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Live-Rollenspiel mit Folgen - Teil 5

V.

„Na, wieder wach?“, fragte Niclas, als Romeo mit einem leisen Stöhnen wieder zu sich kam, und ging neben dem Krieger in die Hocke.

„Bitte sag mir, dass das ein Alptraum war.“ Flehend blickte dieser Niclas an.

„Was? Dass die Prinzessin in Wirklichkeit ein Prinz ist? Oder dass diese männliche Prinzessin mindestens genauso tuntig ist wie Hugo? Das heißt, wenn sie nicht gerade Dagobert Duck in ihrer Geldgier Konkurrenz macht?“ Gespielt unschuldig lächelte Niclas Romeo an, der aussah, als wolle er sich gleich wieder in die nächste Ohnmacht stürzen. „Hey, keine Sorge, Großer, Prinz Carl ist gar nicht mehr scharf darauf, dich zu heiraten, du bist aus dem Schneider. Er hat es mehr auf die Reichtümer abgesehen, die ich ihm als Zwerg verschaffen könnte. Dafür ist er sogar bereit, über meine Abstammung hinwegzusehen.“

„Wahrlich liebreizend“, sagte Romeo und setzte sich kopfschüttelnd auf.

„Wem sagst du das. Da würde ich ja noch lieber den Drachen da draußen heiraten als dieses verzogene Gör“, stimmte ihm Niclas zu.

„Lass das lieber niemanden hören. Hier in Mhetáriddel gibt es bestimmt auch irgendwo eine nette Klausel, nach der Zwerge Drachen heiraten dürfen.“

Unsicher starrte Niclas Romeo an. Hatte der Krieger gerade einen Scherz gemacht oder war das ernst gemeint. „Ähm, können wir nicht einfach Carl mit Hugo verkuppeln?“, fragte er jetzt.

„„Bloß nicht, der ist mir viel zu zuckrig drauf!““, erklang es da gleich zweifach aus dem Turmzimmer, als Prinz und Elb die anderen wieder auf ihre Anwesenheit aufmerksam machten.

„Dann eben Plan B“, flüsterte Romeo verschwörerisch.

„Und wie sieht der aus?“, fragte Niclas ebenso leise.

„Keine Ahnung“, gab der Krieger nach kurzem Zögern grinsend zu. Irgendwie schaffte es die Absurdität der Situation seinen Humor auf eigenartige Weise anzusprechen.

„Vielleicht könnten wir Brangelina davon überzeugen, die Ketten dort drüben an der Wand zu verdoppeln oder zu verlängern, auf jeden Fall so zu verzaubern, dass wir sowohl für Hugo als auch für Carl genug haben?“, schlug Niclas schließlich vor.

„Oder noch besser, wir überzeugen Carl davon, dass Brangelina seine wahre Retterin ist. Immerhin haben wir zu dritt den Drachen besiegt. Technisch gesehen würde es also immer noch innerhalb der Regeln für die Rettung von Prinzessinnen sein. Und als Magierin kennt sie bestimmt eine Formel, mit der man aus Blei Gold macht oder zumindest doch aus Wasser Wein, womit sein künftiger Reichtum gesichert wäre“, fiel Romeo ein.

„Hm, das könnte vielleicht klappen“, überlegte Niclas. „Aber vorher sollten wir Brangelina in unseren Plan einweihen.“

„Nicht tuscheln!“, wurden sie in diesem Moment rüde von Hugo unterbrochen. „Tuscheln ist unhöflich. Besonders, wo Romeo doch zu mir gehört.“

„Für mich sah es eher so aus, als würde dein Romeo mit meinem Niclas tuscheln und nicht umgekehrt“, mischte sich nun der Prinz ein.

Ehe die beiden sich jedoch ernsthaft darüber in die Haare kriegen konnten, wessen Zukünftiger nun mit wem getuschelt hatte, unterbrach Niclas die beiden: „Hugo, würdest du bitte kurz bei Prinz Carl bleiben? Euer Hoheit, wir bitten euch darum, uns kurz zu entschuldigen, wir müssen kurz etwas mit unserer Magierin besprechen, denn wie wir gerade festgestellt haben, ist die Frage Eurer Rettung noch nicht ganz geklärt.“ Mit diesen Worten half er Romeo auf und die beiden hochgewachsenen Männer zogen die verdutzte Brangelina hinter sich her, ein gutes Stück die Treppe hinab.

„Was soll das?“, zischte die Magierin verwirrt und rieb sich das Handgelenk, wo Romeo unbewusst etwas fester zugepackt hatte, als er ursprünglich vorgehabt hatte.

Der Krieger wollte ansetzen, etwas zu sagen, aber Niclas bat ihn mit einer Handbewegung, ihm das Reden zu überlassen. „Brangelina, du stehst doch auf Hugo, oder?“

„Was hat Hugo damit zu tun?“, fragte Romeo dazwischen.

„Ich versuche lediglich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen“, erklärte ihm Niclas knapp und wandte sich dann wieder Brangelina zu, um auf deren Antwort zu warten.

Die Magierin nickte, ein wenig unsicher, wohin das ganze Gespräch führen würde.

„Was würdest du davon halten, wenn wir dir einen Weg präsentierten, wie du dafür sorgen könntest, dass Hugo auf immer mit dir zusammen bleibt?“

„Das wäre großartig, aber so einen Zauber gibt es nicht. Glaub mir, ich hab schon alle möglichen Sprüche diesbezüglich ausprobiert“, gab Brangelina zu.

Niclas verkniff es sich, mit den Augen zu rollen. Immerhin ließ ihre Antwort darauf schließen, dass sie wenig Skrupel haben würde, auf den Elben ein wenig Druck auszuüben, um ihr Ziel zu erreichen. „Also gut, Folgendes: Rein technisch gesehen haben wir alle drei, Romeo, du und ich, den Drachen besiegt. Sicher, du und ich sind hier lediglich mit von der Partie weil unser Krieger die Idee hatte, sich als Prinzessinnenretter aufzuspielen. Aber Fakt ist, dass er nicht allein der Retter von Prinz Carl ist. Nun sind aber weder Romeo noch ich scharf darauf, diesen verwöhnten Königssohn dort oben zu heiraten. Deshalb wollen wir ihn davon überzeugen, dass du seine Retterin bist. Abgesehen davon, dass seine Eltern bestimmt auch eher dafür sind, dass Carl eine Frau heiratet, mit der er Kinder kriegen und somit die Thronfolge sichern kann, als einen Mann.“

„Aber wieso sollte ich Carl heiraten wollen?“

„Weil du auf diese Weise Hugo bekommen könntest“, fuhr Niclas rasch fort, ehe Brangelina irgendwelche Einwände äußern konnte. „Romeo und ich überzeugen Carl, dass du seine Retterin bist und du machst es zur Bedingung für deine Hochzeit mit dem Prinzen, dass dir Hugo als zweiter Gatte angetraut wird.“

„Entschuldige, wenn ich deinen, zugegeben, gar nicht so üblen Plan in Frage stelle, aber wie bitte willst du Hugo dazu bringen, diesem Hirngespinst zuzustimmen?“, fragte Romeo zweifelnd.

„In dem wir sein Ego streicheln? Er hat uns doch im Berg gestanden, dass ihn die anderen Elbenkinder immer ausgelacht haben, weil er ein so miserabler Schütze ist. Was wäre also, wenn er von einer Prinzessinnenbefreiungsaktion zurückkehrte, sagen könnte, dass er und sein Bogen eine so maßgebliche Rolle bei der Rettung des holden Königskinds gespielt haben, und dass man übereingekommen ist, dass ihm und der Magierin die Ehre der Ehe mit besagtem Königskind gebührt? Muss ja keiner wissen, dass er und der Bogen getrennte Rollen gespielt haben. Und mit so einer Doppelehe ist ihm ein Eintrag in die Geschichtsbücher von Mhetáriddel sicher, was sein Ansehen zusätzlich noch steigern dürfte“, führte Niclas aus.

„Das könnte klappen“, stimmte Romeo nachdenklich zu.

„Wenn ich Hugo bekomme, heirate ich meinetwegen auch Prinz Carl“, erklärte Brangelina.

Niclas lächelte bloß.

„Wer hätte gedacht, dass das so gut geht?“, sagte Niclas, als er und Romeo wenig später den Turm verließen.

„Wieso? Hast du etwa an deinem eigenen Plan gezweifelt?“ Fragend schaute Romeo ihn an.

„Na ja, Pläne sind bloße Theorien, man kann nie genau vorhersagen, wie die Beteiligten reagieren werden“, gab Niclas zu. „Aber es hat ja geklappt.“ Er lächelte.

Gedankenverloren starrte der Krieger an dem auf dem Boden liegenden Drachen vorbei in die Ferne. „Ich schätze mal, nun da wir die Prinzessin gerettet haben – auch wenn es in Wirklichkeit ein Prinz war – wirst du darauf bestehen, dass wir unser Versprechen einlösen und dir helfen einen Weg zurück in deine Welt zu finden?“, fragte er leise.

„Darauf bestehen vielleicht nicht, zumal ich nicht sicher bin, dass wir Hugo und Brangelina dazu bringen können, sich im Moment mit etwas anderem zu beschäftigen als ihrer bevorstehenden Hochzeit, aber ja, ich würde schon gerne wieder nach Hause“, gab Niclas zu und stellte sich neben Romeo. „Und was wirst du jetzt tun?“

„Darauf warten, dass die nächste Prinzessin alt genug ist, entführt zu werden, vermutlich“, gab dieser schulterzuckend zurück.

„Wie lange müsstest du denn warten?“ Neugierig sah Niclas den Krieger an.

„Davon ausgehend, dass eine Prinzessin in Mhetáriddel frühestens mit vierzehn entführt wird, so etwa zehn Jahre.“

„Zehn Jahre? Und dann müsstest du dich auch noch mit den ganzen Nachwuchskriegern, die in der Zwischenzeit erwachsen geworden sind, als Konkurrenz herumschlagen?“

Romeo seufzte. „Vermutlich. Prinzessinnen wachsen nun mal nicht auf Bäumen. Noch nicht mal in Mhetáriddel. Vermutlich ist deswegen in den Richtlinien für Drachen, Krieger und Prinzessinnen lediglich von Königskindern die Rede, so dass auch Prinzen gelten. Obwohl Drachen in der Regel lieber Prinzessinnen entführen, weil diese sich weniger wehren.“

„Moment mal“, unterbrach ihn da Niclas. „Wenn du die ganze Zeit gewusst hast, dass dich hier oben auch ein Prinz erwarten könnte, wieso hast du die ganze Zeit dann was von einer Prinzessin erzählt? Hast du denn nicht vorher im örtlichen Adelsregister nachgesehen? Für gewöhnlich wird doch überall bei der Geburt eines solchen Kindes lang und breit verkündet, welches Geschlecht der königliche Nachwuchs hat.“

„Das ist es ja eben... Nicht alle Herrscherhäuser in Mhetáriddel tun das. Auf manchen königlichen Familien liegt ein Fluch, der Söhne früh sterben lässt, weshalb sie die Knaben bis zu ihrem zwölften Lebensjahr als Mädchen aufwachsen lassen, um sie zu schützen. Oder jemand aus der Familie hat wahlweise die erste Tochter oder den ersten Sohn den Kobolden im Ausgleich für ein großzügiges Darlehen zum Begleichen der Staatsschulden versprochen, und um das Kind nicht zu verlieren lassen sie überall das gegenteilige Geschlecht verkünden“, erklärte Romeo. „Und in manchen Königreichen ist es sogar so, dass gar kein Geschlecht angegeben wird, sondern nur ein geschlechtsneutraler Name oder die Initialen in das Register eingetragen werden, weil die Eltern vor lauter Freude, endlich ein Kind zu haben, es schlicht vergessen. So war es wohl auch bei Prinz Carls Eltern. Sie haben auch immer nur von ihrem Liebling, ihrem Sonnenschein und sonstigen Kosenamen gesprochen, mit denen man für gewöhnlich nur Mädchen betitelt. Deshalb bin ich einfach davon ausgegangen, dass es sich um eine Prinzessin handeln würde.“

„Aber trotzdem musst du doch irgendwo im Hinterkopf zumindest die Möglichkeit in Betracht gezogen haben, dass es sich um einen Prinzen handeln könnte“, beharrte Niclas.

„Sicher... Worauf willst du hinaus?“

„Du machst nicht gerade den Eindruck, als ob du dich zu Männern hingezogen fühlst, oder sie überhaupt für eine Partnerschaft in Betracht ziehen würdest. So wie du Hugo meidest... Und mal ganz ehrlich, wenn Brangelina nicht wäre, hättest du jetzt Prinz Carl am Hals, der nicht besser ist als unser Elb“, fasste Niclas sachlich zusammen.

„Das ist so nicht ganz richtig. Also, dass ich Männer nicht auch in Betracht ziehe. Prinzipiell bin ich beiden Geschlechtern gegenüber offen“, stellte Romeo richtig. „Was allerdings Hugo betrifft... Ich finde nun mal, dass ein derartig weibisches Auftreten nur einer Frau zusteht und bei einem Mann mehr als lächerlich wirkt. Ach Niclas, wieso kannst du kein Prinz sein? Dich zu heiraten fiele mir nicht schwer...“

Perplex starrte Niclas den Krieger an. Romeo würde... Er schluckte, nahm dann aber all seinen Mut zusammen. „Wenn das dein Ernst ist, dann komm doch mit mir in meine Welt. Ich bin zwar vielleicht kein Prinz, aber du müsstest auch nicht zehn Jahre auf mich warten...“

























Epilog

„Home, sweet home“, murmelte Niclas, als er zusammen mit Romeo aus dem Wald trat und die Silhouette der Burg sah, die sich gegen das helle Licht der Sonne abzeichnete und die für das Wochenende den Rollenspielern als Heim diente. Vorausgesetzt natürlich, dass der Drache es tatsächlich geschafft hatte, sie in die selbe Zeit zu bringen, wo Niclas ursprünglich nach Mhetáriddel verschwunden war. Denn wie es sich herausgestellt hatte, verfügten die Drachen in jener fantastischen Welt über außergewöhnliche Zauberkräfte. Und wem es gelang, einen Drachen zu besiegen, ohne ihn zu töten, der durfte sich von dem Untier im Gegenzug für dessen Freiheit etwas wünschen. Auch eine Passage für Zwei durch ein Raum-Zeit-Portal.

„Niclas! Da bist du ja! Was war denn plötzlich los mit dir? Und wer ist das?“ Thilo kam auf sie zugerannt, offenkundig um seinen Freund besorgt. Annicka und die Magierrollenspieler folgten knapp dahinter.

„Ach, mir ist bloß auf einmal schlecht geworden, aber jetzt geht es mir wieder gut. Das ist übrigens Romeo“, stellte Niclas den Mann an seiner Seite vor. „Und ehe du fragst, seine Eltern haben bei ihrer Hochzeit mit einem befreundeten Ehepaar einen schwachsinnigen Pakt geschlossen, wonach sie ihren ungeborenen Sohn Romeo nennen wollten, und das andere Paar ihre ebenfalls noch ungeborene Tochter Julia, auf dass sich die Kinder eines Tages in einander verlieben. Nur dass Julia sich schließlich als Carl entpuppte, woraufhin Romeo beschlossen hat, dass er dann doch lieber einen Niclas statt eines Carls will, und wenn ihr uns jetzt entschuldigt; ich habe nämlich Hunger und möchte zurück zum Markt, um mir dort etwas zu Essen zu besorgen. Übrigens gibt es dort bestimmt auch Lakritze.“ Er zwinkerte Romeo zu. „Und dann freue ich mich auf eine heiße Dusche!“

Sprachlos starrten die anderen den beiden nach, die mit einem breiten Grinsen auf die Burg zumarschierten.