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Erdbeerlatte und die Wurzel aus 109 - Teil 1

Erdbeer-Latte und die Wurzel aus 109


Dienstag... 9:34

„Herr Schiwitz“, hörte ich schon wieder die Stimme hinter mir, die mit jedem Tag in meinem kurzen Berufsleben mehr zu einem Alptraum geworden war. Sie war nicht aufdringlich, sie klang eigentlich ganz angenehm, tief und ruhig. Doch jedes Mal, wenn Sven in meinem Unterricht seine Stimme erhob, wusste ich, dass ich mich wieder verrechnet hatte und es passierte mir immer öfter, je öfter mich dieser Kerl kritisierte.

Es war ja nicht so, dass ich nicht gern Lehrer war, auch wenn ich mit meinen dreißig Jahren noch nicht viel Erfahrung im Beruf mitbrachte, aber mich gleich in eine Abschlussklasse zu setzen, mit einem Streber, der ein bescheinigtes Genie war, das war nicht fair gewesen – aber was rede ich, seit wann war das Leben fair?

„Herr Schiwitz“, hörte ich Sven also hinter mir und die Klasse fing schon wieder an zu tuscheln. Noch so ein kleiner Nebeneffekt, der mich nervös werden ließ. „Ich glaube, da haben sie etwas zu großzügig gerundet“, sagte Sven und ich atmete tief durch. Kurz schloss ich die Augen, um mich dann mit einem betont neutralen Blick zur Klasse umzuwenden.

„Wo denn?“, fragte ich und tat so, als wüsste ich gar nicht, was Sven meinte, doch als er sich in seinem maßgeschneiderten, anthrazitfarbenen Anzug erhob und mit seinem langen, schlanken Finger seine Brille über den eisblauen Augen zurecht rückte, ahnte ich schon, dass wieder eine längere Erklärung meiner Fehler folgen würde. Manchmal – aber nur manchmal – da hatte ich den Eindruck, Sven war kein Schüler, er war eine Heimsuchung, eine der biblischen Plagen, losgelassen, um den Pharao in die Knie zu zwingen.

Ja, ich weiß selber, was für einen Irrsinn ich rede, aber hey, euch stellte der Typ ja auch nicht jeden Tag aufs Neue vor der Klasse bloß. Warum hatte ich nicht so gewinnbringende Fächer wie Religion oder Sozialkunde studiert? Warum etwas Bodenständiges wie Mathematik, wo die Wurzel aus 109 eben 10,440.306.508.910.6 war und nicht, wie lapidar von mir behauptet, 10,44.

Und als würde das nicht reichen, fing der Kerl doch allen Ernstes an, in meinem Tafelbild herumzuschmieren und mir zu beweisen, dass die Rückrechnung mit der gerundeten Zahl nicht zum gleichen Ausgangsergebnis führte. Was mich mehr wunderte, war die Tatsache, dass der Typ doch allen Ernstes Zeit gehabt hatte, die Rückrechnung für beide Zahlen noch einmal zu erledigen, während der Rest seiner Klasse noch nicht einmal auf dem Hinweg zur Lösung gekommen war.

Doch da leuchtete es mir wieder ein, was der Herr Direktor gesagt hatte, als er mich zur Seite nahm: „Genies funktionieren etwas anders als wir.“ Langsam schien ich zu begreifen.

Mal ehrlich Leute, welcher Achtzehnjährige saß in der Schule mit Anzug? Die blonden Haare in einem frechen Kurzhaarschnitt, etwas verstrubbelt, aber es passte zu seinem makellosen Äußeren. Außerdem war ich nicht umhin gekommen, festzustellen, dass der Typ einen nagelneuen A6 fuhr. Seine Eltern waren Diplomaten, schwedische Diplomaten um genau zu sein, was mir den Namen Sven Svenson dann doch wieder etwas erklärte. Aber das gab ihm noch lange nicht das Recht, mich vor der ganzen Klasse bloßzustellen.

„Klugscheißer, hock dich wieder hin“, hörte ich Anja plötzlich murmeln. Eigentlich mochte ich es nicht, wenn so in meinem Unterricht gesprochen wurde, doch dieses Mal sprach mir die Kleine aus der Seele – aus den tiefsten Abgründen meiner Seele.

„Na, dass die Kunst der höheren Mathematik an dir vorbei gegangen ist, ohne Spuren zu hinterlassen, das ist kein Geheimnis.“ Sven ließ sich nicht aus der Fassung bringen. Er wusste, was er konnte und er wusste, dass er Recht hatte. Ich konnte es ja nicht einmal abstreiten. Die Abweichung, die sich aus der Rückrechnung ergab, hätte ich in einem Testat nicht durchgehen lassen – okay! Der Klugscheißer hatte gewonnen und ich meine Ruhe.

„Hältst du dich etwa für einen Künstler?“, wollte Anja plötzlich von Sven wissen, denn ein paar der anderen Mädchen fingen an zu lachen und zu tuscheln. Das mochte sie gar nicht. Wie sagte ihre Mutter schon immer: wer schön ist, muss nicht schlau sein.

Sicherlich fragt ihr euch, woher ich das schon wieder wusste. Ich bin zufällig nicht nur der Mathe-Lehrer dieses Haufens, sondern auch noch der Klassenlehrer, ich kam also schon in den Genuss des einen oder anderen Elternpaares.

Übrigens auch von Herrn und Frau Svenson, zwei gebildete, aber sehr angenehme Menschen. Ich hatte keinen Schimmer, wo Sven seinen überheblichen Charakter her hatte. Natürlich habe ich es mir verkniffen, ihnen zu berichten, dass ihr Klugscheißer von Sohn mir jedes Mal die Show stahl, egal ob ich neuen Stoff erklärte oder alten, er wusste es besser und widerlicher Weise hatte der Typ dann auch immer noch Recht.

Es gab Tage, da saß ich im Lehrerzimmer und philosophierte wirklich darüber, ob ich den richtigen Beruf hatte und wenn nicht, welchen ich ergreifen wollte. Diese Woche war es Gärtner - gab es einen stilleren Beruf als Gärtner? Hatte jemand von euch schon mal eine Topfpflanze Algebra herunterbeten oder euch verbessern hören, wenn ihr den Laplace-Operator in Kugelkoordinaten berechnet und euch fragt, wer oder was der Nabla-Operator ist und warum er mitmischen durfte, ohne euch zu fragen?

Wenn ihr mir jetzt nicht mehr folgen könnt: willkommen in meiner Welt!

„Förlåt1“, hörte ich es nur hinter mir und Sven ging wieder auf seinen Platz. Er kümmerte sich nicht weiter darum, dass Anja gerade austickte, weil sie glaubte, er hätte sie mal wieder auf Schwedisch beleidigt. Okay, ich wusste auch nicht, was dieses För-dingsbums bedeutete, doch dass es ein Schimpfwort war, konnte ich mir bei Sven einfach nicht vorstellen. Dieser Kerl war doch so überkorrekt, der wusste bestimmt nicht einmal, dass es so etwas wie Fluchen und Schimpfen auf dieser Erde gab.

Ja, ich reiße mich ja schon zusammen, aber dieser Kerl machte es mir auch wirklich nicht gerade leicht. Eigentlich war er ein netter Kerl – irgendwo in der Tiefe seiner Seele, aber mit seinem altklugen, besserwisserischen Gelaber ging mir dieser Junge so auf die Nerven, dass ich schon schlecht von ihm träumte und man konnte sich meine Erleichterung sicherlich vorstellen, als die Schulglocke mich für diesen Tag erlöste.

Wieder einen Tag Sven Svenson überstanden – und bis zu seinem Abitur waren es nur noch 90 Tage und glaubt mir: ich zähle jeden einzelnen davon. Halleluja.

Ich warf noch einen letzten Blick auf die Tafel in meinem Rücken und wischte die Schmierereien dann einfach weg. Ich musste mir wirklich langsam angewöhnen, sorgfältiger zu sein. Es war ja nicht so, dass ich schusselig war, aber Sven gelang es immer wieder, noch in der kleinsten Kleinigkeit etwas zu finden, was nicht korrekt war. Ich räumte mein Zeug in die Tasche, griff mir meine Flasche Wasser und spülte erst einmal meine Kehle. Sie wurde jedes Mal so trocken, das konnte nur am Tafelkreidestaub liegen.

„Herr Schiwitz“, hörte ich plötzlich die Stimme von Sven hinter mir und musste einmal mehr feststellen, dass der Junge keinerlei Akzent sprach. So lange war er doch noch gar nicht in Deutschland, dass er sich der Spracheigenheit so angenommen haben konnte. Er wirkte fast wie ein Chamäleon, das sich seinem Umfeld anpasste. „Es tut mir leid, ich wollte sie nicht bloßstellen, aber ich dachte...“

Ich sah auf und versuchte zu verstehen, was gerade passierte, dabei fiel mir auf, dass der Junge noch ein Stück größer war als ich. Schrumpfte ich jetzt auch noch? Doch zum Glück waren es nur die Plateau-Schuhe, die er zu seinem Anzug trug. Sie machten ihn noch imposanter, dabei überragte er all seine Klassenkameraden schon um ein paar Zentimeter. Warum dann noch diese Schuhe? Und warum machte ich mir darüber überhaupt Gedanken?

Dem Blick der eisblauen Augen wich ich aus, ich hatte immer das Gefühl, sie würden mir bis in die Seele sehen und wenn da einer bestimmt nicht reinsehen und sein eigenes Grab sehen sollte, dann war das dieser Schwede.

„Schon okay, Sven“, erklärte ich ihm, doch er blieb stehen, wo er stand, wie der Fels in der Brandung.

„Es ist nicht okay. Sie sind böse auf mich, nicht wahr? Das wollte ich nicht, ich...“

„Sven“, stoppte ich seinen Redefluss und versuchte mich nicht von seiner jetzt so schüchternen, kindlichen Art einlullen zu lassen. Sicher wollte er mich nur in Sicherheit wiegen und dann wieder ein neues Attentat gegen mich planen – ich wusste es doch ganz genau. „Es ist nicht meine Aufgabe, wütend zu sein oder böse. Es ist meine Aufgabe, euch Mathematik beizubringen und wenn du einen Fehler findest, so kann es deinen Klassenkameraden nur helfen, nicht wahr?“

Ob man mir anmerkte, wie schwer mir diese Worte von den Lippen gingen? Vielleicht mochte es ja für Svens Klassenkameraden wichtig sein, dass er mich korrigierte, doch für mein Ego war das alles andere als wichtig und gut. Das hatte sich schon seit ein paar Wochen in der hintersten Ecke verkrochen und zeigte mir nur seinen blanken Hintern und erklärte mir, wo ich es mal konnte und wie ich das mal dürfte, wenn ich es mal wieder rauslocken wollte.

„Sie sind böse, ich wusste es“, murmelte er nur leise und fügte fast unhörbar an: „Det tycker jag inte om2.“ Er hätte es auch laut sagen können, denn ich verstand ja sowieso kein Wort, doch ich kam auch nicht dazu, mich zu erkundigen, was das denn heißen würde, denn er drehte sich um, rauschte mit seiner Aktentasche ab und knallte die Tür hinter sich ins Schloss.

Rums.

Die war zu – definitiv.

Blieb nur zu hoffen, dass sie nicht so zu war, dass ich hier aus meiner persönlichen Hölle nicht mehr raus kam. Also, dieser Kerl kostete mich definitiv Nerven, und wenn ich nicht aufpasste, mehr als mir lieb war. Ich glaube, heute hatte ich mir endlich einen Besuch in dem Nachtclub verdient, in dem sich ein Freund von mir seit ein paar Wochen regelmäßig rumdrückte und sich dabei sichtlich wohl zu fühlen schien.

Der Laden nannte sich Boyz 'R' uz und war, wie der Name wohl schon verlauten ließ, ein reiner Männer-Laden. Japp, nun war es raus, ich war schwul. Nicht gerade eine Eigenschaft, die mich als Lehrer beliebter machte, sollte es irgendwann rauskommen. Aber schließlich konnte man sich seine Neigungen ja auch nicht aussuchen.

Wie auch immer, wenn ich mich hier noch lange mit meinen Gedanken herum schlug und nicht bald in die Puschen kam, dann hatte die nächste Stunde begonnen und ich irrte immer noch sinnlos über die Flure. Also griff ich mir mein Zeug und auf in die 8b, eine sehr ruhige Klasse, die meinen Nerven, nach einer Stunde mit Sven, wirklich wie Balsam vorkam.

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Dienstag... 21:05

Da stand ich also. Immer noch etwas verstohlen sah ich mich um. Boyz 'R' uz stand in Neonröhren über dem Eingang eines kleinen Hinterhofclubs. Ob ich hier wirklich richtig war, wusste ich selber noch nicht. Aber da ich mich schon mal in Schale geworfen und heute noch nichts weiter vorhatte, konnte ich auch einen kleinen Blick riskieren. Wie gesagt: wo ich doch schon mal hier war.

Ich wartete noch, bis ein Pärchen turtelnder Herren im mittleren Alter durch die Tür ging und sah mich dann noch einmal um. Doch außer mir stand keiner weiter in der engen Gasse, ich konnte also entweder warten, bis erneut jemand kam und mir zeigte, wie man eine Tür benutzte oder ich gab meinem Herzen einen Stoß und ging auch hinein.

Okay, vielleicht sollte ich erwähnen, dass ich noch nie in einer solchen Bar gewesen bin. Travestie war einfach nicht mein Ding. Männer, die glaubten, sich Kleider anzuziehen, mache sie zur Frau. Hey, versteht mich nicht falsch – ich konnte mir vorstellen, wie hart es war, im falschen Körper gefangen zu sein, was für einen täglichen Kampf es bedeutete, sich nicht so geben zu dürfen, wie man gern wäre.

Doch ich hatte einfach ein Problem damit, mir dicke Männer mit Vollbart in Strapsen vorzustellen. Oh mein Gott, wie ich schon wieder klang. Ich bediente hier ja mal wieder das absolute Klischee - und bevor ich mich noch weiter in diesen Schwachsinnigkeiten der Intoleranz verlor, ging ich also lieber in den Laden und guckte mir das selber an. Es musste ja einen Grund haben, warum meine Freunde mir den Laden empfohlen hatten, obwohl sie wussten, dass ich mit Männern in Kleidern eigentlich nichts anfangen konnte.

Die Tür quietschte leise, als ich sie öffnete, doch es schlug mir nicht - wie erwartet - seltsam anmutende Musik entgegen, mit der ich nichts anfangen konnte. Nein, der gut gemeinte Hinweis von Joe Cocker, die Schuhe solle man langsam ausziehen, aber man könne seinen Hut aufbehalten, kam aus gut ausgesteuerten Boxen und lockte mich tiefer.

Neugier – Neugier war wirklich der Katze Tod und da ich im chinesischen Horoskop Tiger war, war das vielleicht gar nicht so weit her geholt. Ein kleines Stück Voyeur steckte doch in jedem von uns und ich gab besagtem kleinen Stück heute mal das, was es verlangte. Im Augenblick verlangte es: schieb den Vorhang beiseite, der die Tür vom Lokal trennt und guck, was da passiert!

Los! Los! Los!

Also hörte ich auf den kleinen Spanner in mir und ging tiefer in den Raum. Die Luft war – für eine Bar – relativ angenehm, obwohl geraucht wurde. Dem Installateur der Lüftungsanlage sollte man die Füße küssen, denn er verstand sein Handwerk.

Das Publikum saß an Tischen, saß an Bars, scharte sich um eine erhöhte Bühne, die aus mehreren Laufstegen bestand. Sie führten quer durch den großen Raum, Treppen aus luftigem Gitterrost verbanden mehrere Ebenen. Ich hatte erst einmal gar keine Zeit, mich wirklich umzusehen, was zu diesem oft bemühten Striptease-Lied passierte, sondern stand mit offenem Mund mitten im Weg und starrte überall hin.

Ich war verblüfft, wie es gelungen war, jeder Bar ein eigenes Thema zu geben und doch alle Themen fließend ineinander übergehen zu lassen. Es sah nicht abgehackt aus und die kleinen Tanzflächen, die mal höher, mal tiefer lagen, wirkten teilweise wie Kampfarenen.

Auf einer... ich musste wirklich zweimal hinsehen... auf einer standen zwei junge Kerle, vielleicht Zwanzig, höchstens! Einer mit einem knappen Minirock und hohen Stiefeln. Er hatte Beine, für die wohl jede Frau morden würde. Sein Tanzpartner in einer klischeebehafteten engen Lederhose – beide oben ohne und lieferten sich eine Show, die es mir heiß und kalt den Rücken runterlaufen ließ.

Das war kein Tanz, das war ein Kampf – einer bewegte sich heftiger als der andere, forderte seinen Partner, ihn zu überbieten. Wow! Faszinierend, mit was für Körperteilen man alles wackeln konnte.

Um nicht gleich heiß zu laufen und peinlich berührt auf dem Klo verschwinden zu müssen, zog ich es vor, meinen Blick wieder abzuwenden! Also, das hier war wirklich mal ein Laden. Junge, Junge! Übrigens war das Lied gerade verstummt, ich sah nur einen netten Jungen in einem atemberaubend aufreizenden Gang von der Bühne wackeln. Ob er etwas trug konnte ich gar nicht genau sagen, denn sein Körper war über und über mit einem fantastischen Bodypainting bemalt worden. Alles in verschiedenen Grüntönen gehalten. Wahnsinn. Ich hätte ihn gern von vorn gesehen.

„Vorsicht, Süßer“, hörte ich es neben mir und wendete mich um, doch ich musste meinen Blick um einiges nach oben korrigieren. Was für eine Schönheit! Langes, schwarzes Haar bis auf die Hüften, viel Make-up, aber es wirkte an ihm irgendwie nicht überladen. Dazu eine leicht ausgestopfte Korsage und eine glitzernde Hotpants. Und diese Beine – irgendwie konnte man glauben, ich wäre ein Bein-Fetischist. Aber so war das nicht. Ich hatte nur noch nie in meinem Leben solche Beine gesehen wie hier! Lang, makellos geformt und in 20 cm Absätzen. Der Kerl war schon groß, aber diese Stiefel machten ihn riesig.

„Sorry“, konnte ich nur stammeln und sprang zur Seite und er beugte sich zu mir, küsste mich auf die Wange. „Lieb von dir“, hauchte er mir ins Ohr und mit seinem Tablett voll bunter Cocktails verschwand er in der Masse. War das nicht Wahnsinn, dass ein Mann wie er in der Masse verschwinden konnte? Das sagte doch, was für ein Publikum hier verkehrte. Als er wieder kam, stand ich immer noch, wo ich stand und er grinste mich an. „Hast du auf mich gewartet, Süßer?“, wollte er amüsiert von mir wissen und ich grinste ihn schief an.

„Neu hier, hm? Ich bin Djala.“

Ich konnte nur dämlich nicken. Was musste der Kerl nur für einen Eindruck von mir bekommen? Ich bewegte mich hier wie ein absoluter Anfänger! Aber einen Laden wie diesen hatte ich wirklich noch nicht gesehen. Auf einer Ebene über mir tanzte gerade ein in Tigeroptik bemalter Mann in einem Käfig und die beiden in ihrer Kampfarena hatten auch nur noch ihre Shorts an.

Und da dachte ich, ich hätte in meinem Leben schon viel gesehen? Hier begriff ich erst, dass ich noch gar nichts in meinem Leben gesehen hatte! Ich war ja ein Musterknabe, ein wohlbehütetes Jüngelchen.

Mit einem atemberaubenden Lächeln griff mich der – ich ging mal davon aus er war einer – Kellner bei der Hand und ging mit mir quer durch den Laden. Nein, ich erzähle nicht, was ich dort noch alles gesehen habe, ich war einfach nur damit beschäftigt zu begreifen, wie man sich auf diesen Schuhen halten konnte, ohne sich gleich den Hals zu brechen!

„Börje, meine Süße. Mach ihm mal einen Detox3. Der geht auf mich“, rief Djala plötzlich und setzte mich an einer karibisch anmutenden Bar auf einen Hocker. Ich merkte schnell, dass ich von hier einen verdammt guten Überblick über den ganzen Laden hatte und wollte mich bei Djala wenigstens für die Einladung bedanken, doch da war er mit dem nächsten Tablett voll Gläsern schon wieder die luftige, steile Treppe hinunter.

Also wand ich mich zur Bar um und wollte der Bardame etwas bei der Arbeit zusehen. Doch ich blieb mit offenem Mund mitten in der Bewegung verharrend sitzen und starrte. Es war mir hinterher selber peinlich, aber ein Wesen wie diese... Börje, oder wie Djala ihn auch immer genannt hatte... hatte ich noch nicht gesehen. Er war schön. Einfach nur schön. Ein anderes Wort fiel mir dafür nicht ein, obwohl ich mich weigerte, Männer als schön zu bezeichnen. Die meisten waren es nicht.

Hey, versteht mich nicht falsch. Ich gehöre nicht zu der Sorte Männer, die der Illusion erlagen, in einem Schwulenclub würden auch Frauen arbeiten – außerdem gehörte ich auch nicht zur Fraktion der Verleugner, mit der Hoffnung auf Erlösung durch eine bildschöne Frau, die Bekehrung zum anderen Geschlecht brachte. Ich war gern schwul, ich liebte Männer – und manchmal liebten sie mich auch.

Und wenn hinter der Theke einer Schwulen-Bar ein wunderschönes Wesen stand, mit Beinen bis zum Hals, einer roten Mähne bis zu den schmalen Hüften und Augen, wie zwei Sterne, dann wusste selbst ich, dass dieses Wesen zwischen den schönen Beinchen ein Würstchen hängen hatte. Aber er war... schön.

Ich zuckte zusammen, als Börje mich auch anlächelte und mir flüchtig zunickte, auch wenn er mich kaum ansah. „Das erste Mal hier?“, wollte er wissen. Eine angenehme Stimme. Nicht zu tief, nicht zu hoch. Sie prickelte auf der Haut, sickerte in den Geist und unterstrich das Bild noch. Die grünen Augen wirkten groß und klar, ließen ihn etwas mädchenhaft erscheinen.

Okay, ich gestehe ja, dass ich das Feminine an einem Mann durchaus zu schätzen wusste. Sie sahen meistens so gepflegt aus, so... wie auch immer. Börje lachte leise und kam noch dichter zu mir. „Magst du ein Foto, denn ich muss jetzt rüber an die andere Seite der Bar“, lachte er leise und verschwand einfach. Alles was zurückblieb war eine Wolke herben Parfums und ein Glas mit einem gestreiften Drink.

Das war meine erste Begegnung mit Börje und ich beschloss, nicht zuzulassen, dass es auch schon meine letzte war. Na ja, ich sag’s euch gleich – ich war definitiv nicht verliebt. Es ist ein Prinzip von mir, mich nicht zu verlieben, das machte immer nur Ärger und war ziemlich lästig, vor allem, wenn man nicht auf Gegenliebe stieß. Aber Börje war heiß und ich merkte, je länger ich ihm auf den wohl geformten Hintern starrte, wenn er sich hinter der Bar bückte, je höher die Hotpants rutschte, um so höher ging mein Blutdruck. Ich hatte Blut geleckt und wollte Beute schlagen!

Also blieb ich erst einmal sitzen, wo ich saß und fing an, Börje nicht aus den Augen zu lassen. Ich starrte ihn an, egal was die restlichen Besucher der Bar von mir dachten. Irgendwann würde er es schon merken und sich wieder zu mir umwenden, da war ich mir ziemlich sicher.

Aber soll ich euch was sagen?

Börje war ein abgebrühter Kerl. Er musste doch merken, dass ich ihn ansah! Warum drehte er sich nicht zu mir um? Warum fragte er nicht ein einziges Mal, ob ich noch etwas trinken wollte? Er streifte mich nur mit seinen Blicken, mehr nicht – so verging Stunde um Stunde, ich starrte immer nur auf das Eine – nämlich auf die endlos langen Beine, auf die schönen Waden, den strammen Hintern, die schmale Taille, die kräftigen Schultern. Dazu die feingliedrigen Hände, die mit Geschick alles festhielten, was sie zu fassen bekamen. Warum bekamen sie nicht zur Abwechslung auch mal mich zu packen? Ich war doch weiß Gott auch nicht zu verachten! Bis jetzt hatte sich noch keiner meiner Liebhaber beschwert!

Doch Börje ließ mich auflaufen – wieder und wieder. Zwar sammelte er mein Glas ein, als es leer war, doch gleichzeitig unterhielt er sich mit dem Gast neben mir. Selbst als ich mir eine Zigarette anzündete, stellte er mir zwar einen Aschenbecher hin, doch er fragte den Typen auf der anderen Seite von mir, was er wünsche.

Als wäre es die pure Absicht, durch mich hindurch zu sehen. Ich wurde wütend, richtig wütend! Was war an mir verkehrt, dass ich ignoriert wurde und dann schaffte es ein kurzer Blick, ein atemberaubendes Lächeln, mich für die nächste halbe Stunde wieder ruhig zu stellen und mich dort zu halten, wo ich saß.

Irgendwann kam eine Ablösung für Börje, ich dachte erst, er ginge nur mal aufs Klo – wir wissen alle weswegen! Doch als er auch nach einer halben Stunde nicht wieder da war und ich wusste, dass keine schnelle Nummer auf dem Klo so lange dauern konnte, ging ich wütend. Viel erlebt hatte ich an diesem Abend nicht, aber ich hatte ein neues Lieblingslokal gefunden – und einen Lieblingsbarkeeper. Ich wusste, welcher Kerl der nächste in meinem Bett sein sollte und daran würde ich arbeiten!

Mittwoch... 10:23

Meine Nacht war kurz gewesen, verdammt kurz. Ich musste nämlich die Erfahrung machen, dass in dieser toten Stadt nach 22 Uhr kein Bus mehr fuhr. Was für ein Service! Ich durfte also laufen, denn so weit war es vom Boyz 'R' uz bis zu meiner Wohnung auch nicht und ich hatte noch 30 Minuten Zeit, mich darüber zu ärgern, dass ich Börje nicht gefolgt war, als er die Bar verlassen hatte. Wie hatte er es nur wagen können, mich so wenig zu beachten? Hatte ich mir das nur eingebildet oder hatte er die anderen Gäste wirklich öfter angelächelt?

Na, wie auch immer, ich war in der Schule und ich hatte weiß Gott andere Sorgen als einen verdammt leckeren Barkeeper. Ich hatte schon heute morgen um halb eins beschlossen, das Boyz 'R' uz wieder aufzusuchen, deswegen konnte ich die Gedanken an Börje auch noch etwas von mir werfen.

Also warf ich so vor mich hin, genoss meine Freistunde im Lehrerzimmer und war dabei, die Fleißaufgaben der 11a durchzusehen. Vektorrechnung war doch gar nicht so schwer, wie konnte ein normal denkender Mensch auf die Idee kommen, der Schnitt zweier Ebenen sei ein Punkt? Okay, ich merkte gerade, ich wurde unfair und das nur, weil ich gestern abgestunken war.

Ich musste aufhören, meinen privaten Frust mit in die Schule zu nehmen – coole Vorgabe, hm? Aber ich hatte immer solche hochtrabenden Ideale und wenn ich versuchte mich daran zu halten ging die Tür auf und was passierte? Sven Svenson – seines Zeichens gebügelter und gestriegelter Musterschüler und Genie – stand im Raum und suchte Frau Singer.

„Siehst du sie hier irgendwo? Hinter der Gardine vielleicht?“, hatte ich gemault, noch ehe ich wirklich meinen bescheuerten Kopf hätte benutzen können und Sven schluckte nur hart, schüttelte den Kopf und murmelte eine Entschuldigung. Dann war die Tür auch schon wieder zu.

Hallo?

Was hatte ich mir denn bei der Aktion gedacht?

Nur weil mich dieser Kerl an der Bar gestern hatte abblitzen lassen, ließ ich heute meine miese Laune an meinen Schülern aus? Dass ich Sven nicht besonders mochte, weil er mich immer blöd dastehen ließ, hieß aber noch lange nicht, dass ich ihn so anfahren durfte!

Also schoss ich hoch, noch ehe ich wirklich begriff, was ich tat und war ihm hinterher. Doch als ich die Tür aufgerissen hatte, stand er schon mit Frau Singer auf dem Flur und schien zu besprechen, was immer so wichtig war, dass er sie suchen musste. Er würdigte mich keines Blickes – „Cool, wie Börje!“, dachte ich zynisch. Mal davon abgesehen, dass der Name Börje auch nicht gerade deutsch klang.

Und warum – in Gottes Namen – machte ich mir darüber Gedanken? Und noch eine Frage, die ich gern zur Diskussion in die Runde werfen würde, wenn wir schon dabei sind: warum stand ich mit einem schlechten Gewissen in der Tür zum Lehrerzimmer und hoffte, dass Sven sich noch einmal umdrehte?

Wer auch immer die Lösung für dieses Phänomen meines gebeutelten Geistes fand, durfte sie mir gern mitteilen. Ich selber war völlig überfragt. Wie auch immer. Ich setzte mich wieder daran und korrigierte die Aufgaben, stellte fest, dass es wohl wirklich nicht selbstverständlich war, dass der Schnitt zweier Ebenen eine Gerade war und machte mir ein paar Notizen, meinen Lehrplan betreffend. Das musste ich mit denen aber noch mal durchgehen.

Für ein paar Sekunden sehnte ich mich nach Kakteen und Lilien und roten Rüben, von denen ich sicher war, sie wüssten, wie sich zwei Ebenen im Raum schneiden, und murmelte nur noch vor mich hin.

Falls es euch noch nicht aufgefallen ist: ich war unausgeglichen, ich war stinkig und ich war unzufrieden mit mir selber. Und an allem war nur dieser rothaarige Barkeeper in den engen, kurzen Hosen schuld. Heute würde mir der leckere Kerl aber nicht so leicht entkommen. Gestern war alles noch neu, heute wusste ich, wie der Hase lief und Börje hätte nicht die Chance, mir auch nur ansatzweise zu entkommen!

Zufrieden mit mir und meinem Entschluss korrigierte ich die letzten Arbeiten und ging dann kurz auf den Schulhof, um eine zu rauchen. Ich suchte mir in der Raucherecke eine Bank, genoss ein paar Sonnenstrahlen, die durch das Laub der Bäume fielen und schloss kurz die Augen.

Ich öffnete sie wieder, als ich Schritte auf dem Pflaster vernahm und starrte plötzlich in Svens Gesicht. Klasse – ich glaube, so fing Verfolgungswahn und Paranoia an, konnte das sein? Doch er drückte nur seine Zigarette aus und beeilte sich weiter zu kommen. So, als wäre ihm meine Nähe alles andere als angenehm. Okay, nach meinem pampigen Aussetzer eben im Lehrerzimmer konnte ich ihm das nicht mal verübeln.

„Sven“, rief ich ihm hinterher und er zuckte zusammen. Hatte er wirklich geglaubt, ich würde ihn nicht sehen? Sven fiel auf wie ein bunter Hund! Nicht nur durch seine korrekte Kleidung, auch weil er ziemlich groß war und ein Gesicht hatte, das man bei einem Fotomodell vermutete. Er zog den Kopf zwischen die Schultern und sah sich ganz langsam um.

Ob es Absicht war oder nicht, aber in dieser langsamen, eleganten Bewegung lag eine Art von Erotik, die ich bei einem meiner Schüler nicht sehen sollte. Wie auch immer, im Augenblick hatte ich dafür sowieso kein Auge. Ich hatte genug Probleme mit diesem widerspenstigen Barkeeper und ein schlechtes Gewissen, Sven so angemault zu haben. Das war meiner echt nicht würdig!

„Wegen eben“, sagte ich, „tut mir leid. Ging nicht gegen dich, ich war nur...“

Doch er ließ mich gar nicht ausreden, murmelte nur was von 'okay' und 'passiert' und 'nicht zu ändern', brubbelte „Det var mitt fel4“ und ging! Der Kerl ließ mich einfach stehen. Ich würgte mir da einen ab und entschuldigte mich und der ließ mich da ganz locker flockig, dämlich in der Gegend stehen wie einen alten Koffer! War ich eigentlich im falschen Film?

„Arsch“, murmelte ich nur ganz leise vor mich hin. Nein, mit diesem Kerl wurde ich wirklich nicht warm. Doch verärgern sollte ich ihn auch nicht, er war der große Hoffnungsträger des Direktors auf die ersten Plätze bei diversen Schul-Vergleichen! Sven holte nicht nur die Titel, sondern auch die Fördergelder, die an diesen Titeln hingen.

Was nichts daran änderte, dass der Kerl ein besserwisserischer Angeber war und ich beschloss, dass ich die letzten drei Monate bis zum Abitur auch noch mit ihm auskommen konnte. Dann war er weg und ich war eine Sorge los! Denn dass der sitzen blieb, das war so wahrscheinlich wie ein deutscher Fußballweltmeister.

Erst als ich ihn in seinen Wagen steigen und mich noch einmal komisch angucken sah, bemerkte ich, dass ich Sven die ganze Zeit in meiner Wut hinterher gestarrt hatte. Doch da war es zu spät, das Missverständnis noch zu tilgen. Sollte der Kerl von mir denken, was er wollte, ich mochte ihn nicht und gut!

Mittwoch... 21:00

Ich hatte mich beeilt, hierher zu kommen. Ich stand wieder vor dem Boyz 'R' uz und beguckte mir das Neonschild. Doch heute wollte ich nicht so viel Zeit vor der Tür verbringen, sondern hatte ein Ziel und ging hinein. Schnell ließ ich den Vorhang hinter mir, suchte kurz mit den Augen und fand die Treppe, die zu Börjes Bar nach oben führte.

Djala grinste mich an und nickte mir von weitem zu, ich nickte zurück und lächelte. Hey, wer hätte gedacht, dass ich jemandem in Erinnerung geblieben war. Zwar wäre es mir lieber gewesen, Börje würde sich noch an mich erinnern, aber was nicht war, konnte ja locker noch werden.

Ich fühlte mich heute so gut, ich war motiviert, ich war unwiderstehlich – der Tiger! Keiner konnte sich mir entziehen, Börje am allerwenigsten! Schnell hastete ich die Treppen hoch, doch als ich an der Bar stand, kam die Ernüchterung. Ein Mann mittleren Alters in viel Netz und Leder servierte da Zeug, von dem ich gar nicht wissen wollte, was es war. Kein Börje – weit und breit kein Börje! Was sollte denn der Mist? Da warf ich mich in Schale, trank mir Mut an und hastete zu Fuß bis hier her und wofür? Damit der Kerl gar nicht da war?

Scheiß Tag – so ein beschissener Scheißtag!

Aber das hätte mir klar sein müssen, als ich an meinem svenfreien Tag der Woche doch noch Herrn Svenson über den Weg gelaufen war! Der Kerl brachte mein Leben völlig aus den Fugen. Ich unterrichtete ihn erst seit einem Jahr, weil er von der Diplomatenschule auf unsere gewechselt war. Aber seit dem trieb mich dieser Kerl in den nervlichen Ruin. Außerdem tat es gut, einen anderen für meine eigene Unzulänglichkeit zu beschuldigen! Nicht fair, aber es tat meinem Ego gut! Und Svens Ego war sicher groß genug, das locker wegzustecken.

Aber Sven hin oder her, ich hatte im Augenblick andere Sorgen, nämlich ein Ego, das in sich zusammenfiel. Börje war heute gar nicht da! So ein Arsch – ach ja, falls es noch nicht aufgefallen sein sollte, ich hatte schlechte Laune. Und zwar richtig!

Ich ging die Treppen wieder hinunter, murmelte vor mich hin, fluchte leise, schimpfte lauter und weil ich mal wieder nicht hinguckte, wo ich eigentlich lang lief, rannte ich in jemanden rein. Djala fing mich auf, weil ich ins Straucheln geriet, und sah mich fragend an.

„Du strebst den Ausgang an, was ist los, Süßer?“, wollte er wissen und seine Hand rutschte langsam an meiner Seite runter, bis sie auf meiner Hüfte liegen blieb. Skeptisch folgte ich ihr mit den Augen, doch Djala war selbstbewusst genug, sich davon nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. „Ich hab gerade Pause, Lust auf einen Neo Twist5. Ich lad dich ein.“

Doch ich schüttelte nur den Kopf. „Ich lad dich ein – für gestern“, sagte ich und er nahm an. „Warum nicht? Ich habe noch nie einem schönen Mann einen Drink ausgeschlagen.“

Bildete ich mir das gerade ein oder flirtete Djala mit mir? Ich hob eine Braue, grinste frech und er nickte mir zu. „So gefällst du mir schon besser, komm!“ Djala griff mich an der Hand und zog mich erst zu einer Bar. Er bestellte, ich bezahlte, er zog mich weiter auf ein kleines Podest, zu dem wohl nicht jeder Zutritt hatte. Er jedenfalls hatte und wir stiegen die schmale Leiter hinauf.

Eine Wendeltreppe schraubte sich nach oben, bis wir auf dem Podest standen – es lag halb im Dunkel, konnte sicher aber auch angestrahlt werden, wenn hier etwas spannendes passierte. Wie auch immer, ich war nicht in der Stimmung, mit Djala etwas Spannendes zu unternehmen. Er war für mich doch etwas zu groß. Ich zog es vor zu dominieren als dominiert zu werden und so richtig konnte ich nicht glauben, dass Djala sich unterwerfen ließ. Wie auch immer, er war doch auch gar nicht meine Beute.

„Was ist los, mein Schöner“, wollte er von mir wissen, als er an dem Geländer des kleinen Podestes lehnte und lässig auf die Massen unter uns starrte. Direkt neben uns lag ein weiterer Laufsteg. Doch er war ungenutzt und lag im Dunkel. Auf der anderen Seite hing ein Käfig, auch er war leer. Ich hatte wohl gestern bei weitem nicht alles gesehen, was dieser Laden zu bieten hatte.

„Ach nichts“, maulte ich nur und kippte mein Glas hinter. Süße Cocktails waren eigentlich nicht mein Ding. Ich bevorzugte etwas Sauberes. Einen guten alten schwedischen Absolut, das war schon eher was für mich.

„Muss ja ein großes Nichts sein, wenn es dir so die Laune verderben kann. Bist ganz schön flink zu Börjes Bar gestürzt“, lachte Djala leise und ich knurrte, weil ich mich ziemlich erwischt fühlte.

„Na und?“, murmelte ich nur, um mir nicht ganz die Blöße zu geben.

„Sauer, dass er heute nicht bedient?“ Djala hatte eine eklig-direkte Art und das Talent Finger in Wunden zu legen! Hatte ich das schon erwähnt? Wenn ja, ich wiederhole mich da gern! Es gab nämlich Dinge, die konnte man nicht oft genug sagen!

„Kleiner Tipp, Süßer. Wenn du an Börje ran willst, musst du resoluter auftreten. Er muss sich die Verehrer teilweise mit der Brechstange vom Hals halten. Wenn du dich nicht selber ins Spiel bringst und nur wartest, dann...“

„Sag mal, wie kommst du denn auf den Mist, ich würde was von dem Typen wollen?“, fuhr ich Djala gleich mal an. Über seine eklig direkte Art hatte ich mich schon beschwert, oder? Die Angewohnheit Recht zu haben, kotzte mich aber fast noch mehr an.

Djala hob nur die Hände und lehnte sich wieder ans Geländer. „Ich wollte es dir nur sagen, für den Fall du hättest doch – unter Umständen – vielleicht – ein ganz kleines bisschen...“

„Schon gut“, knurrte ich und Djala lachte. Er warf die langen, schwarzen Strähnen zurück, die seiner kunstvollen Steckfrisur entkommen waren und zwinkerte mir zu. „Okay, angenommen ich würde mich für ihn interessieren…“

„Ja, tun wir mal so, als wäre dieses vollkommen Abwegige eingetreten und du hättest vielleicht unter Umständen ein ganz kleines bisschen – verschwindend gering natürlich...“ Er lachte und ich knurrte ihn an, er solle mich ja nicht verarschen. Doch das brachte so gut wie gar nichts. Ich wollte gerade wütend gehen, weil aus Djala kein vernünftiges Wort zu holen war, da hielt er mich plötzlich fest und schaute mir tief in die Augen.

O la la!

Ein beeindruckendes Schwarz, aber das war wohl nicht das Ziel. „Eine Minute – warte noch eine Minute“, sagte er zu mir und schaute auf die Uhr an seiner Kette, ließ sie dann wieder im Dekolleté verschwinden. Ich begriff nicht wirklich, doch als plötzlich das Licht des Laufsteges neben uns anging und ein aufregender Rhythmus die Halle erfüllte, starrte ich nur auf die blinkenden Fliesen des Laufsteges.

Aus dem Dunkel tauchte ein Körper auf, sein ganzer Leib schien in Flammen zu stehen. Ich weiß nicht wie man diesen Effekt hinbekommen hatte, aber das Bodypainting, das seinen ganzen Körper einhüllte, flackerte in dem pulsierenden Rhythmus der Lichtanlage.

Immer näher kam der Tänzer auf uns zu. Mit jeder seiner Bewegungen. Das rote Haar flammte um seinen Körper und sein Gesicht, wurde dabei von Ventilatoren immer wieder durcheinander gebracht. Es ließ ihn wild aussehen. Doch als die Stimme sich langsam über den Rhythmus erhob, begann meine Haut zu kribbeln.

Ich erkannte die Stimme genau, auch wenn Börje gestern nur einen einzigen Satz zu mir gesagt hatte – mit offenem Mund stand ich da, starrte ihn an, lauschte ihm. Langsam tanzte er an uns vorbei. Er war zum Greifen nah. Ich hätte nur die Hände nach ihm ausstrecken müssen, ihn zu mir ziehen und resolut erklären, dass er mir zu gehören hatte. Doch ich tat es nicht. Ich starrte ihn nur fassungslos an.

„Multitalent“, flüsterte Djala nur zu mir, doch ich reagierte nicht. Ich war in diesem Körper, in dieser Stimme gefangen und ich fühlte mich einmal mehr in meiner Gier bestätigt, ihn besitzen zu wollen. Ich war enttäuscht, als er plötzlich eine Stange ergriff, die ich vorher nicht gesehen hatte und sich langsam daran nach unten gleiten ließ und auf einer weiteren Bühne damit begann, sich in der Melodie zu wiegen und zu biegen, sich geradezu anzubieten. Doch nicht mir, sondern den geifernden Kerlen da unten. Ich merkte nicht mal, wie ich leise knurrte, Djala schon. Er lachte.

„Deswegen stand er nicht hinter der Bar. Er tritt nicht oft auf, aber wenn es sich rumspricht, dass er mal wieder auf die Bühne kommt, ist der Laden gerammelt voll.“ Er leerte sein Glas und stellte es zu meinem. Ich aber gaffte noch immer. Dort unten war das Licht heller, ich begann, mehr wahr zu nehmen. Die definierten Muskeln, nicht zu viel, nicht zu wenig, ein leckeres Six-Pack auf dem Bauch und ein paar gut definierte Oberarme. Meterlange Beine, die sich gern mal um mich schlingen durften und diese Augen!

„Der geht heute bestimmt nicht alleine nach Hause.“

Ich hätte Djala für diesen Kommentar eine reinhauen können, aber wirklich mal! Genau so sah ich ihn auch an.

„Hey, Hübscher. Ich habe dir gesagt: nur stehen und gaffen bringt's nicht, denn die Konkurrenz schläft nicht. Geh ran oder schlag ihn dir aus dem Kopf. Und jetzt ist meine Pause um – danke für den Drink.“ Djala küsste mich auf die Wange und nahm die Gläser mit.

Ich blieb allein auf der Plattform zurück und konnte nur zusehen, wie Börje von der Masse verschluckt wurde. Ich konnte die Hände gar nicht zählen, die sich auf seinen nackten Körper legten. Noch zwei Minuten später hatte ich ihn aus den Augen verloren und meine Laune war so weit gesunken, dass sie nicht tiefer hätte sinken können. Also machte ich mich auf den Weg nach Hause. Gefrustet, angepisst und darüber grübelnd, wie ich einen solchen Mann auf mich aufmerksam machen konnte.

Donnerstag... 15:09

„Was ist das denn?“

Plötzlich erfüllte ein Schlagzeug die Gänge der Schule. Ich wusste gar nicht, wo ich mich wieder fand! Ich hatte noch mit zwei anderen Mathematik-Lehrern ein paar Sachen durchsprechen müssen, weil wir eine AG aus dem Boden stampfen wollten, plötzlich hämmerte im Raum neben uns ein Schlagzeug. Doch ziemlich schnell korrigierte es seine anfangs nervenden Takte und begann eine Melodie zu bilden. Noch nicht wirklich schmerzfrei, aber immerhin nicht mehr so, dass man das Gefühl hatte, gleich gemeuchelt zu werden, von falschen Noten erwürgt und mit dem Notenschlüssel verprügelt.

„Ein paar Jungs und ein Mädel versuchen eine Band zu gründen“, erklärte mir Kerstin. Sie unterrichtete die Mittelstufe und war dafür bekannt, dass sie ziemlich gut mit den Kids klar kam. Auch die älteren Jahrgänge mochten sie und so war sie immer ziemlich informiert. „Normalerweise üben sie drüben im Schulclub, doch der wird gerade renoviert. Da mussten sie ausweichen.“

„Aha“, machte ich noch, aber nicht wirklich begeistert. „Betonung liegt auf versuchen, oder?“ Es fiel mir schwer, mich bei diesem Krach – anders konnte ich es wirklich nicht beschreiben – noch etwas zu konzentrieren. Und ihr könnt mir glauben, das lag wirklich daran, dass der Krach mich störte und nicht daran, dass ich gestern mal wieder einen Tiefschlag erlitten hatte und mein Ego erst mal wieder eine Verwöhnpackung brauchte.

Plötzlich war Ruhe und ich war schon dabei aufzuatmen, da ging das Nächste los. Eine E-Gitarre quietschte oder eine Katze auf der Streckbank, so richtig konnte ich diese beiden Tonlagen noch nie auseinander halten, aber es waren beides Dinge, die ich definitiv nicht mochte.

„Kann mal einer das Tier retten?“

Kerstin lachte nur. „Das ist Steffi, sie versucht ihr Bestes, aber die Finger wollen noch nicht so, wie die Noten es vorgeben.“

„Dann soll sie die Noten selber spielen lassen und sich da nicht rein hängen“, knurrte ich in Erwartung, was nach einer Gitarre und einem Schlagzeug noch kommen konnte. Eine gequälte, pubertäre Kinderstimme drängte sich mir im Geiste auf und ich hoffte, ich würde wenigstens davon verschont bleiben.

Und ich wurde, denn ein gebrülltes „EY“, vor der Tür ließ alle nebenan verstummen – wer auch immer dieser stimmgewaltige Retter war, er hatte gerade das Seelenheil meines Gehörganges beschützt. Leises Gemurmel wurde laut, ab und an ein Takt angespielt, dann wieder Gemurmel. Kerstin, Günther und ich machten uns also wieder darüber unsere AG zu planen, bis Kerstin aufhorchte.

„Das ist neu, das kenn ich noch nicht“, sagte sie, als ein Keyboard eine saubere Melodie spielte. Das klang sogar richtig gut! Kerstin erhob sich und als die Stimme einsetzte, eine weiche, dunkel rauchige Stimme, die mir ein Kribbeln über die Arme laufen ließ, schoss ich ebenfalls hoch und an ihr vorbei!

Zu intensiv drängte sich mir das Bild von Börje auf, wie er gestern wie ein Raubtier über den Laufsteg gekrochen war, wie er mit seiner Stimme die ganze Halle zum Beben gebracht hatte. Ich stolperte aus der Tür, riss die Nebentür auf und starrte auf das Bild, was sich mir bot. Ein kleiner Halbkreis hatte sich um das Keyboard gebildet und lauschte völlig fasziniert und ich stand wie angewurzelt da.

Es war dunkel, das Licht auf der Bühne war schlecht eingestellt und plötzlich verstummte die Stimme und die Melodie auch. Der Rest fing an, wild durcheinander zu reden und das Klappen einer zweiten Tür war zu hören. Ich hastete näher, doch der Platz hinter dem Keyboard war leer. Ich fragte zwar noch in die Runde, aber die meisten murmelten nur vor sich hin, was von klasse und engagieren und nahmen mich gar nicht für voll.

Da stand ich nun mit meiner Gänsehaut und wusste nicht woher sie gekommen war. Wurde ich langsam wahnsinnig? Dass ich einen Travestie-Künstler jetzt schon in einer Schule vermutete? Hey, ich gebe es zu, man konnte durchaus glauben, dass ich besessen war. Ich nehme es euch nicht übel, Leute, ich glaube es ja langsam selber.

Und wisst ihr, was das gemeinste war?

Ich hatte noch immer keine Strategie, wie ich Börje auf mich aufmerksam machen konnte. Wenn er seit seinem Auftritt gestern nicht noch umschwärmter war als sowieso schon, wie konnte ich mich einem solchen Kerl nur schmackhaft machen?

Donnerstag... 20:12

Früher als die letzten Male stand ich vor der Tür vom Boyz 'R' uz. Der Laden hatte gerade Mal seit 12 Minuten geöffnet, aber er schien schon gerammelt voll. Was mich immer noch wunderte, war die Tatsache, dass in einem solch freizügigen Lokal keiner die Ausweise verlangte, doch das konnte mir auch gerade ziemlich egal sein. Ich war keine 15 Jahre mehr, auch wenn ich mich gerade wie ein blöder Schuljunge fühlte.

Ich hatte meine engsten Klamotten aus dem Schrank gezerrt, hatte mich gestylt und jetzt fühlte ich mich gar nicht mehr wirklich wohl, sondern eher wie ein Zirkuspferd in der Manege. Ich schlich mehr, als dass ich den Laden betrat und suchte mir eine stille Ecke. Mein Tag war zum Scheitern verurteilt, noch ehe ich wirklich zum Zuge gekommen war. Nur für die, die es wirklich interessierte. Ich trug eine enge Jeans und mit eng meine ich Bauch-einziehen-eng! Dazu ein albernes Oberteil, das mehr aus Schnüren als aus Stoff bestand. Ich sag’s ja: wie ein Zirkuspferd.

Je mehr ich mir das bewusst machte, umso weiter trieb ich mich in die Ecke, die ich gefunden hatte. Wurde immer kleiner und versuchte zum Schluss nicht mal mehr zu atmen, um auch ja nicht aufzufallen. Zirka 20 Minuten ging meine Rechung auf, dann stand plötzlich ein Glas Wasser vor meine Nase und ein schwarzhaariger Mann, der mich frech angrinste.

„Süßer, was machst du nur für Sachen“, sagte Djala und grinste mich an. „So wird das aber nichts. Komm mal mit.“ Ich kam gar nicht dazu, mein Glas Wasser zu leeren. Djala griff es, griff mich mit der anderen Hand und bahnte sich und mir einen Weg durch die Massen, bis zu einer Tür mit der Aufschrift privat. Ein Ordner davor schien dafür zu sorgen, dass dies auch eingehalten wurde, doch als er Djala nicken sah, trat er zur Seite.

Also wurde ich hemmungs- und gnadenlos durch diese Tür gezerrt, über einen langen schummrigen Flur geschleift und in eine Art Umkleide geschoben. „Setz dich mal da hin, ich such dir mal was zum Anziehen!“, sagte er zu mir und gab mir mein Glas Wasser wieder. Ich war völlig fasziniert darüber, dass nicht ein Tropfen über den Rand gekleckert war, obwohl wir uns durch eine tobende Menge gewunden hatten. Djala verstand seinen Job als Kellner wirklich.

Erst als ich mit Bewundern fertig war, kam ich dazu, mich darüber aufzuregen, was denn an meinen Klamotten nicht stimmen würde. Doch Djala hob nur eine Braue und sagte kein Wort und ich verstummte unter diesem inquisitorischen Blick. Ich wusste ja selber, dass es nicht gerade der große Glücksgriff gewesen war, aber dass ich so verzweifelt aussah, dass ein Wildfremder mir helfen wollte, weil er Mitleid hatte, ließ mich dann doch arg erröten. Was war ich nur für eine jämmerliche Gestalt.

„Wir machen jetzt einen Deal, Süßer. Du bekommst was Ordentliches zum Anziehen und dafür hältst du Börje den billigen Zuhälterverschnitt vom Fell, okay?“ Djala griff in ein Gestell, auf dem nur Farben flimmerten. Kleider, die aus etwas gefertigt waren, für das sicher Hunderte von tropischen Zierfischen ihr Leben hatten lassen müssen. Ein anderes bestand aus etwas, was nicht mal ein Papagei tragen würde, ohne die Natur zu verklagen. Wieder ein anderes, nein – ich wollte gar nicht wissen, was Djala aus diesem Ständer von Klamotten zerrte und mir verpassen wollte.

Lieber sah ich ihn etwas fassungslos an – fassungslos gucken konnte ich nämlich neuerdings ziemlich gut. Wenigstens was, wenn ich schon nicht durch andere Dinge positiv auffiel.

„Ja, guck nicht so. Seit gestern steigt ihm der Kerl nach. Mit seiner Kohle glaubt der, er könnte sich alles kaufen“, schimpfte Djala vor sich hin. Na herrlich! Und jetzt sollte ich mich da einmischen? Was, wenn Börje das durchaus genoss? So wie der sich gestern hatte abführen lassen, stand der doch drauf, betatscht zu werden! Ich knurrte leise und Djala drehte sich wieder zu mir um. „Was denn nun, kümmerst du dich ein bisschen um unser Küken oder nicht?“

„Was soll ich mich da rein hängen – der will doch gar nichts von mir wissen!“, maulte ich nur vor mich hin und schüttete das Glas Wasser gänzlich runter. Ich wusste doch selber nicht so richtig, was eigentlich los war. Ich kam nichts ahnend hier her, dann war ich für den Typen plötzlich nicht gut genug angezogen und sollte ihm auch noch das Date mit einem reichen Typen vermasseln? Ich war doch nicht blöd! Die jungen Kerle wollten das doch – ein Mann von Welt mit Kohle, der ihnen die Welt zu Füßen legte. Was wollte dieser Börje mehr? Mich ja jedenfalls nichts!

„Der weiß gar nicht, dass es dich gibt, du Idiot!“ Djala warf mir eine Jeans hin und sah mich abschätzend an, dann fing er wieder an zu wühlen und sah gar nicht, wie ich wütend rot-blau anlief. „Was soll das denn heißen?“, knurrte ich und wäre am liebsten explodiert, wenn das nicht immer so hässliche Flecken auf der Tapete machen würde.

„Das soll heißen, dass er gar keine Zeit hat, sich jeden zu merken, der ihn anstarrt. Mach mal die Zähne auseinander, quatsch ihn an, sag was. Aber nicht da hocken, gaffen und warten, dass dir alles zufällt. Börje wird dir nicht zufallen.“ Djala wühlte vor sich hin und ich wurde so was von wütend.

„Hab ich gesagt, ich will den Typen haben? Er will mich nicht – ich will ihn nicht. Wunderbar, alle happy!“ Aber hey, wem wollte ich denn was vormachen? So wie mich Djala anguckte, musste ich es bei ihm gar nicht erst versuchen.

„Klar, weil er dir so egal ist, kommst du jeden Tag hier her, guckst dir die Augen aus dem Kopf, verrenkst dir den Hals, hast schlechte Laune, wenn er nicht da ist. Bist du fertig mit lügen? Können wir dich herrichten?“ Djala fertigte mich einfach ab, wie ein kleines, dummes Kind. Ich wusste gar nicht, wie ich mich fühlen sollte. Aber mein Zustand steigerte sich von wütend zu fuchsteufelssauer. Was bildeten sich diese Transen eigentlich ein?

Aber ich kam nicht dazu, mich aufzuregen – am Ende des Ganges knallte die Tür und fremdländische – sicher nordische – Flüche erfüllten den ganzen Flur. „Mist“, knurrte Djala nur, gab mir einen Schubs, sodass ich auf den Stuhl hinter mir fiel und ging zum Flur, zog die Tür ran, so als dürfte mich keiner sehen.

„Ich bring diesen Bastard um. Wenn der mir noch einmal an die Eier tatscht, bring ich diesen Bastard um!“

Na da war ja jemand geladen. Ich kicherte leise, irgendwie war es gut zu wissen, dass man nicht alleine so scheiße drauf war.

„Was denn los, Börje“, sagte Djala vor der Tür und ich saß steif wie ein Stofftier mit Knopf im Ohr auf meinem Stuhl, ich versuchte nicht zu atmen und hoffte, ich würde gar nicht auffallen.

„Ich beschwere mich jetzt bei Vincent. Wenn er diesen Bastard nicht vor die Tür setzt, kündige ich diesem Laden hier die Zusammenarbeit!“ Irgendwie klang die Stimme in meinen Ohren ganz anders als in den letzten Tagen, nicht rauchig, nicht betörend. Einfach nur sauer, wütend und das Bild eines nordischen Rachegottes bildete sich vor meinem Auge.

„Soll ich dir jemanden schicken, der sich mal um Albert kümmert?“, fragte Djala und irgendwie wurde ich gerade das Gefühl nicht los, dass ich damit gemeint war. Ich sollte mich mit einem Eiertatscher anlegen? Na herrlich! Was war ich denn?

„Bringt doch auch nichts. Chip hat sich schon als mein Lover ausgegeben, doch Albert juckte das gar nicht. Der ging mir weiter an die Wäsche, kam hinter die Bar, versuchte mich drauf flach zu legen. Ich glaube, ich spinne.“ Ich hörte genau, wie Börje sich langsam wieder beruhigte, doch in seinen hohen Stiefeln tippelte er noch immer über den Betonfußboden. Man hörte deutlich die schnelle Schrittfolge.

„Börje, steck das Handy weg. Ich schick jemanden hoch, du wirst hier nicht kündigen!“, knurrte Djala und Börje knurrte zurück. Alles in allem eine wüste Knurrerei und dann schien Börje wieder zu gehen. Ging einfach von mir und Djala kam fluchend zurück. „Scheiß Kerl!“

Ich sah ihn nur an. Ich habe keinen Schimmer, was mich zu dem Folgenden bewegte, doch ich griff entschlossen in den Fundus von Djalas Kleidern, suchte mir etwas nettes und forderte: „Schmink mich, mal sehen, ob ich dem Kerl nicht besser gefalle als Börje!“

„Bitte?“, fragte mich Djala ziemlich fassungslos und ich knurrte ihn an, er möge sich beeilen, weil ich sonst meine Schnapsidee vielleicht bereuen würde.

Ehrlich Leute, ich bereute sie jetzt schon. Ich hatte keinen Schimmer, wie man sich in einem Kleid bewegte, ich wusste nicht, wie man das Laufen auf hohen Hacken überlebte und ich hatte keinen Schimmer, wie ich mich feminin geben musste. Doch ich hatte diesen Laden gerade erst gefunden, er gefiel mir – nicht zuletzt wegen einer gewissen Bedienung – da hatte ich keine Lust, dass der kündigte, nur weil einer der Gäste zudringlich wurde. Hatten die hier nicht genügend Sicherheitspersonal?

„Okay, setz dich, ich schmink dich“, sagte Djala nach einer Weile, so als hätte er darüber erst nachdenken müssen. Aber er schien den Plan für durchführbar zu halten – wenigstens einer von uns beiden! Ich würde wohl gleich sterben – ich war gleich so was von tot! Ich hatte keinen Plan, aber ich war entschlossen, mich für einen Kerl zum Trottel zu machen, der mich gar nicht kannte. Ganz tolle Wurst!

Nabla mal Nabla gleich Laplace6 – nur falls Fragen aufkommen sollten!

Zwanzig Minuten später war aus mir eine rassige Blondine in einem atemberaubend kurzem Catsuite geworden. Ich hätte nicht gedacht, dass meine Beine in hohen Schuhen so gut zur Geltung kommen konnten! Ich trug das seltsame Ding aus Zierfischleder-Imitat, oder was auch immer es war, und ich glitzerte bei jeder Bewegung.

Noch ein letzter Blick in den Spiegel. Na ja, heiraten würde ich mich selber definitiv nicht, aber wenn es den Zweck erfüllte, heiligte es die Mittel. So blieb ich Börje dann wohl definitiv im Gedächtnis. Vielleicht nicht als potentieller One-Night, vielleicht nicht als potentieller Liebhaber, aber als Lachnummer des Abends. Ich bekam noch einen Schnellkurs im Laufen und dann wurde ich den Haien zum Fraß vorgeworfen.

Schon der Weg zur Bar war eine Bewährungsprobe, nicht nur, weil ich nicht sah, wo ich hinlief. Ich musste mich also auf mein Fußgefühl in diesen Waffen von Schuhen verlassen. Jeder Zweite fingerte mir am Hintern herum, ein paar kleinere reichten vielleicht nicht so weit hoch und rutschen – wohl aus versehen, das hoffte ich zumindest für deren Eier – zwischen meine Schenkel. Also, wenn Djala und Börje das jeden Tag erlebten, konnte ich Börjes Frust definitiv verstehen!

„Hey, Sexy“, rief mir einer nach und kaum dass ich mich umgedreht hatte, hatte ich schon eine fremde Zunge in meinem Hals. Ich konnte gar nicht so schnell reagieren, wie der Kerl weiter gegangen war. Holla! Was war denn hier los? Waren Kellner hier Freiwild?

„Zubbel nicht so an deinen Hotpants rum“, knurrte mich Djala an, als er an mir vorbei ging und ein Tablett vor sich her trug. Der hatte gut reden! Der trug einen Rock! Dem rutschte keine Naht an Stellen, die noch nie die Sonne gesehen hatten! Aber ich straffte mich, nickte und atmete noch mal tief durch.

Dann versuchte ich mein Glück mit der Kombination von schlanken Absätzen und Lichtgitterrosten. Es dauerte ein bisschen, bis ich den Dreh raus hatte, mein Gewicht nur auf die Ballen zu verlagern. Aber ich kam ohne Sturz oben an. Mein erster Blick fiel auf die Bar, an der Börje arbeitete und da sah ich ihn schon.

Ein Kerl in einem billigen Anzug, der immer wieder über die Bar griff und meinen Lieblingskellner betatschte und ihm Geld von unten in die Hotpants schieben wollte. Ich hatte zwar noch keinen Schimmer wie ich mich an diesen widerlichen Kerl ran machen sollte, aber alles, was ihn davon abhielt, Börje zu betatschen, war mir recht.

Ich schaltete den Verstand einfach aus, als ich den Kerl an der Schulter packte, ihn auf seinen Stuhl drehte, bis er mit dem Rücken zur Bar saß und ihm – wie der Typ vorhin mir – meine Zunge in den Hals schob. Igitt! Mir war nach spucken, nach würgen. Was hatte der Kerl denn gegessen? Nein, da wollte ich nicht drüber nachdenken – bloß nicht nachdenken!

Kopf ausschalten.

Und so fiel es mir auch gar nicht schwer, mein Knie anzuziehen und es ihm auf den Schritt zu packen, damit ein bisschen zu reiben und ihn zu reizen. Ich spürte ziemlich schnell, dass der Kerl damit wohl nicht gerechnet hatte. Er mochte es wohl nicht sonderlich, dominiert zu werden, doch da hatte er in mir wohl seinen Meister gefunden!

Ich ließ ihn kaum zu Wort kommen, kaum zu Atem, schob ihm meine Zunge immer tiefer in den Hals und drückte mit meinem Knie immer fester zu. Na ja, viel war es ja nicht gerade, was ich da zu spüren bekam. Aber irgendwann ging selbst mir die Luft aus und ich sah dem Typen dreist in die Augen. „Hey, Sexy“, hauchte ich ihm entgegen und ließ eine meiner Hände durch das blonde Haar gleiten. Meine andere Hand wanderte über die Brust und zum Hosenbund.

Es brauchte etwas, bis der Kerl sich gefasst hatte und er mich angrinste, zufrieden und sichtlich angetan. Der dachte wohl, ich wollte mit ihm mit? Sah ich aus wie ein entlaufener, verhungerter Hund oder eine nassgeregnete Katze? Aber so nicht – ich wollte nur, dass der Kerl sich verpisste und ich endlich mal mit Börje anbandeln konnte. Okay, vielleicht nicht gerade in dem Fummel und der Perücke, aber... egal. Ich wollte doch nicht denken.

Ging mir der Kerl doch an den Arsch!

Aber holla.

Das war Sperrgebiet, da hatte keiner rumzufingern! Also ließ ich meine Hand in seinen Schritt greifen und plötzlich musste ich grinsen. Hey, ich war als Kind auch ein Nachzügler gewesen, wenn ich nicht wusste, wie sich der Unterschied zwischen einem richtigen Schwanz und einem Knäuel Tennissocken anfühlte, wer dann?

Also griff ich beherzt in den Bund, warf, was ich fand, auf die Theke und alles um mich herum fing an zu lachen – Albert allerdings nicht. Der schob mich blass von sich, fing an über mich zu fluchen. Böse, böse Worte wechselten den Besitzer und weil ich dem Ganzen noch die Krone aufsetzen wollte, rief ich dem Flüchtenden nach, ich würde auf kleine Schwänze stehen und er könne ruhig wieder zu mir kommen! Doch Albert dachte da wohl gar nicht dran.

Mein Job war getan, alles was ich wollte war aus diesen Klamotten raus und heim! Doch als ich mich gerade von der Bar entfernen wollte, hielt mich einer an den Haaren fest und zog mich quer über die Theke. Ich fluchte auf Djala, weil er die Perücke bombenfest geklammert hatte und ich so dem Zug folgen musste.

Ich fand mich also quer über die Bar gelegt wieder, ich kam mir ziemlich hilflos vor und als ich Börjes grinsendes Gesicht direkt über mir sah, fing mein Herz an zu schlagen – wirklich! Ich wollte es ja selber nicht glauben, aber mein Puls hämmerte dusselig vor sich hin! Ich hatte doch beschlossen, dass der Kerl mich kalt lässt. Hatte mein Herr Körper das Protokoll unserer letzten Sitzung nicht gelesen? Wozu gab ich denn Drehbücher aus, wenn sich keiner dran hielt?

„Hat Djala dich geschickt?“, wollte Börje rau wissen – kein bisschen erinnerte mehr an die aufgebrachte, wutgetränkte Stimme von vorhin. Ich war mal wieder ziemlich perplex, dumm gucken konnte ich ja schon immer gut. Also nickte ich nur und japste wie ein junger Hund, als Börje mich anlächelte. „Danke“, flüsterte er und küsste mich kurz auf die Lippen.

Doch dann wurde er auch schon wieder an der anderen Seite der Bar gebraucht und ich blieb allein zurück, immer noch einladend über die Bar drapiert. Ehe noch einer auf die Idee kam das auszunutzen, erhob ich mich wieder und sah noch mal zu Börje. Aber der war schon wieder beschäftigt mit seinen Gästen.

Für einen lumpigen Kuss hatte ich mich hier gerade zum Lacher gemacht? Ich war dumm, ich war naiv. Ja, ja ich höre euch schon wieder. Hätte ich vorher wissen können, sind doch nicht im Märchenland. Ich weiß, ich weiß! Und weil ich das wusste, ging ich dann auch langsam wieder zurück. Der Ordner, der wohl wusste, was gespielt wurde, ließ mich in die privaten Räume. Ich zog mich um, zog meine Jacke wieder über die Peinlichkeit, die ich Outfit nannte und machte, dass ich von dannen kam. Ich sah nicht noch mal zurück, weswegen ich auch fast hinten über fiel, als mich etwas oder jemand oder was auch immer, an der Kapuze packte.

„Falsche Richtung?“, fragte mich Djala und sah von oben in mein Gesicht. Verdammt, der Kerl war wirklich riesig! Ich verstand nicht. „Ich will heim“, murmelte ich nur und richtete mir wieder die Jacke, die fast bis zum Bauch hoch gerutscht war und mich gerade langsam und genüsslich erdrosselte.

„Es ist noch nicht mal elf. Ich hab 'ne Stunde Pause“, sagte Djala, störte sich gar nicht daran, dass ich protestierte und röchelte und gerade nur noch in Ruhe sterbend irgendwo vor mich hin leiden wollte. Ziemlich würdelos riss er mir erst die Jacke runter, dann diese Peinlichkeit von einem Hemd, warf mir eine edle Weste über, knöpfte sie zu und zerrte mich sinnlos hinter sich her – nach oben an eine gewisse Bar mit einem gewissen Barkeeper. Also, die Sache mit der Würde hatte sich für heute wohl erledigt.

Weil ich aber nicht auf den Weg achten musste, denn Djala zerrte mich ja durch die Massen, hatte ich mal die kurze Gelegenheit zu sehen, wie viele Gäste eigentlich dieser Kellnerin hinterher sahen. Meine Güte, wenn das bei Börje noch extremer war, dann müsste ich mich ja ordentlich ins Zeug werfen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Irgendwie befand ich mein ganzes Unterfangen plötzlich gar nicht mehr als eine so extrem gute Idee. Mal davon abgesehen, dass ich wohl meine Liebschaften wo anders suchen sollte, als in einem Nachtclub. Und hey – was hieß denn hier Liebschaft? Ich verliebte mich doch nicht. Das war einer meiner Grundsätze.

Aber Grundsätze hin oder her, ich wurde hemmungslos die Treppe hinauf gezerrt. Das eine oder andere mal kam ich ins Straucheln, doch ich hatte gar nicht die Chance umzufallen, denn die Massen an Leibern, die sich um uns scharten, verhinderte, dass ich für mich allein so viel Platz in Anspruch nahm, zu Boden gehen zu können.

Ab und an fing ich mich also an einem von denen ab, zweimal wollte ich gar nicht genauer wissen, in was ich da gerade gefasst hatte und warum das so hart abstand! Nein, ich wollte es definitiv nicht wissen, war froh, wenn Djala mich weiter zerrte und ich mich einer peinlichen Entschuldigung somit entwinden konnte. Wie hätte das denn auch geklungen? Sorry, dass ich dir gerade an den Ständer gepackt habe, aber es war gerade nicht anderes da, um mich vor einem Sturz zu bewahren?

Scheiß Anmache, oder?

Wie auch immer, ich bekam nicht wirklich noch die Möglichkeit bis in die tiefsten Tiefen dieser ganzen Sache vorzudringen, denn kaum dass Djala stoppte und ich ziemlich unelegant in ihn hinein lief, stand ich auch schon vor einer Bar, wurde auf einen leeren Hocker ganz rechts gesetzt und da saß ich nun. Djala hielt meine Schultern fest und drückte mich auf den Hocker, als hätte er meinen Instinkt zur Flucht gerochen.

Jedenfalls hatte dieser Riese von einem Mann jede Menge Kraft, ich konnte mich nicht hoch drücken und mich verflüchtigen und so kam es wie es kommen musste: Börje kam zu uns rüber, grinste Djala an und sah dann auf mich. Bildete ich mir das nur ein oder starrte er mich schockiert an – starrte, als wollte er mein Innerstes analysieren. Ob ich es ihm gleich auf den Tisch legen sollte, fein sortiert nach Alphabet, ehe er es mit seinen eindringlichen Blicken aus meinem Leib schnitt?

Mir war gar nicht wohl dabei, als er mich mit Blicken maß, es sah so aus, als erwartete er etwas von mir. Was?

Da fiel es mir ein! Wir waren an einer Bar. Was konnte ein Barkeeper da wohl von einem verlangen? Bestimmt nicht das Ticket für den Bus!

Doch ehe ich wirklich etwas bestellen konnte, weil ich mich mit Cocktails kaum auskannte, da sagte Djala: „Sex on the Beach7.“ Mein Englisch reichte gerade noch, um das zu übersetzen und ich musste zugeben, ein verlockendes, aber unanständiges Angebot. „Für mich und deinen Lebensretter“, fügte Djala noch hinzu und Börjes wunderschöne Augen wurden noch größer. Er kam dichter, ignorierte sogar die Rufe vom anderen Ende der Bar und stützte sich auf der Theke auf. Sein Gesicht kam meinem immer näher, immer näher. Ob er mich noch mal küssen wollte? Bitte, bitte, bitte – jetzt trug ich wenigstens ein paar Klamotten, in denen ich mich wohler fühlte, auch wenn die nackte Haut, die die schmal geschnittene Weste entblößte, ziemlich prickelte.

„Du warst das eben?“, fragte er mich mit dieser verboten rauchigen Stimme und wie ein blöder Idiot konnte ich nur nicken. Ich bekam kein Wort heraus.

„Echt?“ Börje strich mir durch die Haare und ich wusste gar nicht wie mir geschah. Fehlte nur noch, dass ich wie ein Hund anfing mit dem Schwanz zu wackeln und... okay, ich war ehrlich! Es war so und keiner sah was. Also war es auch nicht passiert. „Brünett steht dir besser als blond“, sagte er zu mir und ich konnte wieder nur dümmlich nicken.

Oh mein Gott, wenn ich mich daran zurückerinnere, was musste Börje nur von mir gedacht haben? Okay, sind wir ehrlich: ich wollte es nicht wissen, nein, nein, nein. Mein Ego weigerte sich. Es schien sich ziemlich für mich zu schämen.

„Sex on the Beach – kommt sofort“, hörte ich Börje nur noch sagen und dann war er weg. Einfach weg, ich sah nur noch seinen Rücken und diesen leckeren Hintern, als er sich tief bückte und etwas Eis aus dem Kühlschrank holte. Wisst ihr was richtig peinlich war – noch peinlicher, als alles was bisher passiert war?

Ich starrte ihm auf den Hintern und er drehte sich um und sah mir in die Augen, als hätte er genau das erwartet. Als würde das nicht reichen lachte Djala neben mir und meinte dezent, ich würde sabbern und ob ich das mal lassen könnte. Instinktiv strich ich mit einer Hand über das Kinn und sah nur noch, wie Djalas Kopf vor Lachen auf die Theke sank. Hatte ich die Sache mit der Würde schon erwähnt?

Ich kam mir so blöd vor, so vorgeführt. Warum ging ich nicht einfach und kam nie wieder?

Wegen dem Blick, den Börje mir schenkte, als er die beiden Drinks vor mir und Djala hinstellte. Er konnte mit Augen so viel mehr sagen als mit Worten! Was war das nur? Es ging mir durch und durch, mir wurde heiß, mir wurde kalt, meine Haut brannte, prickelte, ich hätte am liebsten aus ihr fahren wollen, wenn das geholfen hätte.

Börje lehnte sich wieder dichter zu mir, um die laute Musik übertönen zu können. „Danke noch mal für vorhin, Albert ist echt lästig“, sagte er und lächelte mich an. Wie konnte ein einziges Lächeln, das simple Zusammenspiel diverser Gesichtsmuskeln nur so verführerisch sein?

„Hm, schon okay. Gern geschehen“, hörte ich mich nur murmeln und zog an meinem Strohhalm. Süße Cocktails waren zwar nicht mein Ding, aber das hier schmeckte gar nicht so übel. Wobei ich gestehen musste, dass ich Drinks mit Wodka sowieso am liebsten mochte, weil ich Wodka gern mochte. Da war es mir egal, ob es schwedischer oder russischer war. Gut musste er sein.

Als Börje amüsiert eine Braue hob, fragte ich mich gerade, was ich schon wieder gesagt hatte, um ihn zu amüsieren. „Du fasst gern fremden Männern in die Hose?“, fragte er mich doch allen Ernstes und ich wurde etwas rot. Was dachte der Typ denn von mir? Das hatte ich doch nur getan, um den Kerl loszuwerden! „Nein, ich...“, stammelte ich also erklärend, doch Börje lachte nur leise.

„Ganz ruhig, war doch nur ein Scherz. Du hast was gut bei mir... wie heißt du eigentlich?“, fragte er mich und es schien, als läge wirklich Interesse in seiner Stimme, auch in seinen Augen oder bildete sich meine unausgelastete Libido das nur ein?

„Marten“, sagte ich, „und du?“ Schließlich hatte er sich mir ja noch nicht vorgestellt, ich wusste nur von Djala, wie er hieß.

„Börje“, antwortete er. Irgendwie hatte ich gehofft, er würde mir seinen richtigen Namen sagen, aber da könnte ja wohl jeder kommen und fragen.

„Was ist das für ein Name?“, fragte ich aber, weil es mich einfach interessierte. So was hörte man nicht oft.

„Ist ein schwedischer. Der Name meines Großvaters. Er ist vor drei Jahren gestorben.“ Börje senkte den Blick und es tat mir leid, gefragt zu haben. Er schien sehr an seinem Opa gehangen zu haben. Also versuchte ich es anders.

„Und wie heißt du weiter?“, wollte ich wissen und sah ihn erwartungsvoll an. Doch er lächelte nur betörend und kam noch dichter. „Hier drinnen nur Börje“, hauchte er und der Augenaufschlag, der folgte, war phänomenal. Ich konnte nur „Und draußen?“, wispern und er grinste frech.

„Dazu müssten wir uns erst mal draußen treffen, Marten“, sagte er und konnte nun die Rufe jenseits der Bar nicht mehr ignorieren. Schließlich hatte er hier einen Job. Mit einem eleganten Hüftschwung stieß sich Börje von der Theke ab und wandte sich um, doch da war Djala schon neben ihm. „Kümmre du dich mal um deinen Retter, Süße. Ich schmeiß ein bisschen die Bar.“ Er zwinkerte mir zu und Börje sah das auch noch. Er guckte mich an, er guckte Djala an. Von Peinlichkeiten muss ich heute nicht mehr reden, oder?

Es hätte mich nicht gewundert, Börje hätte die Augen verdreht und wäre gegangen – doch er ging nicht. Im Gegenteil. Er nickte, mit einer eleganten Handbewegung überließ er Djala die Bar und kam zu mir. Er setzte sich neben mich und ich konnte gar nicht so schnell gucken, wie ein paar andere Typen uns auch noch umringten. Djala hatten wohl recht gehabt. Börje musste sich die Kerle wirklich mit der Brechstange vom Leib halten. Sie fingen an ihn zu betatschen, an ihm zu zerren, flüsterten ihm was ins Ohr und drängten mich so langsam aber sicher immer weiter ab. War doch zum Kotzen, aber ehrlich. Ich sah Börje kaum noch, obwohl er eigentlich direkt neben mir saß.

Frustriert trank ich erst meinen, dann Djalas Cocktail aus und knallte das Geld dafür auf den Tresen. Ich wollte mich gerade erheben und gehen, da schob mir Djala einen kleinen Zettel zu. ‚Mach was!’, stand darauf und ich verstand nicht. Doch da war Djala auch schon wieder weg und ich wusste nicht so richtig, was ich tun sollte. Aber okay, ich wollte Börje? Dafür musste ich auch was machen. Also wühlte ich mich durch den Pulk Männer aller Altersstufen, griff mir die Bardame an der Hand und sagte. „Tanzen?“

Begeistert nickte Börje und erhob sich, entschuldigte sich höflich und folgte mir. Doch als ich die Treppe runter wollte, zu einer der kleinen Tanzflächen, zog Börje mich mit sich, eine andere Treppe nach oben. Dort waren auch noch kleine Plattformen und auf einer war gerade Platz. Also folgte ich Börje, genauso wie plötzlich ein Spot uns folgte. Er folgte unserem Weg bis hinauf und kaum standen wir da oben, fing der appetitliche Happen vor meiner Nase an, sich in den treibenden Rhythmus fallen zu lassen.

Es schien als hätte mich Börje schon vergessen, kaum dass er die Tanzfläche betreten hatte. Weil sowieso alle Augen auf ihm lagen, zog ich es vor, mich etwas ins Dunkel zu drücken. Der Drang zu tanzen war mir gründlich vergangen, denn neben Börje hätte ich gewirkt wie ein eingegipster Storch. Ich war ja sowieso schon nicht der Geschickteste, aber mich neben ihn zu stellen und ein bisschen mit allem zu wackeln was man wackeln lassen konnte, hätte mehr als kläglich ausgesehen.

Also ließ ich es und ging langsam die steile Wendeltreppe wieder hinab. Das war gar nicht so leicht wie es klang, denn ein paar der Typen von eben kamen mir entgegen und wollten wohl ihre Chance nutzen, sich Börje noch etwas zu nähern.

Nein, das war heute definitiv nicht mein Tag – wie ich es machte, war es falsch, und machte ich es falsch, war es auch nicht richtig. Also stellte sich ziemlich schnell Frust ein und ich beschloss, mich jetzt noch schnell zu betrinken und mich dann vom Acker zu machen. Na ja, einen Vorteil hatte Börjes Gehampel da oben: die Bar war leer und ich konnte mir einen Platz aussuchen, pflanzte mich wieder auf meinen Hocker ganz rechts und forderte von Djala drei doppelte Absolut Mandrin. Ich wollte die Zeit nutzen, die Börje noch beschäftigt war und mich dann heimlich verpissen, hoffend, dass Djala mich nicht wieder daran hinderte!

„Falsche Taktik?“, fragte mich der Kerl hinter der Bar auch noch und ich sah ihn wütend an. Er hatte doch selber gesagt, ich müsse was tun und das war eben das Erste gewesen, was mir eingefallen war. So oft war es mir schließlich noch nicht passiert, dass ich meinen... hoppla. Jetzt bildete ich mir also schon ein, Börje wäre meiner? Nee, nee, davon wollte ich eigentlich geheilt sein. Ich hatte nämlich definitiv keinen Bock darauf, mit einem Kerl auszugehen, von dem ich dann den ganzen Abend nichts sah. Wenn das jedes Mal so lief, na danke!

„Red nicht, bring mir bitte meine Bestellung“, knurrte ich Djala nur an und der schüttelte den Kopf. „Nichts da, alles was du von mir bekommst ist 'ne Erdbeer-Latte8, aber bestimmt keinen Alkohol.“

Ich sah auf, ich war sowieso schon auf Krawall gebürstet. „Was soll das denn jetzt? Ich bin durchaus alt genug zu trinken! Also bekomm ich jetzt meine Bestellung oder muss ich woanders hingehen?“, knurrte ich ihn an. Ich hatte nicht mal ein schlechtes Gewissen, weil ich meine ganze schlechte Laune an Djala ausließ, schließlich war er es doch gewesen, der mich vorhin nicht hatte gehen lassen, sondern mich hierher geschleift hatte, wo ich mich nun wunderbar blamiert hatte.

„Erdbeerlatte oder gar nichts. Wegen mir noch 'n Wasser, aber keinen Alkohol, du bereust es hinterher“, sagte Djala zu mir und ich sah ihn wütend an. „Schieb dir deine Latte sonst wo hin, aber lass mich in Ruhe. Einen Absolut Mandrin, einen doppelten und zwar fix.“

Djala schien aufzugeben, schließlich war es nicht sein Job, sich um den geistigen Zustand seiner Gäste zu kümmern, sondern um den Umsatz, das tat er auch und stellte mir meine erste Bestellung hin – drei Doppelte Absolut in einem Wasserglas. Ging doch, warum nicht gleich so. Ich legte ihm das Geld auf den Tisch und wendete mich zum Gehen ab, doch er griff noch einmal nach meiner Hand. „Hör mal, so wird das nie was.“

Doch ich lachte ihn nur aus. Was sollte denn bitteschön noch was werden? Dass Börje mich mal ernst nahm? Bestimmt nicht, das wussten wir doch beide! Ich sah auf das Glas in meiner Hand, stürzte seinen Inhalt hinunter und knallte es auf den Tisch, dann ging ich, ohne mich noch einmal nach Börje umzusehen. Um den musste ich mir bestimmt keine Sorgen machen, denn der amüsierte sich wohl glänzend ohne mich.

Neben der Tür lagen noch immer meine Jacke und das Hemd. Also zog ich mich wieder um, legte die Weste dorthin, wo meine Jacke gelegen hatte und machte, dass ich heim kam. Aber hey, ihr wisst so gut wie ich – morgen würde ich wieder hierher kommen. Ich war süchtig nach diesem Mistkerl! 




1... schwed.: Entschuldigung! 

2 ... schwed.: Das gefällt mir nicht! 

3 ... Cocktail. 2,5 cl eiskalten Pfirsichschnaps in ein gekühltes Schnapsglas geben. Über die Rückseite eines Barlöffels vorsichtig eine Schicht der gleichen Menge Preiselbeersaft in das Glas geben, so dass die Schicht auf dem Schnaps aufliegt. Darüber den eiskalten Wodka schichten. 

4 ... schwed.: Es war meine Schuld. 

5 ... Cocktail. Ein Longdrinkglas mit Crushed Ice füllen, 2 cl Absolut Wodka Mandrin dazu. Vorsichtig 2 cl Melonenliquer über den Rücken eines Barlöffels aufgießen, damit eine zweite Schicht auf der ersten entsteht. Zum Schluss 8 cl Orangensaft ebenfalls vorsichtig aufschichten. Wie bei jedem Twist-Cocktail wird noch eine Schale der unbehandelten Zitrone oder Limone so über dem Glas gedrückt, dass ein paar der ätherischen Öle im Glas landen. 

6... Der Nabla-Operator ist ein Differentialoperator in der Vektoranalysis. Er wird mit dem Nabla-Symbol [auf den Kopf gestelltes Delta (Δ)] bezeichnet. Sein Name stammt von der Bezeichnung eines hebräischen Saiteninstruments, das in etwa die Form dieses Zeichens hatte.
Der Laplace-Operator oder Deltaoperator Δ ist in der mehrdimensionalen Analysis ein wichtiger Differentialoperator, der die Summe der reinen zweiten partiellen Ableitungen einer Funktion von mehreren Variablen ermittelt.
Nabla stellt die erste Ableitung dar, während Laplace die Ableitung der Ableitung darstellt, daher auch „Nabla mal Nabla gleich Laplace“ ... nur für die, die sich wundern was mein Mathelehrer so für Dinge von sich gibt, während sein Leben an ihm vorbei zieht ... 

7... Cocktail. 2 cl Wodka, 2 cl Pfirsichlikör, 8 cl Cranberry- oder Preiselbeersaft, 8 cl Orangensaft in einem Shaker geben, durchschütteln und zusammen mit zwei Eiswürfeln in einem Glas servieren. 

8... alkoholfreier Cocktail aus Milch, Erdbeersirup und Sahne.