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Weihnachtszeit - Teil 1 bis 2

- 01 -


„Endlich wieder Zuhause“, murmelte Gregor und sah auf die Uhr. In ungefähr einer halben Stunde kam sein Zug endlich in Berlin an und nach drei Wochen konnte er seinen Schatz wieder in die Arme schließen. Er lehnte den Kopf an die Scheibe und seufzte leise. Warum konnte er nicht schon Zuhause in ihrer Wohnung sein, wo er sich endlich in Thomas' Arme werfen konnte? Die Nähe zu seinem Freund hatte er am meisten vermisst, aber die letzten Wochen hatte er auf der Meisterschule für Elektrotechnik in Aachen verbracht.

Sie hätten sich gerne gesehen, aber zum einen wäre das immer nur für ein paar Stunden gewesen und zum anderen war die Fahrt einfach zu lang und zu teuer. Sie waren gerade erst in ihre gemeinsame Wohnung gezogen und nach all den Anschaffungen, waren sie mit Geld nicht gerade üppig. Sie konnten zwar gut leben, aber ein wenig mussten sie sich einschränken. Sie arbeiteten beide in einem großen Berliner Kaufhaus und dort hatten sie sich auch kennen gelernt.

Gregor musste schmunzeln, als er daran dachte, wie er Thomas das erste Mal gesehen hatte. Er war in die Lebensmittelabteilung gerufen worden, weil eine der Kühltheken ausgefallen sein sollte. Feststellen konnte er nichts, denn alles funktionierte einwandfrei, aber der junge Konditor, der die Störung gemeldet hatte, ließ ihn nicht weg und auch wenn Gregor nicht besonders gut in solchen Dingen war, bekam er mit, das er angeflirtet wurde und weil der große Rotblonde ihm gleich gefiel, ließ er sich darauf ein.

So trafen sie sich immer öfter, weil die Kühltheke angeblich nicht funktionierte, bis sie endlich ihr erstes Date hatten. Es hatte gleich so heftig zwischen ihnen gefunkt, dass sie schon nach knapp acht Monaten zusammen zogen und bisher hatte er ihren Entschluss nicht bereut. Anfangs war es eine pragmatische Entscheidung gewesen, weil Gregor auf der Suche nach einer neuen Wohnung gewesen war. Mit seiner war er schon seit Jahren nicht zufrieden gewesen, doch weil er oft auf Piste gewesen war und selten daheim, hatte ihn das kaum gestört. Doch mit Thomas hatte er vor häuslich zu werden und in seine alte Wohnung nahm er seinen Freund nur ungern mit - das Umfeld war einfach nicht das Beste.

Schnell hatte er etwas gefunden, was sein Herz hatte höher schlagen lassen - doch die Miete war nicht von schlechten Eltern gewesen. Es war also in erster Linie eine Entscheidung für die Wohnung gewesen, die dazu geführt hatte, dass auch Thomas seine Behausung zugunsten des Lofts in Lichterfelde aufgegeben hatte - eine Entscheidung, die sie beide nicht eine Stunde bereut hatten.

Allein die Möglichkeiten, die die freistehende Badewanne im Schlafzimmer ergab, waren schon einer der Ausschlag gebendsten Gründe gewesen, warum sie sich beide sofort in diese Wohnung verliebt hatten. Sie hatten schon manchen Sonntag bloß im Schlafzimmer verbracht, nur unterbrochen von kurzen Besuchen in der Küche, damit sie verlorene Kalorien wieder auffüllen konnten. Gregor war sich sicher, mit Thomas den Mann fürs Leben gefunden zu haben und gerade, weil sie noch nicht so lange zusammen waren, war ihm die Trennung umso schwerer gefallen. Aber endlich kam er wieder nach Hause und Thomas hatte es sogar geschafft, sich den Samstag frei zu nehmen, so dass sie zwei ganze Tage Wiedersehen feiern konnten.

„Ach du Scheiße“, knurrte Gregor, als er plötzlich aufblickte. Neben ihm auf dem Platz saß nun eine junge Frau - so wie sie aussah kam sie gerade von einem Weihnachtseinkauf. Denn sie trug eine rote Bommelmütze. Doch als würde das nicht reichen, war da gleich noch ein Geweih mit drauf. Wenn dann richtig, oder was? Gregor schüttelte den Kopf und wandte sich ab. Das war doch das letzte. Dieser Konsumterror rund um das heilige Fest hatte es geschafft, dass ihm Weihnachten schon lange verhasst war. Überall diese Bekloppten, die wie im Wahn alles kauften, was nur irgendwie nach Weihnachtskitsch aussah. Kerzen in Rentierform. Socken, die Weihnachtslieder spielten. Das war doch alles nicht mehr normal - war er denn nur von Bekloppten umgeben?

Es reichte schon, wenn er aus der Bahn sah. Egal auf welchem Bahnhof: Überall blinkten Reklametafeln und zeigten die Insignien des heiligen Festes. Engel - überall Engel! Dazu singende Elche, rülpsende Weihnachtsmänner. Themenmärkte wuchsen wie Giftpilze aus dem Boden. Fressbude an Fressbude. Nein, Weihnachten war wirklich nicht sein Ding. Er hatte schon vor vielen Jahren überlegt, ob er nicht auswandern sollte - doch egal wohin er sich auch zum heiligen Abend verzogen hatte, selbst in der Karibik kam der Weihnachtsmann mit Mütze und Bermuda-Shorts. Es war die Geißel der Menschheit - es gab kein Entrinnen!

Leider.

Zu allem Überfluss hatte er auch noch das Gefühl, dass dieser Terror immer früher begann. Wenn das so weiterging, ging Ostern nahtlos in die Weihnachtszeit über und man konnte schon im Mai Lebkuchen und Spekulatius kaufen. Am meisten aber störte ihn die ständige Berieselung mit Weihnachtsliedern in den Kaufhäusern. Da er in einem arbeitete, konnte er dem auch nicht entfliehen, so war er regelmäßig, kurz vor Weihnachten schlecht gelaunt, weil er es nicht mehr ertragen konnte. Er ahnte jetzt schon, was ihn erwarten würde, sobald er am Montag wieder auf Arbeit kam - die letzten drei Wochen waren noch Schonfrist gewesen - doch am Montag würde ihn der Terror treffen. ‚Stille Nacht’ im Stundenrhythmus. ‚Ihr Kinderlein kommet’ wurde dann als Aufforderung gesehen. Überall Gören, die ihre Eltern nervten, was die Freundin bekommen hatte und sie nun auch haben müssten. Der Sinn des Festes war schon lange nicht mehr der der Nächstenliebe - es war der Wettlauf um das teuerste Geschenk.

Gregor sah wieder auf die Uhr, auch wenn er das nicht musste. Von Spandau waren es noch 17 Minuten bis Friedrichstraße. Wenn er Glück hatte, kam gleich eine S-Bahn und dann standen ihm und Thomas keine Hindernisse mehr im Weg. Nur sie beide und der Kitsch blieb draußen bis Montag Morgen.

Jetzt war es nicht mehr lange und er hatte seinen Schatz wieder. Endlich konnte er den so geliebten Geruch einatmen, wenn er sich an den etwas größeren und stärkeren Körper schmiegte. Dann endlich war er wieder Zuhause und die Zeit der Entbehrung vorbei. Er hatte diese drei endlos langen Wochen der Trennung auch nur auf sich genommen, weil Gregor nach bestandener Meisterprüfung Abteilungsleiter der Technik wurde. Eigentlich war er nicht sehr ehrgeizig, aber jetzt mit Thomas an seiner Seite, wollte er ihnen ein schönes, sorgenfreies Leben ermöglichen, soweit es mit Geld machbar war, denn sein Verdienst erhöhte sich doch erheblich.

Vielleicht war es auch noch immer ein bisschen sein väterliches Bestreben seinen acht Jahre jüngeren Geliebten beschützen zu wollen - dazu brauchte man eben leider auch Geld.

„Nächster Halt: Berlin Zoologischer Garten“, hörte er es aus den Lautsprechern und nickte, doch als irgendwo ein Handy anging und eine blecherne Stimme im lallenden Singsang eines Betrunkenen ‚Stille Nacht’ grölte, holte Gregor tief Luft. Gab es denn keinen Bereich im Leben der Menschen mehr, der nicht verweihnachtlicht wurde? Gab es keine Grenzen? Keine Rückzugsmöglichkeiten? Es war wie eine unheilbare Seuche, mit der Moderne in alle Teile dieser Welt getragen. „Ich bin in der Weihnachtshölle!“, murmelte er leise und schloss die Augen. Er fing an die Sekunden bis Friedrichstraße zu zählen.

Schon viel zu früh, stellte Gregor sich an die Tür. Im Abteil hatte er es einfach nicht mehr ausgehalten, weil der Besitzer des Handys seinem Nachbarn unbedingt auch noch die anderen Weihnachtsklingeltöne, die er sich runtergeladen hatte, vorführen musste. So war der schmale Schwarzhaarige geflüchtet und hatte endlich relative Ruhe um sich. So wie es aussah, kamen sie pünktlich an und wenn dann nichts schief ging, schaffte er noch die S25 bis zur Osdorfer Straße und weil die Verbindungen mit Bus und Bahn in Berlin hervorragend organisiert waren, auch den Anschlussbus zum Pinnauweg. Von dort war es nur noch ein Katzensprung bis zu ihrer Wohnung, wo sein Schatz hoffentlich schon auf ihn wartete.

Und wenn er seinen Gregor liebte, dann hatte er die Wanne vollaufen lassen, eine Flasche Weißwein kalt gestellt und etwas Leckeres gekocht! Und kochen konnte Thomas wirklich. Er war überhaupt sehr experimentierfreudig, egal um was es ging. Gregor lachte leise - ja, Thomas war schon einer. Immer neue Ideen, immer verrückte Dinge im Kopf. Das hielt jung. Er hatte noch ein paar Minuten, also zog Gregor sein Handy raus, tippte ein paar liebe Worte an seinen Schatz und sah weiter aus dem Fenster.

Am Hauptbahnhof wurde es noch einmal nervenaufreibend. Nicht nur da sich Unmengen Weihnachtsmarktbesucher in den Zug drängten, die nach Glühwein rochen und nach Crepes, die ihre Schnäppchen diskutierten und fröhliche Lieder anstimmten, es wurde auch so voll, dass Gregor langsam von seiner Tür abgedrängt wurde und das Klingeln des Weihnachtshandys wieder in seinem Ohr schrillte.

Von wegen – ‚Stille Nacht’!

Er war schließlich so entnervt, dass er entgegen seiner sonstigen Gewohnheit etwas ruppiger wurde, als ein rotnasiger Nikolaus, der sich vor ihn gestellt hatte, zwischen ihm und der Freiheit – sprich der Tür stand, ihn einfach nicht vorbeilassen wollte, weil er damit beschäftigt war, mit einer schrecklich lauten Glocke zu bimmeln und „Ho ho ho“ zu rufen. Also bekam der Weihnachtsterrorist seinen Ellbogen in die Seite und endlich stand Gregor auf dem Bahnsteig. Nicht nach rechts und links sehend, hetzte er zur U- Bahn, die auch gerade einlief, als er von der Rolltreppe trat.

Perfektes Timing.

Es gab wohl doch einen Gott und der wollte, dass Gregor so schnell wie möglich nach Hause kam und sich dem ganzen schrill bunten Kitsch entziehen konnte. „Ich danke dir“, sagte er also leise und hüpfte in die Bahn. „Bring mich nach Hause“, murmelte er und ließ sich auf eine der freien Sitzbänke fallen. Er war fertig, denn auch wenn er den ICE nicht selber gefahren hatte, fühlte er sich ziemlich gerädert. Drei Wochen lang sich Wissen ins Hirn zu hämmern, zerrte an den Nerven.

Als ein junges Paar mit einer großen Tüte voll eingepackte Geschenke die Bank ihm gegenüber ansteuerte, setzte Gregor sein wütendstes Gesicht auf - er hatte keine Lust mehr auf diesen Mist!

Geht alle weg - hört auf mich zu terrorisieren - ich habe ein Recht auf meine Abkehr vom Weihnachtsfest, denn wir leben in einer Demokratie! Gedanken, die ihm durch den Kopf schossen und es fehlte nicht mehr viel, dass sie ihm über die Lippen gekommen wären.

Aber sein böses Gesicht reichte wohl, denn das Pärchen suchte sich einen anderen Sitzplatz etwas von ihm entfernt und weil das so gut geklappt hatte, wandte Gregor diesen Trick immer wieder an, wenn jemand in die U-Bahn stieg. Das klappte auch prima, nur ein junger Punker ließ sich nicht abschrecken, aber da er nichts Weihnachtliches an sich hatte, durfte er bleiben. Der Punker hielt auch noch alle Mütter mit Kindern ab, sich zu ihnen zu setzen, also war er ganz praktisch, ohne es zu wissen. Ein Punker in der Nähe hielt den Blutdruck niedrig. Das war doch wirklich praktisch. Sollte er sich merken. Vielleicht - wenn es nur weit genug publik gemacht wurde - bekam man irgendwann seinen blutdrucksenkenden Punker auf Rezept. Das wäre doch nicht verkehrt. Halsbänder trugen die meisten ja sowieso schon.

Gregor lachte leise. Seine wirren Gedankengänge blieben besser vor jedem verborgen, sonst ließ ihn noch jemand einweisen und wegsperren.

„Nächster Halt: Südkreuz“

Gregor sah auf die Uhr. Er hatte gar nicht gemerkt, wie die Zeit verging. Noch vier Stationen. Plötzlich ging es ihm nicht mehr schnell genug. Er verfluchte jeden, der nicht schnell genug einstieg, weil jede offene Tür die Weiterfahrt der Bahn behinderte und ihn somit davon abhielt, schneller bei Thomas zu sein. Derartiges Verhalten war unentschuldbar.

Er stand schon von einem Fuß auf den anderen tretend an der Tür, als sie in seiner Station einliefen und kaum, dass er mit seiner großen Tasche durch den sich vergrößernden Spalt, der sich öffnenden Tür passte, hetzte er auch schon los. Wenn er sich beeilte und der 112er wie meistens zwei Minuten Verspätung hatte, dann kriegte er den Bus noch und kam ganze 15 Minuten eher nach Hause und heute schien Gott wirklich auf seiner Seite zu sein. Der mochte den Rummel um den Geburtstag seines Sohnes wohl auch nicht und half jedem, dem das auf die Nerven ging. Auf jeden Fall konnte Gregor seinen Weg nach Hause ohne Unterbrechung fortsetzen. Zwar konnte er nicht mehr sitzen, weil der Bus voll war, doch wen störte das schon? Er war so gut wie zu Hause - sein Schatz hatte die Order bekommen ihn gleich nach Strich und Faden zu verwöhnen, auch wenn sich Gregor sicher war, dass der Hinweis eigentlich nicht nötig gewesen wäre.

Am Pinnauweg sprang er aus dem Bus und hetzte mit seiner Tasche die Straße entlang. Es fing gerade an zu schneien - der erste Schnee zum ersten Adventswochenende, wenn das nicht klischeemäßig war? Doch Gregor war das egal - ob Klischee oder Schnee, er hatte nur noch Augen für seinen Wohnblock und das Loft, in dem schummriges Licht brannte, so wie er das von hier unten sehen konnte. Grinsend ahnte er schon, was auf ihn wartete.

Die letzte Hürde für ihn war der Lift, der wieder endlos lange brauchte, bis er Gregor aufnahm und nach oben brachte. Jetzt trennte ihn nur noch eine Tür von Thomas und dem ersten Kuss seit Wochen. Gregor konnte die weichen Lippen praktisch schon auf seinen spüren, den Geschmack, der ihn jedes Mal wieder glücklich seufzen ließ, wenn er ihn kosten konnte.

„Scha-hatz, ich bin da-ha“, rief er laut in der Tür und ließ seine Tasche fallen. Er eilte in das Wohnzimmer und blieb dort wie angewurzelt stehen. Hektisch sah er sich um.

Er war in der falschen Wohnung!

Wie auch immer er da gelandet sein mochte und warum sein Schlüssel gepasst hatte – das musste einfach die falsche Wohnung sein. Das ging gar nicht anders, denn sonst lebte er in einer Weihnachtshölle. In einer mit Weihnachtskitsch voll gestopften Wohnung, die nur ein Irrer eingerichtet haben konnte. In der großen Bodenvase, in der sonst Schilfhalme standen, lauerten Tannenzweige. An sich nichts Gefährliches - doch wenn sie mit Weihnachtskügelchen in Cremefarben behängt waren, hatten sie das Flair von Natur gegen das von Weihnachten getauscht.

In den Regalen saßen Plüschrentiere mit Mützen - doch nicht irgendwelchen Mützen. Würden sie Kapitänsmützen tragen, würde Gregor die ja ganz süß finden, aber die Terror-Tiere trugen rote Mützen mit einer weißen Bommel und jeder wusste, wessen Erkennungszeichen das war. Er wagte kaum sich zu bewegen aus Angst, ihm fiel gleich etwas anderes ins Blickfeld. Wie zum Beispiel diese rot-grüne Kuscheldecke auf der Ledercouch. An sich eine nette Farbkombination, wäre da nicht dieses übergroße, dämlich grinsende Rudi, das rotnasige Rentier-Motiv drauf.

Und zur Krönung des Ganzen kam jemand von der Küchenzeile zu ihm gelaufen - die geliebten rotblonden Haare unter einer Terrormütze versteckt, den begehrlichen Leib mit einer Terrorschürze verhüllt und was hatte der fremde Mann in der fremden Wohnung in der Hand? Ein Blech mit Terror-Keksen!

Er war in der Hölle!

Und warum sagte der Fremde: „Hallo, Schatz“?

Gregor war kurz versucht zu erklären, dass er niemals der Schatz eines Weihnachtsterroristen wäre, sondern der von Thomas und wenn er den nicht gleich bringen würde, dann gab es aber Ärger, denn schließlich hatte er ihn seit drei Wochen nicht gesehen und wollte standesgemäß mit einem atemraubenden, mandelnkitzelnden Kuss und danach nicht endendem Sex begrüßt werden. Er öffnete schon den Mund, aber heraus kam nur ein klägliches „Thomas? Bist du das?“, das ziemlich piepsig klang, weil er auf einmal einen Kloß im Hals hatte. Was war hier nur passiert, seit er nach Aachen abgereist war?

„Schatz?“ Thomas wusste im ersten Moment nicht, was er sagen sollte - seine Überraschung schien aber völlig nach hinten losgegangen zu sein. Was war denn mit Gregor los? Also stellte er das Blech mit den Weihnachtskeksen erst einmal auf den kleinen Tisch vor der Couch, während er auf seinen Schatz zu lief. Er trug nur eine fesche Mütze und eine Schürze, war bereit für alle schmutzigen Sachen, die Gregor mit ihm anstellen wollte und hatte eigentlich erwartet, dass der sich gleich noch im Flur auf sein vorweihnachtliches Geschenk stürzte. Aber so wie Gregor aussah, rutschte Geschenke-Sex gerade etwas in die Ferne. Erst musste er mal ergründen, was los war.

„War’s stressig gewesen? Ich hab die Wanne warm gemacht und Zimtöl rein getan. Dann riecht es schön weihnachtlich“, sagte er, ohne zu wissen, dass er wohl gerade etwas ziemlich Falsches gesagt hatte.

Womit er nicht gerechnet hatte war, dass Gregor vor ihm an die Tür zurückwich und ihn entsetzt ansah. „Zimt? Weihnachtlich? Das darf doch nicht wahr sein.“ Gregor rieb sich über die Augen und hatte wohl die Hoffnung, dass alles wieder gut war, wenn er die Augen wieder aufmachte, aber leider war das nicht so. „Was…was ist hier passiert? Das hier kann nicht meine und deine Wohnung sein, denn dies hier ist eine Weihnachtswohnung und in so etwas lebe ich nicht, denn ich hasse Weihnachten.“

Es war für Thomas ein Schlag ins Gesicht - gut, sie hatten nie darüber gesprochen, weil sie andere Themen hatten. Doch er war stillschweigend davon ausgegangen, dass jeder Weihnachten mochte. Der Geruch nach Zimt, Kekse backen, sich die Nase am Glühwein wärmen - Weihnachten eben! „Das“, begann er leise und trat einen Schritt zurück. Jetzt kam er sich in seiner Kluft nur noch lächerlich vor und er fing an zu frieren.

Genau in diesem Moment kam Gregor zu sich. Thomas enttäuschtes Gesicht und die zusammensackenden Schultern, schnitten ihm ins Herz. Egal, wie sehr er Weihnachten nicht mochte. Diesen Mann, der ihm gegenüberstand und todtraurig wirkte, liebte er – über alles. Darum ging er schnell auf Thomas zu und schlang die Arme um ihn. „Ist egal, ich habe dich wieder. Ich habe dich so vermisst.“ Gregor schmiegte sich fest an den festen Körper und grinste, als er unter den Fingerspitzen spüren konnte, dass die Schürze das einzige war, was sein Schatz trug.

„Ich dachte, ich würde dir eine Freude machen. Ich habe die ganze Wohnung umdekoriert“, murmelte Thomas leise und wollte gar nicht daran denken, welche prekären Details er alle bedacht hatte! Die nächsten Tage würden wohl die Hölle werden, wenn Gregor immer wieder auf Dinge traf, die er gar nicht mochte. „Tut mir Leid, Schatz, aber du hast ja nie was gesagt“, murmelte er leise, doch kaum noch verständlich, denn seine Lippen hatten sich schon an Gregors Hals festgesaugt. Viel zu lange hatte er auf Zärtlichkeiten verzichten müssen, hatte die ihn haltenden Arme vermisst, die Gregor eigene Wärme und dessen Geruch. Leicht überdeckt vom Zimt aus der Badewanne.

Gregors Augen drifteten zu und er seufzte leise. Wie sehr hatte er Thomas’ Zärtlichkeiten vermisst. „Ich liebe dich“, murmelte er noch schnell, dann verschloss er die weichen Lippen mit seinen und eroberte die warme Höhle dahinter, die so vertraut und verlockend war, dass er nicht widerstehen konnte. Mit einer schnellen Drehung, drängte er seinen Freund gegen die Türzarge und drängte sich so nah an ihn, dass nicht einmal ein Luftmolekül zwischen sie gepasst hätte. Und noch einen Vorteil hatte der wilde Kuss. Seine Augen waren geschlossen und er musste die Weihnachtsdeko nicht mehr sehen, wenn auch noch riechen, aber das konnte er verschmerzen, denn Zimt war eines der wenigen Weihnachtsgewürze, die er mochte.

Wenn auch etwas verzögert und mit holprigem Einstieg, so hatte Thomas doch bekommen, was er wollte und nun gab es für ihn kein Halten mehr. Drei Wochen ohne körperliche Zuwendung gingen auch an ihm nicht spurlos vorüber. Wie von selbst schlang sich eines seiner Beine um Gregors Hüfte und seine Hände fingen gierig an, seinem Geliebten die Kleider vom Leib zu reißen. Warum hatte der eigentlich noch seine Jacke an? Und warum ging der blöde Reißverschluss nicht auf?

Thomas wurde ungeduldig.

„Mach“, knurrte Gregor und weil der Reißverschluss nicht ganz auf ging, schlängelte er sich aus der dicken Daunenjacke und trat sie schließlich mit den Füßen runter und schleuderte sie von sich. Er selber hatte es leichter, denn er musste nur eine Schleife lösen und er hatte das, was er so sehr begehrte, vor Augen. „Endlich.“ Mit leuchtenden Augen sah er seinen Geliebten an. „Endlich“, wisperte er leise und saugte sich an einer der hellen Knospen fest, denn dort war Thomas sehr empfindlich. Dann vergaß er alle Vorsicht, schleifte seinen Schatz ins Schlafzimmer und fiel über Gregor her, so wie der das liebte.

Sie gaben sich bedingungslos einander hin, gierig weil sie sich so lange hatten entbehren müssen und so dauerte es auch nicht sehr lange, bis sie schwer atmend aber wesentlich befriedigter nebeneinander lagen und versuchten wieder zu Atem zu kommen.

„Das habe ich gebraucht. Du hast mir so sehr gefehlt. Nie wieder lass ich dich so lange alleine. Nie wieder.“ Gregor zog Thomas zu sich runter und raubte sich einen kurzen, aber intensiven Kuss. „Kurze Pause, dann geht es weiter.“

„Ja, gute Idee.“ Thomas nickte und zog sich langsam aus seinem Freund und knotete das Kondom einfach zu, um es auf dem Boden zu entsorgen. Er war zu faul sich jetzt bis zum kleinen Mülleimer auf dem Nachttisch zu hangeln. Er grinste nur, als er sich gerade fragte, ob Gregor wohl gemerkt hatte, dass auf den Kondomen dekorative Rentiere aufgedruckt gewesen waren - ob er ihn fragen sollte? Doch grinsend beschloss Thomas das lieber nicht zu übertreiben, wenn sein Schatz doch solch ein Weihnachtsmuffel war.

„Man, hab ich dich vermisst. Ich hab sogar das Bett neu beziehen müssen, damit es nicht mehr nach dir riecht und mich wahnsinnig macht“, nuschelte er leise und kuschelte sich dichter. Er fühlte sich besser - definitiv.

„Und dein Shirt, das nach dir gerochen hat, war das einzige, was mich nicht hat verrückt werden lassen.“ Gregor drehte sich, schmiegte sich an Thomas und schnuffelte. „Aber das Original ist durch nichts zu übertreffen.“ Das war das erste, was ihm an dem jungen Konditor aufgefallen war und was dazu geführt hatte, dass der Elektriker ihn sich näher angesehen hatte. Er roch einfach nur gut, besonders nach dem Sex. Davon konnte Gregor nie genug bekommen.

„Nein, ich war da wohl etwas weniger standhaft als du“, gestand Thomas und richtete sich über Gregor auf. „Ich lag jeden Abend hier, den Kopf voll Schweinskram. Ich bin bald wahnsinnig geworden.“ Er wollte sich nicht daran erinnern. Wie er die vielen Jahre als bekennender Single überstanden hatte, war ihm seit Gregor schleierhaft. Ohne seinen regelmäßigen Sex war Thomas unausgeglichen. Das konnte in der letzten Woche nicht einmal mehr der Kaffee richten. Deswegen beteten nicht nur die Angestellten, die mit Thomas zusammen arbeiten mussten, dass Gregor die Prüfung beim ersten Mal bestanden hatte und nie wieder so lange weg musste, dass Thomas Amok lief.

Dass die beiden ein Paar waren, war nämlich kein Geheimnis im Kaufhaus geblieben - doch man hatte es eher gelassen aufgenommen.

Es war schön zu hören, wie sehr man vermisst worden war, besonders, wenn es der Mann sagte, den man über alles liebte. „Komm her, Babe“, murmelte Gregor weich und zog Thomas wieder an sich in seine Arme. „Meine Gedanken waren auch nicht jugendfrei, denn ich wusste ganz genau, wann du das Shirt das letzte Mal getragen hast und was wir dabei gemacht haben. Ich musste nur die Augen schließen und tief einatmen, dann hatte ich ganz kurz das Gefühl, dass du bei mir bist und dann konnte ich schlafen.“

„Vielleicht hätte ich mich auch... hm“ Thomas streckte sich und sah sich im Schlafzimmer um. Es war noch immer so, wie er es hergerichtet hatte. Um die Wanne mitten im Zimmer standen Teelichter, an den Fenstern hatte er Schneebilder angebracht. Schneemänner, Rentiere, kleine Engel. Über das Kopfteil des Bettes hatte er Gregors Weihnachtskalender gehängt in dessen Türen jeden Tag eine neue Stellung verschenkt wurde. Er hatte sich richtig Mühe gegeben, es heimelig zu machen und war wohl in einen riesigen Fettnapf getreten.

„Geh einfach nicht mehr weg, dann muss ich auch nie wieder alleine Schweinskram machen“, lachte er leise und sah wieder auf seinen Schatz hinab.

„Nie wieder ohne dich.“ Gregor sah Thomas in die Augen und versank wie immer in diesem intensiven Blau. Solche Augen hatte er noch nie gesehen. Ein richtiges, sattes Blau, nicht wie sonst, wo man die Farbe mehr erahnen musste, als sah. Normalerweise mochte er blaue Augen nicht, aber bei Gregor hatten sie ihn gleich angezogen. Sanft zupfte er an einer der hellen Strähnen und raubte sich einen Kuss. „Baden?“, fragte er grinsend, denn darauf hatte er sich schon den ganzen Tag gefreut.

„Klar, warum nicht? Wäre doch Verschwendung das schöne, warme Wasser einfach durch den Ausguss zu schicken, während wir frierend in Decken gehüllt auf der Couch vor uns dahin vegetieren.“ Thomas' Fingerspitzen hatten sich auch ein paar von Gregors schwarzen Strähnen gegriffen. Was sein Schatz wohl zu der engelsförmigen Seife sagte? Was zu dem Duschgel mit Tannenduft? Ob ihm die Rentiere auf dem Handtuch auffallen würden? Eigentlich machte es Spaß, sich vorzustellen, wie der eben geoutete Weihnachtsmuffel sich in Thomas' liebster Jahreszeit inmitten von Kitsch und Klischee bewegte. Ein Stückchen Sadist steckte wohl in jedem.

„Na, dann los“, lachte der Weihnachtsmuffel, der von seiner Umgebung noch gar nichts mitbekommen hatte, weil er sich vollkommen auf Thomas fixiert hatte. Er klapste seinem Schatz auf den Hintern und setzte sich auf. Erst jetzt kam das Zimmer in sein Blickfeld und er erstarrte.

„Ach, du meine…“, murmelte er leise und sah sich vorsichtig um. Er kam sich vor, als wenn er im Haus des Weihnachtsmanns leben würde, zumindest hatte er sich dessen Haus immer so vorgestellt, fehlten eigentlich nur noch die Zwerge, die ein und aus liefen, dann war der Eindruck perfekt. „Heilige Scheiße“, entfuhr es ihm, sah Thomas aber gleich entschuldigend an, denn auch wenn Gregor geschockt war, so sah er doch, wie viel Mühe sein Freund sich gegeben hatte und wie liebevoll alles arrangiert war und als er die überall aufgehängten Mistelzweige sah, musste er grinsen, denn auch über der Wanne hing einer, genau wie über dem Bett.

„Na ja, ich wusste doch nicht, dass du Weihnachten nicht magst. Hast ja nie ein Wort darüber verloren“, murmelte Thomas und machte ein betroffenes Gesicht. Doch das hieß noch lange nicht, dass er sein kleines Paradies einfach kampflos wieder abbauen würde. Gregor würde schon nicht sterben, wenn er mit sieben Dutzend Engelchen, Rentieren, Schneemännern und Nikoläusen unter einem Dach wohnte. Es war doch nur für ein paar Wochen. Und zur Therapie konnte Gregor ja regelmäßigen Ablenkungs-Sex verlangen. Thomas würde sich da nicht weigern.

„Hast du eigentlich schon gesehen, was in dir gesteckt hat?“, fragte er mit einem besonders unschuldigen Lächeln auf dem Gesicht und warf seinem Schatz die Packung mit den Rentier-Kondomen auf den Bauch. „Süß, nicht?“

Gregor zuckte zusammen, denn die Kondome waren kalt auf seinem Bauch. „Ich trau mich kaum zu gucken“, murmelte er und hob sie hoch. Okay, die Rentiere waren wirklich recht niedlich, wie er zugeben musste und ziemlich versaut, was ihn wieder grinsen ließ. „Mit Lebkuchengeschmack?“, fragte er ungläubig, weil er das gerade gelesen hatte. „Was lassen die sich denn noch einfallen?“

„Ich hab auch noch welche mit Schokogeschmack, welche mit Zimt und Nelken und welche mit Glühweingeschmack habe ich auch gefunden.“ Dass er sie im Internet extra bestellt hatte, weil jeder seine heimliche Leidenschaft haben musste, ohne die das Leben ja langweilig wäre, sagte er lieber nicht. Er grinste nur. „Ich hab auch noch welche mit Sodomisten-Nikoläusen“, konnte er sich nicht verkneifen. Es war ja nicht so, dass Weihnachten für ihn wirklich heilig oder religiös war - er stand einfach nur unrettbar auf den Weihnachtskitsch!

„Haste die Bettwäsche schon gesehen?“

„Sterbe ich, wenn ich sie mir ansehe?“ Gregor grinste, denn das meinte er nicht böse. Trotzdem kniff er die Augen zusammen und lehnte sein Gesicht an Thomas’ Schulter. „Ich liebe dich, du Weihnachtsverrückter“, murmelte er und streifte bei jedem Wort die warme Haut mit seinen Lippen. Wie er die nächsten Wochen überstehen sollte, wusste er noch nicht, aber von seinem Freund verlangen, die Wohnung wieder umzugestalten, konnte er auch nicht. Das brachte er nicht übers Herz.

„Aber du weißt ja, was man über Verrückte sagt: lächle sie an, sage immer ja und amen und vögle sie am besten täglich, damit sie Ruhe geben. Wenn du dich daran hältst, kann gar nichts passieren“, lachte Thomas und er rechnete dem Weihnachtsmuffel hoch an, dass er nicht gleich den Abriss des Kitschparadieses verlangt hatte. „Du darfst dir sogar die Kondome aussuchen“, bot er großmütig an, äußerte sich über die Bettwäsche aber lieber nicht - süße kleine Weihnachtsengel musste doch einfach jeder lieben, sogar Muffel Gregor.

„Das müsste ich hinkriegen, da ich immer lächeln muss, wenn ich dich sehe, dir keinen Wunsch abschlagen kann und dich sowieso immer und überall vögeln möchte, dürfte das kein Problem werden.“ Gregor zog Thomas näher und seufzte leise. „Tu mir nur einen Gefallen, damit das klappen soll. Trage nie wieder eine Weihnachtsmütze, denn die sind für mich die größten Lustkiller überhaupt.“

„Bist du dir da ganz sicher?“, fragte Thomas kess und setzte sich auf. Er sah gern auf Gregor hinab, wenn er hingegossen in den Laken lag. Er war ein erregender Anblick, immer wieder aufs Neue und dass der Mann älter war als er selbst, hatte ihn noch nicht eine Minute in ihrem gemeinsamen Leben gestört, man sah es Gregor auch nicht an.

„Bist du dir ganz sicher, dass die Mütze mehr abturnend ist, als ich erregend bin? Nackt? Lecker drapiert? Wir sollten das mal ausprobieren“, raunte er dunkel - Sadist eben.

Mit großen Augen sah Gregor zu Thomas hoch und wohlige Schauer liefen über seine Haut. „Wenn du mich so ansiehst, wie gerade, werde ich die Mütze noch nicht einmal wahrnehmen“, murmelte er leise und fuhr mit einem Finger über die trainierte Brust und den straffen Bauch. „Aber nicht heute. Lass mich erst einmal daran gewöhnen, dass ich meinen persönlichen Weihnachtskobold habe.“

„Ich werde dir deine Angst vor dem Kitsch schon noch nehmen. Du wirst es lieben auf Weihnachtsmärkte zu gehen, Weihnachtslieder zu singen und du wirst den Duschvorhang gar nicht mehr abnehmen wollen!“ Thomas grinste frech und ließ seine suchenden Hände über Gregors Körper streifen. „Aber ich glaube im Augenblick sind ein bisschen Futter und ein warmes Bad das Beste, um dich in Stimmung zu bringen - Weihnachtsstimmung!“, betonte er und ließ sich wieder auf seinen Freund sinken. Er hatte ihn einfach viel zu lange entbehren müssen.

Innerlich seufzend legte Gregor die Arme um Thomas und küsste ihn. Anscheinend hatte er noch nicht alle Veränderungen in der Wohnung gesehen. Aber eigentlich hätte ihm das klar sein sollen, denn wenn sein Freund etwas anfing, dann machte er es gründlich und ließ kein Detail aus. Bestimmt hatte er auch die Zahnbürsten ausgetauscht und der Griff glich einer Zuckerstange, oder einem Schneemann, oder so was.

„Gibt es eigentlich noch Kaffee, oder nur noch Weihnachtstee?“, fragte er, denn da würde er streiken. Ohne Kaffee ging gar nichts.

„Ich habe noch Kaffee, keine Sorge. Ich weiß, dass man Süchtigen ihre Droge nicht einfach so vorenthalten darf, weil der kalte Entzug sie wahnsinnig werden lassen würde. Das will ich doch nicht“, nuschelte Thomas, fing aber schon an entgegen seines Vorschlages - ein Bad und Essen betreffend - sich an seinem Freund zu reiben. Er konnte einfach nicht anders, denn in gewisser Weise war er auch süchtig.

„Gut.“ Gregor war beruhigt. Mit Kaffee war alles leichter zu ertragen. Seine Finger fuhren durch die hellen Haare und ohne es wirklich zu merken, hob er sich Thomas entgegen. Egal, wie es um ihn herum auch aussah. Thomas war noch immer der Gleiche. Er schmeckte wie immer, roch noch immer fantastisch und fasste sich herrlich an und wenn er ihn in den Armen hatte, war alles um ihn herum eh nicht existent. Es dauerte nicht lange, da hatten sie sich schon wieder in ihrer Lust verloren, eingehüllt vom Licht der Kerzen und vom Zimtaroma, das langsam durch die Wohnung schwebte.

Eine Weile lagen sie schweigend nebeneinander, versuchten stockend Atem zu schöpfen und hielten sich an den Händen. Es war wie ein Zwang die letzten drei Wochen so schnell wie möglich nachzuholen.

„Hmm…so langsam geht’s mir besser“, schnurrte Gregor und legte seinen Kopf auf Thomas' Schulter ab. Die erste, brennende Lust war gestillt und jetzt wurde er schmusig. So war das meistens. Ein, zwei mal wie die Tiere übereinander herfallen und erst dann wurden sie zärtlicher, nahmen sich Zeit, den anderen zu verwöhnen und zu erkunden. So wie jetzt. Sanft ließ Gregor seine Finger über Thomas streicheln und seine Lippen liebkosten die Stellen, die sie erreichen konnten.

Wieder waren Bad und Essen völlig vergessen - doch so lange sie sich noch wie die Verrückten in die Laken drücken konnten, so lange standen sie noch nicht kurz vor dem Hungertod.

„Ja, langsam sehe ich wieder Farben und muss nicht bei jedem Satz an etwas Schweinisches denken“, lachte Thomas und drehte sich unter den wissenden Fingern ein bisschen hin und her. Er liebte es, wenn Gregor hauchzart über seine Haut strich und Thomas selbst nicht wusste, ob er die Berührung wirklich spürte oder sich nur einbildete.

Schmunzelnd stützte Gregor sich auf einen Arm. So konnte er Thomas besser betrachten. „Die Leute in deiner Nähe, hatten es wohl nicht leicht“, neckte er ihn und sah jetzt endlich auch die Bettwäsche richtig an. Die gefiel ihm sogar, denn die kleinen Engel wirkten nicht sehr weihnachtlich und sie war schön flauschig weich und warm. Genau das richtige zu dieser Jahreszeit.

„Nein, leicht hatten sie es wirklich nicht. Ich war wohl ein bisschen gereizt“, lachte Thomas und erinnerte sich lieber nicht an heute. Vera und Günther hatten ganz schön einstecken müssen im Pausenraum. Doch sie hatten Nachsicht mit ihm gehabt, zum Glück - sonst hätte er wohl jetzt zwei Freunde weniger. „Aber warum mussten die dich auch nach Aachen schicken? Gab es nicht etwas in der Nähe?“ Doch er wusste, dass die Distanz für Gregors Prüfung besser gewesen war, weil sie sich so nicht ablenken konnten.

„Armer Schatz.“ Ein zärtlicher Kuss landete auf Thomas' Lippen und kurz rieb Gregor seine Wange an der seines Freundes. „Wenn nicht alles schief gelaufen ist, muss ich nie wieder da hin, aber ich habe ein gutes Gefühl. Demnächst wirst du einen frisch gebackenen Elektromeister dein eigen nennen können. Die Urkunde bekomme ich hier und da gehen wir gemeinsam hin.“

„Ja, und dann kannst du meine bunt blinkende Lichterkette mit den Rentieren und den Schneemännern anschließen, kannst die Kerzen auf den Baum machen - ja, einen Elektriker im Haus zu haben, ist nur von Vorteil“, lachte Thomas, doch er war stolz wie Oskar auf seinen Schatz. Er selber wüsste nicht, ob er seinen Meister als Konditor durchziehen würde.

„Du“, knurrte Gregor und zwickte Thomas in den Hals, beruhigte die gerötete Stelle aber gleich mit einem Kuss. „Über die Weihnachtsdeko reden wir noch mal, wenn ich alles gesehen habe. Aber eins sage ich dir gleich. Weihnachtsmarkt nicht mehr als einmal. Geschäfte mit Weihnachtskitsch – niemals. Das schließt auch Blumenläden mit ein.“ Thomas liebte Blumen. Gregor an sich auch, aber diese Weihnachtsausstellungen in Blumenläden wollte er sich nicht antun.

„Heißt das, du arbeitest so lange nicht, bis im KaDeWe die Deko wieder abgebaut wird“, lachte Thomas frech, denn es war schon eine reife Leistung, dem Weihnachtskitsch aus dem Weg zu gehen. Er lauerte überall. An jeder Ecke, in jeder U-Bahn. Überall der Hauch von Weihnacht. „Außerdem wird dir nach dem achten Glühwein auch der Weihnachtsmarkt gefallen“, war sich Thomas sicher und rollte sich lachend zur Seite, ehe ihn ein Ellenbogen traf.

„Na warte“, knurrte Gregor und fing seinen frechen Freund wieder ein. „Auf der Arbeit ist das was anderes. Da sehe ich nur die Kabel und die Glühbirnen, die Lämpchen und all das andere elektrische Zeug, was ich anbringen muss.“ Gregor kuschelte sich wieder an Thomas und streichelte ihn erneut. Er konnte einfach nicht die Finger von diesem herrlichen Körper lassen und er musste doch herausfinden, ob sich die letzten drei Wochen etwas verändert hatte.

„Ach, du unterscheidest also zwischen Arbeits-Weihnachten und zwischen Terrorweihnachten, ich verstehe.“ Thomas hatte seinen Heidenspaß dabei gefunden, Gregor zu necken. Das machte er gern und er hatte das vermisst. Denn irgendwann brachte ihn Gregor einfach zum Schweigen, wenn ihm der Jungspund zu frech wurde - und das mochte Thomas und provozierte das auch manchmal, aber wirklich nur manchmal.

„Aber natürlich, sonst wäre ich über die Jahre doch schon verrückt geworden, wenn man in Berlins größtem Kaufhaus arbeitet. Reiner Schutzmechanismus. Sei froh, dass ich das kann, sonst hättest du mich nie getroffen, weil ich nämlich längst in der Klapse wäre.“ Lachend küsste Gregor seinen Liebling auf die Wange. Das hatte er so vermisst. Ihre Blödeleien, bei denen meist Thomas die Oberhand behielt, weil er immer das letzte Wort haben musste.

„Ach, ich würde dich auch in der Klapse besuchen, mein Liebling. Ich würde dir kleine Rentiere und Schneemänner mit Weihnachtsmützen rein schmuggeln, damit du weißt, was in der Welt da draußen vor der gepolsterten Tür eigentlich passiert. Weihnachten rund ums Jahr“, lachte er und stellte sich das gerade vor. Armer Gregor, in einer engen Hab-mich-lieb-Jacke lethargisch in einer Ecke hockend. Nein, das wollte er doch lieber nicht. Nackt und befreit neben ihm war ihm sein Schatz wirklich lieber.

„Das würdest du fertig bringen.“ Gregor sah Thomas mit hochgezogener Augenbraue an. „Ich habe mich in ein Monster verliebt. Ein Weihnachtsmonster, das mich verderben will und anstecken mit seinem Virus.“ Gespielt ängstlich rückte er ein wenig ab und überkreuzte seine Zeigefinger. „Weiche von mir, Satan“, murmelte er grinsend.

Doch das half alles nichts. Der Dämon war nämlich nicht religiös und das Kreuz konnte ihm nichts anhaben. Er grinste nur diabolisch und kam auf alle Viere. Wie eine Raubkatze schlich er sich an die Laken gedrückt seiner Beute näher, ließ Gregor dabei nicht aus dem Blick: „Ja, ich werde dich bekehren - schon in ein paar Tagen wirst du nur noch Weihnachtslieder singen, wirst dich von Bratäpfeln ernähren und dich nach jeder Weihnachtsmannmütze umsehen, weil du vor Neid krebsrot wirst“, prophezeite er mit dunkler Stimme. Die flackernden Teelichter zeichneten zuckende Schatten auf sein Gesicht.

„Hilfe“, piepste Gregor und robbte bis zum Bettende. „Keine Weihnachtsmützen, bitte. ich versuche auch mich zu arrangieren, aber keine Weihnachtsmützen. Vor allen keine mit blinkenden Lichtern oder Bommeln oder mit Rentiergeweih, oder beidem“, jammerte er leise und machte ein ängstliches Gesicht.

„Doch - genau so eine!“ Thomas nickte und kam langsam näher. Seine Hände legten sich auf Gregors Knöchel und hinderten ihn so daran, sich noch weiter zu bewegen und vielleicht vom Bett zu fallen. Obwohl der flauschig, weiche Bettvorleger im Weihnachtsmanngesicht-Design den Sturz mildern würde.

„Sie ist rot, sie hat Fell am Rand und eine weiße Bommel. Sie blinkt überall wo Fell ist und das braune Geweih macht sich wunderbar zu dem roten Samt. Sie liegt schon in deinem Schrank!“ Wie gesagt, wenn Thomas etwas tat, dann tat er es richtig.

„Nein, das glaub ich nicht“, stammelte Gregor und wäre vor Schreck doch noch fast aus dem Bett gefallen, nur Thomas schnelles Eingreifen verhinderte das. Wie paralysiert hing er in den Armen seines Schatzes und sah ihn aus großen Augen an. „Sag, dass das ein Scherz ist“, murmelte er leise und hatte dabei einen leicht flehenden Unterton. „So etwas hast du nicht gekauft.“

„Hab ich auch nicht gekauft“, sagte Thomas und lachte. Er spürte wie Gregor aufatmete und konnte sich dann doch nicht verkneifen, zu erklären dass er und auch Gregor die geschenkt bekommen hätten, weil die getragen werden sollten. Das stimmte zwar nicht, die Angestellten sollten schließlich nicht verkitscht werden, doch das wusste Gregor doch nicht. Er sah so süß aus, wenn er ängstlich guckte. Er wirkte dann so jung und naiv und zerbrechlich, dass Thomas nicht anders konnte, als ihn an sich zu ziehen und ihm sanft über den Hals zu küssen.

Seufzend ließ Gregor sich wieder aufs Bett sinken. „Thom“, wisperte er leise, denn jedes Mal, wenn sein Freund ihn so küsste, wurde er Wachs unter den wissenden Lippen und Händen. Er schmolz förmlich dahin und sein Gehirn wirkte wie umnebelt. Was interessierten ihn Weihnachtsmützen? Alles, was zählte, war der Augenblick, den er sehr genoss. Thomas wusste einfach zu gut, wo er ihn berühren musste.

„Komm, Schatz, lass uns baden“, murmelte Thomas leise, denn er hatte auch keine Lust mehr, Gregor noch zu ärgern. Der musste sich erst langsam wieder daran gewöhnen, wenn er drei Wochen ohne gelebt hatte. Langsam zog er Gregor mit sich auf die Füße, küsste ihn aber weiter, denn er wäre verrückt, würde er sich selbst seines Suchtmittels berauben.

Gregor ließ sich mit geschlossenen Augen führen. Thomas würde nie zulassen, dass er irgendwo dagegen lief und sich wehtat. Sie lösten ihren Kuss auch nicht, als sie in die Wanne stiegen. Das Wasser war noch immer schön warm, weil ein eingebautes Heizelement es auf Temperatur hielt. Wohlig seufzend, machte er es sich gleich auf Thomas bequem, wie immer und endlich war sein Leben wieder perfekt und die Entbehrungen der letzten Wochen wie weggewischt.

„Ich geb dich nicht wieder her“, murmelte Thomas leise und ließ langsam Wasser über den Rücken seines Geliebten laufen. Endlich hatten sie mal wieder ein ganzes Wochenende nur für sich. Es war nicht leicht gewesen in der Vorweihnachtszeit einen freien Samstag zu bekommen. Doch dank der Fürsprache der gestressten Mitarbeiter hatte sich das wohl einrichten lassen.

Warum er frei hatte, war Thomas im Endeffekt egal - er hatte frei und wusste die Zeit zu nutzen, das allein zählte.



- 02 -



Ein wenig unwohl, fühlte Gregor sich schon in seinem neuen Morgenmantel, der aussah wie die Robe des Weihnachtsmannes und er zuppelte an dem weißen Flausch, der die Ärmel säumte, als er in die Küche ging, aus der es schon verführerisch duftete. Thomas hatte wohl wieder Brötchen gebacken. Etwas, was Gregor liebte, denn sein Schatz war einfach unschlagbar, was das Backen betraf. Das entschädigte ihn für all die Schocks, die er nach dem Aufstehen erlitten hatte.

Weihnachtsmänner, die ihn vom Duschvorhang aus bespannten.

Ein Duschgel, das nach Äpfeln mit Zimt roch.

Wenigstens das Shampoo hatte Thomas gelassen, denn da war Gregor empfindlich und vertrug nicht jedes.

Bei den Rentierhandtüchern, war er dann schon zu abgestumpft gewesen, um sich zu schütteln, auch dass sein Freund wirklich die Zahnbürsten ausgetauscht hatte, nahm er hin. Sich die Zähne mit einem Eisbären zu putzen, war schon etwas gewöhnungsbedürftig, aber nicht schlimm.

Der nächste Schock, war der Mantel und die dazugehörigen Hausschuhe, die aussahen wie Rentiere und Glöckchen hatten. Nur weil er seine normalen Hausschuhe nicht finden konnte, zog er sie an, denn ohne war es einfach zu kalt. So ausstaffiert kam er nun in die Küche und wirkte nicht sehr glücklich dabei, deswegen wurde ihm schon in der Tür eine Tasse mit Kaffee gereicht - schwarze Teersuppe, so wie Gregor es schätzte. Dass er in einer Schneemanntasse mit hervorstehender Möhrennase gereicht wurde, war erst einmal zweitrangig.

„Guten Morgen, mein Schöner.“ Mit einem Kuss auf die Lippen begrüßte der gut gelaunte Thomas seinen Schatz und räumte noch die selbst gebackenen Brötchen auf den Tisch - zur Feier der Jahreszeit in Tannen- und Sternenform.

„Morgen“, kam es ein wenig einsilbig zurück, aber Gregor lächelte und hoffte damit seinen fehlenden Enthusiasmus wett zu machen. Erst einmal nahm er einen großen Schluck und seufzte zufrieden. Endlich wieder vernünftiger Kaffee, auch wenn er heute etwas anders schmeckte als sonst. Nach irgendeinem Gewürz, das er noch nicht identifizieren konnte.

„Was ist da drin?“, fragte er neugierig nach dem zweiten Schluck, denn übel schmeckte das nicht. „Kardamom und Kakao?“ Das meinte er geschmeckt zu haben, war sich aber nicht sicher.

„Ja, und ein Hauch von Zimt. Soll alles ziemlich anregend wirken, habe ich mir sagen lassen“, grinste Thomas schon wieder verschmitzt. Auch er trug nur einen Bademantel, doch im Gegensatz zu Gregor trug er ein Rentierimitat - vollständig mit Plüschgeweih auf der Kapuze. Die Passenden Schuhe dazu waren Hufen nachempfunden und glöckelten ebenfalls bei jedem Schritt. Thomas liebte den feinen Klang von Glöckchen.

„Komm, Schatz. Setz dich.“ Er ließ sich fallen und griff sich gleich ein Teigbäumchen, was er in seinem Kakao versenkte.

„Schmeckt gut“, nuschelte Gregor undeutlich und setzte sich. Auf seinem Platz stand natürlich der passende Teller zu seiner Tasse. Hätte er sich auch denken können. Irgendwie konnte er sich nicht überwinden, sein Brötchen auf dem Kopf eines Schneemanns zu schmieren, darum hielt er sich erst einmal nur an seinem Kaffee fest. So langsam ging ihm auf, dass er nirgendwo mehr in dieser Wohnung Weihnachten entkommen konnte. Nicht einmal auf dem Klo, denn sogar das Toilettenpapier war weihnachtlich. Er versuchte sich nichts anmerken zu lassen, aber langsam schlug ihm das aufs Gemüt.

Doch leider kannte ihn Thomas schon viel zu gut und wenn Gregor wortkarg wurde, dann stimmte meistens etwas nicht. Es war jetzt nicht so, dass sein Freund schon am frühen Morgen stundenlange Volksreden halten konnte, doch so wie heute war er ehr selten. „Schatz? Alles senkrecht?“, wollte er deswegen wissen und fragte sich, ob seine Schocktherapie der richtige Weg gewesen war.

„Hmm“, machte Gregor nur und verschanzte sich hinter seiner Tasse. Er konnte Thomas doch nicht sagen, dass er sich in ihrer Wohnung nicht mehr wohl fühlte. Die ganze Weihnachtsdeko und die leise Weihnachtsmusik im Hintergrund, waren einfach zu viel. Das schlug ihm auf die Stimmung und er wusste, dass er dabei war, ihnen das Wochenende zu versauen, aber er konnte nicht anders. Es ging einfach nicht, zu lächeln und zu sagen, dass alles in Ordnung war, denn das war es ganz und gar nicht. Thomas war bestimmt enttäuscht von ihm, weil er sich solche Mühe gegeben hatte, aber Gregor fand es einfach schrecklich. „Zu viel“, murmelte er darum noch, aber sah nicht auf.

„Okay, tut mir Leid.“ Thomas nickte. Er war weit über das Ziel hinaus geschossen. Kurz kratzte er sich durch die Haare, fasste dann aber einen Entschluss. Er wurde das hier alles rückgängig machen - es hatte keinen Sinn Gregor zu bekehren. Also erhob er sich und holte einen normalen Teller aus dem Schrank, stellte ihn vor Gregor ab. Den Kaffee goss er um und auch das Brötchen wurde durch ein normal geformtes ersetzt. Die Pflaume-Zimt-Konfitüre verschwand und wurde durch Erdbeere ersetzt und selbst Bademantel und Schuhe schüttelte er eilig ab, trug nur Shirt und Shorts darunter.

Gregor hatte ihm zugesehen und mit jedem Teil, das getauscht wurde, fühlte er sich schlechter, darum hielt er Thomas auf, als er auch das kleine Gesteck mit der Kerze wegstellen wollte. „Nicht“, bat er leise und zog seinen Freund auf den Schoß. „Zieh dir wieder was an, sonst frierst du doch.“ Er nahm den Rentiermantel von der Stuhllehne und legte ihm den über die Schultern. Mit einem Fuß angelte er nach den Puschen, damit Thomas hineinschlüpfen konnte. „Ich liebe dich, Schatz, und du hast dir so viel Mühe gegeben, aber lass mir ein wenig Luft. Ich muss mich daran erst gewöhnen.“

„Nein. Das möchte ich nicht. Du magst Weihnachten und den ganzen Kitsch nicht und ich werde dich bestimmt nicht dazu nötigen. Es war dumm von mir und es tut mir Leid. Ich verspreche, bis heute Mittag ist alles wieder an seinem richtig Platz und du wirst nicht mehr das Gefühl haben, dass sich das Jahr dem Ende neigt.“ Er hatte wirklich Mist gebaut, denn dass sich Gregor jetzt auch noch schlecht fühlte, nur weil Thomas alles rückgängig machte, hatte er nicht erreichen wollen. Also lächelte er und drückte Gregor seinen Kaffee wieder in die Hand. „Na los, stärke dich.“

Aber Gregor stellte die Tasse wieder weg und zog Thomas für einen sanften Kuss zu sich. „Nein, räum nicht alles weg. Tausch nur ein paar Dinge, gegen normale Sachen aus. Das Klopapier und vielleicht das Geschirr. Ich habe sonst Angst, dass der Schneemann mir mein Essen klaut.“ Gregor grinste schief und küsste Thomas noch mal. Sein Schatz sollte nicht traurig sein.

„Nein, ich will nicht, dass du dich fürchtest nach Hause zu kommen, weil überall der Terror auf dich lauert. Es reicht, dass du auf Arbeit den ganzen Tag damit beschallt wirst. Dann sollst du nach Hause kommen können und dich wohl fühlen.“ Es war Thomas völlig ernst.

„Was wollen wir heute machen? Wollen wir kochen? Oder wollen wir“, er stoppte. Nein, einkaufen besser nicht. „Wir könnten auch essen gehen.“ Doch dann gingen ihm auch schon die Ideen aus, bei denen man der Weihnachtsdeko entkommen konnte. Das war gar nicht leicht.

„Ich werde immer gerne nach Hause kommen, wenn ich weiß, dass du hier bist.“ Gregor nahm Thomas' Gesicht in seine Hände und sah ihn lächelnd an. „Es stimmt schon, dass ich Weihnachten nicht mag, aber dich liebe ich und du liebst Weihnachten. Ich habe nichts gegen die Mistelzweige, die überall hängen, obwohl ich sie nicht bräuchte, denn küssen möchte ich dich immer und überall. Auch gegen ein wenig Tannengrün, oder ein paar Kerzen habe ich nichts. Die Kondome sind übrigens auch niedlich. Ich mag nur nicht, wenn es zu viel wird, wenn ich das Gefühl habe, dass es nirgendwo ein Eckchen gibt, wo ich dem Weihnachtsrummel entfliehen kann.“ Sanft strichen seine Daumen über Thomas' Wangen und er musste lächeln, weil sie noch ein wenig stoppelig waren. „Ich würde gerne mit dir spazieren gehen und dann irgendwo gemütlich etwas essen.“

„Nein, nur so ein bisschen - das kann ich nicht. Ich werde wieder alles herrichten, wie es war. Aber erst wenn wir spazieren waren und essen.“ Thomas lächelte und schmiegte sich in die ihn haltenden Hände. Er konnte nicht so halbherzig Weihnachten feiern. Nur ein bisschen - das ging nicht. Entweder Weihnachten oder kein Weihnachten. Aber ein bisschen Weihnachten, das ging einfach nicht. Lieber verzichtete er auf alles, als Gregor den Feierabend zu vermiesen. „Und nun iss, wenn wir spazieren wollen, brauchst du Kraft.“ Er küsste ihn noch einmal und grinste.

„Du musst das nicht, aber mach wie es dir lieber ist.“ Gregor wusste, dass sein Schatz stur war und halbe Sachen gar nicht mochte. Das hatte er schon gemerkt, als sie ihr erstes Date hatten. Thomas hatte ihm gesagt, dass er nicht nur einfach einen One-Night wollte, sondern mehr. Das hatte ihn ziemlich überrumpelt, aber es war gut so gewesen, denn so hatten sie sich Zeit genommen, sich kennen zu lernen und als sie dann das erste Mal miteinander geschlafen hatten, war für sie beide klar, dass sie zusammen bleiben wollten.

„Wo sollen wir denn laufen? Ein wenig durch den Grunewald, oder einen Stadtbummel?“ Gregor war es ziemlich egal, Hauptsache Thomas war bei ihm.

„Lass uns in den Grunewald fahren“, sagte Thomas nachdenklich. Da war die Wahrscheinlichkeit auf geschmückte Weihnachtler zu treffen immer noch am geringsten. Seine Hände lagen auf Gregors Schultern und er sah sich suchend um. Es würde eine Menge Arbeit werden, das alles wieder wegzuräumen. „Für heute Abend hatte ich noch ein paar Filme geholt. Wenn du willst, können wir also auf der Couch herum lungern und... Filme gucken“, lachte er leise, weil er wusste, dass das meistens bedeutete, das sie den Film nicht sahen, sondern sich mit sich selbst beschäftigten.

„Filme?“ Gregor grinste und nickte. Ihm gingen die gleichen Gedanken wie Thomas durch den Kopf. „Warum nicht. Ich hoffe, du hast an alles gedacht, was wir für einen schönen Filmabend brauchen.“ Seine Augenbrauen wippten und er fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. Sie brauchten nicht viel dafür. Eigentlich nur sich selber. Was sie aber nicht davon abhielt, sich mit Obst zu füttern, sich mit Soßen zu bekleckern und Pralinen zu belegen. Es hatte einen Grund, warum ihre Couch abwaschbar war.

Thomas grinste, als er seinem Schatz wieder in die Augen sah. „Denkst du, ich lade dich zu einem Film ein und bin nicht vorbereitet, hm?“

„Nein, nicht wirklich. So etwas würde meinem kleinen Perfektionisten bestimmt nicht passieren.“ Gregor tunkte ein Stückchen von seinem Brötchen in Thomas' Kakao und hielt es ihm hin. Sie wollten ja schließlich frühstücken und so wie sein Schatz gerade auf seinem Schoß saß, konnte er ihn auch ein wenig verwöhnen. Darum bekam sein Freund noch einen Kuss, weil er brav den Mund aufgemacht und sich hatte füttern lassen.

„Eben. Zweifle niemals an mir. Vielleicht an meinem Geisteszustand, aber nicht an mir“, lachte Thomas. Er schien wieder versöhnt. Es war eben doch wichtiger, dass Gregor wieder lachen konnte und sich nicht eingeschüchtert herum drückte. Selbstvergessen verloren sich seine Finger in dem schwarzen Haar seines Freundes und kraulten es sanft. „Ich bin froh, dass du wieder da bist“, flüsterte er ihm leise ins Ohr und küsste es zart.

„Frag mich mal.“ Gregor lehnte seinen Kopf an Thomas' Schulter und schnuffelte ein wenig. Sie hatten beide noch nicht geduscht und darum roch sein Freund für ihn unwiderstehlich. Gregor tat immer so, als wenn er nicht wüsste, dass sein Schatz das an ihren freien Tagen extra machte, weil dann die Wahrscheinlichkeit, dass Gregor noch einmal über ihn herfiel, größer war. Auch jetzt zog er Thomas näher und knabberte sich über den Hals.

„Nicht doch, Schatz, ich bin noch nicht geduscht“, sagte er auch gespielt pikiert und versuchte halbherzig, seinen Freund von sich zu schieben. „Lass mich doch erst mal duschen.“ Sie wussten beide, dass er das nicht tun würde, weil er dann die Chance auf viel Spaß verspielte, doch das hielt ihn nicht davon ab, Gregor zu fordern. „Nicht dass mir im Park die Hunde nachlaufen, das wäre doch peinlich, nicht wahr?“

„Ich werd sie alle verjagen. Aber wenn es dir sicherer ist, bleiben wir hier und ich beschnüffel dich den ganzen Tag“, nuschelte Gregor und atmete tief ein. Wie konnte ein Mensch nur so phantastisch riechen? Ohne es zu merken, streifte er Thomas den Morgenmantel, der nur locker über dessen Schulter lag wieder ab und seine Finger schoben sich unter das Shirt. Sein Freund lachte leise, ließ es aber geschehen. Es faszinierte ihn immer wieder aufs Neue welche Wirkung er auf Gregor haben konnte. Ihm war es gleich, ob sie blieben oder spazieren gingen - so lange er nicht mehr allein war, war er zufrieden.

Bereitwillig ließ sich Thomas das Hemd über den Kopf streifen, sagte aber noch immer nichts - er wollte Gregor einfach nicht stören. Denn es war erregend, wie er sich in Thomas' Körper verlieren konnte.

Sein Freund tastete sich mit geschlossenen Augen mit Fingern und Lippen über Thomas’ Körper. Er fuhr die einzelnen Muskeln nach, knabberte an den Brustwaren, schnuffelte über den Hals und seufzte immer wieder leise. „Hmm…ich liebe dich und deinen Geruch“, sagte Gregor schließlich und sah hoch, damit er Thomas in die Augen blicken konnte. „Und wenn ich nicht gleich aufhöre, dann landen wir wieder im Bett. Wogegen ich grundsätzlich nichts hätte, aber es ist so schönes Wetter draußen und ich habe die letzten drei Wochen drinnen verbracht. Ich muss mal wieder raus.“

„Ja, wir sollten Duschen - getrennt“, murmelte Thomas, der sich gerade über Gregors Hals knabberte. Er sollte für sie noch ein paar Brötchen zum mitnehmen schmieren, denn wirklich gegessen hatten sie nicht - er noch mehr als Gregor, der ihn ja gefüttert hatte. Über ihrer Gier nacheinander vergaßen sie sogar die lebenserhaltenden Maßnahmen.

„Wie gut, dass wir zwei Duschen haben“, lachte Gregor und nahm sich vor, seine Dusche auf kalt zu stellen, sonst wurde das nichts mehr mit ihrem Spaziergang. Sie konnten doch nicht das ganze Wochenende im Bett verbringen. Ein paar Augenblicke genoss er noch das zarte Knabbern, aber dann schob er Thomas vorsichtig weg, denn sie bewegten sich schon wieder auf gefährlichem Terrain. „Los, husch. Wer zuerst fertig ist, braucht den Rucksack nicht zu tragen.“

Gregor konnte gar nicht so schnell gucken, wie Thomas weg war. „Ich bin erster, ich bin erster!“, rief er schon aus der Dusche und dann erfüllte Rauschen von Wasser den Raum. Es war ja nicht so, als würde er sich um den Rucksack drücken wollen, doch er wollte ja schnell noch ein paar Brötchen schmieren, ehe sie losgingen.

Schnell waren Haare und Haut gewaschen und in Handtücher gehüllt. Da stand er schon wieder in der Küche, wo Gregor gerade die Thermoskanne verschraubte und ihm grinsend entgegen sah. „Wow, das war neuer Rekord“, lachte er und stand auf. „Pack ihn nicht zu voll, sonst breche ich zusammen. In der Kanne ist heißer Kakao, den nehmen wir auch mit.“ Er zog Thomas zu einem Kuss zu sich, erst dann, ging er duschen.

Thomas lachte leise. Gregor hatte schon entschieden, wer das arme Packtier sein würde. Deswegen machte er die Brötchen auch mit besonders viel Liebe und der Wurst, die Gregor am liebsten mochte. Schließlich sollte er sich stärken können. Als alles verpackt war, ging er um sich anzuziehen und sich die Haare zu fönen. Nicht dass er noch krank wurde. Das konnte er sich im Weihnachtsstress nicht leisten.

Er war schon fast fertig, als Gregor zu ihm ins Schlafzimmer kam. „Zieh dir warme Unterwäsche an, es ist verdammt kalt draußen. Im Radio haben sie gerade gesagt, dass es unter Null Grad werden soll heute. Ich möchte doch nicht, dass du nachher frierst.“ Er selber hatte schon eine lange Unterhose und ein kuschelig warmes Unterhemd an und legte die Garnitur, die er für Thomas rausgesucht hatte, neben ihn.

Der legte seinen Fön weg und strich sich durch die noch warmen Haare. Er lachte verschmitzt dabei. „Du willst doch nur, dass ich mich noch einmal exklusiv für dich ausziehe bis auf die blanke Haut“, vermutete er ganz stark und zog unter seinem Hosenbund den Beweis dafür vor, dass auch er schon an warme Klamotten gedacht hatte. „Ich muss dich leider enttäuschen, Liebling, keine Peepshow für dich.“ Dabei strich er seinem Schatz über die Wange und küsste ihn gut gelaunt. Schließlich standen sie unter einem Mistelzweig.

„Wie gemein“, schmollte Gregor, der wirklich darauf gehofft hatte und ließ sich küssen. Das war auf jeden Fall ein guter Ersatz, wenn auch nur ein Ersatz. Wenn es nach ihm ginge, konnte Thomas den ganzen Tag nackt rumlaufen, damit er ihn ständig ansehen und bewundern konnte. „Ich sehe dich nun mal unheimlich gerne an. Du hast den schönsten und am besten riechenden Körper auf dieser Welt für mich.“

„Charmeur“, flüsterte Thomas leise. Kurz war er versucht, seinen Charmebolzen zu belohnen und sich doch noch einmal die Kleider vom Leib zu reißen. Doch dann kamen sie heute wirklich nicht mehr aus dem Haus. „Ich liebe es, wenn du so was sagst“, gestand er leise, doch dann löste er sich. Ein letzter Blick auf die Unterwäsche und er beschloss, die nachher für seinen Schatz anzuziehen, damit er ihm den störenden Stoff vom Leib fetzen konnte. Sein Herz schlug wie wild - immer noch. Auch wenn die erste rosarote Phase ihrer Beziehung schon lange hinter ihnen lag.

„Ist die reine Wahrheit.“ Noch einmal roch Gregor an Thomas, dann machte er sich los und zog sich fertig an. Erst ein Shirt, dann einen dünnen Pullover, darüber einen dickeren und noch seine Daunenjacke, so war er gut gerüstet, selbst für Minustemperaturen. Handschuhe, Schal und Mütze lagen an der Garderobe. „Ich bin fertig“, rief er durch die Wohnung und hatte schon den Schlüssel in der Hand.

„Bin schon da!“ Thomas schlüpfte in seine Schuhe und die Jacke, dann war auch er soweit. Schnell noch die Mütze aufgesetzt, denn die Haare waren frisch gewaschen. Dann fror er leicht auf der Kopfhaut. Das war unangenehm. Er nahm seinen Schatz bei der Hand und zusammen gingen sie die Treppe hinab.

Heute fuhren sie nicht mit der Bahn, wie sonst in der Woche, denn wenn sie weiter raus wollten, war das einfach zu umständlich. Sie gingen runter in die Tiefgarage und Gregor strich ihrem Golf über die Motorhaube. „Na, Süßer. Bereit für einen Ausflug?“, fragte er grinsend und ging zur Beifahrerseite. Er fuhr nicht so gerne selber Auto, das überließ er Thomas, der mehr Spaß daran hatte. Ihm war es auch zu verdanken, dass es ein Golf und kein Smart geworden war. Gregor war es egal, was sie kauften, so lange man damit seine Einkäufe machen konnte und man sie nicht durch die halbe Stadt selber tragen musste. Doch Thomas hatte noch andere Anforderungen an einen Wagen gestellt und ein paar davon waren sehr anregende Argumente gewesen, denen auch Gregor nicht hatte widersprechen können.

Nur gut, dass die Sitze nicht reden konnten. Sie könnten die verdorbensten Geschichten erzählen.

Gregor schnallte sich schon an, als Thomas sich setzte. Sie hatten beide noch schnell die Jacken ausgezogen, weil es sonst zu unbequem war. Das war zwar in den ersten Minuten etwas kühl, aber dann doch viel angenehmer. Selbstverständlich wie immer legte Gregor gleich eine Hand auf Thomas' Bein, aber er achtete darauf, ihn nicht zu behindern, denn sie wollten ja heile ankommen.

„Hab ich dir eigentlich schon erzählt, dass Manuela sich mal wieder angesagt hat? Als ich alleine war, wollte sie mich nicht besuchen. Aber jetzt wo du wieder da bist und sie glaubt, wir würden täglich wie die Tiere übereinander herfallen, würde sie gern mal wieder bei uns schlafen, die kleine Plage“, lachte Thomas und bog auf die Straße hinaus. Er war den Weg in den Grunewald schon so oft gefahren, er beherrschte ihn blind. Lieber ließ er sich über seine kleine Schwester aus, die für ihr Leben gern Yaoi-Mangas las und ihren schwulen Bruder deswegen geradezu vergötterte.

„Och, nöö“, machte Gregor, aber er lachte. Manuela war ein kleiner Schatz und er mochte die Schwester seines Freundes sehr. „Wieder eine Woche kein Sex, weil du sie ärgern willst“, schmollte er und musste grinsen, als er daran dachte, wie sie jedes Mal, wenn sie da war, unauffällig auffällig um die Schlafzimmertür herumschlich. Immer in der Hoffnung etwas zu sehen, oder zu hören, was nicht für ihre Ohren und Augen bestimmt war.

Thomas hatte seinen Spaß dabei, sie mit ein bisschen Liebesgesäusel mit Gregor zu locken und kaum war sie in der Nähe, wieder mit einem staubtrockenen Kuchenteigrezept anzufangen. Einmal hatte Gregor ihn sogar dabei erwischt, auf dem Bett herum zu springen, nur um Manuela anzulocken und sie dann zu fotografieren, als sie enttäuscht feststellte, dass kein Anschauungsmaterial zu holen war. Es waren eben Geschwister.

„Tja, Liebling, da müssen wir ordentlich vorpoppen, damit die Durststrecke nicht zu schmerzlich wird“, lachte er leise.

„Wann kommt sie denn? Ich hoffe wir haben noch genug Zeit zum Vorpoppen, sonst kriegt sie ihren Anschauungsunterricht, oder wie nennt sie das?“ Kurz runzelte Gregor die Stirn und überlegte. „Feldstudien – ja so hat sie das genannt. Schließlich wolle sie überprüfen, ob die ganzen Autoren überhaupt wussten, wovon sie schrieben. Wären ja eh meistens Frauen.“

„Hör mir bloß auf mit ihren Feldstudien“, stöhnte Thomas, als er sich in den fließenden Verkehr einfädelte, der langsam raus aus der Stadt fuhr. „Letztens hat sie mir ein Bild aus einem ihrer Comics geschickt und gefragt, ob das überhaupt ginge. Ob wir das mal überprüfen können. Ich habe ihr höflich aber bestimmt gesagt, dass sie wohl nicht ganz dicht wäre.“ Sehr zum Leidwesen ihrer Mutter, die es nicht gut hieß, wenn seine kleine Schwester fluchen lernte. „Aber wir haben noch zwei Wochen. Sie will zum Weihnachtsshoppen nach Berlin kommen.“

„Ah, gut“, kicherte Gregor, der sich vorstellen konnte, was sein Schatz unter höflich verstand. „Dann haben wir ja noch genug Zeit und dieses Bild will ich sehen und ausprobieren. Wir brauchen ihr das ja nicht zu sagen.“ Nun musste Gregor laut lachen. Manuela war manchmal wirklich eine Plage, aber eine, die man einfach gern haben musste. Sie hatte die gleichen strahlenden Augen wie Thomas und auch die Haarfarbe war ähnlich. Wenn er auf Frauen stehen würde, wäre sie genau sein Typ, davon abgesehen, dass sie nur halb so alt war wie er.

„Vergiss es, Greg. Im Bett will ich Spaß und Entspannung und keine akrobatischen Höchstleistungen, die man selbst nach drei Jahren Yoga-Kurs nicht ohne Chiropraktiker wieder rückgängig machen kann. Unterstütz die kleine Motte nicht noch!“ Es war ja nicht so, dass Thomas nicht experimentierfreudig war - wer wusste das besser als Gregor. Aber wenn es in Arbeit ausartete und mit Spaß nichts mehr zu tun hatte, verlor er das Interesse.

„So schlimm?“ Gregor streichelte seinem Schatz über das Bein und lachte. „Wo die die Sachen nur immer her hat. Bei den letzten Mangas, die sie mithatte, bin sogar ich rot geworden und das will was heißen. Das muss dann schon heftig sein.“ Aber Spaß gebracht hatten sie. Die Kurze musste ja nicht wissen, dass sie einiges davon ausprobiert hatten.

„Tja, gekauft, mein Lieber, gekauft! Manchmal frage ich mich, ob meine Mutter weiß, was meine Schwester mit ihrem Taschengeld macht. Andere Kinder gehen davon ins Kino oder shoppen. Aber nicht Manuela. Die sucht im Netz nach neuen Büchern und bestellt sie, wenn es möglich ist. Das Zimmer will ich gar nicht sehen.“ Er ließ es auch lieber ungesagt, dass er ihre Sucht mit einem Buch zu Weihnachten unterstützte, denn an dem einen oder anderen Heft hatte er gefallen gefunden - rein künstlerisch natürlich.

„Die Jugend von heute. Total verdorben. Ich freu mich auf die Motte, auch wenn das heißt, dass ich ständig mit geschlossenen Augen und mit Wäscheklammer auf der Nase rum rennen muss, weil ich sonst vergesse, dass sie gerne Bilder von uns im Bett hätte.“ Gregor schoss zu Thomas rum und grinste. „Wie wäre es denn, wir schenken ihr wirklich ein Bild von uns beiden im Bett. Wir beide im Bett sitzend, züchtig zugedeckt und mit Flanell-Schlafanzügen, so dass man rein gar nichts sehen kann?“ Allein wenn er sich vorstellte, wie sie das auspackte, ließ ihn lachen.

„Kinderquäler“, lachte Thomas musste aber anerkennend grinsen. Vielleicht sollten sie das wirklich machen und Manuela endlich mal zeigen, dass man ältere Brüder nicht einfach in ihrer Privatsphäre störte, weil sie sonst nämlich zurück schlagen - mit ganz unfairen Waffen. „Aber wir haben solche Schlafanzüge nicht. Tut es auch der Bademantel?“ Manuela würde aber gucken, wenn sie Rentier Rudolph und Santa Claus im Bett erwischte, wie sie heißen Kakao tranken.

„Ja, das ginge auch und dafür ziehe ich meinen sogar gerne an. Also abgemacht, wir schlagen zurück.“ Gregor beugte sich kurz vor und küsste Thomas auf die Wange. Er freute sich schon drauf, die Bilder zu machen. Er hatte da so eine kleine Serie im Kopf, von der aber nur die ersten für Manuelas Augen bestimmt waren. Die anderen waren nur für ihr ganz privates Album, das gut verschlossen - damit eine gewisse Yaoi-Süchtige es nicht fand - im Schrank lag.

„Du weißt aber schon, dass du sie damit nur provozierst und sie sich andere Gemeinheiten ausdenken wird, um sich ebenfalls an dir zu rächen?“, wollte Thomas wissen, denn er kannte doch Manuela. Für die war eine Absage nur eine Aufforderung, es intensiver zu versuchen und wenn sie Blut geleckt hatte, war alles vorbei. Sie zogen ihr ganzes Interesse nur noch intensiver auf sich - sie mussten einfach darauf hoffen, dass bald ein Mann in ihr Leben trat und ihr Bruder unwichtig wurde.

„Ohne ein wenig Nervenkitzel, wäre das Leben doch langweilig.“ Gregor sah das nicht so eng. Manuela war eine recht vernünftige 17jährige. Sie wusste, wo die Grenzen waren, darum ließ er sich auf das Spiel überhaupt ein. Er mochte es, sich mit ihr zu unterhalten oder in der Stadt bummeln zu gehen und einzukaufen. „Sie hat mich mal gefragt, ob sie mal mit kann, wenn wir in eine Disco gehen. Was meinst du dazu?“

„Wenn wir in eine Disco gehen oder wenn wir in eine Szene-Disco gehen?“, betonte Thomas jedes wichtige Wort in seiner Frage, weil er sich denken konnte, was Manuela bezweckte. „Die Kurze lässt aber auch nichts unversucht.“ Lachend schüttelte er den Kopf. „Was hast du geantwortet?“, wollte Thomas von seinem Freund wissen und sah ihn an der Kreuzung im Stau forschend an.

„Was wird sie wohl sehen wollen? In normale Discos kommt sie auch Zuhause rein.“ Gregor nutzte den Stau und legte seinen Kopf auf Thomas' Schulter. „Ich habe ihr nichts versprochen, sondern nur angeboten dich zu fragen, wenn sie das nächste Mal da wäre und sie dann schon 17 ist. An sich hätte ich nichts dagegen, wenn wir eine der gemäßigten Lokalitäten aufsuchen, wo sie nicht mitten auf der Tanzfläche auf poppende Paare trifft.“

„Das meine ich nämlich“, grinste Thomas. Es gab durchaus Schuppen in der Szene, wo man sich eigentlich nur zum Massen-Gang-Bang traf, was mit Disco an sich nicht mehr viel zu tun hatte. Da waren die knutschenden Pärchen und die fummelnden Typen in den anderen Lokalitäten noch harmlos dagegen. Doch auch das sollte Manuela nicht wirklich mitbekommen. „Gehen wir in eine normale Großraumdisco“, schlug er vor, um seine kleine Schwester vor Unkeuschem zu bewahren.

„Ganz der große, besorgte Bruder“, lachte Gregor leise aber er liebte seinen Großen dafür, dass er sich um die Menschen, die er liebte, sorgte. „Deine Mutter würde uns die Ohren lang ziehen, wenn wir ihren Sonnenschein verderben. Mehr als jetzt schon, aber das weiß sie wohl nicht, was deine Schwester schon alles gebracht hat. Wie lange bleibt sie überhaupt? Nur ein Wochenende oder doch länger?“

„Als ich mit ihr telefoniert habe, sprach sie von den Weihnachtsferien, was Mom zum Glück gleich abgewürgt hat und erklärte, dass Weihnachten bei Oma zu feiern ist. Wir sind übrigens auch eingeladen, wenn du willst. Aber du musst nicht. Nur würde ich dich gern vorstellen. Oma ist cool, die hat mir schon als Teenie immer hübsche Jungs gesucht. Sie hat da kein Problem mit, falls das deine Sorge ist. Und sie hält mir oft den neugierigen Wurm vom Hals.“ Thomas lachte, als er sich daran erinnerte. Es war im letzten Jahr der Schule gewesen und er hatte das erste Mal ein richtiges Date gehabt. Manuela, damit noch eine Zwecke in der Vorschule, wollte unbedingt mit und hing an seinem Bein. Doch Oma hatte sie heldenhaft mit Pflaumenmus, was Manuela zu gern aß, abgelenkt und in der Speisekammer eingeschlossen, so lange bis Thomas beim Bus war.

„Weihnachten bei deiner Oma?“ Gregor schoss hoch und sah Thomas an. „Du möchtest mich also ganz offiziell deiner Familie vorstellen?“ Ihm wurde ganz warm ums Herz, denn das bedeutete ihm viel. Bisher kannte er nur Manuela und Thomas’ Eltern, wenn auch nur vom Telefon. Er lächelte und hauchte seinem Freund einen Kuss auf die Wange „Wir haben beide Urlaub über Weihachten, also würde ich mich freuen, mit dir deine Familie zu besuchen.“

„Warum sollte ich dich nicht vorstellen? Du bist mehr als nur der Mann mit dem ich mir die Miete teile. Du bist Teil meiner Familie und da sollen dich die anderen Teile auch mal kennen lernen.“ Thomas klang jetzt so locker und selbstverständlich, doch er hatte lange überlegt, ob sie wirklich schon so weit waren. Schließlich hatte er sich diese Frage mit ja beantwortet und vorsichtig angefragt, ob er Gregor zu Weihnachten mitbringen könnte. Natürlich waren gleich alle begeistert - sehr zu Thomas' Überraschung.

„Ich liebe dich, Schatz, das darf jeder sehen.“

„Ich liebe dich auch.“ Am liebsten würde Gregor Thomas an sich ziehen und küssen, aber gerade jetzt, löste der kleine Stau sich auf und sie fuhren weiter. Darum streichelte er ihm nur über das Bein. „Deine Oma hat dir also immer hübsche Jungs gesucht?“, fragte er kichernd. „Ich hoffe, dass ich ihr hübsch genug für dich bin.“

„Ich glaube schon, Schatz. Du bist nicht verwachsen, hast weder krumme Beine noch hervorstehende Zähne. Du hast Vorzüge, die außer mir keiner aus der Familie kennt und die auch keinen was angehen und ich habe mich verliebt. Mehr muss nicht sein. Wenn ich zufrieden bin, wird sie auch nach einer eindringlichen Untersuchung ihren Frieden mit dir machen. Vielleicht hat sie auch noch einen oder zwei von den Jungs im Schrank, falls sie mit dir gar nicht zufrieden sein sollte. Aber ich werde dich nicht eintauschen. Ich mag meinen abgewetzten Kuschelelch und will keinen neuen!“ Thomas lachte leise. Was redete er denn für Blödsinn? Aber es war Blödsinn, der ihm Hitze in die Wangen trieb.

„Das ist schön, denn hergeben möchte ich dich nicht. Ich habe mich schon viel zu sehr an dich gewöhnt und außerdem kann mir keiner meinen Lieblingskuchen so lecker backen wie du.“ Thomas' Worte taten Gregor gut, denn er war ein wenig unsicher, was die Familienzusammenführung anging, auch wenn er das nicht zeigte. Das war ein großer Schritt, aber auch ein Zeichen, dass Thomas eine Zukunft für sie sah.

„Oh, da habe ich aber noch mal Glück, dass ich zufällig backen kann, hm?“, lachte Thomas und schüttelte den Kopf. All seine anderen Vorzüge und Talente wurden hier völlig unter den Tisch gekehrt. Doch das war nicht schlimm, denn er wusste nur zu gut, dass Gregor jedes einzelne seiner Talente schätzte. „Kann nur passieren, dass Manuela dann zufällig so lange bleibt, dass sie gleich mit uns zusammen zurück nach München fahren will.“ Oh ja, sie würden viel Vorpoppen müssen!

„Was meinst du, warum ich dich genommen habe“, lachte Gregor frech. Er aß für sein Leben gern Süßes aber backen war für ihn ein Buch mit sieben Siegeln. Kochen kein Problem, das machte er gerne und das konnte er auch, aber backen wurde zum Desaster. „Warten wir es ab. Vielleicht haben deine Eltern ja auch Mitleid mit uns und nehmen sie mit, aber wenn nicht, ist auch nicht schlimm, ich mag das Küken.“

„Aber nach einer Woche ohne Sex, wenn mir die Hormone aus den Augen quellen, dann wirst du anders darüber denken, wenn die Plage uns noch auf der Pelle sitzt“, lachte Thomas. Dabei hatten sie doch gerade erst eine Durststrecke hinter sich. Doch er war erwachsen, er konnte sich auch mal ein paar Wochen zusammenreißen - zumindest hoffte er das. „Aber lassen wir es ran kommen und wenn es doch zu heftig wird, setzen wir sie in den Flieger und schicken sie Mom zurück.“

„Wir sollten üben, leise beim Sex zu sein, dann geht das schon.“ Gregor sah hoch, denn der Parkplatz, auf dem sie immer parkten kam in Sicht. „Sie kennt ja unsere neue Wohnung noch gar nicht. Bin echt gespannt, was sie dazu sagt. Mist“, murmelte er leise, als ihm einfiel, dass die Schiebeglastür zu ihrem Schlafzimmer nicht gut dazu geeignet war, kleine Yaoi-Süchtige abzuhalten. „Wir haben keine richtige Schlafzimmertür mehr und durch den begehbaren Schrank kommt sie auch ohne Probleme rein.“

„Gut dass du da selber noch drauf gekommen bist, ansonsten hätte ich dich nämlich jetzt gefragt, wo genau du leisen Sex haben willst, wenn wir hinter der Glastür wie auf dem Präsentierteller liegen“, lachte Thomas. Es war süß, wie Gregor versuchte, nicht auf seinen Sex verzichten zu müssen, auch wenn Manuela da war. Es war das Beste, wenn sie die Heimsuchung auf sich zukommen ließen. Im Augenblick war das Wetter zu schön, um es mit Grübeln zu vertun.

Thomas schwenkte auf den Parkplatz und stoppte den Wagen.

Gregor sprang sofort raus und zog sich sofort seine Jacke über, weil er schon wieder bibberte. Er fror schnell, darum hatte er sich auch angezogen, als wenn sie in der Arktis wohnten. Es dauerte immer ein wenig, bis er sich an die Kälte gewöhnt hatte. Eingemummelt, so dass fast nur noch Augen und Nase zu sehen waren, wartete er auf Thomas. „Meinst du, es wäre vertretbar, wenn wir ihr ab und zu abends etwas Baldrian in den Kakao mischen, damit sie tief und fest schläft?“, fragte er, denn das Manu-Problem ließ ihm keine Ruhe. Er wollte nicht einsehen, dass er so lange auf seinen Lieblingssport verzichten sollte.

„Es darf auch gern etwas mehr sein“, lachte Thomas leise und schüttelte wieder über seinen Schatz den Kopf. „Aber vielleicht müssen wir auch nur die Zeiten effektiver nutzen, wenn sie nicht da ist. Oder einen netten kleinen Quicky in der Tiefgarage, auf der Arbeit. Wir sollten spontaner werden“, lachte er und ließ den Wagen sich verriegeln, ehe er seine Hand zu Gregor in die Tasche schob.

„Noch spontaner?“, giggelte Gregor und verschränkte ihre Finger. Also in der Hinsicht, hatten sie noch nie Probleme gehabt. Spontane Quickys, wenn sich die Gelegenheit ergab, hatten sie oft genug, nur auf der Arbeit hatten sie das bisher vermieden.

In der Nacht hatte es noch etwas geschneit und sie gingen durch den fast noch unberührten Schnee in dem nur einige Tierspuren zu erkennen waren. Gregor atmete tief durch und zog Thomas für einen Kuss zu sich. „Wir schaffen das schon. Wenn wir deine Schwester überleben, kriegt uns nichts mehr auseinander.“

„Ja, das glaube ich auch“, sagte Thomas leise und lehnte sich an seinen Freund. So gingen sie eng umschlungen durch den kalten Tag. Schließlich hatten sie sich nach drei elend langen Wochen endlich wieder.