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Weihnachten

Original [abgeschlossen]

keine Warnungen

 


 

Weihnachten 

2. Advent - Weihnachtsmarkt


Endlich war es wieder soweit, die schönste Zeit des Jahres näherte sich: Weihnachten. Es war bereits der zweite Advent, nur noch zweieinhalb Wochen bis zum heiligen Fest.

Wie jedes Jahr tummelten sich eine Menge Besucher auf dem Weihnachtsmarkt. Jeder mit einem anderen Ziel. Einige auch eher ziellos. Viele suchten etwas planlos nach einem Geschenk für die Oma, nur Kerzen sollten es nicht schon wieder sein. Andere versuchten ihren Kindern oder Enkeln den Zauber der Adventszeit zu zeigen: in den Kulissen der Märchenlandschaft; einen Weihnachtsmann, der tatsächlich weiß, was sie sich wünschen; oder doch wie bei einer Kirmes mal wieder Karussellfahren. Ob sie bemerkten, dass das Wichtigste war, wie viel Zeit sie sich endlich mal wieder für ihre Sprösslinge nahmen?

Mittlerweile war es eindeutig mittlerer Nachmittag. Die Jugendlichen wurden mehr. Auch ein paar Grüppchen junger Erwachsener war bereits unterwegs, um gemeinsam einen schönen Ausklang des Tages zu begehen, bei einem Gläschen Glühwein oder auch zwei. Die ersten Omas mit ihren Enkeln machten sich bereits auf den Heimweg.

Nur Nhum schien allein unterwegs zu sein. Er lebte zwar bereits ein paar Jahre in Deutschland, hatte bisher aber an keinem Fest teilgenommen, da ihm die christlichen Überlieferungen dank seiner thailändischen Herkunft völlig fremd waren. Aber seine Schüler hatten ihm vorgeschwärmt vom Weihnachtsmarkt ihrer Stadt, wie besonders er doch sei und dass der christliche Ursprung eher in den Hintergrund trat. Das wichtigste sei, endlich mal wieder viel Zeit mit der Familie oder auch Freunden zu verbringen.

Nun, seine Familie war Gott sei Dank in Thailand und nicht hier, auch mit Freunden konnte er nicht dienen. Nichtsdestotrotz hatte er beschlossen, dass es an der Zeit sei, die Sitten und Bräuche seiner neuen Heimat wenigstens kennen zu lernen.

So schlenderte er gemütlich aber allein über den Markt und freute sich an den altertümlichen Ständen, begutachtete die angebotenen Waren angefangen bei den erzgebirgischen Pyramiden und den anderen Figuren, über Holzspielzeug aller Art bis hin zu den üblichen Kerzen mit und ohne Duft, Weihnachtskarten, Geschenkanhängern und dem anderen Tand.

Dann geriet er auf seinem Weg ins Stocken. Dort vorne, dort wo der Weg sich zu einem kleineren Platz verbreiterte und jemand die Gelegenheit genutzt hatte ein Karussell hinzustellen, dort stand er: Patrick.

Vor einem halben Jahr hatten sie sich das letzte Mal gesehen, dann war er plötzlich, ohne Vorankündigung nicht mehr beim Training erschienen. Nhum hatte sich gewundert, da Patrick sonst zu den zuverlässigen Leuten gehörte und immer Bescheid sagte, wenn ihm die Arbeit mal wieder dazwischen kam. Doch er war auch das nächste Mal nicht gekommen und das übernächste Mal…

Irgendwann hatte Nhum aufgegeben auf ihn zu warten.

Sollte er ihn nun ansprechen? Sie waren keine Freunde gewesen, so wie Nhum auch keinen der anderen näher an sich heran gelassen hatte, nur Sensei und Schüler, immer.

Hatte er nun das Recht ihn zu fragen, warum er aufgehört hatte? Schließlich war immer er, Nhum, es gewesen, der jeden Versuch eine Freundschaft aufzubauen im Keim erstickte. Sollte es ihm dann nicht auch egal sein, warum sein Schüler den Sport aufgegeben hatte?

Andererseits: wenn er Patrick jetzt nicht ansprach, sah er ihn wahrscheinlich nie wieder. Wollte er das?

Unsicher ging er auf ihn zu, versuchte festzustellen, ob Patrick ebenfalls allein unterwegs war oder auf eine Begleitung wartete. Allerdings konnte er niemanden entdecken, der offensichtlich zu ihm gehören könnte. So faste er sich ein Herz und sprach ihn an: „Hallo, Patrick. Lange nicht gesehen.“

Erschrocken zuckte sein Schüler zusammen, hatte wohl nicht damit gerechnet, so unvermittelt angesprochen zu werden. Dann blitzte das Erkennen in seinen Augen auf und Wiedersehensfreude schlich sich in sein Gesicht. Mit einer leichten, angedeuteten Verbeugung erwiderte er den Gruß: „Nhum, Sensei. Tut mir Leid, ich musste leider aufhören mit dem Training. Zu wenig Zeit“, und gab mit einem traurigen Lächeln zu verstehen, dass er es aufrichtig bedauerte ohne vorherige Information nie wieder gekommen zu sein.

Nhum überraschte dies nicht, fragte aber auch nicht nach dem genauen Grund. Er hatte eine Freundschaft immer zurückgewiesen, da gingen ihn die privaten Motive seines ehemaligen Schülers nichts an.

Aber vielleicht war es noch nicht zu spät, eine lockere Freundschaft aufzubauen. In dem letzten halben Jahr war viel passiert. Er war offener geworden, und Patrick hätte ihn auch damals schon interessiert. Wenn seine Angst nur nicht so groß gewesen wäre.

Deswegen stellte er wohl auch seine nächste Frage, ohne weiter nachzudenken. „Wollen wir vielleicht gemeinsam über den Markt gehen? Oder wartest du noch auf jemanden?“

Wieder erschien das Strahlen in Patricks Augen. Leider verschwand es viel zu schnell wieder, als dieser leise sagte: „Es tut mir wirklich Leid. Ich bin nicht allein hier…“

Verletzt ob dieser offensichtlichen Lüge, schließlich gab es niemanden, den Patrick im Auge behalten hätte und niemanden der ihn beobachtete, zuckte Nhum nur mit den Schultern und wand sich wieder ab. Dann eben nicht.

Doch Patrick hatte die Enttäuschung in Nhums Augen gesehen. So gut glaubte er ihn dann doch noch zu kennen. Mit leichter Verzweiflung in der Stimme versuchte er ihn davon abzuhalten, einfach zu gehen. „Sensei, bitte warte, ich…“ Weiter kam er nicht, denn ein lachender und völlig aufgedrehter Junge sprang ihn an. „Papa, Papa. Das war toll. Ich will noch mal!“, krähte dieser.

Lachend hatte Patrick ihn aufgefangen und einmal im Kreis herum gewirbelt. Mit einem leisen „Moment, bitte“ stellte er ihn vor sich ab und blickte fragend zu Nhum.

Dieser hatte bei den ersten gerufenen Worten innegehalten und sich abwartend wieder herum gedreht, mit seinem üblichen Lächeln beobachtete er die beiden.

„Sensei, darf ich dir meinen Sohn Florian vorstellen. Mit ihm bin ich heute unterwegs. Wenn du uns beide erträgst, würde ich dich gern begleiten“, fügte er zwinkernd der Vorstellung hinzu. Dann hockte er sich neben Florian, um auch diesem seinen Sensei vorzustellen. Kaum hatte der Kleine ‚Hallo’ gesagt, fing er wieder an zu drängeln. Schließlich drehte sich das Karussell schon wieder und die Lichter blinkten so herrlich und der Mann im Wichtelkostüm verteilte leckere Süßigkeiten und er saß nicht mehr auf seinem Lieblingspferd!

Vorsichtig versuchte Patrick ihn an ihre Abmachung zu erinnern, einmal Karussellfahren und eine große Tüte Kräppelchen, mehr war nicht drin. Doch sofort schmollte der kleine Dreijährige. Was interessierte ihn die Tüte Kräppelchen nachher, wenn er doch bitte jetzt gleich Karussell fahren konnte. Nach nur einer Minute gab Patrick auf, dann halt keine Kräppelchen.

Wenig später saß Florian wieder auf dem schwarzen Pferdchen, welches die Kutsche zog, und drehte sich munter im Kreis.

Die beiden Erwachsenen standen gemütlich am Rand und beobachteten ihn. Doch Patrick schien die Verwunderung des Thai spüren zu können. Deswegen fing er an ein bisschen zu erklären: „Seine Mutter ist vor einem halben Jahr gestorben. Seitdem lebt er bei mir und ich habe neben der Arbeit kaum noch Zeit für andere Sachen. Keiner seiner Großeltern ist bereit zu helfen und weggeben kann…, will ich ihn nicht.“

Nhum lächelte, er konnte sich zwar nicht erinnern, dass irgendjemand mal erwähnt hätte, dass Patrick Frau und Kind hatte, doch…

„Sag mal, ist er nicht zu jung für Abmachungen dieser Art?“, wollte er dann doch wissen.

Beschämt senkte Patrick den Kopf. „Hm, schon. Aber er ist schon ganz vernünftig für seine drei Jahre.“ Dann fügte er noch leiser hinzu: „Ihre Eltern haben alles behalten, sein Bett, Klamotten, Spielzeug. Musste alles neu kaufen und bei ihm kann man zusehen, wie er wächst. Bin ganz schön knapp bei Kasse.“

Da die letzten Worte wohl nicht für ihn bestimmt waren, reagierte Nhum nicht auf sie. Stattdessen fragte er, welchen Teil des Marktes man noch gemeinsam bestaunen wollte. Schon wieder lachend, imitierte Patrick seinen Kleinen. Seine Stimme war nur nicht ganz so quietschig: „Na, alles!“ Mit normaler Stimme fügte er hinzu: „Zumindest solange du uns erträgst und nicht schreiend flüchtest.“ Dabei lächelte er, um anzudeuten, dass die Worte nicht so ernst gemeint waren, wie sie vielleicht klangen.

Nhum nickte nur. Er hatte nicht vor, sich den Tag verderben zu lassen und ehe er schreiend flüchtete, wie Patrick es nannte, musste schon eine Menge passieren.

Wenig später kam auch der kleine Knirps wieder vergnügt angehopst und berichtete freudestrahlend, wie toll doch das Karussellfahren gewesen sei, ganz so als hätten die beiden nicht die ganze Zeit neben dem Karussell gestanden.

Munter plaudernd hatten sie sich dann doch wieder in Bewegung gesetzt, schließlich sollte noch der gesamte Markt besichtigt werden. Immer wieder hielten sie an einem der Stände an, bestaunten das Kunsthandwerk und versuchten alle neugierigen Fragen von Florian zu beantworten.

Dann erreichten sie endlich die Märchenlandschaft: ein kleines Areal war abgesperrt worden und in kleinen Quadraten hatte man einige charakteristische Szenen aus verschiedenen Märchen gezeigt. Zum Glück für Patrick und Nhum führte ein schmaler Weg hindurch, so dass ihnen der kleine Ungeduld nicht ausbüchste, um auch ja alles von gaanz Nah sehen zu können. Er blieb brav bei ihnen und ließ sich die Kurzfassung der einzelnen Märchen erzählen, und es waren nicht gerade wenige: los ging es mit „Hänsel und Gretel“, dann kam „Rotkäppchen“. Auch „Frau Holle“, „Der kleine Däumling“, „Schneeweißchen und Rosenrot“, „König Drosselbart“ und „Die Schneekönigin“ fehlten nicht.

Zu jedem Märchen erzählte Patrick etwas, manchmal unterbrochen von Florian, der munter weitererzählte und auch schon mal was verwechselte. Davon ließen sie sich aber nicht stören. Nur Nhum war erstaunt: so viel Geduld und Sanftheit hatte er seinem sonst eher ungeduldigen und manchmal auch ziemlich rabiaten Schüler gar nicht zugetraut. Doch auch er ließ sich einfangen von der Atmosphäre, zitterte mit Florian um Hänsel, der im Käfig der alten Hexe hockte und klaute ihr zur Strafe einen Pfefferkuchen vom Häuschen. Was Florian gar nicht richtig fassen konnte, so viel Mut hatte der Mann. Er freute sich mit Florian, der in dem großen, dunkel brummenden Meister Petz sofort den schönen Prinzen entdeckte und er starrte genauso hibbelig wie Florian auf Patrick, als der gerade erzählte wie Kai von der Schneekönigin eingefangen wurde und wegen des Eissplitters in seinem Herzen genauso kaltherzig wurde wie sie. Doch zum Glück hatten sie es dann aber auch geschafft. Nach fast zwei Stunden wurde auch Kai von Gerda gerettet und sie konnten die Märchenlandschaft wieder verlassen.

Nach einer kurzen Diskussion ließ Patrick sich und Florian dann auch einladen, zu einer Tasse Kakao. Zumindest seine Stimme hatte es bitter nötig, so viel hatte er erzählt. Und was Warmes im Bauch war gut gegen die Kälte, die nun aufkam.

Doch bei der einen Tasse blieb es nicht. Nhum ließ es sich nicht nehmen auch noch eine große Tüte Kräppelchen beizusteuern, von der er fast nichts abbekam, so sehr freute sich der Kleine auf das Schmalzgebäck.

Während sie so dasaßen und sich an ihren warmen Tassen aufwärmten, schwatzten sie ein wenig. Nhum konnte gar nicht glauben, dass die Kälte so schlimm werden konnte, wie in einigen der Märchen beschrieben. Schmunzelnd erklärte ihm Patrick daraufhin, dass die Stadt schon um einiges wärmer wäre. Er müsse doch nur mal einen ganzen Tag im Winter draußen bleiben, zum Rodeln zum Beispiel, um am eigenen Leib zu erfahren, wie es sei, wenn man über längere Zeit nicht warm wurde. Kein Feuer hatte, kein heißes Wasser, keinen warmen Kakao…

Doch so ganz konnte er seine Erklärung nicht beenden. Sein Kleiner hatte nur das Wort ‚rodeln’ gehört, schon sprach er aufgeregt dazwischen, bettelte geradezu, dass man doch endlich mal wieder rodeln gehen konnte. Da half nix, der Kleine beruhigte sich erst wieder, als beide Erwachsene versprochen hatten am nächsten Samstag mit ihm Rodeln zu gehen, sofern Schnee läge. Zumindest diese Einschränkung konnten sie ihm abringen: ohne Schnee, kein Rodeln, nicht dass noch der Schlitten kaputt ginge.

Wenig später brachen sie auf. Es war doch schon recht spät geworden, zumindest für einen Dreijährigen, der noch baden, Abendbrot essen und das Sandmännchen sehen wollte und am nächsten Morgen wieder pünktlich um halb acht im Kindergarten sein sollte. So lenkte Patrick ihre Schritte unauffällig in Richtung Augustusplatz.

Unterwegs begegneten sie noch einem Weihnachtsmann, der wohl gerade alles zusammenpackte, was den Kleinen ganz schön verwirrte, schließlich ging auf der anderen Seite des Platzes noch einer.

Doch bevor die große Verzweiflung aufkam, sprang Nhum in die Bresche und erklärte dem Kleinen, dass der Weihnachtsmann bestimmt ganz viele Helfer hatte, die alle den gleichen Anzug bekämen, damit niemand sich zurückgesetzt fühlen würde. Und es wäre doch blöd, wenn man schon drei Meilen gegen den Wind sähe, dass der Mann nicht der echte Weihnachtsmann wäre und der wohl auch nie hier sei. Und wer weiß, vielleicht war er es ja doch…

Dankbar lächelte Patrick Nhum an, hatte er doch gar nicht mitbekommen, was jetzt für ein Unglück über seinen Kleinen hereingebrochen war.

Nhum wurde ganz warm ums Herz, als er dieses Lächeln sah. Er hatte den ganzen Nachmittag nicht einmal an seine Vergangenheit gedacht, weder gegrübelt noch Angst verspürt, dass ein alter Schatten ihn wieder erkennen könnte. War es so einfach zu verdrängen? Und hatte er dieses Gefühl von Wärme, fast wie die Geborgenheit seiner Familie vor ewigen Zeiten, so einfach aufgegeben, ja sogar abgewiesen? Er würde es sich wieder holen.

Den Anfang hatte er gemacht, der Nachmittag war wunderschön gewesen, trotz oder vielleicht auch wegen des kleinen Wirbelwindes.

Er hatte die Freude in Patricks Augen gesehen, als er die beiden eingeladen hatte. Und er freute sich tatsächlich auf das Rodelngehen am nächsten Samstag, nicht nur um die Märchen besser zu verstehen, nein er hatte wohl schon an diesem einen Nachmittag den kleinen Wirbelwind in sein Herz geschlossen.

Da sie den Weihnachtsmarkt nun endgültig verlassen hatten und Patrick scheinbar auf die nächste Haltestelle zuhielt, bot Nhum an, die beiden noch nach Hause zu fahren, so weit weg parkte er schließlich nicht. Wieder schimmerte Freude in Patricks Augen, die zu schnell verschwand. So überraschte es Nhum nicht, dass Patrick ablehnte, mit Bedauern wie es schien. Doch ein Fahrrad hätte er wohl wirklich nicht in seinem kleinen Kofferraum unterbringen können.

So verabschiedete man sich voneinander und Nhum ging zufrieden mit dem Verlauf des Nachmittags zu seinem Auto.

Währenddessen packte Patrick seinen Kleinen noch in eine zusätzliche Decke und setzte ihn dann vor sich auf den Kindersitz. Es hatte zwar nicht geschneit, war aber trotzdem ziemlich kalt für eine fast zwanzigminütige Radtour und sein Junge musste nicht so strampeln wie er selbst.

Während des Heimweges war Florian ziemlich still, aber bei der Kälte war dies nichts Ungewöhnliches. So hatte Patrick noch einmal Zeit, um über den Tag nachzudenken.

Nhum war der einzige Grund gewesen, dass er es bedauert hatte mit dem Sport aufzuhören. Und nun war er ihnen wieder über den Weg gelaufen, viel offener als früher. Er hatte sogar lauthals gelacht, als Florian aufging, dass er wohl die Märchen vertauscht hatte. Das Gesicht seines Kleinen war aber auch mal wieder goldig gewesen. Und frech, wie er manchmal war, hatte er zur Wiedergutmachung einen Pfefferkuchen der Hexe gefordert.

Woran es wohl lag, dass Nhum nicht mehr so verschlossen war? Sah er in seinem Sohn etwa eine Bestätigung dafür, dass er, Patrick, wirklich nur Freundschaft wollte? Zumindest war er sonst richtig verschreckt gewesen, wenn einer über die übliche Sensei-Schüler-Beziehung hinausging. Hatte er etwa schlechte Erfahrungen gemacht?

Nun, erfahren würde Patrick es wohl nie, denn fragen würde er Nhum nicht. Nicht dass er seinen Sensei gleich wieder verscheuchte, jetzt, wo dieser endlich Vertrauen zu haben schien. Dafür war der Nachmittag viel zu schön gewesen. All die zufälligen Berührungen, die nicht nur einmal heiße Schauer durch ihn gejagt hatten. Am Anfang war er jedes Mal rot geworden. Zum Glück konnte er es verstecken, bei dem Gedränge und seinem kleinen Wirbelwind… Sogar eingeladen hatte Nhum sie, nicht nur einmal. Typisch Asiat, hatte er nichts weiter gesagt, als Patrick ihm gestanden hatte, dass er knapp bei Kasse war, hatte es einfach gehört und abgespeichert. Nun musste er nur aufpassen, dass Nhum sie nicht so oft einlud, schließlich wollten sie sich schon nächsten Samstag wieder sehen zum Rodeln.

Och nö, ne? Mist so ein verdammter! Erschrocken hielt Patrick an und schlug sich mit der behandschuhten Hand gegen die Stirn. Wie blöd konnte man denn sein? Da hatten sie nun ein Date, nun ja oder so was ähnliches zumindest, aber keinen Treffpunkt! Mit keiner Silbe hatte einer von ihnen erwähnt, wo sie Rodeln gehen würden, oder wo man sich vorher treffen könnte. Und Nhum wusste ja gar nicht wo sie wohnten. Wie sollte er das nur seinem Kleinen beibringen? Der hatte sich doch so gefreut.

Zum Glück bemerkte er den erstaunten Blick Florians, benahm sich sein Papa doch etwas ungewöhnlich heute. Schnell erklärte er ihm, dass alles in Ordnung sei, ihm sei nur was Wichtiges eingefallen, dass er doch beinahe vergessen hätte. Wieder beruhigt nickte Florian nur. Dann ging die Heimfahrt weiter. Patrick ächzte zwar ein wenig, als er so ungewohnter Weise mitten am Berg anfahren musste, aber auch das ging vorüber.

Wenig später erreichten sie ihren Wohnblock, liefen gemeinsam den Fußweg bis zur dritten Tür, wobei Florian die Decke trug. Nachdem Patrick das Fahrrad, wie vom Vermieter gewünscht, in den Keller gebracht hatte, auch wenn im Hausflur eigentlich genügend Platz gewesen wäre, gingen sie gemeinsam nach oben. Florian guckte Sandmännchen, Patrick bereitete das Abendessen vor.

Danach durfte Florian noch ein wenig in der Wanne planschen, bevor es Zeit wurde diesen Tag zu beenden und todmüde, aber glücklich im Bett zu verschwinden. 



Rodeln gehen - oder nicht?


Die Woche war anstrengend gewesen.

Schon am Montagmorgen hatte Florian Patrick vorgeschwärmt, wie toll doch der Ausflug auf den Weihnachtsmarkt gewesen sei. Er sprach davon, wie nett Nhum war - ja da konnte er ihm nur aus vollem Herzen zustimmen - wie lecker die Kräppelchen waren, und wie gruselig der Märchenwald. Nun, Patrick wusste schon, warum er so spät, nämlich erst als es dämmerte, mit seinem Kleinen zum Weihnachtsmarkt gefahren war.

Aber dann schwärmte er auch schon vom gemeinsamen Rodelngehen. Und wie toll das doch werden würde. Nicht nur den kleinen Zwei-Meter-Hang vorm Kindergarten. Nein, richtig lang sollte die Fahrt werden.

Vorsichtig hatte Patrick versucht Florian zu bremsen. Er hatte ihm erklärt, dass Nhum leider nicht wisse, wo sie wohnten und er vergessen hatte, es ihm zu sagen.

Doch sein kleiner Wirbelwind ließ sich nicht beirren. Richtig clever war er. Dann könne Nhum doch gleich zum Rodelberg kommen. Nein? Wieso denn? Jeder kannte doch den Rodelberg! Patrick sollte gefälligst das Telefon benutzen und es ihm sagen. Leider war sich Patrick da nicht so sicher. Vielmehr glaubte er, dass nur die Kinder und ihre Eltern den Rodelberg kannten. Zumindest glaubte er nicht wirklich, dass Nhum zu den Wintersport-Begeisterten gehörte und dort seine Ski ausprobierte, oder so.

Aber wenn er ihn anriefe, könnte er ihm doch sagen, wo sie wohnten, war das nächste Argument seines Kleinen gewesen. Tja, da lag der Hund begraben: Er hatte keine Telefonnummer seines ehemaligen Trainers und im Telefonbuch nachsehen funktionierte auch nicht, weil er sich partout nicht an die Buchstabenfolge, die seinen Nachnamen bildete, erinnern konnte, falls er diesen überhaupt schon mal gehört hatte.

Betrübt hatte sich Florian an der Tür zum Kindergarten verabschiedet, enttäuscht, dass, wenn denn Schnee läge, es wohl doch nix wurde mit dem Rodeln.

Dafür war er am Nachmittag schon wieder quietschfidel gewesen und freute sich auf Samstag, da sie dann ja von Nhum zum Rodeln abgeholt wurden.

Patrick schüttelte nur innerlich den Kopf. Wie auch immer sein Kleiner jetzt schon wieder darauf kam, er würde ihm erst Samstag widersprechen. Besser Florian freute sich bis dahin und er enttäuschte ihn erst dann. Zur Not musste halt doch das Hügelchen am Kindergarten zum Rodeln herhalten und er ein paar Stunden frieren.

Doch es blieb die ganze Woche so: Jeden Tag fragte der Wirbelwind, wie denn das Wetter am Samstag werden sollte und erzählte jedem der Nachbarn, dass er dann nämlich mit seinem Papa und Nhum rodeln gehen würde. Nun, er hatte auch noch ein paar andere Themen, zum Beispiel sollte nächste Woche der Weihnachtsmann in den Kindergarten kommen und sie bastelten alle ganz fleißig an der Dekoration. Aber das war nicht halb so interessant, wie der, leider falsche, Fakt, dass Nhum sie zum Rodeln abholen würde.



***



Und nun war es soweit: Samstagmorgen.

Normalerweise würde sein Kleiner so gegen sieben aus seinem Bett springen und zu ihm kuscheln kommen, für wenigstens ein Stündchen. Dann würde es Frühstück geben und dann überlegten sie, was sie so mit dem angefangenen Tag machten.

Doch nicht so heute: Seit Donnerstag Früh hatte es geschneit, immer mal wieder. Und der Schnee war liegen geblieben. So war es auch kein Wunder, dass den aufgedrehten Dreijährigen nichts mehr in seinem Bett hielt. Bereits früh um kurz nach sechs stürmte er Patricks Bett und riss diesen aus seinen Träumen mit einem lauten und fröhlichen: „Papa, rodeln gehen!“ Sogar die Decke zerrte er hilfsbereit beiseite, wusste er doch, dass sein Vater nur ungern das kuschelig warme Bett verließ.

Es dauerte trotz der plötzlichen Kälte ein wenig, bis Patrick begriff, was überhaupt los war. Doch dann schnappte er sich den Kleinen, wirbelte ihn einmal durch die Luft und setzte ihn dann neben sich im Bett ab. Wie immer jauchzte der Kleine und freute sich. Aber nicht lange.

„Papa, rodeln gehen!“, kam es wieder von ihm.

Nö, ne. Nicht wirklich. Dann grinste Patrick. „Wie denn? Ist doch noch dunkel“, versuchte er Florian zu überzeugen, dass es doch noch viel zu früh für alles war. Aber bevor sich die großen, enttäuschten Kulleraugen mit Tränen füllen konnten, versprach er ihm, sobald es hell wurde aufzustehen und nach dem Frühstück rodeln zu gehen. So kuschelten sich beide wieder in die leider nicht mehr ganz warme Decke und grinsten sich an.

Zum Glück für Patrick schlief Florian bald darauf wieder ein. Sonst hätte er wohl doch spätestens um acht Uhr aufstehen müssen, was ihm heute richtig schwer gefallen wäre, da er gestern Abend noch lange gearbeitet hatte, nachdem er den Kleinen ins Bett gebracht hatte.

Immerhin schien auch dieser noch richtig müde gewesen zu sein, denn es war schon neun Uhr durch, als Florian wieder aufwachte und sofort aufsprang und im Bad verschwand.

Diesmal war auch Patrick ausgeschlafen, so dass er dem kleinen Wirbelwind schnell folgte, eher der mal wieder das Bad unter Wasser setzte.

Eine halbe Stunde später saßen sie am Frühstückstisch und Patrick schmierte fleißig Brötchen. Wenn er seinen Kleinen schon enttäuschen musste, dann wenigstens mit schweren Trostgeschützen.

Doch sie waren noch nicht ganz fertig, als es plötzlich klingelte. Wie ein geölter Blitz war Florian aufgesprungen und zur Tür geflitzt. Noch bevor Patrick diese erreichte, hatte er sie aufgerissen, nur um festzustellen, dass der Besucher wohl unten geklingelt haben musste. Also, kletterte er auf den Stuhl, der neben dem Schuhschrank stand, machte sich gaaanz lang und konnte gerade so den Summer, der die Haustür öffnete, erreichen. Zum Glück konnte Patrick ihn auffangen, bevor er dann auch abstürzte. Als erstes stellte Patrick den Stuhl gleich mal auf die andere Seite des Schränkchens, nicht dass dies noch mal passierte. Dann knurrte er den Kleinen an. Schließlich hatte er ihm schon oft genug erklärt, dass er nicht die Tür öffnen sollte, wenn er nicht wusste, wer kam.

Er unterbrach sich erst in seiner Predigt, als er mit Erstaunen feststellte, wer da die Treppen hoch kam. „Du…?“, brachte er verdutzt hervor.

Dann drängelte sich sein Kleiner an ihm vorbei und sprang einem mindestens genauso überraschten Nhum jubelnd in die Arme.

Dieser blieb lächelnd mit dem Jungen auf dem Arm vor der Tür stehen. „Ich hatte doch versprochen mit euch rodeln zu gehen“, erklärte er dem immer noch erstarrten Patrick.

Der fing sich endlich, begrüßte Nhum wie immer mit einer angedeuteten Verbeugung, dann nahm er ihm den Kleinen wieder ab und bat ihn herein, denn so ganz aufbruchbereit war er noch nicht. Also fragte er erst einmal, ob sein unerwarteter Gast noch etwas frühstücken wollte, wenigstens noch etwas trinken?

Nhum schüttelte nur lächelnd den Kopf. War ihm seine Überraschung also doch gelungen. Mit Erschrecken hatte er nämlich am Montag festgestellt, dass er keine Adressenliste seiner Schüler hatte, keine Telefonnummern und zu allem Überfluss keine Ahnung, wo denn besagter Rodelberg zu finden sein sollte. Aber er war ja nicht dumm und hatte noch fünf Tage Zeit gehabt es herauszufinden.

„Willst du nicht packen? Dann räum ich hier auf“, schlug er mit sanfter Stimme vor, als Patrick sich nach fünf Minuten immer noch nicht rührte. Dieser fuhr ein wenig zusammen, nickte aber nur und verließ gleich darauf die Küche.

Nhum verstand dies zwar nicht, beschloss aber es zu ignorieren, schließlich hatte er wahrscheinlich mit seinem Auftauchen den Ersatzplan über den Haufen geworfen. Um nicht in Grübeleien zu versinken, bat er Florian ihm beim Aufräumen zu helfen, fragte ihn immer wieder, wo er was hinräumen sollte. Zum Schluss wuschen sie noch gemeinsam auf.

Dann kam auch Patrick wieder zurück, murmelte errötend ein „Entschuldigung“, als er feststellte, dass die beiden tatsächlich alles weggeräumt hatten. Nur die Brotbüchse mit ihrer Tagesverpflegung stand noch auf dem Küchentisch.

Dann scheuchte er erst einmal Florian ins Bad zum Zähneputzen. Nachdem er sichergestellt hatte, dass der Kleine auch dieses Mal keine Wasserschlacht anzettelte, kehrte er verlegen in die Küche zurück.

Fragend sah Nhum ihn an. Hatte er was falsch gemacht? Ihm fiel nichts ein, was dazu führen könnte, dass Patrick so unsicher wurde.

Doch er musste nicht lange warten. Leise und immer noch verlegen fing dieser an: „Willst du wirklich so mitkommen? … Ähm, sorry, aber hast du nix zum Drüberziehen mit?“, erklärte er seine Frage.

Fragend sah Nhum an sich herab. Pullover, sogar T-Shirt drunter, Jeans, wo war das Problem? „Ich hab’ noch ’ne Jacke im Auto“, meinte er dann, als er bemerkte, was der andere meinen könnte.

Wieder lächelte Patrick etwas unsicher, schüttelte dann den Kopf. „Ich meinte eher eine schneefeste Hose oder was zum Wechseln, Handschuhe und so. Du glaubst doch nicht, dass er uns nach ’ner Stunde wieder heimfahren lässt“, versuchte Patrick es erneut.

Diesmal schüttelte Nhum unsicher den Kopf. Worauf hatte er sich denn da eingelassen?

„Komm mal mit“, forderte Patrick ihn schließlich auf. Sammelte unterwegs Florian im Bad ein und führte beide ins Schlafzimmer. Dort kramte er erst einmal in seinem Schrank und zauberte mehrere Paar Handschuhe, zwei Schals und eine Mütze hervor. Dann fand er auch noch eine alte Regenhose, die Nhum wohl kaum passen dürfte. Sie waren zwar beide etwa gleich groß, aber der andere war wesentlich schlanker.

Während er Florian ein paar seiner Sachen in die Hand drückte, forderte er Nhum auf, mal zu testen ob die Regenhose passen würde. Er würde sie und die Handschuhe auf jeden Fall brauchen können. Dann schnappte er sich Florian und verließ das Zimmer wieder. Im Wohnzimmer zog er dann seinen kleinen Wirbelwind um, der heute erstaunlich viel Geduld mitbrachte und nicht alles selber machen wollte. Zum Schluss verschwanden sie noch schnell in der Küche und kochten Kakao, den sie in zwei Thermoskannen umfüllten und dann mit der Brotbüchse zusammen in den großen Rucksack packten

Verwirrt blieb Nhum zurück. Hatte dieser Verrückte ihn doch wirklich mit in sein Schlafzimmer geschleppt? Dem Bett nach zu urteilen wohl schon. Immer noch kopfschüttelnd suchte er sich ein paar Handschuhe aus, wenn Patrick meinte, er würde sie brauchen. Den Schal und die Mütze ignorierte er, genauso wie diese lächerliche, dünne Hose. Warmhalten würde die bestimmt nicht.

Wenig später verließen sie zu dritt die Wohnung und holten noch den Schlitten aus dem Keller, bevor sie alles im Auto verstauten und losfuhren.

Nach einer anstrengenden Dreiviertelstunde Fahrt, Patrick musste schließlich Nhum den Weg beschreiben und seinen Wirbelwind beschäftigen, der mal wieder kein Interesse an dem mitgenommenen Bilderbuch hatte, erreichten sie endlich ihren Rodelberg. Zumindest fast: Den letzten Kilometer würden sie noch laufen müssen.

Danach konnte der Spaß endlich beginnen. Sie waren unterwegs schon von ein paar Langläufern überholt worden. Und Florian hatte den ersten Schneeball geworfen, als Rache dafür, dass er nicht auf dem Schlitten sitzen durfte und vorneweg laufen musste.

Grinsend hatte Patrick den ersten ignoriert und abgewartet. Er kannte doch seinen Kleinen… Und richtig, kurz darauf kam der nächste geflogen. Schnell wich er ihm aus, fischte eine Hand voll Schnee vom Boden und warf einen Ball zurück. Doch auch sein Kleiner war nicht blöd, er versteckte sich einfach hinter Nhum, der gar nicht so schnell reagieren konnte, wie er in diese Schneeballschlacht verwickelt wurde. Patrick hatte einfach den nächsten besser gezielt, oder etwa mit Absicht ihn getroffen. So sicher war sich Nhum da nicht, machte aber einfach grinsend mit.

Da am Ende keiner wirklich verloren hatte, durfte Florian den Rest des Weges auf dem Schlitten sitzen, wenn er ihn dafür den Berg hochziehen würde. Mit strahlenden Augen hatte er genickt und sich gleich mal in die Mitte des Schlittens gesetzt.

Drei Schritte später saß Nhum hinter ihm und Patrick stoppte wegen des plötzlichen, zusätzlichen Gewichtes, das er ziehen sollte. „Du willst wohl auch immer den Schlitten den Berg rauf schleppen?“, fragte er dann überrascht.

Nhum nickte leicht grinsend und Patrick zog wieder weiter. Zum Glück war der Weg nicht mehr weit.

Am Fuße des Hügels machten sie erst mal ein Päuschen, jeder bekam ein Brötchen und einen Becher Kakao zum Aufwärmen.

Dann konnte der Spaß beginnen. Zuerst zog tatsächlich Florian den großen, drei-Mann- Schlitten den Berg hinauf und ließ sich nicht helfen. Auch beim zweiten Mal schaffte er es allein.

Aber beim dritten Mal ging ihm die Puste aus, zumal er von dem festgetretenen Bereich in noch lockeren Schnee abgewichen war. Doch bevor er um Hilfe bitten konnte, hatte sich Nhum einfach auf den Schlitten gesetzt und ihn spaßeshalber aufgefordert ihn doch gleich mit hochzuziehen. Mit einem „das ist voll fies“ hatte sich Florian auf ihn gestürzt und ihn wegen des Überraschungsmomentes vom Schlitten gestürzt. Lachend rollten die beiden durch den Schnee, bis sie merkten, dass Patrick sich den Schlitten geschnappt hatte und ganz allein wieder hinunter sauste. Mit offenen Mündern saßen sie da und starrten Patrick hinterher, der gerade lachend an ihnen vorbei fuhr. Das war ja noch viel gemeiner! Zornig rappelte sich Florian auf und rannte seinem Vater nach. Nhum war nicht ganz so geschickt und rutschte auf dem Hosenboden hinterher.

Nachdem sie dem immer noch grinsenden Patrick eine ordentliche Abreibung mit ganz viel Schnee verpasst hatten, eroberten sich die beiden den Schlitten zurück. Zur Versöhnung bot Nhum an, den Kleinen mit hochzuziehen, während Patrick unten bleiben musste.

Unzählige Abfahrten später, nach ein paar Pausen, einer weiteren Schneeballschlacht und einer gebauten Schneemannfamilie, ohne Mutter wie Florian erklärte, machten sie sich mehr oder weniger durchnässt, erschöpft und glücklich auf den Heimweg.

Patrick zog seine Begleiter auf dem Schlitten wieder bis zum Auto. Dort angekommen, verteilte er noch einmal den restlichen warmen Kakao, dann zog er seine Regenhose einfach aus und seinen Kleinen komplett um. Wie auch immer der das angestellt hatte, mit Stiefeln, Gummihose und Winterjacke bis auf die Unterwäsche nass zu werden. Aber er war ja lernfähig und hatte alles zum Wechseln mitgenommen.

Nach einer Dreiviertelstunde Autofahrt, die diesmal viel entspannter war, da Florian einfach einschlief, kamen sie wieder zu Hause an. Pünktlich, als Patrick seinen Wirbelwind aus dem Kindersitz befreite und nach oben tragen wollte, wurde dieser wieder wach und flitzte alleine los, in Strumpfhosen und ohne Jacke. Zum Glück war die Haustür schon offen, da Patrick zuerst den Schlitten in den Keller geräumt hatte. Verwirrt sah er ihm hinterher, dann wandte er sich zu Nhum um. „Kommst du noch mit hoch auf ein warmes Abendbrot?“, fragte er ihn ein wenig unsicher.

Nach einem Blick auf die Uhr, die ihm sagte, dass der kleine Wirbelwind wohl kurz danach im Bett verschwinden würde, nickte Nhum und schloss sein Auto ab.

Kurz vor der Wohnungstür holten sie den zitternden Florian ein. Dass es eine dumme Idee war, ohne Jacke, Schuhe und Hose loszulaufen, brauchten sie ihm wohl nicht extra sagen. Nur würde er es sich fürs nächste Mal merken?

Schnell schloss Patrick die Tür auf, ließ alles im Flur fallen und ging ins Bad durch, um sofort eine warme Wanne einzulassen. Konnte man ja nicht mit ansehen, wie der Kleine fror. Der kam auch ohne Aufforderung sofort hinterher und zog sich schon mal aus.

Nachdem Patrick ihm gesagt hatte, dass das Wasser fertig war, kletterte Florian in die Wanne, wollte noch mehr Schaum haben und sein Schiff.

Ergeben gab Patrick noch etwas Schaumbad dazu und ging das Schiff suchen. Danach kam er zu seinem Gast, der immer noch etwas verloren im Flur herumstand. Ein wenig unsicher, ob er nicht zu viel von ihm verlangen würde, immerhin hatte er bereits seinen ganzen Tag geopfert und mit ihnen getobt, fragte er Nhum, ob dieser auf Florian achten könnte, nicht dass der mal wieder ‚Land unter’ spielte und doch noch Wasser durch die Decke in die Wohnung unter ihnen tropfte. „Und sieh zu, dass du wenigstens aus den nassen Klamotten kommst“, fügte er noch an. „Ich leih dir solange was von mir.“

Da Nhum nur erschöpft nickte, ging Patrick sofort wieder in sein Schlafzimmer, ein paar passende Klamotten suchen. Kurz darauf kam er mit einem T-Shirt, Pullover, einem Paar Socken und einer Jogginghose wieder, drückte alles Nhum in die Hand und erklärte ihm noch, dass er in der Küche zu finden sei, Reis mit Hähnchen und Champignon-Soße kochen. 



Ter yoo kang nai jai

Nachdem Patrick bereits eine viertel Stunde in der Küche gewerkelt hatte, beschloss er doch mal nachzusehen, denn es war ungewöhnlich still, dafür dass der kleine Kapitän in der Wanne war und wohl wieder Seeschlachten übte. Außerdem kam in zehn Minuten der letzte Sandmann und den durften sie auch nicht verpassen.
Umso überraschter war er über die zwar ruhige, aber ernste Diskussion zischen Nhum und Florian. Scheinbar wollte Nhum nicht einsehen, dass bei Florians Schlachten immer das scheinbar kleinste Schiff verlor, obwohl es viel besser bewaffnet war und in Wirklichkeit wohl deutlich größer als das andere Schiff war. 

Grinsend meinte er nur: „Ich unterbreche euch nur ungern, aber in ein paar Minuten kommt der Sandmann.“
Und wie immer bedurfte es keiner weiteren Worte. Florian rettete alle seine Schiffe auf den Wannenrand, entschuldigte sich bei Nhum und stürzte sich geradezu in das bereit gehaltene Handtuch. Immer noch lachend hob Patrick seinen Wirbelwind heraus und wickelte ihn in das Handtuch. Mit Florian auf seinem Arm drehte er sich noch einmal zu Nhum um, der vor der Rausholaktion ein wenig zurückgewichen war. 

„Danke, dass du mein Bad gerettet hast. Und wärm dich lieber richtig in frischem, warmem Wasser auf. Neue Handtücher findest du da unten im Schränkchen. Essen dauert eh noch ein bisschen.“ Und Schwupps, schloss er die Badtür hinter sich und seinem nassen Paket. Damit ließ er einen verwirrten Nhum zurück. Dem war das gerade ein wenig zu schnell gegangen, gerade noch die Ehre des Kriegsschiffes verteidigt und nun allein im Bad. Aber es war wohl besser, wenn er das Angebot annahm. Seine Sachen waren zwar wieder fast trocken, er aber immer noch ganz schön durchgefroren. 

Auf der anderen Seite der geschlossenen Tür plapperte ein Dreijähriger vergnügt vor sich hin und erklärte seinem Papa, wie schön doch das Rodeln gewesen sei, dass Nhum leider keine Ahnung von Schiffen hatte und wieso der jetzt auch in die Wanne müsse, er hätte ihn doch gar nicht so sehr nass gemacht. Doch so richtig hatte Patrick gar nicht zugehört. Mit einem Auge auf dem Herd, damit nichts anbrannte, und einem halben auf der Uhr, um den letzten Sandmann des Tages nicht doch noch zu verpassen, versuchte er Florian abzutrocknen und ihn in seinen Schlafanzug zu stecken.
Wenig später hatte er es auch geschafft: sein Kleiner saß ruhig vor dem Fernseher und er konnte die letzten Handgriffe für ihr Abendbrot erledigen. 

Pünktlich mit dem Verklingen des Abschiedsliedes kam Nhum in die Küche und fragte, ob er noch was helfen könne, wurde aber einfach auf einen Stuhl am bereits gedeckten Tisch verwiesen.
Das Abendessen wurde insgesamt sehr fröhlich. Nhum nahm es Florian nicht übel, dass dieser lachen musste, als er ihn in den viel zu weiten Sachen von Patrick sah.
Auch als der kleine Wirbelwind endlich im Bett lag und nicht noch mal eben schnell aufs Klo wollte und Patrick demonstrativ aufgeatmet hatte, verschwand die gute Laune nicht. 

Zwischendurch kichernd wie junge Mädchen räumten sie noch gemeinsam die Küche auf, setzten sich dann nebeneinander auf die Couch, mit einer großen Kanne Weihnachtstee. Nhum guckte zwar etwas irritiert, als Patrick gleich wieder aufsprang, um ein paar Kerzen der weihnachtlichen Dekoration anzuzünden und das große Deckenlicht zu löschen. Ließen diese doch so etwas wie romantische Stimmung aufkommen bei ihm. Und das, obwohl er sich da besser gar keine Hoffnungen machen sollte, bei einem Mann mit Kind. Und überhaupt, wie war er nur auf diesen Gedanken gekommen? 

Bestimmt drei Stunden saßen sie so gemütlich beisammen, redeten über Nichts und Vieles. Sie stellten fest, dass ihr Musikgeschmack sehr ähnlich war, dass sie die gleiche Art Bücher interessant fanden, dass Patricks Interesse an thailändischer Kultur und dem Sport ungebrochen war. Er hatte sogar die Sprache gelernt und träumte von einem Urlaub in Nhums Heimatland. Und sie einigten sich darauf, dass sogar leicht verbrannte und definitiv nicht schöne Plätzchen sehr gut schmeckten. Sie waren schließlich von Florian selbst fast vergessen worden im Ofen.
Doch nach einem müden Blinzeln auf seine Uhr stellte Nhum fest, dass es wohl langsam Zeit wurde zu gehen. Patrick würde morgen sicher ziemlich früh von einem putzmunteren Dreijährigen geweckt werden, da konnte Nhum ihm unmöglich noch mehr Schlaf stehlen. 

Nach einem entsprechenden Hinweis seinerseits wurde er aber nur müde angeblinzelt. Dann huschte ein fast diabolisches Grinsen über Patricks Gesicht und kopfschüttelnd erklärte er seinem Gast, dabei zum Fenster hinaus deutend, dass dieser wohl oder übel bleiben müsse, es sei denn er wolle im draußen wütenden Schneesturm verschütt gehen. 

Halbwegs wieder wach und entsetzt über die eigene Wortwahl, fügte Patrick ein „Sorry, aber vorhin im Radio meinten sie, dass der Sturm sich nicht vor morgen Früh beruhigt. Ich hätte es dir vor dem Essen sagen sollen“ hinzu. Dabei hoffte er den zurückhaltenden Thai nicht endgültig vertrieben zu haben. Er war doch so froh, dass eine echte Freundschaft möglich schien, trotz seines Wirbelwindes. Zu viele seiner angeblichen Freunde hatten sich im letzten dreiviertel Jahr zurückgezogen, da ein Kleinkind so gar nicht in ihre Freizeitplanung passte, allen voran sein Ex. Und er wusste auch, dass diese Freundschaft zerbrechlich sein würde. Nhum war sehr ruhig und zurückhaltend. Nur selten sah man ihm seine Gedanken und Gefühle an. Selten war er so offen, wie die letzten paar Stunden, besser gesagt: bisher war er es nie gewesen. Immer scheu und distanziert.
Nhums Gedanken waren ganz anders. Er schalt sich einen Idioten, dass er nicht auf das Wetter geachtet hatte. Obwohl… wenn Patrick ihn nicht darauf hingewiesen hatte, schien es ihm nicht unangenehm zu sein, wenn er bliebe. Dafür wusste dieser aber nicht, worauf er sich einließ… Sollte er es ihm sagen?
Oder würde dieser ihn dann doch bitten zu gehen?
Nein! 

Das wollte Nhum nicht. Dafür genoss er das Zusammensein viel zu sehr. Selbst der Kleine war ihm bereits ans Herz gewachsen. Und das, wo er bisher noch nie mit Kindern dieses Alters klar gekommen war. Und obwohl es wohl bedeutete, dass aus ihrer Freundschaft nie mehr werden könnte.
Nun, er hätte wenigstens die Chance auf einen weiteren Tag mit den Zweien, auch wenn…
Weiter kam er mit seinen Grübeleien nicht. Denn er bemerkte Patricks ängstlich fragendes Gesicht. Um ihn zu beruhigen und die ruhige Stimmung zwischen ihnen nicht gänzlich kaputt zu machen, erwiderte er scherzhaft und Augen zwinkernd: „Keine Panik! Bei dem Wetter flüchte ich dir nicht.“ 

Da Patrick immer öfter die Augen zu fielen und er sein Gähnen nicht länger unterdrücken konnte, diskutierten sie nur noch die Schlafmöglichkeiten – wobei Nhum die eventuell unbequeme, ausziehbare Couch dem bequemen Bett mit garantierter Weckzeit vor acht Uhr vorzog – und legten sich dann schlafen.

***

Gegen halb zwei Uhr schrak Patrick aus seinem Schlaf hoch. Zuerst war er ein wenig verwundert, was ihn denn geweckt hatte. Doch dann hörte er es wieder: leises Schluchzen, unterbrochen von schmerzlichem Stöhnen. Nun doch der Panik nahe, sprang Patrick aus dem Bett und rannte ins Kinderzimmer.
Doch zu seiner Überraschung schlief sein Kleiner, ruhig und traumlos.
Aber das Schluchzen war immer noch zu hören. 

Leise schloss Patrick die Tür und schlich Richtung Wohnzimmer. Da er selbst wach war und Florian ruhig weiterschlief, konnte nur noch Nhum die Ursache sein. Auch hier öffnete und schloss Patrick die Tür möglichst leise. Das Risiko Florian doch noch zu wecken, wollte er nicht unnötig erhöhen.
Dann setzte er sich an den Rand der Schlafcouch und versuchte Nhum zu wecken oder zu beruhigen. Doch keiner seiner leise und ruhig gesprochenen thailändischen Sätze schien zu helfen. Im Gegenteil: Nhums Angst stieg, leicht panisch kroch er bis an die Wand zurück, hob die Arme schützend vor sein Gesicht. 

Nun wurde Patrick lauter. Er wollte lieber nicht darüber nachdenken, was dem Thai zugestoßen sein musste, dass dieser so reagierte. Er griff Nhums Arme, drückte sie wieder hinab und rief seinen Namen. In seiner Aufregung sprach er auch wieder Deutsch: „Nhum! Ich bin es, Patrick. Keiner tut dir was. Du bist hier sicher…“
Diesmal schien es zu helfen. Langsam kam wieder Leben in Nhums Blick und er wurde sich seiner Umgebung bewusst. Verlegen versuchte er sich aus Patricks Griff zu lösen und den Abstand zu vergrößern. 

Dieser bemerkte den Versuch und rückte wieder ein Stück ab. Was auch immer diese Panik in Nhum ausgelöst hatte, er wollte nicht die Ursache für eine weitere sein. Verlegen lächelte er ihn an. Beruhigend hoffentlich und nicht hämisch, oder so.
Er kannte die thailändische Kultur gut genug, um zu wissen, dass auch ein Thai ‚sein Gesicht verlieren’ konnte. Doch was genau sich dahinter verbarg, hatte er noch nicht so ganz raus. Auf jeden Fall wollte er vermeiden, dass Nhum sich deswegen morgen verabschiedete und nicht wieder kam. 

So in seine Gedanken verstrickt, hätte er beinahe Nhums Entschuldigung überhört, so leise sprach dieser. Und überhaupt, wieso entschuldigte er sich? Jeder hatte mal Alpträume, und gut. Nhums schien einfach etwas heftiger gewesen zu sein. Genau das sagte Patrick ihm auch. Nur nicht so ruppig. 

Immer noch verlegen lächelte Nhum zurück. Wie viel hatte er wohl diesmal während seines Alptraumes erzählt? Und schlimmer, wie viel davon hatte Patrick verstanden? Sein Thai war zwar etwas holprig, aber Verstehen schien er es sehr gut zu können.
Diesmal unterbrach Patrick Nhums Grübeleien. So verschreckt wie dieser noch aussah, wollte er ihn ein wenig ablenken.
„Weißt du, dass ich mich gerade einfach nur schrecklich fühle? Auf der einen Seite die Sorge um dich: soviel Panik und Angst nur wegen eines Traumes oder einer Erinnerung.“ Fragend klang der letzte Satz, so dass Nhum fast schon wieder Angst bekam. Er würde doch jetzt nicht danach fragen?! Eine Erklärung fordern. 

„Auf der anderen Seite bin ich froh, dass es nicht Florian war… Einen Monat nachdem er bei mir eingezogen war, fing es bei ihm an. Ihm ist wohl bewusst geworden, was es heißt, ‚seine Mutter kommt nicht wieder’, ‚sie ist tot’. Fast jede Nacht hatte er diese Alpträume, er weigerte sich etwas zu essen…“ So wirklich gut war der Versuch nicht. Jetzt zogen Patricks dunkle Erinnerungen auf. All die Sorgen, die er sich gemacht hatte, die Selbstvorwürfe…
„Ich…“, Nhum wusste nicht, was er sagen sollte. 

„Pscht“, unterbrach Patrick ihn. „du musst es mir nicht erklären. Ich… ich wollte nur sagen, dass ich dich verstehe. Was auch immer es ist, das dir solche Träume beschert, ich weiß, dass es einen zerbrechen kann.“
Vorsichtig streckte er sich neben Nhum auf der Couch aus. Sie brauchten wohl beide noch etwas Ablenkung und Trost.
Dieser schien nichts dagegen zu haben. Zumindest rückte er nicht wieder so weit weg wie möglich, noch wies er auf die frühe Weckzeit hin. 

Eine Weile schwiegen beide.
Dann hatte Patrick sich ein Herz gefasst. Er musste es ihm jetzt sagen, später… Später könnte zu spät sein. Und wenn Nhum dadurch beschloss, zu gehen und nie wieder zu kommen? Nun, wer war er, ihm das verbieten zu wollen?
Also, fing Patrick an: er sagte ihm, dass er es ihm sagen müsse, da er sich sonst wie ein Lügner in ihrer Freundschaft vorkäme, dass der Zeitpunkt wahrscheinlich nicht so gut war, aber wohl auch nie besser werden würde. Zuerst unsicher und stockend berichtete er von der Weihnachtsstudentenparty vor vier Jahren. Dass er eigentlich gar nicht hingehen wollte, dass sie ihn schon zu oft bei Gelegenheiten wie dieser verspottet hatten, je betrunkener, desto schlimmer. Und Freunde, die ihn verteidigt hätten, hatte er nicht viele. 

Doch es kam anders: Er traf Marja, eine Außenseiterin wie er, mit der gleichen Liebe zur thailändischen Kultur, mit dem gleichen Misstrauen auf der Party. Eine Weile saßen sie nebeneinander und redeten, tranken ein paar Cocktails…
Doch ihre traute Zweisamkeit blieb nicht lange unbemerkt. Bevor die anderen ausfällig wurden, besser: bevor sie sich genügend Mut angetrunken hatten, ihre Gedanken laut zu äußern, beschlossen Marja und er zu gehen. Kavalier, der er war, brachte er sie nach Hause. An mehr konnte er sich nicht erinnern. Nur dass er am nächsten Morgen in ihrem Bett aufgewacht war. Peinliche Aktion! Aber sie hatten sich friedlich geeinigt, kein Aufheben darum zu machen. Drei Monate später hatte er einen Brief im Kasten: 

Marja war schwanger.
Von ihm.
Sie wolle weder Almosen noch Mitleid und würde deswegen umziehen. Er hatte sie tatsächlich nicht gefunden weder im Wohnheim noch bei ihren Eltern. 

Vor einem Jahr, nach Silvester, hatte sie angerufen. Todkrank. Ob er sich um seinen Sohn kümmern könne. Zu ihren Eltern wollte sie ihn auf gar keinen Fall geben und ihren Freunden, fast alle Thai, konnte sie eine solche Last auch nicht aufdrücken. Florian und er hatten ein viertel Jahr gehabt, um Freunde zu werden.
„Was ich eigentlich sagen will, ich hatte niemandem von ihm erzählt in diesen drei Jahren, weder meinen Eltern, noch Freunden, auch nicht meinem Freund. Er ging, nicht weil ich einen Sohn habe, sondern weil ich ihn zu mir nehmen wollte.“
Tief holte Patrick Luft, traute sich nicht zu Nhum hinüber zu sehen. Wenn er ehrlich war, hatte er Angst, Angst davor Ekel in Nhums Augen zu sehen. 

Leise fuhr er fort: „Ich… ich muss dir noch etwas sagen. Ich finde dich attraktiv, schon damals, als ich mit dem Training angefangen hatte. Du… hattest damals eine Grenze gezogen, Lehrer und Schüler, nie mehr. Wir hatten sie alle akzeptiert. Wenn…“ Nein, diese Hoffnung wollte er nicht äußern. Mit geschlossenen Augen schwieg er. Einen Moment war Ruhe, absolute Stille. Dann spürte er eine Bewegung neben sich.
Nhum würde jetzt wohl gehen, einfach so und ohne ein Wort. 

Doch er hörte keine Schritte auf dem Teppich, stattdessen spürte er eine Hand auf seinem Arm. Ruhig lag sie da. Vorsichtig öffnete er seine Augen und blickte in ein lächelndes Gesicht. Das Lächeln verschwand auch nicht, als Nhum sich für Patricks Vertrauen bedankte und ihm versicherte, dass er wohl traurig und enttäuscht wäre, hätte er ihm dies erst sehr viel später erzählt.
Da Patrick immer noch wie erstarrt war, strich Nhum ihm vorsichtig über die Wange. „Lass uns schlafen, dein Wirbelwind weckt uns zeitig genug.“ 

Nickend bestätigte Patrick diese Worte und wollte sich erheben. Doch eine Hand auf seiner Schulter hielt ihn zurück. „Bleib ruhig. Du hältst die Alpträume von mir fern.“ Leise waren diese Worte, gerade so noch zu verstehen. Trotzdem nahmen sie die Sorgen von Patrick. Nicht nur Höflichkeit hielt Nhum noch hier.
Sie teilten die zwei Steppdecken untereinander auf und legten sich beide wieder hin, jeder in seiner Hälfte der ausgeklappten Couch.

***

Am nächsten Morgen war Florian erwartungsgemäß der Erste, der aufwachte. Voller Freude kletterte er aus seinem Bett und lief zu der Wand, an der der Weihnachtskalender hing. Schließlich war heute Sonntag, dritter Advent. Da gab es nicht nur so ein kleines, leckeres Stück Schokolade, sondern noch ein kleines Säckchen mit einem Spielzeug. Und er war doch sooo neugierig. Letzte Woche war es eine Trillerpfeife gewesen, weil sie am Montag eine mit in den Kindergarten bringen sollten. Nur er hatte bis dahin keine gehabt. 

Ob die Weihnachtselfen wussten, dass er seine Lieblingsbuntstifte verloren hatte, orange und blau? Und ob sie ihm genau diese beiden in das Säckchen getan hatten?
Leider war er noch zu klein und kam nicht ran an das Säckchen mit der 16. Oder war der Papa nur so gemein gewesen und hatte es besonders hoch gehängt? Genau! Der Papa! Der könnte das bestimmt runter holen. Also stiefelte Florian los, seinen Papa zu wecken. War eh schon hell, da…
Moment, wieso war das Bett leer? Erstaunt lief Florian weiter in die Küche. Sollte sein Papa tatsächlich schon Frühstück machen? 

Doch auch die Küche war leer und verlassen. Ein wenig enttäuscht gab er der Tür einen heftigen Schubs, so dass sie ein bisschen knallte und Florian furchtsam zusammenzuckte. Doch da keiner mit ihm schimpfte, tapste er barfuss weiter zum Wohnzimmer. Dort blieb er erst einmal völlig verdattert stehen. Da lagen zwei auf der Couch! Ganz nah bei einander.
„Ich will auch kuscheln!“, krähte es eine halbe Minute später neben dem noch schlafenden Patrick. Nur langsam wacher werdend blinzelte Patrick seinen auf und ab hüpfenden Sohn an. Irgendetwas stimmte hier nicht… okay, der Flummi vor seinem Bett war nichts Neues, den kannte er. Auch wenn dieser ihn schon mal hatte länger schlafen lassen.
Stopp! Hatte der tatsächlich auch kuscheln gesagt?! Wer kuschelte hier denn?
Oh, da war ja noch Nhum! ... So nah bei ihm, dass Florian kuscheln sagte?? Vorsichtig versuchte er sich zu bewegen, ließ es aber gleich wieder sein. Nhum lag so dicht bei ihm, eigentlich schon halb auf ihm, dass er ihn nur wecken würde.
„Auch kuscheln“, quietschte der Flummi erneut. 

„Pscht. Ist ja gut. Komm her und lass Nhum noch etwas schlafen, ja?“, versuchte Patrick seinen Wirbelwind noch etwas zu bändigen. Nach der Nacht wäre wohl jeder über jede weitere Minute Schlaf dankbar. Möglichst ohne große Bewegungen zog er Florian zu sich heran und packte ihn mit unter seine Decke. 

Doch lange blieb es nicht ruhig. Ein paar Minuten später fiel Florian ein, dass mit beiden kuscheln bestimmt viiel besser wäre. Also schob und zerrte er an der Decke, bis er sie weit genug weg hatte, um über Patrick drüber zu klettern.
Der war noch zu müde, um das Vorhaben rechtzeitig zu erkennen und zu verhindern. Somit blieb ihm nur, soweit zurück zu rücken, dass Florian Platz hatte und nicht gleich auf Nhum drauf stürzte. Und vorsorglich sortierte er ihre Decken neu.
Nhum beobachtete amüsiert die ganze Aktion schon eine Weile hinter fast geschlossenen Lidern hervor. Das einzige, was er bedauerte, war, dass Patrick aus seinen Armen vertrieben wurde. So wenige Berührungsängste hatte der Kleine, im Gegensatz zu ihm selbst. Er sollte wohl langsam damit beginnen sie abzubauen. 

Und bei dieser Aktion musste er einfach wach werden. Also schnappte er sich Florian und knuddelte ihn ordentlich und kitzelte ihn ein bisschen. Dabei erklärte er ihm, dass das schlafende Monster sich jetzt fürs Wecken rächen würde und den Weckenden verspeisen wollte. Dabei blinzelte er Patrick zu, der schon anfangen wollte sich zu entschuldigen.
Eine Weile diskutierten sie noch, ob das Schlaf-Monster wirklich ganze Kinder verschlingen könnte. Doch dann fiel Florian sein Adventssäckchen wieder ein und er begann zu drängeln. Patricks Einwand, dass das Adventssäckchen erst nach dem Frühstück geöffnet wurde, überhörte er. 

Nhums Vorschlag zur Güte kam dagegen an: Patrick sollte ganz schnell Frühstück machen und Florian zeigte ihm unterdessen seinen Weihnachtskalender, damit er ihn ausgiebig bewundern könne. Danach verschwanden beide im Bad, wo sich Florian anstandslos von Nhum helfen ließ.
Als Florian dann wieder in seinem Zimmer verschwand, war auch Patrick soweit fertig, noch einmal schnell im Bad zu verschwinden. Dabei stieß er auf Nhum, schon wieder vollständig mit seinen eigenen Sachen bekleidet. 

„Danke, dass…“, weiter kam er gar nicht. Nhum unterbrach ihn lächelnd, legte einen Finger auf seine Lippen: „Ter yoo kang nai jai1“ Eigentlich wollte er Patrick noch küssen, um ihn von der Wahrheit seiner Worte zu überzeugen. Doch dazu kam er nicht, denn der kleine Knirps stand hinter ihnen und wollte neugierig wissen: „Was meint er mit ‚du in seinem Herzen’?“, fügte aber genauso schnell hinzu, dass er Hilfe mit den Hosenträgern bräuchte.
Grinsend schob Patrick Nhum auf Florian zu. „Na, dann: Erklär ihm das mal! Und wenn du hier Geheimnisse haben willst, ist deine Muttersprache leider genauso wenig geeignet wie meine.“ Und er schloss die Badtür vor den beiden.
Wenig später saßen sie alle drei am Frühstückstisch und hörten den Liedern im Radio zu, während sie aßen. In dieser Zeit warfen sich Nhum und Florian verstohlene Blicke zu und grinsten sich an. Aber das entnervte „was!?“ von Patrick ignorierten sie völlig. 

Nach dem Zähneputzen durfte Florian endlich seinen Weihnachtskalender öffnen. Zur Überraschung aller bekam Nhum die Schokolade und Florian wirklich seine zwei Lieblingsbuntstifte ersetzt, die natürlich noch ausprobiert werden mussten.
Den Rest des Tages verbrachten sie mit einem kurzen Spaziergang, Mittagessen und viel kuscheln. Zwischendurch, als Florian Mittagsschlaf machen musste, bekam Patrick endlich seinen Kuss, der zumindest ihm noch einmal sehr deutlich machte, was genau Nhum mit seinen Worten meinte. 

Ende





1 – thailändisch: Du bist in meinem Herzen.
Ich danke TamSang für die Übersetzung und den Tipp mit den übersetzten Liedtexten auf www.geocities.com/joe3phort.