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Drachenblut - Teil 21 bis 24

21


Es holperte, als die kleine Maschine aufsetzte und Evren atmete tief durch. „So, erste Etappe erledigt.”

„Wir sind wirklich nicht abgestürzt. Eure Technik scheint tatsächlich brauchbar zu sein.” Azhdahar schnallte sich ab und hängte sich wieder an eines der Fenster, damit er mehr sehen konnte. Alles war so anders und die großen Maschinen sahen auch Vertrauen erweckender aus. „Wie lange haben wir Zeit und können wir uns so viel wie möglich ansehen?”, fragte er.

„Tut mir Leid”, sagte Evren. Auch er ließ sein Auge schweifen. „Ich habe darum gebeten, so kurze Pausen wie nur möglich zu machen. Wir haben jetzt noch zwei Stunden, die brauchen wir für den Check-In, glaube mir. Und selbst das dürfte knapp bemessen sein.” Doch sie flogen erster Klasse, sie gingen jetzt einfach mal davon aus, dass der Flieger nicht ohne sie abhob.

Als die kleine Maschine stand und sie ausstiegen, war schon ein Security Car da, um sie zum Terminal zu fahren.

„Schade”, murmelte der Prinz, aber dieses Gefährt, was vor ihnen stand, entschädigte ein wenig, denn das war auch sehr interessant. Neugierig ging er einmal drum herum und sah sich alles genau an. „Das bringt uns jetzt zu dem anderen Flugzeug? Welches ist es denn?”, fragte er neugierig und ignorierte die fragenden Blicke des Fahrers, die ihm zugeworfen wurden. Evren war ihm gefolgt, damit es nicht so auffiel.

„Das weiß ich auch noch nicht. Hier steht Air Namibia. Mit denen bin ich noch nicht geflogen. Weiß also nicht, wie deren Maschinen aussehen und jetzt husch, steig ein, sonst kriegen wir nicht raus, wie das Ding aussieht, weil es ohne uns fliegt.”

Evren räumte ihre Rucksäcke in den Kofferraum und bedankte sich bei dem Piloten, der sie hergebracht hatte. Dann kroch auch er in den angenehm klimatisierten Wagen, der sie direkt zu ihrem Terminal bringen sollte.

Azhdahar beachtete ihn gar nicht, denn der sah sich schon wieder neugierig in dem Auto um. Seine Finger fuhren über das Blech und die Verkleidung, hielten aber inne, als sie losfuhren. „Warum fliegen wir denn nicht?”, entfuhr es ihm und schon kletterte er wieder herum, damit er auch alles sehen konnte.

„Azhdahar!”, knurrte Evren leise und zog den Mann zurück auf seinen Sitz. „Ich erkläre es dir dann in Ruhe, jetzt benimm dich bitte etwas unauffälliger.” Es war nicht so, dass es ihm peinlich war, aber wenn es die Runde machte, wie seltsam sich der Mann benahm, guckte man sich vielleicht die Papiere besonders genau an und das konnte Ärger geben - denn einen Azhdahar Gidoria dürfte es in den Datenbanken nicht geben, das bedeutete Ärger.

Lieber fing Evren an, den Fahrer ein bisschen mit Fragen abzulenken, damit der sich nicht so sehr auf Azhdahar und dessen Fragen konzentrierte.

Wie ein geprügelter Hund saß der große Mann neben Evren und guckte entschuldigend. Aufsehen erregen wollte er auf keinen Fall, aber es war auch alles so neu und interessant und Azhdahar wollte doch so viel wie möglich sehen und erfahren. „Tut mir Leid”, murmelte er leise und guckte jetzt nur noch aus dem Fenster, denn neugierig war er immer noch. Schließlich stand der ganze Platz voll mit diesen Flugmaschinen - nur viel größere und Propeller hatten sie auch nicht.

Evren legte ihm beruhigend die Hand auf den Schenkel und versuchte, nichts Sexuelles dabei zu empfinden, während er den Fahrer ein bisschen ausfragte. Doch lange waren sie nicht unterwegs, denn kaum hatten sie das Terminal erreicht, hieß es auch schon aussteigen. Sie bedankten sich höflich und gingen mit ihren Rucksäcken durch das Foyer. Gerade wollte Evren ansetzen, Azhdahar zu erklären, warum Autos nicht flogen, da kam schon aufgeregt eine junge Frau auf sie zu und wollte wissen, ob sie die Passagiere aus der Lodge wären - und schon waren sie wieder nicht allein, denn die junge Frau geleitete sie zum Check-In und dann weiter zum Bording, was zum Glück aber noch nicht lief und so hatten sie eine halbe Stunde für sich, die Azhdahar für seine Neugier nutzen konnte.

Um auch ja nicht aufzufallen, hatte der Prinz die ganze Zeit nichts gesagt, nur der jungen Frau lächelnd zugenickt, wie er es in der Lodge gelernt hatte. Umsehen durfte er sich ja und davon machte er reichlich Gebrauch. Allein die Architektur war so gänzlich anders, als in seiner Heimat. Er gab seinen Pass ab und sah interessiert zu, wie alles geprüft und gestempelt wurde und war froh, dass Arlan wohl alles richtig gemacht hatte, denn sie kamen ohne Probleme weiter. „Das ist alles so anders”, flüsterte er Evren leise zu, als sie sich im Wartebereich niedergelassen hatten.

„Also, jetzt zu deinen Fragen.” Evren setzte seine Mütze wieder ab, die die ganze Zeit die kleine Kamera für Arlan getragen hatte. Er hatte sich immer schön in alle Richtungen umgesehen, so dass der Wissenschaftler von allem einen Eindruck bekam. „Das kleine Ding eben war ein Auto. Genau genommen ein Automobil, was so viel wie selbst fahrend heißt. Es hat keine Flügel und kann nicht abheben. Es braucht Straßen”, sagte er leise und trank von seinem Wasser, was er sich gekauft hatte.

„Gibt es davon viele?”, wollte Azhdahar wissen und stand auf. Hinter ihnen war eine große Glasscheibe, durch die er den Flughafen überblicken konnte. „Eure Flugzeuge sind riesig. Unsere Flieger sind viel kleiner. Ich bin wirklich schon gespannt, wie sie von innen aussehen. Wie viele Menschen passen da rein?” Er kam wieder zu Evren zurück und ließ sich neben ihm fallen. Er wurde schon wieder beobachtet und das gefiel ihm gar nicht.

„In die Großen passen etwa 300 Menschen und bei euch hat man solch große Maschinen doch gar nicht gebraucht. Eure Bediensteten”, er vermied die Unterscheidung in Drache und Mensch bewusst, weil er nicht wusste, wer ihnen zuhörte, „müssen doch gar nicht weg von euch. Sie haben ihre Aufgaben und ihre Hütten. Sie haben keinen Grund, weit weg zu müssen und wenn doch, dann nicht in großen Gruppen. Hier leben ja so viele Menschen, die alle eilig irgendwo hin wollen”, fing Evren an zu erklären und verschwieg auch nicht, dass dies ein kleiner Flughafen wäre und er warten sollte, bis sie in Frankfurt Zwischenstation machen würden.

„Das hier ist klein?” Azhdahar konnte das gar nicht glauben. Evren hatte ihm zwar gesagt, dass in den Städten sehr viele Menschen zusammen lebten, aber richtig vorstellen konnte er sich das noch nicht. „Aber warum wollen so viele Menschen hin und her reisen, wenn sie doch da, wo sie wohnen, eine Aufgabe haben? Wir reisen auch, aber das ist eher selten. Ich verstehe das wirklich nicht. Man sollte doch da, wo man lebt, glücklich sein und nicht weg wollen.”

Evren holte tief Luft, wie erklärte er das? Wie erklärte er Globalisierung so, dass ein Drache es begreifen konnte? „Machen wir es mal ganz grob. Es gibt Firmen, bei denen arbeiten die Leute. Und die Firmen haben Tochtergesellschaften gegründet, die in anderen Ländern liegen. Wenn man alles kontrollieren muss, muss man reisen. Der zweite Grund ist der Urlaub. Das ist die Zeit im Jahr, in der Menschen nicht arbeiten, sondern sich erholen. Es ist irgendwie Tradition, dass man sich dann etwas anderes ansieht. Jedes Land hat andere Sprachen, andere Kulturen. Manche sind älter, manche jünger. Manche Länder liegen im Warmen, manche im Kalten - manche am Meer, manche in den Bergen. Der Mensch will immer das, was er gerade nicht hat. Und so fahren die vom Kalten ins Warme und die aus den Bergen an die See.” Evren guckte skeptisch. Hatte Azhdahar das verstanden?

„Hmm.” Azhdahar sah nicht so aus, als wenn er das wirklich verstehen würde, aber er nahm das jetzt einfach so hin. Er wusste noch zu wenig von den Menschen, vielleicht verstand er das, wenn er länger auf der Erde war. „Die Menschen mögen es also zu reisen. Das ist ungewohnt, aber ihr seid anders. Nur ganz nachvollziehen kann ich das nicht. Aber das muss ich wohl auch nicht.”

„Na ja”, sagte Evren und setzte seine Flasche wieder an. „Ihr habt in Gidoria alles. Ihr habt Wasser, ihr habt Berge, ihr habt Wald und ihr habt weite Ebenen. Viele Menschen wollen so was auch sehen und haben das eben nicht vor der Haustür und deswegen fahren sie da hin, wo sie so was sehen.” Dass Menschen auch aus anderen Gründen reisten, die nicht so nobel waren, wie das Besichtigen von Naturdenkmälern, verschwieg er lieber.

„Das kann ich verstehen. Ich kenn es nicht anders. Wir haben alles getan, damit unsere Welt schön bleibt.” Sich immer noch, wenn auch unauffällig, umsehend, versuchte Azhdahar so viel wie möglich von seiner Umgebung in sich aufzunehmen. Alles konnte wichtig für ihn sein und ihm helfen, sich auf der Erde zu Recht zu finden. „Man sollte wirklich versuchen, das auch hier wieder hinzubekommen.”

„Ich bin für versklaven und bestrafen”, murmelte Evren, meinte das aber nicht wirklich ernst. Viele Menschen hatten schon lange begriffen, dass man mit der Erde nicht umgehen konnte, als hätte man noch eine zweite im Kofferraum, doch meistens fehlte ihnen das Geld, um wirklich etwas zu bewirken. Geld verdarb eben wirklich den Charakter und die Drachen hatten gut daran getan, es niemals zu erfinden.

„Komm, das Bording beginnt”, lenkte er ab und erhob sich.

„Ich werde dich an deine Worte erinnern, wenn es soweit ist und du wieder etwas daran auszusetzen hast.” Azhdahar folgte Evren und verfolgte ganz genau, wie ihre Bordkarten überprüft wurden und man sie ins Flugzeug begleitete. Jetzt erst konnte er wirklich sehen, welche Ausmaße die Flieger hatten und war doch ein wenig beeindruckt. Neugierig sah er sich um und lächelte der Stewardess zu, die sie am Eingang in Empfang nahm. Schließlich hatte er gelernt, wie er sich zu benehmen hatte.

Sie hieß die jungen Männer an Bord willkommen und geleitete sie zu ihren Sitzen. Während sich Azhdahar noch etwas im Abteil umsah, hatte Evren das wenige Handgepäck verstaut und ließ sich auf den Sitz zum Gang hin fallen. Sicher wollte der Drache am Fenster sitzen und alles beobachten. „Komm her, steh den anderen nicht im Weg.” Evren zog ihn an der Hose, die er zu fassen bekommen hatte, zu sich.

„Was? Wie?” Azhdahar war sichtlich aus dem Konzept gebracht und sah Evren fragend an, aber dann verstand er, als ein Mann sich hinter ihm leise räusperte. „Entschuldigung”, sagte er schnell, denn Evrens kleiner Benimmkurs am Abend vorher hatte gewirkt und so setzte er sich in seinen Sitz. „In euren Flugzeugen hat man ja richtig viel Platz”, sagte er anerkennend, denn er konnte seine langen Beine ohne Probleme ausstrecken.

„Lobe nicht zu früh. Wir haben so viel Platz, weil ich dafür gezahlt habe”, sagte Evren und richtete sich auf seinem Sitz bequem ein. Den Hut mit der Kamera hatte er wieder ans Fenster gestellt, so konnte Arlan später sehen, wie der Bauch der Maschine mit Containern gefüllt wurde. „Wenn sich der Trubel etwas gelegt hat und wir in der Luft sind, geh mal in die Economy Class, dann siehst du, warum ich den Aufpreis bezahlt habe”, erklärte Evren.

„Nein, muss nicht sein, ich glaub dir auch so und hier gefällt es mir sehr gut.” Azhdahar wirkte schon wieder etwas abgelenkt, denn er untersuchte gerade den Bildschirm vor seinem Sitz. Er hatte gestern Fernsehen kennen gelernt und war vollkommen fasziniert davon. Er hatte sich durch die Sender gezappt und Evren hatte ihm schlussendlich die Fernbedienung weggenommen, damit der Prinz noch etwas Schlaf bekam. Evren war sich vorgekommen wie ein allein erziehender Vater mit einem neugierigen Kind.

„Da kannst du dann auch Filme gucken und auf die Außenkamera des Flugzeuges schalten, aber erst, wenn wir in der Luft sind, also lass die Knöpfe in Ruhe, du erregst Aufsehen”, knurrte Evren leise und nickte Richtung der Sitze neben ihnen, nur durch den Gang getrennt. Ein junges Paar beobachtete Azhdahar mit Amüsement und Interesse, weswegen Evren ihn in die Polster drückte, damit er sitzen blieb und nicht anfing, weiter auf den Knöpfen herumzudrücken. Wie sollte das nur bei ihm zu Hause werden, wo es überall in seinem technisierten Haus Knöpfchen und Lämpchen und Schalterchen gab?

„Wie? Oh.” Azhdahar blickte in die Richtung, die Evren angedeutet hatte und nickte dem Pärchen freundlich lächelnd zu. Es fiel ihm gar nicht mehr schwer und er machte das schon ganz automatisch. Auf Gidoria würde das wohl für Aufsehen sorgen, wenn er die Menschen so grüßte. „Sag doch einfach, ich komm aus dem Dschungel und kenn das nicht”, flüsterte er Evren ins Ohr. Er war ja froh, dass sein Mensch auf ihn aufpasste, was aber nicht hieß, dass er ihn nicht ärgerte, wo er nur konnte.

„Wenn du so weiter machst, sage ich das auch! Dann denken sie, du bist ein irrer Wilder.” Evren lehnte sich ebenfalls zurück, korrigierte noch einmal die kleine Kamera für Arlan und schloss kurz die Augen. Jetzt stand nur noch ein Kontinent und das Mittelmeer zwischen ihm und seinem Bett und Evren überlegte schon, wo er den Drachen eigentlich unterbringen sollte. Eines der Gästezimmer vielleicht? Wirklich frei war nur eines, denn das andere hatte Evren zu einer riesigen Bibliothek mit schnellem Internetzugang gemacht, in dem er Tag und Nacht arbeiten konnte.

„Wilder?”, knurrte Azhdahar auch gleich, aber er blieb sitzen, damit er nicht weiter auffiel. So weit wenigstens, wie das bei ihm möglich war, denn er wurde schon wieder von begehrlichen Augen beobachtet. Die Stewardessen und Flugbegleiter, sahen immer wieder zu ihm und auch die junge Frau von dem Pärchen neben ihnen, ließ ihren Blick ab und zu, wenn auch sehr unauffällig, über ihn gleiten. Mit seiner stattlichen Größe und dem trainierten Körper, gepaart mit einem klassisch schönen Gesicht und langen, gepflegten, pechschwarzen Haaren war er wohl genau das, was man landläufig als begehrenswert einstufte.

Sehr zu Evrens Leidwesen übrigens - wie üblich. Der lag in seinem Sitz, knurrte und versuchte das Getuschel zu überhören. Der Kerl neben ihm war ja schlimmer als ein Misthaufen, so wie er umschwärmt wurde von dem ganzen Geschmeiß. Es war wirklich das erste Mal, dass er nicht derjenige war, auf dem die Blicke lagen - es schien sogar, als sah man durch ihn hindurch, seit Azhdahar an seiner Seite war. Langsam aber sicher ging das Evren gegen den Strich.

Azhdahar versuchte wirklich seine Finger von dem Monitor zu lassen, aber das fiel ihm nicht leicht und damit er nicht doch noch anfing wieder zu spielen brauchte er Ablenkung. Darum drehte er sich zu Evren und stieß ihn an. „Wann geht es los?”, fragte er und nahm einen Zipfel von Evrens Hemd zwischen seine Finger und spielte damit herum. „Was können wir auf dem Flug denn noch machen, außer Filme zu sehen?”

„Quicky auf der Bordtoilette?”, knurrte Evren, dem der herumhibbelnde Drache langsam auf die Nerven ging. Dabei wollte er das gar nicht. Azhdahar hatte doch auch Geduld bewiesen, als Evren wie ein armer Irrer die Technik Gidorias studiert hatte. Warum fiel es Evren selbst nicht ebenfalls leicht, ruhig zu bleiben? War er wirklich so eifersüchtig auf die gut aussehende Konkurrenz?

„Schlaf ein bisschen”, schlug er stattdessen vor.

„Schlafen? Aber ich bin gar nicht müde.” Azhdahar rückte näher zu Evren und legte ihm den Kopf auf die Schulter. „Aber über den Quicky mit dir können wir noch mal reden.” Der Drache lachte leise und piekste Evren in die Seite, denn dass sein Mensch brummelte und murrte, konnte er nicht haben. „Wie lange dauert der Flug denn?”

Etwas pikiert, weil sein Scherz nicht die gewünschte Entrüstung hervorgebracht hatte, sondern Azhdahar seinem Vorschlag auch noch zustimmte, hob Evren eine Braue. „Wir werden mindestens zehn Stunden unterwegs sein und von Frankfurt dann noch bis Berlin fliegen. So in 15 Stunden sollten wir endlich bei mir sein und ich werde bis dahin definitiv keinen Sex mit dir haben. Hier denkt sowieso schon jeder, wir wären ein Paar”, klärte er auf, weil eine der Stewardessen gerade einen enttäuschten Blick auf sie warf und sich dann wieder den einsteigenden Gästen widmete.

„Na und, sollen sie doch denken was sie wollen.” Azhdahar war es so ziemlich egal, was die Menschen über ihn dachten, wenn es nicht gerade Evren war. „Das ist aber doch ziemlich lange. Muss ich die ganze Zeit sitzen bleiben oder kann ich rumlaufen?” Solange nichts zu tun, fiel dem Prinzen ziemlich schwer, denn normalerweise bewegte er sich den ganzen Tag.

„Sicher, du kannst durchs Flugzeug laufen, aber öffne keine Türen, lass die Piloten in Ruhe und sei ein braver Drache”, sagte Evren und grinste schief. Der Kerl hatte ja ein heiteres Gemüt. Schön, dass ihm egal war, was die anderen dachten - Evren war das nicht egal. Er checkte gern seinen Marktwert ab und wenn die Damen dachten, Azhdahar wäre sein Lover, dann sank sein Wert auf Null und sein Ego schrumpfte ungesund.

„Außerdem kannst du dann, wenn das Bordsystem aktiviert ist, auch Spiele spielen”, fiel ihm gerade noch ein.

„Spiele? Wo und vor allen Dingen, was kann man da spielen?” Das hörte sich doch gut an und vielleicht war ja auch ein Spiel dabei, bei dem er sich bewegen konnte. „Können wir auch etwas zusammen spielen? Ich muss irgendetwas tun, sonst werde ich echt verrückt. Ich bin dieses Nichtstun nicht gewohnt.”

„Azi, ganz ruhig!”, zischte Evren und legte dem Drachen seine Hand auf die Schenkel. „Wir haben leider nicht solche Tore wie ihr. Bei uns muss man die Wege noch so zurücklegen. Du wirst diese Stunden also aushalten müssen, anders geht es nicht. Spielen kannst du leider nur am Bildschirm, mit Bewegung ist da nicht viel. Aber wir bewegen uns, wenn wir in Deutschland sind, okay?” Er konnte den Drachen ja verstehen, doch was nicht ging, das ging nicht - außer der flog nebenher, aber das war ja, wegen der fehlenden Umagal, noch nicht möglich.

„Okay. Kann man wohl nichts machen.” Das war nicht ganz das, was Azhdahar sich erhofft hatte, aber dass hier vieles anders war als bei ihm Zuhause, hatte er schon begriffen. Allein die Aussicht, wieder fernzusehen und dort auch spielen zu können, versöhnte ihn, auch wenn er sich darunter noch nichts vorstellen konnte. „Kampftraining werde ich bei euch wohl nicht bekommen oder? Dann muss ich etwas anderes tun, sonst werde ich knurrig.”

„Doch”, sagte Evren. „Es gibt viele Schulen, die Training anbieten. Fernöstliche Kampfkünste. Ich weiß, das wird dir jetzt nicht viel sagen und ich kann's auch nicht erklären. Ich würde sagen, sobald wir bei mir sind, gucken wir im Netz und ich zeige dir, was ich meine. Da kannst du dich gern austoben. Perfekt wäre es in der Nähe vom Institut oder von der Wohnung, damit ich arbeiten kann, während du trainierst und bitte sieh dich vor und denk dran: was du verpasst bekommst, spüre ich auch und wenn ich grundlos im Institut vom Stuhl falle, könnte das Fragen geben.” Evren grinste.

„Dann sollte ich das mit dem Kampftraining wohl besser lassen. Zuhause weiß ich, dass die Chance, verletzt zu werden, ziemlich gering ist, aber hier kann ich das nicht einschätzen. Ich werde dann wohl eher Ausdauer und Krafttraining machen. Aber schauen, was es gibt, können wir trotzdem. Kann ja sein, dass es etwas für dich Ungefährliches gibt.” Azhdahar freute sich, dass Evren ihm helfen wollte, denn das Risiko für ihn war dabei ja nicht gering.

„Kraft und Ausdauer ist auch kein Problem. In der Stadt wachsen Fitnessstudios wie Pilze aus dem Boden. Da kann jeder für sich trainieren. Laufen, Handeln stemmen. Und so lange du dir die Dinger nicht auf den Zeh fallen lässt, so lange ist das für mich ziemlich ungefährlich, weil du da keinen Gegner haben wirst”, erklärte Evren und nickte, als die Luken für die Ladung geschlossen wurden. Es ging sicher gleich los.

„Hmm, gut. Ich werde mir das angucken.” Er musste eh noch warten, bis sie in Berlin waren. „Was glaubst du, wie lange es dauern wird, bis wir nach Mexiko aufbrechen können?” Es war ja nicht so, dass er drängeln wollte, aber jeder Tag mehr unter den Menschen der Erde, war ein Risiko für sie beide.

„Azhdahar”, sagte Evren etwas genervt, „lass mich erst einmal ankommen. Ich muss ins Institut und dort ein paar Fragen beantworten. Mein Chef wird wissen wollen, warum ich plötzlich wieder in Berlin bin und nicht in Mexiko und ich werde ihm erklären müssen, dass ich noch einmal dorthin muss. Da er mich für die Zeit weiter bezahlt, weil ich dort eigentlich zum Arbeiten war und sein sollte, sollte meine Ausrede glaubhaft werden.” Evren hatte schon überlegt, ob er nicht einfach verschwieg, dass er daheim war, doch sobald er sich im Serversystem des Institutes von zu Hause aus einloggen sollte, wussten sie es sowieso.

„Also kann ich dir noch nicht sagen, wie lange das dauert. Denn wenn er wütend ist, muss ich Urlaub beantragen und das kann eine Weile dauern, bis der durch ist.”

„Weißt du denn schon, was du deinem Chef sagen willst, warum du wieder da bist?” Das Problem lenkte Azhdahar von seiner Langeweile ab und er nahm endlich seinen Kopf von Evrens Schulter, damit er ihn ansehen konnte. „Musst du ihm auch erklären, wer ich bin? Dann sollten wir uns etwas überlegen.”

„Gelinde gesagt, habe ich noch keinen Schimmer, was ich ihm sagen will und dich werde ich vorstellen müssen, wenn du mit ins Institut kommst. Also als was soll ich dich ausgeben?” Evren legte überlegend den Kopf schief. „Soll ich sagen: „Guten Tag, Herr Stritter, das ist mein Hausdrachen, Azhdahar, aber er ist noch nicht vollständig, weil er eine Umagal braucht. Ich werde also noch mal nach Mexiko fahren müssen, um eine zu suchen. Das stört sie doch nicht, oder?” Das klang so schräg, Stritter würde ihn einliefern lassen - in eine schöne, weich gepolsterte Kabine.

„Wenn es hilft und wir dadurch schneller nach Mexiko kommen, darfst du das sagen, aber ich glaube, das hast du nicht ernst gemeint.” Azhdahar grinste. „Kann ich nicht ein entfernter Verwandter sein, den du in Mexiko getroffen und mitgebracht hast? Somit wäre zumindest meine Anwesenheit erklärt.”

„Ja, das ginge. Doch wie erklären wir, dass du hier bist und nicht in Mexiko und wie erklären wir, dass ich wieder zurück muss? Ich meine, wenn es gar nicht geht, nehme ich Urlaub. Ich habe noch reichlich Tage, so ist das ja nicht.” Evren überlegte hin und her, doch er hatte noch keine glaubwürdige Lüge zusammengestrickt.

„Tja, ich weiß auch nicht. Kann es nicht sein, dass ich wegen einer Familienangelegenheit nach Deutschland musste und du hilfst mir, das zu regeln, weil ich mich mit so etwas nicht auskenne. Schließlich bin ich ein Hinterwäldler aus dem Dschungel. Als guter Cousin kannst du mich doch nicht alleine in die Stadt lassen.” Azhdahar wusste nicht, ob so etwas als Begründung reichen konnte, aber so auf die Schnelle fiel ihm nichts Besseres ein.

„Na gut, Cousin”, lachte Evren und nickte. Es ging keinen etwas an, was diese Familienangelegenheit war und so kamen sie vielleicht ganz gut durch. „Machen wir das so. Und für den Hinterwäldler musst du dich noch nicht einmal verstellen, den nimmt dir sowieso jeder ab”, schob er noch nach, weil er es nicht lassen konnte, Azhdahar zu ärgern, wo es nur ging.

„War ja klar. Wir sprechen uns noch einmal, wenn wir wieder bei mir sind und Arlan dir unsere alltäglichste Technik erklären muss.” Azhdahar schnaubte leise und sah Evren gespielt beleidigt an. „Ich bin kein Hinterwäldler. Ich kenn mich hier nur nicht so aus.”

„Och, Azi”, konnte sich Evren nicht verkneifen und strich seinem Drachen über den Schenkel. „Komm, sei wieder ein liebes Drachi. Dann darfst du heute Abend auch in mein Bett und musst nicht mit deinen Glasmurmeln im Wirtschaftsraum schlafen, hm? Alles wieder gut?”, lachte er leise und konnte doch nicht anders. Jemand wie Azhdahar hatte ihm gefehlt. Jemand zum Blödeln, jemand zum Ärgern, der auch zurück ärgerte. Jemand, bei dem er sich wohl fühlte, ohne sich albern vorzukommen.

„Das waren zwei Worte, die du besser nicht erwähnt hättest”, knurrte der Prinz und schnappte sich Evren. Kitzelnd fuhren seine Finger über die Seiten seines Menschen. Mit den Murmeln in den Wirtschaftsraum. Frechheit! „Sicher schlafe ich in deinem Bett. Die Frage ist nur, ob du dann auch noch mit rein darfst. Drachen brauchen Platz und sie werden unleidlich, wenn sie eingeengt werden.”

„Dann ist der Dachgarten für dich ideal”, lachte Evren und wand sich, entkam Azhdahar aber, als die Stewardess höflich darum bat, man möge sich anschnallen, es ginge gleich los. „Aus meinem Bett wirst du mich nicht vertreiben, darum kämpfe ich wie ein Tiger. Außerdem wird Streuner dir schon zeigen, wo dein Platz als zweites Haustier ist”, grinste er frech und gurtete sich an.

„Da wird sich dieser Streuner mit abfinden müssen, dass Drachen nie die zweiten sind.” Azhdahar sah Evren zu, wie das Anschnallen ging und tat es ihm gleich. „Ich weiß zwar nicht, was ein Tiger ist, aber glaubst du wirklich, dass ich mich davon beeindrucken lasse? Ich habe schon größere Tiere nur mit einem Speer bewaffnet gejagt, als diese Elefanten und die sollen ja die größten auf der Erde sein und unsere Ragals haben scharfe Zähne und Klauen.”

„Was ist bitte ein Ragal? Kann man das essen? Nein, da will ich keine Antwort drauf haben.” Evren hob abwehrend die Hände, als Azhdahar das wohl ausführen wollte. Er konzentrierte sich lieber auf die Stewardessen und malte sich im Geiste aus, wie das erste Zusammentreffen von Streuner und Azhdahar verlaufen würde - der kleine getigerte Kater war nämlich ziemlich herrisch, wenn es darum ging, sein Reich zu verteidigen. Er hatte schon so mache Freundin von Evren von der Couch vertrieben.

„Ragals sind große Raubtiere, die bei uns leben. Sie sind schwer zu jagen, weil sie stark und für ihre Größe sehr wendig sind. Darum darf das auch nur der Königsclan. Aber das passiert nur sehr selten. Sie leben sonst ganz ungestört. Auf einem der Datenkristalle müssten auch Tiere zu finden sein. Wir können uns das irgendwann mal zusammen ansehen und ich erklär dir alles.” Aber jetzt guckte er erst einmal aus dem Fenster, denn das Flugzeug fing an zu rollen und Azhdahar wollte nichts verpassen.

„Ah ja, sicher. Machen wir.” Irgendwie hatte Evren dabei das Bild eines Tigers vor sich. Kräftig, wendig und bissig. So ähnlich wie Drachen, nur ohne Fell. Evren lachte leise und wies Azhdahar auf den kleinen Monitor hin, auf dem nun die Stewardessen-Security-Show lief und erklärte wie man sich im Fall eines Notfalles zu verhalten hatte.

„Du wirst dich umgucken, Streuner ist zwar klein, aber auch wendig und bissig.”

„Ich mach das schon. Wenn er mich beißt, beiß ich zurück.” 


22


Azhdahar lachte, war aber schon ganz in die Informationen auf dem Bildschirm versunken. Er sah sich alles aufmerksam an und guckte jedes Mal, wenn etwas erklärt wurde, ob das auch alles so war, wie gezeigt, bis Evren ihn aufhielt, die Rettungsweste auszupacken.

„Ja, aber... wenn die kaputt ist oder gar nicht da, das muss man doch prüfen!”, nörgelte er und hob schon wieder die Hand, weil nun die Atemmasken dran waren.

„Azhdahar, wenn du nicht willst, dass ich dich jetzt auf der Stelle aufs Rollfeld werfe und allein fliege, egal welche Schmerzen das machen wird, dann bleibst du jetzt sitzen, machst keine Mätzchen und gehst davon aus, das die Bordcrew schon nachgesehen hat, ob wirklich eine Rettungsweste für dich da ist und die keine Löcher hat und wenn nicht, dann bekommst du meine. Schon um den Schmerzen meines Todes zu entgehen, wirst du mich retten.” Evren hielt Azhdahars Hände fest, damit er nicht auch noch nachgucken ging, ob wirklich an den vorgegebenen Stellen Notausgänge waren.

Leise vor sich hingrummelnd, ohne dass man verstehen konnte, was er sagte, fügte sich der Prinz, aber er verrenkte sich fast den Kopf, damit er die Notausgänge sehen konnte. Schließlich war es wichtig zu wissen, wo sie im Notfall hinmussten. „Wieso interessiert das, was die Stewardessen zeigen, keinen? Das ist doch wichtig”, fragte er irritiert, denn entweder beschäftigten die anderen Passagiere sich mit anderen Dingen oder beobachteten ihn schmunzelnd - sehr zu Evrens Leidwesen.

„Weil die meisten das schon kennen. Das erzählen sie dir jedes Mal, wenn du fliegst und spätestens wenn du das erste Mal überlebt hast, ist dir das ziemlich egal. Deine Gelassenheit wird auch noch kommen”, sagte er, schloss aber ein flehendes: „Hoffe ich!”, noch hinten an. „Vertraue bitte einfach darauf, dass der Junge im Cockpit weiß, was er tut und uns nicht ins Wasser wirft, okay, Prinzlein?”

„Muss ich ja wohl, du hast mir ja verboten, den Piloten zu belästigen, obwohl es bestimmt nicht verkehrt wäre, nachzuschauen, ob er auch wirklich kann, was er können soll.” Ernst meinte Azhdahar das nicht, aber Evren verdrehte so schön die Augen und schnaubte genervt. „Besser vorsichtig sein. Du kannst dir bestimmt vorstellen, was mit deinen Menschen wird, wenn Vaters einziger Sohn stirbt, weil jemand nicht gründlich alles überprüft hat.”

„Ach komm. Ich sag dem König einfach, du hast dich im Dschungel in eine Umagal verliebt und paarst dich mit der und kommst in ein paar Jahren wieder. So lange habe ich Zeit, mir eine andere Ausrede zu überlegen, falls du wirklich draufgehen solltest.” Dass er selbst dann wohl auch tot war, schob Evren beiseite, er liebte es, sich alberne Dinge auszumalen - vor allem, wenn Azhdahar dabei eine unvorteilhafte Rolle spielte.

„Na, da wünsch ich dir viel Spaß. Mein Vater könnte so etwas ja glauben, aber meine Mutter…” Azhdahar hob eine Augenbraue und schüttelte den Kopf. „Die kommt hier her und pflügt den ganzen Urwald um, wenn es sein muss. Ihr kleiner Liebling könnte ja in Gefahr sein. Sie ist da nicht zimperlich.” Allein bei der Vorstellung musste er lachen. „Meine Mutter ist wesentlich gefährlicher für eure Welt als mein Vater.”

„Ja, Mama auf der Suche nach ihrem kleinen Baby”, lachte Evren, nun hatte er wieder was. „Ich sollte gut auf den kleinen Liebling aufpassen, hm? Duzi, duzi, du!” Er konnte sich nicht beherrschen und kniff dem Prinzen in die Wange, wie man das mit kleinen Kindern nun einmal tat.

„Lass das, sonst mach ich das auch.” Evrens Hände festhaltend, zog der Prinz ihn an sich. „Ja, pass besser gut auf mich auf. Ich mach das auch bei dir. Schließlich behandle ich meine Haustiere immer sehr gut. Du wirst genauso gehätschelt wie meine Umagal, wenn ich sie dann habe.” Er grinste der jungen Frau neben ihnen zu, die leise kicherte, weil sie es einfach niedlich fand, wie die beiden Männer miteinander turtelten. „Er ist sehr anhänglich, aber was soll ich machen, er ist doch so niedlich”, lachte er leise und zwinkerte ihr zu.

Evren wusste im ersten Augenblick gar nicht, was er dazu sagen sollte. „Azhdahar!”, zischte er aufgebracht und versuchte sich zu befreien. „Stell das klar. Ich bin... ich...” Doch er wusste selber nicht, was er eigentlich sagen wollte. „Ich bin nicht anhänglich und nicht niedlich. Also lass mich los oder ich dreh dir deinen mickrigen Schwanz raus, du Kriechtier!” Da hörte sich doch alles auf. Der Kerl fühlte sich hier in der Welt schon viel zu wohl!

„Ich habe vergessen zu erwähnen, dass er auch schüchtern ist”, lachte der Prinz unbeeindruckt und nun musste die junge Frau laut lachen.

„Lassen sie ihn lieber los, bevor er seine Drohung noch wahr macht”, kicherte sie und Azhdahar lockerte seinen Griff ein wenig, auch wenn er immer noch einen Arm um Evren behielt. „Ich bin Brigitte und neben mir, das ist mein Verlobter Klaus”, stellte die junge Frau sich vor und streckte Azhdahar und Evren die Hand entgegen.

„Azhdahar und das ist Evren”, übernahm der Prinz die Vorstellung. Er griff die schmale Hand und schüttelte sie vorsichtig, so wie er das schon ab und zu gesehen hatte.

„Angenehm”, sagte auch Evren, fügte aber gleich an, wenn die junge Frau Interesse hätte, könnte sie den Typen hier gern als Haustier haben. Er wäre entwurmt, geimpft und ging bei Fuß und stünde gerade frei zur Adoption. Dabei zerrte er immer noch, damit der Drache ihn endlich los ließ und er nicht so entwürdigend auf dessen Bauch hing.

„Haustiere sind bei uns nicht erlaubt”, kam plötzlich der trockene Kommentar von Klaus, der von seinem Buch aufsah und seine Verlobte angrinste. Er nickte Azhdahar und Evren zu und zog Brigitte an sich. „Schatz, ich hab dir doch schon mal gesagt, dass du nicht alle gequälten Tiere retten kannst. Ich fürchte, du musst Azhdahar bei Evren lassen. Ich denke, da ist er gut aufgehoben.”

„Ich geb den gern her!” Evren ließ noch nicht locker, vielleicht konnte er Azhdahar ja doch noch loswerden. „Man kann ihn mit Käsebällchen ernähren und er muss nicht unbedingt mit im Bett schlafen. Eine Decke auf dem Fußboden tut es auch. Er ist auch sehr reinlich und gut gepflegt, er wird kaum Probleme machen!”, versprach er und guckte Mitleid erweckend. „Sie würden mir das Leben retten - sie sehen ja, was er täglich mit mir macht. Und wenn wir allein sind, wird das noch schlimmer!”

„Ach, das meint der nicht so, ohne mich würde der liebe Evren doch glatt eingehen”, wiegelte Azhdahar ab. Der Prinz ließ den sich immer noch wehrenden Menschen los, verschränkte aber ihre Finger, damit auch klar war, dass aus seinem Verkauf nichts wurde.

„Klaus, können wir nicht beide nehmen?”, lachte Brigitte und lehnte sich an ihren Verlobten. „So ein hübsches Paar kann man doch einfach nicht trennen.”

„Doch kann man - ich bin nicht böse, wenn ich mal ein paar Tage meine Ruhe habe. Der kann nämlich ziemlich zickig sein”, sagte Evren und nur im Hinterkopf bemerkte er, dass er gerade die Chance vertan hatte, klarzustellen, dass sie kein Paar waren. Außerdem benahmen sie sich viel zu auffällig, als dass ihm dies einer abnehmen würde. Er fügte sich also in sein Schicksal. „Ich leg auch noch ’ne Leine und ein paar Glasmurmeln drauf”, lachte er frech. Langsam machte es Spaß, schließlich sahen sie das junge Paar sobald nicht wieder.

„Nein, Schatz, du kannst sie nicht haben.” Klaus schüttelte den Kopf und Brigitte seufzte leise. „Schade.” Sie zuckte mit den Schultern und kicherte dann. „Haben sie auch Urlaub gemacht? Wir haben drei wundervolle Wochen in Namibia verbracht und wir werden bestimmt noch einmal wieder kommen”, fragte sie neugierig, jetzt, wo klar war, dass sie keinen der Männer mitnehmen durfte. Da war es gut, noch ein paar Informationen zu sammeln.

„Ja, wir hatten aber leider nicht viel Zeit, es war mehr eine Art Studienreise”, erklärte Evren und richtete sich die Kleider, weil endlich das Signal zum Lösen der Gurte gekommen war. Er hatte den Start überhaupt nicht bemerkt. „Leider waren es nur ein paar Tage, aber ich weiß, dass ich das Land und seine Wüsten noch einmal besuchen will.” Da war er sich ziemlich sicher, er wusste nur nicht, ob vor oder nach der Trennung von Azhdahar.

„Ja, das müssen sie wirklich machen. Es gibt so viel zu sehen, da muss man einfach noch einmal zurückkommen.” Brigitte hatte sich auch abgeschnallt und lehnte sich auf die Armlehne zum Gang hin, so dass sie Evren etwas näher kam und sie sich gut unterhalten konnten. Azhdahar lehnte sein Kinn auf Evrens Schulter und legte von hinten die Arme um seinen Gefährten. Dass er damit Brigitte wieder zum Schmunzeln brachte, bemerkte er gar nicht, denn er genoss einfach die Nähe.

„Na mal sehen, wann ich die Zeit dazu finden werde. Als nächstes muss ich beruflich nach Mexiko, um Azhdahar den alten Göttern zu opfern und dann werde ich vom Fliegen für eine Weile die Nase voll haben.” Im nachhinein ärgerte sich Evren, dass er nicht eines der transportablen Tore in Namibia deponiert hatte. Sie hätten sich den Nerven aufreibenden Flug das nächste Mal sparen können.

„Einen so schönen Mann zu opfern ist doch reine Verschwendung, auch wenn es den Göttern bestimmt schmeicheln würde.” Brigitte sprach ohne nachzudenken und wurde rot, als sie merkte, was sie gesagt hatte. „Also das…”, stotterte sie holte dann aber tief Luft. „Ach, ist doch wahr.” Sie wedelte mit den Händen und zuckte mit den Schultern und Azhdahar rettete sie. „Ich bedanke mich. So etwas Nettes habe ich von Evren schon länger nicht mehr gehört.”

„Warum sollte ich?”, fragte Evren, schließlich ging ihm Azhdahars Äußeres ziemlich gegen das eigene Ego. „Du arroganter Kerl weißt doch selber, wie du aussiehst. Was soll ich dir das noch jeden Tag sagen. Ich opfere dich lieber den Göttern und dann wünsch ich mir was Nettes, was Liebes.” Evren überlegte, was seine nächste Errungenschaft noch alles sein sollte, die er gegen Azhdahar tauschen wollte.

Azhdahars Augen verdunkelten sich leicht, denn das, was Evren gesagt hatte, hatte ihn getroffen, aber er sagte nichts, denn das jetzt hier ausdiskutieren wollte er nicht. „Na, hoffentlich werden dir die Götter deinen Wunsch erfüllen. Sie können manchmal sehr launisch sein und dann hättest du umsonst mein Blut vergossen.” Er ließ Evren los, denn die Stewardess kam und fragte, ob sie etwas trinken wollten. Er bestellte sich ein Wasser und sah dann aus dem Fenster.

Evren mochte genervt sein, doch er war nicht unsensibel. Er hatte sehr wohl gemerkt, dass er zu weit gegangen war und zog eine schief grinsende Grimasse zu Brigitte, die ihr sagen sollte, dass er jetzt erst mal kratzen musste. Eigentlich hätte es ihm egal sein sollen, er hätte froh sein sollen, dass er seine Ruhe hatte, wenn Azhdahar schmollte, doch er mochte den Gedanken nicht, ihn verletzt zu haben. So legte er seine Hand auf dessen Knie und murmelte leise: „So schnell gebe ich dich nicht her.”

„Ach wirklich?” Azhdahar war in seine Muttersprache gewechselt, denn er wollte nicht, dass Brigitte mitbekam, was sie redeten. „Es mag ein Scherz von dir gewesen sein, aber ich kann fühlen, was du fühlst, durch unsere Verbindung. Du wolltest mir wehtun und ich verstehe nicht, warum. Weil ich es so dargestellt habe, als wenn wir ein Paar sind? Du magst es nicht, wenn die Frauen mich anmachen und da wollte ich dem nur vorgreifen.”

Diese stechende Analyse, die dummerweise auch noch genau ins Schwarze getroffen hatte, ließ Evren erst einmal schweigen. Was sollte er darauf sagen, was nicht wie eine Rechtfertigung klang? „Du hast Recht”, entgegnete er in Azhdahars Sprache und wunderte sich nicht über die fragenden Blicke der jungen Frau, der diese Silben wohl völlig fremd vorkommen mussten.

„Ich habe dir schon einmal gesagt, dass ich leicht eifersüchtig werde und dass ich dann Blödsinn mache. Es tut mir auch Leid, aber ich kann nicht aus meiner Haut und aus meinem Ego auch nicht. Ja, es stört mich, wenn sie dich ansehen und mich nicht, aber das hat nicht... ach egal.” Evren redete sich nur immer tiefer in den Schlamassel. Sein Herz schlug langsam schneller - nur warum?

„Ich kann auch nicht aus meiner Haut, Evren. Ich kann mich nicht hässlich machen. Wie soll das werden, wenn wir in Berlin sind. Dort werden auch viele Frauen auf mich aufmerksam werden und mich haben wollen. Aber ich will sie nicht.” Azhdahar wusste nicht, wie das werden sollte, wenn bei Evren jedes Mal so etwas dabei herauskam.

„Meine Güte, Azhdahar!” Evren rollte die Schultern. „ich habe nicht gesagt, dass du dich hässlich machen sollst. Ich habe noch nicht einmal gesagt, dass du das Problem seihst. Ich sagte wohl laut und deutlich, zumindest hoffe ich das, dass es mein Ego ist, dass es an mir liegt. Muss ich es buchstabieren? Es reicht doch, wenn ich zugeben muss, dass ich ein Arsch bin. Musst du mich da noch weiter mit der Nase drauf stoßen?” Es tat ihm doch Leid, warum konnte der Drache es nicht einfach dabei bewenden lassen und solche Situationen einfach nicht mehr provozieren?

„Du bist kein Arsch.” Azhdahar zog Evren an sich und legte die Arme um ihn. „Ich möchte nicht mit dir streiten. Du bist mir wichtig und wenn es dir schlecht geht, dann fühl ich mich auch nicht besonders.” Er lehnte seinen Kopf an Evrens und seufzte. „Okay, sag mir, wie ich das verhindern kann.”

„Du kannst es nicht verhindern, Azhdahar. Das ist doch das Problem.” Wie sollte Evren das erklären? „Es wird immer wieder passieren, weil ich es nicht gewohnt bin, dass neben mir jemand alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Das wird ein langer Weg, bis ich das begriffen habe und du wirst noch öfter verbal eine von mir übergebraten kriegen. Das meine ich manchmal gar nicht so, auch wenn es sich so anfühlen sollte. Das liegt daran, dass mein Ego verletzt ist und dann teile ich eben aus, ohne nachzudenken. So ist das.” Und so war das schon immer gewesen - denn Evren hatte ein großes Ego.

„Das ist ziemlich schlecht. Wenn ich weiß, wie du das meinst, ist es einfacher, aber du kennst mich, ich werde leicht wütend. Es wird wohl nie langweilig werden bei uns. Warten wir einfach ab. Was anderes bleibt uns eh nicht übrig.” Azhdahar ließ Evren wieder los und holte tief Luft. „Aber schön zu wissen, dass du mich behalten willst. Ich glaube auch nicht, dass einer meiner Vorfahren mich haben möchte.”

„Als ob du ein Gott wärst”, lachte Evren plötzlich und wechselte die Sprache wieder, denn für ihn waren die ernsten Dinge geklärt. Er wollte darüber nicht mehr nachdenken. Ob er wollte oder nicht: er musste an sich arbeiten, wenn sie sich nicht eines Tages die Köpfe abreißen wollten. „Wer sollte dich schon anbeten - ich etwa?”

„Ja, aber sicher doch. Das ist ja wohl mein gutes Recht, so wie ich aussehe.” Azhdahar boxte Evren sanft gegen die Nase. „Du bist meine Ersatz-Umagal. Meine Familie ist es seit Generationen gewohnt, angebetet zu werden und ich werde mit dieser Tradition nicht brechen.”

„Ersatz-Umagal, ich glaub es ja nicht”, lachte Evren leise und schüttelte den Kopf. „Ehe ich dich anbete, mein Lieber, da musst du mir schon etwas bieten, was mich in Erstaunen versetzt und mich verzückt: „Oh mein Gott, Azhdahar!“. ausrufen lässt. Vorher läuft das nicht, klar?” Er wippte zufrieden mit den Augenbrauen, so weit kam es noch, dass er den Kerl auch noch anbetete - es reichte doch, dass die Damenwelt das tat.

„Dann hab ich ja ein Ziel für die nächsten Tage”, grinste der Prinz. „Ich liebe Herausforderungen. Dann wird mir auch nicht langweilig und ich werde nicht mürrisch. Das passt doch hervorragend. Ich werde trainieren und dich dazu bringen, mich anzubeten.”

„Vergiss es. Ich bin so von mir selbst überzeugt, dass ich keinen Gott neben mir dulden werde”, lachte Evren. Er wirkte erleichtert und das war er auch. Er hatte sich noch nicht daran gewöhnt, dass ihm Azhdahars Gemüt selber auch auf den Magen schlug. Doch so lange der Drachen gut drauf war, solange war alles im grünen Bereich.

„Und jetzt guck einen Film, ich döse ein bisschen”, sagte Evren und gähnte verhalten.

„Mach es dir bequem.” Azhdahar hob seinen Arm so an, dass Evren sich anlehnen konnte. „Aber vorher sag mir, wie ich diesen Fernseher bedienen kann, damit ich mich nicht wieder blamiere.”

„Hm”, machte Evren und die Augen waren schon halb zu. Er drückte auf dem Ding herum und hoffte, dass Azhdahar beim Zusehen lernte. „So und dann hier. Da kannst du den Film aussuchen. Kopfhörer gibt’s bei der Stewardess.” Das war alles, was der Drache für die nächsten Stunden wissen musste.

„Ist ja einfach, danke”, flüsterte Azhdahar ganz leise und legte den Arm um Evren, der schon mit geschlossenen Augen an ihm lehnte. „Schlaf gut und träum von mir.” Er erwartete keine Antwort mehr, sondern sah sich nach der Stewardess um, die auch gleich kam, als sie seinen suchenden Blick bemerkte. Mit seinem Kopfhörer ausgerüstet verbrachte der Prinz die nächsten Stunden mit Fernsehen und passte darauf auf, dass Evren nicht gestört wurde.



23


„Alles klar?“ Evren sah Azhdahar besorgt an. Es war ihm schon in Frankfurt aufgefallen, als sie aus der Maschine gestiegen waren. Der Prinz war geschwankt und er sah gar nicht gut aus. Doch als sie die Terminalhallen betreten hatten, war wieder alles in Ordnung gewesen. Kaum waren sie in Berlin erneut aus dem Flugzeug gestiegen, sah Azhdahar wieder so elend aus. Evren vermutete, dass es an der Luft lag. Arlan hatte ja schließlich gesagt, dass der Prinz sich erst an den ganzen Dreck in der Luft gewöhnen musste und wenn es hier auf den Rollfeldern nicht vor Ruß und Abgasen wimmelte, wo dann?

„Sollen wir uns etwas hinsetzen?“, fragte er und geleitete den Drachen zu einer der Bänke, schließlich tat sich an ihrem Gepäckband sowieso noch nichts.

„Ja.“ Ohne Widerstand ließ Azhdahar sich führen, was zeigte, dass es ihm nicht gut ging. „Ich habe das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen und wenn ich tief einatme, wird mir schwindelig“, erklärte er Evren und ließ sich auf die Bank fallen. Es war nicht ganz so schlimm, wie den Tag zuvor, als sie auf der Erde angekommen waren, aber der Prinz fühlte sich elend. Wie hielten die Menschen das nur aus, in so einer verschmutzten Luft zu leben?

„Bleib erst mal sitzen und atme nicht so tief, wenn dir das nicht bekommt. Du wirst dich dran gewöhnen“, murmelte Evren leise, weil auch er jetzt langsam das Brennen in der Lunge spüren konnte. „Arlan hätte ein paar Pillen mitschicken sollen, gegen dieses Problem“, murmelte Evren, doch auch er hatte mit keiner Silbe daran gedacht, dass es in den Großstädten Europas noch schlimmer werden konnte. Wie sollte das erst in Mexiko-City werden? Dort konnte man die Luft schneiden! Er musste darüber noch einmal mit Arlan reden, denn Azhdahars Unpässlichkeit konnte auch Evren schachmatt setzen und dann waren sie ziemlich aufgeschmissen.

Vorsichtig legte Evren den Arm um seinen Drachen, egal wie die anderen Passagiere sie ansahen.

„Pillen?“ Nicht verstehend sah Azhdahar zu Evren rüber. „Ach so, du meinst Medikamente. Gibt es bei uns nicht, zumindest nicht für uns, für Menschen schon, aber die werden bei mir nichts nutzen.“ Er lehnte sich bei Evren an und atmete nur noch flach. „Hoffen wir, dass es wie gestern wird und mein Körper sich schnell anpasst. Es gibt bei uns kleine Filter, die man sich in die Nase stecken kann, vielleicht helfen die. Wir benutzen sie dort, wo es sehr staubig ist.“

„Du hast nicht zufällig welche in deiner Tasche oder so?“, fragte Evren hoffnungsträchtig und sah Azhdahar an. Mit dem Drachen jetzt Bus und S-Bahn zu fahren konnte er vergessen. Am besten verfrachtete er ihn in ein Taxi und sah zu, dass sie so schnell wie möglich und ohne Umwege zu ihm nach Hause kamen.

„Nein, hab ich nicht. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich sie brauchen könnte.“ Schulter zuckend sah Azhdahar Evren an und grinste schief. „Frag Arlan danach, wenn du ihm das nächste Mal Bericht erstattest und Käsebällchen bestellst.“

Kurz verschmälerten sich Evrens Augen, dann grinste er. „Was kann ich dafür, dass ich süchtig nach den Dingern bin?“, knurrte er und lachte leise. Er hatte weiter das Gepäckband im Auge und langsam kam Leben rein. Die ersten Taschen kamen aus der Luke. „Bleib hier sitzen. Such weder Rettungswesten noch Notausgänge, sondern warte einfach, bis ich wieder da bin, okay? Dann fahren wir heim und du kannst dich hinlegen, während ich mich mal im Institutrechner einlogge.“

„Ist gut. Ich werde mich nicht wegbewegen.“ Weit wäre Azhdahar auch nicht gekommen, so wie er sich fühlte, aber er behielt Evren im Auge und egal, wie schlecht es ihm ging, wenn er in Gefahr wäre, würde er ihn, ohne nachzudenken, retten und das nicht nur, weil sie verbunden waren. Azhdahar hatte Evren noch nie so wirklich angesehen und genau das tat er jetzt. Was hatte der nur immer mit seinem Aussehen? Groß, schlank, Muskeln an den richtigen Stellen, gut aussehend und die rotblonden Haare waren ein wirklicher Hingucker.

Außerdem konnte er sich wirklich nicht beschweren, denn auch ihm folgten die Blicke. Wollte Evren das nicht merken oder war es nur ein vorgeschobener Grund, wenn er sagte, er wäre eifersüchtig? Azhdahar wusste es nicht und so musste er seine Überlegungen aufgeben, ihm schmerzte der Kopf.

Evren hatte derweil den ersten ihrer Rucksäcke gefunden und an sich gebracht. Ab und an wanderte sein prüfender Blick zu dem Prinzen und er grinste ihn an, wenn ihre Blicke sich trafen - das war komisch, aber er konnte nicht anders.

Azhdahar winkte kurz, damit Evren sah, dass es ihm gut ging und beobachtete ihn weiter. Das machte wirklich Spaß, denn so langsam bemerkte sein Mensch, dass einige junge Damen ihn beobachteten und gleich straffte sich Evrens Gestalt und er zwinkerte ihnen zu. Schmunzelnd sah Azhdahar zu, aber tief in seinem Inneren zog sich etwas zusammen und er bekam eine Ahnung, wie Evren sich gefühlt haben musste. Es war unangenehm, gerade so, als würde ihm etwas weggenommen. Wie Evren dort stand, mit den Damen lachte und sich gar nicht mehr nach ihm umsah.

Evren hatte für einen kurzen Augenblick vergessen, dass er nicht allein hier war. Erst als der Rucksack des Prinzen an ihm vorbei fuhr, kam die Erinnerung schlagartig zurück und mit einem schlechten Gewissen griff er sich die Tasche und sah sich nach seinem Drachen um.

Der sah ihn aber lächelnd an, denn auch wenn es ihn gestört hatte, dass er auf einmal abgemeldet war, so war es doch schön gewesen, Evren so entspannt und gut gelaunt zu sehen. „Erzähl du mir noch mal, dass du nicht beachtet wirst. Das hab ich ja jetzt gesehen“, knurrte der Prinz leise, aber nicht böse. „Ich war in deiner Nähe und du hattest bestimmt genauso viele bewundernde Blicke wie ich.“

„Aber du standest nicht neben mir, du hast in der Ecke gesessen und warst grün im Gesicht“, sagte Evren gut gelaunt und er wusste selbst nicht, warum er Azhdahar mit der Hand über die Wange strich und sich eine der langen, schwarzen Strähnen griff. „Können wir weiter oder willst du noch etwas sitzen?“, fragte er und zog einen der Kofferkulis zu sich heran, damit sie die Taschen nicht tragen mussten.

„Wir können weiter. Ich bin darauf gespannt, wie du wohnst.“ Azhdahar grinste, denn die Mädels guckten enttäuscht und weil ihm gerade danach war, streckte er ihnen einfach die Zunge raus und zog Evren auf seinen Schoß. „Mir geht es besser, wenn ich dich bei mir habe“, erklärte er. Das stimmte zwar, aber deswegen hatte er Evren nicht an sich gezogen, sondern weil er den Frauen klar machen wollte, dass sie keine Chance hatten. Evren war sein Gefährte und daran würde sich auch nichts ändern - egal ob sie eines Tages getrennt werden konnten oder nicht.

„Na, dir scheint's ja schon wieder besser zu gehen.“ Evren wiegte den Kopf und erhob sich wieder. Ein paar Passanten schüttelten pikiert den Kopf und langsam reichte es Evren wirklich. Dass jeder dachte, er wäre schwul, obwohl er es nicht war, störte ihn weniger, als die Tatsache, wie man ihn ansah. Deswegen warf er einer älteren Dame mit Pudel ein: „Was denn, Lady? Neidisch?“, hinterher und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Er hatte Blut geleckt und war auf Krawall gebürstet.

Azhdahar half ihm, indem er ebenfalls aufstand und so grimmig wie möglich guckte, als die Frau sich umdrehte und losmeckern wollte. Er knurrte leise und das wirkte ziemlich bedrohlich, so dass die Pudeldame sich schnell wieder umdrehte und das Weite suchte.

„Fürchterlich“, brummte er und sah auch gleich noch einen älteren Mann grimmig an, der sie ungeniert beobachtete.

„Tja, daran wirst du dich gewöhnen müssen. Liaison unter Männern ist nicht gern gesehen. So wie Brigitte reagieren leider die wenigsten. Deswegen war es mir immer etwas unangenehm, wenn du mich als deinen Gefährten vorgestellt hast“, erklärte Evren leise und schob ihre Taschen durch die Halle, hoffte, dass der Drache ihm aus der Gefahrenzone folgte. Nicht dass doch noch etwas passierte, weil die Leute sich angegriffen fühlten.

„Also meinst du, es wäre besser, wenn ich dich nicht mehr in den Arm nehme und berühre, wenn wir nicht alleine sind? Wenn wir einfach so tun, als wenn wir nur gute Freunde wären?“ So wie sie gerade teilweise pikiert beobachtet wurden, war es wohl wirklich besser, auch wenn Azhdahar egal war, was Menschen von ihm dachten, aber Evren wirkte besorgt.

„Es ist ja nicht so, dass ich mich dafür schäme. Ich habe nur keine Lust, dass Leute, die es eigentlich nichts angeht, glauben, über mein Leben urteilen zu dürfen und mich für wertlos zu erachten, nur weil ich, in ihren Augen, nicht der Norm entspreche. Daheim kannst du mich antatschen und befummeln wo du willst, aber auf der Straße sollten wir das wohl lassen“, sagte er leise und holte tief Luft.

Überrascht blieb Azhdahar stehen und sah Evren an. Weil der aber nichts davon mitbekommen hatte, beeilte der Prinz sich, wieder hinterher zu kommen und versuchte zu erkennen, ob Evren wusste, was er gerade gesagt hatte. Er japste ein bisschen, weil ihm die Luft fehlte, aber er musste trotzdem fragen.

„Äh, Evren, du weißt, was du gerade gesagt hast?“, fragte er neugierig. „Ich darf dich antatschen und befummeln, wo ich will, wenn wir alleine sind? Was schließt das denn alles ein?“

Erst verstand Evren nicht, doch dann grinste er schief. Wo war denn der Freud'sche Versprecher hergekommen? „Alles oberhalb des Halses ist gestattet“, dämpfte er die Begeisterung des Drachen und warum guckte der ihn eigentlich so komisch dabei an? „Oder hast du an was anderes gedacht, hm?“, fragte er frech und nutzte es aus, mal wieder Oberwasser zu haben.

„Och, das ist fies, da hab ich ja nicht viel zu befummeln“, murrte der Prinz und grinste zurück. „Ich dachte an deine Füße. Da durfte ich bisher nicht dran und ich glaube, ich weiß warum, so kitzelig, wie du bist. Und Rückzieher werden jetzt nicht mehr gemacht. Gesagt ist gesagt. Ich darf überall fummeln.“

„Hey, du bist selber dran schuld. Du hast nachgefragt und nun weißt du, wo die Grenze ist. Alles darunter ist ein Tiefschlag und wird damit honoriert, dass du im“, Evren machte eine dramatische Pause, damit das Folgende besser wirkte, „Wirtschaftsraum mit den Murmeln spielen kannst!“ So, das war geklärt. Hier wurde an niemandes Füßen herumgekitzelt!

„Das ist fies. Erst solche Versprechungen machen und dann kneifen.“ Azhdahar grummelte, denn dieser Wirtschaftsraum behagte ihm nicht und er traute Evren zu, das durchzuziehen. Aber gleich konnte er sich diesen Raum ja angucken und wenn nötig abschließen und den Schlüssel wegschmeißen. „Da reden wir noch mal drüber und verhandeln neu.“

„Hier wird nichts neu verhandelt“, lachte Evren und schlug Azhdahar auf die Schulter. „Warum bist du eigentlich so scharf darauf, an mir rumzufummeln?“, fragte er den Drachen direkt, denn das ließ ihm irgendwie keine Ruhe. Nebenbei delegierte er den Prinzen durch das Gebäude des Flughafens Schönefeld und weiter zum Taxistand.

„Hey.“ Azhdahar rieb sich über die Schulter. „An dir ist ordentlich was zum Fummeln dran“, lachte er frech. Aber das war es nicht allein. Der Prinz sah Evren kurz prüfend an und wurde ernst. „Es ist angenehm, dich bei mir zu haben. Ich mag es, dich im Arm zu halten, dir durch die Haare zu streichen und…“, Azhdahar zuckte mit den Schultern. „Es beruhigt mich und dann muss ich auch keine Angst haben, dass dir etwas passiert. Ich habe das Gefühl, dich beschützen zu müssen und wenn du bei mir bist, dann bist du sicher.“

Kurz blitzte in Evren der Gedanke auf, dass man so was auch über ein gutes Haustier sagte, doch er sprach es nicht aus, weil er nicht wusste, ob er Azhdahar damit verletzte. „Is' klar, dann fummel. Aber nur in jugendfreien Bereichen, sonst haben wir hinterher beide ein Problem und eine ziemliche Sauerei“, hatte er gesagt, noch ehe er nachdenken konnte und beeilte sich, den Kofferkuli zu entsorgen, während er ein Taxi zu sich winkte. Der Drache sollte die roten Schatten auf seinen Wangen nicht sehen, die waren ihm peinlich.

„Okay“, meinte Azhdahar gedehnt und sah Evren forschend an. An so etwas hatte er gar nicht gedacht, aber wenn er schon einmal so eine Vorlage bekam, musste er sie auch nutzen. „Hast du keine Dusche? Dann ist die Sauerei doch ganz schnell beseitigt. Also, wenn du eine Dusche hast, darf ich dann auch in die nicht jugendfreien Zonen?“, stichelte er weiter, weil es gerade so schön Spaß machte.

Rot im Gesicht sah sich Evren zu dem Drachen um. „Ich steck dich in den Wirtschaftsraum und der hat keine Dusche. Du wirst da nie wieder rauskommen und ich werde dir nur Essen unter der Tür durchschieben - glaube nicht, dass du auch nur noch einen Fuß jemals in mein Bett setzen wirst.“ Evren merkte selber, dass er sich wohl offensichtlich ins Aus katapultiert hatte und zischte, weil der Taxi-Fahrer gerade ausstieg. Wehe Azhdahar sagte noch etwas in der Richtung!

Aber der Drache war lernfähig und hielt die Klappe, weil sie ja nicht mehr allein waren und zog Evren auch nicht zum Knuddeln an sich, wie er es gerne gemacht hätte. „Ich werde mich benehmen“, sagte er darum nur und nickte dem Taxifahrer zu. Dass er so zahm war, lag wohl auch daran, dass sie wieder Auto fuhren, denn das machte dem Prinzen Spaß und er freute sich drauf.

Mittlerweile hatte er sich auch damit abgefunden, dass diese Dinger nicht vom Boden abhoben, aber die Städte der Menschen waren so anders, dass es auch hier unten genug zu sehen gab. Schon allein diese riesige Halle. Sie war nicht aus dem Fels geschlagen. Sie hatte kaum Säulen. Es war faszinierend, dass das Gebäude nicht einstürzte. Oder die Unmengen von Autos, die dort vor dem Gebäude herum standen. Ob jeder Mensch so was besaß?

„Fehrbelliner Straße“, orderte Evren, ehe er sich hinten neben Azhdahar setzte, damit er ihm das eine oder andere erklären konnte.

„Autos sind beliebt oder?“, fragte Azhdahar auch gleich. „Das möchte ich auch einmal probieren. Die sind so anders, als unsere Flieger“, flüsterte er, denn er wollte nicht, dass der Fahrer sie hörte. Normalerweise würde der Prinz schon wieder am Fenster hängen und alles neugierig betrachten, aber die kurze Strecke, die sie gelaufen waren, hatte ihn ziemlich angestrengt und so saß er einfach nur ruhig und versuchte wieder zu Atem zu kommen.

„Dafür musst du eine Prüfung machen, ehe du damit fahren darfst“, erklärte Evren und versuchte sich gerade vorzustellen, wie der Drachen wie ein wilder Irrer durch die Gassen heizte. „Es gibt einfach zu viele Menschen, die sich auf engstem Raum arrangieren müssen. Da sind eine Menge Regeln nötig.“ Evren versuchte sich vorzustellen, wie leer die Straßen wären, wenn die Menschen die Transportertechnik der Drachen verwenden würden. Ob es dann überhaupt noch Straßen gäbe?

„Schade.“ Ein wenig enttäuscht war Azhdahar schon, aber er musste sich damit wohl abfinden. Nun lehnte er sich doch ans Fenster und blickte raus. So etwas wie eine Großstadt hatte er noch nie gesehen und es war wirklich beeindruckend. „In all diesen Häusern wohnen Menschen?“, fragte er ungläubig. Das mussten ja unwahrscheinlich viele sein. Also eins wusste er ganz genau, für ihn war das hier kein Ort, wo er leben wollte.

„Na ja, wenn du ein paar Millionen Leuten ein Zuhause geben willst, dann musst du in die Höhe bauen. Berlin ist noch eine ziemlich flache Stadt. New York oder Tokio sehen da schon ganz anders aus. Aber da kommen wir vorerst nicht hin“, erklärte er und beobachtete Azhdahar wieder, allerdings nur so lange, bis er merkte, dass der Fahrer ihn im Rückspiegel beobachtete. Evren ärgerte sich darüber, doch er wandte sich ab.

„So viele?“ Azhdahar versuchte sich so viele Menschen vorzustellen. Auf ganz Gidoria gab es nicht so viele von ihnen und Drachen noch weniger. Er sah sich weiter um und schreckte auf, als ein Auto neben ihnen hupte und der Taxifahrer auf die Bremse trat. Erschrocken sah er sich um und ohne, dass er es wirklich merkte, zog er Evren schützend an sich und knurrte warnend.

„Alles okay.“ Evren hatte in die alte Sprache der Drachen gewechselt. Es reichte ihm, dass der Fahrer sie beobachtete, da musste er nicht noch alles hören. „Das ist normal. Der Typ da vorn weiß schon, was er tut. Autos sind ziemlich sicher.“ Seine Hand griff die des Prinzen und er spürte in sich selbst, wie schnell dessen Puls ging, wie aufgeregt er war. Das konnte der gequälten Lunge doch unmöglich gut tun. „Beruhige dich also wieder.“

Es dauerte ein paar Augenblicke, bis der Prinz seine Umklammerung löste, aber er war immer noch wachsam und versuchte, alles um sie herum im Blick zu behalten. Sein Herz schlug immer noch zu schnell. Und ob er wollte oder nicht, er musste Evren glauben, denn sein Körper machte nicht mit. Schwer atmend lehnte Azhdahar sich an die Rücklehne und schloss die Augen. Dabei ruhte Evrens besorgter Blick auf ihm.

Wenn sie doch nur schon in seiner Wohnung wären. Dabei hatten sie noch ein ganzes Stück Weg quer durch die Stadt vor sich. „Entspann dich, das wird dir gut tun“, sagte Evren leise und strich Azhdahar über den Schenkel. Vielleicht half das ja.

„Ich hasse das. Hoffentlich geht es schnell weg.“ Hilflos und angreifbar zu sein behagte dem Drachen überhaupt nicht. Er war trainiert, immer kampfbereit und wachsam zu sein, aber selbst die Hand zu heben, fiel ihm gerade schwer. Seit sie in Berlin waren, verschlechterte sich sein Zustand ständig, anstatt besser zu werden. Er legte seine Hand über Evrens und drückte sie leicht, damit der sich nicht zu viele Sorgen machte.

„Sobald wir da sind, wird als erstes Arlan kontaktiert. Der soll irgendwas machen, sonst sehe ich mich gezwungen, ihn durch die Leitung zu zerren“, knurrte Evren, denn langsam wurde ihm Angst und Bange. Er spürte die Panik in Azhdahar, er spürte die Hilflosigkeit und konnte selbst nichts tun. Er konnte nur hoffen, dass der Fahrer alle Schleichwege kannte und sie nicht in einen Stau gerieten.

„Lass den armen Kerl leben, er kann nichts dafür, dass meine Vorfahren kaum Aufzeichnungen über die Erde gemacht haben. Er ist ein guter Mann. Außerdem konnte er nicht ahnen, dass ihr eure Luft vergiftet.“ Azhdahar versuchte regelmäßig zu atmen und seinen Herzschlag wieder zu drosseln. Auch wenn er Evren versprochen hatte, sich zurück zu halten, wenn sie nicht alleine waren, zog er ihn nah an sich und legte die Arme um ihn, denn so beruhigte er sich am schnellsten. Durch die Gurte war das für Evren zwar etwas eng, doch er sagte nichts, er nickte nur. Es stimmte schon, es war nicht Arlans Schuld. Aber es auf jemanden schieben zu können, war immer noch leichter, als einfach zu akzeptieren, dass man hilflos war.

So verging die restliche Fahrt eher schweigend und Evren betete ständig dafür, dass jede Ampel grün war und alle Straßen frei. Aber zumindest konnte er spüren, wie Azhdahars Herzschlag sich wieder beruhigte, auch wenn die Atmung weiterhin noch sehr angestrengt ging.

„Wird schon wieder“, murmelte er zwischendurch und strich Evren über die Seite. „Ich bin zäh und habe nicht vor zu sterben, bevor ich ein vollwertiger Drache bin und einmal mit dir zu den Wasserfällen zum Baden geflogen bin.“

„In deinem weißen Nachthemd, versteht sich“, grinste Evren und seine Augen leuchteten, als endlich der Wohnkomplex in Sicht kam. „Wir sind da“, freute er sich und sah sich schon ein bisschen suchend um. Er rechnete zwar nicht damit, dass Streuner auf ihn wartete, doch man wusste ja nie, wo der kleine, getigerte Kater sich herum trieb.

„Du kannst es echt nicht lassen.“ Azhdahar ließ Evren los und richtete sich selbst auch ein wenig auf, damit er etwas sehen konnte. Hier gefiel es ihm schon besser, denn es gab Grün. Ein paar Bäume und Gras und auch ein paar Vögel waren zu sehen. Allerdings war die Architektur für ihn sehr ungewohnt, denn dass ein Haus praktisch aus Glas bestand, kannte er gar nicht. „Hier wohnst du? Fühlst du dich da nicht beobachtet? Es soll nicht heißen, dass es mir nicht gefällt, aber so etwas kenn ich nicht.“

„Ach, man kann doch Jalousien schließen, wenn man nicht gesehen werden möchte. Und in deinem Wirtschaftsraum musst du dir auch gar keine Gedanken darüber machen, der hat nämlich erst gar keine Fenster.“ Evren wackelte frech mit den Brauen, während er den Fahrer bezahlte. Schnell waren die Taschen aus dem Kofferraum geholt, der Drache aus dem Wagen gezerrt und da standen sie nun.

Azhdahar verdrehte nur die Augen, denn er war damit beschäftigt, stehen zu bleiben, ohne zu schwanken. Eigentlich war er sehr neugierig auf Evrens Zuhause gewesen, aber jetzt gerade hatte er keinen Blick dafür, was ihm Leid tat. Aber er nahm sich vor, das nachzuholen, wenn es ihm besser ging. Langsam folgte er Evren den Weg entlang und hoffte, dass es nicht mehr weit war, denn ihm wurde wieder schwindelig.

„So, da wären wir auch schon.“ Evren legte seinen Daumen auf einen kleinen Scanner an der Tür, der ihm den Weg in den Flur frei gab. Er trug beide Rucksäcke, weil Azhdahar schon mit sich allein genügend zu tun hatte. Nach ein paar Schritten standen sie vor einer Tür, durch die Evren eine Karte zog und wieder seinen Daumen auf den Scanner legte und schon öffnete sich die Tür zu der dreietagigen, mit Hightech voll gestopften, Designer-Wohnung. Doch Evren hatte darauf bestanden, dass die Technik da war, man sie aber kaum sah - sozusagen eine intelligente Wohnung. Vom allwissenden Kühlschrank und Internet im Bad bis hin zu einem Wecker, der sich an Evrens Biorhythmus orientierte und ihn dann weckte, wenn es für den Körper am günstigsten war.

Jeden Schnickschnack, den es gab, hatte Evren sich besorgt.

„Praktisch, deinen Schlüssel hast du immer bei dir.“ Azhdahar sah sich um und auch wenn es unhöflich war, ließ er sich auf den nächstbesten Stuhl fallen, weil er wieder schwankte. „Tut mir Leid, ich konnte nicht mehr stehen“, erklärte er und stellte fest, dass es ihm nichts ausmachte, dass Evren ihn so sah. Aber das lag wohl daran, dass der sowieso wusste, wie er sich fühlte. „Schön hier“, sagte er noch nach einem kurzen Rundblick und das war nicht gelogen.

„Leg dich am besten erst mal dort auf die Couch und mach die Augen zu. Ich bringe dir noch etwas von dem Wasser und kontaktiere Arlan. Versuch ein bisschen zu schlafen.“ Auch wenn es nicht Evrens Art war, so kippte er jetzt einfach den Inhalt der Rucksäcke auf den riesigen Esstisch aus Holz, der vor der geschwungenen Glasfront im Wohnzimmer stand, von der aus man einen herrlichen Blick auf die Terrasse hatte. Manchmal lag Streuner dort in der Sonne, doch heute war er nicht da.

Aber er hatte ja sein elektronisches Halsband, was ihm die Balkontür öffnete, damit der kleine Kerl an Futter, Schlafbaum und Katzenklo kam, wenn er nicht draußen gehen wollte. Selbst das hatte Evren aufgemotzt, damit es sich so gut wie selbst reinigte, wenn er selbst nicht da war.

„Hmm.“ Azhdahar nickte und stand schwerfällig auf. Ruhe konnte wohl wirklich nicht schaden. „Danke“, sagte er noch und dann machte er sich auch schon lang, nachdem er die Stiefel von den Füßen gestreift hatte. Diese Couch war eigentlich ganz bequem, wenn auch nicht wie ein Bett. Aber sie hatte eine breite Sitzfläche, so musste er keine Sorgen haben, dass er runter fiel, wenn er sich drehte.

Evren eilte ihm noch einmal hinterher und baute die Kommunikationsstation gleich neben der Couch auf, damit Azhdahar auch mit Arlan reden konnte, während er eine Decke über den Drachen warf. „Hier, dein Wasser!“ Er reichte noch eine Flasche weiter, die Azhdahar auf den kleinen Couchtisch stellen konnte. „Wenn du Hunger hast, musst du es sagen.“

„Mach ich.“ Azhdahar setzte sich noch einmal auf und trank durstig, dann knubbelte er sich eins der Couchkissen zu Recht, damit er bequem liegen konnte und wickelte sich in die Decke. Ihm war kalt, was nicht nur an seinem Zustand lag. Er war tropische Temperaturen gewohnt und die herrschten hier ganz und gar nicht. Er sah Evren zu, wie er den Transporter aufbaute, aber er bekam schon nicht mehr mit, wie Evren den Kommunikator einschaltete und nach Arlan rief.

Es dauerte keine zwei Sekunden, da stand die Verbindung gerade so, als hätte der junge Drache geradezu gelauert. „Hör mal, Arlan“, fing Evren gleich an, während er die vollen Speicherchips auf den Transporter legte und einen Wunschzettel mit Essen. „Das Drachi geht mir gerade ein. Die dreckige Luft macht ihn völlig fertig. Habt ihr nicht etwas, was ihm helfen kann? Und schickt Essen für ihn. Er soll erst mal anfangen, Dinge zu sich zu nehmen, die er kennt. Wasser bräuchten wir auch wieder“, fing er gleich an zu reden. Er war aufgeregt.

„Langsam, langsam.“ Arlan wirkte alarmiert, als er merkte, wie aufgewühlt Evren war. „Wie geht es ihm? Ist es schlimmer als das letzte Mal oder anders? Welche Symptome hat er?“ Arlan tippte, während er sprach, auf einer Schalttafel herum. „Ich werde euch erst mal Filter für die Nase schicken. Ich weiß nicht, ob sie wirken, aber was anderes haben wir auf die Schnelle nicht. Sie sind gleich da.“

„Ja, mach das - aber er schläft gerade. Er war völlig entkräftet, kann kaum atmen. Sein Herz schlägt manchmal viel zu schnell. Ich mach mir wirklich Sorgen.“ Und das war nicht nur so, weil sein Leben an das des Prinzen gekoppelt war. Er war in den wenigen Tagen wie ein Freund geworden. So jemanden gab man nicht einfach auf.

„Auf den beiden Chips sind Dinge, die wir unterwegs gesehen haben - kannst ja mal gucken und fragen. Kein Problem.“

„Ich hoffe, dass die Anpassung an die Luft schnell geht. Wir Drachen sind zwar sehr robust, aber nicht unsterblich.“ Arlan war wirklich besorgt. „Ich werde einen anderen Wissenschaftler kontaktieren. Er ist schon sehr alt und hat große, medizinische Erfahrung, vielleicht weiß er etwas, was hilft, auch wenn Medikamente für Menschen uns nicht unbedingt helfen. Aber im Moment ist Azhdahar mehr ein Mensch, als ein Drache.“

„Wenn ich wüsste, dass es ihm hilft, könnte ich ja was aus der Apotheke holen. Aber ich habe keinen Schimmer von eurer Physiognomie. Also macht euch schlau und schickt ihm was.“ Evren hatte gerade die Speicherchips verschwinden sehen, da lag auch schon eine große Tüte mit frittierten Käsebällchen auf der Plattform. Dazu getrocknetes Fleisch und eine Schüssel von gebratenem Fleisch.

Evren verzog das Gesicht, war kurz versucht es vor die Tür zu bringen doch er überwand sich - es war ja für einen guten Zweck und nur ausnahmsweise. Kaum hatte er die Sachen runter genommen, erschienen die Wasserflaschen. Schnell brachte Evren alles in den Kühlschrank.

„Ist lieb gemeint, dass du ihm was von euch geben willst, aber besser nicht. Die Medikamente von hier schaden ihm wenigstens nicht, wenn sie auch nicht helfen sollten.“ Arlan konnte sehen, dass Evren lief, aber leider konnte er nichts erkennen. „Die Filter kommen gleich. Ich schicke euch mehrere Paar. Wie lange sie bei euch halten, kann ich nicht sagen, aber wir wechseln sie alle drei Stunden. Es kommt auf die Verschmutzung an. Lass ihn ruhig weiter schlafen, du brauchst sie ihm nur in die Nasenlöcher zu stecken. Davon wird er nicht wach werden.“

„Na hoffentlich“, rief Evren. Nicht dass der Drache wach war und im Reflex dem Menschen an den Hals ging, das konnte unschön enden. Schnell war alles verstaut und Evren wieder im Wohnzimmer. Da lagen auch schon die Filter auf der Plattform. Zumindest ging er davon aus, dass es Filter waren. Kleine, neckische Kapseln. Evren nahm zwei an sich und ging zu Azhdahar. Konzentriert schob er sie langsam rein - hoffentlich erstickte der Drache jetzt nicht völlig. Angespannt starrte er nun auf den Prinzen, während er mit Arlan weiter sprach.

„Wie ist seine Atmung? Geht sie schon leichter? Ich schick noch Filter. Die kannst du auch nutzen, wenn du irgendwo bist, wo es sehr staubig ist oder wenn wenig Sauerstoff da ist. Sie filtern nicht nur, sondern reichern die Atemluft auch mit Sauerstoff an.“

Azhdahar hatte nichts mitbekommen, aber er seufzte leise und kuschelte sich tiefer in die Decke. Sein Schlaf wurde ruhiger, weil die Filter zu wirken schienen und auch sein Atem ging ruhiger und tiefer.

„Er sieht jetzt aus wie ein zufriedenes Kind nach einer Gute-Nacht-Geschichte mit Happy End. Soll das so sein?“ Grinsend kam Evren wieder zu dem Kommunikator und wirkte sichtlich erleichtert. „Soll er pennen, schick noch was - ich muss erst mal hoch ins Arbeitszimmer und mich zurück melden, bei meinem Chef.“ Da Arlan nicht den Eindruck hinterlassen hatte, dass noch etwas Weltbewegendes geklärt werden musste, erhob sich Evren.

„Ja, das ist durchaus als gut zu werten“, lachte Arlan. Er atmete auf und nickte. „Ja, ich geh zu Rogar und frage nach den Medikamenten. Nimm den Kommunikator mit, ich melde mich, wenn ich Näheres weiß.“ Damit trennte er die Verbindung und machte sich gleich auf den Weg.

Azhdahar atmete immer leichter und sein Schlaf wurde tiefer, so hatte sein Körper Gelegenheit, sich zu regenerieren und sich anzupassen. Einen kurzen Augenblick hatte Evren noch ein Auge auf ihn, doch dann machte er, dass er eine Etage höher kam - in sein Arbeitszimmer, wo er die nächste halbe Stunde damit zubrachte, seinen Leuten im Institut zu erklären, warum er hier war, wer Azhdahar war, warum es dringend war und dass er in spätestens einer Woche wieder runter fliegen würde. Außerdem redete er sich damit heraus, dass er Aufzeichnungen brauchte und Transkriptionsliteratur, die er vor Ort in Mexiko nicht hatte finden können.


24


Azhdahar schlief tief und fest, fester als normalerweise, weil der Körper die Erholung brauchte. So wurde er nicht wach, als sich ein kleiner Spalt in der Fensterfront auftat und etwas ins Zimmer huschte. Es war ein junger, getigerter Kater, von dem man meinen könnte, er wäre einer Whiskas Werbung entsprungen, der sich gerade im leeren Wohnzimmer umsah und schnupperte. Irgendetwas war anders, als die letzten Tage. Er konnte Evren riechen, aber auch etwas, was ihm die Haare hoch gehen ließ. Etwas Fremdes war im Raum und es roch nach Gefahr. Irritiert sprang Streuner auf die Couch und fauchte aufgebracht, als der fremde Geruch ihn umgab und fuhr seine Krallen aus.

Erschrocken fuhr Azhdahar hoch, als er den Schmerz spürte und versuchte den Angreifer zu packen, dabei brüllte er laut und sprang auf die Füße. Das ließ den Kater erst einmal den Rückzug antreten und weil er in seiner Panik nicht wusste wohin, krallte er sich in die Tapete hinter der Couch und kroch daran bis an die Decke. Sein Schwanz glich einer Flaschenbürste und er fauchte aufgebracht. Was war das für ein Ding?

Von Azhdahars Schrei alarmiert, hastete Evren ins Wohnzimmer und wäre fast noch über den umgefallenen Bürostuhl gestolpert. Doch als er im Wohnzimmer stand, wusste er für einen Augenblick nicht, was er sagen sollte. Streuner hing kurz unter der Decke und fauchte wie ein großer Tiger und Azhdahar stand auf der Couch und fauchte zurück.

„Musst du den Kleinen gleich ärgern? Der tut doch keinem was!“, knurrte Evren, als er näher kam, um Streuner endlich zu begrüßen. Er hatte den kleinen Kerl nämlich schon vermisst.

„Weiß er das auch?“, knurrte Azhdahar zurück. „Also ich bin nicht auf ihn drauf gesprungen, hab ihm meine Krallen in die Brust geschlagen und ihn angefaucht.“ Noch immer sah der Drache dieses kleine Tier misstrauisch an. Also was Evren an dieser Kratzbürste fand, konnte er nicht verstehen.

„Na, das wäre auch noch schöner, wenn so ein Brocken wie du auf eine kleine Katze springen würde. Außerdem ist das sein Revier, er verteidigt das nur wie jedes gute Haustier“, knurrte Evren und stieg neben Azhdahar auf die Couch, um Streuner von der Decke zu locken. Er hatte Sorge, dass der Kurze sich verletzte, wenn die Tapete unter den scharfen Krallen plötzlich nachgab. „Komm her, Süßer!“, sagte er leise und streckte eine Hand nach dem Kater aus, der immer noch mit gesträubtem Fell an der Wand klebte wie eine Fliege.

Es dauerte ein wenig, bis das gesträubte Fell sich wieder glättete und der kleine Kater sich etwas tiefer hangelte, damit er Evren in die Arme springen konnte. Sicher gehalten, fauchte er noch einmal kräftig in Azhdahars Richtung, der seiner Meinung nach viel zu nah war.

„Wenn bei dem so etwas normal ist, dann werden wir keine Freunde, denn ich mag es nicht, wenn man mich angreift.“

„Azi, komm wieder runter. Er ist eben ein Tier, was sein Revier verteidigt. Wenn jemand ungefragt in dein Zimmer kommt, reißt du ihm auch den Kopf ab. Gib dem Kleinen die gleiche Chance. Ich habe dir doch gesagt, Streuner ist ziemlich eigen.“ Evren drückte den kleinen Kater an sich und strich ihm durch das Fell. Er sollte den Kater mal wieder bürsten, denn er hatte Gras und Kletten im Fell. So kam der ihm aber nicht ins Bett.

Azhdahar brummte nicht überzeugt und warf Streuner noch einen bösen Blick zu, der sich sofort wieder berufen fühlte, auf sein Hausrecht zu pochen und den Eindringling verscheuchen zu wollen. Diesmal fauchte er nicht nur, gestärkt durch Evrens Anwesenheit schlug er mit den Krallen nach dem Drachen und zog Fäden im Hemd.

„Hey, Kurzer!“, ging Evren dazwischen und hielt die kleinen Pfoten fest. „Der ist der Neue und wohnt ab heute im Wirtschaftsraum. Also, lass ihn bitte in Ruhe, ja?“, flüsterte er dem kleinen Kater zu, aber Streuner war ein Kämpfer und er war Egoist - das war sein Revier. Evren war gerade so geduldet, weil er Futterdosen aufmachen konnte und herrlich zu kraulen verstand. Alle anderen waren nicht von Nöten - der komische Typ, der nach Ärger roch, am allerwenigsten. Er fauchte also weiter, bis dieser merkwürdige Typ von der Couch stieg.

Erst jetzt merkte Azhdahar, dass es ihm etwas besser ging und er besser Luft bekam. „Arlan hat die Filter geschickt. Sie wirken gut“, sagte er zu Evren und setzte sich wieder. Noch war er nicht wieder der Alte, aber so war es um vieles besser. „Sag deinem Haustier, dass ich nicht im Wirtschaftsraum schlafen werde und wenn er mich noch einmal kratzt, kommt er da rein.“

„Hey!“ Evren raffte den kleinen Kämpfer an sich und grinste. „Er ist zu clever, um sich einsperren zu lassen. Couch und Bett sind sein Refugium und er entscheidet, wer sich dort aufhalten darf“, klärte er seinen Drachen auf. „Der Kurze hat schon einige meiner One-Nights in die Flucht geschlagen – tapferer, kleiner Kater“, lachte er und ließ Streuner auf den Boden, der aber immer noch fauchend vor der Couch sitzen blieb. Was bildete der Fremde sich ein, in seinem Revier herum zu lungern?

„Ich lass mich nicht verscheuchen und du solltest ihm sagen, dass ich mir von kleinen Fellknäueln nichts vorschreiben lasse.“ Azhdahar stupste Streuner leicht mit einem Fuß an und knurrte warnend, als gleich wieder die Pfote mit ausgefahrenen Krallen gehoben wurde. „Er sollte sich schnellstens damit abfinden, dass ich hier bin und auch bleiben werde.“

„Ich glaube, er ist sich da noch nicht so sicher, ob du bleiben wirst, wie du“, lachte Evren leise und schüttelte den Kopf. Ihm war klar gewesen, dass Streuner einen Fremden nur schwer duldete, aber dass er so intensiv auf den Drachen reagierte, überraschte ihn selber. Doch das sagte er lieber nicht. Lieber kniete er sich neben den Kater und strich ihm über das Fell. „Komm, Kurzer, wir gehen was futtern und lassen das Drachi alleine, der ist nämlich krank und braucht Ruhe. Kannst ja so lange in mein Bett, hm?“

„Na toll. Dann geht das ja später wieder los, weil das Bett ja auch ihm gehört“, knurrte Azhdahar. Er mochte krank und angeschlagen sein, aber dass hieß nicht, dass er zahm war. Es verstärkte seine Gereiztheit sogar noch, weil er es nicht gewohnt war, krank zu sein und ihm das gar nicht gefiel. Er konnte sich denken, wie das nachher ablief. So wie Evren an diesem Streuner hing und ihn verhätschelte, war jetzt schon klar, wer nicht im Bett schlafen würde und das war bestimmt nicht dieser Kater.

„Azi, jetzt mach aber mal 'n Punkt. Das ist eben sein Revier. Und da ich bis vor ein paar Tagen noch Single war, hatte ich kein Problem damit, dass er die andere Seite vom Bett okkupiert. Außerdem schnurrt er sehr schön und das beruhigt ungemein. Also lass ihn in Ruhe, ich richte dir dann eben eines der Gästezimmer her, wenn es gar nicht gehen sollte.“ Doch so weit wollte Evren noch nicht gehen. Sie würden schon einen Weg finden, dass alle zufrieden waren.

Zumindest glaubte er das, der kleine Stubentiger nämlich glaubte das ganz bestimmt nicht. Sein Blutdruck würde erst wieder normal sein, wenn der Fremde weg war. Also fauchte er weiter und knurrte nun bedrohlich, hüpfte seitlich auf den Drachen zu. Der verstand wohl keine akustischen Warnungen, aber wusste, wie er sie zurückgeben konnte. Unbeeindruckt sah Azhdahar auf Streuner und fauchte einfach sehr bedrohlich, als der Kater mit der Pfote nach ihm schlug, so dass der erschrocken inne hielt und zwei Schritte zurück wich.

„Dann sollte ich auch gleich ins Gästezimmer gehen, denn Ruhe geben wird der nicht.“ Der Prinz fixierte Streuner, der sich zu Evren geflüchtet hatte. „Aber das werde ich nicht tun, denn so einem Winzling werde ich mich nicht beugen und eins solltest du wissen. Ich beiße zurück.“

„Du wirst meine kleine Katze nicht beißen“, knurrte Evren gutmütig. Er musste sich um Streuner keine Sorgen machen, der kam schon zurecht. „Beschnuppert euch, lernt euch kennen. Ich jedenfalls habe Hunger und bin mal drüben in der Küche.“ Mit einer Hand deutete er auf die offene Küchenzeile, die sich ans Wohnzimmer anschloss. Wenn Streuner den elektrischen Dosenöffner hörte, kam er meistens.

„Dann soll sie mich in Ruhe lassen. Tut sie mir nichts, tu ich ihr nichts.“ Azhdahar legte sich wieder hin, denn trotz der Filter fühlte er sich noch ein wenig schwindelig und kalt war ihm auch. Darum zog er wieder die Decke über sich und drehte sich mit dem Gesicht zur Lehne. So konnte dieser kleine Querulant ihm wenigstens nicht ins Gesicht springen.

Doch der Drache war sowieso egal, weil Streuner den Motor vom Öffner gehört hatte und mit einem Satz auf der Theke, die Küche und Wohnraum trennte, landete. Er schlich um die Dose mit seinem Futter und rieb sich immer wieder an Evren. Der lachte leise. „Mensch, Dicker. Wenn du das Drachi weiter so ärgerst, zieht der dir noch das Fell über deinen süßen Ohren.“ Doch er konnte sich einfach nicht dazu durchringen, wirklich mit Streuner zu schimpfen - dafür liebte er das Fellknäuel fiel zu sehr. Lieber streichelte er ihn, während der Kater zufrieden fraß.

Azhdahar von seiner Couch brummte zustimmend und ließ Evren wieder die Augen verdrehen. So wie es aussah, wollte keiner nachgeben. Er sollte wohl wirklich ein Auge auf die beiden haben. Nicht dass er irgendwann nach Hause kam und die ganze Wohnung lag in Trümmern, weil die beiden Streithähne sich gebalgt hatten, ohne Rücksicht auf Verluste. Und dabei wusste Evren noch nicht, wer der Vernünftigere von beiden war und auf wen er besser einwirken konnte.

Streuner schnurrte sogar ein bisschen und ließ es zu, dass Evren ihm das Gröbste aus dem Fell sammelte, dann musste er sich selbst nachher nicht so lange putzen. Auch sehr gut, denn so hatte er viel mehr Zeit, den Eindringling zu belagern, bis er endlich ging.

„Kann ich wieder ins Büro gehen oder bringt ihr euch hier unten um?“, wollte er von Azhdahar wissen, Streuner konnte ihm ja schlecht antworten.

„Wenn er keinen Streit anfängt.“ Azhdahar richtete sich ein wenig auf und sah zu Evren rüber. „Er kann knurren und fauchen so viel er will, aber greift er mich wieder an, jage ich ihn, bis ich ihn erwischt habe und dann kommt er in diesen Wirtschaftsraum, ohne Murmeln zum Spielen.“ Azhdahar grinste, denn das hatte er nicht ernst gemeint. „Wenn du sicher gehen willst, nimm ihn mit hoch.“

„Na gut. Wenn du den Kleinen einfach so aus seinem Reich verstößt!“ Evren machte eine leidende Mine, doch eigentlich war er gar nicht böse drüber, Streuner weiter bei sich zu haben. „Komm, Süßer, wir gehen ins Bett. Ich nehme den Laptop mit, dann kann ich da arbeiten und dich kraulen. Wie wäre das, hm? Wir haben uns ja so lange nicht gesehen.“ Er schmuste seine Wange an das weiche Fell des Katers, der es über sich ergehen ließ, dabei aber Azhdahar im Auge hatte.

„Da wird dein Süßer wohl nicht mitmachen. Er ist ein gutes Raubtier und behält den Feind im Auge.“ Zur Verdeutlichung bewegte der Drache sich auf der Couch und Streuner ließ ihn nicht aus dem Blick, grollte sogar leise, weil Azhdahar sich auf seiner Couch breit machte. Noch blieb er bei Evren sitzen, aber seine ganze Haltung wurde angespannt, immer bereit loszusprinten und anzugreifen.

„Dann machen wir es anders herum - ich lasse Streuner hier und nehme dich mit ins... Ach, das geht auch nicht. Das Bett ist ja auch sein Revier“, lachte Evren und schüttelte den Kopf. Hier hatte er sich aber was eingefangen. Warum reagierte der Kleine nur so heftig auf Azhdahar? Auf seine Ex-Freundinnen hatte Streuner nie so reagiert. Er hatte sie angefaucht und angeknurrt und dann war Ruhe gewesen. Er hatte seinen Standpunkt vertreten und gut. Aber in Azhdahar steigerte er sich richtig rein. Ob er roch, dass der Prinz kein Mensch war? Nachdenklich sah Evren den kleinen, gespannten Körper an.

„Tja, heute Nacht kann er seine Couch wiederhaben, denn ich werde bestimmt nicht hier schlafen. So bequem ist sie auch wieder nicht.“ Irgendwie war dieses Tier ja ganz niedlich, so flauschig, wie das Fell aussah, aber die Zähne und Krallen hielten den Prinzen davon ab, ihn sich einfach zu greifen. Die Verletzungen, die er davontragen würde, waren ihm egal, aber Evren bestimmt nicht. Azhdahar machte sich einen Spaß daraus, Streuner zu ärgern. Er rutschte hin und her und der Kater folgte ihm knurrend und fauchend auf der Anrichte. Ständig zuckte der kleine Körper und Evren sah sich das eine Weile an.

„Sag mal, Azi“, sagte er und versuchte dabei Streuner mit seinen Händen zu besänftigen. Doch der ließ den Prinzen nicht aus den Augen, der ständig Anstalten machte, sich zu erheben und in Streuners Reich herumzulaufen. Der kleine Kater brummte und knurrte aufgebracht über so viel Dreistigkeit. „Machst du das absichtlich?“ Evren hob eine Braue, denn langsam kannte er den Prinzen.

„Wie kommst du denn darauf?“ Azhdahar grinste und blieb ruhig sitzen, damit Evren sich Streuner greifen konnte, auch wenn der Kleine davon nicht begeistert war. „Was machen wir? Auf die Dauer ist es ziemlich nervig, wenn er mich ständig fixiert und den Boss raushängen lässt. Mir machen ein paar Kratzer nichts aus, wenn es ihm dann besser geht, aber deine Verletzungen heilen nicht so schnell.“

„Ich glaube, es führt kein Weg daran vorbei, dass ihr euch irgendwann anfreundet. Ich weiß nur nicht, was Streuner dazu sagt, hm? Süßer?“ Er streichelte sein kleines Haustier und lachte. Dass es mal jemanden geben würde, der dem Drachenprinzen die Stirn bot und das auch noch so vehement, hätte der wohl selber nicht gedacht. „Irgendwie wird’s schon werden, wenn wir uns in Ecken zurück ziehen, die er uns großzügig überlässt“, lachte er und setzte sich mit Streuner in den Sessel, der der Couch gegenüber stand. Irgendwie mussten die beiden einen Weg finden, denn eigentlich wollte Evren auf Azhdahar neben sich im Bett nicht verzichten.

„Er wird nicht begeistert sein, weil er mich hier nicht haben will. Wenn es gar nicht anders geht, werde ich ihm zeigen müssen, dass ich niemand bin, mit dem er sich anlegen sollte. Ich will ihm nichts tun, aber er muss einsehen, dass ich über ihm stehe.“ Azhdahar wusste, dass das nicht leicht werden würde. Probeweise streckte er eine Hand nach Streuner aus, der gleich wieder fauchte und nach der Hand schlug.

„Ich glaube, er ist da völlig anderer Meinung. Für ihn stehst du wohl nicht über ihm“, lachte Evren und schüttelte den Kopf. Für ihn war das amüsant. Für Azhdahar wohl weniger. „Komm, Streuner, lass ihn doch endlich in Ruhe. Er wird dir nichts tun und nichts wegnehmen und jetzt konzentrier dich mal wieder auf mich und nicht nur auf das Drachi. Schließlich bin ich der, der deine Dosen öffnet.“

Eigentlich müsste er oben noch etwas am Computer machen, aber er konnte Drachi und Miezi schlecht allein lassen - sonst flogen Fellbüschel und Schuppen.

„Vielleicht sollte ich anfangen, ihm sein Futter zu geben. Könnte helfen. Zumindest die Tiere bei uns kann man gut über das Futter lenken. Hier wird es nicht anders sein.“ Azhdahar ignorierte das Knurren und strich Streuner mit einem Finger über den Kopf. „Das ist ja weich“, murmelte er erstaunt und passte kurz nicht auf, so dass der Kater ihn am Finger erwischte, aber nicht sehr schlimm, so dass er es ignorierte. „So weiches Fell habe ich noch nie angefasst. Manche unserer Tiere haben zwar auch Fell, aber nicht so weich.“

„Sag ich doch, die kleine Plüschkugel ist knuddelig und weich. So was hab ich gern im Bett.“ Gleich streichelte er Streuner wieder. „Aber das mit dem Futter sollten wir ab morgen mal versuchen. Nur weiß ich nicht, ob er es von dir nimmt oder lieber außer Haus fressen geht.“ Etwas besorgt war Evren schon, dass sein kleiner Liebling dann einfach fern blieb. Und eine Lösung für die Nacht hatten sie immer noch nicht.

„Ja, das kann ich verstehen.“ Azhdahar fuhr Streuner einmal schnell über die Seite, denn das weiche Gefühl gefiel ihm. „Ähnlich wie deine Haare, die sind auch so weich“, lachte er leise und zog seine Finger diesmal schnell genug zurück. Er ließ es auch dabei bewenden, denn der Kater wurde schon hektisch. „Fangen wir morgen an mit dem Futter.“

„Ja, und ich werde mich besser aus dem Haus stehlen, denn wenn er dann traurig um meine Beine streicht und Futter von mir will, kann ich doch nicht nein sagen, nicht wahr, kleiner Herzensbrecher?“ Er knuddelte sein Katerchen noch einmal richtig durch, weil ihm das die letzten Tage gefehlt hatte. Zu gern würde er wissen, ob Streuner ihn auch vermisst hatte.

„Wie geht’s dir jetzt eigentlich? Immer noch platt oder geht es besser?“ Forschend sah er Azhdahar an.

„Besser, aber ich fühle mich immer noch schlapp. Die Filter helfen auf jeden Fall, denn ich kriege wieder Luft. Nur weiß ich nicht, ob das gut ist, wenn ich sie die ganze Zeit drin habe, denn dann dauert es länger, bis mein Körper sich anpasst.“ Azhdahar wusste nicht, was besser war, aber immer konnte er nicht mit den Filtern herum laufen. „Vielleicht sollte ich die Abstände, immer weiter ausdehnen, bis ich neue rein mache. Morgen probieren wir das.“

„Ja, probier das“, nickte Evren, „aber bitte nicht in der Nacht. Ich habe keine Lust, dass du neben mir erstickst. Das könnte nämlich auch meinen Tod zur Folge haben, was ich nicht witzig finde. Also bitte, keine lebensgefährlichen Experimente und auch nicht, wenn ich ins Institut muss.“ Diese Forderung musste er stellen. Denn wenn er keuchte und schnaufte, dann schickten sie ihn nicht zurück nach Mexiko, sondern ins Krankenhaus, das nutzte keinem etwas.

Azhdahar nickte. „Machen wir das, wenn wir beide hier sind.“ Streuner hatte sich auf Evrens Schoß zusammengerollt, auch wenn er noch keinen Blick von dem Prinzen ließ, so entspannte er sich doch ein wenig, weil Azhdahar ruhig war und keine Anstalten machte, aufzustehen. „Erinnerst du Arlan nachher noch einmal daran, dass er noch Filter schicken soll? Die, die wir haben, reichen nur noch bis morgen.“

„Ja, mach ich. Ich werde auch für dich noch was zu Essen schicken lassen. Wenn du übrigens Hunger hast, das Zeug steht im Kühlschrank“, erklärte Evren und deutete hinter sich. Weil er gerade so bequem saß und nicht aufstehen wollte. Um seine Recherchen weiter zu verfolgen, warf er den Fernseher an, der an einer Wand hing und anstatt das Programm aufzurufen, googelte er sich ein bisschen durch die Gegend, weil er noch ein paar Anhaltspunkte suchte und loggte sich dann auf dem Institutsserver ein.

„Nachher vielleicht, wenn du mir sagst, was ein Kühlschrank ist.“ Azhdahar legte sich wieder hin, denn er fror schon wieder. In seine Decke eingemummelt, sah er Even zu, was der machte. „So ganz spontan würde ich sagen, deine ganze Wohnung könnte so ein Kühlschrank sein, so kalt wie das ist. Wie hältst du das nur aus?“

„Kalt?“, fragte Evren nachdenklich und strich sich kurz über die Arme. Er fror nicht, doch er erinnerte sich gut, dass es auf Gidoria sehr viel wärmer gewesen war. „Warte mal.“ Mit einem Druck auf die Fernbedienung erschien das Menü der Wohnungselektronik und er wählte die Heizung an, stellte die fünf Grad wärmer und hoffte, dass das reichen würde. Denn wenn es zu warm war, machte das Evrens Kreislauf zu schaffen.

Azhdahar brummte nur unbestimmt, aber er wickelte sich soweit aus der Decke, dass er Evren ansehen konnte. „Was machst du da?“, fragte er neugierig. „Kann man da auch mit Fernsehen?“ Dieser Bildschirm sah ähnlich aus, wie der in der Lodge, aber das, was sich gerade darauf zeigte, sagte ihm nichts.

„Ja, sicher. Willst du was gucken?“, fragte Evren irritiert, weil er eigentlich gerade weiter auf dem Server suchen wollte, wo er noch ein paar Übersetzungen vermutete, die er brauchte. Doch er stellte das Menü auf Fernsehen und warf dem Prinzen die Fernbedienung zu. „Such dir halt was aus.“ Er wusste ja nicht, was der so bevorzugte.

„Nein, ich bin zu müde dazu. Mach du ruhig mit dem weiter, was du machen wolltest. Ich werde dir einfach zusehen oder schlafen.“ Azhdahar gab die Fernbedienung wieder rüber und kam wohl Streuner zu nahe, der gleich wieder auf Angriff ging und nach der Hand des Prinzen schlug und sie auch erwischte. „Aua.“ Azhdahar steckte sich den Finger, den der Kater erwischt hatte, in den Mund und knurrte. „Musste das sein?“

„Wenn du Streuner fragst: ja“, sagte Evren, schimpfte aber auch mit Streuner. Er musste doch langsam mal gemerkt haben, dass Azhdahar nicht so gefährlich war, wie der kleine Kater tat. Evren hatte mittlerweile mehr den Verdacht, dass Streuner Spaß daran hatte, den Prinzen in seine Schranken zu weisen. Sah es nicht so aus, als würde der Kleine grinsen? Evren seufzte und schlug wieder die Daten auf, die er eben durchforstet hatte, ignorierte die Wunde an seinem Finger.

„Der kann bloß froh sein, dass ich krank bin.“ Giftig sah der Prinz zu Streuner hinüber, aber ansonsten nahm er den Angriff einfach hin. Die kleine Wunde war schon wieder verheilt. „Was machst du“, fragte er lieber Evren. „Ist das eure Technik?“

„Öh…“ Evren sah sich kurz um. „Ja, eigentlich ist das ein Fernseher, aber da ich auch Zugriff auf das Institut und das Internet brauche, habe ich alles in dem Gerät kombinieren lassen und so kann ich auch - wenn mir beim Entspannen bei einem Film - etwas einfällt, gleich gucken, was mir durch den Kopf gegangen ist und Antworten suchen. Ist ganz praktisch.“ Doch es war nur ein kleiner Teil von Evrens Technikspleen, der sich unerkannt in der Wohnung verteilte.

„Internet?“ Azhdahar runzelte kurz die Stirn. „Ach so, dieses Netz, über das ihr eure E-Mails schickt. Kann man damit noch mehr machen?“ Es war eigentlich selten, dass der Prinz sich für Technik interessierte. Für ihn war sie einfach da und er nutzte sie, aber ihm war langweilig und so wurde er neugierig.

„Ja, sicher.“ Schnell öffnete Evren ein paar Seiten aus seinen Favoriten und fing an zu erklären. „Du kannst Filme gucken, Bilder angucken, ganze Bücher lesen, dich mit anderen in Echtzeit unterhalten, du kannst Informationen suchen auf allen Rechnern dieser Erde, die daran angeschlossen sind und lauter so Sachen eben. Ich mag es.“ Evren zuckte die Schultern, wie sollte er das noch erklären? Es war selbstverständlich für ihn und er nutzte es täglich. Wozu es alles gut war, da hatte er noch nie wirklich drüber nachgedacht.

„Ähnlich wie bei uns. Etwas einfacher, aber doch sehr effektiv.“ Evren genau beobachtend, wie er das machte, setzte Azhdahar sich auf. Noch immer war ihm kalt, darum blieb er in die Decke eingemummt, aber langsam wurde es besser. „Und was hast du gerade gemacht? Du hast doch etwas gesucht oder?“

„Ja. Ich habe mich auf dem Rechner auf Arbeit eingeloggt, auf dem viele der wissenschaftlichen Arbeiten gespeichert sind. Ich habe Probleme bei einer Interpretation“, erklärte Evren bereitwillig, während sich Streuner zusammengerollt hatte und so tat, als würde er schlafen. Doch man sah, dass er den Prinzen noch immer im Auge hatte.

„Arbeit.“ Azhdahar verzog das Gesicht und grinste. „Gibt es in eurem Internet auch etwas über Drachen? Es ist ja ziemlich sicher, dass einige von uns auf die Erde gegangen sind. Die müssen doch Spuren hinterlassen haben. Vielleicht sollten wir sie suchen, irgendwann einmal.“

„Sicher gibt es Drachen. Es gibt ganze Portale und Bücher über Drachen und wie man sich ihr Leben und ihre Entwicklung vorstellt“, sagte Evren und grinste. Er beeilte sich ein bisschen zu suchen und eine dieser Seiten aufzuschlagen. Sie enthielt nicht nur Ideen über Arten, sondern auch gemalte Bilder, wie man sich die Drachen vorstellte. Europäische, Asiatische. Unmengen von schuppigen Kriechtieren. „Nur pinkfarbene gibt es nicht.“

„Evren“, knurrte der Prinz, aber er blickte ihn nicht an, denn sein Blick lag auf dem Bildschirm. Viele der gezeichneten Drachenarten gab es tatsächlich, auch wenn andere wirklich reine Phantasieprodukte waren. „Tief in eurem Inneren verborgen scheint ihr doch noch zu wissen, wo ihr herkommt.“ Azhdahar zeigte auf einen großen, kräftigen Drachen mit langem Hals. „Das kommt dem Aussehen meiner Familie sehr nahe. Und der da“, er deutete auf einen chinesischen Drachen, „so ungefähr sieht Arlan aus, nur andere Farben. Sehr viele unserer Wissenschaftler kommen aus dieser Familie.“

„Echt jetzt?“ Evren wandte sich dem Prinzen zu und sah dann wieder auf das Bild des chinesischen Drachen. Noch letzte Woche war er davon überzeugt gewesen, dass Drachen eine Erfindung der Menschen waren, Fabelwesen aus Legenden und heute saß einer davon auf seiner Couch und erklärte ihm, wie nah einige der Abbildungen der Realität kamen - das war verrückt.

„Es gibt auch so genannte Lindwürmer, Drachen ohne Beine - nur mit Flügeln. Spucken eigentlich alle Feuer oder spucken auch welche Wasser oder Eis oder sonst was?“

„Ohne Beine? Alle Drachen bei uns haben Beine. Da wären höchstens die Wasserdrachen, bei denen sind sie sehr klein, im Wasser brauchen sie sie nicht.“ Azhdahar überlegte, aber sonst fiel ihm dazu nichts ein. „Sie sind nicht sehr groß, höchstens vier oder fünf Meter. Feuer speien können nur Arlans und meine Familie, alle anderen nicht. Aber Wasser und Eis oder so was kann keiner von uns speien.“

„Schade.“ Evren legte den Kopf schief und sah sich die Galerie der Drachen auf dem Bildschirm noch einmal an. „Wasser spucken wäre doch toll. Feuerwehrdrachen, sehr nützlich“, konnte er sich dann aber doch einen blöden Scherz nicht verkneifen und schüttelte sich vor Lachen, was Streuner drohend knurren ließ, weil er sich in seiner Ruhephase gestört fühlte.

„Was gibt es denn noch so für Sorten bei euch? Vielleicht können wir ja noch ein paar erfinden.“

„Insgesamt gibt es sechs Familien bei uns. Meine, Arlans, die Wasserdrachen, dann gibt es noch die Federdrachen. Sie haben Federn und keine Schuppen. Über sie kann ich dir wenig sagen, weil sie keinen Kontakt mit uns wollen und wir nicht mit ihnen. Nach den großen Kriegen kam es zu einem Zerwürfnis. Sie wollten sich nicht dem neuen Reich anschließen und bisher hat sich auch nichts daran geändert.“

„Federdrachen?“, fragte Evren neugierig und drückte auf einen anderen Link. „So was da?“, fragte er und hatte ein Bild von Quetzalcoátl geladen, einer der Hauptgötter der alten Azteken. „Den nennen sie nämlich gefiederte Schlange, allerdings hat der auch keine Beine!“

Azhdahar besah sich das Bild und schüttelte den Kopf. „Nein, so sehen unsere Federdrachen nicht aus, auch wenn der Kopf ähnlich ist. Unsere gleichen meiner Familie, nur kleiner und eben mit Federn und anderer Kopfform.“ Der Prinz legte den Kopf schief und überlegte. „Er könnte ein Mischling sein. Das wird nicht gern gesehen, aber es kommt vor. Die Familien achten sehr auf die Reinheit ihrer Blutlinie, weil Mischlinge oft körperliche Defizite haben.“

„So was wie fehlende Beine oder so was?“, forschte Evren weiter. Wann hatte er schon einmal die Chance, Informationen über Drachen aus erster Hand zu bekommen. Vor allen Dingen dann, wenn es auch noch sein Forschungsgebiet tangierte. „Es muss ja einen Grund haben, warum die Azteken ihn ohne Beine beschrieben haben.“ Evrens Augen leuchteten vor Tatendrang und weil er nervös auf seinem Sessel hin und her rutschte, brachte ihn Streuner brummend zur Ruhe. Schließlich wollte hier jemand schlafen!

„Ja, so was wie fehlende Beine.“ Azhdahar nickte. „Nach dem Krieg gab es einige Mischlinge, aber als alle von ihnen eben Defizite hatten und einige auch sehr früh starben, wurden die Gesetze für die Rassenerhaltung aufgestellt.“ Azhdahar angelte nach seiner Wasserflasche und nahm einen Schluck. So langsam wurde ihm wieder warm und er auch munterer. „Dass es auch Mischlinge mit den Federdrachen gegeben hat, wusste ich gar nicht.“

„Siehst du, Drachi“, lachte Evren, „wieder was dazu gelernt. Kannst du Arlan ja berichten.“ Es war natürlich weniger von Vorteil, dass die Drachen selbst über dieses Wesen auch nichts wussten. Er hätte seine Forschungen über die Götterkulte gern vorangetrieben und seiner überheblichen Vorgesetzten mal gezeigt, wo der Frosch die Locken hatte. Die hielt ihn nämlich nur für einen Stümper, im Gegensatz zu seinem Chef, der zum Glück große Stücke auf ihn hielt. Das sollte er nicht verspielen.