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Ein Kätzchen für Oma Hilde - Teil 1 bis 4

Ein Kätzchen für Oma Hilde

01

Lächelnd übergab der Tierarzt seinen letzten Patienten an das Herrchen und verabschiedete sich. Junge Hunde waren niedlich und der kleine Schäferhund, der seine ersten Impfungen bekommen hatte, machte da keine Ausnahme. Der Arzt schloss die Tür und setzte sich an den Computer, um alles in die Patientendatei einzutragen. Sein Name war Roman Berger und dies war eigentlich nicht seine Praxis. Er machte die Vertretung für einen Freund, der mit seiner Familie das erste Mal seit Jahren wieder Urlaub machte. Sein Freund hatte sich diese Praxis aufgebaut und da war Urlaub einfach nicht drin gewesen. Da Roman als Dozent für Tiermedizin an der Uni in Hannover arbeitete und im Wintersemester keine Vorlesungen gab, hatte er Zeit einzuspringen und er genoss es auch, einmal wieder praktisch zu arbeiten.

Vor drei Tagen hatte er die Praxis in Hamburg übernommen und sich schnell in den Alltag eingefügt, was auch seinen Mitarbeitern zu verdanken war, die ihn unterstützten, wo sie konnten.

„Martina, sind wir durch?“, rief Roman nach seiner Sprechstundenhilfe und ging rüber zur Anmeldung.

„Alle abgearbeitet“, lachte Martina und schaltete den Computer aus. Sie war nicht böse darum, heute pünktlich Feierabend zu machen. „Was hast du denn noch vor, Roman?“, fragte sie. Sie wusste nur, dass ihr Chef heute etwas zu erledigen hatte und pünktlich aus der Praxis wollte.

„Ich muss zum Zoll am Flughafen“, seufzte der junge Arzt und verdrehte die Augen. „Meine Eltern haben für meine Großmutter eine Birmakatze bei einem Züchter in Amerika gekauft, die heute angekommen ist. Aber rate mal, wer nicht da ist, um sie abzuholen und wer das erledigen darf.“ Roman war ein wenig verstimmt darüber, denn so hatte er sich den Aufenthalt in seiner alten Heimatstadt nicht vorgestellt. Er wollte Freunde besuchen und mit ihnen etwas unternehmen, so wie früher und nicht eine kleine Katze erziehen. So hatten seine Eltern sich das nämlich gedacht, wie der Zettel gezeigt hatte, den er auf dem Wohnzimmertisch gefunden hatte. Schließlich war er als Tierarzt geradezu prädestiniert dafür und damit sie ihn dabei nicht störten, hatten sie sich in den Skiurlaub verabschiedet.

Drei Wochen Kitzbühl für die alten Herrschaften und drei Wochen Katzendompteur für Roman.

„Oh wie süß. Eine kleine Katze. Sicher ist sie froh, wenn sie abgeholt wird. Ganz allein den weiten Weg. Warum haben deine Eltern denn in Deutschland keine Katze bei einem Züchter in der Nähe gesucht? Das arme Tier.“ Martina war Tierfreund mit Leib und Seele. Sie litt mit jedem kleinen Patienten mit, ob er nun Fell, Schuppen oder Federn hatte. Und die Vorstellung einer kleinen Katze in einem großen Flugzeug, die schmeckte ihr gar nicht.

„Wenn du meine Eltern kennen würdest, würdest du so eine Frage nicht stellen. Sie sind wirklich super nett und eigentlich nicht anspruchsvoll oder versnobt. Aber wenn sie etwas verschenken wollen, dann darf das nur das Beste sein und da ist es dann egal, wie viel es kostet und von wo sie es herbekommen. Du kannst also davon ausgehen, dass diese Katze einen edlen Stammbaum und auch noch einige Referenzen mehr hat, sonst käme sie heute nicht hier an.“ Roman hatte sich an diese Marotte gewöhnt und auch das eine oder andere Mal davon profitiert, aber er wusste, dass das auf Außenstehende merkwürdig wirken musste.

„Aha“, machte Martina auch nur, die das nicht verstehen konnte. Für sie war eine Hofkatze genauso niedlich wie eine Rassekatze. „Bringst du sie dann auch mal mit? Birmas haben doch so langes Fell. Gelten sie nicht irgendwie als heilig? Ich hab da so was im Hinterkopf.“ Sie legte den Kopf schief, als sie darüber nachdachte, was sie über diese Rasse einmal gehört hatte. Dabei hängte sie den Kittel in den Schrank.

„Ja, sie sind ähnlich gefärbt wie die Siamesen, nur mit längerem Fell und irgendwas mit heilig hab ich auch im Kopf.“ Roman zog seinen Kittel ebenfalls aus und machte ein nachdenkliches Gesicht. „Wahrscheinlich werde ich sie mal mitbringen. Wenn sie noch klein ist, kann ich sie ja nicht den ganzen Tag alleine lassen.“ Roman brummte schon wieder, weil seine Eltern ihm das eingebrockt hatten.

„Wir werden sehen, ich muss los, sonst steh ich vor verschlossenen Türen. Ich berichte morgen.“ Roman winkte und schnappte sich seine Jacke und Tasche. Hoffentlich waren die Papiere vollständig und alles ging reibungslos über die Bühne. Das letzte, was er jetzt noch gebrauchen konnte, waren überempfindliche Pingel, die den ganzen Tag nichts zu tun hatten und glaubten, Kunden schikanieren zu können. Dann lief er Tag für Tag da auf, zeigte immer neue Papiere und eigentlich hatte er doch seine Abende schon etwas anders verplant. Anstatt mit einem alten Mann in Uniform hätte er sie gern mit einer jungen Dame im Minirock verbracht, vorzugsweise mit Sabine, seiner großen Liebe aus der Mittelschule.

Zum Glück lag die Praxis nicht so weit vom Flughafen entfernt, so dass er noch pünktlich vor Dienstschluss ankam und nach kurzem Suchen hatte Roman die Zollstation gefunden und parkte sein Auto. Er klapperte mit den Zähnen, als er den warmen Wagen verlassen musste und beeilte sich, durch den typischen Hamburger Nieselregen ins Gebäude zu kommen. Dort schüttelte er erst einmal seinen Kopf und brachte die halblangen, blonden Haare wieder halbwegs in Ordnung. Er war eigentlich nicht sehr eitel, aber bei seinen Haaren war er eigen.

„Guten Tag“, grüßte er den Zöllner, der hinter einem Tresen stand und ihm entgegen sah. „Ich möchte eine Katze abholen, die heute angekommen sein muss“, erklärte er und gab die Papiere an den Mann weiter. Der ältere Herr in seiner Uniform sah ihn eine Weile prüfend an.

„Hab Sie mir anders vorgestellt“, sagte er offen, erwiderte aber den Gruß. „Wusste nicht, dass man so was wirklich importieren darf. Ich wusste nicht mal, dass man so was herstellen darf“, murmelte er vor sich hin und prüfte die Unterlagen.

„Häh?“ Roman sah den Zöllner verwirrt an. Wie sahen denn Katzenhalter aus? Er sah an sich runter und war eigentlich ganz zufrieden mit sich. 75 kg ansprechend verteilt auf 180 cm. Er schüttelte den Kopf und grinste. Eigentlich war es ihm egal, was andere dachten, aber etwas beschäftigte ihn doch. „Warum sollte es Probleme geben? Die Birmesen sind doch eine anerkannte Katzenrasse und der Züchter hat doch alle Papiere geschickt, damit alles problemlos über die Bühne geht.“

Der Mann sah von seinen Papieren auf und schob sich die Nickelbrille auf die Stirn. Sicher war er kurzsichtig und wollte sich den schrägen Vogel direkt vor sich einmal genauer ansehen. „Das nennen Sie eine anerkannte Katzenrasse? Na Ihren Humor hätte ich gern.“ Er schob die Brille zurück und schüttelte den Kopf. „Mir soll's egal sein. Die Papiere sind sauber und je früher ich das Ding hier weg habe, umso besser. So was ist doch nicht normal.“

Nun war Roman doch etwas verwirrt und das sah man ihm an. Allerdings fragte er nicht weiter nach. Er wollte jetzt nur noch diese Katze in Empfang nehmen und nach Hause. Er sah dem Zöllner hinterher, der in die hinteren Räume verschwand und trommelte mit den Fingern auf dem Tresen. Was dauerte denn da so lange? Es war ja wohl nicht schwierig einen kleinen Transportkorb zu greifen. „Was ist das denn?“, rief er erstaunt, als der Zöllner wieder kam und eine große Kiste hinter sich her zog. Ob die in sein Auto passte?

„Na entschuldigen Sie mal, Sie müssen doch wissen, was Sie bestellt haben!“ Was war das denn für einer? „Hier!“ Roman wurden Papiere vorgelegt, „unterschreiben Sie mir bitte den Empfang und dann wünsche ich Ihnen noch viel Spaß.“ Doch das betonte der Beamte so merkwürdig, dass man nicht wusste, wie er das meinte. Doch er schob die Kiste auf dem Rollbrett zu Roman hinüber.

„Einen Birmakater“, erklärte Roman etwas schnippisch, denn langsam ging es ihm etwas auf die Nerven, dass dieser Zöllner die ganze Zeit so tat, als wenn er sie nicht alle hätte. Darum unterschrieb er die Papiere auch nicht sofort, sondern sah in die Kiste, damit er sehen konnte, ob auch das drin war, was seine Eltern bestellt hatten. Er beugte sich also vor und zuckte sofort wieder zurück. „Was ist das denn für ein Vieh? Das haben meine Eltern ganz bestimmt nicht bestellt.“ Der junge Tierarzt sah den Zöllner an und deutete auf die Kiste. „Ich sollte einen Birmakater abholen und nicht so was. Das ist auf jeden Fall die falsche Kiste.“

„Ihre Eltern sind Petra und Herbert Berger? Wohnhaft in der Brunnenstraße?“, fragte der Zöllner, der mit derartigem schon gerechnet hatte. Erst so was Abartiges bestellen und sich dann zieren. „Bitteschön. Hier ist die Unterschrift auf dem gefaxten Kaufvertrag, da stehen die Namen, da die Bestellung: Birma Catboy!“ Mit einem Stift trommelte der Zöllner auf die Stelle auf dem Papier, wo die Bezeichnung eingetragen war.

„Das glaub ich nicht.“ Roman strich sich über das Gesicht und las sich die Papiere genau durch. Das hatte er bisher nämlich nicht getan, was sich als Fehler herausstellte, denn in seiner Ausfertigung stand genau das gleiche. „Na, da wird Oma sich ja freuen, wenn sie dieses Ding zu Weihnachten geschenkt bekommt.“ Er seufzte und sah noch einmal in die Kiste, wo ihn zwei tiefblaue Augen anfunkelten und zwei Ohren nervös zuckten. „Das kommt davon, wenn man was in Amerika bestellt und kein Englisch kann“, schimpfte er, unterschrieb aber die Empfangsbescheinigung, denn das, was in der Kiste saß, war wirklich das, was er abholen sollte. Wie konnte man nur so blöd sein und 'junger Kater' mit 'Catboy' übersetzen? Hatten seine Eltern wirklich keinen Schimmer, dass Kater im Englischen tomcat hieß? Das Geschenk für seine Eltern stand fest:

ein Volkshochschulkurs!

„Viel Spaß noch mit Ihrer falschen Bestellung“, konnte sich der Zöllner nicht verkneifen und ging kopfschüttelnd. Er hatte noch anderes zu tun, als sich mit solch merkwürdigen Gestalten herumzuschlagen. „Das Rollbrett bleibt übrigens hier.“

„Danke, sehr freundlich“, erwiderte Roman ironisch und knallte die Papiere auf die Kiste und hob sie hoch. Wie er sich das gedacht hatte, war dieses Mistding sauschwer und dass dieser Catboy protestierend fauchte machte es auch nicht besser. Zum Glück war es nicht so weit zum Auto und ein paar Flüche und einen Splitter im Finger später, konnte er die Heckklappe seines Kombis schließen. „Scheiße“, fluchte er leise und nuckelte an seinem Finger, damit das Bluten aufhörte. „Ihr könnt was erleben, wenn ihr nach Hause kommt.“ Aber es half alles nichts, er musste nach Hause, denn es war einfach zu kalt, um zu trödeln, sicher auch für das Ding in der Kiste.

Immer wieder sah Roman im Rückspiegel nach hinten. Was hatte man ihm da mitgegeben? Da die Kiste nur auf einer Seite Gitter hatte, war es darin ziemlich dunkel. Viel hatte er noch nicht gesehen, nur die blauen Augen, die ihn ständig anfunkelten, jedes Mal wenn er in den Spiegel sah. „Warum ich?“, murmelte er und merkte gar nicht, wie er neugierig beobachtet wurde, denn Maung - so hieß der Catboy - musterte seinen neuen Besitzer. Er hatte sich gefragt, wer ihn gekauft hatte und warum man ihm eine fremde Sprache gelehrt hatte, die um ihn herum keiner gesprochen hatte. Doch was er bis jetzt gehört hatte, hatte ihm nicht gefallen. Ding, Vieh. Was der Kerl nicht alles Abwertendes über ihn gesagt hatte. Und bei dem sollte er jetzt leben?

Knurrig hockte sich Maung auf den Hintern und verschränkte die Arme, zog die Krallen aber ein, damit er sich nicht selbst kratzte. Lieber starrte er den Kerl an, das schien ihn nervös zu machen und Spaß brachte es außerdem.

Die sprichwörtliche Neugier der Katze eben.

Er hatte auch genug Zeit dazu, denn die Fahrt zu Romans Elternhaus dauerte ein wenig. Es lag nicht mitten in der Stadt, sondern etwas außerhalb, in einem der Vororte.

„Willkommen in deinem neuen Heim“, murmelte Roman sarkastisch, als er den Wagen vor dem Haus parkte und die Kiste aus dem Auto wuchtete und ins Haus schleppte. Erst einmal kontrollierte er alle Türen und Fenster, bevor er die Kiste öffnete, damit sein neues Haustier auch nicht ausbüchsen konnte.

Doch erst einmal passierte gar nichts, denn Maung blieb, wo er war. So weit kam es noch, dass er sich von dem Idioten herum kommandieren ließ wie ein schnödes Haustier. Er lehnte sich also an die Rückwand der Kiste und machte es sich gemütlich.

Er hatte Zeit.

Roman blieb eine Weile vor der Kiste hocken, als sich da aber nichts tat, ging er in die Küche. Das war ja bei Katzen nichts Ungewöhnliches, dass sie etwas brauchten, wenn sie in eine neue Umgebung kamen. Sollte der Neue sich Zeit lassen, derweil konnte Roman sich schon etwas zu essen machen, denn er hatte Hunger und heute gab es Schnitzel. Da ließ er sich von nichts abhalten, auch nicht von diesem merkwürdigen Ding.

Das merkwürdige Ding wurde unterdessen von der sprichwörtlichen Neugier der Katze getrieben und lugte vorsichtig aus der Kiste. Die pelzigen Katzenohren wackelten und lauschten und als Maung merkte, dass der Irre weg war, kam er etwas weiter aus der Kiste raus und sah sich um. Seine Nase erklärte ihm, dass irgendwo mit frischem Fleisch hantiert wurde und so leckte er sich die Lippen und kroch ganz aus der Kiste. Vielleicht war der Idiot ja doch nicht so verkehrt, wenn er ihm erst einmal etwas zu Essen machte. Also ging es nun immer der Nase nach - auf leisen Pfoten. Der lange, flauschige Schwanz wedelte angespannt.

Er konnte Roman eine Weile unbemerkt beobachten, weil der ihn gar nicht bemerkte und gerade dabei war, die Schnitzel zu braten. Er entdeckte den Kater mehr durch Zufall, als er sich umdrehte. „Huch“, rief der Arzt aus und blieb so stehen. Auch wenn er nicht wusste, was er von dem Catboy halten sollte, war er doch neugierig und besah ihn sich. Sofort fielen ihm wieder die leuchtenden Augen auf und jetzt endlich konnte er den Rest dazu sehen und was er sah, überraschte ihn. Vor ihm stand ein hübscher, zierlicher Junge und auch wieder nicht, denn um menschlich zu sein hatte das Wesen vor ihm zu viele Katzenmerkmale. Die Hervorstechendsten waren die Ohren und der lange buschige Schwanz, der aufgeregt zuckte.

„Hallo“, sagte Roman, weil ihm nichts Besseres einfiel und lächelte.

Willst du mich verarschen?, dachte Maung und legte den Kopf schief, doch dann erinnerte er sich daran, was der Typ alles von sich gegeben hatte und schaltete auf stur.

Der Kerl wollte eine Katze? Die sollte er bekommen.

Deswegen macht er nur: „miau“ und leckte sich über den Flaum auf den Fingern, ließ die Krallen heraus schnellen und gab sich viel Mühe, eine Katze zu sein, ließ die Schnitzel dabei aber nicht aus den Augen.

„Na klasse“, murmelte Roman und sah dem Kater zu. „Ich muss gleich mal gucken, ob du einen Namen hast und ob ich dich zurückgeben kann, denn du bist definitiv nicht das Richtige für Oma.“ Da hatten seine Eltern sich echt was geleistet. „Was soll's, bis dahin bist du hier und ich muss mich um dich kümmern. Du hast doch bestimmt Hunger und Durst nach der langen Reise.“ Er ging zum Schrank und holte eine Dose Katzenfutter, das er in eine Schüssel gab, genauso wie ein wenig Katzenmilch. Er stellte beide Schalen nach kurzem Zögern auf den Tisch, weil ihm das sonst merkwürdig vorkam und machte sich selber einen Teller fertig.

Was soll das denn?, dachte Maung bei sich und wusste im ersten Moment nicht, ob der Kerl ihn verarschen wollte oder der das völlig ernst meinte. Er guckte auf die beiden Schüsseln und bewegte sich keinen Zentimeter. Das konnte der Spinner alleine essen, wenn er das wollte. Für ihn kam nur das Leckerchen aus der Pfanne in Frage, da stand ja wohl mal sein Name drauf!

„Na komm, Miez, das ist für dich“, lockte Roman, der sich mit seinem Essen an den Tisch setzte. „Ist vielleicht etwas anderes, als dein übliches Futter, aber ich habe bei Katzen damit sehr gute Erfahrungen gemacht.“ Er klopfte leicht auf den Tisch, weil sein Neuzugang etwas abwesend wirkte. „Na komm, lass es dir schmecken.“

Friss selber, den Mist!, knurrte Maung und fixierte das Schnitzel noch einmal. Dieses Ragout aus Kalb und Fisch konnte der Idiot selber essen, er wollte das goldgelbe Leckerchen. Also schoss Maung plötzlich vor. Seine Krallen griffen nach dem Stück Fleisch, was er sich sofort zwischen die Zähne schob und dann war er weg, so schnell wie er gekommen war, sauste durch das Haus, bis er einen Schrank gefunden hatte, der als Fluchtstätte hoch genug schien - und schon war er rauf. Ohne darauf zu achten, dass seine Krallen Kratzer im Holz hinterließen.

„Was…?“ Roman saß auf seinem Stuhl und starrte sprachlos auf seinen Teller, wo gerade noch sein Schnitzel gelegen hatte. Hatte dieses Vieh ihm gerade sein Essen geklaut? Das war doch nicht wahr, oder!? Mit der Erkenntnis, dass es doch so war, kam Leben in Roman. „Was fällt dir ein, du Mistvieh? Das ist mein Essen“, brüllte er und sprang auf. So was konnte er doch nicht durchgehen lassen. Darum setzte er dem Kater hinterher, um ihm seine Beute wieder abzujagen.

Doch Maung lag schon auf dem Rücken auf dem Schrank und ließ sich das in Fett ausgebackene Fleischläppchen schmecken. Sehr lecker. Er schmatzte und schnurrte zufrieden, leckte sich die Finger und die Lippen und ignorierte den durchs Haus tobenden Roman mit Leidenschaft und Hingabe. Der hatte es schließlich gewagt, ihm Katzenfutter vorzusetzen - der Idiot hatte doch keinen Schimmer, was ein Catboy eigentlich war. Mit so was Niederem gab sich Maung nicht ab und so ignorierte er Roman weiter.

Der lief derweil durch das Haus und schimpfte weiter. „Wo hast du dich versteckt, du blöde Katze“, knurrte er dabei und schaute ins Wohnzimmer. Allerdings konnte er Maung, so wie er lag, nicht sehen und so hetzte er die Treppe hoch, weil er vermutete, dass der Catboy sich in eines der Schlafzimmer verzogen hatte. Roman war wütend, denn er hatte Hunger und in der Praxis war er nicht wirklich zum Essen gekommen.

Zufrieden rollten sich Maung auf dem Schrank hin und her, leckte sich das letzte Fett von den Fingern und lauschte noch einmal angespannt, wo der Idiot sich gerade herum drückte. Natürlich hatte der angenommen, die Katze wäre die Treppe hoch und so grinste er zufrieden. „Du bist echt ein armes Würstchen“, sagte er leise und sprang vom Schrank. Seine Katzengene sorgten dafür, dass er auf die Füße fiel und keinen Krach dabei machte und so schlich er sich zurück in die Küche, immer ein Ohr im Flur, ob Roman zurückkam. Doch der Volldepp suchte die Katze unter dem Bett. Sollte er doch. So konnte sich Maung die anderen vier Schnitzel auch noch greifen, die zum Abkühlen auf einem Teller lagen.

„Wo hast du dich versteckt, Mistkatze?“ Roman suchte noch immer, war sich aber sicher, dass besagte Mistkatze nicht oben war. „Wenn ich dich erwische, ersäuf ich dich in der Badewanne“, schrie er laut, auch wenn er nicht glaubte, dass die Katze das verstand, aber er musste seinem Ärger einfach Luft machen.

Derweil hockte Maung wieder auf seinem Schrank, der spontan sein Lieblingsplatz geworden war, legte seine Beute ab und maunzte sehr laut, damit der wütende Idiot ihn auch ja hörte und ihm beim Essen zusehen konnte. Denn dass der hier hoch kam, glaubte Maung nicht. Zumindest nicht so schnell, wie der Kater die vier Schnitzel verdrückt hatte. Eines lebte ja jetzt schon nicht mehr.

Wie erwartet wirbelte Roman herum und fixierte den Schrank, auf dem sich das Mistvieh verschanzt hatte. Der Tierarzt wusste schon, dass sein restliches Essen ebenfalls verschwunden war und war darüber so wütend, dass er alle Vorsicht vergaß. Er schnappte sich einen der antiken Stühle, die im Esszimmer seiner Eltern standen, und stellte ihn vor den Schrank. Kaum oben, griff er sich das erste, was er in die Finger bekam und zog heftig daran. Dass er dem Catboy damit wehtun konnte, interessierte ihn gerade gar nicht.

Doch er tat es und bekam sofort die Quittung, denn das Ohr, was er erwischt hatte, war ziemlich empfindlich. Maung fauchte und zog, doch das tat nur noch mehr weh. Also fuhr er die Krallen aus und kratzte, was er nur erreichen konnte. Er musste das blind tun, denn der Idiot hielt ihn so ungünstig, dass Maung nichts sehen konnte, weil er nach unten gedrückt wurde. Sein Schwanz fegte über den Schrank und scheuchte Unmengen von Staubmausfamilien auf.

Roman zuckte zusammen, als die Krallen seinen Handrücken verletzten, aber er ließ nicht los. In seinem Studium hatten ihn schon etliche Krallen erwischt und er hatte nicht loslassen dürfen. So machte er das jetzt auch nicht und zog fester.

„So nicht, du Arschloch“, schimpfte er und fing mit der anderen Hand den wedelnden Schwanz ein. Es ging hier gerade nicht mehr um die Schnitzel, denn die konnte er eh vergessen, sondern ums Prinzip. Er ließ sich doch nicht von einem Haustier auf der Nase herumtanzen.

Er bereitete Maung damit ziemliche Schmerzen und die machten jeden blind vor Wut, auch den Catboy. Er schlug also immer wieder mit den Krallen, erwischte nicht nur die Hände sondern auch das Gesicht und zusätzlich verbiss er sich in Romans Hand. Bei was für einem Idioten war er hier gelandet? Erst gab er ihm nichts Richtiges zu essen und dann quälte er ihn auch noch. Das hatte der Mistkerl nicht umsonst gemacht. Wieder schlug Maung mit der Kralle aus und grub sie tief durch Romans Wange, denn der Schmerz im Ohr wurde unerträglich.

Es war Romans Glück, dass er instinktiv wegzuckte, sonst hätte der Catboy sein Auge erwischt. Geschockt sah er auf das fauchende Geschöpf, das immer noch auf dem Schrank hockte. Er fasste sich an die Wange, als er fühlte, wie etwas über seine Haut lief und sah dann auf die roten Fingerspitzen. „Blut“, murmelte er und ein Ruck ging durch seinen Körper. „Mistvieh“, zischte Roman leise und sprang wütend vom Stuhl. „Ich schick dich zurück und wenn die dich nicht wollen, dann bring ich dich ins Tierheim.“

Arschloch!, dachte Maung so bei sich und rieb sich über das schmerzende Ohr. Vielleicht sollte der Trottel erst mal den Vertrag lesen. Kein Rückgaberecht und vor allem nicht weiter veräußerbar.

Wütend, weil der Schmerz noch nicht nach ließ, hockte sich der Catboy im Schneidersitz auf den Schrank und griff sich eines der Schnitzel, die noch übrig waren und zum Glück nicht auf den Boden gefallen waren. Das hatte er sich jetzt verdient. Dabei putzte er sich und richtete das wenige Fell.

„Mach doch, was du willst“, brummte Roman, der immer noch wütend war, denn mittlerweile hatte er auch die restlichen Kratzer und die Bisswunde gesehen. So etwas war ihm noch nie passiert. Na hoffentlich hatte er sich jetzt nicht noch mit etwas infiziert. „Ich hoffe für dich, du weißt, wie man eine Toilette benutzt, sonst kannst du sicher sein, dass ich alles, was ich auf dem Teppich oder sonst wo finde, mit dir wegwischen werde.“

Ohne weiter auf den Catboy zu achten, ging er ins Arbeitszimmer, um die Papiere durchzusehen und mit den Verkäufern Kontakt aufzunehmen. Maung sah ihm mit einem hasserfüllten Blick an. Was dachte der Kerl denn? Dass er ein primitives Tier war?

„Wichser, dämlicher“, fauchte er leise und schüttelte den Kopf. Er rutschte bis an die Wand zurück und lehnte sich dagegen. Dabei sah er sich erst einmal in dem altmodischen Raum um. Hier gefiel es ihm gar nicht und das lag weniger an den Möbeln als vielmehr an deren Besitzer.



02

Roman versuchte sich wieder zu beruhigen, was aber nicht wirklich gelang, als er erst einmal ins Badezimmer ging, um seine Wunden zu versorgen. Die Kratzer und der Biss an den Händen waren nicht weiter schlimm, aber er desinfizierte sie trotzdem und machte einen leichten Verband darum. Der Riss auf seiner Wange war da schon etwas heikler. Nicht nur, dass er höllisch schmerzte, wenn er Pech hatte, blieb auch eine Narbe zurück. „Dämliches Mistvieh“, schimpfte er leise und versuchte das mit Klammerpflastern zu verhindern. Erst dann setzte er sich ins Arbeitszimmer und sah sich die Papiere durch.

Doch sein Gesicht wurde lang und länger, das konnten selbst die flickenden Pflaster nicht mehr aufhalten. Auf was für einen Mist hatten sich seine Eltern da eingelassen? Warum orderten die eine Katze bei einer Überseefirma, wenn sie weder die Sprache beherrschten, geschweige denn den Vertrag richtig bewerten konnten?

War denen noch zu helfen?

„Cat-boy... man, wie doof muss man eigentlich sein“, knurrte er. Nicht dass man hier falsche Schlüsse zog, er liebte und verehrte seine Eltern. Aber im Augenblick würde er sie gern hinter seinen Wagen binden, das blöde Mistvieh gleich dazu, und alle drei teeren und federn.

Sonst waren seine Eltern bei Geschenken doch so pingelig. Warum hatten sie sich diesmal nicht über die Firma informiert? Wie konnte man denn Tiere bei einem Genforschungsunternehmen kaufen? Roman war wirklich fast so weit, seinen Kopf auf den Tisch knallen zu lassen, denn, egal wie er es drehte oder wendete, er wurde diesen Kater nicht los. Aber zumindest wusste er jetzt wie sein Mistvieh hieß:

Maung Thet Shay - 'dem Jungen möge ein langes Leben beschert sein'.

Was für ein Name. So lange währte es ja noch nicht. Das Vieh war 17 Jahre alt und in zwei Monaten wurde es 18. Dann war er volljährig, oder galt das für Catboys nicht? Roman war frustriert und das sah man ihm auch an.

Derweil lag der Kater immer noch gelangweilt auf dem Schrank. Die Schnitzel hatte er verdrückt. Nun lag er auf dem Bauch, ließ Hände und Schwanz runter hängen und langweilte sich zu Tode. Er wollte zurück zu seinen Geschwistern, ihm fehlte die Körperwärme der anderen. So allein, das war nicht sein Ding und dass der Idiot ihn eines Tages mal streicheln und bekuscheln würde, das musste sich Maung nicht einbilden. Seufzend drehte er sich auf den Rücken - life sucks.

Roman schaltete derweil frustriert den PC aus und seufzte. Es gab wirklich keine Chance, Maung wieder zurückzugeben. Der Vertrag war wasserdicht. Was sollte er denn jetzt mit dem machen? Viel hatte er über diese Züchtungen nicht herausbekommen, nur dass sie sehr intelligent und verschmust sein sollten und stubenrein. Na toll, da hatte er wohl die berühmte Ausnahme von der Regel erwischt. Zumindest wusste er jetzt, warum Maung das Katzenfutter nicht wollte. So wie es aussah, aßen sie das Gleiche wie ihre Halter. Was aber den Verlust seines Abendessens nicht weniger schmerzlich machte. Das kleine Vieh hatte alle fünf Schnitzel verdrückt und abgesehen von ein bisschen Mischgemüse und ein paar trocknen Kartoffeln, hatte Roman jetzt nicht mehr viel, auf das er sich freuen konnte.

„Um die Ecke ist doch Wongs Imbiss. Vielleicht bringt der mir was ins Haus“, überlegte er halblaut und stieg langsam die Treppe wieder auf die Wohnebene zurück. Dabei hielt er Ausschau, ob ihm Maung irgendwo entgegen kam, doch er ahnte schon, dass der immer noch auf dem Schrank hockte.

Sollte der auf seinem Schrank doch verschimmeln. Roman nahm sich das Telefon und suchte sich die Nummer aus dem Telefonbuch. Also bestellte er für sich eine Frühlingsrolle und scharfe Ente. So einen Hunger, wie er hatte, reichte das gerade so. Aber das brachte ihn wieder zu dem Catboy. Für den hatte er nichts im Haus. Musste er nachher wohl noch einmal einkaufen gehen. Wie gut, dass es in der Nähe einen Supermarkt gab, der fast rund um die Uhr geöffnet hatte.

Doch was sollte er so lange mit dem Mistvieh machen?

Hier alleine lassen? - Der nutzte doch die Chance und nahm die Bude auseinander!

Zurück in die Kiste? - Das dürfte ein ziemlich schwieriges Unterfangen werden.

Vernünftig mit Maung reden? - Ja klar, und im Himmel war Jahrmarkt, oder was?

Roman schüttelte den Kopf und warf sich auf die Couch ins Wohnzimmer, so hatte er das Mistvieh nämlich gut im Blick, der sich blitzartig wieder auf den Bauch drehte und Roman verschlagen anfunkelte.

Roman seufzte innerlich, weil er genau das erwartet hatte. Wenn er nicht die restlichen Wochen Zuhause verbringen wollte, dann mussten sie einen Kompromiss finden. „Ey, Mistvieh“, rief er darum, damit er sicher sein konnte, dass Maung ihm zuhörte. „Wenn du die nächsten Tage etwas essen willst, dann muss ich einkaufen und das werde ich nur, wenn du hier keinen Mist machst. Du kannst tun und lassen, was du willst, solange du nichts kaputt oder dreckig machst, oder die Möbel umräumst. Du sollst ja recht intelligent sein, also denk drüber nach.“

Doch alles, was Roman erntete, war ein gestreckter Mittelfinger und Maung drehte sich wieder auf den Rücken, wackelte dabei provozierend mit dem Schwanz vor dem Schrank herum. Der Typ sah sich wohl noch - redete ihn mit Mistvieh an und verlangte dann noch Kompromisse? Da war er aber an den völlig falschen Kater geraten - diesen hier hatte er schon erfolgreich gegen sich aufgebracht.

„Okay.“ Roman zuckte mit den Schultern. Zumindest wusste er jetzt, dass die Katze ihn verstanden hatte. Na wenigstens etwas. Aber mehr Gedanken wollte er sich darüber erst einmal nicht machen. Wenn er Hunger hatte, funktionierte sein Kopf nicht besonders gut und er wurde knurrig. Wenn er gegessen hatte, fiel ihm vielleicht was ein. Schließlich konnte er den Catboy ja schlecht erwürgen, auch wenn er heute in den wenigen Stunden, die sie zusammen gehabt hatten, schon mehr als einmal kurz davor gewesen war. Und das entsetzte ihn, denn das war eigentlich nicht seine Art. Er war ausgeglichen und ruhig, doch dieser Kater reizte ihn.

Derweil langweilte sich Maung und so sah er sich in dem Raum suchend um, ignorierte seinen neuen Herrn mit Leidenschaft und hatte gefunden, was er suchte. Mit einem Satz war er vom Schrank auf den Sessel gesprungen, hatte sich die Fernbedienung gegriffen und war wieder auf seinem Platz.

Roman hatte ihm zugesehen und musste zugeben, dass der Kater sich wirklich elegant und geschmeidig bewegte. Wie eine richtige Katze eben. „Du kannst dich ruhig in den Sessel setzen, wenn du möchtest“, machte er ein Friedensangebot. Er hatte diesen Maung am Hals und ständig die Angst, dass er das Haus seiner Eltern zerlegte, brauchte er absolut nicht. Er war immer noch verstimmt darüber, dass er verletzt worden war, aber Grundzüge an Höflichkeit verdiente auch der Catboy und vielleicht machte das ihr Zusammenleben erträglicher.

Doch im ersten Moment erntete Roman nur Misstrauen. Erst wollte ihn der Kerl mit Katzenfutter vergiften, dann zog er ihn an den Ohren, bis es wehtat, und dann wurde der freundlich? Da war doch was im Busche. Maung legte den Kopf schief und versuchte Roman zu verstehen. Doch das war nicht so leicht, wie er sich das gedacht hatte. Außerdem wurde ihm langsam kalt. Er kam aus einer Gegend, in der noch nicht dieses weiße Zeug herumgelegen hatte, von dem man ihm erzählt hatte, es würde Schnee heißen.

Maungs Gedanken waren deutlich zu sehen, darum schob Roman noch eine Erklärung hinterher. „Wir werden die nächsten drei Wochen hier zusammen verbringen, weil ich so lange das Haus meiner Eltern hüte. Ich muss arbeiten und ich brauche es nicht, dass ich jedes Mal Angst haben muss, dass du die Einrichtung zerlegt hast.“

Mir doch egal!, dachte der Kater und rollte sich auf dem Schrank zusammen. Er fühlte sich einfach nicht wohl und würde seinen Frust gern an etwas auslassen. Doch das gab nur wieder Ärger und Schmerzen. Ihm war kalt und so war der Sessel vielleicht doch die angenehmere Alternative. Da lagen Kissen und der Sessel war ganz weich und flauschig und so gab er nach und sprang wieder vom Schrank, die Fernbedienung dabei in der Hand.

Roman folgte ihm mit den Augen und grinste leicht, als Maung sich auf dem Sessel einrollte. „Da du ja wohl nicht in deiner Kiste und auch nicht in dem Körbchen, das ich gekauft habe, schlafen kannst, nimmst du wohl besser das Gästezimmer. Ist eine Etage höher, die rechte Tür und das Badezimmer ist nebenan.“ Roman wollte noch etwas sagen, aber da klingelte es und er stand auf, um sein Essen in Empfang zu nehmen. So konnte er leider gar nicht sehen, dass sein neuer Gast das erste Mal beeindruckt eine der fein geschwungenen Brauen hob. „Du lernst schnell, Idiot“, murmelte Maung leise und lachte, als er endlich wahllos auf die Fernbedienung drückte. Sie war so niedlich klein, passte gut in seine Hand.

Doch als lauter Krach durch das Wohnzimmer donnerte und Maung vor Schreck die Fernbedienung fallen ließ, flatterten dem Catboy schon vor Schmerz die Ohren. Er drückte wahllos auf dem kleinen Gerät auf dem Boden herum, doch er fand nicht den richtigen Knopf in seiner Panik. Also machte er, dass er vom Acker kam, um dem schmerzenden Krach zu entgehen.

So sah Roman nur noch den hellen Schwanz mit der dunklen Spitze die Treppe hoch huschen, als er ins Wohnzimmer gerannt kam. „Maung, spinnst du?“, brüllte er laut, um den Krach zu übertönen, griff sich aber dabei die Fernbedienung und drehte die Lautstärke runter.

„Oh man“, murmelte er leise. Da hatte er sich wohl zu früh gefreut, denn sein Gast hatte schon das nächste Problem. In seiner Panik hatte er sich unter eines der Betten flüchten wollen, die er gefunden hatte und steckte nun fest. Er versuchte sich zu befreien, fauchte und miaute kläglich, doch es nutzte nichts. Sein Schweif fegte mit dem langen Fell über den Boden und er strampelte mit den nackten Füßen wie verrückt.

Roman wollte gerade wieder in die Küche gehen, als er das leise Jammern hörte. „Was ist denn jetzt schon wieder?“, brummte er Augen verdrehend, ging aber lieber hoch, denn solche Geräusche kannte er. Dann war ein Tier in Panik und das war das letzte, was er brauchte. Als er Maung sah, konnte er sich ein Grinsen allerdings nicht verkneifen, versuchte sich das aber nicht anmerken zu lassen. Aber es bewirkte, dass er nicht schimpfen konnte.

„Ach Miez, was machst du denn da?“, murmelte er leise und zog den Catboy unter dem Bett hervor. Allerdings fauchte der schon wieder aufgebracht, um zu überspielen, dass ihm diese Aktion ziemlich peinlich war. Doch er kratzte nicht wieder um sich, sondern sprang nur auf das Bett. Es war groß und breit und so konnte er nicht widerstehen und rollte sich darinnen herum. Herrlich weich. Und als er aus Versehen an der Decke mit einer Kralle hängen blieb und sich in die Decke einrollte, wirkte er sehr zufrieden.

„Mein Bett scheint dir ja zu gefallen. Wenn du dort drin bleibst, wirst du es mit mir teilen müssen, denn ich schlafe ganz bestimmt nirgendwo anders.“ Roman runzelte ein wenig die Stirn, als er außer Schnurren keine Reaktion bekam, atmete aber tief durch, weil er sich nicht schon wieder aufregen wollte. „Ich esse jetzt was und danach bin ich weg, etwas einkaufen.“ Er wartete keine Antwort ab, sondern ging wieder runter, sein Essen wurde sonst kalt und dafür war es einfach zu schade.

Ich teile schon mal prinzipiell gar nichts!, dachte sich Maung, doch das musste der Idiot ja noch nicht wissen. Lieber rollte der Kater noch ein bisschen über das Bett, zog auch die kalten Füße in die Decke und wärmte sich wieder auf. Doch das wurde nach einer Weile langweilig. Es machte nämlich viel mehr Spaß Roman zu ärgern, als allein hier herumzuliegen. Doch die Wohnung war kalt. Was tun, wenn man außer einer Stoffhose nichts trug? So wie er war, eingerollt in die Decke wie in einen Teppich, dass nur noch die Zehen, der Schwanz und die Nase raus guckten, machte er sich also auf den Weg nach unten, schleifte so einen Teil der Decke wie eine Schleppe hinter sich her.

Im Wohnzimmer war niemand und so suchte er weiter, aber außer einer zuklappenden Haustür wurde er nicht fündig.

Roman hatte aufgegessen und wollte einkaufen, damit er endlich Ruhe hatte. Vielleicht noch ein wenig lesen und ein Glas Wein. Das würde ihm gefallen. Aber wahrscheinlich konnte er das vergessen. Im Supermarkt kaufte er ein bisschen wahllos Dinge ein, von denen er ausging, dass sie einer Katze schmecken konnten. Er wusste ja selbst, dass eigentlich die Fertigfutter das Beste waren, was man einer Katze tun konnte, weil sie mit den Inhaltsstoffen auf die Bedürfnisse der pelzigen Mitbewohner ausgerichtet waren. Doch Maung war eben keine richtige Katze - na ja, irgendwie schon und irgendwie auch wieder nicht. Er war wirklich etwas ganz eigenes. Ob er rohen Fisch nehmen sollte?

Roman zuckte mit den Schultern und ging zur Fischtheke. Wenn Maung das nicht wollte, aß er das eben. Weil er keine Ahnung hatte, was diese Kratzbürste mochte, nahm er einfach von allem etwas, was er selber mochte. Thunfisch, Seeteufel, Lachs und Rotbarsch packte die Verkäuferin ihm ein. Nach ein wenig Obst, war sein Korb voll, denn er hatte auch noch Fleisch gekauft, da war er sich sicher, dass der Catboy das mochte. Schließlich hatte er alle Schnitzel aufgegessen. Dem Katzenfutter warf er nur einen verächtlichen Blick zu. Damit musste er dem Kater nicht noch einmal kommen.

Einmal drehte sich Roman noch im Kreis, ob ihm spontan etwas ins Auge fiel, doch er war der Meinung, alles zu haben, und so pilgerte er zur Kasse, ließ einiges an Geld zurück und raffte dann seine Einkäufe.



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Draußen nieselte es noch immer, darum schüttelte Roman sich, als er die Haustür hinter sich schloss. Das war etwas, was er seit seinem Umzug nach Hannover nicht vermisst hatte. „Bin wieder da“, rief er, auch wenn er nicht wusste, ob das seinen Gast interessierte. Darum ging er in die Küche, verstaute die Lebensmittel und setzte dann Wasser für Tee auf. Roman hatte sich spontan umentschieden und die Weinflasche weggestellt. Bei dem Wetter mochte er lieber einen leckeren Weihnachtstee. Schließlich war ja schon Ende November.

Seine Vermutung, dass Maung nicht sonderlich interessiert war, dass Roman wieder zu Hause war, blieb nicht unbestätigt, denn erst einmal tat sich in der Wohnung gar nichts und so wusste er nicht, ob er froh sein sollte, dass der Kater nicht schon wieder in einer selbst gebauten Falle hing, oder nervös werden, weil er nicht wusste, was Maung alles zerlegt hatte. Am besten kochte er erst einmal leckeren Tee und ahnte nicht, dass er damit eine lautlos wandelnde Bettdecke mit Beinen und Schwanz in die Küche lockte.

„Miau!“, fragte Maung, auch wenn er sehr wohl sprechen konnte. Doch der Kerl glaubte, er hätte eine Katze, also bekam er eine Katze.

„Uah!“ Roman sprang alarmiert zur Seite und griff sich ans Herz. Er hatte Maung nicht kommen hören und sich fürchterlich erschrocken. „Wenn ich einen Herzinfarkt kriege, ist keiner mehr da, der dir Schnitzel oder was anderes zu essen macht“, japste er. Erst jetzt kam der junge Arzt dazu, sich den Catboy näher anzusehen. „Ist dir kalt?“, fragte er und gab sich selber leise murmelnd die Antwort, dass der Kater ja nicht aus Spaß in eine Decke eingewickelt durch das Haus lief.

„Sind deine Züchter eigentlich bescheuert? Schicken dich so auf die Reise, wo die doch wissen, dass hier Winter ist und geben dir nichts mit“, fluchte er und überlegte, was er machen sollte. „Meine Sachen passen dir nicht, aber vielleicht hat meine Mutter noch etwas von mir aufgehoben, als ich jünger und kleiner war.“

Maung sah ihn etwas verständnislos an und raffte die Decke um sich fester. Er hatte sich an seinen weichen Panzer schon gewöhnt und hatte es langsam raus, wie man es wickeln und stopfen musste, damit man die Hände für die Fernbedienung frei hatte. „Miau“, machte Maung nur und dachte sich, dass Roman sich aussuchen konnte, was das wohl heißen sollte. Lieber machte er einen langen Hals, um zu sehen, was alles Neues ins Haus gebracht worden war. Es roch verführerisch!

„Magst du Tee?“ Roman grinste und goss zwei Tassen voll. Der Tee roch wirklich lecker nach Zimt und Mandeln. Er musste rausbekommen, was der Catboy mochte und was nicht, darum holte er seine Einkäufe wieder hervor. „Okay, zeig mir, was du davon magst, damit ich weiß, was ich einkaufen muss.“ Roman mochte dieses merkwürdige Vieh immer noch nicht, aber verhungern lassen konnte er ihn auch nicht. Dafür war er zu teuer und außerdem war es ja auch ein Lebewesen.

Er war zu sehr Arzt, egal wie sehr ihm dieses Vieh zugesetzt hatte und Maung spürte, dass Roman mit ihm noch immer nicht im Reinen war. Das traf sich gut, da waren sie schon zwei - doch leider saß der Mensch am längeren Hebel, der hatte nämlich Essen. Maung leckte sich die Lippen und hatte ziemlich schnell begriffen, dass er sortieren sollte. Das machte er und stapelte alles, was grün und gesund war, vor Roman und bedachte sich selbst mit Fisch und Fleisch. Er war eben zu sehr Katze. Dabei sah er aus seiner Decke und forschte, ob das so richtig war, die heiße Tasse in den klammen Finger und die Krallen schlugen zitternd gegen das Porzellan.

„Okay, dann weiß ich Bescheid.“ Was anderes hatte Roman auch nicht wirklich erwartet. Er räumte alles wieder in den Kühlschrank und nahm seine Tasse. Dabei fiel im auf, dass Maung zitterte. Darum stellte er seine Tasse wieder weg und ging hoch in sein altes Zimmer. Seine Mutter hatte es nicht verändert, darum hoffte er, noch alte Sachen von sich zu finden. So wie es aussah, hatte er sich das richtig gedacht, denn im Schrank lagen noch einige Klamotten. Er griff sich einen weichen, warmen Pullover und ein paar dicke Socken. Das sollte erst einmal reichen. Mit seiner Beute auf dem Arm ging er wieder runter in die Küche und legte die Sachen neben Maung ab. „Zieh es an, dann wird dir wärmer.“

Skeptisch äugte der Kater auf den Pullover und die Socken. Eigentlich wollte er nicht aus seinem warmen Panzer kriechen, aber auf die Dauer war er auch ein bisschen hinderlich. Socken trug er grundsätzlich nicht. Es machte ihn verrückt, wenn er den Boden unter den Füßen nicht mehr auf der Haut spürte, wie jede Katze eben, der man sinnlos Schuhe anziehen wollte. Doch der Pullover verschwand wie von Geisterhand unter der Decke.

Roman grinste und ging mit seiner Tasse ins Wohnzimmer. Dort nahm er sich ein Buch und versuchte zu lesen, aber immer wieder schweifte sein Blick zur Tür. Nicht zu wissen, was der Kater gerade anstellte, machte ihn nervös, denn es bestand immer die Möglichkeit, dass Maung Blödsinn machte. Aber er verbot sich aufzustehen und nachzusehen. Dieses Mistvieh bestimmte nicht seinen Tag. Das waren doch nur Gerüchte, dass eine Katze im Haus die Herrschaft übernehmen würde.

Derweil rollte sich Maung über den Boden im Flur, als er versuchte, unter seiner Decke den Pullover anzuziehen. Eigentlich mochte er keine Kleider, sie beengten ihn beim Springen und Laufen. Doch er hatte schon länger begriffen, dass Menschen seine Nacktheit nicht schätzten. Aber hier war es auch um einiges kälter als dort, wo er herkam, und so war es wohl besser, doch etwas bekleideter herum zu laufen, wenn er nicht frieren wollte.

Roman hatte währenddessen den Kampf gegen seine Neugierde verloren und blickte in den Flur. Er musste grinsen, als er die sich windende Bettdeckenrolle sah. „Ich schätze es gar nicht, wenn man sich in meiner Decke auf dem Boden rumrollt“, grollte er trotzdem, denn er wollte das nicht niedlich finden. Dieses Mistvieh hatte ihn verletzt und bei so etwas war er durchaus nachtragend.

Allerdings war Maung wie jede andere Katze auch: er hörte nur das, was er hören wollte und Kritik an seinem Tun gehörte nicht dazu. Schon aus Trotz griff er sich wieder die Decke und rollte hin und her, hin und her, hin und her...

„Ey! Spinnst du, du blödes Vieh?“, schimpfte Roman und ging auf Maung zu, griff sich einen Zipfel der Decke und zog ihn nach oben. Dass er damit den Catboy auswickelte, nahm er in Kauf, oder besser gesagt: das war so gewollt. So langsam ging ihm dieser Kater nämlich auf die Nerven. Sein Limit für heute war echt erreicht. Wenn der Kater was wollte, konnte er hören und verstehen, aber sonst stellte er auf stur.

Genauso wie jetzt.

Maung mochte es gar nicht, dass er auf das harte Parkett schlug und so dauerte es nur eine Sekunde zum realisieren und dann zog er seine Krallen durch den Stoff, machte kehrt und verschwand wieder auf dem Schrank.

Roman stand mit seiner zerfetzten Bettdecke da und fluchte lautstark. „Arsch“, brummte er und stapfte die Treppe hoch. Sollte das Mistvieh auf seinem Schrank doch erfrieren.

Oben in seinem Zimmer angekommen besah er sich die Decke genauer und zum Glück hatte Maung nur den Bezug erwischt, den konnte er wechseln und dann ins Bett krauchen. Er war noch unschlüssig, ob er die Tür nicht einfach hinter sich schließen sollte, doch er traute dem neuen Gast nicht über den Weg. Und so lauschte er immer wieder angespannt nach unten, doch Maung rührte sich nicht. Er hatte sich noch schnell die Fernbedienung auf seinen Schrank geholt und guckte nun leise fern, denn er hatte den Knopf gefunden, den er vorhin vergeblich gesucht hatte.

In seine warme Decke gehüllt, konnte Roman nicht lange wach bleiben. Er entspannte sich, obwohl er das nicht wollte und schlief schließlich ein. Sein Tag war auch ohne die Aufregungen um diesen Catboy anstrengend genug und so holte sich sein Körper, was er brauchte.

Im Gegensatz zu Maung, der sich allmählich langweilte und durch das Haus stromerte. Ihm war langsam wieder kühl. Die Heizungen waren kalt und so suchte er ein Plätzchen zum Schlafen, das besser geeignet war als der Schrank. Licht brauchte er keines, er sah im Dunkel hervorragend und so zog ihn das leise Atmen in Romans Schlafzimmer. Nun hatte er genügend Zeit, sich den Idioten einmal eindringlich zu betrachten, also kniete er sich auf das Bett und kam näher.

Er hatte auch einen guten Blick auf diesen Idioten, der ihn heute immer wieder geärgert hatte. Roman hatte sich im Schlaf freigestrampelt und da er grundsätzlich nackt schlief, konnte der Kater recht viel von ihm sehen. Den haarlosen, gut trainierten Oberkörper, der darauf hindeutete, dass sein Halter durchaus Sport trieb und auf seinen Körper achtete. Die blonden, halblangen Haare hingen ihm ins Gesicht und weil sie geschlossen waren, konnte er die hellbraunen Augen nicht sehen.

„Wenn du schläfst, bist du echt zu ertragen. Schade nur, dass du keinen Schimmer zu haben scheinst, für was Wesen wie ich gezüchtet wurden“, sagte Maung leise und konnte es sich doch nicht verkneifen, Roman vorsichtig - aber ohne Krallen - gegen die Nase zu schnicken.

Roman zog die Nase kraus und brummte leise, als er sich umdrehte. Dabei verrutschte die Decke noch mehr und gab Roman nun fast komplett frei und Maung hatte den besten Ausblick auf dessen ansehnliche Kehrseite. Der junge Arzt zog ein Bein an, weil ihm langsam kalt wurde, aber wachte nicht auf.

Dafür besah sich der Kater seinen neuen Herrn noch eine Weile und sein Blick lag ungeniert zwischen Romans Beinen. „Nicht übel, sprach der Dübel und verschwand in der Wand“, murmelte er und leckte sich ungesehen über die Lippen. In den runden Hintern seine Krallen zu schlagen war verlockend, doch er ließ es bleiben. Lieber griff er sich die Decke, die so achtlos vom Bett hing, um sich wieder einzurollen.

Dass Roman jetzt vollkommen bloß da lag interessierte ihn nicht weiter. Sollte der doch sehen, wie er sich warm hielt. Noch einmal sah er zu seinem Halter rüber, der nun beide Beine angezogen hatte. Aber das war nicht Maungs Problem. Er selbst hatte es schön warm. Er streckte sich noch einmal, buckelte und strich sich über den langen Schwanz, ehe er wie ein gefüllter Pfannkuchen am Fußende des Bettes zufrieden liegen blieb. Das Bett war groß genug und Roman brauchte in seiner Embryohaltung sowieso nicht den ganzen Platz.

Roman schlief unruhig und änderte immer wieder seine Stellung, weil ihm kalt war und mitten in der Nacht wurde er wach. Ohne die Augen aufzumachen tastete er nach der Decke, konnte sie aber nicht finden. Erst dann öffnete er die Augen und machte die Lampe auf seinem Nachttisch an. Er sah sich um und entdeckte Maung, der wieder in seine Decke eingewickelt schlief. Erst wollte er ihm die Decke wegnehmen, aber tat es doch nicht, denn auf neuerlichen Streit hatte er keine Lust. Darum stand er auf und holte sich eine andere Decke. Heute Nacht wollte er nur noch schlafen.



03

„Roman?“, fragte Martina, als ihr Aushilfschef die Praxis betrat. Zwar sagte sein Blick: 'Frag nicht!', doch das hielt sie nicht davon ab. „Hast du nicht gesagt, du holst eine junge Birma? Die Kratzer im Gesicht sehen aus wie die eines Leoparden“, mutmaßte sie und kam näher, um sich das genauer zu betrachten. „Oder hast du ein Damenherz gebrochen?“

„Ph…“, machte Roman nur und verzog das Gesicht. Wenn er das mal gemacht hätte, dann sähe er jetzt nicht so aus, denn bisher hatte keine seiner Abservierten ihn in irgendeiner Weise körperlich verletzt.

„War ein Birma-Kater oder zumindest so was Ähnliches. Er hat Krallen und weiß sie einzusetzen. Blödes Mistvieh.“ Roman nahm sich eine Tasse Kaffee und ging in sein Büro. Der Morgen war alles andere als erfreulich gewesen.

„So was Ähnliches wie ein Kater? Ist der arme, kleine Kerl schon kastriert worden? Der ist doch bestimmt noch nicht ausgewachsen, wie grausam. Und bei so einem skrupellosen Züchter kauft ihr? Gerade du als Arzt...“ Martina war nun wieder in ihrem Element und störte sich nicht daran, dass Roman in seinem Büro verschwand. Sie folgte einfach, denn sie war noch nicht fertig.

„Er ist ausgewachsen, glaub mir, wenn auch noch recht jung und dass er kastriert ist glaub ich nicht, aber ich sehe ganz bestimmt nicht nach.“ Roman deutete auf seine Wange und sah Martina grimmig an. „Das schlimmste ist, dass ich ihn noch nicht einmal zurückschicken kann. Das ist im Vertrag so festgelegt. Keine Rücknahme und er darf nicht weiterverkauft oder verschenkt werden.“

„Ich denke, der war für deine Oma? Na, was denn nun?“ Martina war völlig überfordert. Das musste man nicht sagen, das sah man. Sie verzog das Gesicht, krauste die Nase und legte die Stirn angestrengt in Falten. „Und wieso guckst du nicht nach und was soll das mit dem Kratzer? Das war doch keine Katze, Roman. Wenn du es mir nicht sagen willst, gut. Aber belüg mich nicht“, sagte sie dann plötzlich, weil das alles keinen Sinn für sie machte.

Das hätte er sich auch denken können, dass Martina es wieder ganz genau wissen wollte. „Ich lüge nicht“, sagte er etwas gereizt, aber dann seufzte er. „Ich habe doch gesagt, er ist so etwas Ähnliches wie ein Kater. Er ist ein Catboy. Genau genommen, ein Birma-Catboy. Meine Eltern wollten einen Kater und haben das mit Catboy übersetzt – so was Bescheuertes.“ Roman atmete tief durch, weil er sich nicht mehr aufregen wollte. „Und jetzt hab ich dieses Mistvieh am Hals, das eigentlich verschmust, anhänglich und intelligent sein soll. Nur scheint meiner das nicht zu wissen oder nicht zu wollen. Was weiß ich.“

„Catboy“, fragte Martina skeptisch. Sie glaubte immer noch kein Wort. Sie kannte derartige Fantasien aus den Comic-Büchern ihrer kleinen Schwester, doch dass es derartiges wirklich geben sollte, wollte sie nicht glauben. „So was gibt es doch gar nicht. Mixwesen aus Mensch und Katze. So was ist verboten.“ Sie ließ sich doch nicht hinters Licht führen. Warum dachte sich Roman solch eine Geschichte aus? Das war doch sonst nicht seine Art.

„Sag das nicht mir, sondern der Firma, die ihn gezüchtet hat. Freiwillig hätte ich so etwas bestimmt nicht gekauft.“ Romans Laune wurde immer schlechter, denn dass Martina ihn hier als Lügner darstellte gefiel ihm gar nicht, darum wurde er auch brummig. „Weißt du was? Ich kann dir eh erzählen was ich will, du glaubst das sowieso nicht. Komm einfach mit zu mir heute Abend und dann wirst du sehen, dass ich die Wahrheit sage.“

„Das werde ich auch tun“, sie nickte mit leuchtenden Augen, auch wenn sie noch keinen Schimmer hatte, was sie eigentlich erwarten würde. „Und dann finde ich heraus, warum das arme Ding dich kratzt. Sicher hast du ihn geärgert.“ Ihr Herz schlug eben immer für die Schwächeren.

Roman verdrehte die Augen. Das war ja klar, dass er wieder der Böse war. Darum verzichtete er darauf, von dem unverschämten Schnitzelraub zu erzählen, sondern schnaubte nur. „Warte, bis er dir seine Krallen irgendwo durchzieht, dann reden wir weiter“, maulte er und schlürfte seinen Kaffee, weil der immer noch viel zu heiß war.

„Doch, doch“, lachte Martina, weil sie merkte, dass sie wohl einen wunden Punkt getroffen hatte, „ich glaube, du hast das kleine Katerchen nur geärgert. Man muss auch lieb sein. Hat er Spielzeug? Hast du ihn gefüttert und beschmust?“ Ihr war klar, dass man Roman nicht sagen musste, wie man mit Tieren umzugehen hatte, doch das hinderte sie nicht daran, ihn zu ärgern.

„Martina!“, knurrte Roman und schickte ihr einen bösen Blick. „Sicher hab ich ihm etwas zu essen gegeben, obwohl ich mir sicher war, dass er keinen Hunger haben dürfte, nachdem er mir gestern alle fünf Schnitzel geklaut hat. Ich habe ihm heute Morgen Fleisch und Fisch gebraten. Er dürfte genug haben bis heute Abend und ich werde den ganz bestimmt nicht beschmusen.“

„Ist er so hässlich?“, stichelte sie weiter, legte aber die Stirn in Falten. Sie wusste nur zu gut, dass man eine Sache nicht tat, wenn man an seinem Leben hing: Roman die Schnitzel klauen. Er hatte schon in der Schule die großen Jungs verhauen, wenn die ihm in der Kantine die Schnitzel klauen wollten. Da wunderte es sie schon, dass das arme Tier noch nicht vor die Tür gesetzt worden war. „Spielst du wenigstens richtig mit dem Kleinen?“ Für sie war das immer noch eine Katze.

„Nein, er ist nicht hässlich, sondern eigentlich recht hübsch. Große, blaue Augen, sandfarbene Haare, dunkle Ohren. Der Schwanz ist lang und sehr buschig, mit dunkler Spitze. Alles in allem wirklich hübsch. Nur sehr kratzbürstig. Darum fasse ich ihn nicht an. Ich habe echt keine Lust auf noch mehr Kratzer.“ Über Maungs Aussehen hatte Roman sich nicht wirklich Gedanken gemacht, bisher. „Er wird dir gefallen.“

„Ich kann mir das noch nicht richtig vorstellen. Ich habe immer die Figuren aus den Comics meiner Schwester vor Augen. Ich bekomme da kein natürliches Gesicht rein“, murmelte Martina vor sich hin und strich sich eine der losen Strähnen hinter das Ohr. Eigentlich hatte sie eine Kurzhaarfrisur und das kaffeebraune Haar ging ihr gerade bis zum Kinn. Doch das feuchte Wetter machte das Haarspray unwirksam und verklebte alles. Deswegen ließ sie es weg und musste nun die Haare anders bändigen.

„Aber was zu spielen hat er doch, oder?“ Endlich nahm sie sich auch ihren Kaffee, der seit einer halben Stunde mit viel Zucker und Milch auf der Fensterbank abkühlte.

„Martina, er weiß, wie er die Fernbedienung vom Fernseher benutzen muss und er tut es auch. Das war das erste, was er heute gleich nach dem Aufstehen gemacht hat.“ Roman seufzte, denn morgens wollte er einen Kaffee, eine Zeitung und seine Ruhe und kein Fernsehen, aber Maung hatte nur gefaucht und ihn ignoriert. Während er sich einen Bericht über die neuesten Methoden der Schädlingsbekämpfung angesehen hatte, hatte er sein Futter verlangt.

Martina lachte schallend, als sie sich vorstellte, wie Roman seinen neuen Gast bediente. „Ach, ich glaube, du magst ihn“, kicherte sie und piekste Roman in die Seite.

„Und wie ich ihn mag. So sehr, dass ich fast alles tun würde, um ihn wieder loszuwerden, aber das geht leider nicht. Ich hänge an meiner Makellosigkeit und wenn ich eine Narbe im Gesicht zurückbehalte, werde ich ihn kastrieren, davon kannst du ausgehen.“ Roman meinte das nicht ernst, aber es tat gut, sich das vorzustellen.

„Roman“, ermahnte Martina trotzdem und lachte. Wer hätte gedacht, dass es etwas gab, das diesen Mann aus der Fassung bringen konnte. „Was schenkt ihr denn jetzt eigentlich deiner Oma? Du hast dein Weihnachtsgeschenk ja schon.“ Und wieder fing sie an zu kichern. „Sorry.“ Lachend wedelte sie mit den Händen, musste den Kaffee dafür wegstellen.

Roman zuckte mit den Schultern, aber grinste schief. „Keine Ahnung, ein Buch über Katzen, oder so was. Eigentlich war Maung ja für sie gedacht, aber das können wir vergessen. Nicht nur, dass der Kurze nix für sie ist, darf er auch nicht verschenkt werden.“ Wieder einmal verfluchte Roman im Geiste seine Eltern, die ihm das alles eingebrockt hatten. Und natürlich stand sein Name unter den Empfangspapieren - das hieß auch, dass er das Vieh am Bein hatte. Wie das werden sollte, wenn seine Eltern wieder da waren und er zurück nach Hannover ging, wusste er beim besten Willen noch nicht.

„Na, da bin ich ja mal gespannt“, sagte Martina nur noch, denn das Klingeln des Telefons machte darauf aufmerksam, dass die Sprechstunde begann. So trennten sich ihre Wege.

Roman trank noch schnell seinen Kaffee und da führte Martina auch schon den ersten Patienten rein. So ging es Schlag auf Schlag, nur kurz durch die Mittagspause unterbrochen. Für Roman war das auch ganz gut so, denn dann machte er sich nicht Gedanken darum, was Maung gerade anstellte. Denn das der Kater etwas anstellte, war für ihn klar. Diese kleine Mistmade, mochte ihn nicht.



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Dabei hatte es eigentlich gar nichts damit zu tun, dass Maung Roman nicht mochte, als er - von oben bis unten mit Schokocreme beschmiert - auf dem verdreckten Boden der Küche lag und auf Händen und Füßen das fast leere Glas balancierte. Ab und an leckte er Reste aus dem Glas, so weit wie die geschickte Zunge reichte und deswegen sah er auch im Gesicht aus wie ein Schokokater.

Und genau so, mit der Zunge im Glas fand ihn Roman vor, der etwas erschöpft von der Arbeit mit Martina das Haus betrat und eigentlich nur noch seine Ruhe wollte. Aber jetzt stand er kreidebleich in der Küchentür und wusste nicht, ob er schreien oder lachen sollte. „Ich fass es nicht“, murmelte der junge Arzt. Das war schlimmer als alles, was er sich vorgestellt hatte. Am Schrank und auf dem Boden waren überall Schoko-Fingerabdrücke. Er musste kein Kriminalist sein, um zu wissen, wer das war. Doch am schlimmsten war es wohl, als Martina an ihm vorbei schielte und leise „süß“ quietschte, denn das Bild war - wenn man diese Küche nicht putzen musste - herzallerliebst.

Maung ließ sich noch nicht einmal stören. Er hatte gehört, dass Roman gekommen war und aus den Augenwinkeln sah er deutlich, wie der sich die Haare raufte - das war herrlich!

„Süß? Guck dir die Schweinerei doch an. Das macht der aus purer Bosheit.“ Roman war da fest von überzeugt und darum dachte er auch nicht groß nach, sondern stapfte einfach auf den Kater zu. Maung balancierte gerade wieder das Glas mit allen Vieren, als Roman zugriff und den Kater somit bewegungsunfähig machte. „Ab unter die Dusche mit dir, du Dreckskatze“, knurrte er und hob Maung einfach hoch. Dabei störte er sich nicht daran, dass gefaucht und gezappelt wurde. Doch es sollte ja nicht heißen, dass er nicht dazu gelernt hätte. Er hielt das Mistvieh jetzt so, dass es ihn weder kratzen noch beißen konnte und weil Maung für sein Alter recht zierlich war, konnte man ihn gut Richtung Bad tragen.

„Roman, du tust ihm doch weh“, sagte Martina besorgt und jetzt nahm Maung die Frau das erste Mal bewusst wahr, sah sie mit großen, flehenden Augen panisch an und maunzte jämmerlich. Alles - nur nicht ins Bad! Da war Wasser und das war eklig. Er war zu sehr Katze, als dass er das mögen könnte. Er schrie immer lauter und versucht sich an Türpfosten festzuhalten.

„Quatsch.“ Roman blockte Martinas Einwände einfach ab und da er die flehenden Augen nicht sehen konnte, bekam er auch keine Gewissensbisse, „Lass los Maung, du wirst gewaschen, egal ob du willst oder nicht.“ Ein kleiner Ruck und ihr Weg ging weiter. Kurz besah sich Roman die Duschkabine, dann den sich windenden Catboy, also verwarf er die Idee, Maung darin einzusperren und zuzusehen, wie er sich wusch, sondern stieg gleich mit in die Kabine. Samt seiner Klamotten, die kamen eh in die Waschmaschine, denn er selber war mittlerweile ebenfalls mit Schokocreme beschmiert.

In der Küche hörte Martina das klägliche Jammern auch nicht so deutlich. Das ging ihr durch Mark und Bein. Nur Roman hörte das nicht, er hatte alle Hände voll damit zu tun, sein Opfer zu bändigen. Maung wand sich wie ein Wurm und das Duschgel machte ihn auch nicht handlicher. „Jetzt hör doch auf, du bist doch eh schon nass, also was soll das“, knurrte der Tierarzt und schälte den Kater aus seinen Sachen. Das ging nicht ganz ohne Kratzer, aber wenigstens nicht wieder im Gesicht. Maung war mehr damit beschäftigt zu versuchen seine Krallen in das Glas der Duschkabine zu schlagen, um sich nach oben zu hangeln. Er wollte raus hier. Warum quälte Roman ihn so? Er hatte doch gar nichts gemacht.

Er fauchte nicht mehr, er maunzte nur noch kläglich und ergab sich in sein Schicksal. Doch er schwor Rache, blutige Rache! Auch wenn er eigentlich nur aus einem Grund gezüchtet wurde, so war es ihm unangenehm, so gewaltsam seiner Kleider beraubt zu werden.

„Ach Kurzer, ist doch gleich vorbei.“ Jetzt wo Maung sich nicht mehr wehrte und wie ein Häufchen Elend in seinen Armen hing, fing er an, Roman Leid zu tun. Darum beeilte er sich auch, den Schaum abzuwaschen. Er hob den Catboy auf seine Arme und hüllte ihn sofort in ein großes, flauschiges Handtuch und setzte ihn auf einem Hocker ab, damit er sich selber ausziehen konnte. „Wieder gut?“ fragte er und hob ein wenig das Tuch an, damit er Maung ins Gesicht sehen konnte – ein sauberes Gesicht.

Aber der verengte nur die Augen und machte klar, dass diese Misshandlung noch ein Nachspiel haben würde. Doch im Augenblick war er zu sehr damit beschäftigt zu zittern und zu frieren, als dass er noch hätte fauchen und toben können.

„Hast du ihn umgebracht, es ist so still?“, fragte Martina vor der Tür und öffnete vorsichtig. „Och Gott, der Ärmste“, sagte sie nur, als sie Maung in seinem Handtuch herumsitzen sah und mit den Zähnen klapperte.

„Der wollte mich umbringen“, sagte Maung plötzlich und schluchzte theatralisch, schmiegte sich dabei dicht an Martina und grinste den nackten Roman frech an.

Das Handtuch, mit dem Roman sich gerade die Haare trocknen wollte, fiel auf den Boden und er wirbelte herum. „Du… du…“, stammelte er und man sah ihm seine Verwirrung und Überraschung überdeutlich an. „Du kannst reden?“, brachte er seinen Satz endlich zu Ende. Er war so durcheinander, dass er noch nicht einmal bemerkte, dass Martina ihn ungeniert musterte. Seine Verwirrung dauerte aber nicht lange und sein Gesicht verfinsterte sich. „Du hast mich verarscht, du kleines Mistvieh“, knurrte er und ging aus dem Badezimmer. Allerdings war er nicht so wütend, Maung nackt dort sitzen zu lassen. Er suchte ihm wahllos etwas zusammen und brachte es ins Badezimmer.

„Du kannst auch reden und keiner wundert sich“, brüllte ihm der Kater hinterher und wollte aufspringen, doch Martina drückte ihn sanft zurück auf den Schemel und schüttelte den Kopf. „Aber ist doch so“, knurrte Maung. „Der bezeichnet mich als Ding, als Vieh. Was erwartet der von mir? Er hat bekommen, was er erwartet hat, mehr nicht.“ Er wirkte verletzt, das merkte Martina genau und langsam ging ihr ein Licht auf. Doch erst einmal schwieg sie und rubbelte Maung die Haare und Ohren vorsichtig trocken. Auch den buschigen Schwanz, den sie kämmte, während Maung in einen Pullover kroch, den Roman ihm achtlos hingeworfen hatte.

Gelinde gesagt würde sie auch kratzen und beißen, wenn sie so behandelt würde. Roman musste hier nicht die Mimose spielen.

„Ich bin Martina, eine Freundin von Roman“, sagte sie nur, damit der Catboy wusste, wer sie war. „Roman kann manchmal ziemlich arrogant sein, hm…? Eigentlich ist er ganz nett, aber das kann er gut verbergen.“ Martina grinste leicht und kraulte Maung hinter den Ohren. „Ich will ihn nicht in Schutz nehmen, aber ich glaube, er war etwas überfordert, als er gesehen hat, dass du nicht der von ihm erwartete Birmakater bist. Ich selber wollte es ja auch nicht glauben, dass du ein Catboy bist, als er es mir erzählt hat. Wir haben geglaubt, dass es so etwas gar nicht geben kann.“

„Ta-daa“, machte Maung ziemlich lustlos. „Wieder was dazu gelernt.“ Er zog sich in sich zurück und wurde immer kleiner. Endlich behandelte ihn jemand wie einen Normalen, das tat gut. So sah er Martina offen an. „Das erste, was ich von dem Idioten hörte, war, dass sich seine Oma aber freuen wird, wenn sie dieses Ding zu Weihnachten bekommt. Der Arsch hat echt kein Taktgefühl.“ Um sich nicht gleich wieder reinzusteigern brach Maung ab, sonst konnte er für nichts garantieren.

„Das hat er gesagt? So ein Arsch!“ Martina war wirklich entsetzt über so viel Unsensibilität. Sie war ja schon einiges von Roman gewohnt, aber das hier war echt die Krönung. „Ich hätte ihn an deiner Stelle nicht nur gekratzt, sondern gleich in die Eier getreten. Er ist Tierarzt, da darf so etwas nicht sein.“ Martina drückte Maung an sich und lächelte verschwörerisch. „Dafür muss er noch ein wenig leiden, oder?“

„Das wird er, verlass dich drauf“, grinste Maung schon wieder besser gelaunt, weil er sich nicht mehr alleine fühlte und einer der spitzen Eckzähne kam zum Vorschein. „Man reizt keine Katze ungestraft und wenn er eine Katze wollte, wird er eine bekommen. Mit all ihren Macken.“ Maung gab sich kampfeslustig und zog die Hose zu sich, die auch auf dem Boden lag. Zwar bekam er da seinen Schwanz nicht rein, doch er zog die Hose auch nur notdürftig hoch und band sie mit dem Gürtel fest, damit sie nur auf dem Hintern ging und der Schwanz drüber hängen konnte. Seine eigene Hose saß tief auf der Hüfte und hatte zusätzlich noch eine Aussparung an der Schwanzwurzel. Ob er die hier rein schneiden sollte?

Martina hatte wohl ähnliche Gedanken und weniger Skrupel. Sie besah sich Maung und öffnete den Spiegelschrank. Dort gab es meistens Scheren und sie hatte Recht. „Komm mal her“, sagte sie und schnitt einfach ein Loch. Dadurch steckt sie den Schwanz und war recht zufrieden. „Passt“, murmelte sie und strich durch das weiche Fell. Katzen waren ihre absoluten Lieblinge und Maungs Fell war so weich und flauschig.

„Und Roman wird noch wütender sein“, überlegte Maung, besah sich über die Schultern seinen Schwanz in der Hose und grinste dann frech, dass man die Fangzähne sehen konnte. „Das gefällt mir“, gab er zu und man konnte den Eindruck bekommen, dass Maung es darauf anlegte. Er zog die Ärmel des Pullovers über die Hände und nickte Martina zu.

„Soll er doch.“ Martina winkte grinsend ab. Wenn Roman sich über ein Loch in einer seiner abgelegten Hosen aufregte, dann war ihm eh nicht mehr zu helfen. Dabei fiel ihr aber etwas anderes ein. „Süßer, du brauchst dringend was zum anziehen. Du kannst ja nicht ständig in Romans Sachen rumlaufen. Hosen, Schuhe, Pullover, eine Jacke und auch noch so einiges andere. Draußen ist es kalt und du willst ja wohl nicht nur in der Wohnung sitzen.“

„Ich weiß nicht“, gab Maung offen zu, denn eigentlich war er nicht dafür gezüchtet worden, die Welt zu erobern, sondern seinem Herrn Freude zu bereiten. Okay, das war bei seinem Herrn bisher etwas schief gelaufen, denn der schien an seinem Catboy wenig bis gar keine Freude zu haben, doch das lag ja nun auch nicht nur an Maung. Lieber lauschte er in die Tiefe des Hauses und hörte Roman irgendwo leise brubbeln, während er sich anzog. Der war sichtlich geladen, wie es schien. Vielleicht gingen sie sich erst einmal aus dem Weg.

„Aber ich weiß.“ Martina schnappte sich Maung und kraulte ihn hinter den Ohren. „Weißt du was? Wir gehen gleich los und holen, was du brauchst. Zur Belohnung gehen wir dann auf den Weihnachtsmarkt.“ Martinas Augen strahlten, denn sie liebte Weihnachtsmärkte und konnte zum Ende des Jahres kaum erwarten, bis die Buden aufgebaut wurden. Durch die Stände zu schlendern und Kleinigkeiten zu kaufen, machte sie für ihr Leben gern.

„Und wie soll ich das bezahlen? Ich bin Eigentum meines Herrn. Ich glaube nicht, dass der heute noch eine müde Mark für mich ausgeben wird“, murmelte Maung, denn die Vorstellung behagte ihm nicht. „Lass uns das ein andermal machen und wir gehen nur auf dieses Weihnachtsding. Das klingt gut.“ Er lenkte einfach vom eigentlichen Ziel ab, lauschte aber immer wieder auf Roman.

„Ach, das mach ich schon. Aber heute ist vielleicht wirklich etwas spät. Machen wir das am Wochenende, da haben wir mehr Zeit.“ Martina wuschelte Maung durch die Haare und kicherte. „Ich schwatz dem ollen Brummkopp dann mal noch das eine oder andere ab, was du für den Weihnachtsmarkt brauchst.“ Und schon war sie aus dem Bad. Schließlich sollte ihr neuer Freund auf keinen Fall frieren.

Der Kater blieb also allein zurück und besah sich in den geborgten Klamotten im Spiegel. Dabei streckte er sich die Zunge raus. Irgendwie hatte er ganz andere Vorstellungen gehabt, als er seine Familie hatte verlassen müssen. So richtig war ihm nicht bewusst gewesen, was er wirklich erwartet hatte, doch im Augenblick war er nicht glücklich. Dabei konnte er nicht einmal sagen warum - ob es daran lag, dass Roman ihn nicht als das sah, was er eigentlich war, oder ob es noch andere Gründe hatte - Maung wusste es nicht. Er lauschte nur ins Haus, doch als er Roman schon wieder fluchen hörte, schaltete er ab. Das tat weh und das wollte Maung nicht.

„Tada.“ Mit einem Arm voller Klamotten kam Martina ein paar Minuten später wieder ins Badezimmer. Strahlend legte sie alles ab. „War gar nicht so schwer. Roman ist zwar immer noch brummig, aber er weiß, was sich gehört, darum hat er den Einkaufsbummel am Wochenende genehmigt und hat auch noch Geld für den Weihnachtsmarkt rausgerückt.“ Grinsend wedelte sie mit ein paar Scheinen. „Los anprobieren.“

Maung verzog das Gesicht. „Aber er ist immer noch sauer, der Idiot, oder?“, fragte er und schälte sich umständlich wieder aus dem Pullover und der Hose. Als erstes griff er sich eine der Unterhosen. Aber die hatte auch nicht gerade die geeignete Passform für Catboys, also schielte er auf die Schere und grinste schief. Doch dann reichte er die Unterhose und die Schere Martina, sollte Roman auf sie böse sein. Sein Konto war für heute schon voll. Dass er nackt war, störte ihn nicht. Er war es in den letzten Jahren oft gewesen.

„Ach Süßer, er ist eigentlich nicht wirklich sauer auf dich, sondern eher überfordert und da wird er immer brummig. Er fühlt sich hintergangen, aber da hab ich ihm schon ein paar Takte zu gesagt. Er hat ja wohl nichts anderes verdient. Selbst wenn er eine Katze erwartet hat, kann er dich doch nicht dafür verantwortlich machen, dass seine Eltern Mist gebaut haben.“ Martina nahm die Schere und die Unterhose und machte auch hier ein passendes Loch hinein.

„Katze erwartet?“, fragte Maung, weil das für ihn keinen Sinn machte. „Sie haben mich doch bestellt.“ Er kratzte sich hinter dem linken Ohr und nahm die Unterhose wieder an sich. Sofort schlüpfte er hinein, fädelte den Schwanz durch das neue Loch und freute sich, dass alles so gut passte. Doch mit den Gedanken war er immer bei Roman - er war sein Herr, egal wie sie es drehten.

„Romans Eltern haben dich bestellt. Sie wollten einen Kater für die Oma, damit sie nicht mehr so allein ist. Nur gab es Missverständnisse.“ Martina verdrehte die Augen und wusste wirklich nicht, wie man in Amerika bestellen konnte, wenn man die Sprache nicht beherrschte. „Darum war Roman wohl auch so geschockt, als er dich abgeholt hat.“ Während sie erzählte, half sie Maung in die Kleider und besah sich jetzt die Schuhe. Mit dicken Socken musste das gehen, denn der Kater hatte viel kleinere Füße als Roman.

„Aha“, machte Maung nachdenklich und war ein ganz kleines bisschen versöhnt, aber wirklich nur ein ganz kleines. „Er weiß also gar nicht, was ich wirklich bin oder wozu man Catboys züchtet?“, fragte er neugierig mit einem schalkhaften Grinsen auf dem Gesicht. Zwar war die Bezeichnung 'Ding', die Roman für ihn benutzt hatte, noch nicht ganz vergessen, aber doch latent verziehen.

„Na ja, wenn man bedenkt, dass wir bisher davon ausgegangen sind, dass es so etwas wie Catboys gar nicht gibt, würde ich einmal sagen, dass er nicht weiß, was du wirklich bist und wozu du gezüchtet wurdest.“ Martina sah Maung neugierig an. Nicht nur Roman hatte keine Ahnung, sie selber auch nicht und das konnte so nicht bleiben. „Na, nun sag schon. Was bist du und wofür werden Catboys gezüchtet?“, fragte sie neugierig.

Doch Maung schüttelte den Kopf. „Sag ich nicht“, grinste er und meinte das ernst. Wenn Roman nicht wusste, was er von Maung verlangen konnte und was ihm als Herr zustand, musste man das ja nicht provozieren. „Ich bin ein Birma-Catboy, aber da erzähle ich sicher nichts Neues. Alles andere sind Geheimnisse.“ Er legte sich einen Finger auf die Lippen, dann lachte er laut um abzulenken.

„Oh du…! Das ist fies!“, maulte Martina, die jetzt noch neugieriger wurde. „Frecher Mistkater“, brummte sie, grinste aber dabei, damit besagter Mistkater wusste, dass sie das nicht böse meinte. Sie schnappte sich Maung, wuschelte ihm durch die Haare und lachte mit ihm. „Los anziehen, ich will los“, kommandierte sie und Maung hörte aufs Wort. Es schien, als hätten sich da zwei gesucht und gefunden. Warum konnte Martina so unbeschwert mit ihm umgehen und Roman sträubte sich, wo er nur konnte?

Doch dann schüttelte Maung den Kopf und zog sich an, schlüpfte in die Schuhe, was er eigentlich gar nicht gern mochte, weil ihm dann das Gefühl in den Füßen fehlte, doch es war kalt.

„Los!“, kommandierte nun er, als er fertig war.

„Fein.“ Martina schnappte sich Maungs Hand und zog ihn mit sich zur Haustür. Dort bekam er noch eine warme Mütze, damit der Kater sich nicht die Ohren abfror und sie auch nicht jeder sehen konnte. „Wir sind dann weg, Roman“, rief Martina durchs Haus und zog Maung schon hinter sich her zum Auto. Sie sahen nicht, dass Roman hinter der Gardine stand und ihnen hinterher guckte, denn sie waren damit beschäftigt zu prüfen, ob alles Verräterische wie Schwanz und Ohren gut versteckt war, damit er nicht auffiel.

So schoben sie sich mit einer Unmenge anderer Verkehrsteilnehmer durch den abendlichen Verkehr, bis sie endlich auf einem Parkplatz ein letztes Fleckchen fanden - unweit des Marktes, wenn das kein Glück war. Doch Maung konnte das nicht würdigen, er hatte nur leuchtende Augen wegen der ganzen Lichter und der leckeren Gerüche.

Er hing an der Scheibe und erschreckte sich etwas, als Martina die Tür von außen öffnete. „Toll nicht?“, lachte sie und zog Maung aus dem Wagen. Sie hakte sich bei ihm ein und führte ihn zu den ersten Buden. „Ich zeig dir erst einmal alles, dann suchen wir uns einen Stand mit leckerem Essen und danach einen Glühwein, weil uns bestimmt kalt werden wird“, erklärte sie beim Laufen und schnupperte. Sie liebte die Atmosphäre auf den Weihnachtsmärkten. Auch wenn man nervende Weihnachtslieder sicher das Jahr über für das schlimmste hielt, was man sich nur vorstellen konnte, doch hier in dieser Atmosphäre waren sie perfekt. Martina summte, während Maung sich drehte und wendete wie ein Kreisel, um auch ja nichts zu verpassen. Er hing mit der Nase auf Grills und in Töpfen, beschnüffelte, was andere in der Hand hatten und einmal durfte er sogar kosten, was ein junges Mädchen sich eben gekauft hatte - Crepes mit Schokolade. Maung stöhnte vor Genuss!

Martina passte auf ihn auf, damit er nicht noch stolperte oder jemanden umrannte und freute sich, dass Maung sich sichtlich wohl fühlte. „Auch einen?“, fragte sie und deutete auf den Crepes-Stand. Sie selber war auch nicht abgeneigt. Sie mochte die dünnen Pfannkuchen auch sehr gerne. Am liebsten mit Schokocreme und Banane. Dafür konnte sie sterben. Und natürlich nickte Maung sehr intensiv und ließ sich widerstandslos ziehen und konnte es kaum erwarten, seine eigene Leckerei in Händen zu halten.

Doch das war erst der Auftakt für ihre Schlemmertour durch das Budenlabyrinth.

Sie streiften über den Markt, kauften Bratwurst, gebrannte Mandeln, naschten hier und da und Martina kaufte noch ein paar Kleinigkeiten. Immer wieder lachten sie ausgelassen und ließen nichts aus.

„Ich brauch was zu trinken.“ Martina sah sich um und rieb sich die klammen Hände. Sie zog nie Handschuhe an, wenn sie auf den Weihnachtsmarkt ging, denn sie wollte sie nicht ständig ausziehen, wenn sie was anfassen oder essen wollte. Doch so wurden die Finger mit der Zeit kalt und das Beste, was man dagegen tun konnte, war ein Glühwein - was für ein Zufall, dass sie gerade vor einem Stand verweilten, der fruchtigen Glühwein verkaufte. Also fackelte sie nicht lange und schob Maung vor sich her ans Ende der Schlange. Der Kater hatte mittlerweile begriffen, wie das mit dem Anstellen funktionierte und blieb brav, wo er war.

Sie mussten auch nicht lange anstehen. Nach wenigen Augenblicken hatten sie jeder eine Tasse dampfenden Kirschglühwein in den Händen. Martina schnupperte und leckte sich über die Lippen und probierte vorsichtig einen Schluck, denn der Wein war wirklich heiß, so wie es sein musste. „Lecker“, seufzte sie angetan und sah zu Maung, weil sie neugierig war, wie es ihrem neuen Freund schmeckte. Doch der balancierte erst einmal nur die heiße Tasse in den behandschuhten Händen und pustete immer wieder. Die Neugier lockte ihn zu trinken, doch die Hitze, die ihm aus der Tasse entgegen schlug, hinderte ihn. „Heiß, heiß, heiß“, mummelte er immer wieder und konnte sich dann doch nicht mehr beherrschen. Er trank und fluchte leise, doch der Geschmack überlagerte den Schmerz. „Gut!“

„Ja, da sagst du was. Danach ist uns bestimmt wärmer.“ Martina nippte noch einmal an ihrem Wein und grinste, weil Maung ins Visier einiger junger Mädchen geraten war. Sie tuschelten miteinander und kicherten immer wieder. Maung war aber auch eine Augenweide, mit seinem hübschen Gesicht und den ausdrucksvollen blauen Augen. Aber im Augenblick waren die Saphire nur auf den Wein gerichtet, der den jungen Kater ärgerte. Er war verlockend süß und lecker und so schmerzlich heiß. Das war doch nicht fair. Er fauchte leise, knurrte, schnurrte, doch alles nutzte nichts. Der Wein beeilte sich nicht, abzukühlen.

Martina grinste immer wieder. Wie konnte Roman dieses süße Kerlchen nicht mögen? Maung war so lustig und fröhlich. Er passte hervorragend als Gegenpart zu dem meist ernsten Roman. Dem konnte ein wenig ausgelassene Fröhlichkeit doch nur gut tun.

Sie hatte ihren Glühwein bald ausgetrunken, holte sich aber nicht noch einen, weil sie ja noch fahren musste. Bei Maung sah das anders aus und mit einem herzerweichenden Blick und ein paar Schritten rückwärts, Richtung Ende der Schlange, machte er klar, was er wollte. Martina ließ sich lachend breitschlagen und so bekam Maung seine Tasse noch einmal gefüllt. Er fühlte sich so gut wie schon lange nicht mehr. Ihm war heiß und taumelig, der Kopf fühlte sich an wie Zuckerwatte.

Seine Wangen schimmerten leicht rötlich und Martina konnte gar nicht anders, als ihn darauf zu küssen. „Du hast einen Schwips und du bist sooo süß dabei“, lachte sie leise und legte ihre Arme um den Kater. Am liebsten würde sie ihn behalten. „Wenn Roman dich nicht will, dann nehm ich dich. Du bist ein Schatz“, murmelte sie und drückte ihn an sich.

„Aber du hast zu... zu...“ Maung schüttelte sich, weil die Zunge schwer wurde und ihm nicht mehr gehorchen wollte. Also setzte er noch einmal an und konzentrierte sich dabei auf jedes Wort: „Aber du hast dafür zu viel und zu wenig“, erklärte er und nickte, weil er dieses Mal den ganzen Satz hatte aussprechen können. Was war das nur? So merkwürdig hatte er sich noch nie gefühlt. Und seine Beine? Warum sackten die immer weg? Maung blieb nur, sich an Martina festzuhalten, wenn er nicht mit der empfindlichen Nase im Straßendreck landen wollte.

„Och nee, nicht in Rätseln reden“, brummte Martina, konnte aber nicht böse sein. „Was hab ich denn zuviel und was zu wenig?“, fragte sie und konnte sich da gar keinen Reim drauf machen. Aber eins wusste sie genau, Maung musste nach Hause. Darum hielt sie ihn so, dass sie ihn stützen konnte und machte sich langsam mit ihm auf den Weg zum Wagen.

Der Kater schwebte mehr als dass er lief und kicherte immer albern. „Oben zu viel - unten zu wenig und dein Ösdo- Östro- dein Weiber-Hormon-Dingens-Bla-Mäh... zu hoch!“ Maung lachte und bekam sich nicht mehr ein. Fast wäre ihm die Mütze vom Kopf gefallen und nur gut, dass der Schwanz im Hosenbein steckte und nicht wedeln konnte.

„Ich hab was…?“ Martina musste erst einmal sortieren, was Maung gesagt hatte und als es endlich klick machte, riss sie die Augen auf. „Du stehst nicht auf Frauen?“, fragte sie mit gedämpfter Stimme, denn das musste ja nicht jeder hören. „Ist das bei allen Catboys so oder nur bei dir?“

„Hö?“ Maungs Blick suchte Martinas Augen und es dauerte etwas, bis er sie fokussiert hatte. „Gibt alles, je nach Bestellung“, murmelte er und wusste nicht so richtig, was daran jetzt so sonderbar war. Es gab mehr von seiner Art und auch solche, die für Frauen gezüchtet worden waren. So war das eben. Maung zuckte die Schultern und schmiegte sich wieder an Martina, damit sie ihn führen konnte. Die Bilder verschwammen vor seinem Auge und auch konzentrieren brachte nichts mehr. Sie wurden nicht wieder scharf.

Martina war wirklich geschockt. „Wie, was man bestellt hat? Soll das heißen, dass du…?“ Sie wagte fast gar nicht auszusprechen, was ihr gerade durch den Kopf ging. „Maung, wofür werdet ihr gezüchtet und was bist du?“, fragte sie eindringlich und hoffte, dass sie nicht die Antwort bekam, die sie befürchtete. Man konnte so etwas doch nicht machen. Das war unmoralisch und skrupellos.

Der Alkohol hatte Maungs Zunge gelockert und so versuchte er Martina wieder anzusehen, als er grinsend erklärte: „Liebessklaven für unsere Herrn“, kicherte er albern, ohne zu wissen warum. Er fühlte sich einfach danach, denn in seinem Kopf drehte sich alles. Das war so komisch und Maung verdrehte die Augen. Doch auch das brachte irgendwie keine Abhilfe.

Es zu hören war etwas ganz anderes, als es nur zu denken. Martina wurde blass, aber sie sagte nichts. Das hatten Romans Eltern unter Garantie nicht gewusst und Roman bestimmt auch nicht. Sie führte Maung zum Auto und setzte ihn auf dem Beifahrersitz ab. „Sag mal, Maung, ist es da vollkommen egal, wen du als Herrn hast, oder kannst du dir aussuchen, ob du ihn magst? Oder besser gesagt, kannst du dich weigern ein Liebessklave zu sein?“

Doch der Kater hatte keine Lust mit seinem schweren Kopf darüber nachzudenken. Er hatte nur immer wieder Romans Bild in der Dusche vor Augen. Hätte ihn das eklig, nasse Wasser nicht so gepeinigt, hätte er den leckeren Anblick besser genießen können und warum überkam ihn gerade jetzt dieser Gedanke? Weil er Martina nicht antworten wollte, stellte er sich schlafend. Er schloss die Augen und presste die Lippen aufeinander. Alles drehte sich.

„Ach Süßer.“ Martina strich Maung über die Wange und schnallte ihn an. Was war das denn für eine Firma, die so etwas züchtete? Sie sah zu dem schlafenden Kater rüber und biss sich auf die Lippen. Da neben ihr saß doch keine Katze mit ein paar menschlichen Genen, sondern genau das Gegenteil. So was war doch menschenverachtend und im höchsten Maße unmoralisch, was da in Amerika gemacht wurde. Doch im Augenblick konnte sie daran nichts ändern. Sie konnte nur versuchen zwischen Roman und seinem neuen Mitbewohner zu vermitteln, damit sie endlich eine Basis fanden. Ob es ihrem Freund und Chef-auf-Zeit nun passte oder nicht: Er war für Maung verantwortlich. Er konnte ihn nicht wegignorieren und je mehr er auf Maung schimpfte, umso sturer wurde der Kater. Was für eine verfahrene Geschichte.

Nur Maung bekam davon nicht viel mit - er döste vor sich hin.

„Maung, wach werden, wir sind da.“ Martina schüttelte Maung vorsichtig, als sie vor Romans Haus angekommen waren. Sie hatte die Fahrt überlegt, was sie machen sollte und entschieden, erst einmal gar nichts zu tun. Sie wollte erst eingreifen, wenn alles bei den beiden aus dem Ruder lief. Sie fand es besser, wenn die zwei alleine zueinander fanden.

„Hm?“ Maung nuschelte leise und öffnete die Augen, schloss sie aber gleich wieder, weil sich schon wieder alles ungesund schnell um ihn herum drehte. Er fühlte sich wie eine kleine Sonne in seinem eigenen Universum, doch er konnte das nicht genießen. So erhob er sich langsam, denn er wollte sich nur noch im Bett zusammen rollen und schlafen. Er wollte aus den Schuhen raus, wieder Boden unter den Sohlen spüren und sich durch das Fell an Ohren und Schwanz putzen.

Martina zog Maung auf die Beine und stützte ihn bis zur Haustür. „Roman, beeil dich“, murmelte sie, als es etwas dauerte, bis die Tür geöffnet wurde. Ohne viel Federlesens schob sie Maung in Romans Arme und küsste den Kater auf die Wange. „Roman, pack den Süßen ins Bett. Er verträgt nicht sehr viel Glühwein und sollte schlafen“, lachte sie frech und lief zurück zum Auto. Eigentlich wollte sie noch das dumme Gesicht ihres Freundes genießen, aber dazu war es zu kalt.

„Was…?“ Roman sah von Maung zu Martina und zurück und versuchte zu verstehen, was los war, aber seine Freundin war schon weg und Maung grinste ihn weinselig an.

„Hassu...“, setzte er lallend an und kicherte albern, „Hassu misch vamischd?“ Dabei blinzelte er Roman an und schmiegte sich fester an ihn. Ihm war heiß und er wollte nur noch aus den Klamotten raus. Doch ihm war auch klar, wenn er Roman jetzt losließ, schlug er im Flur lang hin und Roman würde ihn hier liegen lassen. Also besser nicht loslassen. Maung merkte nicht, dass er anfing sich an Roman zu reiben.

„Äh“, war alles, was Roman erst einmal raus bekam. Was ging denn hier ab? „Maung?“, fragte er vorsichtig und schob den Kater etwas von sich, griff aber schnell wieder fester zu, als Maung strauchelte. Der war ja sternhagelvoll. „Na klasse.“ Roman seufzte und hob Maung hoch. Laufen konnte der ganz bestimmt nicht mehr. Schon gar nicht die Treppen nach oben. Lieber schlang er die Arme um Romans Hals und kuschelte sich dichter an ihn. Die großen Hände, die ihn hielten, waren angenehm. Doch der störende Stoff zwischen Maungs Haut und diesen Händen machten ihn kirre und er zappelte, als könnte er so seine Kleider loswerden.

„Halt doch mal still, Kleiner“, brummte Roman, der ziemliche Schwierigkeiten hatte die Treppe hoch zu kommen, ohne Maung fallen zu lassen. Dass der Kater mit der Nase an seinem Hals schnuffelte, machte es auch nicht leichter, die Balance zu halten. Er war wirklich froh, als er sich auf sein Bett setzen konnte. Er nahm Maung die Mütze ab, die erstaunlicherweise immer noch auf seinem Kopf saß und begann ihn auszuziehen, was dem Kater sehr behagte und er fing an, gegen Romans Ohr zu schnurren.

„Mach weiter“, raunte er mit dunkler Stimme und zu seiner Nase an Romans Ohr gesellten sich nun die Lippen des Katers. Er knabberte verspielt über die warme Haut und sein Schnurren wurde immer behaglicher. Dabei schlangen sich seine Arme fester um Roman.

Seine Finger strichen durch das halblange Haar und Roman hielt irritiert inne. Er war so beschäftigt gewesen, dass er erst gar nichts davon mitbekommen hatte, was Maung machte. Spitze Zähne knabberten an seinem Ohr und ein angenehmer Schauer lief durch seinen Körper. „Äh… Maung, was wird das?“, fragte er und versuchte seinen Kopf wegzuziehen, aber das ging nicht, weil der Kater ihn fest umschlungen hielt.

„Finde es heraus“, schnurrte Maung und schloss die Augen, denn die Lider wurden ziemlich schwer. Die Kraft schwand aus seinen Armen und es dauerte keine Minute mehr, da war der Kater plötzlich eingeschlafen. Dabei dicht an Roman gedrängt kuschelte er sich an seinen Herrn, seufzte zufrieden.

Roman blieb kurz einfach so sitzen, weil er nicht wusste, was gerade eigentlich passiert war. Maung war so anders als sonst und Roman musste wirklich sagen, dass der Kater ihm so richtig gut gefiel. Er mochte Katzen sehr, besonders ihr Schnurren, wenn man sie kraulte, so wie Maung es vorhin getan hatte. Er versuchte sich vorsichtig frei zu machen, was aber nicht gelang, weil Maung sich um ihn schlang und knurrte.

„Okay, dann nicht“, schmunzelte Roman, weil er, so wie der Kater schnurrte, gar nicht böse sein konnte. Darum legte er sich hin, zog die Decke über sie beide, damit sie in der Nacht nicht froren. Es war erstaunlich und Roman wunderte sich selbst darüber, wie schnell er bereit war zu vergeben.

Maung bekam von all dem nichts mehr mit. Er schnurrte zufrieden und zog sich die Decke noch bis zur Nase, ließ Roman dabei aber nicht los. Er war zufrieden und so wie er lächelte träumte er bestimmt etwas Schönes.



04

„Schön“, murmelte Roman. Er war noch nicht ganz wach, hatte die Augen noch geschlossen und kraulte die Katze, die so herrlich an seinem Ohr schnurrte. So mochte er es, wach zu werden. Es war warm und kuschelig im Bett und er war nicht alleine. Er kraulte dem Tier die Ohren, damit es nicht aufhörte und hoffte, dass der Wecker nicht so bald klingeln würde.

Auf der anderen Seite sah es nicht ganz so entspannt aus. Auch wenn Maung schnurrte, so war er doch auf dem besten Wege unleidlich zu werden. Er kämpfte sich aus der tiefen Bewusstlosigkeit, die sich Schlaf nannte, und kaum tat er das, waren die Kopfschmerzen zur Stelle. Erbarmungslos und unerbittlich. „Au, au, au“, jammerte er also leise. An Schnurren war nicht mehr zu denken. Er trampelte und krallte die Finger in alles, was er fand, um den Schmerz zu kompensieren.

Augenblicklich zuckte Roman hoch und riss die Augen auf. „Verdammt“, knurrte er und rieb sich über die Brust. Er brauchte gar nicht hinzusehen, um zu wissen, dass er wieder ein paar neue Kratzer hatte. „Spinnst du?! Wenn du nicht willst, dass ich dich kraule, dann sag was, aber kratz mich nicht gleich“, schimpfte er und schob Maung von sich weg und stand auf.

Der schöne Morgen war hin. Doch er war nicht der einzige, denn der Kater war auch ziemlich hin. Maung jammerte leise und zog sich die Decke über den Kopf. „Nicht so laut“, wimmerte er leise und machte sich unter seiner Decke ganz klein, in der stillen Hoffnung, wenn er dem Schmerz kaum Angriffsfläche bot, verlor der das Interesse und verschwand. „Mein Kopf“, wimmerte er immer wieder, mal lauter, mal leiser, aber kontinuierlich.

Auch wenn Roman schon wieder sauer war, so konnte er doch nicht einfach gehen. Er war Tierarzt, da musste er etwas tun. Also ging er zurück zum Bett und zog die Decke vorsichtig von Maungs Gesicht. „Deine Kopfschmerzen werden heute nicht so schnell weg gehen. Das ist der Nachteil, wenn man zuviel Alkohol trinkt. Ich weiß nicht, wie du Schmerzmittel verträgst, darum gebe ich dir lieber keine. Am besten ist, du schläfst so viel wie möglich.“

„Sei leise“, knurrte Maung und krallte blind wieder nach der Decke, denn die Sonne, die das Zimmer mit ihrem - wenn auch schwachen - Licht flutete, tat ihr übriges, um Maung zu peinigen. Wenn der Idiot ihm nicht helfen wollte, dann sollte er wenigstens seine Klappe halten und nicht noch mehr Schmerz verursachen. „Geh einfach weg“, nuschelte er unter seinem Schutz.

„Wie du meinst.“ Romans gerade noch besorgtes Gesicht verschloss sich und er stand auf, ohne Maung noch eines weiteren Blickes zu würdigen. So ein undankbares Mistvieh. Er hatte ihn bestimmt nicht dazu gezwungen, sich sinnlos zu betrinken. Darum gab er sich auch nicht sonderlich Mühe leise zu sein, als er sich etwas zum Anziehen suchte und die Tür hinter sich schloss.

„So ein Arschloch - von wegen nett“, knurrte Maung unter seiner Decke. Martina sollte ihm noch einmal versuchen zu erzählen, dass Roman ein Netter sein konnte. Jeder, aber doch nicht der. „Blödes Arschloch“, fluchte er noch einmal, vielleicht auch, weil ihm sein Schädel hämmerte und er gern jemandem daran die Schuld geben wollte. Wer bot sich da besser an als Roman?

Gelegenheit, seine üble Laune an Roman auszulassen, bekam Maung nicht mehr, denn Roman ließ sich in seinem Zimmer nicht mehr blicken. Er machte sich fertig, frühstückte und rang kurz mit sich, ob er für sein Mistvieh auch etwas machen sollte. Aber letztendlich kochte er doch eine Kanne Tee und bereitete ein wenig Fisch und Fleisch vor, falls Maung doch Hunger bekam. So herzlos, seinen leidenden Mitbewohner verhungern zu lassen, war er auch nicht. Außerdem ahnte er jetzt schon, dass Martina ihn löchern würde, wie es Maung ging. Die beiden schienen ja gestern richtig dicke Freunde geworden zu sein. Immer noch hatte er daran zu knabbern, dass Martina diejenige gewesen war, mit der Maung als erstes geredet hatte, während er ihm immer nur das stumme Tier vorgespielt hatte.

Aber noch mehr beschäftigte ihn, wie gut es sich angefühlt hatte, Maung im Arm zu halten. Das alles verbesserte seine Laune nicht wirklich. Darum war er auch ziemlich wortkarg, als er die Praxis betrat. Und weil er keine Lust hatte, sich von Martina ausfragen zu lassen, nahm er sich einfach, ohne etwas zu sagen, eine Tasse Kaffee und ging in sein Büro. Erst hatte Martina noch ansetzen wollen, sich nach Maung zu erkundigen, doch als sie Roman ins Gesicht gesehen hatte, verwarf sie diese Idee. So wütend wie ihr Aushilfschef war, konnte es heute Morgen nur erneut geknallt haben. Ob Maung Kopfschmerzen hatte? Ob es ihm gut ging? Doch sie wagte es nicht zu fragen, tigerte nur immer wieder vor der Bürotür herum.

Roman wusste das, aber entgegen seiner sonstigen Gewohnheit blieb die Tür zu und öffnete sich auch erst, als die ersten Patienten in den Behandlungsraum kamen. Eigentlich hatte Roman sich wieder beruhigt, aber es war wohl Schicksal, dass seine erste Patientin eine Birmakatze war. Eine richtige kleine Zicke, die ihn anfauchte und versuchte, ihn zu beißen. So hatte sich das mit der Launeverbesserung auch gleich wieder erledigt. Sicherlich lag es an der Rasse, dass sie sich aufführten wie kleine Teufel in einem unglaublich weichen Fell.

Der Besitzerin war das Benehmen ihres kleinen Lieblings sichtlich peinlich, doch auch ihr fiel es schwer, die Katze von der Notwendigkeit der Grunduntersuchung zu überzeugen - noch weniger von der Notwendigkeit von Spritzen. Unweigerlich sah er immer wieder Maung vor sich, wie er fauchend auf dem Schrank saß, als er am Ohr gezogen wurde oder Maung, in der Dusche, von Panik beseelt.

Roman war wirklich froh, als er die Tür des Katzenkorbes hinter der Katze zumachen konnte und rang sich ein Lächeln für die Besitzerin ab. Dabei strich er sich über die Brust, wo die Kratzer juckten. Auch wenn er es nicht wollte, musste er ständig an Maung denken. Vielleicht sollte er in der Mittagspause einmal kurz vorbeisehen, wie es ihm ging. Vorher sollte er allerdings versuchen rauszubekommen, wie Catboys auf Medikamente reagierten. Doch wie sollte er das anstellen?

„Bis zum nächsten Mal“, grüßte er freundlich, als die junge Frau mit ihrem Liebling ging und Martina sah ihn durch die offene Tür forschend an. Roman sah angespannt aus, doch sie verbot sich zu fragen - Dienst war Dienst. Alles andere musste hinten anstehen. „Ein Hund mit einem angebissenen Ohr, da muss genäht werden“, klärte sie ihn also über den nächsten Notfall auf und schob ihm die Unterlagen des Patienten zu.

„Gut, bereite im OP alles vor, ich untersuche den Ärmsten und gebe ihm die Narkose.“ Roman verdrängte alles aus seinen Gedanken, denn dafür war keine Zeit. Der Unglücksrabe wartete schon im Untersuchungsraum und hatte Glück, dass bei der Beißerei, in die er verwickelt worden war, wirklich nur sein Ohr etwas abbekommen hatte. Das war schnell genäht und der junge Mann konnte ihn wieder mit nach Hause nehmen. Doch so kam Roman auch wieder in Gedanken daran, wie er Maung am Ohr gezogen hatte, um ihn vom Schrank zu bekommen. Das hatte dem Kater sicherlich auch wehgetan. Was war nur in ihn gefahren? Er wäre unter normalen Umständen niemals so lieblos mit einem Tier umgegangen. Was also war an Maung, das ihn so leicht auf die Palme trieb?

Okay, er hatte ihm seine Schnitzel gestohlen, aber das war keine Entschuldigung dafür, dass er ein Tier gequält hatte. Vielleicht lag es auch daran, dass er nicht wusste, was Maung eigentlich war. War er mehr Mensch oder mehr Tier? Wie sollte er mit ihm umgehen?

Versuchte er ihn wie einen Menschen zu behandeln ging das genauso schief, wie umgekehrt. Vielleicht mochte Maung ihn einfach nur nicht. Im Gegensatz zu Martina, mit der war er ja gleich dicke da gewesen und Roman spürte, dass er ein bisschen eifersüchtig auf seine Freundin wurde. Doch dann zwang er sich zur Ruhe, denn der Hund auf dem OP-Tisch war eingeschlafen und wollte wieder mit einem angenähten Ohr aufwachen. Deswegen war für Maung in seinem Kopf kein Platz und so war es wohl das Beste, Roman grübelte nicht weiter, sondern nutzte die Pause, um nach ihm zu sehen.

Martina assistierte ihm und überwachte die Lebensfunktionen des Hundes. Dabei hatte sie Zeit, Roman zu beobachten und sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Ihr alter Schulfreund war viel zu ernst und in sich gekehrt, selbst für seine Verhältnisse. Roman bemerkte die Blicke durchaus, darum machte er ein Angebot. „Ich fahre heute Mittag nach Hause. Maung ging es nicht sehr gut und ich sollte wohl besser nach ihm sehen.“

„Wäre nicht übel. Ich glaube, der Glühwein hat ihm etwas zu gut geschmeckt. Ich habe nicht damit gerechnet, dass zwei Glühweine ihn aus den Socken hauen“, gab sie reumütig zu und wäre ebenfalls gefahren, wenn Roman das jetzt nicht selbst übernommen hätte. Sie grinste schief. „Tut mir Leid.“

„Magst du mitkommen? Ich weiß auch nicht, was das ist, aber heute Morgen haben wir uns gleich wieder gestritten. Ich verstehe ihn einfach nicht. Gestern Abend hat er mich beschnurrt und bekuschelt und heute Morgen war er kratzbürstig wie immer.“ Roman gab es ja nicht gerne zu, aber er hoffte, dass Maung etwas handzahmer wurde, wenn seine Freundin mitkam.

Doch die grinste erst einmal in sich hinein, nickte aber. „Sicher, ich komme gern mit.“ Schon allein, weil sie sehen wollte, wie die beiden miteinander umgingen. „Aber vielleicht lag es nur daran, dass ihm schlecht war und du sowieso etwas gereizt bist“, forschte sie halblaut, mehr zu sich selbst als zu Roman. Maung war sehr umgänglich, wenn er wollte und so wie er manchmal redete, würde er bei Roman auch wollen. Vielleicht mochte er ihn sogar, auch wenn er das nicht zugeben würde. Also musste sie Roman einmal eindringlich beobachten.

Roman lächelte erleichtert und ging etwas beschwingter wieder an die Arbeit. Er hatte sogar kurz Zeit ins Internet zu gehen und bei der Firma anzufragen, mit welchen Medikamenten er Maung behandeln konnte, falls es nötig sein sollte, hatte aber noch keine Antwort bekommen. Musste er halt auf alte Hausmittelchen zurückgreifen. Ein Eisbeutel hier, ein Wadenwickel dort. Maung würde fauchen, doch komischerweise machte Roman diese Vorstellung nicht wütend, sie amüsierte ihn und Martina war schon wieder etwas zufriedener mit ihm. Vielleicht wurden die beiden ja noch warm miteinander und dann musste Martina lachen, als ihr die Doppeldeutigkeit ihres Gedankens bewusst wurde. Sie verdrängte absichtlich Maungs Bestimmung. Sie würde das Roman nie sagen, das hatte sie sich geschworen.

„Na los, gucken wir nach, ob unser kleiner Suffkopp noch lebt.“ Der letzte Patient war versorgt und erholte sich bei seinem Frauchen von der Kastration. Roman zog sich um und winkte Martina zu sich. „Wenn er wieder um sich kratzt, wie heute Morgen, dann wirst du ihn bändigen und versorgen. Ich habe so ziemlich keine Stelle an meinem Körper mehr ohne Schramme.“

„Er hat dich heute Morgen schon gekratzt?“, fragte Martina, die das nicht so richtig begreifen konnte. Wenn sie blau war, dann lag sie still und leise sterbend in einer Ecke, aber war sicher nicht zu Kämpfen bereit. Was hatte das Katerchen für eine Konstitution? Schnell griff sie sich ihre Tasche. Eine Jacke brauchte sie nicht, denn die Wege vom Auto und zur Haustür waren kurz.

„Noch nicht ganz wach und schon hat er zugeschlagen.“ Roman grinste schief und öffnete das Auto, damit sie einsteigen konnten. „Wenn er morgens nicht so mies drauf wäre, sollte ich ihn wohl jeden Abend abfüllen. Da war er nämlich schmusig und schnurrig und überhaupt nicht zickig. Auch wenn ich mich erst daran gewöhnen muss, dass er mich beknabbert.“

„Er hat - er war - er...“ Martina wusste nicht, was sie sagen sollte. Ob das in den Genen der Catboys drinnen war, dass sie ihre Aufgabe wahr nahmen? Oder war es Maungs eigene Entscheidung gewesen? „Er war bei dir im Bett?“, fragte sie ungläubig und musterte Roman eindringlich. Kam da etwas zum Vorschein, von dem sie nicht wusste, dass es in ihm schlummerte?

„Er hat sich in den Kopf gesetzt dort zu schlafen und ich sehe nicht ein, wegen ihm umzuziehen, also teilen wir uns mein Bett.“ Roman zuckte mit den Schultern. Die erste Nacht hatte er von Maung ja gar nichts mitbekommen und die letzte Nacht hatte er sehr gut geschlafen. „Ich weiß auch nicht, was mit ihm los war. Er hat sich um mich geschlungen und mir ins Ohr geschnurrt und geknabbert, als ich ihn ausgezogen hatte. Kurz danach ist er eingeschlafen und hat nicht mehr losgelassen.“

„Tja“, sagte Martina nur, weil sie nicht wusste, wie sie das kommentieren sollte. Mit ihrem Wissen sah das alles etwas anders aus. Doch so lange sich Roman an dem, was Maung tat, nicht störte, so lange wollte sie sich da nicht einmischen. „Mal sehen, wie es ihm geht. Gestern auf dem Markt war er ja kaum wieder zu erkennen. Er hat alles beschnüffelt und gekostet und bestimmt auch ein paar Herzen gebrochen.“

„Hat es ihm dort wirklich gefallen?“ Roman gab sich Mühe nicht enttäuscht zu klingen oder zu wirken, aber es nagte doch ganz schön, dass Maung wohl nur zu ihm so eklig war. „Das nächste Mal kriegt er nur heißen Fruchtpunsch. Oder er schläft bei dir und du ärgerst dich morgens mit ihm rum.“ Roman grinste zu Martina rüber und bog in die Straße seiner Eltern ein. Doch sie kannten sich zu lange, er konnte seine Freundin nicht täuschen.

„Ist es wirklich nur, weil er betrunken war? Dich ärgert doch etwas ganz anderes, oder?“, bohrte sie nach, denn im Augenblick konnte Roman nicht weglaufen. Das wollte sie ausnutzen.

„Nein… ja… keine Ahnung!“ Roman wand sich ein wenig, weil er selber nicht so genau wusste, wie er das erklären sollte oder ob er überhaupt wollte, dass seine Freundin davon wusste, aber seine Zunge war mal wieder schneller, als sein Verstand. „Er mag dich, du warst die erste, mit der er geredet hat. Das einzige, was ich bisher von ihm bekommen habe, sind Kratzer und Beschimpfungen. Dabei hab ich eigentlich gar nichts gegen ihn, aber er provoziert mich, wo er nur kann.“

„Euer Einstieg war unglücklich“, sagte Martina und beobachtete Roman, wie er die Auffahrt seiner Eltern hinauf fuhr und den Wagen parkte. Sie hielt ihm am Arm, als er aussteigen wollte, denn es wirkte wie eine Flucht. „Du hast ihn als Ding bezeichnet, ohne ihn zu kennen. Das hat ihn sehr verletzt. Er sagte zu mir: Du willst ein Tier, du hast eines bekommen. Doch Roman, er ist kein Tier. Mach dir das klar. Er ist es nicht.“ Ihre Stimme wurde eindringlich und leise. Gerade so, als sollte Maung im Haus sie nicht hören.

„Das hat er gesagt?“ Roman seufzte und verstand jetzt zumindest, warum Maung sich geweigert hatte, mit ihm zu reden. Er lehnte sich ans Auto und sah hoch zum Fenster, das zu seinem Zimmer gehörte. „Ich weiß auch nicht, aber ich war wirklich geschockt, als ich ihn gesehen habe und habe überhaupt nicht nachgedacht. Ich hätte niemals gedacht, dass es so etwas wie ihn überhaupt gibt und ich bin immer noch der Meinung, dass so etwas ethisch nicht korrekt ist. Er ist weder Mensch noch Tier, aber Mensch genug, dass man ihn nicht einfach verkaufen kann und genau das ist mein Problem. Ich oder besser: meine Eltern, haben ihn gekauft.“

Martina kam um den Wagen und lehnte sich gegen Roman, schloss ihn dabei in ihre Arme. „Aber nun habt ihr ihn gekauft und er kann nichts dafür, Roman. Ich verstehe nur zu gut, was du denkst, wenn du ihn siehst. Aber lass es nicht an ihm aus.“ Sie meinte das nicht als Vorwurf. Also sah sie lächelnd zu ihm auf. „Und jetzt komm. Sonst ist die Pause um und wir waren noch nicht einmal drinnen.“

„Vielleicht solltest du alleine rein gehen. Mich will er eh nicht sehen und ich habe ehrlich gesagt keine große Lust, mich wieder als Idiot oder Arschloch beschimpfen zu lassen.“ Roman wusste, dass das feige war, aber Maung kratzte an seinem Ego.

Er hielt Martina die Hausschlüssel hin und wusste nicht, was er tun sollte. Aber die zeigte ihm nur einen Vogel und machte mit den Armen Flatterbewegungen. Sie musste nicht sagen, dass sie Roman für ein feiges Huhn hielt, er wusste es auch so. „Los komm. Schluck den Ärger runter, zeig ihm doch, dass du auch nett sein kannst. Das habe ich ihm nämlich gestern Abend gesagt und wenn du das nicht machst, stempelst du mich zu einer Lügnerin und das kann ich nicht durchgehen lassen. Also!“ Und schon schob sie Roman vor sich her Richtung Tür.

„Das will der doch gar nicht glauben, auch wenn es stimmt“, brummte Roman, ließ sich aber schieben. Allerdings machte er sich nicht auf die Suche nach Maung, sondern ging in die Küche, weil er den Kater dort am wenigsten vermutete. Sollte Martina sich doch anmaulen lassen. Sein Bedarf daran war für die nächste Zeit gedeckt.

„Maung?“, rief Martina und ging den leisen Geräuschen nach. Wimmern und Stöhnen, mehr war nicht zu hören, als sie ins Wohnzimmer kam. Dahin hatte sich der Kater mit seiner Decke verzogen, nur die Nase und die Augen guckten aus dem Berg hervor und er starrte gebannt auf den Bildschirm - allerdings ohne Ton, denn sein Schädel drohte noch immer bei jedem kleinen Laut zu bersten.

„Ach du armes Herzchen“, seufzte sie und Roman in der Küche verdrehte die Augen. Nur gut, dass Martina das nicht sehen konnte. Sie war viel zu sehr auf Maung fixiert und ging zu ihm rüber. Das hatte sie gestern ganz bestimmt nicht erreichen wollen, als sie Maung mitgenommen hatte. Sie setzte sich neben ihren leidenden Freund und strich ihm über die Wange.

„Er hat mich ganz alleine zum Sterben zurück gelassen“, jammerte Maung und kroch - immer noch unter seiner Decke verborgen - Martina auf den Schoß. Allerdings sehr langsam, denn Hektik ließen die Kopfschmerzen nicht zu. Fest war die Decke um den schmalen Leib geschlungen. Maung fühlte sich elend.

„Du wirst nicht sterben, Schatz.“ Martina legte die Arme um Maung und küsste ihn auf die Wange. Der Kleine sah wirklich nicht gut aus. „Roman musste zur Arbeit und er konnte dir nicht einfach was gegen deine Kopfschmerzen geben, weil wir nicht wissen, ob du das verträgst.“

„Hm.“ Maung wollte jetzt nicht mit Logik bombardiert werden. Er wollte auf jemanden wütend sein und Roman war da, wie immer, der perfekte Mann für. „Wo ist der überhaupt? Interessiert ihn nicht, ob ich sterbe oder?“, knurrte er unwirsch und zog sich die Decke ganz über den Kopf.

„Doch, es interessiert ihn. Er hat mich gefragt, ob ich mitwollte, wenn er nach dir sieht. Er ist in der Küche.“ Martina seufzte lautlos. Zwischen den beiden war aber auch nichts, wie es sein sollte. „Er macht sich Sorgen um dich, glaub mir.“ Sie hielt Maung immer noch fest und zog einen Zipfel Decke vom Gesicht ihres Freundes. „Möchtest du etwas essen oder trinken?“

„Weiß nicht“, maulte der Kater und jammerte wieder leise, doch er versuchte um Martina herum in den Flur zu schielen, ob Roman sich nicht doch zeigte. Zu wissen, dass er auch hier war und nicht einfach achtlos fern geblieben war, machte Maung etwas versöhnlicher, aber nur etwas.

„Ich hol dir ein wenig Tee, das ist nie verkehrt.“ Sie wollte Maung gerade von sich schieben, als Roman mit einem Tablett ins Wohnzimmer kam. Darauf hatte er frisch gekochten Tee, Wasser und etwas zu Essen angerichtet. Er selber und Martina hatten auch Hunger und nachher in der Praxis kamen sie nicht mehr zum essen.

„Oh“, machte Maung sichtlich überrascht, doch er konnte nicht so schnell reagieren, wie er das gern getan hätte. Deswegen zog er sich nur zeitverzögert auf seine Ecke der Couch zurück, die Decke dabei immer noch um sich gehüllt, sodass man, außer dem Gesicht und einem Ohr, nicht viel von ihm sehen konnte. Doch das reichte, um zu begreifen, dass es ihm elend ging. Er zitterte, denn der Entzug hatte eingesetzt.

„Siehst du, Roman will dich gar nicht sterben lassen.“ Martina schüttete eine Tasse voll Tee und stellte sie vor Maung ab. Dazu noch einen Teller mit gedünstetem Fisch, der war leichter verdaulich, als der gebratene.

„Ich glaube nicht, dass er da großen Wert drauf legt“, murmelte Roman und setzte sich.

„Roman“, knurrte Martina. Ihr Freund konnte es aber auch nicht lassen. Die zwei hatten sich irgendwie gesucht und gefunden, hatte sie so das Gefühl. Doch Maung fauchte ihn schon wieder warnend an, hielt sich aber den Kopf, weil das keine gute Idee gewesen war. Also griff er sich lieber den Tee und lenkte sich damit ab.

Damit er nicht weiter mit Martina reden musste und auch nicht wieder das falsche sagte, machte Roman es wie Maung. Dabei schielte er immer wieder zu dem Kater rüber und rang sich schließlich zu einer Entscheidung durch. „Willst du hier bleiben, Martina? Den Rest des Tages kriege ich die Praxis auch allein in den Griff. Sind ja eh nur noch drei Stunden.“

Martina, die die beiden offen beobachtet hatte, wie sie sich gegenseitig belauerten und nur darauf warteten, dass der andere etwas tat, was man gegen sich auslegen konnte, schüttelte nur den Kopf. „Ich bleibe hier und bring den Kleinen wieder auf die Beine“, entschied sie, weil sie Maungs Finger in ihrem Arm spürte. Er klammerte sich fest, ohne das wirklich zu merken. Er war nicht gern allein. Er hasste es, allein zu sein.

„Aber bevor ich gehe, untersuche ich dich noch mal. Eigentlich dürfte es dir jetzt nicht mehr so schlecht gehen.“ Roman stellte seine Tasse weg und setzte sich neben Maung auf die Couch. Er schob die Decke endgültig vom Kopf des Katers und legte ihm die Hand auf die Stirn, um zu sehen, ob Maung Fieber hatte. Dabei war er allerdings auf der Hut, weil er damit rechnete, dass sein Patient sich das nicht gefallen ließ. Und wäre Martina nicht so geistesgegenwärtig gewesen Maung zu zwicken und auf sich aufmerksam zu machen, dann hätte Roman jetzt schon wieder die Krallen im Gesicht gehabt. Dabei waren die ersten Kratzer noch nicht einmal verheilt.

Maung wusste gar nicht, wie ihm geschah, doch als er Martina den Kopf schütteln sah und sie ihn eindringlich ansah, begriff er und hielt still, funkelte Roman aber warnend an. Wehe der zog ihn noch einmal am Ohr!

Allerdings war das das Letzte, woran Roman dachte. Jetzt war er Arzt und Maung sein Patient. Er sah dem Kater in die Augen und bat ihn, den Mund zu öffnen, aber bis jetzt war alles normal. Darum stand er auf und holte sein Stethoskop, damit er Maung abhören konnte. „Ist dir schlecht und tut dir außer dem Kopf noch etwas weh?“, fragte er und tastete Maungs Hals ab. Der ließ es über sich ergehen, anfangs noch mürrisch, doch die Erinnerung an die weichen Hände kam wieder. Sie fühlten sich gut auf seiner Haut an und nun war Maung auf eine Art fasziniert von seinem Herrn, die er selbst nicht verstand. So schüttelte er nur den Kopf, denn ihm hing ein Kloß im Hals. Mit reden war es also nicht so weit her.

„Dann ist gut. Anscheinend ist dein Körper keinen Alkohol gewohnt, darum reagiert er so heftig. Das ist zwar unangenehm aber vergeht wieder. Die Kopfschmerzen werden nach und nach weniger werden. Trink Tee, das hilft, die Giftstoffe aus deinem Körper zu bekommen.“ Roman war so in seine Arztrolle versunken, dass er Maung wie jede Katze behandelte, die sich brav untersuchen ließ. Er kraulte ihn hinter den Ohren und lächelte - und merkte nicht, wie er von Martina dabei amüsiert beäugt wurde. Maung hingegen nickte nur wie ein braver Patient, Romans Lächeln hatte ihn in seinen Bann gezogen. Wenn er nicht brüllte oder schimpfte, konnte der Idiot richtig hübsch aussehen. Faszinierend. Schöne grüne Augen, die halblangen, blonden Haare etwas wirr um das makellose Gesicht. Von den sanften Händen ganz zu schweigen.

„Gut, ruh dich aus und schlafen hilft auch.“ Roman strich Maung durch die Haare und zog ihn zu sich. Dem Kleinen ging es nicht gut und das konnte er gar nicht haben. Egal wie oft der Kater ihn auch bisher gereizt und verletzt hatte, das zählte nicht. Er zog Maung auf seinen Schoß und umarmte ihn. Dabei strich er ihm weiter über den Kopf und kraulte ihn, ohne zu wissen, was er in dem lädierten Kater eigentlich damit anrichtete.

Maung war hin und her gerissen. Es fühlte sich gut an, er fühlte sich geborgen. Doch das passte nicht zu dem Bild, was er von Roman hatte. Und darüber nachzudenken und das überein zu bringen machte Kopfschmerzen und die wollte er nicht. Also schloss er die Augen und schmiegte sich gegen Roman.

Martina hob beide Daumen und grinste breit.

Das war doch mal ein viel versprechender Anfang. Die beiden waren in einem Raum und es flogen nicht die Fetzen. Vielleicht war der Knoten zwischen ihnen endlich geplatzt und sie merkten, dass der andere eigentlich ein netter Mensch war. „Das nächste Mal kriegst du Fruchtpunsch, darauf werde ich achten. Der ist auch lecker und macht keinen Kater“, erklärte Roman Maung gerade leise und war nun dazu übergegangen, nicht nur zu kraulen, sondern auch zu streicheln.

„Keinen Kater?“, fragte Maung irritiert. Was hatte das Gesöff denn mit seinem Geschlecht zu tun? War er eine Katze, wenn er diesen Punsch trank? Das verwirrte ihn und er verzog das Gesicht, ließ Martina lautlos: „Süß“, jauchzen und den Kopf schütteln. Maung klammerte sich lieber in Romans Hemd fest und zog die Decke wieder zu sich, denn ihm wurde langsam kalt.

Roman gluckste auch leise und half Maung, sich zuzudecken, erst dann antwortete er. „Kater nennt man das, was dir gerade solche Kopfschmerzen macht und ich weiß auch nicht, warum das so heißt“, griff er eventuellen Fragen vor. Er kannte das selber, dass in solchen Momenten, wenn einem der Kopf dröhnte, denken nicht so wirklich angenehm war. Aber da es Maung zu gefallen schien, hielt er ihn weiter fest und beschmuste ihn. Darin war der Kleine wie eine richtige Katze.

Die Augen geschlossen, schnurrte Maung leise, weil er sich im Augenblick sehr wohl fühlte und Martina wirkte zufrieden. Vielleicht war das Eis gebrochen. Maung jedenfalls schien langsam zahm zu werden. Blieb nur zu hoffen, dass Roman nicht wieder in einen Fettnapf trat. Aber wenn der Kater erst einmal spürte, dass Roman sich Mühe gab, war er vielleicht weniger empfindlich.

Leise, um nicht zu stören, stand sie auf. Aber keiner der beiden bemerkte es. Roman hatte sich so hingesetzt, dass er sich bequem anlehnen konnte und hielt Maung fest. Es war genauso schön wie am Morgen. Roman blieb auch noch so sitzen, als Maung eingeschlafen war. Erst als Martina aus der Küche kam und auf ihre Uhr deutete, musste er sich erheben. Die Pause war vorbei. Vorsichtig hob er den Kater von sich und legte ihn auf die Couch. Er ließ es sich auch nicht nehmen, ihn zuzudecken und strich ihm noch einmal über die Haare. Maung seufzte leise und schnurrte, als er sich in seiner Decke zusammenrollte.

„Na komm“, sagte Martina und schwenkte eine Tüte mit Broten, die sie schnell geschmiert hatte, denn gegessen hatten sie alle nichts. Die für Maung standen im Kühlschrank, ihre konnten sie unterwegs essen.

„Hoffen wir, dass er schläft, bis ich wieder hier bin.“ Roman sah noch einmal zurück und schob dann Martina aus der Tür. So wie er das verstanden hatte, wollte sie doch mit in die Praxis. Wenn kein unvorhergesehener Notfall kam, konnten sie vielleicht sogar etwas eher Schluss machen.