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Live-Rollenspiel mit Folgen - Teil 2

II.

„Wie weit ist es denn noch bis zu dieser dämlichen, Verzeihung, holden Prinzessin, die blöd genug war, sich von einem Drachen gefangen nehmen zu lassen?“, fragte Niclas schlecht gelaunt, während die Truppe weiter durch den Regen stapfte, der seit gestern mit unermüdlichem Eifer auf sie hernieder prasselte. Und ein missmutiger Blick zu der geschlossenen Wolkendecke über ihnen hinauf, sagte ihm, dass sich an diesem Wetter so schnell auch nichts ändern würde.

Knurrig sah Romeo ob dieser Worte zu ihm hinüber, doch Niclas zuckte nur mit den Schultern. „Tu nicht so, du kennst doch diese Prinzessin selbst nicht, sondern hast nur von ihr gehört. Sie könnte auch alt, hässlich und mit Warzen übersäht sein“, gab er nicht weniger mürrisch als der Anführer der Gruppe zurück. „Aber nein, die seltsamen Regeln von Mhetáriddel schreiben für einen Krieger als standesgemäße Frau nur eine gerettete Prinzessin vor. Hast du dir schon mal überlegt, dass deine Prinzessin, abgesehen von den körperlich wenig ansprechenden Attributen, die ich soeben aufgezählt habe, sich vielleicht absichtlich von dem Drachen hat gefangen nehmen lassen, nur damit sie endlich einen Ehemann abbekommt? Ich frage mich, was es kostet, so einen Drachen für ein solches Vorhaben zu mieten.“ Niclas konnte es nicht lassen, ein wenig zu sticheln. Aber Romeo sprang darauf auch nur zu schön an.

Und tatsächlich, wie auf Kommando blaffte dieser nun: „Du hast doch keine Ahnung von den Prinzessinnen von Mhetáriddel. Auf ihnen liegt ein Zauber, der ihre Schönheit garantiert!“

„Zumindest, soweit das Erbmaterial der Eltern es ermöglicht“, murmelte Brangelina.

Neugierig sah Niclas zu der Magierin hinüber. „Wie genau meinst du das?“

„Na ja, bei jeder Geburt eines Königskinds sind drei Feen zugegen – je eine für Körper, Seele und Geist. Sie sollen das Kind segnen und so dafür sorgen, dass die künftigen Herrscher möglichst gut für ihr Schicksal gewappnet sind. Ähnlich wie bei der Geburt eines Kriegers Walküren anwesend sind. Allerdings können die Feen nur das positiv verstärken, was den Kindern von ihren Eltern mitgegeben wurde. Wenn also z.B. der König fettige, mausbraune Haare hat und die Königin nur sehr dünnes, krauses Haar können auch die Feen nicht viel machen... Vermutlich hat dieses Kind dann fettige, aber immerhin füllige braune Locken“, erklärte sie bereitwillig.

„Hat was“, meinte Niclas anerkennend. „Und die ansässige Shampoo-Industrie profitiert auch noch von so einer Verbesserung.“ Kaum hatte er das gesagt, wurde er wieder unangenehm daran erinnert, dass es nun schon vier Tage her war, dass er eine richtige Dusche mit Seife und Shampoo hatte genießen können. Immerhin sorgte der Regen ein wenig für Sauberkeit und so beschloss Niclas, sich nicht mehr über das nasskalte Wetter zu beschweren.

Mit der hereinbrechenden Nacht schlugen sie ihr Lager auf und Niclas kam nicht umhin zu gestehen, dass nicht alles in Mhetáriddel schlecht war. Denn dank eines besonderen Feuerstahls war es auch im dichtesten Regen problemlos möglich, ein Feuer zu entzünden, so dass sie sich bald alle um die wärmenden Flammen gruppierten. Was in ihrem Fall bedeutete, dass Brangelina versuchte, Hugo möglichst nah zu sein, während Hugo wiederum sich an Romeo anpirschen wollte und dieser, auf Abstand bedacht, immer weiter um das Feuer herumrückte, bis er fast mit Niclas zusammenstieß, der einfach nicht einsah, bei dem allgemeinen Sitz-Ringelreihen mitzumachen und sich deswegen nicht von der Stelle rührte.

Seine anfänglichen Vermutungen hatten sich nämlich bestätigt und mit ein paar weiteren Eigenheiten seiner Kameraden, die er in den letzten Tagen entdeckt hatte, war ein Zusammensein mit ihnen mitunter sogar richtig unterhaltsam. So war Brangelina zwar eine durchaus fähige Magierin, aber abgesehen von ihren Zaubersprüchen hatte sie herzlich wenig im Kopf. Denn nur so ließ sich wohl erklären, dass ihr bis heute entgangen war, dass Hugo mindestens genauso schwul war, wie der Regen nass. Dabei hätte selbst ein Blinder mit einem Krückstock hellhörig werden müssen, als Hugo ihr anderntags Frisurentipps gegeben und sich hinterher eine halbe Stunde lang über Spliss ausgelassen hatte. Was Hugo betraf, so war Niclas aufrichtig froh, dass Romeo und nicht er selbst das Opfer der elbischen Flirt- und Annäherungsversuche war. Der Krieger schien zwar gehofft zu haben, dass ein Neuer Hugos Interesse zumindest zeitweise von ihm ablenken würde, aber dem war nicht so gewesen. Dabei konnte Niclas den Elben nur zu gut verstehen, war Romeo doch wirklich ein Leckerbissen erster Güte. Aber genauso konnte er auch verstehen, wieso der Krieger auf Hugos Anbändeleien so allergisch reagierte. Schwul zu sein war eine Sache, aber sich dabei so dermaßen übertrieben tuntig aufzuführen wie Hugo eine ganz andere. Denn wie hieß es in der Schwulenszene so schön: „Ich steh auf Männer – richtige Männer und keine Tunten.“ Und es gab wohl keinen Zweifel daran, dass Romeo ein richtiger Mann war.

Ein Grund mehr für Niclas, in stiller Vorfreude auf die baldige Nähe zu dem Krieger, sitzen zu bleiben. Denn auch wenn er sich fest vorgenommen hatte, sich auf keinen Fall in den anderen zu verlieben – wollte er doch, sobald sie diese dusselige Prinzessin befreit hatten, nach Hause zurückkehren – war er nicht so masochistisch veranlagt, sich deswegen der Gesellschaft des einzig halbwegs vernünftigen Menschen in der Gruppe zu berauben. Mochte er Romeo tagsüber auch noch so gern aufziehen und dieser ihn im Gegenzug bei jeder sich gebenden Gelegenheit anfahren; wenn sie abends am Feuer zur Ruhe kamen, schätzten sie einander einfach als angenehme Gesprächspartner. Und so war Niclas erst recht darauf bedacht, Romeo nicht merken zu lassen, dass er selbst am gleichen Ufer wie Hugo paddelte, denn nur so lange der Krieger sich von Niclas nicht ebenfalls auf diese Weise bedroht fühlte, würden sie auch weiterhin die halbe Nacht hindurch über alles mögliche reden können.

Es dauerte auch an diesem Abend nicht lange, bis Romeo neben Niclas saß, während Hugo sich von Brangelina dazu hatte überreden lassen, ihr die Haare zu entwirren, die bei dem scheußlichen Wetter dazu neigten, ganz kraus zu werden.

Romeo sah den beiden auf der anderen Seite des Feuers für einen Moment zu, wandte sich aber bald an Niclas, wobei er die Süßholzwurzel aus dem Mund nahm, auf der er herumgekaut hatte. „Dieser Shakespeare, von dem du mir gestern Abend erzählt hast, hat der auch Geschichten über Könige und Prinzen und Prinzessinnen geschrieben?“

Niclas musste grinsen. Er hatte die gestrige gemeinsame Nachtwache genutzt, dem Krieger endlich die Geschichte zu erzählen, wegen der er bei ihrem Kennenlernen so hatte lachen müssen. Und auch wenn Romeo alles andere als begeistert davon gewesen war, dass Shakespeare es nicht für nötig gehalten hatte, dem Liebespaar einen Plan B mitzugeben, schien der englische Dichter sein Interesse geweckt zu haben. Aber das wunderte Niclas nicht wirklich, kam doch in ‚Romeo und Julia’ ausreichend Schwertkampf vor, um auch einen Krieger aus Mhetáriddel zu faszinieren.

„Ja, hat er“, nickte er nun. „Er hat zum einen über das Leben der englischen Könige geschrieben, die in den Jahrhunderten vor ihm regiert haben, damit die Leute aus ihren Fehlern und ihren guten Taten lernen konnten. Etwa über den schurkischen Richard III, der seine beiden kleinen Neffen ermordet hat, um selbst den Thron zu besteigen. Er hat aber auch über Könige und Prinzen geschrieben, die aus Legenden stammen. King Lear zum Beispiel, der sogar noch ein paar Jahrhunderte vor Artus und Merlin, dem Magier, gelebt haben soll, oder von Hamlet, dem Prinzen von Dänemark.“

Bei dem Namen ‚Merlin’ horchte Romeo auf. „Hat Shakespeare auch über Merlin geschrieben?“

„Nicht, dass ich wüsste.“ Niclas zuckte mit den Schultern. „Vielleicht fiel ihm keine gute Moral ein, die er in die Artus-Saga einfügen konnte, die in seine Zeit gepasst hätte? Und auch ist die Geschichte zu vage... Allein Merlins Ende... Manche sagen, er sei einfach in die Anderswelt gewechselt, andere erzählen, die Dame vom See würde ihn in ihrem Palast unter dem Wasser gefangen halten, andere wiederum sagen, Viviane, die Hüterin des Waldes, hätte ihn in einen Baum verwandelt oder darin eingesperrt.“

Verblüfft starrte der andere Niclas an. „Ich würde sagen, von allem ein wenig. Denn hier, in Mhetáriddel gibt es eine Legende von einem Zauberer mit Namen Merlin, der als erwachsener Mensch aus einer Eiche geboren wurde. Und wenn du jetzt sagst, dass euer Merlin in einem Baum eingesperrt wurde, vielleicht war das ja ein Portal zwischen deinem Deutschland und Mhetáriddel.“

„Ein Portal? Weißt du, wo diese Eiche steht?“, fragte nun Niclas und wurde ganz aufgeregt. Vielleicht war das eine Möglichkeit, wieder nach Hause zu kommen. Darüber vergaß er ganz, Romeo zu korrigieren und ihm zu erzählen, dass Merlin in England, allenfalls noch in Nordfrankreich gelebt hatte, aber nicht in Deutschland. Aber Geographie war ja jetzt auch nicht so wichtig.

Romeo, der seinem Gefährten ansah, was diesen bewegte, schüttelte mitfühlend den Kopf. „Es tut mir leid, Niclas, aber es gibt in Mhetáriddel keine Eichen. Denn die Legende erzählt weiter, dass in dem Moment, da Merlin aus dem Stamm heraustrat, der Baum in Flammen aufging.“

„Oh...“ Niedergeschlagen sah Niclas in die orange flackernden Flammen.

Romeo schwieg. Nur das Knacken der Äste, wenn das Feuer sie brach, war zu hören, sowie das leise huschende Geräusch der Bürste, mit der Hugo Brangelinas Haar noch immer bearbeitete.

Schließlich lehnte sich der Krieger ein wenig zu Niclas hinüber. „Sieh es positiv: Wenn unser Merlin und dein Merlin ein und derselbe Magier sind, dann beweist es doch, dass eine Brücke zwischen deinem Land und Mhetáriddel nicht erst durch Brangelinas Zauberkunst geschaffen wurde. Und je mehr Reisen es zwischen den beiden Welten gegeben hat, desto eher werden wir einen Weg finden, der für dich funktioniert. Natürlich sobald wir die Prinzessin befreit haben.“

Niclas musste bei dem Nachsatz gegen seinen Willen leise lachen und schüttelte den Kopf. „Natürlich... und sobald sie sich in dich verliebt hat. Aber ich muss dich doch hoffentlich nicht auch noch zu deinem Antrittsbesuch bei den Schwiegereltern begleiten und dir dabei das Händchen halten, oder?“, neckte er.

„Blödmann!“, kam es gutmütig zurück. „Meine zukünftigen Schwiegereltern hab ich doch schon längst kennengelernt. Schließlich haben sie mir ja gesagt, wo ich den Drachen und die Prinzessin finde, und auch, dass der Drache auf einem Zwerg in der Gruppe besteht.“

„Hallo, ihr Süßen! Was tuschelt ihr denn da drüben so vertraulich?“, unterbrach sie in diesem Moment Hugo von der anderen Seite des Feuers her. Obwohl es wie eine ganz gewöhnliche Frage geklungen hatte, glaubte Niclas eine Spur Eifersucht herausgehört zu haben.

Er seufzte. „Nichts von Bedeutung. Ihr habt die erste Wache“, sagte er, wickelte sich in seine Decke und kroch unter das flache Zelt, das ihm als Schutz vor dem Regen dienen würde. Sein Gespräch mit Romeo würde er einfach am sehr frühen Morgen fortsetzen, wenn es an ihnen war, Hugo und Brangelina bei der Wache abzulösen. Denn auch wenn Niclas im Grunde nichts gegen den Elben hatte, so war es einfach angenehmer, sich mit Romeo zu unterhalten, ohne dass Hugo sich alle paar Minuten an diesen heranmachte oder sie mit eifersüchtigem Blick belauschte. Auch wenn es nichts zu belauschen gab, das dessen Eifersucht gerechtfertigt hätte.