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Abschied

Original [reale Welt] [PG-14] [abgeschlossen]

Warnung [depri]

Inhalt 
ein Abschiedsbrief nach einer heftigen Diskussion und ein paar Tagen Nachdenkens 

Kommentar 
wie immer etwas kurz ;)





Abschied


Lieber Bahne,
es tut mir Leid. Ich weiß, ich hätte den Mut haben sollen noch einmal mit Dir zu reden. Aber ich kann nicht.
Es tut mir auch Leid, dass ich Deine Entscheidung nicht verstehe. Ich habe es versucht. Aber ich kann es wirklich nicht. Die ganzen Gründe, die Du aufgezählt hast, sie leuchten mir ein. Aber ich verstehe trotzdem nicht, wie Du das tun konntest.
Sie war Deine Großmutter! Sie hat Dich aufgezogen, Kummer und Leid mit Dir geteilt. Du hast sie geliebt. Und trotzdem hast Du den Notarzt erst so spät gerufen. 

Du hast Recht, ich kannte sie nicht so lange wie Du und eigentlich nur während ihrer ‚schlechten’ Zeit. Aber bist Du Dir sicher, dass dies immer noch ihr Wille gewesen wäre? Dass sie sich nicht damit abgefunden hatte, nicht mehr laufen zu können, auf fremde Hilfe angewiesen zu sein? Sie wirkte immer so friedlich, meist fröhlich, wenn wir sie gemeinsam besucht haben.
Auch Dein medizinisches Argument… Du weißt nicht wie lange sie bereits da gelegen hat und bewusstlos war. Du wusstest nur, dass es weniger als 10 Minuten gewesen sein mussten. Glaubst Du wirklich, dass jede Hilfe zu spät gewesen wäre und ihr Hirn auf jeden Fall Schäden davon getragen hätte? 

Du weißt, dass auch mein Großvater einen Schlaganfall hatte und danach noch eine zeitlang teilweise gelähmt war und noch länger Sprachprobleme hatte. Meinst Du wirklich, Deine Großmutter wäre genauso verbittert geworden wie er? Hattest Du nicht die geringste Hoffnung, dass sie diese möglichen, neuen Probleme mit dem ihr eigenen Humor angegangen wäre?
Du sagst, sie hätte auch vorher nicht mehr gewollt, aufgegeben mit den Widrigkeiten des Alters zu kämpfen. Ich habe davon nie etwas gemerkt. Wenn, dann hat sie es vor Fremden sehr gut verborgen. 

Ich weiß, dass Hilfe zum Selbstmord in diesem Land strafbar ist und die öffentliche Diskussion mehr als nur kontrovers. Ich verstehe das moralische Problem: Wie kann man von einem Arzt, einem Heiler, verlangen, einen sterben zu lassen? Wie kann man einen anderen, egal ob einen Verwandten oder einen Fremden, bitten zum Mörder zu werden? Ich verstehe aber auch, dass Du ihr nicht zumuten wolltest, in dieser Situation zu sein: an ein Krankenbett gefesselt, eventuell nicht in der Lage alleine zu atmen oder ihre Gedanken zu äußern und nicht mehr leben zu wollen, aber keinen bitten zu können es zu beenden. 

Versteh’ mich nicht falsch. Ich halte Dich nicht für ihren Mörder. Du hast sie weder gestoßen noch erwürgt oder sonst etwas in der Art. Du hast einfach nur gewartet, drei Minuten lang. Es waren die längsten Minuten meines Lebens. Ich sah Deine kräftige Silhouette durch die Gardine des Wohnzimmerfensters. So völlig untypisch für Dich hast Du da gestanden, vollkommen still, wie erstarrt. Dann bist Du zum Telefon gegangen. Fünf Minuten später kam der Krankenwagen angebraust. Sie waren sehr schnell, und trotzdem zu spät. Sie konnten nichts mehr tun. 

Du hast ihren Tod auf dem Gewissen. Es war Deine Entscheidung. Eine Entscheidung, die Du dort treffen musstest, ohne jemanden zu fragen, ohne lange darüber nachdenken zu können, von der Du hoffst, sie stimme mit der Meinung Deiner Großmutter überein. Und Du bist derjenige, der mit dieser Entscheidung leben muss. Bist Du Dir sicher, dass Du das kannst, auch in zehn oder zwanzig Jahren noch, ohne Gewissensbisse?
Keiner konnte Dir diese Entscheidung abnehmen, am aller wenigsten ich.
Und ich sage nicht, dass sie falsch war. Ich kann aber auch nicht sagen, dass es die richtige Entscheidung war.
Die Vorwürfe, die ich Dir gemacht habe, sie stimmen nicht. Trotzdem stehen sie zwischen uns. Ich… weiß nicht, ob wir einander noch vertrauen können, ob dieses Vertrauen jemals wieder kommt. 

Nur in einem Punkt hast Du Dich geirrt: ja, für mich wäre es die falsche Entscheidung. Selbst wenn mein Großvater mir am Tag zuvor sagen würde, dass er in einer solchen Situation lieber sterben würde. Ich könnte es nicht, ich würde versuchen, ihn zu retten unter allen Umständen. 

Trotzdem kann ich nicht zur Polizei gehen. Was würde das bringen? Wie wollen sie beweisen, dass du sie hättest retten können? Wie wollen sie zeigen, dass du nicht zu schockiert warst, um sofort zum Telefon zu greifen oder laut zu schreien, um Nachbarn zu alarmieren? Und was hätte Deine Großmutter davon, wenn Du im Gefängnis landen würdest? Dein Leben wäre zerstört. Ihres bekäme sie dennoch nicht zurück, zumal Du ja sagst, dass sie es schon lange nicht mehr wollte, nicht so. 

Ich kann aber auch nicht bei Dir bleiben. Dieses Wissen… und dann die ständige Frage, ob Du wieder so entscheiden würdest, wenn einer unserer Freunde oder Verwandten einen Unfall hat oder so.
Verzeih mir! Ich bin nicht stark genug dafür…

Sven