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Live-Rollenspiel mit Folgen - Teil 4

IV.

„Sag mal, müssen wir den Drachen eigentlich wirklich töten?“, wisperte Niclas, als sie sich wenig später in Position begaben, um die Prinzessin endlich zu befreien.

„Ähm, was sonst soll man mit einem Drachen machen?“, gab Romeo verwirrt zurück.

„Ihn leben lassen? Ich mein, wie viele Drachen gibt es denn noch in Mhetáriddel?“

„Vielleicht ein halbes Dutzend...“ Der Krieger machte eine vage Handbewegung.

„Also kann man wohl sagen, dass Drachen zu einer aussterbenden Rasse gehören?“, hakte Niclas nach.

„Na und? Wen kümmert es?“ Romeo wurde ungeduldig.

„Romeo, hast du schon mal daran gedacht, wie ein Krieger wie du eine standesgemäße Braut finden soll, wenn es keine Drachen mehr gibt, die Prinzessinnen kidnappen? Was, wenn einer deiner Söhne als Krieger auf die Welt kommt, aber es, wenn er erwachsen ist, keine Drachen mehr gibt?“

Das ließ Romeo dann doch nachdenklich werden, aber da fuhr Niclas auch schon fort.

„Wir könnten immerhin versuchen, ihn gefangen zu nehmen oder so. Vielleicht hast du ja auch Töchter, Prinzessinnen, und die könntest du dann von deinem höchsteigenen Drachen kidnappen lassen und wüsstest, dass es ihnen gut geht, während sie auf ihre Krieger warten? Wenn es hart auf hart kommt, können wir den Drachen ja immer noch töten.“

„Und wie sollen wir einen ausgewachsenen Drachen gefangen nehmen? Abgesehen davon, wieso fällt dir das erst jetzt ein und nicht vorhin, als wir den Plan gemacht haben?“, fragte Romeo ein wenig ungehalten.

„Weil ich aus einer Welt stamme, wo es keine Drachen mehr gibt. Da musst du mir schon verzeihen, dass meine strategischen Gedanken zur Überwältigung eines solchen Ungetiers ein wenig langsamer laufen“, gab Niclas bissig zurück.

„Also schön, und was schlägt der Herr Bogenschützen-Zwerg vor?“

„Jungs, nicht streiten. Streit gibt bloß hässliche Falten“, versuchte Hugo die beiden wieder zur Ruhe zu bringen, zog sich aber angesichts der finsteren Blicke, die er sowohl von Romeo als auch von Niclas erntete, wieder zu Brangelina zurück.

„Wie wäre es mit ein paar Verletzungen, die den Drachen schwächen, was weiß ich, Fersensehnen oder Kniekehle oder unter den Flügeln oder sonst wo, du kennst dich da sicher besser aus als ich. Derweil zaubert uns Brangelina ein paar magische Seile herbei und ich schieße sie über den Drachen hinweg, so dass er am Ende gefesselt am Boden liegt. Je mehr Verletzungen du ihm beibringen kannst, umso leichter haben es Brangelina und ich, und du hättest den Drachen besiegt, ohne ihn zu töten.“ Auf Zustimmung wartend, sah Niclas Romeo an. Schließlich nickte dieser.

Augenblicke später hatte Niclas das Tor zum Berggipfel geöffnet und die vier eilten ins Freie.

Der Drache musste sie gerochen haben, denn noch bevor sie ihn sehen konnten, hörten sie sein ohrenbetäubendes, offenkundig wütendes Gebrüll. Und dann sah Niclas ihn: Ein bestimmt neun Meter langes Biest, über und über mit dicken, dunkelroten Schuppen bedeckt, den hornbewehrten Kopf vier Meter über den Boden erhoben und das Maul bedrohlich aufgerissen. Flügel schien dieser Drache nicht zu haben, dafür aber einen kräftigen Schwanz, dessen gezacktes Ende wie bei einem Skorpion nach oben stand. Die schwefelgelben Augen schienen förmlich zu glühen, während er mit seinen vier gewaltigen Beinen auf sie zugedonnert kam.

Erschrocken wich Niclas zurück, nur um mit Brangelina zusammenzustoßen, während Romeo schon vorwärts stürmte und sich dem Drachen stellte. Die ganze Situation erschien Niclas absurd. Dass ein Mensch, egal wie stark, glaubte ein Wesen besiegen zu können, das so groß war, wie ein kleines Haus – ein kleines, feuerspuckendes Haus, hatte der Drache doch gerade giftgrüne Flammen in Romeos Richtung geschickt und diesen so etwas zurückgetrieben – erschien ihm geradezu lächerlich, größenwahnsinnig. Was Romeo da draußen tat, war reinster Selbstmord.

In diesem Moment stieß Brangelina ihn an und reichte ihm das erste Seil, welches an einen leichten, aber reißfesten Faden geknotet war. Und da fiel Niclas endlich wieder ein, dass Romeo ja nicht allein war, sondern er und die Magierin an seiner Seite dem Krieger helfen sollten. Rasch erklomm Niclas einen Felsbrocken, um von dort aus eine bessere Position zum Schießen zu haben.

„Zuerst den Schwanz fixieren, dann muss Romeo nur noch auf den Kopf achten!“, rief ihm Brangelina zu, während Niclas zielte.

In der Zwischenzeit war es dem Krieger gelungen, unter dem Schädel des Untiers hindurch zu tauchen und die Ferse des einen Vorderlaufs zu erreichen. Ein lautes, unbändiges Jaulen folgte, als ein gekonnter Schwertstreich die Sehne durchtrennte. Wütend fuhr der Drache herum und sorgte so dafür, dass Niclas erster Schuss ins Leere ging. Verhalten fluchte dieser, ließ sich von Brangelina einen weiteren Pfeil reichen und zielte abermals. Dieses Mal hatte er mehr Glück und das Seil flog in hohem Bogen über den Drachen hinweg und kam zu beiden Seiten des gezackten Schwanzes auf dem Boden zu liegen. Beschwörend hob Brangelina ihren Magierstecken und wenige Sekunden später waren die Seilenden fest im Boden verankert.

Mit einem wütendem Peitschen versuchte der Drache seinen Schwanz frei zu bekommen, doch Brangelinas Magie war stärker. Falls Niclas geglaubt hatte, nun würde es leichter werden, so hatte er sich getäuscht, denn zornentbrannt schickte sich der Drache nun erst recht an, Romeo mit seinen Pranken zu zerquetschen, ihn zu verbrennen, oder einfach mit seinen scharfen Zähnen zu schnappen. Doch der großgewachsene Krieger wich ein ums andere Mal dem Drachen aus, auch wenn sein großkarierter Umhang dabei mehr als einmal versengt wurde.

Niclas schoss Pfeil um Pfeil, musste sich jetzt aber auch zugleich vor den Flammen in Acht nehmen, denn der Drache, der mittlerweile gemerkt hatte, dass der Krieger nicht alleine kämpfte, spuckte sein Feuer nun gleichsam in Richtung des Felsens, wo er und Brangelina standen. Allmählich taten ihm die Arme weh, aber noch war der Drache nicht besiegt, noch tanzte Romeo dort unten am Rand des Feuers, auch wenn der Krieger nun nicht mehr Treffer als einen gelegentlichen Stich in den weniger gepanzerten Bauch schaffte.

Erschöpft sank Niclas auf dem Felsbrocken in sich zusammen. Sie hatten es geschafft. Und der Drache lebte noch!

Brangelina war nicht weniger ausgelaugt und auch Romeo, der sich zu ihnen gesellt hatte, keuchte matt.

„Und ihn zu töten wäre wirklich einfacher gewesen?“, fragte Niclas ungläubig.

„Nein, vermutlich gleich schwierig. Nur hättest du dann auf die Augen zielen müssen, und dann hätten wir einen blinden Drachen gehabt, der wahllos um sich geschlagen hätte“, erwiderte Romeo.

„Nicht gerade ein Vorteil, wenn du mich fragst. Denn ein wahllos um sich schlagender Drache ist unberechenbar in seinen Bewegungen. So aber wussten wir wenigstens die Richtung seiner Attacken.“

„Was meint ihr, ob Hugo inzwischen die Prinzessin gefunden hat?“, fragte da Brangelina.

„Die Prinzessin!“ Als ob diese zwei Worte ihm all seine Kraft wieder verliehen hätten, sprang Romeo auf. „Schnell“, rief er. „Nicht, dass meine holde Braut am Ende noch denkt, dieser falschgepolte Elb wäre ihr Retter und Held!“

„Ups!“ Niclas schüttelte grinsend den Kopf und folgte dann zusammen mit Brangelina dem Krieger, der zu dem Turm geeilt war, der am anderen Ende des Gipfelplateaus aufragte. Denn angesichts der Tatsache, dass sie selbst aus dem Inneren des Berges gekommen waren, war dieser Turm der einzig mögliche Ort, wo der Drache die Prinzessin gefangen gehalten haben konnte. „Hoffentlich ist es nicht das ach so romantische Dachgeschoss, wo die Prinzessin angekettet ist“, meinte Niclas resignierend, als er die Stufen sah, die sich an der Innenwand emporschwangen.

„Na, der Keller wird es wohl kaum sein“, witzelte Brangelina, die allerdings auch wenig angetan war von der Aussicht, die Wendeltreppe bis ganz nach oben hinaufsteigen zu müssen.

„Komm schon. Wir haben eine Prinzessin vor einem Elben zu retten und einen Elben vor der Prinzessin, oder willst du deinen Hugo von so einer dämlichen, krönchentragenden Schnepfe eingefangen sehen?“, trieb Niclas sie beide an, auch wenn es ihm mehr darum ging, zu sehen, ob die holde Dame Romeos überhaupt wert war.

Umso überraschter war er allerdings, als sie endlich oben ankamen, und den Krieger ohnmächtig in der Tür liegen sahen. Aus der Turmkammer allerdings drangen Stimmen.

„Schnell, hilf mir die Ketten wieder anzulegen. Vielleicht kommt ja jetzt mein Retter!“, rief eine aufgeregte, aber zu Niclas Verwirrung männliche Stimme. Metallglieder klirrten aneinander, während eine zweite Stimme – Hugo, wie Niclas feststellte – dem ersten Sprecher klarzumachen versuchte, dass der bewusstlose Krieger sein wirklicher Retter war.

„Unmöglich! So ein Weichei wie der kann nicht mein Retter sein. Und jetzt mach schon.“

Niclas hatte genug von diesem merkwürdigen Wortwechsel und betrat, über Romeo hinwegsteigend, das Zimmer. Ein breites Grinsen schlich sich auf sein Gesicht, als er die Situation sah, die sich ihm bot. Nahe an der Wand, geradezu verzweifelt mit ein paar in das Mauerwerk eingelassenen Ketten hantierend, stand ein junger Mann, kaum zwanzig, seiner Gewandung nach offenbar ein Prinz. Hugo stand kopfschüttelnd am Fenster und beobachtete das ganze nur, unsicher, ob er das Ganze nun amüsant oder irritierend finden sollte. Als er Niclas und Brangelina sah, sagte er: „Gestatten, dass ich vorstelle? Das ist Prinz Carl, die holde Prinzessin, wegen der wir hier sind.“

„Du darfst mich aber auch Carla nennen, wenn dir das lieber ist, oh du mein tapferer Recke!“, kam es da von dem Prinzen, während er Niclas einen wimpernklimpernden Blick zuwarf.

„Ah ja... Und wie ich sehe, ist unser Krieger vollkommen hin und weg von seiner Braut“, meinte Niclas trocken. „Aber damit eines klar ist, Euer Hoheit“, wandte er sich an den Prinzen, „ich bin lediglich der Zwerg, den die Regeln des Drachen vorschreiben. Ich werde euch ganz gewiss nicht heiraten oder sonst etwas, ich werde nämlich jetzt schnellstmöglich mit Hilfe der anderen drei wieder heimkehren.“ Das fehlte ja noch, dass er selbst auch so einen Hugo-Verschnitt am Hals hatte. Doch so schnell wollte der Prinz nicht locker lassen, im Gegenteil, als er hörte, dass Niclas ein Zwerg war, maß er diesen mit einem abschätzenden Blick von oben bis unten, wobei seine Augen zunehmend aufleuchteten.

„Ein so großer und auch noch gutaussehender Zwerg? Der mir Zugang zu allen Bergen verschaffen kann und allen darin begrabenen Reichtümern? Zu all den Rubinen und Smaragden und Diamanten und Saphiren und...“ Prinz Carl musste erst einmal tief Luft holen, so überwältigt war er von der Aussicht unermesslicher Reichtümer. „Freilich, Papa und Mama werden nicht wirklich erfreut sein, wenn ich ihnen verkünde, dass ich lieber einen Zwerg statt eines Kriegers heirate“, überlegte der Königsspross weiter. „Aber sicher werden sie auch einsehen, dass die Schätze der Berge so eine Kleinigkeit wie Rassenabstammung ausgleichen. Zumal man dir ja gar nicht ansieht, dass du ein Zwerg bist.“ Langsam strich Carl um Niclas herum, dem der Prinz zunehmend unsympathischer wurde. Denn ganz offenbar war Prinz Carl engstirnig, dünkelhaft, rassenfeindlich und maßlos geldgierig. Und den wollte Romeo heiraten? Kein Wunder, dass ihr Krieger es vorgezogen hatte, sich in eine Ohnmacht zu flüchten, egal wie untypisch es für ihn war. Zu blöd aber auch, dass Niclas es ihm nicht gleich tun konnte. Dafür wurde allerdings der Anblick der Ketten, mit denen der Prinz sich noch wenige Minuten zuvor wieder an die Wand hatte ketten wollen, immer verlockender. Ob sie wohl damit durchkamen, wenn sie Carl einfach wieder gefangen setzten, den Drachen freigaben und den hoffnungsvoll harrenden Eltern erzählten, der Drache sei unbekannt verzogen?