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Der lange Weg vom W?lfchen zum Wolf - Teil 5 bis 8

05 - Junges Gemüse mit Laub


„Wo? Was? Boah!" Gleich steckte Wölfchen den Kopf aus dem Fenster und sah sich um. Da erblickte er den Turm. Da sollten sie wohnen? Der war großartig und hoch und so schön steingrau und er hatte ein Gärtchen. In dem konnte Wölfchen vielleicht Zeit verbringen, damit er Leviathan nicht so sehr auf die Nerven ging.

Leviathan war weniger angetan, aber er sagte nichts. Irgendwie würde er sich schon arrangieren. Solange es einen vernünftigen Herd, eine Dusche und ein bequemes Bett gab, kam er zurecht. Wenn der Schrank noch für seine Klamotten ausreichte, dann war es geradezu perfekt. Weil Wölfchen gerade abgelenkt war, brachte er seinen Puschel in Sicherheit und strich ihn ein wenig glatt. Es dauerte nicht mehr lange und sie standen vor dem Turm, den der Kutscher ihnen aufschloss und dann wieder fuhr. „So, Kurzer, Sachen hoch bringen, umsehen und dann was zu Essen kochen“, bestimmte der Drache und nahm den Schlüssel an sich.

„Und das ist jetzt Rapunzel? Wirst du gleich ein Kleid anziehen?", fragte Wölfchen. Er hatte ja noch keinerlei Vorstellung, was eigentlich passieren würde. Er kannte das Märchen nur im Groben und er wusste, dass Rapunzel hübsch war und lange Haare hatte. Na ja? Er guckte sich den Drachen an. Feminin wirkte der nicht - und die Haare? Um nicht weiter nachdenken zu müssen, griff er sich seine Tasche und stieg die ersten Treppen hinauf - das war anstrengend! „Kann ich nicht an deinen Haaren nach oben gezogen werden?", moserte er leise.

„Rudi“, knurrte der Drache. Es war schon erniedrigend genug, dass er eine Frau spielen musste, da brauchte er nicht noch einen vorlauten Wolf, der ihn ärgerte. „Moser nicht rum, du hast nur einen kleinen Rucksack. Ich habe den ganzen Rest." Mit seinem Koffer und den Einkäufen war er ziemlich bepackt, darum ließ er die Lebensmittel erst einmal auf dem ersten Absatz stehen und folgte Wölfchen.

„Na klasse“, brummte er verstimmt, denn es gab nur ein einziges Bett. Das hatte ihm auch noch gefehlt. Zumindest war es recht breit, das war wenigstens etwas. Leider war sein kleiner Freund nicht ganz so schnell, denn er sah sich suchend um, ehe er resigniert feststellt: „Und wo schlafe ich?" Dass das Bett für Rapunzel war, war ihm schon klar. Aber ein kleiner Freund für die Märchenfigur war wohl nicht eingeplant. Von dem kleinen Katzenkörbchen in der Ecke mal abgesehen, doch das war für Wölfchen irgendwie zu eng.

„Wir müssen uns das Bett teilen. Rapunzel hat hier bisher alleine gelebt und ein Wolf-Häschen war bisher nicht eingeplant“, erklärte Leviathan ihm und wuchtete seinen Koffer auf den kleinen Tisch neben dem Bett, damit er ihn bequem auspacken konnte. Er blickte noch kurz ins Badezimmer und nickte. Kein großer Luxus, aber alles, was man brauchte. „Komm, wir holen den Rest und dann mache ich uns ein leckeres Kartoffelgratin und einen Salat.“

Wölfchen musste über alles erst einmal nachdenken. Nur ein Bett? Und das bei seinen Angewohnheiten? Leviathan würde ihn rauswerfen. Da konnte er auch gleich im Katzenkorb schlafen. Doch besser sagte er nichts, sonst gab es gleich wieder Ärger und Leviathan schimpfte. Das mochte Wölfchen nicht und vermied es, wo es nur ging. Er wollte immer von allen gemocht werden. Also stromerte er los, um die Taschen mit den Einkäufen zu holen.

Gemeinsam hatten sie alles schnell nach oben gebracht und Leviathan gab Wölfchen alles an, was in den Kühlschrank musste. Der Rest kam in den Vorratsschrank und alles Fleisch, was dort schon eingelagert war, in den Müll. „Okay, Kleiner, kannst du Gemüse klein schneiden, für den Salat?“, fragte er und zog sich den Mantel aus. Er krempelte sich noch die Ärmel hoch, gab die Kartoffeln in einen Topf und stellte ihn auf den Herd. Die Küche war gut ausgestattet, was die Laune des Drachen wieder hob. Zum Glück sah die Kamera - und somit die Kinder - nicht in jede Ecke des Turmes. Sie sahen nur den Teil, in dem Rapunzel sitzen musste und auf ihre Hexen-Mutter wartete. Diese Ecke war auf alt getrimmt. Ein Spinnrad vor alten, grauen Mauerwänden. Spinnenweben an den Seiten - richtig gruselig.

Um diese Ecke machte Wölfchen einen großen Bogen, ehe er in die Küche gedüst kam, um zu helfen. „Allerdings bin ich nicht sehr gut, manchmal schneide ich mich", gab er leise zu. Es war selten, dass all seine Finger ohne Pflaster waren.

„Ach, sei einfach vorsichtig und wenn es nicht geht, dann ist es okay. Mach ruhig langsam die Kartoffeln brauchen noch ein wenig.“ Leviathan wuschelte Wölfchen durch die Haare und überlegte. „Oder du machst das Dressing und ich schneide. Das ginge auch“, bot er an. So nervig der Kleine auch manchmal war, verletzen sollte er sich nicht.

„Dressing? Wer ist Dressing? Hat der auch einen Puschel? Kommt der zum Essen?" Wölfchen hatte keinen Schimmer, was das schon wieder war, also griff er sich lieber das Gemüse. Da wusste er wenigstens, worum es ging.

„Dressing, ist die Salatsoße“, erklärte Leviathan und ging in den Vorratsraum, wo er alles, was er brauchte, zusammen suchte. Wenn sie schon zusammen hier leben mussten, dann konnte er Wölfchen auch Kochen beibringen. Schließlich wusste keiner, wie lange sie zusammen unterwegs waren.

„Da macht man Soße drüber?", fragte Wölfchen ein bisschen angewidert. Er stupste mit dem Finger gegen das grüne Ding, was auf dem Tisch lag und schnüffelte daran. Derartiges hatte er noch nicht gesehen - was das wohl war? Er kannte außer Möhren und Kartoffeln und Brot nicht sonderlich viel, das wurde ihm gerade bewusst. Neugierig geworden kroch er also in den Beutel und guckte, was er noch fand.

Alles, was er nicht kannte, holte er raus und das war so ziemlich alles. Mit vollen Armen stand er da und Leviathan musste, ohne es zu wollen, lachen, als er gefragt wurde, warum sie denn Laub gekauft hätten. Das könne man doch nicht essen. „Das ist kein Laub, sondern Salat und er schmeckt gut“, lachte der Drache und erklärte auch gleich, was sie sonst noch alles hatten. „Das sind Tomaten, Paprika, Radieschen und eine Gurke“, zählte er auf und gab dem Wolf von jedem ein Stückchen zum probieren.

Mutig, wie Wölfchen war, versuchte er alles, verzog bei der Tomate aber angewidert das Gesicht. „Bä", seine Zunge hing aus dem Mund und er schüttelte sich, dass die Ohren schlackerten. Der Rest war ganz annehmbar, teils sogar ziemlich lecker. Aber seinen Möhren würde er wohl nicht untreu werden.

„Okay, keine Tomaten für dich.“ War gut, dass sie das vorher probiert hatten. Bekam der Wolf seinen Salat ohne. Er schnitt zwei Portionen Gemüse klein, weil Wölfchen sie so sehr liebte, auch Karotten und mischte dann das Dressing. Weil sein kleiner Freund so etwas nicht kannte, mischte er einmal ein mildes Joghurtdressing und dann noch eine Vinaigrette. „Probier mal, ob dir das schmeckt.“ Leviathan machte zwei kleine Schälchen mit den beiden Soßen fertig und schob sie Wölfchen rüber.

Skeptisch und unentschlossen tauchte er seine Finger rein und leckte sie ab. Tauchte noch einmal, leckte wieder. Das wiederholte er so lange, bis er aufgab. „Hallo? Geschmack? Bist du da irgendwo?", fragte er die Schälchen leise und nickte dann aber Leviathan zu. „Hm, is' okay", murmelte er, weil er nicht unhöflich erscheinen wollte, wackelte aber angespannt mit den Ohren, bis er sie ganz anlegte.

Leviathan fühlte sich ein wenig verarscht, was man an seinen zusammengezogenen Augenbrauen sehen konnte, aber er sagte nichts, sondern gab Wölfchen seinen Salat ohne Dressing. „Musst du nicht essen, wenn du es ohne lieber magst“, murmelte er und lenkte sich damit ab, die Kartoffeln abzugießen und zu pellen. Routiniert bereitete er das Gratin vor und schob es dann in den Ofen.

Während dessen untersuchte Wölfchen das Zeug in seiner Schüssel. Das Laub machte ihn immer noch skeptisch, weil er das noch nicht gekostet hatte. Vorsichtig versuchte er sich daran und ließ heimlich die Zunge aus dem Mund hängen. Das schmeckte ja wie Gras, es war vielleicht doch das Beste, wenn man es in diesem Dress-Ding ersäufte und es kam wie es kommen musste: er kleckerte sich was davon auf die Hose und quietschte erschrocken.

Leviathan schnitt sich fast in den Finger vor Schreck und wirbelte zur Wölfchen herum. So tollpatschig, wie der Wolf war, sah er ihn schon blutend am Boden liegen und als er sah, dass da nur ein kleiner Fleck auf der Hose war, seufzte er nur. „Zieh dich um, dann kommt die Hose in die Wäsche.“ Das würde ja noch was geben, wenn das so weiter ging. Er hatte für ein paar Augenblicke das ungute Gefühl, sich ein Kind angelacht zu haben - schlimmer noch, den Kleinen adoptiert zu haben und den nun am Bein kleben.

„Ja, mach ich", murmelte Wölfchen und kroch - wo er war - aus seiner Hose und guckte, ob sein hübsch geblümter Schlüpfer auch was abbekommen hatte. Dass er den dazu runter ziehen musste, versteht sich ja mal von selbst.

Er konnte nicht sehen, wie Leviathan die Augen verdrehte, aber der Drache sagte nichts und unterdrückte auch ein Seufzen. Er sagte erst etwas, als Wölfchen gar nicht fertig wurde mit gucken und er seine Unterhose immer weiter runter zog, so dass nichts mehr verborgen war und ihm das langsam zu viel wurde. „Kannst sie anlassen, ist nichts dran. Los umziehen, dann gibt’s essen.“

„Öhm - ja." Wölfchen zog sich schnell wieder etwas über, als er bemerkte, was er getan hatte und verschwand mit seinem Rucksack im Bad. Das war ja so peinlich! Schnell wurde die schmutzige Hose entsorgt und weil er nichts weiter zum wechseln hier hatte, blieb er einfach wie er war. Hemd und Unterhose, im Turm war es ja warm genug - zum Glück. Und weil er schon mal hier war, wusch sich Wölfchen gleich noch die Hände. Das machte man nämlich vor dem Essen so, hatte Mama immer gesagt.

Als er wieder in die Küche kam, war der Tisch gedeckt und das Gratin dampfte und verbreitete einen köstlichen Duft. „Setz dich.“ Leviathan saß schon und hatte schon etwas auf den Teller gegeben, damit es abkühlen konnte. Er hoffte, dass seine Hauptspeise besser ankam, als der Salat.

„Ja, mach ich." Wölfchen nickte eifrig und sein Magen knurrte zustimmend. Er wollte endlich essen. Also ließ der junge Wolf erst einmal den Salat beiseite und stürzte sich auf das dampfende Essen. „Heiß, heiß, heiß", zischte er immer wieder und testete mit den Lippen und der Zunge, jammerte leise, doch er hatte Hunger, also überging er den Schmerz und fing an zu essen.

Er bekam ein Glas kaltes Wasser hingestellt, damit er seinen Mund ab und zu wieder abkühlen konnte. Der Drache ging es etwas langsamer an und musste immer wieder über den jungen Wolf schmunzeln, wenn er jammerte und versuchte, die Kartoffeln mit schnellem Atem abzukühlen. Schließlich hörte er sogar auf zu essen, damit er ihn ungestört beobachten konnte. Es war eh noch zu heiß.

Wölfchen bemerkte es kaum, dass er zum Amüsement seines Begleiters beitrug. Lieber kämpfte er hechelnd, fauchend, schimpfend und jammernd mit der Materie und versuchte satt zu werden, ohne dabei zu sterben - an sich kein leichtes Unterfangen. „Bist du auch so heiß?", fragte er die nächste Kartoffel vorher, doch die stellte sich quer und verweigerte einfach die Aussage, so lange ihr Anwalt noch nicht da war. Also zuckte Wölfchen die Schultern und das Spiel ging von vorn los. Pusten, hecheln, tränen, schlucken, jammern.

Leviathan hatte schließlich Erbarmen mit ihm. Da er erst nur wenig auf Wölfchens Teller gepackt hatte, weil er nicht wusste, ob es ihm schmeckte, gab er noch etwas auf einen zweiten Teller, damit es abkühlen konnte. Bei dem Schauspiel war man wirklich immer wieder versucht, dem Kleinen zu sagen, er solle den Mund aufmachen, damit man pusten konnte. Der Drache schüttelte über sich selber den Kopf, denn solche Gedanken waren ihm völlig fremd. Aber der junge Wolf rüttelte irgendwie an seinem Beschützerinstinkt.

Hungrig quälte sich Wölfchen also durch seinen Futterberg, schmeckte kaum, was er aß, weil nun mittlerweile alles verbrannt war und da war der kalte Salat eine wahre Wohltat - und das Dress-Ding erst! Es kühlte beim Schlucken und Wölfchen seufzte zufrieden, während sein Schweif verrückt hin und her wedelte.

So war auch sein Salatschälchen komplett leer, als er seinen Teller von sich schob. „Was Kühles zum Nachtisch?“, fragte der Drache, der in der Kühltruhe eine noch unangebrochene Packung Eis gefunden und keine Hemmungen hatte, sie zu öffnen. Schließlich mussten sie hier arbeiten und somit gehörte alles, was in der Truhe und dem Kühlschrank war, ihnen. Sie konnten froh sein, dass die Märchenverwaltung diese Technik genehmigt hatte, denn sie durfte auf gar keinen Fall in den Märchen sichtbar sein. Dort sollte alles noch so sein wie vor hunderten von Jahren.

Unentschlossen nickte Wölfchen und ließ immer mal unauffällig seine Zunge ins Wasserglas hängen. Die tat nämlich ziemlich weh. Doch es war nichts Neues, zu Hause war ihm das auch oft passiert. Er gähnte verhalten und hängte wieder seine Zunge ins Glas, egal wie albern das aussah. Dabei hingen seine Ohren kläglich nach unten.

„Nimm lieber das, das hilft besser.“ Leviathan stellte ihm etwas Erdbeereis hin und räumte den Tisch ab, dabei hörte er Wölfchen immer wieder gähnen. „Geh Zähneputzen und dann ins Bett“, sagte er schließlich. „Ich mach die Küche sauber und dann komm ich auch. Lass mir also Platz im Bett.“

Morgen bekam der Kleine Unterricht, ob er wollte oder nicht, aber heute hatte er noch Schonfrist.

„Oi! Lecker!" Wölfchen nahm gleich die Schüssel an sich und vergaß alle guten Manieren, die er je besessen hatte, denn er leckte wie ein normaler Hund und seine Zunge fand das ziemlich gut. Es linderte den Schmerz und der junge Wolf stöhnte dabei laut und zufrieden. „Hm", immer wieder kehlig und dunkel - es wollte gar nicht zu dem naiven Wölfchen passen.

Leviathan, der gerade die Spülmaschine einräumte – das war eins der Vorteile, wenn man einen Frauenjob übernahm, dort gab es immer Spülmaschinen, weil man sich ja sonst die Nägel ruinierte – schauderte unwillkürlich und sah sich um. Dass dieser kleine, zierliche Junge zu solchen Geräuschen fähig war, mochte man gar nicht glauben. Der Kleine überraschte ihn doch immer wieder.

„Oh, ist das gut!" Wölfchen ließ seine Zunge immer wieder über das Eis huschen und er machte immer wieder Laute des Wohlwollens. Dabei räkelte er sich auf seinem Stuhl und verging fast vor Genuss. Eis war eben immer wieder eine Köstlichkeit und es linderte den Schmerz. Das Schälchen war komplett leergeleckt, als er es von sich schob.

„Besser?“, fragte der Drache und zupfte Wölfchen an den Ohren. „Los, Zähne putzen und dann gehst du ins Bett. Morgen ist dein erster Arbeitstag, da musst du fit sein.“

„Ja." Nickend erhob sich Wölfchen und wischte sich mit dem Handrücken noch die Lippen und das Kinn sauber, doch dann machte er, dass er ins Bad kam und machte sich bettfein. Weil er immer nackt schlief und er das nicht anders kannte, wuselte er so wie er war mit Fluffy im Arm zum Bett, um schnell unter die Decke zu kriechen. Dabei konnte sein Schwanz wirklich nur das Nötigste verbergen.

Leviathan beschloss spontan, heute auf jeden Fall eine Pyjamahose anzuziehen, aber er sagte weiter nichts, denn das hätte den Kleinen nur wieder verwirrt und zu Fragen angeregt, die er sich jetzt nicht mehr antun wollte. Der Drache war auch müde, denn er war schon vor Sonnenaufgang aufgestanden. So nahm er alles, was er brauchte, mit ins Bad und kam frisch geduscht wieder ins Zimmer. Sein Puschel klebte nicht mehr und so fühlte er sich viel besser. „Hier.“ Er legte seinen Puschel neben Fluffy, damit Wölfchen damit kuscheln konnte. Schließlich hatte er es ihm versprochen.

„Danke", nuschelte Wölfchen, er war schon halb weggedämmert. „Hab dich lieb, Mami", murmelte er und legte sich bequem, rollte sich zusammen und raffte alles an sich. Dabei drehte er sich in die Decke und seufzte. Die erste Nacht im fremden Bett - hieß es nicht, was man da träumt würde wahr werden?

„Schlaf gut.“ Leviathan legte sich bequem hin und war froh, dass es zwei Decken gab, denn Wölfchen hatte sich in seine komplett eingedreht. Er schloss die Augen und versuchte sich einzubilden, dass er in seinem Zimmer zu Hause lag und wenn er morgen die Augen aufmachte, war alles, was er heute erlebte hatte, nur ein Traum gewesen. Über diese Gedanken schlief er ein.



06 - Rapunzel und das Hasenwölfchen


Als Wölfchen am Morgen zu sich kam, war es gar nicht so leicht, den ersten Weg ins Bad anzutreten, weil er sich nicht nur in seiner Decke verheddert hatte, er hatte sich irgendwie auch noch in Leviathans Schwanz gewickelt und kaute dabei auf dem Puschel herum. „Morgen", murmelte er und kämpfte nun mit den Widrigkeiten der Materie in Form der aufdringlichen Decke.

Von der anderen Seite des Bettes kam nur ein aggressives Knurren und Leviathan streckte seinen Schwanz, der dann gleich wieder unter der Decke verschwand. Der Kurze sollte ihn heute besser in Ruhe lassen, nach dieser Nacht. Kaum dass der Drache eingeschlafen war, hatte ihn ein Tritt getroffen, dann noch einer und zwar so heftig, dass Leviathan fast aus dem Bett geflogen wäre. Es hatte in seinem Halbschlaf etwas gedauert, bis er realisiert hatte, dass Wölfchen der Urheber war, denn der junge Wolf schlug und trat um sich. Dabei weinte und jammerte er, dass der Drache versucht hatte, ihn zu beruhigen. Das einzige, was er erreicht hatte war, dass er immer wieder von Händen und Füßen getroffen wurde. So ging das fast die ganze Nacht, nur immer von kurzen Pausen unterbrochen und kaum, dass Leviathan eingeschlafen war, ging es wieder los.

Wölfchen hatte davon nichts bemerkt, sondern fest geschlafen. Er träumte eben nur immer schlimme Sachen. Mal klaute ihm jemand seine Möhren, mal war er ohne Hose in der Schule und alle lachten ihn wegen seiner geblümten Schlüpfer aus. Mal musste er vor einem Rudel wild gewordener Wespen flüchten - es war die Hölle, jede Nacht aufs Neue. Nur gut, dass er jetzt wach war. Doch die Blase drückte und er hatte sich in der Decke verheddert. Er kam nicht vor und nicht zurück.

„Thano!", wimmerte er leise, langsam wurde der Drang für den Badgang akut!

„Was?“ Der Drache schoss hoch und blickte wütend auf Wölfchen runter. Reichte es nicht, dass der Kleine ihn die ganze Nacht traktiert hatte, jetzt konnte er noch nicht einmal die letzte halbe Stunde schlafen, bis sie aufstehen mussten. Er hatte schnell verstanden, welche Probleme der Wolf hatte. Mit einem lauernden Ausdruck im Gesicht sah er auf Wölfchen runter. „Ich soll dir helfen?“, fragte er und zog mit einem Ruck an einem der Deckenzipfel, so dass der kleine Wolf ausgewickelt wurde und wie die Füllung eines übergroßen Pfannkuchens rollte der nackte Wolf quietschend über das Bett, wo er mit Schwung über die Kante ging und überrascht und jammernd auf dem Boden aufschlug.

„Aua!", wimmerte er und erhob sich langsam. „Du bist gemein, bl!", machte er zu dem bösen Drachen und wuselte mit seinem verbogenen Schwanz ins Bad.

„Ich bin gemein?“, schrie Leviathan Wölfchen wütend hinterher. „Ich müsste dich eigentlich noch ein paar Mal aus dem Bett schmeißen, für das, was ich wegen dir heute Nacht erdulden musste. Wegen dir habe ich unter Garantie am ganzen Körper blaue Flecken.“ Wütend wie er war, schmiss der Drache sich wieder ins Bett, damit er wenigstens die letzte halbe Stunde noch Ruhe hatte.

Und weil Wölfchen den Ausbruch nicht verstand, blieb er auch nach der Erleichterung erst einmal im Bad und setzte sich sicherheitshalber vor die verschlossene Tür, damit keiner rein kam. Was war denn mit Thano los? Was hatte Wölfchen denn gemacht? Er hatte doch nur den Puschel geflauscht, aber das hatte der Drache ihm doch erlaubt. Wölfchen war verwirrt.

Leviathan war sofort wieder eingeschlafen, aber die halbe Stunde, bis der Wecker klingelte, machte ihn nicht wacher und besser gelaunt. Wenn das jetzt jede Nacht so ging, dann konnte der Wolf schlafen, wo er wollte, aber nicht mehr bei ihm im Bett. Gähnend streckte sich der Drache und stand auf. Sein erster Weg ging zu dem großen Spiegel, wo er sich einmal genau ansah. Das hatte er befürchtet. Überall dort, wo er Haut sehen konnte, bildeten sich blaue Flecken, was seine Laune nicht gerade förderte. „Mach hin, ich muss auch ins Bad“, rief er durch die geschlossene Tür.

Wölfchen war am Boden zerstört. Was war denn nur passiert, dass Thano jetzt so wütend auf ihn war? Mit hängenden Ohren kroch er in seine Hose und schlurfte tonlos aus dem Bad, suchte sich eine stille Ecke und ließ sich wieder sinken. Dabei kniff er die Augen zu und hoffte, dass niemand ihn sah und dann auch keiner mit ihm schimpfte.

Leviathan war nach der Dusche wieder ein wenig mit der Welt versöhnt, auch wenn er immer noch keine gute Laune hatte. Er brauchte gleich noch eine Tasse Kaffee, dann ging das schon wieder. Seine langen Haare fasste er zu einem Zopf zusammen, weil er ja gleich die Rapunzel Perücke aufsetzen musste. Mit einem Handtuch um die Hüften kam er wieder in den Wohnraum. „Auch Kaffee zum Frühstück?“, fragte er Wölfchen und begann schon mal den Tisch zu decken. Doch alles, was passierte, war, dass Wölfchen die Augen noch mehr zusammenkniff, damit man ihn so gar nicht sah. Sicher hatte Thano mit dem Stuhl geredet. Auch Stühle brauchten ein gutes Frühstück für den Start in den Tag. Er rutschte also noch etwas in sich zusammen, rollte sich ein und legte nun zu seinen Händen auch noch seinen Schweif über die Augen. Sicher war sicher.

„Rudi, krieg ich 'ne Antwort?“, rief Leviathan schon wieder etwas gereizt und hatte dann die Nase voll, als immer noch keine Antwort kam. Er ging zu Wölfchen rüber und zog ihm Hände und Schweif von den Augen. „Sag mal, was soll das jetzt? Erst trittst und schlägst du mich die ganze Nacht, so dass ich nicht schlafen kann und überall blaue Flecken kriege“, der Drache zeigte auf seine Rippen, wo schon leichte Schatten zu sehen waren, „und wenn ich dich nach Frühstück frage, dann antwortest du nicht. Wenn hier einer Grund zum Schmollen hat, dann bin ich das ja wohl.“

Wölfchen guckte ihn nur aus großen Augen unverständlich an - das musste man nicht extra betonen, das sah man einfach. Was redete der Drache? „Ich habe noch nie jemanden geschlagen und...", schluchzte er und kniff wieder die Augen zu. Leviathan guckte so böse, das wollte Wölfchen nicht. Er ging Konflikten nämlich sehr gern aus dem Weg, wenn sich das einrichten ließ.

„Das mag stimmen, wenn du wach bist, aber nicht, wenn du schläfst. Dann haust und trittst du um dich“, seufzte Leviathan, als die ersten Tränen kullerten. Er nahm eins der Geschirrtücher und wischte die glitzernde Tränenspur weg. „Was war denn los heute Nacht? Hast du schlecht geträumt?“

„Weiß nicht, hab ich vergessen, als ich aus dem Bett gefallen bin", murmelte Wölfchen und senkte den Kopf. Er hatte es also wieder getan. „Ich schlaf einfach nächste Nacht wo anders, da findet sich schon was", erklärte er, denn über seinen Traum wollte er nicht reden. Das war zu peinlich! „Ich fall dir dann auch gar nicht mehr zur Last." Zumindest hoffte er das.

„Warten wir ab.“ Leviathan wollte sich da jetzt nicht festlegen, so traurig, wie der Kleine guckte. Wie sollte er denn dann gleich ein fröhliches Häschen spielen. „Frühstücken wir erst einmal und dann machen wir uns für die Arbeit fertig." Der Drache sah sich um und sah ihre Arbeitskleidung auf einem Stuhl liegen.

„Dein Puschel ist da“, versuchte er den kleinen Wolf aufzumuntern. Es gelang sogar ein wenig, denn Wölfchen sah sich suchend um. „Wirklich?" Die Ohren stellten sich auf und wackelten, selbst der Schwanz des Wolfes wurde wieder lebhafter. Wie schnell dieser Wolf doch abzulenken war! Natürlich wollte er seinen Puschel gleich anziehen und ließ wieder die Hose fallen.

Zu seiner eigenen Verwunderung nahm der Drache das einfach hin und störte sich nicht daran, dass der Kurze schon wieder nackt vor ihm stand. „Dann legst du aber ein Tuch drüber beim Frühstück, damit nichts dreckig wird“, bestimmte er und machte sich daran, den Kaffee aufzusetzen und den süßen Brei zu kochen.

„Ich esse nicht, ich bin ein Häschen! Die trinken keinen Kaffee und essen keinen Brei. Ich nehme Karotten", erklärte Wölfchen und schlüpfte in sein Kostüm - er war endlich ein Häschen! Kuschelig weich und flauschig, bepüschelt und unglaublich süß! Kaum hatte er die Kapuze mit den Ohren aufgesetzt und den Reißverschluss am Bauch zugezogen, fing er an zu hüpfen - auf und ab, auf und ab.

„Wie du meinst. Wer nicht will, der hat schon.“ Leviathan zuckte mit den Schultern. Gab es eben mehr für ihn. Er gab den fertigen Brei in eine Schale und ließ ihn abkühlen, während er sich anzog. Da stand er nun in seinem Kleid, mit dem geschnürten Mieder und seine Laune sank schon wieder, obwohl er seine Perücke noch nicht aufhatte. Ob er das den ganzen Tag aushielt, war fraglich, denn er kriegte schlecht Luft.

„Verdammte Schei…“, fluchte er leise. Das war wirklich ein Albtraum.

„So was Böses sagt man doch nicht, Rapunzel. Denk doch an die Kinder", erklärte Hoppel-Wölfchen, als er leichtfüßig an Leviathan vorbei huschte. „Außerdem bist du sehr niedlich", kicherte er albern und flauschte die ganze Zeit den Puschel am Hintern seines Kostüms. Für Wölfchen war die Welt wieder in Ordnung.

„Du musst ja auch keinen Schraubstock tragen und ich bin nicht niedlich“, knurrte Leviathan und sah neidisch auf das locker sitzende Häschengewand, das nirgendwo einengte. Wie sollte er denn so noch etwas essen? Da wurde es ja noch enger, aber er musste, ohne Essen hielt er es nicht den ganzen Tag aus. Darum setzte er sich an den Tisch, schob die Schüssel aber nach wenigen Bissen von sich.

„Schmeckt's nicht?" Hoppel-Wölfchen hüpfte wieder am Tisch vorbei, doch er hielt besorgt inne, weil der Drache so komisch guckte. Ob ihm was weh tat? Ob er krank wurde? Vielleicht hatte er ihn ja wirklich die ganze Nacht getreten und jetzt hatte Leviathan Schmerzen? Wölfchen bekam schlagartig ein schlechtes Gewissen und vergrub seine Hände in dem weichen, braunen Plüsch am Bauch.

„Doch, schmeckt, aber mehr geht nicht rein, sonst kommt alles wieder raus.“ Was für ein Morgen. Leviathan hatte unheimlich Lust, jemandem weh zu tun, aber da nur Wölfchen da war, ließ er das lieber. Noch einen Schluck Kaffee, dann versuchte er die Perücke auf den Kopf zu bekommen, was aber nicht richtig funktionierte, weil seine Hörner im Weg waren. Er musste also Löcher hinein schneiden, damit er sie überhaupt auf den Kopf bekam. „Okay, auf deinen Platz, in fünf Minuten, geht es los.“

„Ach! Ich bin schon ganz aufgeregt." Wölfchen hoppelte wieder herum. Er hatte ja keinen Schimmer, was gleich passierte. Er hatte nur die Kameras gesehen, die sich eben aktiviert hatten und von irgendwo dirigierte eine Stimme ohne Körper Wölfchen aus dem Bild - er habe sich im Hintergrund zu halten. Also zog er lieber den Kopf ein und machte, was die Zauberstimme sagte. Es war besser, Zauberstimmen nicht zu widersprechen!

Leviathan saß auf seinem Stuhl am Fenster und sponn ein wenig. Mehr aus Langeweile, weil sonst ja nichts für ihn zu tun war und so wartete er darauf, dass die Fee kam und von ihm nach oben geholt werden wollte. Es dauerte eine Weile, bis er die typischen Worte hörte. Er stand auf, wickelte die Haare um den dafür vorgesehenen Haken und ließ die Haare an dem Turm hinunter fallen. Wölfchen beobachtete ihn eindringlich dabei, hielt sich aber - wie von der Zauberstimme verlangt - schön im Hintergrund. Auf dem Boden waren Markierungen angebracht, wo er laufen durfte, ohne zu sehr ins Bild zu geraten, also hoppelte er immer hin und her und sang leise vor sich hin.

Schlagartig blieb Wölfchen stehen, als er sah, was da die Fassade hoch kam und er verzog das Gesicht. Also, seinem ästhetischen Empfinden nach war das aber keine Fee. Die sah ja eher aus wie ein Seeungeheuer, doch er schwieg lieber, nicht dass er von der Zauberstimme wieder angeratzt wurde.

Auch die Fee guckte nicht schlecht als Rapunzel sie über zwei Köpfe überragte und konnte sich ein "Hoppla", erst einmal nicht verkneifen. Doch dann fiel sie wieder in ihre Rolle. "Hast du Tuche gesponnen? Auf dem Markt verlangt man nach ihnen - sie loben deine Kunst, Rapunzel."

Leviathan knurrte nur ein: „Ja, habe ich, gute Fee“, und übergab ihr einige Tücher, die neben dem Spinnrad lagen. Unauffällig rückte er sich die Perücke wieder zurecht. Trotz des Hakens hatte er das Gefühl gehabt, dass es ihm die Haut vom Kopf riss, als die Fee hochgeklettert war. Das war nichts, was seine Laune anhob. Hatte die heute Morgen Mühlsteine gegessen oder was?

„Sehr schön, sehr schön. Pack sie in meinen Korb ich...", weiter kam die Fee nicht, weil sie plötzlich den Hasenwolf entdeckte und nicht so recht wusste, was es mit dem Ding auf sich hatte, was immer etwas unkoordiniert durchs Bild zischte. Davon hatte ihr heute Morgen aber keiner was gesagt! Doch sie wandte sich schnell wieder Rapunzel zu, auch wenn sie nach oben gucken musste. Deswegen zischte sie, von der Kamera unbemerkt: „Mach dich gefälligst kleiner, Amateur!" Und fügte lauter hinzu: „Leg nur die Tücher in den Korb, ich werde zurück auf den Markt gehen und sie verkaufen. Dann kann ich dir Brot mitbringen."

„Mach dich leichter, dann mach ich mich kleiner“, zischte Leviathan zurück, lächelte dabei aber liebenswürdig, so wie die Rolle es vorschrieb. „Ja, gute Fee, ich lege sie rein und wenn ihr mir etwas frisches Brot mitbringt, wäre das sehr freundlich.“ Leviathans Laune sank immer weiter und diese dämliche Fee sollte ihm nur schräg kommen, dann fiel sie aber schneller den Turm runter, als sie gucken konnte.

„Amateure, wo hat man die denn aufgegabelt", knurrte die Fee fast tonlos, doch der Drache konnte sie sehr wohl verstehen. Aber zur Kamera, die das Märchen in die Welt der Menschen brachte, lachte sie gehässig, wie sich das für ihre Rolle gehörte. „Wart nur auf mich, Rapunzel", sagte sie und wirkte mehr wie eine Hexe denn wie eine Fee, als sie sich wieder auf das Fensterbrett setzte, um herabgelassen zu werden.

„Tante, du hast dein Tuch vergessen!", stolperte plötzlich Wölfchen durch die Szene und die Fee erschrak sich so dermaßen, dass sie den Halt verlor und sich im Fall an Rapunzels Haaren festhielt.

Mit einem beherzten Griff, brachte Leviathan die Fee wieder ins Gleichgewicht und nahm das Tuch aus Wölfchens Händen. Er hatte sich ein schmerzvolles Zischen verkniffen. Die Haarspangen hatten sich in seine Kopfhaut gegraben und schmerzten höllisch. „Wie aufmerksam von meinem Häschen. Ich danke euch, dass ihr mir das possierliche Tierchen geschenkt habt. Er ist ein Quell höchster Freude für mich“, säuselte der Drache verkniffen und gab der Fee unauffällig einen Schubs, damit sie endlich ging.

„Blödes Balg", zischte die Fee und machte, dass sie nach unten kam, während die Kamera ihr folgte und die Zauberstimme den Hasenwolf anfauchte, was der im Bild verloren hätte. Natürlich war Wölfchen gleich wieder aufgelöst und machte, dass er aus der Szene kam. Er wollte ja nicht gleich gefeuert werden.

„Blödes Weib“, fluchte Leviathan, denn gerade war das Lämpchen an der Kamera ausgegangen, was hieß, dass sie gerade nicht im Bild waren. Er drehte sich zu Wölfchen, der wieder etwas verschüchtert in der Ecke hockte. „Was fällt denen eigentlich ein, mir so eine Tonne auf den Hals zu schicken, die mich auch noch dämlich anmacht“, schimpfte er sauer und ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Das ging ja wirklich gut los.

„Beruhige dich doch." Gleich kam Hoppelwölfchen zu seinem Freund gelaufen und hockte sich ihm übermütig auf den Schoß, um ihn zu trösten. Schließlich war er ja genau dafür da. „Nur noch den Prinzen ertragen, dich von der Fee erwischen lassen und dann Verbannung. Dann hast du den Tag hinter dir", versuchte er Mut zu machen.

Leviathan erstarrte, was aber mehr daran lag, dass schon wieder an seiner Perücke gezogen wurde, als Wölfchen auf seinen Schoß hüpfte. Darum wurde das Häschen kurz angehoben und die Haare unter ihm hervorgezogen. „Ist doch wahr. Was denkt die sich eigentlich? Mich als Amateur zu bezeichnen?“ Der Drache schnaubte und war noch nicht wirklich bereit, sich zu beruhigen. Diese Fee war wirklich eine Frechheit.

„Sollen wir vielleicht tauschen? Möchtest du nicht doch lieber ein Häschen sein? Mich zieht keiner an den Ohren." Wölfchen sah den Drachen auffordernd an. Dass er dann selber das Rapunzel sein musste, war ihm wohl noch nicht aufgegangen. „Außerdem war die Tante echt doof." Da stimmte er Leviathan wirklich zu.

„Lass mal, Kleiner.“ Wölfchens Angebot ließ den Drachen wieder etwas runter kommen. Er atmete tief durch und nahm kurz die Perücke ab, um sich einmal über die schmerzende und juckende Kopfhaut zu kratzen. „Das nächste Mal lass ich sie runterfallen, aber du bleibst besser im Hintergrund, damit sie nicht wieder was zu meckern hat.“

„Aber wenn sie doch so vergesslich war und einfach ihr Tuch liegen gelassen hat?" Wölfchen verstand sowieso nicht, warum die Frau sich so erschrocken hatte. Er war doch nur behilflich gewesen. Das war doch voll doof! Nervös rubbelte er mit seinem Puschel auf Leviathans Schoß herum und versuchte sich selbst wieder zu beruhigen. Sicher kam gleich der Prinz!

„Ich weiß, du hast es gut gemeint, aber du bist ein Häschen und in diesem Märchen können die Tiere nicht sprechen“, erklärte Leviathan, damit Wölfchen wusste, warum er nichts sagen sollte. „Ich hoffe, Rapunzel ist bald wieder auf dem Posten, denn lange werde ich dies Olle nicht ertragen.“ Der Drache war immer noch sauer und die Aussicht gleich noch einen Prinz hoch zu wuchten, der bestimmt noch mehr wog, machte es nicht leichter.

„Ach so!" Man sah ganz deutlich, wie Hoppelwölfchen ein Licht aufging. „Ich darf nicht reden", sagte er ganz leise und sah sich verschwörerisch um. Das hätte ihm aber auch mal früher jemand sagen können! „Dann sag ich wohl besser nichts mehr", flüsterte er und machte eine Geste, als würde er einen Reißverschluss über seine Lippen ziehen, hatte aber nervös Leviathans Puschel wieder beim Wickel, der ein bisschen unter dem Kleid vorguckte.

„Perfekt.“ Leviathan musste ein wenig über Wölfchen grinsen und seufzte. Der Countdown über der Kamera zeigte an, dass sie in vier Minuten wieder auf Sendung waren. „So, wenn du noch etwas trinken möchtest, dann jetzt. Gleich geht es wieder los.“ Er schob seinen Hasen von seinem Schoß, denn er musste die Perücke wieder aufsetzen, egal wie sehr ihm das missfiel.

„Nee, dann muss ich doch während der Szene aufs Klo und jeder hört die Spülung!" Wölfchen schüttelte so heftig den Kopf, dass Leviathan die Hasenohren um die Nase wedelten. „Lieber nicht." Hoppelwölfchen machte sich also wieder auf durch den Raum, mied jetzt schon die Zonen, die markiert waren und übte schon mal zu schweigen, was bei Wölfchen nicht leicht war.

Grummelnd und fluchend setzte Leviathan die Perücke wieder auf, auch wenn er sie lieber mit einem Fingerschnippen verbrannt hätte. Er hatte gerade die letzte Klammer an ihren Platz gesteckt, als er auch schon die berühmten Worte hörte. Also ließ er seine Zöpfe wieder nach unten. Er war versucht zum Prinzen runter zu schreien, dass er sich gefälligst leicht machen solle. So ertrug er das Ziehen und Zerren und war schon wieder auf 180, als der Kopf des Prinzen im Fenster auftauchte und der guckte mindestens so blöd wie die Fee, als er seiner Rapunzel ansichtig wurde. Zum Glück filmte man ihn eben noch von hinten, da hatte er noch ein paar Schrecksekunden - das Weib war nicht nur riesig! Es war auch kein Weib! Von den kaschierten Hörnern abgesehen. Was schickten die denn für Laiendarsteller hier her?

„Holde Maid", sagte er aber, als die Kamera zu ihm schwenkte und er schwang sich auf den Sims. „Welch liebliches Antlitz. Sagt, wer seid ihr?", säuselte er, wie sich das gehörte.

„Man nennt mich Rapunzel, junger Herr“, säuselte Leviathan und schaffte es sogar zu erröten. Nur gut, dass keiner wusste, dass es Zornesröte war, die ihm in das Gesicht schoss. Was war das denn für ein Geck? Was bildete dieser Aushilfsprinz sich ein, ihn geringschätzig zu mustern. Der sollte sich doch mal nur selber anschauen. So sah doch kein Prinz aus, das war höchstens ein Narr. „Wie kommt ihr hier her“, fragte er ängstlich. „Die Fee hat verboten, dass mich jemand außer ihr in meinem Turm besucht.“

„Dann wollen wir ihr dies auch nicht verraten, Rapunzel." Der junge Mann kam näher und legte seinen Hut ab. Man sah ihm an, wie entzückt er von der jungen Maid war - zumindest konnte er das ziemlich gut vorgeben. Denn eigentlich war er erbost darüber, dass er neben der so genannten Maid so mickrig aussah. Sein Blick fiel auf das Karnickel, das immer noch wie auf Drogen durch den Turm hopste und er fragte sich gerade, warum man nicht den kleinen Bekloppten in das Kleid gesteckt hatte - das wäre authentischer gewesen.

Leviathan blieb tapfer in seiner Rolle, auch wenn mit jedem Moment der Drang, diesen überheblichen Prinzen raus zu werfen, größer wurde. Jedes Mal, wenn die Kamera auf den Prinzen gerichtet war, spielte er den netten Prinzen, aber sobald er mal nur von hinten zu sehen war machte er ein geringschätziges Gesicht, dass den leicht reizbaren Drachen immer mehr gegen ihn aufbrachte. Er war wirklich froh, als der Prinz endlich ging und sie Mittagspause machen konnten.

Sie kam auch keine Minute zu spät, denn Wölfchens Magen hatte während der letzten Einstellung angefangen zu knurren und den Prinzen kurz zucken lassen. Beschämt war Hoppelwölfchen im Katzenkorb verschwunden und hatte sich als Schalldämpfer um seinen Magen gewickelt. Nun saß er am Tisch und freute sich auf Bratkartoffeln.

„Das war ein komischer Prinz", murmelte er und guckte nachdenklich aus dem Fenster.

„Kannst du laut sagen“, knurrte Leviathan vom Herd. „Wenn der mir noch mal blöd kommt, dann kann er sich gleich zu Rapunzel ins Krankenhaus begeben, weil er ein paar gebrochene Knochen hat." Der Drache bekam sich gar nicht mehr ein, über diesen unverschämten Kerl. Er war so wütend, dass er noch nicht einmal mehr Hunger hatte. Darum bekam Wölfchen eine große Portion und Leviathan nahm sich nur einen Kaffee. 



07 - Grabscher und Diebe


Die Pause war seiner Meinung nach viel zu kurz, bevor er schon wieder die Tonnen-Fee hoch wuchten und wieder runterlassen musste. Das ging langsam echt wirklich ins Kreuz. Am liebsten hätte Leviathan das Rufen des Prinzen überhört, aber als er die dezente Regieanweisung bekam, endlich die Zöpfe runterzulassen, konnte er es nicht mehr ignorieren. Er lächelte lieblich, wie es das Märchen vorschlug, als der Prinz sich über die Brüstung schwang.

„Holde Maid", begrüßte ihn der Prinz wie schon ein paar Stunden zuvor und hatte einen extrem schmachtenden Blick drauf. Wölfchen hockte nur in seiner Ecke und machte leise, würgende Geräusche. Der Kerl war ja noch widerlicher als sein Schleimerbruder Wolf-Dieter!

„Eure Mutter hat den Turm verlassen - ich sah es genau. Nun kann uns niemand stören, denn ich habe mich verliebt", säuselte der Prinz und sprang elegant vom Sims in das Turmzimmer.

„Ihr macht mich verlegen, edler Prinz“, erwiderte Leviathan und blickte schüchtern zu Boden. So brauchte er diesen Blödmann wenigstens nicht ansehen. „Setzt euch doch. Darf ich euch eine Erfrischung bringen?“ Er deutete auf den Stuhl, in dem er sonst zum spinnen saß. Im Moment hätte er gerne mit dem Hoppelwolf getauscht, denn dieser Prinz sah ihn so komisch an und er wusste es nicht zu deuten.

„Rapunzel, meine Schöne", säuselte der Prinz und grinste, als die Kamera gerade auf Leviathan schwenkte. Seine Augen sagten mehr als tausend Worte, denn es hatte nur einen Grund, warum er diesen Scheiß-Job immer noch machte. Das schönste am ganzen Märchen.

„Ich kann eure Mutter nur zu gut verstehen - auch ich würde euch wegschließen. Nur für mich allein. Niemand soll dich mir entreißen."

Wölfchen in seiner Ecke würgte immer noch leise, zog aber die Ohren vor die Augen, als der Prinz ihn strafend in Grund und Boden starrte.

Leviathans Lächeln erstarrte, als ihm aufging, worauf der Prinz aus war. Hatte der sie noch alle? Er war ein Mann und ganz bestimmt keine Frau. Das konnte der sich aber abschminken, wenn er alle seine Körperteile behalten wollte. Aber noch blieb er in seiner Rolle, brachte sich nur unauffällig aus der Reichweite des Prinzen, in dem er die Karaffe mit Wasser holte, die in der Nähe des Fensters stand. Doch der Prinz folgte ihm, wie es sich für das Märchen gehörte. Es war schließlich seine Aufgabe, Rapunzel den Hof zu machen und mit ihr zu flirten. So nahm er Leviathan die Karaffe aus der Hand und küsste dann über dessen Finger.

„Weise mich nicht ab, Geliebte. Keine Frau konnte mich je so fesseln wie du."

Aus den Augenwinkeln sah Leviathan wie das Licht an der Kamera erlosch und der Drache schob den aufdringlichen Mann von sich. „Verzisch dich in eine Ecke, solange du hier oben bleiben musst“, zischte Leviathan ihn an und schubste ihn wieder auf den Stuhl. Doch Prinz Eduard wäre nicht der Prinz des Märchens und erfolgreich bei all den Rapunzeln, die schon den Turm bevölkert hatten, wenn er sich so leicht unterkriegen lassen würde.

„Ach komm schon, Schickse, stell dich nicht so an. Ein bisschen Spaß für jeden", lachte er und knurrte: „Platz!", zu Wölfchen, als der aus seinem Körbchen kommen wollte, um Leviathan beizustehen. Der legte lieber die Ohren an und kniff die Augen zu.

„Jetzt hör mir mal zu, du Wicht“, knurrte der Drachen und sah diesen Prinzen aus geschlitzten Augen an. „Wenn du nicht willst, dass ich dir deinen Schwanz abreiße und in den Rachen stopfe, dann bleibst du mir vom Leib.“ Leviathan baute sich in seiner vollen Größe, vor dem um einen Kopf kleineren Mann auf und sah ihn aus glühenden Augen an. „Ich weiß ja nicht, was du über Drachen weißt, aber doch bestimmt so viel, dass man sie besser nicht reizt."

„Ich weiß, dass richtige Drachen sich nicht in Kleider stopfen lassen", lachte der Mann frech und ließ sich von dem Drachen nicht einschüchtern. Mochte er größer sein, ihm doch egal - in der Horizontalen fiel das doch sowieso nicht mehr auf. Also stellte er dem Mädchen-Drachen ein Bein und ließ ihn nach hinten auf den Boden fallen. Der dumpfe Aufschlag lockte sogar Wölfchen aus seiner Ecke, der ungläubig guckte, was da passierte.

Leviathan war viel zu überrascht, um zu reagieren, als Eduard auch schon auf ihm lag und seine Hand unter das Kleid schob. Erst als er die feuchten Finger sein Bein hinauffahren spürte kam wieder Leben in ihn. „Bist du bescheuert, du Perverser“, zischte er und stieß den Prinzen von sich. Jetzt war er wirklich wütend und er packte sich den Mann. „Du wirst nie wieder Spaß am Sex haben, weil ich dir nämlich alles abreiße, was du dazu brauchen könntest, einschließlich deiner Zunge, damit die Märchenfrauen endlich vor dir sicher sind.“ Der Drache war nun richtig in Fahrt, dass er alles um sich herum vergaß. Auch das kleine rote Lämpchen, das leuchtete, wenn eine Kamera aktiviert wurde.

Das bemerkte nur Wölfchen, dem gerade sein kleiner pelziger, bepuschelter Hintern auf Grundeis ging. Er hatte ja von Märchen jetzt nicht so viel Ahnung, aber dass das Bild da nichts für kleine Menschenkinder war, das wusste sogar der kleine Wolf. Nur hatte man ihm ja verboten zu sprechen, sobald die Kameras liefen und nun hatte Wölfchen ein Problem.

Der komische Prinz befingerte Thano, der war sauer und sagte Sachen, die eigentlich zensiert werden müssten und nun wälzten sich die beiden auch noch auf dem Boden und der schöne Puschel des Drachen wurde ganz zausig! Das konnte Wölfchen aber nicht zulassen!

Noch immer rollten die beiden Männer über den Boden. Leviathan hatte seine Perücke verloren und versuchte diesen aufdringlichen Prinzen gleichzeitig zu würgen und von sich zu stoßen. Der wollte einfach nicht aufgeben und war so verblendet, zu glauben, dass der Drache sich doch nur zierte. Na der hatte ja wohl ein übersteigertes Selbstbewusstsein, das unbedingt einen Dämpfer brauchte. „Fass mich noch mal an, du Wichser, dann bist du tot“, tobte Leviathan wutentbrannt und gab dem Prinzen einen Tritt. Im Normalfall wäre er ein paar Meter geflogen und auf dem Stuhl mit einer Punkthaltung zu sitzen gekommen, doch eine große Bratpfanne bremste seinen Flug.

In seiner Not hatte Wölfchen nichts anderes gefunden, um Leviathan zu retten. Panisch hatte er alles durchwühlt, kurz überlegt, dass die Kelle nicht schlecht wäre, doch die war voller Brei und das hätte vielleicht noch den schönen Puschel ruiniert. Also hatte er sich die Pfanne gegriffen, ausgeholt und noch ehe Wölfchen hätte zuschlagen können, war ihm der Prinz schon mit einem lauten 'Dong!' gegen die Gusseiserne gedonnert.

Der ging auch gleich zu Boden und Leviathan machte überrascht: „Oh.“ Mit allem hatte er gerechnet, aber nicht damit, dass sein kleiner, schüchterner und extrem friedlicher Wolf zur Pfanne griff. „Wow“, lachte er und zog Wölfchen für eine kurze Umarmung zu sich. Dabei nahm er ihm die schwere Pfanne ab und legte sie auf den Boden, neben den Prinzen. „Das war ja ein Ding. Der Blödmann wird einen ganz schönen Brummschädel haben, wenn er aufwacht.“

Wölfchen nickte nur, weil ja immer noch die Kameras liefen und er kniff die Augen zusammen, als die Regie plötzlich zu toben begann und den Abbruch des Märchens forderte. Schnell musste etwas Werbung eingespielt werden, während die Kameras ausgeschaltet wurden. Wölfchen holte tief Luft, weil er ja jetzt wieder reden durfte - das nutzte er hemmungslos aus.

„Was hat der gemacht? Warum hat er dich da so komisch angefasst? Was ist ein Perverser und warum wolltest du ihm den Schwanz abreißen?" Dabei machte er große Augen.

„Ach du Scheiße“, rief Leviathan, als er die Regieanweisungen hörte, aber nun war es eh zu spät. Das Märchen war geschmissen und der Prinz ohnmächtig auf dem Fußboden. Wölfchens Fragen holten ihn wieder aus seinen Gedanken und er sah ihn kurz an und erinnerte sich, wie unschuldig der Junge doch war.

„Also, der Prinz“, Leviathan stieß den Körper vor sich mit seinem Fuß an und es war reiner Zufall, dass er ihn dabei sehr unsanft im Schritt erwischte, „wollte das, was er sonst wohl immer von Rapunzel bekommen hat. Sex! Allerdings hat er sich da bei mir verschätzt.“

Man sah wie Wölfchen rot im Gesicht wurde. Weil er die Kapuze abgesetzt hatte, sah man seine Ohren deutlich wackeln. Er war ganz aufgeregt und guckte immer wieder auf den Prinzen. „So was wollte der? Ich dachte, er wäre ein Mann", murmelte das Wölfchen und kam einen Schritt näher. Wie man sich doch täuschen konnte.

„Häh?“ Leviathan sah Wölfchen fragend an, aber zuckte dann mit den Schultern. Mit den verworrenen Gedanken des Kleinen kam er sowieso nicht klar. Sie hatten außerdem andere Probleme, denn die Regie schrie gerade herum, dass sie alle gefeuert waren. Na, das war ja toll gelaufen. Jetzt mussten sie wieder zum Arbeitsamt und nach diesem Desaster kamen sie doch in keinem Märchen mehr unter.

„Was? Gefeuert?" Wölfchen machte große Augen in Richtung Kamera. Das konnten sie doch mit ihm nicht machen! „Ich will aber meinen Anzug nicht hergeben. Der ist so schön weich und flauschig und der Puschel ist so schön! Ich will nicht!", schrie er immer wieder und krallte sich in seinem Plüsch fest, während nun der Prinz langsam zu sich kam und erst mal den Kopf langsam schüttelte, weil alles vor ihm verschwamm.

Er war noch so beduselt, dass er die Pfanne nicht kommen sah, die Wölfchen aufgehoben hatte, um sie vor seinen Puschel zu halten, damit man ihm den nicht wegnehmen konnte. Das leise Aufschlagen seines Kopfes auf dem Boden fiel in dem Tohuwabohu, das gerade herrschte, gar nicht auf. Ungerührt schälte Leviathan sich aus seinem Kleid und ließ es einfach fallen. „Schicken sie eine Kutsche, die uns abholt und in die Stadt bringt“, verlangte er unverfroren und zog sich wieder an.

„Ja, sie verlassen das Gelände umgehend!", erklärte die Zauberstimme und Wölfchen grämte sich gerade in Grund und Boden. Er dachte gar nicht daran, seinen Anzug auszuziehen! Er würde ihn einfach behalten - doch dann kam er sich vor wie ein Dieb und bekam Gewissensbisse. Er wedelte also aufgeregt mit der Pfanne hin und her und erwischte den armen Prinzen noch einmal - dessen Kopfschmerzen wollte wohl morgen sicher keiner haben.

„Rudi, Tasche packen, wir gehen.“ Leviathan nahm Rudi die Pfanne weg und grinste. In der Küche stand noch der Abwasch und Wölfchen hatte in seiner Hektik übersehen, dass die Pfanne auch noch voller Fett war, das sich gleichmäßig auf dem Prinzen verteilt hatte. Geschah dem Kerl recht. Wie gut, dass er seinen Koffer noch gar nicht ausgepackt hatte. Er warf alles, was er gebraucht hatte, wieder in ihn hinein und schloss ihn.

Wölfchen tat es ihm gleich. Er sammelte seine Sachen zusammen, warf auch das gekaufte Gemüse und das übrige Essen in seine Tasche, schließlich wusste man nie, wann man wieder etwas bekam. Spitzbübisch sah er sich noch einmal in dem Turmzimmer um, griff sich Fluffy und hüpfte mit seinem geklauten Anzug von dannen. Jetzt war er wirklich ein böser Wolf! Er hatte etwas gestohlen - ein Eigentumsdelikt begangen! Papa wäre stolz auf ihn.

„Auf nimmer Wiedersehen, Penner.“ Der Prinz, der gerade aufwachte, bekam nun von Leviathan eine mit der Pfanne übergebraten und versank erneut im Land der Träume. Gut gelaunt, auch wenn er wieder arbeitslos war, folgte der Drache dem hüpfenden Wolf. Er war zuversichtlich, wieder einen neuen Job zu bekommen, schließlich gab es in der Märchenwelt auch Gesetze gegen sexuelle Belästigung. Es war also nicht allein seine Schuld, dass das hier so in die Hose gegangen war.

„Und warum wollte der Mann mit einem Mann Sex haben?", fragte plötzlich Wölfchen, weil er das immer noch nicht verstanden hatte. Genau genommen hatte er noch nicht einmal verstanden, was Sex eigentlich war, nur das jeder nur hinter vorgehaltener Hand darüber redete - aber zwei Männer waren dabei nie vorgekommen. Zumindest nicht in seinen Kreisen. Immer waren es albern kichernde Mädchen.

Leviathan hatte gehofft, dass Wölfchen nicht weiter danach fragen würde, aber das war bei so einem neugierigen Wesen wohl reines Wunschdenken gewesen. „Er wollte nicht unbedingt Sex mit einem Mann. Er wollte Sex mit Rapunzel, weil das bisher immer so gewesen ist. Normalerweise ist Rapunzel eine Frau, aber dass ich keine bin, war ihm egal.“

„Wie kann einem so was egal sein. So was darf einem doch nicht egal sein? Auch keinem Prinzen!" Wölfchen war entsetzt und sah Leviathan groß an. Er hatte immer noch die Kapuze abgesetzt, weswegen seine Wolfsohren nun rotierten wie Radar. „Aber warum will er immer Sex, egal mit wem. Ist das nicht unmoralisch? Und hätte er mit mir auch Sex haben wollen, wenn ich Rapunzel gewesen wäre?" Diese Vorstellung war ja grauenvoll! Wölfchen schüttelte sich.

„Ich denke schon, dass er das gewollt hätte, ist ja nicht passiert.“ Leviathan knurrte, denn allein die Vorstellung, machte ihn wütend. Wölfchen wäre gegen diesen Prinzen doch gar nicht angekommen. „Damit so was auch nicht passieren kann, bleiben wir zusammen und passen aufeinander auf.“ Der Kleine war zwar nervig, aber so etwas war nichts, was man einem wünschen sollte. „Fahren wir in die Stadt und gehen zur Fee. Wir brauchen einen neuen Job.“

„Wir brauchen erst mal ein Bett für die Nacht", murmelte Wölfchen, denn der Nachmittag ging langsam in einen Abend über. Davon abgesehen, dass er schon wieder latentes Hungergefühl hatte, hoffte Wölfchen auch auf ein eigenes Bett für die Nacht. Nicht dass er Thano wieder drangsalierte und dann morgen früh wieder angeschrieen wurde. Das war nichts für sensible Wölfe, die dicht am Wasser gebaut hatten.

„Das ist meine kleinste Sorge. Dann gehen wir ins Hotel. Unter einer Brücke schlafe ich bestimmt nicht.“ Wölfchen hatte Recht. Wenn sie in der Stadt ankamen, war das Arbeitsamt bestimmt schon geschlossen, also sollten sie sich gleich eine Unterkunft suchen. Aber morgen früh konnte diese Vermittlungs-Fee sich was anhören. Ihm so einen Perversen auf den Hals zu hetzen.

„Sind Hotels nicht teuer?", fragte Wölfchen und verrenkte sich immer wieder den Hals nach der Kutsche. Er wollte nicht, dass die böse Zauberstimme kam und ihm seinen schönen Hasenanzug mit dem herrlichen Puschel wegnahm. Er trat also nervös von einem Bein auf das andere. „Ich hab nicht so viel Geld", murmelte er leise und kramte in seiner Tasche.

„Mach dir um das Geld keine Sorgen. Als Drache habe ich mehr als genug davon, auch wenn mein Vater das anders sieht.“ Leviathan lehnte sich an den Turm und beobachtete Wölfchen. „Morgen früh gehen wir wieder zum Arbeitsamt und suchen etwas Neues und diesmal soll die Fee wagen, uns zu so einem Prinzen zu schicken. Die weiß bestimmt nicht, was der von seinen Rapunzeln verlangt.“

„Ja, das war widerlich. So ein ekliger Kerl!" Wölfchen schüttelte sich gleich und guckte an der Mauer nach oben zum Turmfenster. Sicher lag seine Pfanne immer noch dort neben dem komischen Prinzen. Wie hatte man solch einen Lüstling nur in ein Kindermärchen lassen können? Das verdarb doch die Jugend!

Nachdenklich kramte Wölfchen in seinem Anzug und suchte ein bisschen Geld. Viel war es nicht, doch von anderen etwas annehmen mochte er auch nicht. Er saß in einem Dilemma. Aber erst einmal wurde er durch die Kutsche abgelenkt, die den Weg zum Turm rumpelte und schließlich neben ihnen hielt. Er ließ Leviathan die Taschen verstauen und kletterte hinein. So konnte ihm keiner mehr seinen Häschenanzug wegnehmen.

„Fahren sie uns zu einer Pension, die gut, sauber und günstig ist“, instruierte der Drache den Fahrer und blickte aus dem Kutschenfenster. Er sah den Prinzen, der schimpfend aus dem Fenster guckte, weil er nicht aus dem Turm kam, denn Leviathan hatte die Tür abgeschlossen und den Schlüssel stecken lassen. Sollte der Spinner ruhig noch eine Weile darüber nachdenken, ob es wirklich klug gewesen war, einem Drachen seinen Willen aufzwingen zu wollen. Die Kutsche rumpelte jedenfalls von dannen und Wölfchen winkte dem tobenden Prinzen noch höflich.

„Gerettet", murmelte er, als er wieder in seine Ecke der Kutsche kletterte und sich an seinem Plüsch festklammerte. Sein Puschel gehörte nun auch nur noch ihm - es sei denn, er wurde wegen Puschelnapping zur Fahndung ausgeschrieben und musste in den Untergrund abtauchen oder sich von seinem Puschel trennen. Ach, es war ein Drama!

„Das wird sich noch zeigen“, murmelte Leviathan und versank in seine eigenen Gedanken. Aber nach kurzer Zeit wurde er unruhig, weil etwas fehlte. Es dauerte ein wenig, bis er wusste, was es war. Wölfchen war zu ruhig. Er saß nur in seiner Ecke und bearbeitete seinen Puschel. Er plapperte nicht wie sonst in einer Tour. Das war kein gutes Zeichen. „Was hast du?“, fragte er darum und hielt ihm Fluffy hin, der unbeachtet neben dem kleinen Wolf lag.

„Ich bin jetzt ein Dieb", murmelte Wölfchen und guckte sich immer wieder an, ob er sich verändert hätte, ob man es vielleicht schon sehen konnte. „Aber man kann mir doch nicht erst einen so schönen Puschel geben und ihn mir dann wieder wegnehmen, nur weil der Prinz ein Perverser ist. Da kann ich doch nichts für." Nein, Wölfchen sah gar nicht ein, dass er deswegen seinen Puschel hergeben sollte.

Es war wirklich schwer für Leviathan, nicht laut los zu lachen. Er biss sich von innen auf die Unterlippe, damit es ihm nicht doch passierte. Es brauchte ein paar Augenblicke, bis er sich soweit im Griff hatte, dass er antworten konnte. „Keine Sorge, den Puschel nimmt dir keiner weg. Das Hasenkostüm wurde für dich gemacht, das kannst du behalten“, sagte er, damit Wölfchen keine Angst mehr hatte, denn seine Unterlippe zitterte schon wieder so verdächtig.

„Woher willst du das denn wissen? Du hast doch dein Kleid auch nicht behalten", fragte Wölfchen, dem das doch etwas spanisch vorkam. Wer verschenkte denn einfach so wunderschöne Puschel an dahergelaufene Vegetarier-Wölfe? Gute Fee hin oder her, die machten doch auch nichts aus reiner Nächstenliebe. Skepsis lag auf Wölfchens Gesicht und er zog Fluffy zur Unterstützung an sich.

„Was soll ich mit einem Kleid?“, knurrte Leviathan. „Außerdem war es zerrissen.“ Allein die Vorstellung, dass er so etwas behalten sollte, war lächerlich. „Wenn es ein schöner Anzug gewesen wäre, dann hätte ich ihn mitgenommen, aber ein Kleid…“ Der Drache schüttelte sich.

„Aber das heißt ja noch lange nicht, dass ich den Puschel einfach behalten darf." Wölfchen war noch nicht überzeugt. Heimlich sah er aus dem Fenster, ob ihm nicht doch jemand folgen sollte und setzte sich dann wieder ruhig in seine Ecke. „Ich muss die Fee fragen - oder nein. Wenn sie nein sagt, muss ich den Puschel abgeben! Oh mein Gott, ich darf da nicht mehr hin! Oder ich gehe ohne den Puschel hin und sage gar nichts davon. Ja, so werde ich das machen." Dabei wusste Wölfchen doch selber ganz genau, dass er nicht lügen konnte!

„Mach das so. Zieh deine normalen Sachen an und erwähne den Puschel nicht. Wenn keiner danach fragt, ist alles im Lot.“ Leviathan verstand ja jetzt nicht, warum der Wolf so einen Aufstand machte wegen diesem Puschel. Es gab doch Millionen davon. Wenn er diesen wirklich abgeben musste, dann holte er sich eben einen neuen. Er sah auf, als der Fahrer sich zu ihnen umdrehte und mitteilte, dass wegen einer Zauberer-Konferenz alle Hotels und Pensionen ausgebucht waren und nur noch in der Jugendherberge etwas frei wäre.

„Wie bitte?“ Leviathan wurde blass.

Jugendherberge?

Gemeinschaftsschlafsäle?

Gemeinschaftsduschen?

Gemeinschaftstoiletten?

Der Drache schüttelte sich.

„Ist auch in den Luxushotels nichts mehr frei?“, fragte er und wirkte ein wenig panisch.



08 - Drachenliebchen


„Ich sagte doch gerade: Hotels und Pensionen sind restlos ausgebucht. Da hätten sie sich früher überlegen müssen, ob sie den Job gleich wieder hinschmeißen", erklärte der Kutscher, der es langsam leid war, diese dilettantischen Aushilfen durch die Gegend zu fahren. Er war ja früher schon dagegen gewesen, dass Ungelernte einfach in die Märchen eingreifen konnten. Aber nein! Die Gewerkschaften mussten ja unbedingt durchdrücken, dass Märchenfiguren auch Recht auf Urlaub und Krankschreibung hatten und für diesen Fall hatte man beschlossen, ausnahmsweise Aushilfen einzustellen - im festen Glauben, dass dies kaum vorkommen würde. Doch heute sahen sie ja, was passierte - fragwürdige Wölfe im Hasenkostüm ruinierten Rapunzel!

Die Zeitungen schrieben es schon, Beschwerden aus der Menschenwelt hagelten in den Postkasten der zuständigen Behörden.

„Was soll das denn heißen?“, fauchte Leviathan wütend. Was maßte dieser Kerl sich einfach an. „Na wenn sie sich von einem aufdringlichen Prinzen antatschen und zum Sex zwingen lassen wollen und das vollkommen in Ordnung finden, dann übernehmen sie den Job doch“, zischte er aufgebracht. „Das stand nämlich nicht in meinem Arbeitsvertrag und jetzt bringen sie uns zur Jugendherberge, bevor die auch noch ausgebucht ist.“ Der Drache war sauer und das merkte man daran, dass er immer wieder mit den Fingern schnipste und so kleine Flammen erzeugte, die einen neugierigen Wolf fast auf seinen Schoß lockten.

„Wie der zart besaitete Herr wünschen", murmelte der Kutscher und schüttelte den Kopf. Aus welchem Mus-Topf kam der Vogel denn, dass er nicht wusste, was Prinz Eduard für ein Typ war. Las der keine Zeitung? Hörte der keinen Klatsch? Blödmann, aber ehrlich.

Wölfchen hingegen dachte gar nicht, dass Leviathan ein Blödmann wäre, ganz im Gegenteil - er war fasziniert von den Flammen. Einfach so - aus dem Finger. Er selber konnte schnipsen wie er wollte, er bekam kein Feuer. Gemein.

„Rudi“, knurrte Leviathan schließlich, weil der Wolf sich seine Hand schnappte und versuchte, die Flammen auf seine Finger zu locken. „Du wirst dich verbrennen.“ Seine Flammen waren nämlich heißer als normales Feuer und es machte böse Verbrennungen, wenn man damit in Berührung kam. Darum ließ er die Flammen erlöschen und Wölfchen zog ein deprimiertes Gesicht. Zum Glück aber waren sie eben vor der Jugendherberge vorgefahren und so war Wölfchens Interesse an dem Haus geweckt.

„Da werden wir schlafen?", fragte er, weil ständig Leute ein- und ausgingen. Ein paar davon sahen wirklich merkwürdig aus. Er machte sich mal lieber etwas kleiner, damit ihn keiner sah.

„Ja, werden wir.“ Leviathan stieg aus und holte das Gepäck. Dabei ignorierte er mit Hingabe den Fahrer, der wohl auf ein Trinkgeld hoffte, weil das so üblich war, aber da konnte der Blödmann lange warten. Der Drache drückte Wölfchen nur seinen Puschel in die Hand, damit er ihm in dem Gewühle nicht abhanden kam. Sein Gesicht verzog sich immer wieder, wenn er all die merkwürdigen Gestalten, die hier übernachteten, sah. Das war so gar nicht seine Welt.

Wölfchen hingegen war alles egal - er hatte zwei Puschel und Fluffy, viel konnte ihm eigentlich nicht mehr die Petersilie verhageln. Er folgte dem Drachen also und merkte gar nicht, dass er zur Erheiterung der Massen beitrug. Erst hatte man ihn für einen Hasen gehalten, doch als ihm von jemandem - von Wölfchen im Puschelwahn unbemerkt - die Kapuze vom Kopf gezogen worden war und die Wolfsohren fröhlich wackelten, hatte er die Lacher auf seiner Seite.

Sie hörten nur kurz auf, als Leviathan sich knurrend umdrehte, aber nicht lange, denn als Wölfchen sich mit dem Drachenpuschel über die Wange strich und verzückt die Augen schloss, fingen sie wieder an. „Drachenliebchen“, hörte man immer wieder leise flüstern und es fiel Leviathan schwer, sich nicht umzudrehen und den Lästerern das Maul zu stopfen. Das war doch alles nicht wahr. Seit er diesen hüpfenden Verrückten kannte, lief sein Leben völlig aus dem Ruder. Wie sollte er sich seinem Vater entgegenstellen, wenn er immer mehr ins Lächerliche abglitt.

Wölfchen aber ließ sich davon nicht stören, er folgte dem Puschel bereitwillig überall hin und stoppte erst, als er in Leviathan rein gelaufen war. Der stand an einer Art Rezeption, zumindest sah der Gnom dahinter wichtig aus. „Kann ich euch helfen?", fragte er und beguckte sich ebenfalls ungeniert das ungleiche Paar.

„Wir brauchen zwei Betten.“ Leviathan ließ sich nicht anmerken, dass es mittlerweile in ihm kochte, denn die Flüstereien nahmen immer mehr zu, seit Wölfchen sich in seinen Schwanz eingewickelt hatte und nun auch Fluffy ausprobieren durfte, wie weich Thanos Puschel war. Der Drache knurrte nur leise, als der Gnom ihn unverschämt angrinste und meinte, dass es hier keine Doppelbetten gab und solche Dinge in der Jugendherberge sowieso verboten waren. Schließlich wohnten hier auch Kinder und die sollten so etwas nicht mitbekommen.

„Da gibt es nichts mitzubekommen. Wir möchten einfach zwei Betten zum schlafen, zu nichts anderem“, knurrte der Drache und fing wieder an, mit den Fingern zu schnipsen. Noch ein paar so unverschämter Andeutungen und die Märchenwelt hatte einmal eine Jugendherberge.

„Ganz wie sie meinen." Der Gnom zog den Kopf ein wenig ein, denn mit dem Kerl schien nicht zu spaßen zu sein. Er schluckte hastig die dummen Bemerkungen runter, die er noch auf der Zunge hatte und suchte hastig nach freien Betten. „Einzelne Zimmer sind nicht mehr frei, nur noch ein Doppelstockbett im Saal sieben. Die Zauberer haben ihre Lehrlinge mitgebracht und die wohnen alle hier", erklärte er hastig und ging lieber etwas auf Abstand, bei dem weißhaarigen Kerl mit den bedrohlichen Hörnern wusste man ja nie.

Nur Wölfchen beschmuste weiter den schönen weißen Puschel und summte leise vor sich hin.

„Wir nehmen es.“ Leviathan wollte nur noch hier weg, denn die anderen Gäste tuschelten weiter und wenn ihn jemand erkannte und seinem Vater steckte, was hier los war, dann aber hallo. Wo sein Vater doch alles verurteilte, was nicht der Norm entsprach. Er ruckte leicht an seinem Schwanz, um Wölfchen auf sich aufmerksam zu machen. Nicht dass sie noch mehr Aufmerksamkeit erregten, wenn er losging und der Wolf stehenblieb. Das war doch peinlich, wenn er dadurch gestoppt wurde, weil sein Schwanz festgehalten wurde. Oder noch schlimmer: ein plärrender Wolf - seines Schmusepuschels beraubt - in der Empfangshalle zurück bleiben würde.

„Hö?" Wölfchen sah sich kurz um, folgte dann aber zufrieden. Er sah sich nicht weiter um, sondern wackelte nur vergnügt mit den freigelegten Ohren.

Alle neugierigen Blicke ignorierend, ging der Drache mit seinem Anhängsel durch die Flure, auf der Suche nach Saal 7. Es musste natürlich der letzte auf dem Gang sein, so dass sie auch ja jeder in der Jugendherberge sehen konnte. In dem großen Raum angekommen, sah er sich um und ging schnurstracks auf zwei Betten an der Wand zu, auch wenn gerade zwei Zauberlehrlinge davor standen und sie in Beschlag nehmen wollten. „Sucht euch was anderes, das sind unsere Betten“, knurrte er aggressiv und ließ sein Feuer wieder aufflammen, damit seine Worte mehr Gewicht hatten.

Doch Zauberlehrlinge zeichnen sich ja leider immer dadurch aus, dass sie glaubten, richtige Zauberer zu sein und sich von ein bisschen Feuer nicht beeindrucken ließen. „Was bist du denn?", murmelte ein kleiner Junge mit Brille und zückte seinen Zauberstab. Er ließ sich doch nicht einfach so von den einzigen beiden Einzelbetten im ganzen Raum verscheuchen. Sollten die beiden Spinner sich eines der beiden Etagenbetten nehmen - das hier war seins.

Also schwang er den Stab und murmelte ein paar Worte.

Er stoppte erschrocken, als sein Zauberstab plötzlich in Flammen aufging und er von dem großen Kerl am Kragen hochgehoben wurde. „Das sind unsere Betten, wenn du weißt, was gut für dich ist“, knurrte Leviathan und seine Augen sprühten Funken. Dabei spielte er aus, dass Drachen in der Märchenwelt gefürchtet waren, denn nicht nur in den Märchen kam es vor, dass sie Menschen verspeisten, auch in ihrer Freizeit waren sie durchaus hungrig und in der Wahl ihres Essens nicht zimperlich, wenn es sein musste. Zum Glück sah man Leviathan nicht an, dass er kein Fleisch mochte.

„Ja, ist ja schon gut. Nimm die Betten", murmelte der Zauberlehrling und taumelte zurück. Zum Glück fing sein Kollege ihn auf, doch er konnte sich einen angewiderten Blick gegen den völlig durchgeknallten Wolf nicht verkneifen. „Aber haltet euch zurück, hier schlafen noch andere, die nicht auf Perversitäten stehen."

Bei dem Wort horchte Wölfchen auf und fühlte sich gleich an den Prinzen erinnert, schüttelte sich. „Hey, Thano hatte heute erst einen Perversen, der ihm unter den Rock gefasst hat", erdreistete sich Wölfchen und machte sich größer als er war, während der andere Zauberlehrling irritiert auf den Drachen sah. „Der trägt Röcke?"

Nun hing der in Leviathans festem Griff und bekam keine Luft mehr. „Ich habe Rapunzel gespielt und da musste ich ein Kleid tragen“, knurrte er und funkelte das freche Bürschchen an. „Und wenn du mich noch einmal pervers nennst, dann wird dein Meister sich einen neuen Lehrling suchen müssen. Komm mir besser nicht mehr unter die Augen, denn sonst wirst du dir wünschen, mir nie begegnet zu sein.“

Wölfchen hatte das ungute Gefühl, schon wieder etwas Falsches gesagt zu haben, ohne es zu merken. Das passierte ihm ziemlich häufig, deswegen beschloss er, lieber die Betten zu inspizieren und die Klappe zu halten, während die Zauberlehrlinge machten, dass sie davon kamen. Doch ehe sie aus dem Raum liefen, drehten sie sich noch mal um und brüllten: „Hey Prinzessin, nimm den kleinen Wolf nicht zu fest ran!", dann waren sie weg.

Leviathan blieb nur, ihnen wütend hinterher zu blicken und zu fluchen. Das war alles gar nicht gut. Sie erregten zu viel Aufmerksamkeit. Die nächste Zeit mussten sie sich unauffälliger verhalten, was hieß, dass sie ihren nächsten Job fehlerlos erledigen mussten. So eine Katastrophe wie heute durfte nicht noch einmal passieren. Er sah auf Wölfchen, der auf einem der Betten saß und weiter mit seinen Puscheln schmuste. Er war vollkommen in seiner Welt und irgendwie beneidete der Drache ihn darum, sich einfach völlig von der Welt ausklinken zu können.

Fluffy war schon auf dem Kissen drapiert worden und ihre Taschen standen im Gang zwischen den beiden Betten. Wölfchen pustete noch ein bisschen auf Thanos Puschel und freute sich, wie schön der weiche Flaum im Wind sich wiegte, während sein Magen langsam anfing zu knurren. „Ops", machte er leise und sah sich erwischt um.

Ein Bund Möhren landete neben ihm und Leviathan zuckte an seinem Schwanz. „Lass los und iss was“, brummte er leise. Er war immer noch sauer über die Zauberlehrlinge. Diese Herberge war katastrophal. Voll, laut und nicht dem Standard entsprechend, den er gewohnt war. Aber immer noch besser als bei seinem Vater zu Kreuze zu kriechen und zugeben zu müssen, dass er alleine in der Märchenwelt nicht zurecht kam. Dass man nicht auf ihn gewartet hatte und er besser die Jobs annahm, die Drachen eben so machten. Doch das kam nicht in Frage - einmal gescheitert war noch keine Blamage. Es war ein holpriger Start, mehr nicht.

„Danke", murmelte Wölfchen, doch er hatte wieder nur die Hälfte begriffen. Er griff sich die Möhren und kaute darauf herum, doch er ließ den Puschel nicht los. Dafür rutschte er zu Fluffy auf das Kissen, zog Thano am Schwanz aber hinter sich her. „Die waren voll doof", murmelte Wölfchen plötzlich. „Machst du das mit dem Finger noch mal? Ich will das auch können." Warum nur konnte er kein Drachen sein? Die hatten Puschel und konnten Feuer machen - das war so ungerecht.

„Rudi, lass los“, knurrte Leviathan und ruckte etwas fester, auch wenn er sich so ein paar Haare ausriss, als er seinen Puschel aus Wölfchens Griff befreite. Seinen Schwanz hinter sich in Sicherheit bringend setzte er sich Wölfchen gegenüber und tat ihm den Gefallen. Er ließ die Flammen über seine Finger und Hände huschen. „Ja, die waren doof, darum habe ich ja auch gesagt, dass du nicht einfach fremde Schwänze anfassen sollst. Denn sonst wird das immer wieder passieren.“

„Aber du bist doch kein Fremder mehr", sagte Wölfchen völlig verwirrt. „Du hast nur gesagt, dass ich dir nichts in den Mund stecken darf, aber deinen Schwanz darf ich anfassen und den Puschel flauschen. Das hast du gesagt." Hartnäckig versuchte Wölfchen sich daran zu erinnern, ob das Wort Öffentlichkeit gefallen war, doch er fand kein entsprechendes Thema in seinem Kopf.

Der Drache seufzte ergeben und nickte. Gegen Wölfchenlogik kam er nicht an und ihm jetzt zu erklären, was er meinte, brachte nur noch mehr Verwirrung und dazu hatte er nach diesem Tag keinen Nerv mehr. „Stimmt, du darfst ihn anfassen, aber trotzdem werden viele das nicht verstehen und immer mal wieder so etwas sagen, wie die zwei Lehrlinge. Wir sollten schlafen, damit wir morgen früh zum Arbeitsamt gehen können.“

Wölfchen blinkerte mit den Augen. „Was haben die beiden denn Schlimmes gesagt?", fragte er, weil er das einfach nicht verstand. „Sie haben doch nur gefragt, ob du Röcke trägst." Und irgendwas mit rannehmen, was Wölfchen sowieso nicht verstanden und deswegen aus seinem Erinnerungsspeicher gelöscht hatte. Das belagerte sonst nur sinnleer wertvollen Speicherplatz.

„Das ist schon schlimm genug“, knurrte Leviathan und sein Schwanz peitschte aufgebracht durch die Gegend. „Männer tragen keine Röcke. So was tun nur Frauen.“ Andere Erklärungen hatten keinen Sinn. Der junge Wolf war einfach zu unbedarft. Für ihn war das Leben eine lange Reihe von Puscheln, die beschmust werden wollten.

„Aber das, was der Prinz anhatte, sah doch auch aus wie ein ganz kurzer Rock", nuschelte Wölfchen, der das Problem an sich immer noch nicht ganz verstanden hatte, doch er ließ es geschehen und knabberte lieber an seinen Möhren herum und am Brot, was Leviathan noch ausgepackt hatte. Dabei schielte Wölfchen aber immer wieder auf den hektisch wedelnden Puschel des Drachen, der wurde durch die Aufgebrachtheit doch völlig zerzaust!

„Rudi…“, fing Leviathan an, aber dann schüttelte er den Kopf. „Nimm es einfach so hin. Männer tragen keine Röcke. Fremde Schwänze und Puschel fasst man nicht einfach an“, murmelte er und ließ sich nach hinten in sein Bett fallen. Er konnte nur hoffen, dass der Wolf das verstand. „Los, geh dich waschen, wenn du fertig mit Essen bist und zieh dir heute Nacht einen Schlafanzug an. Hier ist es verboten, nackt zu schlafen.“

Das waren ja gleich drei niederschmetternde Vorschriften in einem Atemzug. Wölfchen würgte den Brocken Brot runter, der ihm im Halse festzustecken drohte und seufzte. Doch er sagte lieber nichts mehr, denn er hatte das ungute Gefühl, schon wieder Thano verärgert zu haben. Wenn der ihn einfach des Nachts hier zurückließ und allein loszog, waren Wölfchen und Fluffy doch völlig aufgeschmissen. Also nickte er und zog mit einem Fuß seinen Rucksack zu sich, um den Schlafanzug, Handtuch und Seife zu suchen. Natürlich auch die Zahnbürste, denn schon Mama Wolf sagte immer: die Zähne sind das Aushängeschild eines Wolfes.

Leviathan wollte ihn erst alleine gehen lassen, aber entschied sich anders, weil er sonst wahrscheinlich den Kleinen suchen durfte, weil er sich nicht gemerkt hatte, wie er wieder zurückkam. Darum suchte er zusammen, was er brauchte, und schob Wölfchen vor sich her, den Flur entlang, zu den Dusch- und Waschräumen. Dabei achtete er darauf, dass der Wolf immer vor ihm lief und viel Abstand zwischen ihm und dem Drachen-Puschel war.

Wölfchen ließ es geschehen, er war einmal mehr deprimiert. Des Puschels beraubt - schlimmer noch: Puschelanfassverbot! Es gab ja nicht viel, was schlimmer war. So knotete Wölfchen an seinem eignen herum, doch das war nicht so befriedigend.

Sie hatten Glück, der Waschraum war leer, aber das besserte Leviathans Laune nicht im Geringsten. Er hatte es befürchtet. Gemeinschaftsduschen. Nicht dass er prüde oder schüchtern war. Er mochte es einfach nicht, angestarrt zu werden. Drachen wurden immer neugierig begafft, weil sie eben außergewöhnlich waren mit ihren großen Flügeln und den Schuppen auf der Haut. Zum Glück konnte er dem wohl heute entgehen. Wölfchen derweil hatte sich schon unbedarft seiner Kleider entledigt, seinen Puschel besonders gut weggelegt, damit er weder nass noch schmutzig wurde und hüpfte schon nackt durch die Duschen, um sich eine zu suchen, die ihm gefiel.

Immer wieder drehte er an den Reglern und quietschte, wenn das Wasser entweder zu kalt oder zu warm für ihn war. Dass er sich die Temperatur einstellen konnte, entging ihm dabei völlig. „Rudi“, rief Leviathan, als er selber ausgezogen war und wedelte mit dem Schwanz, um die Aufmerksamkeit des Wolfes zu kriegen. „Komm her. Ich stell dir das Wasser richtig ein und du darfst meinen Puschel waschen, damit er sauber wird“, lockte er ihn zu sich, damit er nicht noch was anstellte. Und tatsächlich. Wie ferngesteuert kam der junge Wolf aus seiner Dusche, ein paar rote Flecken auf der Haut, weil er sich verbrannt hatte. Daheim hatten sie nur eine Badewanne gehabt und die hatte Mom immer für die ganze Familie vorbereitet.

Doch der Schmerz war vergessen, als der nackte Wolf den Puschel fest gegen seinen Bauch drückte, das kitzelte so lustig auf der Haut.

Leviathan zuckte ein wenig, denn da war ein komisches Gefühl, das sich durch seinen ganzen Körper zog. Er konnte es nicht wirklich beschreiben, aber es war ihm unangenehm und irgendwie auch nicht. Das war mehr als verwirrend. Er sah Wölfchen an und war versucht, ihm den Puschel wieder wegzunehmen, aber das konnte er nicht, weil der ihn ja waschen durfte. Um sich abzulenken, fing er an, sich die Haare zu waschen, was bei ihrer Länge immer ein wenig aufwendig war.

Wölfchen hingegen fing an den Puschel einzuschäumen und summte wieder. Angestrengt wischte er sich immer wieder nasse Haare aus dem Gesicht und blinkerte mit den Augen, wenn Rinnsale aus den Haaren ins Gesicht liefen. Doch das brachte ihn nicht davon ab, dem Puschel seine ganze Aufmerksamkeit zu widmen. Dabei vergaß er völlig, dass er selber vielleicht auch ein bisschen Seife vertragen konnte.

Weil er auch auf mehrmaliges Ansprechen nicht reagierte, seufzte Leviathan ergeben und zuckte mit dem Schwanz. Sie hatten schon eine merkwürdige Kommunikation. Puschelsprache konnte man das wohl nennen. „Rudi, waschen! Wir wollen hier fertig werden. Der Puschel ist sauber.“ Noch immer waren sie alleine, aber wahrscheinlich nicht mehr lange, denn auf dem Flur waren Schritte zu hören, die in ihre Richtung kamen.

So zuckte Wölfchen und seufzte aus tiefstem Herzen. Doch er ließ den Puschel nur mit einer Hand los, um sich selbst mit der anderen ein bisschen sauber zu machen. So dreckig war er heute nicht geworden, denn er war ja den ganzen Tag in seinem kuschelig weichen Puschelkostüm unterwegs gewesen. Schnell noch den Schaum abgeduscht und schon folgte er dem Drachenpuschel aus der Dusche.

Sie waren gerade in ihre Schlafanzüge gestiegen, als die Tür aufging und einige der Zauberlehrlinge hereinkamen. Einige kicherten, denn sie hatten schon von dem Drachen und seinem Liebchen gehört, aber sie enthielten sich jeden Kommentars, denn durch die Erzählung ihrer Kameraden wussten sie, dass mit dem Drachen nicht zu spaßen war. So gingen nur immer wieder ihre Blicke zu dem Paar rüber und sie tuschelten leise. Allerdings konnte Leviathan sie hören und trat mit Wölfchen im Schlepptau den Rückzug an, damit sie nicht noch aus der Herberge geworfen wurden, weil er einige Zauberlehrlinge umgebracht hatte.

Wölfchen grüßte noch freundlich und war zum Glück mit dem Tragen seines Hasenanzuges so beschäftigt, dass er keine Hand frei hatte, um Thanos Puschel zu greifen. So kamen sie nämlich ohne große Probleme und Menschentrauben über die Flure zurück zum Bett, wo Fluffy schon auf sie wartete.

„Soll ich dir den Puschel fönen?", fragte Wölfchen und machte große, bettelnde Augen, als er seine Last aufs Bett geworfen hatte.

„Nicht nötig“, wehrte Leviathan ab. Zweimal fuhr er kurz mit den Flammenhänden durch die Puschelhaare und schon war er trocken. Mit seinen Haaren machte er es genauso. So ein Drachenfeuer war schon irgendwie praktisch, wenn man sich selbst damit nicht verbrennen konnte. Allerdings, als er Wölfchens traurigen Blick sah, war es mit der Zufriedenheit vorbei. „Du kannst ihn aufbürsten“, seufzte er schließlich und gab ihm die Bürste. Ihr Ruf war eh schon hin, da kam es darauf auch nicht mehr an und was tat man nicht alles, um das Wölfchen bei Laune zu halten. Schließlich schien die Arbeitsamtfee ihn zu mögen und da war es vielleicht ganz gut, wenn er morgen nicht ohne den Kleinen dort aufkreuzte.

Zufrieden mit sich und der Welt zerrte Wölfchen gleich den Puschel an sich und fing an zu bürsten, auch wenn die Zauberlehrlinge, die aus und ein gingen lachten. Ihm war das egal, ein Puschel - vor allem solch ein schöner - musste gut gepflegt werden!

Es hatte etwas Beruhigendes an sich und das liebevolle Bürsten erinnerte Leviathan an seine Mutter, die das auch immer vor dem Einschlafen gemacht hatte, als er noch klein gewesen war. Das war für ihn immer die schönste Zeit des Tages und er hatte es genossen, dass seine Mutter nur für ihn da gewesen war. Darum lächelte er auch, als er sich auf seinem Bett ausstreckte. „Schön“, murmelte er leise und schloss die Augen.

„Aber nicht wieder so wild herum wedeln. Dann kommt alles wieder durcheinander", sagte Wölfchen mit einem Ernst, der die umstehenden Jungs lachen ließ. Doch er störte sich nicht daran, ignorierte sie einfach - die waren eben doof. Da konnten sie vielleicht gar nichts dafür. Manche waren klein und konnten nichts dafür. Manchen waren rothaarig und konnten nichts dafür. Die waren eben doof. Das Schicksal konnte gemein sein.

„Hmm“, machte Leviathan nur. Er fühlte sich gerade viel zu gut, um sich aufzuregen. „Pass auf ihn auf, wenn ich schlafe“, gähnte er leise und zog die Decke über sich. „Schlaf auch, wir müssen früh raus.“ Er klopfte auf Wölfchens Bett und hielt ihm die Decke an einer Seite hoch, damit er drunter schlüpfen konnte. Wölfchen nutzte die Chance und kroch unter seine Decke, ließ den Puschel dabei aber nicht los, sondern bettete ihn neben seinem Kissen und neben Fluffy, damit er sich daran kuscheln konnte. Er musste sich aber noch etwas arrangieren, weil er ja nicht endlos an dem Puschel ziehen und zerren konnte. Zum Schluss hätte er sich noch den Drachen ins Bett gezerrt und dann hatte der wieder blaue Flecken morgen früh.

Weiter kam Wölfchen mit seinen Gedanken nicht mehr, während des Streichelns schlief er ein.