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Der maskierte Koch - Teil 9 bis 16

9. Kapitel

Mehr als bedauernd verabschiedete sich André schließlich von Roxton. Es war bereits deutlich nach Mitternacht und er hatte für den nächsten Tag ein Engagement, das auch das Einkaufen mit einschloss. Und das bedeutete für ihn, dass er sehr früh würde aufstehen müssen.

Was Selwyn aber noch bedauerlicher fand, war die Tatsache, dass er selbst für den kommenden Abend seiner Tante versprochen hatte, sie zu einem Hauskonzert zu begleiten. Nicht nur, dass er solche Veranstaltungen von Natur aus immer ermüdend fand, nein, seine Tante bestand auch jedes Mal darauf, bis zum bitteren Ende zu bleiben. Allerdings hatte Selwyn den Verdacht, dass seine geehrte Anverwandte dies nicht aus Liebe zur Musik tat, sondern weil nach dem offiziellen Teil die anwesenden Debütantinnen ihre Talente zur Schau stellten und sie wohl hoffte, dass das liebliche Spiel einer der jungen Damen Roxtons Aufmerksamkeit wecken könnte. Selwyn schnaubte in Gedanken an eine derartige Idee. Doch was auch immer seine Tante dazu veranlasste weit über Gebühr bei solchen Abenden auszuharren, hinderte es Selwyn doch am morgigen Abend äußerst effektiv, noch etwas Zeit mit André zu verbringen, wenn dieser mit seiner Arbeit fertig war.

Roxton sah zu, wie André nach der Maske griff. „Lass. Die Dienstboten sind bis auf den Lakaien, der Nachtwache hat, allesamt schon zur Ruhe gegangen. Und dem Lakaien werde ich einfach sagen, dass er woanders warten soll, bis du gegangen bist.“ Er verstand, dass André seine Identität verbergen wollte, aber zugleich wollte er nicht, dass die Maske ihm den Anblick des jungen Mannes förmlich stahl. Er wollte als letztes Bild an diesem Abend André sehen und nicht den Koch. Und mehr noch, er wollte noch einen letzten Kuss, ehe er bereit war sich darauf einzulassen, André frühestens übermorgen wieder zu sehen.

Der junge Koch schien das ganz ähnlich zu sehen, denn nachdem er von der Maske abgelassen hatte, trat er auf Selwyn zu. „Gute Nacht“, wisperte er fast unhörbar, dann legten sich auch schon seine Lippen auf die Roxtons.

Nachdem der Lakai eine Hackneykutsche herbei gewunken hatte, zog er sich, ganz wie es ihm der Hausherr befohlen hatte, in ein angrenzendes Zimmer zurück, damit dieser sich in Ruhe von seinem Gast verabschieden konnte.

„Sehen wir uns übermorgen?“, fragte André zögernd.

Roxton nickte. „Was hältst du davon, wenn wir deine zukünftige Konkurrenz unter die Lupe nehmen? Ich kenne da ein Restaurant mit ganz hervorragender Küche.“

Zuerst wollte André den Vorschlag rundheraus ablehnen. Die Gefahr der Entdeckung war ihm zu groß, er wollte nicht, dass Fragen gestellt würden oder ähnliches. Doch dann sagte er sich, dass ihn keiner hinter der Verkleidung des maskierten Kochs vermuten würde und sie ja nicht unbedingt in das Restaurant gehen mussten, in dem er früher angestellt gewesen war. Letzteres machte er dann auch zur Bedingung, auf die Selwyn lächelnd einging.

„Dann also bis übermorgen.“ Damit schritt André die Stufen hinunter und bestieg die Kutsche.

Selwyn sah dem davonfahrenden Gefährt noch einen Moment hinterher, dann ging er ins Haus zurück und ließ den Lakaien wissen, dass er seine Nachtwache wieder aufnehmen konnte.

Keiner von beiden sah die elegante Kutsche, die ein Stück weiter die Straße hinauf stand...

~*~

Mit Bestürzung hatte James, Viscount Grey bei seiner Ankunft im Club festgestellt, dass er die wertvolle römische Münze, die er seinem Onkel zu Weihnachten schenken wollte, nicht mehr bei sich trug. Hastig hatte er den Vorraum und die Kutsche, mit der er gekommen war, und sogar die Theaterloge, wo er zuvor gewesen war, abgesucht, aber nirgends war das silbrige Metallstück zu finden gewesen. Schließlich blieb nur eine Möglichkeit übrig: Er musste die Münze beim Earl of Roxfield vergessen haben, als er sie während des Abendessens einem der Gäste gezeigt hatte. Er hatte das Stück nämlich erst an diesem Tag bei einem Händler gefunden und war entsprechend stolz darauf. Es war schwierig ein vernünftiges Geschenk zu finden, dass seinem werten Erbonkel gefiel, aber schließlich musste man sich die Gunst des alten Knaben ja ein wenig erhalten. Besonders, wenn man mal wieder ein wenig über seine Verhältnisse lebte und sein Onkel sich beharrlich weigerte endlich den Weg alles Irdischen zu gehen, so dass man ihn anderweitig davon überzeugen musste, ihm doch vorzeitig mit der ein oder anderen Summe Geldes zu unterstützen. Dafür nahm der Viscount sogar in Kauf, sich bei seinem verhassten Zweitnamen Adolphus rufen zu lassen, weil seinem Onkel James zu alltäglich war.

Nun galt es aber erst einmal die Münze wieder zu beschaffen, und da kümmerte ihn wenig, dass es schon nach Mitternacht war. Schließlich wollte er nicht riskieren, dass der Earl am nächsten Tag eventuell für die Weihnachtstage auf seinen Landsitz fuhr und das Stadthaus in der Zeit verschlossen war.

Als sein Kutscher in die Straße einbog, in welcher das imposante Haus des Earl of Roxfield stand, sah James zu seiner Überraschung eine Mietkutsche vor dem Eingang stehen. Spontan wies er den Kutscher an, in einiger Entfernung zu warten. Vielleicht konnte er ja einen Blick auf Roxtons Mätresse werfen. Denn gerade weil sich der Earl in dieser Hinsicht so vehement ausschwieg, kursierten die wildesten Gerüchte. Sogar Wetten waren im Clubbuch eingetragen und in seiner momentanen Lage käme es James ganz gelegen, wenn er sich durch zufällig erlangtes Wissen einen Vorteil verschaffen könnte.

Doch was er dann sah, war mehr als nur eine Überraschung.

„Das ist doch...“, rief er leise aus, als er die Gestalt erkannte, welche in die Mietkutsche stieg. Ganz eindeutig war das der Küchenjunge, der ihm damals auf dem Landsitz seines Onkels durch die Lappen gegangen war. Der Kerl war also in London untergetaucht.

Aber wie hing dieser französische Bengel mit Roxfield zusammen? Sollte er etwa unter die Professionellen gegangen sein? London konnte ein verdammt gefährliches Pflaster für hübsche Jungen vom Land sein.

Ein listiges Grinsen schlich sich auf das Gesicht des Viscount. Wie es aussah, würde sein Onkel noch ein oder zwei Tage auf ihn warten müssen. Denn dieser Sache wollte er erst noch nachgehen. Vor allem aber wollte er sich endlich holen, was ihm vor zwei Jahren verwehrt geblieben war.



10. Kapitel

Das Wildragout gereichte dem Ruf des Restaurants wirklich zur Ehre, wie André schon beim ersten Bissen feststellte. Ebenso die Ente, wobei er hier der Ansicht war, dass ein Hauch Zimt in der Gewürzmischung für die Kruste nicht geschadet hätte. Das einzige, womit er nicht einverstanden war, war die Sauce, die zu beiden Gerichten gereicht wurde. Selwyn hingegen schien es nicht zu bemerken.

André schüttelte den Kopf. „Scheint als hätte der Koch keine Zeit mehr gehabt, die Preiselbeeren richtig einzukochen. Schlampige Zeitplanung.“

Amüsiert sah Selwyn den jungen Mann, der ihm gegenüber saß an. Er hatte eines der Separées gemietet, damit sie nicht von neugierigen Bekannten beim Essen gestört werden konnten. „Wie genau meinst du das?“

„Die Preiselbeeren gehören zum Wild, die Pflaumen zur Ente. Eigentlich gehören sie getrennt gereicht. Hier aber ist eine kombinierte Sauce für beide Gerichte verwendet worden. Gewiss, Preiselbeere und Pflaume harmonieren, aber so eine gemeinsame Sauce ist ein Balanceakt und bedarf großer Sorgfalt in der Zubereitung. Und das ist hier nicht der Fall. Vielmehr schmeckt die Sauce so, als hätte der Koch eine passable Pflaumensauce zubereitet, darüber aber vergessen, dass die Wildgerichte für den heutigen Tag Preiselbeeren brauchen. Und als es ihm einfiel, hat er einfach die Pflaumensauce gestreckt und Preiselbeeren hinzugegeben“, erklärte André.

Roxton lachte. „Und die Kombination ist ihm nicht so gut gelungen, wie es deiner Meinung nach hätte sein können?“

André nickte. „Jedes Gericht steht und fällt mit den Gewürzen, und eine Sauce ist nur eine andere Art, dem Gericht die Gewürze zukommen zu lassen.“

„Gewürze…“ Selwyn lächelte provozierend. „Zählen Küsse auch als Gewürze? Denn ich bin mir sicher, dass mir nur deswegen das Essen heute so gut schmeckt.“ Und er lehnte sich weit genug über den Tisch um sich einen Kuss von Andrés Lippen zu stehlen.

Dieser lachte leise. An diesem Abend war er einfach entspannt, denn er hatte sich selbst versprochen nicht zu sehr über seine Situation nachzudenken. Weder hinsichtlich der Zukunft des maskierten Kochs, noch was Selwyn Ulric Roxton für ihn bedeuten mochte. Denn dass hätte nur zu einer inneren Kontroverse über ihren unterschiedlichen gesellschaftlichen Stand geführt und von vornherein alles verdorben. Vielmehr hoffte er, dass Roxton ihn als das sah, was er war: Ein unabhängiger junger Mann mit Stolz, Gefühlen und einem Traum. Und wenn vielleicht nicht so reich oder von Adel, als freier Mensch Roxton doch ebenbürtig.

„Du klingst fast so, als wären derartige Küsse neu für dich“, sagte er amüsiert.

Selwyn sah André ernst an. „In gewisser Weise sind sie das auch“, gab er zu. „Denn wie du weißt hatte ich nie so eine jugendlich-neugierige Beziehung wie du mit deinem Stallknecht.“

„Auch später nicht?“ Unglaube zeichnete Andrés Gesicht.

„Nicht wirklich. Allenfalls einen schalen Abklatsch dessen“, erwiderte Roxton. „Aber du musst bedenken, dass du auf dem Landsitz von Lord Deverough relativ frei von den strengen gesellschaftlichen Zwängen warst. Bei mir war es anders. Als ich bemerkte, dass ich mich ausschließlich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühle, war ich bereits der erste Preis auf dem Heiratsmarkt und somit ständig unter Beobachtung. Daran hat sich auch nichts geändert, als ich dann ein paar Jahre später meinen Vater beerbte. Und zu einem Professionellen, auch wenn er einem vielleicht gefällt, baut man keine derartige Beziehung auf.“

André nickte. „Es lässt sich nicht mit ihrem Beruf vereinbaren. Wenn sie sich auf einen Klienten auch gefühlsmäßig einlassen kommt das einer Berufsunfähigkeit gleich.“

Misstrauisch sah Selwyn ihn an. Sollte er sich in dem jungen Mann doch getäuscht haben? „Woher zum Henker weißt du so gut über diesen Beruf Bescheid? Schon bei unserer ersten Begegnung im Park schienst du für einen Außenstehenden ungewöhnlich tiefen Einblick in dieses Metier zu haben.“

Überrascht blickte André von seinem Wild-Ragout auf. Die Erklärung war für ihn so natürlich, dass er gar nicht auf die Idee gekommen war, wie sein Wissen vielleicht auf jemand anderen wirken musste. Er musste sich zusammenreißen, um nicht zu lachen, denn Selwyn schien das ganze gar nicht lustig zu finden. Stattdessen sagte er: „Mrs. Snider, bei der ich wohne, vermietet ihre Zimmer an alle möglichen Männer, ohne sie groß nach ihrem Beruf zu beurteilen. Die einzige Bedingung, die sie stellt, abgesehen davon natürlich, dass man seine Miete pünktlich zahlt, ist, dass man sich in ihrem Hause anständig benimmt. Was man außerhalb treibt, ist ihr egal. Und so kommt es, dass das Zimmer neben meinem an Brandon, einem freischaffenden Professionellen, vermietet ist. Genau so einer, wie du mir in der ersten Nacht unterstellt hast, zu sein.“

Roxton war ehrlich erleichtert. „Und er hat dir von seinem Berufsalltag erzählt?“

André nickte. „Man trifft sich in der Küche, im Wohnzimmer oder auf dem Gang und nachdem unsere Vermieterin es uns ja quasi vorlebt wäre es mehr als unhöflich, wenn wir einander schnitten, bloß weil einer von uns einen Beruf hat, der gesellschaftlich nicht akzeptiert wird und doch so alt wie die Menschheit selbst ist.“

„Dann seid ihr weit toleranter als die ‚feine’ Gesellschaft. Denn dort gilt nur der Schein, der Titel, das Vermögen und nicht der Charakter. Weshalb die einzige Beziehung – wenn man es denn überhaupt so nennen kann –, die ich bislang hatte, auch ein Tanz auf dem heißen Vulkan war, mit doppelter und dreifacher Geheimniskrämerei.“ Selwyns Gesicht drückte Verachtung aus. Ob wegen der Beziehung, der kleinkarierten Gesellschaft oder der Geheimniskrämerei, vermochte André nicht zu sagen. Aber ehe er etwas einwerfen oder nachfragen konnte, fuhr Roxton auch schon fort.

„Miles gehörte zu den jungen Gecken in meinem Club. Ich weiß auch nicht mehr, wie es genau kam, dass wir einander als das erkannten, was wir waren, aber vermutlich war es die Heimlichkeit, die einen Großteil des Reizes an dieser Beziehung ausmachte. Denn sonst hatten wir wirklich nichts gemeinsam. Noch nicht einmal unterhalten konnten wir uns richtig. Es war kein Interesse aneinander vorhanden, außer dem körperlichen. Weshalb das ganze auch nur rekordverdächtige drei Wochen gehalten hat. Dann habe ich seine Gesellschaft einfach nicht mehr ausgehalten.“

Jetzt musste André doch lachen. „Irgendwie kann ich mir dich auch gar nicht mit so einem Gecken vorstellen.“

„Dann doch lieber ein maskierter Koch...“, sagte Selwyn und stahl sich einen weiteren Kuss.



11. Kapitel

Roxtons Hochstimmung ob des schönen Abends mit André hielt auch noch am nächsten Tag an. Daran konnte auch ein neuerlicher Besuch seiner Tante Tilly nichts ändern, die ihn einmal mehr von romantischen Weihnachtsverlobungsplänen zu überzeugen versuchte. Und sie hatte sich dieses Mal sogar Unterstützung in Form von Roxtons Schwester Clarisse, der Herzogin of Throwden, mitgebracht. Oder zumindest glaubte die Tante, dass Clarisse sie in ihrem Anliegen unterstützen würde. Doch die Herzogin zog es vor, sich aus der Diskussion herauszuhalten. Denn sie kannte Selwyns Einstellung zu dem Thema nur zu gut, und was noch weit wichtiger war, sie kannte auch dessen sexuelle Orientierung.

Nicht, dass sie sich leicht damit getan hatte, die Tatsache, dass ihr Bruder sich mehr zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlte, zu akzeptieren. Insbesondere nach der Art und Weise, wie sie es herausgefunden hatte... Es war aber auch eine Verkettung von mehr als unglücklichen Zufällen gewesen. Erst waren die Kinder einer Freundin, bei denen sie zu Besuch weilte, erkrankt, und weil Clarisse nicht wollte, dass ihre knapp einjährige Tochter Anne sich ansteckte, war sie sofort abgereist. Dann hatte ihre Kutsche wenige Meilen vor London einen Achsbruch erlitten und sie war gezwungen, für ungeplanten Zwischenhalt in der Hauptstadt einzulegen. Immerhin war ein Bauer, der mit seinem Fuhrwerk des Wegs gekommen war, so freundlich gewesen, sie und ihre kleine Tochter in die Stadt zu fahren, während der Kutscher sich darum kümmern wollte, dass der Schmied im nächsten Dorf ihm mit der gebrochenen Achse half. Doch erst als sie London erreichten und der Bauer sie fragte, wo genau sie hinwollte, war ihr eingefallen, dass das Stadthaus ihres Gatten gerade renoviert wurde, und so hatte sie ihn kurzentschlossen zum Haus ihres Bruders gelotst. Und kam genau in dem Moment dort an, als dieser dabei war einen jungen Mann, dem das Wort ‚professionell’ deutlich anzusehen war, ins Haus schmuggeln wollte.

Die anschließende Auseinandersetzung zwischen den Geschwistern war mehr als heftig gewesen, auch wenn sie stets darauf geachtet hatten, ihre Stimmen so leise zu halten, dass weder Anne, die Clarisse noch rasch zu Bett gebracht hatte, ehe sie ihren Bruder zur Rede stellte, noch die Dienstboten etwas mitbekamen. Wenigstens hatte ihr Selwyn versichern können, dass es das erste Mal gewesen war, dass er jemanden mit dieser Absicht mit zu sich nach Hause mitgenommen hatte. Und Clarisse hatte ihm das Versprechen abgenommen, dass es auch das letzte Mal war. Denn, so hatte sie es schließlich mit Logik versucht, nachdem ihr klar geworden war, dass es wohl keine Phase war, oder etwas, dass man sich wieder abgewöhnen konnte, sollte die Londoner Gesellschaft mitbekommen, dass er lieber mit jungen Männern statt mit Frauen verkehrte, würde er sich gezwungen sehen, schnellstmöglich zu heiraten, um dem Gerücht entgegen zu wirken und die sich ergebenden Anfeindungen zu umgehen. Von den üblichen Gründen wie den Fortbestand der Linie zu sichern, ganz zu schweigen.

Der Zwischenfall war Selwyn wohl eine Lehre gewesen, denn fortan war er so diskret, dass rein gar nichts über seine Vorliebe durchsickerte, was natürlich beim Ton zu den wildesten Spekulationen über alle möglichen, aber allesamt weiblichen, Geliebten führte.

Als sie Selwyn nun förmlich von innen heraus strahlen sah, beschloss sie einfach genau wie ihr Bruder die Ansprache ihrer Tante auszusitzen und hinterher in Ruhe mit ihm zu reden.

Es dauerte allerdings noch mehr als eine halbe Stunde, ehe Roxton es schließlich schaffte, seine liebe Anverwandte davon zu überzeugen, dass seine Meinung zu dem Thema immer noch die gleiche war, wie bei ihrem ersten Besuch. Und es dauerte eine weitere halbe Stunde, ehe seine Tante sich endlich verabschiedete.

„Das war das erste Mal, seit ich von Tante Tillys Plan dich zu Weihnachten zu verloben und ihren endlosen Tiraden darüber wie wenig kooperativ du seiest, gehört habe, dass du ins Feld geführt hast, du hättest andere Pläne für Weihnachten“, eröffnete Clarisse die Unterhaltung. „Ich hoffe, dass es sich dabei nicht um so etwas pathetisches handelt wie in den Club zu gehen, dort zu Abend zu essen, hinterher irgendeine Veranstaltung für verzweifelte Weihnachtsmuffel zu besuchen und den Tag mit einer Flasche Brandy als einziger Gesellschaft vor dem heimischen Kamin zu beenden.“

Roxton lächelte. „Nein, nichts in dieser Richtung. Ich dachte eher daran, den Abend in der Gesellschaft von jemand ganz besonderem zu verbringen.“ Die Art, wie er das Wort ‚besonderem’ betonte, ließ Clarisse hellhörig werden. Wäre sie ihre Tante, würde sie bereits die Hochzeitsglocken läuten hören, aber sie neigte nicht dazu an derartige Wunder zu glauben. Zumindest nicht, dass ihr Bruder sich unter holden Weiblichkeit jemanden auserkoren hatte, um mit ihr Weihnachten zu verbringen. „Um ehrlich zu sein, hoffe ich ihn nicht erst an Weihnachten wiederzusehen.“

Clarisse zog die Augenbrauen hoch. Hätte sie es nicht besser gewusst, hätte sie jetzt glatt gesagt, dass ihr Bruder auf dem besten Weg war, sich zu verlieben. Wenn er es nicht sogar schon war. Jetzt hoffte sie nur, dass es keine Gelegenheitsbekanntschaft aus einem der einschlägigen Etablissements war. Doch wie diese delikate Frage formulieren, dass ihr Bruder auch gewillt war, sie zu beantworten? „Du hoffst...?“ Vielleicht klappte es ja, wenn sie sich vorsichtig an das Thema heranpirschte.

„Er muss arbeiten. Aber die Geschäfte laufen im Moment nicht so gut“, kam es als Antwort. Roxton sah seine Schwester an, und diesem Moment erkannte er, was sie dachte. „Nein! Er arbeitet als Koch, nicht als Professioneller, falls es das ist, was du mir gerade unterstellen willst.“

Erleichterung durchflutete Clarisse. Und dennoch... „Ein Koch? Selwyn, also wirklich. Ein Bediensteter? Fehlt nur noch, dass du ihn fest anstellen willst, damit er dir jederzeit zur Verfügung steht.“

Der Sarkasmus, der aus der Stimme seiner Schwester troff, schaffte binnen Sekunden, was seine Tante in einer ganzen Stunde nicht geschafft hatte – Roxtons gute Laune zu ruinieren. „Mach dich nicht lächerlich, Clarisse“, zischte er mit mühsam unterdrückter Wut. Kurz spielte er mit dem Gedanken, seiner Schwester Genaueres über André zu erzählen, doch er entschied sich dagegen. Es ging sie nichts an, und wie er sie kannte, hätte es nichts an ihren Vorurteilen geändert, hätte er ihre Neugier befriedigt. Stattdessen fragte er zurück: „Welchen Beruf sollte denn deiner Meinung nach ein Mann haben, mit dem ich meine Zeit verbringe, dem ich ein solches Interesse entgegenbringe?“

Darauf wusste die Herzogin keine Antwort. Was hätte sie auch sagen sollen? Hätte sich ihr Bruder für jemanden aus ihrer gesellschaftlichen Schicht entschieden, hätte es vermutlich binnen Kürze als neustes Gerücht die Runde gemacht. Ein Professioneller war ebenfalls alles andere als wünschenswert, außerdem konnte man sich bei diesen wohl nie ganz sicher sein, dass sie nicht irgendwelche Krankheiten mit sich herumschleppten, die man selbst beim Arzt bestenfalls hinter vorgehaltener Hand aussprach. Ein Bürgerlicher? Vielleicht, aber auch da bestand die Gefahr der Gerüchte sowie vermutlich das geheime Bestreben auf diese Weise in die besseren Kreise aufzurücken. Demnach konnte es also eigentlich genauso gut jemand aus der arbeitenden Bevölkerung sein, oder? Clarisse seufzte. „Ich hoffe nur für dich, dass dich dieser Koch nicht ausnutzen will. Denn die Tatsache bleibt, dass er einer anderen Gesellschaftsklasse angehört als du.“

Roxton lächelte lediglich.



12. Kapitel

André summte ‚God Rest Ye Merry Gentlemen’ vor sich hin, während er ein weiteres Blech mit Weihnachtsplätzchen in den Ofen schob. Er hatte beschlossen, das Beste aus der unfreiwilligen Freizeit zu machen und für das ganze Haus ein paar Weihnachtsleckereien herzustellen.

Gerade, als er beschloss, auch Roxton ein paar der Plätzchen mitzubringen, wenn sie sich am Abend trafen, betrat Brandon die gemeinschaftlich genutzte Küche. „Ah, mein Lieblings-Koch und Hausbewohner ist wieder am Werke“, sagte er schnuppernd und stahl sich einen der Schneemänner, die André mit Zuckerguss verziert hatte.

André schüttelte nur gutmütig den Kopf. „Du weißt, dass jeder Keks, den du jetzt schon isst, einen Keks weniger auf deinem Weihnachtsteller bedeutet?“ Er würde alle hier im Haus gleich behandeln, und wenn Brandon seinen Teil vorher aufessen wollte, würde er ihn nicht daran hindern.

Zufrieden betrachtete er ein besonders gelungenes Plätzchen und legte es in die grüne, mit Papier ausgeschlagene Schachtel.

Amüsiert und neugierig zog Brandon die Schachtel zu sich.

„Finger weg, die sind nicht für dich!“, mahnte André und versuchte seinem Mitbewohner mit dem Backpinsel einen Klaps auf die Hand zu geben. Doch Brandon war schneller und brachte sowohl seine Hand als auch die Schachtel aus Andrés Reichweite.

„Hm, wenn sie nicht für mich sind“, grübelte er neckend, „für wen könnten sie dann sein?“

„Das geht dich gar nichts an“, kam es grollend als Antwort.

Brandon lachte. „Wer wird denn gleich rot werden?“ Er fand es aber auch zu niedlich zu sehen, wie sich ein roter Schimmer auf Andrés Wangen ausbreitete.

„Idiot! Das kommt von der Hitze, die der Backofen abstrahlt. Immerhin steh ich hier schon geraume Zeit und backe Weihnachtsplätzchen“, verteidigte sich André vehement und drehte sich abrupt um.

Daraufhin musste der andere erst recht lachen. „André, nun verrate mir schon, wer so besonders in deinem Leben ist, dass du Plätzchen für ihn beiseite legst und mich sogar mit dem Backpinsel bedrohst?“

Stille.

„Ach komm schon. Bitte! Ich erzähl dir doch auch immer alles aus meinem Leben.“

„Na schönen Dank auch. Roxton hat mich doch glatt für wer weiß was gehalten, bloß weil ich so genau über deinen Beruf Bescheid wusste“, moserte André.

„Aha! Roxton heißt der gute Mann also“, triumphierte Brandon, dessen Neugierde nun erst recht angestachelt war. Denn Roxton war mehr Nachname als Vorname, was darauf schließen ließ, dass es sich nicht um einen simplen Dienstboten handelte. Jeder höhere Stand aber bedeutete, dass André mit dem Mann schon auf sehr vertrautem Fuße verkehrte, wenn er so informell von diesem sprach. Wenn er es genau betrachtete, kannte er nur eine Familie mit diesem Namen... Aber das... Er schüttelte innerlich den Kopf. Besser keine vorschnellen Schlüsse ziehen. „Ungewöhnlicher Name. Definitiv kein einfacher Küchenangestellter. Und bestimmt auch kein Stallknecht.“ Hier grinste Brandon vielsagend. „Sogar für einen Butler ein wenig zu pompös“, überlegte er laut in dem Versuch herauszufinden, wer Roxton war. „Vielleicht ein Sekretär oder Verwalter, dessen Eltern einen Stich ins Höhere hatten…“

Doch André knurrte nur ungehalten. Allerdings ließ sich Brandon nicht so leicht davon beeindrucken. Immerhin war das hier sein Freund und Mitbewohner André, da wäre es doch gelacht, wenn er nicht herausbekam, wer sich da in dessen Herz zu stehlen versuchte. Und so ging er, nachdem die Verbalattacken nichts mehr ausrichteten, einfach zur Erpressung über. Schließlich hatte er ja noch immer die Schachtel mit den Plätzchen, die für diesen geheimnisvollen Roxton bestimmt waren. „Entweder du verrätst es mir, oder ich esse alle Plätzchen auf und dein Roxton geht leer aus“, drohte er.

Abschätzend wanderte Andrés Blick von Brandon zu der Schachtel und wieder zurück. Verdammt! Er kannte seinen Mitbewohner gut genug, um zu wissen, dass dieser seinen Worten auch Taten würde folgen lassen. Und außerdem, wieso sollte er Bradon eigentlich nicht von Roxton erzählen? Immerhin war Brandon so etwas wie sein bester Freund und gewiss niemand, der Klatsch verbreitete. Allein schon von Berufs wegen, wenn er seine Kundschaft nicht verlieren wollte. Andererseits war die Sache mit Roxton noch so neu und in gewisser Weise zu unsicher, dass André sie gerne noch ein Weilchen nur für sich gehabt hätte. Aber mit jemanden darüber reden zu können, war vermutlich auch ganz schön. André seufzte und sagte dann: „Also schön, du Nervensäge, ich erzähle dir die ganze Geschichte, vorher jedoch will ich meine Schachtel mitsamt den Plätzchen wieder haben. Und vor allem darfst du niemandem davon erzählen…“

Brandons Augen funkelten vergnügt, als er sich an den Küchentisch setzte und André abwartend ansah.

„Sein voller Name lautet: Selwyn Ulric Roxton…“

„Der Earl of Roxfield?“ Brandon pfiff anerkennend. „Ich bin wirklich beeindruckt.“

Augenblicklich verdüsterte sich Andrés Miene. „Wenn du das so sagst, klingt es als wäre er eine Trophäe für mich, oder als würde ich mich wegen seines Titels für ihn interessieren“, klang es beleidigt.

„Ach André, ich weiß doch, dass du viel zu ehrlich für so etwas bist. Wärst du es nicht, hättest du dich vermutlich damals mit diesem Ekelpaket eingelassen, wegen dem du stattdessen nach London geflohen bist. Aber du musst schon zugeben, die ganzen Jahre, die wir uns hier kennen, hast du dich nie für jemanden interessiert und jetzt ist es per Zufall ein Earl. Das ist ziemlich beeindruckend“, versuchte Brandon ihn zu besänftigen.

„Vielleicht…“, gab André zögernd zu. „Auch wenn der Titel manchmal reichlich lästig ist. Als ich ihm das zweite Mal begegnet bin, hätte ich ihm gerne einfach meine Meinung gesagt, aber der Titel war wie ein Hemmschuh.“

Brandon lachte leise. „Hemmt er dich immer noch?“ Man konnte ihm deutlich ansehen, dass er diese Frage nicht nur in Bezug auf freie Meinungsäußerung meinte.

Doch André beschloss diese Zweideutigkeiten zu ignorieren. „Drücken wir es so aus: Der Earl of Roxfield kann bestenfalls die Dienste des maskierten Kochs erwerben, wohingegen Roxton André trifft, mit ihm Zeit verbringt, aber sich auch dessen ungeschminkte Ansichten anhören muss. Im Gegenzug aber ist er dann für mich auch nur Roxton und nicht der diesjährige Hauptgewinn auf dem Heiratsmarkt.“

„Allein das dürfte dich in seinen Augen schon auszeichnen“, sagte Brandon mit kaum verhohlener Abscheu gegenüber dem, was die feine Gesellschaft schlicht als Saison bezeichnete, das aber im Grunde nichts anderes war als ein menschlicher Viehmarkt mit überdrehten Regeln war.

Jetzt lachte auch André entspannt. „Das und vermutlich die Tatsache, dass ich ihm in Punkto Stolz in nichts nachstehe.“



13. Kapitel

Lord Grey hatte die vergangenen Tage geduldig gewartet und den jungen Mann beobachtet. Noch am selben Abend, als er ihn beim Earl of Roxfield in die Hackney-Kutsche hatte einsteigen sehen, war er der Kutsche gefolgt, um herauszufinden, wo seine ‚Beute’ wohnte. Die Münze, wegen der er ursprünglich noch mal zum Roxfieldschen Stadthaus zurückgekehrt war, hatte bis zum nächsten Tag warten müssen.

Bereits am nächsten Tag hatten seine Beschattungsbemühungen ungeahnten Erfolg. Denn während es noch der französische Küchenjunge war, der am frühen Nachmittag vor dem Mietshaus in die Kutsche eingestiegen war, war es der maskierte Koch, der wenig später vor einem eleganten Stadthaus die Kutsche verließ. Es bedurfte keiner großen gedanklichen Anstrengung, da einen Zusammenhang herzustellen. Und besser noch, die Tatsache, dass der Küchenjunge und die neuste Londoner Modeerscheinung in Sachen eleganter Dinnereinladungen ein und die selbe Person waren, bot ausreichend Spielraum für einen halbwegs durchdachten Plan. Denn eine plumpe Entführung war zwar immer noch eine Möglichkeit, aber weit unter seinem Niveau. Schließlich hatte dieses Bürschchen ja schon gezeigt, dass man ihm mit einfachen Mitteln nicht beikommen konnte.

Heute würde er endlich zur Tat schreiten. Er hatte wieder und wieder überprüft, ob der maskierte Koch für diesen Tag irgendwelche Verpflichtungen hatte, doch dem Kontaktmann, über den die Aufträge zustande kommen, wusste von keinem Engagement.

~*~

Es war kurz vor fünf Uhr am Nachmittag und André hatte sich gerade zu Mrs. Snider in das Wohnzimmer gesetzt, um mit seiner Vermieterin eine Tasse Tee zu trinken und die ersten Weihnachtsplätzchen zu genießen, als es an der Haustür klopfte. Draußen, in der dunklen Kälte stand ein Botenjunge, der André ein Schreiben seines Agenten überreichte. „Es sei dringend und er habe Anweisung gleich auf Antwort zu warten.“

Überrascht öffnete André das Schreiben und sein Erstaunen vergrößerte sich noch, als er die Nachricht las. Er wandte sich zu Mrs. Snider um, die in der Tür zum Wohnzimmer stand und ihn neugierig ansah. „Es sieht so aus, als könne ich heute doch nicht mit Ihnen Tee trinken, Mrs. Snider. Mein Agent teilt mir mit, dass er kurzfristig einen Auftrag für mich bekommen habe.“

Die Vermieterin, die wusste, wie schwer André die abnehmende Zahl an Engagements getroffen hatte, nickte nur lächelnd. „Dann sollten Sie wohl dem Boten mitteilen, dass Sie den Auftrag annehmen.“

Das riss André nun endgültig aus seiner Starre. „Warte einen Moment, ich will noch ein Schreiben beifügen“, sagte er zu dem Jungen.

Zwar besagte der Auftrag, dass nur ein frühes Abendessen zu kochen sei, da die Herrschaft hinterher in die Oper wolle, eingekauft sei auch schon und man würde nicht wagen sich an ihn zu wenden, wäre der eigene Küchenchef nicht ausgerechnet an dem Tag auf der vereisten Außentreppe ausgerutscht, aber André wusste, dass selbst ein frühes Abendessen ihm nicht erlauben würde, rechtzeitig zu seiner Verabredung mit Selwyn bei dessen Haus einzutreffen. Andererseits aber hatte er volles Vertrauen daran, dass dieser verstehen würde, dass er sich dieses Engagement nicht entgehen lassen konnte. Zumal sein Auftraggeber ob der Kurzfristigkeit die doppelte Gage in Aussicht gestellt hatte.

Wenige Minuten später erschien André wieder unten an der Tür. „Diesen Brief bringst du anschließend bitte zum Stadthaus des Earl of Roxfield. Es ist die Auftragsbestätigung für das Essen am Heiligabend, das er angefragt hatte.“ Nun ja, das letztere stimmte zwar nicht ganz, schließlich hatten sie diese Vereinbarung schon bei ihrem letzten gemeinsamen Abend getroffen, aber aus welchem Grund sonst hätte er, in den Augen des Botenjungen, dem Earl einen Brief zu schicken?

„Man hat mir aufgetragen Ihnen zu sagen, dass, sollten Sie den Auftrag annehmen, Sie in einer Stunde an der St. Mary Kirche warten sollen, eine Kutsche würde Sie dort abholen.“

André nickte. Die Kirche war der übliche Treffpunkt, wenn seine Auftraggeber selbst eine Kutsche schickten.

~*~

Die Kirche lag still und dunkel da. Letzte, traurige Reste von grauem Schnee lagen in Ecken, die kalt genug waren, dass der Schnee noch nicht geschmolzen war. André zog sich den Mantel enger um seinen schlanken Körper, dann vergewisserte er sich nochmals, dass die Maske sicher umgebunden war. Er hatte seine Bewegung kaum zu Ende geführt, als auch schon eine Kutsche in den Kirchplatz einfuhr. Erwartungsvoll nahm er seine Tasche auf, die neben dem Kochbuch seines Vaters an diesem Abend auch die Schachtel mit den Weihnachtsplätzchen für Selwyn enthielt. Für gewöhnlich ließ er das Buch seines Vaters – vielleicht sein wertvollster Besitz – zu Hause, aber da er an diesem Tag das Menü nicht im Voraus hatte planen können, hatte er beschlossen es mitzunehmen.

Das Gefährt hielt und der Kutscher sprang vom Bock, um André den Wagenschlag zu öffnen. Mit einem Nicken, nahm André in der dunklen Kutsche platz, die Tür wurde geschlossen und gleich darauf ruckten die Pferde an. André lehnte sich entspannt in die weichen Polster zurück und ließ seine Gedanken zu dem Auftrag driften. Er fragte sich, was er wohl aus den vorhandenen Zutaten würde zaubern können, noch mehr aber interessierte ihn, wie lange das ganze wohl dauern würde, ehe er zu Selwyn konnte. Längst hatte er sich eingestanden, dass dieser auf dem besten Weg war, sich ernsthaft in sein Herz zu stehlen. Und zwar auf eine Art, die alles, was er je mit Joe geteilt hatte an Intensität in den Schatten stellte.

„Guten Abend!“ Leise, beinahe seidig, und doch unmissverständlich gefährlich wehten die Worte aus den Schatten einer Ecke zu André herüber. Augenblicklich erstarrte der junge Mann. Diese Stimme! Er hätte sie unter Tausenden wiedererkannt. Zu tief hatte sie sich in sein Gedächtnis gebrannt. Dieses weiche Flüstern...

„Ah, wie ich sehe, hast du mich erkannt. Und glaube mir, dieses Mal kann mich mein Onkel nicht zu sich rufen. Du wirst mir also nicht ein zweites Mal entkommen...“

Adolphus!

Panisch rückte André zu der Tür, nur um zu sehen, wie der Mann im Schatten mit einer raschen Bewegung die Bank wechselte und ihn nun mit seinem Gewicht in die Polster drückte. „Oh nein, du wirst nicht aus der Kutsche springen, mein Schöner.“ Zugleich verschloss die kräftige Hand Andrés Mund, so dass dieser auch nicht um Hilfe schreien konnte, sollte er auf die Idee kommen.

Verzweifelt wand sich André in dem festen Griff. Eine Flucht schien unmöglich. Nie würde es ihm gelingen, Adolphus beiseite zu drängen und die Tür zu entriegeln, denn damit rechnete dieser. Da entdeckte er aus den Augenwinkeln eine vertraute Gestalt draußen auf der Straße. Es würde ihm zwar nicht gelingen, selbst aus der Kutsche zu springen, aber vielleicht...



14. Kapitel

Brandon schritt mit seinem Freier die Straße entlang. Es war nicht mehr weit bis zu dem eher unbekannten, aber gediegenen kleinen Hotel, das seine Zimmer an gutbetuchte Gäste auch stundenweise vermietete. Er hatte Glück, zu so früher Stunde bereits einen Kunden gefunden zu haben, dessen war sich Brandon wohl bewusst. Zumal es in der Dezemberkälte alles andere als angenehm war, draußen in den dunklen Ecken der Clubs rumzulungern, um einen der hohen Herren von einer vergnüglichen Stunde oder auch zwei zu überzeugen.

Vielleicht, so seine hoffnungsvollen Überlegungen, zeigte sich sein Freier ja in Weihnachtslaune und es war ein Trinkgeld für ihn drin. Vielleicht sogar so viel extra, dass er sich heute nicht bis in die Puppen die Füße in der Kälte abfrieren musste, sondern früher Feierabend machen konnte. Entsprechend galt seine Aufmerksamkeit auch ganz dem Mann in seiner Begleitung.

Umso überraschter war er, als plötzlich aus einer vorbeifahrenden Kutsche eine Tasche auf den Bürgersteig geworfen wurde, zu Boden fiel und aufsprang. Weihnachtsplätzchen verteilten sich auf dem Trottoir. Irritiert sah er dem davonfahrenden Gefährt nach, blickte dann wieder zu der Tasche und den Plätzchen. Und dann fiel ihm auf, was ihn so verblüfft hatte – abgesehen von der Tasche selbst natürlich. Die Plätzchen! Das waren exakt dieselben Plätzchen, die André am Vormittag gebacken hatte. Und als Brandon die Tasche näher untersuchte, fand er auch die Schachtel, die für Andrés Earl bestimmt war. Sowie ein Kochbuch, von dem Brandon wusste, dass es Andrés bestgehüteter Schatz war. Aber wieso warf André die Plätzchen und das Buch aus einer Kutsche? Irgendwas stimmte da nicht.

Vergessen war der Freier, der ein wenig ungeduldig neben Brandon auf dem Bürgersteig stand. Vergessen war die Aussicht auf ein paar Stunden in dem warmen Hotel und vielleicht neben seiner üblichen Gage ein Extra-Trinkgeld. Vergessen war der frühe Feierabend. Je mehr Brandon darüber nachdachte, desto stärker wurde die Gewissheit, dass sein Freund und Mitbewohner in Schwierigkeiten steckte. Ob das irgendwie mit dem Earl of Roxfield zusammenhing? Immerhin war André doch mit diesem für heute Abend verabredet gewesen.

Nun, in diesem Punkt galt es wohl sich als erstes Gewissheit zu verschaffen. Zumal es eh zu spät war, der Kutsche folgen zu wollen.

Abrupt wandte er sich um, und wäre beinahe mit seinem Freier zusammengestoßen.

„Können wir jetzt endlich gehen?“, fragte dieser eindeutig ungehalten.

Brandon sah den Mann einen Moment an, dann sagte er: „Ehrlich gesagt – nein! Denn diese Sachen gehören einem Freund, der, wie ich befürchte, in Schwierigkeiten steckt. Und der meine Hilfe braucht. Es war mir also ein Vergnügen, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, aber ich befürchte aus unserem Arrangement wird nun leider nichts mehr.“ Damit hob Brandon die Tasche auf und machte sich auf den Weg zum Stadthaus des Earl of Roxfield.

~*~

Roxton saß alles andere als entspannt in seinem Lehnstuhl in der Bibliothek. Vielmehr gingen eindeutige Wellen schlechter Laune von ihm aus. Denn erst hatte seine Schwester sich für diesen Abend selbst zum Essen eingeladen, weil sie André kennenlernen wollte – und sie hatte dabei jenen Gesichtsausdruck zur Schau getragen, der deutlich machte, dass Selwyn sich besser nicht mit ihr anlegte – und dann war auch noch ein Bote erschienen, der eine Nachricht von André brachte, dass dieser erst später am Abend würde kommen können. Nicht, dass Roxton dem jungen Koch den Auftrag nicht gönnte, aber somit würde er alleine mit Clarisse speisen müssen und war folglich gänzlich ihren neugierigen Fragen ausgeliefert.

Um wenigstens noch ein wenig Schonfrist zu haben, hatte er seiner Schwester noch nicht erzählt, dass André nicht zum Essen würde kommen können, das gedachte er erst bei der Suppe oder so, zu verraten. Weshalb Clarisse jetzt in dem zweiten Lehnstuhl vor dem Kamin saß und sich ganz unschuldig mit ihrer Handarbeit gab, als die Tür zur Bibliothek aufging, und der Butler mit leicht pikierter Miene sagte, ein junger Mann wünsche den Grafen zu sprechen.

Überrascht sah Selwyn auf und musste an sich halten, nicht gar aufzuspringen und selbst zur Haustür zu gehen. Sollte André es doch geschafft haben, jetzt schon zu kommen? War aus dem geheimnisvollen Auftrag in letzter Minute doch nichts mehr geworden? Stattdessen sagte er so beherrscht wie möglich: „Ich lasse bitten.“

Der junge Mann, der wenige Augenblicke später dem Butler in die Bibliothek folgte, war nicht André. Vielmehr verriet ein gewisses Etwas den Beruf des Besuchers.

Auch die Herzogin von Throwden hatte von ihrer Stickerei aufgesehen und schnaubte nun verächtlich. Ihre ganze Haltung und ihr Blick brachten deutlich ihre Ansicht zum Ausdruck, die in Worte gefasst wohl so lautete: „Also bitte, Selwyn, ich dachte, das hätten wir schon geklärt? Und hattest du mir nicht vergewissert, dein André sei keiner von der Sorte?“

Roxton konterte mit einem knurrigen Gesichtsausdruck, der in etwa besagte: „Traust du mir nicht etwas mehr Geschmack zu?“ Zu dem jungen Mann gewandt, sagte er: „Ja, bitte? Wer sind Sie?“

„Milord, verzeihen Sie, dass ich störe, aber es geht um André. Er...“ Brandon unterbrach sich. „Ich wohne im gleichen Haus wie André. Mein Name ist Brandon Wilkes.“ Erleichtert stellte er fest, dass der Graf verstehend nickte. Das schien zu bedeuten, dass er zumindest nicht weiter ausführen musste, welcher Tätigkeit er nachging. „Während der Arbeit heute, wurde plötzlich eine Tasche aus einer fahrenden Kutsche vor meine Füße auf den Bürgersteig geworfen. Die Tasche gehört André, und was darin war... Er würde sich nie freiwillig davon trennen.“

Sorge kennzeichnete Roxtons Gesicht. Was auch immer in der Tasche war, es hatte ausgereicht, dass der junge Mann vor ihm – Brandon – erkannt hatte, dass etwas mit André nicht stimmte. Doch noch war ihm eine Sache unklar. „Aber wieso sind Sie zu mir gekommen?“

„Ich wusste, dass André heute Abend mit Ihnen verabredet ist, und nun ja“, druckste er ein wenig herum, „es war eine elegante Kutsche... und in meinem Beruf gehört ein gewisses Misstrauen dazu... Auch wenn ich froh bin, dass diese Möglichkeit nicht eingetreten ist“, fügte er hastig hinzu.

„Und wieso sind Sie nicht zur Polizei gegangen?“, mischte sich nun die Herzogin ein.

„Verzeihung Madam“, und Brandon verbeugte sich in ihre Richtung, „aber bei meinem Beruf ist das beiderseitige Vertrauen zwischen der Polizei und mir nicht gerade groß.“

Trotz der angespannten Situation, konnte sich der Earl ein schwach amüsiertes Schmunzeln nicht verkneifen. Zumindest hatte der junge Mann halbwegs geschliffene Umgangsformen, aber bei dem Klientel, das Selwyn nach Andrés Erzählungen vermutete, nicht wirklich überraschend. Bevor Clarisse aber etwas auf Brandons Aussage erwidern konnte, mischte er sich ein: „Es war gut, dass Sie hierher gekommen sind. Denn wie es scheint, ist Eile geboten, und selbst wenn die Polizei Ihnen geglaubt hätte, so ist sie nicht gerade für schnelles Handeln in solchen Fällen bekannt.“ Mit einem kurzen Anflug von Sarkasmus dachte er, dass es etwas ganz anderes war, wenn er als Mitglied des Adels zur Polizei ging. Aber er hatte jetzt keine Zeit, sich über die Fairness, oder besser den Mangel derselben in der Welt Gedanken zu machen. „Sie erwähnten eine elegante Kutsche. Können Sie sie vielleicht etwas näher beschreiben?“

Brandons erste Reaktion war schlicht ‚Nein’ zu erwidern, schließlich war der Dezember bekannt dafür, dass es da schon sehr früh sehr dunkel wurde, was ein Erkennen von Details spürbar erschwerte, aber das war nicht der richtige Augenblick für solche altklugen Antworten. Zumal ihn die anwesende Dame mit Blicken maß, die ihn deutlich spüren ließen, wie wenig angetan sie von seinem Erscheinen, geschweige denn von seinem selbstbewussten Auftreten war.



15. Kapitel

Schlussendlich waren Brandon genug bruchstückhafte Einzelheiten eingefallen, dass sie die Kutsche hatten zuordnen können.

„Aber was könnte Lord Grey von André wollen?“, hatte Brandon verwundert gefragt. „Was ich meine ist: Wieso ihn entführen, denn das ist es wohl, was vorgefallen ist.“

„Lord Grey?“, hatte sich die Herzogin eingemischt. „Redet ihr von James Adolphus, Viscount Grey, dem Neffen des Marquis of Deverough?“

Die beiden Männer hatten einander angesehen. „Adolphus!“

Selwyn war aufgesprungen und schritt zur Tür, um den Lakaien in der Halle zu bitten, bei seinem Sekretär die Anschrift des Viscount zu erbitten. Schließlich waren sie im gleichen Club und sein Sekretär als überaus gewissenhafter Mann hatte gewiss ein Adressregister aller Mitglieder.

„Verzeihung, aber glauben Sie nicht, dass wenn Sie jemanden entführten, dass Sie Ihr Opfer dann nicht vielleicht woanders hinbrächten als in Ihr Stadthaus, das jeder kennt? Ich würde mir etwas außerhalb suchen, etwas, wo man mich nicht gleich vermuten würde“, warf Brandon da ein.

Und wieder war es die Herzogin, die mit ihrem Wissen über die Adelskreise, welches sie einer ausführlichen Lektüre des Debrett’s verdankte, den entscheidenden Hinweis gab. „Der Viscount besitzt ein kleines Landhaus etwa eine halbe Stunde von London. Ich weiß zwar nicht ob er es benutzt...“

„Ein Landhaus?“ Augenblicklich waren Brandons Augenbrauen in die Höhe geschossen. „In der Nähe von London? Für so eine Entführung...“

„... wäre es nahezu perfekt“, hatte Roxton vollendet.

Und so jagte trotz der frostigen Wintertemperaturen wenig später der Phaeton des Earl – einfach weil es das schnellste Gefährt war, dass sich in seinem Besitz befand – durch die nächtlichen Straßen Londons in Richtung Hertfordshire, wo nach Auskunft seiner Schwester der Landsitz des Viscount lag.

Brandon, der darauf bestanden hatte, mitzukommen, klammerte sich an der Seite des Sitzes fest, während Roxton das erstklassige Gespann zu einem geradezu halsbrecherischen Tempo antrieb. Aber nur so hatten sie eine Chance, angesichts der Tatsache, dass Adolphus einiges an Vorsprung hatte. Auch wenn dieser mit einer geschlossenen Kutsche und nicht so exzellenten Pferden deutlich langsamer vorankommen würde.

~*~

Als er damals sein Erbe angetreten hatte, hatte Lord Grey die Tatsache verflucht, dass das kleine, in seinen Augen eher schäbige Landhaus zum unveräußerlichen Erbgut gehörte. Denn abgesehen von der Tatsache, dass er es somit nicht einfach wie das übrige umliegende Land verkaufen konnte, bedeutete ein solches Haus auch so lästige Dinge wie Ausgaben für Instandhaltung und ähnliches. Vor allem aber, was sollte er mit so einer Bruchbude, die ihm schon als Kind zu klein gewesen war, wenn er nach dem Ableben seines Onkels über einen weit angemesseneren Landsitz verfügen würde? Weshalb er die Existenz, von dem Besitz dieses Hauses ganz zu schweigen, meist verdrängte und es einfach seinem Anwalt überließ für die Saison und die Sommermonate geeignete Mieter zu finden.

Erst als er seine Rache an diesem französischen Bengel zu planen begonnen hatte, war es ihm wieder eingefallen und es kam ihm nun wie gelegen. Es würde zwar länger dauern dorthin zu gelangen als in seine Stadtwohnung, aber diese wäre zu offensichtlich, zu gefährlich. Außerdem, wie hieß es so schön? Vorfreude ist mit die schönste Freude.

Und genau dieser Vorfreude gab sich James Grey jetzt hin, während die Kutsche durch die Nacht rollte. Für einen kurzen Moment hatte er in Erwägung gezogen, sich auf der Fahrt zumindest schon mal einen Vorgeschmack zu gönnen, den Gedanken aber wieder verworfen. Kutschen konnten für so etwas einfach unbequem und sehr beengt sein. Nein, lieber wollte er warten. Und es würde ja auch nicht mehr lange dauern.

Ein hämisches Grinsen schlich sich auf sein Gesicht, als er zu dem jungen Mann blickte, der mittlerweile gefesselt und geknebelt auf der Bank ihm gegenüber lag, nachdem James ihm mit einer schallenden Ohrfeige deutlich gemacht hatte, wie wenig er von solchen Aktionen wie der Sache mit der Tasche hielt.

Hoffentlich waren die Kamine in dem Haus gereinigt, überlegte Adolphus eher zusammenhangslos. Denn er konnte sich vorstellen, dass nach der ersten hitzigen Runde, ein hübsch prasselndes Feuer vermutlich recht angenehm war, ehe es dann zur zweiten Runde überging. Oh ja, er gedachte heute Nacht mehr als nur einmal zum Zug zu kommen.

Endlich verlangsamte die Kutsche, was darauf hindeutete, dass sie ihr Ziel erreicht hatten. Tatsächlich bog der Wagen kurz darauf in eine kaum auszumachende Einfahrt ein und hielt wenig später vor dem Eingang des Landhauses.

Offenbar hatte die herannahende Kutsche das alte Dienerpaar, welches quasi als Verwalter fungierte, aufgeweckt, denn der Kutscher war kaum vom Bock gesprungen, als auch schon die Tür aufging. „Wer ist dort?“, fragte die müde Stimme eines gebeugt im Türrahmen stehenden alten Mannes.

Die alten Figglesworths, schoss es Lord Grey durch den Kopf. Wie hatte er die nur vergessen können.

Da schienen die trüben Augen des Dieners auch schon das Wappen auf dem Kutschenschlag erkannt zu haben. „Master James, seid Ihr es?“

Adolphus stöhnte innerlich. „Ja, Toby, ich bin es. Ich...“ Er warf einen Blick auf André und ihm kam eine Idee, wie er den alten Mann loswerden konnte, ohne gleichzeitig dessen Neugier ob seines plötzlichen Auftauchens heraufzubeschwören. Rasch wickelte er seine ‚Beute’ in eine der Reisedecken, so dass außer dessen Augen kaum noch etwas zu erkennen war.

„Kurz hinter London bemerkte mein Kutscher ein pferdeloses Gefährt am Straßenrand und als wir hielten, um nach dem Rechten zu sehen, entdeckten wir, dass es sich um den Wagen einer guten Freundin von mir handelt. Ihr Sohn, der mit der Kutsche zu seinen Eltern aufs Land unterwegs war, war überfallen und niedergeschlagen worden, der Kutscher erschossen. Ich brachte es einfach nicht über mich, den armen Jungen in dieser Situation allein zu lassen und habe ihn in meiner Kutsche mitgenommen. Da ich aber nicht weiß, ob er irgendwelche weiteren Verletzungen außer einer Beule am Kopf davongetragen hat, hielt ich es für ratsamer, nicht wie geplant zu meinem Onkel durchzufahren, und bin stattdessen hier her gekommen“, erklärte er nun dem Diener, während er aus dem Wagen stieg. Zuvor aber warf er André noch einen warnenden Blick zu, ja keinen Mucks von sich zu geben, sondern brav die Rolle des bewusstlosen Sohnes einer imaginären Freundin zu spielen.

„Oh je, der Ärmste“, kam es da auch schon mitleidsvoll von dem alten Mann. „Soll ich vielleicht Emily bitten, in der Küche Wasser heiß zu machen?“

„Nein, nein“, widersprach der Viscount mit einem falschen Lächeln. „Machen Sie sich keine Umstände. Ich hoffe ja, dass der junge Mann nur etwas Ruhe braucht. Aber zur Sicherheit werde ich ihn gründlich untersuchen... Und sollten wir etwas brauchen, wird mein Kutscher sich schon um alles kümmern. Gehen Sie ruhig wieder ins Bett.“

Als der alte Diener wieder in Richtung seiner Schlafkammer davon schlurfte, wandte sich Adolphus André zu. Mit morbider Genugtuung registrierte er die Angst in dessen Augen. Oh ja, er würde ihn gründlich, sehr gründlich untersuchen...



16. Kapitel

Das war es also! Die schwache Hoffnung, die André durchflutet hatte, als er Brandon im Vorbeifahren auf dem Bürgersteig zu sehen geglaubt hatte, war längst verflogen, und mit jeder weiteren Meile, die sie zurückgelegt hatten, hatte er sich gefragt, was für kranke Pläne der Mann ihm gegenüber sich wohl gerade ausdachte. Gewiss, worauf es im Kern hinauslief, wusste er. Doch dank Brandon und seiner Liebe zum Detail wusste er sehr wohl, dass der reine Akt in vielfältigen Variationen daherkam, sowohl angenehmer als auch bösartiger Natur. Und ohne Zweifel fiel alles, was Adolphus in seinem Hirn auskochte in die zweite Kategorie.

André hatte tatsächlich die Augen geschlossen, als sein Entführer ihn aus der Kutsche hievte. Nicht etwa nur, weil es zu der Rolle gehörte, die dieser ihm zu spielen befohlen hatte, sondern weil es das ganze einfacher machte. Wenigstens für einen Moment. Für einen schwachen Moment sich der Illusion hinzugeben, wirklich das Bewusstsein zu verlieren und erst wieder zu erwachen, wenn alles vorbei war. Aber dies wäre gleichbedeutend mit aufgeben und das wiederum war ein Ding der Unmöglichkeit. Dazu war er zu sehr ein Kämpfer, von der Natur mit einem zu großen Überlebenswillen ausgestattet worden.

Nicht, dass ihm dies großartig gegen Adolphus half. Der Himmel mochte wissen, welchen Gedanken, Gefühlen und abartigen Gelüsten die Kräfte entsprangen, die er an den Tag legte, doch André hatte keine Chance gegen ihn, egal wie sehr er sich auch wehrte, nachdem sein Peiniger ihn losgebunden hatte.

Das Bizarre war, dass es Adolphus auch noch zu gefallen schien, dass er sich wehrte. Vermutlich wäre es unter diesen Umständen sogar klüger, einfach alles mit sich geschehen zu lassen, als wären seine Glieder schlaff wie die einer Stoffpuppe, aber das brachte André nicht über sich.

Das hässliche Geräusch von zerreißendem Stoff erfüllte den Raum. Offenbar hatte Adolphus genug von den Spielchen. Nicht, dass diese Erkenntnis es für André in irgendeiner Form leichter gemacht hätte. Allein schon der keuchende Atem, der an sein Ohr drang, ließ ihn würgen.

„Dies hier wird nicht so schnell beendet sein – genieße...“ Der Viscount sollte keine Gelegenheit mehr bekommen, diesen Satz mit all seiner grausamen Intention zu beenden, denn im selben Augenblick flog krachend die Tür auf. Adolphus wurde von André fortgerissen und man hörte wie eine Faust knirschend das Kinn des Viscount traf.

Ein Mantel wurde über André gebreitet und als er aufsah, erblickte er seinen Freund und Mitbewohner. „Brandon!“, krächzte er heiser und seine Augen leuchteten vor Freude und Erleichterung auf. Erst dann erblickte er Selwyn, doch noch ehe er etwas in dessen Richtung sagen konnte, oder zu dessen Handlungen bemerken, zog ihn Brandon schon mit sich. Offenbar fand dieser, dass André schon zu viel Zeit in diesem Raum verbracht hatte, und wenn er ehrlich zu sich selbst war, hatte André auch nur den einen Wunsch: So schnell wie möglich von hier fort zu kommen. Deshalb leistete er auch keinen großen Widerstand, sondern ließ sich von Brandon nach draußen in das Foyer führen, wo sie prompt auf Toby Figglesworth trafen, der von dem neuerlichen Lärm abermals angelockt worden war.

„Was geht hier vor sich?“, fragte der alte Diener irritiert.

Brandon, der nicht genau wusste, was Adolphus dem Mann erzählt hatte, schob sich vor André und antwortete hastig und doch vage: „Es hat da wohl ein kleines Missverständnis gegeben... Und... äh...“ Sein Blick wanderte zu der Tür, hinter der man Roxton hören konnte. „Unsere Begleitung, der Earl of Roxfield... dankt noch kurz dem Viscount für seine Hilfe. Verzeihen Sie, dass wir Ihre Nachtruhe gestört haben.“ Mit diesen Worten zog er André mit sich die Treppe hinunter nach draußen, wo der Phaeton des Earl stand.

„Für seine Hilfe danken?“ Trotz der Kälte, die draußen herrschte und trotz seines Zustands musste André leise lachen. „So kann man es natürlich auch ausdrücken.“

„Hey, der alte Mann sah aus, als würde er dieses Schwein da drinnen schon aus frühster Kindheit kennen. Weshalb er ihn vermutlich mit einer Loyalität betrachtet, die weit über unser Verständnis hinausgeht und jedweder Logik entbehrt. Er hätte uns eh nicht geglaubt, wenn ich versucht hätte, ihm die Wahrheit zu sagen“, verteidigte sich Brandon.

Derweil hatte Roxton erfolgreich unter Beweis gestellt, wieso er als einer der besten Faustkämpfer in Gentleman Jackson’s exklusivem Boxclub galt.

Bereits nach den ersten paar Schlägen hatte sich Lord Grey als der Feigling, der er im Grunde genommen war, wimmernd auf dem Boden zusammengerollt, um weiteren Attacken des Earls möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Angewidert sah dieser auf den Viscount hinab.

„Wenn Sie klug sind, Grey, dann lassen Sie sich für eine Weile nicht in London blicken. Eine lange Weile...“, zischte er, ehe er sich abwandte und mühsam beherrscht gemessenen Schrittes den Raum verließ. Es brachte schließlich nichts, wenn er solchen Abschaum wie Adolphus zu Brei schlug wie ein gewöhnlicher Raufbold.

„Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich möchte jetzt nur noch eines: Zurück nach London“, sagte Brandon, als der Earl zu ihnen stieß.

Ohne ein weiteres Wort stiegen sie alle in den Phaeton, wobei Brandon auf der schmalen Rückbank platz nahm, und nur Minuten später fanden sie sich auf der Straße nach London wieder.

Doch die Anspannung wollte noch nicht ganz von ihnen weichen. Zu sehr beschäftigte sie alle noch die Gedanken an das eben Erlebte, aber darüber sprechen wollte auch keiner. Erst als André von der Kälte – und dem Bedürfnis Roxton und die Sicherheit, die dieser versprach, zu spüren – getrieben, näher an den Earl rückte, fiel etwas von der Last von ihnen ab und Roxtons grimmige Miene wich einem sanften Lächeln. Kurz hauchte er André einen Kuss auf die Schläfe, dann konzentrierte er sich aber doch lieber wieder auf die Straße.

Brandon, der diese kurze Interaktion mit einem zufriedenen Grinsen beobachtet hatte – bedeutete es doch, dass die hässliche Episode mit Adolphus André nicht so sehr zugesetzt hatte, dass dieser jetzt vor jeder Berührung zurückzuckte –, ließ sich jetzt vernehmen: „Ich denke, das war es dann wohl mit dem maskierten Koch, oder?“



Epilog

Weihnachtsabend

Die ganzen vergangenen Tage hatte Roxton immer wieder über Brandons Aussage auf dem Heimweg nachdenken müssen. Der junge Mann hatte zweifelsohne Recht, André konnte nicht länger als maskierter Koch weitermachen. Nicht nur, weil Adolphus die Kleidung, die mit ein Markenzeichen des maskierten Kochs waren, zerrissen hatte, oder weil André nun jedes Mal, wenn er die Maske umband, von der Erinnerung an die Entführung heimgesucht würde. Nein, mittlerweile hatten zu viele Menschen mitbekommen, wie das Gesicht hinter der schwarz-goldenen Maske aussah. Und auch wenn André versucht hatte, sich nichts anmerken zu lassen, hatte Selwyn wohl spüren können, dass ihm die Worte seines Mitbewohners beinahe noch mehr zugesetzt hatten als die Sache mit Adolphus. Einfach, weil es für ihn das Ende seines Traum bedeutete. Zwar trug Roxton keinerlei Schuld daran, aber es tat ihm trotzdem leid. Vielleicht, weil André während all dem eine so unglaubliche Stärke gezeigt hatte, dass er befürchtete, das könnte jetzt ein Schlag zu viel gewesen sein und der junge Mann daran zerbrechen.

Sicher, es wäre für Roxton ein Leichtes, André einfach das Geld zu geben, das diesem zu einem eigenen Restaurant fehlte – doch so sehr Selwyn dieser Gedanke auch gefallen mochte, einfach, weil es vielleicht ein Lächeln auf das geliebte Gesicht zu zaubern vermochte, so wusste er doch ganz genau, dass André ihm in Sachen Stolz in nichts nachstand und einen solchen Betrag auf gar keinen Fall annehmen würde. Nicht als Darlehen und schon gar nicht als Geschenk. Aber gar nichts zu tun, das brachte Roxton auch nicht fertig. Nicht gegenüber dem Mann, der sich in sein Herz gestohlen hatte, nicht an Weihnachten.

Es hatte ihn eine schlaflose Nacht und einen ganzen Morgen, an dem er endlose Meilen auf dem Teppich in der Bibliothek umhergewandert war, gekostet, ehe er schließlich eine, wie er hoffte, annehmbare Lösung gefunden hatte.

Entsprechende Erkundigungen seitens seines Sekretärs fielen positiv aus und so schickte er André eine Nachricht, er möge doch bitte das Weihnachtsessen als winterliches Picknick vorbereiten.

~*~

„Welcher normale Mensch veranstaltet an Weihnachten ein Picknick?“, brummte Mrs. Snider, während sie André half, das Abendessen für den Earl in ihren größten Marktkorb zu packen. „An Weihnachten isst man ein mit Liebe zubereitetes Familiendinner in seinem gemütlichen Heim, egal ob ärmlich oder elegant eingerichtet. Abgesehen davon, dass es für ein Picknick zu kalt ist...“

André lachte nur. „Es ist nicht an mir, darüber zu urteilen. Ich habe lediglich einen Auftrag erhalten, den ich zu erfüllen gedenken.“ Still für sich fügte er hinzu: Und was das mit Liebe zubereitete Essen betrifft, nun der Teil eines Weihnachtsessens dürfte mehr als erfüllt sein.

Kaum hatten sie auch den kleinen Plum-Pudding und das Fläschchen Cognac in dem Korb verstaut, als ein Klopfen an der Tür verkündete, dass die Kutsche des Grafen vorgefahren war. Zur Feier des Tages, und weil es Andrés letzter Auftrag als maskierter Koch sein würde, hatte Roxton diesem mitgeteilt, dass er ihn höchstpersönlich abholen würde.

Formvollendet und ohne die Miene zu verziehen, hielt der Kutscher André den Wagenschlag auf, während eine hilfreiche Hand von drinnen den Korb entgegen nahm. André lächelte, als er in dem dämmrigen Innenraum die Gestalt des Earls erkannte.

Und kaum hatte er sich in die weichen Polster sinken lassen, als dieser ihm auch schon die Maske abband. „Dein Einsatz als Koch heute Abend ist hiermit beendet“, erklärte Roxton. „Denn ab jetzt möchte ich, dass du mein Gast bist. Ich hoffe doch, du hast genug für zwei zubereitet?“

André nickte. „Und du willst mir nicht verraten, wieso ich das ganze als Picknick vorbereiten musste, anstatt einfach eines meiner Abendessen, für die ich berühmt bin, bei dir zuzubereiten?“

Lächelnd schüttelte Selwyn den Kopf. „Nein, möchte ich nicht. Es ist Teil der Überraschung für heute Abend. Abgesehen davon, dass meine Bediensteten es bestimmt reichlich seltsam fänden, wenn du erst das Essen in der Küche selbst kochst, es anschließend dem Diener zwecks Servieren übergibst und dann bei mir an der Tafel sitzt. Außerdem wäre es furchtbar umständlich, wenn du ständig zwischen Speisezimmer und Küche hin- und herpendeln müsstest.“

„Dann sag mir wenigstens, wo wir hinfahren“, bat André, der die Stimmigkeit von Roxtons Argumenten wohl erkannte.

„Geht nicht, denn auch das ist Teil der Überraschung“, lehnte Roxton ab. Und um weiteren Fragen von André, die er nicht zu beantworten gedachte, zuvor zu kommen, beschloss er einfach diesen am Sprechen zu hindern, indem er dessen Mund mit einem verspielten, zärtlichen Kuss verschloss.

Leise seufzend, weil er wohl nichts aus Roxton herausbekommen würde, gab sich André geschlagen und ging stattdessen auf die dargebotene Ablenkung ein.

So dauerte es auch nicht allzu lange, ehe die Kutsche vor einem offenkundig leerstehenden Haus in St. James hielt.

Roxton sah aus dem Fenster und lächelte dann in der Dunkelheit André zu. „Wir sind da“, sagte er geheimnisvoll.

André warf diesem nur einen finsteren Blick zu und sagte nichts. Wenn Roxton ihm nichts verraten wollte, dann würde er diesem auch nicht den Gefallen tun und mit Fragen und ähnlichem bei diesem Spiel mitmachen.

Selwyn lachte leise. „Komm“, forderte er André auf, als der Kutscher die Tür öffnete. „Komm einfach mit, und du wirst sehen, was die Überraschung ist.“

Da es albern gewesen wäre, in der Kutsche zu bleiben, und André auch nicht vorhatte ihnen den Abend zu verderben, bloß weil er Überraschungen nicht unbedingt mochte – nach den jüngsten Ereignissen noch weniger als zuvor– stieg er hinter Roxton aus. Dieser ging auf eine Seitentür zu, zog einen schweren, eisernen Schlüssel hervor und machte sich daran, die Tür zu öffnen.

Derweil hatte der Kutscher aus dem Fach unter der Sitzbank einen großen Kerzenleuchter hervorgeholt, den er nun mit Wachskerzen versah und diese entzündete. „Bitte sehr, Mylord“, sagte er zum Earl gewandt und übergab ihm den Kerzenständer.

Stumm folgte André Roxton in das Innere des Hauses, als dieser die Tür aufgeschlossen hatte. So langsam gewann seine Neugier aber wieder die Oberhand und schließlich konnte er die Frage nicht länger zurückhalten. „Also gut, du hast gewonnen: Was genau ist das für ein Haus und was machen wir hier?“

„Das hier“, erwiderte Selwyn, der nun offenbar endlich bereit war, das Geheimnis zu lüften, „ist deine Zukunft. Sofern du es möchtest. Das hier war früher ein Clubhaus, aber der Club konnte sich nicht etablieren, und nachdem verschiedene andere Versuche, dem Objekt einen Sinn zu geben, fehlgeschlagen sind, steht es zur Zeit leer. Für dich könnte es aber ideal sein. Es könnte dein eigenes Restaurant werden. Und nein, ich meine es nicht als Geschenk“, fügte er hastig hinzu, da er spürte, dass André bereits Einwände erheben wollte. „Ich dachte an eine Partnerschaft, mit mir als stillem Teilhaber, der lediglich den fehlenden Teil des Startkapitals beisteuert. Mit einem richtigen Vertrag und allem. Und wenn du mich eines Tages auszahlen möchtest, nun, darüber können wir dann immer noch reden. Was sagst du?“ Abwartend sah er André an.

Dieser sah sich sprachlos um. Das alles könnte ihm gehören? Es wäre seins, im Sinne von sein Kapital wäre daran beteiligt? Das war fast zu schön um wahr zu sein. Und während seine Gedanken schon damit beschäftigt waren, wie man den großen Raum, in dem sie sich befanden, am geschicktesten mit Tischen füllen konnte, die ausreichend Privatsphäre versprachen ohne unnötig Platz zu verschwenden und ob es im oberen Stockwerk die Möglichkeit für Separées gab, wandte André sich zu Roxton um. „Warum? Warum tust du das für mich?“

Selwyn sah André mit einem Blick voller Liebe an. „Weil Weihnachten ist? Weil du dich in mein Herz geschlichen hast und ich dich einfach glücklich sehen möchte? Oder aber auch weil ich den Gedanken nicht ertrage, nicht zu wissen wann und wo ich dich wiedersehen kann, jetzt, wo die Sache mit dem maskierten Koch vorüber ist.“

Ein unglaubliches Gefühl von Wärme breitete sich bei diesen Sätzen in André aus, und auch wenn der letzte, eher eigennützige Grund ein Schmunzeln auf seine Lippen gezaubert hatte, war er nicht in der Lage mit Worten darauf zu antworten. Und so blieb ihm nur, Roxton mit Taten zu zeigen, wie sehr er dessen Gefühle erwiderte.

Als sie sich schließlich ein wenig atemlos wieder voneinander lösten, lächelte der Earl und sagte: „Ich nehme das als Ja zu meinem Vorschlag mit dem Restaurant?“

André lachte glücklich und nickte. „Ja. Ja, es ist ein Ja! Und ich weiß auch schon, wie es heißen wird.“

Abwartend sah Roxton ihn an.

„Le Masque. Was sonst würde zu mir passen?“





Ende