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Geld oder Liebe - Teil 1

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"Stellenangebot - Gefäßchirurgie


Fachgebiet:........... Chirurgie - Kardiologie
Arbeitsplatz in:..... Essen - D-45134 Essen
Termin:................. nächstmöglicher Zeitpunkt
Hierarchie:............ Stationsleitung - Gefäßchirurgie
Stelle:.................... Arbeit - Vollzeit/ Schichtdienst
Art der Anstellung: Festanstellung in Klinik

Ihre aussagekräftigen Unterlagen schicken Sie bitten an:

Klinikum Schloss Baldeney
Personalabteilung - Guisine Schaller
Freiherr vom Stein Str. 386 a
45133 Essen“



Mory legte den Kopf schief. Seit wann suchten sie drüben in der Kardiologie einen neuen Gefäßchirurgen? Was war denn mit Lith, der derzeitigen Sektionsleiterin? Da hatte die Gerüchteküche im Schwesternzimmer aber wirklich versagt.

Er strich sich das blonde Haar hinter ein Ohr zurück und verschmälerte die Augen, als er noch einmal über den Text las. Eine Hand spielte an dem Kreuz, was er an einem schmalen Lederband um den Hals trug. Das wäre doch seine Chance zu einem Aufstieg. Er war zwar jung, aber er war erfolgreich. In seinem Studium war er Jahrgangsbester gewesen und hier in der Privatklinik von Herrn Tauber-Glauchau hatte er auch ziemlich schnell seinen Weg zum Assistenzarzt gefunden.

Doch irgendwie war Mory damit noch nicht wirklich zufrieden. Er wollte mehr, denn er konnte mehr. „Ich muss mit Berenger reden, ob er mir eine Empfehlung ausstellt“, sagte er leise zu sich selbst und schob die schlanken Chirurgenhände in die Taschen seines Kittels.

Er zuckte ein wenig zusammen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte und sich ein Kopf neben seinen schob. „Hallo, Mory, altes Haus, was gibt es denn hier so interessantes“, murmelte Frank, ein weiterer Assistenzarzt der Klinik und las sich durch, was am schwarzen Brett ausgehängt war. „Die suchen einen neuen Leiter der Gefäßchirurgie? Was ist denn mit Lith, hört die auf?“ Fragend sah der Braunhaarige seinen Kollegen an. „Hast du davon schon vorher was gehört? Ich hab da bisher noch nichts läuten hören. An deiner Stelle würde ich mich darum bewerben, ich tue es auf jeden Fall auch. Das wäre doch mal ein wirklicher Karrieresprung.“

„Willst du mich hier loswerden, oder was“, lachte Mory und schielte zu Frank rüber. Er war ein netter Kollege, immer gut drauf, immer korrekt und vor allen Dingen war er umgänglich. Es gab auch ein paar, mit denen ging es einfach nicht und er vermied es wie der Teufel das Weihwasser mit ihnen zusammen eine lange Schicht schieben zu müssen. „Mich wundert's nur, dass keiner was hat verlauten lassen. Berenger hätte doch bestimmt was gesagt. Ich werd mal sehen, wann er Zeit hat und um eine Beurteilung bitten“, erklärte Mory und streckte sich. Die zehn Stunden, die er schon auf den Beinen war, nagten schon ein bisschen an den Knochen, doch das war nichts, was ein guter Kaffee nicht wieder richten konnte und eines musste man dieser Klinik lassen: Hier kümmerte man sich wirklich um sein Personal.

„Aber nicht doch. Wenn ich so ein Leckerchen wie dich loswerden wollte, da wäre ich doch schön blöd. Wem sollte ich denn dann auf den Hintern starren“, lachte Frank und musste lachen, als die erwartete Reaktion kam und sich die feine Nase kräuselte. Es war eine ewige Plänkelei zwischen ihnen, seit Frank Mory einmal, während einer langweiligen Nachtschicht, erzählt hatte, dass er schwul war. Allerdings wusste der Halbasiat auch, dass es nicht ernst gemeint war und Frank ihn nicht wirklich anmachen wollte.

„Das muss entweder ganz kurzfristig gekommen sein oder die Klinikleitung hat es absichtlich zurückgehalten, um erst gar keine Gerüchte aufkommen zu lassen.“ Frank nahm die Hand von der Schulter seines Kollegen und lehnte sich neben dem Brett an die Wand. „Dann sind wir wohl jetzt Konkurrenten, um den Posten, denn ich bin da ziemlich scharf drauf.“

Eine fein geschwungene Braue wanderte in Morys Gesicht nach oben und er musterte seinen Kollegen grinsend. „Ja, ja. Ganz scharf drauf, hm? So scharf, wie auf meinen wohl geformten Hintern, oder was?“ Er sprach leise, denn es ging nicht jeden was an, wo Franks Präferenzen lagen. „Ich kann ihn dir für deinen Spind kopieren, wenn ich die Station verlasse“, erklärte er großmütig und schob eine Hand in die Hosentasche. „Denn wenn ich dich schon bei Mühle schlage, dann geh davon aus, dass ich dich hier erst recht nicht gewinnen lasse, Kleiner.“ Er baute sich noch etwas größer auf und überragte auf diese Weise Frank um ein paar Zentimeter.

„Das werden wir ja noch sehen. Nur weil ich dich bei Mühle immer gewinnen lasse, weil du viel hübscher bist, wenn du dich freust, heißt das noch lange nicht, dass ich das bei diesem Superposten auch mache.“ Frank ließ sich von Mory gar nicht beeindrucken, sondern piekste ihn einfach frech in die Seite, so, dass sein Kollege sich zusammenkrümmte. Tja, es war halt nie von Vorteil, sehr kitzelig zu sein. „Aber ein nettes Bild deines Allerwertesten nehme ich auch gerne, für meinen neuen Spind in der Gefäßchirurgie.“

Nun musste Mory doch lachen und lehnte sich neben Frank gegen die Wand. „Ach, so viel ist dir mein hübscher Hintern dann auch nicht wert? Jetzt bin ich enttäuscht. Aber ich glaube, Cherry wird wieder beruhigt schlafen, wenn sie weiß, dass mein fotogenstes Körperteil wieder sicher ist.“ Aber mit einem hatte Frank Recht: Das hier war kein Spiel, sie waren beide gut, sie waren beide fähig diesen Job zu bekommen und beide wollten ihn auch haben. Einer würde gewinnen und einer würde verlieren und ein nicht unwesentlicher Part darin dürfte ihr Vorgesetzter auf der Station, Professor Berenger, sein, ein undurchsichtiger Typ, der in seiner Arbeit aufging. Manchmal hatte man das Gefühl, der wohnte hier. Er war der letzte, der ging, und der erste, der da war, man konnte glauben, er nächtigte auch hier.

Und genau dieser kam nun direkt auf sie zu. Wie immer, die Nase tief in irgendwelchen Unterlagen vergraben, lief der etwas untersetzte Mann an ihnen vorbei und murmelte nur einen abwesenden Gruß, ohne seine Lektüre zu unterbrechen. Er war wirklich eine Koryphäe auf seinem Gebiet, aber niemand wusste viel über ihn, wenn es um sein Privatleben ging.

Frank sah ihm hinterher und seufzte leise. So richtig wurde er mit seinem Chef nicht warm. Nicht dass sie sich nicht leiden konnten, aber da war immer eine deutlich spürbare Distanz zwischen ihnen. Mory hatte da etwas bessere Karten, denn auch wenn er kein herzliches Verhältnis zu Doktor Berenger hatte, so war es doch um einiges besser, als sein eigenes.

Beide junge Ärzte sahen ihm hinterher und Mory stieß sich von der Wand ab. Leider hatte er jetzt einen Termin für die Nachmittagsvisite bei den frisch Operierten, aber anschließend wollte er sich seinen Chef mal krallen und wegen der freien Stelle auf den Zahn fühlen. Jetzt hätte das sowieso keinen Sinn. Wenn man Reiner aus seinen Büchern holte, war er nicht bei der Sache. Er musste erst abschließen, mit dem was er las, dann war er auch wieder aufnahmebereit. „Noch Zeit für 'ne Tasse Kaffee bei den Schwestern oder hast du vor der Visite noch was vor?“ Eigentlich türmten sich auf Morys Schreibtisch die Akten und Berichte, doch im Augenblick hatte er einfach keinen Nerv, den Papierberg auf seinem Tisch zu besteigen - das konnte er auch bei ein paar Überstunden machen, wenn es ruhiger war. Seine Freundin Cherry war sowieso für ein paar Tage nicht da, weil sie für ein Fotoshooting unterwegs war. Eigentlich hätte er selber mit fliegen sollen, weil auch er als freies Modell in der Agentur angestellt war, doch sein Job als Arzt ging vor und so war er hier geblieben, weil einer der Kollegen ausgefallen war.

„Für einen Kaffee und ein wenig Klatsch hab ich doch immer Zeit, das weißt du doch“, lachte Frank und stieß sich ebenfalls von der Wand ab. Er bog einmal den Rücken durch, denn auch er war schon seit zwölf Stunden im Dienst und da es gerade etwas ruhiger war, konnte er seinen Koffeinhaushalt wieder auffüllen. „Na komm, Schönheit, bevor man wieder nach uns sucht.“ Das war der einzige Nachteil dieser Klinik. Sie war klein und exklusiv und die Ärzte und Schwestern waren rund um die Uhr uneingeschränkt für ihre Patienten da.

„Wie geht es deiner Süßen überhaupt?“, fragte er Mory, der neben ihm zum Aufenthaltsraum der Schwestern ging.

„Ein bisschen angebrannt. Eigentlich sollte ich mit auf das Shooting und dann wollten wir ein Wochenende in Paris anhängen. Aber weil Ricardo ausgefallen ist, wurde mir der Urlaub gestrichen und nun sitzt sie allein in Paris und langweilt sich und schreibt mir das auch regelmäßig, untermalt mit ein paar Bildern“, erklärte Mory und gähnte kurz. Man bemerkte es kaum, weil er es beherrschte, die Lippen dabei geschlossen zu halten. „Aber ich bin nun einmal in erster Linie Arzt und nicht Modell, auch wenn ich eine ausgesprochene Schönheit bin und keiner von mir genug bekommen kann.“ Mory zwinkerte Frank zu und lachte auf, als sie um die Ecke bogen.

„Spinner“, lachte Frank, aber er gab seinem Kollegen in Gedanken Recht. Der Halbasiat war wirklich ein Hingucker und mit den leicht mandelförmigen, dunklen Augen und den blonden Haaren wirkte er sehr anziehend. „Ich kann verstehen, wenn ihr Paris nicht alleine gefällt. Ist ja schließlich die Stadt der Liebe und dort ohne den Freund zu hocken, ist bestimmt nicht so prickelnd.“ Er öffnete die Tür des Aufenthaltsraumes und grüßte eine der Schwestern, die ihm freundlich zu nickte, sich aber lächelnd in Positur setzte, als sie Mory hinter ihm entdeckte. Ihm wurde auch gleich, mit einem tiefen Einblick in das Dekolletee, eine Tasse Kaffee gereicht, wohingegen Frank sich selber bedienen musste.

So lief das immer, denn Mory war bei den Schwestern sehr beliebt, egal wie oft er unterschwellig erwähnte, dass er verlobt war und sehr glücklich. Er nahm also dankend die Tasse, reichte sie an Frank weiter und suchte sich eine eigene, erklärte, dass ihm heute nicht nach Kaffee mit Milch wäre, so wie er ihm immer gereicht wurde, sondern er heute die volle Dröhnung brauchte.

„Sag mal, Marry“, mit seiner Tasse setzte sich Mory nun zu der jungen Schwester und fing an ein bisschen zu forschen. „Was ist denn mit Lith los. Ihre Stelle wird frei. Geht sie?“, und schenkte ihr ein Herzensbrecherlächeln, von dem Mory wusste, wie es wirkte.

„Danke, Mory“, murmelte Frank etwas undeutlich, weil er die Tasse schon an den Lippen hatte und nahm einen genießenden Schluck. „Ja, was ist mit ihr los? Du müsstest doch eigentlich was wissen, schließlich hast du die letzte Woche in ihrer Abteilung ausgeholfen“, fragte nun auch Frank neugierig und setze sich ebenfalls an den Tisch.

„Was kriege ich denn, wenn ich euch erzähle, was Sache ist?“, lachte die junge Schwester und lächelte Mory an. „Also wenn euch nichts einfällt, ich wüsste da was, was mir gefallen würde.“ Dabei glitt ihr Blick über den jungen Assistenzarzt und sie leckte sich über die Lippen.

Doch Mory lächelte nur süffisant. „Wie wäre es, ich lade dich auf später in die Cafeteria ein, auf ein Stück Kuchen und einen Tee?“, bot er an, auch wenn er genau wusste, auf was Marry spekulierte. Doch den Gefallen tat er ihr nicht, den tat er keiner, außer Cherry.

„Nicht ganz das, was ich mir erhofft hatte, aber ich will ja nicht gierig sein“, seufzte die Schwester enttäuscht und zog einen Schmollmund. Frank besah sich grinsend das Schauspiel, das sich, so in der Art, fast täglich abspielte, so nach dem Motto: Derselbe Herr, eine neue Dame. Also, wenn er nicht so selbstbewusst wäre und absolut nicht an Frauen interessiert, könnte Frank da als Mann schon ein angeknackste Selbstbewusstsein kriegen, so wie sein Kollege von der holden Weiblichkeit hofiert wurde.

„Also, die Lith geht nach Amerika. Sie hat dort einen wirklich gut bezahlten Job an einer Klinik bekommen, die…“, hier legte sie eine Kunstpause ein, „von ihrem Verlobten geleitet wird.“

„Ach, so“, sagte Mory und klang dabei fast etwas enttäuscht. Aber ihm sollte es recht sein. Warum die Stelle frei wurde, war ja schlussendlich egal, Hauptsache sie wurde frei und er konnte den nächsten Schritt auf seiner Karriereleiter nehmen. Er trank einen großen Schluck seines Kaffees und spürte förmlich das Koffein durch seine Adern rauschen. „Ist schon jemand als Nachfolger im Gespräch oder ist die Stellenausschreibung wirklich ernst gemeint?“, wollte er noch wissen und lehnte sich in seinem Stuhl etwas zurück, um den Rücken zu entlasten. Das lange Stehen und Sitzen machte sich langsam bemerkbar, es wurde Zeit, dass er wieder mehr Sport trieb.

„So weit ich weiß, ist noch alles offen. Ich habe auf jeden Fall noch nichts von einem Favoriten gehört.“ Marry wirkte ein wenig enttäuscht, dass Mory sich so gar nicht davon beeindruckt zeigte, von dem, was sie zu erzählen hatte, darum tat Frank ihr den Gefallen und fragte nach.

„Die Lith ist verlobt. Da hab ich ja noch gar nichts von mitgekriegt.“ Sofort hellte sich das Gesicht der Schwester wieder auf und sie wandte sich von Mory ab.

„Ja, schon eine ganze Weile, aber sie hat es niemandem erzählt. Sie wollte sich wohl die ganzen Sprüche, von wegen Fernbeziehung ersparen. Sie ist erst damit rausgerückt, als klar war, dass sie den Posten in Amerika kriegt.“

Mory seufzte leise. Fernbeziehung. Manchmal hatte er das Gefühl, er führte so was auch, denn Cherry war in letzter Zeit immer häufiger unterwegs. Doch er trug sein Privatleben nicht in die Klinik, weswegen auch keiner wusste, dass er mit einem Modell liiert war. Die blöden Sprüche musste er sich nicht geben und er konnte Lith da wirklich gut verstehen. Kollegen waren nett, aber sie konnten, wenn sie sich langweilten, die größten Tratschmäuler sein. Er wollte gerade ansetzen etwas zu sagen, da meldete sich schon sein Pieper. Die Zeit der Visite war leider ran.

Auch bei Frank meldete sich der Pieper und mit einem bedauernden Lächeln stellte er seine Tasse ab, die er vorher noch schnell leer getrunken hatte. „Tut mir Leid, Süße, ich hätte gern noch mit dir geplaudert, aber die Visite ruft.“ Er fand es wirklich schade, denn er unterhielt sich gerne mit den Schwestern und ließ sich klatschtechnisch auf den neusten Stand bringen. Er tratschte wirklich für sein Leben gerne, wobei es aber zu seinen Regeln gehörte, nichts Persönliches, das er von Kollegen erfuhr, weiterzugeben. Er stand auf und brachte seine und Morys Tasse zur Spüle, während sich der Halbasiat noch einmal zu ihrer Gastgeberin vorbeugte und sie anlächelte. „Bis zum nächsten Mal“, sagte er noch, dann schob er Frank vor sich her aus dem Zimmer und den Flur runter, wo schon zwei Schwestern und Professor Berenger auf sie warteten. Also beeilten sie sich etwas und schlossen zu den dreien auf.

Sie folgten ihnen in das erste Zimmer und wie immer war er von der Wandlung ihres Vorgesetzten erstaunt. Kaum dass es um seine Arbeit ging, straffte sich seine Gestalt und er strahlte Autorität aus. Nichts erinnerte mehr an den sonst so zurückhaltenden, etwas schüchtern wirkenden Mann, der ständig abwesend wirkte. In seinem Umgang mit den Patienten war er höflich, aber bestimmt und er konnte schon etwas energischer werden, wenn seinen Anweisungen nicht Folge geleistet wurde. Deswegen arbeitete er auch immer mit den gleichen Schwestern und Ärzten, die seine Arbeitsweisen kannten und sich darauf vorbereiten und einstellen konnten. So hatte jeder etwas davon. Die Schwestern lernten immer wieder etwas dazu, die Patienten bekamen die optimale Versorgung und die beiden Assistenzärzte mussten regelmäßig ihr Wissen unter Beweis stellen, wobei Professor Berenger zwar ergänzte, aber nie vor den anderen grob korrigierte. Er sprach es hinterher unter vier Augen mit jedem durch - jede Visite war eine kleine Prüfung und genau diesen Stil schätzte Mory. Nicht weil er glaubte, dass er ein Schüler war, der noch immer lernen musste, sondern, weil er so gar nicht die Chance hatte, etwas zu vergessen.

Behandelten sie einen Trümmerbruch, wurden Knochen, Sehnen und Muskeln abgefragt oder auch Hautveränderungen, die auf innere Verletzungen deuteten. Hatten sie jemanden mit einem Magengeschwür, kamen die Ursachen dran, man fand den Weg zu Giften und zu deren Symptomen. Professor Berenger verstand es wie kein zweiter, Bögen zu schlagen, die aber trotz allem noch logisch waren. Mory ging ungern hier weg, aber die eigene Leitung reizte schon sehr.

Normalerweise folgte Frank ausführlich den Ausführungen des Professors, aber heute war er ein wenig abwesend. Zwar nicht so, dass es den Patienten auffiel, denn er beantwortete alle Fragen richtig, aber seinem Chef fiel es auf und er hob mehr als einmal eine Augenbraue, wenn er eine Frage zweimal stellen musste. „Kollege Gallaun, ein bisschen mehr Aufmerksamkeit. Was sie auch immer beschäftigt, schieben sie es beiseite. Hier geht es um unsere Patienten“, flüsterte er seinem jungen Assistenzarzt zu und ließ ihn so vor Verlegenheit erröten.

„Verzeihung, Chef. Kommt nicht wieder vor“, murmelte Frank und gab sich geistig einen Tritt. So würde er wohl nie eine Empfehlung seines Vorgesetzten bekommen.

Professor Berenger musterte Frank immer wieder mal und auch Mory begriff nicht, was mit Frank plötzlich los war. Dass ihn die freie Stelle so aus der Bahn geworfen hatte, konnte er sich nicht vorstellen. Es musste etwas anderes gewesen sein. Doch als er mit der Erläuterung einer Schienbeinnagelung beauftragt wurde, war das auch schon wieder vergessen. Noch ein, zwei Fragen, dann waren sie durch ihre Station durch und schlossen die letzte Patiententür hinter sich. Die Schwestern stürmten schon wieder davon und auf ihre Stationen und Mory hatte noch einen Termin im Labor, er wollte ein paar Blutwerte abholen, von einem Patienten mit einer krankhaft vergrößerten Milz. So standen zum Schluss nur noch Frank und sein Chef vor der Tür und leise fragte Professor Berenger: „Mensch, Junge, was ist denn mit ihnen los. So sind sie doch sonst nicht.“

Frank war wirklich froh, als ihre Visite vorbei war und er sie ohne weitere Ausfälle hinter sich gebracht hatte. Er hatte schon damit gerechnet, dass der Professor nachfragen würde.

Sobald er eine Gefahr für seine Patienten sah, konnte er sehr unangenehm werden. Aber hier war es wohl nur freundliche Neugier, wie der junge Arzt erstaunt feststellte, denn Doktor Berenger lächelte. „Tut mir Leid, ich habe vorhin am schwarzen Brett von der Stellenausschreibung in der Gefäßchirurgie gelesen und die schwirrte mir im Kopf rum. Ich werde mich auf jeden Fall bewerben, aber ich weiß nicht, ob ich dafür fachlich schon kompetent genug bin und ob sie mir eine positive Beurteilung schreiben würden.“ Frank seufzte und zuckte mit den Schultern. „Ich weiß, dass das keine Entschuldigung ist und wird auch nicht mehr vorkommen.“

Kurz kratzte sich der Professor am Kopf und legte Frank eine Hand auf die Schulter. Dass der junge Mann ihn um ein paar Zentimeter überragte, tat dem ganzen keinen Abbruch. So geleitete er den jungen Mann langsam über den Gang. „Natürlich werde ich ihnen eine Beurteilung schreiben und eine Empfehlung, wenn sie das wünschen. Keine Frage. Und ich halte sie durchaus für kompetent, sich dort auf der Station durchzubeißen. Schließlich wissen sie selbst am besten, was sie wert sind, und auf den Mund sind sie ja auch nicht gefallen“, sagte er und richtete dabei die Blätter, die er bei sich trug, so als wären sie angewachsen, nur sehr selten sah man Professor Berenger ohne Notizen. „Allerdings“, nun blickte er zu Frank rüber und sah ihn ernst an, „ich verliere sie sehr ungern. Aber ich will ihnen auch nicht im Weg stehen. Es wird eine Weile dauern, bis ich dann ihren Nachfolger eingearbeitet hätte.“ Ihm behagte der Gedanke nicht, Frank gehen lassen zu müssen. Er hatte seine eigenen Gründe dafür, die sicher nie ans Tageslicht kommen würden. Doch Gründe waren nun einmal Gründe und so fiel es ihm nicht leicht, dem jungen Arzt zuzusagen - doch er tat es. Schweren Herzens.

Frank ging mit seinem Professor über den Gang und sagte erst einmal nichts, weil er erst einmal verarbeiten musste, dass sein Chef ihn ungern gehen lassen wollte. Mit vielem hatte er ja gerechnet, aber nicht damit. Mory ja, der war bei allen beliebt und ein wirklich hervorragender Arzt. Charismatisch und eine geborene Führungskraft.

„Danke für ihr Vertrauen, Professor, und auch dass sie mir eine positive Beurteilung schreiben werden, aber es ist nicht sicher, dass sie mich verlieren werden, denn Mory wird sich auch bewerben. Er ist für den Posten nicht weniger geeignet. Wir werden sehen, wer das Rennen macht.“

„Ja, das werden wir wohl.“ Unbemerkt huschte ein kleines Lächeln über die Züge des Mannes. Er ging auf die Vierzig zu und die ersten Denkerfalten furchten die Stirn. Der Raubbau an seinem Körper machte sich auch in kleinen Krähenfüßen deutlich und die Geheimratsecken in den kurz geschorenen Haaren waren auch nicht zu übersehen.

Dass auch Mory Kaftan sich auf die Stelle bewerben wollte, war eine Nachricht, die Reiner Maria Berenger wieder lächeln ließ. Auch wenn der junge Mann begabt und beliebt war, so hatte Reiner doch keinen Grund, ihn unbedingt an seine Sektion - genau genommen an sich - zu binden. Im Gegensatz zu Frank. „Sagen sie mir einfach, zu wann sie die Beurteilung brauchen, damit ich sie rechtzeitig fertig machen kann.“

„Klar, Chef“, murmelte Frank, schon wieder etwas abwesend, denn er hatte das kleine Lächeln gesehen und konnte es sich so gar nicht erklären. Sein Chef war ihm wirklich ein Rätsel. Meistens war er unnahbar und distanziert und gab Frank das Gefühl, nicht wirklich gemocht zu werden und dann kam so etwas wie gerade, mit dem er nie gerechnet hätte und dass ihn wieder glauben ließ, dass er dem Professor doch nicht ganz unsympathisch war. „Ich werde mich auf jeden Fall bewerben, also können sie sie ruhig schon fertig machen. Ich hole sie mir dann in den nächsten Tagen, wenn es ihnen Recht ist.“ Frank lächelte nun auch und entschuldigte sich, denn sie waren vor Doktor Berengers Büro angekommen und Frank wollte sich noch um den Stapel Papierkram auf seinem Schreibtisch kümmern, solange es noch so ruhig war.

„Tun sie das, tun sie das“, murmelte der Professor nur und schloss seine Tür auf, blickte aber noch einmal hinter dem jungen Assistenzarzt her, der langsam den Flur hinunter ging. Er würde ihn vermissen, aber vielleicht kam es erst gar nicht so weit. 

Fortsetzung folgt