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Ein Kätzchen für Oma Hilde - Teil 9 bis 12

09

Am nächsten Morgen ging es Maung leider nicht besser. Genau genommen sah er elender aus als gestern. Die Nase war rot und wund, die Augen tränten immer wieder und der Schnupfen machte Kopfschmerzen, so dass Maung nur leise jammern konnte. Doch er hörte sich kaum, denn der Schnupfen legte sich auch auf die Ohren. So seiner wichtigsten Sinne beraubt, war er ziemlich unleidlich und um Roman nicht zu nerven, kroch er wieder leidend unter seine Decke.

Doch das konnte Roman nicht mit ansehen, also schnappte er sich Maung mitsamt Decke und trug ihn runter ins Wohnzimmer. Dort setzte er den sichtlich verwirrten Kater auf der Couch ab. „Meine Mutter mag es, wenn das Haus weihnachtlich geschmückt ist und ich finde, es wird langsam Zeit. Schließlich ist heute schon der zweite Advent“, erklärte Roman, warum er Maung nach unten gebracht hatte. „Du musst mir dabei mit Rat und Tat zur Seite stehen.“

Immer noch irritiert guckte Maung aus seiner Decke, denn das war ihm alles etwas zu schnell gegangen. Doch als er all den Tinnef sah, den Roman schon auf den Tischen im Wohnzimmer ausgebreitet hatte, leuchteten die glasigen Augen und er strampelte sich frei, wickelte sich aber gesenkten Hauptes wieder in die Decke, als er strafend gemaßregelt wurde. Schließlich war er krank und sollte sich erholen.

„Okay, wenn du die Decke mitnimmst und eingewickelt bleibst, kannst du herkommen“, gab Roman mit einem Lächeln nach. Schließlich hatte er das hier nur gemacht, damit Maung etwas Ablenkung von seiner Erkältung hatte. Es wäre nicht schlimm gewesen, wenn seine Mutter das Haus geschmückt hätte, wenn sie wieder da war.

„Hm.“ Maung nickte heftig, hustete aber erst einmal richtig durch, ehe er die Decke um sich raffte, fest steckte und nun wie ein Wrap auf Beinen durch das Wohnzimmer wuselte. Abgesehen von den Ohren und den Füßen war von dem schmalen Kater nicht viel zu sehen. Ab und an kam mal aus dem Wust aus Decke eine Hand und berührte das eine oder andere auf dem Tisch. „Ui, ein Mi-Re-Ki.“

„Ein was?“, fragte Roman lachend. Er hatte Maung beobachtet und es freute ihn, dass der Kater etwas munterer wurde. Er stellte sich hinter Maung und sah ihm über die Schulter, aber er fand nichts, was zu dieser Bezeichnung passte.

„Da!“ Maung deutete auf ein kleines Reh aus Holz. „Ein Mini-Reh-Kitz - ein Mi-Re-Ki“, erklärte er und nahm die Schnitzerei vorsichtig in die Hand. Es sah so zierlich und zerbrechlich aus. Doch dann hatte er schon das nächste entdeckt und so stellte er das Reh vorsichtig wieder ab. Nun hatte er eine Schneekugel mit einem Weihnachtsmann darinnen in den Händen und beschnüffelte sie. „Da schneit's ja“, sagte er fassungslos. Draußen schien nämlich die Sonne vom blauen Himmel. Das passte ja gar nicht zusammen.

„Gefällt dir die Schneekugel?“, fragte Roman, als Maung das Spielzeug wieder schüttelte. „Wir müssten noch ein paar mehr haben. Meine Tante hat mir als Kind ab und zu welche von ihren Urlauben mitgebracht. Sie sind mit Wasser gefüllt und wenn man sie schüttelt sieht es aus, als wenn es in ihnen schneit.“

„Das ist kein richtiger Schnee?“, sagte Maung etwas enttäuscht und beguckte sich die Kugel noch ein bisschen, ehe er sie wieder weg legte, weil ihm die Nase juckte. Er wollte sie nicht fallen lassen, wenn er niesen musste. So schnüffelte Maung ein bisschen, schniefte, doch dann musste er niesen und fiel in den Sessel, weil ihm schwindelig wurde. Kranksein war echt doof.

Es sah schon lustig aus, wie Maung da so hockte, aber Roman verkniff sich das Lachen und beugte sich lieber zu dem Kater runter. „Alles klar?“, fragte er und strich Maung durch die Haare. „Bleib hier sitzen. Du sagst mir, wo was hin soll und ich verteile den Schmuck, okay?“ Maung sollte sich ja nicht überanstrengen. Allerdings schien der Kater mit der Idee seiner Passivität weniger klar zu kommen als Roman. Doch so sehr Maung es auch versuchte, er hatte nicht die Kraft, sich samt seiner Wrap-Ummantelung zu erheben. Er musste also sitzen bleiben und so wedelte er immer mit einer Hand in die Richtung, wo etwas hin sollte, nickte, schüttelte den Kopf, wedelte solange, bis Roman die Position auf den Millimeter genau gefunden hatte.

Roman machte folgsam alles, was Maung sagte und hatte Spaß daran. Er war sogar ein wenig enttäuscht, als sie fertig waren. „Das sieht toll aus“, meinte er nach einem Rundblick. Es gefiel ihm besser, als wenn er es allein gemacht hätte. „Was hältst du von einem warmen Kakao und Keksen zur Belohnung für uns? Schließlich waren wir fleißig.“

Doch Maung lag nur platt in seinem Sessel und schüttelte den Kopf. Er hatte keinen Appetit, schniefte ständig und mittlerweile hatte er sich Taschentücher in die laufende Nase gestopft und musste nun durch den Mund atmen. Der wurde trocken, genauso wie die bereits aufgeplatzten Lippen und der Rachen. Maung hatte die Nase voll vom Kranksein und so wurde er quengelig.

Roman sah ihn besorgt an und hockte sich vor ihn. „Armes Schätzchen“, murmelte er leise, weil seine Mutter das früher auch immer zu ihm gesagt hatte. „Komm, ich bring dich wieder hoch, damit du dich hinlegen kannst.“ Er würde Maung gerne helfen, aber außer die Auswirkungen etwas zu lindern, konnte er nichts tun. Das war das gemeine am Kranksein, da musste jeder alleine durch. Auch Maung an einem zweiten Advent.

„Bleibst du bei mir?“, wollte Maung wissen, doch er hatte nicht die Kraft, sich an Roman festzuklammern. Außerdem kam er sich mit seinen Tropfenfängern in der Nase albern vor, weswegen er ihn nicht anzusehen wagte und lieber noch weiter in die Decke kroch. So würde Roman ihn doch nie als Bettgenossen wollen. Erbärmlich.

„Natürlich. Ich lasse dich doch nicht alleine.“ Roman strich Maung durch die Haare und brachte ihn nach oben. Dort hatte sich mittlerweile eine kleine Apotheke angesammelt. Als erstes verteilte Roman etwas Balsam auf Maungs Lippen, damit sie nicht weiter einrissen und gab ihm etwas kalten Tee. Erst dann zog er Maung vorsichtig die Tücher aus der Nase und gab ihm ein Nasenspray, das auch gleichzeitig die Schleimhäute anfeuchtete. „Komm her, Süßer“, meinte er dann und zog den Kater auf sich, damit er ihn festhalten konnte.

„Aber nicht wieder E-Zeu-Hu-Sa. Das Zeug will ich nicht mehr“, murmelte Maung und klammerte sich mit wenig Kraft an Roman fest. Er fühlte sich wie erschlagen und leiden machte nur halb so viel Spaß, wenn keiner es bemerkte oder einen bedauerte. Doch zum Glück schien Roman ja sehr empfänglich für Maungs Trauerspiel.

„Nur wenn es ganz schlimm wird.“ Diesmal hatte Roman die Abkürzung verstanden und schmunzelte. Maung schien gerne abzukürzen, wenn er redete und irgendwie war das niedlich, musste Roman zugeben. „Ich weiß, dass er eklig ist, aber je schneller du wieder gesund wirst, umso schneller gehen wir zusammen auf den Weihnachtsmarkt.“

„Hm!“ Nein, begeistert war Maung von der Idee nicht, doch er hatte keine Kraft zu diskutieren. So musste er sich geschlagen geben und ließ sich lieber beschmusen. Vielleicht half ja Romans Nähe für die Genesung, wenn sich Maung das nur lange genug einredete. Hieß es nicht, dass der Glaube Berge versetzte? Und die letzten Tage waren - abgesehen von der nervigen Erkältung - doch besser gelaufen als gedacht.

Roman war nett und aufmerksam und kümmerte sich fast liebevoll um Maung. So wie jetzt, wo er ihm über den Rücken strich oder eher streichelte, ihn an den Ohren und im Nacken kraulte. „Schlaf ruhig, wenn du müde bist“, murmelte Roman leise und machte sich wieder den Fernseher an, aber so leise, dass es Maung nicht störte.

„Will aber nicht“, maulte Maung, denn schlafen war doof. Er hatte in der letzten Zeit so komisch verwirrende Träume, in denen Roman mit ihm Dinge anstellte, von denen sein Herr besser nichts wusste.

Wie jede Katze, versuchte sich Maung zusammen zu rollen, doch die dicke Decke hinderte ihn daran, wo sie nur konnte. So guckten nach einer Weile nur noch Ohren und ein sandfarbener Schwanz aus einem Berg Daunen.

Roman konnte Maung verstehen. Er selber war auch sehr unleidlich und unzufrieden, wenn er krank war, darum ließ er Maung machen, aber legte sich so, dass sie es beide bequem hatten. Er wusste, dass Maung es mochte gekrault zu werden, darum strich er ihm immer wieder über die Ohren und ließ den Schwanz durch seine Finger gleiten. Das Fell dort war wunderbar weich. Schon als Kind hatte Roman seine Finger und manchmal auch seine Nase durch jedes Fell streichen lassen, dass er finden konnte und das hatte sich bis heute nicht geändert.

So entspannte sich der Kater zusehends und robbte noch etwas näher an Roman, schlang seine Arme um ihn und wurde allmählich müde. Anfangs konnte er sich noch dagegen wehren, doch sein Körper verlangte nach Ruhe. Schlaf war eben die beste Medizin, da konnte sich auch Maung nicht gegen wehren.

Roman blieb bei ihm, den Rest des Tages und auch die ganze Nacht. Versorgte Maung mit Essen und Trinken und Medikamenten wenn er kurz wach wurde und hielt ihn ansonsten bei sich.



Obwohl er an diesem Wochenende nicht wirklich viel gemacht hatte, so fühlte Roman sich doch ein wenig erschlagen, als um sechs Uhr am Montagmorgen der Wecker klingelte. „Ich will nicht“, murmelte er leise und kroch wieder zu Maung unter die Decke. Dort war es warm und kuschelig und der Kater hatte sich so angenehm an ihn herangeschmust. Auch er dämmerte nur und schlief nicht mehr wirklich, weil die Nase zu war und er wieder nur keuchend seinen heißen Atem über Romans Brust streifen lassen konnte. „Kopf, Hals“, jammerte er leise und zog die Decke noch höher. Nun guckten nicht einmal mehr die Ohren vor.

„Armer Schatz“, murmelte Roman noch halb schlafend und streichelte Maung über den Rücken. Er hatte gestern noch lange darüber nachgedacht, wie er das heute machen sollte, denn alleine lassen wollte er Maung nicht den ganzen Tag. Also musste er ihn wohl mitnehmen. Dann konnte er immer mal wieder zwischendurch nach dem Kater sehen. Die Praxis hatte auch einen Ruheraum, der nicht wirklich gebraucht wurde. Wenn er das Gästebett seiner Eltern in seinen Kombi warf und Maung und die Bettwäsche mitnahm, dazu noch eine kleine Notfallapotheke, dann durfte nicht viel schief gehen. Und so konnte auch Martina ab und an nach Maung sehen, wenn er selbst bis zum Hals in Arbeit steckte und keine Zeit fand.

Sie konnten noch ein paar Minuten ungestört unter ihrer Decke liegen bleiben, bis der Wecker sich wieder meldete. Es nutzte alles nichts, Roman musste raus, wenn er pünktlich sein wollte.

„Ich muss aufstehen, Süßer“, flüsterte er leise und strich Maung über die Wange. „Du kommst mit in die Praxis, dann bist du nicht den ganzen Tag alleine.“

„Hm?“ Maung war eigentlich alles egal, solange Roman ihn weiterhin so liebevoll 'Süßer' oder 'Schatz' nannte. Maung konnte die wohlig warmen Schauer gar nicht zählen, die ihm über den Rücken liefen und für ein paar kurze Augenblicke fühlte sich Maung ein bisschen weniger krank. Aber leider nicht für lange, denn sein Körper machte ihm klar, dass er das schlimmste noch nicht hinter sich hatte.

„Ich geh duschen. Magst du dich auch ein wenig waschen?“ Roman drückte Maung noch einmal kurz an sich, dann machte er sich frei und schälte Maungs Gesicht aus der Decke, damit er etwas besser Luft bekam. Roman war wirklich versucht, sich wieder hinzulegen, aber das ging einfach nicht.

„Waschen? Mit Wasser?“, murmelte Maung und hatte gleich wieder einen Zipfel der Decke in der Hand, um sie über sich zu ziehen. Ihm war gerade so schön warm. Sich zu waschen bedeutete als erstes, sich aus dem herrlich kuscheligen, nach Roman riechenden Bett zu wühlen. Als würde das nicht reichen, musste man sich dann noch seiner Kleider entledigen und sich nackt wie man war der Kälte und dem eklig nassen Wasser stellen. War das denn wirklich eine Prozedur, der man einen todkranken Kater unterziehen sollte? Maung bezweifelte das stark.

„Wohl keine gute Idee“, lachte Roman leise und stand auf. „Bleib liegen, ich hole dich, wenn wir los müssen.“ Er beeilte sich mit Duschen, machte ein Frühstück für sie beide, und packte schon einmal den Wagen. So brauchte er nur noch Maung, in seine Decke gewickelt, schnappen und zum Auto zu tragen. Vorher hatte er ihm noch das Tuch, was Maung immer getragen hatte, über den Kopf gebunden, damit man die Ohren nicht sah. Und so rollte sich Maung auf der Rückbank in seine Daunen, ließ sich anschnallen und war schon wieder halb eingeschlafen.

So brauchte Roman sich keine Gedanken machen, als er erst einmal das Reisebett und alles andere in die Praxis brachte, bevor er Maung hineintrug. Vorsichtig legte er den Kater ab und ließ ihn schlafen. So konnte Roman alles in der Praxis vorbereiten, was er für seine Patienten brauchte. Martina war noch nicht da, aber sie musste bald kommen.

„Roman?“

Kaum das der junge Arzt das Nebenzimmer verlassen hatte, fühlte sich Maung schon alleine. Eigentlich sollte er schlafen, doch er wollte nicht. Genauso wenig wie er wollte, dass Roman jetzt einfach im Nebenzimmer verschwand. So setzte er sich auf. Das Bett quietschte leise.

Roman hatte das leise Rufen gehört und kam wieder zu Maung. „Was ist denn los, Süßer?“, fragte er leise und setzte sich neben ihn. Wie von selbst legte er einen Arm um den Kater, damit er sich bei ihm anlehnen konnte. „Geht es dir nicht gut? Ich kann noch ein wenig bei dir bleiben, aber gleich muss ich arbeiten.“

„Mag nicht alleine sein“, erklärte Maung und legte seinen Schwanz um Roman. Vielleicht nahm er ihn ja wieder und streichelte durch das weiche Fell. Das hatte Maung sehr gefallen. Und so unterdrückte er das Husten, um die Nähe nicht zu stören. Sein Körper zuckte immer wieder.

„Ach Schätzchen.“ Roman seufzte und küsste Maung auf die Schläfe. „Ich komme, so oft es geht, zu dir, aber ich kann nicht die ganze Zeit bei dir bleiben.“ Wenn es nach ihm ginge, würde er Maung auch lieber bei sich haben, aber das ging leider nicht. Wie Maung es sich erhofft hatte, strich Roman ihm über den Schwanz und spielte mit ihm. Maung schnurrte leise.

„Na gut“, gab er nach, auch wenn es ihm nicht leicht fiel. Doch das hinderte ihn nicht daran, sich noch etwas gegen Roman zu schmiegen, auch wenn der Hustenreiz immer intensiver wurde und er sich verkrampfte.

„Nicht unterdrücken, Maung.“ Roman zog den Kater auf seinen Schoß und hielt ihn fest, als der schmale Körper vom Husten geschüttelt wurde. Viel mehr konnte er nicht machen. So fand sie Martina, die nach Roman gesucht hatte und nun völlig perplex in der Tür stand.

„Hallo?“, fragte sie irritiert und ging noch einmal aus der Tür. Dort schüttelte sie den Kopf, murmelte etwas Unverständliches und kam dann wieder in das Nebenzimmer. Doch das Bild war das gleiche. Roman hegte und flauschte den hustenden Kater auf seinem Schoß. Wer waren die beiden?

Langsam kam sie näher und erst jetzt bemerkte Roman sie und lächelte. „Morgen Tina“, begrüßte er sie und klopfte neben sich auf das Bett. Maung wollte sie doch bestimmt auch begrüßen. Schließlich waren die beiden beste Freunde. „Maung ist krank, darum hab ich ihn mitgenommen“, erklärte er ihr, denn die Fragen standen ihr förmlich ins Gesicht geschrieben.

Allerdings war das nicht die erste Frage, die ihr eingefallen wäre, auch wenn sie schon in Sorge um den hustenden Kater war. „Wie kommt's, dass du ihn nicht durchs Haus jagst, sondern bemutterst wie eine Löwin?“, konnte sie sich nicht verkneifen und wuschelte Maung über das Tuch auf seinen Haaren. „Und warum ist er krank? Ist das wegen dem Besuch auf dem Weihnachtsmarkt?“ Und schon war sie in Sorge.

„Nein, das war ein kalter Freitagabend auf einem Baum im Garten.“ Roman verzog das Gesicht, denn wenn er jetzt so im Nachhinein daran dachte, könnte er sich dafür in den Hintern treten. „Maung hat sich ziemlich erkältet, aber zum Glück nicht mehr. Erst hatte ich Angst, dass er eine Lungenentzündung oder eine Bronchitis kriegt.“

„Freitagabend? Baum? Garten?“ Martina sah Roman forschend an. Ob das was mit Maungs Anruf am Freitag zu tun hatte? „Bring die Worte mal bitte in einen für mich verständlichen Zusammenhang und ich möchte, dass am Ende der Erklärung raus kommt, warum der Kater auf dem Baum hockte, bei dem Wetter.“ Sie hatte da so einen Verdacht, doch das passte nicht zu dem Bild, was sich hier mit den beiden Schmusenden bot.

„Er hat auf dem Baum gehockt, weil er vor mir geflüchtet ist.“ Roman fiel es nicht gerade leicht das zuzugeben. Unwillkürlich zog er Maung fester an sich. „Sagen wir mal so, ich bin ein wenig ausgetickt und Maung ist auf den großen Baum im Garten geflüchtet. Ich habe ihn dort nach ein paar Stunden wieder runtergeholt und mich bei ihm entschuldigt.“

„Kann man euch eigentlich nicht alleine lassen, ohne dass was schief geht?“, knurrte Martina zu Roman und gleich war sie um Maung herum, um zu sehen, wie es ihm ging. Der Kater sah gar nicht gut aus. „Ich will eines Tages alles haargenau wissen und auch, warum du ihn gerade an dich raffst wie eine Löwenmutter ihr Junges und warum er schnurrt und gleichzeitig hustet und schnieft.“ Die beiden waren doch nicht ganz dicht - aber wirklich.

„Ich werde ja doch nicht drum rum kommen“, seufzte Roman und erst jetzt fiel ihm selber auf, wie eng er Maung an sich gedrückt hielt. Aber er ließ ihn auch nicht los, denn die letzten Tage hatte er gemerkt, dass er den Kater gerne in seiner Nähe hatte. „Wir haben uns ausgesprochen und haben festgestellt, dass der jeweils andere eigentlich nett ist.“

„DAS sehe ich“, knurrte Martina. Roman wich ihr aus. Es musste also etwas vorgefallen sein, das Maung in seiner Panik in die Kälte auf den Baum getrieben hatte. Doch das würde Roman ihr wohl nicht sagen. Also hörte sie auf zu bohren und kümmerte sich um Maung, legte ihm die Hand an die Stirn, sah sich Augen und Rachen an und kitzelte den Kater an den Ohren. „Wie geht’s dir?“, fragte sie und Maung schnurrte leise. In Romans Nähe schien es ihm gut zu gehen und sie erinnerte sich an das, was Maung ihr mal erzählt hatte und wie oft er nach Roman gefragt hatte.

Auch Roman war wie ausgewechselt. Endlich war er wieder der nette und liebenswerte Freund, den sie kannte. Die beiden schienen sich wirklich gegenseitig gut zu tun. „Ich mache alles einsatzbereit, bleib du bei Maung, bis die ersten Patienten kommen“, sagte sie deshalb und stand auf. So wie die zwei sich aneinander klammerten, wollte sie sie nicht trennen. Roman lächelte sie dankbar an, aber dann schnuffelte er schon wieder mit der Nase über Maungs Ohren.

Ob der Kater eine Chance auf das hatte, was er sich eigentlich erhoffte? Oder war es nur Romans schlechtes Gewissen, was ihn so fürsorglich und anhänglich werden ließ? Im Augenblick war das Maung jedenfalls egal. Warum Roman ihn so hielt, interessierte ihn nicht. Wichtig war nur, dass er es tat und so hustete er noch einmal richtig durch, ehe er sich brav unter die Decke schieben ließ, aber eine Hand in Romans Hemd gekrallt hatte.

„Ich komme nach jedem Patienten kurz zu dir“, versprach Roman und machte sich vorsichtig los. Er musste jetzt wirklich gehen, weil schon jemand im Untersuchungsraum war. Er konnte nur hoffen, dass heute nicht so viel los war, aber gerade montags war es immer voll. Noch einmal strich er Maung durch die Haare. Erst dann stand er auf und fing an zu arbeiten.

Die Tür zu Maungs Zimmer war angelehnt. Wenn er wollte, konnte er so alles mitbekommen, was in den anderen Räumen passierte. Doch er zog es vor zu dösen und zu schlafen, denn er wollte so schnell wie möglich mit Roman auf den Weihnachtsmarkt. Und dafür musste er wieder gesund werden.

„Und? Wie geht’s mit euch weiter?“, fragte Martina eher beiläufig, als sie Roman die Akte des ersten Patienten auf den Tisch in seinem Behandlungszimmer legte. Sie platzte fast vor Neugier.

„Wir werden heiraten“, sagte Roman vollkommen ernst und trocken, auch wenn es ihm schwer fiel. Erst als Martinas Gesicht vollkommen entgleiste, fing er an zu lachen. „Nein, das nicht, aber ich habe beschlossen, ihn nicht hier bei meinen Eltern zu lassen und ihn mit nach Hannover zu nehmen.“

„Als was?“, fragte sie völlig entgeistert und vergaß doch glatt die Akten loszulassen, nach denen Roman schon gegriffen hatte und leicht daran zog. Ihre Augen waren geweitet, ihr Mund stand offen. So hatte Roman seine alte Freundin noch nie gesehen.

„Wie, als was?“ Roman wusste erst nicht, was Martina meinte, aber dann hellte sich sein Gesicht auf. „Als Freund und auf keinen Fall als Haustier, denn das ist er ganz und gar nicht. Ich hab den Kleinen gern, das habe ich die letzten Tage gemerkt. Er ist ein Schatz und es soll ihm gut gehen. Das hat er verdient und so weit ich kann, werde ich dafür sorgen.“

Martina guckte etwas unwirsch. Na wenn das mal gut ging. Romans Dates freuten sich bestimmt, wenn er plötzlich einen Mitbewohner hatte. Und wie lange würde Maung es ertragen, nur ein Freund zu sein? Der Kater erwartete mehr und so wie sie das verstanden hatte, brauchte er auch mehr. „Ach so“, machte sie aber und versuchte ihre Gedanken zu verbergen. „Dein Patient wartet. Ich schick ihn rein“, sagte sie und ging, weil sie nicht mehr wusste, was sie sagen sollte.

Roman sah ihr hinterher und hatte das Gefühl, gerade etwas Falsches gesagt zu haben, aber darüber nachzudenken, hatte er keine Zeit mehr, weil ein humpelnder Schäferhund gerade ins Zimmer geführt wurde. Wie sich nach der Untersuchung und ein paar Röntgenbildern rausstellte, hatte der arme Kerl sich ein paar Bänder gezerrt, aber das wurde wieder.

„Er hat sich beim Springen über einen Zaun verschätzt“, erzählte der Besitzer mit besorgtem Gesicht und ließ seinen Liebling nicht aus den Augen. Er hing sehr an seinem Tier und würde alles für ihn tun. Das war bei den meisten Besitzern so. „Wird er lange brauchen, zum Genesen?“

„Na ja, so schnell wird es nicht gehen. Die nächsten drei Wochen nur an der Leine und auch nur das nötigste Laufen und vor allen Dingen nicht springen.“ Roman strich dem Hund über den Kopf und lächelte den Besitzer beruhigend an. „Wird ihm zwar bestimmt nicht gefallen, aber das machen sie schon.“

„Alles klar. Ich bin ja froh, dass nichts gebrochen ist. Nicht wahr, Hasso? Und das nächste Mal lässt du die Häschen in Ruhe.“ Der ältere Mann beugte sich zu seinem Liebling und umarmte den Hund, als er ihn wieder an die Leine nahm. „Haben sie vielen Dank.“ Dann gingen sie, etwas langsam aber immerhin.

„Gern geschehen.“ Roman schloss die Tür hinter seinem Patienten und ging rüber zu Maung, der mit geschlossenen Augen auf seinem Bett lag. „Schläfst du, Maung?“, rief er leise, denn wenn der Kater schlief, wollte er ihn nicht wecken. Doch er sah unter dem Tuch die Ohren wackeln und Maung lächelte, als er langsam die Augen öffnete. Neben dem Bett stand eine Tasse Tee. Martina war also auch schon hier gewesen. „Bin wach. Hab auf dich gewartet“, gestand er leise. Wenn er rot um die Nase wurde, sah man das wegen des Schnupfens sowieso nicht.

„Das ist schön.“ Roman kam zum Bett rüber und setzte sich auf den Boden davor. So musste Maung sich nicht den Kopf verdrehen, wenn er ihn ansehen wollte. „Brauchst du noch etwas? Ich weiß, es ist ziemlich langweilig für dich hier.“ Er legte Maung die Hand auf die Stirn und nickte zufrieden. Das Fieber war wohl endgültig weg. Nur die Triefnase und das Keuchen, weil er kaum Luft bekam, zeigten noch, dass Maung nicht auf der Höhe war.

„Geht schon viel besser“, log er, denn Roman sollte sich nicht zu viele Sorgen machen. Nicht dass er noch Fehler machte und arme Tiere leiden mussten. Er versuchte sich an einem Grinsen und musste schon wieder husten. Dass ihm das aber auch immer in den unmöglichsten Situationen passieren musste. Die ganze Zeit war nichts und kaum war Roman da und Maung war aufgeregt, lief sein Körper wieder Amok.

„Ja, das merke ich.“ Roman strich Maung über den Rücken und wollte noch etwas sagen, als Martina die Tür öffnete. „Roman, kommst du bitte schnell, wir haben einen Notfall“, rief sie nur und war auch schon wieder weg. Das bedeutete, dass es wirklich schlimm stand, darum sprang Roman auf und lief ihr hinterher, drehte sich aber in der Tür noch einmal um und lächelte Maung zu. Der nickte nur verstehend. Die Patienten gingen nun einmal vor und so sank er wieder in die Kissen.



10

Derweil kam Roman in den Behandlungsraum 1 gelaufen, wo eine schmutzige Kiste auf dem Tisch stand und Martina hatte schon ein Kätzchen auf den Arm, um es zu streicheln. Es jammerte erbärmlich und ein Mann in Montage-Kluft stand daneben, seinen Helm in der Hand.

„Wir haben die unter unserem Container jammern hören und da haben wir sie gefunden. Die Alte war leider schon tot“, erklärte er und deutete auf die tote Katze in dem Karton.

„Danke, dass sie sie hergebracht haben.“ Schon war Roman am Karton und holte erst einmal die tote Katze heraus, nachdem er sich Handschuhe angezogen hatte. Er wollte wissen, woran sie gestorben war und hoffte, dass es keine ansteckende Krankheit war, denn dann war das Überleben der drei Kleinen gering. Aber so wie es aussah, war die Mutter angefahren worden und hatte sich mit letzter Kraft zu ihren Jungen geschleppt. Sie hatte mehrere Knochenbrüche und offene Wunden. Darum legte er sie wieder weg und nahm eines der Kätzchen hoch. Sie jammerten kläglich und hatten wahrscheinlich Hunger, aber sonst sahen sie ziemlich gut aus.

„Ich mach gleich Nahrung für sie fertig“, sagte Martina und setzte das kleine, sandfarbene Fellknäuel zurück in die Kiste.

„Ich muss dann wieder, ne?“, sagte der Mann und nickte noch einmal. Doch er konnte die Katzen unmöglich zurück mit auf die Baustelle nehmen. Martina verabschiedete ihn, genauso wie Roman, sie hatten jetzt andere Sorgen als Förmlichkeiten.

Roman untersuchte die Kätzchen eins nach dem anderen und war relativ zufrieden. Sie waren unterkühlt und hungrig, aber sonst ging es ihnen gut. Ihre Mutter hatte gut für sie gesorgt und war wohl zu ihrem Glück noch nicht lange tot. Er holte einen Korb und legte ihn mit warmen Tüchern und einer Wärmflasche aus. Jedes Tierchen bekam noch eine Vitaminspritze, dann setzte Roman sie in den Korb.

„Ich stell sie hinten unter die Rotlichtlampe, damit sie wieder auf Temperatur kommen“, sagte Martina und sah auf die drei schreienden Bündel. Neben dem Sandfarbenen war noch ein Wildfarbenes und ein Rotes dabei. Keines sah aus wie das andere. Sie hatte eben den Korb hochgehoben und wollte nach hinten gehen, da erschrak sie sich fast zu Tode. Vor ihr stand eine laufende Decke, aus der nur noch eine Nase heraus guckte und die verschwand gerade im Korb. „Och, die armen Kleinen!“, sagte Maung und hatte schon das erste an sich genommen. Er hatte die Katzen jammern hören und es hatte ihm so wehgetan, dass er gucken kommen musste.

Eins nach dem anderen wurde in die Decke gepackt und zu Romans Überraschung hörten sie auf zu jammern. „Na kommt, ihr vier“, sagte er und hob Maung mitsamt den Kätzchen hoch und brachte sie wieder zu Maungs Bett. „Möchtest du dich um sie kümmern?“, fragte er und hob einen Zipfel an. Die drei hatten sich an Maung gekuschelt und zitterten viel weniger als vorhin.

„Ja, sicher!“ Maung nickte heftig und hustete kurz, doch dann war er auch schon wieder mit den drei Kleinen beschäftigt. Er streichelte sie und drückte sie an sich und es war ein Instinkt, ihnen über den Rücken zu lecken. Die Katze in ihm war zu stark, als dass er sich dagegen wehren könnte. Martina, wie auch Roman, sahen das nicht gern, weil sie nicht wussten, was die Kleinen alles im Fell hatten und Maung war ja schon angeschlagen. Aber sie sagten nichts, sondern vertrauten auf seine Instinkte. Er würde nichts tun, was ihm schadete. Von einer kalten Nacht auf einem Baum einmal abgesehen.

Die Kleinen mussten versorgt werden und so bat Roman Martina, ihnen die Milch zu bringen und den Patienten zu sagen, dass es noch etwas dauern konnte. Bis sie wieder da war, blieb Roman bei Maung und streichelte mit ihm zusammen die Kleinen. „Sie haben gute Chancen. Sie sind acht oder neun Wochen alt und recht gesund. Mit deiner Pflege werden sie bestimmt überleben.“

Maung nickte nur und drückte die kleinen Katzen wieder gegen seinen Bauch, damit sie es warm hatten. Er zog die Decke wieder drüber, so lange wie Martina weg war, damit es wieder wärmer wurde. Maung hatte wohl schon Freunde gefunden und war kaum noch wieder zu erkennen. So intensiv, wie er sich vorher auf Roman fixiert hatte, so sehr waren jetzt die Katzen der Mittelpunkt.

„Wir brauchen Namen für sie. Das rote ist ein Weibchen, die beiden anderen sind Kater.“ Roman setzte sich wieder vor das Bett. Wie vorhin. Für ihn war klar, dass sie die Kleinen behalten würden. Maung gab sie bestimmt nicht freiwillig wieder her und das wollte Roman auch nicht. Maung wirkte so anders, als noch vorhin. Viel erwachsener und das gefiel Roman ziemlich gut.

„Bin nicht gut im Namen geben“, sagte Maung mehr beiläufig und streichelte die Kleinen weiter. Doch dann sah er zu Roman auf und lächelte. Wenn sie Namen bekommen sollten, dann dürften sie bestimmt bei ihm bleiben. Das würde schön werden.

„Hier, die Milch.“ Martina war zurück und hatte Katzenmilch in kleinen Flaschen dabei, drückte jedem eine in die Hand und verteilte sofort die kleinen Kätzchen damit jedes etwas zu fressen bekam.

Roman und Maung sahen sich kurz an und grinsten. „Nee, das Mädchen kriegst du, wir übernehmen die Jungs“, lachte Roman und tauschte das rote gegen das graue Kätzchen. „Hey, Lucky, das ist wohl wirklich Glück im Unglück, das du hier gelandet bist“, flüsterte er leise und hielt dem kleinen Kater das Fläschchen hin. Erst wollte Lucky nicht so wirklich, aber als er merkte, dass dort Milch herauskam, fing er an zu saugen.

„Lucky“, lachte Martina leise und schüttelte den Kopf. Der erste hatte also seinen Namen weg. „Gib ihn dann am besten Maung, denn deine Patienten warten. Ich weiß, dass das hier mehr Spaß macht, als Hunden Würmermittel zu fressen zu geben, aber Job ist Job“, sagte sie und erinnerte daran, dass das Wartezimmer voll war. Auch die junge Dame nuckelte hungrig ihre Flasche leer, nur der kleine Sandfarbene stellte sich noch quer. Er war etwas kleiner als seine Geschwister und schien ein Sorgenkind zu sein. Maung aber bemutterte ihn liebevoll.

„Mach ich, Boss, wenn Lucky satt ist und sein Geschäftchen gemacht hat, gebe ich ihn an Maung weiter. Bleib du ruhig hier, ich mach das vorne schon und hol dich nur, wenn ich dich brauche.“ Schließlich war Maung selber noch krank und sollte sich schonen. Immer wieder sah er zu dem kleinen, noch namenlosen Kater rüber und als der endlich etwas trank, war wieder ein kleiner Sieg geschafft. Maung lächelte ebenfalls erleichtert und legte sich wieder etwas bequemer, zog das Katerchen auf sich und deckte ihn gut zu, während er ihn fütterte. Das war wohl Liebe auf den ersten Blick gewesen. „Wie willst du denn heißen?“, fragte er den Kleinen immer wieder leise, doch das Katerchen sagte kein Wort, nuckelte nur hungrig an der Flasche.

„Glück“, murmelte Roman und in seinem Kopf reifte ein Gedanke. Sein Lucky hatte gegessen und sich erleichtert, so gab er ihn an Maung weiter. Er musste mal eben an einen PC. Er lachte vor sich hin, als er gefunden hatte, was er suchte. „Maung, was hältst du von Tsuki, für den Kleinen und Feli für die junge Dame?“, rief er Maung zu und wirkte sehr zufrieden. „Die Namen haben alle die Bedeutung von Glück nur in anderen Sprachen. Tsuki ist Japanisch und Feli kommt von Felicitat und ist katalanisch.“

Maung nickte. Ja, das gefiel ihm. Die junge Dame schien sowieso begeistert von der Idee, denn sie leckte sich gerade das Schnäuzchen und kroch wieder unter die Decke, während Tsuki noch zu überlegen schien. Er legte den Kopf hin und her, guckte Maung an und als der nickte, schien auch der kleine Kater zu nicken. Martina lachte. Wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie sagen, das wären Geschwister.

„Okay, die Kleinen sind in guten Händen, wieder ab an die Arbeit“, lachte sie und ging schon vor. Roman kam noch einmal zu Maung und streichelte allen vier Katzen über den Kopf. „Danke, dass du dich um sie kümmern willst. Sie haben wirklich Glück“, sagte er und musste sich regelrecht zwingen, zu gehen. Am liebsten würde er sich einfach dazu legen. Aber das ging leider nicht. Er war Arzt und da draußen waren noch mehr Tiere, die ihn brauchten. Also lehnte er die Tür wieder an, damit Maung sie hörte und sich bemerkbar machen konnte, wenn etwas war.

„Ach, ihr Süßen.“ Maung drückte wieder alle Kätzchen an sich und schnurrte leise, damit sie sich wohler fühlten und einschliefen, denn sie brauchten noch viel Wärme, um wieder auf Betriebstemperatur zu kommen.

Bis zur Mittagspause kam Roman immer mal wieder vorbei. Maung hatte sich irgendwann um die Kleinen gelegt und alle vier schliefen friedlich. Er konnte den Kätzchen zwar nicht die Mutter ersetzen, aber er war so etwas wie ein großer Bruder. Jetzt war es langsam wieder Zeit aufzuwachen, weil sie Hunger bekamen, darum machte Roman drei Fläschchen fertig und ging damit zu Maung, wo schon das erste Jammern zu hören war.

„Roman“, sagte Maung leise, als er seinen Herrn zur Tür herein kommen sah. Er hatte Lucky in der Hand und versuchte, den kleinen, getigerten Kater zu beruhigen. Doch Hunger ließ sich nicht beruhigen und allmählich steckte er seine Geschwister damit an. Feli tigerte vor Maungs Bauch hin und her und Tsuki war in sein Shirt gekrochen, wo er sich gegen die warme Haut lehnte. „Du kommst genau zur richtigen Zeit“, sagte Maung, als er die Flaschen mit Milch sah.

„Als wenn ich es geahnt hätte“, grinste Roman und nahm sich Lucky und gab zwei Flaschen an Maung weiter. Er hielt sich nicht lange auf und gab dem meckernden Bündel die Flasche und der Kleine fing auch gleich an zu saugen. Anscheinend hatte er sich an die Flasche schon gewöhnt. „Du passt zu mir“, lachte Roman und setzte sich wieder neben das Bett. „Und wie geht es dir, Süßer?“, fragte er Maung. Nicht dass der Kater sich übernahm und einen Rückfall bekam.

„Öh?“ Maung wirkte etwas irritiert und schniefte, als er aufsah. „Geht schon“, murmelte er und musste wie zum Beweis des Gegenteils husten. Es machte ihm mehr Sorgen, dass Tsuki an der Flasche schnüffelte und sich angewidert wegdrehte. „Hast du keinen Hunger?“, fragte Maung besorgt und strich dem kleinen Kater wieder über den Rücken. Doch als auch Feli erst nur zögerlich an die Milch dran ging, sah er Roman forschend an. „Hast du da was rein getan?“

„Tsuki ist wohl Feinschmecker. Da ist Wurmkur mit drin, aber wenn er das nicht mag, mach ich ihm eine neue Flasche. Bei manchen klappt's.“ Zum Beweis hielt er Lucky hoch, der gierig saugte. „Dann muss er die Wurmkur so kriegen, denn die brauchen sie dringend. In ein paar Tagen kriegen sie auch ihre ersten Impfungen.“

„Nein, er braucht das ja. Ich versuch's noch mal“, murmelte Maung hitzig, denn auch ihm war klar, dass die Medikamente wichtig waren. „Komm schon, Kleiner, stell dich nicht so an.“ Er streichelte Tsuki immer wieder mit der Handkante, während er Feli fütterte und Tsuki seine Flasche noch immer vor die Nase hielt. Doch dann fiel ihm etwas ein. Katzen hatten einen Reinlichkeitsfimmel. Sie putzten sich immer, wenn sie schmutzig wurden, also tropfte er dem kleinen, sandfarbenen Kater etwas auf die Pfote.

„Das ist ja ein toller Trick“, lachte Roman anerkennend, als Tsuki sofort seine Pfote sauber leckte. „Da bin ich ja auch noch nicht draufgekommen.“ Lucky war mit seiner Mahlzeit fertig, darum nahm Roman sich Feli, damit Maung sich um Tsuki kümmern konnte. Der Kater war ein wenig zarter und kleiner als seine Geschwister und so machte Roman sich doch etwas Sorgen um ihn. Dafür gehörte dem Kleinen schon Maungs ganze Aufmerksamkeit. Die beiden würden sich wohl nie wieder trennen.

„Hat Mama mit Lian gemacht, als sie noch ganz klein war“, sagte er nur nebenbei, denn bei Catboys und -girls funktionierte das ganz genau so. Schmutzig zu sein konnten sie nicht ertragen. Es war fast wie ein Zwang. Und deswegen träufelte er auch immer wieder etwas auf Tsukis Pfote, was er brav ableckte. Doch dann ging dem Kleinen wohl irgendwann auf, dass er das echt einfacher haben konnte, gab sich geschlagen und nuckelte nun an der Flasche. Und Maung freute sich: „Gewonnen“, lachte er leise und leckte Tsuki über den Rücken.

„Du bist echt toll. Die Kleinen haben wirklich Glück, dass du dich um sie kümmerst.“ Ganz spontan zog Roman Maung zu sich und küsste ihn auf die Wange. Er war richtig stolz auf seinen Freund und eine Idee reifte in ihm. „Sag mal, dass wir die drei nicht mehr weg geben können, ist ja wohl irgendwie klar. Was hältst du davon, wenn meine Oma Feli zu Weihnachten bekommt und wir beide behalten die Jungs, dann bist du nicht so alleine, wenn wir in Hannover sind und ich arbeiten muss.“

„Hä?“ War es nicht in irgendeinem Zusatzparagraphen zum Catboy-Schutzgesetz bei Strafe untersagt, kranke und angeschlagene Kater erst zu küssen und sie dann mit zu vielen Informationen in zu wenigen Sätzen zu bombardieren? Er hatte nur die Hälfte verstanden, weil er Romans Kuss erst einmal verarbeiten musste. Er starrte den Arzt an und merkte gar nicht, dass der dem hungrigen Tsuki sein Futter entzog, bis der meckerte und jammerte und Maung gleich reagierte. „Äh“, versuchte er noch einmal zu antworten, war aber auch nicht erfolgreicher. Also nickte er nur.

Maung sah so offensichtlich verwirrt und überfordert aus, dass Roman kichern musste und ein Einsehen hatte. „Ich bin doch hier in Hamburg nur zu Besuch. Eigentlich wohne und arbeite ich in Hannover. Dich und die beiden kleinen Jungs wollte ich eigentlich mitnehmen. Meine Oma sollte doch eigentlich dich zu Weihnachten bekommen, da dachte ich mir, dass sie sich bestimmt auch über Feli freuen würde.“

Maung nickte verstehend. Stimmt, da war doch noch was. Hatte Roman nicht gleich als erstes erklärte, dass seine Oma sich sicher über das Ding freuen würde? Doch das verdrängte er schnell, das war vorbei. Roman wollte ihn also mit sich nehmen. Nun, Maung sollte es egal sein, wo er war, wenn er nur bei Roman bleiben durfte. Vielleicht fanden ihre Herzen nie zueinander, vielleicht nicht einmal ihre Körper, doch Roman war der einzige, den Maung hatte. Sein Blick lag auf der kleine Feli, die gerade schmatzte und zufrieden futterte.

Roman ging davon aus, dass Maung wegen Feli traurig guckte, darum zog er ihn zu sich. „Sie wird es gut bei meiner Oma haben. Sie liebt Tiere, wie eigentlich meine ganze Familie. Wir hatten eigentlich immer welche, aber als unser Hund gestorben ist, wollten meine Eltern erst einmal keine Tiere mehr, weil sie beide arbeiten und wenig Zeit haben.“

„Aber sie ist dann ganz alleine. Ohne ihre Brüder. Das finde ich nicht gut“, sagte Maung, aber nur ganz leise und raffte die junge Dame, die zurück aufs Bett kam, fest an sich. Er wusste nur zu gut, wie sich das anfühlte, wenn man seine Geschwister zurück lassen musste. Deswegen konnte er Roman auch nicht ansehen, streichelte nur die kleinen Katzen und schob sie nach einem Besuch in der Katzenkiste, die Martina gebracht hatte, wieder unter die Decke.

„Ich weiß, Maung, aber wir können nicht alle drei mitnehmen. Sie würden sonst auch nicht mehr so lange zusammen bleiben.“ Maung tat Roman ja leid und er konnte verstehen, dass er alle drei behalten wollte und so wie er sich um die drei gewickelt hatte, gab er nach. „Oma geht nicht mehr arbeiten und sie hat sehr viel Zeit für Feli. Denk drüber nach und wenn du sie nicht hergeben möchtest, dann kommt sie eben mit.“

Skeptisch sah Maung kurz auf. Seit der Kater krank war, war Roman richtig nachgiebig geworden. Woran lag das nur? An seinem momentanen Zustand? Sollte er das ausnutzen und festlegen, dass Felicitat bei ihnen blieb? Er wusste es nicht und deswegen kroch er mit unter die Decke. „Danke“, sagte er nur, um nicht abweisend zu wirken. Er musste nachdenken.

Roman sah auf den kleinen Deckenberg und strich einmal darüber. „Möchtest du auch etwas essen? Ich habe Hühnersuppe mitgenommen, die könnte ich warm machen, aber ich kann auch was holen für uns. Hier in der Nähe ist ein Metzger, der hat leckere, große Schnitzel.“

„Suppe ist gut“, murmelte Maung unter dem Berg Decken und arbeitete sich wieder etwas vor, weil es unhöflich war, Roman einfach so stehen zu lassen. Also sah er ihn wieder an, auch wenn die Nase noch immer lief und Maung ständig mit einem Taschentuch darüber wischte. Sie war schon ganz wund.

Sicher, Schnitzel waren sehr, sehr lecker. Doch was nutzte das, wenn er nicht richtig schlucken konnte? Der Hals tat ihm vom Husten weh und so legte sich Maung auf den Rücken, um sich einmal richtig zu entspannen. Die kleinen Katzen nutzten die Chance und krochen unter sein Shirt auf den Bauch, wo sie sich dicht zusammen kuschelten. Also war Maung nun in der Position gefangen und schnurrte leise für sie, damit sie sich geborgen fühlten.

„Okay, bin dann gleich wieder da. Wenn die Kleinen schlafen, legen wir sie kurz in den Korb, damit du essen kannst.“ Roman stand auf und ging in die kleine Küche. Dort stellte er die Suppe in die Mikrowelle und kochte Wasser für einen Tee. Erst jetzt merkte er, dass er selber auch Hunger hatte. Wenn er zu tun hatte, vergaß er das oft. Aber zum Glück war gerade Mittagspause und so kam Martina nach den vier Katzen sehen, als Roman gerade aus dem Zimmer war.

„Na? Fressen sie gut? Werden sie warm?“, fragte sie, ließ die Decke aber unten, damit es nicht ständig wieder kalt darunter wurde. „Und du?“

„Mir geht’s gut und sie scheinen auch durchzukommen“, sagte Maung und verbiss sich den Kommentar, dass Feli weggegeben werden sollte.

„Das ist schön.“ Martina strich Maung über die Wange und lächelte. Bei der Aufregung mit den Kätzchen hatte sie ganz vergessen zu fragen, was das mit dem Anruf am Freitag auf sich hatte. Also holte sie das nach und war sich eigentlich ziemlich sicher, dass das auch mit Maungs Erkältung zusammen hing.

„Oh, das.“ Maung schloss die Augen und schämte sich. Doch er mochte Martina und sie zu belügen kam für ihn nicht in Frage. So erzählte er vom Freitag, von der aufdringlichen Tussi und seiner Idee. Auch davon, dass Roman abgelenkt werden musste, damit Maung sich Sabine vornehmen konnte und so war die Sache mit der CD schnell aufgeklärt. Er schob aber noch hastig erklärend hinterher, dass er den Film wirklich haben und sehen wollte, nicht dass Martina glaubte, sie hätte als reine Ablenkung dienen sollen.

„Du bist mir ja einer. Erinnere mich bitte ab und zu daran, dich nie zu ärgern“, lachte sie und auch wenn sie nicht ganz mit Maungs Methoden einverstanden war, so erkannte sie seinen Einfallsreichtum durchaus an. Dass es Sabine erwischt hatte, störte sie hingegen gar nicht, denn die hatte sie noch nie gemocht. „War Roman also sehr wütend, dass du sein Date verscheucht hast.“

„Ich bin auf einen Baum geklettert. Glaubst du, da habe ich aus Spaß gesessen, weil es so ein laues Lüftchen war?“, grinste Maung schief und strich sich über die Ohren. Er war nervös. Was Martina jetzt wohl von ihm dachte? „Aber diese Tussi ging mir auf die Nerven. Sie nur in seiner Nähe zu wissen, hat mich rasend gemacht“, sagte er hastig und sehr leise, denn Roman kam mit der Suppe über den Flur. Also legte er sich wieder brav hin und deckte sich bis zum Hals zu.

„Das kann ich verstehen. Ich finde sie auch furchtbar“, flüsterte Martina noch, dann griff sie die drei schlafenden Kätzchen und legte sie in ihren Korb unter der Wärmelampe, damit Maung essen konnte. „So, ihr zwei, ihr seid versorgt, dann geh ich eben schnell was einkaufen.“ Was sie von der trauten Zweisamkeit halten sollte, wusste sie noch nicht, aber sie wollte sie auch nicht stören.

Sowohl Maung als auch Roman sahen ihr hinterher, zuckten die Schultern und Maung setzte sich etwas auf. Schon allein, damit er in die Kiste gucken konnte, die unter einer eilig installierten Rotlichtlampe stand. Er konnte seine kleinen Schützlinge ja nicht aus den Augen lassen. Doch er rückte ein Stück, damit Roman sich zu ihm aufs Bett setzen konnte.

Roman gab ihm eine Schüssel und setzte sich, wünschte einen guten Appetit und hatte auch schon den ersten Löffel im Mund. „Brot?“, fragte er nuschelnd. Das hatte er in seiner Kitteltasche. Er holte es raus und legte es zwischen sie, damit Maung sich etwas nehmen konnte, wenn er wollte. „Gut, dass ich alles für eine Katze Zuhause habe“, sagte er unvermittelt, als Maung wieder in das Körbchen guckte. „Ist das Katzenfutter doch zu was gut.“

„Ja, scheint so.“ Maung lachte leise, so weit hatte er noch gar nicht gedacht. „Und weil du keine Wärmelampe hast, werden sie im Bett bei mir schlafen müssen“, sagte er und grinste dabei scheinheilig zu Roman rüber, denn es war schließlich dessen Bett, dass der Kater okkupiert hatte. Dabei kaute er auf dem Brot herum und tunkte es in die Suppe.

„Wenn ich auch noch Platz im Bett habe, von mir aus.“ Roman grinste und sagte lieber nicht, dass er das nicht anders gemacht hätte. Die Kleinen brauchten Wärme und Nähe, da konnte er sie doch nicht in einen Korb abschieben. „Ich fürchte nur, dann werden wir sie da auch nicht mehr wieder rausbekommen, wenn sie es erst einmal gewohnt sind.“

„Ich denke, wir ziehen dann eh wieder um“, sagte Maung und wollte das gleich schmälern. „Und selbst wenn, Katzen sind sehr angenehme Bettgenossen - habe ich mal gehört - also - ähm.“ Plötzlich kam der Kater ins Schleudern und holte tief Luft. Was redete er denn für einen Mist? Hastig wischte er sich über die Nase und begann zu essen, doch er musste husten.

Roman stellte seine Schüssel weg und nahm auch Maung seine aus den Händen, damit der Kater nichts verschüttete und zog ihn an sich. „Nach Weihnachten ziehen wir nach Hannover, aber dort werden sie höchstwahrscheinlich auch bei uns im Bett schlafen, weil sie es gewohnt sind, bei uns zu schlafen“, erklärte er und strich Maung über den Rücken und lachte leise. „Ja, Katzen im Bett sind wirklich schön. Wenn du neben mir liegst und schnurrst, geht es mir gut und ich kann gut schlafen.“

„Ach so?“, sagte Maung zitternd und konnte sich kaum rühren. Der Kerl schubste ihn aber auch vom Regen in die Traufe. Immer wenn der Kater gerade das Gefühl hatte, er hätte sich wieder erholt, kam der nächste Satz, der ihm Hitze ins Gesicht trieb und ihn unsicher machte, weil er nicht wusste, wie Roman das meinte. Doch Maung konnte ja schlecht fragen. Also musste er das unkommentiert lassen und richtete sein Interesse wieder auf die drei Katzen, die friedlich schliefen. „Mich stören sie nicht, wenn sie im Bett schlafen.“ Dann kam Roman wenigstens nicht auf die Idee, irgendwelche Weiber da mit rein zu schleppen. Doch das sagte Maung lieber nicht.

„Dann sind wir uns ja einig.“ Roman wischte Maung eine Träne von der Wange, die sich beim Husten gelöst hatte und lächelte. „Das wird schon werden.“ Er war da ziemlich optimistisch, wenn die Kätzchen sich weiter so gut entwickelten. „Ich bin nur mal gespannt, was meine Eltern zu so vielen Katzen im Haus sagen. Wo sie doch eigentlich nur eine erwarten.“

„So lange sie sie nicht behalten wollen“, nuschelte Maung und versuchte sich wieder zu fassen. Tief durchatmen war allerdings nicht so leicht, weil sich dann gleich wieder ein Hustenreiz meldete. „Ich werde sie nicht mehr hergeben“, schob er hinterher und ließ absichtlich die Frage über Felis Verbleib offen. Doch er aß weiter. Am liebsten hätte er sich jetzt Roman gegriffen und ihn geküsst. Dass der so nett war, war doch selbst für einen standhaften Kater zu viel. Für einen so angeschlagenen wie Maung wurde es langsam unerträglich. Doch konnte er fragen? Roman direkt auf den Kopf zu darauf ansprechen, wie er zu Maung stand? Nein, unmöglich. Maung ahnte, was er hören würde und das wollte er nicht.

„Nein, die Kleinen bleiben bei uns, egal was sie sagen. Ich gebe, bis auf vielleicht Feli, keinen von euch her. Sie werden dich und die Süßen mögen, aber mehr auch nicht.“ Roman war sich allerdings nicht so sicher, wie er sich gerade gab, weil er Maung nicht beunruhigen wollte. Aber faktisch gehörte Maung seinen Eltern, weil sie ihn bezahlt hatten. Aber wenn es sein musste, gab er ihnen das Geld.

„Du musst das der Kleinen nicht immer noch sagen, dass du sie einfach weggeben willst, ohne ihre Brüder. Das tut auch einer Katze weh“, erklärte Maung und meinte das völlig ernst. Das war doch herzlos. Unweigerlich sah er zu der kleinen Katze, die sich an ihre Brüder kuschelte und ignorierte Roman völlig.

„Ähm… also…“, stotterte Roman und seufzte. „So hab ich das doch nicht gemeint. Meine Oma ist einsam, seit dem Tod meines Opas. Sie könnte so eine kleine, flauschige Ablenkung gebrauchen. Und zu ihr passt einfach besser eine Katze als ein Kater. Wir können sie aber auch behalten, das hab ich doch gesagt. Ich will sie nicht unbedingt loswerden.“ Maung war böse mit ihm, das konnte er spüren und das versetzte ihm einen Stich. Sie hatten sich doch so gut verstanden und er hatte es wieder kaputt gemacht.

„Es klang aber so und ich will nicht, dass du so über sie sprichst“, sagte Maung und sah nun doch wieder Roman an, weil er selber spürte, etwas über das Ziel hinaus geschossen zu sein. Also versuchte er sich versöhnlich zu geben und drückte kurz dessen Hand, als er sich zu ihm beugte, um ihm auch einen Kuss auf die Wange zu hauchen und dabei leise und versöhnlich zu schnurren. Roman hatte sich viel von ihm bieten lassen. Eigentlich war er sein Herr und musste sich solche Sachen nicht gefallen lassen. Und damit Maung nicht darüber nachdachte, was er eben getan hatte, griff er sich hastig seine fast kalte Suppe.

Überrascht griff sich Roman an die Wange und strich über die Stelle, wo ihn Maungs Lippen berührt hatten. Sie kribbelte ein wenig und das war angenehm, wie er zugeben musste. „Ich verspreche es“, sagte er leise und kraulte Maung kurz die Ohren. „Ich werde nichts mehr davon sagen.“

Weil seine Suppe alle war, nahm er sich ein Stück Brot, um sich zu beschäftigen. Er war ein wenig verwirrt. Sabine hatte ihn auch auf die Wange geküsst, aber da hatte er gar nichts gespürt. Was hatte das zu bedeuten?

„Auch wenn sie bei deiner Oma bleiben wird, soll sie sich so lange und bis dahin genauso geliebt fühlen wie die beiden Jungs“, murmelte Maung. Er hatte sich da jetzt richtig hineingesteigert. Und weil er sowieso fertig war mit Essen, rückte er sich wieder zurecht in seinem Bett. Ein bisschen kuschelte er sich an Roman, denn er nutzte es gern aus, wenn sein Herr seine Nähe suchte, doch seine Augen lagen auf den drei Kätzchen in der Kiste.

„Sie wird sehr viel Liebe bekommen, genauso wie ihre Brüder.“ Roman legte einen Arm um Maung und streichelte ihm über die Seite. Eine Weile saßen sie einfach nur so da, ohne etwas zu sagen und beobachteten die Kätzchen beim Schlafen. Erst als Martina zurück war, regte Roman sich wieder. Bald kamen die nächsten Patienten. Die Pause war fast vorbei.



11

Maung hatte kein Wort mehr gesagt, er musste nachdenken. Dabei hatte er immer die kleinen Kätzchen im Auge gehabt. Doch dann hatte seine Erkältung Tribut gefordert und nun schlief der Kater wieder. Martina sah in den Raum und merkte auch, dass Roman bedrückt wirkte. „Was ist passiert, habt ihr euch wieder gestritten?“, wollte sie wissen und strich den kleinen Katzen über den Rücken. Sie würden sie wohl Maung ins Bett legen, wenn sie wieder vor in die Behandlungsräume mussten. Da waren sie besser aufgehoben als in der Kiste.

„Martina.“ Roman schreckte ein wenig auf, weil er in Gedanken war. „Nein, nein, haben wir nicht“, beruhigte er seine Freundin und legte Maung hin, damit er ruhig schlafen konnte. „Ich glaube nur, dass ich ihn traurig gemacht habe, weil ich vorgeschlagen habe, dass wir Feli meiner Oma schenken.“ Roman seufzte leise und steckte in einem Dilemma, denn mit Maung und noch drei Katzen wurde es recht echt in seiner Wohnung.

„Ach so“, sagte sie verstehend und sah von Maung auf die drei kleinen Katzen und wieder zurück. „Er sieht in ihnen wohl noch etwas ganz anderes als wir und sie weg zu geben, ist für ihn um einiges schwerer. Aber vielleicht gibt sich das noch, wenn er deine Oma kennt und merkt, dass es die Kleine dort gut haben wir.“ Sie kannte Oma Hilde gut und mochte sie sehr. Vielleicht ging es Maung auch so, wenn er sie kennen lernte. „Lass etwas Zeit vergehen und jetzt lassen wir sie schlafen“, sagte sie und packte die verschlafenen Fellkugeln zu Maung unter die Decke.

„Ja.“ Bei dem Gedanken an seine Oma musste Roman lächeln. Sie sah aus wie eine typische Oma. Klein, rundlich und mit weißen Haaren, aber so war sie nicht. Sie war sehr agil und modern. Sie bediente ihren Laptop wie ein Profi und chattete mit ihren Enkeln mindestens einmal die Woche. Dass sie vernarrt in Maung sein würde, darin bestand für ihn kein Zweifel. „Sie wird sich Maung schnappen und fast zu Tode knuddeln“, lachte er leise und schloss die Tür, damit die vier schlafen konnten.

„Na, davon kannst du ausgehen. Wenn du Pech hast, besteht sie darauf, dass du ihn ihr überlässt“, stichelte Martina, denn sie wollte endlich wissen, wie Roman über den Kater dachte. Es war ungewohnt, die beiden plötzlich so vertraut zu sehen, wenn man wusste, wie das vorher gelaufen war. „Dann kannst du die drei Kleinen behalten und deine Oma bekommt ihren Birma. Alles im grünen Bereich!“ Dann lachte sie herzhaft und schlug Roman auf die Schulter.

„Nein, auf keinen Fall!“ Roman erschreckte sich selbst über seine scharfe Antwort, aber so sehr er seine Oma auch liebte, Maung bekam sie nicht. „Also, das geht nicht, er darf nicht verschenkt werden“, murmelte er schnell, weil Martina schon wieder so guckte und als sie die Augenbrauen hob, ließ er den Kopf hängen. „Ich möchte ihn nicht bei jemand anderem lassen“, gab er zu. „Ich mag ihn und habe ihn gerne um mich.“

„Aha. Dacht ich's mir doch“, sagte sie nur und ließ offen, was sie damit meinte. Sollte sich Roman selbst Gedanken darüber machen. „Los, husch. Im Wartezimmer sitzt ein Dackel mit Verstopfung. Ich schick ihn dir gleich rein.“ Lachend sank sie auf ihren Stuhl vor dem großen Schreibtisch und griff sich die Akte des kleinen Patienten, um sie Roman in die Hand zu drücken. Es konnte also wieder losgehen.

Roman brummelte leise vor sich hin, denn er mochte so was gar nicht. Allerdings kannte er Martina gut genug, um zu wissen, dass sie ihm nicht erklären würde, was sie gemeint hatte. Da lenkte er sich doch lieber mit dem nächsten Patienten ab, der von seinem Frauchen in das Behandlungszimmer getragen wurde. Der alte Dackel war kein besonders schwieriger Fall. Die Spritze, die er bekam, half ihm bestimmt schnell. Allerdings nutzte das alles nichts, wenn sein Frauchen sich nicht endlich an die Ernährungsregeln hielt, die man ihr schon einige Male mitgegeben hatte.

Auch heute redete Roman ihr wieder ins Gewissen, denn so wie der Dackel aussah, bekam er immer noch Leckerchen. Presswurst mit Beinen traf es ganz gut, denn so sah das arme Tier aus. „Ich weiß ja, Herr Doktor, aber er nascht doch genau so gern wie ich“, sagte sie lachend und strich ihrem Liebling über den Kopf. So war das eben mit alten Leuten, die in ihren Haustieren den Ersatz für einen verlorenen, lieben Menschen sahen.

„Ich kann sie ja verstehen, Frau Reuter. Wenn einen zwei bettelnde Augen ansehen, dann ist es schwierig nicht schwach zu werden.“ Roman lächelte und ging zu seinem Schrank. „Hier, wenn sie das Gefühl haben, dass ihr Sammy Probleme hat, geben sie ihm ein bis zwei dieser kleinen Perlen. Es ist ein leichtes Abführmittel, das rein pflanzlich ist und damit müsste es eigentlich besser werden.“

Aber er wies auch wie jedes Mal darauf hin, dass sie nur jedes zweite Mal dem bettelnden Blick nachgeben sollte. Noch besser wäre es, der Dackel würde gar nichts zwischen den Mahlzeiten bekommen. Doch nun war er schon so alt geworden, da wollte er ihm seine letzten Jahre nicht noch eine Diät aufzwingen.

So verabschiedeten sich die Dame und ihr Liebling und kaum war sie aus dem Raum war Roman auch schon wieder auf dem Weg zu den Katzen. Martina grinste nur frech in sich hinein. Sie erkannte ihren Freund kaum wieder. Maung hatte wohl einiges mehr durcheinander gebracht, als er ahnte.

„Nachtigall ich hör dir trapsen“, murmelte sie zufrieden, als ihr Freund die Tür öffnete und im Ruheraum verschwand. Sollte er ruhig ein wenig bei Maung bleiben. Darum machte sie langsam. Es waren zwar noch einige Patienten da, aber da war nichts Dringendes dabei, was schnell behandelt werden musste.

Roman hockte inzwischen wieder vor Maungs Bett und streichelte alle vier. Sie schliefen noch, so dass er sehr vorsichtig dabei war, denn er wollte niemanden wecken. Doch Lucky schien nicht so fest zu schlafen, denn er machte die Augen auf und kam unter der Decke hervor gekrochen, streckte sich ausgiebig in alle Richtungen und erklärte mit einem beherzten: „Mau“, dass er jetzt wach wäre. Dann setzte er sich hin und fing an sich zu putzen.

Dabei fiel er immer wieder mal um und kugelte auf dem Bett herum, so dass Roman einfach grinsen musste. Der kleine Kater hatte es ihm sowieso angetan. So klein und rund wirkte er einfach nur putzig und man wollte ihn knuddeln und beschmusen. „Na, komm mal her, Kleiner“, lachte er leise und nahm Lucky hoch. Er kraulte den kleinen Kerl, der sich auf seiner Hand räkelte und schnurrte. Es war erstaunlich wie zutraulich die kleinen Katzen waren. Eigentlich fremdelten Halbwilde immer und waren lieber zu vorsichtig als zu vertrauensselig.

Doch er sprang von Romans Hand und rollte sich wieder auf Maungs Brust zusammen, als der große Kater anfing zu schnurren und so genoss Lucky das Vibrieren unter seinem kleinen Körper. Roman sah Maung noch ein paar Augenblicke beim Schlafen zu und musste schmunzeln, als Tsuki kurz aus dem Halsausschnitt des Shirts guckte und gleich wieder verschwand. „Bis gleich“, sagte er noch leise und küsste Maung auf die Stirn, dann verließ er wieder den Raum. Aber ihm war klar, dass er nach dem nächsten Patienten wieder hierher kam.

„Und? Wie geht es ihnen?“, grinste Martina und tippte die letzten Daten in das elektronische Datenblatt. Sie hatte schon die nächsten Akten bereit gelegt und nun wartete ein Meerschweinchen mit Abszess auf seine Nachuntersuchung. Die Kleine stand mit ihrem Liebling auf dem Arm schon wartend in der Tür und guckte Roman mit großen Kulleraugen an.

„50 % schlafen und allen geht es gut.“ Roman zwinkerte Martina zu und nahm die Akte, sah kurz hinein und lächelte dann das Mädchen an. „Linda, dann komm mal mit. Gucken wir nach, ob deine Susi wieder gesund ist“, sagte er zu ihr und nahm das Mädchen mit in den Behandlungsraum. Das Meerschweinchen quiekte leise, als Roman es auf den Behandlungstisch setzte und Linda blickte ängstlich. „Ganz ruhig, Susi, dir passiert doch nichts“, sagte er und streichelte das kleine Tier beruhigend. Roman sah sich den abheilenden Abszess an und nickte zufrieden. „Das sieht wirklich gut aus. Du hast dich gut um sie gekümmert“, lobte er Linda, die erst jetzt beruhigter wirkte.

„Ich habe auch kein Heu reingetan, solange die Wunde offen war. Immer nur Zeitung und zweimal am Tag gewechselt“, erzählte die Kleine stolz und strahlte den Doktor an, weil es ihrer kleinen Freundin wieder besser ging. Zufrieden drückte sie Susi wieder an sich und verließ mit einem Gruß von Roman das Zimmer und draußen wartete schon Martina darauf, dass Roman den Flur runter flitzte. „Es geht ihnen gut, du musst nicht gucken gehen“, stichelte sie, als er wirklich aus der Tür kam und abbog.

„Ich bin der Arzt und kann das besser beurteilen, also muss ich selber gucken gehen.“ Roman grinste frech und streckte Martina die Zunge raus, dann war er auch schon im Zimmer verschwunden. Martina musste schmunzeln. So gut gelaunt hatte sie Roman die letzte Zeit nicht mehr gesehen.

Roman huschte zu Maung und lächelte, als er aus kleinen Augen angeblinzelt wurde. „Na“, sagte er weich und nahm Tsuki hoch, der auch wach war. Er wollte den kleinen Kater untersuchen, auch wenn der nicht begeistert war. Er fühlte sich in seinen Freiheiten beschnitten und fauchte nun wie ein ganz großer Kater und versuchte zu kratzen. Doch das war nicht so leicht, wenn man im Nacken gepackt worden war.

„Was machst du?“, murmelte Maung, der vom übertriebenen Todeskampf seines kleinen Schützlings wach geworden war und sah Roman skeptisch an. Dann nahm er ihm ohne ein Wort den kleinen Kater wieder aus der Hand.

„Tsuki ist so zart. Ich wollte nur einmal gucken, ob es ihm gut geht.“ Roman war nicht böse, dass Maung ihm das Kätzchen wieder abgenommen hatte. Dafür nahm er sich Feli, damit sie nicht das Gefühl hatte, dass sie benachteiligt wurde. Es war ja auch nicht so, dass er die kleine Dame nicht mochte. Sie war genauso süß wie ihre Brüder. Darum setzte er sich bequem hin und beschmuste sie und sie schnurrte gleich laut und ausgelassen. Als Roman sie sich vor das Gesicht hielt, leckte sie ihm über die Nase und Maung grinste. Das wollten sie schon mal sehen, ob die kleine Herzensbrecherin wirklich weggegeben wurde.

„Können wir bald heim?“, fragte Maung und deckte Lucky und Tsuki wieder zu, so dass nur noch die kleinen Köpfe raus guckten. Das mochten sie gar nicht und es war ihnen völlig egal, dass sie eigentlich noch Wärme brauchten. Sie befreiten sich und tigerten über die Daunendecke, sackten immer wieder ein und kullerten durch die Gegend. Es wurde auch nicht besser, als Roman sie ärgerte. Es machte ihm richtig Spaß, sie zu kitzeln, weil sie ihn immer anfauchten. Erst als Maung eingriff und Romans Hand festhielt, hörte er auf.

„Ich habe hier für noch mindestens zwei Stunden zu tun, wenn kein Notfall mehr reinkommt. Dann fahren wir nach Hause.“ Er drückte Maungs Hand und sah ihn entschuldigend an. Er wusste, dass es für den Kater hier langweilig war, aber Job war eben Job.

„Okay“, sagte Maung aber nur verstehend, schließlich brauchten auch andere Tiere noch Hilfe und wenn Roman ihnen helfen konnte, so war das wichtig. Er wollte gerade noch etwas sagen, da knurrte plötzlich sein Magen. Das war Maung peinlich, denn so lange war es noch gar nicht her, dass er Suppe gehabt hatte.

„Du hast Hunger. Das ist toll. Das bedeutet, dass du langsam wieder gesund wirst. Du hast doch die letzten Tage kaum etwas gegessen.“ Roman sah Maung zufrieden an und war schon dabei aufzustehen. „Noch ein wenig Suppe? Ich mach dir etwas warm und Martina bringt sie dir dann.“ Roman war auch schon aus der Tür und bereitete alles vor. Erst dann ging er zu Martina, erklärte ihr alles und ließ sich die nächste Akte geben. Einem Kaninchen mussten die Krallen geschnitten werden. Das war schnell erledigt und dann konnte er gleich wieder nach seinen Schützlingen sehen.

Martina hatte es aufgegeben, Roman aufzuziehen, er sprang ja doch nicht darauf an. Sie nahm ihm also viel vom Schreibkram ab, damit er mehr Zeit mit Maung verbringen konnte und dem taten seine neuen Freunde ziemlich gut. Man hörte ihn immer noch husten und schniefen, doch weil er nun eine Aufgabe hatte, konzentrierte er sich kaum aufs Kranksein. Was nicht hieß, dass sie seine ankommende Erkältung auf die leichte Schulter nehmen konnten. Deswegen beeilte sie sich, die Suppe warm zu machen und sie Maung zu bringen, zusammen mit Nachschub für das Trio Infernale.

Sie half Maung, sie zu füttern. Wenn Roman sie brauchte, holte er sie schon. So konnte sie auch darauf achten, dass Maung wirklich aß und vor lauter Fürsorge sich nicht selber vergaß. Jetzt machte auch Tsuki keine Zicken mehr und nuckelte eifrig, wenn er auch nicht so viel aß, wie seine Geschwister. Aber das musste er auch nicht, Hauptsache er nahm etwas zu sich. Wenn sie zu Hause waren, mussten sie versuchen, wie sie mit Dosenfutter fertig wurden. Schließlich hatte Roman davon ja reichlich angeschleppt in dem Glaube, das Geschenk seiner Oma durchfüttern zu müssen.

„Gut gemacht“, lobte Maung, als alle Flaschen leer waren und die kleinen, runden Bäuche gen Himmel gerichtet wurden, weil die Kätzchen bequem herum lagen und wieder dösten. So musste sich Maung wieder allein bespaßen, als auch Martina ging und er schloss die Augen.

Immer wieder kamen Roman oder Martina zu Maung, brachten etwas zu trinken, oder unterhielten ihn. Kurz nach fünf kam Roman wieder und setzte sich zu Maung. „Feierabend“, sagte er ein wenig erschöpft und lehnte sich bei Maung an. Für einen Montag waren sie wirklich früh fertig. „Packen wir die Mäuse ein und fahren nach Hause.“

„Mäuse?“, sagte Maung skeptisch und guckte auf die drei quirligen Kätzchen, die gerade das Bett erkundeten. Lucky war nicht mehr zu stoppen gewesen und kroch nun unter dem Bett herum. Doch das wusste Roman zu unterbinden, auch wenn der kleine Entdecker gegen die Beschneidung seiner Freiheiten protestierte. Sie waren noch nicht ganz wieder auf Temperatur und der Boden war kühl, denn unter den Fliesen lag keine Fußbodenheizung. Feli hingegen kämpfte mit einem Zipfel der Decke. Nur Tsuki hockte noch unter Maungs Hemd und so sah man am Kragen nur seinen Kopf rausschauen.

Roman lachte leise und streichelte Lucky, damit er wieder versöhnt war und nicht mehr strampelte. „Sind doch drei süße Mäuse.“ Zum Beweis hielt er Lucky hoch, der gerade versuchte Roman in den Daumen zu beißen. Mit den Vorderpfoten versuchte er den wackelnden Finger festzuhalten und fauchte immer wieder aufgebracht, wenn der Daumen ihm entwischte.

„Es sind Katzen“, erklärte Maung und ließ sich da auch auf keine Diskussion mehr ein. Lieber schlüpfte er in die dicken Sachen, die Roman ihm hingelegt hatte und raffte das Bettzeug zusammen. Tsuki und Feli kamen kurzerhand unter den Pullover, den er sich in die Hose gestopft hatte, damit die Kätzchen nicht raus fallen konnten. „Süße Katzen“, bekräftigte er und sah Roman wieder an, bereit, sich Lucky zu schnappen und ihn auch noch in den Pullover zu stecken.

„Ja, alle vier“, schmunzelte Roman und gab Lucky zu Maung rüber. Sein Freund sah nicht mehr so krank aus, wie noch heute Morgen. „Na komm, lass uns gehen. Bringen wir unsere neuen Familienmitglieder nach Hause.“ Damit Maung nicht mit nackten Füßen laufen musste, nahm Roman ihn einfach wieder auf den Arm, so wie am Morgen. So kamen sie am sichersten zum Auto.

Die Katzen wurden gleich in den Wagen gesetzt und Roman warf die Tür zu, damit niemand verloren ging, denn Lucky hing schon wieder zur Hälfte aus dem Kragen von Maungs Pullover heraus. Er war wohl ein kleiner Entdecker und musste ständig eingefangen werden, ehe er noch im Fußraum verschwand. Martina sah den beiden zu und schüttelte lachend den Kopf.

Sie winkte ihnen zu und kam gar nicht mehr dazu, Maung zu drücken, da war Roman auch schon losgefahren. Das Bett hatte Roman in der Praxis gelassen. Morgen brauchten sie es ja wieder, denn für ihn war klar, dass seine vier Katzen wieder mit in die Praxis kamen. Auf dem Weg nach Hause hielt er nur einmal kurz bei einem Metzger und besorgte etwas Fleisch für ihr Abendessen.

Und als er es auf die Rückbank legte, musste Maung ganz schön kämpfen, dass Lucky sich nicht doch verselbstständigte. Er hatte das frische Fleisch gerochen und nun gab es für ihn kein Halten mehr. „Hey“, knurrte Maung und griff sich den kleinen Ausreißer im Genick, wie es Katzenmütter auch taten. Die nächste, die schnüffeln kam, war Feli. Jetzt wurde es langsam voll.

„Sie werden wohl langsam frech?“, lachte Roman und sah sich kurz um. Das war aber ein gutes Zeichen. So mussten kleine Kätzchen einfach sein. „Verteidige unser Essen, Maung, sonst müssen wir hungern“, gab er gut gelaunt Anweisung und wusste schon, was er als erstes machte, wenn sie Zuhause waren. Dann bekamen die Kleinen Dosenfutter. Schließlich waren sie schon alt genug und die Alte dürfte sie auch bereits mit Lebendfutter versorgt haben.

„Ja, mach ich ja“, knurrte Maung und kämpfte nun mit zwei kleinen Raubtieren, die nur aus Zähnen und Krallen zu bestehen schienen. Nur Tsuki blieb friedlich wo er war, er wusste wohl, dass Maung keine drei Arme hatte, um drei Katzen zu bändigen.

„Wir sind gleich da. Nur noch ein paar Minuten, dann helfe ich dir.“ Zum Glück war es nicht mehr weit bis zum Haus seiner Eltern und Roman konnte sich eins der Kätzchen schnappen. Besonders Lucky war davon nicht begeistert und verpasste Roman einen Kratzer an der Hand. „Ey“, brummte der Tierarzt und klemmte den kleinen Kater mit dem Arm an seinem Körper fest, damit er die Tür aufschließen konnte.

„Bleib sitzen, ich hol dich gleich“, rief er über die Schulter zu Maung, öffnete die Tür und kam wieder zum Auto. Er schnappte sich den Kater und seine beiden Begleiter, noch ehe Maung die Füße in den kalten Schnee hätte stecken können. Schnell trug Roman seine Last ins Haus, bis ins Wohnzimmer, auf den weichen Teppich und schloss dann die Türen hinter sich. Hier war es schön warm und Lucky sprintete schon durch das Wohnzimmer und kämpfte gegen die Zipfel der Tischdecke.

Bei jedem Wurf war immer ein Rabauke und hier war klar, wer das war. Roman wischte sich mit einem Taschentuch über seinen Handrücken, um den Blutfluss zu stoppen. Der Kratzer war nicht schlimm, da hatte Maung kräftiger zugelangt. Er setzte sich zu Maung auf die Couch und beobachtete den tobenden Lucky. „Lass die anderen auch ruhig laufen. Viel kann ihnen hier nicht passieren.“

„Sagst du“, murmelte Maung, doch er zog den Pullover aus seiner Hose und ließ Tsuki wieder herauskrabbeln, während Feli schon auf der Couch herum turnte. Lucky hatte immer noch den Drang, die Tischdecke vom Tisch zu zerren und ein Stück rutschte sie wirklich. Maung hielt sie schnell fest und fauchte den kleinen Kater an. Doch der sah nur zu Maung auf, schüttelte den Kopf und als wollte er ihm etwas beweisen, machte er weiter. Sturer kleiner Kater.

„Nix da.“ Roman beendete das Spiel kurzerhand, indem er die Decke vom Tisch nahm und zusammenfaltete. So nach und nach fanden sie bestimmt noch mehr Dinge, die verändert oder weggeräumt werden mussten, aber so auf den ersten Blick fiel ihm nichts ins Auge. „Ich mache die Katzenkiste fertig und dann zeigen wir ihnen, wo sie ist, damit sie Bescheid wissen.“

„Ja, machen wir das.“ Maung war gleich wieder Feuer und Flamme und schoss hoch, doch sein Körper erinnerte ihn gnadenlos daran, dass er eigentlich gerade krank war und mit seiner Erkältung im Bett liegen sollte. Sein Kreislauf sackte kurz weg und so plumpste der Kater wieder in den Sessel und schloss die Augen. Es drehte sich alles und so sank Maung in sich zusammen.



12

„Maung!“ Erschrocken kam Roman gleich zu ihm gelaufen und zog ihn in seine Arme. „Was machst du denn?“, murmelte er leise und strich dem Kater durch die Haare. Roman war wirklich erschrocken, denn er hatte gar nicht mitbekommen, wie das passiert war und nur gesehen, wie Maung weggesackt war. „Soll ich dich hoch ins Bett bringen? Ich bringe die Kurzen und alles, was sie brauchen, dann auch hoch.“

„Hm“ Maung bewegte den Kopf leicht, um das Taumeln in seinem Inneren auszugleichen. Doch das war nicht so leicht und weil er sich erschrocken hatte, verkrampfte sich alles und er musste gequält husten. Selbst wenn er gewollt hätte, er konnte sich nicht bewegen, nur nicken und einmal mehr feststellen, dass es echt doof war, krank zu sein. Das passte ihm im Augenblick nämlich gar nicht in den Plan.

Roman wartete, bis Maung nicht mehr hustete, dann nahm er ihn, wie schon so oft die letzten Tage, auf seine Arme und trug ihn dorthin, wo er hin wollte. Nachdem Maung auf dem Bett lag, flitzte er wieder runter und sammelte die Dreierbande ein. Sie kamen zu Maung ins Bett und dann war Roman auch schon wieder weg. Er richtete die Katzenkiste her und holte Schüsseln und Futter.

Derweil schälte sich Maung träge aus seinen Kleidern. Von einem Augenblick auf den anderen war sein gesundheitlicher Höhenflug vorbei. Er fühlte sich als lägen Felsen auf ihm. Jeder Handgriff war eine Qual. Er warf die Kleider aus dem Bett und zog die dicke Decke über sich und stopfte die Kätzchen mit darunter. Doch es war vergebliche Liebesmüh. Er hatte die Decke noch nicht fallen lassen, da war Lucky schon wieder unterwegs.

„Hey, wo willst du denn hin“, lachte Roman, der gerade die Treppe herauf kam, als Lucky aus der Zimmertür laufen wollte. „Zurück, Kurzer“, scheuchte er ihn und fauchend lief Lucky zurück und gleich unter das Bett. Erst dort aus der Sicherheit heraus, fauchte er Roman an. Er kam erst wieder hervor, als er das Klappern von Schüsseln hörte und der Geruch von Essen seine Nase kitzelte. Es roch zwar nicht wie das rohe Fleisch vorhin, aber auch sehr lecker und so war er der erste am Napf, noch ehe Roman die Chance hatte, etwas zu verteilen. Auch Feli war neugierig dazugekommen und drängelte nun zusammen mit Lucky um den besten Platz am ersten gefüllten Napf. Nur Tsuki beguckte sich das Treiben erst mal aus sicherer Entfernung. Nur Schnäuzchen und Augen guckten unter der Decke vor.

Er sollte aber nicht leer ausgehen. Wenn jemand Futter dringend brauchte, dann Tsuki. Darum gab Roman etwas Futter in eine zweite Schale und ging damit rüber zum Bett. Tsuki kam gegen seine Geschwister nicht an, darum durfte er ausnahmsweise im Bett essen. Vorsichtig holte Roman den Kater unter der Decke hervor, streichelte ihm über den Rücken und setzte ihn vor die Schale, damit er schnuppern konnte.

„Leg das Handtuch drunter“, murmelte Maung träge mit kleinen Augen, „sonst müssen wir hinterher das Bett abziehen.“ Mit 'wir' meinte er eigentlich Roman und deswegen grinste er schief. Tsuki hingegen schnüffelte erst einmal skeptisch, doch dann war der Hunger wohl größer als die Skepsis und der kleine, sandfarbene Kater fing an zu fressen. Sehr zu Maungs Erleichterung. Das Handtuch war vergessen.

„Ach, was soll's.“ Roman sah das nicht so eng. Das Bett war unwichtig, solange es den Katzen gut ging. Er ließ Tsuki fressen und der Kater hatte wohl ein Einsehen und kleckerte nicht. Er verputzte alles und leckte auch noch die Schüssel aus. Dann setzte er sich hin und fing an sich zu putzen.

Seine Geschwister tobten inzwischen wieder durch das Zimmer und untersuchten die Katzenkiste. Als Tsuki endlich sauber war, sprang auch er auf den Boden und gesellte sich zu seinen Geschwistern. Es war ja nicht so, dass er nicht neugierig war, doch war etwas schüchtern und vorsichtig. Und während Lucky schon wühlte und alles umpflügte, stupste Tsuki nur mal mit der Pfote in die Katzenstreu.

„Na los, trau dich“, lachte Maung und sank wieder in sein Kissen. Er fühlte sich erschlagen.

Roman räumte die Schalen weg und legte sich zu Maung, damit sie beide das Treiben der drei beobachten konnten. Dabei hielt er den Catboy wieder in seinen Armen und rechtfertigte es vor sich damit, dass sie es so am bequemsten hatten. Die Kurzen tobten durch das Zimmer und nichts war vor ihnen sicher. Die Kiste hatte es ihnen angetan und Tsuki war der erste, der wohl begriffen hatte, wofür sie eigentlich gedacht war.

„Schlauer, kleiner Kerl“, sagte Maung lobend und sah sich grinsend zu Roman um. Der lag nett drapiert neben Maung und weil Roman schließlich mit dem Kuscheln angefangen hatte, machte Maung einfach weiter. Er robbte an Roman heran, legte seinen Kopf auf dessen Schoß und seine Ohren wackelten wieder verspielt. Auch sein Schwanz guckte unter der Decke hervor und strich Roman über die nackten Unterarme.

Er wusste mittlerweile ganz genau, dass Roman dann nicht widerstehen konnte und ihn kraulte. Es dauerte auch nicht lange und Roman fing den Schwanz ein und ließ ihn durch seine Finger gleiten. „Lucky ist der Draufgänger, Tsuki der Schlaue und Feli ist die Hübsche. Eine wirklich gute Mischung“, lachte Roman und schüttelte den Kopf, weil Lucky ungeschickt aus der Kiste purzelte. Doch er rappelte sich sofort auf und fauchte in alle Richtungen, ehe er sich schüttelte und weiter flitzte.

Maung hingegen konnte nichts tun, außer hart zu schlucken. Was Roman da mit seinem Schwanz machte, war nicht gut. Gar nicht gut! Er gehörte zu den erogenen Zonen eines Catboys und je mehr Roman daran zupfte und das Fell streichelte, umso mehr vernebelte er seinem kleinen Freund die Sinne und er stöhnte zurückhaltend. Nur gut, dass Roman nicht sah, wie er die Augen verdrehte.

Roman hatte das Stöhnen gehört und beugte sich nun etwas vor. „Hast du wieder Halsschmerzen?“, fragte er besorgt und strich Maung über die Ohren. Erst jetzt wurde es ihm wieder bewusst, dass Maung ja noch krank war. Er hatte sich den Tag über wohl zuviel zugemutet. „Ruh dich aus, Süßer, ich lass mir für die Kleinen was einfallen, damit sie nichts anstellen können.“

„Hm“, machte Maung nur, da konnte Roman jetzt raus lesen was immer er wollte. Halsschmerzen! Das war so ziemlich das einzige, was er nicht hatte. Aber zum Glück hatte Roman seinen Schwanz wieder losgelassen, so dass Maung versuchen konnte, sich wieder zu beruhigen. Doch sein Körper war nun in Aufruhr und zusammen mit der Betäubung durch die Erkältung verlor der Kater fast die Kontrolle über sich selbst. Am besten er rollte sich in die Decke ein, dann konnte er nicht viel Blödsinn machen.

„Okay.“ Roman nahm an, dass Maung sich ausruhen wollte, darum stand er auf. Erst wusste er nicht, was er mit den drei Rabauken machen sollte, aber dann fiel ihm ein, dass seine Eltern unten im Keller noch einen alten Laufstall aus Netz hatten, oder eher ein Gitter, ohne Boden. Das müsste gehen. Er holte es also hoch und mit ein paar Decken einem Körbchen, Spielzeug und der Katzenkiste hatte er ein ausbruchsicheres Katzenrevier gebaut, das er direkt neben das Bett stellte. So hatte Maung seine Kleinen immer in seiner Nähe.

Doch der Kater hatte im Augenblick andere Sorgen. Er kämpfte damit, dass er Roman einmal mehr von sich getrieben hatte. Doch der hatte in seinem arglosen Tun Maung ein weiteres Mal fast in den Wahnsinn getrieben. Sie schwammen nicht auf einer Welle und sie spürten nicht die gleichen Dinge. Das war ein Manko. Und so gern Maung Romans Nähe genoss, sie wurde allmählich schwer zu ertragen, denn er trieb die Hormone des Katers ziemlich in die Höhe.

Jetzt hatte er erst einmal Ruhe, denn Roman war unten in der Küche Essen machen. Aber das dauerte nicht allzu lange und wahrscheinlich war Roman danach wieder genauso schmusig wie die letzten Tage. Roman konnte es sich zwar nicht erklären, aber es gefiel ihm, Maung neben sich liegen zu haben und dessen Körper an seinem zu spüren und das, wo er Nähe eigentlich gar nicht mochte. Doch Maung hatte die richtige Mischung aus angenehm und unaufdringlich. Es war anders als mit einer Frau, die einen ständig begrabbelte und begrabbelt werden wollte, die redete und kicherte. Maung schwieg und das war angenehm. Roman lachte leise, „die perfekte Frau, wenn er kein Kerl wäre.“

Er guckte nicht schlecht, als Lucky seinem Gefängnis entkommen war und ihm nun maunzend um die Beine tanzte.

„Ja, wo kommst du denn her?“ Roman schüttelte den Kopf und nahm den kleinen Kater hoch. „War es dir oben zu langweilig?“, fragte er und schmuste mit der Nase über Luckys Köpfchen. Wie hatte der Kleine nur unbeschadet die Treppe geschafft? Da mussten sie wohl besser aufpassen. Er legte Lucky so um seinen Hals, das er wie ein Kragen darum lag und nahm die Teller. „Schön liegen bleiben. Gleich kannst du wieder toben.“

Allerdings konnte Lucky mit den Worten nicht viel anfangen. Ihn lockte das Futter und er war ziemlich begeistert von der Idee, dass er noch was bekommen sollte. Deswegen balancierte er von der Schulter über den Arm, was nicht so leicht war, wie gedacht, auch wenn man eine Katze mit guten Reflexen war. Es war Romans Glück, dass Lucky das noch nicht richtig raus hatte und oft strauchelte. So hatte er die Chance die Teller unangeknabbert bis nach oben zu bringen.

„Maung hilf mir, wir werden bestohlen“, rief er schon von der Tür aus und konnte gerade noch den Teller abstellen, bevor Lucky das Fleisch zu fassen bekam. „Ey, du kleiner Vielfraß, das ist unser Essen“, schimpfte Roman gutmütig und setzte Lucky zu seinen Geschwistern, damit sie essen konnten. Er strich über die Decke unter der Maung lag und hielt ihm den Teller hin. Maung bekam zwei Steaks, weil er ja nicht so gerne Beilagen aß.

Etwas träge hatte sich der Kater aus den Kissen geschält, weil er gedöst hatte. Er hatte sogar Luckys Ausbruch verschlafen und den hinterhältigen Diebstahl. Einmal mehr konnte er nur feststellen: krank zu sein, war wirklich doof. „Danke“, sagte er, als er sich langsam aufsetzte und sich das Kissen in den Rücken stopfte, um sich am Kopfende anzulehnen. Dabei blieb er schön auf seiner Seite des Bettes damit er gar nicht erst auf die Idee kam, sich an Roman zu lehnen oder schlimmer noch: Der an Maung heran rutschte.

„Lucky war unten bei mir in der Küche“, erzählte Roman, weil Maung offensichtlich nichts mitbekommen hatte. „Das Gatter alleine hält ihn wohl nicht. Wir sollten zusehen, dass wir die Zimmertür schließen, damit er sich nicht doch noch auf der Treppe verletzt.“ Er sah zu Maung rüber und verdrehte die Augen, als Lucky schon wieder herumkletterte.

„Man könnte das Gefühl haben, der arme Kerl hat seit Tagen nichts zu fressen bekommen. Was bist du nur für ein Tierarzt, das arme Kätzchen sehenden Auges verhungern zu lassen“, sagte Maung mit einem Ernst im Gesicht, der Roman kurz schlucken ließ. Doch dann lachte der Kater und schüttelte über ihre neuen Mitbewohner nur den Kopf. Tsuki lag im Gatter auf dem Rücken und spielte mit einem Ball und Feli schritt gerade das Gatter ab. Vielleicht suchte sie die Stelle, wo Lucky auch geflüchtet war.

„Boah, du bist echt fies“, brummte Roman und schlug Maung spielerisch gegen die Schulter. Dabei grinste er, damit sein Freund wusste, dass er ihm nicht böse war. „Ich glaube aber eher, dass er der Meinung ist, dass unser Essen besser schmeckt, als seins. Das sollten wir ihm erst gar nicht erlauben, denn sonst müssen wir bald unser Essen vor ihm verteidigen.“

„Dann schnappt er es sich in einem unbeaufsichtigten Augenblick, verschanzt sich auf dem Schrank im Wohnzimmer und wird dann an den Ohren gezogen. Ja, ja, ich weiß“, sagte Maung, doch er war nicht nachtragend. Vergeben und vergessen, das hatten sie besprochen und so wollte er eigentlich nur auf das Déjà-vu aufmerksam machen, fing aber an zu essen, ehe ihn der junge Kater doch noch überrumpelte.

„Nee, das passiert bestimmt nicht mehr.“ Roman sagte das nur leise, denn auch wenn er wusste, dass Maung das nicht böse meinte, so meldete sich doch sein schlechtes Gewissen. Es war nicht angenehm, daran erinnert zu werden, dass man sich wie ein Idiot aufgeführt hatte. „Wir machen das schon, ohne dass sie groß bestraft werden müssen.“ Er sah zu Maung rüber und strich ihm kurz über die Schulter, dann aß er selber.

„Na ja, wird schon werden.“ Maung sah das noch nicht ganz so eng. Die Kurzen würden das schon noch lernen, was ihnen gehörte, vor allen Dingen, was nicht. Er konzentrierte sich nur auf sein Essen und stupste Lucky in die Seite, der sich anschleichen wollte, um Beute zu schlagen. Man merkte, dass es kleine, wilde Katzen waren.

Wie sollte man einem so kleinen Kerlchen übel nehmen, dass er in seinen Instinkten verankerte Verhaltensweisen ausprobierte. Roman zog ihn zu sich, damit Maung in Ruhe essen konnte. Sein schmaler Freund hatte es nötiger, als er selber, schließlich hatte der Kater am Wochenende kaum etwas gegessen. Er selber war schnell fertig und ärgerte Lucky, der auch gleich begeistert auf das Spiel einging. Er warf sich auf die große Hand, kratzte und biss, so gut das eben in seiner Größe ging und fauchte ständig aufgebracht.

Das machte die anderen beiden auch neugierig, die nun maunzend im Gitter hockten und raus wollten. Maung lachte leise und stellte den Teller weg, holte die beiden zu sich ins Bett und aß weiter. Er hatte es nicht ertragen, sie schreien zu hören. Und je mehr Ablenkung herrschte um so weniger kam Maung in die Verlegenheit, wieder an Roman heran zu robben.

Der war gerade dabei drei Kätzchen abzuwehren und zu ärgern. Selbst Tsuki warf sich todesmutig auf die große Hand. So langsam legte er seine Schüchternheit ab und tobte nicht weniger als seine Geschwister. Roman lachte immer wieder und schnappte sich abwechselnd eins der kleinen Raubtiere und knuddelte es durch, auch wenn sie protestierten. So viel Spaß hatte er schon lange nicht mehr gehabt.

Kaum dass Maung fertig war, stellte er seinen Teller beiseite und griff sich wahllos ein kleines Kätzchen. Es war Zufall, dass es Tsuki war, den er nun ärgerte und mit ihm raufte. „Ich lenke sie ab. Jetzt kannst du essen“, schlug er vor. Doch eigentlich wollte er nur wieder alle Kätzchen um sich haben und sie beschmusen.

„Na, ob das Lucky aufhält, an mein Fleisch zu wollen?“, lachte Roman und als wenn er seinen Namen kennen würde, drehte der kleine Kater sich zu Roman und fauchte. „Siehste“, kicherte Roman und gab Lucky einen Schubs, so dass der Kurze auf den Hintern plumpste. Er nahm ihn hoch und setzte ihn auf Maungs Schoß, damit er schnell ein paar Happen nehmen konnte.

„Ach, du provozierst ihn ja auch immer. Das kannst du gut. Ich spreche da aus Erfahrung“, sagte Maung und entschuldigte sich gleich. Es klang, als wäre er nachtragend, dabei war das gar nicht der Fall. Und so wechselte er schnell das Thema und wollte wissen, wann sie eigentlich auf den Weihnachtsmarkt gehen würden. Auch wenn ihm immer wieder mal die Augen zu fielen.

„Ich weiß, aber es macht einfach Spaß.“ Roman nahm seinen letzten Happen und bevor er runtergeschluckt hatte, hatte er schon wieder Feli am Wickel und kitzelte sie am Bauch. Trotzdem vergaß er nicht Maungs Frage. „Ich denke nicht vor Mittwoch. Es hängt davon ab, wie du dich fühlst. Wenn du noch Husten hast, ist nicht so schlimm. Ich denke, du merkst, wann du es dir wieder zumuten kannst.“

„Ah. Okay!“ Maung nickte und wieder fielen ihm die Augen zu. Also griff er sich seine Decke, dabei purzelten Tsuki und Lucky auf die Matratze und Maung schlurfte ins Bad, um sich bettfertig zu machen. Katzenwäsche, Zähne putzen und dann schlurfte die laufende Decke zurück auf die Matratze, wo sich Lucky - alle fünfe von sich - breit gemacht hatte. „Los, rück mal“, schob er den kleinen Quälgeist beiseite und somit zwischen sich und Roman.

„Er fühlt sich wirklich wohl.“ Roman zog Lucky weiter zu sich, damit Maung Platz hatte und legte sich so, dass alle drei Kätzchen zwischen ihnen lagen. Tsuki nutzte die Chance, und krabbelte zu Maung oben in die Deckenrolle, drehte sich und guckte dann oben raus. Irgendwie schien das sein Lieblingsplatz zu sein. Roman fand es schade, dass sein Freund schon wieder müde war, aber dann musste er mit seinen Fragen nach Maungs Vergangenheit noch etwas warten. Er war schon länger neugierig, hatte aber nie wirklich eine passende Gelegenheit gefunden. „Schlaf, ich pass auf die Rasselbande auf“, sagte er lächelnd und beugte sich vor, um Maung einen Kuss auf die Wange zu geben.

„Hm“, machte Maung und konnte von Glück reden, dass seine Hände unter der Decke waren, sonst hätte er sich Roman jetzt dichter gezerrt, um dieses alberne Bussi zu einem richtigen Kuss auszudehnen. Das war doch nicht zum Aushalten. Er hätte heulen mögen vor Frust. Also zog er den kleinen Tsuki dichter an sich, damit er wenigstens etwas knuddeln konnte.

„Morgen kommt ihr wieder mit in die Praxis, aber dann nehmen wir Futter und alles mit, was die Kurzen brauchen. Es ist bestimmt zu anstrengend für dich, den ganzen Tag alleine.“ Roman kraulte Maung an den Ohren und legte sich zu ihm. Er war noch nicht müde, aber er wollte zumindest so lange hier bleiben, bis alle Katzen schliefen. Danach wollte er noch kurz an seinen Laptop E-Mails beantworten und etwas vor dem Fernseher entspannen.

Es war still und auch das Trio Infernale wurde langsam ruhig. Maung schien schon zu schlafen, doch das war nicht so. Innerlich zerfressen vom Gedanken, endlich handeln zu müssen, stellte er sich nur schlafend, als er immer näher an Roman heran robbte. Er wusste genau, dass er das eigentlich hatte vermeiden wollen, doch er konnte nicht mehr. Sein Kopf schmerzte, sein Hals tat weh. So schob er gespielt schlafend eine Hand auf Romans Brust, unter das Shirt und ließ sie verweilen. Er hielt den Atem an, weil er nicht wusste, wie Roman reagieren würde.

Er konnte spüren, wie Roman sich kurz verspannte, aber das dauerte wirklich nur einen kurzen Augenblick, weil er nicht damit gerechnet hatte. „Kleiner Schmuser“, flüsterte er schmunzelnd, legte seine Hand auf Maungs und streichelte mit dem Daumen darüber. Kurzerhand schmiss Roman seine Abendplanung komplett um. Er machte sich den Fernseher ganz leise an und blieb liegen. Seine E-Mails mussten eben noch etwas warten. Und er ahnte nicht im Traum, was er in Maung angerichtet hatte.

Resigniert seufzte der Kater lautlos und tat, als würde er sich im Schlaf umdrehen. Er zog seine Hand zurück und verschwand gänzlich unter der Decke. Was hatte er auch erwartet? Dass Roman verstand, was Maung wollte? Der dachte doch im Traum nicht an so was. Der machte den Fernseher an. Der Kater konnte es kaum fassen. Er war noch frustrierter als zuvor. So wurde das doch nie was!

Roman strich sich über die Stelle, wo Maungs Hand gelegen hatte und seufzte leise. Er hatte das Gefühl, dass etwas fehlte, aber er konnte nicht festmachen, was es war. Schlafen konnte er noch nicht. Es war ja gerade mal kurz vor 20 Uhr. Darum machte er den Fernseher wieder aus und nahm Lucky und Feli vorsichtig hoch. Er legte die zwei zu Maung und Tsuki, damit sie ruhiger schlafen konnten. „Schlaft gut“, wisperte er leise, dann stand er vorsichtig auf, um niemanden zu stören.

Der kleine, wildfarbene Kater linste noch einmal, doch dann verschwand er unter der Decke und kuschelte sich an seine Geschwister. Maung derweil schob seinen Frust und wusste nicht, ob er heulen oder lachen sollte. Also beschloss er zu schlafen, sonst kam er nämlich noch auf ganz ungesunde Ideen. Er lauschte noch ein paar Minuten auf Roman und das leise Klackern der Tasten, dann war er eingeschlafen.

Erst drei Stunden später kam Roman wieder ins Schlafzimmer. Er hatte doch noch seine E-Mails beantwortet und danach noch etwas gelesen. Jetzt war er endlich so müde, dass er schlafen konnte. Er mochte es nämlich gar nicht, sich schlaflos im Bett zu wälzen. Leise schlich er zum Bett und schmunzelte. Maung lag auf der Seite und die drei Kleinen hatten sich fest an ihn gekuschelt. Na, das sah doch einladend aus. Darum zögerte Roman auch nicht lange und legte sich dazu. Er rückte so nahe an Maung heran, dass er seinen Arm um ihn legen konnte und schloss zufrieden die Augen.