer, nun sei doch nicht gleich so eingeschnappt“, säuselte der Elb um besagtes Gruppenmitglied herum. „Sicher hat er nur auf den ersten Blick erkannt, was für ein furchtgebietender und schlagkräftiger Recke du bist und wie lächerlich es von welchem Feind auch immer ist, sich dir in den Weg zu stellen.“ Dabei fuhr er dem Krieger verführerisch über die Brust, oder besser gesagt, er versuchte es, denn Romeo wich vor Hugo zurück wie vor einem Aussätzigen.

„Bleib mir bloß vom Leib“, grollte er, wandte sich dann Niclas zu, der aussah als würde er gleich wieder loslachen und blaffte: „Und du verrate mir, was an meinem Namen so komisch ist!“

Was so komisch an diesem Namen war? Ungläubig starrte Niclas den gut gebauten Mann an. In gewisser Weise konnte er verstehen, dass Hugo so um den Krieger herumtänzelte, auch wenn dieser ein klein wenig homophob wirkte. „Romeo? Romeo und Julia? Shakespeare? Doch horch, was schimmert durch das Fenster dort? Es ist die Sonne und Julia ist der Ost? Klingelt da was?“

„Nein, noch nie was von gehört. Aber soll das heißen, dass du in die Zukunft sehen kannst und weißt, dass die Prinzessin, die wir retten sollen, wollen und werden, und die sich dann unsterblich in mich verliebt, Julia heißt?“ Noch immer argwöhnisch, nun aber auch ein wenig neugierig starrte Romeo Niclas an.

Fassungslos erwiderte Niclas den Blick. Ein Mensch, der noch nie etwas von der angeblich romantischsten, aber mit Sicherheit bekanntesten Liebesgeschichte in der Literatur gehört hatte? Und Romeo sah nicht so aus, als käme er aus dem tiefsten Urwald wohin die westliche Zivilisation bislang noch nicht vorgedrungen war. Außerdem, was sollte das Gefasel von Prinzessin retten und sich unsterblich verlieben und so? Gut, eine Prinzessin in Not zu retten, konnte sich Niclas ja noch als Motto für ein Rollenspielwochenende vorstellen, aber Romeo schien es ernst zu meinen, wenn er davon sprach, dass sich besagte Prinzessin in ihn verlieben sollte. Aber vielleicht... vielleicht war die Rollenspielerin, die an diesem Wochenende die Prinzessin mimte, seine Verlobte oder so. Konnte ja sein. Doch dann hätte dieser Krieger aber bestimmt schon von Shakespeare gehört. Und wo, verdammt noch mal, waren Thilo und Annicka?

Suchend blickte sich Niclas um und erst jetzt erkannte er, dass die Gegend ganz anders aussah als rund um die Burg, wo das Rollenspiel stattfand. Und auch von der Burg war weit und breit nichts zu sehen. „Wo. Bin. Ich?“, fragte Niclas mühsam beherrscht.

„In Mhetáriddel natürlich, wo sonst?“, ließ sich nun wieder die Magierin vernehmen.

„Deutschland?“, fragte Niclas zurück.

„Nie von gehört“, brummte Romeo.

„Hab ich mir schon fast gedacht“, murmelte Niclas sarkastisch, während er versuchte, das Ganze logisch anzugehen. Wenn er nicht mehr in Deutschland war, war er woanders. Mhetáriddel, wenn er Brangelina richtig verstanden hatte. Nur, wie war er hierher gekommen? Als er diese Frage laut stellte, erntete er betretenes Schweigen.

„Ich warte...“ Niclas verschränkte die Arme vor der Brust, richtete sich zu seiner vollen Größe auf, so dass noch nicht einmal der Krieger ihn niederstarren konnte und ließ seine beste Mürrischer-Zaubertrank-Professor-Imitation heraushängen.

Es war schließlich Hugo, der mit der Sprache rausrückte. „Also, unser stattlicher, feuriger Hengst von Krieger hat von einer Prinzessin gehört, die von einem gar finsteren Drachen bewacht wird und als der noble Recke, der er ist, hielt er es für seine Pflicht, ihr zur Hilfe zu eilen. Doch leider hat der Drache eine Bedingung gestellt: Nur ein klassischer Heldentrupp darf dieses Unterfangen wagen. Und ein klassischer Heldentrupp besteht nun mal aus einem Krieger, einem Magier, einem Elben und einen Zwerg. Bedauerlicherweise sind aber die Zwerge in Mhetáriddel ausgestorben. Deshalb kam Brangelina auf die Idee mittels einer alten Beschwörung, einen Zwerg aus einem anderen Land herbeizurufen. Und das hat ja offenkundig geklappt.“

Niclas schloss gepeinigt die Augen. So wie es aussah, hatte Brangelinas komische Zauberformel den polierten Flaschenboden dieser durchgeknallten Rollenspielmagier aufgespürt und ihn, Niclas, nach Mhetáriddel transportiert. So etwas konnte ja auch nur ihm passieren. Er wusste schon, warum er alles andere als begeistert von der Idee gewesen war, mit Thilo zu diesem dämlichen Live-Rollenspiel zu gehen. „Warum ausgerechnet ich? Warum konnte diesen schrägen Vögeln nicht bitte der Krieger fehlen? Thilo wäre bestimmt begeistert gewesen“, grummelte er vor sich hin. Etwas lauter fuhr er fort: „Lasst mich raten, die Beschwörungsformel von Brangelina sieht doch bestimmt in irgendeinem Nebensatz vor, dass ich erst dann wieder zurück kann, wenn wir diese Prinzessin – wo auch immer sie gerade steckt – befreit haben, ehe sie der Drache für sein persönliches Barbeque zu Spareribs verarbeitet?“

Abermals betretenes Schweigen.

„Ihr habt doch einen Rückfahrschein für mich, oder?“, fragte Niclas mit einem bedrohlichen Knurren in der Stimme nach.

„O Romeo, der Süße kann beinahe so schön knurren wie du, mein Schöner“, sagte Hugo wenig produktiv.

Doch der Krieger ignorierte den Elben ein weiteres Mal – scheinbar eines seiner bevorzugten Hobbys, wie Niclas in einem Anflug von Humor feststellte – und sagte stattdessen: „Also gut, ich schlage dir einen Handel vor: Du hilfst uns die Prinzessin zu befreien und hinterher werden wir uns alle darum kümmern, dass du wieder nach Hause kannst.“

Niclas dachte einen Moment lang darüber nach. „Ich nehme mal an, dass es euch nicht davon überzeugt, mir gleich bei der Suche nach einem Rückweg zu helfen, wenn ich euch sage, dass ich gar kein richtiger Zwerg bin, sondern nur ein Mensch, der sich für ein Rollenspiel als solcher ausgibt?“

„Das Beschwörungsritual hat dich als Zwerg erkannt, also bist du in den Augen der alten Regeln von Mhetáriddel Zwerg genug, um die Kriterien für unsere Prinzessinnenmission zu erfüllen“, mischte sich nun Brangelina ein.

„Deshalb also erst die Prinzessin, dann dein Heimweg“, stellte Romeo klar.

Noch immer alles andere als erfreut über die Situation, blieb Niclas aber nichts weiter übrig als diesem Handel zuzustimmen.