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Geld oder Liebe - Teil 4 bis 5

- 04 -



„So, das dürfte jetzt alles sein, was ich brauche und wenn nicht, dann komm ich eure traute Zweisamkeit stören.“ Mory raffte den Karton mit seinen persönlichen Sachen, vor allem aber mit den Unterlagen und sah sich noch mal in ihrem kleinen Büro um. Frank saß gerade über einer Krankenakte und verglich sie mit einem Fachbuch, sah ihm aber amüsiert dabei zu, wie er seine Kiste durch die Tür balancierte.

„Ja, lach nur - nächste Woche lache ich!“, grinste Mory frech und wäre fast in der Tür mit Reiner zusammen gelaufen, der auch eine völlig überfüllte Kiste vor sich her trug und so nicht sehen konnte, wo er hin lief.

„Meine Kiste wird nicht halb so voll sein wie deine, weil ich meinen Aktenberg abgearbeitet haben werde und sie nicht mit in mein neues Büro nehmen muss.“ Frank lachte und sprang dann auf, als Reiner strauchelte und die Kiste drohte abzustürzen. So gerade eben bekam er sie noch zu packen und Reiner stolperte gegen ihn, so dass ihm ein leises „Uff“, entwischte. „Reiner, nicht so stürmisch, ich bin schüchtern“, scherzte er leise und kicherte, ahnte wohl nicht einmal, was er damit in Reiners Kopf auslöste.

Immer noch mit den scherzhaft gesprochenen Worten beschäftigt, bemerkte er für Augenblicke gar nicht, dass er noch immer gegen Frank gelehnt stand, ihn kurz umklammerte, weil er Halt gesucht hatte.

„Na, so was habe ich ja gern. Ich bin noch nicht mal weg, Frank, da bändelst du schon mit dem nächsten an. Brich mir ruhig mein blutend Herz!“ Mory seufzte noch einmal tief und rückte sich die Kiste auf seinen Armen zurecht, während Reiner zu spät begriff und zurück sprang, um keine falschen - aber vielleicht doch richtigen - Verdächtigungen aufkommen zu lassen.

„Wer hat mir denn ständig gesagt, dass er verlobt ist und nicht interessiert, aber wenn du es dir anders überlegt hast, dann…“ Frank dachte gar nicht dran, wie ihre Plänkelei auf Reiner wirken würde und dass er damit vielleicht aufdecken könnte, dass er schwul war. „Wie sieht es aus? Hast du endlich gemerkt, dass ich der einzige bin, der dich glücklich machen kann?“

„Du bist obenrum immer noch zu flach, meine Schönheit“, grinste Mory frech, hob dann aber eine Braue, als er sah, wie Reiner zwischen ihnen beiden hin und her sah. Uups. Er hatte ihren Chef völlig vergessen, hinter seinen Kisten war er ja auch kaum zu sehen. Hoffentlich hatte er jetzt nichts getan, was Frank Ärger machen würde? Ehe er jetzt noch etwas Falsches sagte, sagte er lieber nichts mehr.

Reiner hingegen versuchte zu begreifen, was passierte. Dass Mory eine bildhübsche Freundin hatte, war kein Geheimnis, aber was war mit Frank? Wie kamen die beiden dazu, solche Scherze zu machen? Das verwirrte ihn, er konnte das nicht einordnen. Doch um danach zu fragen war er zu feige.

„Das wird auch so bleiben.“ Frank hob theatralisch eine Hand und legte sie sich auf die Stirn. „Wie ungerecht ist doch diese Welt.“ Ein wenig irritiert blickte er zu Mory, der gar nichts mehr sagte und erst da fiel ihm auf, dass sie ja nicht allein waren und er wurde ein wenig blass. Ein wenig panisch blickte er auf den Professor und stammelte etwas Unverständliches. „Dann geh dein neues Büro einrichten“, murmelte er leise und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch und vergrub sich wieder in seiner Krankenakte.

Weil er nun plötzlich allein zwischen Tür und Angel war und man auf dem Gang nur noch Morys Schritte hören konnte, stellte auch Reiner endlich seine Kisten ab. Irgendwie begriff er noch immer nicht. So schnell wie das Techtelmechtel begonnen hatte, war es beendet und nun saß Frank einfach so da, tat, als wäre nichts gewesen, und ließ in Reiner eine Unsicherheit zurück, die ihresgleichen erst noch suchte.

War das alles nur ein Witz? Oder wollte Frank wirklich was von Mory? Wenn ja, war das gut und schlecht zugleich. Denn zu wissen, dass Frank auf Männer stand, hieß noch lange nicht, dass er sich auch für einen älteren Mann interessieren würde, wenn seine Zielgruppe doch wie Mory aussah.

Unbemerkt schielte Frank immer wieder zu Reiner und schließlich seufzte er, weil sein Chefarzt doch sichtlich verwirrt und auch ein wenig verloren wirkte. Also stand er wieder auf und schaltete den Wasserkocher an. Eine Tasse Tee war bestimmt nicht verkehrt. „Komm doch rein, Reiner. Soll ich dir helfen, deine Kisten auszupacken, damit du dich hier heimisch fühlst?“

Er war unsicher, was er machen sollte, aber schließlich siegte seine Feigheit und er klärte seinen Chef nicht darüber auf, dass er schwul war.

Reiner nickte nur zu dem Vorschlag und stellte seine Kiste vom Schreibtisch auf den Stuhl und setzte sich, wie es seine Art war, auf die Tischkante. „Danke“, sagte er und suchte nun nach unverfänglichen Worten, um in Erfahrung zu bringen, was passiert war, um zu erfahren, was er wissen wollte. Er konnte an gar nichts anderes mehr denken. Immer wieder formten seine Hände Fäuste, entspannten sich wieder, dann bog er die Finger nervös. Warum fragte er nicht einfach? Frank, bist du schwul? Wenn ja, würdest du mich heute Abend ins ‚Chez Pierre’ begleiten?

Frank sah es, während er den Tee zubereitete und seufzte schließlich leise. Irgendwann würde Reiner es sowieso erfahren und es war besser, wenn er es ihm selbst sagte. Er drehte sich wieder zu ihm um und gab ihm eine der gefüllten Tassen. „Nun frag schon“, sagte er leise und wagte es nicht aufzusehen.

Reiner ging es da nicht anders. „Ich weiß, dass es mich nichts angeht“, sagte er und schlürfte von dem frisch gebrühten Tee. Es war klar, dass er sich dabei die Zungenspitze verbrannte. „Das mit Mory...“, versuchte es Reiner also noch einmal, auch wenn er noch nicht so recht wusste, was genau er sagen sollte. Es gab so viel, was er wissen wollte. „Stehen sie... stehst du auf Männer?“ So, nun war es raus, doch besser fühlte sich Reiner auch nicht. Er machte nur die Tür schnell zu, weil es keinen etwas anging, was hier gesagt wurde.

Frank hielt kurz die Luft an, als die Frage endlich gestellt war und versuchte an Reiners Gesicht zu ergründen, ob seine Antwort positiv oder negativ aufgenommen werden würde, aber es war nichts zu erkennen. Er musste wohl ins kalte Wasser springen.

„Japp“, sagte er darum nur schlicht und grinste ein wenig verlegen.

„Aha“, machte Reiner und betrachtete sich Frank eindringlicher. Langsam begriff er auch, warum ihm der junge Mann von Sekunde zu Sekunde besser gefallen hatte - Schlangen erkannten einander wohl. Er grinste schief. „Und Mory will nicht?“, fragte er und wusste selber nicht so richtig warum. Es interessierte ihn doch gar nicht, ihn interessierte eigentlich viel mehr, ob Frank mit ihm essen gehen würde, außerhalb der Klinik. Ein Date eben.

„Mory?“, fragte Frank ein wenig irritiert und lachte dann befreit auf. „Nee, der will wirklich nicht, denn er ist stock-hetero.“ Er ließ sich neben Reiner auf der Schreibtischkante nieder und nippte an seinem Tee. „Aber auch wenn er das nicht wäre, Mory ist ein wirklich netter Kerl und eine Augenweide noch dazu, aber niemand, in den ich mich verlieben könnte. Es ist ein Spiel zwischen uns und seine Verlobte passt wirklich besser zu ihm als ich.“

„Ach, so ist das.“ Irgendwie wirkte Reiner erleichtert, als er zu Frank rüber sah. Er grinste schief und trank wieder von seinem Tee. Er holte noch einmal tief Luft, wenn sie schon dabei waren, die Karten auf den Tisch zu legen, wollte er sein Blatt auch nicht für sich behalten. „Weißt du, warum ich aus München weggegangen bin und warum meine Frau sich hat scheiden lassen?“, fragte er.

Erst sah Frank Reiner verständnislos an, das wusste niemand und keiner hatte bisher etwas darüber in Erfahrung bringen können, aber dann riss er die Augen auf, als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel. „Nee… das glaub ich nicht.“ Er wusste nicht genau wieso, aber auf einmal hatte er ein leichtes Kribbeln im Bauch. „Du auch?“ Seine Mundwinkel zuckten und dann brach ein lautes, befreites Lachen aus ihm heraus. „Das hätte ich nun wirklich nie gedacht.“

„Ich wollte auch, dass das keiner denkt“, sagte Reiner, wirkte dabei etwas irritiert, weil Frank nun neben ihm sich den Bauch hielt und sich leicht nach vorn beugte. Doch Reiner war es lieber, er lachte befreit, als wenn er ihn jetzt verstört angucken würde. „Na ja, ich dachte erst, ich könnte zweigleisig fahren. Aber irgendwann, als ich es erklären wollte, lief mir mein damaliger Freund weg und meine Frau ließ sich scheiden und ich habe mir eben einen anderen Ort gesucht, um mir meine Wunden zu lecken“, sagte er leise. „Es ist leichter, mit seiner Arbeit verheiratet zu sein, als mit einem Menschen.“ Es klang irgendwie traurig.

Frank hörte auf zu lachen und legte Reiner eine Hand auf die Schulter. „Ja, so was geht meistens schief“, sagte er leise. „So was hab ich auch schon durch. Versteh das nicht falsch, ich verurteile dich nicht, denn ich glaube, niemand kann sich davon freisprechen, dass einem so etwas mal passiert.“ Er drückte sanft zu und lächelte seinen Chef an. „Aber des einen Leid, des anderen Freud und ich muss sagen, dass ich froh bin, dass du dich hier verkrochen hast.“

Nun hob der Chefarzt doch eine Braue und sah Frank einfach nur an. Ob der junge Mann auch nur den Schimmer einer Ahnung hatte, was seine Worte auslösten? Was sie bedeuten konnten? Wie man sie auslegen konnte? „Na ja, ich weiß ja nicht“, lachte er etwas verlegen, betrachtete Frank aber eindringlicher. Er hatte irgendwie gerade den unbändigen Drang, mit einer Hand den Schreibtisch frei zu machen und Frank rücklings seine Zunge in den Hals zu schieben - ob der Kerl das auch nur ahnte? Reiner seufzte leise. Er war wohl schon zu lange auf dem Trocknen.

„Doch wirklich.“ Frank grinste wieder und stupste Reiner mit der Schulter an. Es war schon komisch, da hatte er Panik gehabt, weil er nicht wusste, wie sein Chef darauf reagieren würde, wenn er erfuhr, dass er schul war und nun stellte sich raus, dass dieser es ebenfalls war.

„Reiner, weißt du eigentlich, dass ich immer das Gefühl hatte, dass du mich nicht leiden kannst, weil du immer so distanziert zu mir warst, aber trotzdem habe ich dich von Anfang an gemocht und ich habe sehr viel von dir gelernt und mich in deiner Abteilung sehr wohl gefühlt. Darum bin ich froh, dass du hier bist.“

„Ich bekomme nicht so oft Komplimente, aber ich glaube, das war gerade eins, oder?“, fragte der Chefarzt nach und lachte dabei leise. „Und ich kann es nur zurück geben. Die Distanz habe ich absichtlich geschaffen“, gestand er, „nicht nur zu dir, zu jedem - ich wollte nur noch arbeiten und keinen Menschen mehr an mich ran lassen. Und dann kamen du und Mory, wollten diesen Posten da und ich weiß auch nicht, warum ich plötzlich auf diese verrückte Idee kam, die mich mehr an die Menschen gebracht und hinter meinen Schreibtisch vorgezerrt hat.“ Aber dass er es noch bereute, konnte er nicht sagen.

„Ja, das war durchaus ein Kompliment und ich bin froh, dass du diese Distanz aufgegeben hast. Nur solltest du nicht wieder dazu zurückkehren, wenn geklärt ist, wer den Posten bekommt.“ Frank lächelte und stand wieder auf. „So, und nun lass uns deine Kisten auspacken. Gleich ist Visite und wie ich unseren neuen Chefarzt einschätze, wird er es nicht gutheißen, wenn wir zu spät kommen.“

„Ja, wenn ich gleich am ersten Tag zu spät komme, wird mich Mory noch versetzen lassen“, lachte Reiner, froh darüber, dass sich die angespannte Atmosphäre aufgelöst hatte. Ganz wohl war ihm selber auch nicht dabei gewesen, über solcherart Dinge zu sprechen. Noch dazu ausgerechnet mit Frank. Der junge Mann könnte ihm durchweg gefallen.

Reiner seufzte, doch er machte sich daran, alles aus seinen Kisten zu schütten und innerhalb von wenigen Sekunden auf dem Schreibtisch ein Chaos anzurichten. „Jetzt fühl ich mich hier wie zu Hause und Bäumchen ist nicht da und wird es beseitigen.“

Frank hatte dem Ganzen zugesehen und immer breiter gegrinst. Es schien wirklich zu stimmen und Reiner war noch chaotischer als er selber. „Wir machen ein Schild an die Tür, dass hier für Bäumchen verboten ist“, kicherte er leise. Er hatte ein wenig Bammel davor gehabt, diese Woche mit seinem Chef zu verbringen, aber so wie sich ihr Verhältnis die letzten Tage entwickelt hatte, freute er sich sogar darauf. „Genieße die Woche mit mir und meinem Chaos. Mory ist ein Ordnungsfreak und ständig hocken irgendwelche Schwestern hier.“

Reiner, der eben noch ein paar Akten in den Tisch geräumt hatte, weil sie etwas heikel waren, blickte auf und legte den Kopf schief. „Dann werde ich mir wünschen, dass diese Woche nicht so schnell vorbei geht“, sagte er mit ernster Miene und das hatte wohl nicht nur den Grund, dass Mory ständig aufräumte und Mädels anzog wie Motten das Licht. Es lag wohl viel mehr daran, dass er Frank dann nicht so oft zu Gesicht bekommen würde, wie diese Woche. Wenn er etwas aus dem Wissen, was er hatte, machen wollte, musste er diese Woche noch seine Frage loswerden und flirten, so oft es nur ging. Eine zweite Chance würde er wohl nicht bekommen.

„Ja, aber da das leider nicht funktioniert, darfst du dich immer in mein heiliges Chaos flüchten, wenn Mory dir Vorträge über Ordnung hält und die Mädels sich auf deinem Schreibtisch den Hintern breit sitzen. Ich werde Bäumchen die Anweisung geben, dass sie dich jederzeit ins Büro lassen darf“, bot Frank großzügig an und merkte, als er die Worte ausgesprochen hatte, dass sie mehr als nur ein Scherz waren. Er würde sich wirklich freuen, denn so wie er Reiner die letzten Tage kennen gelernt hatte, war er ihm sehr sympathisch.

„Aber jetzt sollten wir los und schauen, was der neue Chefarzt für einer ist.“

„Ich hab gehört, das soll ein ganz scharfer Hund sein!“, sagte Reiner noch und lachte. Er wirkte irgendwie ziemlich zufrieden - so hatte man ihn lange nicht gesehen. Als sie auf den Flur traten, sah man gerade Mory durch den Gang flitzen, der zwei Schwestern erklären musste, warum er heute nicht aus seinem Zimmer käme und warum er denn aus dem Zimmer des Chefs käme und sowieso und überhaupt, ob er seine Beförderung nicht feiern wollen würde. Er grinste nur frech und straffte sich, sortierte die Zettel auf seinem Klemmbrett als er die beiden anderen erblickte.

Frank sah dem Schauspiel zu und schüttete den Kopf. Dass diese Schwestern es nie begreifen würden, dass sie keine Chance hatten. „Morgen Chef. Die Herren Doktoren Berenger und Gallaun, melden sich zum Dienst“, rief er laut und hatte die erhoffte Wirkung, als die Schwestern Reiner sahen. Wenn er auch offiziell nicht der Chefarzt für die nächsten zwei Wochen war, so wagte es doch niemand, in seiner Nähe respektlos zu sein.

Auch wenn Mory es nie zugeben würde, weil es sein gesundes Ego nicht zuließ, so war er doch froh, die beiden zu sehen und zu wissen, dass er sich nun seinen eigentlichen Aufgaben widmen konnte. „Guten Morgen, die Herren, ich hoffe, sie haben ihre Hausaufgaben gemacht“, sagte er und beeilte sich zu ihnen zu kommen, während die Schwestern, die die Visite begleiten würden, nur grüßten und sich die Szene erst einmal nur besahen. Was genau passierte hier?

„Aber sicher doch, Doktor Kaftan.“ Frank grüßte die Schwestern, beachtete sie dann aber nicht weiter. Er sah ihnen an, dass sie neugierig waren, was hier passierte, aber es war nicht seine Aufgabe, das aufzuklären. Er machte es einfach so, wie er es bei Reiner immer machte. Wenn sie zu einem seiner Patienten kamen, Zählte er die wichtigen Daten auf, erklärte, was bisher an Therapien und Medikamenten verabreicht worden war und notierte Morys Anweisungen. Er musste zugeben, dass Mory es hervorragend machte und die Patienten zwar erst etwas irritiert waren, aber durch die souveräne Art seines neuen Chefs seine Anweisungen akzeptierten.

Reiner hatte erst erwartet, dass er selber permanent eingreifen würde, weil er alles besser wüsste, doch er hatte sich - zu seiner eigenen Überraschung - ziemlich gut unter Kontrolle. Das ganze Wochenende hatte er sich mit den Akten von Morys Patienten auseinandergesetzt und so war er ziemlich beeindruckt, als selbst die schlechten Werte, die sich bei einem der älteren Patienten über das Wochenende eingestellt hatten, erklärt und gedeutet wurden, wo Reiner eigentlich gedacht hätte, das dürfte eine schwierige Nuss werden. Nein, Mory hatte sich auf seinen neuen Job-auf-Zeit gut vorbereitet.

Immer wieder ging Franks Blick zu Reiner, während ihrer Visite. Nach seiner Meinung, machte Mory es wirklich hervorragend und das würde er ihm nachher auch sagen. Sie waren zwar Konkurrenten, aber auch Freunde und Fairness war für Frank einfach selbstverständlich. Ein wenig stolz berichtete er, dass die Wunde von Herrn Densche nun endlich gut verheilte. Das Bücherwälzen hatte geholfen und nachdem das Labor bestätigt hatte, dass es eine leichte Infektion gab, hatten sie es mit Medikamenten gut in den Griff bekommen und die Wunde hatte sich nicht entzündet.

Reiner machte sich auf seinem Klemmbrett eigene Notizen, nickte immer wieder und berichtete dann Mory, was bei „seinen“ Patienten gemacht wurde, was veranlasst werden sollte und so gingen sie die Zimmer auf ihrer Station durch. Nun arbeitete er schon so lange als Chefarzt, aber von Mory konnte er immer noch das eine oder andere in Sachen Effizienz lernen. Das konnte Reiner nicht von der Hand weisen - die eingeschliffenen Bahnen waren für ihn ein guter Start in den Morgen - Mory hingegen hatte sich eine andere Art und Weise zum Arbeiten angewöhnt. Interessant.

Immer mal wieder wechselte er auch einen Blick mit Frank, weniger wegen der Antworten, viel mehr einfach deswegen, weil er ihm kurz in die Augen sehen wollte. Irgendwie war es wie ein Kraftquell, aus dem er stumm trank.

Ohne große Probleme brachten sie ihre Runde zu Ende und nachdem die Schwestern schon wieder losgeeilt waren, blieben die drei Männer noch kurz zusammen stehen. Frank wollte gerade etwas sagen, als eine Schwester auf sie zugelaufen kam und ihnen mitteilte, dass sie in einer halben Stunde einen Patienten mit einem Trümmerbruch im Oberschenkel bekommen würden, der dringend in den OP musste. Einen Motorradfahrer, der ansonsten keinerlei Verletzungen hatte, außer ein paar Schürf- und Schnittwunden. Eigentlich hätte er in eine andere Klinik gebracht werden sollen, aber die war durch einen anderen Massenunfall plötzlich vollkommen ausgelastet, darum wurde er nun zu ihnen gebracht.

Es war nicht selten, dass die Notaufnahme des Hauses auch für andere Krankenhäuser einsprang. „Dann gebe ich noch einen Kaffee in meinem neuen Büro aus“, sagte Reiner, „und dann kümmere ich mich um den Unfall. Ich bin heute in der Notaufnahme eingeteilt“, erklärte er und musste sich an den Tagesablauf eines Assistenzarztes erst wieder gewöhnen. Außerdem hatte er in seinem Plan für diese Woche gesehen, dass er gar nicht so oft mit Frank zusammen sein konnte, wie er das gern gesehen hätte, denn Mory hatte dafür gesorgt, dass sie selten zusammen in OP-Teams kamen. Wenn Frank Spätdienst hatte, war Reiner zu Hause. So kam er noch mehr in Zugzwang.

„Gute Idee. Ich kümmere mich dann darum, dass der OP fertig ist, wenn der Patient vorbereitet ist.“ Frank nickte. Er musste nur alles kontrollieren, denn die Schwestern und Pfleger hier arbeiteten sehr selbstständig und gewissenhaft. Sie waren ein eingespieltes Team, auch wenn die Rollen neu verteilt waren, aber gerade das zeigte ihre Professionalität.

Er zog Mory ein wenig zu sich. „Klasse gemacht, mein Lieber. Du bist der geborene Chefarzt. Die Patienten vertrauen dir“, flüsterte er ihm zu und schlug ihm auf die Schulter.

Mory grinste. „Ich kann nicht zulassen, dass du mir nächste Woche die Show stielst. Da muss ich diese Woche die Latte hoch legen!“, sagte er leise und grinst, boxte Frank noch mal gegen die Schulter und machte sich von dannen. Bäumchen hatte ihm erklärt, was an Schreiben zu bearbeiten und zu verfassen war, was sie nicht selber machen durfte.

Reiner hingegen hatte auch noch einen Stapel Papier auf dem Tisch, denn im Augenblick war die Klinik verdächtig ruhig. Das - so hatte er schnell gelernt - hieß, die Ruhe nutzen und so viel Papierkram wie nur irgend möglich abarbeiten.





- 05 -



„Na komm, einen Kaffee trinken und dann flicken wir den armen Kerl wieder zusammen, damit er sich bald wieder auf seinen Bock schwingen kann.“ Frank ging mit Reiner zu seinem Büro und streifte seinen Berg Akten erst einmal mit Nichtachtung. Er hatte keinen Bock, sich darum zu kümmern. Viel lieber wollte er sich mit Reiner beschäftigen, denn er war neugierig, wie sein Chef privat so war. Was er bisher mitbekommen hatte, gefiel ihm wirklich gut und vor allen Dingen, wollte er dieses Kribbeln näher ergründen, das sich seit ein paar Tagen immer öfter einstellte, wenn sie zusammen waren.

Mory grinste, folgte Frank aber in sein ehemaliges Zimmer, während Reiner draußen auf dem Flur noch mit einem Pfleger sprach. „Und wie macht er sich so?“, fragte Mory leise, weil er so Frank endlich allein hatte. Er sorgte sich immer noch ein wenig darüber, dass ihre Blödelei vielleicht ein falsches - wenn auch richtiges - Licht auf Frank geworfen hatte und der Chef ihn nun irgendwie schnitt. Mory konnte das zwar nicht sehen oder sonst wie ausmachen, aber das hieß ja noch lange nicht, dass die beiden, wenn sie allein waren, nicht mit harten Bandagen kämpften.

„Ein wirklich guter Ersatz für dich und ich werde es genießen, dass ich mir keine Vorträge über Ordnung anhören muss, denn Reiner ist genauso ein Chaot wie ich.“ Frank kicherte und setzte sich auf seinen Schreibtisch. Das hatte er sich schnell von Reiner abgeguckt und solange Mory hier nichts zu sagen hatte, nutzte er das weidlich aus. „Bleibt es heute Abend bei Kino oder ist Cherry wieder da?“

„Cherry ist nicht da, aber mein Vater hatte einen leichten Unfall. Ich muss rüber und mir das ganze mal ansehen. Er ist die Treppe runter gefallen, aber du weißt ja, wie er ist.“ Mory verdrehte die Augen dabei. „Ärzte? Kommen mir nicht ins Haus!“ Dass sein eigener Sohn auch einer war, übersah Rachid gern mal, den musste er ja nicht bezahlen und der kam auch gern nach Feierabend frei Haus. „Mom meinte, er hätte sich das Gelenk verdreht, aber der alte Herr weigert sich zum Arzt zu gehen. Ich muss da unbedingt drüber gucken, ich hoffe, du bist mir nicht allzu böse.“ Er machte ein trauriges Gesicht, denn den Gruselfilm, den sie sich für heute ausgesucht hatten, wollte er schon lange sehen.

„Oh… sicher bin ich nicht böse. Dein Vater geht vor. Wollen wir hoffen, dass es wirklich nix Schlimmes ist. Grüß ihn von mir und deine Mutter natürlich auch.“ Ein wenig enttäuscht war Frank schon, aber das ließ er sich nicht anmerken. Alleine hatte er keine Lust ins Kino zu gehen, aber vielleicht fand er ja noch jemanden, der mit ihm hinging. Er blickte auf, als Reiner in den Raum kam und er hatte eine Idee. „Sag mal, Ex-Chef, möchtest du vielleicht mit mir heute Abend ins Kino gehen? Mein neuer Chef hält es nicht mehr für nötig, seit er aufgestiegen ist.“

„Frank, du bist gemein“, grinste Mory, war aber ganz froh darüber, dass Frank doch nicht allein daheim hockte. Denn so gern der junge Arzt auch Gruselfilme guckte, er guckte sie ungern allein. Er brauchte immer jemanden, den er kneifen oder aufs Knie schlagen konnte, um sich zu entspannen. Zum Glück - oder auch nicht - wusste Reiner das nicht. Er hob nur eine Braue, überschlug nur kurz seinen Abend. Aber die Tiefkühlpizza, die noch auf ihn wartete, würde es ihm wohl nicht übel nehmen, wenn er sie versetzte. „Was wollen wir denn angucken?“, fragte er vorsorglich, denn eigentlich war er kein großer Cineast.

„Den neuesten Gruselschocker“, lachte Frank und streckte Mory die Zunge raus. Er wusste, dass sein Freund ihm das nicht übel nehmen würde. „Bitte“, bettelte er leise zu Reiner und machte große Augen. Er wollte diesen Film unbedingt sehen, denn er hatte sich sehr darauf gefreut. „Die Eintrittskarte hab ich schon und ich lade dich auch vorher zum Essen ein, wenn du mitkommst.“

Irgendwie gingen Reiner gerade die Gedanken über. Da bot sich eine Chance, wie er sie suchte. Irgendwie wurde das gerade ein Date, auch wenn er mit Gruselfilmen nicht viel anfangen konnte. Sein Steckenpferd waren Dokumentationen, aber die liefen in den Kinos der Neuzeit eben eher selten. Also musste er wohl nehmen, was er kriegen konnte, und grinste. „Machen wir doch halbe halbe, du zahlst das Kino und ich das Essen. Willst du vorher heim oder fahren wir von hier aus?“ Den dankbaren Blick, den er Mory zuwarf, konnte der allerdings nicht wirklich deuten.

„Sicher, warum nicht und wenn unser Chef gnädig ist, gibt er uns morgen früh frei und wir trinken noch etwas zum Abschluss.“ Das war nicht ernst gemeint, aber irgendwie hatte er Lust, Mory zu ärgern. „Kommt drauf an, wohin du mit mir willst, ob ich mich umziehen muss.“ Frank strahlte und hüpfte vom Tisch. Heute hatte er sich etwas lässiger angezogen, aber wenn sie nicht gerade in ein Nobelrestaurant gingen, musste er sich nicht umziehen. Noch immer grinsend schüttete er ihnen den fertigen Kaffee ein und verteilte die Tassen.

„Nein, ich glaube, so wie du aussiehst, nehm' ich dich überall mit hin“, sagte Reiner, auch wenn ihm ganz andere Komplimente auf der Zunge gelegen hatten. Aber vor Mory war er sich nicht sicher, ob er einfach so anfangen sollte zu plaudern, wie ihm der Schnabel gewachsen war. Zwar schien der zu wissen, dass Frank auf Männer stand, aber von Reiner selbst hatte er keine Ahnung und er hätte es gern gesehen, wenn das auch noch eine Weile so blieb. Nicht weil er sich schämte, sondern eher, weil er nicht wollte, dass sie unter Beobachtung standen wie Tiere im Zoo.

„Gut, dann gehen wir gleich von hier los und müssen uns nicht so sehr beeilen, bis der Film anfängt.“ Frank kriegte sein zufriedenes Grinsen gar nicht aus dem Gesicht, auch nicht, als er einen Schluck von seinem Kaffee nahm. Wieder hatte sich dieses Kribbeln in seinem Bauch eingestellt und so langsam begann er Reiner mit anderen Augen zu sehen, jetzt, wo er wusste, dass es durchaus Sinn hatte, sich darauf einzulassen.

„Na herrlich. Die Herren planen ihren Abend und ich versorge meinen Vater. Das nenne ich mal Gerechtigkeit.“ Mory grinste und trank auch einen Schluck, doch kaum dass er wieder das Zimmer bevölkerte, ging es schon los, wie es letzte Woche aufgehört hatte. Ständig klopfte es an der offenen Tür und eine Schwester nach der anderen hatte etwas ganz Wichtiges mit Mory zu besprechen.

Reiner hingegen hatte an seinem Schreibtisch Platz genommen, machte es sich etwas bequemer und nutzte die paar Minuten, um Frank noch ein bisschen zu beobachten. Hatte er schon immer diese unglaublich blauen Augen? Und das freche Grinsen, von dem man nie wusste, ob Frank nicht doch durch Wände und in Köpfe sehen konnte. Hübscher Kerl und nicht dumm. Wo fand man so was denn heute noch?

„Na los, Herr Chefarzt, die Arbeit wartet. Wir müssen einen Biker wieder zusammenflicken“, scheuchte Frank Mory nach einer Weile aus dem Raum und wedelte auch zu Reiner rüber. „Und du holst unseren Patienten ab.“ Die ganzen Schwestern gingen ihm auf den Geist und seinem Freund auch, wie er sehen konnte. Es waren kleine Gesten, an denen er das sah, denn Mory war genauso freundlich wie immer. Er wäre nie auf die Idee gekommen, die Damen wieder aus dem Zimmer zu scheuchen - das hatte er noch nie getan. Er war einfach zu höflich dafür und den Lohn sah er ja.

Reiner sah dem Abzug der kleinen Karawane hinterher und musste feststellen, dass ein schönes Gesicht wirklich auch eine Strafe sein konnte, denn egal wo der junge Mann auftauchte, war er umringt. Er hatte selten seine Ruhe. Vielleicht tat ihm die Woche mit Bäumchen ganz gut, denn sie war konsequent und ließ nur zum Chef vor, wer auch einen Termin hatte.

Wohl sehr zum Missfallen der vielen Verehrerinnen. Frank trieb die Schwestern vor sich her, damit Mory sich fertig machen konnte und er selber verschanzte sich auch im Vorbereitungsraum, weil dort keiner, außer den operierenden Ärzten und den assistierenden Schwestern, etwas zu suchen hatte.

„Wie hältst du das nur aus“, seufzte er kopfschüttelnd. „Die sind ja anhänglicher als Kletten. Ich finde, du solltest langsam mal durchgreifen und den Hühnern ein für alle mal klar machen, dass du vergeben bist.“

Mory sah auf, als er sich gerade das Desinfektionsmittel auf die Hände gab, um es zu verteilen. „Na du bist ja ein Herzchen. Was glaubst du, was ich mache? Was glaubst du, wessen Bild in dem Rahmen auf meinem Schreibtisch ist?“, knurrte Mory. Ihm war es ja auch peinlich, vor allem, weil er Cherry, so oft es nur ging, erwähnte. Aber Frauen waren auf dem Ohr wohl taub. „Die sind nicht so einsichtig wie du!“ Dabei grinste Mory frech. Ihr altes Spiel war er noch nicht leid. Unter der grünen OP-Haube sah er irgendwie ganz anders aus.

„Vielleicht hilft es ja, wenn sie glauben, dass du für die Frauenwelt verloren bist? Ich würde mich da ganz selbstlos zur Verfügung stellen, denn ich bin immer bereit einem Freund in der Not zu helfen“, kicherte Frank, nicht im mindesten beleidigt. Er wusste, dass Mory alles Mögliche unternahm, um seinen Verehrerinnen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Grinsend wackelte Frank mit den Augenbrauen und breitete einladend seine Arme aus.

„Ja, Frank“, lachte Mory plötzlich auf, „deine selbstlose Ader, mich und eine kleine Liaison betreffend, ist legendär.“ Doch anstatt sich seinem strahlenden Retter im grünen OP-Kittel in die wartenden Arme zu werfen, zog er sich die Handschuhe über. „Los komm, wenn ich dich jetzt knuddel, muss ich mich noch mal desinfizieren.“ Dann lachte er frech auf und richtete die Handschuhe.

Frank seufzte schwer und machte ein leidendes Gesicht, aber er hatte erreicht, dass Mory wieder lachte und nun beschwingten Schrittes in den OP-Saal ging. Er machte sich auch fertig und stellte sich neben Mory. „Ich fürchte, es würde auch nicht helfen, wenn du Cherry heiratest, aber du wirst es trotzdem tun –irgendwann. Ich finde, du solltest ruhig etwas ausgefallener werden, in deiner Hühner-Abwehr.“

„Ich liebe es, wenn du so selbstlos bist“, sagte Mory leise. Auch wenn man hinter der Gesichtsmaske nur noch die Augen sah, so konnte man deutlich sehen, dass er lachte. „Vielleicht lass ich mich ja doch noch mal auf dich ein“, lockte er und zwinkerte verräterisch. „Oder bekomme ich dann mit jemandem Ärger?“

Mory ruckte herum, als die Tür aufging und der Patient hereingebracht wurde.

„Schön wäre es, aber leider gibt es da niemanden, der dir die hübsche Nase verbiegen würde, wenn du mir unmoralische Angebote machen würdest.“ Frank nickte Reiner zu, der mit dem Patienten in den OP kam und gerade von einer Schwester Mundschutz und Handschuhe bekam. „Na los, flicken wir den armen Kerl wieder zusammen, ich habe heute noch was vor“, lachte er und winkte Reiner zu sich, der aus alter Gewohnheit auf seinen angestammten Platz gehen wollte.

Schnell hatte er sich orientiert und überließ dem aktuellen Chef der Station seinen Platz. Er stellte sich Frank gegenüber und begann damit, das Besteck und die Utensilien zu zählen und zu notieren, damit nichts vergessen wurde, ehe der arme Kerl dann wieder zugemacht wurde. Doch Frank gegenüber zu stehen, war gar nicht so leicht, sich auf seinen Job zu konzentrieren noch weniger. Doch Reiner blendete alles aus und Frank verschwand aus seinem Kopf.

„Trümmerbruch im rechten Unterschenkel, dazu ausgekugelte Schulter und ein paar kaputte Rippen“, erklärte eine der Schwestern, während sie die eilig gemachten Röntgenbilder an der Lichtwand befestigte.

Die drei Ärzte nickten und machten sich dann ans Werk, damit ihr Patient so schnell wie möglich wieder gesund wurde. Routiniert flickten sie das Bein wieder zusammen und richteten die restlichen Verletzungen. Sie waren ein eingespieltes Team und auch, dass sie ihre Rollen getauscht hatten, änderte nichts daran. So konnten sie sicher sein, dass ihr Patient sich in ein paar Wochen wieder auf sein Motorrad setzen konnte.

Seufzend zog Frank sich die Handschuhe aus und den Mundschutz vom Gesicht. „Ich weiß ja nicht, was ihr vorhabt, aber ich brauche etwas zu trinken. Kommt einer mit?“, fragte er in die Runde und schmiss seinen dreckigen Kittel in den dafür vorgesehenen Korb.

Auch Mory und Reiner entledigten sich ihrer grünen Kleidung und während Reiner sich streckte und sich darüber freute, dass er jetzt keine Berichte hatte und sich nicht mit der Verwaltung rumschlagen musste, grinste Mory nur schief. „Ich muss leider ablehnen, Sonnenscheinchen. Bäumchen hat meinen schön aufgeräumten Schreibtisch mit Anträgen und Kostenvoranschlägen gepflastert, durch die ich mich jetzt erst mal wühlen muss“, sagte er und wirkte resigniert, während Reiner ihn mitleidig ansah, sich aber beeilte, Frank zu erklären, dass auch er einen Kaffee dringend gebrauchen könnte. Vielleicht heute sogar mal mit Milch.

„Und wenn wir uns ganz verwegen fühlen, nehmen wir auch noch Zucker?“, kicherte Frank frech und brachte ein wenig Abstand zwischen Reiner und sich. Wenn er nur ein wenig wie Mory war, dann hatte er schneller einen Finger in den Rippen, als ihm lieb war. Er lachte leise und tänzelte rückwärts gehend vor Reiner rum. „Hast du schon eine Idee, wo wir heute Abend essen gehen?“, fragte er dabei, denn gerade waren sie ganz alleine. Mory hatte sich schon verabschiedet, die Pflichten eines Chefarztes warteten mit ihren kalten Krallen auf ihn.

Reiner grinste nur, legte dann aber den Kopf schief. „Wäre ich dein Chef, würde ich dich für heute mit dem Drive In bei Mc Donalds abspeisen wollen. Aber da ich das nicht bin, hast du noch mal Glück und ich zeig dir, wo ich gern Indisch essen gehe“, zeigte sich Reiner großmütig. Aber eigentlich verfolgte er das Ziel, Frank so richtig zu beeindrucken, um mehr abzustauben als nur ein „Danke“. Auch wenn es berechnend war, er hatte nicht vor, sich diesen jungen Mann noch durch die Finger schlüpfen zu lassen, wenn sich auch nur der Hauch einer Chance bot.

„Da hab ich ja Glück und du, weil ich Indisch liebe.“ Frank hüpfte noch immer vor Reiner rum und lachte leise. Er fühlte sich gerade richtig aufgekratzt, wie immer, nach einer Operation, wenn die Anspannung nachließ. „Mc Donalds machen wir das nächste Mal, denn das esse ich auch sehr gerne. Dann darfst du dir auch einen Film aussuchen.“

Etwas irritiert legte Reiner den Kopf schief. Frank plante also schon das nächste Mal, obwohl sie das erste Date noch gar nicht hinter sich gebracht hatten? Warum machte er sich darüber eigentlich solche Gedanken? Er lachte leise in sich hinein. „Junger Mann, sie als Mediziner sollten die Tücken der sinnlosen, leeren Kalorien im Fastfood und die Folgen der Zusatzstoffe doch eigentlich kennen. Und da ist es mir egal, dass Stiftung Warentest da auch durchaus Positives gefunden hat“, sagte er, grinste aber auch. Fastfood gehörte wohl zum Leben eines Arztes, wie der Nachtdienst und die 24-Stunden-Schichten. Auch an dieser Klinik.

„Sicher kenne ich das alles, aber es ist mir so was von egal, weil das Zeug einfach lecker ist und bisher hat es mir auch nicht geschadet.“ Frank zog sein Oberteil hoch, so, dass man seinen Bauch sehen konnte. „Siehste“, giggelte er leise und steckte seinen nicht vorhandenen Bauch raus. Er wusste gar nicht, warum er das jetzt machte, denn eigentlich war es nicht seine Art, aber es reizte ihn, zu sehen, wie Reiner darauf reagierte und der starrte Frank für einen kurzen Augenblick nur an. Er konnte ihm nicht ins Gesicht sehen, starrte nur auf die flachen Muskeln, so lange, bis das Shirt wieder darüber gezogen wurde. „Nein“, sagte er gedehnt, „geschadet hat dir das augenscheinlich ganz bestimmt nicht.“ Reiner murmelte nur vor sich hin, dann grinste er etwas dümmlich. Wer ihn kannte und ihn sah, hätte sich wohl erschrocken und ihm ein Fieberthermometer in den Mund geschoben.

So merkte er gar nicht, dass zwei blaue Augen ihn aufmerksam ansahen und kurz zufrieden aufleuchteten. So wie es aussah, gefiel Reiner, was er sah und das machte Frank mehr als nur zufrieden, denn es bescherte ihm wieder dieses herrliche Kribbeln, das sich in den letzten Tagen immer öfter einstellte, wenn er mit Reiner zusammen war. „Sag ich doch“, lachte er und hörte auf, rumzuhibbeln, denn sie kamen an ihrem Büro an. So öffnete er die Tür und ließ Reiner vorgehen. „Und da Mr. Perfect nicht da ist, werden wir auch ein paar Minuten Ruhe haben, weil keine Schwestern uns belagern werden.“

Reiner hockte sich nur auf seinen Tisch und sah Frank weiterhin an. Bildete er sich das nur ein oder flirtete Frank? Versuchte er wirklich, Reiner auf den Geschmack zu bringen oder ging er mit ihm um, wie er mit Mory umging? Völlig wertfrei und nur ein kleiner Spaß unter Kollegen. Reiner wusste es nicht und er wagte auch nicht wirklich, danach zu fragen. Zwar lag ihm die Frage 'Flirten wir gerade, dass die Luft brennt' auf der Zunge, doch sie perlte nicht über seine Lippen. Lieber sagte er: „Oder sie sind frustriert, weil Bäumchen sie rausschmeißt und sie suchen dann eben den nächsten, schönen Mann auf der Station.“ Undeutbar blickte Reiner auf seinen Kollegen, aber sein Magen schlug Purzelbäume. Irgendwie ganz seltsam.

„Wir haben noch mehr schöne Männer auf dieser Station und ich weiß nichts davon?“ Frank machte ein grimmiges Gesicht, aber seine Augen blitzten schalkhaft. „Gib's zu, du hast ihn versteckt und wolltest ihn für dich haben. Das ist unfair, als guter Kollege solltest du teilen.“ Mit in die Seiten gestemmten Händen stand er vor Reiner und sah streng auf ihn runter. Reiners Finger arbeiteten, hätte Frank sie gesehen, hätte er um die Anspannung gewusst, die in seinem Chef tobte. Zu groß war der Drang, Frank, so wie er vor ihm stand, einfach an den Hüften zu greifen und zu sich zu ziehen - doch die Unsicherheit ließ ihn die Hände wieder senken.

„Vielleicht will ich einfach nicht, dass du ihn siehst, weil du mich dann nicht mehr anguckst“, sagte er plötzlich, weil er nicht nachgedacht hatte und schluckte dann hart. Also schoss er hoch und erklärte, er müsse noch was im Labor abholen und war auf dem Weg zur Tür.

Völlig überrumpelt blickte Frank auf Reiner und ohne weiter nachzudenken, streckte er sich und zog ihn an einem Arm zu sich zurück, bevor er die Tür erreicht hatte.

„Warte bitte“, sagte er leise und schob seinen Chefarzt wieder auf seinen Platz an der Tischkante. Sein Herz schlug auf einmal schneller und das Kribbeln breitete sich im ganzen Körper aus. Konnte es sein…? Frank war ein wenig durcheinander, aber das musste er jetzt einfach wissen. „Reiner, jetzt mal langsam. Bedeutet das jetzt, was ich vermute?“, fing er an. „Möchtest du, dass ich nur dich angucke?“ Nun wurde Frank auch nervös und er wischte sich seine plötzlich feuchten Handflächen an seiner Hose ab. „Wenn es so sein sollte, zeig mir, warum ich das tun sollte.“

„Frank.“ Reiners Stimme war belegt. In was hatte er sich da nur hinein geritten mit seinem losen Mundwerk? Er sah Frank in die Augen, doch da fand er die Antwort auf seine Frage auch nicht. Was sollte er jetzt tun? Frank erwartete etwas von ihm und so murmelte er nur: „Weiß doch auch nicht“, und, „Irgendwie durcheinander“, und sah zu Boden. Doch dann schien er zu begreifen und streckte fragend seine Hand nach Frank aus, strich über die Wange zum Nacken und zog ihn langsam zu sich, unsicher, ob es das war, was Frank wollte oder ob er gerade den Fehler seines Lebens machte. Seine Finger zitterten und wurden kalt.

Sanft schob sich ein Finger unter Reiners Kinn und hob sein Gesicht etwas an, so dass sie sich in die Augen blicken konnten. „Kann ich dir irgendwie helfen, dass sich deine Verwirrung legt und du weißt, was los ist?“, fragte er leise und seine Lippen zierte ein leichtes Lächeln. Das er selber ziemlich durcheinander war, ließ er sich nicht anmerken. Schon lange hatte er so etwas nicht mehr gefühlt. Er war aufgeregt und er wusste nicht, ob es richtig war, was hier gerade passierte, aber es fühlte sich richtig an.

„Ich weiß nicht, ob mir noch zu helfen ist. Ich bin im Begriff, meinen Angestellten zu küssen, ohne auch nur den Hauch eines Schuldgefühls oder dem Schalen Geschmack eines Verstoßes“, sagte Reiner, wusste selber nicht warum. Vielleicht weil ihm die Stille im Raum immer mehr den Hals zuschnürte. Die Luft lud sich auf, er konnte es spüren - die Haare an seinen Armen standen elektrisiert ab. Der Griff in Franks Nacken wurde fester, als er ihn zu sich zog, das sanfte Lächeln auf dessen Lippen einfach berühren wollte.

Langsam kamen sie sich immer näher und Frank hielt den Blickkontakt so lange aufrecht, bis ihre Lippen sich berührten. „Ich werde es niemandem erzählen und ich finde da auch nichts Schlimmes dran“, murmelte er leise dabei. Erst dann drifteten seine Lider zu und er genoss diesen Kuss einfach. Es war sowieso schon unglaublich, was hier passierte. Vor noch nicht einmal einer Woche hatte Frank geglaubt, dass sein Chef ihn nicht leiden konnte und nun stand er hier und wurde genau von diesem geküsst. Er hob eine seiner Hände und strich sanft über Reiners Wange.

Als hätte es nur noch dieser Berührung bedurft, festigte sich Reiners ganzer Körper. Seine Hand in Franks Nacken fing an zu massieren, fuhr von unten in die schwarzen Haare. Es war wie in einem Traum. Dabei hatte Reiner vorgehabt, sich nie wieder zu verlieben, nie wieder zuzulassen, dass jemand ihm weh tun konnte und jetzt flimmerte sein Magen, seine Finger zitterten und seine Lippen brannten - das herrlichste Gefühl, was man sich nur vorstellen konnte. Immer intensiver presste er seine Lippen auf Franks und es dauerte nicht lange, da huschte seine Zunge über die weichen Lippen, wollten flehend um Einlass bitten.

Frank seufzte leise und schob sich ein wenig näher an Reiner. Ohne zu zögern öffnete er seine Lippen und ließ die fremde Zunge ein. Es war wie ein kleiner Stromstoß, als ihre Zungenspitzen sich das erste Mal berührten und Frank seufzte leise und sehr zufrieden. Wenn er es bisher auch noch nicht gewusst hatte, aber nun konnte er es nicht mehr leugnen. Er war dabei, sich zu verlieben und das ausgerechnet in seinen Chef. Mit dieser Problematik wollte er sich gerade nicht beschäftigen, viel zu angenehm war das Kraulen und auch von dem Kuss wollte er viel mehr.

Reiner hingegen machte sich darüber noch gar keine Gedanken - er versuchte zu begreifen, wie das hatte passieren können. Da nahm er sich vor, nur noch seine Arbeit zu heiraten und plötzlich hatte er die Zunge eines jungen Mannes im Hals und ein Gefühl im Körper, das seinesgleichen suchte. Immer intensiver wurde der Kuss und so war es Reiner unmöglich, seine Finger bei sich zu halten. Sie huschten über den Nacken zum Hals, abwärts und legten sich auf Franks Seiten, zogen den begehrlichen Körper dichter. Was hatte ihm der verrückte Kerl auch seinen nackten, ansehnlichen Bauch zeigen müssen. Hunderte unkeuscher Gedanken bombardierten Reiner nun.

Angenehm überrascht von der Initiative schlang Frank seine Arme um Reiners Hals. Das hatte er nicht erwartet. Er würde es ja nie wirklich zugeben, aber er mochte Männer, die ein wenig dominant werden konnten und auch nicht zu zögerlich waren und Reiner hatte gerade die richtige Mischung drauf. Immer näher drängte sich der junge Arzt an den anderen Körper und er zuckte erschrocken zusammen, als das Telefon auf Reiners Schreibtisch läutete und ihre Pieper losgingen.

Reiner stöhnte ungehalten auf - warum jetzt? Warum ausgerechnet jetzt? Er kostete ihre Liebkosung bis zum letzten aus, doch dann konnte er das Telefon nicht mehr ignorieren. Während er sich bedauernd von Frank löste, hob er schon den Hörer zum Ohr und atmete tief durch. Von einem Augenblick auf den anderen musste er wieder klar denken, auch wenn das alles andere als leicht war.

Automatisch blickte Frank auf seinen Pieper, aber es brachte mehrere Anläufe, bis er wusste, was los war, denn immer wieder glitt sein Blick zu Reiner rüber. Er wusste immer noch nicht, was eigentlich passiert war und warum er auf einmal seinen Chef küsste, aber eines konnte er sagen: wenn es nichts Dringendes war, konnte sich der Störenfried warm anziehen.

Ein Notfall war gerade reingekommen und Reiner und er sollen sich darum kümmern. „So eine Schei…benkleister“, fluchte er leise und sah noch einmal zu Reiner, der gerade den Hörer auflegte. „Ich muss los“, knurrte Frank leise und sah ihn bedauernd an, aber dann huschte ein kleines Lächeln über sein Gesicht und er zog Reiner noch einmal am Kragen zu einem kurzen, aber intensiven Kuss zu sich. „Damit du weißt, wo ich später weiter machen möchte“, wisperte er dabei und dann war er auch schon weg, auf dem Weg zur Notaufnahme.

„Ich versuch's mir zu merken“, murmelte der Assistenzarzt auf Zeit und saß noch immer auf seinem Tisch, auch als hinter Frank schon die Tür zu war. Was war denn heute los? Unfälle am laufenden Meter und dann ließ ihn sein Kollege mit dem Geschmack nach mehr auf der Zunge einfach hier zurück, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Das war doch verrückt, total verrückt!

Doch Reiner griff sich seinen Kittel, der über dem Stuhl hing und in dem alles steckte, was er brauchte und hastete ebenfalls los. In der Notaufnahme wurde jede helfende Hand gebraucht, denn auf dem Baldeneysee waren ein paar Wassersportler mit einem Schiff kollidiert. Hoffentlich war sein Abend nicht in Gefahr - doch sein erster Gedanke galt immer noch den Patienten, Frank wurde aus seinem Kopf so weit verdrängt, wie es nur ging. 


Fortsetzung folgt