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Drachenblut - Teil 1 bis 4

01


„Das ist ja unglaublich!“

Evren stand mit seinem Rucksack auf dem Rücken mitten im mexikanischen Urwald und starrte auf etwas, von dem Experten behauptet hatten, es würde nicht existieren. Er konnte sich ein freches Grinsen nicht verkneifen, denn man war nicht jeden Tag schlauer als die eigene Chefin.

Auch wenn er mit seinem Tropenhut und dem Tarnanzug im Augenblick eher aussah wie ein Abenteurer, war er ursprünglich Angestellter des Lateinamerika-Institutes in Berlin und forschte auf dem Gebiet der Azteken und ihrer Götterkulte. Er war eigentlich nur zu dieser Reise aufgebrochen, weil er glaubte, etwas zu kennen, was keiner kannte. Und ehe Evren mit der Neuigkeit heraus platzte, wollte er seine Erkenntnisse lieber noch einmal überprüfen.

Und nun stand er hier, sah auf die geschnitzten Reliefs der steinernen Götter und konnte es kaum glauben. Da waren sie - direkt vor ihm. Unfassbar!

Vergessen waren die Fußmärsche, der Schweiß in den Augen, die drückende Hitze und das ständig lästige Ungeziefer. Vergessen war die Spinne, die ihm heute Morgen in das Zelt gekrochen war und vergessen war das Trockenfleisch, weil der Rest seines Proviants einer Horde Affen geschmeckt hatte.

Dieser Anblick war ihm all die Strapazen wert gewesen!

Im Umkreis von vielen Kilometern gab es kein Dorf, seit Tagen war ihm kein Mensch über den Weg gelaufen - friedlich schlummerte die Opferstelle in ihrem Kleid aus grünem Blattwerk. Er fühlte sich fast schlecht dabei, ein paar der Lianen beiseite zu ziehen, um Bilder des Opfersteins machen zu können und ihn dabei in seiner Ruhe zu stören. Irgendwie hob sich dieser Altar von den anderen ab - ein goldener Ring stand aufrecht und spiegelte ein paar vereinzelte Sonnenstrahlen, die durch das dichte Blätterdach fielen. Wozu der wohl gewesen war?

Doch erst wollte Evren noch ein paar Bilder vom zugewachsenen Altar machen, ehe er sich weiter mit den Inschriften befasste. Schnell war die neue Spiegelreflex-Kamera ausgepackt, denn Evren hatte einen latenten Hang zur neuesten Technik. Dank eines stattlichen Erbes von seiner Urgroßmutter, die noch aus altem, deutschem Adel stammte, musste Evren auch nicht aufs Geld schauen.

Weil in der Kamera noch Bilder vom letzten Tierparkbesuch waren und er gern seine Fotos schon vor dem Entstehen sortierte, wechselte er schnell den Speicherchip, legte den einen auf den Altar und schob den anderen in die Kamera. Nur aus dem Augenwinkel bemerkte er die Bewegung und konnte gerade noch, mit Verblüffung auf seinem Gesicht, beobachten, dass eine kleine, grün getupfte Echse doch allen Ernstes die Karte im Maul hatte und türmen wollte. Evren fragte sich gar nicht erst, was das Vieh mitten im Dschungel damit anstellen wollte, sondern griff beherzt zu, als es durch den goldenen Ring hindurch ins Innere des Altars verschwinden wollte. Wenn die erst einmal weg war, waren seine Bilder von Knut auch weg.

Was Evren vorher nicht gesehen hatte, spürte er jetzt, als er durch den Ring griff und seine Haut die kaum sichtbaren Spitzen berührte. Sie waren so fein und scharf, dass sie sofort ins Fleisch schnitten und Blut forderten und ehe Evren den Arm zurückziehen konnte, wurde ihm schwarz vor Augen. Er hatte das seltsame Gefühl, sich aufzulösen - das war das letzte, was er wahrnahm.


+++


Eilig lief Azhdahar durch die Gänge des Palastes zum Portalraum.

Erst war er nicht sehr erbaut gewesen, als man ihn aus seinem Bad geholt hatte, wo er sich vom täglichen Kampftraining erholt hatte. Nicht dass er noch Training gebraucht hätte. Mittlerweile war er seinen Lehrern weit überlegen, aber als Thronfolger von Gidoria hatte er sich gewissen Regeln zu unterwerfen, die sein Vater aufgestellt hatte und dazu gehörte das tägliche Training, genauso wie sein Unterricht in Staatskunde, den er wirklich verabscheute. Aber den Befehlen des Königs konnte sich noch nicht einmal sein einziger Sohn entziehen.

Aber nun war endlich das eingetroffen, worauf er schon seit Jahrtausenden wartete. Seine Möglichkeit, sich aus der Kontrolle seines Vaters zu entziehen, denn nun war seine Umagal eingetroffen. Endlich konnte er seine letzte Wandlung vollziehen und war somit erwachsen. Dann konnte er sein Leben selbst gestalten und bestimmen. Etwas, was er kaum erwarten konnte. Darum war er auch sehr gut gelaunt, als er die Türen des Portalraums aufstieß und die Wissenschaftler, die sich um den Käfig in der Mitte gescharrt hatten, erschrocken aufzucken ließ.

„Wo ist sie?“, rief er und kam näher. Er schob einen der Männer beiseite, damit er einen Blick in den Käfig werfen konnte und erstarrte. „Was hat das zu bedeuten?“, zischte er und seine Augen färbten sich rot, wie sie es immer taten, wenn er wütend wurde. In dem Käfig hockte nicht, wie von ihm erwartet, eine grün getupfte Echse, sondern ein bewusstloser Mensch. Wie kam dieses Ding hier her und wo war seine Umagal? Er brauchte das Blut dieses Tieres für die letzte Wandlung.

„Hoher Herr“, sagte einer der Wissenschaftler. Er wirkte wirr und sank in sich zusammen, denn er wusste, dass mit Azhdahar nicht zu spaßen war, wenn er schlecht gelaunt war. Und das war der Herr, definitiv. „Wir wissen auch nicht, was passiert ist. Die Detektoren des Portals haben angeschlagen und wir haben den Käfig bereitgestellt. Doch kaum dass sich das Portal öffnete, fiel uns dies hier in den Käfig. Wir haben damit nichts zu tun“, erklärte er hastig und stieß seinem Mitarbeiter in die Seite, der sich das Grinsen nicht verkneifen konnte.

„Bitte?“ Der Prinz zischte dieses Wort nur und der Wissenschaftler versuchte unbemerkt aus der Reichweite Azhdahars zu kommen, denn dieser neigte dazu, in seiner Wut sehr unberechenbar zu werden.

„Hoheit. Das Portal scheint sich nicht nur zu öffnen, wenn eine Umagal mit den Sensoren in Berührung kommt. Dieser Mensch muss durch den Ring gegriffen haben und hat sich dabei den Arm aufgekratzt.“ Die Wissenschaftlerin, die das Wort ergriffen hatte, zeigte auf den Arm des Ohnmächtigen und man konnte deutlich die blutigen Kratzer sehen.

„Soll das etwa heißen…?“ Azhdahar blickte die Wissenschaftlerin mit tiefrot leuchtenden Augen an und er ballte die Fäuste. „Soll das etwa bedeuten, dass ich jetzt mit… mit…“, der Prinz deutete auf den Käfig, „diesem da verbunden bin?“, knurrte er leise und es war ihm deutlich anzusehen, dass er darauf jetzt kein 'ja' hören wollte.

„Nun“, mischte sich wieder der Leiter der Gruppe ein, um sich schützend vor seine Leute zu stellen. Sie waren allesamt gute Biologen und Kenner der Herrschaftslinie, doch sie waren schlechte Diplomaten. Normalerweise blieben sie auch in ihren Räumen und forschten weiter daran, die Umagal endlich auch in ihrer Heimat züchten und vermehren zu können, ohne dass ihr Blut die magische Wirkung der Metamorphose verlor. Noch war ihnen dies nicht geglückt.

„Hoher Herr, die Übertragung des Blutes wurde eingeleitet und eure Rezeptoren haben bereits begonnen zu reagieren. Doch vielleicht lässt sich das noch rückgängig machen, wenn wir in der nächsten Zeit eine Umagal finden und sie an die Stelle des Menschen setzen. Die Verbindung ist noch nicht so stark.“ Zum Ende hin war der Mann immer leiser geworden. Er wusste selbst, dass er nur von Theorien sprach. Derartiges wie heute war noch nie geschehen - ob die Übertragung von Menschenblut durch das Blut einer Umagal gemildert werden konnte, wusste niemand.

„Es hat schon angefangen?“ Azhdahar wirkte ziemlich geschockt und sah einmal kurz an sich runter, ob sich etwas verändert hatte. „Was hat das für Auswirkungen, wenn unser Blut sich vermischt hat?“ Der Prinz war so geschockt, dass er seine Wut vergaß. So etwas war noch nie passiert. Bisher waren immer nur die Echsen durch das Portal gekommen und sie lebten bei demjenigen, mit dem sich ihre Gene vermischt hatten. Die beiden Wesen waren miteinander verbunden und es ging ihnen nicht gut, wenn sie länger voneinander getrennt waren.

„Hoher Herr, ich weiß es nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das minderwertige Blut dieser Kreatur euch schädigen wird. Aber sie wird euch auch nicht stärken“, erklärte Isren, der Leiter der Gruppe. Nervös strich er sich durch die Haare und starrte immer wieder ungläubig auf den Menschen, der im Käfig lag. Es war ihm ein Rätsel, wie es hatte passieren können, dass ein derart großer Körper transportiert worden war. Sie mussten das komplette System überarbeiten, damit dies nicht noch einmal passieren konnte.

„Weck das Ding auf!“, sagte Azhdahar zu einem der Mitarbeiter, denn er wollte endlich wissen, was das Ding zu seiner Verteidigung zu sagen hatte.

Der junge Mann sah sich suchend um und griff sich dann einen Stab, der in einer Ecke stand und stieß damit das fremde Wesen im Käfig an, aber es rührte sich nicht. Darum versuchte er es etwas fester. „Los, aufwachen“, rief er dabei, als der Mensch sich etwas regte. Er stupste wieder und so langsam musste das wehtun, denn er war nicht sehr vorsichtig. Er hatte einen Befehl bekommen und diesen nicht auszuführen, war wenig ratsam. Er konnte von Glück reden, denn seine Bemühungen waren endlich von Erfolg gekrönt.

Evren kam langsam zu sich. Er hielt die Augen noch geschlossen, doch seine Seite schmerzte, als würde etwas hinein stechen. Instinktiv legte er die Hand darum, blieb aber vorerst auf der Seite liegen. Sein Schädel hämmerte, das ging auf keine grüne Kuhhaut! Als ihm wieder etwas in die Seite stach, knurrte er und öffnete die Augen - doch dann ruckte er irritiert hoch.

Menschen?

Gitterstäbe?

Das hier war definitiv nicht der mexikanische Urwald und auch nicht der Opferstein, vor dem er eben noch gekniet hatte. Was war passiert? „Was soll der Scheiß?“, knurrte er und sah die Männer und Frauen an, die in weißen Kitteln um ihn herum standen, wie um eine Laborratte. „Ist das wieder einer von Gabriels bekloppten Scherzen? Seid ihr eigentlich noch ganz dicht? Lasst mich raus und bringt mich da hin zurück, wo ihr mich her geholt habt, sonst klopp ich euch hier die Bude kurz und klein!“ Evren war aufgebracht, denn er hatte die Entdeckung seines Lebens gemacht und diese Spinner versauten ihm gerade die Parade - das konnte er nicht hinnehmen!

„Was sagt es?“, fragte einer der Wissenschaftler und sah die anderen an. Die Worte kamen ihm entfernt bekannt vor, aber da er selber nicht gut in Sprachen war, konnte er es nicht genau sagen.

„Er spricht eine der alten Sprachen, aus der unsere entstanden ist“, murmelte der Chefwissenschaftler, „wenn auch in einem grausamen Dialekt. Was haben sie eigentlich im Unterricht gelernt, dass sie das nicht wissen?“ Er ging näher an den Käfig heran und hockte sich davor. „Wer bist du und was ist ein Gabriel?“, fragte er und hoffte, dass er sich noch genug an die Sprache erinnerte, damit er verstanden wurde. Allerdings war er sich da für ein paar Augenblicke nicht sicher, denn das Ding sah ihn nur völlig perplex an.

Evren regte sich nicht und suchte den Blickkontakt mit dem Mann. Was ihm Sorge bereitete, war die Tatsache, dass der Kerl das offenbar auch noch Ernst meinte.

„Willst du Halbaffe mich verarschen? Mach den Käfig auf! Lass mich raus! Bring mich zurück oder ich reiß dir die Eier ab! Ist das klar?!“ Bei seinen Worten sprang Evren auf und trat dicht an das Gitter, ließ dabei ein paar der Männer in Weiß zurückweichen. Nur einer starrte auf den Boden und wurde blass.

„Eine Umagal“, flüsterte er entsetzt, denn das Tier rührte sich nicht mehr und es war zu befürchten, dass es entweder schwer verletzt war oder tot.

„Was?“, rief Azhdahar und kam zu dem Käfig. „Was hast du mit der Umagal gemacht? Wenn du sie getötet hast, dann wirst du auch sterben“, zischte er das Wesen im Käfig in der alten Sprache an und knurrte einen der Wissenschaftler an, der ihn mit großen Augen ansah. „Was? Ich habe die alten Sprachen alle gelernt, wie es sich für den Thronfolger gehört.“

Doch der junge Mann, der sich über Azhdahar gewundert hatte, bekam nicht die Chance, sich zu verteidigen, denn Evren sah langsam rot. Ein kurzer Blick auf die dumme Echse, der er gefolgt war, die übrigens immer noch seinen Speicherchip in der Schnauze hatte und dann sah er den lauten Kerl wieder an. „Halt die Füße stille, du Idiot. Mach den Käfig auf und lass mich hier raus, ich muss zurück zu dem Altar, ehe die Sonne untergeht. Ich bin mit meiner Forschung noch nicht fertig und euer Schwachsinn hier raubt mir wertvolle Zeit. Auch wenn dir Schwachmaat das vielleicht nicht klar sein sollte: Zeit wächst nicht auf Bäumen!“

Noch immer begriff Evren nicht, was hier eigentlich los war. Er strich sich eine der durchschwitzten, rotblonden Strähnen hinter das Ohr zurück. Sein Hut lag in einer anderen Ecke des Käfigs und er selbst war am Rande einer Verzweiflung. Was hatten die ihm gegeben, dass er nicht gemerkt hatte, wie er hier her gekommen war?

Es war bestimmt kein gutes Zeichen, dass es aussah, als wenn die Augen des Schwachmaaten sich rot färbten. Von dem wütenden Gesichtsausdruck ganz zu schweigen. „Was fällt dir ein, du Nichts, so mit mir zu reden. Ich bin der Thronfolger von Gidoria und du hast mir Respekt zu zollen.“ Azhdahar war wieder auf 180, besonders, weil die Umagal wohl wirklich tot war. Man sah keine Atembewegungen mehr und der Körper der Echse war unnatürlich verdreht. Ohne viel Federlesens bog der Thronfolger die Stäbe des Käfigs auseinander und griff sich diesen frechen Menschen am Hals, der den Tod mehr als verdient hatte.

Evren wollte dem Kerl gerade erklären, er wäre der Kaiser von China und es wäre schön, den Thronfolger von Hintertupfingen kennen zu lernen, doch die Worte blieben ihm sprichwörtlich im Halse stecken. Entweder war das hier ein guter Trick mit einem weichen Metall oder der Kerl war richtig stark. Zwar schmerzte sein Hals, wo der Kerl ihn hielt, doch das ließ einen Realisten wie Evren noch lange nicht glauben, dass der Kerl allen Ernstes Gitterstäbe biegen konnte.

Er röchelte, suchte mit den Augen nach einer Kamera. Das hier konnte doch nur ein blöder Scherz von seinem Kollegen sein. Der hatte so was wie hier drauf!

Mit einem beherzten Griff in die Hosentasche holte er ein Messer und rammte es dem Prinzlein von Hintertupfingen in den Arm, damit der ihn losließ, schrie aber selbst schmerzverzerrt auf. Was war das? Wo kam der Schmerz in seinem Arm plötzlich her?

Zumindest hatte Evren erreicht, dass dieser Durchgeknallte ihn losließ und sich den Arm hielt. Ziemlich sprachlos sah er den kleineren Mann an und hustete kurz.

Als er diesen Menschen am Hals gepackt hatte, hatte er bei sich selbst gespürt, wie ihm langsam die Luft ausging. Die Verbindung hatte also schon begonnen und sie war anders, als zu einer Umagal. Die war zwar auch an ihr Herrchen gebunden, aber nur soweit, dass sie dessen Nähe suchte und sich nie weit von ihm entfernte. Keiner von beiden verspürte die Schmerzen des anderen.

Der Stich an seinem Arm störte ihn nicht weiter, da hatte er schon schlimmere Verletzungen gehabt und vor allen Dingen heilte er schon wieder. Was ihn beunruhigte, war, dass dieser Mensch die gleiche Verletzung aufwies.

Mit Unverständnis starrte Evren auf seinen Arm. Langsam sickerte das Blut aus der Wunde, von der er nicht wusste, woher sie kam. Doch dann dämmerte es ihm. Hatte er sich nicht an diesem komischen Ring geritzt? Sicher war sie bei dem Kampf erneut aufgebrochen.

Ohne auf die Typen in Weiß oder Hintertupfingens Thronfolger zu achten, zog Evren aus seiner Cargo-Hose ein Taschentuch und wickelte es darum, ehe er langsam durch den Käfig ging. Wenn der Spinner die Stäbe verbiegen konnte, konnte Evren das vielleicht auch. Er wollte langsam diesen dummen Scherz beenden und sich seiner Entdeckung widmen. Sicher hatte Gabriel jetzt schon Bilder vom Altar gemacht und ins Institut geschickt, wo er Evrens Entdeckung mal wieder als seine ausgab. Das wäre ja nicht das erste Mal. Und diese Idioten hier sollten ihn nur ablenken.

„Was zahlt er euch? Egal was es ist. Ich verdopple, aber lasst mich endlich hier weg, ich habe noch zu tun“, knurrte er und versuchte sich ebenfalls an den Stäben.

Azhdahar wischte sich über den Arm, wo die Wunde schon nicht mehr zu sehen war und sah diesen Fremden geringschätzig an, wie der sich abmühte. „Hör auf in Rätseln zu reden und du kannst hier nicht weg.“ Es wurmte ihn, dass dieser Mensch keine Angst vor ihm zeigte, wo das doch in den Genen aller lebenden Menschen verankert war, schon seit ewigen Zeiten. „Leiden die Menschen dort, wo du herkommst, an Selbstüberschätzung? Du kannst doch nicht allen Ernstes glauben, dass du solides Metall verbiegen kannst. Ihr seid so eine schwächliche Rasse“, höhnte er leise, weil ihr Gefangener sich mit den Stäben abmühte.

Langsam aber sicher ging Evren dieser überhebliche Typ auf die Nüsse und das mochte er noch weniger, als von seinem geliebten Altar weggeschleppt worden zu sein und Gabriel den Ruhm überlassen zu müssen. Also sah er über seine Schulter und funkelte Hintertupfingens Thronfolger wütend an.

„Meine Rasse? Da wo ich her komme? Was bist du denn für einer? Egal was du schnupfst! Nimm weniger davon, dein Hirn ist ja völlig zugekokst“, knurrte er und versuchte sich erneut an den Gitterstäben. Er hatte keine Lust, mit diesem Vogel auch nur noch ein Wort zu wechseln. Er wollte hier raus und checken, wo er war. Vielleicht fand er den Weg zurück zum Altar, ehe es zu spät war.

Auf einen Schlag war es so ruhig in dem Raum, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können und die Augen der Wissenschaftler hingen an Azhdahar, der wohl langsam wieder wütend wurde. „Was ich für einer bin?“, fragte er gefährlich ruhig und kam näher. „Ich bin ein E?deha und somit automatisch der Herr aller Menschen. Was lernt ihr eigentlich, da wo du herkommst? Ist das so ein hinterwäldlerisches Dorf, wo man noch nicht einmal weiß, dass wir Drachen eure Herrscher sind?“

Egal wie wütend Evren bis eben noch gewesen war - bei so viel Blödsinn konnte sich selbst er nicht mehr zusammenreißen. „Oh - ein Eschdeha!“, sagte er gespielt ehrfürchtig und schüttelte den Kopf, lachte aber weiter. „Der Herr über alle Menschen und du ein Drachen. Kann ich mal deinen lustigen bunten Schwanz sehen? Kann man dich im Wind steigen lassen? Komischer Vogel. Ich kann dir echt nur raten, halt dich von den billigen Drogen fern, die machen dich ja völlig meschugge!“ Wie beiläufig ging Evren zu der kleinen, toten Echse und nahm endlich den Speicherchip an sich, nicht dass er den noch vergaß, wenn er ging.

Er kam nicht wirklich weit, denn Azhdahar drückte ihn mit einer schnellen Bewegung wieder gegen die Stäbe. Er achtete aber darauf, diesem Menschen nicht wehzutun, denn das würde er selber spüren und darauf hatte er nun wirklich keine Lust. Es war schon schlimm genug, dass er mit einem Menschen verbunden war. Das allein war schon eine Ungeheuerlichkeit.

„Jetzt hör mir mal zu, du Wurm. Es mag ja sein, dass auf deinem zurückgebliebenen Planeten geglaubt wird, dass wir Drachen euch nichts zu sagen haben, weil wir weit weg sind, aber hier sind wir auf meinem Planeten und hier ist es unklug, einen Drachen zu reizen, wenn man leben möchte“, zischte er leise und ließ ein wenig seiner wahren Natur frei. Seine Augen bekamen geschlitzte Pupillen und seine Zähne verlängerten sich zu scharfen, spitzen Fängen.

Doch es hatte nicht den Effekt, den er erreichen wollte, denn anstatt Angst zu haben, war Evren fasziniert. „Cool!“, sagte er und beguckte sich die Augen intensiver. „Sind das Linsen? Wo hast du die so lange verborgen? Ist ja scharf. Wie macht man das? Und die Zähne. Ich hab schon gehört, dass es Irre gibt, die sich die Zähne spitzen lassen, um wie ein Vampir auszusehen. Bist du auch so ein freakiger Goth? Dann wundert es mich allerdings gar nicht, dass du völlig drogenzerfressen bist. Die sind ja alle 'n bisschen neben der Spur.“ Auf das Gerede vom fremden Planeten ging Evren nicht mehr ein. Der arme Irre tat ihm irgendwie Leid, wenn der das wirklich glaubte. „Also, Drachi-Prinzlein, wie hast du das mit den Linsen gemacht. Werden die oberhalb des Augapfels verborgen oder wie geht das?“

„Linsen? Vampir? Goth?“ Azhdahar war viel zu überfahren, um sich aufzuregen. „Wovon redest du überhaupt? Habt ihr Menschen euch im Laufe der Jahrtausende so degeneriert, dass ihr nicht einmal mehr einen Drachen erkennt, wenn er vor euch steht?“ Also da hörte doch wirklich alles auf. Hatte er doch Recht behalten, dass es besser gewesen wäre, ab und zu auf diesen Echsenplaneten zu gehen, damit ihre Sklaven nicht vergaßen, wer ihre Herren waren. Sie hatten in den vergangenen Tausenden von Jahren etwas Grundlegendes versäumt.

Evren machte sich etwas frei und sah sich den Mann noch einmal genau an. An sich nicht hässlich. So verrückt sah er gar nicht aus, aber man wusste ja, dass man es den Gestörten oft nicht ansah. „Hey, du glaubst das Drachen-Ding echt, was?“, fragte er und kratzte sich durch die verschwitzten Haare. Langsam wurde es langweilig und so wandte er sich von dem Irren ab und den Wissenschaftlern zu, die sie beobachteten wie Besucher die Zootiere. „Hey, Jungs, wie lange müsst ihr mich festhalten, ehe ich zurück zu meinem Altar darf? Kann ich in der Zeit mal pinkeln und mich duschen? Was zu Essen wäre nicht übel, wenn ihr mich schon von meinen Forschungen abhaltet. Und nehmt mir bitte Prinz Drachi vom Hals, der nervt langsam mit seiner Hybris.“

Die aber wichen nur verängstigt zurück und stammelten Unverständliches vor sich hin, denn von Evren ungesehen, da es in seinem Rücken passierte, schäumte der Drachenprinz vor Wut und wandelte sich nun in seine Halbdrachenform. Er sah so immer noch menschlich aus, aber seine Augen glühten in einem intensiven blau und aus seinem Kopf wuchsen lange, spitze, gebogene Hörner. Das war aber noch nicht alles. Er wuchs noch ein wenig, genau wie seine Muskeln. „Niemand wagt es, mir einfach den Rücken zuzudrehen“, brüllte er wütend und griff sich den Menschen am Hemd, nur dass es keine Menschenhände mehr waren, sondern große Echsenklauen, mit langen, spitzen Krallen und Reptilienhaut. Die spitzen Krallen ritzten Evrens Haut, doch Azhdahar war so geladen, dass er das kaum spürte, im Gegensatz zu Evren.

Als der den Boden unter den Füßen verlor, konnte er den Kerl nur anstarren. Sein Puls wurde schneller, Adrenalin schoss durch seine Adern und langsam begriff Evren, dass irgendwas an diesem Bild nicht normal war. Er wusste, was heutzutage mit Spezialeffekten möglich war, aber das hier ging über das übliche Maß hinaus. Irgendwas stimmte hier nicht.

Sein Blick glitt zurück zu der toten Echse, die immer noch auf dem Boden des Käfigs lag - wieder zurück zu dem Kerl, der ihn hoch hielt. Der war von einer Sekunde auf die andere um fast einen Meter gewachsen, war bestimmt einen Zentner schwerer und diese Hände waren keine Hände mehr, das waren... Echsenklauen - Drachenklauen.

„Klärt mich hier endlich mal jemand auf?“, fragte er mit erstickter Stimme und seine Augen wurden immer größer. Langsam wurde ihm mulmig.

Einer der Wissenschaftler übernahm es, Evren aufzuklären, denn der Prinz war in dieser Stimmung nie zum Reden aufgelegt, eher dazu, Schmerzen zuzufügen und zu töten. So wütend, dass er sich in diese Form wandelte, war er schon so lange nicht mehr gewesen. „Du musst auf deinem Planeten durch einen goldenen Ring gegriffen haben. Er ist ein Transporter, der dich hier zum Planeten Gidoria gebracht hat. Den Planeten der Drachen.“

Evren wandte seinen Kopf Isren zu und schluckte. „Ich werde das Gefühl nicht los, dass ihr das todernst meint mit der ganzen fremder-Planet-Scheiße!“, sagte er und langsam konnte man Erkennen und Verstehen auf seinem Gesicht lesen, wenn er es auch noch nicht glauben konnte. Er las keine SciFi-Geschichten, er sah keine Filme dieser Art, weil er die meisten Storys einfach nur als unrealistisch und an den Haaren herbeigezogen empfand. Er war Wissenschaftler, er suchte die Logik hinter den Dingen. Aber das hier entbehrte jeglicher Logik.

„Hab ich irgendetwas anderes gesagt?“, knurrte Azhdahar und ließ Evren einfach fallen, so dass der vor ihm in die Knie ging, weil es so überraschend kam.

Isren kam näher und half ihm auf. Dabei bugsierte er ihn ein wenig aus der Reichweite des Prinzen. „Der Transporter ist für die Umagals gedacht. Er wurde nur für sie eingerichtet, dass damit auch Menschen transportiert werden können, wussten wir gar nicht.“

„Hey - tada!“ Mit einem zynischen Grinsen breitete Evren die Arme aus. „Wieder was gelernt, hm? Und wie komm ich jetzt wieder heim? Ich bin kein Uma… - was auch immer. Ich bin Evren, ich habe mit Drachen nichts am Hut. Ich bin Archäologe und würde gern dort weiter machen, wo ihr mich weggeholt habt. Ist das möglich?“, fragte er, denn er hatte keine Lust, länger als nötig an einem Ort zu sein, wo noch mehr wie der Verrückte hinter ihm herum liefen. Lauter Geistesgestörte mit viel zu viel Kraft und viel zu langen Krallen. Auf die Dauer sicher nicht gut für die eigene Gesundheit.

„Ja… also…“ Isren hüstelte leicht, um Zeit zu gewinnen. Wie sollte er dem Menschen das nur erklären, der schien wirklich nichts zu wissen. „Das wird leider nicht gehen“, fing er vorsichtig an. Er zuckte etwas, als Evrens Kopf hoch ruckte und er intensiv gemustert wurde.

„D… das ist so. Die Umagals werden nicht einfach nur hierher transportiert, sondern ihre Gene vermischen sich mit denen eines Drachen.“ Der Wissenschaftler blickte zu Azhdahar, damit Evren wusste, welcher gemeint war. „Da du aber transportiert wurdest, hat sich eure DNA vermischt und ihr seid nun miteinander verbunden. Es ist anders als bei den Umagals, sie erkannten in dem Drachen ihr Herrchen und bleiben ihr Leben lang bei ihm. Bei dir ist es so, dass die Verbindung fester ist. Als du den Prinzen mit dem Messer verletzt hast, hast du die gleiche Wunde davon getragen.“

Doch das hörte Evren schon gar nicht mehr. Sein Kopf wurde rot vor Wut und er schoss zu dem Prinzen von Hintertupfingen herum. „Ich? Dein Haustier? Und wovon träumst du nachts, du Kriechtier?“ Evren war außer sich. Wenn er das richtig verstanden hatte, saß er in etwas fest, an das er noch vor einer Stunde nicht geglaubt hatte. Das war doch ein Alptraum. Zuhause wartete der Durchbruch auf ihn und hier hockte er in einem Käfig und wurde das Haustier eines Irren!

„Such es dir aus. Mein Haustier oder mein Sklave. Mehr als diese beiden Möglichkeiten hast du hier nicht“, konterte Azhdahar gelangweilt. Was machte dieser Mensch für einen Aufstand, so war die normale Ordnung nun mal. „Und das ist auch völlig legitim, schließlich haben wir euch Menschen ja auch nur auf euren Planeten gebracht, damit ihr dort für uns die Umagals hütet.“

Man sah deutlich wie es in Evrens Kopf arbeitete. Er wusste noch nicht, ob er sich über den Sklaven beschweren sollte oder dem Irren etwas von Evolution und der Menschheitsgeschichte erklären sollte. Doch das entschied sich schnell - er war zu sehr mit Leib und Seele Wissenschaftler. „Hey, jetzt mach aber mal einen Punkt, Drachi“, knurrte er, denn er ließ sich ja nun Weißgott nicht jeden Bären aufbinden. „Menschen erschienen nicht einfach so auf der Erde. Sie entwickelten sich. Dafür gibt es genügend Beweise, also komm mir nicht so herablassend mit Herrscher über alle Menschen und auf den Planeten gebracht.“ Evren schnaubte und schüttelte den Kopf. Das war echt ein Alptraum und er wollte erwachen - jetzt!

„Wenn du damit diese halben Tiere meinst, die es auf diesem Planeten gab, dann magst du Recht haben. Ich persönlich fand die Vorstellung, dass eure Vorfahren sich mit denen gepaart haben widerlich, aber was will man von so einer niederen Rasse auch sonst erwarten.“ Azhdahar grinste boshaft, denn dass Evren keinerlei Respekt zeigte, ging ihm ganz gewaltig gegen den Strich. Der sollte besser nicht vergessen, wo er war und vor allen Dingen, wer vor ihm stand.

„So was muss ich mir von einem größenwahnsinnigen Kriechtier doch nicht sagen lassen!“, brüllte Evren. Er wusste selbst nicht, wo diese Wut plötzlich her kam. Die Wissenschaftler tuschelten leise und hielten dann den Atem an. Der Typ im Käfig spielte mit seinem Leben - hatte der das noch nicht begriffen?

Evren hingegen war das noch nicht bewusst. In seinem Kopf drehte sich alles. Gedanken von dem Altar, von dieser bekloppten Echse, die ihm das hier mit ihrem Diebstahl alles eingebrockt hatte und dann noch dieser Irre, den er nicht mehr los wurde - er war in seiner persönlichen Hölle. Mittendrin statt nur dabei! 



02


„So, das reicht.“ Azhdahar hatte endgültig sein Limit erreicht. Er griff sich Evren, der so schnell gar nicht wusste, wie ihm geschah und klemmte ihn sich unter den Arm. Er stürmte also mit dem Menschen, der wie eine Puppe wirkte, aus dem Raum und die Korridore entlang.

„Aufmachen“, bellte er nur, als sie an eine große Tür kamen, vor der zwei Wachen standen, die sofort dem Befehl nachkamen.

„Falls du immer noch der Meinung bist, eine Wahl zu haben, dann sieh dir das an“, knurrte der Prinz. Sie standen auf einem Balkon, der direkt aus dem Felsen eines Berges herausragte und gab den Blick auf ein riesiges Tal frei, das von mehreren solcher Berge gesäumt war. Durch die Luft flogen riesige Drachen und landeten auf Balkonen wie diesem.

Der Mensch klemmte immer noch unter dem Arm des Prinzen, doch dessen Hände klammerten sich am steinernen Geländer fest. Man wusste ja nie, wann der Irre ihn einfach fallen ließ und Evren schätzungsweise zwei Kilometer in die Tiefe fiel. Doch das wurde uninteressant, als er die Drachen erblickte.

Sie waren mächtig.

Ihre farbenprächtigen Leiber verdunkelten die Sonne, dann verschwand ihr Schatten auch schon wieder. Es war faszinierend, wie solch massige Körper in der Luft bleiben konnten.

„Wow“, entkam es Evren - das erste Mal, seit er hier war, war er wirklich sprachlos.

Es gab sie wirklich - die Fabeltiere aus Legenden.

„Ich weiß zwar nicht, was dieses 'wow' heißt, aber es scheint, so wie du es aussprichst angemessen zu sein. Das ist unsere Welt und es war auch einmal die deiner Vorfahren. Es gibt viele solcher Täler, aber dieses ist das Größte und Schönste. Hier lebt die königliche Familie mit ihrem Hof. Mein Vater, König Ulgar, herrscht über diesen Planeten und ich bin Prinz Azhdahar, der Thronfolger.“ Der Weg hierher auf den Balkon hatte den Prinzen wieder beruhigt, darum erklärte er Evren, wo er war und was er sah.

Egal wie fantasiereich es klang, Evren musste es glauben, denn er konnte es sehen. Auch ihm war klar, dass er nicht wichtig genug war, um eine solche Illusion zu erschaffen, nur um ihn zu täuschen. „Von hier sollen die Menschen stammen? Das glaube ich nicht. Wo sind wir? Ist das noch die Milchstraße? Welche Galaxie ist das hier? Wie komme ich zurück? Das mit dem Sklaven war doch ein schlechter Scherz, oder?“ Evren sah zu seinem unfreiwilligen Gastgeber nach oben. Er hing immer noch ziemlich unglücklich unter dessen Arm und klammerte sich an die Brüstung.

„Du bist genauso schlimm wie die Weißkittel“, seufzte Azhdahar und ließ Evren runter. Er selbst wandelte sich auch wieder in seine menschliche Gestalt zurück und lehnte sich gegen die Brüstung. „Wir sind nicht mehr in eurer Galaxie. Wie sind tausende von Lichtjahren davon entfernt. Es gibt nur zwei Möglichkeiten hierher zu kommen. Einmal das Umagal-Portal, wie wir jetzt wissen, und ein Portal, das wir und die Menschen benutzen. Nur weiß ich nicht, wo auf der Erde das ist. Es wurde schon seit ewigen Zeiten nicht mehr benutzt. Und auch nur damit könntest du wieder zurück, aber das geht nicht.“

„Was soll das heißen, das geht nicht? Und was um alles in der Welt ist dieses Umagal? Die ganze Zeit quatscht ihr davon“, sagte Evren und setzte endlich einmal seinen Rucksack ab, denn langsam wurde er schwer. Er rollte die Schultern und bog den Rücken. Hier war es mindestens so warm wie in den Tropen, ob es daran lag, dass die Drachen auch wechselwarm waren?

Azhdahar seufzte. Erklärungen und Geduld waren nicht unbedingt seine Stärke. Also fing er mit dem einfachsten an. „Die kleine Echse, die du von der Erde mitgebracht hast, ist eine Umagal. Für sie ist dieses Portal gebaut worden. Wenn sie durch den Ring laufen und eine bestimmte Größe erreicht haben, ritzen sie sich an den Zacken und werden hier hin portiert. Ihre DNA vermischt sich mit der eines Drachen, der kurz davor steht, erwachsen zu werden. Durch diese Verschmelzung können wir unsere letzte Wandlung vollziehen“, er zeigte auf einen der Drachen, die vorbei flogen, „und werden erwachsen.

Du kannst nicht gehen, weil unsere Gene sich vermischt haben und wir nun miteinander verbunden sind. Was genau passieren wird, wenn wir getrennt werden, kann ich nicht sagen, da es so etwas noch nie gab. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass wir die Schmerzen und Verletzungen des anderen selber erleiden, wird es nicht angenehm sein.“

Ungläubig sah Evren den Mann vor sich an, doch dann grinste er. „Hey, dann bist du ja noch ein Teenie, wenn du erst noch eine Umagal brauchst.“ Irgendwie amüsierte ihn die Vorstellung, dass der Prinz noch ein halbes Kind war, denn so führte er sich ja ab und an auch auf. Doch dann wurde er wieder ernst.

„Du kannst mich hier nicht festhalten, das ist nicht meine Welt. Ich will zurück und zwar sofort. Mir sind die Schmerzen egal, ich werde das schon durchstehen und ein stattlicher Kerl wie du wird ja nun auch nicht gerade Angst vor ein bisschen aua haben, oder?“ Er versuchte zu provozieren und an den Männlichkeitswahn zu appellieren. Welcher Mann gab schon gern zu, Angst zu haben.

„Nach den Maßstäben der Drachen mag ich noch jung sein, aber mit meinen 9.678 Menschenjahren, bin ich wohl für eure Maßstäbe nicht mehr jung zu nennen.“ Azhdahar grinste ein wenig. „Die Schmerzen werden dir nicht egal sein. Ein entfernter Cousin von mir wurde unfreiwillig von seiner Umagal getrennt. Sie war nur wenige Kilometer von ihm entfernt und er ist fast verrückt geworden. Bei uns wären es tausende von Lichtjahren. Du würdest sterben und ich auch.“

„Das Risiko gehe ich ein!“, schoss Evren gleich zurück und rückte von Azhdahar ab. Sich sein Leben hier ausmalen zu müssen - hier! Das war doch alles nicht wahr. Er hatte hier noch nicht einen PC gesehen, keinen Fernseher. Das war doch eine total rückschrittliche Welt und ein Technik-Junkie wie er, wäre hier hoffnungslos verloren. Ob er also am Entzug seiner Droge starb oder an einem Fluchtversuch, das war ihm egal.

„Aber ich nicht. Du wirst in meiner Nähe bleiben. Ich bin der Thronfolger von Gidoria, da kann ich dieses Risiko nicht eingehen.“ Azhdahars Brauen zogen sich zusammen und seine Stimme wurde ärgerlich. „Du scheinst es immer noch nicht begriffen zu haben, dass es hier nicht zählt, was du möchtest. Du lebst überhaupt nur noch, weil du mit mir verbunden bist. Du hast eine Umagal getötet. Darauf steht der Tod.“

Irgendwie war Evren plötzlich gar nicht mehr nach Lachen zu Mute. Der Kerl war ja eine Zumutung! Und mit dem sollte er sich ein Leben lang herum schlagen? „Töte mich doch!“, sagte er provozierend und sah dem Prinzen direkt in die Augen. Evren war alles egal. Er war so weit weg von zu Hause, wie er sich in seinen kühnsten Träumen nicht hätte ausmalen können. Alles wofür er gelebt hatte, war verloren - was sollte er noch? Er war das Haustier eines irren Drachen geworden, eines blöden Kriechtieres, das glaubte, sich aufblasen und wichtig machen zu müssen.

„Scheiß Tag!“, murmelte er und wandte sich um, sah in die Tiefe.

Ein Sprung - und alles wäre vorbei, doch das war nicht Evrens Art. Er war kein Feigling und er rannte nicht weg.

„Sehr witzig“, grollte der Prinz und schlug wütend mit der Faust auf die Brüstung. „Glaubst du allen Ernstes, nur du hattest einen Scheiß-Tag? Ich warte seit einigen tausend Jahren auf meine Umagal und wenn sie dann endlich da ist, dann ist sie tot und ich bekomme dafür dich.“ Wut wallte wieder in Azhdahar auf und seine Augen bekamen einen leicht roten Schimmer. „Ich habe keine Lust, noch länger zu warten. Ich will endlich mein eigenes Leben führen und nicht mehr von der Willkür meiner Eltern abhängig sein. Ganz am Anfang kamen laufend Umagals zu uns. Nun warten wir immer länger, bis eine kommt.“

„Vielleicht wurden sie ausgerottet?“, sagte Evren und sah Azhdahar herausfordernd an. Er wusste selbst nicht, warum er diesen Kerl so provozieren musste. Erst wollte er noch hinterher schieben, dass die von ihm zermatschte Echse vielleicht die letzte seiner Art war, doch das verkniff er sich lieber.

„Außerdem habe ich mich auch nicht gerade darum gerissen, mit einem wie dir verbunden zu werden. Ich will heim. Ich will mein Leben zurück und nicht mit einem wie dir gestraft sein“, erklärte er frech, doch so war es. Jeden Tag mit diesem Irren? Bitte nicht.

„Dann werden wir die Menschheit ausrotten. Sie wurden auf diesen Planeten geschickt, um sich um die Umagal zu kümmern. Wenn sie zugelassen haben, dass sie sterben, sterben sie ebenfalls. Alle!“ Azhdahars Augen leuchteten blutrot, als er auf Evren hinuntersah. Doch der wandte sich nur von ihm ab und schüttelte den Kopf.

„Du wirst sterben - alle werden sterben“, äffte er den Prinzen nach, weil es langsam wirklich langweilig wurde. Er hatte ja nun mittlerweile begriffen, dass sein Leben keinen Pfifferling mehr wert war. Das musste ihm der Irre nicht noch dreimal oder siebzigmal erzählen. Das machte es nämlich auch nicht besser.

„Wie wäre es, wenn du deinem Haustier ein Körbchen geben würdest, was zu essen und eine Dusche? Wenn ich schon hier fest sitze, dann will ich endlich raus aus den Sachen!“ Vielleicht kam er ja mit frisch gewaschenem Kopf auf einen Fluchtgedanken.

„Komm mit“, sagte Azhdahar kurz angebunden und ging einfach los. Evren würde ihm schon folgen, da war er sich sicher und wenn nicht, dann halfen die beiden Wachen nach. Diesen Menschen in seinem Quartier zu haben, behagte ihm gar nicht, aber für den Anfang ging es wohl nicht anders, bis sie eine andere Lösung gefunden hatten.

Auf dem Weg gab er einem der Diener den Befehl, Essen in seine Räume zu bringen. Sie mussten einen Weg finden, miteinander auszukommen. Sie waren aufeinander angewiesen. Ihm war das offensichtlich klarer als Evren, der nur missmutig folgte. Er war nicht der Typ dafür, sich Anweisungen geben zu lassen und sie zu befolgen. Wenn er das wollte, wäre er schon lange verheiratet!

Evren war nicht wohl dabei, seinen Rucksack zurück zu lassen, also schulterte er ihn noch, ehe er hinter dem Prinzen das Zimmer verließ. Irgendwie war das hier alles etwas trist. Man sah deutlich, dass diese Räume in den Fels gehauen waren. Nicht dass es nicht hübsch wäre, aber Evren stand mehr auf Konstruktionen aus Stahl und Glas. Ein kurzer Blick aufs Handgelenk, wo seine neueste Errungenschaft hing: eine Uhr, die mit dem Handy gekoppelt war, seine Körperwerte ermittelte und Zeichen gab, wenn einer unter den Grenzwert fiel. Doch im Augenblick konnte er nur feststellen, dass er hier keinen Empfang hatte - wen wunderte das schon?

Ohne weiter auf Evren zu achten, ging Azhdahar durch die Gänge. Er kam gar nicht auf die Idee, dass seine Befehle nicht befolgt wurden, schließlich war er der Prinz und sein Wort war somit Gesetz. Also lief er durch die Gänge zu seinen Räumen. Dort angekommen, hatte er keinen Blick für die Diener, die gerade das Essen auf einem Tisch anrichteten. Ihm war der Appetit gründlich vergangen. Schlecht gelaunt ließ er sich in seinen Lieblingssessel fallen und nahm das Glas Wein entgegen, dass ihm gleich gereicht wurde. „Verschwindet“, befahl er nur kurz und wedelte mit der Hand, so dass die Diener eilig das Zimmer verließen, gerade als Evren es betrat.

„Man, hast du eine Laune!“, sagte Evren und ging den Dienern lieber aus dem Fluchtweg. Nicht dass die Ärmsten noch in ihn hinein liefen und wieder Ärger bekamen. Wie hielt man es nur mit einem solchen Stinkstiefel wie diesem Prinzen aus? „Lernt man als Oberhaupt bei euch nicht, dass man sich auch seinen Angestellten gegenüber gebührend zu benehmen hat? Dein Benehmen ist ja wohl für den Arsch! Kein Wunder, dass du noch als Teenie durchgehst!“ Evren beachtete den Prinzen gar nicht weiter, sondern sah sich gelangweilt um - nichts was ihn faszinieren würde.

„Immer noch nicht begriffen? Menschen sind hier Sklaven, ohne jede Rechte“, knurrte Azhdahar, ohne aufzusehen. Seine Laune war so ziemlich auf dem Nullpunkt und dass Evren ihn ständig reizte, half auch nicht sonderlich. „Links die Tür, da kannst du dich häuslich einrichten. Von deinem Zimmer kommst du auch in ein Bad.“ Er nahm sich etwas Fleisch, das nur ganz kurz gebraten war, und ging damit auf den Balkon. Er wollte alleine sein. Hoffentlich verstand der Neue das. Doch wie es aussah, hatte der viel zu viel Lust, ihn noch ein bisschen zu reizen.

„Man, Drachi, du bist echt scheiße drauf. Aber ich bin hier auch nicht aus Jux, sondern weil eure Technik versagt hat. Ihr Loser solltet erst einmal dafür sorgen, dass solche Pleiten nicht passieren.“ Doch dann hatte auch Evren keine Lust mehr auf den komischen Kerl. Vielleicht half ihm ein Bad, dem ganzen etwas positiver entgegen zu sehen - auch wenn Evren das schwer bezweifelte.

Azhdahar hatte auch nicht vor, ihm zu antworten, denn das war ihm einfach zu blöd. Seit mehreren tausenden von Jahren funktionierte das Portal einwandfrei. Konnte doch keiner ahnen, dass so ein dämlicher Mensch da durch griff und alles verpatzte. Der tat ja gerade so, als wenn sie das nur gemacht hatten, um ihn zu ärgern.

Bei seinem Glück dauerte es jetzt noch mal Jahrhunderte, bis eine Echse durch den Ring ging. Und so lange war er an dieses Ding gebunden.

Das Ding hatte die Tür hinter sich zugemacht und guckte sich in dem Zimmer um, obwohl das für Evrens Geschmack doch etwas hoch gestochen war. Eher glich es einer Abstellkammer, drei mal drei Meter. Ein Fenster, natürlich vergittert, was auch sonst. Viel Vertrauen hatte der Kerl ja nicht zu seinen Leuten - aber so wie er mit ihnen um ging, war das wohl kein Wunder. Evren warf den Rucksack auf die Pritsche, ein Bett war das definitiv nicht.

Ein kurzer Blick zurück zu Tür überraschte ihn nicht - kein Schlüssel. Wäre ja auch zu schön gewesen, mal seine Ruhe zu haben. Aber weil ihm das jetzt egal war und der Drang nach einer Dusche erheblich an Penetranz zunahm, warf er sich die Klamotten vom Leib und suchte sich sein Seifenstück, was er immer im Rucksack hatte.

Azhdahar saß auf seinem Balkon und überlegte, wie er den Menschen wieder loswerden konnte, aber viel Hoffnung hatte er nicht. Nicht bei solchen Stümpern von Wissenschaftlern. Die wussten doch selber nicht, wie das passiert war. Das musste er wohl selber in die Hand nehmen. Entschlossen stand er auf und ging rüber in Evrens Zimmer, als er ihn dort nicht fand, ging er weiter zur Badezimmertür und öffnete sie.

„Du willst nicht hier sein und ich will dich nicht hier haben. Wir sind miteinander verbunden, auch wenn wir das nicht wollen. Also werden wir beide etwas dafür tun müssen, das zu ändern. Es bringt nichts, wenn wir gegeneinander arbeiten“, sagte er und lehnte sich an den Türrahmen.

Evren, der lässig in einem der Becken lag und etwas entspannen wollte, öffnete noch nicht einmal die Augen. Er seufzte nur lautlos. Hatte man denn nirgends mal ein paar Sekunden nur für sich alleine? „Und das muss jetzt auf der Stelle sein, oder darf ich mich noch abtrocknen und etwas anziehen?“, fragte er. Es war ja nicht so, als hätten sie nicht beide das gleiche Ziel - doch nicht in dieser Sekunde. Er war dreckig und hungrig.

„Beeil dich, ich warte nicht gerne“, knurrte Azhdahar, dem die Antwort schon wieder gegen den Strich ging. Das war er einfach nicht gewohnt und daran wollte er sich auch nicht gewöhnen. Er war der Prinz, ihm hatte man Respekt zu zollen. Er setzte sich wieder in seinen Sessel und brütete weiter vor sich hin, während Evren ihm hinterher brüllte, dass er sich daran gefälligst zu gewöhnen hätte.

Nun besonders langsam, machte sich Evren frisch und planschte noch ein bisschen, pfiff sich dabei ein Liedchen und wusch sich besonders gründlich.

Der Prinz konnte ihn gut hören und eine Weile wartete er einfach ab. „Wenn du nicht möchtest, dass ich dich nackt und nass aus der Wanne schleife, solltest du dich ein wenig beeilen“, brüllte er durch den Raum und schüttete sich noch ein Glas Wein ein.

Erst wollte Evren es darauf ankommen lassen, doch dann beeilte er sich lieber. Nicht weil er dem Prinzen einen Gefallen tun wollte, sondern weil er nicht sicher war, zu was für komischen Dingen der Kerl noch im Stande war, wenn er miese Laune hatte. Also schwang sich Evren aus dem Wasser und schüttelte sich kurz wie ein Hund, eine Angewohnheit, die es ihm ermöglichte, mit einem kleinen Handtuch auszukommen, was in den Rucksack passte.

In seine dreckigen Kleider wollte er nicht wieder steigen, doch im Rucksack hatte er nur noch eine Shorts. Also zog er die an und patschte mit nassen Füßen quer durch Azhdahars Raum.

„So, da wären wir. Was ist deine Idee? Wie komme ich wieder heim, ohne dich auf der Pelle zu haben?“

„Gar nicht. Egal ob es dir gefällt oder nicht, wir werden die nächste Zeit nicht weit entfernt vom anderen verbringen. Wir werden austesten müssen, in welchem Radius wir uns bewegen können.“ Azhdahar gab sich Mühe, Evrens gegenwärtigen Zustand nicht zu bemerken, denn er wollte sich nicht schon wieder aufregen. Darum stand er nur auf und ging zu seinem Schrank. Dort hatte er noch ein paar Hosen und Hemden, die ihm nicht mehr passten. „Hier.“ Er warf Evren was zum Anziehen rüber und setzte sich wieder.

Evren grinste, ob der Reaktion. Was war das denn? So hässlich war er ja nun auch wieder nicht. Er trainierte häufig, hatte kaum Fett angesetzt, war groß gewachsen und wohl proportioniert. „Was denn? Hast du Angst, dass die Mädels alle auf mich fliegen und dich verschmähen, Prinzlein?“, lachte er und griff sich die Klamotten mit den Zehen, zog sie so mit dem Fuß hoch, bis er sie mit der Hand greifen konnte. Wildleder - wie Evren Leder hasste!

Dafür war ein Tier gestorben und das konnte er nicht ertragen. Er war nicht nur wegen dem Geschmack Vegetarier, sondern aus Überzeugung. Auch die Echse, die er zermatscht hatte, tat ihm im Nachhinein leid. Doch vorhin war er so gepuscht gewesen, dass er das kaum bemerkt hatte. „So was ziehe ich nicht an“, erklärte er und ließ die Kleider wieder fallen.

„Was gefällt dir daran wieder nicht?“, fragte der Prinz gereizt, denn so langsam kochte es wieder in ihm hoch. Erst jetzt sah er wieder zu Evren. „Die Menschenfrauen kannst du alle haben, die interessieren mich nicht und die Drachenfrauen sind eindeutig nicht deine Liga, wenn du weiterleben möchtest.“

„Oh, die fressen mich wohl mit Haut und Haaren, hm? Rrrr!“, machte er und gedachte nicht, auf Azhdahars Frage nach den Kleidern einzugehen. Der Kerl würde das sowieso nicht begreifen, denn auf dem Teller, der neben dem Sessel stand, lagen Unmengen Fleisch. Es drehte Evren fast den Magen um, als er sich vorstellte, wie das Tier wohl früher einmal ausgesehen hatte, als es noch am Leben gewesen war.

„Hast du auch was anderes? Was nicht aus Tieren gemacht ist?“, fragte er und ging durch das Zimmer. Es war viel größer als seine Kaschemme. Aber wen wunderte das?

„Könnte passieren. Drachenfrauen sind unberechenbar. Mir machen Bisse und Kratzer nicht sehr viel, aber du würdest sie nicht überleben.“ Azhdahar zuckte mit den Schultern. Da so etwas eh nicht vorkommen würde, war es müßig, sich darüber zu unterhalten. „Was ist gegen Leder einzuwenden? Es ist angenehm auf der Haut und strapazierfähig.“ Also der Mensch war wirklich ziemlich verschroben. „Trägt man so was auf deinem Planeten nicht?“

„ICH trage das auf meinem Planeten nicht. Ich finde, dass die Haut eines Tieres dem Tier immer noch am besten steht. Habt ihr keine Weber? Keine Stoffe? Es muss doch irgendetwas geben, für das nicht ein Lebewesen hatte sein Leben geben müssen.“ Evren war gereizt. An was für Barbaren war er nur geraten - und so was wollte eine entwickelte Rasse sein? Kein Fernsehen, aßen nur Fleisch und zerfetzten sich beim Sex - aber er war der niedere Sklave? Echte Idioten!

„Bist du etwa einer dieser… dieser Pflanzenesser, oder wie das heißt? Solche, die kein Fleisch essen?“ Azhdahar seufzte innerlich. Das hatte ja sein müssen, bei seinem Glück. Warum von allen Menschen, die durch das Portal hatten kommen können, musste er so einen erwischen, der nur Ärger machte. War das ein Gendefekt in den Erbanlagen der Menschen? Denn unter seinen Sklaven gab es auch ein paar, die sich dem Fleisch in allen Formen regelrecht verweigerten.

„Ja, ich esse kein Fleisch. Gibt es hier auch noch was anderes? Oder werde ich verhungern und du an meinen Schmerzen zugrunde gehen?“, fragte Evren, doch es wunderte ihn, dass Azhdahar derartiges kannte.

„Warum ich?“, murmelte der Prinz, aber er stand auf und läutete nach einem Diener. Kaum, dass der Klingelzug sich nicht mehr bewegte, klopfte es auch schon an der Tür und ein Diener kam herein. „Herr?“ Der Junge verbeugte sich. „Hol Lita. Sie soll sich ab heute um Evren kümmern. Sie soll auch etwas zu essen mitbringen und Kleidung. Evren hat die gleichen Vorlieben, was Essen und Kleidung angeht, wie sie.“ Damit war alles gesagt und der Prinz wandte sich ab. Er bekam gar nicht mehr mit, wie der Diener sich verneigte und das Zimmer verließ.

„Hey, cool. Danke“, sagte Evren etwas irritiert. Er hätte nicht damit gerechnet, dass der Prinz sich wirklich danach richtete, was Evren wollte. Er beschloss ihn für eine Weile in Ruhe zu lassen und setzte sich deswegen nur stumm in eine Ecke. Hier hatte er das Zimmer gut im Blick. Ein riesiges Bett in der Mitte der einen Wand, die Wände mit Waffen geschmückt. Karg aber eindeutig das Zimmer eines Kriegers.

„Du bist im Moment so etwas wie mein Gefährte und da wir verbunden sind, betrifft es nicht nur dich, wenn es dir nicht gut geht. Es mag uns beiden nicht gefallen, aber wir sollten das Beste daraus machen.“ Azhdahar hob die Weinkaraffe hoch. „Oder ist Alkohol auch nicht nach deinem Geschmack?“, fragte er lieber, denn einmal so angefahren zu werden reichte ihm. „Du solltest mir vielleicht sagen, was du nicht magst, dann weiß ich, was ich lassen sollte.“

„Öhm ... ja“ Evren nickte perplex. Plötzlich konnte der Kerl ja richtig nett sein. Das irritierte ihn jetzt doch. „Wenn das in deiner Karaffe Wein ist, dann trinke ich den schon und so schwer zu händeln bin ich gar nicht. Allerdings wird man nicht jeden Tag aus seiner Welt gerissen und muss in einem rückschrittlichen Land seinen Lebensabend fristen. Für einen Technik-Freak wie mich ist das, als würde ein Arm oder ein Bein fehlen.“

„Rückschrittlich?“ Azhdahar hob eine Augenbraue. „Wir haben ein Transportsystem erfunden, dass Körper über Lichtjahre hinweg transportieren kann. Was habt ihr da aufzuweisen?“, fragte er leicht spöttisch, schenkte aber gleichzeitig Evren ein Glas Wein ein. „Ich glaube nun nicht, dass eine rückschrittliche Rasse so etwas zustande bringt. Wir nutzen sehr viel Technik, nur ist sie nicht so offensichtlich zu sehen.“

Grinsend hob Evren eine Braue, verkniff sich aber seinen Kommentar über die Brauchbarkeit des Transportsystems, auch wenn er den Drachenprinzen gern wieder gereizt hätte. Irgendwie hatte Evren da einen Narren dran gefressen, denn es war das einzige, was er hier zu seinem Zeitvertreib tun konnte. Aber einen kleinen Seitenhieb hatte er sich dann doch nicht verkneifen können: „Okay, dann führe mich bitte in das nächste Internet-Café, ich würde gern eine E-Mail an mein Institut absetzen.“ Dabei guckte er herausfordernd und warf sich mit Schwung auf Azhdahars Bett. Das war bestimmt weicher als das, was er zugewiesen bekommen hatte.

„Wenn du mir erklärst, was eine E-Mail oder ein Internet-Cafe ist, kann es sein, dass wir das auch haben, nur mit anderen Bezeichnungen.“ Azhdahar bedachte Evren mit einem brummigen Blick, denn er mochte keine Fremden in seinem Bett, aber darüber mit diesem Menschen zu diskutieren hatte er keine Lust, denn es brachte sowieso nichts und ihm wehzutun auch nicht. Darum blieb er auf seinem Sessel sitzen und nippte an seinem Wein. „Es mag sein, dass ihr Menschen auf diesem Planeten Fortschritte und Erfindungen gemacht habt, aber du solltest bedenken, dass wir euch schon vor vielen hundert Jahrtausenden dort hin gebracht haben. Wir sind nicht nur ein Volk von Kriegern. Bei uns ist die Wissenschaft auch hoch geachtet.“

Ungläubig sah sich Evren um. Das, was er als Technik kannte, konnte er hier nicht finden. Keine Steckdosen, keine Kabel. Vielleicht hatten die Drachen ja dafür schon eine Lösung gefunden, die man nicht sah - das interessierte ihn ja dann doch. Er kroch auf dem Bett dichter zu Azhdahar und sah ihn prüfend an. „Erzähl mir mehr. Was hat es mit dem Gerede auf sich, ihr hättet die Menschen auf die Erde gebracht. Dann erzähle ich dir auch, was eine E-Mail ist“, bot er an und grinste frech, auch wenn sein Magen knurrte. 



03


Azhdahar sah Evren eine Weile undeutbar an. „Wir haben euch Menschen dort hin gebracht, damit ihr für uns auf die Umagals aufpasst. Ihr solltet sicherstellen, dass es ihnen gut geht und sie gesund und kräftig bleiben. Die Menschen sind seid jeher unsere Diener und es war eine Ehre für diejenigen, die wir ausgewählt haben, denn die Umagals sind sehr wichtig für uns.“

„Na so viel habe ich auch schon mitbekommen“, sagte Evren, denn der Informationsgehalt war gleich Null. „Warum züchtet ihr die wichtigen Viecher nicht bei euch hier? Warum vertraut ihr sie einer in euren Augen so niederen Rasse an und handelt euch Ärger ein?“ Evren verstand den ganzen Zirkus noch nicht. Warum das Zeug von weit her holen, wenn man das hier genauso gut machen könnte?

„Weil es uns Spaß macht“, ätzte Azhdahar. Der Mensch konnte echt Fragen stellen. „Natürlich haben wir versucht die Umagals hier zu züchten. Das klappt auch sehr gut. Sie vermehren sich hier hervorragend, nur können wir sie nicht für die Vereinigung nutzen. Ihnen fehlt das, was wir brauchen. Wir haben auch noch nicht raus gefunden, woran es liegt. Einige Wissenschaftler vermuten, dass sie auf der Erde etwas mit ihrer Nahrung aufnehmen, was es hier nicht gibt. Andere wiederum vermuten, dass es etwas mit dem Sonnenlicht zu tun hat und dieser Stoff deswegen hier nicht produziert wird. Aber was es auch ist, Fakt ist, dass nur die Umagals, die über das Portal zu uns kommen, das haben, was wir brauchen.“

„Aha“, machte Evren und konnte sich ein Grinsen dann doch nicht verkneifen. Der Herr Drache war aber auch leicht reizbar. Evren rollte sich auf den Rücken und ließ den Kopf über den Rand des Bettes hängen, damit er Azhdahar weiter ansehen konnte.

„Und wie kommt es, dass diese Art der Echsen noch in keinem Buch erwähnt wurde, wenn sie doch schon so lange auf der Erde leben? Scheint ja nicht gerade viele davon zu geben, wenn sie sich so lange vor den Forschern verbergen konnten“, murmelte er vor sich hin und fing an zu überlegen, ob die Geschichte des Drachen nicht doch Lücken aufwies.

Azhdahar seufzte. Dieser Mensch hatte aber auch ein Talent dafür, unbequeme Fragen zu stellen, aber da musste er wohl durch. „Da muss ich wohl etwas weiter ausholen. Wir sind ein Volk von Kriegern und in grauer Vorzeit gab es immer wieder Kämpfe zwischen den einzelnen Familien, die uns nahe an den Rand der Ausrottung brachten. Einer meiner frühen Vorfahren hat den Krieg beendet und wurde der erste König unseres Volkes. Es gab nur noch sehr wenige zeugungsfähige Frauen und Männer, so dass es unweigerlich zu Inzucht kam. Wir erholten uns zwar so zahlenmäßig wieder, aber dadurch verloren wir die Fähigkeit, uns in unsere Drachenform zu wandeln.“

„Oha!“ Mit Interesse lauschte Evren den Ausführungen und rollte dabei auf dem breiten Bett hin und her. Dass er immer noch nur seine Shorts trug und er auch immer noch Hunger hatte, merkte er nicht. So wie immer, wenn etwas sein Interesse geweckt hatte. „Also habt ihr nicht immer die Echsen gebraucht, um erwachsen zu werden. Interessant. Und wie kam es nun zu der Symbiose mit den Echsen? Muss ja mal jemand auf die Idee gekommen sein“, fragte er und hockte mittlerweile im Schneidersitz auf Azhdahars Kissen.

„Richtig erkannt. Wir haben diese Fähigkeit verloren. Also haben wir angefangen, nach einer anderen Lösung zu suchen. Wir fingen an, auf anderen Planeten danach zu suchen. Schließlich fanden wir eure Erde und auf ihr lebten riesige Echsen, die uns Drachen entfernt ähnelten. Wir haben ihr Erbgut darauf untersucht, ob wir sie für unsere Zwecke nutzen konnten.“ Azhdahar sah auf, als es an der Tür klopfte. „Deine Kleider und dein Essen. Wir reden danach weiter.“

„Na gut.“ Wirklich einverstanden war Evren damit nicht, doch er hatte bereits begriffen, dass es nicht gut war, sich dem Drachen zu widersetzen. Was noch lange nicht hieß, dass man sich immer daran halten musste, doch im Augenblick war es vielleicht das Beste. So rutschte er vom Bett, noch ehe die Tür sich öffnete, damit es nicht so aussah, als würden sich Sklaven in Azhdahars Bett herum treiben.

Die junge Dienerin, die eintrat, eilte sich die Kleider abzulegen und den Servierwagen in den Raum zu schieben, dann verschwand sie mit einer tiefen Verbeugung wieder. Evren grinste, als er ihr nachsah. „Die darf sich für mich auch mal bücken - darf ich die haben“, grinste er dreckig.

Der Drache zuckte mit den Schultern. „Ist ihre Entscheidung. In solche Dinge mischen wir uns nicht ein. Sie kann selbst bestimmen, mit wem sie Sex hat.“ Allerdings lagen die Dinge bei Evren etwas anders. „Allerdings solltest du dir das noch einmal überlegen. Wir sind miteinander verbunden und wenn du Sex hast, kriege ich das mit und wenn mich das so sehr erregt, dass ich mit einer Drachin ins Bett gehe, wird das für uns beide kein Vergnügen. Es kann uns beide sogar das Leben kosten.“

Mit einer Leinenhose in der Hand, wandte sich Evren zu Azhdahar um. „Was treibt ihr denn im Bett, dass es euch das Leben kosten kann?“, hatte er gefragt, noch ehe er darüber hätte nachdenken können. Wollte er das überhaupt wissen? Mit einem prüfenden Blick auf die weite Leinenhose zog er sie sich über. Die Beine waren zu lang und schleiften leicht auf dem Boden. Dafür saß sie schön tief auf der Hüfte und eng über den Hintern. Für was für Typen war die denn gemacht worden? Schnell schlüpfte er noch in das Hemd zum Schnüren und hoffte, das Azhdahar seine Frage schon wieder vergessen hätte. Die Vorstellung, dass er selber geil wurde, wenn der Drache Sex hatte, war abartig! Erst jetzt wurde ihm bewusst, was es bedeutete, mit diesem Kerl verbunden zu sein - nie wieder Freuden!

Azhdahar sah ihm beim Anziehen zu und leider hatte er Evrens stillen Wunsch nicht hören können, denn auch wenn sie verbunden waren, so konnten sie doch nicht die Gedanken des anderen hören. „Für mich ist es nicht gefährlich, aber da du alle Verletzungen, die ich erleide, auch bekommst und du sie nicht, wie ich, sofort heilen kannst, besteht die Gefahr, dass du daran stirbst und dann sterbe ich auch.“ Das war doch wirklich nicht so schwer zu verstehen. „Wir sollten uns wohl in Enthaltsamkeit üben.“

„Na klasse!“, knurrte Evren und zog die Schnüre seines Hemdes fester. Er verzog wütend das Gesicht, denn langsam wurde das alles wirklich lästig. Weg vom Schuss, kein Internet, kein Fernsehen - und als würde das nicht reichen: kein Sex. Und das, wo Evren eigentlich nur drei Hobbys hatte - Azteken, technischer Schnickschnack und sein regelmäßiger Sex mit wechselnden Partnerinnen. Auf alles drei verzichten zu müssen war eine tödliche Kombination.

„Glaubst du, mir gefällt das?“, knurrte Azhdahar gereizt. „Aber so ist es nun mal. Vielleicht ändert sich das wieder, aber das weiß keiner, denn so etwas hat es noch nie gegeben. Es ist auch noch nicht geklärt, was unsere Verbindung noch für Auswirkungen hat. Im schlimmsten Fall habe ich damit meine Chance vertan, jemals meine Drachenform zu erreichen. Also jammere mir jetzt nicht die Ohren voll, denn das bessert meine Laune nicht gerade.“

Doch das hielt Evren nicht davon ab. Er knurrte weiter, griff sich den Teller mit Gemüse und trollte sich wieder auf das Bett. Als ob Drachis Wandlung sein Problem wäre. Er hatte ganz andere Sorgen, da fragte auch keiner danach. „Ich lass mir nicht alles verbieten. Egal ob du mit machst oder nicht“, murmelte er gereizt und fing an zu essen. Dabei ließ er Azhdahar aber nicht aus den Augen.

So konnte er sehen, dass er wohl gerade etwas gesagt hatte, was den Drachen ziemlich wütend machte, denn Azhdahars Augen wurden wieder rot. „Wenn du hier ein angenehmes Leben haben möchtest, solltest du dich anpassen und das bedeutet, dass du begreifst, dass es hier ganz und gar nicht nach deinem Willen geht. Wenn du nicht eingesperrt werden möchtest, dann solltest du tun, was ich dir sage. Es ist deine Entscheidung, ob du hier als Mitglied der königlichen Familie, mit allen Vorteilen, die sich daraus ergeben, leben möchtest oder als Gefangener.“

Aufgekratzt stellte auch Evren seinen Teller beiseite und sprang vom Bett. Er war auf Krawall gebürstet und wollte seinen Frust auslassen. „Dein erster Satz war nicht schlecht: WENN ich hier ein angenehmes Leben führen will. Das will ich nicht. Ich will heim, in mein Leben, in meine Bude, zu meinen Weibern, die ich vögeln kann, so lange ich will!“ Evren wurde immer lauter, seine Hände ballten sich. Was bildete der Kerl sich ein?

„Ja glaubst du denn, dass ich dich hier haben will? Du bist laut, launisch und unverschämt und ich wäre glücklich, wenn wir nicht miteinander verbunden wären.“ Azhdahar war ebenfalls aufgesprungen und stand mit ebenfalls geballten Fäusten vor Evren. „Aber es ist nicht zu ändern. Du kannst hier nicht weg, außer ich komme mit und das werde ich ganz bestimmt nicht tun.“

„Nee, warum auch - da ist sich der Herr Kriechtier ja zu fein für. Wäre ja voll peinlich, wenn man sich in einer fremden Welt anpassen muss. Das verlangen wir lieber von Sklaven, weil wir selber zu blöd sind, uns auf der Erde zu recht zu finden - ich verstehe schon.“ Evren achtete nicht mehr darauf, was er sagte, ihm war alles egal - wenn der Kerl ihn umbrachte, starb er selber und der Planet hier hatte ein Problem weniger.

Wütend packte Azhdahar Evren am Hemd und zog ihn nahe an sich, so dass sie sich genau in die Augen schauen konnten. „Pass auf, was du sagst. Du bist mein Eigentum und ich kann mit dir machen, was ich will.“ Nur die Tatsache, dass er selber keine Luft bekam, hielt ihn davon ab den Menschen zu würgen. „Wir passen uns nicht an - wir beherrschen. Wir können deine Welt gerne besuchen, nur dann wird euer Leben, wie ihr es kennt, vorbei sein, denn wir werden die Herrschaft wieder über unsere Sklaven übernehmen.“

„Is' klar“, keuchte Evren und machte sich los. Der Typ war ja nicht ganz dicht. „Leck mir die Eier!“, erklärte er noch, ehe er sich seinen Teller griff, um in Richtung seines Kabuffs zu verschwinden. Besser er ging diesem Kerl erst einmal aus dem Weg und dachte darüber nach, wie er hier weg kam. Denn das er hier nicht bleiben würde, stand fest.

Noch immer wütend, sah der Prinz ihm nach, aber er folgte ihm nicht. Als einziges ging er zur Tür und schloss sie ab, damit Evren nicht raus konnte. Sollte der Mensch sich doch schmollend zurückziehen, Azhdahar war das vollkommen gleich. Nur musste er verhindern, dass der Mensch etwas Unüberlegtes tat. Dass dem so etwas zuzutrauen war, hatte er ja schon gezeigt. Er musste sich etwas einfallen lassen, denn auf die Dauer war das kein Zustand.

„Man, ist das ein Kotzbrocken!“ Evren lag auf seiner harten Pritsche und starrte an die Decke. Auch wenn er langsam begriff, wo er war und dass er so schnell nicht in sein altes Leben zurück konnte, fiel es ihm immer noch schwer, das wirklich zu glauben. „Und ich dachte immer, Gabriel wäre ein Kotzbrocken. Aber das Kriechtier ist ja wohl mal ein Kotzbrocken Deluxe in der goldenen Sonderedition!“ Er hatte sehr wohl gehört, dass der Kerl ihn eingeschlossen hatte, was Evren noch viel wütender machte. So zog er seinen Rucksack zu sich und noch ehe er nachgedacht hatte, hielt er sein Messer in der Hand und zog es sich über den Arm. Der Kerl sollte nicht glauben, er hätte gewonnen! Egal wie groß der Schmerz war, seine Wut war größer.

Azhdahar knurrte laut, als er den Schmerz an seinem Arm spürte und er wirbelte zur Tür herum, hinter der Evren war. Die Wunde schloss sich schon wieder, als er schon wieder einen Schmerz auf dem anderen Arm spürte. „Was willst du damit erreichen?“, schrie er und stürmte in Evrens Kammer. Dass er dabei die Tür aus den Angeln riss, merkte er noch nicht einmal. Mit einem schnellen Griff nahm er dem Menschen das Messer weg und funkelte ihn an.

„Bist du eigentlich verrückt? Willst du sterben?“, zischte er aufgebracht und wickelte provisorisch etwas um die blutenden Wunden, damit Evren nicht zu viel Blut verlor.

„Lass mich!“, schrie Evren und versuchte sich loszureißen. Er war immer noch so mit Adrenalin vollgepumpt, dass er den Schmerz nicht wirklich wahrnahm. „Ich lass mir nicht von dir mein Leben diktieren. Ich bleib in diesem Loch keine Sekunde mehr als nötig und wenn ich dich damit ins Verderben ziehe, ist mir das völlig egal! Ich bleibe nicht hier!“ Evrens Augen blitzten, der Blick wurde wahnsinnig, als er immer wieder in Richtung Azhdahar schlug. Der Kerl sollte wieder aus seinem Leben verschwinden! Jetzt!

So gut er konnte, ohne Evren wehzutun, hielt Azhdahar ihn fest, was nicht einfach war, denn der wehrte sich nach Leibeskräften, so dass der Prinz keinen anderen Ausweg sah, als Evren mit einem kurzen, gezielten Schlag gegen die Schläfe zu betäuben. Er selbst schüttelte nur kurz den Kopf, weil es wehgetan hatte und fing den erschlaffenden Körper auf.

„Was mach ich nur mit dir?“, seufzte er leise und trug Evren zu seinem Bett und schickte einen herbeigerufenen Diener nach einem Heilkundigen, der die Wunden auf den Armen des Menschen schließen sollte und wenn Evren schon mal schlief, konnte er ihn auch gleich als seinen Gefährten kennzeichnen, damit er vor Übergriffen anderer Menschen oder Drachen sicher war.

Es dauerte nur ein paar Augenblicke, da war der Heiler schon vor der Tür. Er klopfte - Azhdahar rief ihn zu sich und so sah er das erste mal den Menschen, von dem das ganze Schloss sprach - den Menschen, mit dem der Thronfolger jetzt verbunden war, weil das Tor nicht richtig funktioniert hatte. Das Ereignis hatte sich schnell verbreitet und war in alle Ecken des Schlosses getragen worden, denn Dinge dieser Art geschahen wirklich nicht jeden Tag.

„Ihr habt mich rufen lassen?“, fragte der Heiler, beobachtete den blutenden Menschen aber nur aus den Augenwinkeln.

„Heile ihn“, gab Azhdahar knapp Anweisung und setzte sich wieder in seinen Sessel. „Danach vertiefe seine Ohnmacht so sehr, dass ich ihn tätowieren lassen kann. Es wird mehrere Stunden dauern und er soll davon nichts mitbekommen.“ Evren war sowieso schon wütend, da war es doch die beste Gelegenheit.

Kurz zögerte der Heiler, doch dann nickte er. Eilig machte er sich daran, die Wunden zu versorgen und zu bestreichen, damit sie sich schlossen und die Haut schneller heilte. „Ich werde ihm ein Mittel verabreichen und lasse euch das Gegenmittel da. Er wird schlafen, bis ihr ihn aufwecken lasst“, erklärte der Mann eilig, denn er wollte hier raus. Irgendwie fühlte er sich unbehaglich. Sicher hatte der Sklave den Thronfolger gereizt, denn dessen Laune sprach Bände. Besser man war dann nicht in Azhdahars Nähe, wenn man an seinem Leben hing.

„Von mir aus, wenn es wirkt. Er soll nur schlafen, so dass er nichts davon merkt, dass er tätowiert wird.“ Wie der Heiler das schaffte, war ihm egal. „Wird er Narben behalten?“, fragte er noch, denn der Gedanke gefiel ihm gar nicht. Der Mensch hatte einen makellosen Körper, wie er gesehen hatte und den sollte er behalten. „Besteht eine Möglichkeit, dass seine Wunden schneller heilen, so wie bei uns?“

„Also“, sagte der Heiler, als er sich bereits zum Gehen gewandt hatte. Doch er trat noch einmal tiefer in den Raum, um Azhdahar seine Fragen zu beantworten. „Es wird unmerklich schneller gehen als bei den übrigen Sklaven, da er beim Transfer auch euer Blut erhalten hat. Aber nicht viel. Leider gibt es auch keinen Weg, dies zu beschleunigen erst nach und nach wird sich das Blut der beiden Individuen mischen, dann werden auch dessen Wunden schneller heilen. Aber Narben dürften nicht zurückbleiben“, erklärte er und hoffte, dass alles geklärt war. Er wollte nur weg hier.

„Würde es helfen, wenn er noch mehr von meinem Blut bekommt?“ Azhdahar wollte verhindern, dass Evren noch einmal so etwas Dummes versuchte. Wenn seine Heilung beschleunigt werden konnte, dann passierte so etwas nicht noch einmal. „Mach dich schlau, was wir sonst noch für Möglichkeiten haben. Ich möchte ihn ungern so lange einsperren, bis sich das von alleine einpendelt.“

„Es tut mir Leid, euch enttäuschen zu müssen, Herr!“, sagte der Heiler und zog gleich den Kopf zwischen die Schultern. Keiner überbrachte dem Thronfolger, der für seine Gereiztheit bekannt war, schlechte Botschaften. „Es wird nichts nutzen, wenn ihr ihn mit eurem Blut voll pumpt. Der Körper wird es nicht annehmen, ihn vielleicht sogar töten. Nur das Blut, was über den Transfer getauscht wurde, wird sein Körper verarbeiten. Bisher ist es noch nie geschehen, dass ein Mensch Drachenblut übertragen bekam und deswegen ist alles, was wir tun, ein Experiment.“

„Verdammt.“ Gereizt schlug Azhdahar auf die Sessellehne und winkte mit der Hand, so dass der Heiler wusste, dass er gehen konnte. „Schick mir den Tätowierer und erklär ihm, wie er Evren das Gegenmittel verabreichen muss.“ Er achtete nicht weiter auf den Heiler, sondern versank in seine Gedanken. Warum konnte es nicht einmal gute Nachrichten geben? Aber wenigstens waren seine Eltern von ihrer Reise noch nicht wieder zurück. Bis morgen hatte er noch Schonfrist, aber dann musste er wohl seinem Vater erklären, was passiert war. Und das dürfte kein Spaß werden. Nicht nur, dass man ihm die Schuld an dem Debakel geben würde, weil der König sowieso der Meinung war, dass Azhdahar noch zu jung für den Thron war, seine Mutter dürfte - wie jede besorgte Mutter - anfangen, ihn wieder wie ein kleines Kind zu behandeln. Er musste so viel erledigen und klären, wie er nur konnte.

Erneutes Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken, denn der Tätowierer hatte alles stehen und liegen lassen und war geeilt, kaum dass der Wunsch des Prinzen an ihn heran getragen worden war. Der verbeugte sich, als er den Raum des Prinzen betreten hatte.

„Herr“, grüßte er höflich und besah sich dabei unauffällig Evren, der ruhig auf dem Bett des Prinzen lag und schlief. „Ich soll den Menschen, der durch das Portal gekommen ist, tätowieren? Was soll es sein?“ Während er sprach, kam er schon näher und breitete sein Werkzeug und seine Farben auf einem kleinen Tischchen aus.

„Den Drachen des Königlichen Wappens, den alle Mitglieder der Königsfamilie tragen. Wie bei mir, erst einmal ohne Farbe, weil noch nicht klar ist, welche ich einmal als Drache haben werde. Und er soll ihn, wie ich, zum größten Teil auf der Vorderseite tragen.“

Der Mann hielt inne und sah den Drachen kurz an. Wenn er über den Wunsch des Thronfolgers entsetzt war, konnte er das gut verbergen. „Natürlich Herr, ich werde ihm das gleiche Motiv stechen, wie auch ihr es tragt“, sagte er, auch wenn er noch nicht begriff, warum der Sklave so geehrt werden sollte. Ein kleines Mal, gut für alle sichtbar, hätte es auch getan, um jedem klar zu machen, dass man von diesem Menschen besser die Finger ließ.

„Gut, so hatte ich das gedacht.“ Zufrieden nickte der Prinz und sah dem Mann bei seinen Vorbereitungen zu. „Sie soll genauso werden wie bei mir. Weißt du, wie sie aussieht oder brauchst du ein Muster?“, fragte er vorsichtshalber nach. Der Mann war ein Künstler und ihn bestrafen zu müssen, weil er das Falsche tätowiert hatte, war Verschwendung.

Doch er war vom Fach. Viele Jahre hatte er die Bilder für die Haut der Herrscher auswendig gelernt. Er könnte sie im Schlaf stechen, ohne einen Fehler zu machen. Deswegen lehnte er dankend ab.

Mit flinken Fingern zeichnete er auf die nackte Brust des Menschen den Drachen vor, zog ihm die Hose etwas tiefer, damit er auch die Leiste verzieren konnte und sah dann den Thronfolger forschend an. „Ist es so recht?“, fragte er, ehe er anfing, das Bild zu stechen.

Azhdahar erhob sich und sah sich die Zeichnung an. „Perfekt, wie ich es erwartet habe, aber ein kleines Detail hätte ich gerne noch. Er soll ein Halsband tragen, weil er mein Eigentum ist. Nichts protziges, sondern schlicht, so dass es kaum auffällt. Aber es wird ihn noch wütender machen, wenn er die Bedeutung erfährt.“ Der Prinz lächelte böse und dem Tätowierer lief es dabei kalt den Rücken runter. Azhdahar streifte Evren mit einem kurzen Blick und setzte sich wieder. Man ärgerte den Thronprinzen nicht ungestraft. Das würde diese kleine Kakerlake auch noch lernen!

„Natürlich, Herr, wie ihr wünscht“, sagte der Mann und strich sich eine der blutroten Strähnen hinter das Ohr zurück. Er wurde nervös, doch das trübte nicht den sicheren Strich seiner Hand. Eilig fügte er dem mächtigen Drachen ein Halsband hinzu und begann dann die Striche mit einer Nadel und schwarzer Farbe nachzuziehen. Er wusste, dass der Prinz ihn genau dabei beobachtete, aber er war Profi genug, das auszublenden, schließlich war er gut, sonst würde er nicht für die königliche Familie arbeiten.

Azhdahar ließ ihn machen, sorgte aber dafür, dass immer etwas zu Trinken und zu Essen für den Künstler da war, denn es dauerte mehrere Stunden, bis das Bild fertig sein würde. Er selber nahm sich ein Buch, um die Zeit zu überbrücken. Dafür setzte er sich aber auf den Balkon, damit der Tätowierer Ruhe hatte. Der zeichnete unerlässlich, gönnte sich nur kurze Pausen, um die Augen zu entspannen und die Finger zu lockern. Dann malte er auch schon weiter.

Nein, er wollte wirklich nicht dabei sein, wenn der Mensch wach wurde und sah, was mit ihm geschehen war. Sicher war er wütend und hatte Azhdahar nicht derartiges erwähnt? Dass dieser Mensch dann noch wütender werden würde? Was trieben die Beiden für ein perfides Spiel miteinander? Doch das ging ihn nichts an.




04


„Herr, ich bin fertig“, sagte der Tätowierer, als sich die Sonne schon dem Horizont zu neigte. Sofort sah der Prinz auf und legte sein Buch weg. Er kam in sein Zimmer, das von den indirekten Leuchten erhellt wurde, so wie die Drachen es bevorzugten. Er sah sich Evren an und nickte zufrieden.

„Gute Arbeit, genau wie ich es haben wollte. Du kannst ihn aufwecken und dich dann zurückziehen.“

„Natürlich, Herr.“ Der Tätowierer nickte hastig und zog die Spritze mit dem Gegenmittel auf. Schnell war der Arm desinfiziert und das Mittel verabreicht, dann war der Mann auch schon verschwunden. Gleich würde die Erde beben - das spürte er. Es war wie vor einem tobenden Gewitter, wenn die Luft stand und sich langsam elektrisierte. Kein angenehmes Gefühl, wenn man keinen Unterschlupf hatte.

Azhdahar setzte sich wieder in seinen Sessel, von dem er einen guten Blick auf das Bett hatte und beobachtete Evren, wie er langsam wach wurde. Noch war nicht viel zu erkennen, aber die Atmung wurde langsam unregelmäßiger und der Kopf bewegte sich ab und zu hin und her. Der Prinz konnte es kaum erwarten, zu sehen, wie Evren auf seinen neuen Körperschmuck reagierte.

Langsam kam Leben in den frisch verzierten Körper und Evren hob die Hände auf sein Gesicht. Ihm tat der Kopf weh und er wusste nicht genau warum. Doch als er den Verband an seinem Arm sah, war ihm schlagartig wieder bewusst, was eigentlich passiert war und was dieser unverschämte Drache von ihm erwartet hatte. Wie ein Springteufelchen aus seiner Kiste schoss Evren hoch und suchte Azhdahar, musste sich aber wieder fallen lassen, weil ihm noch schwindelig war. Was ihm nicht davon abhielt, dem Drachen ein gepflegtes und deutliches: „Arschloch“, entgegen zu schleudern.

„Freut mich auch, dich wieder wach zu sehen“, sagte Azhdahar mit ironischem Unterton. „Wenn du schläfst, bist du irgendwie viel angenehmer zu ertragen. Ich sollte mir überlegen, ob ich mir das nicht öfter gönne.“ Der Prinz konnte es auch nicht lassen. Er musste Evren einfach reizen. „Deine Arme werden ohne Narben wieder verheilen und die Chance, so etwas noch einmal zu machen, wirst du nicht mehr bekommen.“

„Und wer will mich davon abhalten?“, ätzte Evren und setzte sich auf, doch da spürte er das Ziehen auf seiner nackten Brust. Nachdenklich fuhr eine Hand darüber und er spürte das Nässen auf seiner Haut. Die Finger wurden feucht. Alarmiert sah er an sich hinab und wusste erst nicht, ob er wachte oder träumte. Etwas war auf seine Brust gemalt worden, bis hinab auf die Leiste, wie seine herabgezogene Hose deutlich zeigte. Ungläubig wischte er an sich herum, ob es vielleicht abging.

„Schön, nicht? Du wirst dich schon an dein Tattoo gewöhnen. Alle Mitglieder meiner Familie tragen eins. Die Frauen nur ein kleines, auf dem linken Schulterblatt. Es wird noch Farbe bekommen, wenn ich mich in meine Drachenform wandeln kann, denn dann ist erst klar, welche Farbe ich als Drache haben werde. Und als mein Gefährte, bekommst du natürlich das gleiche Tattoo wie ich.“ Azhdahar wusste, dass die Antwort Evren gleich wieder aufregen würde und genau deswegen hatte er es gesagt.

Er musste auch gar nicht lange warten, denn Evren sah ihn mit glühenden Augen an. „Tattoo? Das Ding geht nie wieder ab? Du stichst mir deinen Mist unter die Haut, ohne mich zu fragen? Bist du dämliches Kriechtier eigentlich noch ganz dicht?“ Evren wusste gar nicht, wie ihm geschah. Er hatte Tattoos immer gehasst. Zwar gehörten sie in die rituelle Welt der alten Völker, die er studierte, das hieß aber noch lange nicht, dass er sich auch so verunstalten lassen musste. Das war ja wohl das letzte! Wie von Sinnen fing er an, mit der Decke von Azhdahars Bett das Bild wegzuwischen, doch er verschmierte nur die Decke mit Wundsekret - das Bild blieb, wo es war.

„Das solltest du besser lassen, wenn du nicht möchtest, dass ich dich festbinde.“ Azhdahar hielt Evren an den Armen fest und sah ihn ernst an. „Gegen das Tattoo kannst du nichts mehr machen, aber du möchtest bestimmt nicht, dass es sich entzündet. Und ich muss dich nicht um Erlaubnis bitten, wenn ich dich tätowieren lassen möchte. So langsam müsstest sogar du Sturschädel es verstanden haben.“

„Leck mich!“ Eine von Evrens Fäusten traf den Drachen im Gesicht, weil sich der Mensch losgerissen hatte. Das war doch wirklich das letzte. Er zuckte selbst, als er den Schmerz verspürte, doch das hielt ihn nicht ab, es noch einmal zu tun. Der Kerl war ja wirklich unverbesserlich. „Beklopptes Kriechtier!“ Evrens Puls arbeitete bereits am Limit. Er konnte kaum noch klar denken. Schmerz und Wut verschmolzen in seinem Kopf zu einem zähen Nebel.

„Beruhige dich.“ Azhdahar hielt Evren fest, denn langsam bekam er Angst um ihn. Er konnte das Hämmern des Herzens spüren und auch, dass der Mensch nicht richtig atmete. Er zog ihn fest an sich und strich ihm über den Rücken, in der Hoffnung, dass der Mensch sich beruhigte. Er war nicht sehr gut in so was und darum fühlte er sich dabei auch nicht sonderlich wohl. Anfangs hatte es den Eindruck, als hätte er nur das Gegenteil erreicht. Evren zappelte und kniff, kratzte Azhdahar immer wieder, doch der ließ den Menschen nicht los. So musste sich Evren wohl oder übel beruhigen, denn er konnte nicht entkommen.

„Dazu hast du nicht das Recht gehabt“, sagte er leise und versuchte ruhig zu atmen, doch das war gar nicht so leicht, weil sein Puls noch immer Stakkato hämmerte.

Evren jetzt zu erklären, dass er jedes Recht dazu hatte, würde ihn nur wieder aufregen, darum sagte Azhdahar nichts dazu, denn er merkte, dass der Mensch langsam an das Ende seiner Kräfte kam und dem, was er ertragen konnte. Das war wohl alles etwas viel, was in den letzten Stunden auf ihn eingestürzt war.

„Evren“, sagte er darum ruhig, „wenn du mir versprichst, nicht wieder zu versuchen dich zu verletzen oder zu fliehen, werde ich dich nicht festbinden und du kannst dich hier frei bewegen. Du bekommst ein schönes Zimmer und einen Diener, der nur für dich da ist.“ Der Prinz schob Evren ein wenig von sich weg und sah ihn ernst an. „Ich verspreche dir auch, dass sich unsere Wissenschaftler darum kümmern werden, einen Weg zu finden, uns wieder zu trennen und dann kannst du wieder zurück auf deinen Planeten.“

Skeptisch über die plötzlich freundlichen Worte sah Evren den Drachen an. Zum ersten Mal nahm er die strahlenden Augen wahr und die langen, schwarzen Haare. Nicht dass ihm die Farben nicht schon früher aufgefallen wären, doch erst jetzt nahm er das Gesamtbild in sich auf. „Sagst du das, um mich ruhig zu stellen oder wirst du mich wirklich gehen lassen, wenn es möglich ist? Auch wenn es für dich vielleicht Einbußen bedeutet?“ Evren fragte frei heraus. Er hatte nichts zu verlieren.

Der Prinz ließ Evren los und nickte. „Wenn es eine Möglichkeit gibt, uns wieder zu trennen, so dass für keinen von uns Gefahr besteht, wenn wir getrennt werden, dann darfst du gehen. Du bist zwar ein Nachfahre der Menschen, die wir auf die Erde gebracht haben, aber du gehörst irgendwie nicht wirklich hier hin. Aber bis dahin wirst du hier bleiben und um dich zu schützen, hast du das Tattoo bekommen. So weiß jeder, dass du zu mir gehörst und niemand Hand an dich zu legen hat.“

Missmutig sah Evren an sich hinab. An den riesigen Drachen, der sich um seinen Leib schlang, musste er sich wirklich erst gewöhnen. „Und warum hat der ein Halsband? Drachen tragen doch keine Halsbänder oder habe ich da was verpasst?“, fragte er und ahnte schon, was kommen würde. Also wiegelte er mit den Händen ab, als Azhdahar ihm antworten wollte. „Sag's nicht“, murmelte er und wandte sich langsam um. Die Tür zu seinem Raum war immer noch herausgerissen - ein unwirklicher Anblick, denn er zeugte von einer Kraft, die sich Evren kaum vorstellen konnte.

„Da musst du nicht mehr schlafen, wenn du in meine Bedingungen einwilligst. Du kannst auch die nette Dienerin für dich haben, wenn du möchtest.“ Erleichtert merkte Azhdahar, wie Evren sich wieder beruhigte und seine eigenen Empfindungen sich normalisierten. Evren wurde ruhiger, auch wenn er noch angespannt war. „Ich weiß, dass du nicht hier sein möchtest und wenn es wirklich keine Chance für dich gibt, wieder auf deine Welt zu kommen, dann möchte ich, dass du das verstehst und dich nicht mehr dagegen wehrst, denn so machen wir uns nur gegenseitig das Leben schwer.“

„Ich möchte dich mal erleben, wenn du aus deiner Welt gerissen wirst, dir ein komisches Vieh auf den Bauch gemalt wird, du als Sklave gehalten wirst, ohne die Aussicht, je wieder heim zu kommen“, sagte Evren, doch er knurrte nicht mehr. Es hatte ja doch keinen Sinn. „Würdest du aufgeben? Dich hinsetzen, akzeptieren und dein Leben fristen? Das glaube ich dir nicht. Nimm es mir also nicht übel, wenn ich nach gerade einmal ein paar Stunden noch nicht wirklich in deiner Welt angekommen bin und ich mich dagegen noch wehre, hier zu sein. Ich gebe eben noch nicht klein bei.“

Dass er damit Azhdahars Fragen und Angebote nicht beantwortet hatte, wusste Evren auch, doch er wusste sowieso nicht, wie er darauf reagieren sollte. Es war nicht seine Art, aufzugeben.

„Wir Drachen sind keine komischen Viecher“, knurrte Azhdahar, aber nicht wirklich böse. „Ich würde toben und wüten und alles tun, damit ich weg kann. Deswegen kann ich dich ja verstehen. Aber es gibt nun einmal gewisse Dinge, die nicht zu ändern sind. Und leider arbeitet das Portal auch dann perfekt, wenn es einen Menschen durch schickt.“ Der Prinz stand auf und läutete nach einem Diener. Er ging davon aus, dass Evren seine Bedingungen annahm, denn der Mensch war nicht dumm. „Es steht dir frei, selber nach einer Möglichkeit zu suchen, wieder nach Hause zu kommen, aber solange das nicht geht, erwarte ich von dir, dass du, ohne wieder solchen Mist zu machen, hier bleibst.“

„Hat wehgetan, hä?“, konnte sich Evren nicht verkneifen und grinste, als er den verbundenen Arm hob. „Ich mach's nicht mehr, hat nämlich selber wehgetan und außerdem bin ich derjenige, der jetzt einen verbundenen Arm hat und nicht du, was ich im Übrigen auch nicht ganz fair finde.“ Endlich zog sich Evren die Hose wieder auf die Hüfte. Nicht dass die Schnuckelige von vorhin wieder kam und er rannte rum wie ein Lotterhund.

„Meine Wunden heilen schnell und bei dir wird es mit der Zeit ebenfalls schneller gehen, denn du hast auch etwas von meinem Blut abbekommen. Du wirst außerdem viel länger leben. Genauso lange wie wir. Du hast also nicht nur Nachteile, sondern mehr Vorteile. Ganz im Gegensatz zu mir. Ich habe einen launischen Menschen am Hals und kann mich immer noch nicht wandeln. Also, so gesehen hast du es besser getroffen.“ Azhdahar grinste schief, denn Scherze waren nicht wirklich sein Ding und er wusste nicht, wie so was bei Evren ankam.

„Ah ja. Gut, dass du mir das sagst. Ich hätte die Unmengen an Vorteilen doch glatt übersehen, als ich daran dachte, dass ich Familie und Freunde nie wieder sehen werde. Dass ich jetzt hier bin, wo Menschen Sklaven sind. Dass ich nie wieder im Internet surfen werde oder mein Kühlschrank die Bestellung beim Discounter für mich macht. Nie wieder mit dem Flugzeug in die Anden düsen, aber hey... ich habe doch bald einen funktionierenden Drachen, dann kann ich mit dem fliegen. Wird bestimmt lustig, wenn du bald orange-violett-gesprenkelt sein wirst“, sagte Evren und griff seinen Rucksack. Er war bereit zum Umzug.

„Dann nicht“, murmelte Azhdahar ein wenig enttäuscht. Er hatte nur die Stimmung etwas lockern wollen, aber dafür war Evren wohl noch nicht bereit. „Das wird ganz bestimmt nicht passieren. Du wirst weder auf mir reiten, noch werde ich solch lächerliche Farben bekommen. Meine Mutter ist silbern mit blau und mein Vater schwarz-grün. Also werde ich weder orange noch violett.“ Allein die Vorstellung ließ ihn schaudern.

Evren lachte leise, als er sich zu Azhdahar umdrehte und ihn frech angrinste. „Wozu halte ich mir einen Drachen, wenn ich ihn nicht reiten darf? Ich will einen lila Drachen und wenn ich ihn hinterher selber einfärben muss!“ Endlich hatte er etwas gefunden, womit er den Drachen ärgern konnte. Er wäre verrückt, wenn er das nicht nutzte.

„Denk nicht mal dran.“ Azhdahar knurrte leise, denn allein die Vorstellung war lächerlich und für ihn, als Thronfolger, vollkommen indiskutabel. Wie sah das denn aus, wenn ein Sklave auf dem zukünftigen König ritt? „Lila ist eine Farbe für Frauen, aber nicht für Männer und bisher hat es auch noch keinen mit dieser Farbe gegeben.“

„Hey. Wenn die Farbe noch keiner hatte, bist du einzigartig. Wäre das nicht toll? Der einzige lilafarbene Drachen im ganzen Reich. Hoch über den Wolken trägt er seinen Lieblingsmenschen durch die Lüfte. Das wäre doch voll cool. Die Drachendamen dürften Schlange stehen“, lachte Evren und wich vorsichtshalber ein Stück zurück, sprang aber zur Seite, als es an der Tür klopfte.

„Das wird nie passieren.“ Azhdahar knurrte schon wieder, wurde aber von dem Klopfen abgelenkt. „Bring Evren auf sein Zimmer und sag Lita, dass sie jetzt seine Leibdienerin ist. Er ist ein Pflanzenesser und sie soll sich dementsprechend verhalten. Alles weitere, was sie wissen muss, wird sie von Evren selbst erfahren.“ Er wandte sich wieder an Evren. „Schlaf dich aus, wir sehen uns morgen früh. Vor deiner Tür wird eine Wache stehen. Nur zur Sicherheit.“

Mit einem schelmischen Grinsen wollte Evren noch fragen, ob die Wache dafür da wäre, dass keiner zu ihm rein konnte oder damit er nicht hinaus konnte, aber das verkniff er sich vor dessen Dienern. Er hatte begriffen, dass es für Azhdahar um mehr ging, als bei ihm selbst. „Aha, Lita heißt sie also“, sagte er stattdessen und raffte noch sein Oberteil, was er sich wegen der frischen Wunden aber nicht überstreifen konnte, ohne es zu verdrecken.

„Man sieht sich“, rief er über die Schulter, als er die Räume des Prinzen verließ.

„Ich befürchte es“, murmelte Azhdahar launisch. Ihm war einfach nur noch danach, sich zu betrinken. So einen beschissenen Tag hatte er noch nie erlebt und dieses Desaster morgen seinen Eltern zu erklären, ließ ihn auch nicht gerade in Begeisterung ausbrechen. Er wusste jetzt schon, was kommen würde und im Endeffekt lief es darauf hinaus, dass er sich selbst darum zu kümmern hatte, das wieder in Ordnung zu bringen.

„Warum immer ich?“, knurrte er, goss sich das erste Glas Wein ein und stürzte es in einem Zug runter.



Währenddessen folgte Evren dem Diener durch die Gänge. Er war ein wenig betrübt darüber, dass es nicht die nette Kleine von vorhin war. Doch umso besser. So konnte er sich noch adrett herrichten, so gut das hier ohne seine eigenen Klamotten ging und sie dann ein bisschen umwerben. Mal sehen, was sich da noch ergab. Vielleicht konnte man den launischen Drachen ein wenig vergessen - so gut das ohne Sex eben möglich war.

„Warum immer ich?“, murmelte er, als er die Tür endlich hinter sich zu machte und er allein war. Zumindest war das hier keine Abstellkammer, wie vorher. Von der Ausstattung her kam es dem Prinzenzimmer gleich, wenn es auch etwas schlichter gehalten war und es hatte einen eigenen Balkon. Erschrocken stieß er sich von der Tür ab, als es klopfte.

„Herr? Ich bin Lita, eure Leibdienerin. Darf ich reinkommen?“, fragte eine Frauenstimme von der anderen Seite. Und sofort grinste Evren zufrieden.

Warum sich noch groß in Schale werfen, wenn man auch gleich mit dem glänzen konnte, was man hatte? Hastig wischte er noch einmal über die nässende Tätowierung und trat einen Schritt beiseite. „Komm rein, ich hab schon auf dich gewartet“, rief er und lehnte sich am Pfosten des großen Bettes in Pose.

Gleich öffnete sich die Tür und Lita verbeugte sich, so wie es sich gehörte. „Was darf ich für euch tun?“, fragte sie eifrig und traute sich gar nicht, ihren neuen Herrn anzusehen, denn sie wusste nicht, ob ihr das erlaubt war. Evren hingegen musterte die junge Frau eindringlich und ausgiebig. Das lange, braune Haar war in einem geflochtenen Zopf gefasst. Der schlanke Körper steckte in einer Art Hosenanzug. Auf das äußere ihrer Dienerschaft schienen die Drachen aber wirklich nicht viel Wert zu legen. Was sprach gegen eine adrette Dienstmädchenuniform mit einem kurzen Rock und einem hübschen Häubchen?

„Wenn ich dir sage, was du für mich tun könntest, würde uns aber das Prinzlein auf die Pelle rücken“, grinste Evren anzüglich und ließ sich aufs Bett fallen. Im Augenblick hatte er noch keine wirkliche Verwendung. So winkte er Lita näher zu sich. „Also, erzähl mir von dir und von dem Schloss. Was muss ich wissen, wenn ich am Leben bleiben will? So schnell werde ich hier wohl nicht weg kommen.“

Irritiert sah Lita nun doch auf und wurde rot, als sie den Gesichtsausdruck ihres neuen Herrn sah und senkte wieder den Blick. „Was möchtet ihr von mir wissen? Mein Name ist Lita und ich bin 22 Jahre alt. Ich bin hier im Schloss geboren und diene, genau wie meine Eltern, der königlichen Familie. Als Mensch sollte man so unauffällig wie möglich sein. Drachen sind launisch und unberechenbar. Die meisten zumindest. Es gibt auch Ausnahmen. Ihr müsst euch daran aber nicht halten, denn ihr tragt das Zeichen des Prinzen. Niemand wird euch etwas tun. Ihr könnt überall hingehen, wo ihr hin möchtet, solange Prinz Azhdahar es euch nicht verbietet.“

„Ach?“ Evren war zum Kopfende des Bettes gerobbt, schob sich die Arme unter den Kopf und sah nun seine neue Leibdienerin neugierig an. Wirklich schade, dass sie ihrer Bezeichnung nicht alle Ehre machen durfte und seinem Leib dienen, aber nun gut. „So lange Prinzlein damit leben kann, kann ich machen, was ich will?“ Das war gar nicht so übel! „Dann will ich irgendwann mal das Schloss sehen, aber jetzt habe ich Hunger und ich bin müde. Ich würde sagen, lass was zu essen besorgen und dann komm zu mir.“

„Aber natürlich, Herr. Damit ich das Richtige bringe, brauche ich noch ein paar Informationen. Ich weiß, dass ihr kein Fleisch esst. Wie sieht es aus mit Eiern, Milch oder Käse?“ Sie sah Evren wieder an, denn ihren Herrn schien das nicht zu stören. „Morgen kommt dann noch der Schneider. Er wird euch vermessen und eure Kleidung fertigen. Bis dahin müsst ihr leider noch die Kleidung tragen, die vorrätig ist.“

„Wow, cool“ Evren war wirklich begeistert. Auch wenn die Nachteile hier noch immer überwogen, konnte er seinem Dasein auf diesem Planeten langsam etwas Gutes abgewinnen. Eigentlich kannte er solcherart Leben nur aus seinen alten Märchenbüchern, doch nun selbst eine eigene Dienerin zu haben? Das würde ihm keiner glauben. Kleider nach Maß, Essen nach Wunsch und dann noch unter dem Schutz des Prinzen, egal was das für ein Ekel war.

„Ich esse alles außer Fleisch. Bei uns auf der Erde haben wir Tofu, vergorenes Soja. Kennt ihr so was?“, wollte er wissen. „Gemüsebratlinge wären auch nicht übel. Herzhaft sollte es sein.“

„Das weiß ich leider nicht, ob es bei uns so etwas Ähnliches gibt, wie dieses Tofu. Was ist denn dieses Soja? Mag sein, dass wir Vergleichbares haben, nur mit anderem Namen. Als die Menschen auf die Erde gebracht wurden, bekamen sie auch Saatgut und Tiere mit, damit sie sich ernähren konnten.“

„Soja sind eiweißreiche Bohnen, die vergoren werden. Ist aber nicht so schlimm, ich esse auch was anderes. Hauptsache viel, denn ich habe schreienden Hunger.“ Evren seufzte und rollte die Schultern. Vielleicht musste er sich doch erst einmal in der Küche umsehen. Vielleicht fand er etwas, was er vom Sehen kannte. Doch nicht jetzt. Jetzt wollte er nur noch essen und etwas Ruhe und die süße Kleine durfte ihm gern den Bauch kraulen.

„Ich werde mich erkundigen.“ Lita verbeugte sich wieder und lächelte leicht. Ihr neuer Herr war anders, als sie gedacht hatte und bis jetzt viel angenehmer als die Drachen, denen sie bisher gedient hatte. „Ich bringe dann auch noch eine Salbe mit, für euer Tattoo, damit es besser heilt. Soll ich sonst noch etwas besorgen? Wein oder Saft?“

„Bring am besten etwas Wasser mit, das ist unverfänglich“, sagte Evren. Damit konnte er vorerst nicht viel falsch machen. Wenn er eine Nacht über alles geschlafen hatte und er morgen immer noch hier war, würde ihn sein erster Weg in die Küche führen - aber nicht jetzt.

„Lass dir bitte nicht so viel Zeit, ich hab Hunger, Süße“, sagte er noch und kuschelte sich tiefer in die Kissen. Zwar war das Bett mindestens so groß wie sein eigenes, doch das hier war weicher, allerdings nicht unangenehm.

„Aber natürlich, Herr.“ Lita lächelte schüchtern und machte sich dann gleich auf den Weg, die Wünsche ihres Herrn zu erfüllen. Zuerst hatte sie Angst gehabt, weil keiner wusste, wie dieser Fremdling von der anderen Welt war, aber so wie es aussah, war er so wie die anderen Menschen, aber auch wieder anders, denn er fürchtete sich nicht vor den Drachen. Das würde bestimmt noch interessant werden und die junge Frau freute sich darauf, Evren zu dienen.