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Winterschnappschüsse

Winterschnappschüsse

1. Bild

Zuckerguss... ein winterlich dunkler Platz von Häusern umringt... festlich beleuchtete Buden eines Weihnachtsmarktes... Menschen, die zwischen Holzspielzeug und Glühwein Adventstimmung suchen... ein einzelner junger Mann, in Mantel und Schal gehüllt, die Handflächen leicht nach oben gehoben... Schnee...


Ende November

Sven würde wohl nie verstehen, wieso die Weihnachtsmärkte nicht zum 1. Dezember anfingen, sondern meist schon am Montag nach Totensonntag ihre Pforten, Türen, Tore und Buden öffneten. Ihn selbst kriegte man für gewöhnlich erst nach Nikolaus auf die festlich geschmückten, bunt beleuchteten Plätze mit ihrem Duft von gebrannten Mandeln, Glühwein und Bratwürstchen. Doch in diesem Jahr war er zum ersten Mal dankbar dafür, dass der städtische Weihnachtsmarkt auf dem zentral gelegenen Marktplatz vor dem Rathaus nicht bis zum 1. Dezember wartete. Denn wer konnte schon sagen, ob er dann noch einmal das Glück hätte, dass es schneite? Schließlich war Mitteldeutschland nicht gerade für seine regen Schneefälle bekannt. Zu einem perfekten Dezemberbild eines Stadtporträts gehörte aber auch ein möglichst kitschiges Bild des Weihnachtsmarktes und nichts war kitschiger als die stille, friedliche Zuckergussoptik, die schon ein paar munter zur Erde schwebende Schneeflocken hervorzaubern konnten. Und genau das – ein Stadtporträt im Wandel der Jahreszeiten – war Svens derzeitiger Auftrag. Denn in Zeiten, wo immer mehr Menschen im eigenen Land ihren Urlaub verbrachten, hatte man auch in der hessischen Märchenstadt Hanau erkannt, dass man Touristen einiges zu bieten hatte. Und das nicht nur im Sommer, wenn zu Ehren der berühmten Brüder Grimm, die hier geboren waren, die alljährlichen Märchenfestspiele stattfanden, sondern eigentlich das ganze Jahr. Doch um Besucher herbeizulocken, brauchte es aussagekräftige Prospekte und nichts war aussagekräftiger als ein gutes Foto.

Seit Sven im vergangenen Jahr mit ein wenig Glück und vielen Beziehungen den Auftrag bekommen hatte, für eben dieses Projekt die Fotos für das Stadtporträt zu machen, sah er die Stadt, in der er lebte, mit ganz anderen Augen, obgleich er sie von klein auf kannte, hier aufgewachsen war. Doch Dinge, die für ihn zu einer Selbstverständlichkeit geworden waren, bekamen mit einem Mal eine ganz neue Bedeutung. Wie etwa der Ruderer, der in aller Frühe, noch vor der Arbeit, auf dem Main trainierte, während im Hintergrund noch leichter Nebel von den Wiesen aufstieg. Die Zweige einer am Ufer wachsenden Weide, die den Ruderer halb verdeckten, verliehen dem Bild zusätzlich etwas Unwirkliches, Märchenhaftes. Oder das lachende Kind, welches mit seinem Vater auf dem Wochenmarkt zum Geburtstag der Mutter einen riesigen Strauß Sonnenblumen gekauft hatte und hinter den großen, gelb-braunen Blüten beinahe verschwunden war.

Und jetzt hatte Petrus ihm auch noch für diese Fotoserie Schnee beschert. Oder zumindest angekündigt. Natürlich würde alles sofort wieder wegtauen, war der Boden doch noch viel zu warm, aber dennoch war es eine einmalige Gelegenheit und so fand Sven sich mit Einsetzen der Dämmerung mit seiner liebsten Kamera auf dem Marktplatz wieder, ließ sich von Weihnachtsliedern beschallen und suchte nach dem perfekten Motiv. Während die Dunkelheit rasch hereinbrach, wanderte sein Blick von dem nostalgischen Kinderkarussell mit den sich auf und ab bewegenden hölzernen Pferden zu den Buden mit mundgeblasenen Glaskugeln und Fensterschmuck im Tiffany-Stil, weiter zu einem Stand mit Schmuck und folkloristischen Handarbeiten aus Südamerika und wieder zurück zum Denkmal der berühmten Stadtkinder Jacob und Wilhelm Grimm, die über allem thronten. Doch nichts erregte seine Aufmerksamkeit, nichts ließ ihn spontan die Kamera zücken und auf den Auslöser drücken. Aber gut, noch schneite es ja auch noch nicht.
Kaum allerdings hatte Sven dies gedacht, als mit einem Mal eine einzelne, weiße Flocke vor seinem Gesicht auftauchte, ihm fröhlich zuzuzwinkern schien und dann zu Boden fiel, wo wenige Sekunden später nur noch ein dunkler Fleck von ihrer Existenz zeugte. Und dann sah er ihn! Inmitten des Trubels, einem Fels in der Brandung gleich, stand da ein junger Mann, den Blick überrascht, ungläubig, freudig und verträumt dem Himmel zugewandt, die Hände leicht empor gestreckt, als wolle er den Schnee einfangen.
Ohne es recht zu bemerken, hatte Sven die Kamera gehoben und jede kleine Einzelheit, von dem leicht gelockten, kurzen braunen Haar, über den hellbraunen, gefütterten Wildledermantel und den grünen Schal, von den langen, schlanken Händen, der erwartungsvollen Haltung, bis hin zu dem glücklich lachenden Blick festgehalten. Einmal, zweimal, dreimal... Immer wieder betätigte er in leicht variierenden Aufnahmewinkeln den Auslöser.
Dann trat eine junge Frau zu Mann, sprach ihn an und hielt ihm einen Becher mit Glühwein entgegen. Der Zauber war gebrochen.




2. Bild

Eine große, durchsichtige Schüssel... eine hellgelbe, dick-cremige Flüssigkeit... weiße Flocken, die auf der Oberfläche schwimmen... eine gläserne Schöpfkelle... eine Nikolausmütze...


Nikolaus

Sven seufzte und riss sich von dem großformatigen Foto, welches in seinem Atelier zu Hause hing, los. Er wusste ja selbst, dass sein Verhalten reichlich pathetisch war.
Es waren zehn Tage vergangen, seit er die Fotos, welche er auf dem Weihnachtsmarkt gemacht hatte, entwickelt hatte. Und genau, wie er es gespürt hatte, war das Bild mit dem verträumt in den Himmel blickenden jungen Mann ein Volltreffer. Leider würde er es nicht für den Stadtprospekt verwenden können. Denn anders als bei dem Bild mit dem Ruderer gab es hier keine zufälligen Bildelemente, welche die Gesichtszüge des jungen Mannes verdeckten, weshalb sie eine Einverständniserklärung benötigen würden, wollten sie das Foto in großer Auflage für ein Werbeprospekt verwenden. Das war an sich normalerweise kein Problem, für das Foto der Kinder, die aufgeregt auf den Vorstellungsbeginn von ‚König Drosselbart’ bei den Märchenfestspielen im Sommer gewartet hatten, hatte er sich problemlos eine Einverständniserklärung der Eltern geben lassen. Aber wie sollte man eine solche Unterschrift von einem Unbekannten bekommen? Denn auch wenn Sven den jungen Mann auch nach dem Auftauchen von dessen Begleitung nicht aus den Augen gelassen hatte, angesprochen hatte er ihn nicht. Weder, solange dieser Glühwein getrunken hatte, noch, als er mit seiner Begleitung Arm in Arm über den Markt geschlendert war und auch nicht, als er dabei einmal ziemlich dicht an Sven vorbei gekommen war. Es war, als wäre der Fotograf in einem Traum gefangen gewesen, ein Traum, aus dem er aufzuwachen fürchtete, sobald er den Mund öffnete und etwas sagte.
Und jetzt ertappte Sven sich immer wieder, wie er minutenlang geistesabwesend auf das Foto starrte. Er wusste selbst nicht, weshalb er es auf einem so großen Format abgezogen hatte. Er wusste nur, dass ihn der Anblick immer wieder faszinierte, ihn einfing, ihn zum Träumen einlud. Vielleicht lag es an der Jahreszeit. Nicht wenige hielten die Adventszeit für romantischer als den schönsten Frühling. Oder vielleicht war seine letzte Beziehung auch nur verdammt lange her. Wie dem auch war, seine Tagträume mussten jetzt erst einmal warten, denn nun galt es ein Dutzend Eier zu trennen und das Eiweiß steif zu schlagen.
Heute war Nikolaus, und seit Sven nach der Schule ein Jahr als Austauschstudent in den USA gelebt hatte, bereitete er jedes Jahr an diesem Tag eine große Schüssel Eggnog zu. Meist kam sein bester Freund Marin noch am gleichen Abend zur Verkostung vorbei, gelegentlich auch, um schon direkt beim Abschmecken zu helfen, doch die Geduld, die Masse Eischnee herzustellen, fehlte seinem Freund einfach.

Als hätte Sven es geahnt, hatte er gerade einmal die Hälfte der Eier getrennt, als es an der Tür schellte. Grinsend begrüßte er seinen Freund. „Komm rein. Du bist früh dran, ich hab die Eier noch nicht fertig.“
Prompt verzog Marin das Gesicht. „Dann hätte ich mich ja gar nicht so beeilen müssen, sondern Julia sogar abholen können, statt ihr nur eine möglichst präzise Wegbeschreibung zu geben.“
Julia, das war Marins neue Freundin, die dieser heute endlich seinem besten Freund vorstellen wollte. Auch in dieser Beziehung waren die Freunde grundverschieden. Marin, mit 1,75m eigentlich normal groß wirkte neben Sven, der immerhin stolze 1,90m groß war, durchaus klein. Sven, ganz der nordische Typ hatte zudem blondes, kurzes Haar, während Marin dunkle Locken hatte, die, obgleich nicht lang, ihm dennoch bis in den Nacken reichten. Aber auch im Wesen unterschieden sie sich, so dass manch gemeinsamer Bekannter erstaunt war, dass die Freundschaft zwischen den beiden so lange schon hielt. Und dann natürlich noch die Kleinigkeit, dass Marin auf Frauen und Sven auf Männer stand.
„Dann geh halt in mein Atelier und stöber durch meine neusten Bilder. Aber versuch wenigstens meine Ordnung soweit beizubehalten, dass ich nicht hinterher wieder bei dir anrufen muss, um zu erfragen, wo du bestimmte Fotos hingelegt hast“, schlug Sven lachend vor.
„Pah, das nennst du Ordnung? Ich sage dir, das ist ein mittelschweres Chaos“, widersprach Marin, war aber von der Aussicht in Ruhe die neusten Schnappschüsse des Fotografen begutachten zu können, durchaus angetan.
Immer noch lachend, ging Sven wieder in die Küche zurück. Insgeheim musste er ja seinem Freund zustimmen. Seine Ordnung war mehr ein möglichst-wenig-suchen-Ablagesystem.
„Hey, wow!“
Der spontane Ausruf Marins rief Sven abermals aus der Küche. Neugierig, was seinen Freund so angesprochen hatte, ging er in sein Atelier.
Marin stand vor dem Abzug des Weihnachtsmarktträumers. Als er spürte, dass Sven in der Tür stand, wandte er sich um und sagte mit ehrlicher Anerkennung in der Stimme: „Ein tolles Bild. Man möchte sofort auf diesen verzauberten Weihnachtsmarkt...“
Sven zuckte mit den Schultern. „Vielleicht. Aber ich kann es nicht verwenden.“
„Hö? Wieso nicht?“
Er seufzte. „Ich weiß nicht, wie der junge Mann heißt, den ich dort abgelichtet habe. Also kann ich auch nicht an eine Einverständniserklärung kommen.“
Irritiert sah Marin seinen besten Freund an. „Wie? Wieso hast du ihn nicht angesprochen? Du bist doch sonst nicht so schüchtern...“
Betreten murmelte Sven: „Es hätte den Zauber ruiniert.“ Er konnte nicht verhindern, dass ein leicht roter Schimmer seine Wangen überzog.
Als Marin das sah, verzog er den Mund zu einem wissenden Grinsen. „Ah... das war dann also so etwas wie dein persönlicher Weihnachtsengel und du hattest Angst, dass er wieder in dem Himmel zum Christkind verschwindet, wenn du ihn ansprichst?“ Trotz des scherzhaften Tonfalls, war es ihm ernst, als er seinen Freund prüfend betrachtete. Doch, ganz eindeutig: Der junge Mann auf dem Foto hatte es Sven angetan.
Abermals schellte es an der Tür und mit einem „Das wird Julia sein!“ war Marin auch schon aus dem Atelier verschwunden.
Erleichtert, dass jemand anderes die Aufmerksamkeit seines Freundes beanspruchte und er somit nicht mehr akut Gefahr lief, ihm Rede und Antwort stehen zu müssen, folgte Sven Marin langsam hinaus in den Flur.
Und blieb wie angewurzelt stehen, als er die junge Frau erblickte, die sein bester Freund gerade mit einer Inbrunst, wie sie wohl nur Frischverliebte kennen, begrüßte. Es war die gleiche Frau, die er noch vor wenigen Tage am Arm seines Weihnachtsmarktträumers gesehen hatte und die mit diesem zwischen den Buden umhergeschlendert war.




3. Bild

Untertassen... leere Gläser... aufgerissenes Cellophanpapier, das auf längst vergangene Kekse hindeutet... eingetrockneter Milchschaum im Glas, am langen Löffel... ein Teelicht, das mit dem letzten Rest Wachs im Metallnäpfchen tapfer sein schwaches Licht verbreitet...


Zweite Dezemberwoche

Nervös saß Sven in dem eigentlich bequemen Sessel im Zentralcafé am Marktplatz und wartete auf Marin, dessen Freundin Julia und Kai.
Kai... Der junge Mann, den er auf dem Weihnachtsmarkt fotografiert hatte... Der junge Mann, an den Sven beinahe jede freie Minute dachte, ohne ihn wirklich zu kennen... Der junge Mann, von dem er geglaubt hatte, dass Julia mit ihm Marin betrügen würde... Der junge Mann, den er heute treffen würde...

Es hatte Marin und Julia fast eine halbe Stunde gekostet, Sven davon zu überzeugen, dass Kai lediglich Julias bester Freund war. Und es hatte noch einmal eine Stunde gedauert, ehe sie Sven soweit hatten, dass er einem Treffen zustimmte. Denn so neugierig er auch auf den jungen Mann, der ihn mit einem simplen Schnappschuss verzaubert hatte, war, so sehr fürchtete er sich gleichzeitig davor, dass seine eigenen Träume, die er in das Bild hineingewoben hatte, nicht mit der Realität übereinstimmten. Und Sven war realistisch genug, um zu wissen, dass Träume nur selten der Realität entsprachen.
Marin aber, der seinen Freund kannte und wusste, was in diesem vor sich ging, hatte nicht locker gelassen. Denn wenn ihn ihre jahrelange Freundschaft eines gelehrt hatte, dann wie gefährlich es war, wenn Sven sich in seine Träume hineinsteigerte und wie schmerzhaft das Aufwachen danach war. Nach außen hin gab sich Sven zwar immer als stark und selbstsicher, innerlich aber war er verletzlicher als die meisten glaubten. Und in seiner Verzweiflung neigte er dann zu Kurzschlusshandlungen, die böse ausgehen konnten.
Von der schlimmsten Eskapade dieser Art zeugte noch heute die dünne Narbe an der Stirn, die Sven immer unter seinen Haaren versteckte. Marin war nur froh, dass damals nichts Schlimmeres passiert war, als Sven sich mit sechzehn hinter das Steuer eines Autos gesetzt hatte, um zu seinem damaligen Freund zu fahren, der ihn auf reichlich unschöne Art abserviert und von dem Sven eine reichlich von seinen Träumen geprägte Vorstellung gehabt hatte. Ein Baum neben der Landstraße hatte der rasanten Spritztour des verzweifelten Teenagers ein frühzeitiges Ende bereitet. Sven hatte riesiges Glück gehabt und sich nur eine leichte Kopfverletzung zugezogen. Der Wagen seiner Eltern allerdings war ein Totalschaden gewesen. Und auch die Polizei und das Gericht waren alles andere erfreut gewesen. Sven hatte eine Sperre für die Zulassung zum Führerscheinerwerb bekommen und außerdem Sozialstunden ableisten müssen.
Bis heute, obgleich die Sperrzeit längst abgelaufen war, hatte er sich nicht um eine Fahrerlaubnis bemüht, denn, so sagte er: „Wer weiß, was das nächste mal passiert, wenn ich mich in einer solchen Situation befinde. Es könnte ein Mensch sein, der meiner Fahrt ein abruptes Ende bereitet. Ich weiß sehr wohl, wie wenig zurechnungsfähig ich dann bin, ich möchte das Risiko nicht eingehen. Solange ich keinen Führerschein habe, wird mich hoffentlich en letzter Rest von Vernunft an diese Tatsache erinnern und mich davon abhalten.“
Und so hatte Marin nicht nachgegeben, bis Sven bereit gewesen war, der Realität eine Chance zu geben.

Weshalb Sven jetzt also in dem Café saß, bereits den zweiten Latte Macchiato vor sich stehen hatte, weil er mal wieder viel zu früh gewesen war, und sich allmählich fragte, was die drei Herrschaften, mit denen er verabredet war, so lange aufhielt, oder ob man sich einen ganz üblen Scherz mit ihm erlauben wollte. Denn wenn letzteres der Fall war, dann würde er nach diesem Kaffee mit größter Wahrscheinlichkeit aufstehen, gehen und sein bester Freund würde in diesem Jahr zu Weihnachten leer ausgehen. Punkt.

Gerade als Sven tatsächlich kurz davor war, der Kellnerin ein Zeichen zu geben, dass er zahlen wollte, öffnete sich die Glastür zu dem Café und begleitet von einem Schwall kalter Dezemberluft traten Julia und Kai ein. Und wie schon an jenem verhängnisvollen Nachmittag, hatte sich Julia bei ihrem besten Freund eingehängt. Fröhlich winkend bahnte sich die junge Frau, Kai im Schlepptau, ihren Weg zwischen den Stühlen und Tischen hindurch zu Sven.
„Hi Sven! Marin kommt gleich, er muss nur noch das Auto parken. Aber nachdem wir schon so spät dran waren, meinte er, wir sollten schon mal vorgehen und verhindern, dass du dich heimlich aus dem Staub machst“, sprudelte sie hervor.
Sven zog die Augenbrauen hoch. Woher hatte Marin schon wieder gewusst, dass er nicht viel länger gewartet hätte? Manchmal machte ihm sein bester Freund mit seinen Vorahnungen fast schon Angst.
„Wir wären nicht so spät dran, wenn du nicht darauf bestanden hättest, dass du unbedingt deine hellgrüne Handtasche brauchst und erst noch deine halbe Wohnung auf den Kopf stellen musstest“, erwiderte ihr Begleiter grinsend. „Als ob das jetzt so einen großen Unterschied gemacht hätte, ob du nun die grüne Tasche oder die schwarze nimmst.“
Ein wohliger Schauder rann Sven über den Rücken und er sah fasziniert zu Kai hinüber. Die Stimme war ein wenig rauchig, aber dennoch warm und sanft. Ein mehr als einnehmender Mix.
„Ach du... du hast doch davon keine Ahnung!“, gab Julia halb gekränkt, halb scherzhaft zurück.
„Stimmt, davon hab ich wirklich keine Ahnung“, sagte Kai gelassen und zuckte mit den Schultern.
Julia verdrehte kurz die Augen, dann wandte sie sich wieder Sven zu. „Bevor mich der Kerl noch soweit bringt, dass ich bei dem Versuch, ihm die Wichtigkeit farblich passender Handtaschen zu erklären, meine Manieren vergesse, darf ich vorstellen: Kai! Kai, das ist Sven.“
Sven, der mittlerweile aufgestanden war, trat um den Tisch herum und sah den jungen Mann mit einem freundlichen Lächeln an.
„Hallo!“ Kai erwiderte das Lächeln und streckte Sven die Hand entgegen.
Dieser ergriff sich, fragte sich aber gleichzeitig, wieso er das eigenartige Gefühl hatte, dass Kai durch ihn hindurchsah, obgleich der Gruß eindeutig an ihn gerichtet und dem Tonfall nach aufrichtig gemeint war.




4. Bild

Ein weißes Kunststoffschneidbrett... ein großes Messer darauf... Obstschalen... ein leeres Päckchen Sahne... eine offene Schachtel mit Schokoladendrops... ein verschmierter Kochlöffel...


Dritter Advent

Es war Attraktion auf den ersten Händedruck. Von Liebe zu sprechen, wäre überstürzt gewesen. Und auf den ersten Blick schied deshalb aus, weil Kai blind war. Das war auch der Grund, weshalb er, wenn er mit Julia unterwegs war, ihr immer den Arm reichte, obwohl es in Wirklichkeit eher umgekehrt war, ermöglichte sie ihm doch auf diese Weise sich durch die Straßen und zwischen den Menschen zu bewegen, ohne seinen Stock als Orientierungshilfe zu gebrauchen. Denn obgleich für Kai seine Einschränkung natürlich war, wollte er die Menschen nicht unbedingt darauf aufmerksam machen. Er mochte zwar vielleicht nicht sehen können, aber er konnte die Blicke anderer Menschen sehr wohl spüren, oder die hastigen Schritte hören, wenn sie ihm auswichen, auch wenn sie es freundlich meinten. Und dann gab es natürlich immer noch die Sorte Menschen, die glaubten Kai wegen seiner fehlenden Sehkraft anpöbeln oder ausnutzen zu können. Erstere stellten meist aber fest, dass Kai alles andere als hilflos war. Eher im Gegenteil, betrieb er doch seit seiner Kindheit Judo. Einer seiner Lehrer hatte es seiner Mutter vorgeschlagen, um das Selbstvertrauen des Jungen zu stärken und damit er seinen Körper, der ihm als Wahrnehmungssinn diente, besser kennenlernte. Letztere, die Menschen, die ihn ausnutzen wollten, dagegen hatten Kai auf grausame Weise gelehrt, vorsichtig zu sein. Und so war er, trotz der Anziehung, die zwischen ihm und Sven herrschte, bei jenem ersten Treffen, eher zurückhaltend gewesen. Allerdings hatte er, sehr zu Svens Freude, keinerlei Bedenken gehabt, ihm seine Telefonnummer zu geben, als sie sich nach mehreren Kaffees und fast drei Stunden angeregter Unterhaltung verabschiedet hatten.
Seither hatten sie jeden Abend miteinander telefoniert und dabei alles mögliche voneinander erfahren. Etwa, dass Kai als Gerichtsstenograf arbeitete und dafür einen neuartigen Silben-Computer hatte. Oder, dass er Reisen liebte, weil die Luft, die Stimmung überall anders war. Sven erzählte ihm im Gegenzug von seinem Jahr in den USA und von seiner Liebe zur Fotografie. Es war ein wenig skurril, jemandem, der nicht sehen konnte, die Faszination eines Berufs zu erklären, der Dinge produzierte, die man nur sehen und nicht mit einem anderen Sinn wahrnehmen konnte.
Mit jedem Telefonat war in Sven der Wunsch, Kai wieder zu sehen, größer geworden, und so war er mehr als Feuer und Flamme gewesen, als beschlossen wurde, dass sie am dritten Adventssonntag alle bei Kai zum Schokoladenfondueessen zusammenkommen würden.

Tatsächlich war Sven an diesem Sonntag so aufgekratzt, dass er hoffnungslos zu früh dran war, noch früher als in der vergangenen Woche im Café. Normalerweise hätte er sich jetzt noch eine Weile in der Gegend herumgedrückt, wäre so zehn bis fünfzig mal um den Block gewandert, nur um nicht so übermäßig früh zu erscheinen, aber die Kälte, die von einem unangenehm beißenden Wind begleitet wurde, hielt ihn dieses Mal davon ab und so klingelte er doch ein wenig zögerlich bei Kai. Unruhig trat er von einem Bein aufs andere, um sich warm zu halten, während er darauf wartete, die vertraute Stimme durch die Gegensprechanlage zu hören.
„Ich bin es, Sven“, sagte er, als am anderen Ende endlich leicht knackend gefragt wurde, wer da sei. „Ich weiß, dass ich zu früh bin. Ich kann natürlich auch noch mal weggehen und später wiederkommen“, fügte er hastig hinzu, konnte aber den Impuls nicht unterdrücken, sich wärmend auf die Hände zu hauchen, hatte er doch seine Handschuhe in der anderen Jacke vergessen.
Ein warmes Lachen drang an sein Ohr. „Nein, schon in Ordnung, du kannst gerne schon rauf kommen. Klingt als wäre es ziemlich kalt da draußen...“, und ein Summen verkündete, dass Kai den Türöffner gedrückt hatte.
„Wo du schon mal da bist, kannst du mir ja auch gleich helfen, das Obst zu schneiden“, begrüßte er Sven grinsend, als der Fotograf im zweiten Stock angekommen war.
Kurz darauf standen sie einträchtig nebeneinander in der Küche und schnitten Bananen, Orangen und Äpfel in kleine Stücke, beträufelten letztere mit Zitrone, damit sie nicht vorzeitig braun wurden und machten sich schon mal daran die Schokoladendrops mit ein wenig Sahne im Wasserbad zu schmelzen. Immer wieder wanderte Svens Blick verstohlen zu Kai hinüber und er konnte nicht umhin dessen Sicherheit, mit der dieser sich in der Küche bewegte, zu bewundern. Hier, in seinen eigenen vier Wänden, merkte man Kai allenfalls an ein paar kleinen Kniffen an, das er blind war. Etwa, wenn er sich Weihnachtstee eingoss und unauffällig die Tasse so festhielt, dass der Zeigefinger innen am Rand ruhte und er so spürte, wenn die Tasse genug gefüllt war.
Das Klingeln des Telefons aus dem Wohnzimmer unterbrach die arbeitsame Harmonie und Kai verließ die Küche, um den Hörer abzunehmen. Sven blieb zurück, nippte an seinem eigenen Tee und wunderte sich auf angenehme Art, wie es sein konnte, dass er und Kai so problemlos zusammengearbeitet hatten. Irgendwie hatte alles gepasst, keiner war dem anderen in den Weg gekommen, ohne wirklich darauf zu achten, im richtigen Moment zur Seite zu gehen.
Er war noch ganz in diese Gedanken versunken, als Kai zurückkam und sich ein wenig niedergeschlagen an den Türrahmen lehnte. Sven konnte nicht verhindern, dass ihm bei diesem Anblick einmal mehr in den Sinn kam, wie sexy Kai sein konnte, gerade, wenn er sich wie jetzt unbewusst in Pose setzte.
„Das war Julia“, sagte Kai und Sven riss sich zusammen, horchte auf. „Sie kommen nicht. Marin hat eine fiebrige Erkältung und Julia will bei ihm bleiben, um sicherzugehen, dass er genug Flüssigkeit zu sich nimmt und brav das Bett hütet.“
Stirnrunzelnd betrachtete Sven Kai bei diesen Worten. Marin sollte krank sein? Dabei hatte sein bester Freund gestern, bei Training, nicht das geringste Anzeichen von Husten oder Schnupfen gezeigt. Wenn er es nicht besser wüsste... Sven hielt in seinen Gedanken inne. Er wusste es besser! Marin spielte absichtlich krank und Julia machte mit, damit er und Kai allein sein konnten. Augenblicklich fühlte er sich ein wenig unwohl, hatte Julia ihm doch subrosa von Kais Reinfällen mit seinen bisherigen Freunden und der daraus resultierenden Vorsicht erzählt. Natürlich wusste er auch, was für ein Vertrauensbeweis es war, wenn Julia ihn nun mit Kai alleine ließ, aber Sven wollte auf keinen Fall, dass Kai sich in irgendeiner Weise genötigt fühlte.
„Soll ich...“, setzte er an, wurde aber im gleichen Moment von Kai unterbrochen.
„Aber du bleibst doch noch, oder? Ich mein, es ist doch viel zu viel Obst für mich allein und...“
Täuschte sich Sven oder wurde Kai tatsächlich ein wenig rot? Ein warmes Lächeln breitete sich in ihm aus, als er erwiderte: „Gerne.“ Der Gedanke an warme, flüssige Schokolade und die Aussicht einen ganzen Nachmittag allein mit Kai zu verbringen, hatte seine Stimme dunkel gefärbt, auch wenn er nicht mehr als ein harmlose Küsse im Sinn hatte. Küsse, die nach Schokolade, vor allem aber nach Kai schmecken würden.
Kai, dem weder das Manöver seiner Freunde, noch der Tonfall Svens entgangen war, wurde noch ein wenig röter, aber er machte keinerlei Anzeichen eines Rückzugs.





5. Bild

Ein hell erleuchtetes Fenster... das Innere eines voll besetzten Schnellzuges als Spiegelung in der Scheibe... nächtliche Landschaft, die vorbeirauscht... ein Plüsch-Elch mit rot-geringeltem Schal, der sich die Nase am Fenster plattdrückt...


Heilig Abend

Nebel! Warum musste von allen 365 Tagen im Jahr ausgerechnet heute Nebel über England hereinbrechen? Zugegeben, Nebel war für die Insel nichts Außergewöhnliches, schon gar nicht für London. Aber dass der Nebel ausgerechnet an diesem Tag so dick über dem Land hing, dass sämtliche Flughäfen wegen des schlechten Wetters gesperrt waren, war alles andere als komisch. Dabei hatte am Morgen noch die Sonne geschienen und es war für diese Jahreszeit sogar verhältnismäßig warm gewesen. Alles hatte wirklich nach einem vielversprechenden Start in die Weihnachtstage ausgesehen. Die Aufnahmen, wegen derer Sven vor fünf Tagen nach England gereist war, waren fertig, heute würde er sich noch einmal mit seinen Auftraggebern treffen und mit ihnen die weitere Vorgehensweise besprechen und dann würde er zurück zu Kai fliegen. Aber jetzt...

Sven hatte es zunächst für einen Scherz gehalten, als sich in der Woche zuvor Lady Ellen bei ihm mit einem dringenden Auftrag gemeldet hatte.
Lady Ellen und ihr Gatte führten ein gutgehendes Reiseunternehmen, das ‚Aristocratic Travel’ hieß und sich auf Reisen rund um Adelssitze und Schlösser spezialisiert hatte. Dass sie selbst ebenfalls einen Titel hatten, war ein angenehmer Werbe-Nebeneffekt. Sven hatte Lady Ellen im vergangenen Sommer kennengelernt, als sie und Lord Hubert auf der Suche nach reizvollen Orten für eine Deutschlandtour, um die sie ihren Katalog erweitern wollten, auch das Schloss Philippsruhe und das Schloss in Wilhelmsbad in Augenschein genommen hatten.
Jetzt aber hatte der Besitzer eines wunderschönen Manors in der Nähe von London sich endlich bereit erklärt, sein Haus für Besichtigungen zu öffnen, hatte aber darauf bestanden, dass zum einen die Fotos für den Prospekt noch vor Weihnachten gemacht würde und zum anderen nur ein Fotograf zum Einsatz käme, den Lady Ellen persönlich kannte. Nun war aber der Fotograf, mit dem das Reiseunternehmen sonst immer zusammenarbeitete, gerade beruflich auf Hawaii und ein anderer wegen eines Beinbruchs verhindert. Bei der Durchsicht ihrer Visitenkarten war Lady Ellen dann auf Svens Karte gestoßen und hatte auf gut Glück angerufen, um ihn zu bitten einzuspringen.
Zuerst hatte Sven gezögert, denn seit dem Adventsfondue war ihm klar geworden, dass er auf dem besten Wege war, sich rückhaltlos in Kai zu verlieben. Und da dies auf Gegenseitigkeit beruhte – verging doch seither kaum ein Tag, wo sie nicht wenigstens ein paar Stunden miteinander verbrachten – war die Aussicht so kurz vor Weihnachten für fünf Tage nach England zu müssen nur wenig verlockend. Dafür darauf zu verzichten, Kai von der Arbeit abzuholen und mit ihm über den Weihnachtsmarkt zu bummeln oder einen Kaffee trinken zu gehen, oder sich am Abend bei einem von ihnen zu treffen, Musik zu hören und einfach die Nähe des anderen zu genießen, war regelrecht schmerzhaft. Sven hatte Kai inzwischen auch von dem Foto erzählt, dass er an jenem Novembertag von ihm gemacht hatte und Kai hatte erzählt, dass er schon den ganzen Tag den Schnee in der Luft hatte spüren können, und dass, als es dann endlich zu schneien anfing, es so war, als würde plötzlich die ganze Welt still.
Andererseits aber bot ihm Lady Ellen die Chance zu seinen Referenzen ein ‚international tätig’ hinzuzufügen. Etwas, das ihn als freiberuflichen Fotografen einen ganz gewaltigen Schritt nach vorne bringen konnte. Als Sven Kai schließlich von dem Angebot erzählt hatte, hatte dieser ihn schlicht für verrückt erklärt und gemeint: „Du kommst doch Heilig Abend wieder. Weihnachten können wir also zusammen feiern. Das reicht. Nimm die Chance wahr. Außerdem können wir so neben Weihnachten auch noch Wiedersehen feiern...“ Das Grinsen, das diese Worte begleitet hatte, war mehr als eindeutig gewesen, und so hatte Sven den Auftrag mit einem vorfreudigen Flattern in der Magengegend wegen des Wiedersehens angenommen.
Wer hatte aber auch ahnen können, dass es an diesem Tag, seinem Rückreisetag, dem 24. Dezember, Heilig Abend, so schnell abkühlen würde... Binnen weniger Stunden war die Außentemperatur um mehr als fünf Grad gesunken und mit jedem Grad, dass es weiter sank, wurde der Nebel dichter.

Es war kurz nach dem Mittagessen und die Besprechung beinahe zu Ende, als die Angestellte der Reiseagentur zu ihrer Chefin ins Besprechungszimmer kam und ihnen mitteilte, dass soeben wegen des Wetters die Flughäfen gesperrt worden seien. Sven wurde bei diesen Worten aschfahl.
Lady Ellen, der das nicht entgangen war, fragte: „Sie werden heute noch zu Hause erwartet?“
Sven nickte und erklärte: „In Deutschland ist der Heilig Abend, also heute Abend, wichtiger als der morgige Tag. Und zu Hause ist jemand, der sehnsüchtig darauf wartet, mit mir Weihnachten zu feiern.“
Seine Auftraggeberin nickte verständnisvoll. „Ihr erstes gemeinsames Weihnachtsfest?“
Abermals konnte Sven nur bejahen.
„Sally?“, rief sie die Angestellte noch einmal herein. „Wir haben doch immer die ein oder andere stehende Notfall-Reservierung für den Eurostar. Sehen Sie mal nach und buchen Sie den jungen Mann hier auf eine Verbindung nach Frankfurt, die ihn noch heute an seinem Ziel ankommen lässt...“




6. Bild

Ein dunkles Wohnzimmer... ein leise glitzernder Weihnachtsbaum... ein bequemes Sofa, darauf ein erschöpft eingeschlafener junger Mann...


Weihnacht

Natürlich war der Zug nicht pünktlich gewesen. Natürlich hatte, sie so viel Verspätung haben müssen, dass sein Anschlusszug in Brüssel bereits weg gewesen war. Und somit war Sven nicht, wie gehofft, um 23:10 Uhr in Frankfurt am Hauptbahnhof angekommen, sondern erst um 2:17 Uhr. Was wiederum bedeutete, dass auch kein Zug mehr nach Hanau fuhr und ihm nur das Taxi blieb. Denn bis nach vier Uhr früh warten wollte er auch nicht. Eigentlich wollte er nur noch eines: Zu Kai fahren, ihn küssen und ihm versichern, dass sie nun endlich doch noch Weihnachten zusammen feiern könnte. Aber Kai würde mittlerweile sicherlich schlafen. Schlafen und denken, dass Sven ihn vergessen hatte, dass er ihm nicht wichtig war, noch nicht einmal wichtig genug für einen lausigen Anruf am Heilig Abend. Dabei hatte Sven mehrfach versucht Kai zu erreichen, doch im Zug war ihm immer wieder die Verbindung zusammengebrochen, noch ehe das erste Freizeichen Kai am anderen Ende der Leitung irgendetwas hätte mitteilen können.
Müde und erschöpft, den Rucksack, aus dem ein singender Plüschelch namens Erich, den er Kai spontan als Weihnachtsgeschenk gekauft hatte, hervorguckte, über eine Schulter geschlungen, den Reisekoffer hinter sich herziehend, machte sich Sven auf den Weg zum Taxistand. Er hoffte, dass er wenigstens so viel Glück hatte, dass ein Wagen dastand und er nicht erst einen der Fahrer vom heimischen Weihnachtsbaum weglocken musste, indem er den Taxiruf betätigte.

Wohl zum ersten Mal an diesem Tag hatte er Glück und so befand er sich wenige Minuten später auf dem Weg nach Hause. Sven hatte sich überlegt, dass er, wenn er gleich zu Bett ging und ein paar Stunden schlief, er früh genug wach sein könnte, um Kai wenigstens mit einem Weihnachtsfrühstück zu überraschen.
Jedoch waren alle Gedanken an sein Bett vergessen, als er seine Wohnungstür erreichte und einen weißen Briefumschlag daran festgeklebt vorfand. Er erkannte sofort Julias Handschrift darauf, hatte er in Marins Wohnung doch genug Notizen von ihr gesehen. Doch weshalb sollte sie ihm am Heilig Abend eine Nachricht an die Tür kleben? Hastig riss Sven den Umschlag auf und fand darin zu seiner Überraschung neben einem Zettel einen Schlüssel.
„Lieber Sven,
egal wie spät es ist, wenn du das liest: Fröhliche Weihnachten!
Und damit es nicht nur für dich fröhliche Weihnachten werden, begehe ich jetzt einen absoluten Vertrauensbruch, aber ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann. Der Schlüssel ist mein Schlüssel zu Kais Wohnung. Denn egal, was sich mein Süßer einzureden versucht, ich weiß, dass er dir nicht gleichgültig ist und du ihn erst recht nicht an Weihnachten abservieren würdest. Also, ganz egal, was die Uhr sagt, schwing die Hufe und geh zu ihm!
Alles Liebe,
Julia.“
Ein Grinsen breitete sich auf Svens Gesicht aus, als er Treppe wieder hinunterrannte. Natürlich war das Taxi schon längst wieder weggefahren, aber was machte das schon? Die paar Minuten Fußmarsch würden ihn nicht aufhalten. Auch, wenn es ein paar mehr Minuten waren. Und auch wenn er immer noch mit seinem ganzen Reisegepäck unterwegs war. Aber das mit dem Gepäck fiel Sven natürlich erst auf, als er schon die Hälfte des Weges hinter sich gebracht hatte. Allerdings, so argumentierte er für sich, hatte er somit wenigstens Zahnbürste und Kamm dabei.
Die ganze Zeit über, während er durch die verlassenen, nächtlichen Straßen wanderte, konnte er sich ein dämlich glückliches Grinsen nicht verkneifen. Denn auch wenn dieses Weihnachtsfest ganz anders als geplant angefangen hatte, schien es, als hätten seine Freunde beschlossen, als seine persönlichen Weihnachtselfen aufzutreten und ihm doch noch eine schöne Bescherung zu schenken. Und nicht nur ihm.

Schließlich und endlich am Ziel, schloss Sven zwanzig Minuten später so leise, wie er vermochte, die Tür zu Kais Wohnung auf und wäre bei dem Versuch sein Gepäck möglichst geräuschlos in der Diele abzustellen, beinahe mit dem Rucksack an der Garderobe hängen geblieben, was zweifelsohne von Erich lautstark verkündet worden wäre. Aber Sven schaffte es gerade noch rechtzeitig, den Rucksack abzufangen und auf dem Boden zu platzieren. Seine Schuhe fanden sich gleich darauf daneben wieder, während der Fotograf strümpfig und auf Zehenspitzen in das Wohnzimmer schlich. Dort glitzerte einsam, aber dennoch ein friedliches Bild darbietend, ein geschmückter Weihnachtsbaum.
Sven wollte gerade weiter in Richtung des Schlafzimmers gehen, als sein Blick auf ein seltsames, großes Bündel auf dem Sofa fiel, welches sich beim Näherkommen als Kai entpuppte, der das Mobilteil des Telefons fest an sich gedrückt hielt. Es schien fast so, als wäre sein Freund trotz allem fest entschlossen gewesen, so lange wach zu bleiben, bis sich Sven wenigstens telefonisch bei ihm meldete, dann aber vom Schlaf übermannt worden war. Sven wurde ganz warm ums Herz bei diesem Anblick, und er konnte nicht anders als sich zu der schlafenden Gestalt hinabzubeugen und Kai sanft zu küssen. Zärtlich knabberte er an der weichen Unterlippe, leckte kurz darüber und zog sich dann langsam zurück, blieb aber nah genug, dass Kai ihn ertasten konnte.
Verschlafen öffnete dieser die Augen und bewegte seine Hand ein wenig umherirrend in Richtung des nächtlichen Eindringlings. Sven fing sie ein und führte sie an seine Wange.
„Schöne Weihnachten!“, flüsterte er leise.