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Der lange Weg vom W?lfchen zum Wolf - Teil 1 bis 4

01 - Warum nicht jeder Wolf auch ein Wolf ist


Das hatte er jetzt davon. Wölfchen hielt sein Zeugnis in seinen Händen und starrte auf die Noten. Da hatte er sich nun immer angestrengt so gut es ging, hatte die Märchenwesen-Schule gut abschließen wollen, wie auch seine Brüder. Doch Wölfchen konnte das einfach nicht.

Er saß auf einem umgefallenen Stamm unweit des Hauses seiner Eltern und starrte wieder auf das Blatt Papier.


Abschluss-Zeugnis von Fenrir, Wolf-Rüdiger 

Kopfnoten:  
Betragen: sehr gut
Schönschreiben: sehr gut
Aufmerksamkeit: sehr gut
   
Hauptnoten:  
Arglist: ungenügend
Betrügen: ungenügend
Verschlingen von Personen: durchgefallen
Vertrauen erschleichen: befriedigend
Aggression: befriedigend
Ausnutzen von Schwächen: ungenügend
   
Wahlfächer:  
Japanische Teezeremonie: sehr gut
Ikebana/ Origami: sehr gut
Poesie und Rhetorik: sehr gut
Konfliktbewältigung: sehr gut


Das konnte er unmöglich seinen Eltern zeigen!

So wurde er doch nie ein großer, böser Wolf wie sein Vater - mal davon abgesehen, dass er das nicht wollte, aber es war der Traum seiner Eltern. Da saß er also, ließ die pelzigen Ohren zwischen den strubbeligen, schwarzen Haaren hängen und seufzte. Er hatte nicht einmal mehr Lust mit dem Schwanz zu wedeln, so wie meistens. Ja, auch in zivil - also wenn kein Märchen gedreht wurde - hatten Wölfe Schwänze. Eigentlich sahen sie ziemlich menschlich aus wie die meisten Wesen im Märchenland, gingen aufrecht, doch Ohren und Schwanz ließen sich nicht verleugnen. Ebenso die Fangzähne.

Da saß Wölfchen also einfach nur und starrte betrübt vor sich hin. Wie sollte er denn nun seinen Lebensunterhalt bestreiten?

Wie jedes andere Märchenwesen auch, musste er sich jetzt sein Märchen suchen, in dem er arbeitete und lebte - doch wer nahm schon einen Wolf, der keinen fressen konnte, ständig von allen verarscht wurde, weil er total naiv war und dessen hervorstechendeste Eigenart seine Harmoniesucht war. Peacemaker hatten sie ihn immer genannt und für einen Wolf war das Weißgott kein Kompliment!

Und zu aller Schande seiner Eltern war er auch noch Vegetarier!

Wölfchen seufzte - noch lauter und noch mitleiderweckender.

„Hey, Wolfi!" Wolf-Rüdiger, wie ihn seine Eltern nannten, blickte auf. Zickrich kam des Weges. Den feschen Ziegenbart frisch gekämmt, die langen Ohren gepierced so oft es nur ging, die schwarze Lederjacke lässig offen. Zickrich war einer von sieben Brüdern und Wölfchens bester Freund und er hatte seinen Platz im Leben schon. Er war das älteste Geißlein, in dessen Märchen Wölfchens Vater den großen, bösen Wolf spielte.

„Was lässt du denn die Ohren hängen. Wer hat dich geärgert?“ Der junge Ziegenbock kam näher und setzte sich neben seinen Freund. Er wusste, dass Wölfchen oft den Spott seiner Klassenkameraden aushalten musste und hatte sich öfter mal einige von den ganz Fiesen geschnappt und zurechtgestutzt. Mit ihm wollte sich nämlich niemand anlegen, denn er war Anführer einer Rockergang, die mit ihm zusammen im Märchen arbeiteten und seine sechs Brüder spielten.

„Da!" Wölfchen reichte sein Zeugnis und schob dann die Hände in die Hosentaschen. „Wenn meine Eltern das sehen, fliege ich raus. Ich bin durch die Böser-Wolf-Prüfung gefallen und alle anderen haben bestanden. Sogar der blöde Edgar." Dazu sollte man wissen, dass der blöde Edgar eigentlich ein Einhorn war, das das aber nie begriffen hatte und sich nun für einen Wolf hielt. Das konnte lächerlich sein, aber Edgar war noch furchteinflößender als Wölfchen - the Peacemaker.

„Ach du heilige Schei…“, rief Zickrich und starrte ungläubig auf das Blatt Papier. Er wusste, dass sein Freund anders war, aber dass sie ihn so gnadenlos durchfallen ließen, hätte er nicht gedacht. „Diese verdammten Arschlöcher“, knurrte er und ließ seine Fingerknochen knacken. „Die kauf ich mir. Das können die mit dir doch nicht machen. Wie sollst du denn da einen guten Job bekommen?" Der Ziegenbock knurrte bedrohlich und suchte in seiner Jackentasche nach seiner Zauber-Kristallkugel. Er musste seine Jungs zusammentrommeln und dann Wölfchens Ehre wieder herstellen.

„Nein!", rief Peacemaker-Wolfi aufgebracht und legte seine Hände auf Zickrichs Unterarm. „Nicht doch. Sie haben ja nur meine Leistung bewertet und wenn die eben nicht gut war, dann muss ich jetzt die Quittung tragen. Ich bin da ja selber dran schuld!", sagt er und seufzte wieder so herzerweichend, dass zwei Häschen aus der Nähe herangehoppelt kamen und sich tröstend an Wölfchen schmiegten - jeder wusste, dass Wölfchen nur Gemüse fraß.

Auch Zickrich nahm seinen Freund in den Arm und hielt ihn tröstend. „Ach Wölfchen.“ Er strich ihm durch die Haare und zupfte sanft an den kleinen, weichen Öhrchen, die dann immer so süß hin und her wackelten. „Soll ich mitkommen, wenn du es deinen Eltern sagst?“ Angst musste er nicht haben, denn die Arbeitszeit war vorbei. Das wurde streng von den Gewerkschaften geregelt. Vor dem Wolf hatte er also keine Angst. Eher schon vor dessen Frau, die ständig hysterisch herum rannte und den Weltuntergang prophezeite. Komische Frau, aber nun gut - wo die Liebe hin fiel.

„Nein, lieber nicht. Sie halten mich sowieso schon für einen Versager. Wenn ich jetzt noch mit Geleitschutz ankomme, werden Wolfhard, Wolfram und Wolf-Dieter wieder lachen." Ja, seine Brüder waren echte Blödmänner. Aber im Gegensatz zu ihm hatten die mit Auszeichnung bestanden. Wölfchens Kopf sank noch tiefer, als er sein Zeugnis wieder an sich nahm. Das Leben war so ungerecht.

„Du machst das schon, Kleiner. Wenn gar nichts anderes geht, kommst du zu uns. Ein Geißlein mehr oder weniger fällt doch bestimmt nicht auf.“ Zickrich ging davon aus, dass er das hinbiegen konnte. Seine Arbeitgeber waren sehr zufrieden mit seiner Arbeit. Er ließ Wölfchen wieder los und strich ihm noch einmal durch die Haare. „Komm doch nachher vorbei, wir wollen ein Lagerfeuer am See machen und etwas trinken.“

„Alkohol? Nein, so was trinke ich nicht. Aber ich kann Tee mitbringen." Vorausgesetzt seine Eltern ließen ihn noch einmal vor die Tür. Oder er kam für immer vor die Tür. Wölfchen zitterte vor Angst, doch er erhob sich. Je später er nach seinen Brüdern nach Hause kam, um so mehr fiel sicher auf, dass er getrödelt hatte, weil er ein Feigling war. „Ich geh dann mal, ne?", sagte er und seufzte wieder. Er machte das oft in der letzten Zeit.

„Wenn was ist, du weißt, wo du mich findest.“ Zickrich winkte dem kleinen Wolf noch einmal zu und es tat ihm in der Seele weh, ihn so ängstlich und betrübt zu sehen. Die Öhrchen hingen, der Schwanz auch, so dass er auf dem Boden schleifte. So kannte er seinen Freund gar nicht, der normalerweise fröhlich und quirlig war und eigentlich nie aufhörte zu reden. Sollten seine Brüder ihm was tun, dann konnten sie aber was erleben. Mit seinen Hörnern war nicht zu spaßen. Nur weil er in seinem Märchen das hilflose Zicklein spielte, hieß das noch lange nicht, dass er im wahren Leben auch so hilflos war.

„Mach's gut, Zickrich." Wölfchen winkte noch einmal hinter sich und griff sich seinen Rucksack. Dann schlurfte er endgültig von dannen und bog nach dem Wald und der Lichtung auf den Weg zur heimatlichen Höhle. Den Kopf zog er immer weiter zwischen die Schultern. Am liebsten wäre er im Erdboden verschwunden.

„Er kommt“, hörte er schon von weitem Wolfhards hämische Stimme. Seine Brüder wussten, welches Zeugnis er bekommen hatte und freuten sich schon darauf, mitzukriegen, wie er Schimpfe bekam, schließlich hatten sie in dem Fach: Ausnutzen von Schwächen ein ‚sehr gut plus’ bekommen. Sie hatten bisher nichts verraten, denn dann konnten sie live miterleben, wie ihr Vater erst immer roter im Gesicht wurde und dann explodierte.

Auch Wölfchen wusste, dass genau das passieren würde. Hoffnung hatte er nicht viel, dass es glimpflich ausging, also zog er den Kopf noch tiefer. Er wurde langsamer, doch als er merkte, dass er fast stehen geblieben war, lief er wieder los. Jetzt oder nie. Er kam also durch den kleinen Vorgarten, in dem Gemüse angebaut wurde, damit auch Wölfchen was zu essen hatte und er spürte schon die Blicke aller auf sich, denn die Familie saß vor der Höhle in der Sonne.

„Warum kommst du erst jetzt? Das Essen ist schon ganz verkocht“, war die Begrüßung seiner Mutter und seine Brüder kicherten schon wieder.

„Na, wie war dein Zeugnis?“, fragte Wolf-Dieter scheinheilig und hatte sein Ziel erreicht, als Vater Wolfgang den Kopf aus der Zeitung hob und seinen Jüngsten streng ansah. „Zeig her, Wolf-Rüdiger“, forderte er ihn auf und hielt Wölfchen auffordernd die Hand hin.

„Ich hab noch Freunde getroffen", sagte Wölfchen, denn er würde niemals lügen! Er verschwieg nur manchmal was, nämlich dass er sich gefürchtet hatte, heim zu kommen. Doch nun musste er sich wohl seinem Schicksal stellen und er reichte stumm sein Zeugnis rüber. Sein Kopf sank wieder weit zwischen die Schultern. Wenn keiner seinen Hals sah, konnte den auch keiner abreißen!

Ganz logisch.

Noch hatte er ein paar Sekunden Schonfrist, denn sein Vater faltete erst die Zeitung ordentlich zusammen und dann erst nahm er Wölfchens Zeugnis wieder auf. Er begann zu lesen und mit jeder neuen Zeile wurde sein Gesicht wütender und schließlich knallte er das Blatt Papier auf den Tisch, so dass seine Frau erschrocken aus der Höhle gelaufen kam.

„Wolf-Rüdiger“, knurrte Vater Wolf und die Ader an seiner Stirn pochte bedrohlich. „Was hat das zu bedeuten? Was fällt dir ein, mit so einem Zeugnis nach Hause zu kommen? Weißt du eigentlich, wie hart ich dafür arbeiten musste, damit du die Schule besuchen kannst? Meinst du, jeden Tag von neuem aufgeschnitten und mit Steinen gefüllt zu werden, ist ein Spaß, oder was? Es wird gut bezahlt, darum habe ich den Job angenommen, damit ich meiner Familie ein gutes Leben bieten kann und dann kommst du mit so einem Zeugnis daher?“

Wölfchen war immer kleiner geworden. Er schniefte leise und versuchte nicht zu weinen, auch wenn er ja eigentlich immer sehr dicht am Wasser gebaut hatte. Er versuchte sich also zu fassen und holt tief Luft, doch er wusste nicht, was er sagen sollte. Doch er erinnerte sich daran, dass er ja schließlich eine Eins in Konversation hatte und fing an. „Aber Vater", weiter kam er nicht, weil gerade Wolfgunde das Zeugnis ihres Sohnes ansah und immer wieder: „Oh mein Gott!", oder: „Oh welche Schande", oder: „Ich kann mich nicht mehr an der Fleischtheke blicken lassen", schluchzte. Wölfchen zuckte und zuckte, wurde immer kleiner und sank in sich zusammen.

„Ich", setzte er noch mal an, doch er wusste immer noch kein Argument, dass seine Eltern davon überzeugen konnte, dass er eben andere Qualitäten hatte - nur eben keine als Wolf. Ging denn davon die Welt unter?

„Siehst du, was du angerichtet hast?“ Wolfgang sah Wölfchen böse an und zeigte auf seine Frau, die sich gerade mit einem Taschentuch die Augen tupfte und völlig gebrochen wirkte. „Deine Mutter wird wegen dir den Spott ihrer Freundinnen ertragen müssen und bald wird der ganze Märchenwald von unserer Schande wissen.“ Der Wolf schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und griff sich die Zeitung. „Du wirst dir einen gut bezahlten Job suchen, damit die Schande etwas abgemildert wird und deine Mutter wieder hoch erhobenen Hauptes einkaufen gehen kann." Er blätterte die Zeitung durch und tippte schließlich mit einem Finger auf eine Anzeige. „Das wird dir die Flausen schon aus dem Kopf treiben. Auf diese Anzeige wirst du dich bewerben:

Zur Unterstützung unseres in die Jahre gekommenen Lupus Albertus suchen wir halbtags engagierten Wolfsnachwuchs. Wir, das sind die Märchen und Sagen Co KG, ansässig im schönen Mysteria.

Ihre Aufgaben:

- Konversation mit jungen Damen
- Ausdauerndes Laufen, um vor ihrer Mitarbeiterin das Haus der Großmutter zu erreichen
- Geschickte Biss- und Reißtechniken, um effektiv Großmütter zu verschlingen
- Theatralisches Ableben

Ihr Profil:

Um dieses anspruchsvolle Ziel zu erreichen, legen wir großen Wert auf kommunikative Fähigkeiten und sicheres Auftreten in einem konfliktreichen Umfeld. Natürlich haben sie auch einen ausgeprägten Appetit auf gut abgelagerte Großmütter. Der Geschmack von Rheumasalbe sollte sie nicht davon abhalten, ihre Pflicht zu tun. Praktischerweise verfügen sie bereits über Erfahrung im Verschlingen von Großmüttern und anderen und können ihre Erfahrungen nun auch hier unter Beweis stellen.

Wenn sie dann noch mit Arglist, Verschlagenheit und Aggression trumpfen können, sind sie unser Wolf. Melden sie sich noch heute.
"

„Ich soll Großmütter verschlingen?", stammelte Wölfchen entgeistert. Sein Schwanz wedelte aufgeregt, weil er das nicht fassen konnte. „Aber ich bin Vegetarier. Ich esse kein Fleisch, wie soll ich das denn machen! Das kann ich nicht. Nein, das kann ich nicht. Mami, sag..."

Doch Wolfgunde drehte sich weg. Sie würde sich da bestimmt nicht helfend vor ihren Jungen stellen. Das hatten sie nun davon, dass man ihm alles hatte durchgehen lassen und ihm nicht die Flausen aus dem Kopf getrieben hatte.

Ein Wolf, der Gemüse fraß!

Als würde diese Schande nicht reichen, fiel er durch die Prüfung. Nein, da sollte er allein wieder raus kommen. Sie hielt es wie ihr Mann: Wölfchen suchte sich einen guten Job und alles war wieder im grünen Bereich.

„Wolf-Rüdiger“, knurrte sein Vater erneut und Wölfchen kam es vor, als hätten seine Eltern ihm nur diesen Namen gegeben, weil man ihn so bedrohlich knurren konnte. „Wenn du dich weigerst, dich auf die Anzeige zu bewerben, dann bist du morgen früh, gleich bei Sonnenaufgang, beim Arbeitsamt und suchst dir selber einen Job. Was, ist mir egal, aber du brauchst dich erst wieder hier blicken lassen, wenn du in Lohn und Brot stehst und deine arme Mutter sich nicht mehr für dich schämen muss.“ Zur Bekräftigung hieb er noch einmal mit der Faust auf den Tisch. Für ihn war das Thema damit erledigt.

Wölfchen stand da und verstand die Welt nicht. Hatte man ihn wirklich rausgeschmissen? „Aber", murmelte er leise und sah auf. Doch alles, was er sah, war der unbeteiligte Blick seines Vaters und das gehässige Lachen seiner Brüder. Seine Mutter hatte sich schon wieder in die Höhle verzogen. Das Leben war so ungerecht. Er hatte die schönste Handschrift von allen, er konnte Papierkraniche falten, dass es eine Freude war - und doch zählte es nur, wen er alles fressen konnte und wie schnell er das tat.

Nein, er wollte kein Wolf sein und begriff, dass dies auch eine Chance für ihn sein konnte. „Gut", sagte er also und ging in die Höhle, um zu packen. 



02 - Von Drachen und anderen Widrigkeiten


„Pass auf dich auf, Wolfi und zieh dir immer ein Unterhemd an, damit du dich nicht erkältest.“ Wolfgunde stand mit ihrem Jüngsten vor der Höhle und zupfte ihm die Jacke zu recht und knöpfte sie zu. Sie war traurig, dass ihr Jüngster ging, auch wenn sie sich manchmal für ihn geschämt hatte. Laut würde sie es ja nie sagen, aber es war schön gewesen, jemanden im Haus zu haben, der ihr ab und zu selbst gepflückte Blumen mitbrachte, sie mit hübsch gefalteten Tierfiguren erfreute oder der ihr beim Backen und Kochen half.

„Hier“, sie steckte ihrem Sohn einen kleinen Beutel mit Golddukaten in die Innentasche der Jacke und gab ihm einen Stock, an dem Proviant für ein paar Tage in ein Tuch gewickelt hing. „Pass auf dich auf, mein Schatz, und melde zwischendurch, wie es dir geht“, schluchzte sie leise und drückte ihn noch einmal an sich.

„Ja, Mami, mach ich." Wölfchen nickte entschlossen. Heute ging es ihm schon etwas besser. Er hatte eine Nacht über den Rauswurf geschlafen und beschlossen, dass es vielleicht wirklich eine Chance war. Vielleicht bekam er eine Umschulung zum Zauberlehrling oder er wurde Hilfshexe. Man wusste doch nie, was alles in einem schlummerte, wenn man es nie herauslockte. Er küsste seine Mama noch einmal zum Abschied und dann hüpfte er von dannen. Jetzt erinnerte er wieder an das Wölfchen, das alle kannten. Den Kopf in den Wolken, Liedchen auf den Lippen und ein sonniges Gemüt im Herzen. Er hatte zwar keinen Schimmer, wo das Arbeitsamt war, doch das hinderte ihn nicht daran, einfach los zu laufen - so war Wölfchen eben.

„Wölfchen“, hörte er plötzlich Zickrichs Stimme hinter sich und sein Freund kam zu ihm gelaufen. Er musste gleich zur Arbeit, aber ein paar Minuten hatte er noch und er wollte seinen besten Freund verabschieden und ihm Glück wünschen. „Wolltest du einfach so gehen, ohne dich zu verabschieden?", fragte er und grinste, machte aber Wölfchen gleich wieder ein schlechtes Gewissen. Der ruderte mit den Händen und erklärte wortgewaltig und ausladend, dass er das ja gar nicht vorgehabt hatte und sowieso und überhaupt. Doch schlussendlich musste er zugeben, dass er wohl genau das vorgehabt hatte, weil er sich schämte.

„Aber ich werde jetzt ein Zauberlehrling oder eine Hexe oder ein Zwerg und dann freut sich Mama und dann..." Wölfchen zuckte mit den Schultern. So weit hatte er noch nicht gedacht. Er lebte meist - auch mit seinen 16 Jahren - noch in den Tag hinein und ließ sich gern überraschen. Das machte das Leben doch erst spannend.

„Mach das, was dir Spaß und dich glücklich macht. Deine Eltern kriegen sich schon wieder ein.“ Zickrich zog seinen Freund in die Arme und drückte ihn. „Wenn du zum Arbeitsamt möchtest, dann musst du den Weg nach Norden nehmen, bis du ans Landestor kommst. Dort gehst du durch. Dann bist du im Märchen-Verwaltungsbezirk. Das Arbeitsamt kannst du gar nicht verfehlen, ist das größte Gebäude, genau in der Mitte.“

„Ah ja, okay." Wölfchen nickte verwirrt und drehte sich um neunzig Grad, weil er nämlich bereits in die falsche Richtung gelaufen war. „Danke. Ich schreibe dir und" - er machte eine Pause, weil das eigentlich nicht seine Art war, doch heute wollte er mal fies und gemein sein - „legt einen Stein mehr in Papas Bauch, der hat's verdient." Doch dann schämte sich Wölfchen in Grund und Boden und er nahm alles zurück.

Zickrich bekam sich fast nicht mehr ein mit Lachen und klopfte seinem Freund auf die Schulter. „Ich nehm auch einen der kleinen Steine“, versprach er und drückte Wölfchen noch mal. Er musste los, wenn er nicht zu spät kommen wollte. „Melde dich auch bestimmt. Du weißt, wie man mich über die Kristallkugel erreichen kann.“ Er steckte Wölfchen eine Kugel in die Tasche und winkte ab, als der protestieren wollte. „Mein Abschiedsgeschenk und damit ich sicher sein kann, dass du dich auch meldest.“

Emsig nickend verabschiedete sich Wölfchen also und machte sich mit steil erhobenem Schwanz und wackelnden Ohren auf den Weg in den Verwaltungsbezirk. Fröhlich sang er sich ein Liedchen, plauderte mit Häschen, fütterte kleine Rehe und hoffte, dass der listige Fuchs, der dort am Baum lehnte, ihn zufrieden ließ.

Kurz nach dem Mittag kam Wölfchen am Tor an. Er hatte ein wenig getrödelt und seinen Proviant mit ein paar Hasen, Vögeln und Eichhörnchen geteilt. Nun blickte er neugierig durch das Tor und riss überrascht die Augen auf. Vor ihm tat sich eine Stadt auf. Kreisrund, umsäumt von unzähligen Toren, auf denen die Namen der Märchen standen, zu denen sie führten. Er sah Märchenwesen geschäftig durch die Straßen laufen und ließ sich von einem Strom mitreißen, der ins Zentrum unterwegs war. Zickrich hatte recht gehabt, das Arbeitsamt war wirklich nicht zu übersehen, denn es war ein großer hoher Turm, mitten in der Stadt.

„Da muss ich also hin!", sagte er überwältigt und blieb stehen, wurde aber mürrisch von den anderen weiter geschoben. Wölfchen hatte ganz schön zu kämpfen, dass er auch ja nicht vom rechten Weg abkam. Doch mit viel Glück schob ihn ein Mob direkt in die Tür und dort verschnaufte er erst einmal und beobachtete die geschäftigen Märchenwesen, ehe er Mut fasste und die Tür aufriss, dabei auf etwas trat, was leise quietschte.

Leviathan wirbelte herum, als jemand schmerzhaft auf seinen Schwanz trat und wollte schon anfangen zu schimpfen, aber die Worte blieben ihm vor Verblüffung im Hals stecken. Hinter ihm stand ein junger Kerl, offensichtlich ein Wolf und entschuldigte sich doch allen ernstes bei seiner Schwanzspitze, hob sie hoch und streichelte ganz sanft darüber und faselte was davon, dass er das arme Tierchen gar nicht gesehen hätte, wie leid es ihm täte, ihm weh getan zu haben und dass er gleich mit ihm zum Arzt gehen würde, damit es auf Verletzungen untersucht werden könnte.

„Bist du noch ganz dicht?“, fragte der junge Drache nun doch und sah diesen Wolf misstrauisch an, denn bei Bekloppten wusste man ja nie. „Lass gefälligst meinen Schwanz los.“

„Was?", fragte Wölfchen verwirrt und guckte nicht schlecht, als ihm das kleine silberne Tierchen, auf das er getreten war, einfach entrissen wurde. „Ist das dein kleiner Bruder?", fragte Wölfchen und kam wieder näher. „Außerdem bin ich sehr dicht. Ich laufe nämlich nicht aus", erklärte er mit ernster Stimme und hörte erst auf, dem silbernen Puschel hinterher zu laufen, als er eine Hand an seiner Stirn spürte, die ihn wegschob. Verwirrt blickte Wölfchen nun doch zu dem großen Kerl hoch - imposante Erscheinung.

„Sag mal, von welchem Baum bist du denn gefallen?“, fragte Leviathan und schüttelte den Kopf. Der Kleine wollte ihn bestimmt verarschen, denn so naiv konnte doch niemand sein. Aber trotzdem, um allen Eventualitäten vorzubeugen, beugte er sich vor. „Das“, er hob seinen Schwanz und wedelte mit dem puscheligen Ende vor der Nase des Wolfes, „ist meine Schwanzspitze. Nicht mein kleiner Bruder und kein Tier. Schwanzspitze! Du verstehst?“ Zur Verdeutlichung drehte er sich ein wenig, so dass der Bekloppte auch den Rest seines Schwanzes sehen konnte.

„Schwanzspitze - aha", sagte Wölfchen und guckte sich das noch einmal genauer an. Er zog seine Schwanzspitze zum Vergleich und zeigte sie dem seltsamen Mann. „Ich hab auch eine", sagte er und wedelte damit herum. „Außerdem bin ich nicht vom Baum gefallen. Wölfe wachsen nicht an Bäumen, sie wohnen doch in Höhlen. Sie klettern auch nicht auf Bäume und außerdem bin ich gar kein Wolf, weil ich ja die Prüfung nicht geschafft habe. Du bist auch kein Wolf, oder?" Dabei wackelte Wölfchen mit den Ohren, die Ohren von dem Fremden sahen komisch aus. Nicht so schön weich wie seine.

„Willst du eine Möhre?", bot er an, weil er ja eigentlich immer nett war.

„Ja, bitte“, stammelte Leviathan völlig überfordert, denn der Kleine quasselte ja ohne Luft zu holen. „Ich bin ein Drache“, erklärte er immer noch durcheinander und biss von der Möhre ab, die der Nicht-Wolf ihm in die Hand gedrückt hatte. „Hätte ich Flügel, wenn ich ein Wolf wäre?“ So langsam machte es wirklich Spaß. Der Kurze war wohl wirklich so naiv.

„Edgar hat Flügel und ein Horn und Hufe und ist auch ein Wolf", nuschelte Wölfchen, der sich mit seiner Möhre auf einen der Stühle im Wartezimmer gesetzt hatte. Sein Blick lag aber immer noch auf dem großen Puschel am Schwanzende von dem Drachen. Warum hatte der so einen schönen Puschel und Wölfchen nicht? Ob er auch einen bekam, wenn er sich entschied ein Drache zu werden? „Ist es schwer ein Drache zu sein? Ich würde gern einer werden, dann hab ich auch so einen schönen Schwanz und ich hätte gern so einen schönen Schwanz. Dein Schwanz ist schön, wirklich." Wölfchen guckte wieder hoch und lächelte nett, legte dabei den Kopf schief.

„Okay, ich frage lieber nicht, warum ein Wolf Flügel und ein Horn hat, denn das würde mich bestimmt noch mehr verwirren“, stöhnte Leviathan und ließ sich neben den Kleinen fallen. „Jetzt mal ganz langsam. Du siehst aus wie ein Wolf, bist aber keiner. Wie soll ich das verstehen? Man kann sich doch nicht aussuchen, was man ist, auch wenn einem nicht gefällt, als was man geboren wurde. Ich wäre lieber kein Drache, aber das lässt sich nicht ändern.“

„Tauschen wir!" Mit leuchtenden Augen hockte Wölfchen auf allen Vieren auf seinem Stuhl und sah den Drachen an. „Dann bekomme ich so einen schönen Puschel. Das ist ein wirklich schöner Puschel." Er kam irgendwie nicht darüber hinweg, dass er so was Tolles nicht hatte. Da konnte er mit seinem Schwanz wedeln wie er wollte. „Außerdem bin ich durch die Böser-Wolf-Prüfung gefallen und muss mir jetzt was anderes suchen. Du auch?"

„Nein.“ Verwirrt sah Leviathan auf den Kleineren runter und klopfte ihm an die Stirn. „Sag mal, hörst du mir nicht zu? Du kannst nicht einfach ein Drache werden, das geht nicht. Du bist ein Wolf, auch wenn du diese Wie-auch-immer-Prüfung nicht geschafft hast. Du kriegst keinen Puschel, so wie meinen.“ Vielleicht verstand dieser Naivling ja, was er sagte, wenn er ihm das puschelmäßig erklärte. „Ich: Drache mit Puschel – immer. Du: Wolf ohne Puschel – auch für immer. Kein Puscheltausch möglich.“

Verstanden hatte Wölfchen das jetzt, das konnte Leviathan deutlich daran sehen, dass der kleine Wolf die Ohren hängen ließ und langsam aber sicher in sich zusammen sank wie ein Schneemann im Sommer. Wölfchen rutschte wieder auf seinen Stuhl und guckte nun neidisch auf den Puschel, der auch noch ganz frech vor seinen Augen hin und her geschwenkt wurde. „Das ist gemein. Ich will auch einen Puschel", murmelte er, erinnerte sich aber, dass es sich nicht gehörte, neidisch zu sein. Also wechselte er das Thema. „Und wenn du kein Drache sein willst und was anderes wirst, verlierst du dann deinen Puschel? Ich würde ihn nehmen." Nein, er hatte Leviathan wohl doch nicht verstanden.

Der junge Drache gab auf. „Ja klar, wenn ich ihn verlieren sollte, kannst du ihn haben“, seufzte er und komischerweise fühlte er sich besser, als die weichen Ohren sich wieder aufrichteten und die braunen Augen strahlten. „Wie heißt du eigentlich? Ich bin Leviathan.“ Langsam wurde er wirklich neugierig, wen er da vor sich hatte. Der Kleine hatte ihn vergessen lassen, warum er hier war und dass er eigentlich mordsmäßig schlechte Laune hatte.

„Ich? Wolf-Rüdiger Fenrir, aber alle nennen mich entweder Wölfchen, Wolfi, Peacemaker, Troublemaker oder Idiotenbruder. Such dir was aus", sagte Wölfchen und freute sich, dass er den Puschel bekommen konnte. Dann wäre er ein Drache und könnte dann auch Drachenjobs annehmen. Besser er informierte sich schon mal vorher, was ihn erwarten konnte. „Was macht man eigentlich so als Drache, Thano?" Er verpasste seinem neuen Freund einfach einen Spitznamen, den langen konnte er sich doch nie merken!

„Sich umbringen lassen, was sonst? Das, was man mit allen Drachen macht und da hab ich überhaupt keinen Bock drauf. Dann soll ich auch noch ständig Jungfrauen verschleppen und sie fressen.“ Leviathan steckte sich den Finger in den Hals und machte Würgegeräusche. „Erstens mal, kann ich dieses ewige Gekreische nicht ertragen und zweitens schmecken diese Jungfrauen einfach widerlich. Fleisch überhaupt ist eklig.“ Der Drache, der keiner sein wollte, schüttelte sich und grinste dann, wenn Wolf-Rüdiger seinen Namen einfach abkürzte, dann konnte er das auch. „Wie sieht es aus, Rudi, willst du immer noch ein Drache werden?“

„Hm. Dann kann ich auch Wolf werden", maulte Wölfchen deprimiert und überging den neu hinzugekommenen Spitznamen. Das war ja mal voll doof! Wieder Leute fressen und getötet werden. „Warum bist du dann ein Drache und kein Wolf, wenn du doch eh das gleiche machst?", murmelte er vor sich hin. „Boah, Drache sein ist ja voll doof. Nee, das will ich auch nicht. Aber ich hätte gern so einen schönen Puschel, dann wäre ich nicht alleine und könnt mich nachts an etwas kuscheln." Nachdenklich angelte er mit einer Hand nach dem Puschel.

„Den Bösen in den Märchen geht es nun mal immer so. Sie sind zwar stark und furchteinflößend, aber am Ende sterben sie alle.“ Leviathan seufzte und lehnte seinen Kopf an die Wand. Das Leben war so beschissen, besonders mit einem Vater wie seinem, der ihm ständig Vorträge hielt, was für ein Versager er doch war. Mit seinen 23 Jahren noch nicht eine Jungfrau gefressen und noch kein Dorf in Schutt und Asche gelegt und das bisschen, was er an Schmuck und Gold bisher an sich gerafft hatte, konnte man ja wohl nicht als Schatz bezeichnen. Das war ja nur ein kümmerliches Zimmer voll.

"Dann lass uns Häschen werden. Häschen mag jeder leiden und nie würde jemand Häschen töten. Wir sollten Häschen werden, dann bekomme ich auch so einen schönen Puschel, weil Häschen ja Puschel haben und dann hoppeln wir durch die Wälder. Wäre das nicht toll. Noch 'ne Möhre?" Wölfchen schien seinen neuen Job gefunden zu haben. Am besten fragte er gleich mal, wo er sich als Häschen bewerben konnte.

„Bevor ich Häschen werde, bring ich mich lieber um“, knurrte Leviathan und das war sein voller Ernst. Er war ein Drache. Stolz, stark, gefürchtet. Wenn seine Familie mitbekam, dass er mit einem Bekloppten durch den Wald hoppelte, war er geliefert. Unten durch bis in alle Ewigkeit und noch eine Woche weiter. „Ich brauche einen Job, der mir Ansehen bringt, der meinen Eltern zeigt, dass man auch ohne Jungfrauen fressen Karriere machen kann.“

„Hm. Kein Häschen also", murmelte Wölfchen, was aber noch nicht hieß, dass er selber den Gedanken aufgeben würde. Aber für seinen neuen Freund mussten sie etwas anderes finden. „Prinzessinnen. Ja genau - werd Prinzessin. Die werden gut bezahlt, jeder himmelt sie an und beschenkt sie und sie müssen keine Jungfrauen fressen. Glaube ich zumindest." Wölfchen war sich da jetzt nicht so sicher und deswegen wackelten seine Ohren ganz angestrengt, als er nachdachte.

„Rudi“, knurrte Leviathan und stand auf. Er baute sich mit seiner vollen Größe von zwei Metern vor ihm auf und zog den Mantel aus, so dass der junge Wolf, die durchtrainierte Figur des Drachen sehen konnte. „Glaubst du, jemand will eine Prinzessin haben, die so aussieht? Jeder Prinz, der mich erobern will, sieht mickrig gegen mich aus. Außerdem ziehe ich keine Weiberklamotten an. Wie sieht das denn aus?“

„Bestimmt niedlich. Einen Puschel hast du ja schon. Da kann man Schleifchen rein binden. Soll ich machen?", fragte Wölfchen allen Ernstes, der Leviathans Befürchtungen nicht ganz verstand. „Aber du müsstest wenigstens keine Jungfrau fressen. Du weißt echt nicht, was du willst." Der junge Wolf schüttelte den Kopf und nahm sich die letzte Möhre. Wann ging es denn endlich mal los hier? Wurde man hier nicht aufgerufen oder so was?

Der von dem Wolf so heiß begehrte Puschel zuckte augenblicklich aus dessen Reichweite und Leviathan knurrte. „Womöglich noch in rosa, oder was? Vergiss es, ich brauche nichts, wo ich mich lächerlich mache, sondern etwas, wo ich Ruhm und Ehre erlangen kann.“ Vernünftig reden hatte mit Rudi echt keinen Zweck. „Komm mit. Gleich öffnen die Beratungsbüros und ich habe die Nummer eins. Du kommst besser mit, nicht dass du hinterher doch noch als Häschen endest und vom Jäger erschossen wirst.“ Der Drache wusste nicht wieso, aber der Kleine weckte seine Beschützerinstinkte, auch wenn er eine ziemliche Nervensäge und ein Plappermaul war.

Entsetzt quietschte Wölfchen plötzlich. „Wer erschießt denn niedliche Häschen? Die tun doch keinem was. Sie laufen mit Igeln um die Wette und das war's. Deswegen muss man die doch nicht gleich erschießen! Das ist doch nur ihr Job. Das ist gemein und ich finde das doof. Keiner darf Häschen erschießen." Wölfchen war förmlich außer sich, er wusste gar nicht, was er sagen sollte - aber so wehrte er sich wenigstens nicht dagegen, von dem Drachen durch die Gänge geschleift zu werden und war pflegeleicht wie Handgepäck.

Rücksichtslos drängte der Drache sich die Schlange immer weiter vor, Rudi dabei fest im Griff, damit er auch nicht verloren ging. Wenn sein Wölfchen sich ablenken ließ und ihm zu entwischen drohte, wedelte er einfach mit seinem Puschel und der Kurze war wieder auf seiner Spur. Na, wenigstens hatte er endlich eine Berechtigung für dieses, ihm bisher unnütz erscheinende Körperteil gefunden. Rudi sei Dank.

Brav folgte der Wolf, entschuldigte sich ständig, weil er andauernd gegen Leute geschubst wurde, die er nicht kannte. Doch noch ehe er ihnen sein Leid klagen konnte, hatte Leviathan ihn schon weiter gezerrt. So konnte er immer nur nett lächeln und sich fortwährend entschuldigen - zu mehr reichte die Zeit nicht.

„Weg da“, blaffte der Drache den Fuchs an, der gerade die Tür zum Beratungsbüro öffnen wollte. „Wenn du nicht die Nummer 0 hast, bin ich vor dir dran“, knurrte er aggressiv und der Fuchs wich erschrocken zur Seite. „Geht doch.“ Leviathan beachtete ihn nicht weiter und schob Rudi vor sich her in das Zimmer, hielt ihm dabei aber den Mund zu, damit er sich nicht ständig entschuldigte. 


03 - Puschel für alle


„Wir brauchen einen Job. Einen, der gutes Geld und Ansehen bringt und zwar pronto und wenn sie mir jetzt etwas für Drachen anbieten, wo auch nur eine Jungfrau drin vorkommt, werden sie die erste sein, die ich fressen werde“, verlangte er lautstark, von der Sachbearbeiterin, die ihnen nur mit großen Augen entgegensah.

Wölfchen hatte gerade noch die Chance, wenn auch unverständlich durch die ihn hindernde Hand hindurch, ein ‚Bitte’ anzufügen. Weil sich das ja so gehörte. Warum war der Drache eigentlich so mies drauf? Dabei hatte der doch einen so schönen Puschel.

„Setzen sie sich erst einmal. Name und aktueller Beruf bitte." Die Sachbearbeiterin ließ sich nicht aus der Fassung bringen. So weit kam es noch, dass jemand ihr hier drohte. Sie war nicht um sonst eine gute Fee mit Zauberkräften. Der kleine Silberling würde sich umgucken.

Leviathan setzte sich und zog Rudi einfach mit auf sein Bein. So hatte er ihn besser unter Kontrolle und damit er keinen Blödsinn machte, bekam er seinen heißgeliebten Puschel zum Spielen. „Wolf-Rüdiger Fenrir und Leviathan Sarungal.“ Der Drache machte eine Kunstpause, denn der Name seiner Familie hatte einen guten Ruf in der Märchenwelt. Immer wenn ein furchterregender und absolut zuverlässiger Drache gebraucht wurde, war jemand aus seiner Familie die erste Wahl. Außerdem war sein Vater Vorsitzender des Märchenrates und somit einer der mächtigsten Bewohner des Reiches.

Jeder kannte den großen Tako Sarungal.

Den blutroten Drachen.

„Und was kann ich genau für sie tun, Herr Sarungal?", fragte die Fee ungerührt. Sie hatte ständig Leute hier, die sich für unheimlich wichtig hielten. Doch die Macht hatte sie - denn sie vergab die Jobs!

„Thano und ich würden gern Häschen werden, weil wir niemanden fressen wollen", sagte Wölfchen erklärend und beschäftigte sich weiter mit seinem neuen Lieblingsspielzeug.

„Er vielleicht, ich aber definitiv nicht“, murrte Leviathan, weil diese doofe Fee völlig unbeeindruckt war, aber er war jetzt etwas vorsichtiger, denn er hatte an der Anstecknadel an ihrem Revers erkannte, dass sie eine Fee der neunten Stufe war und mit denen war nicht zu spaßen.

„Wenn möglich hätten wir beide gerne einen Job, in dem wir niemanden fressen oder töten müssen. Gerne auch zusammen, denn mein kleiner Freund, braucht ein wenig Aufsicht.“ Leviathan lächelte so gewinnend, wie er konnte. Er sah gut aus und war bei den Damen durchaus begehrt, das wusste er. Vielleicht half ihm das ja auch hier.

„Na, geht doch, Herr Sarungal", sagte die Dame hinter dem Schreibtisch und lächelte nun zufrieden. Sie schätzte es, wenn sich jemand zu benehmen wusste und deswegen ließ sie ihren Zauberstab über einen Stapel Papier tanzen und suchte alle Angebote heraus, in denen es nicht darum ging, jemandem das Lebenslicht auszublasen oder jemanden zu fressen. Das war nicht leicht, weil diese Jobs im Allgemeinen nicht beliebt waren - doch dann jauchzte sie. „Ja, hier wäre etwas", sagte sie und ließ das Blatt vor sich sinken. „Rapunzel war über die Feiertage Ski fahren und hat sich den Knöchel verstaucht. Sie wird morgen unmöglich ihren Dienst am Turm antreten können. Wie wär's?"

„Rapunzel?“ Zu sagen, dem Drachen würden die Gesichtszüge entgleisen, wäre noch untertrieben. Leviathan sah gerade so aus, als hätte ihm jemand mitgeteilt, dass alle Kinder der Welt nicht mehr an Märchen glauben würden. „Eine Prinzessin?“, kiekste er mit überschlagener Stimme und er wurde blass. Dass Rudi auf seinem Bein rumhopste und freudig mitteilte, dass er das voll cool fand und er doch sicher als Häschen mit in den Turm konnte, hörte er gar nicht. Dazu war er einfach zu geschockt.

Heimlich beugte sich Wölfchen weiter vor und flüsterte zu der Fee: „Er wollte ja eigentlich keine Prinzessin sein."

Und die Fee flüsterte zurück: „Rapunzel ist auch keine Prinzessin, sondern ein einfaches Bauernmädchen, das als Entgelt von ihren Eltern an eine Hexe verkauft wurde."

Damit war Wölfchen beruhigt und er sah Leviathan freudig an. „Hörst du, Thano? Du musst gar keine Prinzessin sein."

„Na dann, ist ja alles gut.“ Leviathan war noch immer neben der Spur und fragte sich gerade, ob es noch schlimmer hätte kommen können. „Nichts anderes?“, fragte er ein wenig kleinlaut und seufzte, als die Fee den Kopf schüttelte. Hin und her gerissen saß er ein paar Augenblicke einfach nur da, dann nickte er leicht und ließ den Kopf hängen. Er konnte nur hoffen, dass keiner seiner Brüder in den nächsten Tagen den Rapunzelwald besuchte.

„Wunderbar." Die Fee klatschte in die Hände und weil Wölfchen das toll fand, machte er mit. Dabei hopperte er auf Leviathans Bein herum und wackelte verschmitzt mit den Ohren. „Und was ist eigentlich mit mir?", wollte er wissen, beruhigte sich aber wieder.

„Sie werden ihren Freund begleiten. Als Hund."

„Könnte ich nicht ein Hase sein? Ich möchte so gern ein Hase sein, die haben nämlich so schöne Puschel, wissen sie? Und ich hätte doch auch so gern einen Puschel. Thano hat ja so einen schönen Puschel, aber den darf ich haben, wenn er kein Drachen mehr ist." Langsam ergaben Wölfchens Sätze für ihn auch Sinn und er sah seinen neuen Freund erwartungsvoll an. „Du bist doch jetzt kein Drache mehr, sondern ein Bauernmädchen. Darf ich ihn jetzt haben? Du hast es versprochen." Wölfchen machte große, bettelnde Augen und amüsierte die Fee, die die Papiere fertig machte, ungemein.

„Ich habe gesagt, dass du ihn haben kannst, wenn ich ihn verlieren sollte, aber das habe ich nicht. Als Rapunzel kann ich ihn sehr gut behalten und unter dem Kleid verstecken. Er bleibt da, wo er ist.“ Leviathan fragte sich gerade ernsthaft, ob er darüber diskutierte, seinen Püschel abzugeben und dass er wohl nicht ganz bei Sinnen sein musste. Die bettelnden Augen, die ihn groß ansahen, ließen seinen Mund aber was ganz anderes sagen. Da steckte bestimmt schwarze Magie dahinter. „Du kannst die Fee aber gerne fragen, ob du für die Zeit als Häschen einen Puschel bekommst und wenn nicht, darfst du abends zum einschlafen meinen festhalten."

„Wirklich?" Es hatte nicht viel gefehlt und Wölfchen hätte Herzchen in seinen Augen gehabt. Er wirkte sehr glücklich und ein bisschen zufrieden. Selbst die Fee musste leise lachen. Was war das denn für ein Wolf? Das war wirklich kein Wolf, das sah nur so aus. Aber der Kleine war ungemein süß, das musste sie zugeben. Und um ihm auch etwas Gutes zu tun, versprach sie ihm, dass sein morgiges Kostüm auch einen Puschel haben würde.

Wölfchen war glücklich.

„Dann ist ja alles klar.“ So langsam kam Leviathan wieder zu sich und jetzt, wo er den Job angenommen hatte, wollte er auch mehr wissen. „So, wie lange werden wir die Vertretung übernehmen? Wie sieht es mit Kranken- und Sozialversicherung aus. Bekommen wir Erschwerniszulage, weil wir ja nicht aus dem Turm können und mit Schmerzzulage für mich und einen Chiropraktiker, weil sich jeden Tag ein schwerer Prinz an meinen Haaren hoch hangelt?“ Das waren alles Fragen, die geklärt werden mussten. Nicht dass er hinterher noch draufzahlte, weil sein Hals vollkommen verbogen und verspannt war.

Kopfschüttelnd lachte die Fee und legte den beiden Aushilfen den Vertrag vor die Nase. „Sobald sie unterschreiben, sind sie automatisch versichert. Einen Chiropraktiker gibt es nicht und dafür, dass sie einmal am Tag einen Prinzen hoch wuchten, gibt es doch keinen Erschwerniszuschlag." Was dachte sich dieser Kerl denn? Da draußen standen Unmengen Märchenfiguren, die das zu einem niedrigeren Preis machen würden. Das sollte sich der Kerl immer vor Augen halten.

„Bezahlt wird nach Tarif, für etwa eine Woche. Sonst noch Fragen?"

Wölfchen hingegen hatte erst einmal angefangen zu lesen, doch viel verstand er nicht davon. Das war ja schlimmstes Kauderwelsch - wo lernte man denn so was? Er würde einfach Thano verhandeln lassen. Der sah nicht so aus, als würde er sich die Butter vom Brot klauen lassen.

„Setzen sie alle zwei Tage eine Massage dazu und der Vertrag ist perfekt“, pokerte der Drache weiter und nahm nebenbei Wölfchen einen der Stifte weg. Das waren Zauberstifte und die hatten die dumme Angewohnheit, einen mit Tinte zu bespritzen, wenn sie länger in der Hand gehalten wurden, ohne zu schreiben. Er lächelte die Fee an und zeigte auf Wölfchen. „Er wäre doch so gerne ein niedliches Häschen mit Puschel.“

„Ja, mit so einem!", sagte Wölfchen zustimmend und legte Leviathans Puschel auf dem Schreibtisch. „Kann ich auch so einen großen haben? Ja? Kann ich? Kann ich?"

Seine Augen lagen groß und bettelnd auf der Fee, die ihm kurz durch die Haare wuschelte. „Kannst du haben und dein Freund kriegt eine Massage pro Woche, mehr wird nicht genehmigt.“ Normalerweise ließ sie sich nicht erpressen, aber dieser Wolf hatte es ihr angetan und rührte ihr Mutterherz. Wenn ihr eigener Sohn doch nur so ein Sonnenschein geworden wäre, aber er kam nach seinem Vater, dem Räuber Hotzenplotz und hatte außer saufen und Überfällen nichts im Kopf. Wie hatte sie sich nur auf diesen One-Night einlassen können? Aber auch im Märchenland war eben nicht alles perfekt.

„Hörst du, Thano? Morgen hab ich so einen großen wie du!" Wölfchen strahlte und konnte an gar nichts anderes mehr denken. Er unterschrieb den Vertrag und wollte nur noch wissen, wo sie denn eigentlich hin müssten und wo sie übernachten könnten.

„Siehst du, Kleiner, hast du alles bekommen, was du dir gewünscht hast.“ Leviathans Lächeln wirkte ein wenig gequält, denn bei ihm sah das ganz anders aus, aber er unterschrieb den Vertrag, denn er hielt immer sein Wort. Dabei kniff er die Augen ein wenig zusammen, damit er die gestrichelte Linie traf. Er hatte da ein kleines Augenproblem – er brauchte eine Lesebrille. Da es aber absolut lächerlich für einen Drachen war, setzte er sie nur auf, wenn er alleine war. Den Vertrag musste er sich später durchlesen und hoffen, dass keine für ihn nachteiligen Klauseln darin enthalten waren.

Derweil erklärte die Fee, dass sie den Turm gerne schon beziehen konnten und ihre Kleidung dann am nächsten Tag gebracht wurde. „Wie sieht es aus, wenn sich rausstellt, dass wir nicht die Richtigen für den Job sind, bekommen wir dann etwas anderes zugewiesen?“, wollte er noch wissen, denn er hatte kein gutes Gefühl.

„Ja, sollte sich rausstellen, dass dies wirklich absolut nicht harmoniert oder sich andere Probleme ergeben, werden sie automatisch weiter vermittelt", bestätigte die Fee, denn Zeit- und Leiharbeit machte auch vor dem Märchenland nicht halt. Die Zeiten hatten sich geändert. Sie grinste, weil Wölfchen immer noch zufrieden mit des Drachens Puschel spielte. Das war wirklich ein seltsamer Wolf.

„Gut, dann wird es das Beste sein, wenn wir gleich zum Turm gehen. Werden wir dort hin gebracht, denn uns muss ja jemand in den Turm lassen und absperren. Unterwegs müssten wir nämlich noch einmal einkaufen, damit wir das Nötigste da haben. Wir waren ja nicht darauf vorbereitet, dass es ein 24 Stunden Job wird.“ Leviathan schob Wölfchen vorsichtig von seinem Bein, denn er wollte aufstehen und entzog ihm auch vorsichtig den Puschel. Das war nämlich peinlich, wenn das jemand sehen würde.

Nicht ganz einverstanden mit der Abschiebung knurrte Wölfchen, wirkte das erste Mal ein bisschen wie ein richtiger Wolf. Doch das legte sich schnell. „Ja, ich muss Möhren kaufen und Kartoffeln. Mama hat mir ein bisschen Geld mitgegeben", erklärte er und erhob sich. Er konnte sich noch gar nicht vorstellen, dass er morgen einen Job haben würde, ein Häschen sein durfte und dafür auch noch Geld bekommen sollte. Ganz aufgeregt trappelte er von einem Fuß auf den anderen.

„Kaufen sie ein. Eine Kutsche wartet in zwei Stunden auf sie am Tor vom Rapunzelland.“ Die Fee nickte ihnen noch einmal zu, dann trug sie die Daten ihrer neuen Angestellten in ihr Jobverzeichnis ein und Leviathan zog Wölfchen wieder aus dem Büro. „Was brauchst du alles? Ich habe für mich persönlich alles dabei. Was wir kaufen müssen, sind Lebensmittel.“

„Öhm?" Wölfchen wirkte überfordert. „Ich hab einen Schlüpfer und Socken dabei und einen Kamm und eine Zahnbürste", erklärte er sich und griff seinen Rucksack fester. „Brauch ich noch was?" Ihm fiel nämlich nichts ein. Er trottete hinter Leviathan her und fixierte schon wieder den sachte schwingenden Puschel, der fast auf der Erde schleifte. Dann wurde der ja schmutzig. Besser, Wölfchen hielt ihn hoch.

„Lass das“, zischte der Drache gleich und entriss Wölfchen seinen Schwanz. Irgendwoher hörte er ein Kichern und er knurrte. Etwas ruppig zog er den jungen Wolf vor sich und schob ihn aus der Tür. „Mach das noch mal und du bekommst ihn nicht mehr, wenn ich ihn verlieren sollte“, zischte er und sah ihn böse an. „Wir kaufen jetzt ein und dabei erkläre ich dir, wie du dich zu benehmen hast, wenn wir nicht alleine sind.“

„Ja, aber", murmelte Wölfchen. Er verstand nicht, warum der Drache jetzt so wütend war. Er hatte doch nur helfen wollen, damit der schöne Puschel nicht schmutzig wurde. Das war jetzt aber echt nicht nett! Undank war wirklich der Welten Lohn. Wölfchen schwieg, damit er nicht gleich wieder etwas verkehrt machte, doch er sah sich aufmerksam auf den Straßen um - erstaunlich was er hier alles sah.

Leviathan tat es gleich wieder Leid, dass er so ruppig gewesen war, darum ging er zu einem Stand, an dem sie Eis verkauften und holte für Rudi eine große Portion und für sich auch. Er setzte sich auf eine Bank in der Nähe und klopfte neben sich.

„Rudi, es gehört sich einfach nicht, in der Öffentlichkeit den Schwanz eines anderen einfach anzufassen“, erklärte er und gab das Eis an Wölfchen weiter. Der sah ihn fragend an. „Warum denn nicht? Meine Brüder haben mich immer am Schwanz gezogen und Papa auch." Das verstand er jetzt nicht. Was war denn daran schlimm, wenn man einen schönen Puschel davor behütete, ein dreckiger Puschel zu werden? Er hatte seinen eignen Schwanz in der Hand und filzte das Fell ein bisschen, weil er nervös war. Doch das Eis besänftigte und lenkte ab - er war eben doch eine leicht zu durchschauende Frohnatur.

Seufzend sah Leviathan ihn an. Da hatte er sich ja was aufgehalst. „Also, Kleiner. Wenn deine Brüder oder deine Eltern das machen, ist das vollkommen okay, das ist Familie. Alle anderen haben an deinem Schwanz nichts verloren, wenn du das nicht möchtest. Es gehört sich einfach nicht, außer du willst ihn davor bewahren, abgefahren oder verletzt zu werden, dann ist es erlaubt. Halte dich besser daran, wenn du nicht unangenehm auffallen willst.“

„Wie doof", murmelte Wölfchen. Was waren das denn für Regeln? Er leckte an seinem Eis und beobachtete die ganzen Leute, die hier herum liefen. Ein paar davon hatten sehr schöne Schwänze. Und die durfte er alle nicht anfassen? Komisch. „Na gut!", schlug plötzlich seine Laune um. „Wo gehen wir denn jetzt einkaufen und was müssen wir alles kaufen? Das hat ja Mama bis jetzt immer gemacht, aber nun muss ich das allein machen und ich hab das noch nie allein gemacht. Ich weiß nicht, was ich... Doch: Möhren und Brot und Kartoffeln. Aber die muss ich ja kochen. Die kann ich doch nicht roh essen. Dann kaufe ich vielleicht doch lieber keine Kartoffeln, sondern mehr Brot. Aber wenn das dann hart wird."

„Eis essen“, kommandierte Leviathan und atmete tief durch, als der Redefluss aufhörte, weil Wölfchen die Tropfen, die seine Hand runterliefen, aufleckte. „Ich werde einkaufen und kochen“, bestimmte er. Wenn der Kurze nur Möhren und Brot kaufte, war er spätestens Morgen irre, weil er was anderes essen wollte. „Wir brauchen Kleidung für dich und Lebensmittel für ein paar Tage. Wir können dem Prinzen, wenn er wieder geht, eine Liste mitgeben, was wir brauchen, wenn das aufgebraucht ist.“

So lief das eben im Märchenland - sie spielten einmal am Tag ihr Märchen durch - den Rest des Tages hatten sie frei. Auch daran würde sich der junge Wolf erst gewöhnen müssen. Das erste Mal weg von zu Hause und dann war er ausgerechnet an einen wie Leviathan geraten. „Okay", sagte er nur, weil er besser nicht mehr widersprach, sondern leckte an seinem Eis. „Was stimmt denn mit meiner Kleidung nicht", nuschelte er nur ein bisschen pikiert, als er an sich hinab sah.

„Deine Kleidung ist grundsätzlich okay, aber willst du sie immer tragen? Du brauchst was zum wechseln.“ Also, da kannte der Drachen kein Pardon. In seinem Turm lief der Kurze nicht mit dreckigen, stinkenden Klamotten rum. Da war er eigen. Er wäre ja gerne bei einem Schneider in die Lehre gegangen, damit er dann später neue Kostüme für die Märchenwelt schneidern konnte, aber das hatte sein Vater ihm verboten und ihn auf die Uni geschickt, damit er Drachenkunde lernte. Und, was hatte er nun davon? Gar nichts, außer dass er viele Jahre umsonst gelernt hatte und sein Vater seine Machtposition ausspielen konnte, damit ihn kein Schneider als Lehrling nahm. Noch nicht einmal das Tapfere.

„Die kann man waschen", nuschelte Wölfchen, der immer noch nicht verstand, warum man mehr als eine Hose brauchte, wenn man doch sowieso nur eine gleichzeitig tragen konnte. Doch besser überließ er das wirklich Leviathan, der kannte ich da wohl entschieden besser aus. „Aber ich will was schönes. Vielleicht mit Puschel!"

„Wir werden sehen, was da ist.“ Allein der Gedanke, ließ Leviathan schaudern. Er stand auf Designerstücke und er war nicht so blöd, auf diese Scharlatane reinzufallen, die dem König angeblich neue Kleider verpasst hatten. Er hatte gleich gesehen, dass die nichts konnten. Allein schon, wie sie die Nadeln gehalten hatten. Völlig stümperhaft. Außerdem fehlte die Hornhaut an den richtigen Stellen, die sich nur bildete, wenn man viel und intensiv mit dem Nähwerkzeug umging.

„Ja, aber wenn was mit einem hübschen Puschel da ist, dann möchte ich das bitte. Mama hat mir ja Geld mitgegeben und sie würde sich sicher freuen, wenn ich einen schönen Puschel habe." Wölfchen leckte sein Eis auf und knabberte die Tüte. Seine Ohren wackelten lustig hin und her, genauso wie sein Schweif. „Gehen wir los? Ja?", fragte er und sprang plötzlich auf. Er war voll neuem Tatendrang und neugierig wie eine Katze. „Wohin gehen wir? Müssen wir da lang? Oder dort lang? Oder gehen wir doch wo anders lang?" Wölfchen hüpfte schon wieder herum, er hatte mit der Position des Hasen wirklich seine Berufung gefunden.

„Rudi, ganz ruhig.“ Leviathan seufzte und schmiss den Rest seines Eises weg, denn Ruhe, es zu essen, hatte er eh nicht mehr. „Folge mir einfach, versuche keine Schwänze anzufassen, Puschel zu retten und auch sonst keinen Blödsinn zu machen“, erklärte er und stand auf. „Dort lang“, er zeigte nach rechts, „wenn wir alles haben, holen wir meinen Koffer und dann gehen wir zum Tor, damit die Kutsche uns abholen kann.“

„Koffer. Uh!", machte Wölfchen ganz andächtig. So was besaßen sie nicht. Er hatte seine Sachen in einem Rucksack und der war außerdem noch viel praktischer zu tragen. Doch er folgte dem Drachen, genauer, dem Puschel. Er lief so wie der Puschel schwang und hüpfte und sang fröhlich dabei. Lieder von Lämmchen und Zicklein, von Bienchen und Blümchen, von Schäfchenwolken und Morgentau.

Das war praktisch, denn so musste der Drache sich nicht immer wieder umsehen, ob Rudi noch hinter ihm war. Vor dem Kaufhaus blieb er stehen und sah seinen kleinen Freund an. „Gib mir deine Hand, Rudi, damit wir uns nicht verlieren. Dort drinnen ist es immer sehr voll.“ Den Kleinen nachher zu suchen hatte er keine Lust und wahrscheinlich verpassten sie dann auch noch ihre Kutsche.

„Ja, okay." Wölfchen nickte augenblicklich und griff die Hand des Drachen, dass er dabei von einigen komisch angeguckt wurde, merkte er noch nicht einmal. „Was werden wir jetzt kaufen? Kann man da drinnen was kaufen? Müssen wir viel kaufen? Das wird bestimmt schwer. Das müssen wir dann alles tragen. Oh, das wird bestimmt anstrengend."

„Wir kaufen eine Hose und ein Hemd für dich, damit du was zum wechseln hast und auch noch ein Paar Socken und einen Schlüpfer. Ein paar Lebensmittel holen wir auch noch. Kartoffeln, Gemüse, Käse, Sahne, Brot und was wir sonst noch alles so brauchen für die ersten Tage. Wir lassen uns die Einkäufe einfach zum Tor liefern, dann müssen wir es nicht tragen.“ Leviathan sah sich schon um und er entdeckte auch gleich etwas, was Rudi passen und stehen müsste.

„Aber ich habe zwei Schlüpfer. Das reicht doch. Einen habe ich an und einen als Reserve. Und wenn ich den anziehe, der Reserve ist, wird der, den ich anhabe, gewaschen und getrocknet und wird dann zur Reserve und dann geht das von vorn los. Noch ein Schlüpfer bringt mich doch völlig durcheinander. Was, wenn ich den vom zweiten Tag und vom dritten Tag verwechsle. Und wann soll ich waschen." Hoffungslos mit zu viel Unterwäsche überfordert wedelte Wölfchen mit Händen und Schwanz und musste sich so immer wieder entschuldigen, weil er Leute anrempelte.

Leviathan blinzelte überfordert. An Wölfchen-Logik musste er sich erst noch gewöhnen, aber er hatte verstanden, dass Schlüpfer gestrichen waren, er wollte schon nachfragen, wie das mit Socken war, aber er konnte sich noch gerade früh genug auf die Lippe beißen, bevor die Worte ihm entschlüpften. Er kaufte einfach welche und wenn Rudi sie nicht wollte, dann nahm er sie eben selber. „Aber Hose und Hemd kaufen wir. Keine Widerrede.“

Allerdings gingen Leviathans Worte ins Leere, denn Wölfchen war ihm abhanden gekommen. Der verbeugte sich immer noch entschuldigend bei Leuten, mit denen er im Eifer kollidiert war. Sich mit Händen und Schwanz gebärdend erklärte er Rumpelstilzchen gerade sein Schlüpfer-Dilemma und piddelte an seinem Hosenbund herum, damit er dem kleinen Männlein zeigen konnte, was für einen tollen er anhatte und wie schmusig weich der wäre.

Hektisch sah der Drache sich um und verfluchte sich selbst, weil er so unaufmerksam gewesen war. Er sah eine kleine Traube an Menschen, die sich flüsternd amüsierten und wusste, wo sein kleiner Freund abgeblieben war. „Halt, Stopp“, rief Leviathan, der so gerade noch verhindern konnte, dass Rudi die Hose fallen ließ. „Er kommt von einem Landmärchen“, erklärte er dem verärgert drein blickenden Rumpelstilzchen und zog Wölfchen mit sich.

„Aber er wollte doch meinen Schlüpfer sehen und gucken wie weich der ist!" Wölfchen war völlig verwirrt, warum der Drache sich so rabiat aufführte. So ging man mit seinen Mitmenschen doch nicht um. Aber weil er dem großen silberhaarigen Kerl mit den mächtigen Flügeln sowieso nicht gewachsen war, ließ sich Wölfchen eben mitziehen. Schließlich hatte Mama immer gesagt, dass ältere Recht hätten und denen sollte man nicht widersprechen. Er krallte sich also wieder den Puschel.

Diesmal entzog Leviathan ihm seinen Schwanz nicht und zog Wölfchen in eine ruhige Ecke. Er setzte den jungen Wolf auf einen der Stühle und hockte sich davor. „Kleiner, mit den Unterhosen ist es ähnlich wie mit den Schwänzen. Die einen zeigt man nicht einfach und die anderen fasst man nicht einfach an. In eurem Märchen ist es etwas anders, als hier. Es gibt Märchenfiguren, die nicht sehr nett sind und Rumpelstilzchen gehört dazu. Ich habe das vorhin nicht böse gemeint, ich möchte nur nicht, dass du etwas Falsches tust und Ärger bekommst.“

„Aber er hat doch gesagt, ich soll das zeigen", murmelten Wölfchen und war sichtlich verwirrt. Warum sagte der Mann etwas, was man gar nicht machen durfte? „Das ist alles gar nicht so leicht", musste er gestehen und klammerte sich fester an den Puschel. Am besten guckte er jetzt nicht mehr nach rechts und links und kniff die Augen zu - denn was er nicht sah, das sah ihn auch nicht. Er seufzte.

„Hey.“ Leviathan wuschelte Wölfchen durch die Haare und zupfte an den Ohren. „Du lernst das schon und jetzt suchen wir etwas zum anziehen für dich und vielleicht ist ja was mit Puschel dabei." Dieses traurige Gesicht konnte man ja nicht mit ansehen. „Nachher, wenn wir im Turm sind, koche ich was Leckeres und dann erkläre ich dir noch einmal genau, wie du dich verhalten musst.“

„Du kannst kochen? So richtig mit Feuer und Gemüse schneiden und Gewürzen? Solche Sachen kannst du? Seit ich einmal die Gardine von Mama in Brand gesetzt und Wolf-Dieter kochendes Wasser über den Fuß gekippt habe, durfte ich nicht mehr in die Küche. Das Gemüse musste ich immer vor der Höhle putzen und Wolfhard hat mir immer die Möhren weggenommen oder sie wieder vergraben und wenn ich sie ausgegraben habe, hat er mich ins Loch geschubst. Schubst du mich auch ins Loch?", fragte Wölfchen etwas ängstlich, denn dann wurde ja seine Hose schmutzig.

„Äh… nein, mach ich nicht.“ Wie schaffte der Kleine das nur, so schnell und so viel zu reden und dabei noch so verworren, dass Leviathan langsam der Kopf schwirrte? „Ich kann kochen. Unsere Köchin hat es mir beigebracht und nun los, wir müssen fertig werden.“ Resigniert sah der Drache auf seine Schwanzspitze die schon wieder geknetet und zerwuschelt wurde. „Halt dich an meinem Puschel fest und nicht loslassen.“

„Ja!", quietschte Wölfchen freudig. Den Puschel würde er doch nicht loslassen! So wurde er durch das Kaufhaus geschleift, in Hemden und Hosen gestopft, was gar nicht so leicht war, wenn Wölfchen immer mit einer Hand im Puschel vergraben war. Er ließ es über sich ergehen und machte immer nur Oh oder Ah, wenn er wieder etwas sah, was er nicht kannte. Er merkte nicht einmal, dass ihm doch noch Schlüpfer gekauft wurden - drei sogar! Damit es ihn richtig verwirrte, wenn schon denn schon. So hatten sie doch einen stattlichen Berg, der geliefert werden sollte, zusammen mit den Lebensmitteln.



04 - Fluffy hilft



„So, erledigt.“ Jetzt, wo das erledigt war, blickte der Drache wieder etwas positiver in die Zukunft. Er hatte seinen Koffer und für die Nacht hoffentlich ein bequemes Bett. „Komm, wir gehen zum Tor.“ Auch wenn Wölfchen noch immer seinen Puschel festhielt, legte Leviathan einen Arm um dessen Schulter. Besser war besser. Auf der Straße waren nämlich immer noch eine Menge Leute unterwegs und der kleine Wolf hatte die unschöne Angewohnheit, jedem hinterher zu laufen.

„Ist es noch weit?", mopperte dieser nach einer Weile. Er war auch schon ziemlich schweigsam, was wohl kein gutes Zeichen war bei Wölfchen, der normalerweise sang und hüpfte und jeden im Umkreis von zehn Schritten dusslig quatschte.

„Was ist los? Müde?“ Leviathan drückte Wölfchens Schulter und deutete mit dem Kopf nach vorne. „Guck, da vorne ist das Tor. Gleich sind wir da.“ Er zauberte aus seiner Manteltasche eine Zuckerstange, die er dem kleinen Wolf hinhielt. Er hatte vorhin einfach welche gekauft, weil Wölfchen mit großen Augen vor dem Glas gestanden hatte.

„Oi!" Und wieder machte Wölfchen große Augen und griff vorsichtig nach dem süßen Gebilde, als würde es zerbrechen, wenn er zu fest zugriff. „Ist die für mich?" Seine Ohren wackelten aufgeregt und er pustete sich lästige Strähnen aus den Augen. „Dankeschön!" Und schon sprang er den Drachen dankbar an und hing an ihm, wie ein Brustbeutel.

Der Drache musste wohl selber etwas müde sein, denn er wehrte sich nicht dagegen, dass der kleine Wolf ihn drückte, sondern er grinste. „Ja, ist für dich“, sagte er und wieder einmal wurde klar, wie verschieden die Welten waren, aus denen sie kamen. Bei ihm Zuhause würde sich kein Kind mehr über eine einfache Zuckerstange freuen, da musste schon etwas Exklusiveres her. „So lutsch deine Süßigkeit und dann kommt auch schon bald unsere Kutsche.“

Natürlich hatte Wölfchen sich das Zuckerwerk schon in den Mund geschoben und ließ seine Zunge darum tanzen, nuschelte immer wieder, wie lecker das wäre und wedelte ab und zu damit herum. Es war wie ein Energieschub, denn nun hüpfte Wölfchen wieder herum, musste davor bewahrt werden, auf der Straße von einem Ochsenkarren überfahren zu werden, doch das hinderte ihn nicht daran, die Zuckerstange auch Leviathan in den Mund zu stecken. „Koste mal - voll lecker", strahlte er dabei und der Schwanz wedelte wie verrückt.

Der stand einige Sekunden wie erstarrt. Das war jetzt nicht passiert? In seinem Mund steckte nicht wirklich eine angesabberte Zuckerstange und verseuchte ihn mit Keimen. Fremde Keime, die jetzt durch seinen Körper flitzten und wer weiß was für Krankheiten auslösten. Er konnte ihr zerstörerisches Werk schon spüren. Bestimmt war er morgen krank und dann flogen sie aus dem Turm.

„Bist du noch zu retten?“, zischte er Wölfchen an und spuckte aus. „Mach das noch mal und ich schneid dir deinen Puschel vom Kostüm“, drohte er und meinte das vollkommen ernst. Wölfchen zog gleich den Kopf ein und wusste gar nicht, was er nun schon wieder falsch gemacht hatte. Er hatte doch nur teilen wollen - mehr nicht.

„Du bist gemein, man schneidet nicht einfach Puschel ab!", murmelte der kleine Wolf und ließ die Schultern hängen, knabberte dabei weiter an seiner Zuckerstange. Er sah elend aus, wie er alles hängen ließ und langsam weiter zum Tor schlurfte. Immer schimpften alle nur mit ihm und wollten seine Sachen kaputt machen. Da hätte er auch zu Hause bleiben können.

„Mach es nicht mehr, dann passiert auch nichts.“ Diesmal lenkte der Drache nicht ein, wie vorhin. Der Kleine musste lernen, dass man nicht einfach alles tun konnte, dann große unschuldige Augen machte und wieder war alles gut. Noch immer spuckte er aus, damit so wenige Keime wie möglich Chancen hatten. Er dirigierte den deprimierten Wolf zum Tor und hoffte, dass die Kutsche bald kam.

Wölfchen sah aus wie ein Häufchen Elend. Wie ein Schluck Wasser in einer Linkskurve schlurfte er hinter dem Drachen her. Das war alles so verwirrend. Vieles, was zuhause in Ordnung war, durfte er jetzt nicht mehr. Er durfte auch Dinge nicht tun, die andere ihm sagten. Wieder andere Dinge, die man ihm sagte, musste er tun. Er durfte nichts zeigen, nichts erzählen, sich nicht entschuldigen - die Stadt hier war doof. Er wollte nur noch zurück in seine Höhle und die Decke über den Kopf ziehen. Aber da er keinen Schimmer hatte, wie er dort hin zurück kam, blieb ihm nichts weiter übrig, als dem wütenden Drachen zu folgen.

Etwas abseits von Leviathan rutschte Wölfchen an der Mauer herab und machte sich ganz klein. Vielleicht übersah man ihn ja, dann maulte ihn auch keiner an.

Leviathan ignorierte ihn, nahm ihre gekauften Waren entgegen und quittierte sie. Er war ganz froh, dass der Kurze die Klappe hielt, denn er brachte den Drachen so durcheinander, dass er sich anders verhielt als üblich. Der Wolf hatte bestimmt schon gemerkt, dass er ihn nur dusselig reden musste und er bekam, was er wollte. So nicht. Gefahr erkannt – Gefahr gebannt.

Wölfchen sah immer mal zu ihm hinüber, doch der Drache ließ ihn einfach links liegen. Nun fühlte er sich elend und allein. Warum war er auch so dumm und fand nicht den Weg zurück? Mama wäre bestimmt nicht böse. Sie wäre bestimmt froh, wenn sie ihn wieder in den Arm nehmen konnte. Eine Hand in der Tasche spürte er die Kugel, die Zickrich ihm gegeben hatte, doch was sollte er seinem Freund sagen?

So seufzte Wölfchen nur und machte sich noch etwas kleiner.

„Nun mach mal nicht so ein Gesicht.“ Der Drache hatte das jetzt einfach nicht mehr mit ansehen können. Nicht dass der Kurze noch anfing zu weinen. Das konnte er gar nicht gebrauchen, denn traurige Märchenfiguren brachten die Märchenpolizei auf den Plan. Das war hier nicht erwünscht. Schließlich sollten die Kinder auf der Erde sich an den Märchen erfreuen und deprimierte Figuren, die eigentlich fröhlich sein sollten, waren schlecht fürs Geschäft.

„Guck, da kommt unsere Kutsche.“

„Hm", machte Wölfchen und sah sich suchend um. Doch er blieb so einsilbig. Langsam kämpfte er sich wieder nach oben, denn es schien wirklich ihre Kutsche zu sein. Oben stand: 'Rapunzels Turm', als Ziel. Da wollten sie ja hin, zumindest wenn sich Wölfchen richtig erinnerte. Doch er fragte lieber nicht, nicht dass er wieder angebrüllt wurde. Er hatte ziemlich dicht am Wasser gebaut und konnte eine weitere Zurückweisung jetzt wirklich nicht ertragen. Heimlich zerrte er Fluffy - seinen zerkuschelten, schon fast kahlen Plüschwolf - aus dem Rucksack und drückte ihn an sich. Den hatte er nicht zurück lassen können, denn seine Brüder würden Fluffy wieder töten, wie schon so oft. Kaum ein Teil war noch Original an dem Stofftier.

„Setz dich rein. Ich pack alles ein.“ Leviathan hielt die Tür der Kutsche auf und erhaschte einen kurzen Blick auf Fluffy und runzelte die Stirn. Wer hatte den denn wieder zusammen geflickt?! Das war doch vollkommen stümperhaft. Es juckte ihn in den Fingern, das Plüschie wieder richtig herzurichten, aber er verbot es sich.

„Hm", sagte Wölfchen wieder und raffte sein Zeug. Zusammen mit Rucksack und Fluffy kletterte er auf eine der beiden sich gegenüberliegenden Bänke, rutschte in die Ecke und zog die Füße an. Er kuschelte sich mit Fluffy gegen die Wand und schloss die Augen. Er hatte Angst und keine Ahnung, was ihn erwartete. Und außerdem war Thano wütend auf ihn, weswegen er nicht einmal den Puschel haben durfte.

Eine Weile sah Leviathan sich das Schauspiel an und kämpfte mit sich, aber als er eine Träne sah, die die Wange hinunter lief, seufzte er. Vorsichtig, so dass Wölfchen das nicht gleich merkte, schob er seinen Schwanz an der Rücklehne lang und kitzelte ihn dann mit dem Puschel am Ohr. Doch Wölfchen regte sich nicht, er wackelte nur mit den Ohren, weil es ihn kitzelte. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, was passierte. Verwirrt sah er den Drachen an. Warum tat der das jetzt schon wieder? Hü und hot, das war zu viel für Wölfchen und er kniff die Augen zusammen, machte sich noch kleiner, vielleicht sah ihn dann keiner und alles wurde gut. Er hielt Fluffy vor sich, damit der ihn beschützte.

Leviathan sah Wölfchen an und verstand die Welt nicht mehr. Der Kleine wollte seinen Puschel nicht mehr? Wo er doch sein erklärtes Lieblingsspielzeug war. War er doch etwas zu grob gewesen vorhin? Aber er dachte noch mal zurück und fand eigentlich, dass er nichts gesagt hatte, was so eine Reaktion rechtfertigte, aber trotzdem musste er was tun. Wenn der Kurze ständig mit so einer Trauermine rumlief, kriegten sie Ärger. Dann doch lieber ein aufgekratztes Plappermaul. „Was ist los?“, fragte er darum und zog Wölfchen zu sich. Er legte ihm sogar seinen Puschel in den Schoß.

Man merkte, das Wölfchen nicht wusste, was nun schon wieder passierte. Er wirkte verwirrt und sah sich fragend um, Fluffy dabei fest an sich gedrückt. „Mal darf ich was, mal nicht, mal werde ich angelächelt, mal angeschnauzt und ich weiß nicht wann", murmelte er und holte tief Luft. Doch der Puschel war zu verlockend. Vorsichtig schlug er seine klebrigen Finger in das weiche Fell.

Die Augenbraue des Drachen zuckte schon wieder, denn er war ein sehr reinlicher Drache und Schmutz jeglicher Art war ihm zuwider. Trotzdem sagte er nichts. Duschen musste er sowieso und dass Wölfchen gerade wieder auftaute, musste er ausnutzen.

„Ich verstehe, dass das nicht einfach für dich ist. Man braucht Jahre, um zu wissen, wann man etwas darf und wann nicht. Das wird schon.“

„Aber du hast mich angeschrieen und geschimpft. Dabei wollte ich nur mit dir teilen! Das war gemein. Ich wollte nur nett sein", murmelte Wölfchen und kaute verlegen an Fluffy herum, der war das schon gewohnt. Deswegen wurde dessen Schwanz ja auch immer kürzer. „Ich mag nicht, wenn man mit mir schimpft, ohne dass ich weiß, was ich falsch gemacht habe." Es war ja nicht so, dass Wölfchen nie was falsch machte - ganz im Gegenteil. Aber geschimpft werden, ohne zu wissen warum, war gemein.

„Nett sein? Warum?“ Der Drache war etwas irritiert. Warum wollte man einfach nur so nett sein? „Mag sein, Rudi, aber es ist nicht nett, mir einfach deine angelutschte Zuckerstange in den Mund zu stecken. Weißt du, wie viele Keime da dran sind? Wenn ich krank werde, dann kann ich nicht Rapunzel spielen und du nicht mehr ihr Häschen. Also kriegst du keinen Puschel.“

„Hö?" Verwirrt klappte Wölfchen die Ohren ab. „Was sind denn Keime? Kann man die essen?", fragte er mit vollem Ernst, weil er keinen Schimmer hatte, was das sein sollte. Noch weniger verstand er, warum Leviathan nichts wollte, was er im Mund gehabt hatte - er war doch nicht giftig. Aber er wusste, dass er einen Puschel wollte und wenn es dazu nötig war, dass er dem Drachen keine Zuckerstange in den Mund steckte, dann musste sich Wölfchen eben daran halten - da führte kein Weg dran vorbei. Also versuchte er sich das zu merken, denn seinen Puschel wollte er nicht aufs Spiel setzen.

„Nein, kann man nicht essen. Sie sind ganz klein, aber gefährlich… also nicht für den, der sie hat, aber für den, der sie kriegt“, versuchte Leviathan das zu erklären und merkte gleich, dass das nichts brachte. „Einfach vermeiden, etwas, das man im Mund hatte, jemand anderem in den Mund zu stecken, okay?“

„Verstehe ich nicht. Zu Hause haben wir auch die Löffel getauscht. Und Mama hat manchmal Probleme mit der Zunge, die hat die dann Papa in den Mund gesteckt, dann war es wieder gut", sagte Wölfchen, auch wenn er keinen Schimmer hatte, was mit einer Zunge los sein konnte. Sicher hatte sich Mama gebissen und Papa hatte es wieder gut gemacht.

„Und wenn mir was beim Essen aus dem Mund fällt? Darf ich das auch nicht wieder essen?" Wie doof war das denn? Blöde Regel, die gefiel ihm aber gar nicht. Wer dachte sich so was aus? Fluffy musste wieder trösten.

Das hatte er befürchtet und Leviathan überlegte kurz, wie er das erklären sollte. Dabei kraulte er, ohne es zu merken, Wölfchens Ohren. „Also, in einer Familie ist das okay, genau wie das Schwanz anfassen. Nur bei Wesen, die nicht mit dir verwandt sind, sollte man das lassen. Ausgenommen sind Freundinnen und Ehefrauen, da geht das auch.“ Er überlegte, was er noch anfügen sollte, aber er fand, dass das erst einmal reichte.

„Ich will aber keine Freundin. Mädchen sind doof und albern und kichern und reden blöde Sachen", moserte Wölfchen und erinnerte sich mit Schrecken an die albernen Gänse aus seiner Klasse! Aber ohne solch eine alberne Gans durfte er nie mit jemandem Löffel tauschen oder sich eine Zuckerstange teilen. Das Leben war doof. Überall nur Vorschriften.

„Warte mal ab, in ein paar Jahren findest du Mädchen nicht mehr doof. Wie alt bist du eigentlich?“ Sehr alt bestimmt nicht, so naiv wie der Kurze war.

Er sah aus dem Fenster und seufzte. Dieser Wald war grauenvoll. Völlig verfilzt und unordentlich. Pflegte den denn keiner? Das war doch wirklich eine Schande. Manche Märchenverwalter waren ihr Geld definitiv nicht wert.

„Ich bin sechzehn und Mädchen sind voll doof", knurrte Wölfchen. Die hatten ihn nämlich immer am Schwanz gezogen und sich lustig gemacht. Nee, die waren doof und mit denen wollte er nichts zu tun haben. „Magst du Mädchen? Oder hast du jemanden, dem du etwas in den Mund stecken darfst?", fragte Wölfchen und bemerkte solche Zweideutigkeiten noch nicht einmal. Er war schlicht zu naiv, zu begreifen, was es damit auch auf sich haben konnte.

Deswegen sah Leviathan ihn eine Weile einfach nur an, bevor er den Kopf schüttelte. Es war einerseits die Antwort auf Wölfchens Frage nach der Freundin, aber auch ein Ausdruck dafür, wie verwirrt er über so viel Naivität war. Es war kaum zu glauben, dass der Wolf schon 16 war und dann noch so unschuldig. Der Drache wusste wirklich nicht, ob er lachen oder beeindruckt sein sollte, aber schließlich lachte er doch nicht, denn irgendwie war es beeindruckend, wie unschuldig der Kleine war.

„Ist besser so, Mädchen sind doof", nuschelte Wölfchen und kuschelte sich wieder in seine Ecke. Langsam hatte er Hunger und sein Proviant war aufgebraucht. Deswegen untersuchte er mit einem Seitenblick die Einkäufe und fragte sich gerade, ob da auch Möhren dabei waren. Er merkte gar nicht, wie er nervös Leviathans Puschel zauste.

„Da kannst du sogar Recht haben.“ Leviathan seufzte. An seine letzte Freundin mochte er sich besser nicht erinnern, die war wirklich doof gewesen. Da hatte es sich mal wieder gezeigt, dass man nicht nach dem Aussehen gehen sollte. Er blickte aus dem Fenster, aber weil immer wieder an seinem Schwanz gezuppelt wurde, sah er wieder zu Wölfchen. „Rudi, mein Puschel ist schon klebrig, was schon schlimm genug ist, aber es wäre nett, wenn du ihn nicht rupfst.“

„Hö?", machte das Wölfchen und verstand nicht gleich. Doch als die Worte auch für ihn einen Sinn ergaben, ließ er den Puschel mit einem schlechten Gewissen los. „Tschuldigung", nuschelte er noch und kroch wieder weiter in seine Ecke. So weit weg von zu Hause, das war wirklich nicht leicht. Besser er verärgerte den Drachen nicht, sonst ließ er ihn noch allein in der Fremde zurück.

„Du musst ihn nicht gleich loslassen, aber bitte nicht mehr rupfen.“ Leviathan hoffte, dass sie bald da waren, denn der Kurze brauchte Ablenkung und so ein Turm zum Erforschen war da gut geeignet. Darum öffnete er die Klappe zum Kutscher und fragte nach, wie lange sie noch brauchen würden.

„Eine Viertelstunde noch, dann sind wir am Turm und wir können uns häuslich einrichten“, erklärte er Wölfchen.

„Ah ja." Wölfchen nickte, doch er wirkte unglücklich dabei. Was sollte er auch tun? Er sah immer wieder Leviathan an und ihm wurde bewusst, dass der so gar nicht wie Wölfchen war. Er war groß und mutig und brauchte keinen fremden Puschel. Ein Sohn wie der wäre seinem Vater sicher lieber gewesen und der hätte bestimmt auch ein besseres Zeugnis mitgebracht. „Kannst du Personen verschlingen und Schwächen ausnutzen?", fragte er leise.

„Personen verschlingen definitiv nein, denn das ist eklig. Ich esse kein Fleisch.“ Leviathan verzog das Gesicht. „Schwächen ausnutzen ja. Das mache ich sogar ganz gerne, wenn ich dadurch bekomme, was ich will, aber da mein Vater keine Schwächen hat, mit denen ich ihn erpressen könnte, zumindest weiß ich keine, hat das nicht geklappt.“

„Du isst auch kein Fleisch? Wie schön." Wölfchen bekam gleich wieder bessere Laune - wenn das nicht verband? Mit Herzchen in den Augen rutschte er etwas dichter an Leviathan heran und fing gleich wieder an zu reden, wie toll Gemüse wäre und wie doof Fleisch wäre und wie gemein seine Brüder immer gewesen wären, die ihn ausgelacht und seinen kleinen Garten verwüstet hatten. Oft hatte Wölfchen hungern müssen, weil die gemeinen Kerle alles kaputt gemacht hatten.

Er brachte den Drachen dazu, zu bereuen, etwas gesagt zu haben, aber zumindest saß der Kleine nicht mehr betrübt in der Ecke und sah aus, als wenn er gleich weinen würde. „Dann musst du ja ziemlich froh sein, wenn du deine Brüder jetzt erst einmal nicht mehr siehst.“ Das war wirklich erstaunlich, dass Wölfchen immer noch so ein kleiner Sonnenschein war, der positiv in die Welt blickte und an das Gute glaubte.

„Na ja. Eigentlich schon, aber Mama sagt immer: Wölfchen, sie sind deiner Brüder und du musst sie lieben. Das ist Familie." Wölfchen zuckte mit den Achseln. „Was kann man da machen? Ist eben Familie." Da konnte man nichts machen. Am besten arrangierte man sich damit und so war es leichter zu ertragen. „Aber jetzt muss ich sie erst mal nicht sehen und wenn ich ein bisschen Geld verdient habe, dann kann ich mir selber Gemüse kaufen."

„Ja, das kannst du sicher. Wenn du erst einmal diesen und auch andere Aushilfsjobs erfolgreich gemeistert hast, dann gibt es auch besser bezahlte Arbeit mit Festanstellung.“ Leviathan wusste, dass die Chancen dafür nicht sehr gut waren, denn die Stellen, die sie suchten, waren nicht sehr zahlreich und wer eine ergattert hatte, gab sie nicht so schnell wieder her. Er tippte Wölfchen auf die Schulter und deutete nach draußen. „Dort werden wir die nächste Zeit verbringen.“