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Geld oder Liebe - Teil 2 bis 3

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„Hey, Mory, sollst du auch zum Chef kommen?“, fragte Frank ein wenig erstaunt, als er im Vorzimmer von Doktor Berengers Büro auf seinen Kollegen traf, der dort in einem der bequemen Sessel saß. Es war ein paar Tage her, dass er seinen Professor um die Beurteilung gebeten hatte und eigentlich hatte er gedacht, dass er die abholen sollte.

„Ja, Herr Gallaun, sie sollen beide zu Professor Berenger kommen“, bestätigte Frau Norbaum, dessen Sekretärin, ihm und gab ihm, genauso wie Mory, eine Tasse Kaffee. „Er hat gerade noch ein Telefonat, aber dann können sie zu ihm.“

Weil ihm vorausgegriffen wurde und er um seine Antwort herum kam, hob Mory nur unwissend die Handflächen und zuckte die Schultern. Ehe er gestern nach Hause gegangen war, hatte der Stationsarzt ihn noch einmal auf dem Parkplatz abgefangen und ihn für heute um neun um ein kurzes Treffen gebeten, es ginge um die Beurteilungen. Mehr hatte er nicht verlauten lassen. Also war Mory genau so ahnungslos wie Frank auch, der noch immer etwas irritiert im Raum stand. „Komm, setz dich. Dauert sicher noch.“

„Hmm…“, machte Frank nur und setzte sich neben Mory. Was hatte das nur zu bedeuten? Es war ungewöhnlich, dass sie beide zum Chef mussten. „Weißt du was Näheres? Ich hatte nur einen Zettel in meinem Fach, dass ich herkommen soll, aber sonst nichts weiter. Ich dachte, ich sollte meine Beurteilung abholen, aber dann wärst du wohl nicht dabei.“ Frank trank einen Schluck von seinem Kaffee und schloss genießend die Augen. Er wusste nicht, wie Bäumchen – wie sie die Sekretärin des Professors heimlich nannten - das machte, aber ihr Kaffee schmeckte immer wunderbar.

„Japp“, murmelte Mory, „hatte ich eigentlich auch gedacht, dass ich mir meinen Zettel hole und mich dann mal bei Guisine in der Personalabteilung blicken lasse, um meine Unterlagen einzureichen. Aber das war's wohl nicht. Mal sehen, was er sich wieder ausgedacht hat.“ Denn für Überraschungen war ihr Chef immer mal zu haben. Wenn ihm Meetingräume nicht zusagten, verlegte er schon mal kurzerhand ein Treffen in die Cafeteria oder lauschte, anstatt der üblichen Mozart-Melodien in seinem OP, auch schon mal ACDC. Man wurde aus dem Mann einfach nicht schlau, vielleicht war es das, was ihn auf seine seltsame Art faszinierend machte.

„Ich habe aber doch das Gefühl, dass es um unsere Bewerbungen geht“, murmelte Frank. „Hast du gehört, ob sich noch jemand außer uns auf den Posten beworben hat?“ Er lümmelte sich in den bequemen Sitz und schloss kurz die Augen. Er war müde, denn die Nachtschicht, die er hinter sich hatte, hatte es in sich gehabt und er war kaum zur Ruhe gekommen. „Hast du nachher noch etwas Zeit und kommst mit in die Kantine? Ich brauche unbedingt etwas zu essen und habe keine Lust, allein dort zu sitzen?“, fragte er Mory und sah ihn bittend an.

„Klar, warum nicht.“ Mory hatte zwar gefrühstückt, weil er von Zuhause gekommen war, aber für einen Pfannkuchen und einen Milchkaffee war immer Platz. Er hatte es sich angewöhnt zu essen, wenn Zeit war, nicht wenn er Hunger hatte. Das brachte der Beruf so mit sich. „Außerdem war ich gestern noch drüben und hab die Kleine aus der Personalabteilung getroffen, die Neue - weißt schon.“ Mory kam gerade nicht auf den Namen der Auszubildenden, aber das war auch egal. „Jedenfalls sagte sie mir, dass die Stelle auch extern ausgeschrieben wurde. Es kann also gut sein, dass auch ein ganz anderer, von Außerhalb, auf den Posten kommt.“

„Das ist ja blöd. Wenn sie nur intern ausgeschrieben wäre, hätte einer von uns wirklich gute Chancen, aber so…“ Frank war ein wenig enttäuscht, denn es gab bestimmt viele hervorragende Ärzte, die sich auf einen Posten in so einer hervorragenden Klinik wie ihrer bewerben würden. „Wahrscheinlich will er uns sagen, dass wir unsere Bewerbungen wohl besser zurückziehen, weil sie einen besseren Externen in Aussicht haben.“

„Glaub ich nicht“, sagte Mory nur. Er ließ sich nicht die Butter vom Brot klauen. Er wusste, was er konnte und er wusste, dass er verdammt gut war. Und sie beide hatten schließlich ein paar Vorteile, die Externe nicht hatten. „Wir kennen die Örtlichkeiten, die Gegebenheiten. Wir kennen die Angestellten und die Patienten. Steck nicht den Kopf in den Sand.“ Mory schlug seinem Mitstreiter auf die Schulter. Frank war ein guter Arzt und bei den Patienten und Kollegen gern gesehen, doch er hatte noch zu wenig Selbstbewusstsein. Das musste sich ändern, wenn er wirklich Leiter werden wollte. „Ab einer bestimmten Mitarbeiterzahl müssen Stellen eben öffentlich bekannt gemacht werden, was noch lange nicht heißt, dass ein Externer sie auch bekommen wird.“

Man sah Franks Gesicht an, dass er nicht ganz überzeugt war, aber er nickte. „Das stimmt schon, aber ich sehe auch, dass wir erst Assistenzärzte sind und das auch noch nicht so lange. Aber egal… rätseln wir nicht über ungelegte Eier. Warten wir erst einmal, was unser Boss uns zu sagen hat.“ Frank trank seine Tasse leer und stellte sie auf das Tischchen, als sich die Gegensprechanlage auf Bäumchens Schreibtisch meldete und erklärte, dass sie die beiden jungen Ärzte jetzt ins Büro lassen könnte.

Und so erhob sie sich, erklärte kurz, dass sie verstanden hätte und geleitete die beiden zur Tür. Kurz klopfte Mory und öffnete als gerufen wurde und so saßen sie keine Minute später auf einer kleinen Sitzgruppe in Professor Berengers Büro und sahen ihn etwas erwartungsvoll an. „Da wären wir, Chef“, erklärte Mory das Augenscheinliche, weil sonst keiner etwas sagte.

„Oh fein, sie sind ja schon da“, murmelte Reiner, der schon wieder in ein paar Unterlagen versunken war und blickte auf. Er hatte mal wieder gar nichts um sich herum mitbekommen. „Bäumchen, könnte ich bitte einen Tee haben“, sprach er noch in die Gegensprechanlage und kam dann zu seinen jungen Assistenzärzten rüber, die ihn angrinsten. Sie hatten gar nicht gewusst, dass der Professor den Spitznamen seiner Sekretärin benutzte.

„Wie ich sehe, sind sie schon neugierig, warum ich sie zu mir gebeten habe“, eröffnete der ältere Mann das Gespräch und sah lächelnd in die Runde. „Wie sie sich denken können, geht es um ihre Bewerbungen…“ Er wurde durch die sich öffnende Tür unterbrochen, als seine Sekretärin ihm den Tee brachte. Sie stellte auch noch eine Kanne auf den Tisch und zwei Tassen. Wenn ihr Chef in der Sitzgruppe saß, was selten passierte, dann dauerte es länger, das wussten auch Frank und Mory.

Es passierte selten, dass der Chef so herum eierte und nicht auf den Punkt kam. Also legte Mory den Kopf schief und fragte mal ins Blaue: „Glauben sie, wir sind noch nicht so weit?“

„Wie… was? Nein… wie kommen sie…?“, stotterte der Professor und sah Frank und Mory irritiert an, dann lächelte er. „Zwei so hervorragende, junge Ärzte, wie sie beide, sind mehr als bereit für einen solchen Posten“, sagte er ernst, hängte dann aber spitzbübisch grinsend an: „Besonders, wenn sie durch meine Schule gegangen sind.“ Er lachte leise, als ihn zwei ziemlich erstaunte Gesichter anblickten.

„Ja, aber warum sind wir dann hier?“, entrutschte es Frank und Reiner lächelte wieder leicht, als er eine leichte Röte im Gesicht des jungen Arztes bemerkte, dem es offensichtlich peinlich war.

„Nicht so ungeduldig“, sagte Reiner nur, mit leichtem Amüsement in seiner Stimme und nahm noch einen Schluck Tee. Die Wärme tat gut und der grüne Tee lockte die Lebensgeister wieder etwas dichter an die Oberfläche. „Genau genommen möchte ich, dass sie bei mir jeder für eine Woche einen Testlauf machen. Ihnen gehört die Station und sie werden alle notwenigen Entscheidungen treffen. Dass sie unter Anleitung gut sind, das weiß ich, aber sind sie auch gut im Anleiten, das ist die Frage.“

„Kein Scherz? Wir sollen jeder eine Woche diese Abteilung übernehmen.“ Frank war nun vollkommen durch den Wind. Er sah zu Mory rüber, der genauso erstaunt wie er selber war. Der Professor nickte und lächelte dann wieder. „Was ich ihnen jetzt sage, muss auf jeden Fall unter uns bleiben. Ich habe die Klinikleitung darüber unterrichtet, dass sie beide sich auf den Posten bewerben würden und dort hat man entschieden, dass einer von ihnen den Posten bekommen soll. Sie haben die Ausschreibung auch nur extern ausgeschrieben, weil sie es mussten. Sie möchten lieber jemanden aus dem eignen Haus. Da sie beide in meiner Abteilung arbeiten, soll ich entscheiden, wer den Posten bekommt.“ Reiner machte eine Pause, damit seine Worte sacken konnten und trank noch einen Schluck Tee. „Sie beide haben die gleiche Qualifikation und das Können im fachlichen Bereich, darum diese etwas ungewöhnliche Methode.“

Wieder wanderte Morys Braue nach oben. Das war wirklich eine ungewohnte Methode, selbst für den Professor. Aber eine Nachricht war doch mal erfreulich: es ging nur um ihn oder um Frank, kein Dritter, kein Auswärtiger. Ein Spiel Mann gegen Mann mit einem hohen und lukrativen Preis. Sein Blick wanderte zu Frank rüber und er musterte ihn, wie er da immer noch etwas fassungslos saß. „Gute Idee, wer fängt an?“, wollte Mory nur wissen und grinste Frank zu, der hoffentlich auch bald wieder zu sich fand, weil er sonst etwas auf verlassenem Posten stand.

Die Frage schien Frank aufzurütteln, denn seine Augen richteten sich ebenfalls auf den Professor. „Tja, wer fängt an?“, murmelte Reiner und runzelte die Stirn, aber dann erhellte sich sein Gesicht. „Machen wir es klassisch. Kopf oder Zahl?“ Er zog eine Münze aus seiner Hosentasche und hielt sie hoch.

Lachend wählte Frank Kopf und schüttelte den Kopf. Doktor Berenger war wirklich immer für eine Überraschung gut. Gespannt verfolgte er den Flug der Münze und nickte Mory zu, als sie offenbarte, dass sein Kollege die erste Chance zur Bewährung hatte.

„Also, Mory, dann übernehmen sie ab nächster Woche diese Abteilung für eine Woche und können mich einmal durch die Gegend scheuchen, denn ich werde ihren Part übernehmen, auch bei Operationen.“

Kurz zögerte der Halbasiat, doch dann nickte er energisch. „Das hört sich sehr gut an.“ Er rieb sich grinsend die Hände und nickte wieder. Er würde schon zeigen, was er konnte. „Wenn ich die Woche hinter mir habe, werden mich die Jungs und Mädels hier nicht mehr weglassen, ich gefährde ja meinen eigenen Aufstieg!“, lachte er, doch jeder wusste, dass es nur ein Scherz war. So gut Mory auch war, sein Chef war und blieb besser, er war einfach eine Koryphäe.

„Oder wir alle sind froh, wenn du endlich weg bist und wir Zeit haben, das, was du verbockt hast, aufzuräumen. Oder besser, du räumst deine Unordnung selber auf und ich richte mir mein neues Büro ein“, lachte Frank und die beiden anderen Männer fielen mit ein.

„Gut so, meine Herren. Es ist schön zu sehen, dass sie noch etwas von Fairness verstehen und diese etwas ungewöhnliche Situation zwar ihren Ehrgeiz anstachelt, aber nicht in unnötiges Konkurrenzdenken gipfelt.“ Der Professor war stolz auf seine jungen Kollegen. „Egal wer von ihnen später das Rennen macht, ich werde ihn schmerzlich in meiner Abteilung vermissen, denn ich verliere einen hervorragenden Mitarbeiter.“

„Ach, Herr Professor“, Mory leerte seine Tasse und lehnte sich noch einmal zurück, „Frank wird mich schon ersetzen können oder meinen Nachfolger anlernen.“ Er zwinkerte seinem Kollegen noch einmal frech zu. „Außerdem wissen sie ja dann, wo ich bin und können immer fragen kommen.“ Ja, Morys Ego war groß, aber sein Sinn für Humor noch größer.

„Gut zu wissen, Mory. Vielleicht komme ich darauf zurück, wenn ich sie verlieren sollte.“ Reiner lachte und sah auf die beiden Männer. Die beiden jungen Ärzte waren so unterschiedlich. Mory war sehr selbstbewusst und sich seiner Wirkung auf die Frauen sehr bewusst, aber er nutzte es nie zu seinem Vorteil aus, zumindest nicht in wirklich wichtigen Dingen. Frank dagegen war etwas zurückhaltender, ließ sich aber nicht übervorteilen. Zudem war er sehr engagiert und machte, soweit er wusste, in einem Programm mit, wo er als Clown verkleidet in den Kinderstationen der Essener Krankenhäuser den jungen Patienten etwas Abwechslung und Spaß brachte.

„Haben sie noch Fragen, Mory, die sie beantwortet haben möchten, bevor sie mein Büro in Beschlag nehmen werden?“

Am Grinsen sah man deutlich, dass der junge Mann noch einen frechen Spruch auf den Lippen hatte, doch er ließ es. Mory befand, dass er für heute sein Limit ausgereizt hatte und der hundertste Witz zum gleichen Thema sicher nicht mehr lustig war. So schüttelte er nur den Kopf. „Nein, ich glaube nicht. Falls doch, werde ich ihnen heute und morgen noch auf die Pelle rücken, sofern ich sie erwische“, erklärte er und sah sich kurz um. So groß war sein Zimmer bei weitem nicht. Es würde Spaß machen, hier zu sitzen, auch wenn das nicht oft passieren würde und wenn, dann warteten Berge von Akten.

„Ach, doch. Wie wird das mit Schriftstücken sein, die wirklich ihrer Unterschrift bedürfen, weil sie nun mal der Leiter der Sektion sind?“

„Das gebe ich in Bäumchens fachkundige Hände. Sie weiß, was ich wirklich persönlich unterschreiben muss und welche Schriftstücke sie als meine Vertretung unterzeichnen können. Sie wird ihnen die Schriftstücke trotzdem vorlegen, damit sie immer über alles im Bilde sind, nur eben mit dem Vermerk, dass ich sie unterschreibe.“ Reiner vertraute seiner Sekretärin da vollkommen und auch, dass sie seine Entscheidung mit dem Rollentausch mittragen würde.

„Gut, dann weiß ich Bescheid“, erklärte Mory und erhob sich. Er hatte noch einen Termin im Labor, er wollte mit dem Laboranten noch etwas durchgehen, weil sie noch zu keinem brauchbaren Ergebnis gekommen waren. Irgendwas haute da nicht hin und sie wollten nun einmal gemeinsam sehen, woran das liegen konnte. „Allerdings müsste ich mich dann verabschieden, wenn soweit nichts mehr anliegt.“

„Aber sicher, gehen sie ruhig. Der Dienst geht immer vor. Wenn mir noch etwas einfällt, was sie wissen sollten, dann gebe ich ihnen Nachricht.“ Reiner nickte seinem Mitarbeiter zu und entließ ihn somit. Frank sah ihm hinterher, bis die Tür sich hinter Mory geschlossen hatte und wandte sich wieder an den Professor.

„Ich werde dann auch wieder gehen. Ich werde nachher Doktor Neuhaber bei einer OP assistieren und muss vorher noch unbedingt etwas essen. Eigentlich hatte ich das ja mit Mory vor, aber ihm ist wohl etwas eingefallen, was wichtiger ist.“

„Nun, ich werde Mory nicht ersetzen können, aber wenn sie mit mir vorlieb nehmen wollen, dann kann auch ich ihnen etwas Gesellschaft leisten. Gegen ein bisschen feste Nahrung hätte mein Magen sicher auch nichts einzuwenden. Fraglich nur, ob er damit auch etwas anfangen kann“, lachte Professor Berenger. Er wusste selber am besten, wie ungesund sein augenblicklicher Lebensstil war und das Instant-Tassensuppen nicht gerade eine ausgewogene Ernährung waren, noch dazu, wenn man nur mit Kaffee auffüllte. Doch er hatte in letzter Zeit wenig Lust nach Hause zu kommen. Dort wartete sowieso nichts und niemand auf ihn und zu allem Übel musste er auch da selber kochen. Oder in ein Restaurant gehen, was ebenfalls nicht so seine Sache war.

„Na klar, warum nicht.“ Schon wieder hatte der Professor es geschafft, Frank zu überraschen. „Wenn ihr Magen rebelliert, kann ich sie ja schon einmal von meinen medizinischen Kenntnissen bei Magenbeschwerden beeindrucken, die ich alle von meiner Mutter habe“, lachte er und zwinkerte dem älteren Mann zu. Bisher hatte er noch nie etwas Privates mit seinem Chef unternommen. Die Vorstellung gefiel ihm sogar, denn er wurde langsam neugierig auf diesen Mann, der sich in den letzten Tagen immer wieder von anderen Seiten gezeigt hatte.

Zwar war es Reiner kaum aufgefallen, dass er sich anders benommen hatte, aber das hatte nicht viel zu bedeuten. Er bemerkte selten, wie er auf andere wirkte, weil er fast immer ein Blatt Papier vor der Nase hatte.





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„Also los, ab Montag werden wir Kollegen sein“, erklärte er und war plötzlich ziemlich zufrieden damit, dass er sich diesen Wettstreit hatte einfallen lassen. Er konnte so jeden etwas besser kennen lernen und musste sich nicht nur auf das beschränken, was in der Personalakte zu finden war. So schlugen sie gemeinsam den Weg zur Cafeteria ein. Schweigend gingen sie und weil Reiner nichts zu lesen dabei hatte und sich langweilte, fragte er: „Nun habe ich sie schon ein paar Jahre, aber ich weiß gar nicht, warum sie eigentlich Mediziner geworden sind.“

„Ich hatte schon immer ein Faible für unterbezahlte Jobs mit reichlich Überstunden und wenig Schlaf“, lachte Frank, wurde aber gleich wieder ernst. „Der Grund warum ich Arzt geworden bin, war mein bester Freund in der Schulzeit. Wir waren unzertrennlich und man nannte uns nur die Unzertrennlichen, weil wir praktisch nie ohne den anderen auftauchten. Kai hatte einen Unfall, als er wieder einmal zu mir unterwegs war. Ein Auto hat ihn überfahren und Fahrerflucht begangen. Es hat ewig gedauert, bis der Notarzt bei ihm war, weil es gerade an dem Tag einen Massenunfall auf der Autobahn gegeben hatte. Er war schon tot, als endlich Hilfe ankam. Ich habe alles mitbekommen, weil ich ihm entgegen gegangen bin und er ist in meinen Armen gestorben. Ich fühlte mich so hilflos, weil ich ihm nicht helfen konnte und habe mir geschworen, dass mir so etwas nie wieder passieren würde.“

„Oh. Das tut mir Leid“, sagte Reiner und sah neben sich. Er musterte Frank und blieb irgendwann stehen. „Es ist immer hart, einen Menschen zu verlieren und es ist noch härter, zusehen zu müssen und nichts tun zu können.“ Reiner hatte ähnliche Geschichten schon öfter von neuen Assistenzärzten gehört. Die meisten hatten entweder den Familienwunsch, dass der Sohn oder die Tochter auch Arzt wurde oder jemand hatte einen lieben Menschen verloren und wollte das nie wieder erleben. „Heute würde ihnen das nicht mehr passieren. Sie sind ein guter Arzt.“ Er schlug Frank auf die Schulter und mahnte sich selber, sich nicht zu sehr mit einem von den beiden anzufreunden, damit er objektiv bleiben konnte für seine Auswahl.

„Ja, es war hart und es hat lange gedauert, bis ich es überwunden hatte.“ Frank seufzte leise und dachte an diese Zeit zurück. Sie waren nicht nur die besten Freunde gewesen, irgendwann hatten sie bemerkt, dass sie mehr füreinander waren. Sie hatten sich ineinander verliebt und Frank hatte so festgestellt, dass er schwul war. Aber das erzählte er seinem Professor nicht, denn er wusste nicht, was der davon hielt, dass einer seiner Ärzte auf Männer stand. Er wurde ein wenig rot bei dem Kompliment, aber es freute ihn ungemein.

„Ich hatte ja auch den besten Lehrer, den man sich wünschen kann“, sagte er ohne nachzudenken und biss sich gleich auf die Lippe, nachdem die Worte seinen Mund verlassen hatten.

„Das… also… das meine ich wirklich so und sage das nicht nur, weil sie den Posten vergeben.“

Ob gewollt oder nicht, er brachte Reiner zum Lachen und der schlug Frank noch mal auf die Schulter. „Ach Junge, wer hört nicht gern Komplimente!“, sagte er nur und tat, als wäre er uralt. „Ich weiß, was ich leiste und ich weiß auch, was sie und ihre Kollegen leisten können. Ein Team ist immer nur so gut wie das schwächste Glied und wenn wir so gut sind, liegt das nicht zuletzt auch an ihnen. Also hören wir auf, uns gegenseitig Honig um den Bart zu schmieren, sondern gehen zu etwas Nahrhafterem über.“ Und so setzte sich Reiner wieder in Bewegung und strebte die Cafeteria an. Sein Magen hing langsam in den Kniekehlen.

„Öhm… ja klar.“ Frank grinste und folgte seinem Chef in die Cafeteria. Es war gemütlich hier, denn die Klinikleitung wollte ihren Angestellten einen schönen Raum bieten, ihre freie Zeit zu verbringen. Sie gingen zur Essensausgabe und holten sich etwas zu essen und suchten sich dann einen ruhigen Tisch am Fenster, von dem sie auf den Park blicken konnten.

Frank schnupperte an seinem Rührei und schloss genießend die Augen, dabei fuhr seine Zunge über die Lippen. Genau in dem Augenblick, als Reiner sich zu ihm wandte und ihm einen Guten Appetit wünschen wollte, doch er verhielt in seiner Bewegung und nahm dieses Bild in sich auf. Er stutzte. Seit wann fing er wieder an, auf andere zu reagieren? War er nicht ausgelastet?

Reiner senkte den Kopf und rührte in seinem Kaffee, wünschte einen Guten Appetit und beeilte sich, sich selbst etwas in den Mund zu stecken, ehe ein paar der wirren Gedanken seinen Kopf durch den leeren Mund verlassen konnten. Wieder sah er Frank an, versuchte zu ergründen, was eben mit ihm selbst passiert war.

„Oh ja, wünsche ich ihnen auch“, murmelte Frank und schob sich auch gleich eine Gabel voll Ei in den Mund. Das war etwas, was er über alles liebte, aber sich selten selber machte. Darum nahm er es immer, wenn er die Chance dazu hatte.

„Ich bin ja mal gespannt, was die Patienten zu unserem Rollentausch sagen“, begann er eine Unterhaltung, denn er mochte es nicht, wenn man sich so anschwieg.

„Mory als Chefarzt“, sagte Reiner darauf und grinste. Nicht weil er dem jungen Arzt diese Rolle nicht zutraute, sondern eher, weil er sich denken konnte, wie ein paar der älteren Damen reagieren dürften, wenn sie plötzlich nicht mehr vom Chefarzt Berenger untersucht wurden. Es war wichtig, dass die Patienten Mory vertrauten, auch nächste Woche bei Frank. Sie mussten souverän auftreten - beide. Bei Mory war das kein Problem, Frank hingegen stellte sein Licht gern mal unter den Scheffel.

„Aber es wird Teil der Aufgabe sein, die Patienten zu überzeugen“, sagte er dann, sah Frank aber wieder an. Er konnte nicht anders.

„Ich denke, da wird es bei Mory kein Problem geben. Die Patienten mögen ihn, besonders die Patientinnen.“ Frank lachte, als er sich vorstellte, wie einige der Damen auf Extrauntersuchungen bestanden und teilte seine Überlegungen mit Reiner. Es war schon ein wenig komisch für den jungen Assistenzarzt, mit seinem Chef hier zu sitzen und sich zu unterhalten. Bisher hatte er immer das Gefühl gehabt, dass Reiner ihn nicht mochte, weil er nie viel mit ihm geredet hatte, aber da schien er sich geirrt zu haben, denn davon war nichts zu merken.

„Ja, Mory wird sich gut verkaufen. Aber Frank…“, sagte Reiner und nahm sich das belegte Brötchen, was er sich geholt hatte. „Beobachten sie ihn, schauen sie sich ein bisschen von ihm ab, wie man sich verkauft. Um in einer leitenden Position zu bestehen, nutzt es nichts, ein guter Arzt zu sein, es ist wichtiger, dass die Patienten ihnen vertrauen“, sagte er und biss ab, sah dabei aber Frank weiter in die Augen. Er wusste ja selber nicht, warum das Blau ihn so seltsam anzog.

„Sie denken, dass die Patienten mir nicht vertrauen?“ Frank ließ seine Gabel sinken und sah Reiner ein wenig befremdet an. Warum machten sie das ganze mit dem Rollentausch überhaupt, wenn sein Chef meinte, dass er es alleine nicht schaffen würde.

„Ich weiß, dass ich nicht so gut aussehe wie Mory, aber ich glaube, dass ich durchaus von mir behaupten kann, dass die Patienten sich bei mir in guten Händen fühlen. Ich werde nie so sein wie Mory, weil wir vom Charakter vollkommen verschieden sind. Das, was bei ihm gut bei den Patienten ankommt, funktioniert bei mir noch lange nicht, denn es würde lächerlich wirken.“ Frank war deutlich anzumerken, dass er ein wenig verletzt war, gerade von Reiner so etwas zu hören.

Deswegen war es ein Reflex, dass der Chefarzt über den Tisch griff und seinem jungen Assistenten die Hand auf die seine legte. „Frank“, sagte er leise und freundlich, „ich habe weder gesagt, dass ich eine Vorauswahl getroffen habe, noch habe ich gesagt, dass sie die Patienten nicht gut behandeln oder sie sich bei ihnen nicht wohl fühlen. Aber sie müssen sich mehr verkaufen, Frank“, sagte er eindringlich, bemerkte noch nicht einmal, wie er die Hand des jungen Mannes dabei eindringlich drückte.

„Verstehen sie, was ich meine? Ich möchte sie nicht verletzen, nichts liegt mir ferner. Das müssen sie mir glauben.“ Reiner wirkte plötzlich ebenfalls etwas aufgelöst.

„Aber genauso hörte es sich an. Mag sein, dass es nicht so gemeint war, aber es war schon ein ziemlicher Schlag in den Magen.“ Franks Stimme war leise und sehr unsicher. Auf einmal war da wieder das Gefühl, dass sein Professor ihn doch nicht mochte und nun nur versuchte Schadensbegrenzung zu betreiben. Darum zog er seine Hand weg, auch wenn es ihm eigentlich gefallen hatte, wie diese Berührung sich angefühlt hatte.

„Ist schon gut. Sie müssen das nicht tun. Ich werde meine Woche auf meine Art angehen und ich werde mich so verkaufen, wie ich es immer tue, denn das bin ich. Was nutzt es, wenn ich für eine Woche ein anderer bin. Entweder bin ich gut für diesen Posten, wie ich bin, oder eben nicht.“

Plötzlich wusste Reiner nicht, was er noch sagen sollte. Anstatt Frank zu motivieren, hatte er ihn runter gezogen und so zog er seine Hand wieder zu sich, besah sie sich kurz und schob sie dann unter den Tisch. Er konnte nicht erklären warum, er konnte nicht sagen, was ihm so schwer im Magen lag, aber das Frühstück schmeckte irgendwie nicht mehr. „Tut mir Leid“, sagte er nur und erhob sich. Um es nicht noch schlimmer zu machen, als es schon war, beschloss er, sich den Rest einpacken zu lassen und in seinem Zimmer zu Ende zu essen. Es hatte eben doch nicht umsonst seine Gründe, warum er anderen so gut es ging aus dem Weg ging und sich in seiner Arbeit vergrub. Nähe brachte Ärger - das hatte er jetzt wieder gesehen.

Reiner erhob sich und Frank sah ihn ein wenig überrascht an und sein Mund sprach das aus, was ihm gerade durch den Kopf ging. „Bitte, Reiner, bleiben sie sitzen. Ich bin ein wenig empfindlich, was mein Auftreten betrifft. Sie sind nicht der erste, der mir so etwas sagt und die meisten haben versucht mich zu ändern, was für mich eine ziemliche Demütigung war. Darum habe ich überreagiert.“ Frank hielt Reiner an einem Arm fest und lächelte zaghaft.

In der Bewegung verharrte Reiner, stand mit dem Rücken zum Tisch und schien wirklich darüber nachzudenken, ob er der Bitte Folge leisten sollte oder doch lieber seiner Intuition folgen und gehen sollte. Irgendetwas an Frank machte ihn nervös und darüber wollte er eigentlich erst einmal in Ruhe nachdenken. Aber die Zeit war wohl dafür noch nicht reif, denn er fiel langsam auf seinen Stuhl zurück. „Frank, ich will sie nicht ändern, ich will sie nicht biegen und mit ihrem Aussehen hat das schon mal gar nichts zu tun. Sie sehen gut aus, Mory sieht anders gut aus. Das ist doch egal. Ihnen fehlt noch die Sicherheit, das meine ich mit verkaufen. Wie sie auftreten. Sie könnten etwas mehr Souveränität gebrauchen, aber ich mische mich da nicht mehr ein. Ich bin diese Woche nicht ihr Vorgesetzter, sondern nur ihr Kollege“, sagte er und grinste etwas schief. Sein Blick lag auf seinem Brötchen und der halbleeren Tasse Kaffee, von dem er sowieso viel zu viel trank.

„Es tut mir Leid, da hab ich sie wohl vollkommen falsch verstanden, aber ich habe das schon so oft durch, dass es für mich einfach ein rotes Tuch ist.“ Frank nahm seine Tasse und trank einen Schluck. Sein Appetit war ihm vergangen und wenn er Pech hatte, hatte er sich gerade alle Chancen auf den neuen Posten verbaut. Er seufzte leise und sah mit einem zögerlichen Lächeln zu seinem Vorgesetzten. Sein Appetit war ihm vergangen, aber trotzdem aß er weiter. Wer wusste schon, wann er wieder etwas bekam.

„Frank, ich verstehe sie sehr gut. Und genau weil ich das selber auch kenne, würde ich es nie wagen, sie biegen oder formen zu wollen“, erklärte sich Reiner. In was war er da nur rein geraten? Große Konversationen waren noch nie seine Stärke gewesen. Er wusste selbst, dass er von Frank viel verlangte, es gab ja genügend Dinge, die er selbst auch nicht beherrschte, wie sich eben wieder gezeigt hatte.

„Was glauben sie, wird der Bruch von Frau Weber in der 17 sauber heilen oder müssen wir da noch mal rein gehen?“, suchte er also ein Thema, was ihm besser lag und wo er wusste, dass er keinem mit auf die Füße trat.

Der Themenwechsel kam Frank ziemlich recht und er ging darum auch mit Freuden darauf ein. „Ich denke, er wird sauber heilen. Nach den letzten Röntgenbildern dürfte es da keine Probleme geben, wenn sie sich daran hält und den Arm so wenig wie möglich belastet.“ Nun fühlten sie sich beide wieder auf sicherem Terrain und Frank entspannte sich wieder. „Mehr Sorgen macht mir da Herr Densche, in der 24. Seine Wunde schließt sich nicht richtig, darum habe ich den Schwestern gesagt, dass sie sich sofort melden sollen, wenn sich die ersten Anzeichen einer Entzündung zeigen.“

„Was haben wir bis jetzt alles unternommen? Hat er Antibiotika?“ Reiner versuchte sich zu erinnern, der junge Mann war, so weit er das noch im Kopf hatte, ein Anlagenbauer, der mit dem Trennschleifer ausgerutscht war. Ein tiefer Schnitt mit einer Menge Dreck in der Wunde und auch nicht sonderlich gut in der Erstversorgung betreut worden. „Eigentlich hätte die Wunde schon zu sein müssen. Haben sie geguckt, ob etwas in der tiefen Wunde zurückgeblieben ist? Metallgrat oder so was? Oder ob der Knochen vielleicht doch angekratzt worden ist?“ Plötzlich war es für Reiner gar nicht mehr so schwer, Frank wieder anzusehen, ihn zu studieren - es war, als würde er ihn mit anderen Augen sehen, mit denen eines Chefarztes. Doch mit was für Augen hatte er ihn bis eben angesehen?

„Antibiotika bekommt er und ich habe einen Abstrich machen lassen, der gerade im Labor ist. Wir haben die Wunde sehr genau untersucht und mehrmals gespült, bevor wir sie vernäht haben. Fremdkörper dürften nicht mehr drin sein. Das einzige, was wirklich noch sein könnte, wäre eine Infektion, aber das wird das Labor zeigen oder eine Knochenverletzung. Ich habe für morgen schon einmal vorsorglich einen Röntgentermin gebucht.“ Franks ganze Art änderte sich und er wirkte keineswegs mehr unsicher oder verlegen, denn in seiner Arbeit war er sehr gewissenhaft. „Ich möchte die Wunde eigentlich nicht noch einmal öffnen, aber wenn wir zu keinem Ergebnis kommen, wird es wohl notwendig sein.“

„Wenn sich Eiterherde bilden, dann wird es unumgänglich sein.“ Reiner beobachtete seinen jungen Arzt ganz genau. So kannte er ihn. Frank wusste immer, was er tat und er fand für fast jedes Problem auch eine Lösung. Hoffentlich waren die Leute auf der anderen Station von seinen Fähigkeiten auch so überzeugt. Eigentlich fiel es ihm gar nicht leicht, ihn gehen zu lassen - er arbeite gern mit ihm und vor allen Dingen... sah er ihn auch überaus gern an. Reiner grinste zu sich selber ziemlich schief. Was war das denn für ein Grund, Frank die Karriere zu verbauen?

Frank stutzte kurz bei dem Grinsen, denn es passte gar nicht zu ihrem Thema, aber er fragte nicht nach, denn manchmal wurde er aus Reiner nicht schlau. „Ich hoffe es nicht“, murmelte er leise, „aber es macht mich verrückt, dass ich nicht weiß, was es ist. Ich werde nachher noch einmal die Bücher wälzen, ob ich vielleicht doch etwas übersehen habe, auch wenn ich das nicht glaube. Man sollte sich nie zu sicher sein.“

„Eine gesunde Einstellung!“, lobte Reiner und schmierte sich aus einem kleinen Schächtelchen Marmelade auf ein Hörnchen, während eine unaufdringliche Serviererin Kaffee nachschenkte und dann auch schon wieder verschwand. „Wenn sie spezielle Literatur brauchen, dann suchen sie sich auch gern durch meinen Bücherschrank. Wenn sie das möchten“, lud er ein und wurde das Gefühl nicht los, dabei Hintergedanken zu haben. Dabei schüttelte er über sich selber den Kopf. Er führte sich auf wie ein Teenager. Fehlte nur noch, dass er Frank einen Zettel zuschob: Willst du mit mir gehen - bitte ankreuzen!

„Oh… danke für das Angebot. Ich werde wohl darauf zurückkommen, denn ihr Bücherschrank hat den Ruf, auf jede Frage eine Antwort zu haben.“ Frank strahlte, denn nicht jedem bot Reiner so etwas an und er fühlte sich wirklich geehrt. Damit hatte er den Patzer von vorhin wieder ausgemerzt. Er steckte sich die letzte Gabel von seinem Ei in den Mund und wischte sich den Mund mit der Serviette ab und wäre am liebsten gleich losgelaufen, damit er in den Büchern suchen konnte.

Man sah ihm seine Ungeduld deutlich an und Reiner zwinkerte ihm zu. „Das Codewort lautet: ‚Bäumchen, der Wolf lässt mich an den Schrank’, dann weiß meine Sekretärin schon, was los ist“, lachte er und wies auf die Tür, die zu dem Trakt des Hauses führte, in dem Reiner sein Büro hatte. „Laufen sie los, ich folge.“ Und damit Frank nicht aus falscher Höflichkeit sitzen blieb, fügte Reiner noch an, dass er rüber in die Urologie müsste. Mit einem der Ärzte hätte er dort noch was zu besprechen.

„Geht das wirklich in Ordnung?“, fragte Frank aber noch einmal nach, denn es war ihm ein wenig unangenehm, ohne seinen Chef in dessen Büro zu gehen, aber Reiner nickte nur lächelnd. „Danke“, rief er noch und war schon auf dem Weg, kam aber nach ein paar Metern wieder zurück, weil er sein Tablett vergessen hatte, dann war er endgültig weg.

Ein wenig verlegen richtete er der Sekretärin den Codespruch aus, aber die lachte nur und öffnete ihm die Tür. „Machen sie sich keine Gedanken, ich weiß, dass alle mich Bäumchen nennen, und ich habe gar nichts dagegen. Hört sich doch niedlich an. Machen sie es sich bequem, ich bringe ihnen einen Tee.“ Frank nickte nur und zog schon das erste Buch aus dem Regal, so dass die Sekretärin nur lächelnd den Kopf schüttelte. Genau wie ihr Professor. Kaum hatten sie ein Buch vor der Nase, vergaßen sie alles um sich herum.

Sie brühte Tee auf und machte sich dann wieder an die Texte, die noch zu tippen waren, während ihr Chef noch etwas durch das Haus stürzte. Ziellos, wenn er ehrlich war. Den Termin in der Urologie hatte er schnell abgehandelt, denn sie stimmten mit ihrer Diagnose, über eine Wucherung, bei einem Patienten überein. Doch jetzt sofort in sein Büro zu eilen konnte Reiner auch nicht. Seit ein paar Stunden machte ihn Frank nervös. Er hatte den Drang, ihn andauernd anzusehen und wenn er nicht aufpasste, was er sagte, dann lud er ihn noch zum Abendessen ein.

Dabei hatte er bei Frank noch nicht ein einziges Anzeichen dafür gesehen, dass er Männer bevorzugte oder ihnen zumindest auch eine Chance gab. Das war alles nicht so leicht, wie es hätte sein können, wäre diese dumme Ausschreibung nicht dazwischen gekommen.

Aber er hätte ruhig wieder in sein Büro zurückkommen können, denn Frank hätte es wohl gar nicht bemerkt. Um ihn herum auf dem Sofa verstreut lagen aufgeschlagene Fachbücher und er kritzelte Notizen auf einen Zettel. Sein Tee war mittlerweile kalt, aber das störte ihn nicht, denn bisher hatte er ihn noch gar nicht beachtet.

Er hatte schon einige Dinge gefunden, die ihm helfen konnten, aber leider auch vieles, was passieren konnte, wenn die Wunde sich entzündete. Um davor gewappnet zu sein, schrieb er sich alles gewissenhaft auf, damit er nicht noch einmal nachschlagen musste.

Plötzlich schob sich ein Blatt Papier in sein Sichtfeld und darauf war zu lesen: ‚Wir haben auch Kopierer.’

Reiner saß schon seit einer ganzen Weile nur auf der Ecke seines Schreibtisches und beobachtete Frank einfach. Seine Bewegungen, die Bücher, die er mit Zielsicherheit wählte, einfach alles, was Reiner wahrnehmen konnte. Als der junge Arzt allerdings anfing, einen Artikel stichwortartig abzuschreiben, hatte es ihm mit einem Grinsen gereicht und er hatte seine Nachricht auf einen Zettel gekritzelt. Sprechen, singen, tanzen hatte keinen Sinn, denn es passierte außerhalb Franks Wahrnehmungsradius direkt vor seinen Augen.

Frank runzelte die Stirn, als ihm etwas die Sicht nahm, aber es dauerte noch ein paar Herzschläge, bis er verstand, was da stand und wurde prompt rot. „Reiner, bist du schon lange da“, fragte er perplex und merkte gar nicht, dass er seinen Chef duzte. Es war ihm schon peinlich, dass er es gar nicht gemerkt hatte. Verlegen räumte er die Bücher zusammen und machte ein wenig Ordnung. „Da bin ich jetzt wirklich nicht drauf gekommen. Ich war so vertieft.“

„Nein, bitte.“ Reiner griff die Bücher, die zusammengeräumt wurden und packte sie zurück, wo sie lagen. „Das stört mich nicht, im Gegenteil, ich fühle mich gerade so richtig heimelig. Mach mir das nicht kaputt“, nahm Reiner gleich das Du an und gab es zurück, nicht ohne darüber ein ganz kleines bisschen zu schmunzeln, weil er sich insgeheim schon darüber gefreut hatte. Kleine Schritte in die richtige Richtung waren auch Schritte in die richtige Richtung!

„Machst du auch immer so ein Chaos um dich herum, wenn du was suchst?“ Frank kicherte und erst da wurde ihm bewusst, dass er Reiner geduzt hatte und wurde prompt rot. „Also… ich… nicht dass du… sie… denkst… ach Mist“, stammelte er und ließ den Kopf hängen. Warum passierte ihm heute nur eine Peinlichkeit nach der anderen. Kein Wunder, dass Reiner dachte, dass er sich nicht verkaufen konnte.

Doch der dachte gerade ganz bestimmt nicht daran, wie Frank sich verkaufte. Er war mit dem zufrieden, was er geboten bekam, denn das war irgendwie niedlich, auch wenn das Wort ja besser zu kleinen Kindern oder jungen Mädchen passte. Aber Frank in diesem Chaos und so hilflos hatte was. „Keine Sorge, schon okay. Ich hätte dir das Du auch noch angeboten, wo wir doch jetzt Kollegen sind“, gab er eine kleine Stütze und grinste nur, sah sich dabei etwas um. „Außerdem ist mein Chaos noch etwas unkontrollierter, weil ich die Angewohnheit habe, alles zu lawinengefährdeten Papiergebirgen aufzutürmen, die man dann aber mit einem Meter besser weiträumig umwandert, wenn man nicht verschüttet werden will. Frag Bäumchen.“

„Echt?“ Frank konnte gar nicht anders als zu kichern, als er sich vorstellte, wie die Sekretärin seines Chefs von Papieren begraben wurde und Reiner hinterher dazu zwang aufzuräumen.

Er war wirklich erleichtert, dass der Chefarzt es ihm nicht übel nahm und er fragte sich kurz, warum er auf einmal so nett zu ihm war, wo er ihn doch vorher kaum beachtet hatte. „Na ja, mein Chaos ist normalerweise auch größer, aber hier hab ich mich nicht getraut, sonst hätte ich nämlich auch den Boden in Beschlag genommen.“

„Ach“, lachte Reiner nur und dankte seiner Sekretärin, als sie ihm mit einem Grinsen noch einen Tee brachte. „Tu dir mal keinen Zwang an, je öfter der Teppichboden durch Bücher geschont wird, umso länger hält er. Auch wenn Bäumchen meine Theorie nicht sonderlich glaubwürdig findet, so schwöre ich doch darauf. Oder warum glauben sie, ist der Teppich in meinem Zimmer noch so schön sauber?“, rief er den letzten Satz besonders laut, denn der war für seine Sekretärin gedacht.

Nun konnte Frank nicht mehr anders, als laut zu lachen, denn aus dem Vorzimmer kam ein entnervtes Brummeln, das ein wenig resigniert klang. „Wir müssen aufpassen. Wenn wir Pech haben, dann wird sie sich auf Morys Seite schlagen, denn der tut so etwas nie“, grinste Frank und macht dann ein spitzbübisches Gesicht. „Obwohl… das kann für mich ja nur gut sein, dann kriege ich den Posten. Sie ist einen Chaoten los, der hier Unordnung macht.“

Auch Reiner lachte und setzte sich auf seinem Tisch bequemer. In seinem Zimmer wurde sowieso fast jedes Möbelstück zweckentfremdet. „Ich glaube nicht, dass Bäumchen dich loswerden möchte. Dann wohl eher mich und dann muss einer von ihnen beiden dieses Büro übernehmen und wehe der Teppich wird nicht geschont.“ Dass ihm die Idee, Frank nach seiner Versetzung nicht oder nur noch selten sehen zu können nicht gefiel, ließ er sich dabei nicht anmerken.

„Ach, kein Problem. Dann nehm ich dich einfach mit in meine neue Abteilung. Ich habe dort bestimmt noch Platz für einen gut ausgebildeten, ambitionierten Assistenten.“ Frank ließ sich lachend gegen die Couchlehne fallen und hielt sich den Bauch. Allein die Vorstellung war so absurd. Aber eines musste er sagen, er fühlte sich in dieser Abteilung richtig wohl und es war schade, dass er sie verlassen musste, um Karriere zu machen.

Reiner grinste nur, lächelte zufrieden. Frank würde ihn also gern mitnehmen? Er war ihm also nicht zuwider oder unangenehm? Vielleicht war das ja ausbaufähig? Er musste seine Chance nutzen, so lange sie noch so dicht beisammen waren. Wenn Frank erst einmal die Abteilung verlassen hatte, dann gestaltete sich dies sicher etwas schwieriger. Er musste sich da noch seine Gedanken drüber machen - denn irgendwie kam dies alles etwas überraschend für ihn selbst.

„Ja, ein paar Wochen als Assistenz und keine Verantwortung, das könnte mir gefallen. Wo muss ich unterschreiben und wann kann ich bei dir anfangen?“, stieg er in den Scherz ein.

„Jederzeit und dann richten wir uns ein Büro ein, mit ganz viel freiem Teppich, den wir dann mit Büchern auslegen können und einer Sekretärin, die gegen Chaos nichts einzuwenden hat“, spann Frank den Faden weiter. Er sah zu Reiner rüber und irgendwie kam ihm sein Chef verändert vor. Es dauerte einen Augenblick, bis er wusste, was es war. Er hatte Reiner noch nie so gesehen. Lachend und scherzend, gar nicht distanziert. Er wirkte auf einmal viel jünger und irgendwie auch anziehender. Es war so, als wenn Frank ihn das erste Mal wirklich als Mann und nicht nur als Chef wahrnahm. Da waren Grübchen, die er noch nie bemerkt hatte, lange, dunkle Wimpern, volle schön geschwungene Lippen. Frank blinzelte, aber der Eindruck blieb.

„Och nein, wir erziehen Bäumchen einfach um. Wenn wir sie lange genug mit Chaos impfen, dann wird das schon“, denn auf seine treue Seele wollte Reiner wirklich nicht verzichten. Sie arbeitete sehr selbstständig, verstand seine verwirrten Anweisungen, konnte seine Schrift lesen und murrte auch nicht, wenn Überstunden anfielen, weil sie beide nicht fertig geworden waren. Solch eine Kraft gab man nicht so einfach her. Er wollte gerade noch etwas sagen, als ihm auffiel, wie Frank ihn musterte, räusperte sich etwas irritiert und fragte: „Hab ich was Falsches gesagt?“ Er wurde unsicher, weil er den musternden Blick nicht deuten konnte.

„Was…? Wie…? Nein ganz und gar nicht.“ Frank blinzelte wieder und wedelte mit den Händen. Das Lachen war aus Reiners Gesicht verschwunden und dem jungen Assistenzarzt gefiel das gar nicht. Darum hängte er noch schnell eine Erklärung an, damit es wieder kam. „Mir ist nur gerade aufgefallen, dass ich dich noch nie so lachen gesehen habe und ich muss sagen, das steht dir gut.“

„Oh... danke.“ Reiner kratzte sich am Kopf. Das klang ja fast wie ein Kompliment und die waren unter Männern ja nun auch nicht so verbreitet. Irgendwie ließ ihn das gerade hoffen, doch er wusste noch nicht, wie er sein neu erworbenes Wissen anwenden konnte. Er wollte nicht mit der Tür ins Haus fallen, sollte sein Angestellter nur nett gewesen sein. „Seit du mich duzt, bist du auch etwas aufgeschlossener und ich muss zugeben, dass ich diese Eigenart auch sehr schätze“, versuchte er etwas zurück zu geben.

„Öhm…“, machte Frank erst einmal nur. Irgendwie kam er sich gerade sehr merkwürdig vor. Er hatte fast den Eindruck, dass sie miteinander flirteten, aber das konnte doch nicht sein. Vor ihm saß sein Chef, von dem er immer geglaubt hatte, dass er ihn nicht mochte und auf einmal war alles anders. Konnte es wirklich daran liegen, dass sie sich duzten? Aber das erklärte nicht, warum ihm an Reiner auf einmal Dinge auffielen, die er vorher nie bemerkt hatte. „Bisher warst du auch immer nur mein Vorgesetzter, ein begnadeter Arzt und jemand von dem ich glaubte….“ Frank unterbrach sich, denn er konnte seinem Chef ja wohl kaum sagen, dass er das Gefühl hatte, dass er ihn nicht leiden konnte. „…Jemand von dem ich glaubte, dass er so etwas gar nicht wollte. Du warst immer höflich und freundlich, aber auch sehr distanziert.“ Verlegen senkte Frank den Kopf, denn das hatte er auch nicht sagen wollen, aber was anderes war ihm nicht eingefallen, seinen Fast-Patzer zu überspielen.

„Hm“, sagte Reiner nur. Er wusste ja selber nicht, was er da erwidern sollte. So hatte er also immer auf Frank gewirkt? Irgendwie seltsam, das zu hören und damit arbeiten zu müssen. Die Distanz hatte er ja selber geschaffen. Er wollte alle von sich fern halten, Mann wie Frau, aus den verschiedensten Gründen. Er hatte sich in seinem Schmerz über den Verlust so in seine Arbeit gekniet, dass er für alles andere keine Zeit mehr hatte haben wollen - was ihm eindeutig geglückt war. Denn er hatte nicht einmal Zeit gehabt, sich mit seinen Angestellten etwas eingängiger zu beschäftigen. Dann wäre ihm vielleicht schon früher aufgefallen, was Frank für schöne Augen hatte und wie die schlanken Finger mit dem Stift spielten.

„Es tut mir Leid, diesen Eindruck hatte ich nicht hinterlassen wollen.“ Auch wenn es eigentlich gelogen war, er hatte die Distanz gewollt - aber Leid tat es ihm darum jetzt wirklich.

„Ach, macht doch nix. Wenn du nicht wieder in diese Distanziertheit zurückfällst, ist doch alles in Ordnung. Wir sind beide von falschen Voraussetzungen ausgegangen und das ist ja nun geklärt.“ Frank lächelte und kam zu Reiner an den Schreibtisch. Er legte ihm eine Hand auf die Schulter und drückte sie leicht, dabei fiel sein Blick auf seine Uhr.

„Uah… die OP mit dem Neuhaber, das habe ich ja vollkommen vergessen.“ Hektisch lief Frank durch das Büro, raffte seine Notizen zusammen und versuchte das Chaos auf der Couch zu beseitigen, machte es aber nur schlimmer. Schließlich gab er es auf und lief wieder zu Reiner, der ihn verwirrt anblickte. „Tut mir Leid, ich muss in den OP. Mein Chaos räume ich später auf, wenn du nichts dagegen hast. Der Neuhaber hasst es, wenn seine Assistenten zu spät kommen und ich habe nur noch zehn Minuten, um mich fertig zu machen. Wir sehen uns später.“ Und schon war er aus dem Büro und rannte durch die Flure zu den Operationssälen. 


Fortsetzung folgt