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Ein Kätzchen für Oma Hilde - Teil 5 bis 8

05

Derweil schlief Maung tief und fest und seit langem träumte er mal wieder. Er konnte sich nach dem Aufwachen zwar nicht mehr erinnern, was er eigentlich geträumt hatte, doch er lächelte und raffte wieder die Decke um sich, die er wie einen Umhang einmal mehr durch das Haus schleifte. Auf der Suche nach Futter musste er feststellen, dass Martina wohl doch mit in die Praxis gefahren war, doch sie hatte ihm Zettel hinterlassen, die mit lustigen Symbolen den Weg zu den Broten führten. Also griff Maung zu und hockte sich an die Terrassentür, denn es hatte begonnen zu schneien - das kannte er nicht und es faszinierte ihn, wie die großen Flocken vom Himmel fielen.

So saß er immer noch, als Roman nach Hause kam. Sie hatten heute Glück gehabt, denn in der Praxis war nicht mehr viel los gewesen, aber das hieß gar nichts, denn er hatte dieses Wochenende Bereitschaft und alle Anrufe für die Praxis wurden auf sein Handy umgeleitet.

„Hallo Maung“, sagte er leise, weil er den Kater nicht erschrecken wollte. Ihre Blicke trafen sich in der Scheibe, als Maung bemerkte, dass er nicht mehr alleine war. Immer noch gebannt auf die Flocken starrend, fixierten seine Pupillen aber auch immer wieder Roman, bis sie ganz an ihm kleben blieben und er sich mit samt seiner Decke umwandte. „Hallo“, entgegnete er neutral, weil er nicht wusste, wie er sich benehmen sollte. Er war nervös.

Roman kam näher und stellte sich neben Maung und sah ihn an. Er sah nicht mehr so krank aus, also ließ der Kater wohl langsam nach. „Geht es dir besser?“, fragte er trotzdem, nur um etwas zu sagen. Anscheinend kam er mit dem Kater besser klar, wenn er ihn als Patienten sah. „Möchtest du auch noch Tee?“

„Ja, warum nicht.“ Maung nickte und erhob sich. Er hatte so lange starr vor der Scheibe gesessen, dass die Beine ihm kaum gehorchten und er nur mit Mühe bis zum Sessel kam. Doch dabei hatte er Roman immer wieder im Auge. Sein Bauch kribbelte merkwürdig und sein Kopf war immer noch wie Zuckerwatte.

Roman blieb in der Nähe, falls er helfen musste und ging erst in die Küche, als Maung saß. Er setzte Tee auf und holte aus dem Vorratsraum die großen Blechdosen mit Keksen. Seine Mutter hatte sie gebacken, bevor sie in Urlaub gefahren war, weil sie wusste, wie gerne ihr Sohn sie bei einer Tasse Tee knabberte. Für ihn gehörte das einfach zur Weihnachtszeit dazu.

Schief grinsend erinnerte er sich an Martinas Frage, ob seine Eltern eigentlich schon von der verkehrten Bestellung wussten und warum sie sich nicht über den horrenden Preis gewundert hatten. Doch er konnte ihr nur die Wahrheit sagen - denn seine Eltern bevorzugten Ferien in Ruhe und Abgeschiedenheit. Seit Jahren fuhren sie nach Tirol auf eine Berghütte. Ohne Strom und Telefon. Natur pur. Die würden sich umgucken, wenn sie wieder kamen. Doch das war jetzt auch egal. Er griff die Kekse seiner Mutter und trug alles zurück zu Maung, der lauernd auf dem Sessel hockte und Roman beobachtete. Die Stille machte ihn kirre und sein Körper tat das übrige.

Roman war unsicher, wie schon lange nicht mehr. Er wusste eigentlich gar nichts über Maung und bisher hatte ihn das auch nicht gestört, weil sie sich eh nur gezofft hatten. Aber jetzt konnte er das nicht mehr. „Magst du auch Kekse?“, fragte er deshalb und hielt Maung den Teller hin.

Ohne zu sehen, was er eigentlich griff nahm Maung hastig etwas von dem Tablett und setzte sich etwas weiter auf. Die Finger wurden kalt und feucht und so steckte sich Maung schnell den Keks in den Mund, um sich die Finger wieder unter der Decke zu wärmen. „Und sonst so?“, fragte er, weil ihm die Stille die Nerven zerriss.

„War viel zu tun in der Praxis und ich soll dich von Tina grüßen.“ Roman sah wie Maung zitterte und zog ihn wieder zu sich. Vorhin hatte das ja auch gut geklappt. „Hier, dann wird dir warm“, sagte er und gab eine Tasse an den Kater weiter. „Sollen wir zusammen etwas fernsehen?“ Das war so ziemlich das einzige, von dem Roman wusste, dass Maung das mochte.

„Ja“, kam es heiser von Maung, denn er hatte schon wieder diesen Kloß im Hals. Merkwürdig. Doch er kam langsam näher gekrochen, weil er wusste, wie gut Roman mit seinen großen Händen kraulen konnte. Und fürs Kraulen taten Katzen ja fast alles. Da unterschied sich Maung kaum von Hauskatzen.

Roman machte den Fernseher an und stellte ihn so leise wie möglich, weil er nicht wusste, wie es mit Maungs Kopfschmerzen aussah. Er setzte sich bequem und wie von alleine fingen seine Finger an zu kraulen. Die Situation erinnerte an seine Kindheit, da hatte er mit seiner Katze auch oft so gesessen, Kakao getrunken und Kekse genascht. Nachdem sie gestorben war, hatte er keine neue Katze mehr haben wollen, denn Max war mehr als nur ein Haustier gewesen. Roman hatte einen Freund verloren, den konnte man nicht so einfach ersetzen. Doch jetzt war Maung da und Roman wusste immer noch nicht, wo er ihn einordnen sollte.

Derweil rollte sich Maung auf seinem Schoß zusammen und es dauerte auch gar nicht lange, bis er anfing zu schnurren, denn die geschickten Finger hinter seinen Ohren waren eine wahre Wonne.

Das Fernsehen war vergessen. Roman kraulte Maung, trank Tee und knabberte Kekse. So stellte er sich einen entspannten Feierabend vor. „Erzähl doch mal was von dir. Ich weiß von dir nur, was in deinen Papieren stand, aber das war recht spärlich. Was magst du, was überhaupt nicht? Hast du Hobbys?“ Roman war neugierig. Schließlich sah es so aus, dass sie die nächsten Jahre zusammen verbrachten.

Irritiert von diesen Fragen hob Maung den Kopf und kam langsam höher, um Roman in die Augen zu sehen. Was fragte der Mann denn da? Meinte der das ernst? Kurz kniff Maung die Augen zusammen, doch es schien so, als würde Roman seine Fragen wirklich so meinen. Also seufzte Maung und senkte den Kopf. „Ich habe keine Hobbys. Wir sind nicht dafür da, Hobbys zu haben“, erklärte er und rollte sich wieder zusammen. Einmal mehr fehlte ihm seine Familie.

„Oh.“ So richtig konnte Roman mit der Antwort nichts anfangen, aber er bohrte nicht weiter nach. Maung machte nicht den Eindruck, dass er etwas erzählen wollte. Er war wohl noch nicht so weit, ihm zu vertrauen, was bei ihrem Start auch nicht verwunderlich war. Zumindest schien es ihm zu gefallen, wenn er gekrault wurde. „Ist ja auch nicht schlimm. Vielleicht findest du ja bald was, was dir Spaß macht.“

„Der Markt war cool - die ganzen Fu-Bus waren klasse“, nuschelte Maung und drehte sich so auf Romans Schoß, dass er wieder zu ihm aufsehen konnte.

„Fu-Bus?“, fragte Roman, weil er sich darunter nichts vorstellen konnte. „Wenn dir das gefallen hat, können wir bestimmt noch einmal dort hin gehen. Es gibt aber noch viele andere Dinge, die wir machen können. Wir müssen dir was zum Anziehen kaufen, weil Martina mich sonst steinigt.“ Das war etwas, was Roman gar nicht mochte. Er bestellte viele seiner Kleidung im Internet. War vielleicht auch gar nicht schlecht, um rauszufinden, was Maung mochte.

„Fu-Bus? Ach so.“ Maung nickte und lachte leise. Das war eine Schwäche von ihm, er kürzte lange Worte gern ab. „Futterbuden“, erklärte er diese Abkürzung und leckte sich instinktiv über den Handrücken, um ihn dann putzend über die Ohren zu ziehen. Die Vorstellung, wieder dort hin zu gehen, machte ein bisschen gute Laune, denn dort war es wirklich toll gewesen. So viel Trubel, so viel Futter. Auf den Glühwein sollte er vielleicht verzichten.

„Futterbuden?“ Roman sah Maung irritiert an, aber dann lachte er mit und strich dem Kater durch die Haare. „Die mag ich auch sehr gerne. Ich gehe eh meist nur zum Essen auf den Weihnachtsmarkt. Früher waren es noch richtige Märkte, wo man richtige Geschenke kaufen konnte, aber heute ist das fast nicht mehr. Aber ich mag ihn trotzdem.“

„Hm“, machte Maung einmal mehr, weil er nicht wusste, was er sagen sollte. Also nahm er sich noch einen Keks, um sich zu beschäftigen und knabberte daran herum, etwas verlegen, wie es schien. Dass er Roman dabei den Schoß voll krümelte nahm er in Kauf. Vielleicht konnte er sie ja später wieder absammeln und dabei... Maung schüttelte den Kopf. Wo kam dieser Gedanke denn her?

Roman sah Maung an und lächelte. Er fühlte sich wohl und darum blieb er auch dann noch mit Maung so sitzen, als der nicht mehr zitterte, sondern sich aus der Decke schälte, weil ihm warm geworden war. Sie schauten fern, knabberten Kekse und als Maung einschlief, hielt Roman ihn trotzdem fest, bis er selber müde wurde. Vorsichtig trug er ihn die Treppe hoch und legte ihn in ihrem Bett ab. Schnell zog er ihm Hose und Shirt aus und Maung schnurrte jedes Mal, wenn Romans Hände zufällig seine Haut streiften. Der lange Schwanz zuckte nervös und auch die Ohren wackelten, obwohl der Kater schon fest schlief. Seine Hände strichen über das Laken, als wenn sie etwas suchen würden und dass sie das wirklich taten, merkte Roman, als er sich hinlegte. Sobald die Finger ihn berührten, rutschte Maung näher und kuschelte sich fest an ihn.

„Schmuser“, lachte Roman leise und küsste Maung auf die Stirn. Wenn der Kleine nicht gerade fauchte und kratzte war es wirklich angenehm, ihn um sich zu haben. Darum schlief er selber ebenfalls recht schnell ein, auch wenn es noch nicht sehr spät war. Die letzten Tage zerrten sehr an ihm, vielleicht auch, weil vieles passiert war, was er sich immer noch nicht erklären konnte. Aber im Augenblick herrschte friedliche Ruhe, Maung schnurrte im Schlaf und seine Nase strich immer wieder suchend über Romans Hals und Brust. Seine Zunge folgte.

Roman wurde davon nicht wach, aber baute die zärtlichen Berührungen in seine Träume ein, die allesamt sehr erotischer Natur waren. Wirklich erinnern konnte er sich an sie nicht, als er wach wurde, aber er fühlte sich gut und blieb noch ein wenig liegen. Maung war in der Nacht auf ihn geklettert und schlief noch tief und fest, darum wollte Roman ihn auch nicht wecken. Er kraulte ihn nur hinter den Ohren und musste nicht lange darauf warten, dass Maung anfing zu schnurren. Seine Hände lagen auf Romans Schultern und wie schon die letzte Zeit schnüffelte seine Nase zufrieden über Romans Haut. Es schien, als würde der Kater diesen Duft mögen, während sein weicher Schwanz Romans Innenschenkel hoch und runter strich.

Roman lag still und fing schließlich den Schwanz ein, weil die sanften Berührungen eine Wirkung auf ihn hatten, die er nicht wollte und die ihm sehr peinlich sein würde, wenn Maung jetzt wach wurde. Als Entschuldigung, weil er den Schwanz festhielt, strich er mit den Fingern darüber und schob Maung dann aber doch vorsichtig von sich, weil er dringend ins Bad musste. So entging ihm das Bild, wie Maung - einem Wurm nicht unähnlich - suchend durch das warme Bett robbte. Doch er fand nichts, um sich anzukuscheln. In Ermangelung dessen griff er sich also das Kissen, das noch nach Roman roch, kugelte sich darum zusammen und verschwand mit seiner neuen Beute wieder unter der Decke.

Roman machte sich im Bad fertig und fühlte sich so gut wie schon lange nicht mehr. Jetzt musste es nur noch ein ruhiges Wochenende werden, ohne Notfälle. Gut gelaunt zog er sich an und da Maung noch fest zu schlafen schien weckte er ihn nicht, sondern machte sich nur eine Tasse Kaffee und setzte sich damit vor seinen Laptop, um die E-Mails zu checken. So verging die nächste Stunde und als das Telefon plötzlich schellte war er nicht der einzige, der sich erschrak. Auch Maung unter seiner Decke war von dem merkwürdigen Geräusch irritiert und wenn er morgens geweckt wurde und nicht langsam ausduseln konnte, dann sank seine Laune schlagartig in den Keller. Und so war es nicht verwunderlich, dass er ein Gesicht wie ein angreifender Löwe zog, als er unter der Decke vorguckte und den Feind suchte, der lärmend auf dem Nachttisch lag.

„Tut mir Leid, Kleiner. Hab vergessen es mit runter zu nehmen.“ Roman hechtete zum Nachttisch und nahm das Gespräch an. Er setzte sich aufs Bett und strich Maung als Entschuldigung durch die Haare. Sein Wunsch war anscheinend nicht an der richtigen Stelle angekommen. Am anderen Ende war die Besitzerin der Birmakatze, die er gestern behandelt hatte. Ihre Katze wäre krank, erklärte sie aufgeregt und bat ihn vorbeizukommen. Der erste Notfall des Tages war also schon vor dem Frühstück fällig.

Maung hörte mit seinen guten Ohren jedes Wort und als Roman sich erhob, um zu gehen, sah er ihm verstört hinterher. Was sollte das denn jetzt? Wurde er schon wieder alleine gelassen? An was für einen Idioten war er denn hier geraten? Der schubste einen in ein Wechselbad der Gefühle, denn Maung wurde sauer.

„Tut mir Leid, Maung, ich muss weg.“ Roman hatte seine Tasche geholt und kam jetzt noch einmal ins Schlafzimmer. „In der Küche ist alles für ein Frühstück. Ich hoffe, es dauert nicht sehr lange.“ Der Tierarzt liebte seinen Beruf, aber gerade heute verfluchte er ihn, aber es nutzte nichts, er musste los.

„Beeil dich nicht“, knurrte Maung und verschwand wütend und irgendwie auch verletzt wieder unter seiner Decke. Er hatte sich den Tag heute anders vorgestellt. So wie es geklungen hatte, war Roman heute nicht in der Praxis. Sie hätten etwas unternehmen können, denn der Schnee, der gestern gefallen war, lag immer noch. Aber nein, da bandelte der Kerl lieber mit Weibern an und ließ sich offensichtlich auch noch belügen. Hatte der denn keinen Sinn für gespielte Panik? Das spürte doch jeder, dass die was anderes im Kopf gehabt hatte, als ihre Katze. „Hau doch ab, Idiot.“

Mit vielem hatte Roman gerechnet, aber nicht damit, dass er schon wieder beschimpft wurde und so ließ er seine Hand sinken, mit der er Maung durch die Haare wuscheln wollte. Da hatte er sich wohl zu früh gefreut, dass sie sich endlich verstehen würden. „Das werde ich machen“, knurrte Roman und seine gute Laune war wie weggeflogen. Ohne ein weiteres Wort stand er auf und verließ das Haus.

Kaum war die Tür zu, ließ Maung auch schon eine Schimpftirade auf Roman los und warf die Decke von sich. Fluchend warf er sich von einer Seite auf die andere und seine Krallen schlugen sich in die Matratze. Er war versucht sie durch den Stoff zu ziehen und das Ding in Fetzen zu reißen, doch dann ließ er es doch bleiben. Er musste etwas anderes finden, um sich abzureagieren.

Der Kater sah durch das Zimmer und sein Blick blieb auf dem Kleiderschrank hängen und ein böses Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Mit einem Satz war er aus dem Bett und beim Schrank, den er gleich öffnete. „Mal sehen, was wir hier so finden“, murmelte er leise und fing gleich an zu wühlen.

Hemden, Pullover, Hosen, Socken. Alles flog im hohen Bogen auf den Boden, bis der Kater knietief in Klamotten stand, dann hatte er ein Bündel Socken gefunden, aus der er genüsslich mit einer Kralle immer wieder vereinzelte Fäden zog - so zwei bis drei Meter. Doch dann fiel sein Blick auf die Unterwäsche seines Herrn und er grinste dreckig.

„Die brauchst du doch sowieso nicht mehr, oder?“, fragte er gehässig und zog eine Kralle quer über den Stoff. Er zog Fäden und hinterließ kleine Löcher - wie dekorativ.

Da es ja nicht ging, dass nur eine Unterhose dekorativ verschönert wurde, verfuhr Maung mit den anderen genauso und war recht zufrieden mit seinem Werk. Kurz überlegte er, ob Romans Hosen nicht auch eine Verschönerung brauchten, verwarf den Gedanken aber vorerst wieder. Das konnte er sich für später aufheben. Er wollte erst einmal sehen, wie Roman auf diese Überraschung reagierte. Zufrieden mit seinem Werk richtete er die Unterhosen rings um sich auf den Teppich und verschwand kurz in der Küche, um sich etwas zu essen zu suchen. Dass dabei das eine oder andere zufällig auf die Fliesen fiel und noch viel mehr aus Versehen breit getreten wurde, das war nun wirklich nicht die Schuld des Katers.

Allerdings achtete er darauf, dass er den Dreck nicht im ganzen Haus verteilte. Er war wütend auf Roman, doch das Haus gehörte ihm nicht. Aber die Schweinerei, die er in der Küche anrichtete, konnte sich durchaus sehen lassen. Mit seinem Frühstück setzte er sich in den Sessel und vertrieb sich seine Zeit erst einmal mit Fernsehen. Dabei hatte er sich eine besonders schöne Unterhose mitgenommen, um sich mit der die Zeit zu vertreiben. Er trennte sie langsam auf und zerfetzte jedes Stück mit Genuss. „Treib dich nur weiter mit Weibern herum. Du wirst sehen, was du davon hast“, fauchte Maung in seiner Wut. Roman war sein Herr, er gehörte Maung.

Was fiel dem überhaupt ein, ihn wegen so einer Tussi allein zu lassen? Maung zerknüllte das Stück Soff in seiner Hand und knurrte. Was hatte Roman mit gestern bezwecken wollen? Wollte er einfach nur sein ruhiges Leben wiederhaben? „Das kannst du vergessen“, zischte Maung und fetzte den Stoff in kleine Fitzelchen. Fast wäre er auf die Masche dieses Idioten reingefallen, doch das Schicksal war ihm zur Hilfe gekommen - der würde sich noch umgucken.

Mit einem zufriedenen Grinsen warf Maung die Stofffetzen wie Konfetti in die Luft und sah zu, wo sie überall landeten. Das schwarz der Unterhose machte sich gut auf dem braunen Parkett. Sehr hübsch. Maung fing an sich zu putzen, das entspannte ihn meistens.

Seine Finger kämmten durch die langen Haare am Schwanz und ohne es zu wollen, erinnerte er sich an den letzten Abend, wo Roman immer wieder darüber gestreichelt hatte. Warum konnte er diesen Idioten nicht aus seinen Gedanken vertreiben? Wütend über sich, weil selbst bei seiner Lieblingsbeschäftigung dieser Idiot durch seine Gedanken geisterte, sprang Maung auf und lief durchs Haus. Dabei kam er im Arbeitszimmer an dem noch nicht ausgeschalteten Laptop vorbei und musste schon wieder grinsen. Mal sehen was man alles Schönes mit dem lustigen Gerät machen konnte.

Maung hüpfte also auf den bequemen Bürostuhl und suchte sich erst einmal durch die Favoritenlisten. Ziemlich schnell war er bei Bringdiensten für Essen gelandet. Also essen konnte Maung ja immer - in jeder Lebenslage. Also stöberte er, was Roman so bevorzugte. Da waren eine Pizzeria und ein Asia-Restaurant. Maung las sich durch die Speisekarten und als er bei einem Sushi-Lieferservice hängen geblieben war, leckte er sich die Lippen. Sashimi soweit er gucken konnte. Maguro, Shake, Tai, Ebi - was das Katerherz begehrte. Nicht billig, aber das war ja nicht Maungs Problem.

Der Idiot war doch selber schuld, wenn er vergesslich war und sich seine Passwörter nicht merken konnte. Er musste den Auto-Login ja nicht nutzen. So konnte Maung nach Herzenslust bestellen, worauf er Hunger hatte und die Liste wurde lang. Schon allein bei dem Gedanken an all diese Köstlichkeiten lief ihm das Wasser im Munde zusammen. Da machte es nichts, dass er noch ein wenig warten musste. Er checkte seine Liste noch ein letztes Mal und schickte sie dann zufrieden grinsend ab.

Noch günstiger war, dass der Herr Idiot auch noch sein E-Mail-Programm offen hatte und so auch gleich noch die Bestätigungsmail über seine Bestellung einging, wo er auf einen Link klickte, um die Bestellung abzuschließen. „Wer ein teures Haustier hat, sollte sich das auch leisten können“, sagte Maung selbstgefällig und surfte so noch ein bisschen durch das Netz, um sich die Zeit zu vertreiben.

Das hatte den Vorteil, dass er nicht ständig an Roman denken musste und daran, dass er ihn für eine Frau allein gelassen hatte. Uups, wo kam denn auf einmal dieser Kratzer auf der Taste her? Maung zuckte mit den Schultern, zog aber die Krallen lieber wieder ein. Er sollte den Bogen nicht zu sehr überspannen. Er wusste, dass diese Geräte nicht billig waren und es zu zerstören war nicht sein Ziel. Besser er schaltete es aus und wartete vor dem Fernseher auf sein Essen.

Gesagt - getan.

Also rollte er sich wieder vor den immer noch laufenden Fernseher und wickelte sich in die Decke. Warum kam der Idiot nicht wieder? Was machte der so lange? Und wollte Maung das überhaupt wissen?

„Arschloch“, rief er laut und raufte sich die Haare. Warum konnte er diesen Idioten nicht einfach aus seinen Gedanken streichen? Das war doch zum verrückt werden. Maung warf sich auf der Couch hin und her. Selbst der Fernseher konnte ihn nicht wirklich ablenken. Es war schon fast eine Erlösung, als es an der Tür klingelte.

„Futter“, rief er freudig. Doch ehe er enthusiastisch an die Tür lief, griff er sich die Mütze von der Garderobe, um seine Ohren zu verbergen. Den Schwanz stopfte er unter den Pullover. So viel hatte er begriffen, wenn jemand erfuhr, was er war, dann war der Ärger vorprogrammiert. Also eilte er gut präpariert an die Tür und nahm eine große Tüte in Empfang.

Roman wunderte sich schon etwas, als er vor die Garage fuhr und er sah, wie Maung an der Tür stand und etwas in Empfang nahm. Ein kurzer Blick zeigte ihm, dass das wohl der Lieferservice seines Lieblingsjapaners war und sein Blick verfinsterte sich. Was hatte dieser bekloppte Kater schon wieder angestellt? Seine ganze Entspannung der letzten Stunden war schlagartig dahin, als er mit finsterem Gesicht zur Tür ging.

Er guckte nicht schlecht, als ihm die Tür von einem grinsenden Maung vor der Nase zugeschlagen wurde. Maung hatte ihn sehr wohl gesehen und auch das finstere Gesicht. Und weil er glaubte, dass Roman ganz bestimmt nicht derjenige war, der Grund dazu hatte, wollte er ihm erst einmal einen geben, während er schon die Finger in der lecker duftenden Tüte hatte.

„Du elendes Mistvieh“, knurrte Roman, aber so leise, dass der Mann vom Lieferservice das nicht hörte. Der guckte sowieso schon so komisch. Ein wenig ruppig schloss er die Tür auf und schmiss sie hinter sich zu. „Was denkst du dir eigentlich?“, brüllte er gleich los und stürmte durch das Haus. Wenn er dieses Vieh erwischte, konnte es sich aber warm anziehen.

Derweil stromerte Maung weiter ins Wohnzimmer, wo gerade ein Bericht über Leoparden in Afrika lief. Den wollte er sehen und er hatte beschlossen, Roman einfach zu ignorieren. Lieber schob er sich ein Sashimi mit Lachs in den Mund und stöhnte genießend, als er wieder unter dem Deckenberg verschwand, freilich mit seiner Beute.

Allerdings konnte er sie nicht lange genießen, denn die Decke wurde von ihm gerissen und ein wütender Roman griff sich die Tüte. „Spinnst du eigentlich? Wie kommst du dazu, einfach was zu bestellen?“, fragte er wütend und hielt die Tüte außerhalb von Maungs Reichweite. Der Kater funkelte ihn an und die Muskeln spannten sich. Er sprang und griff sich die Tüte und wie schon das letzte Mal verschwand er auf dem Schrank, setzte sich aber dieses Mal so, dass Roman ihn weder am Schwanz noch am Ohr ziehen konnte und versuchte den Mann zu ignorieren. Der stank ja förmlich nach Sex - ekelerregend.

„Komm sofort da runter, du Arsch“, tobte Roman vor dem Schrank, allerdings in sicherer Entfernung. Der Kratzer in seinem Gesicht war noch immer da und heilte nur langsam. So war der Kater eindeutig im Vorteil. „Wenn du so weiter machst, dann werde ich dich kastrieren, davon kannst du ausgehen. Und wenn du glaubst, ich sage das nur so, lass dir gesagt sein, ich habe schon jede Menge Kater kastriert, schließlich bin ich Tierarzt“, knurrte er wütend und ging nach oben. Er wollte duschen. Vielleicht beruhigte ihn das ein bisschen.

„Wer hier kastriert werden sollte, ist die Frage. Ich stinke nicht wie ein paarungswilliger Iltis. Ich vögele nicht sinnlos in der Gegend rum, weil mir gerade so ist, du Wichser!“, brüllte Maung hinterher. Vielleicht war seine Zunge schneller gewesen als sein Kopf, doch gesagt war gesagt. Was ging es ihn eigentlich an, was Roman tat? Doch es störte ihn und zwar so sehr, dass ihm nicht einmal mehr sein leckeres Sushi schmeckte - das ärgerte Maung am meisten.

„Das geht dich verdammt noch mal nichts an, wen ich vögle.“ Roman war wieder zurück ins Wohnzimmer gekommen und funkelte Maung wütend an. „Und nur weil du das nicht machst, muss ich das noch lange nicht genauso machen. Ich mag Sex und ich habe ihn, wann ich will, verstanden?“ Er streckte Maung den Mittelfinger hin und ging nun endlich nach oben.

So sah er nicht wie verletzt Maung ihm hinterher sah. Es ging ihn also gar nichts an. Er war nur ein Haustier. Zu nichts nütze und wurde ständig nur angebrüllt. Kurz flackerte der Gedanke auf, sich einfach aus dem Staub zu machen, doch wohin? Er kannte dieses Land nicht und es war kalt da draußen. Doch das hinderte Maung nicht daran, lautlos vom Schrank zu krauchen. Seine Beute ließ er, wo sie war und zog sich in den Keller zurück. Vielleicht fand Roman ihn da nicht. Maung wollte jetzt nur allein sein. Er war irritiert und die Lust auf Streiten war ihm vergangen.

Roman stapfte die Treppe hoch und riss sich förmlich die Kleider vom Leib. Er stellte sich unter die Dusche und das warme Wasser tat die erhoffte Wirkung. Seine Wut beruhigte sich und er dachte über das nach, was er gesagt hatte. Er seufzte und lehnte sich gegen die Fliesen. Ihm war klar, dass er ziemlich überreagiert hatte, aber rückgängig konnte er es auch nicht mehr machen. Er sollte sich wohl bei Maung entschuldigen. Mit diesem Gedanken verließ er die Dusche, vergaß seinen Vorsatz aber gleich wieder, als er das Chaos in seinem Zimmer und seine Unterhosen sah. Noch wütender als vorher zog er sich an, ließ die Unterhosen einfach weg und ging aus dem Haus, ohne sich noch einmal umzusehen. Er brauchte jetzt etwas um sich abzulenken, sonst flogen hier gleich die Fetzen und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

Das Knallen der Tür hörte auch Maung, der sich in einem Zimmer im Keller im Dunkeln verkrochen hatte. Er hatte Angst und ihm war kalt, doch er wagte sich nicht zu bewegen. Er fühlte sich wie gelähmt und konnte nicht verhindern, dass ihm Tränen über die Wangen liefen, während er die Arme fest um die Knie schlang. Warum hatte Roman das gesagt? Hasste er ihn so sehr?



06

Immer wieder drückte Martina auf die Klingel und hüpfte von einem Fuß auf den anderen. „Komm schon, mach auf, mir fallen gleich die Arme ab“, murmelte sie und balancierte den großen Adventskranz auf ihren Armen. So wie sie Roman kannte, hatte der doch so etwas gar nicht im Haus und auch keine sonstige Weihnachtsdeko. Dabei war doch heute der erste Advent und der musste gefeiert werden.

Sie hatte Glück und ihr wurde recht schnell geöffnet. Als erstes bekam Roman den Kranz in die Hand gedrückt, bevor er noch etwas sagen konnte, dann schlängelte sich die junge Frau ins Haus, damit sie aus der Kälte kam.

„Was soll ich denn damit“, brummte Roman, der im Moment überhaupt keinen Sinn für Weihnachten hatte.

„Bratwürste dran hängen - boah, kannst du Fragen stellen!“ Martina verdrehte die Augen und sah sich suchend um. Doch was sie nicht sah, war Maung und das ließ sie Böses ahnen. „Heute ist der erste Advent, den ich eigentlich mit euch feiern wollte. Komme ich ungelegen?“ Doch eigentlich wollte sie gar keine Antwort darauf, lieber rief sie nach dem Kater.

„Ohne mich, ich hab zu tun.“ Roman stellte den Kranz auf dem Schränkchen im Korridor ab und ging wieder ins Arbeitszimmer. „Maung wird wohl im Wohnzimmer sein“, rief er noch über die Schulter und schloss die Tür hinter sich. Vielleicht hielt das Martina davon ab, ihn zu löchern, was passiert war. Seit gestern hatte er nicht mehr mit Maung geredet und der Kater ging ihm eh so gut es ging aus dem Weg.

Martina sah ihm irritiert nach. Was ging denn hier ab? „Hallo“, fragte sie, doch sie wagte nicht die Tür zu öffnen. Wenn Roman so drauf war, dann hielt man sich fern - das war früher so gewesen und heute war das sicher nicht anders. Doch ihre Sorge um Maung stieg. Sie rief noch einmal und kam ins Wohnzimmer, sah sich um und erblickte den flauschigen Schwanz erst beim zweiten Blick. viel mehr war von dem Kater nicht zu sehen, der unter der Decke zu hocken schien.

„Süßer“, murmelte sie leise und setzte sich neben Maung auf die Couch. Sie ahnte nichts Gutes, als sie die Decke ein wenig hochhob und sie in ein todtrauriges Gesicht blickte. Das hatte doch vorgestern so gut ausgesehen, mit den beiden. Was war bloß passiert, dass sich jeder vor dem anderen verkroch? „Hey. Was ist los, mein Schatz?“, fragte sie. Dabei strich sie dem Kater über die Wange und lächelte.

Doch wie erwartet kam erst einmal nur ein: „Nichts“, denn Maung hatte die stille Hoffnung, dass Martina nicht weiter bohrte. Was los war, war nämlich eine sehr gute Frage. Maung wusste es nicht. Er fühlte sich verletzt und abgeschoben, doch das konnte er nicht sagen. Außerdem hatte er Hunger. Und deswegen zog er die Decke wieder über den Kopf und versuchte zu schlafen.

„Maung?“ Martina blinzelte einmal und ihr Herz rutschte ihr in die Hose. Was war bloß passiert? Ihr kleiner Liebling sah elend aus, darum zog sie ihn mitsamt Decke an sich und wiegte ihn hin und her. „Was ist passiert?“, fragte sie und hob die Decke wieder ein wenig an, damit sie Maung ansehen konnte. Doch der senkte nur den Kopf und versuchte wieder unter seine Decke zu kriechen.

„Gar nichts“, versicherte er und schniefte, weil ihm die Nase lief. Die Nacht im Keller hatte ihm sein schmaler Körper ziemlich übel genommen, doch Maung hatte sich von dort nicht wegbewegen können. Er war wie gelähmt gewesen. Es war ja nicht so, als wäre Roman seine große Liebe, doch zu wissen, dass er in diesem Haushalt völlig überflüssig und ungewollt war, weil Roman auf Frauen stand und ihn noch nicht einmal bestellt hatte, tat weh und es machte ihn lethargisch.

„Das sehe ich, dass gar nichts passiert ist. Du bist ja auch furchtbar fröhlich und Roman ist auch mal wieder die Liebenswürdigkeit in Person.“ Martina versuchte nicht genervt zu klingen, aber so langsam hatte sie den Eindruck, dass sie gegen Windmühlen kämpfte. Die Situation zwischen den beiden wurde immer schlechter, anstatt besser. Sie strich Maung über den Kopf und gab ihm ein Taschentuch. „Hast du dich erkältet? Wie ist denn das passiert?“

„Ich?“, fragte Maung überflüssigerweise, doch dann seufzte er ergeben. „Bin aus Versehen im Keller eingeschlafen. Das hat mit Roman nichts zu tun“, schob er gleich erklärend hinterher und ahnte schon, als er ausgesprochen hatte, dass er Martina damit genau auf seine Fährte lockte.

„Was machst du denn im Keller? Und versuch nicht mir zu erklären, dass du da freiwillig runter bist. Ich kenn den Keller hier, das ist nicht gerade ein gemütlicher Ort“, fragte Martina auch gleich und sah Maung forschend an. „Was hat Roman gemacht? Ihr habt euch doch schon so gut verstanden, als ich das letzte Mal hier war.“

„Er hat nichts gemacht. Ich habe wohl was gemacht. Seine Unterhosen zerfetzt und Essen bestellt und dann hat er geschrieen und ist gegangen und...“ Maung stammelte nur vor sich hin, er brachte alles in seinem Kopf völlig durcheinander und so zog er die Decke wieder höher. „Ich gehöre hier nicht hin und er will mich nicht haben. Ich will zurück.“ Doch das sagte Maung nur sehr leise. Er fühlte sich elend.

„Ach Schätzchen“, murmelte Martina und umfing Maung fester. „Wann war das denn und warum hast du seine Unterhosen kaputt gemacht?“ Sie seufzte und hielt Maung fest, damit er nicht mehr das Gefühl hatte, alleine zu sein. Sie musste nachher unbedingt mit Roman reden. Was hatte dieser Trottel wieder gemacht? Dass ihr Freund Schuld war, stand für sie außer Zweifel.

„Er roch nach Sex, als er zurückkam. Meine Nase ist etwas besser als die von Menschen“, sagte er entschuldigend, gerade so, als hätte er das, was er bemerkt hatte, eigentlich nicht bemerken dürfen, vielleicht war es auch so, denn darauf angesprochen war Roman ja förmlich explodiert. „Und mich wollte er kastrieren.“ Maung sank in sich zusammen und der lange Pony fiel ihm ins Gesicht. Die Ohren hingen erbärmlich.

„Herzchen, entschuldige dich doch nicht dafür, dass du besser riechen kannst.“ Martina ahnte fürchterliches und Roman konnte sich was anhören. Wie konnte dieser Blödmann nur so etwas sagen? Dafür gab es keine Entschuldigung, auch wenn er wütend war „Schätzchen, Roman hat das zwar gesagt, aber machen würde er das nicht. Er muss ziemlich wütend gewesen sein. Hat er sehr geschrieen und wie ist es dazu gekommen?“

Maung seufzte und sank noch etwas mehr in sich zusammen. Dann fing er langsam an zu erzählen. Wie sie morgens aufgewacht waren und von dem Telefon, dass Roman einfach weggegangen war und wie Maung ganz deutlich an der Stimme gehört hatte, dass es den Notfall gar nicht gab. Wütend hatte er sich abgelenkt, die Unterhosen gefunden und auch die Sushi-Bestellung ließ er nicht aus. „Dann kam er heim, schnauzte mich an. Wollte mich kastrieren und war wieder weg. Ich saß im Keller und konnte mich nicht bewegen. Ich habe Angst vor ihm. Ich kann das nicht erklären.“ Sein Schwanz zuckte nervös.

Martina hörte sich alles an und jetzt verstand sie, was hier passiert war. „Ach du meine Güte.“ Sie sah Maung traurig an und drückte ihn an sich. „Egal wie wütend Roman auch ist und wie sehr er schreit, brauchst du keine Angst vor ihm haben. Er würde dir nie etwas tun. Das weiß ich ganz sicher und dass er so heftig reagiert hat, das kann ich erklären.“ Martina stand auf und ging zum Schrank. Dort holte sie ein Album hervor und setzte sich damit wieder zu Maung. „Weißt du, Roman sah nicht immer so aus wie heute. Er hat sich erst in den letzten Jahren verändert, als er angefangen hat zu studieren und darum ist er etwas empfindlich, wenn man ihn auf Sex anspricht oder ihn deswegen kritisiert.“

„Ich hab ihn doch gar nicht kritisiert“, maulte Maung und seine Ohren stellten sich wieder etwas auf, als er die ersten Bilder sah. Das sollte Roman sein? „Aber wie kann er sagen, dass ich kastriert werden soll, während er durch die Gegend hurt.“ Dabei sah er auf den dicken, verpickelten Teenager auf den Bildern. Er verstand zwar nicht, was das mit Romans schlechter Laune zu tun hatte, doch neugierig sah er weiter auf die Seiten.

„Er hat das, was du gesagt hast, als Kritik verstanden. Wenn er nicht schon wütend gewesen wäre, hätte es ihm vielleicht nichts ausgemacht.“ Martina kraulte Maung zwischen den Ohren, damit er wusste, dass sie das nicht böse meinte. „Roman wurde als Kind und Jugendlicher immer nur gehänselt, dass er nie eine Frau abbekommen würde und seit dem ist er, was Sex betrifft, recht empfindlich. Die Frauen rennen ihm hinterher und manchmal habe ich den Eindruck, er rächt sich dafür, dass man ihn früher nicht beachtet hat, dadurch, dass er mit ihnen schläft und sie dann links liegen lässt. Sie bedeuten ihm nichts.“

„Aha“, machte Maung und er wusste nicht, wie er das jetzt bewerten sollte. „Er ist ein ziemlicher Arsch oder? Warum musste ich hier landen?“ Für Maung war klar, dass er hier keine Zukunft hatte. Durch ein Versehen hatten sich ihre Wege gekreuzt, nicht weil Roman ihn haben wollte. Und dass der Mensch das ganz bestimmt nicht wollte, ließ er Maung immer wieder spüren. „Er sollte mich weggeben und sich eine richtige Katze kaufen“, murmelte er leise und musste sich selbst eingestehen, dass Roman sich doch arg zu seinem Vorteil verändert hatte.

„Nein, Roman ist eigentlich sehr nett. Hilfsbereit und auch durchaus uneigennützig. Ich weiß auch nicht, warum er sich mit dir so schwer tut.“ Martina wollte nicht, dass Maung schlecht über Roman dachte, denn das hatte er nicht verdient. „Er hat nichts gegen dich, ich würde sogar sagen, dass er dich mag, auch wenn du das wohl nicht glaubst.“ Sie konnte am Gesicht des Katers sehen, dass es wohl wirklich so war. „Im Moment seid ihr beide sehr gereizt und empfindlich. Ignoriere ihn. Wenn du ihn reizt oder ärgerst, dann schreit er nur wieder und dabei ist ihm kaum einer gewachsen.“

„Ich geh ihm aus dem Weg“, erklärte Maung seinen Plan, auch wenn er wusste, dass das nicht ewig so weiter gehen konnte. Aber im Augenblick wusste er keinen besseren Weg. „Ich lausche, wo er ist und geh dann einfach wo anders hin. In der Küche war ich heute... ah! Mein Sushi von gestern.“ Maung schoss plötzlich hoch, denn auf dem Schrank lag doch noch sein Essen. Sein Magen knurrte sofort begeistert.

„Nicht, das kannst du nicht mehr essen.“ Martina war auch aufgesprungen und Maung hinterher gegangen. „Komm, ich mach dir was. Von dem alten Fisch wirst du nur krank. Ich wollte eigentlich Plätzchen backen mit dir und da Roman im Arbeitszimmer ist, wüsste ich nicht, warum wir das nicht machen sollten. Heute ist der erste Advent, da ist das Tradition.“

„Aber?“ Maung sah mit großen Augen zu, wie Martina die Tüte an sich nahm und sein Schwanz wedelte aufgebracht. Doch er wagte nicht zu widersprechen, sondern folgte auf leisen Sohlen in die Küche. Er hatte immer ein Ohr auf Roman, doch der kam aus seinem Zimmer nicht raus. Zum einen war Maung darüber ganz froh, zum anderen aber machte es ihn auch wütend. Aber wie hatte Martina gesagt? Ignorieren - und sie lenkte ihn gut ab.

„Schätzchen, das ist roher Fisch und der wurde nicht gekühlt. Wenn du den isst, holst du dir eine Fischvergiftung. Glaub mir, das willst du nicht wirklich. Das ist alles andere als angenehm und man kann sogar daran sterben.“ Sie knuddelte den immer noch aufgebrachten Kater und küsste ihn auf die Stirn. „Ich mach dir was Leckeres und dann backen wir. Darauf freu ich mich das ganze Jahr und mit einem Freund macht es noch mal so viel Spaß.“

„Ich hab noch nie gebacken. Ich war im Allgemeinen nie in Küchen. Wir haben unser Essen immer fertig bekommen. Außer beim Idioten, der wollte mir Dosenfutter vorsetzen.“ Maung konnte es aber auch nicht lassen, er musste sticheln. Die beiden waren wirklich wie die sprichwörtlichen Hund und Katze. Und weil er nicht krank werden wollte, ließ er sich davon überzeugen, das leckere Sushi in der Tonne zu entsorgen. Er winkte wehmütig hinterher, als Martina den Deckel wieder schloss und seufzte, während sein Magen knurrte - komische Geräuschkombination.

„Kleiner Stinker“, lachte Martina, schüttelte den Kopf. Wenn Maung das bei Roman auch immer so machte, war ihr klar, warum der regelmäßig austickte. „Was möchtest du denn? Fisch oder Fleisch? Roh, gebraten oder gekocht?“ Sie hatte sich einen kurzen Überblick im Kühlschrank verschafft und war mit der Auswahl durchaus zufrieden.

„Mach was, was schnell geht“, schlug Maung vor und setzte sich - nachdem er noch einmal nach Roman gelauscht hatte - auf die Anrichte neben dem Herd. Aber immer bereit zu flüchten, sollte Roman auftauchen. Sein ganzer Körper war angespannt. „Hat er eigentlich viele Frauen?“ Huch - wo kam diese Frage denn her? Maung lief rot an und wiegelte ab, es ginge ihn ja schließlich nichts an.

„Okay.“ Martina hatte spontan auch Hunger bekommen und legte drei große Stücke Lachs in die Pfanne. Maung sah hungrig aus und sie befürchtete, dass er heute noch gar nichts gegessen hatte. Der Fisch brauchte nicht lange und nach ein paar Minuten bekam der Kater einen köstlich duftenden Teller gereicht. „Guten Appetit.“

„Danke“, murmelte er nur und kaute schon zufrieden. „Hm, das ist gut!“ Er verdrehte die Augen und hatte noch nicht geschluckt, da schob er sich schon das nächste Stück in den Mund. Das leise Schmatzen zusammen mit dem Schnurren klang merkwürdig, aber Maung schien es wieder besser zu gehen.

Martina lächelte zufrieden und setzte sich neben Maung. Erst jetzt beantwortete sie dessen Frage nach Romans Frauen. „Roman und die Frauen“, meinte sie leise und seufzte. „Ich weiß es nicht so genau, aber ich glaube so viele Frauen sind es auch nicht. Er vögelt also nicht ständig in der Gegend rum, oder geht aus, um sich welche aufzureißen. Aber es ist wohl so, dass die Frauen ihm hinterher rennen und wenn ihm eine gefällt, nimmt er sie mit.“

„Ach so“, sagte Maung. Er versuchte seine Stimme neutral zu halten, doch er konnte nicht verbergen, dass es irgendwie nicht das gewesen war, was er heimlich hatte hören wollen. Sicher, Martina bestätigte nur, was er sich auch schon gedacht hatte, doch bis jetzt hatte er sich immer noch naiv einreden können, dass das gestern ein Ausrutscher gewesen war. Aber es schien nicht an dem zu sein. „Er mag also Frauen, verstehe“, brachte er sein Problem auf den Punkt.

„Ja, das tut er.“ Martina konnte sich erst nicht erklären, warum das so wichtig für Maung war, aber dann erinnerte sie sich, was der Kater ihr über sich erzählt hatte. „Oh“, machte sie und riss die Augen auf. „Du meinst, du…? Du willst…? Roman?“ Martina sah Maung an. „Oh man.“

„Ich will ihn nicht!“, ereiferte sich Maung und seine Stimme überschlug sich. Er konnte gar nicht so schnell abwehren, wie es ihm peinlich war, erwischt worden zu sein. „Den doch nicht! So einen Idioten, ich bitte dich!“ Maung wusste nicht was er sagte, er versuchte nur noch seine Haut zu retten - doch warum? Es machte doch nicht viel Sinn. Ob er Roman nun wollte oder nicht - der wollte Maung nicht.

„Ach so, ich dachte schon“, schmunzelte Martina und musste sich ein Grinsen verkneifen, schließlich wollte sie nicht, dass Maung merkte, dass sie ihn durchschaut hatte. Einerseits war es traurig, aber andererseits auch spannend. Roman hatte zwar jede Menge Frauen, aber sie bedeuteten ihm nichts. Das gab doch jede Menge Raum für Spekulationen und Martina fasste den Plan, alles dafür zu tun, dass Maung glücklich wurde.

„Ja, eben!“ Maung beruhigte sich wieder, als er merkte, dass Martina auf seine Ablenkung eingegangen war und so aß er weiter, denn er war noch nicht satt. Das war wohl seinen Genen zu verdanken, denn Katzen aßen was sie kriegen konnten. „Pf. Ich und was von Roman wollen. Von dem.“ Er schüttelte den Kopf und lachte angespannt.

„Ja, eben. Wer will schon was von so einem Idioten.“ Martina wuschelte Maung durch die Haare, damit er ihr Grinsen nicht sehen konnte. „Iss auf, ich bereite alles fürs Backen vor“, lachte sie gut gelaunt und packte die Taschen aus, die sie mitgebracht hatte. Roman hatte doch bestimmt nichts im Haus.

Während sie alles auf die Arbeitsplatte legte, sang sie leise Weihnachtslieder, um in Stimmung zu kommen. Maung hörte ihr aufmerksam zu und als er die Melodie eines der Lieder erkannte, sang er mit. Er kannte nur den englischen Text, doch das machte nichts. Lieber sah er neugierig zu, was Martina tat und wusch sich - wenn auch widerwillig - die Hände. Wasser war eben nicht sein Element, doch als er meinte, er konnte sich die Hände auch sauber lecken, hatte er nur einen tadelnden Blick gefangen. Mit sauberen Fingern und gespitzten Ohren stand er nun am Tisch und guckte zu, was Martina alles aus Tüten und Schränken gezaubert hatte. Roman war vergessen.

„Guck mal, Süßer.“ Martina schwenkte eine Flasche. „Ich habe dir Fruchtpunsch mitgebracht. Ist so ähnlich wie Glühwein, nur ohne Alkohol. Macht also keine Kopfschmerzen. Wenn wir die Plätzchen fertig haben, müssen wir sie probieren und dazu gibt es Punsch. Das Beste am Backen ist nämlich das Probieren hinterher.“

„Am liebsten würde ich das Backen überspringen und gleich probieren“, erklärte Maung mit leuchtenden Augen und Blick auf die Flasche. Auch wenn die Kopfschmerzen am nächsten Tag die Hölle gewesen waren, so war der Glühwein doch extrem lecker gewesen. Die Vorstellung, diesen leckeren Geschmack ohne den anschließenden Schmerz zu bekommen, war verlockend. Deswegen strich er nun immer um die noch verschlossene Flasche herum und schnüffelte.

„Naschkater“, zog Martina ihn auf, aber den bettelnden Augen konnte sie nicht widerstehen. „Okay, ich mach dir etwas warm, aber dann wird gebacken“, gab sie nach. Aber eigentlich fand sie es nicht schlimm. Hauptsache Maung lächelte wieder, so wie jetzt. Darauf hatte sie heue nicht mehr zu hoffen gewagt, so wie sie den Kater vorhin vorgefunden hatte.

„Ja, ja!“ Maung nickte begeistert und seine Augen folgten nun der Flasche mit dem leckeren Inhalt überall hin. Kaum hatte Martina den Punsch in Tassen gegossen und trug sie zur Mikrowelle, verteilte sich der Duft von Weihnachten in der Küche, kroch langsam durch das Haus. Gewürze und Zitrusfrüchte. Mit Genugtuung sah Maung, dass nur zwei Tassen gefüllt wurden. Roman war wohl nicht eingeplant. Das hatte er verdient. „Was backen wir? Wird das lecker werden?“

Martina blätterte in ihrem Rezeptbuch und sah gar nicht auf, als sie antwortete. „Mal schauen, wie es klappt. Ich wollte Plätzchen ausstechen auf jeden Fall. Die werden zum Teil an den Baum gehängt. Gerne mag ich auch Schwarz-Weiß Gebäck und Vanillekipferl. Mal schauen, wie wir das schaffen.“ Sie legte das Buch weg und lächelte. „Wenn du gerne Süßes isst, dann ist das was sehr Leckeres.“

„Ui“, machte Maung, doch eigentlich hatte er gar nicht richtig zugehört. Er lauerte vor der Tür der Mikrowelle und beobachtete die Tassen beim Karussellfahren. Doch dann blickte er auf. „Essen an den Baum hängen? Muss man die dann dort runter knabbern oder warum?“ Das verstand er nicht, denn für ihn machte das keinen Sinn. Er hatte Essen lieber griffbereit und mundgerecht. Auch wenn er ein Kater war und sein Jagdtrieb noch immer in ihm schlummerte, so ließ Maung ihn doch meistens weiter schlafen.

„Ja, das kann man machen“, schmunzelte Martina. „Zu Weihnachen hat man einen Weihnachtsbaum. Das ist eine Tanne, die man sich in die Wohnung holt. Den schmückt man mit Kerzen, Kugeln und bei manchen Familien halt eben auch mit Keksen. Er soll schön aussehen.“ Sie ging zur Mikrowelle, als diese sich meldete und holte die dampfenden Tassen raus. „Vorsicht, heiß“, warnte sie vor, damit Maung sich nicht den Mund verbrannte.

Also wartete der brav vor der dampfenden Tasse. „Bei uns gab es so was nicht“, sagte er kurz angebunden, doch dann widmete er sich mit mehr Elan als nötig dem Rezept und den Zutaten, um abzulenken, damit Martina nicht weiter fragte. Er wollte nicht nachdenken, denn dann fing er wieder an, seine Familie zu vermissen. Er fühlte sich immer noch allein, das konnte auch Martina nicht ändern.

Martina sah Maung an, sagte aber nichts. „Ist ja überall anders“, meinte sie dann nur und rührte den Punsch um, damit die Wärme sich gleichmäßig verteilte. „So, jetzt kannst du probieren. Aber vorsichtig.“ Sie nippte an ihrer Tasse und leckte sich über die Lippen. Das war wirklich lecker und eine gute Alternative zu Glühwein.

Maung ging es ähnlich. Die Nase dicht an den Punsch gehalten, saugte er das Aroma tief ein. „Lecker!“, murmelte er und kostete ebenfalls. Ja, er mochte diesen Geschmack und deswegen nippte er wieder und wieder und wieder, fluchte leise, weil alles noch arg heiß war, aber man konnte ja bekanntlich nicht alles haben.

„So, was muss ich machen?“, fragte er plötzlich, weil ja der Deal lautete: Punsch gegen Backen.

„Magst du abwiegen, was wir brauchen? Ich gebe dir Schüsseln und eine Waage. Das ist wichtig, weil die Zutaten stimmen müssen. Die Plätzchen sollen ja auch schmecken“, erklärte Martina und holte derweil schon alles aus den Schränken. „Ich knete alles zusammen und rolle den Teig aus. Ausstechen machen wir dann wieder zusammen.“

Maung nickte heftig, denn wichtige Sachen hatte er nur selten machen dürften. Um so mehr war der Kater jetzt mit Eifer bei der Sache und sah immer noch einmal im Rezept nach, damit er auch ja nichts verkehrt machte. „Mag Roman eigentlich nicht backen?“, fragte er nach einer Zeit, denn es war komisch, dass Roman sich gar nicht blicken ließ. Maung wusste ja selber nicht, warum ihn das bewegte.

„Im Grunde schon. Als Kinder haben wir Weihnachten immer zusammen gebacken. Eigentlich so lange, bis er zum Studium weggezogen ist.“ Martina lächelte, als sie an diese Zeit zurück dachte. Nicht selten hatten sie hinterher ausgesehen wie die Schweine, weil sie kleine Mehlkämpfe ausgetragen hatten. „Möchtest du, dass ich ihn frage, ob er mithelfen möchte?“

Nachdenklich wiegte Maung den Kopf. Doch dann schüttelte er ihn, dass der Pony nur so über die Augen flog. „Lieber nicht. Er mag mich nicht. Sich dann noch mit mir in einem Raum aufzuhalten ist bestimmt nicht gut für... für alles eben“, sagte Maung und versuchte zu verbergen, dass Romans kalte Schulter ihn ehr traf, als er in seinem Stolz zugeben würde. Allein die Vorstellung, nachher wieder mit dem Idioten allein zu sein, machte Gänsehaut.

„Okay. Ist wohl wirklich besser.“ Martina wuschelte Maung durch die Haare. Sie war nicht der Meinung, dass Roman Maung nicht mochte, aber das behielt sie für sich. Jetzt darüber zu diskutieren brachte nichts. „Gut, machen wir weiter, damit wir zu dem kommen, was Spaß macht.“ Sie rollte den Teig aus und zeigte Maung, wie er die Plätzchen ausstechen musste, damit sie die Form behielten. Zufrieden stellte sie fest, dass Maung den Teig effektiv ausnutzte und kaum Verschnitt hatte. Doch das war purer Eigennutz, denn so entstanden mehr Kekse, die er dann essen konnte. Denn so geschickt wie er sie ausgestochen hatte, platzierte Maung alles auf dem Blech und schob es hastig in den Ofen, während er schon skeptisch den Kurzzeitwecker beäugte.

Backofen – Wecker – Backofen.

Maungs Kopf ruckte ständig hin und her und als der Wecker endlich klingelte, zuckte er trotzdem zusammen. „Handschuhe“, rief Martina, als der Kater nach dem Blech greifen wollte. „Das ist heiß und du verbrennst dir die Finger.“ Das fehlte noch, dass Maung sich verletzte und Roman ihn dann verarzten musste. Es war doch jetzt schon klar, dass das nicht ohne Fauchen und Blessuren abging. Zwischen den beiden lag eine Spannung, die nicht zu erklären war.

„Ja, ja!“ Maung zog sich schnell die Handschuhe über und holte das Blech aus dem Ofen. Die Sandtaler waren goldgelb und dufteten verführerisch. Nur gut, dass er beide Hände brauchte, um das Blech in den kalten Flur zu tragen, wo es auf den Fliesen schneller abkühlen konnte als in der warmen Küche. Sonst hätte sich Maung wohl einen der Kekse gegriffen und sich den Mund verbrannt - die rochen aber auch zu gut!

So ging es dann eine Weile weiter. Schlag auf Schlag wurden die Plätzchen gebacken und zum Auskühlen in den Flur gebracht. Dabei hatte Maung die Gelegenheit, den einen oder anderen Keks zu probieren.

Ohne dass die zwei Bäcker es merkten, verfolgte Roman das Geschehen und wartete eigentlich darauf, dass man ihn bat mitzumachen. Es gab ihm einen Stich, dass das nicht kam, aber er war zu stolz, zu fragen. Mehr als einmal hatte er die Tür geöffnet, um den beiden zuzuhören, denn auch wenn er es nicht zugeben würde: es interessierte ihn, was die beiden zu reden hatten. Er hörte sie die ganze Zeit schnattern und lachen. Doch sein Name fiel nie.

Vermissten sie ihn nicht? Kamen sie gut ohne ihn aus? Waren die beiden etwa froh, dass er sich nicht blicken ließ? „Undankbares Vieh“, knurrte er leise, denn auf Maung war er noch wütender als auf Martina. Sie wusste sehr wohl, wie gern er solche Events mochte. Und der Kater? Der genoss es doch sicher, dass Roman nicht da war. Schließlich ging er ihm ja schon seit gestern aus dem Weg. Wahrscheinlich hatte Maung sich auch noch bei Martina über ihn ausgelassen.

Romans Gesicht wurde immer finsterer und als mal wieder fröhliches Lachen zu hören war, hatte er genug. Die beiden wollten ihn nicht haben, also konnte er ja wohl gehen. Es gab bestimmt die eine oder andere Frau, die gerne etwas Zeit mit ihm verbringen wollte. Er knallte den Laptop zu und griff sich seine Jacke, dann war er schon aus seinem Zimmer.

„Roman“, sagte Martina überrascht, als sie ihren Freud an der Küchentür vorbeischießen sah. Maung wandte sich hastig um, um zu sehen, in welcher Verfassung sein Herr war. Doch da war Roman schon im Flur, fluchte, weil er fast noch in ein Blech Kekse getreten wäre.

„Willst du weg?“, fragte Martina irritiert.

„Ja, will ich“, knurrte Roman und zog sich die Schuhe an. „Da ihr ja beschäftigt seid, ist es wohl egal, ob ich Zuhause bin oder nicht.“ Roman konnte nicht ganz verhindern, dass etwas von seiner Enttäuschung durchklang, dass man ihn ausgeschlossen hatte. „Wartet nicht auf mich, es wird spät werden“, sagte er noch und öffnete die Haustür. Erst da schaute er kurz zurück und man konnte erkennen, dass er verletzt war, wenn man ihn gut kannte.

„Roman“, sagte Martina wie vor den Kopf geschlagen. Was war denn jetzt los? „Du bist doch in dein Zimmer gegangen, ohne viele Worte zu verlieren. Ich weiß genau, dass es besser ist, dich dann nicht zu stören. Was wirfst du mir also vor?“ Sie konnte sich auf das Verhalten ihres Freundes keinen Reim machen.

Auch nicht Maung, der heimlich hinter ihr hervor schielte und nicht zu begreifen schien. Nur dass Roman ihn wieder alleine ließ, das begriff er sehr wohl. Doch Martina hatte empfohlen, Roman nicht zu reizen, sondern zu ignorieren, also zog er sich wieder Richtung Küche zurück, nachdem er sich drei Kekse geangelt hatte.

„Vergiss es, Tina. Ich weiß, warum ihr mich nicht dabei haben wollt.“ Ohne es zu merken, ging Romans Blick zur Küchentür, wenn auch nur kurz. Er wollte das jetzt nicht diskutieren, das gab nur Streit. „Macht ihr euer Ding, ich mache meins. So scheint es am Besten zu sein.“ Mit diesen Worten zog er die Tür hinter sich zu. Er brauchte jetzt dringend etwas, was ihn ablenkte.

„So ein Arsch“, murmelte Maung leise und biss wieder von seinem Keks ab. Er ahnte sehr wohl, wo Roman hin ging und es verletzte ihn. Doch was sollte er sagen? Roman wollte ihn nicht. Er tolerierte ihn maximal, mehr aber auch nicht. „Am liebsten würde ich wieder nach Hause gehen.“ Maungs Ohren hingen und sein Schweif auch. Er wandte sich um und ging tiefer in die Küche, kickte dabei aber einen von Romans Schuhen durch die Gegend.

Martina starrte immer noch auf die geschlossene Tür und versuchte zu verstehen, was gerade passiert war. Roman war böse auf sie, das hatte sie deutlich gespürt. Aber warum? Weil sie ihn nicht gefragt hatten, ob er mitbacken wollte? Er hätte doch nur signalisieren müssen, dass er etwas mit ihnen machen wollte. Sie seufzte und ließ den Kopf hängen. Das lief alles gar nicht so, wie es sollte.

„Hm?“ Maung war unbemerkt zurückgekommen und hatte ein Glas Punsch für Martina dabei, was er ihr aufordernd hinhielt. Vielleicht hätte er das jetzt nicht sagen sollen, denn langsam begriff er, dass sie ziemlich zwischen den Stühlen saß. Sie auf seine Seite ziehen zu wollen war nicht fair. „Wird schon wieder“, versuchte er also Diplomatie und lächelte. „Ich versuche ihn nicht mehr zu ärgern. Dann wird es vielleicht leichter.“

„Ach Süßer.“ Martina nahm die Tasse und jetzt war sie es, die sich an Maung lehnte. „Du ärgerst ihn doch gar nicht.“ Sie strich Maung über die Wange und lächelte leicht. Der Kater sollte nicht glauben, dass es seine Schuld war. „Lass uns weitermachen. Jetzt hier darüber zu grübeln, was falsch gelaufen ist, bringt nichts. Ich werde mit ihm reden, wenn ich ihn morgen sehe.“

Maung sagte lieber nicht, dass er sehr wohl das Gefühl hatte, Roman zu ärgern. Schließlich legte der Kater es ja auch oft genau darauf an. Dann beachtete Roman ihn wenigstens, wenn auch nur mit wütendem Blick und ausfallenden Beschimpfungen. Aber es war immer noch besser als das, was heute alles gelaufen war, ehe Martina hier erschien - nämlich gar nichts. Ohrenbetäubende Stille, die Maung wahnsinnig gemacht hatte. Doch er nickte Martina zu. „Ja, machen wir weiter. Vielleicht freut er sich, wenn er wieder kommt.“ Oder stinkt wie ein paarungswilliger Iltis, fügte er stumm hinzu, was wohl wahrscheinlicher war.

„Wollen wir hoffen, dass er sich freut. Kekse mag er sehr gerne“, murmelte Martina und straffte sich. Was sollte sie jetzt Trübsal blasen? Roman war weg und sie hatten noch einiges damit zu tun, die Plätzchen zu verzieren. Sie legte einen Arm um Maung und zog ihn wieder in die Küche. Sie wollte Spaß haben und wenn der Idiot sich nicht um den Kater kümmerte, dann machte sie das eben. Auch ihr war klar, dass dies keine Lösung auf Dauer war, denn nach Weihnachten war Roman hier weg. Was wurde dann aus Maung? Sie musste noch einmal mit Roman reden, aber nicht heute und nicht morgen. Vielleicht fing er sich auch wieder.

„Und wozu sind die bunten Tuben?“, riss Maung Martina aus ihren Gedanken und sie zuckte hoch, als der Kater an dem farbigen Zuckerguss schnüffelte.

„Damit verzieren wir die Kekse“, erklärte Martina und ließ Maung probieren. Aus ihrer Tasche holte sie auch noch Döschen mit Zuckerperlen und anderer Dekoration. Die Plätzchen für den Baum sollten schön werden und da durfte es ruhig etwas üppiger sein. Sie nahm sich ein Tannen-Plätzchen und verzierte ihn, damit Maung wusste, was sie meinte.

Angespannt sah der Kater zu, wie Martina die Konturen nachzog und an die Ecken kleine Perlen setzte. Ein paar klebte sie mit weißem Zuckerguss mitten auf den Baum und klapste Maung auf die Finger, als er sich eine der Kugeln angeln wollte. Dafür bekam er eine, die nicht erst vom Keks geklaut werden musste und der Kater kaute zufrieden. Doch dann war sein Ehrgeiz geweckt und er fing ebenfalls an, die Kekse bunt zu machen. Roman sollte sich freuen, wenn er sie sah.

„Deine sind viel schöner als meine“, schmollte Martina und sah neidisch zu Maung. Der Kater hatte innerhalb kürzester Zeit raus gehabt, wie er es anstellen musste und verzierte Plätzchen, wie am Fließband. Das schien ihm richtig Spaß zu machen, denn er lächelte glücklich und summte leise die Weihnachtslieder mit, die im Hintergrund liefen.

„Roman soll sich freuen“, sagte er ohne nachzudenken und als ihm bewusst wurde, was sein Beweggrund war, wurde Maung rot und grinste schief. „Er ist immer noch mein Herr, auch wenn er mich nicht haben will“, schob er erklärend nach, dann war er wieder ganz in seinem Element. Der Schwanz zuckte angespannt und die Ohren waren steil aufgestellt.

Martina sagte nichts, aber die steile Falte auf ihrer Stirn zeigte, dass es dahinter arbeitete. Aber so viel sie auch überlegte, sie fand keine Lösung für das Problem. Sie schob Maung die restlichen Plätzchen zu und machte sich daran, etwas zu essen zu machen. Nur Süßes konnte sie auf die Dauer nicht essen und ihr Zuckerspiegel dürfte für die nächsten Wochen gedeckt sein. Weihnachten war immer die schlimmste Zeit des Jahres für ihre Hüften, doch sie hatte ja dann ein ganzes Jahr Zeit, die Pfunde wieder loszuwerden.

„So, fertig!“ Maung legte den letzten Keks zum Trocknen zu den anderen, doch dann griff er zu und steckte sich ihn doch noch in den Mund, ehe er sich mit Schwung auf die Arbeitplatte neben den Herd setzte. „Was machst du?“, wollte er neugierig wissen.

„Nähen“, lachte Martina und streckte Maung gut gelaunt die Zunge raus. Sie wendete die Schnitzel in der Pfanne und guckte nach den Kartoffeln. Als sie das Fleisch im Kühlschrank gefunden hatte, war ihr die Idee gekommen, Roman mit seinem Lieblingsessen zusätzlich milde zu stimmen. „Möchtest du Soße zum Fleisch?“, fragte sie und brummte warnend, als eine Hand sich der Pfanne näherte. Sofort zuckte die Kralle zurück und Maung verzog das Gesicht.

„Nein, brauch ich nicht. Fleisch reicht“, erklärte er und schnupperte nun ständig an der Pfanne, dass man Sorge haben müsste, er würde sich in seiner Gier noch verbrennen. „Sind sie schon gut? Kann ich zwei haben? Muss für Roman was übrig bleiben?“, fragte Maung, denn damit hatte ja vor ein paar Tagen alles angefangen.

„Nein, sie sind noch nicht fertig. Ja, du darfst zwei haben und auch ja, für Roman sollte was übrig bleiben und nicht gerade nur eins.“ Martina lachte und streckte Maung die Zunge raus, weil der Kater leise maulte. „Roman liebt Schnitzel und darum lässt du ihm was über“, erklärte sie und gab Maung zwei von den großen Fleischlappen auf einen Teller. Erst einmal brachte Maung seinen Teller an sich, schielte dann aber schon auf die beiden, die für Roman übrig bleiben sollten. „Der kommt doch sowieso nicht zum Essen. Der vergnügt sich anderweitig“, knurrte der Kater und allein der Gedanke daran, was Roman in diesem Augenblick tat, ließ ihn sich wütend schütteln.

„Ach Maus, trotzdem lass die zwei für ihn. Wenn er nach Hause kommt, wird er sie bestimmt essen. Du wolltest ihn doch nicht mehr ärgern.“ Martina schob ihr Schnitzel zu Maung rüber und lächelte. Ihr reichten auch Gemüse und Kartoffeln. Sie war nicht so ein großer Fleischesser. Aber sie fand die Reaktion des Katers interessant und glaubte ihm kein Wort, dass er nicht an Roman hing.

„Wenn es sein muss“, murmelte Maung, war mit seinem dritten Schnitzel aber ein bisschen versöhnt. „Aber wenn er es heute Abend nicht isst und sie sind morgen noch da, dann esse ich sie!“ Maung nickte heftig, doch dann fing er an zu essen und bei jedem Bissen erinnerte er sich an Roman, wie er ihn am Ohr vom Schrank hatte herunter ziehen wollen. Er seufzte.

Martina ließ ihn in Ruhe essen und fing schon einmal an, die Küche aufzuräumen, als sie fertig war. Dabei machte sie schon einmal grob im Kopf einen Plan, was sie die nächste Woche alles mit Maung unternehmen wollte. Er brauchte neue Klamotten und dann wollte sie ihm noch ein wenig die Gegend zeigen. Vielleicht ins Kino gehen oder in den Zoo, wenn er Lust hatte. Sollte Roman ruhig merken, dass sie ganz gut ohne ihn auskamen. Er hatte klar gemacht, dass er sich von Maung nur belästigt fühlte. Da war es das Beste, sie zu trennen so gut es ging. Vielleicht wurde es dann wirklich besser.

Als die Küche sauber war und die Spülmaschine leise brummte, zogen sich Maung und Martina mit einer Hand voll Kekse ins Wohnzimmer zurück. Doch sie ließen den Fernseher aus, genauso wie das Licht und beobachteten die weißen dicken Flocken vor dem Fenster.

Sie blieben dort sitzen, bis Martina nach Hause fahren musste. Die Verabschiedung ging natürlich nicht ohne Umarmungen von sich und Martina strich Maung durch die Haare. „Hier Maus, das ist meine Handynummer. Ruf mich an, wenn was ist, egal wann.“ Sie drückte dem Kater einen Zettel in die Hand und küsste ihn noch einmal auf die Wange. „Schlaf gut und nach der Arbeit komm ich vorbei, dich abholen.“

Maung sah ihr nach und winkte am Fenster, bis der Wagen von der Auffahrt verschwunden war. Nun war Maung wieder allein. Roman war noch nicht zurück und Maung machte sich nicht viele Hoffnungen, dass er noch kam. „Aber ich warte nicht auf dich, Arschloch“, knurrte er leise und ging nach oben. Erst wollte er wieder in Romans Bett krabbeln, doch das ließ er bleiben. Er wollte ihn ignorieren und dazu gehörte es auch, sich ein eigenes Zimmer zu nehmen. So schlief er das erste Mal in seinem zugewiesenen Gästezimmer, aber nicht sehr gut. 



07

Martina hielt ihr Wort. Sie kam die nächsten Tage immer nach der Arbeit vorbei und unternahm etwas mit Maung. Sie machten einen Einkaufsbummel, so dass der Kater jetzt über eine ausreichende Menge von Anziehsachen und Schuhen verfügte. Nun konnte er ohne Probleme draußen herumlaufen, ohne groß aufzufallen.

Sie hatten einfach viel Spaß zusammen, ob sie unterwegs waren oder Zuhause blieben. Roman ließen sie bei ihren Aktivitäten außen vor und nach und nach merkte man, wie ihm das gegen den Strich ging. Doch er sagte nichts. Nichts zu den neuen Kleidern, nichts dazu, dass Maung ihn nicht mehr reizte oder provozierte. Selbst in der Praxis sprach er Martina nicht auf das Thema an. Und sie wollte damit auch nicht beginnen, das gab nur wieder böses Blut.

Seit Sonntag war Roman jeden Abend weg. Entweder kam er abends spät oder er kam gar nicht nach Hause, denn Maung konnte sich gut alleine versorgen. Das hatte Martina ihm beigebracht. Wenn er nach draußen ging, trug er Mütze oder ein Tuch auf dem Kopf, damit keiner die Ohren sah. Der Schwanz war schön versteckt und Maung liebte es, nach draußen zu gehen. Er liebte den Schnee, den er von seiner alten Heimat nicht kannte. Oft stellte er sich einfach nur hin und hielt sein Gesicht so, dass die Flocken darauf fielen oder er versuchte, sie mit der Zunge zu fangen.

Roman bekam das ab und zu mit, wenn er gerade zu Hause war und sein Blick verschloss sich jedes Mal. Er fühlte sich ausgeschlossen und alleine. Daran konnten auch die vielen Frauen nichts ändern, die er bei seinen Besuchen in verschiedenen Bars traf. Er war Maung nicht mehr böse, aber zu stolz, auf ihn zu zu gehen. Und auf der anderen Seite zog Maung es durch, Roman zu ignorieren, denn er hatte gemerkt, dass es so am einfachsten war. Egal ob er wütend war oder nicht - Roman blieb nicht bei ihm. Er suchte seine Befriedigung bei Frauen. Es war schwer, doch Maung musste das akzeptieren und das ging leichter, wenn man sich nicht sah.

Nur ab und an kreuzten sich ihre Wege auf dem Flur oder in der Küche, doch das passierte auch von Tag zu Tag seltener.



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Lachend öffnete Roman die Haustür und ließ seine Begleitung eintreten. Es war Freitagabend und er hatte sich mit Sabine getroffen. Als er nach Hamburg gekommen war, war das etwas, was er unbedingt machen wollte.

Sabine, seine große Liebe auf dem Gymnasium.

Das beliebteste Mädchen des Jahrgangs.

Von allen umschwärmt und bei den Jungs heiß begehrt.

Mit jedem hatte sie geflirtet, nur nicht mit Roman. Ihn brauchte sie lediglich, um ihre Noten aufzubessern und Roman hatte es so hingenommen. Hauptsache er konnte in ihrer Nähe sein. Noch jetzt musste er grinsen, wenn er an ihre Reaktion dachte, als er ihr im Restaurant zu gewunken hatte.

Erst völlige Verblüffung, dann Unglaube und schließlich unverhohlenes Interesse.

Das, was er sich immer von ihr gewünscht hatte, aber es gab ihm nicht die Befriedigung, die er erhofft hatte, denn er fühlte gar nichts, als er sie betrachtete. Sie war hübsch, ja, aber sie bedeutete ihm nicht mehr, als all die anderen Frauen. Was aber nicht hieß, dass er mit ihr nicht für eine Nacht Spaß haben konnte.

Normalerweise brachte er seine Eroberungen nicht in das Haus seiner Eltern, aber heute machte er eine Ausnahme, denn er wusste, dass Maung alleine im Haus war und er hatte ein ungutes Gefühl. Schließlich konnte er sich noch gut daran erinnern, was das letzte Mal passiert war. Nicht nur, dass der Kater sich Essen bestellt hatte, obwohl der Kühlschrank voll gewesen war. Wütender war Roman darüber gewesen, dass das Mistvieh an seinem Laptop gewesen war. Das mochte er überhaupt nicht. Aber Roman dann die Tür vor der Nase zuzuschlagen, war die Höhe gewesen. Er konnte nur hoffen, dass der Kater nicht mit seiner Tradition der Woche brach und Roman heute genauso ignorierte wie die vergangenen Tage schon.

„Deine Eltern wohnen immer noch hier?“, säuselte Sabine, denn die Pause, die eben entstanden war, war unangenehm. Roman wirkte in Gedanken und dass die sich gerade nicht um sie drehten, mochte Sabine nicht. Für diesen Abend gehörte dieser schöne Mann ihr und ein bisschen ärgerte sie sich, nicht viel früher den Kontakt zu Roman gesucht zu haben.

„Ja, sie wohnen immer noch hier, aber sie sind im Urlaub“, beantwortete Roman die Frage, sah Sabine dabei aber nicht an. Sein Blick schweifte durch den Eingangsbereich, weil er wissen wollte, ob Maung hier irgendwo lauerte. Er konnte den Kater aber nirgendwo entdecken, darum führte er Sabine ins Wohnzimmer.

„Möchtest du etwas trinken?“, fragte er und lächelte, doch auch hier ging sein Blick suchend über Möbel und Schränke, ob nicht irgendwo wieder eine Zerstörungsattacke lauerte. Er kannte das von Patienten und ihren Herren, die ihm ihr Leid klagten über ihre kleinen Lieblinge. Randalierend und zerstörend ziehen sie durch das Haus, wenn man sie allein lässt und Maung zeigte ebenfalls diese Tendenzen.

„Gern, ein Gläschen Wein als Absacker wäre nicht verkehrt. Trinkst du eines mit?“ Sie ging stillschweigend davon aus, dass weder er noch sie heute fahren mussten, denn sie würde hier übernachten. Was sie nicht ahnte war, dass sie schon seit ihrem ersten Schritt ins Haus unter Beobachtung stand.

Wenn er auch nicht zu sehen war, so überblickte Maung alles und seine Laune wurde immer schlechter. Was bildete sich dieser Idiot ein, seine Weiber auch noch mit nach Hause zu schleppen? Reichte es nicht, wenn er jedes Mal, wenn er nach Hause kam, nach ihnen stank? Maung verfolgte Roman mit Blicken, als der in die Küche ging, um den Wein zu holen.

Roman fühlte ein Prickeln im Nacken, als wenn er beobachtet wurde, konnte aber niemanden entdecken. Ihm war klar, dass Maung mitbekommen hatte, dass er wieder da war und hoffte, dass er sich auch weiterhin nicht blicken ließ.

So war es auch vorerst. Maung war schnell genug, immer dort nicht zu sein, wo Romans Blick hin ging und als er mit zwei Gläsern Wein wieder die Küche verließ, verschwand der Kater hinter dem Kühlschrank. Er musste nachdenken. Das durfte aber nicht einreißen! Wenn er Roman das durchgehen ließ, dann schleppte er jetzt täglich diese stumpfsinnigen Geschöpfe an.

„Denk nach, denk nach“, murmelte er und schielte immer wieder auf den Flur, schlich zur Wohnzimmertür und wieder zurück. Wie Roman den Arm um sie gelegt hatte, wie sie ihn anglotzte und schon stank, als würde sie ihn gleich bespringen. Roch Roman das nicht oder zog ihn das etwa an?

Widerlich!

Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete er, wie diese Schnepfe sich zu Roman beugte und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Dabei strich sie ihm mit der Hand über die Brust und rückte näher. Roman zog den Arm um sie fester und lächelte. Dass Sabine scharf auf ihn war, war nicht zu übersehen und das tat seinem Ego gut. Komischerweise fühlte er gar nichts. Noch nicht einmal Lust. Ihm war es sogar ein wenig lästig, dass sie sich so an ihn heran warf. Doch sein Ego verlangte nach Befriedigung. Er wollte diese Kerbe am Bettpfosten haben, dann konnte sie wieder gehen. Sie hatte ihn damals heimlich Dumbo genannt und gehofft, dass er das nicht merken würde. Nur eines hatte sie dabei völlig vergessen: Elefanten waren nachtragend und sie vergaßen nie.

Derweil lief Maung aufgebracht auf dem Flur hin und her. Mit seiner guten Nase und seinen guten Ohren würde das, was noch folgen sollte, die Hölle für ihn werden. Warum tat Roman ihm das an?

Abhilfe musste her, nur was? Fieberhaft überlegte der Kater und kaute derweil an einem Keks.

Er musste diese blöde Schnepfe loswerden, so viel war klar und zwar schnell, bevor Roman noch mehr auf ihre Anmache einging. Bisher begnügte er sich damit, sie zu küssen, aber das war diesem Weib anscheinend nicht genug. „Was, was, was?“, murmelte Maung vor sich hin und seine Gedanken ratterten. Er wusste nicht viel über Frauen, aber eines schon. Sie mochten es nicht, eine von vielen zu sein und sein Gesicht verzog sich böse. Ihm war eine Idee gekommen. Diese Schnepfe würde sich noch wundern. Doch erst musste sie allein sein!

Maung griff sich hastig das Telefon im Flur und wählte Martinas Nummer. Er wusste, dass sie heute keine Zeit hatte, doch sie sollte nur einmal kurz Roman anrufen und ihn etwas fragen, wozu er das Zimmer verlassen musste. Er würde ihr Montag alles erklären. Hibbelig wartete er, bis Martina ans Handy ging und kaum dass sie sich meldete, überfiel er sie gleich nach einem kurzen Gruß. „Kannst du mir einen Gefallen tun?“, fragte er und sprach gleich weiter, ohne auf die Antwort zu achten. „Roman hatte auf seinem PC auch Filme. Kannst du ihn fragen, ob er auch was über Weihnachten hat? Das er dir brennen kann? Ich kann ihn nicht fragen“, log er mit schlechtem Gewissen.

„Äh ja… sicher. Jetzt sofort?“ Martina war anzuhören, dass sie verwirrt war, aber sie fragte nicht nach, als Maung ihr erklärte, dass es keine Sekunde Aufschub hatte. Sie wählte einfach Romans Nummer. Fragen stellen konnte sie später noch.

Roman knurrte ein wenig unwillig, als das Telefon klingelte und er sich von Sabine lösen musste. „Berger“, meldete er sich knapp und wurde auch gleich von Martina mit Fragen bombardiert. Sabine sah ihn dabei ziemlich sauer an, denn sie hatte es sich gerade auf ihm gemütlich gemacht. Doch als würde es nicht reichen, dass er mit einer weiblichen Stimme telefonierte, nein da erhob sich der Kerl auch noch!

Was bildete der sich ein?

Eigentlich war das ein Grund zu gehen, das hatte sie nicht nötig. Doch einen Mann wie Roman ließ man sich nicht einfach aus der Hand nehmen. So säuselte sie: „Komm schnell wieder“, als er aus dem Wohnzimmer ging.

Sie war sich nicht sicher, ob er sie gehört hatte, denn er beachtete sie gar nicht und telefonierte. Ein wenig verstimmt sah sie sich im Wohnzimmer um. Das hatte sich nicht verändert, seit sie das letzte Mal hier gewesen war. Sie hatten oft hier gelernt, weil sie nicht gewollt hatte, dass jemand aus ihrer Gegend sie mit Roman sah. Hätte sie gewusst, zu was für einen Schnuckel sich der entwickelte, hätte sie sich bestimmt einmal bei ihm gemeldet. Doch sie kam nicht dazu, sich darüber weiter Gedanken zu machen, denn kaum dass Roman gegangen war, stand ein Junge vor ihr. Mehr ein junger Mann und sah sie fragend an. Das sandfarbene Haar war unter einem lässig gebundenen Tuch verborgen, aus der weiten Stoffhose, die er trug, ragten nackte Füße hervor. Er schien also hier zu wohnen. Hatte Roman einen Bruder? Das war ihr ja völlig neu.

„Bist du die Freitagsbraut oder was?“, fragte Maung und hielt die Hände und das, was er vor ein paar Tagen in Romans Schrank gefunden hatte, noch hinter dem Rücken. Lieber sah er die blonde Frau eindringlich an.

„Bitte?“, fragte Sabine ein wenig pikiert und zog die Brauen zusammen. „Wie meinst du das?“, fragte sie kühl und sie setzte sich gerade. Dieser Kerl jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Das lag wahrscheinlich an den leuchtend blauen Augen, die sie eindringlich musterten.

Nun zog Maung seine Hände hinter dem Rücken hervor und präsentierte Romans Trophäensammlung aus früheren Tagen. Höschen, BHs, halterlose Strümpfe. „Hast du auch vor, irgendwas hier liegen zu lassen, was dann wieder in meinem Schlafzimmer landet und nach einer Woche in einer Schublade verschwindet und nie wieder hervorgekramt wird? Oder warst du schon mal hier und wolltest nur deine Klamotten holen? Ich kann die Damen langsam nicht mehr zählen, die hier ein- und ausgehen. Ich hab die Schnauze gestrichen voll. Ich lass bald eine Drehtür einbauen.“

Sabine starrte auf Maungs Hände und wurde blass. Sie war nur eine von vielen? Roman schleppte hier jeden Tag andere Frauen an? Sie wurde wütend und stand auf. Das hatte sie definitiv nicht nötig. Sie war eine begehrte Frau und keine Trophäe. Ohne Maung weiter eines Blickes zu würdigen rauschte sie aus dem Zimmer und griff sich ihre Sachen. Sie wollte aber nicht gehen, ohne Roman noch die Meinung zu sagen.

„Du Arsch“, zischte sie ihn an, als sie ins Arbeitszimmer rauschte. Überrascht sah Roman vom Computer hoch und wollte fragen, was los sei, da hatte er schon ihre Hand im Gesicht. „Such dir jemand anderen für deine Spielchen, dafür bin ich mir echt zu schade, du Perversling“, schimpfte sie noch und dann war nur noch das Knallen der Haustür zu hören. Völlig perplex saß Roman da und hielt sich die brennende Wange. Was war denn mit der los? Hatte die sie nicht mehr alle, ihn einfach zu schlagen?

Und wie auf Kommando stand plötzlich Maung in der Tür, wieder das unschuldige Gesicht einer Katze aufgesetzt und in seinen Händen noch immer die Klamotten. Er sagte nichts. Er stand nur da und wusste, dass er zu weit gegangen war. Doch sich zu entschuldigen, dazu war Maung zu stolz. Er stand zu dem, was er getan hatte und deswegen sah er Roman abwartend an. Würde er ihn jetzt schlagen? Maung wurde unsicher, sein Herz rutschte ihm in die Hose.

„Was hast du gemacht?“, fragte Roman gefährlich leise. Das bedeutete nichts Gutes bei ihm, denn dann war er richtig wütend. Dass der Kater etwas mit Sabines Auftritt zu tun hatte, war für ihn keine Frage. Sonst würde er nicht dort stehen und ihn scheinheilig ansehen. Schon gar nicht mit diesem Zeug in den Händen. Erst wusste Roman nicht, wo Maung das her hatte, aber als es ihm einfiel, fing er an zu kochen. Dieses Mistvieh hatte in seinen Privatsachen geschnüffelt. „Was fällt dir eigentlich ein, in meine Sachen zu wühlen?“, zischte er und sprang auf.

Maung wich zurück und ließ die Unterwäsche fallen. „Ich“, stammelte er und setzte immer wieder an, doch Romans Wut, die ihm aus dessen Augen entgegen schlug, machte ihm Angst. „Ich“, doch wieder kam er nicht dazu sich zu erklären, drückte sich nur an die Wand ihm Flur, doch dann flüchtete er so schnell er konnte.

Roman setzte ihm hinterher und schimpfte dabei unablässig. Er war nicht wütend darüber, dass Sabine weg war, die bedeutete ihm nichts. Vielmehr entlud sich der Frust der letzten Woche, die mehr an Roman genagt hatte, als er zugeben wollte. Er hatte sich ausgeschlossen gefühlt. So wie früher, als noch niemand etwas mit ihm zu tun haben wollte. Es hatte ihn sehr verletzt, auch wenn er das bisher nicht vor sich zugeben wollte und all das entlud sich jetzt. Darum hetzte er den Kater durch das Haus.

In seiner Panik wusste Maung nicht, wo er sich verstecken sollte. Alle Verstecke waren viel zu leicht zu finden und Roman hatte Heimvorteil. Was hatte er sich nur dabei gedacht, Roman so bloß zu stellen? Doch er hatte es einfach nicht ertragen können, ihn mit einer Frau zu sehen, wie er ihr gab, was Maung verwehrt war. Das war nicht fair. Nun hatte er wieder Romans ganze Aufmerksamkeit, nur ob er das überlebte, wusste der Kater noch nicht.

Immer wieder versuchte Roman Maung zu greifen, aber der Kater war nicht zu fangen, was ihn noch wütender machte. „Bleib stehen, damit ich dir eine reinhauen kann“, schrie er wütend und warf sich nach vorne, aber wieder war Maung schneller. Bevor er sich wieder aufrappeln konnte, hatte Maung die Terrassentür geöffnet und verschwand im Garten hinter dem Haus. Roman sah gerade noch, wie er die große Kastanie hochkletterte und sich auf einen Ast rettete.

Von dort sah er zu Roman und war erst einmal sicher, denn ohne eine Leiter kam der nicht am Stamm hoch. Und selbst dann war er für den Ast, auf den sich der Kater geflüchtet hatte, zu schwer. Derweil verschnaufte Maung. Nun war ihm endgültig klar, dass er zu weit gegangen war, Meilen weit zu weit! Doch er konnte es nicht rückgängig machen. Diese Frauen bedeuteten Roman also wirklich mehr als der Kater, den er gar nicht haben wollte, das Ding. Wütend funkelte er zu Roman nach unten. Sein Puls normalisierte sich langsam.

„Komm da runter, du Idiot“, tobte Roman vor dem Baum, sah aber ein, dass er nichts ausrichten konnte. Mal wieder hatte Maung gewonnen und er war der Blamierte. „Mach doch, was du willst“, brummte er frustriert und ging wieder ins Haus. Draußen war es saukalt. Lange hielt Maung es bestimmt nicht in der Kälte aus.

Doch Roman hatte nicht mit der Sturheit dieser Katze gerechnet. Maung fror, das war keine Frage, denn außer einer dünnen Hose und einem Hemd trug er nicht viel. Doch das letzte, was er wollte, war Romans Großmut, der ihn wieder ins Haus ließ. Nein, das war kein Leben. So wollte er nicht weiter machen. Lieber hier erfrieren. So schlimm soll der Tod gar nicht sein, hatte er mal gehört. Man schlief langsam ein, bis das Herz aussetzte. Er konnte es zumindest versuchen.

So rollte er sich auf seinem Ast zusammen und schloss die Augen. Darum bekam er nicht mit, dass Roman immer wieder vor dem Terrassenfenster stand und zu ihm rüber sah. Seine Wut war schnell verraucht und nun machte sich mehr und mehr Sorge in ihm breit. Wenn Maung noch länger in der Kälte blieb, holte er sich den Tod und allein dieser Gedanke ließ Roman handeln. Er ging zur Garage und holte eine Leiter. Wenn der Kater nicht zu ihm kam, musste er ihn eben holen.

Er kletterte die Leiter hoch und als der Kater sich nicht regte und er nur sehen konnte, wie der Körper auf dem Ast stark zitterte, bekam er Angst. „Maung“, rief er leise, erhielt aber keine Antwort. Das war nicht gut! Roman griff nach Maung und spürte keine Wärme mehr. „Maung, tu mir das nicht an“, murmelte er und zog den Kater vorsichtig an sich. Er prüfte den Puls und der raste. Das hieß, dass Maung stark unterkühlt war und kurz davor stand, zu kollabieren. Er musste schnell etwas tun.

„Verdammt“, fluchte er leise und stieg so schnell es ging wieder runter. Der Kater ließ alles mit sich machen, denn er bekam von dem, was um ihn herum passierte, sowieso nichts mit. Er war müde und schlief, sein Körper hing nur leblos in Romans Armen. Dort wo er von Anfang an hatte sein wollen, nur dass er es nicht genießen konnte.

So schnell es ging, brachte Roman Maung ins Haus. Als Arzt wusste er, wie gefährlich der Zustand des Katers war. Er war wohl gerade noch zur rechten Zeit gekommen. Etwas länger und er hätte Maung ins Krankenhaus bringen müssen, weil er ihn dann nicht mehr mit den Mitteln, die er zur Verfügung hatte, hätte behandeln können.

Oben in seinem Schlafzimmer legte er Maung aufs Bett und zog ihn aus. Noch immer zitterte der Körper stark, darum beeilte sich Roman. Erst einmal wickelte er Maung in die warme Decke und stopfte ein paar Wärmflaschen dazu. Eigentlich wollte er sich dazu legen, aber vorher musste er noch in die Küche. Wenn jemand unterkühlt war, sollte er was Heißes und Süßes trinken. Der Fruchtpunsch, den Maung so mochte, war da genau das Richtige.

Er ließ alle Türen im Haus offen, obwohl er die Heizung hochgestellt hatte. Scheiß auf die paar Liter Öl, wenn er damit den Kater retten konnte. Durch die offenen Türen war es Roman aber möglich, immer wieder auf Maung zu lauschen, zu hören, ob er zu sich kam, schrie oder Schmerzen spürte. Doch nichts dergleichen. Zwar öffnete Maung einmal kurz die Augen, schloss sie aber gleich wieder. Ihm fehlte die Kraft, sich aus der festgesteckten Decke zu strampeln, die ihn einengte und der er entkommen wollte. Aber sie roch nach Roman, also ließ Maung die Gegenwehr und ließ sich von dem Duft einlullen.



08

Maung schlief wieder, als Roman mit der Thermoskanne und einer Tasse in sein Schlafzimmer kam. Noch immer zitterte Maung, trotz der Wärme, die ihn jetzt umgab. Roman stellte alles ab und zog sich aus. Körperwärme half noch immer am Besten. Darum zögerte er nicht, als er Maung an sich zog, auch wenn er das Gefühl hatte, einen Eisklotz zu umarmen.

„Das wird schon wieder, Kleiner“, murmelte er leise und hoffte inständig, dass das stimmte. Und wenn auch die Hände und Füße wie Eis waren, die schmale Brust und der schlanke Rücken sich kalt anfühlten, die Stirn des Katers schien zu glühen. Die roten Wangen strahlten wie eine Herdplatte. Sicherlich hatte sich Maung zu allem Übel auch noch erkältet. Er war die letzte Woche schon angeschlagen, dank seiner sinnlosen Aktion einer Nacht im Keller. Das angeschlagene Immunsystem dürfte sich über diese Aktion auf dem Baum alles andere als gefreut haben.

„Kleiner Idiot“, murmelte Roman leise. Er zog Maung dichter und strich ihm über den kalten Körper, um ihn zusätzlich aufzuwärmen. Die kalten Füße packte er zwischen seine Beine und die Hände in seine Achselhöhlen. Dort war es am wärmsten. Für irgendwelche Scham war hier auf jeden Fall kein Platz. Es dauerte lange, bis das Zittern weniger wurde und schließlich aufhörte, aber das beruhigte Roman nicht, denn Maung wachte nicht auf, sondern wurde immer fiebriger.

Er schlug die Augen nicht auf, doch sein Körper fing wieder an sich zu regen. Maung war warm. Er wollte dieser Hitze entkommen, die ihn schläfrig machte. Seine Haut prickelte und das war nicht angenehm. Er wand sich wie ein Aal, doch sein Körper war zu schwach. Er konnte dieser unangenehmen Hitze nicht entkommen.

„Mist“, murmelte Roman. Er brauchte kein Thermometer, um zu sehen, dass Maung hohes Fieber hatte. Der Kleine glühte förmlich. Roman war kein Freund davon alles gleich mit Medikamenten zu bekämpfen. Lieber griff er auf Hausmittelchen zurück, die oft die gleiche Wirkung hatten, wenn auch aufwendiger waren. Darum holte er eine Schüssel mit kaltem Wasser und Tücher. Erst einmal wollte er das Fieber mit Wadenwickeln und kalten Umschlägen bekämpfen.

Roman setzte sich ans Fußende und legte Maungs Beine frei, der schon wieder strampelte und fast schien es, als wäre er erleichtert, als die Füße nicht mehr unter den warmen Decken steckten. Schnell waren dicke Handtücher ausgelegt, damit das Bett nicht zu nass wurde, dann waren Maungs Waden dran. Um jedes Bein ein dickes kaltes Tuch. Maung stöhnte. Er versuchte die unangenehme Kälte los zu werden, aber Roman hielt ihn fest.

„Scht…“, machte er leise und verpackte die Waden in die kühlen Tücher. Damit Maung ruhiger wurde und nicht mehr so strampelte, legte Roman sich wieder neben ihn und zog ihn an sich. Dabei redete er sanft mit ihm und streichelte dem Kater sachte durch die Haare. Und wirklich schien sich Maung zu beruhigen, als Roman ihn wieder fest umschlang. Er kroch ein bisschen näher, so gut das eben ging und drückte seine glühende Stirn gegen Romans Brust. Er murmelte leise, doch wurde er nicht wach.

Das änderte sich auch nicht. Roman hatte fast den Eindruck, dass Maung nicht wach werden wollte. Der Kater klammerte sich an ihn und murmelte immer wieder wirres Zeug, welches keinen Sinn ergab und sein Zustand wurde eher schlechter als besser.

„Warum geht es dir nicht besser, Kleiner?“, murmelte Roman nach ein paar Stunden und sah Maung besorgt an. Er hatte die Wickel schon mehrmals gewechselt und neues Wasser geholt, aber Maungs Zustand veränderte sich nicht. Er wurde sogar schlimmer, denn immer wieder wurde der schmale Körper von Hustenanfällen geschüttelt und die Lunge rasselte.

Es schien, als würde er sich mit all seiner verbliebenen Kraft an Roman klammern wie ein Ertrinkender.

Warum?

Eigentlich hatte er den Eindruck erweckt, dass er Roman nicht mochte. Er hatte sich sehr viel Mühe gegeben, Roman dieses Gefühl zu vermitteln. Wie verzweifelt musste der Kater wohl sein, wenn er sich nun genau an diesen Mann klammerte?

Roman hatte Mühe, sich von Maung loszumachen, aber er musste aufstehen. Maung brauchte Medikamente, darum musste Roman runter in sein Arbeitszimmer, wo seine Notfalltasche stand. Zum Glück hatte er alles dabei, was er brauchte. Er hatte von der Firma, die Maung gezüchtet hatte, eine Antwort auf seine E-Mail bekommen und wusste nun, dass Maung die Medikamente aus der Tier- und der Humanmedizin vertrug.

Schnell lief er die Treppe runter und nahm die Tasche, denn er konnte Maung oben jammern hören. Der Kater war allein und rutschte über das Bett. Sein Körper war schwach, er kam nur langsam vorwärts. Eine seiner Hände suchte über das Laken neben ihm, doch das war leer. So strampelte er sich fahrig aus den nassen Tüchern um seine Beine. Er hatte das Gefühl, sie würden ihn bei seiner Suche behindern.

Es versetzte Roman einen Stich, Maung so zu sehen, darum kam er schnell wieder zu ihm und zog ihn an sich. „Scht… ich bin doch da“, murmelte er leise und befreite den Kater von den restlichen Tüchern. Mit ihm auf dem Schoß setzte er sich hin und suchte so die Medikamente raus, die er brauchte. Damit Maung nicht noch eine Lungenentzündung bekam, brauchte er Antibiotika und dann noch etwas gegen die Erkältung, was das Fieber senkte.

Routiniert verabreichte er Maung die Spritzen und schaukelte ihn danach beruhigend hin und her, damit er nicht mehr jammerte. Es schien zu helfen, denn Maung wurde ruhiger. Er schlang kraftlos seine Arme um Roman und kuschelte sich wieder an ihn. Gerade so, als wäre er der einzige, der ihm die Ruhe geben konnte, die Maung suchte. „Nicht gehen“, flüsterte er fast tonlos und kurz öffneten sich die glasigen Augen.

„Ich geh nicht weg, Maung“, sagte Roman ernst und das meinte er so. Nie würde er den Kater jetzt alleine lassen. Dazu machte er sich zu große Sorgen um ihn. Schließlich war es seine Schuld, dass Maung jetzt so krank war. „Ich bleib bei dir und halte dich fest, so lange du das möchtest“, versprach er noch und küsste Maung auf die Stirn.

Sicher, er hatte sich darüber geärgert, dass Maung ungefragt an seine Sachen gegangen war - doch andererseits? Was sollte Maung denn den ganzen Tag im Haus machen? Zugegebenermaßen hätte er vielleicht nichts anderes getan. Maung hatte einfach den Draht raus, Roman bis an die Grenzen zu reizen - er wusste selbst nicht, warum er so auf den Kater reagierte. Es grenzte fast an Besessenheit.

„Warum können wir nicht einfach noch einmal von vorne anfangen? Ich weiß, dass ich dir weh getan habe mit dem, was ich über dich beim Zoll gesagt habe, aber das war nicht so gemeint.“ Roman murmelte einfach so vor sich hin und erwartete auch keine Antwort. Er machte das oft, wenn er aus etwas nicht schlau wurde. Dann redete er mit sich selbst und versuchte es zu ergründen. „Es ist nicht so, dass ich dich nicht mag, aber du magst mich ja nicht.“

Ihr Grundproblem.

Wenn er eine Antwort von Maung erwartete, so wurde er enttäuscht, denn der Kater schwieg wieder. Er hatte die Augen geschlossen und klammerte sich einfach weiter an Roman. Er hatte aufgehört, sich gegen die Hitze zu wehren, gerade so, als würde er sie nun genießen.

So hatte Roman viel Zeit über die letzten zwei Wochen nachzudenken. Warum fiel es ihnen beiden nur so schwer, miteinander auszukommen? Es konnte doch nicht nur an ihrem schlechten Start liegen? So wie die letzte Woche, wollte er nicht mehr mit Maung zusammen leben. Er wollte, dass der Kater ein Teil seines Lebens war. Heimlich still und leise hatte Maung sich in sein Herz geschlichen und Roman musste sich eingestehen, dass er eifersüchtig auf Martina war, die so viel Zeit mit Maung verbrachte. Auch darauf, dass der Kater sie so kompromisslos angenommen hatte. Hätte er je angefangen mit Roman zu sprechen, wenn Martina nicht gewesen wäre?

„Warum lehnst du mich so ab?“, fragte er leise und strich Maung dabei wieder durch die Haare und der Kater schnurrte leise. Es schien, als würde er sich trotz seiner Erkältung wohl fühlen.

Roman bekam also keine Antworten auf seine Fragen, was es nicht gerade leichter für ihn machte. Er war durcheinander und wusste nicht, warum es für ihn so wichtig war, dass Maung ihn mochte, aber das alles musste warten. Erst einmal musste sein Patient gesund werden und mit etwas Glück konnten sie einen Strich unter das machen, was bisher passiert war. Er hielt Maung die ganze Nacht an sich gedrückt und versorgte ihn mit allem, was er brauchte.

Er musste schlussendlich doch eingeschlafen sein, denn als er wieder wach wurde, lag Maung zwar noch in seinen Armen, doch er sah ihn aus glasigen Augen fragend an. Dabei wagte der Kater kaum, sich zu bewegen, weil er nicht wusste, was passiert war oder was noch passieren würde, wenn Roman wach war. War er noch sauer? Denn das letzte, an was sich Maung erinnern konnte, war sein Weg hoch auf den Baum.

Roman blinzelte verschlafen, aber dann hellte sich sein Gesicht auf. „Du bist wach“, murmelte er leise und strich Maung erst über die Wange und dann über die Stirn. Das Fieber war noch da, aber es war merklich gesunken und nicht mehr gefährlich. Das ließ ihn lächeln. Das Schlimmste war wohl überstanden. „Wie geht es dir, Kleiner? Hast du Durst?“

„Äh - ja?“, sagte Maung ziemlich verwirrt, denn er begriff nicht, was passiert sein konnte, damit er jetzt in dieser Situation war. Doch er wagte auch nicht zu fragen, blieb einfach so liegen, wie er lag und schloss die Augen. Roman würde ihn schon von sich schmeißen, wenn er genug von dem Ding hatte.

„Möchtest du ein wenig warmen Punsch oder etwas Kühles trinken?“, fragte Roman und strich Maung durch die Haare. „Ich bin froh, dass es dir besser geht. Ich habe mir ziemliche Sorgen um dich gemacht“, murmelte er leise und zog Maung unwillkürlich fester an sich.

„Sicher?“, fragte Maung. Er wusste nicht, ob er wach war oder träumte. Das hier konnte nicht Roman sein. Der Roman, der ihn beschimpft hatte, der ihm wehgetan und Frauen angeschleppt hatte. „Punsch wäre gut“, schob er aber noch hinterher, weil er das Gefühl hatte, Roman könnte sich verarscht fühlen.

„Gut.“ Kurz sah Roman zum Nachttisch, wo noch immer die Thermoskanne mit Punsch stand, aber den wollte er ihm nicht geben. Darum schob er Maung vorsichtig von sich und stand auf. „Bin gleich wieder da.“ In der Küche erwärmte er ein wenig Punsch und trug ihn mit einem Teller Kekse und ein paar Broten hoch ins Schlafzimmer, stellte alles neben dem Bett ab und legte sich wieder zu Maung.

Maung hatte ihn beobachtet, als er ging, als er wiederkam und jetzt, wo er lag, setzte sich der Kater langsam auf. Es kostete ihn viel Kraft und er hatte nicht einmal ein Auge für die herrlichen Schneeflocken, die vor dem Fenster tanzten. Er sah Roman an und holte Luft, um etwas zu sagen, doch er musste husten und sank wieder in sich zusammen. Er fühlte sich wie unter einem tonnenschweren Stein, als er wieder platt auf dem Laken lag und keuchte.

„Komm her, Kleiner.“ Roman hatte Maung besorgt beobachtet und setzte sich so, dass er am Kopfende des Bettes lehnte. Er zog Maung zwischen seine Beine, damit der Kater sich bei ihm anlehnen konnte. „Du bist immer noch krank. Ich gebe dir nachher was gegen den Husten“, erklärte er sanft und hielt Maung wieder fest.

„Warum“, versuchte Maung zu fragen und hustete wieder. Sein Hals kratzte und in seinem Kopf drehte sich alles. So konnte er sich nicht gegen das wehren, was mit ihm passierte, und er fand sich wieder auf Romans Brust. Also blieb er liegen, holte tief Luft und setzte noch einmal an. „Warum bist du plötzlich nett“, wollte er wissen und konzentrierte sich beim Sprechen aufs Atmen, damit er nicht wieder husten musste. Das nahm ihm sein Kopf nämlich übel, wenn er geschüttelt wurde.

„Weil ich eigentlich ein netter Mensch bin und ich es satt habe, mit dir zu streiten.“ Roman gab Maung den warmen Punsch und stellte den Teller so neben sie, dass sie beide gut dran kamen. Er überlegte, was er sagen sollte und strich dabei durch Maungs Haare. „Ich weiß, dass ich vieles falsch gemacht habe, aber das wird nicht mehr vorkommen und vielleicht magst du mich ja auch eines Tages ein wenig.“

„Hm“, machte Maung und hielt seine Tasse nun in der Hand. Etwas unbeholfen musste er sich also wieder aufsetzen, um zu trinken und hatte so eine gute Ausrede auf Romans Worte nicht antworten zu müssen. Denn sie verwirrten ihn und er hätte sich jetzt sicher nur um Kopf und Kragen geredet. Also trank er langsam, um sich nicht zu verschlucken oder zu husten. Das kostete viel Anstrengung.

„Weißt du, ich war ziemlich geschockt, als ich gesehen habe, was meine Eltern da bestellt hatten. Schließlich dachte ich, dass ich einen jungen Birmakater überreicht bekomme. Ich wollte dich ganz bestimmt nicht beleidigen.“ Roman lächelte schief und redete weiter. Er musste das einfach loswerden. Vielleicht half es ja, dass sie sich besser verstanden. Maung kommentierte das nicht, doch seine wackelnden Ohren machten deutlich, dass er neugierig zuhörte. Roman schien begriffen zu haben, was schief gelaufen war und das ließ Maung in seine Tasse lächeln.

„Schon okay“, sagte der Kater nach einer ganzen Weile und trank noch einen Schluck um sich abzulenken.

„Na ja und unser Start hier, war ja auch eine Katastrophe. Bei Schnitzeln hört bei mir der Spaß auf, denn sie sind mein absolutes Lieblingsessen, aber es tut mir Leid, dass ich dir wehgetan habe. Kein Wunder, dass du mir nicht mehr vertraut hast.“ Roman fuhr sich über die Wange. Der Kratzer dort war fast verheilt und kaum noch zu sehen. „Versprich mir, dass du mich nicht wieder einfach ignorierst.“

Plötzlich machte Maung große Augen. Martina hatte Recht. Roman mochte es gar nicht, ignoriert zu werden. Also beeilte er sich zu nicken. Er wollte, dass Roman ihn mochte. Sicher, er würde ihn nie lieben. Weder körperlich noch mit dem Herzen. Aber er könnte den Kater mögen. Das war ein guter Kompromiss. Vielleicht konnte Maung damit leben. „Aber dieses Dosenfutter war eklig“, entschuldigte er sich durch die Blume für den hinterhältigen Mundraub damals.

„Das stimmt, also sei dir verziehen.“ Roman lachte leise und kitzelte Maung leicht an den Ohren. „Das nächste Mal bekommst du gleich was von den Schnitzeln ab“, versprach er und atmete auf. Das war so ziemlich das erste Mal, das sie miteinander redeten, ohne sich zu streiten und ein lächelnder Maung gefiel ihm viel besser.

„Könnte auch mein Lieblingsessen werden“, gab Maung zu, musste aber wieder husten. Schnell drückte er Roman die Tasse mit dem Punsch in die Hand, die er immer noch nicht geleert hatte, weil der Hals weh tat und richtete sich träge auf, um durchzuhusten. Er fühlte sich elend und sank erschöpft wieder in sich zusammen.

Roman stützte ihn so gut es ging und zog Maung dann wieder gegen seine Brust. „Du hast dir ’ne ziemliche Erkältung eingefangen, wenn nicht sogar eine Bronchitis. Ich kann dir was gegen den Husten geben. Entweder eine Spritze, die sehr gut hilft, oder Saft, dann dauert es etwas länger.“

Maung sah ihn schmerzverzerrt an. Spritze oder Saft? Das war die Wahl zwischen Pest und Cholera. Wie sollte man sich entscheiden, wenn Spritzen weh taten und man auch den Saft sicher nicht schlucken konnte, weil der Hals weh tat? „Geht schon so“, murmelte Maung also und fügte leise hinzu, dass das wohl die Strafe dafür war, dass er Romans Freundin gestern so vergrault hatte.

„Ach was, Kleiner. Dass Sabine weg ist, ist mir egal. Sie bedeutet mir nichts. Früher mal, aber da wollte sie nichts von mir und nun will ich nicht mehr.“ Roman lächelte und seufzte dann. „Ich war gestern nur so böse, weil du in meinen Sachen geschnüffelt hast. Ich wollte bestimmt nicht, dass du dir fast den Tod holst.“

„Ich wollte die Sachen nicht finden, mir...“ Maung war erschrocken aufgesprungen und hustete nun, weil er wieder zu schnell geredet und sich verschluckt hatte. Er keuchte qualvoll und kam nicht dazu, zu fragen, warum Roman sie dann mitgebracht hatte und warum sie so nach Sex gerochen hatte. Vielleicht ging es ihn auch nichts an und es war gut, dass er diese indiskrete Frage nicht stellen konnte.

„Schon gut.“ Roman zog Maung wieder an sich und streichelte ihm über den Rücken. „Vergiss es einfach. Sagen wir, das habe ich verdient, nachdem ich so eklig zu dir war.“ Er wartete, bis Maung sich wieder beruhigt hatte und holte dann aus seinem Koffer einen Hustensaft. Er gab etwas auf einen Löffel und hielt ihn Maung hin. „Keine Widerrede, sonst kriegst du die Spritze.“

Doch der sture Kater schüttelte nur den Kopf. Nichts da! Das Zeug sah schon eklig aus! So was kam doch nicht in seinen empfindlichen Hals. Also rutschte er von Roman ab, ehe der ihn greifen und zwangsernähren konnte. Und schon war der Kater unter dem Berg Decken verschwunden, nur der Schwanz guckte noch raus.

„Hey.“ Roman guckte vom Löffel zum Deckenberg. So eine freche Zwecke. Er legte den Löffel vorsichtig auf den Nachttisch und kroch mit unter die Decke. „Süßer, du solltest den Saft nehmen. Er hilft und du musst nicht mehr so sehr husten“, versuchte er Maung zu überreden. „Du sollst doch schnell wieder gesund werden.“

Doch nachdem Roman „Süßer“ gesagt hatte, war Maung schon latent geschmolzen und lag nun platt auf dem Laken. Jetzt hätte Roman wohl alles mit ihm machen können, ohne es zu wissen. Der Kater sah seinen Herrn noch einmal an und nickte nur stumm. Es würde eklig sein, er wusste es genau, doch wenn Roman ihn so liebevoll umsorgte, konnte auch Maung nicht hart bleiben. „Ah“ machte er also brav.

Mit allem hatte Roman gerechnet, aber nicht, dass Maung den Saft wirklich nahm. Er lächelte und freute sich unwahrscheinlich darüber. Darum gab er dem Kater sofort den Saft, bevor er es sich anders überlegte und musste grinsen, als Maung sich schüttelte. „Ich weiß, er schmeckt nicht gut, aber er hilft“, erklärte er und zog Maung wieder an sich.

Du hättest mir das auch mit einem Kuss versüßen können, grummelte Maung lautlos und verzog das Gesicht. Nicht nur der Hals tat weh, das Zeug war auch eklig bitter und der Nachgeschmack ließ ebenfalls zu wünschen übrig. Doch was tat man nicht alles, wenn kurzzeitig das Hirn aussetzte? Maung seufzte und suchte seinen Punsch, um den Geschmack loszuwerden, dann sank er wieder in die Laken. Er schwitzte, und so strampelte er die dicke Decke weg. So strich die Luft kühlend über seine Haut. Schön.

Sofort fühlte Roman an Maungs Stirn und seufzte erleichtert, da das Fieber nicht wieder gestiegen war. „Schlaf ein wenig, Süßer, ich mach eine Hühnersuppe. Die soll zwar nicht helfen, aber ich habe mich immer besser gefühlt, wenn meine Mutter sie für mich gekocht hat, wenn ich krank war.“

„Okay“, erklärte Maung etwas schmollend und zog die Decke wieder hoch, weil er anfing zu frieren. Es passte ihm gar nicht, dass Roman jetzt einfach ging und ihn hier allein ließ. Doch kaum war sein Körper auf die Idee gebracht worden, dass Schlafen klasse wäre, gähnte Maung auch schon. So ergab er sich, sein Körper saß ja eh am längeren Hebel. Ein letzter Blick auf die Watteflöckchen auf dem Fensterbrett, dann schloss er lächelnd die Augen. Roman hasste ihn nicht. Roman sorgte sich - was wollte man mehr? Nun, ihm fiel da noch einiges ein, doch er war nicht gierig.

Unten in der Küche ging Roman zügig ans Werk. Er wollte Maung nicht so lange alleine lassen, darum lauschte er immer, ob er ihn husten hörte und ging, als die Suppe vor sich hin kochte wieder hoch. Er legte sich aber nicht hin, sondern beobachtete Maung beim Schlafen und strich ihm nur ab und zu durch die Haare. Erst als die Suppe fertig sein musste, ging er wieder runter, um sie zu holen.

Als er zurückkam, schlief der Kater immer noch, doch er lag ruhiger als noch gestern Nacht. Vielleicht hatten sie gerade noch die Kurve bekommen. Die Erkältung konnten sie aussitzen und bekämpfen, alles andere wäre schlimmer gewesen. Roman lachte leise, als er sah, wie Maungs Nase Witterung aufgenommen hatte und er war erleichtert. Katzen mit Fieber verweigerten das Fressen und waren dafür nicht zu interessieren, aber Maung zeigte reges Interesse und öffnete suchend die Augen.

„Na, wieder wach, Süßer?“, lachte Roman leise und setzte sich erneut zu Maung. Die Suppe stand zum Abkühlen auf dem Nachttisch, darum zog er den Kater wieder zwischen seine Beine. So konnte Roman ihn stützen und auch füttern, wenn nötig. „Wie fühlst du dich denn? Tut der Hals immer noch so weh?“

Doch Maung konnte nicht antworten. Steif wie ein Plüschtier saß er da und sein Schwanz peitschte unter der Decke aufgebracht hin und her. Er war nervös und sein angeschlagener Zustand machte es ihm nicht leichter. Er war angeschlagen, doch seine Nase funktionierte noch einwandfrei und deswegen hüllte ihn Romans Duft völlig ein, raubte dem Kater fast die Sinne und der konnte nur dümmlich nicken.

„Noch nicht ganz wach, hm?“, neckte Roman ihn gutmütig und strich Maung eine Haarsträhne aus der Stirn. „Lehn dich an, die Suppe ist eh noch zu heiß.“ Er zog Maung näher, so dass der Kater sich bequem anlehnen konnte. Jetzt gerade konnte Roman sich gar nicht mehr vorstellen, dass sie sich eigentlich bisher ständig bekriegt hatten. Wenn der Kater nur wollte, konnte er sehr anschmiegsam sein und wenn er nicht gerade schrie oder fauchte, war er doch sehr handlich.

„Hm“, machte Maung und ließ sich nur widerwillig nach hinten sinken - gegen Romans breite Brust. Das war doch nicht fair, einen kranken Kater so zu foltern. Er war sich ziemlich sicher, dass das im Vertrag stand. Doch er war zu müde, um sich zu erheben und zu gucken. Außerdem fühlte sich das zu gut an, um wahr zu sein. Also schloss Maung die Augen wieder.

„Schlaf, wenn du müde bist. Das ist besser als jede Medizin.“ Roman strich Maung über den Rücken und deckte ihn richtig zu. Es wäre zwar gut, wenn der Kater etwas essen würde, aber dramatisch war es auch nicht, wenn das noch ein wenig dauerte. „Ich halte dich fest“, versprach er noch, weil er gemerkt hatte, dass Maung nicht gerne alleine war.

„Hm“, schnurrte Maung und sah kurz zu Roman hoch. Er war unsicher, doch dann fasste er sich ein Herz. Roman hatte schließlich mit dem Gekuschel angefangen, Maung wäre verrückt, wenn er das nicht nutzen würde. Außerdem konnte er das dann immer noch auf die Erkältung oder geistige Umnachtung schieben. Also schlang er seine Arme um Roman und kuschelte seinen Kopf gegen dessen Brust. Das war schön.

Das ließ Roman lächeln und er küsste Maung leicht auf ein Ohr. Er fühlte sich wohl. Maung war eigentlich jemand, den man beschützen wollte, wenn er so war wie jetzt. „Ich habe es nie ernst gemeint, dass ich dich wieder zurückschicken wollte. Das habe ich nur gesagt, weil ich wütend war“, sagte er leise, weil er das Gefühl hatte, dass er Maung das erklären sollte.

Maung nickte, doch er hatte das Gefühl, auch etwas sagen zu müssen, wenn Roman sich schon so offenbarte. Also antwortete er: „Okay“, denn so richtig wusste er auch nichts zu entgegnen. Er klammerte sich nur fester und grinste ungesehen. Leise schnurrte er und wie zufällig nippten seine Lippen immer einmal an Romans Hemd.

Roman ruckelte sich bequemer zurecht und schloss die Augen. Viel Schlaf hatte er in der letzten Nacht nicht bekommen und jetzt, wo sie so friedlich zusammen lagen, merkte er das. Er konnte die Lippen an seinem Bauch spüren, schob es aber auf unbewusste Bewegungen Maungs. Es war ihm nicht unangenehm. Er seufzte leise und legte die Arme fester um den Kater und hüllte ihn ein. Maung hatte völlig vergessen, dass er krank war. Das Schwirren im Kopf schob er nur auf Roman und seine Nähe. Es war wie ein Rausch. Er spürte keinen Schmerz mehr, keine Müdigkeit, nur innere Zufriedenheit, wie er sie lange nicht verspürt hatte. Er lächelte.

Ihm ging es nicht alleine so. Auch Roman fühlte sich ausgesprochen wohl. Er war es eigentlich nicht gewohnt, jemanden so nahe bei sich zu haben. Es war nicht so, dass er kuscheln nicht mochte, aber mit seinen Affären mochte er es nicht. Mit Maung war es angenehm. Es war sogar so angenehm, dass er einschlief. Im Gegensatz zu Maung. Der knabberte weiter, schnurrte und wusste mit seinen Gefühlen nicht wo hin. Er kam sich vor wie im Himmel. Das hier war doch alles nicht wahr. Er war bereit alles zu vergessen, was passiert war, wenn sich das hier nie wieder ändern würde. „Weißt du eigentlich, was ich alles für dich tun könnte?“, murmelte er leise und schabte den Stoff des Hemdes zwischen seinen Zähnen.

„Hm“, brummte Roman, wurde aber nicht wach. Das war wohl auch besser, denn die Worte hätten ihn gewiss irritiert. Er war gerade dabei, Maung neu kennen zu lernen und wäre damit bestimmt überfordert, wenn er jetzt erfahren würde, was der Kater eigentlich war. Er hatte ja schon genug Probleme damit, dass sie ihn gekauft hatten. Wie er das seinen Eltern beibringen sollte, wusste er auch noch nicht und das Weihnachtsgeschenk für seine Großmutter musste auch neu überdacht werden.

Maung nutzte die Zeit, um Roman nun endlich einmal aus der Nähe zu mustern. Das männliche Gesicht, die blonden Haare, die ihm bis auf die Brust hingen. Verspielt schlang Maung sich eine Strähne um den Finger, vermied es aber, daran zu ziehen, um Roman nicht zu wecken. Und die Muskeln, auf denen Maung lag, ließen ihn immer wieder vor Wonne schnurren.

Man konnte sich kaum vorstellen, dass dieser Roman, der gleiche wie auf den Fotos war, die Martina ihm gezeigt hatte. Dazwischen lagen wirklich Welten und Maung war froh, dass sein Herr sich verändert hatte. Seine Wange rieb ganz von alleine über die Brust unter sich und das weckte Roman. Erst war er irritiert, weil er nicht einordnen konnte, was passierte, aber das legte sich schnell und er hielt still. Erst nach einer Weile hob er seine Hand und strich Maung durch die Haare.

Das erschreckte den Kater, der immer noch geglaubt hatte, Roman würde schlafen und so lag der Kater starr und regte sich nicht. Er wagte nicht einmal, nach oben zu blicken, sondern stellte sich schlafend. Vielleicht kam er ja damit durch? Denn es war ihm unsagbar peinlich, dass Roman es wohl bemerkt hatte. Was sollte der von ihm denken?

Dessen Vorliebe waren Frauen - keine Catboys. Warum begriff er das denn nicht?

„Tschuldigung, ich wollte dich nicht erschrecken“, murmelte Roman leise und zog Maung ein wenig hoch, so dass sie sich ansehen konnten. „Das war schön. Ich mag es, dein Schnurren zu hören und zu fühlen. Mach also ruhig weiter“, flüsterte er dem Kater ins Ohr und knuddelte ihn dann kräftig durch, weil ihm einfach danach war. Er fühlte sich einfach gut und daran sollte Maung teilhaben. Allerdings konnte der Kater das nicht so sehr genießen wie Roman.

Sicher, er hätte seinem Inneren folgen können und Roman küssen, für ihn schnurren und ihm sonst den Himmel auf Erden schenken. Doch er war unsicher. Roman war gefangen im Augenblick, er sah ihn immer noch als Katze und nicht als Mann - das war ein Unterschied. Und weil Maungs Kopf schon wieder anfing zu schwirren, kam er durcheinander und musste husten. Man! Immer zu den unbrauchbarsten Augenblicken.

Sofort setzte Roman sich auf und hielt Maung so, dass er besser Luft bekam und strich ihm über den Rücken. Leider konnte er gegen die Erkältung nicht sehr viel machen, da musste der Kater durch, wie jeder andere auch. Er wartete bis Maung sich wieder beruhigte und hielt ihm dann ein Glas Wasser hin. „Magst du jetzt etwas essen oder noch ein wenig schlafen?“

„Essen“, krächzte Maung und hoffte, dass er so wieder etwas Abstand zwischen sie beide bringen konnte, um den völlig verwirrten Kopf etwas frei zu bekommen. Er spürte wie sein Herz schlug, wild und hastig und um sich selbst zu betrügen, schob er es auf den Hustenanfall. Erwartungsvoll kroch Maung zusammen mit der Decke etwas von Roman weg und setzte sich ihm gegenüber, bereit die Tasse mit Suppe in die Hände gedrückt zu bekommen.

Roman nahm die Tasse und nickte. Noch warm, aber nicht mehr heiß. So konnte Maung sie gefahrlos essen. Er gab sie weiter und sah Maung dann an. Da kam wohl der Arzt in ihm durch. Maung war immer noch sein Patient, denn richtig gesund war der Kater noch lange nicht. Darum achtete er auch darauf, dass Maung die Suppe wirklich aß. Außerdem beobachtete er, wie es dem Kater ging. Die Augen waren immer noch fiebrig glasig. Zwar glühte Maung nicht mehr so stark wie letzte Nacht, doch das Fieber war noch nicht ganz verschwunden. Außerdem schien der schmale Körper zu zittern, obwohl Maung - so wie er es von Anfang an getan hatte - in eine Decke eingehüllt war. Doch die Ohren standen gut, er ließ sie nicht hängen und das Fell am Schwanz - soweit Roman das sehen konnte - glänzte. So schlimm schien es um den Kater also nicht zu stehen.

Halsschmerzen waren wohl auch noch da, denn ab und zu verzog Maung beim Schlucken das Gesicht. Am liebsten würde Roman ihn mit dem Hustensaft in Ruhe lassen, zumindest so lange, wie der Husten und die Schmerzen nicht schlimmer wurden, aber dann konnte sich durch den Schleim in der Lunge eine Lungenentzündung bilden. Es musste also leider sein. Als Maung genug hatte, nahm er die Tasse entgegen und zog den Kater zu sich, damit er ihn wieder wärmen konnte.

Maung versuchte sich zu entspannen, doch leicht war das nicht. Nun lehnte er mit dem Rücken an Romans Brust. Er musste ihn nicht ansehen. Dafür konnte er seinen Kopf auf Romans Schulter lehnen und er spürte am Hintern nur zu deutlich, was Roman zu bieten hatte. Maung wurde noch wahnsinnig. Zu sagen, er wäre aufgewühlt, war reichlich untertrieben, doch er zwang sich ruhig zu atmen, um nicht wieder husten zu müssen.

Roman bekam davon nichts mit. Er hatte gerade das Problem, wie er Maung klar machen sollte, dass er noch etwas von dem Hustensaft nehmen sollte. Eigentlich hatte er damit noch warten wollen, aber der Schleim musste aus der Lunge. „Süßer, du musst noch einmal Hustensaft nehmen“, sagte er darum leise und man konnte heraushören, dass er es nicht gerne sagte. „Ich weiß, er ist ekelig, darum darfst du dir auch etwas wünschen, wenn du ihn nimmst.“

Maung verspannte sich schlagartig, als er das erste, was ihm auf der Zunge lag, sofort unkommentiert wieder runter schluckte. Wusste Roman eigentlich, was er da sagte? Was er Maung anbot? Nein, er wusste es nicht, weil er keinen Schimmer hatte, wie es in dem Kater aussah. Also holte er tief Luft und fügte sich in sein Schicksal. Er entkam ja doch nicht. Also nickte er. „Ich will auf den Weihnachtsmarkt und Glühwein trinken.“

„Okay, wenn du wieder auf dem Posten bist, gehen wir beide auf den Weihnachtsmarkt und du bekommst Glühwein.“ Roman musste ein wenig schmunzeln bei dem Wunsch, aber wirklich überraschen tat es ihn nicht, denn er wusste ja, wie sehr Maung das gefallen hatte. „Aber nur einen, nicht dass du am nächsten Tag wieder Kopfschmerzen hast.“ Er holte den Saft und gab Maung einen Löffel voll.

Der Kater schüttelte sich angeekelt, denn das Zeug war wirklich widerlich. Doch wenn es half? Und wenn Roman ihn doch so lieb darum gebeten hatte? Maung erkannte sich selbst kaum wieder. Es war plötzlich so gehorsam. Aber sein Herr schien das zu mögen. Mit einem Schluck kalten Tee vom Tisch gurgelnd verschwand Maung wieder unter seiner Decke, robbte aber frech so lange zu Roman, bis er auf dessen Schoß liegen konnte, damit der ja nicht ging und Maung alleine ließ.

Wie von selbst fing Roman an durch die hellen Haare zu streicheln und zu kraulen. So langsam kam die Erkältung bei Maung durch, das konnte er an der leicht rasselnden Atmung hören. Der Kater fühlte sich jetzt bestimmt nicht sehr gut. Roman wusste das aus eigener Erfahrung. Erkältungen machten ihm immer ziemlich zu schaffen.

Die Decke so hoch gezogen, dass nur noch die Nase und die Ohren rausguckten, schloss Maung wieder die Augen. Ohne es wirklich zu merken fing er an zu schnurren. Seine große Schwester hatte ihn auch immer so gekrault. Jetzt war sie nicht mehr da und auch wenn Martina sich immer gesorgt hatte, sie konnte Lian nicht ersetzen. Aber daran wollte Maung jetzt nicht denken. Er wollte Roman ganz genießen - so nett wie er jetzt zu ihm war.

Roman kraulte ihn weiter und genoss die Harmonie zwischen ihnen genauso wie Maung. Er konnte sich gar nicht mehr vorstellen, warum sie sich immer so gefetzt hatten. „Fernsehen?“, fragte er und hob die Decke ein wenig an, damit er Maung ins Gesicht sehen konnte. Dabei prüfte er noch einmal, ob der Kater Fieber hatte, aber die Stirn fühlte sich nicht mehr sehr warm an. Dafür sah die Nase ziemlich rot aus und Maung schniefte auch ständig. Deswegen reichte Roman grinsend eine Packung Taschentücher unter die Decke, damit der Kater nicht noch aus Mangel sein Shirt benutzte.

„Hm.“ Maung nickte. Fernsehen war immer gut. Er wollte nur zuhören. Sehen wollte er nichts, denn so konnte er noch ein wenig seinen Gedanken nachhängen. Sie wirkten wie durch Nebel und sie machten wenig Sinn, aber sie sorgten dafür, dass Maung sich etwas besser fühlte. Deswegen wackelten seine Ohren verschmitzt.

„Gut.“ Roman zupfte Maung sanft an den Ohren, weil die so niedlich wackelten und schaltete den Fernseher an. Er regelte die Lautstärke auf ein angenehmes Maß und suchte sich etwas Lustiges. Wozu gab es jede Menge Sitcoms? Das war leichte Kost, man musste sich dabei nicht anstrengen und konnte entspannen.

Genau das, was er brauchte.

Es war seit langem das erste faule Wochenende, was er sich gönnte. Eigentlich war er an den Wochenenden unterwegs oder bereitete Seminare an der Uni vor. Er war ein ruheloser Charakter und deswegen wunderte es ihn umso mehr, warum er hier so gelassen liegen konnte. Es stimmte wohl doch, dass der Charakter sich änderte mit einem Tier im Haus.

Aber Roman korrigierte sich gleich in Gedanken. Maung war kein Tier! Maung war ein Mensch und dazu noch einer, den er durchaus gern haben konnte. Bisher hatte er sich nur geweigert, ihn so zu sehen, weil es einfacher war, als sich eingestehen zu müssen, dass seine Eltern einen Menschen gekauft hatten. Das war etwas, was ihm ziemliche Probleme machte. Da nutzte es gar nichts, dass er in seinen Papieren als Tier ausgewiesen wurde. Doch egal wie man es drehte und wendete: Maung war keine Katze, nicht so, wie die, die Roman auf dem Untersuchungstisch hatte. Er hatte Empfindungen und war ziemlich clever, er konnte sprechen und man sah ihm an, wenn er verletzt war.

Seine Eltern würden den Schock ihres Lebens bekommen, wenn sie das alles erfuhren und wie sollte das dann werden? Dass Maung hier blieb, kam für Roman nicht in Frage. Er hatte schon beschlossen, das Katerchen mit sich zu nehmen.

Wie er das dann machte, wenn er wieder arbeiten musste, konnte er jetzt noch nicht sagen, aber da fanden sie schon eine Lösung. Hier bei seinen Eltern wollte er ihn auf jeden Fall nicht lassen. So sehr er seine Eltern auch liebte, aber dass sie mit Maung richtig umgingen, konnte er sich nicht vorstellen. Und außerdem konnte er sich sein Leben ohne den Kater gar nicht mehr vorstellen. Auch letzte Woche war das schon so gewesen und sich daran zurück zu erinnern, wie Maung ihn einfach ignoriert hatte, schmerzte in der Brust. Der Kater gehörte in sein Leben - merkwürdig, nach dieser kurzen Zeit.

Derweil lugte Maung immer mal wieder unter seiner Decke vor, doch das passierte von mal zu mal seltener. Er fühlte sich träge und schläfrig. Ab und an bekam er noch Medikamente eingeflößt und wurde zur Belohnung beschmust. Doch immer wieder nickte Maung weg.

Roman ließ ihn schlafen, denn das war besser als jede Medizin. Er blieb bei ihm, hielt und kraulte ihn, holte ab und zu etwas Suppe für sie beide und sah ansonsten fern. Eigentlich hatte er ja den ganzen Tag über nichts getan, aber doch fühlte er sich abends müde. Es war noch nicht einmal neun Uhr, als er den Fernseher ausschaltete.

„Lass uns schlafen, Süßer“, murmelte er leise und küsste Maung auf die Schläfe, als er sich hinlegte und Maung ganz dicht neben sich zog. Er konnte das breite Grinsen des Katers nicht sehen - doch es war da. Er hatte sie gespürt. Romans Lippen auf seiner Haut. Und je öfter Roman ihn 'Süßer' nannte, umso leichter war es, sich zu belügen und sich etwas vorzumachen. Er schniefte noch einmal und schnäuzte die Nase, ließ sich etwas geben, damit er nachts atmen konnte und kuschelte sich fest gegen Romans Bauch. Doch da war er schon eingeschlafen.

So ging der Nikolaustag für sie beide zu Ende, ohne dass sie es bemerkt hatten. Maung wusste nicht, dass es diesen Tag überhaupt gab und Roman hatte es einfach vergessen, weil die letzte Woche ihn viel zu sehr davon abgelenkt hatte, auf das Datum zu achten. Nachts wurde er öfter wach, weil Maung hustete oder sich schnäuzte, dann gab er dem Kater etwas zu trinken und versorgte ihn mit allem, was er brauchte. Es machte ihm nichts aus, denn Maung sollte ja schnell wieder gesund werden.