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Live-Rollenspiel mit Folgen - Teil 3

III.

„Also schön, noch mal für mich zum Mitschreiben. Diesen putzigen... Hügel...“ Niclas machte eine ausschweifende Handbewegung in Richtung des schroffen Berges, der vor ihnen aufragte. „... mit seinen flauschigen Felskanten und sicheren Pfaden, müssen wir rauf, und kaum dass wir oben angekommen sind, wird uns auch schon der Drache angreifen? Ich schätze mal, einen Sessellift oder eine Almhütte auf halber Höhe zum Rasten wurde bei der Planung dieses Feriendomizils für gekidnappte Prinzessinnen nicht berücksichtigt?“

„Sessellift? Was soll das sein?“, fragte Brangelina neugierig, wurde aber von Hugo unterbrochen.

„Vielleicht gibt es in dem Berg ja einen einfacheren Weg. Du als Zwerg solltest in der Lage sein, irgendwelche verborgenen Türen und Tore zu Bergstollen zu öffnen. Schließlich gibt es in Mhetáriddel kaum einen Berg, wo deine Artgenossen nicht drin rumgegraben haben.“

„Klar auch“, ätzte Niclas, der es sich verkniff, einmal mehr darauf hinzuweisen, dass er nicht wirklich ein Zwerg war. Diese Diskussion hatten sie bereits gehabt – ergebnislos. „Du meinst wohl, alles was ich sagen muss, ist ‚Höre mich, oh großer Berg, ich bin Niclas, der Zwerg und nun, Sesam, öffne dich’ und schon tut sich vor uns ein Schlund im Felsen auf, von dem wir nicht wissen, wohin er führt, aber dem wir so selbstverständlich folgen, als wäre das ein Kindergartenausflug zum nächsten Spielplatz?“

„Gar kein so übler Versuch!“, meinte Romeo grinsend und wies auf die Öffnung im Berg hin, die tatsächlich bei Niclas Worten erschienen war.

Niclas schlug sich gepeinigt die Hand vor das Gesicht. Manchmal verfluchte er diese Welt wirklich. Wobei, näher betrachtet nicht nur manchmal sondern eigentlich häufiger, um nicht zu sagen fast stündlich.

Mit einem Gesicht als wolle er sagen: „Hab ich’s nicht gesagt?“, marschierte Hugo ihnen voran in die Dunkelheit.

„Ähm, können Elben eigentlich auch in der Dunkelheit sehen? Ich meine, ich weiß, dass sie einen leichteren Schritt haben als Menschen oder Zwerge, und auch dass sie irgendwelchen, schwarzseherischen Unsinn in Sonnenaufgänge hineininterpretieren können, aber...“ Niclas kam nicht dazu den Satz zu beenden, denn just in diesem Moment erklang aus dem Bergesinnern ein Poltern, dicht gefolgt von einem kläglichen Jammern und Wehgeheul.

„Beantwortet das deine Frage?“ Romeo konnte sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen, während er sich daran machte, das Nadelgehölz in der Nähe um ein paar behelfsmäßige Fackeln zu erleichtern. „So, und jetzt lasst uns nach diesem schwerverletzten Deppen sehen. Hoffen wir einfach mal, dass sich unsere Diva von einem Elb nur einen Fingernagel abgebrochen hat.“

Niclas lachte leise. So langsam schien Romeo tatsächlich Humor zu entwickeln. Oder aber er selbst hatte mit seinen sarkastischen Bemerkungen auf den Krieger abgefärbt, wobei auch nicht auszuschließen war, dass er sich mittlerweile einfach an dessen Art gewöhnt hatte.

Gemeinsam und bedeutend vorsichtiger als Hugo es vor ihnen getan hatte, betraten die drei die Höhle.

Tatsächlich war Hugo in seinem Eifer bloß über eine unebene Stelle im felsigen Boden gestolpert und hatte es im Sturz geschafft, sich das eine Ende seines Bogens in den Magen zu rammen. Kopfschüttelnd halfen ihm die anderen auf und einzig Brangelina hatte ein paar mitfühlende Worte für den Elben. Doch Hugo hatte andere Pläne, als sich von der Magierin betütteln zu lassen und so schob er sie beiseite, um sich humpelnd an Romeo heranzupirschen.

„O Romeo, du mein starker Krieger. Ich glaube kaum, dass ich mit meiner Verletzung laufen kann. Du musst mich stützen.“ Dabei klimperte er auf dermaßen kokett mit den Wimpern, dass Niclas vor Lachen nicht auf den Boden achtete und beinahe selbst gestolpert wäre. Gerade noch rechtzeitig konnte Romeo ihn am Arm festhalten.

„Fall du mir nicht auch noch hin.“

Überrascht und dankbar blickte Niclas den Krieger an, konnte es sich dann aber nicht verkneifen zwinkernd zu fragen: „Und wenn, würdest du mich dann vielleicht tragen?“

„Aha! Hab ich’s doch gewusst!“, ereiferte sich da auch schon Hugo, noch ehe Romeo etwas hatte erwidern können. „Du bist so ein intriganter Zwerg. Du hast all die gemeinsamen Nachtwachen genutzt, um Romeo heimlich umzupolen. Aber das sag ich dir...“ Wild mit seinem Bogen fuchtelnd, kam Hugo auf Niclas zugehumpelt. „... wenn hier einer die Früchte deines Bemühens ernten darf, dann ich! Romeo gehört zu mir.“

„Hey, pass auf, oder du machst deinen Bogen noch kaputt“, warf Niclas ein, während er vor dem Elben zurückwich. „Und mal ehrlich, du weißt genau wie ich, dass Romeo zu dieser dämlichen Prinzessin gehört, die oben auf dem Berg auf uns wartet. Keine Chance also für dich oder irgendwen sonst, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Und darauf basierend, glaubst du wirklich, ich hätte während der Nachtwache nichts Besseres zu tun, als Romeo zu begrabbeln, in der Hoffnung, eine Schocktherapie könnte ihn von der von dir ausgelösten Homophobie heilen?“

„Wenn du versucht hättest, mich des Nächtens anzubaggern, hätte Brangelina uns schon längst einen neuen Zwerg besorgen müssen“, stellte Romeo klar. „Und fürs Protokoll, dich, Hugo, habe ich bislang nur deswegen nicht ins Jenseits befördert, weil dein Vater als Gegenleistung für meine Rüstung und mein Schwert verlangt hat, dass ich seinen jüngsten Sohn mitnehme, und das bist nun mal du.“

„Papa hat mir eben noch nie einen Wusch abschlagen können“, erklärte Hugo verzückt und knuddelte dabei versonnen seinen Bogen, so dass Niclas abermals um die Waffe des Elben bangte.

Romeo knurrte nur und wandte sich dann, die Fackel in der Hand, von den anderen ab, um einen Weg zu suchen, der sie zur Spitze des Berges brachte. Niclas folgte ihm einfach und erst als Brangelina Hugo anbot, er könnte sich auf sie und ihren Magierstecken stützen, setzten sich auch diese beiden in Bewegung, jeder für sich allerdings.

Den Berggipfel mittels eines Pfads im Inneren des Berges zu erreichen war nicht weniger steil, als besagten Berg von außen zu besteigen, aber immerhin war es, trotz der Dunkelheit, weit sicherer, und hier und da konnte man sogar noch Überreste eines alten Weges erkennen und benutzen, was das Ganze ernorm vereinfachte. Und so gelangten sie ohne weitere Unfälle schon nach wenigen Stunden an ein Plateau direkt unterhalb des Gipfels.

„Lasst mich raten, ich soll wieder ein nettes Sprüchlein aufsagen, damit der Berg sich für uns öffnet?“, fragte Niclas, ließ sich aber erst einmal ein wenig außer Atem an der Wand hinab zum Boden gleiten. Der Aufstieg war trotz allem recht anstrengend gewesen. „Allerdings sollten wir uns vielleicht einen Plan zurecht legen, schließlich lauert da draußen ein Drache. Es sei denn natürlich, Brangelina verwandelt den Drachen einfach in ein Schaf und wir verkaufen es dann an den nächsten Bauern, dem wir begegnen.“

„Der Plan ist ganz einfach“, erklärte Romeo und ignorierte Niclas eh nicht ernstgemeinten Kommentar bezüglich des Schafs. „Sobald wir wieder zu Kräften gekommen sind, öffnest du, Niclas, den Felsen, dann stürme ich nach draußen und stelle mich dem Drachen. Derweil versucht Brangelina ihn mit Zaubersprüchen zu schwächen, während Hugo uns mit seinem Bogen Feuerschutz gibt. Du versuchst derweil die Prinzessin zu finden. Sobald ich den Drachen besiegt habe, kommen wir hinterher.“

Niclas wollte schon nicken, schien das doch ein halbwegs vernünftiger Plan angesichts der bevorstehenden Situation zu sein, als sein Blick auf Hugo fiel, der nun regelrecht ängstlich seinen Bogen umklammerte. Und tatsächlich...

„I-ii-ich soll euch Feuerschutz geben?“, fragte der Elb ein wenig zittrig.

„Natürlich, wer sonst?“, erwiderte Romeo ein wenig ungehalten. „Mit deinem Bogen hast du, abgesehen von Brangelina mit ihrer Magie, die Waffe mit der größten Reichweite. Deshalb macht es strategisch am ehesten Sinn, wenn du dir einen Felsvorsprung oder so suchst, von wo aus du uns Deckung geben kannst.“

„A-aa-a-aaber ich kann doch gar nicht mit dem Bogen umgehen“, gestand Hugo jämmerlich.

„Wie bitte?“ Niclas glaubte sich verhört zu haben. „Ein Elb, der nicht mit Pfeil und Bogen umzugehen versteht? Ich dachte, so etwas wird euch mit der Muttermilch eingetrichtert.“

„Offenbar muss es zu jeder Regel eine Ausnahme geben“, sagte Romeo, sah aber keineswegs erfreut über diese Wendung der Ereignisse aus.

Hugo war derweil sogar in Tränen ausgebrochen.

„Schhht, Hugo, alles nicht so schlimm. Du gibst einfach dein Bestes und dann wird es schon klappen. Immerhin bist du ein Elb und Elben sind die geborenen Bogenschützen“, versuchte Brangelina ihren Gefährten zu trösten.

„Nein, ich bin kein Bogenschütze“, schnüffelte Hugo. „Ich wollte auch nie einer sein. Schon als Kind haben sie mich wegen meiner miserablen Schießkünste ausgelacht.“

Romeo schnaubte ungehalten. „Und wieso hast du dann einen Bogen und nicht etwa ein Kurzschwert mitgenommen? Oder Wurfdolche oder meinetwegen auch Strickzeug, damit du deine Gegner mit den Nadeln erstechen und mit dem Garn erwürgen kannst?“

Trotzig funkelte der Elb jetzt den Krieger an. „Weil der Bogen nun mal die einzig standesgemäße Waffe für einen Elben ist!“

„Was nutzt dir eine standesgemäße Waffe, wenn sie in deinen Händen nutzlos ist?“, gab Romeo zurück.

„Stopp! Schluss! Aus!“, rief Niclas. „Ist doch egal, wieso Hugo sich für den Bogen und nicht für Zahnstocher entschieden hat...“

„Hm, vielleicht könnten wir welche aus dem Bogen machen und Hugo bastelt mit Brangelinas Hilfe fix einen Vodoo-Drachen?“, murmelte Romeo und spielte auf ein Gespräch mit Niclas an, wo dieser ihm von den Magieformen erzählte, die in dessen Welt noch praktiziert wurden, unabhängig davon ob Niclas selbst daran glaubte oder nicht.

„Was ist Vodoo?“

Niclas ignorierte Brangelinas Frage und fuhr stattdessen den Krieger an. „Wenn du keine produktiven Vorschläge hast, wie wäre es, wenn du mir stattdessen mal zuhören würdest? Was ich nämlich sagen wollte ist, dass ich einfach Hugos Bogen nehme und unser Elb hier die Prinzessin sucht.“

„Ach? Seit wann sind denn Zwerge als gute Bogenschützen bekannt?“

Niclas rollte die Augen und antwortete dann auf Romeos Frage. „Seit ich ein Mensch bin, der nur die Rolle eines Zwergs spielt, was in dieser bescheuerten Welt aber keinen Unterschied macht. Und nur, damit wir uns verstehen, du sprichst hier gerade mit dem zweimaligen Kreismeister im Bogenschießen.“ Etwas, das durchaus der Tatsache entsprach, betrieb Niclas diesen Sport doch bereits seit seinem zwölften Lebensjahr.

Romeo starrte Niclas eine Weile lang stumm an, dann nickte er. „Also schön, dann wäre das geklärt.“