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Drachenblut - Teil 5 bis 8

05


„Was für ein Alptraum“, murmelte Evren, als er am nächsten Morgen zu sich kam. Warum hatte ihn sein Wecker nicht aus dem Schlaf gerissen? Es war doch bestimmt schon acht Uhr durch. Außerdem verwirrte es ihn völlig, dass er ein weiches Kissen unter seinem Kinn hatte. Sollte da nicht eine zusammengeknüllte Regenjacke liegen?

Träge öffnete Evren die Augen und sah sich um - dann kam es wie ein Hammerschlag zurück. Die Begegnung mit Azhdahar, die wahnwitzige Geschichte über Drachen und Menschen und getupfte Echsen. „Ach du Scheiße!“, knurrte er und ließ sich wieder fallen. Am besten er schlief wieder ein!

„Herr?“ Lita hatte gesehen, dass ihr Herr sich bewegt hatte und wach zu sein schien. Sie kam zum Bett und sah auf den Mann im Bett herunter. Sie war schon seit Stunden wach und hatte Evrens vorläufige Kleidung in die Schränke geräumt. Im Badezimmer hatte sie ein paar Seifen und Öle zur Auswahl hingestellt, weil sie nicht wusste, was ihr Herr bevorzugte. „Bitte, ihr müsst langsam wach werden. Der König ist wieder da und Prinz Azhdahar und ihr sollt gleich zu ihm kommen.“

Irritiert über die fremde Stimme sah sich Evren um und erblickte die junge Frau, die ihm gestern zugeteilt worden war. „Ach stimmt, du bist ja auch noch da - Morgen!“, murmelte er, zog sich aber gleich wieder die Decke über den Kopf. Was redete Lita vom König? Evren wollte seine Ruhe und sich einbilden, dass er wieder zu Hause wäre und in einer Stunde mit der Bahn zum Institut fuhr. Er wollte weder Azhdahar sehen, noch wollte er irgendeinem König wie ein Haustier vorgeführt werden.

„Guten Morgen, Herr. Bitte steht auf. Prinz Azhdahar kommt in einer Stunde, um euch abzuholen.“ Man hörte ihrer Stimme an, dass sie Angst davor hatte, dass Evren nicht fertig war, wenn der Prinz kam. „Ich habe euch schon ein Bad eingelassen und Kleidung herausgelegt. Danach ist auch euer Frühstück bereit. Bitte, Herr, der Prinz wird sonst sehr wütend werden.“

„Soll das Drachi toben - ich will ausschlafen“, murmelte Evren in sein Kissen. Er hatte keine gesteigerte Lust, sich von dem Kerl schon wieder herumkommandieren zu lassen - zumal der noch nicht einmal hier war. Vielleicht konnte er das Machtspielchen zwischen ihnen nicht gewinnen, doch das hieß noch lange nicht, dass Evren es nicht versuchen würde.

„Leg dich auch noch mal hin, ist doch noch viel zu früh.“

Er konnte nicht sehen, wie Lita bleich wurde und anfing zu zittern. Sie kannte den Prinzen und wusste, dass er ihr die Schuld geben würde, wenn Evren nicht fertig war. „D… das geht nicht, Herr“, stammelte sie und kniete sich neben das Bett. „Bitte, man darf den König nicht warten lassen. Wir werden alle bestraft.“

Ungnädig sah Evren neben das Bett und knurrte, doch als er Lita so blass und zitternd sah, konnte er ihr auch nicht ins Gesicht sagen, dass ihm das gelinde gesagt ziemlich egal war. „Wenn's sein muss?“, murmelte er und drückte sich langsam aus den Laken, streckte sich dabei in alle Richtungen wie eine Katze und ließ die Decke zu Boden gehen. „Was muss man hier eigentlich tun, um in Ruhe pennen zu dürfen?“ Sich den Bauch kratzend, kam Evren langsam auf die Füße. Das Tattoo juckte, weil es abheilte. Das war ja furchtbar!

„Danke, Herr.“ Lita sah Evren dankbar an, senkte aber gleich beschämt den Kopf, denn der junge Mann war nackt. Schnell stand sie auf und ging vor zur Badezimmertür, um sie aufzuhalten. Dabei riskierte sie noch einen kurzen Blick auf den nackten Körper, der wirklich sehr ansehnlich war. Sie wurde wieder rot und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihr ihr Herr gefiel. Doch leider hatte Evren, auch wenn er noch nicht richtig wach war, schon bemerkt, dass seine Posen nicht unbemerkt geblieben waren.

Zufrieden grinsend unterließ er es, sich etwas anzuziehen und ging so wie er war zum Bad. Es war Absicht, dass er Lita streifte, sie dabei anlächelte und ihr tief in die Augen sah. Doch das war es auch schon - er ging weiter, ohne etwas zu sagen.

Es dauerte ein paar Herzschläge, bis Lita sich soweit aus ihrer Erstarrung gelöst hatte, dass sie Evren folgen konnte. Sie musste sich erst räuspern, damit ihre Stimme ihr wieder gehorchte, aber das hieß nicht, dass etwas Gescheites aus ihrem Mund kam, denn sie stammelte erst ein wenig Unverständliches. Sie schloss die Augen und atmete noch einmal tief durch, erst danach ging es wieder. „Am Rand der Wanne stehen verschiedene Öle und Seifen, weil ich nicht wusste, was euch gefällt“, erklärte sie schnell, weil Evren sie fragend ansah.

„Was kannst du mir empfehlen? Ich benutze derartiges normalerweise nicht“, log er, denn sie konnte das sowieso nicht prüfen. Er versuchte nur, sie ständig in seiner Nähe zu haben und einen netten Augenblick abzupassen. „Vielleicht kannst du mir auch den Rücken waschen, denn durch die Wunde spannt alles ein bisschen. Da wird es schwer, sich zu verbiegen.“ Das war nicht gelogen, denn die Haut über dem Tattoo spannte wirklich ziemlich. Vielleicht sollte er noch einmal Salben auftragen.

„Aber natürlich, Herr.“ Lita kam näher und griff eine der Flaschen und öffnete sie. „Das ist ein würziger, herber Duft, der aber nicht so aufdringlich ist. Ich persönlich mag ihn recht gerne.“ Sie hielt Evren das Öl hin, damit er schnuppern konnte. „Davon gibt es auch noch die passende Seife, die ihr auch für die Haare benutzen könnt.“ Sie stellte die Seife neben Evren ab und kniete sich so hin, dass sie ihm den Rücken waschen konnte. „Was soll ich nehmen. Schwamm oder Waschlappen?“

„Ach, weißt du, Süße, wenn es dir so gut gefällt, dann sollte ich das nehmen. Nimm am besten die Hände“, erklärte er und grinste in sich hinein, als er sich in das Wasser gleiten ließ. Dass er sich dabei vorbeugte und ihr tiefe Einblicke gewährte, war pure Absicht, aber das musste Lita ja nicht wissen. Sie war so niedlich naiv - eine Frau wie sie hatte Evren noch nie getroffen.

„W… wie ihr wünscht… Herr.“ Lita war sichtlich verwirrt und schon wieder rot, so dass sie ganz vergaß, dass sie das Öl ins Wasser gießen sollte. Erst als Evren ein wenig im Wasser planschte, wurde sie wieder aufmerksam und goss schnell etwas von dem Öl ins Wasser, so dass sich gleich der würzige Duft im Raum verteilte. „Soll ich euch auch die Haare waschen?“, fragte sie schüchtern. Evren verwirrte sie und die Vorstellung, dessen nackte Haut zu berühren, machte sie nervös. Das entging auch Evren nicht. Es war zwar witzig, mit ihr zu spielen, aber sie völlig aus der Fassung zu bringen, war nicht sein Ziel gewesen.

„Hey, Lita“, sagte er und sah sich zu ihr um. „Nicht so nervös. Ich werde dir nichts tun. Aber wir werden die nächste Zeit zusammen verbringen und ich mag dich. Also bleib locker und sei nicht so zaghaft, okay?“ Ohne darüber nachzudenken, wie sie reagierte, strich er mit einer nassen Hand über ihre Wange und lächelte sie an.

Erst wollte Lita erschrocken zurückzucken, aber als sie Evrens Lächeln sah, lächelte sie zaghaft zurück. „Danke, Herr, aber ich bin das einfach nicht gewohnt. Ich habe Angst, etwas falsch zu machen, denn ich war noch nie Leibdienerin.“ Es war ihr peinlich, das zuzugeben, darum senkte sie wieder den Blick. „Ich mag euch auch“, sagte sie noch leise und nahm etwas Seife, damit sie sich ablenken konnte und Evren vielleicht nicht mitbekam, dass sie schon wieder rot wurde.

„Schon okay. Was hier passiert, bleibt zwischen uns beiden. Und ich verzeihe kleine Fehler, also verkrampf dich nicht“, sagte Evren noch, dann ließ er sich in die zarten Hände gleiten. Auch wenn Lita noch nie Leibdienerin gewesen war, so muss sie doch schon immer in den Zimmern gedient haben. Sie hatte weiche Hände, keine Schwielen. Es war angenehm, sie auf der Haut zu spüren.

Die Dienerschaft war perfekt ausgebildet, was Evren auch gleich zu spüren bekam, denn Lita massierte ihn ein wenig, während sie die Seife auf der Haut verteilte. Evrens Worte hatten ihr die Angst genommen und es gefiel ihr, über die weiche Haut zu streichen. „Die Haare auch?“, fragte sie noch einmal, weil sie vorhin keine Antwort bekommen hatte.

„Ja, ja. Mach ruhig.“ Evren war das nur recht. Je länger sie ihn berührte, umso besser. Er konnte nicht vermeiden dass die sanften Hände ihn ein wenig reagieren ließen, denn er war seit ein paar Wochen ohne Partnerin. So schloss er die Augen und lehnte sich ihr entgegen. Was machte es schon, wenn Lita nass wurde? Sie konnte sich doch wieder umziehen.

Wieder hochrot im Gesicht, wusste Lita gar nicht, wo sie hingucken sollte. Sie war noch Jungfrau, aber sie wusste durchaus, was Evrens Körper ihr zeigte. Sie versuchte auf einen neutralen Punkt zu sehen, aber immer wieder huschte ihr Blick über den starken Körper und ließ Schauer durch ihren Körper rieseln. Sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen, aber ihre Finger zitterten, als sie Evrens Haare nass machte und mit der Seife einschäumte.

Ihre schüchterne Art machten Evren fast rasend. Er spürte die Hitze, die in ihm aufstieg und sein Atem wurde schneller. Zwar war es ihm peinlich, dass er auf solch unverfängliche Berührungen so intensiv reagierte, doch er konnte es nicht ändern. Ohne Vorwarnung griff er sich Lita am Arm und zog sie zu sich in die Wanne, um sie zu küssen, achtete aber darauf, dass sie sich nicht dabei stieß oder verletzte.

Erschrocken japste die junge Frau auf, aber zu mehr kam sie nicht, weil sich gleich ein paar weiche Lippen auf ihre legten. Ihre Hände gegen Evrens Schultern gestemmt, versuchte sie sich freizumachen, aber nur kurz, dann wurde ihr Körper weich und sie ergab sich dem Kuss, der ein Feuerwerk unbekannter Gefühle durch ihren Körper jagte. Ohne, dass sie es merkte, schmiegte sie sich an Evren und ihre Hände strichen von den Schultern auf den Rücken. So hatte Evren sich das vorgestellt.

Zufrieden ließ er sich weiter nach hinten sinken, küsste sie aber weiter, während er Lita auf sich drapierte, damit sie es bequemer hatte. Seine neugierigen Hände machten sich erst nur auf dem Rücken zu schaffen, streichelten sanft und schaufelten warmes Wasser über ihren Anzug. Das war gut!

Ihm wurde immer heißer, sein Körper verlangte nach mehr, doch er wollte sie nicht zwingen. Das war nicht seine Art.

Lita in seinen Armen wurde weich und nach einigen Augenblicken schmiegte sie sich eng an Evren. Sie wusste nicht warum, aber sie wollte diesen starken Körper immer näher an sich spüren. Sie war noch vollkommen unerfahren und wusste nicht, warum sie so fühlte. „Herr“, murmelte sie schüchtern, als sie den Kuss lösen musste und senkte schon wieder hochrot den Kopf. „Ich… habe… Also… noch nie…“, stammelte sie und wollte sich am liebsten verkriechen. Wenn Evren merkte, dass sie keine Ahnung hatte, war ihr Herr bestimmt enttäuscht.

„Hey“, sagte Evren leise. Er war zwar über die abrupte Unterbrechung nicht erbaut, doch er konnte sie auch verstehen. Wer ließ sich schon gern überrumpeln? Eine Hand legte sich unter ihr Kinn und so zwang er sie sanft, ihn anzusehen. „Du musst nichts tun, was du nicht willst, Lita. Wenn dir das hier nicht gefällt, lass ich dich gehen.“ So schwer es ihm auch fallen würde, doch das war die Wahrheit. Es lag in ihrer Hand, auch wenn sein Körper nach Befriedigung gierte.

„Es ist nicht so, dass ich nicht möchte. Das war sehr schön, aber…“ Lita brach ab und obwohl sie sich schämte, senkte sie den Blick nicht. „Ich bin noch Jungfrau und habe noch nie… nicht einmal einen Kuss.“ Das war so peinlich und so schloss sie doch ihre Augen und vergrub ihr glühendes Gesicht an Evrens Schulter.

Sie zuckten beide zusammen, als die Badezimmertür aufgerissen wurde und ein fuchsteufelswilder Prinz auf einmal neben der Wanne stand. Ängstlich schreckte Lita hoch und drückte sich in eine Ecke der Wanne, während Azhdahar sich Evren griff und zu sich hoch zog. „Was hab ich dir zu so etwas gesagt?“, zischte der Drache und seine Augen glühten tief rot. Er war gerade dabei gewesen sich anzuziehen, als er gespürt hatte, was hier vorging und war gleich, nur mit einer Hose bekleidet, hierher gelaufen. Er hatte die Erregung gespürt und das konnte er jetzt, so kurz vor dem Besuch bei seinem Vater, nicht gebrauchen.

Evren wusste auf die schnelle gar nicht, was ihm geschah. Eben hatte er noch Litas weichen Körper gespürt, jetzt hing er schon wieder im eisernen Griff dieses Drachen. „Lass mich los!“, knurrte er und versuchte sich zu wehren. Schließlich sollte Lita nicht glauben, er wäre ein Waschlappen, der vor den Drachen kuschte. So war das männliche Ego eben. Er ballte die Faust, um Azhdahar zu treffen, egal ob er den Schlag selber spüren würde.

Aber so weit kam es nicht, denn Azhdahar fing seine Faust auf und knurrte aggressiv. „So nicht, Mensch“, zischte er wütend und ging mit Evren, den er immer noch festhielt, wie eine Puppe, durch den Raum zur Dusche. Er stellte das kalte Wasser an und hielt Evren drunter. „Das wird dir helfen, wieder klar zu werden.“

Der Mensch wollte aufbegehren und wilde Schimpftiraden gegen Azhdahar schleudern, doch er verschluckte sich am Wasser und hustete qualvoll, von der schneidenden Kälte auf seiner Haut einmal völlig abgesehen. Er mochte derartiges gar nicht - er war bekennender Warmduscher! Evren schüttelte den Kopf, stemmte sich gegen die Wand, um vor dem Wasser entkommen zu können, denn weil es ihm in die Augen lief, konnte er sie auch nicht öffnen.

Gurgelnd schlug er um sich, egal was er traf.

Lita sah dem Schauspiel mit großen, ängstlichen Augen zu und je länger Evren um sich schlug, umso mehr Angst bekam sie um ihn, denn in das Wasser, das abfloss, mischte sich Blut. Die Wunden an den Armen des Menschen waren wieder aufgegangen und bluteten. Darum nahm sie all ihren Mut zusammen und warf sich vor Azhdahar auf die Knie.

„Hoheit, bitte bestraft meinen Herrn nicht. Es war allein meine Schuld. Ich habe ihn verführt.“ Sie warf sich auf den Boden, als der Prinz sich zu ihr runterbeugte und ihr fest in die Haare griff.

„Lüg mich nicht an, denn ich kenne dich und ich konnte spüren, dass Evren dich wollte. Wage so etwas noch einmal und du wirst dir wünschen, es nicht getan zu haben.“

„Lass sie in Ruhe, dämliches Kriechtier. Lass deinen Frust an mir aus, aber nicht an ihr!“, zischte Evren. Er hatte sich drehen können, nun prasselte das Wasser zwar auf den Rücken, doch sein Kopf war wieder klar. Er konnte es nicht ertragen, Lita so am Boden zu sehen - dort gehörte sie nicht hin, egal ob sie nur eine Dienerin war oder nicht.

Er war noch keine Stunde wach und sein Puls fuhr schon Achterbahn mit ihm. Das alles auf nüchternen Magen. Doch im Augenblick hatte Evren wirklich andere Sorgen.

„Wenn ich meinen Ärger an ihr auslassen würde, dann wäre sie wahrscheinlich schon tot.“ Azhdahar griff sich Evren wieder und zog ihn nah an sich. „Mach dich fertig, in einer halben Stunde hole ich dich ab und wenn du dann nicht fertig bist, werde ich mir eine Bestrafung für dich und Lita einfallen lassen, die dir nicht gefallen wird.“ Mit der Dienerin hatte er wohl ein Druckmittel gefunden, denn Evren schien sie zu mögen.

Sie war auch der einzige Grund, warum Evren nicht gleich widersprach und zu provozieren versuchte. Er biss die Zähne aufeinander und suchte Litas Blick, doch die lag noch immer zitternd am Boden und wagte nicht aufzusehen. Evren war wütend. Warum hatte das jetzt sein müssen? So schnell würde er sich der Dienerin nicht mehr nähern dürfen. Aber dafür würde der Drache noch seine gerechte Strafe bekommen - nur nicht jetzt.

„Lass mich los“, sagte er leise und er hasste sich dafür, einfach aufgeben zu müssen.

„Schon besser.“ Der Prinz ließ Evren los und ging ohne ein weiteres Wort. Was weiter passierte, interessierte ihn nicht, denn es hatte bestimmt nichts mit Sex zu tun. Durch die ganze Aktion war er auch wieder ganz nass geworden und musste sich noch einmal umziehen. Mit diesem Menschen hatte man wirklich nur Ärger!

Als Azhdahar gegangen war, kam Evren langsam zu Lita und kniete sich neben ihr auf den Boden. Er wagte nicht, sie anzufassen. „Es tut mir Leid, ich hätte wissen müssen, dass dies passiert. Ich werde dich nicht mehr belästigen“, sagte er leise. Dabei strich er ihr doch über den Rücken und erhob sich wieder. „Zieh dir bitte etwas Trocknes an. Nicht dass du dich erkältest. Ich kann mich allein herrichten.“ Evren war wütend und deswegen wollte er jetzt allein sein - er war so ein Versager! Und an allem war dieses bekloppte Kriechtier schuld!

„Herr?“ Lita erhob sich und berührte Evren an der Schulter. „Ihr habt mich nicht belästigt. Ich war zwar erst erschrocken, aber es… es war schön“, sagte sie und wurde schon wieder rot. Sie lächelte leicht und dann nahm sie all ihren Mut zusammen und umarmte Evren, dann rannte sie weg, denn schließlich sollte sie sich umziehen.

„Oh man, warum ich?“, murmelte Evren und griff sich eines der Handtücher. Er stellte das Wasser aus und ließ das Bad hinter sich. Mittlerweile war die erste Wut verraucht, das Adrenalin in seinem Blut nahm ab und er spürte, dass er fror. Auch wenn Azhdahar am längeren Hebel saß - das hier war noch nicht vergessen und würde auch so schnell nicht passieren. Ebenfalls das riesige Tattoo auf seiner Brust. Das würde er auch nie wieder entfernen können, ohne seine Haut auf lange Sicht zu schädigen.

„Warte nur, du Kriechtier. Ich kriege meine Rache“, murmelte Evren leise und zog sich eilig an. Lita hatte seinen Schrank ja schließlich reichlich bestückt. Sogar Frühstück hatte sie schon mitgebracht und auf Tisch und heißer Platte angerichtet. Evren lächelte. Sie war eben doch ein Goldstück und der einzige Grund, warum man es hier vielleicht doch aushalten konnte.

Schon etwas früher, als nach der angegebenen halben Stunde, kam Azhdahar wieder in Evrens Zimmer. Der Prinz hatte sich wieder beruhigt. Er wurde zwar sehr schnell wütend, aber meistens dauerte es nicht lange. Er setzte sich Evren gegenüber, der ihn ignorierte. Azhdahar hatte sich so etwas schon gedacht, denn Evren war wirklich sehr wütend gewesen. Im Nachhinein tat es ihm Leid, was er gemacht hatte, aber bei ihm hatte es einfach ausgesetzt. „Der Heiler kommt noch einmal und verbindet dir deine Arme neu“, sagte er deswegen versöhnlich, aber mehr an Entschuldigung würde der Mensch nicht bekommen.

„Kann ich alleine“, knurrte Evren und erhob sich. Noch waren sie allein und er war nicht verpflichtet, die Nähe dieses Drachen zu ertragen. Die Wunden hatten bereits aufgehört zu bluten, deswegen hatte Evren sie auch nicht verbunden. An der Luft heilte so was immer noch am besten. „Lass uns gehen. Ich will das hinter mir haben!“ Evren schlug den Weg zur Tür ein, ohne Azhdahar anzusehen. Er war immer noch sauer, weil Lita seit dem noch nicht wieder aufgetaucht war.

„Wie du meinst.“ Man merkte, dass Azhdahar ein wenig eingeschnappt war, auch wenn er es nicht sehr zeigte. Er stand auf und folgte Evren aus dem Zimmer. Gut, wenn der Mensch nicht mit ihm reden wollte, ihm sollte das nur recht sein. Darum beschränkte er sich darauf, Evren zu sagen, wo sie lang mussten, als sie durch die Gänge zu den Räumen seiner Eltern gingen.

Der Mensch schien auch nicht sehr viel wert auf Konversation zu legen, denn bis auf ein Nicken, wenn die Richtung zu ändern war, war von ihm nichts zu bekommen. Er war noch immer wütend darüber, dass sein morgendliches Techtelmechtel so abrupt und peinlich geendet hatte. Und alles nur, weil er mit diesem Spinner verbunden war. Und als würde das nicht reichen, musste sich Evren jetzt noch die Erzeuger dieses laufenden Größenwahns auf Beinen antun. Was für ein Tag! 


06

Kurz bevor sie an ihrem Ziel ankamen, ging Azhdahar vor, denn es schickte sich nicht, wenn der Mensch vor ihm die Räume des Regentenpaares betrat. Die Wachen öffneten die Türen und der Prinz konnte schon das helle Lachen seiner Mutter hören, die auch gleich auf ihn zukam und umarmte. „Hallo, mein Liebling“, begrüßte sie ihren Sohn und ließ sich umarmen. Sie hatte ihren Jungen vermisst und war froh, ihn wieder bei sich zu haben.

„Hallo, Mutter. Schön, dich zu sehen“, murmelte Azhdahar und versuchte unauffällig, sich frei zu machen. Er mochte es gar nicht, wenn seine Mutter immer so tat, als wenn er noch ein kleiner Junge war. Er konnte sich sicher sein, dass Evren sich darüber amüsierte. Vielleicht nicht grinsend, doch er bemerkte das Unwohlsein seines unfreiwilligen Gefährten sehr wohl. Was er noch bemerkte, war der forschende Blick des älteren Mannes, der auf ihm lag. Sicher wusste der König schon, was passiert war. Doch Evren störte sich nicht daran, er blieb einfach stehen und sah sich erst einmal um.

„Azhdahar, wie ich hörte, hat es einen Zwischenfall gegeben“, fragte König Ulgar, behielt den Menschen aber weiter im Auge.

„Was heißt Zwischenfall?“ Azhdahar nutzte die Chance, sich von seiner Mutter zu lösen und wandte sich an seinen Vater. „Das Portal hat etwas zu uns gebracht. Keine Echse, sondern einen Menschen, mit dem ich jetzt verbunden bin.“ Der Prinz versuchte es herunterzuspielen, denn er wollte nicht, dass seine Mutter sich Sorgen machte. Er lächelte kurz, als er Krallen an seinen Beinen fühlte. Die beiden Umagals seiner Eltern kletterten an ihm hoch, so wie sie es immer machten, wenn er da war. Sie waren seine ersten Spielkameraden gewesen und sie hingen sehr an ihm. Gern hätte er einen eigenen gehabt, der mit den beiden spielen konnte, doch er hatte nur diesen Evren bekommen. Und bei dem legte er nun wirklich keinen Wert darauf, dass der ihm die Beine hoch kroch!

„Für mich ist die Tatsache, dass mein Sohn jetzt an einen wertlosen Menschen gefesselt und von dessen Gesundheit abhängig ist, eigentlich mehr als ein Zwischenfall!“, erklärte Ulgar und brachte mit einem einzigen scharfen Blick Evren zum Schweigen, der sich gerade über den wertlosen Menschen echauffieren wollte. Er sah den groß gewachsenen Mann mit den langen, schwarzen Haaren und den strahlend grünen Augen nur giftig an. Seinen Frust würde er später an Azhdahar auslassen. Jetzt schwieg er lieber. Wenn Azhdahar schon so aufbrausend war und nur dadurch gebremst wurde, dass er selbst Evrens Schmerz spürte, wollte der Mensch lieber nicht wissen, was der König alles tat.

„Was gedenkst du zu tun, Azhdahar. Das kann ja kein Dauerzustand sein, dass dieses Ding dir am Bein hängt und dich an einer Wandlung hindert.“

Azhdahars Brauen zogen sich zusammen, denn den versteckten Vorwurf seines Vaters hatte er durchaus verstanden. Er kraulte die beiden Echsen, die sich auf seinem Arm niedergelassen hatten und setzte sich in einen Sessel. „Was glaubst du wohl, was ich zu tun gedenke? Ich habe den Wissenschaftlern schon den Befehl gegeben, eine Lösung zu finden. So lange werde ich damit leben müssen, denn bis dahin sind mir die Hände gebunden.“

Ohne es zu verbergen rollte Ulgar die Augen. „So, dir sind die Hände gebunden. Du kannst nichts tun, bis die Wissenschaftler etwas Genaueres wissen. Nun, dann muss ich das wohl so hinnehmen“, sagte der König und selbst Evren war der versteckte Spott nicht entgangen. Was war das denn für ein Arsch? Dagegen war Azhdahar ja ein Waisenknabe. Das erste Mal bekam der Mensch, der zum Glück im Hintergrund geblieben war, Mitleid.

„Liebling“, mischte sich Azhdahars Mutter, Königin Elaria, ein und kam zu ihrem Mann rüber. Die schöne, blonde, zierliche Frau mit den leuchtend blauen Augen, ähnlich wie die ihres Sohnes, hakte sich bei ihrem Mann ein und lächelte ihn an. „Sei doch nicht so streng. Was soll Azhdahar denn tun? Du kennst unseren Sohn, er wird sich darum kümmern, dass die Wissenschaftler eine Lösung finden.“

„Und warum verlässt er sich darauf, was diese Tränentiere erreichen? Je länger er dieses unreine Blut in sich trägt, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Vorgang nicht rückgängig zu machen sein wird. Ich erwarte, dass er dafür sorgt, dass so schnell wie möglich eine Umagal hier erscheint und sein Blut reinigt“, erklärte er und sah Evren abwartend an. Ob der Mensch es noch einmal wagte, sich zu mokieren? Doch Evren schwieg und sah aus dem Fenster, versuchte so den Frechheiten aus dem Weg zu gehen.

„Sieh es dir doch an - es hat uns noch nicht einmal begrüßt, obwohl ich weiß, dass es uns versteht, Schatz. So was will ich nicht länger in meiner Familie als wirklich notwendig.“

Evren holte tief Luft. Azhdahar sah ihn schnell an und schüttelte unmerklich den Kopf und hoffte, dass Evren sich davon abhalten ließ. Er konnte spüren, wie es in dem Menschen brodelte und er kurz davor war, zu explodieren und der König würde so etwas nicht tolerieren.

„Vater, sein Name ist Evren und auch wenn ich nicht sehr begeistert bin, mit ihm verbunden zu sein, so muss ich es erst einmal so hinnehmen. Du willst, dass eine Umagal durch das Portal kommt, also werde ich auf die Erde reisen und dort eine suchen müssen, denn was anderes wird nicht funktionieren. Du weißt, wie lange es seit dem letzten Mal gedauert hat, bis das Portal wieder ansprang.“ Azhdahar versuchte den Unmut seines Vaters auf sich zu ziehen, damit er Evren in Ruhe ließ, denn so wie es in dem Menschen kochte, gab das nur ein Desaster. Und auch wenn Azhdahar es nicht sah, weil Evren hinter ihm stand, hob der anerkennend eine Braue und war - wenn auch nur ein kleines bisschen - versöhnt.

Auch Ulgar war überrascht über den Vorschlag seines Jungen, doch er nickte zustimmend. „Das ist eine gute Idee. Du wirst dir deine Umagal selbst suchen. Du wirst eine starke auswählen, die dir endlich zur Wandlung verhilft. Das ist gut.“ Der König nickte zufrieden und verschränkte die Arme vor der Brust. Dabei scheuerten die stählernen Armschoner auf dem Brustharnisch seiner Uniform. Evren hatte bisher noch keinen intensiveren Blick riskiert, doch nun sah er sich diesen Kerl noch einmal genauer an. Streng sah er aus, in seiner glänzenden Rüstung in mattem schwarz. Und er war sehr groß. Fast beängstigend.

„Nein, das kannst du ihm doch nicht erlauben?“ Königin Elaria sah ihren Mann entgeistert an. „Du kannst doch nicht wollen, dass unser Sohn diesen Planeten verlässt. Er ist doch noch gar nicht erwachsen. Was, wenn ihm dort etwas passiert? Du weißt doch, was dort für gefährliche Tiere leben. Ohne sich wandeln zu können, kann er sich gegen diese doch überhaupt nicht wehren.“

Evren machte ein verstörtes Gesicht, weil er sich gerade fragte, was das für böse, böse Tiere wären, gegen die sich ein Kerl von Azhdahars Kraft nicht wehren können sollte. Abgesehen von ein paar Raubtieren, fielen ihm da keine ein und das sah man ihm auch deutlich an. Er zuckte zusammen, als der König ihn harsch anfuhr: „Sag, was du zu sagen hast, Mensch!“

Evren sah auf und kratzte sich kurz durch die noch feuchten Haare, dann aber antwortete er. „Also, im Augenblick frage ich mich, an was für Tiere die Königin denkt. Es gibt heutzutage nur noch wenige Raubtiere. Keines davon ist größer als zwei oder drei Meter und sie leben in Gegenden, wo man eher selten hinkommt.“ Dass der Mensch sie auf der Erde verdrängt und fast ausgerottet hatte, verschwieg er lieber.

„Was soll das heißen? Auf der Erde gibt es riesige, gefährliche Echsen. Wegen ihnen sind wir doch erst auf diesen Planeten aufmerksam geworden. Zwar konnten sie uns nicht bei unserem Problem helfen, aber dennoch sind sie da und gefährlich. Zumindest für einen jungen Drachen, der sich noch nicht wandeln kann.“ Königin Elaria war sichtlich verwirrt und sah Evren das erste Mal an.

„Glaubt ihr nicht, wenn es dort so gefährliche Viecher gäbe, würden sie die Menschen schon lange gefressen haben? Wie lange ist der letzte Aufenthalt auf diesem Planeten her? Dass dort ein Komet runter gekommen ist und die Viecher ausgestorben sind, damit sich Menschen entwickeln konnten, ist ihnen geläufig?“ Er konnte sich einen leicht spöttischen Unterton nicht verkneifen. Wie konnte man derartiges verpasst haben?

„Diese Echsen sind nicht mehr da?“ Elaria sah Evren ungläubig an und schüttelte den Kopf. „Wir waren das letzte Mal dort, als wir unsere Untersuchungen des Erbgutes durchgeführt haben. Sie waren alle für uns wertlos und wir wollten schon wieder abreisen, als wir die Umagals gefunden haben. Eigentlich haben wir sie nur deswegen getestet, weil wir schon gerade dabei waren. Wir waren wirklich überrascht, dass sie genau das waren, was wir suchten. Sie sind so klein.“

„Na Größe ist ja wohl mal nicht alles“, knurrte Evren. Er kam sich irgendwie ein bisschen - aber nur ein ganz kleines bisschen - nicht gewürdigt vor. Doch er sah darüber hinweg, brachte ja sowieso nichts. „Diese großen Echsen nennen wir Dinosaurier und es gibt nur noch ihre Knochen in den Museen der Welt zu sehen. Ein paar kleine Sorten - wie eure Umagals - haben überlebt und die Säugetiere haben nun die Vorherrschaft übernommen.“ Diesen Seitenhieb hatte er sich jetzt doch nicht verkneifen können.

„Tja Paps, die Wissenschaftler, die immer wieder gesagt haben, dass wir doch ab und zu dort vorbei sehen sollten, hatten wohl irgendwie Recht.“ Azhdahar grinste seinen Vater an, denn das war ein altes Streitthema zwischen ihnen. Der König vertrat die Meinung, dass das nicht notwendig war, weil sie ja ihre Diener dort hingebracht hatten, die sich um alles kümmerten. „Es scheint einiges nicht so gelaufen zu sein, wie geplant. Die Menschen wissen nichts mehr von uns Drachen, das scheint schon länger so zu sein.“

„Stimmt das?“, herrschte Ulgar Evren an und ignorierte Azhdahars Seitenhieb völlig. „Die Menschen glauben nicht mehr an die Drachen? Haben die undankbaren Scheusale denn alles vergessen?“ Er konnte das kaum glauben und seine glühenden Augen hatten so eine Furcht einflößende Wirkung, dass selbst Evren lieber seine vorlaute Klappe hielt und sich jeden Kommentar verkniff.

Bei Azhdahar war das anders. Er kannte das schon. „Vater, so wie ich Evren verstanden habe, sind Drachen bei den Menschen nur noch eine Legende. Du musst bedenken, die Lebensspanne der Menschen ist sehr kurz und wenn sie viele Generationen lang keinen von uns mehr gesehen haben, dann geraten wir wohl unweigerlich in Vergessenheit. Etwas, was wir wohl falsch eingeschätzt haben.“

Nun konnte sich Evren ein Grinsen doch nicht verkneifen. Am liebsten hätte er dem König noch die Zunge heraus gesteckt, doch das ließ er lieber bleiben. Er hing an seinen Körperteilen - an jedem einzelnen.

„Azhdahar, du wirst auf den Planeten gehen und das eine oder andere dort klar stellen. Es kann nicht angehen, dass die Bediensteten ihre Herrschaften einfach vergessen. Das muss gerade gerückt werden“, legte Ulgar fest und sein Blick duldete keinen Widerspruch. Evren konnte das nur recht sein. Er würde fragen, ob er Lita mitnehmen durfte und sich dann von hier verpissen. Der Gedanke ließ ihn noch mehr grinsen.

„Das werde ich machen.“ Azhdahar fand das ja ein wenig übertrieben, aber wenn sein Vater etwas verlangte, war es besser, sich nicht zu widersetzen. „Dann werde ich alles für die Reise vorbereiten. Evren und ich werden, so bald es geht, abreisen.“ Der Prinz sah die Besprechung als beendet an und stand wieder auf. Noch immer hatte er die Umagals auf dem Arm und küsste jede von ihnen nun auf das Köpfchen, dann ließ er sie wieder laufen. Sie krabbelten an ihm hinab und flitzten über den Boden, um sich nun um einen Stuhl herum zu jagen. Evren beobachtete ein wenig und versuchte nicht allzu erleichtert zu wirken, dass sie wieder gehen konnten und er sich erst einmal wieder absetzen konnte.

„Gut, wann werdet ihr aufbrechen?“, wollte Ulgar noch wissen, damit er alles nötige in die Wege leiten konnte.

„In ein paar Tagen, würde ich sagen.“ Azhdahar zuckte mit den Schultern. „So viel muss ja nicht vorbereitet werden.“ Er hatte keine Ahnung und da die Reise ein spontaner Entschluss gewesen war, weil sein Vater ihn gereizt hatte, musste er selbst erst einmal darüber nachdenken, was er brauchte. Da hatte er sich wieder etwas eingebrockt, denn eigentlich war das genau das letzte, was er machen wollte.

„Wenn's dann schneller geht, kann ich gern helfen“, bot sich Evren an, auch wenn jeder wusste, dass dies nicht ganz uneigennützig geschah. Genauso sah ihn Ulgar auch an, doch er konnte leider nicht von der Hand weisen, dass der wertlose Mensch im Augenblick der einzige war, der wusste, wie es auf der Erde aussah. Es sich gänzlich mit ihm zu verscherzen, war vielleicht nicht ratsam.

„Du wirst ihm helfen - ohne Frage“, legte er fest und erhob sich. Er hatte noch anderes zu tun, als sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

Azhdahar beugte sich zu seiner Mutter runter, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben und sie strich ihm liebevoll durch die Haare. „Muss das wirklich sein, Schatz? Ich habe kein gutes Gefühl dabei, dass du so weit weg bist und ich dich nicht beschützen kann. Du bist doch noch so jung.“ Die Königin seufzte und ihr Sohn verdrehte die Augen.

„Mutter, ich bin fast 10.000 Jahre alt und kein Baby mehr. Vater hatte in diesem Alter schon seine Umagal und war mit dir verlobt. Also hör auf, mich zu verhätscheln.“

Hinter ihm kicherte Evren leise, aber laut genug, dass der Drache das auch hören konnte. Es war doch zu goldig - Mütter waren alle gleich, egal wo im Universum.

„Du bist mein Baby, egal wie alt du bist“, lachte die Königin und es war zu merken, dass sie ihren Sohn ärgern wollte. Der sprang auch gleich drauf an und brummte nicht begeistert. Dass Evren kicherte, machte es auch nicht leichter, denn so wie er den Menschen kannte, musste er sich da noch was anhören. „Ich muss jetzt los.“ Der Prinz machte sich aus der Umarmung los und funkelte Evren an, der sich in die Hand biss, um nicht laut zu lachen und zur Strafe kniff Azhdahar sich ins Ohrläppchen.

„Autsch!“ Viel zu überrascht war Evren, als dass er sich den Schrei hätte verkneifen können. Er rieb sich das Ohr und knurrte leise, während der König nun interessiert näher kam. „Es stimmt also. Ihr seid wirklich verbunden“, sagte er fasziniert, weil er derartiges noch nicht gesehen hatte und kam auf Evren zu, der instinktiv vor dem Dachen zurückwich. Doch da hatte ihm Ulgar schon mit dem Nagel die Wange aufgerissen und sah seinen Sohn an, ob der reagierte.

„Faszinierend.“ Der König strich über die Wunde auf Azhdahars Gesicht, der seinen Vater wütend anknurrte. „Musste das sein?“, brummte er sauer. „Evrens Wunden heilen nicht so schnell wie meine und ich habe auch immer wieder was davon, wenn sie wieder aufbrechen.“ Das war so typisch sein Vater. Menschen waren für ihn nichts wert und wenn sie Verletzungen hatten, zählte das nicht. Seine Mutter war da ganz anders, sie tupfte Evren mit einem Taschentuch über die Wunde. „Gib ein wenig was zum desinfizieren drauf, dann heilt das schnell wieder“, sagte sie freundlich.

„Äh - ja, klar - danke“, stammelte Evren etwas irritiert. Die plötzliche Aufmerksamkeit auf seiner Person gefiel ihm gar nicht. Doch so hatte er wenigstens einen Grund, sich von dannen zu schleichen, ehe der König noch mehr Experimente mit ihm vorhatte. „Ich werde gleich gehen und etwas drauf machen“, sagte er und war auf dem Weg zur Tür.

„Warte, ich komm mit.“ Azhdahar drückte seine Mutter noch einmal und kam Evren gleich hinterher. 



07


„Puh“, machte er, als die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte. Sie gingen durch die Gänge und der Prinz brütete vor sich hin, denn ganz glücklich war er mit der Situation nicht. Er sah zu Evren rüber, der ziemlich zufrieden wirkte und brummte. „So wie es aussieht, hast du deinen Willen gekriegt und kommst hier weg.“

„Tja“, sagte Evren nur. „Ist nur fraglich, ob Mama ihr Baby auch wirklich gehen lässt.“ Frech wackelte Evren mit den Augenbrauen, das hatte jetzt einfach sein müssen. „Aber ich werde dich schon loseisen, denn ich will hier weg, je früher desto besser. Also lass uns packen, Lita holen und dann ab durch die Mitte, hm?“ Evren war schon im vollen Eifer zu planen. Wegen ihm konnte es gleich losgehen und nicht erst in ein paar Tagen.

Azhdahar knurrte. Hatte er es doch gewusst. „Mütter“, brummte er leise. „Einerseits verlangen sie von einem, dass man erwachsen wird und dann so was.“ Der Drache schnaubte, aber er war nicht wirklich wütend. Er liebte seine Mutter und sie war auch die einzige, der er so etwas durchgehen ließ. Aber Evren gehörte eindeutig nicht dazu, denn dem fuhr er gleich in die Parade. „Lita? Das kannst du vergessen. Sie wird uns ganz bestimmt nicht begleiten.“

Abrupt blieb Evren stehen und funkelte Azhdahar an. „Warum nicht? Weil sie mir gefällt? Weil ich bei ihr landen kann? Oder was ist dein Problem?“ Er klang ziemlich gereizt, denn so hatten sie nicht gewettet. Sie war ihm zugeteilt, war seine Leibdienerin, dass dies nur auf dem Planeten hier gelten sollte, war nicht im Gespräch gewesen.

„Ganz einfach, wir können nur zu zweit durch das Portal“, knurrte Azhdahar zurück. „Versuch bei ihr zu landen, bevor wir gehen.“ Er zuckte mit den Schultern, denn eigentlich war es ihm egal, was der Mensch trieb. „Wäre aber nett, wenn du mich darauf vorbereitest, denn ich habe keine Lust auf peinliche Situationen wegen dir.“

„Glaubst du allen Ernstes, ich kriege die Braut noch einmal auch nur in die Nähe meines Bettes, dank deiner klasse Einlage heute Morgen?“ Evren war schon wieder auf Krawall gebürstet. „Sie hat sich hinterher nicht mehr blicken lassen. Ich danke dir wirklich von ganzen Herzen!“, ätzte er und schnaubte. Das mit der begrenzten Personenzahl, die durch das Tor konnten, war doch gelogen! Nur konnte er das Azhdahar nicht nachweisen.

„Dann streng dich halt an.“ Azhdahar grinste böse. „Wenn das euer einziges Problem ist. Das kriegst du doch in den Griff und so etwas wie heute Morgen wird nur wieder passieren, wenn du dir, genau wie da, die falsche Zeit für so etwas aussuchst.“

„Dann lass mich doch mal an deinen täglichen Aktivitäten teilhaben. Woher soll ich denn wissen, wann es dir gerade passt, geil zu werden. Idiot!“ Evren schüttelte den Kopf und stapfte wütend davon. Egal wo hin, Hauptsache weg von diesem Spinner. Der vermasselte ihm die Tour und Evren durfte sich jetzt überlegen, wie er das wieder gebogen bekam. Hoffentlich wartete Lita in seinem Zimmer!

„Die nächsten fünf Stunden nicht, da habe ich Kampftraining. Danach ließe sich das einrichten, denn dann liege ich in der Wanne und entspanne mich“, rief Azhdahar ihm spöttisch hinterher und blieb einfach stehen. So wie es aussah, hatte Evren keinen sehr guten Orientierungssinn. „Ach übrigens, zu deinem Zimmer geht es genau in die andere Richtung.“

„Ach leck mich - ich will hier lang!“, knurrte Evren, ohne sich umzusehen - das war doch wirklich eine Frechheit. Da fing der Kerl allen Ernstes an, ihm vorzuschreiben, wann er Sex haben durfte. Schon aus Prinzip nahm er sich jetzt vor, genau jetzt dafür zu sorgen, dass der Idiot sich auf dem Feld blamierte und wenn er das allein erledigen musste. Der würde noch merken, was es hieß, Evren zu reizen.

„Ganz bestimmt nicht“, knurrte Azhdahar und setzte Evren hinterher. Er wurde wieder am Hals gepackt und gegen eine Wand gedrückt. Ein wütender Prinz sah ihn an. „Jetzt hör mir mal zu, Mensch. Ich bin der Thronfolger und in der Öffentlichkeit werde ich derartige Unverschämtheiten von dir nicht dulden. Du hast zwei Möglichkeiten: Entweder du benimmst dich außerhalb unserer Zimmer respektvoll und du kannst dich im Schloss frei bewegen und bei Lita dein Glück probieren oder du verbringst die Zeit bis zur Abreise eingesperrt. Such dir aus, was dir lieber ist.“

„Du, Kriechtier, kannst mich mal. Soweit ich informiert bin, bin ich der einzige auf diesem Planeten, der weiß, wie es auf der Erde mittlerweile zugeht. Vielleicht solltest du dir auch eine andere Gangart angewöhnen, wenn du nicht willst, dass ich dich einfach stehen lasse. Dann sieh doch zu, wie du deine blöde Echse findest. Ich habe nämlich keinen Bock, mich ständig von dir anmachen zu lassen.“ Evren wusste, dass es nicht ganz fair war, was er tat, doch er war sauer. Immer wurde er gebremst, beschränkt. Jeder sagte ihm, was gut für ihn wäre. Das nervte langsam wirklich.

„Wir zwei sollten uns ein wenig unterhalten und Grundsätzliches klären“, knurrte der Prinz und bleckte die Zähne, die wieder länger geworden waren. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass es in ihm kochte. Er schleifte Evren, auch wenn der sich wehrte, hinter sich her, in sein Zimmer und drückte ihn in einen Sessel.

„Jetzt hör mir mal zu, du Arschloch. Du bist hier, egal ob es dir passt oder nicht. Und solange wie du hier bist, wirst du dich an meine Spielregeln halten. Da wo du herkommst, mögt ihr euch nicht mehr für Sklaven halten, aber hier ist es so und du wirst dich dementsprechend verhalten. Ich glaube nicht, dass du möchtest, dass alle anderen Menschen hier unter deinem Verhalten leiden müssen, denn wenn mein Vater mitbekommt, wie du dich verhältst, wird das passieren, allein schon, weil er Menschen für minderwertig hält und es ihm nichts ausmacht, tausende von euch zu töten.“

Im ersten Augenblick wusste Evren nicht, was er sagen sollte, also schwieg er. Zwar brodelte es in ihm hoch und hunderte nicht netter Gedanken waren dabei, ihm auf der Zunge Blasen zu brennen, doch er beschloss, dass das Kriechtier keine Silbe wert war. „War's das?“, fragte er stattdessen. Der Drache konnte seinen Gehorsam haben, doch er hatte etwas getan, was man besser nicht tat: Er hatte Evrens Trotz herausgekitzelt und das war etwas Bleibendes. Azhdahar würde sich noch wünschen, sich Evren gegenüber nicht so aufgeblasen zu haben. Doch Rache war etwas, was kalt serviert wurde. Evren konnte warten. Seine Stunde kam noch.

„Wie hast du dich entschieden?“, fragte Azhdahar genauso kalt. Er hatte langsam wirklich die Schnauze von diesem zickigen Hin und Her voll. Dieser Mensch machte nichts als Ärger, seit er hier war und Azhdahar war nicht geduldig. Die Drachen sollten sich wirklich überlegen, ob sie diesem bescheuerten Planeten nicht doch mal wieder zeigen sollten, wer was zu sagen hatte.

„Lass die Menschen in Ruhe, aber beeil dich beim Packen. Ich weiß nämlich nicht, wie lange ich das hier noch ertrage. Und lass mich los, ich steh nicht drauf, wenn Kerle mich angrabbeln.“ Demonstrativ schob er Azhdahar ein Stück weg. Evren wollte nur noch seine Ruhe - mehr nicht. Das konnte doch wirklich nicht zu viel verlangt sein.

„Das werte ich als Zustimmung.“ Azhdahar ließ Evren los und ließ sich in den anderen Sessel fallen. „Wir können uns das Leben gegenseitig sehr schwer machen, wenn du es willst. Wir können aber auch einen Waffenstillstand schließen.“ Viel Hoffnung hatte der Prinz nicht, vernünftig mit Evren zu reden, denn der schien dafür nicht in Stimmung zu sein. „Überleg dir, wie es weitergehen soll.“

„Im Augenblick hätte ich dich gern ein paar Millionen Kilometer weit weg von mir. Ich bin noch keinen Tag hier und du hast mich tätowiert, mir den Sex versaut, dein Alter hat mich zum Haustier degradiert und lauter niedliche Kleinigkeiten, die das Aufzählen wohl kaum Wert sind, in der Summe einem aber die Galle hochkommen lassen. Ich bin also in der Verfassung, dir das Leben so richtig schwer zu machen - das kannst nämlich nicht nur du.“ Evren dachte nicht nach, er sagte einfach, was er dachte. Langsam war sowieso alles egal, denn die Heimat war in greifbare Nähe gerückt und ob es dem Prinzen passte oder nicht: er musste Evren mitnehmen.

„Na wunderbar. Dir geht es schlecht. Du wirst hier nicht gewürdigt.“ So langsam wurde der Prinz wieder wütend. „Kannst du dir eigentlich auch nur im Entferntesten vorstellen, was deine Anwesenheit für mich bedeutet? Es hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet, dass ich nun minderwertiges Blut in mir trage, dass ich mit einem Menschen verbunden bin. Das ist eine Ungeheuerlichkeit und es gibt Stimmen, die der Meinung sind, dass man uns beide töten sollte. Es sind nur einzelne Stimmen, aber schnell können daraus mehr werden.

Und dann ist da noch die Frage, ob eine Verbindung mit einer Umagal für mich überhaupt noch möglich ist, ob nicht dein Blut verhindert, dass ich die letzte Wandlung vollziehen kann. Kannst du dir überhaupt vorstellen, was das für mich bedeuten würde? Nein, wahrscheinlich nicht, weil du ja zu sehr damit beschäftigt bist, dich darüber aufzuregen, dass du hier bist, denn hier kannst du deinen Sextrieb nicht so ungehindert ausleben, wie du möchtest. Dass ich das auch nicht kann, dass interessiert dich ja nicht.“

„Hey, Drachi“, zischte Evren leise, denn ihm wurde das zu bunt. „Ich war nicht der Depp, der ein Transporttor zwischen zwei Welten einfach so einer Echse überlässt, ohne vorher zu prüfen, ob es sich auch wirklich um eine Echse handelt, die durch das Tor kommt. Also lade deine Probleme nicht bei mir ab. Das da ist dein Volk. Wenn es über dich lacht, ist das deine Sache. Ich war hier nur Mittel zum Zweck. Wenn du dein Volk nicht im Griff hast, ist das nicht mein Bier, Azhdahar. Okay? Pack dein Zeug und lass uns verschwinden. Dann hast du die Chance, deine Echse zu finden und herauszufinden, ob es funktioniert. Und wenn nicht, bleib auf der Erde. So übel ist es dort nicht.“ Erst jetzt holte Evren Luft, denn er hatte gerade zu viel auf einmal geredet.

„Evren, wir drehen uns im Kreis und mein Volk ist durchaus auch dein Bier, denn wenn ich sterbe, stirbst du auch. Das Tor hat seit tausenden von Jahren ohne Probleme funktioniert, aber das ist jetzt auch egal.“ Azhdahar wischte sich mit der Hand über das Gesicht und seufzte. „Na klar, ich bleibe auf der Erde. Na, ich freu mich ja schon darauf, wie du allen Leuten erklärst, warum du mich in deiner Nähe haben musst und warum du praktisch ewig lebst. Zumindest mehrere hundert tausend Jahre.“

„Hundert tausend Jahre. Muss das sein? Das wird doch elend langweilig“, murmelte Evren überlegend und musste zugeben, dass Azhdahar ein wahres Wort gelassen ausgesprochen hatte. Wie verkaufte er den Drachen in seiner ständigen Nähe?

„Außerdem verstehe ich nicht“, lenkte er sich von dem Gedanken, der ihm unweigerlich kam, ab, „wie man über so lange Zeit ein Portal unbeobachtet lassen kann. Seid ihr nie davon ausgegangen, dass sich auf der Erde was tut? Habt ihr nie nachgesehen? Wie kann man nur so leichtsinnig sein? Und das Resultat habe ich jetzt.“ Nein, er wollte nicht darüber nachdenken, wie er den Kerl in seiner ständigen Nähe erklärte. Noch weniger wollte er darüber nachdenken, dass der vielleicht bei ihm wohnen musste!

„Tja, was soll ich sagen. Für meine Vorfahren war alles damit geregelt, dass wir euch Menschen dort hin gebracht haben. Mit klaren Anweisungen und Befehlen. Es kam für sie gar nicht in Frage, dass es anders laufen könnte, als sie es sich vorstellten.“ Azhdahar lehnte seinen Kopf an die Sessellehne und schloss die Augen. Er fühlte sich müde. „Es gab immer wieder Wissenschaftler, die meinten, wir sollten wieder dort hingehen und alles überprüfen, als die Umagals seltener wurden, aber mein Vater hat das abgelehnt. Noch nicht einmal meine Mutter oder ich konnten ihn umstimmen.“

„Und warum? Hat es ihn nicht interessiert?“, fragte Evren, von Azhdahars Ruhe auf seltsame Weise angesteckt. „Ich meine, ihr seid von den kleinen Viechern abhängig. Es kommen kaum noch welche. Was liegt näher, als zu gucken, ob es denen noch gut geht? Wenn ihn die Menschen nicht interessieren - okay. Aber die Viecher braucht ihr doch.“ Das verstand Evren nicht. „Oder ist die Reise zurück so gefährlich, dass man es nicht wagen wollte?“ Das machte ihm nun doch Sorgen.

„Die Reise ist nicht gefährlich.“ Azhdahar überlegte kurz, wie er Evren das erklären sollte. „Nun, du hast meinen Vater kennen gelernt. Er ist ein guter König und auch nicht schlecht. Er ist ein typischer Drache. Für ihn existiert einfach nicht, was es seiner Meinung nach nicht geben darf. Die Menschen hatten sich um die Umagals zu kümmern, also hat das so zu sein und es wäre einfach nur Verschwendung, jemanden dort hin zu schicken. Nenn es Überheblichkeit. Niemand wagt es, sich den Befehlen eines Drachen zu widersetzen.“

„Aber wie du auch sagtest: Menschen leben nicht so lange und sie vergessen leicht. Auf der einen Seite hält er uns für niedere, nicht lebenswerte Kreaturen, auf der anderen Seite erwartet er Loyalität über tausende von Generationen. Das passt nicht und das wird er einsehen müssen.“ Zumindest sah Evren das so. Er streckte sich in seinem Sessel und sein Blick fiel wieder auf die Wunden auf seinen Armen. Sie sahen hässlich aus.

„Hier hat das wunderbar funktioniert, also konnte es auf der Erde auch nicht anders sein.“ Azhdahar öffnete seine Augen und lachte freudlos. „Bis mein Vater etwas einsieht, bin ich wohl schon alt und grau. Er hält nichts von Veränderungen.“ Azhdahar stand auf und holte aus einem Schrank einen Tiegel Salbe. „Schmier dir die Wunden und auch das Tattoo damit ein, dann heilen sie schneller.“ Er ließ sich wieder in seinen Sessel fallen. „Die Jüngeren, zumindest viele, sehen das etwas anders, aber uns sind die Hände gebunden, solange mein Vater sich quer stellt.“

„Und deswegen brauchst du dein richtiges Haustier, so wie die Viecher bei deinen Eltern, damit du den Thron bekommst und er abdanken muss oder was?“, fragte Evren und drehte den Tiegel in seiner Hand. Doch dann nickte er sich selbst zu und zog sich das Hemd über den Kopf. Die Wunde vom Tattoo hatte wieder genässt und so wischte er erst etwas darüber, ehe er die Salbe verteilte.

„Heißt das, ich muss dann wieder hier her zurück, wenn du dein Vieh hast?“ Die Frage war nicht unerheblich.

„Nein, so ist das nicht. Ich liebe meinen Vater und solange er regieren will, soll er das gerne tun. Nur muss ich mich bis dahin wandeln können, denn erst dann bin ich offiziell erwachsen. Mein Vater hat seine Umagal schon mit 1600 Jahren bekommen.“ Azhdahar klingelte nach einem Diener, denn er hatte Durst. „Ich weiß ja nicht, wie das bei euch so ist, aber hier wird man erst für voll genommen, wenn man den Erwachsenenstatus hat und erst dann kann ich versuchen, meinen Vater zu überzeugen, dass er seine Ansichten ändern sollte.“

Evren merkte sehr wohl, dass der Drache seiner letzten Frage ausgewichen war, doch er bohrte auch nicht weiter. Das mussten sie später klären. Während er die Salbe verteilte überlegte er kurz. „Ja, eigentlich ist es bei uns auch nicht anders. Zwar brauchen wir nicht so lange, bis wir erwachsen sind, aber vorher nimmt einen keiner wirklich für voll. Man darf dies nicht, man darf das nicht. Dafür bist du noch zu jung. Dafür bist du noch zu klein. Das erkläre ich dir, wenn du größer bist. Bla, bla, bla!“ Evren ließ die Zunge heraus hängen, um zu zeigen, wie sehr ihm das zum Hals raus hing, denn ab und an bekam er das heute noch von seinen Eltern zu hören.

„Ja, genau so und wenn dein Vater auch noch der König ist, dann hast du erst recht nichts zu lachen.“ Azhdahar musste über Evrens Gesicht schmunzeln. „Weißt du, wir scheinen ähnliche Erfahrungen gemacht zu haben. Warum kommen wir nicht miteinander aus?“

„Weil du gern Bestimmer bist und ich mir ungern etwas sagen lasse. In diesem Raum ist eben nur Platz für ein großes Ego und ich bin dafür, dass das meins ist“, grinste Evren frech. Er hatte sich wieder beruhigt und seine Rachegelüste waren verraucht.

„Hättest du wohl gerne. Ich bin ein Prinz, mir steht das zu.“ Azhdahar musste kichern, aber dann wurde er wieder ernst. „Da sind ja genau die zwei Richtigen aufeinander getroffen. Aber jetzt mal etwas anderes. Mir ist etwas aufgefallen, an mir. Seit du hier angekommen bist, fange ich an, anders über die Menschen zu denken. Es kann damit zu tun haben, dass wir miteinander verbunden sind. Es ist anders, viel intensiver als bei den Umagals. Hast du bei dir auch Veränderungen festgestellt?“

„Hm.“ Evren wischte seine beschmierten Finger an dem Hemd ab. Das musste sowieso in die Wäsche. Dann fuhr er sich durch die halblangen Haare, die ihm mal wieder weit in die Augen fielen. „Seit gestern stürzt so viel Neues auf mich ein. Ständig kommt etwas dazu. Ich fühle mich total anders, aber ich weiß nicht, ob das an der Verbindung liegt oder daran, dass ich hier einfach noch nicht meinen Platz gefunden habe“, überlegte Evren laut und sah Azhdahar dabei nachdenklich an. Er versuchte in sich hinein zu lauschen. War da etwas?

„Achte einfach drauf, denn es kann wichtig für uns sein. Keiner weiß, was mit uns noch passieren kann. Alles ist neu.“ Es klopfte an der Tür und Azhdahar hörte auf zu reden, solange der Diener die Getränke brachte. Erst als sie wieder alleine waren, nahm er das Gespräch wieder auf. „Nimm dir, was du möchtest“, bot er Evren an und nahm sich selber etwas Saft.

„Danke.“ Evren griff nach einem Glas Wein, irgendwie war ihm jetzt danach und er versprach, ab jetzt besser auf das zu achten, was in ihm vorging. „Vielleicht werde ich ja auch lila, wenn du mal ein lilafarbener Drachen mit orangefarbenen Punkten wirst.“ Er konnte es einfach nicht lassen und er wusste viel zu gut, wo er Azhdahar packen konnte. Es war zu verlockend.

„Das wäre dir zu raten, denn wenn ich durch dich lila werde, dann solltest du das auch werden. Wenn nicht, werde ich eigenhändig dafür sorgen.“ Azhdahar knurrte, aber recht gutmütig. Er war gerade nicht in der Stimmung, sich aufzuregen. „Erzähl mir von der Erde.“

„Hm. Was willst du wissen?“, fragte Evren zurück, denn es gab so viel, was es zu erzählen gäbe. „Über die Menschen? Oder über die Erde? Was weißt du über die Erde? Dann kann ich vielleicht ein paar Irrtümer ausräumen.“ Evren nippte an seinem Glas und sah Azhdahar abwartend an.

„So wie es aussieht, weiß ich nichts über die Erde. Zumindest nicht über die heutige. Auf meiner Erde leben diese… Dinasoren oder wie du sie genannt hast, aber das ist wohl etwas überholt.“ Azhdahar zuckt mit den Schultern. Da hatte er wohl jahrelang umsonst Erdgeschichte gelernt.

„Ja, etwas überholt ist gut. Ist ein paar tausende von Jährchen her, seit die ausgerottet worden waren. Man weiß nicht genau, was passiert ist. Aber Forschungen haben ergeben, dass wohl ein Komet die Erde getroffen hat und fast alles Leben ausgelöscht hat. Da waren eure ausgesetzten Menschen wohl auch von betroffen. Vielleicht sind die heutigen Menschen gar nicht mit denen verwandt, die ihr einst dort hin gebracht habt. Dann ist es nur logisch, dass sie eure Befehle und die Drachen nicht kennen. Denn Drachen kennt man erst recht spät. Sie entstanden aus Sichtungen, die sich die Menschen nicht erklären konnten.

Aus allem was der Mensch nicht kennt, macht er Mystisches. Ich bin da anders, denn ich bin Wissenschaftler. Aber was willst du wissen? Wie sie heute leben? Wie sie sich umbringen, weil einer dem anderen nicht die Butter auf dem Brot gönnt? Der Mensch ist keine schlaue Rasse. Er hat sich nur zur Krone der Schöpfung aufgeschwungen, weil er aufrecht gehen und sich eine Waffe basteln konnte.“ Evren atmete tief durch, er war bei einem Thema angekommen, was er nur zu gern diskutierte - seine stille Hoffnung, dass der Mensch sich irgendwann selbst ausrottete, damit die Erde eine zweite Chance bekam, ehe es zu spät war.

„Also doch.“ Azhdahar schlug auf die Armlehne und grinste. „Sie sind also wirklich auf die Erde gegangen.“ Er lachte laut los und hörte erst auf, als Evren ihn irritiert ansah. „Es gab vor einiger Zeit Gerüchte, dass Drachen das Portal benutzt haben sollen. Sie konnten nie bewiesen werden, aber auch nicht widerlegt. Wenn auf eurer Erde Drachen bekannt sind, obwohl das Wissen über sie verloren ging, so müssen sie dort gewesen sein.“

„O-ha!“, machte Evren und musste lachen. „Und bei uns hieß es immer, das würde daran liegen, dass die Menschen früher Elefanten gesehen hätten und nicht gewusst hätten, was das ist. Aber wenn ich es recht überlege? Drachen kannten alle Menschen, ohne sich untereinander zu kennen. Sehen alle Drachen so aus wie die, die wir gesehen haben? Denn es gibt in den Legenden der Welt auch asiatische Drachen und so was, die sehen aber total anders aus als ihr hier.“ Jetzt wurde Evren langsam neugierig. Er wollte mehr erfahren. Vielleicht konnte er das für seine Forschungen gebrauchen, wenn er zurück war.

„Ich weiß zwar nicht, was Elefanten sind, aber sie waren bestimmt nicht das, was ihr gesehen habt.“ Azhdahar lachte noch immer, aber langsam beruhigte er sich wieder und sah Evren grinsend an. „Hab ich den Wissenschaftler in dir geweckt? Warte kurz.“ Der Prinz stand auf und ging zu seinem Schreibtisch. „Es gibt verschiedene Arten von uns. Ich habe dir doch erzählt, dass in dem großen Krieg, sich die einzelnen Familien untereinander bekriegt haben. Die einzelnen Familien sehen unterschiedlich aus.“ Er fuhr mit den Fingern über eine glatte Fläche und in der Mitte des Zimmers entstand eine 3-D Projektion eines Drachen. „So ähnlich werde ich einmal aussehen.“

„Boah!“ Evren hatte in der ersten Sekunde gar kein Auge für das Bild des Drachen - ihn faszinierte das, was er nur aus futuristischen Filmen kannte. Er sprang auf und ging auf die Projektion zu. „Also habt ihr hier doch irgendwo Strom“, murmelte er und ging um das Bild herum, griff dann mitten durch. Er war völlig fasziniert und suchte nun Decke und Boden nach der Quelle der Projektion ab.

„Hab ich je was anderes behauptet?“ Ein wenig spöttisch klang die Stimme des Prinzen schon, aber es war nicht böse gemeint. „Du wolltest ja nicht glauben, als ich sagte, dass wir durchaus Technik benutzen. Nur dass man sie nicht unbedingt sieht, denn das mögen wir nicht.“ Azhdahar fuhr wieder mit den Fingern über die Fläche und das Bild änderte sich. Der Drache, der jetzt zu sehen war, war länger gestreckt und die Flügel kleiner.

„Das ist cool. Das will ich auch. Können wir so was mitnehmen? Funktioniert das auch auf der Erde? Was braucht man dazu? Läuft das mit Strom?“ Evren war völlig von der Rolle. Für den sich abbildenden Drachen in der Projektion hatte er noch immer kein Auge. Er war eben doch mit Leib und Seele ein Technik-maniac.

„Sag doch!“ Er wandte sich zu Azhdahar um.

„Langsam, langsam.“ Kopfschüttelnd kam der Prinz zu Evren. „Also mitnehmen ließe sich so etwas schon. Es gibt kleinere Versionen. Nur ob es bei euch funktioniert, weiß ich nicht. Ich bin kein Wissenschaftler. Ich benutze unsere Technik nur.“ Ein wenig war der Prinz schon erstaunt, wie so etwas alltägliches Evren so aus der Fassung bringen konnte.

„Dann fragen wir sie. So was muss ich haben. Dann kann ich die...“ Evren überlegte kurz. „Gibt es dazu auch Scanner? Dann kann ich die Tafeln alle scannen und zu Hause untersuchen und erforschen und entziffern. Das wäre der Hammer. Ich muss das haben. Los, fragen wir die komischen Typen, die mich in den Käfig gesperrt haben.“ Evren war noch immer völlig von der Rolle. Er hatte nicht wirklich geglaubt, dass hier fortgeschrittene Technologie zum Einsatz kam.

„Muss das sein?“, muffelte Azhdahar, denn darauf hatte er keine Lust. „Reicht es, wenn ich dich dort hin bringe oder muss ich dabei bleiben?“ Er langweilte sich meistens zu Tode, wenn die Weißkittel anfingen zu schwafeln und zu fachsimpeln. Er fand Technik toll und benutzte sie auch gerne, aber wie sie funktionierte, interessierte ihn nicht.

Evren grinste breit und nickte. „Ja, das muss sein. Wenn wir es mitnehmen dürfen, muss es einer anschließen und das werde nicht ich sein.“ Auch wenn er selber wusste, dass er sich das sowieso nicht nehmen lassen würde, das alles selbst zu machen, war es doch eine Genugtuung, Azhdahar einmal mehr ärgern zu können. Er wusste ja selber nicht, warum er diesen Kerl zu gern reizte. Eigentlich war das gar nicht Evrens Art. Vielleicht war es das, was der Drache gemeint hatte, er würde Veränderungen bemerken.

„Wenn du so was mitnehmen willst, dann kümmere dich auch drum, wie es benutzt wird. Aber eins sag ich dir, ich schleppe das ganze Zeug bestimmt nicht.“ Azhdahar verschränkte die Arme vor der Brust und blickte grimmig, allerdings wusste er jetzt schon, wie das kommen würde. „Na, dann los. Dann hab ich es hinter mir.“

„Geht doch“, lachte Evren und sah sich wieder zu der Projektion um. „Außerdem bin ich dein Haustier und um das muss sich jeder kleine Junge selber kümmern“, konnte er sich dann doch nicht verkneifen und lachte laut los. Er trank noch seinen Kelch leer, warf sich sein Hemd wieder über, verbarg die Flecken so gut es ging und war freudig erregt zum Aufbruch bereit. Wenn es um neue Technik ging, war Evren immer sehr flink.

„Womit hab ich das eigentlich verdient“, seufzte Azhdahar und verdrehte die Augen. Aber irgendwie wirkte Evren gerade wie ein kleines Kind und man konnte ihm einfach nicht böse sein. „Hier“, er warf Evren eins seiner Hemden zu. „So dreckig nehme ich dich nicht mit.“

„Was?“ Weil es nicht gleich wie erwartet losging, wandte sich Evren noch einmal um und das Hemd landete auf seinem Kopf. Er zog es runter und sah Azhdahar kurz an. Doch dann nickte er. Jetzt noch zu diskutieren würde nur alles verzögern. Er warf also sein Hemd von sich, schlüpfte in das des Drachen und stapfte entschlossen zur Tür. Noch eine Unterbrechung würde er nicht dulden.

„Hallo? Weißt du wo es lang geht? Du wirst schon auf mich warten müssen“, rief Azhdahar hinter ihm her. Er schaltete noch die Projektion aus, erst dann folgte er Evren, der irgendwie ein wenig ungeduldig wirkte. „Okay, nehmen wir den kürzesten Weg. Hier lang.“ Azhdahar wandte sich nach rechts und ging ein kurzes Stück den Korridor lang. An einer Schalttafel, ähnlich der in seinem Schreibtisch, die in der Wand eingelassen war, blieb der Prinz stehen. Er tippte etwas ein und zog Evren dann auf die Plattform daneben. „Die Labore liegen in dem Berg, unserem gegenüber. Der Transporter bringt uns rüber. Kennst du ja schon, so ähnlich bist du hergekommen.“

„Da war ich bewusstlos“, rechtfertigte sich Evren, doch nur halbherzig, denn er war schon wieder Feuer und Flamme für die ganzen blinkenden Knöpfchen, die aber nur angedeutet waren. Mehr eine Art Touchpad. Warum hatte er das nicht alles schon früher gesehen? Warum hatte man ihn in dem Glauben gelassen, das wäre hier das hinterletzte Kaff ohne Zivilisation und Strom? Dann hätte er doch den ganzen Tag die Technik ausprobieren können und hätte nicht so intensiv den Drang gehabt, gleich wieder heim zu wollen. Jetzt war es fast schade.

„Diesmal nicht. Es kribbelt ein wenig, aber mehr wirst du nicht merken.“ Für Azhdahar war das alles vollkommen normal, aber als Evren ihn neugierig und fragend ansah, seufzte er. „Gleich“.

Es kribbelte ein wenig und einen Augenblick später hatte der Korridor um sie herum sich verändert. „Schon da. Ist das gleiche Prinzip, wie die Portale für die Echsen oder auch das für uns. Nur einfacher, weil die Entfernungen ja nicht so groß sind.“

„Es wäre unverschämt, wenn ich frage, ob wir so was auch mitnehmen können?“, lachte Evren und war versucht, selber mal auf die Knöpfe zu drücken und sich irgendwo hin bringen zu lassen. Nur wusste er nicht wie die Ziele bestimmt wurden und ehe er noch verloren ging? Besser nicht.

„Ich würde sagen, ja.“ Azhdahar seufzte, als Evren enttäuscht guckte. „Frag einfach nach, aber schleppen tust du es selber.“ Er ging los und konnte schon jetzt leise das Gemurmel hinter den vielen Türen hören, die sie passierten. Er öffnete eine Tür und die Wissenschaftler, die gerade heftig diskutierten, sahen den Prinzen überrascht an, denn er war eigentlich ein seltener Gast hier. Einige tuschelten, als ihr Blick auf Evren fiel. Vor allem auf die Wunde im Gesicht.

„Hoher Herr, was führt euch zu uns? Können wir euch helfen?“

Ein paar der Leute kamen Evren irgendwie bekannt vor, doch er machte sich nicht die Mühe zu grüßen. Schließlich waren die auch nicht gerade nett zu ihm gewesen.

„Mir nicht, aber Evren. Er hat ein paar Fragen zu unserer Technik, darum hab ich ihn hier her gebracht. Erklärt ihm, was er wissen will, ich gehe zum Training. Wenn ihr fertig seid, bringt ihn zu mir.“ Azhdahar sah streng in die Runde, so dass allen klar war, dass man Evren respektvoll zu behandeln hatte.

Dem wiederum war es auch nicht wohl jetzt mit denen alleine gelassen zu werden. Was, wenn sie ihn wieder in einen Käfig sperrten? Abwegig, aber wenn man erst einmal die Gitterstäbe von der anderen Seite gesehen hat, da wurde man wohl paranoid.

„Natürlich, hoher Herr. Wir werden alles zu eurer Zufriedenheit erfüllen.“

„Das erwarte ich auch. Speziell interessiert er sich für die Projektoren und die Transporter, aber alles andere, was er sehen oder erklärt haben möchte, werdet ihr ihm erklären.“ Azhdahar nickte Evren zu und warf ihm ein Etwas zu, das aussah wie ein Ei. „Damit kannst du mich erreichen, wenn du willst, drücke einfach auf den Knopf, dann können wir reden.“

Etwas irritiert sah Evren auf das silberne Ding in seiner Hand. „Was für ein hässliches Handy“, murmelte er leise, doch er war fasziniert von der Tatsache, dass es derartiges hier überhaupt gab! „Alles klar, ich gebe Zeichen“, sagte er noch, als Azhdahar ohne ein weiteres Wort ging. Nun war Evren mit den Wissenschaftlern allein.



08



„Was können wir für dich tun?“, fragte einer der Wissenschaftler geringschätzig. Er war ein Drache und es widerstrebte ihm, diesem minderwertigen Menschen etwas zu erklären, aber er zuckte zusammen, als einer seiner Kollegen ihm mit dem Ellenbogen in die Seite stieß und mit dem Kopf auf Evrens Brust deutete. Am Ausschnitt des Hemdes war ein Teil seiner Tätowierung zu sehen und der Wissenschaftler wurde blass. „Du hast das Zeichen der königlichen Familie bekommen?“, fragte er fassungslos, denn das bedeutete, dass er weit über ihnen stand und mit dem gleichen Respekt wie der König und der Prinz behandelt werden musste.

„Ja, unfreiwillig, aber nun gut. Vielleicht warst du gestern nicht dabei, als ich durch das Portal kam und der Prinz mich in Empfang nahm“, sagte Evren. Einen kurzen Anflug von Stolz konnte er sich nicht verkneifen. Doch dann wandte er sich einem anderen Mann zu, der Typ, der ihm eben so dumm gekommen war, war für ihn gestorben.

„Es geht eigentlich um ein bisschen technischen Schnickschnack, den ich bei Azhdahar gesehen habe und von dem ich wissen möchte, wie transportabel das ist. Ich würde gern das eine oder andere mitnehmen, wenn ich mit dem Prinzen diesen Planeten verlasse.“ Er trug dick auf, doch es war nicht gelogen.

Wieder hatte er erreicht, dass er fassungslos angesehen wurde, aber die Wissenschaftler fingen sich schnell. „Worum genau geht es denn? Der Prinz sagte etwas von den Projektoren. Die gibt es auf jeden Fall in einer kleinen Version. Das, was er euch zugeworfen hat, ist so einer.“ Der Wissenschaftler, den Evren gerade angesprochen hatte, kam näher. „Mein Name ist Arlan. Ich werde euch gerne eure Fragen beantworten.“

„Arlan, wunderbar. Ich bin Evren, weiß nicht, ob sich das schon herumgesprochen hat.“ Evren drehte das Ding in seiner Hand und war versucht, es gleich auszuprobieren. Doch er wollte Azhdahar nicht stören, wenn er trainierte. Da konnte der Drache seinen Frust abbauen, das war von Vorteil.

„Es geht um die Projektoren. Aber meine Frage: funktionieren die nur mit einer Datenbank, die abgerufen werden kann oder gibt es Scanner zum Einlesen? Wenn ja, würde ich eine solche Kombination gern mitnehmen. Dann kann Azhdahar sich auch das eine oder andere auf der Erde angucken und eure Daten mal auf den neusten Stand bringen. In den letzten Jährchen ist doch das eine oder andere geschehen. Außerdem geht es um das Transportmodul, das uns vom Palast hier her gebracht hat. Ist das auch transportabel?“ Evrens Augen leuchteten - er war in seinem Element.

Arlan zog kurz die Brauen zusammen und überlegte, was der Mensch meinen konnte, aber dann erhellte sich sein Gesicht. „Warte kurz.“ Er drehte sich auf dem Absatz um und verschwand durch eine Tür. Es dauerte nicht lange und der junge Mann kam wieder und präsentierte Evren, was er geholt hatte. „Es nimmt Dinge auf, die du dann projizieren kannst.“

Natürlich war Evren gleich Feuer und Flamme und umrundete Arlan und seine Beute.

„Wie funktioniert das? Zeig doch mal. Das ist ja handlich. Das kann man bestimmt mitnehmen. Kann ich das mitnehmen? Und einen Projektor dazu? Wie bekommt das Storm? Braucht das Strom? Bestimmt braucht das Strom.“ In kürzester Zeit quasselte Evren den jungen Drachen schwindlig.

„Wah“, machte der auch gleich und sah Evren ein wenig überfordert an. „Langsam. Ich habe deine Sprache zwar gelernt, aber ich bin etwas eingerostet. Komm, wir setzen uns dort rüber und dann sehen wir weiter. Aber vorher…“ Arlan richtete das Gerät auf Evren und ging dann zum Tisch. Dort legte er es ab und drückte einen Knopf. Sogleich erschien darüber eine verkleinerte Abbildung Evrens.

„Ist das cool!“ Natürlich blieb Evren da nicht stehen, sondern strich sich hastig eine der rotblonden Strähnen aus dem Gesicht und lief auf den Tisch zu, was den Scanner etwas irritierte und sein Bild wurde unscharf. Doch das war Evren ziemlich egal. Er strich um den Tisch und das kleine Gerät. Er hatte jetzt schon im Kopf, was er damit alles machen konnte! Nicht auszudenken. Zu seinen elektronischen Bilderrahmen, die je nach Stimmung ein anderes digitales Bild zeigten, konnte er sich damit vielleicht auch digitale Skulpturen in die Wohnung stellen. Er könnte Dinge in Museen aufnehmen und daheim bearbeiten! Die Anwendungen waren unerschöpflich.

„Also, was dieses: „Strom“, ist, weiß ich nicht, aber ich nehme mal an, damit ist die Art Energie gemeint, die es braucht.“ Arlan nahm das Gerät hoch und schaltete es aus. Er öffnete eine kleine Klappe und holte einen grünen Kristall raus. „Das ist die Energiequelle, die wir benutzen, für praktisch alle unsere technischen Geräte. Sie ist praktisch unerschöpflich.“

„Wie geil ist das denn?“ Evren machte große Augen. Da plagten sich die Menschen auf der Erde mit Rohstoffknappheit und Umweltbelastungen herum und die Drachen hatten die Lösung dafür. Das war der totale Hammer. Sie hätten es in der Hand, einen kompletten Energie-Wechsel auf der Erde einzuleiten, wenn sie nur wollten.

Evren hatte den Stein in seiner Hand. Das sanfte, grüne Leuchten hatte auch noch etwas Beruhigendes. „Funktioniert das nur hier oder auch auf der Erde?“ Seine Augen leuchteten, als er Arlan ansah.

„Ja sicher, sonst würden die Portale doch gar nicht funktionieren.“ Arlan sah Evren an. Das schien den Menschen zu interessieren. „Es gibt sie in vielen Größen und Farben. Die zeigen an, welche Energiemenge sie abgeben. Sie kommen natürlich hier vor, aber mittlerweile wissen wir, wie wir sie künstlich herstellen können.“

„Das ist so cool. Ich muss da mal mit Azhdahar drüber reden. Jetzt noch zu dem Transporter. Ich hätte so was gern in meinem Haus, um ohne die Treppe von einem Stock in den nächsten zu kommen. Geht das?“ Evren ging davon aus, dass man ihm die Projektionseinheit noch genauer erklären würde, wenn sie für ihn verpackt wurde.

„Sicher. Es ginge auch von einem Haus zum anderen. Wir überbrücken damit mehrere tausend Lichtjahre. Das was du brauchst, wäre auch nicht sehr schwer zu transportieren.“ Arlan formte mit seinen Händen einen Kreis von ungefähr 10 cm. „Jede Komponente ist ungefähr so groß und für jeden Ort, wo du hin transportiert werden möchtest, brauchst du eins.“

Evren überlegte. Es wäre schon toll in einer Sekunde auf Arbeit zu kommen ohne die nervende U-Bahn und die ganzen Leute, die sich täglich mit ihm durch den Untergrund drängten. Doch es würde komische Fragen geben, wenn er da einfach so auftauchte und dann war er im Erklärungsnotstand. Doch in seinen eigenen vier Wänden, auch wenn sie zur Hälfte voll verglast waren, konnte er ja machen was er wollte. „Drei müssten reichen.“

„Ich werde dir alles was du brauchst schicken lassen. Sonst noch etwas? Projektoren auch und Energie- und Speicherkristalle.“ Arlan hatte schon mitbekommen, dass Evren sehr interessiert an all diesen Dingen war.

„Ja, das wäre perfekt.“ Evren nickte eifrig. Er war hin und her gerissen. Einerseits würde er gern jetzt auf der Stelle durch das Tor gehen und alles bei sich installieren. Auf der anderen Seite war er neugierig, was es noch alles hier gab. „Kannst du mir noch mehr von solchen Sachen zeigen?“, fragte Evren deswegen.

„Was interessiert dich denn noch? Waffen? Transporter?“ Arlan machte es Spaß Evren alles zu zeigen und zu erklären und seine Kollegen hatten sich verzogen und ihm diesen Job überlassen, was ihm ganz recht war, so mischte sich wenigstens niemand ein.

„Zeig mir alles!“ Evrens Augen wurden immer größer. „Azhdahar trainiert, da störe ich nur. Sex darf ich auch nicht haben. Im Augenblick habe ich alle Zeit der Welt.“ Und selbst wenn es nicht so wäre. Der Drache müsste ihn wohl hier weg zerren, wenn er Evren brauchte. Der war nämlich gerade im Paradies.

„Also gut, dann komm mal mit.“ Arlan grinste und stand auf, denn das was Evren sehen wollte, gab es hier nicht. Der junge Wissenschaftler sah seinen Gast auffordernd an, aber dann beugte er sich noch einmal zu ihm. „Wieso kein Sex, wenn ich fragen darf?“ Er war neugierig, darum stellte er eine so indiskrete Frage.

„Öhm“ Jetzt erst merkte Evren, dass er sich wohl verquatscht hatte. „Ich glaube nicht, dass ich das weiter tragen sollte“, sagte er etwas betreten. Wenn Azhdahar erfuhr, dass das die Runde machte, dann hatte er aber noch ein Problem mehr. „Hängt mit der Verbindung mit dem Prinzen zusammen und so.“ Er stammelte nur etwas sinnlos vor sich hin.

„Ihr seid wirklich miteinander verbunden?“ Arlan kam wieder näher und sah Evren neugierig an. „So wie mit den Umagals? Fühlst du dich unwohl, wenn Prinz Azhdahar nicht in deiner Nähe ist?“ Das war so einzigartig, dass der Wissenschaftler in ihm durch kam. Schließlich hatte man nicht oft die Gelegenheit, so etwas zu erfahren. „Aber so weit ist der Prinz nicht weg, dass du es merkst“, beantwortete er seine Frage selber.

„Das mit den Distanzen hält sich im Rahmen. Mehr Sorgen macht mir, dass ich ein paar seiner Wesenszüge annehme und wenn er sich verletzt, verletzte ich mich und umgekehrt. Aber das war ja schon im Käfig passiert, als ich ihm das Messer in den Arm gerammt hatte“, sagte Evren und holte tief Luft. Er kam sich ein bisschen vor wie eine Laborratte. „Na ja, und mit Erregung ist das nicht anders als mit den Schmerzen“, gestand er leise. Musste ja nicht jeder hören.

„Wie sagst du immer? Das ist ja cool!“, lachte Arlan und grinste. „Echt? Du merkst, wenn er… und er, wenn du…?“ Der Wissenschaftler kriegte sich gar nicht mehr ein, denn so etwas hätte er nie erwartet. „Das ist ja vollkommen anders, als bei den Umagals und was meinst du damit, dass du seine Wesenszüge annimmst?“

„Na ja“ Evren zuckte die Schultern. „Es ist eigentlich gar nicht meine Art zu provozieren oder jemanden zu reizen. Ich bin eher ein ruhiger Typ. Aber seit ich hier bin, da erkenne ich mich ab und an selbst nicht wieder“, musste er zugeben. „Ich weiß nicht, ob das an der Verbindung liegt oder einfach daran, dass ich plötzlich weit ab meiner Heimat bin.“ So sicher war er sich da selber nicht. „Wäre vielleicht euer Job das rauszubekommen.“

„Ja, das wäre wirklich etwas, was sich lohnen würde.“ Arlan sah Evren an. „Wann wollt ihr denn weg? Bis dahin, könnte man ja schon mal anfangen.“ Der junge Mann tippte mit einem Finger auf den Tisch und überlegte kurz. „Du solltest das mit den Verletzungen vielleicht nicht überall erzählen. Wir Drachen sind eigentlich sehr königstreu, aber es gibt vereinzelte Stimmen dagegen und wenn die dich in die Finger bekämen, könnte das sehr unschön werden. Ich werde nichts von dem weitergeben, was wir gerade besprochen haben.“

„Da wäre ich dir sehr verbunden. Ich hänge nämlich an meinem Leben. Ich hoffe, dass wir eine Umagal finden und ihr Blut das meinige neutralisieren kann. Denn auf die Dauer stelle ich mir diese Verbindung doch etwas nervenaufreibend vor“, gab Evren zu und musste über sich selbst den Kopf schütteln, weil er so einfach angefangen hatte, über derartig Prekäres zu reden.

„Ja, so wie du es geschildert hast, stelle ich mir das nicht einfach vor. Unser Prinz ist nicht gerade einfach. Er ist sehr impulsiv und aufbrausend, aber nie ungerecht. Er ist halt der Thronfolger und er wurde dementsprechend erzogen, dass er einmal unser Volk führen muss.“ Arlan zuckte mit den Schultern. „Er ist der begehrteste Junggeselle, aber er lässt sich noch nicht einfangen, sehr zum Ärger seiner Verehrerinnen.“

„Glaube mir. Im Augenblick bin ich da auch echt nicht böse drüber. Wie peinlich wäre das denn für mich“, grinste Evren. Doch vorstellen wollte er sich das wirklich nicht. Im Nachhinein tat es ihm auch Leid, was vorhin passiert war und da fiel ihm wieder Lita ein, die sicher in seinen Räumen saß und auf ihn wartete. Doch da es ihm untersagt war, sich zu amüsieren und eine Frau hinter neuer Technik bei Evren immer nur Platz zwei einnahm, galt seine ganze Aufmerksamkeit wieder Arlan.

„Ich weiß noch, wie der Prinz als kleiner Junge den Palast unsicher gemacht hat. Er war ein kleiner Wirbelwind und hatte nur Blödsinn im Kopf und wenn er mal erwischt wurde, konnte ihm keiner böse sein, weil er einen aus großen Augen unschuldig anblickte.“ Arlan lächelte bei dem Gedanken und schüttelte dann den Kopf. „Aber wir wollten doch zu den Fliegern und zu den Waffen.“

„Ja, lass uns gehen - nicht dass wir noch von ihm erwischt werden, wenn wir über ihn tratschen. Man weiß ja bei eurer Technik nie, ob er nicht plötzlich hinter einem steht oder über diese Distanz etwas hören kann.“ Evren lachte und klopfte Arlan auf die Schulter. Für einen Drachen war der Typ eigentlich ganz okay.

„Genau, bei unserem Prinzen weiß man nie.“ Arlan stand auf und wartete, bis Evren neben ihm war. Erst dann ging er weiter. „Also, erzähl doch mal etwas von der Erde. So wie ich das verstehe, hat sich wohl einiges dort verändert. Habt ihr auch Technik?“

„Ja, irgendwie schon. Aber nicht so coole Sachen wie diese Projektoren oder die Transporter. Es gibt Filme, die über so was fantasieren. Der Mensch an sich forscht ja auch ständig und will sich das Leben erleichtern. Aber vieles ist unausgegoren.“ Evren seufzte. Was sagte er denn da? Er stellte alles in Frage, mit dem er aufgewachsen war, nur weil er hier zwei interessante Sachen gesehen hatte?

„Das würde ich mir ja zu gern ansehen? Ich beneide unseren Prinzen darum, auf die Erde zu dürfen. Ich würde so einiges dafür geben, mit zu können, aber der König wird das nicht zulassen.“ Der junge Mann seufzte und sah wirklich ein wenig neidisch aus. Er war eben mit Leib und Seele Wissenschaftler. „Wenn ich dir ein Übertragungsgerät mitgebe, könntest du mir ab und zu etwas Interessantes schicken?“

„Klar kann ich das machen. Warum nicht. Aber ich glaube, wenn Azhdahar zurückkehrt und seinem Vater die Augen öffnet, könnt ihr gar nicht so schnell gucken, wie der König euch auf die Erde treiben wird, um eure Chroniken auf den aktuellen Stand zu bringen. Denn seit den Sauriern hat sich viel getan.“ Evren war sich irgendwie sicher, dass er Arlan nicht das letzte Mal gesehen hatte.

„Ich hoffe es, denn auf so eine Chance haben wir schon lange gewartet.“ Arlan war voller Tatendrang und seine Augen strahlten, bei der Vorstellung, endlich wieder mal etwas Aufregendes zu erforschen. Während sie sich unterhielten, liefen sie durch verschiedene Gänge und traten dann auf einen Balkon, der größer war, als alle, die Evren bisher gesehen hatte. „Das sind unsere Flieger, wenn wir nicht selbst fliegen wollen.“ Er zeigte auf die kleinen Gefährte, die wohl dafür konzipiert waren, zwei Passagiere aufzunehmen.

Sie sahen so völlig anders aus als das, was Evren von der Erde kannte. Keine klobigen Rümpfe mit steifen Tragflächen. Es war wie abgesprochen, das sich gerade eines der Geräte erhob. Es war eine geschlossene längliche Form, sie glich dem Körper eines Drachen. Auch der lange Schwanz, der für das Steuern unablässig war, fehlte nicht. Doch die Flügel entfalteten sich erst später. Erst einmal hob der Rumpf vom Boden ab - wie, konnte Evren nicht erkennen - und als es hoch genug war, entfalteten sich die Flügel, die denen der Drachen ähnelten und so flatterte es davon. Lautlos und unwahrscheinlich elegant.

„Ist das geil!“

„Willst du davon auch eins?“ Arlan grinste, denn es war schön, wie sehr Evren von allem, was er sah, fasziniert war. Auf die Flieger war er besonders stolz. „Ich habe bei ihrer Entwicklung mitgewirkt. Sollen wir?“ Er deutete auf das ihnen am nächsten stehende Gefährt. „Möchtest du ein wenig die Gegend erkunden? So wie es aussieht, haben wir Zeit und dein Prinz wird sich schon melden, wenn er was möchte.“

„Wenn sich die Verbindung durch das Blut einer Umagal nicht aufheben lässt und ich wieder zurückkehren muss hier her, dann hätte ich so was gern. Ja“, sagte Evren und lachte, doch dabei ging er schon auf eines der geparkten Fluggeräte zu. „Aber auf der Erde würde ich damit Aufsehen erregen, sie würden dumme Fragen stellen - ich glaube das würde mehr Ärger als Freude bringen.“ Auch wenn er sich das Seufzen verkneifen konnte, war das Bedauern in seiner Stimme zu hören.

„Hey, du gehörst zur königlichen Familie, da dürfte das nun wirklich kein Problem sein.“ Gemeinsam gingen sie zu dem Flieger und Arlan zeigte Evren wie sich die Türen öffnen ließen und wie man einstieg. „Kann’s losgehen? Eine kleine Runde, damit du sehen kannst, wo du gelandet bist. Du hast doch bestimmt noch nicht viel gesehen.“

„Na ja, von meinem und Azhdahars Zimmer mal abgesehen noch nicht viel.“ Evren versuchte sich gelassen zu geben, doch das ging nicht. Er war viel zu aufgeregt. Ihn ärgerte, dass er seine Kamera noch im Zimmer gelassen hatte. Das hier war einfach unglaublich. Der Sitz schmiegte sich wie ein warmes Gel an seinen Leib. Steuerknüppel oder viele Armaturen, wie er sie aus Flugzeugen kannte, suchte er vergeblich. Nur auf Arlans Seite eine kleine durchsichtige Platte, was wohl die Steuereinheit war.

Arlan tippte darauf herum und der Flieger hob ohne jedes Geräusch ab. In etwa fünf Meter Höhe breiteten sich die Flügel aus und es ging vorwärts. Sie befanden sich ungefähr auf halber Höhe eines der Berge und der Flieger brachte sie schnell vorwärts. Wie ein Vogel schraubten sie sich höher und nutzten die Thermiken aus, die hier herrschten. „Also dort ist der Wohnsitz des Königs.“ Er zeigte auf den größten Berg und zeigte auf einen bestimmten Balkon, an dem sie vorbeikamen. „Der gehört zu Azhdahars Räumen.“

„Dort haben wir gestanden und er zeigte mir die Drachen, als ich ihn ausgelacht habe und meinte, was er mir da für einen Mist über Drachen erzählen wollte. Drachen sind bei uns auf der Erde Legenden. Es sind echsenartige Tiere, so wie sie hier herum fliegen und sie speien Feuer und solche Sachen. Man erzählt das kleinen Kindern, um ihnen Angst zu machen, in dem guten Gewissen, dass es derartiges nicht gibt und jetzt - da fliegen sie hier herum. Richtig echte Drachen. Das ist alles so surreal, dass ich immer noch nicht weiß, ob ich wirklich wach bin.“ Eigentlich redete Evren nur vor sich hin.

„Legenden? Ihr habt echt vergessen, dass es uns gibt?“ Die Stimme des jungen Wissenschaftlers war wirklich ungläubig, aber noch mehr schockierte ihn, was Evren noch gesagt hatte. „Du hast Prinz Azhdahar ausgelacht? Wirklich so richtig? Er war bestimmt unwahrscheinlich wütend, denn das wagt niemand.“ Arlan schüttelte den Kopf. Dieser Mensch war wirklich sehr ungewöhnlich. „Feuer spucken können einige von uns auch, aber eigentlich tun wir das nur sehr selten.“

„Ja, hey - hallo?“ Evren versuchte sich zu wehren. „Ich hab das IHM schon erklärt. Ihr habt eure Sklaven auf die Erde geschickt, als die Dinosaurier lebten. Doch die sind bei einem Kometenabsturz umgekommen, wie alle anderen größeren Lebewesen auch. Da es keiner von euch für nötig befunden hat, ab und an mal ein Auge auf die Erde zu werfen, ist das Wissen über euch verloren gegangen. Das Prinzlein meinte, dass das Gerücht ging, dass mal ein paar Drachen durch das Tor gegangen wären. Das würde erklären, woher die Menschen dann ihre Legenden haben.“ Evren sah sich begeistert um und suchte mit den Augen.

„Trainiert ER im Freien?“

„Ähm… ja eigentlich schon. Wieso?“ Der junge Wissenschaftler war sichtlich verwirrt, über all die Informationen, die er gerade bekommen hatte. „Ein Komet ist auf die Erde gestürzt? Ach du meine Güte, was haben wir nur alles verpasst? Das ist doch unverantwortlich. Wenn die Umagals dabei getötet worden wären? Der König muss unbedingt erlauben, dass Wissenschaftler zur Erde gehen dürfen.“

„Ich hab's Azi schon gesagt. Wenn man sich keine Gedanken macht, warum so lange keine von den Viechern durch das Portal kommen, dann muss man sich auch echt nicht wundern. Wenn man schon ein paar Menschen aussetzt, muss man auch ab und an mal ein Auge auf die haben. Meine Güte.“ Evren schüttelte den Kopf. Mit welcher Selbstverständlichkeit doch die alle angenommen hatten, das würde ewig so weiter laufen.

„Da haben wir wohl echt Mist gebaut?“ Schief grinsend sah Arlan zu Evren rüber und seufzte. „Das wird sich hoffentlich bald ändern, nur wie wird es sein, wenn auf einmal Drachen auf der Erde auftauchen. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass das nicht gerade Begeisterung auslöst, wenn ihr uns vergessen habt.“ Während er sprach, änderte er die Flugrichtung und ging wieder tiefer.

„Außerdem will ich mal sehen, welche Kraft Azhdahar wirklich hat. Bis jetzt hat er sich ja immer zurückgehalten, weil er selber den Schmerz spürt, wenn er mir eine verpasst.“ Das war bei Evren reine Neugier.

„Azhdahar ist sehr stark. Es gibt kaum jemanden, der ihn in seiner Halbdrachenform besiegen kann.“

„Ja, in den Genuss bin ich auch schon gekommen“, erinnerte sich Evren und griff sich instinktiv an den Hals. „Ziemlich aufbrausend, der junge Prinz.“ Zumindest hatte sich Evren vorgenommen, das nicht mehr herauszufordern und so wandte er sich seinem Begleiter wieder zu.

„Und was die Drachen auf der Erde angeht: ich wäre vorsichtig. Die Rasse Mensch ist paranoid. Alles was sie bedrohen könnte, wird erschossen. Und wenn die Gewehre nicht reichen, werden Kanonen auf die Spatzen gerichtet. Wenn ihr diesen Planeten wiederhaben wollt, stellt es so an, dass nicht die Hälfte derer, die daran nicht beteiligt sind, einfach sterben.“ Evren war wirklich kein Verfechter seiner Rasse. Er wusste zur Genüge, dass der Mensch einen Fehler nach dem anderen machte und sich selbst an den Rand der Ausrottung trieb. Vielleicht konnte sich ja etwas ändern, wenn eine höhere Macht dafür sorgte, dass den aufrecht gehenden Affenartigen die Bäume nicht in den Himmel wuchsen.

Arlan hörte aufmerksam zu und was er hörte, gefiel ihm überhaupt nicht. Er musste unbedingt mehr Informationen haben, damit entschieden werden konnte, wie sie vorgingen „Ihr Menschen habt euch sehr verändert und ich weiß nicht, ob es gut ist, wenn ihr wisst, dass es uns gibt. Wir müssen auf die Umagals achten und ihr Überleben sichern. Wir sollten erst einmal wieder mehr über euch und eure Welt herausfinden, bevor wir weiteres unternehmen.“

„Das würde ich aber auch vorschlagen“, sagte Evren und sah unter sich auf die Felsen und Häuser. Es sah aus wie aus einem alten Buch und doch hatten sie hier Techniken, von denen die Menschheit nur träumen konnte. Doch vielleicht war es besser, wenn der Mensch noch nicht so weit war - er nutzte sowieso alles als Waffe, was sich anbot.

„Mischt euch als Menschen unter sie, studiert sie“, schlug er vor. Man musste ja nicht gleich den Himmel mit tausenden Drachen bedecken.

„Ja, das wird wohl das Beste sein.“ Arlan wirkte ein wenig abwesend, als er den Flieger tiefer lenkte und auf eine große freie Fläche zuhielt. Gedanklich stellte er schon den Bericht zusammen, den er dem König vorlegen konnte, damit sie mit ihrer Forschungsarbeit beginnen konnten, wenn Azhdahar wieder da war. Endlich gab es mal wieder eine Herausforderung. „Dort unten ist der Prinz“, sagte er zwischendurch, als sie über den Übungsplatz flogen.

„Aha!“ Evren drückte seine Nase an das Fenster und suchte den Platz mit den Augen ab. Er fand die langen, schwarzen Haare ziemlich schnell, denn Azhdahar schien der einzige mit dieser Haarfarbe zu sein. Instinktiv kniff er die Augen zusammen, als er sah, wie der Gegner des Prinzen zu Boden ging. Erst jetzt, wo ihm bewusst war, was Training bedeutete, wunderte sich Evren, warum er noch nicht einen Schlag gespürt hatte, obwohl sie ja sonst jeden Schmerz teilten. „Er ist gut. Treffen ihn seine Gegner auch mal?“, fragte er.

„Selten.“ Der Wissenschaftler lachte und landete den Flieger am Rande des Übungsplatzes. „Der Prinz ist unser bester Kämpfer. Es gibt niemanden, der ihm das Wasser reichen kann. Er sollte unterrichten, aber das hat der König abgelehnt.“ Die Türen öffneten sich, damit Evren aussteigen und sich alles genau ansehen konnte. „Aber vielleicht sollte Azhdahar nicht mehr so intensiv trainieren, denn ab und zu verletzt er sich doch. Für ihn ist das kein Problem, aber für dich wäre das wohl nicht besonders angenehm.“

„Tja, sag ihm das mal“, murmelte Evren, als er die Männer sah, die bis an die Zähne bewaffnet waren und alle gegen den Prinzen antraten. Ob der Kerl auch daran dachte, was Evren passierte? Dem Menschen hatte er Egoismus vorgeworfen, selber war der Kerl aber keinen Deut besser. So kurz vor der Heimreise hatte er wirklich keine Lust noch zu sterben oder bleibenden Wunden zu bekommen, die er dann im Institut erklären musste.

„Ich denke, so weit hat Azhdahar noch gar nicht gedacht. Er macht das tägliche Training schon so lange, dass es zur Routine geworden ist und er gar nicht mehr darüber nachdenkt. Ich werde gleich mal mit ihm reden, dass er es umstellt und die Dinge weg lässt, die dir gefährlich werden können.“ Der Wissenschaftler blieb mit Evren so lange am Rand stehen. Den Prinzen jetzt zu stören, war keine gute Idee, denn dann war die Wahrscheinlichkeit, dass er verletzt wurde, höher.

Für einen kurzen Augenblick hatte Evren den wirren Gedanken, auf seine Weise auf sich aufmerksam zu machen und Azhdahar zu zeigen, dass sie nun einander am Hacken hatten, doch er ließ es lieber. Wer wusste schon was ein Drache in Rage alles tat? „Der wird sich ganz schön umstellen müssen, wenn er mit mir zurückkommt. Da ist er kein Prinz mehr sondern nur einer unter vielen. Hoffentlich benimmt er sich nicht so auffällig.“

„Oha. Unauffälligkeit ist nicht gerade die Stärke unseres Prinzen.“ Grinsend sah Arlan Evren an und seufzte schließlich. Das war keine leichte Aufgabe, darüber war sich der Wissenschaftler klar. Der Prinz war sich seiner Stellung nur zu gut bewusst und er war auch so erzogen worden. Leicht würde es ihm bestimmt nicht fallen, besonders nicht bei seinem Temperament. „Wenn du Hilfe brauchst, ihm das klar zu machen, sag Bescheid.“

„Ach lass mal. Prinzi wird meine Regeln schon lernen“, grinste Evren, denn er hatte seine Schmach wegen der Tätowierung und wegen Lita noch immer nicht verkraftet. Der Drache sollte nicht glauben, sie wären schon quitt. Dafür fehlte noch ein bisschen. „Sagt man bei euch auch, dass Kinder am besten das lernen, was sie selber durchgemacht haben?“ Evren grinste gehässig. Der Typ würde sich noch umgucken, denn er hatte sich den falschen Gegner ausgesucht - auch wenn sich Evren in diesem Augenblick kaum wieder erkannte.

„Wieso nur habe ich gerade den Eindruck, dass unserem Prinzen keine leichte Zeit bevorsteht?“, lachte Arlan und sah zu Azhdahar rüber, der schon vier seiner fünf Gegner ausgeschaltet hatte. „Du bist wirklich anders, als die Menschen hier. Sie würden nie auf die Idee kommen, einen Drachen zu reizen oder ihm Vorschriften zu machen. Geschweige denn, ihn Prinzi, Azi oder Drachi zu nennen.“

„Wenn er mich richtig reizt, nenn ich ihn auch Kriechtier“, erklärte Evren, musste aber selber grinsen. „Außerdem bin ich kein Mensch von hier. Ich bin eben anders aufgewachsen, mit anderen Werten und Idealen. Sklaverei wurde auf der Erde zwar offiziell abgeschafft. Aber wie ich schon sagte: der Mensch ist eine echt seltsame Gattung. Er beutet alles aus, wenn es ihm zu Vorteil genügt. Nicht nur die Natur, auch seine eigenen Rasse. Es wird ein Schock für euch werden - das kann ich euch sagen.“

Man konnte es gut als geschockt bezeichnen, wie Arlan Evren ansah. „Oh man. Dann müssen wir also damit rechnen, dass eure Wissenschaftler sich freuen würden, unseren Prinzen in die Finger zu kriegen. Gut zu wissen. Wir werden ihm etwas zu seinem Schutz mitgeben.“ In seinem Kopf ratterte es schon. Sie brauchten etwas Unauffälliges, aber gleichzeitig Wirkungsvolles.

„Ich hätte auch nichts dagegen, wenn man ihm noch einmal ins Gewissen redet, dass er sich zu tarnen hat und sich nicht aufführen muss wie ein Pascha. Die Menschen dort kennen ihn nicht und sie werden ihm auch nicht huldigen. Sie werden ihm nicht dienen und sie werden ihm nicht den Hintern nachtragen. Es wäre das Beste, er begreift das schnell, sonst hat er - und somit auch ich - ein akutes Problem.“ Evren hatte über all das eigentlich noch gar nicht richtig nachgedacht. Er hatte nur gehört, dass es heim ging und war glücklich - doch jetzt erkante er den Rattenschwanz an Stolperfallen, der ihnen folgen würde.

„Wir sollten einen günstigen Moment abpassen. Wenn er entspannt und ruhig ist.“ Arlan murmelte leise vor sich hin und tippte sich mit dem Finger gegen die Lippen. Evren neben sich, hatte er vollkommen vergessen. Genau wie Evren, begriff er langsam, was alles an dieser Reise hing und er überlegte ernsthaft, dem König zu empfehlen, sie zu verbieten. So wie Evren seine Welt und Rasse darstellte, wären sie mit den riesigen Echsen, die dort einmal gelebt hatten, besser dran gewesen.

„Der ist auch mal ruhig und entspannt?“ So richtig konnte sich Evren diesen Zustand bei Azhdahar nicht vorstellen - aber vielleicht kannten sie sich auch noch nicht lange genug. „Wenn der Typ nämlich im Labor landet und Nadeln in den Bauch gesteckt bekommt, merke ich das auch. Da lege ich keinen Wert drauf. Habt ihr nicht Drogen, die den ruhig stellen? Oder irgendwas?“ Langsam ging Evren nämlich der Arsch auf Grundeis.

„Drogen?“ Arlan schreckte auf und sah Evren entgeistert an. „Drogen nutzen bei Drachen gar nichts. Unser Körper neutralisiert sie sofort. Benutzt ihr auf der Erde etwa so was? Hier solltest du das lieber nicht erwähnen, denn darauf stehen hohe Strafen. Ihr werdet etwas mitbekommen, damit ihr geschützt seid. Wir haben da etwas Neues, was euch helfen wird.“

„Tja.“ Evren zuckte die Schultern. Er selber nahm, außer ab und an eine Kopfschmerztablette, nichts, denn er war darauf angewiesen, dass sein Kopf funktionierte. Sich zu benebeln könnte ihn den Job und sein Hobby kosten. „Menschen haben Spaß daran, sich zu benebeln. Sie werden nicht müde, immer neue Sachen zu erfinden, um der Realität zu entfliehen“, erklärte er und zuckte, als der letzte von Azhdahars Gegnern keuchend zu Boden ging. Angewidert über das spritzende Blut wandte Evren sich wieder ab.

Man konnte ihm ansehen, was er davon hielt und Arlan hatte irgendwie den Drang, Evren zu erklären, was da passierte. „Das ist nicht schlimm. Die Wunden sind schon wieder verheilt und Azhdahar würde seine Kampfpartner nie schwer verletzen. Kämpft ihr nicht? Die Menschen hier tun das sehr gerne. Es ist mit eine ihrer liebsten Freizeitbeschäftigungen.“

„Hör mir bloß auf“, murmelte Evren, denn je mehr er über seine eigene Rasse nachdachte, umso mehr würde er gern einer anderen angehören. „Klar kämpfen Menschen. Aber sie kämpfen nicht fair. Wenn ein Gegner stärker ist, heißt das nicht, dass man härter trainiert um ihn zu besiegen, sondern man kauft sich eine Waffe oder wendet andere faule Tricks an. Es sind nicht alle so, das muss ich dazu sagen - aber leider die meisten. Ohne wirklichen Feind hat sich der Mensch ausgebreitet wie eine Seuche.“ Evren war immer leiser geworden und holte tief Luft, als er Arlan ansah. „Nicht gerade klasse, hm?“

„Sei nicht so streng. Das alles haben wir Drachen auch schon durch. Wir haben es sogar geschafft, uns gegenseitig fast auszurotten, bis wir aufgewacht sind. Es war wirklich knapp an der Grenze. Von jeder Familie waren gerade noch so viele am Leben, dass wir uns wieder erholen konnten. Nur haben wir dadurch unsere Fähigkeit für die letzte Wandlung verloren. Darum haben wir nun strenge Gesetze, die das miteinander der verschiedenen Rassen regelt.“

„Und das prügelt ihr bitte in jedes einzelne Hirn auf der Erde, denn dort stehen wir auch kurz davor, dass alles den Bach runter geht. Im Augenblick weiß ich gar nicht, warum ich da unbedingt wieder hin will.“ Evren musste lachen, auch wenn es kein amüsiertes Lachen war. „Wie lange noch?“, fragte er also, um abzulenken und nickte mit dem Kinn zu Azhdahar. Er wollte sich an jemanden reiben und sticheln bis die Funken flogen.

„Ruf ihn, wir sollten eh mit ihm reden, was das Training angeht. Er wird es spätestens merken, wenn er verletzt wird, aber das muss ja nicht sein.“