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Der lange Weg vom W?lfchen zum Wolf - Teil 9 bis 12

09 - Ohne Kaffee? Ohne mich!


Ungnädig brummte Leviathan und wedelte die lästige Fliege weg, die ihm vor dem Gesicht rum flog. Er mochte es gar nicht, geweckt zu werden, besonders nicht, wenn er gerade etwas Schönes träumte. „Geh weg“, brummte er leise und zog sich die Decke höher, aber sie wurde gleich wieder runter gerissen.

„Stell das ab“, zischte ihm jemand ins Ohr und weckte den Drachen endgültig auf. Neben ihm standen die Zauberlehrlinge und funkelten ihn an. „Stell das ab, wir wollen schlafen und bei dem Gekreische kriegt man kein Auge zu“, beschwerten sie sich und es dauerte einige Sekunden, bis Leviathan wusste, was sie meinten, denn erst dann hörte er Wölfchen jammern und schluchzen. „Wieso ich? Macht ihn doch selber wach. Mich stört es nicht“, knurrte er sauer und zog die Decke wieder über sich. War doch nicht sein Problem, wenn die nicht schlafen konnten.

„Es ist dein Liebchen. Sorg dafür, dass er endlich die Schnauze hält. Stopf sie ihm!", erklärte einer der Lehrlinge. Er schien schon älter und ihn umgab eine Art Aura, die deutlich machte, dass man mit ihm nicht solch ein leichtes Spiel haben konnte wie mit den beiden Niesfischen vom Vortag. „Wenn du diese kleine Landplage behalten willst, stopf ihm das Maul!", zischte er noch einmal und wandte sich um. Er ging davon aus, dass getan wurde, was er erwartete. Er stöhnte laut, als Wölfchen wieder schrie und sich in seine Decke eindrehte, dabei den Drachenpuschel mit sich riss. Er zog dabei so heftig, dass Leviathan vor Schmerzen zischte und mitsamt seinem Bett so weit zu dem anderen gezogen wurde, dass sie zusammenstießen.

„Mach was“, knurrte der Zauberlehrling wieder und als Leviathan widersprechen wollte, richteten sich zehn Zauberstäbe auf ihn, so dass er lieber nichts mehr sagte. „Wölfchen, ganz ruhig“, versuchte er es und zog den sich wehrenden Wolf an sich, so dass er ihn mit den Armen umschlingen konnte. „Niemand tu dir was“, murmelte er leise und strich Wölfchen sanft über die Wange. Er wusste nicht, ob das half, aber er hatte das schon bei Müttern gesehen, die so ihre Kinder beruhigten, wenn sie Alpträume hatten.

Doch Wölfchen bemerkte das gar nicht. Er kämpfte in seinem Traum gegen eine Horde wild gewordener Karotten, die ihn fressen wollten, ihn schon an einen Stock gebunden hatten und gerade mit Gewürzen überstreuten, um ihn dann auf kleiner Flamme zu rösten, wie er es gern mit Möhren machte. Es war die Hölle. „Nein!", schrie er immer wieder und versuchte sich zu befreien - er musste seine Fesseln lösen, doch das war unmöglich.

„Scht“, machte Leviathan, der eindeutig überfordert war. Er ließ etwas lockerer, hielt ihn aber weiter fest und strich einfach mit seinem Puschel über Wölfchens Wange, weil ihm nichts Besseres einfiel. Er hatte keinerlei Erfahrung mit so was, denn bisher hatte er sein Leben alleine gelebt, ohne sich um andere zu kümmern oder auf sie Rücksicht zu nehmen. Er war ein Einzelkind wie alle Drachen und plötzlich solch einen Nerventod am Bein zu haben war auch für ihn eine völlig neue Erfahrung. Leider!

Er zuckte, als er plötzlich Zähne an seinem Schwanz spürte. Wölfchen hatte sich in dem Puschel verbissen und wurde langsam ruhiger. Er zappelte nicht mehr so intensiv und durch das Fell konnten auch die Schreie nur noch gedämpft nach außen dringen.

„Geht doch!", erklärten die Zauberlehrlinge und traten langsam den Rückzug an.

Leviathan blieb nur noch, ihnen mit wütenden Augen nachzublicken. Die Bisse taten weh und solange der Wolf auf seinem Schwanz herum kaute, war an Schlaf nicht zu denken. Er konnte seinen Schwanz auch nicht einfach wegziehen, weil die spitzen Zähne dann fester zubissen. „Verdammte Scheiße“, fluchte der Drache leise und überlegte kurz, ob er nicht einfach verschwinden sollte, aber da musste er sich wohl die Schwanzspitze abschneiden, sonst würde er den schlafenden Wolf hinter sich her zerren. Außerdem war es wirklich erstaunlich, wie tief dieser Kerl zu schlafen schien, wenn er von dem Gezerre und Gezappel nicht munter wurde.

Ein wenig Einsehen schien Wölfchen zu haben, er hielt seine Fänge nur noch still, biss nicht mehr zu. Aber er hinderte den Puschel trotzdem daran, ihn zu verlassen, denn er wickelte sich drum herum. Dass er sich dabei immer dichter an Leviathan drängte, bekam er gar nicht mit. Erst als er dicht gedrängt an dem Drachen lag, wurde er ruhiger und schien nicht mehr von so schlimmen Alpträumen gequält, denn er wimmerte nur noch ab und zu leise und schlug nicht mehr um sich.

„Warum ich?“, murmelte Leviathan und zog Wölfchens Decke ran. Hoffentlich war's das jetzt und er konnte weiterschlafen.

Das Schicksal war ihm gnädig und Wölfchen träumte auch nur noch von ganz lieben Möhren mit denen er Ringelreihen über die weiten Wiesen tanzte. Das waren ganz leckere Möhren und deswegen schmatzte er immer wieder, aber nur ganz leise. Dass der Puschel dabei völlig voll gesabbert wurde, ließ sich aber im Eifer des Gefechts nicht vermeiden. Das bekam sein Drache aber zum Glück nicht mehr mit, denn der war, nachdem er sich damit abgefunden hatte, dass Wölfchen an ihm klebte, wieder eingeschlafen. Er ließ ihn auch die ganze Nacht über nicht los, wohl aus Angst, dass er dann wieder anfing zu schreien und zu jammern und die Zauberschüler ihn wieder mit ihren Zauberstäben bedrohten. Einer allein mochte ja lächerlich wirken, aber wenn diese Piesepampel sich zusammenschlossen, konnten sie selbst einen Drachen das Fürchten lehren. Vier oder fünf könnte er gleichzeitig verbrennen. Doch spätestens dann hatten sie ihn verzaubert und was dabei rauskommen könnte, wollte er sich nicht vorstellen, sonst könnte er nämlich nicht mehr so ruhig schlafen.

Aber da alles gut ging in der Nacht, erwachte Leviathan am nächsten Morgen, noch genauso, wie es sein sollte und dämmerte noch ein wenig dösend vor sich hin. Er war kein Morgenmensch und brauchte immer etwas, bis er in die Gänge kam. Bevor er nicht seinen ersten Kaffee hatte, war nicht viel mit ihm anzufangen. Er wunderte sich zwar, warum er nicht alleine lag, aber sein Gehirn war noch nicht wach genug, darum störte er sich nicht daran und kuschelte sich einfach noch ein bisschen an die Wärmequelle. Wölfchen schnurrte zufrieden und fing im Halbschlaf an, an dem nass gekauten Puschel zu nagen, schmatzte dabei zufrieden und erntete erneut Spötteleien von den Zauberlehrlingen, die schon auf den Beinen waren, weil sie pünktlich zum Kongress zu erscheinen hatten. Im Gegensatz zu dem turtelnden Pärchen Irrer, die liegen bleiben konnten.

Beide bekamen davon nichts mit. Wölfchen nicht, weil er sowieso alles an sich abprallen ließ, was er nicht verstand und Leviathan, weil er sich gerade sehr wohl fühlte und ganz mit den Gefühlen beschäftigt war, die das Knabbern in ihm auslöste. Seine Schwanzspitze war sehr empfindlich und leider auch eine der erogenen Zonen eines Drachen und das leichte Schaben der Zähne ließ ihn immer wieder wohlig erschauern. Besonders jetzt, wo er noch nicht richtig wach war und es nicht abblocken konnte.

Wieder lachte es vor ihrem Bett und einer der Beobachter beugte sich zu dem Drachen und blies ihm ins Ohr. Die anderen lachten lauter. „Hey Prinzessin, leckt er dir immer so hingebungsvoll den Schwanz? Dann borg ihn mir mal aus, ich hätte auch Verwendung für ihn." Dann machten sie, dass sie weg kamen, lachten aber immer noch. Man, waren das perverse Typen! Und so was lief frei im Märchenland herum.

Es dauerte fünf Sekunden, bis die Worte zu Leviathan durchgedrungen waren und er ruckte hoch. Panisch sah er sich um, aber sie waren allein. Was hatten die gesagt? Er hatte doch nicht? Der Drache erschauerte, als er sich vorstellte, was passiert sein konnte. Vorsichtig sah er an sich runter und kniff gleich wieder die Augen zu, als er merkte, dass das, was Wölfchen gemacht hatte, nicht ohne Folgen geblieben war.

„Oh nein“, stöhnte er leise und lief rot an. Das war peinlich. Megapeinlich!

Wölfchen, vom Gezerre an seinem Lieblingspuschel aus dem Halbschlaf gerissen, grummelte und merkte erst jetzt, dass er das Fell noch im Mund hatte. Besser er zog es raus, ehe Thano das noch sah. So schob er den nassen Puschel langsam dichter an den Besitzer, murmelte was von: „Guten Morgen“ und wischte sich den Mund ab.

Leviathan zuckte zusammen und zog die Decke schnell über seinen Schoß. Nicht dass der Kurze das noch sah und wieder Fragen stellte, die der Drache ihm unmöglich beantworten konnte. „Morgen“, murmelte er kurz und konzentrierte sich darauf, sich wieder zu beruhigen. „Gut geschlafen?“, fragte er einfach so, um etwas zu sagen und kramte in seinem Koffer, damit Wölfchen nicht mitbekam, wie durcheinander er war.

„Ja." Wölfchen nickte und sah immer noch beschämt auf den Puschel. Da hatten sie ihn gestern extra gewaschen und getrocknet und gekämmt und jetzt sah er aus, als hätte man ihn durch eine Pfütze gezogen. Das schlechte Gewissen nagte an dem jungen Wolf. „Gehen wir dann wieder zu der Fee? Glaubt du, sie hat noch was zu tun für uns?" Auch Wölfchen versuchte sich an einem belanglosen Geplänkel, während er sich aus seinem Schlafanzug schälte und nackt seinen Rucksack durchsuchte, weil sie sowieso allein waren. Dass er dabei auf dem Bett kniete, der Schweif wie wild wedelte und er Thano Aussichten bot, auf die der lieber verzichtet hätte, war keine Absicht.

„Rudi“, knurrte der auch gleich wieder und schmiss mit einem Kissen nach Wölfchen. „Zieh dir was an und hample hier nicht nackt durch die Gegend. Es kann jederzeit jemand reinkommen und nicht jeder möchte einen nackten Wolf sehen.“ Dass er das auch nicht wollte, musste nicht extra erwähnt werden. „Pack deine Sachen zusammen, ich bin gleich wieder da.“ Leviathan musste unbedingt duschen, vielleicht ging es ihm dann besser und der Aufruhr in seinem Körper ließ nach.

Wölfchen sah ihm nur irritiert nach, doch er machte, was von ihm verlangt wurde, zog einen - von den neuen - Schlüpfer an, kramte nach Socken und nach kurzer Überlegung über das Für und Wider des Tragens seines gestohlenen Anzuges bei der Fee entschied er sich also leise seufzend dagegen, packte seinen Liebling - zusammen mit Fluffy - aber in den Rucksack, ehe er Hose und Shirt anzog. Nun war er kein flauschiges Häschen mehr.

Er musste noch ein wenig warten, bis Leviathan wieder da war. Er stopfte seine Sachen in den Koffer und sah Wölfchen an. „Komm, wir gehen Frühstücken und dann zur Fee. Ich brauch dringend Kaffee, sonst werde ich nicht richtig wach.“ Er schob Wölfchen wieder vor sich her. Gestern Abend hatte er kurz vor der Jugendherberge ein Café gesehen und da wollte er jetzt hin.

„Öh - ja." Wölfchen ließ sich schieben, sah sich noch ein bisschen um und wünschte: „Guten Morgen“, und: „Schönen Tag“, denn er war ja ein höflicher Wolf. Ein paar waren verwirrt, ein paar amüsiert, vereinzelt grüßten sie auch zurück. „Kann ich auch was anderes als Kaffee haben? Von dem werd ich so hibbelig und aufgekratzt und das ist bestimmt nicht gut und dann wäre es besser, wenn ich etwas anderes trinke und dann ruhiger bin. Die Fee wird böse sein, wenn ich sie so schnell zu quatsche", überlegte er.

„Häh? Hibbelig und aufgekratzt?“ Leviathan sah Wölfchen skeptisch an. „Wie nennst du das denn, wie du jetzt bist? Ruhig und ausgeglichen?“ Na holla, die Waldfee. Dann wollte er aber nicht wissen, wie das wäre, wenn der Kleine Kaffee kriegte. „Du kriegst Kakao, der ist ungefährlich und lecker“, bestimmte er darum und bezahlte noch eben die Übernachtung, bei dem Gnom, der sie schon wieder so unverschämt angrinste. Doch er nahm sich vor, sich von dem Kerl nicht nerven zu lassen - schließlich sahen sie ihn, wenn alles gut ging, nie wieder.

„Im Augenblick bin ich noch müde", erklärte Wölfchen und verstand nicht so recht, was schon wieder mit ihm los sein sollte. Doch er fragte lieber nicht, schließlich hatte es meistens zu mittelschweren Katastrophen geführt, wenn er den Mund aufgemacht hatte.

„Das bleibt hoffentlich auch noch solange so, bis wir bei der Fee waren“, murmelte Leviathan und dirigierte Wölfchen aus dem Haus und über die Straße zu dem Café. Ihm wehte schon der köstliche Duft von frisch gebrühtem Kaffee um die Nase und er beschleunigte seine Schritte. Genau das brauchte er jetzt und ein paar frisch gebackene Croissants.

Wölfchen hingegen hatte schon die kleinen Törtchen und Küchlein mit Obst in seinem Blick und leckte sich über die Lippen. Vor Aufregung hätte er jetzt am liebsten einen Puschel geflauscht, doch seiner war im Rucksack und den von Thano durfte er bei Androhung von Strafe nicht anfassen. So blieb ihm nur aufgeregt zu hüpfen, um ein bisschen Energie loszuwerden. Dabei quietschte er ganz leise.

Selbst Leviathan konnte nicht anders und musste schmunzeln. „Such einen gemütlichen Tisch, ich besorge Frühstück.“ Er ließ sich einige Törtchen und Croissants geben und brachte sie zusammen mit dem Kaffee und dem Kakao zu ihrem Tisch, wo Wölfchen schon wieder rumhampelte. Natürlich hatte es sich nicht vermeiden lassen, dass der halbe Laden auf den merkwürdigen Wolf aufmerksam geworden war und ebenso natürlich war der Kleine schon wieder in Erklärungen darüber vertieft, dass sie ja heute wieder zur Arbeitsfee müssten, weil sie gestern aus dem Rapunzelturm rausgeflogen waren, weil ein perverser... Weiter kam er nicht, weil Leviathan Wölfchen ein Törtchen in den Mund steckte, damit er schwieg, was Wölfchen mit vollem Mund dazu veranlasste zu fragen, warum Thano ihm was in dem Mund stecken dürfte, umgekehrt das aber nicht erlaubt war.

„Rudi“, zischte der Drache und knurrte einmal in die Runde, weil sie neugierig beäugt wurden. Jeder im Märchenreich hatte von dem Rapunzel-Desaster gehört und wollte natürlich sehen, wer dafür verantwortlich war. „Der Kuchen ist nicht angesabbert, also kriegst du auch keine Bazillen und Viren“, hängte er noch eine Erklärung dafür an, warum er etwas durfte und Wölfchen nicht.

„Woher willst du das denn wissen", mümmelte Wölfchen und würgte den Brocken runter, sah Leviathan dabei aber immer noch vorwurfsvoll an. „Vielleicht hatte das ja schon jemand im Mund und jetzt hab ich das im Bauch und werde krank! Du willst wohl, dass ich krank werde. Willst du das?" Große runde, wassergetränkte Kulleraugen blickten zu Thano auf. Wölfchens Ohren hingen kläglich.

„Ich weiß das eben“, knurrte der Drache, aber als die Augen, die ihn anblickten, sich noch mehr mit Tränen füllten, seufzte er ergeben. „Rudi, hier werden nur Lebensmittel verkauft, die noch niemand im Mund hatte und die man unbedenklich essen kann“, erklärte er darum und schob den Kakao näher an den kleinen Wolf. „Ich möchte doch nicht, dass du krank wirst.“

„Ehrlich nicht?", fragte Wölfchen noch etwas skeptisch und ziemlich quietschig, was ein paar Damen am Nebentisch seufzen ließ. Nicht dass eine von denen das kleine Wölfchen noch heimlich mitnahm! Doch der trank erst einmal von seinem Kakao und knabberte weiter an seinen Küchlein. Die waren nämlich ziemlich lecker.

„Natürlich nicht. Warum sollte ich wollen, dass es dir nicht gut geht?“ Leviathan war ein wenig verstimmt darüber, dass Wölfchen glaubte, dass er ihm etwas antun wollte. Er war zwar ein Drache und oft brummelig und schlecht gelaunt, aber dass er ihm so etwas zutraute, traf ihn doch ziemlich.

Natürlich spürte das das Wölfchen mit seinen sensiblen Antennen. Wozu hatte er denn in der Schule Konfliktbewältigung belegt und mit 'sehr gut' abgeschlossen? „Ich wollte das ja auch gar nicht glauben. Ich dachte nur... weil das doch Fremde sind, die das verkaufen und weil nicht alle gut sind und weil..." Wölfchen schniefte. Er versagte gerade kläglich.

„Schon okay.“ Sie erregten schon wieder Aufmerksamkeit und das war nicht gut, denn er hörte es schon wieder tuscheln und einige Gäste um sie herum zeigten auf einen Artikel im Märchenherold und immer wieder fiel das Wort Rapunzel, Prinz und Skandal. Sie sollten nicht so lange hier bleiben. „Du kannst das unbedenklich essen.“

„Ja, ich weiß", murmelte Wölfchen. So war das eben - er machte den Mund auf und trat spritzend in alle Fettnäpfchen, die in der Gegend herum standen. Zur Not holt er sich noch welche, wenn nicht genügend herum standen. „Was glaubst du, bekommen wir für Jobs", fragte er, um etwas Ablenkung zu bekommen, während er hastig aß.

„Keine Ahnung. Wir können nur hoffen, dass wieder jemand krank oder in Urlaub ist, denn gestern gab es außer Rapunzel nichts für uns.“ Leviathan nippte an seinem Kaffee und verzog das Gesicht. Das Zeug war noch kochend heiß und er hatte sich die Zunge verbrannt. „Mist verdammter“, murmelte er leise und nahm sich etwas von dem Kuchen, der war wenigstens nicht heiß.

„Ob ich wieder ein Häschen sein darf. Ich wäre gern wieder ein Häschen. Aber ich möchte nicht solch einen Perversen, der mir wieder gegen die Bratpfanne rennt", überlegte Wölfchen, denn er weigerte sich zu glauben, dass er den Prinzen wirklich geschlagen hatte. Er war Peacemaker-Wölfchen, er war Pazifist! Er schlug niemanden, nicht mal Perverse.

„Wir werden sehen und ich werde darauf bestehen, dass keine perversen Prinzen in unsere Nähe kommen.“ Dass sie Wünsche anmelden konnten, glaubte er nicht. Nicht wenn es stimmte, dass es Beschwerden gehagelt hatte. Da waren die Verantwortlichen des Märchenreiches sehr streng. Es wurde nicht geduldet, dass die Märchen in Misskredit gebracht wurden. Das gesamte Reich litt sowieso schon unter dem Umstand, dass die Kinder der Menschen immer weniger an Märchen glaubten, von den Erwachsenen völlig zu schweigen. Man konnte es sich schlicht nicht leisten, die letzten Fans auch noch zu verlieren.

„Ja, das wäre schön. Kann ja nicht angehen, dass dir ständig Leute unter den Rock fassen", sagte Wölfchen mit einem Ernst in Stimme und Gesicht, das die Umsitzenden kichern ließ.

Leviathan hörte es ganz genau und knurrte leise. Aber er drehte sich nicht um, sondern versuchte es zu ignorieren. Man wartete doch nur darauf, dass er anfing zu toben, damit man wieder etwas zum klatschen hatte. Schließlich passierte es nicht oft, dass ein Märchen abgebrochen werden musste.

Er nahm sich lieber noch das letzte Törtchen, das Wölfchen ihm übergelassen hatte und aß es auf. Dann konnten sie los zum Arbeitsamt und so lange sie unterwegs waren, war die Wahrscheinlichkeit nicht ganz so hoch, das Wölfchen ihn wieder blamierte. 


10 - Kein Job für Häschen


Wie schon gestern lockte er den jungen Wolf hinter seinem schwingenden Puschel her, vermied es, der Straße zu nahe zu kommen, nicht das Wölfchen in seinem Puscheldelirium noch auf die Fahrbahn taumelte und unter dem Märchenexpress landete. Nicht auszudenken!

Sehr zu seinem Missfallen waren sie nicht die Ersten beim Arbeitsamt. Da waren wohl noch mehr Märchenwesen auf die gleiche Idee gekommen, dass die guten Jobs schon früh vergeben waren. „Setz dich, ich zieh uns eine Nummer“, wies er Wölfchen an und platzierte ihn auf einem der Besucherstühle. Na ganz so schlecht hatten sie es nicht getroffen, immerhin hatten sie die Nummer Drei. Jetzt musste er Wölfchen nur noch so lange bei Laune halten und dafür sorgen, dass der Wolf nicht wieder sinnlos über Röcke und Perverse plapperte, dann war alles geritzt.

„Ich möchte immer noch gern ein Häschen sein", murmelte Wölfchen vor sich hin und spielte wieder unauffällig mit dem Drachenpuschel. Er war mittlerweile wieder trocken.

„Wir werden sehen, was sich machen lässt. Was würde dir denn außer Häschen noch gefallen?“, fragte Leviathan, damit der Kleine beschäftigt war. „Dann können wir die Fee gleich danach fragen, ob sie so etwas im Angebot hat. Aber wahrscheinlich lässt sich ein Häschen in jedem Märchen unterbringen. Die Kinder mögen kleine, weiche Tiere, die niedlich aussehen.“

„Du findest, ich sehe niedlich aus?", fragte Wölfchen, überlegte aber dabei, was er noch gern wäre. Doch ihm fiel auf die Schnelle nichts ein. Er hatte darüber nie nachgedacht. Vielleicht konnte er ein Zwerg sein, die fraßen bestimmt keine Leute und waren sicher auch nicht pervers. Oder eine gute Fee. Wölfchen war sich sicher, er wäre eine tolle gute Fee! Er würde nur lauter schöne Dinge mit dem Zauberstab anstellen.

„Alle Häschen sind niedlich“, wich der Drache der Frage aus. Nicht auszudenken, wenn Wölfchen der ganzen Welt verkündete, dass Leviathan ihn niedlich fand und ganz vergaß zu erwähnen, dass es dabei um die Rolle als Häschen ging. Noch war sein Ruf nicht völlig ruiniert und eigentlich sollte das auch so bleiben. Die Kratzer durch Rock und perversen Prinzen konnte er hinnehmen, aber das war auch schon die Schmerzgrenze.

„Ja, stimmt, Häschen sind niedlich." Der Fuchs neben ihnen sah den merkwürdigen Wolf fragend an. Wo war der denn entlaufen? Ob das der komische Vogel war, von dem sein Sohn erzählt hatte? Der, der durch die Prüfung gefallen war? Doch er kam nicht dazu, zu fragen, denn er wurde ins Beratungszimmer gerufen.

„Was?“, zischte Leviathan, weil der Fuchs sie beide so komisch musterte und sich ertappt wegdrehte, bevor er in dem Büro verschwand. Am besten sie bekamen eine Stelle in den weniger bekannten Märchen, da interessierte sich niemand für und da fiel es nicht so auf, wenn etwas schief ging. Aber bei ihrem Glück gab es wieder nur Jobs in den Top-Ten Märchen.

„Warum schnauzt du die Leute immer so an?", fragte Wölfchen, hatte aber schon wieder den Drachenpuschel in seinen Händen, ohne zu ahnen, wie das auf die anderen Wartenden wirken musste. „Er hat doch nur mal geguckt", sagte Wölfchen und sah sich weiter um.

Leviathan brummte nur, denn wirklich Sinn, Wölfchen das zu erzählen, machte es nicht. Der Kleine verstand einfach nicht, wie das Leben lief und dass nicht jeder nett und freundlich war und einfach nur gucken wollte. „Bin halt so“, sagte er aber doch noch, denn er hatte keine Lust auf eine Diskussion, besonders nicht, wo schon wieder viel zu viele Neugierige um sie herum saßen. Hatte er denn Würstchen in der Tasche oder warum scharte sich alles geifernd um sie? Das konnte doch nicht nur an dem kleinen Puschelfetischisten liegen?!

„Ach so." Wölfchen nahm es so hin. Dann war Thano eben so. Er grüßte die neu Hinzugekommenen freundlich und widmete sich wieder der Pflege seines Lieblingsfellbüschels. Er zupfte an den weichen Haaren, die die Dusche zwar von seiner Spucke befreit hatte, aber Leviathan hatte ihn nicht wie sonst mit seinem Feuer getrocknet, so das die Haare ganz verwuschelt und verknotet waren.

Der Drache ließ ihn machen, denn dann hielt Wölfchen die Klappe und er selber hielt mit seinen finsteren Blicken alle anderen auf Abstand, so dass niemand es wagte, sich neben sie zu setzen. „Wir sind dran“, sagte er schließlich, als der Fuchs aus dem Büro kam und ihre Nummer auf dem großen Anzeigefeld erschien.

„Okay." Wölfchen hüpfte vom Stuhl, setzte sein niedlichstes Häschen-Gesicht auf und hüpfte zur Tür hinein, hinter der die Fee von gestern saß. Sie grinste schief, als sie Wölfchen kommen sah - denn auch sie hatte die Neuigkeiten schon erfahren. Zwangsläufig, denn man verbat sich, diese beiden noch einmal ins Rapunzelland zu schicken. Heute war nämlich auch der Prinz out of order, weil er rasende Kopfschmerzen und vier Beulen hatte.

Von seinem Puschel dirigiert, setzte Wölfchen sich auf einen der Stühle und Leviathan sah die Fee an. „Wir brauchen etwas Neues“, sagte er schlicht, auch wenn er nicht viel Hoffnung hatte. Über Nacht waren bestimmt nicht Unmengen von neuen Stellen angefallen, so dass sie sich was aussuchen konnten. Aber die Hoffnung starb bekanntlich zuletzt. „Wenn es geht etwas, wo mein Freund ein Häschen sein kann und keine Prinzen vorkommen.“

„Sie wissen doch selbst am besten, was passiert ist und können sich an zehn Fingern abzählen, dass die Stellen, an die ich sie beide noch vermitteln kann, nicht gerade reichlich gesät sind", sagte die Fee, sah dabei aber hauptsächlich den Drachen an, denn Wölfchen hatte ihr Herz sowieso erobert. Dem konnte sie nicht böse sein.

„Sicher weiß ich, was passiert ist, aber ich lasse mich nicht zum Sex zwingen, nur weil der Prinz glaubt, dass er jede Rapunzel vögeln kann. Dass er ein Recht dazu hat. Sie sollten sich wirklich überlegen, ob der Kerl noch tragbar ist. Es könnte Beschwerden über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz regnen, wenn der so weitermacht.“ Leviathan war wirklich sauer. Es wurde toleriert, dass ein Prinz jede Frau vernaschte, die in seine Nähe kam, ob sie wollte oder nicht, aber die, die sich wehrten, wurden bestraft.

Allerdings konnte er am entsetzten Gesicht der Fee deutlich sehen, dass dieser Fakt ihr selbst völlig neu war. „Sind sie sich sicher, dass sie da nicht was falsch verstanden haben?", fragte sie nach, denn es wunderte sie doch aufs intensivste, dass sich bisher noch niemand beschwert hatte. Nun, so viele Aushilfen hatten sie auf diese Stelle auch noch nicht gesetzt und das Original-Rapunzel hatte ja sowieso einen Ruf wie... Sie schüttelte den Kopf.

„Nein, ich habe das bestimmt nicht falsch verstanden, denn sonst hätte Wölfchen den Prinzen ja auch nicht mit der Pfanne umgeh….“ Leviathan sah aus den Augenwinkeln, wie der kleine Wolf ihn entsetzt ansah und erinnerte sich, dass Wölfchen das nicht wahrhaben wollte. „Äh ich meine, dann wäre der Prinz nicht in die Pfanne hineingelaufen, die mein Freund in der Hand hielt. Mehrmals.“ Das konnte er sich jetzt nicht verkneifen.

Wölfchen wurde ganz schummerig. Was wurde denn hier über ihn erzählt? So schnell wurde man zum gemeingefährlichen Schläger! Dazu war er noch ein Dieb - summa summarum ein kriminelles Subjekt. Wie tief war er nur gesunken? Er sank in sich zusammen, während die Fee zu sortieren versuchte. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn Wölfchen das Kleid getragen hätte und diesem Lüstling ausgeliefert gewesen wäre. Sicher hätte der Drachen den Prinzen flambiert. Am besten suchte sie Märchen ohne Prinzen und machte eine interne Eingabe, die eben vorgetragenen Vorwürfe zu prüfen.

„Nun. Ich werde mal sehen, was ich ihnen bieten kann."

„Das wäre nett.“ Leviathan erinnerte sich wieder an seine gute Erziehung und lächelte. Die Fee bemühte sich und so wie es aussah, wusste sie auch nichts von dem Lüstling-Prinz. Er sah kurz zu Wölfchen rüber, der ein wenig verschreckt und verängstigt aussah, darum strich er ihm mit dem Puschel über die Wangen und kitzelte ihn im Nacken. Das versöhnte den kleinen Wolf und weil der sich so gern ablenken ließ, half es auch dieses Mal.

Die Fee tippte auf ihrer Tastatur herum, suchte, schüttelte den Kopf, suchte weiter, tippte, wieder. „Hier wäre etwas, was vielleicht für sie in Frage kommen würde. Die beiden Schwestern Marie und Mary haben für heute einen Tag Urlaub eingetragen, sie wollen heiraten. Allerdings müsste jemand für sie zur Frau Holle gehen. Am Brunnen sitzen, sich in den Finger stechen, in den Brunnen fallen - das ganze Programm eben." Hoffungsvoll sah sie auf, denn in dem Märchen kam zumindest kein Prinz vor.

„Also brauchen sie eine Gold- und eine Pech-Marie?“, fragte Leviathan und wusste nicht, was er davon halten sollte. Einerseits wäre das ein Job, wo sie zusammenbleiben konnten, aber allein die Vorstellung, dass er am Ende des Märchens mit etwas übergossen wurde, war etwas, was er gar nicht schätzte. Egal ob Gold oder Pech, wobei Pech natürlich um einiges unangenehmer wäre. „Ist das das Einzige?“

„Hier wäre noch eine Magd für ein Fest von König Drosselbart. Es sind noch einhundert Gänse zu schlachten", erklärte die Fee und guckte nicht schlecht, als das Wölfchen blass um die Nase wurde und nur stumm den Kopf schüttelte. Allein der Gedanke machte ihn schon ganz krank - Tiere töten! Berge von totem Fleisch! Das war doch widerlich.

Auch der Drache machte ein entsetztes Gesicht. „Nein“, krächzte er leise und hängte als Erklärung an, dass sie beide Vegetarier waren, damit die Fee nicht noch einmal so etwas raussuchte. Normalerweise erzählte er so etwas nicht, aber hier war es wohl angebracht. „Ich denke, wir nehmen Frau Holle, oder Rudi?“ Er sah zu dem Wolf, der sich gerade wieder an seinem Puschel festklammerte und immer noch blass war. Wölfchen konnte nur nicken und wusste gar nicht, was er sagen sollte. Das gab bestimmt wieder Stoff für mindestens zwanzig Alpträume!

„Nun gut, ich werde sie eintragen, allerdings müssten sie sich dann beeilen. Die Geschichte beginnt bereits in einer Stunde. Einigen sie sich selbst, wer welche Rolle übernimmt. Ich werde eine Nachricht ans Ministerium schicken, dass das Märchen heute doch laufen wird und nicht vom Spielplan genommen werden muss." So machte man das nämlich mit Märchen, die wegen dem Fehlen der Hauptfiguren nicht laufen konnten.

„Wenn eine Kutsche für uns bereit steht, dann können wir sofort los.“ Jetzt wo das geklärt war, ging es dem Drachen besser, auch wenn Frau Holle nicht gerade sein Lieblingsmärchen war. Er ruckte kurz an seinem Schwanz, damit er Wölfchens Aufmerksamkeit hatte und hielt ihm zwei Streichhölzer hin, die er aus seiner Tasche gekramt hatte. „Zieh ein Stäbchen. Wer das kürzere erwischt, spielt die Pech-Marie.“ Er wusste selber nicht, was er sich wünschte. Zum einen lag es ihm nicht, nett und hilfsbereit zu sein, aber andererseits hatte er eine Abneigung gegen gut haftenden Dreck und da gehörte Pech einfach dazu.

„Hö?", machte Wölfchen wie üblich, wenn er gerade aus dem Puschelspiel gerissen wurde. Doch er griff einfach zu und wie sich das für ein hinterhältiges Schicksal gehörte, war Wölfchen wohl am Ende des Tages ein schwarzer Wolf, der sich mit Terpentin reinigen musste. Der Fee tat der Kleine ziemlich leid und er sich selbst auch. Doch er hatte sich eben für das kürzere Hälmchen entschieden. Da nutzte schniefen nichts. Und wenn er dreckig wurde, hieß das doch auch, dass der geliebte Puschel nicht dreckig wurde - sondern golden. Auch schön.

Leviathan versuchte nicht zu erleichtert auszusehen, denn Gold passte auf jeden Fall besser zu einem Drachen. Aber trotzdem tat ihm Wölfchen leid. Etwas, was sehr untypisch für ihn war und ihn irritierte. Er gewöhnte sich doch nicht etwas an den Wolf? Das konnte gar nicht sein. Drachen waren Einzelgänger, die nur an sich selbst dachten. „Na dann, los“, sagte er so neutral wie möglich und stand auf. „Auf nach Frau Holle.“

„Ja", murmelte Wölfchen. Die Ohren hingen erbärmlich und der Schwanz schleifte auf dem Boden. Er klammerte sich an seinen Lieblingspuschel und nickte dankend, als die Fee dem Kleinen noch heimlich einen Keks zusteckte, weil sie so viel Mitleid mit ihm hatte. Den erwischte es aber auch immer. Und wissend, dass die Beiden bald wieder hier waren suchte sie schon einmal eine schöne Stelle für den kleinen Wolf.

Nicht nur die Fee merkte, wie deprimiert der kleine Wolf war, auch Leviathan merkte das durchaus. Da er nicht wollte, dass Wölfchen so durch die Gegend lief und vielleicht noch die Frauen gegen sich aufbrachte, weil alle bestimmt dachten, dass er dem Süßen etwas getan hatte, hielt er ihm einen von den Lutschern hin, die er gestern gekauft hatte, von denen er sich aber immer noch verbitten wollte, sie angelutscht in den Mund gesteckt zu bekommen.

Ein bisschen verschüchtert knabberte Wölfchen also seinen Keks, lutschte an seiner Zuckerstange und grüßte wieder freundlich die Leute, an denen sie vorbei zur Kutschenstation gingen. Den Puschel hatte er wieder fest in der Hand, damit der nicht auf dem Boden schleifte. Wie üblich. Das war schon so selbstverständlich, dass der Drache es gar nicht mehr wahrnahm. Es gehörte einfach schon dazu. Schließlich war er so sicher, dass Wölfchen ihm nicht abhanden kam.

So kamen sie schnell und ohne Zwischenfälle zur Kutschstation und stiegen sofort ein, denn sie hatten nicht mehr viel Zeit. Sie mussten sich sogar hier schon umziehen, weil sie erst kurz vor Märchenbeginn ankamen. Dieses Mal bekamen beide ein Kleid und was den Drachen knurren ließ, entzückte Wölfchen doch ungemein. Nicht dass er je Kleider getragen hätte, aber die Stoffe waren schön weich und fließend und bunt und das Schleifchen auf seinem Rücken fand er doch sehr dekorativ.

Er versuchte auch Leviathan klar zu machen, dass er sich Zöpfe flechten lassen sollte. Bei ihm ging das ja leider nicht, aber die langen Haare des Drachen waren doch einfach ideal dazu und zu einem lieben Mädchen wie Gold-Marie musste das einfach sein.

„Wag es“, knurrte Leviathan und beäugte den Wolf misstrauisch, der sich aber nicht beirren ließ. Ein Schleifchen um den Puschel wäre auch nicht schlecht, das wirke mädchenhafter und schon wühlte er in dem Korb, wo ihre Kleider drin gewesen waren und suchte nach einer passenden rosa Schleife dafür. Leider hatte er keine Rosafarbene gefunden, also war er nun dabei eine Blaue in die langen, silberfarbenen Fransen zu binden und summte dabei ein Liedchen. Wölfchen war schon wieder viel besserer Laune, er musste niemanden töten, sondern nur ein paar Äpfel pflücken und Brote retten und ein bisschen Betten schütteln. Er war sich sicher, dass so was nicht einmal er verhunzen konnte.

„Lass das“, fauchte Leviathan und versuchte, seinen Schwanz davor zu bewahren, geschmückt zu werden, aber Wölfchen ließ sein Lieblingsspielzeug nicht los und freute sich darüber, wie hübsch es nun aussah. Der Drache sah das ganz anders und sobald sein Wolf nicht darauf achtete, war diese Schleife aber wieder ab. „Rudi, wenn du nicht die Schleife um deine Handgelenke gewickelt haben möchtest, dann lass meine Haare in Ruhe. Ich will keine Zöpfe“, knurrte er, weil Wölfchen schon wieder näher kam.

„Ja, ist ja gut", murmelte der Wolf, der sich in einer kreativen Schaffensphase gerade ziemlich eingeengt vorkam. Doch er wusste, dass es besser war Thano nicht zu reizen, also rutschte er wieder auf seine Bank und räumte alles, was nicht gebraucht wurde, zurück in den Korb. Doch er guckte immer wieder auf den jetzt noch viel hübscheren Puschel und zog ihn wieder zu sich ran.

So hatte Leviathan keine Möglichkeit, diese Peinlichkeit loszuwerden, bis sie an ihrem Bestimmungsort ankamen. Musste er seinen Schwanz eben so lange unter dem Rock verstecken, bis er dazu Gelegenheit hatte. So war er recht knurrig, als sie ankamen und er gleich weiter zum Brunnen gescheucht wurde. Wie verlangt stach er sich in den Finger und ließ sich dann in den Schacht fallen. Dabei hoffte er, dass der Boden wenigstens gut gepolstert war. Wölfchen blieb allein zurück und sah Thano mit der Sorge hinterher, ob der überhaupt schwimmen konnte und wie das werden würde, wenn er nicht wieder auftauchte. Zwar erzählte das Märchen, der Brunnen führe zum Reich der Frau Holle, aber was, wenn er das nicht tat und wenn Thano ertrank? Zum Glück hielt man ihn davon ab, gleich hinterher zu springen. 



11 - Albrecht Holle


Gott sei Dank war alles so, wie es sein sollte und der Drache landete sanft auf einer Wiese und sah sich erst einmal um. Dabei machte er die Puschelschleife ab und fühlte sich gleich wohler. Er kramte kurz in seinem Gedächtnis, was von ihm erwartet wurde und verzog das Gesicht. Äpfel pflücken war so gar nichts für ihn. Da blieb er immer mit den Flügeln in den Zweigen hängen und riss sich Löcher hinein. Was nicht nur unschön aussah, sondern auch ziemlich schmerzhaft war. Doch was tat man nicht alles für einen guten Job? Er konnte es sich schlicht nicht leisten, gleich wieder gefeuert zu werden. Er ging also auf den Baum zu, der ihm einen von: „Rüttle mich, schüttle mich“, erzählte und dass er reife Äpfel hätte. Da konnte einem ein Baum ja viel erzählen, wenn der Tag lang war, Leviathan guckte sich das erst einmal selber an. Dann war das auch noch solch eine krachsaure Sorte!

Prüfend ging er einmal rund rum, ob da irgendwo eine Stelle war, wo er an den Baum ran kam, ohne dass er sich verletzte. Es war nicht einfach und es sah bestimmt auch vollkommen bescheuert aus, wie er da hing. Die Flügel weit hinter sich gestreckt, damit sie nicht in die Äste gerieten und schüttelte, was das Zeug hielt, damit es schnell vorbei war. Allerdings hatte der Drache nicht bedacht, dass über ihm auch Äpfel hingen, die nun auf seinen Kopf prasselten. „So ein Schei…benkleister“, fluchte er laut und sprang zurück. So hatten sie aber nicht gewettet. „Das muss reichen“, erklärte er dem Baum und klopfte sich die Hände sauber.

Er konnte von Glück reden, dass es dem Baum versagt war, einzelne Äpfel nach mürrischen Protagonisten zu werfen! Sonst hätte der Drache jetzt nämlich noch ein paar Dellen mehr am Kopf, als er sie sowieso schon hatte. Was nahmen eigentlich die Märchenwesen tagtäglich auf sich? Und die Menschen wussten dies nicht einmal zu würdigen! Im Gegenteil verloren sie den Glauben an die Märchen - Unverschämtheit. Sollten die doch mal ihre Schuppen riskieren.

Das war Schwerstarbeit und gefährlich und wurde definitiv zu wenig bezahlt. Allein was man an Kopfschmerztabletten und Brandsalbe ausgeben musste, wenn man hier arbeitete, war bestimmt enorm. Da konnte Leviathan von Glück sagen, dass er ein Drache und feuerfest war, als er am Backofen ankam. Natürlich war dieser Brotschieber nicht da, wo er sein sollte, aber das machte ja nichts, holte er die Brote mit der Hand raus. Schließlich jammerten die schon eine ganze Weile was von rausholen und verbrennen - meine Güte, er war doch nicht hier her gekommen, um zu schuften! Er war ja nicht faul, aber das Arbeiten an sich hatte er auch nicht erfunden. Er suchte Herausforderungen, Jobs für Clevere und nicht solche Banalitäten wie Äpfel und Brot. Das war vielleicht eher was für Wölfchen. Der konnte den Broten dann noch seine Lebensgeschichte erzählen - oder doch lieber nicht, wenn die Sprache wieder auf die Röcke und den Prinzen kam.

Nicht auszudenken, was die Märchenverantwortlichen dann wieder für einen Aufstand machten, weil ein Märchen in Misskredit gebracht wurde. Recht zufrieden mit sich, weil bisher alles recht gut gelaufen war, machte Leviathan sich auf den Weg zu Frau Holles Haus. Jetzt war nur noch zu hoffen, dass das nicht so ’ne olle Zippe war, die ihn nur rumscheuchte, dann war der Tag so gut wie gerettet.

So führte ihn sein Weg weiter über die Wiese und hin zum einzigen Haus weit und breit. Ohne viel zu fragen ging Leviathan einfach davon aus, dass dies sein Ziel sein würde. Er hielt also darauf zu und hob eine Braue, als sich die Tür öffnete und ein rundliches Wesen in langen Kleidern und lustiger Kopfbedeckung aus der Tür trat.

Abrupt blieb er stehen und blinzelte, aber das Bild blieb das Gleiche. „Das gibt es doch nicht“, murmelte Leviathan und grinste. Vor dem Haus stand jemand, den er sehr gut kannte und den er beileibe nie hier erwartet hätte. Dort stand Albrecht – sein alter Freund aus Kindertagen, den er schon seit ein paar Jahren nicht mehr gesehen hatte. „Hey, Frau Holle, altes Haus. Was machst du denn hier?“, rief er lachend, als er näher kam.

„Levi?“, fragte der andere Drache kurz und fiel aus seiner Rolle, doch er fand gleich wieder zurück. „Marie“, rief er hinterher und kam Leviathan entgegen. „Was führt dich zu mir?“, wollte er wissen - doch eigentlich interessierte es ihn viel mehr, warum sein Freund sich hier herum trieb. Der Sohn des mächtigsten aller Drachen spielte als Laienmime in einem solchen Märchen?

„Ich bin in einen Brunnen gefallen und fand mich hier wieder. Könnt ihr mir sagen, wo ich hier bin und wo meine Spule ist, die ich verloren habe? Ich konnte sie nicht finden und ohne sie kann ich nicht zurück.“ So lange, wie sie vor dem Haus standen und die Kameras sie beobachteten, blieb Leviathan in seiner Rolle und spielte die Marie, aber er schob Albrecht, während er antwortete, ins Haus und dort gleich in die Ecke, wo sie ungestört waren und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Jetzt war erst einmal der Erzähler dran und sie konnten kurz reden.

„Lange nicht gesehen. Hier treibst du dich also rum. Spielst du schon lange die Frau Holle? Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich dich mal besucht.“

„Zusammen mit deinem Katastrophenwolf? Lieber nicht, ich will den Job noch ’ne Weile haben, so lange wie die Alte im Kranken...“ Kaum ging die Kamera im Innern an, bot Frau Holle ihrem Gast erst einmal ein wenig Wasser und einen Platz. „Ja, gutes Kind, deine Spule ist bei mir. Doch ruh dich aus, hilf mir ein bisschen - in ein paar Tagen kannst du auf die Erde zurück kehren.“ Albrecht setzte sich ebenfalls und grinste, als die Kamera sich abwandte. Was für ein Zufall.

„Dank euch, gute Frau. Ich werde euch gerne zu Diensten sein, bis ich nach Hause zurückkehre.“ Leviathan trank einen kleinen Schluck Wasser und als das Kameralicht ausging, beugte er sich vor und flüsterte: „Rudi kommt auch gleich. Er ist die Pechmarie.“ Das Albrecht von Wölfchen wusste, wunderte ihn schon, da mussten sie doch mehr Unruhe gebracht haben, als sie dachten, wenn ihr Auftritt schon so große Runden gezogen hatte, denn in den Märchen selbst kamen solche Nachrichten normalerweise mit etwas Verzögerung an. Aber nicht, wenn wegen einem Wolf mit Bratpfanne ein Prinz außer Gefecht gesetzt worden war. Das trug sich wohl schneller als der Schall breit.

„Na, wusste ich es doch, die kleine Plage hat ja schon Berühmtheitsstatus. Wo hast du den aufgelesen? Im Verwaltungsbezirk pfeifen die Spatzen von den Dächern, dass ein Dödelwolf unterwegs ist. Aber die meisten scheinen ihn sehr zu lieben“, lachte Albrecht.

„Er ist mir im Arbeitsamt auf den Schwanz getreten und seit dem hab ich ihn am Hacken. Er ist klein, naiv, nervig, aber sehr nützlich, wenn es darum geht, Vermittlungsfeen zu erweichen. Er weckt wohl Mutterinstinkte.“ Leviathan grinste, aber wurde wieder ernst, als die Kameras ansprangen. Er ließ sich zeigen, wie er die Betten aufzuschütteln hatte und wie gefegt wurde, hörte sich an wie der Tag einzuteilen war oder das Haus sauber zu halten, während Frau Holle unterwegs war.

„Und halte dich strickt an meine Anweisungen, Marie, so soll es dir gut ergehen.“



Während Leviathan sich also mit seinem alten Freund amüsierte, wartete das Wölfchen im Kleidchen auf dem Rand des Brunnen darauf, dass auch ihm die Spule in das Wasser fiel und er hinterher musste. Immer wieder sah er das kalte Wasser hasserfüllt an. Er war ein Warmduscher - schon immer gewesen! Er mochte kaltes Brunnenwasser nicht.

Besonders nicht, wenn er auf der Wiese lag und Schäfchenwolken zählte und seine Brüder ihn damit übergossen, so dass er sich erschreckte und hinterher seine Mutter schimpfte, weil er pitsch nass war und sie die Arbeit hatte, seine Kleider wieder trocken und sauber zu kriegen.

„Doofes Wasser“, murmelte er leise und spielte mit der Spule. Ob es auffallen würde, wenn er sie nicht in den Brunnen, sondern auf die Wiese warf? Da wurde er wenigstens nicht nass beim Suchen. Außerdem war Thano groß genug, der konnte gut auf sich selber aufpassen und so lange Wölfchen nicht im Bild war, so lange bestanden gute Chancen, dass er das Märchen nicht wieder schmiss.

„Ich will da nicht rein“, murmelte Wölfchen noch vor sich hin und wie er so überlegte, ob er nicht einfach türmen sollte, bekam er schon einen Schubs und dann wurde es nass und kalt und ziemlich eklig!

Aber zu seiner Überraschung war er gar nicht nass und durchgeweicht, als er auf einer wunderschönen Blumenwiese wieder zu sich kam. Die Sonne schien ihm warm ins Gesicht und die Vögel flogen zwitschernd über den Himmel, der wunderbar blau leuchtete. Er sah sich um, als er eine Stimme hörte. Da war aber niemand, nur ein Baum, voller roter, leckerer Äpfel, die einem schon beim Anblick das Wasser im Mund zusammen laufen ließen. Und so huschte das Wölfchen eilig zu dem Baum, sah sich immer wieder um - denn schließlich hatte er schon eine lange Vorstrafenliste. Angefangen bei Diebstahl und Prinzenmisshandlung. Wenn jetzt noch Apfelraub dazu kam?

Doch die waren so lecker und saftig, glänzten in der Sonne und da? Redeten sie nicht auf ihn ein, dass er sie pflücken sollte? Irritiert sah Wölfchen sich um. Hörte er jetzt schon Stimmen?

„Rüttle mich. Schüttle mich.“ Da war es schon wieder. Wölfchen schlich um den Baum und stupste ihn immer wieder mit einem Finger an. Nicht dass das wieder so ein verkleideter Perverser war, der nun ihm unter den Rock greifen wollte. Wölfchen hatte doch gar keine Bratpfanne mit, in die der Kerl dann laufen konnte. Aber das schien wirklich ein Baum zu sein. Noch einmal stupste er und erschrak sich fast zu Tode, als er aus irgendeiner Ecke angeknurrt wurde, er solle endlich schütteln, sonst würde er noch eine verbraten kriegen.

„Was war das?“, fragte er und sah sich suchend um, bis ihm einer der leckeren roten Äpfel auf den Kopf fiel und genau das eine Ohr traf. Das tat ziemlich weh!

Heulend hielt er sich das Ohr und hüpfte herum. Das machte er immer so, wenn er sich wehgetan hatte, denn irgendwie ging der Schmerz dann schneller vorbei. Dabei stieß er gegen den Baum und weitere Äpfel fielen herunter. „Geht doch“, brummte es leise neben ihm und ließ Wölfchen wieder zucken, so dass er wieder an den Stamm stieß. Es war eine Kettenreaktion, die immer von neuem startete. Wölfchen hüpfte schmerzverzerrt gegen den Stamm, Bäumchen ließ die Äpfel fallen - immer dort, wo das Wölfchen gerade stand und wieder in Richtung Stamm ausweichen musste, womit er neue Äpfel vom Baum schüttelte. Ein Teufelskreis, der erst beendet war, als alle Äpfel auf dem Boden lagen.

Dass Wölfchen schon wieder dabei war, das Märchen zu kippen, war ihm Gott sei dank nicht bewusst. Schließlich war er die faule Pechmarie, die eigentlich keinen Finger krumm machte, aber da man sehen konnte, dass Wölfchen die Äpfel nicht freiwillig gepflückt hatte, hatte man beschlossen, es weiterlaufen zu lassen. Man konnte doch nicht ständig Märchen kippen. Das war schlecht für die Einschaltquote und dieser kleine, pelzige stand-up-Comidian war vielleicht gar nicht so übel, um die Kinder an die alten Märchen zurückzulocken.

Wölfchen jedenfalls hatte von den Marketing-Strategien hinter den Kulissen keinen Schimmer, er stakste nur durch einen Berg Äpfel - der Appetit auf die war ihm jedenfalls vergangen. Er knurrte sie noch einmal an und hätte ihnen am liebten gesagt, was sie ihn mal konnten und wo sie das mal durften, wenn er nur nicht so gut erzogen wäre.

Immer noch brummig stakste er über die Wiese, aber lange konnte er seine schlechte Laune nicht aufrechterhalten. Nicht, wenn um ihn herum puschelig weiche Hoppel-Häschen über die Wiese hoppelten. Er konnte gar nicht anders, als ihnen lachend hinterher zu laufen und mit ihnen zu spielen. Die waren doch so herzallerliebst. Außerdem hatten sie niedliche Puschel und schon deswegen ließ sich Wölfchen gern ablenken. Dass sie eigens von der Regie geschickt worden waren, damit sie den mürrischen Wolf wieder aufheiterten, musste Wölfchen doch nicht wissen - seine Aufgabe war es nur, den Backofen zu ignorieren und die Brote verbrennen zu lassen. Alles andere war künstlerische Freiheit.

Aber Wölfchen war leider niemand, der einen Hilferuf überhören konnte. Wenn die Regie die Brote angewiesen hätte, ruhig zu sein, hätte es klappen können, aber so ging das nicht. Kaum dass der Wolf das erste Jammern vernommen hatte, machte er sich auf den Weg und quietschte entsetzt, als er die Qualmwolken aus dem Ofen kommen sah. Da verbrannte leckeres Brot, das konnte er doch nicht zulassen. Das Brot war sicherlich nicht so gemein wie die Äpfel und fiel ihm auf den Kopf, nein das glaubte er nicht.

Wölfchen eilte herbei und suchte als erstes Handschuhe, eine Erfahrung, die er schmerzlich in Mamas Küche gemacht hatte. Doch er fand keine. Nirgends Handschuhe, so griff er sich eben kurzerhand seinen Rock. Dass er ihn dabei bis zum Hintern lupfte, bemerkte Wölfchen nicht - er wollte nur die armen Brote retten.

Zum Glück hatte er heute Morgen an eine frische Unterhose gedacht, man wusste ja nie, was noch kam und dann auch noch die schöne, mit den Herzchen drauf. So bekam die Regie doch keinen Herzkasper, weil sie befürchteten, dass es wieder Beschwerden wegen Unzucht in einem Märchen hagelte. Allerdings schalteten sie auf die Kamera im Backofen um, um allen Eventualitäten vorzubeugen, denn auch wenn alles züchtig bedeckt war, so machte es sich nicht gut, wenn minutenlang ein Wolfshintern in Großaufnahme gezeigt wurde.

„Ach ihr Ärmsten“, murmelte Wölfchen und hatte endlich die Tür offen. Erst einmal stand er in einer Qualmwolke, die ihm entgegen schlug und ihm Tränen in die Augen drückte. Doch er fasste sich und suchte den Brotschieber. Doch wie Leviathan vor ihm schon, suchte er den völlig umsonst, er war nämlich gar nicht da, weil die Requisite gepennt hatte. Tja, da stand Wölfchen nun und in seiner lieben Not fing er an die Brote von Hand herauszerren zu wollen - doch der Ofen war heiß, die Brote tief im Ofen verborgen und das Wölfchen in einem mittelschweren Dilemma.

Wölfchen sah sich um und alles, was er fand, war ein Ast, der in der Wiese lag. Nicht besonders stabil, aber besser als gar nichts. Lange hielten die Brote nicht mehr durch, so wie die jammerten. „Ich mach ja. Ich mach ja“, rief er beruhigend und beugte sich so weit in den Ofen wie er konnte und angelte nach dem ersten Brot. Dabei musste er sich die Nase zuhalten und die Augen zukneifen, damit er nicht den ganzen Qualm hinein bekam. So ging das nicht!

Hastig sah sich Wölfchen um. Irgendwo musste es doch noch etwas geben, womit er die Brote retten konnte! Zu dem blöden Baum von eben wollte er nicht mehr zurück, der war gemein zu ihm gewesen. Was würde erst passieren, wenn Wölfchen ihm einen Ast abreißen wollte? Nein, nein. Wolfchen schüttelte heftigst den Kopf - gar nicht erst daran denken. Das hatte ja Potential für sieben Alpträume! Sein Blick ging nach unten, unter den Ofen - und da sah er eine Luke, ob dort Werkzeug verstaut worden war? Wer nicht wagte, der nicht gewann - so ging er in die Knie und machte die Tür auf.

Und er hatte Glück. Vor ihm hing fein säuberlich aufgereiht alles, was man zum Reinigen und Bestücken des Ofens brauchte. Wölfchen griff sich den langen Schürhaken und lief wieder zur Ofenklappe. Die Hitze war nicht mehr ganz so groß und der Qualm hatte sich verzogen, so dass er die vorderen Brote ohne Probleme herausholen konnte. Nur bei den hinteren hatte er ein Problem. Der Schürhaken war zu kurz und er konnte sie doch nicht verbrennen lassen.

Zum Glück aber war der Ofen - wie sich das für einen guten Märchenofen gehörte - schon ziemlich abgekühlt. Es war erträglich, Hände oder Knie auch auf das Innere zu legen, weswegen Wölfchen die Röcke raffte und furchtlos in die Öffnung kroch. Noch ein Stück und noch ein Stück - dann hatte er die letzten beiden auch gleich.

Nur leider war es in der Märchenwelt nicht anders als bei den Menschen. Das Schicksal machte einem ständig einen Strich durch die Rechnung. Diesmal in Form eines Windes, der die Ofenklappe zuschlug. Nun saß Wölfchen fest, weil der Haken, der die Klappe geschlossen hielt, wenn gebacken wurde, einrastete und von innen nicht zu öffnen war.

Na jetzt hatte er aber ein Problem! Erst mal machte er es wie immer - er schrie und jammerte und wimmerte. Doch damit ging er den Broten wohl ziemlich auf den Nerv, denn die schnauzten nun das Weichei an, ob der sich nicht mal zusammenreißen könne und ob es heutzutage nur noch Laien gäbe. Also hielt Wölfchen die Klappe und überlegte angestrengt.

Immer wieder rappelte er an der Ofenklappe, aber die gab nicht nach. Er saß hier fest und als ihm das klar wurde, bekam er Angst. Er war doch noch so jung. Viel zu jung zum sterben. Warum kam Thano nicht und rettete ihn? Er hatte doch versprochen, auf ihn aufzupassen. Ganz klein machte sich Wölfchen und wimmerte ganz leise, damit die Brote nicht wieder schimpften. Dass sein Kleid voller Ruß war - so wie das ganze Wölfchen übrigens - konnte ihn auch nicht mehr schocken. Er war gefangen. Ganz allein. Er würde verhungern, denn diese Brote machten nicht den Eindruck, als würden die einem Märtyrer gleich ihr Leben geben, um das von Wölfchen zu verlängern. Was sollte er nur tun?

So saß er da und blinzelte überrascht, als nach einer Weile die Klappe geöffnet wurde. Die Regie hatte einfach eine andere Kameraeinstellung gewählt, die gerade das Haus von Frau Holle zeigte, damit einer der Regieassistenten Wölfchen befreien konnte. So konnte es nicht bleiben, denn das Märchen kam nicht vorwärts. „Los raus und so schnell wie es geht zu Frau Holle. Das Märchen muss weitergehen“, zischte der junge Mann und gab Wölfchen einen Stoß, als er draußen war.

Dreckig und knurrig sah sich Wölfchen noch einmal um, doch dann machte er, dass er weg kam. Der guckte genauso komisch wie der Prinz gestern! Nicht dass das auch so ein Perverser war. Er raffte also seine Röcke und sah zu, dass er eiligen Schrittes Land gewann - weit weg von diesen ganzen durchgeknallten Vögeln. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass je solche Irre in diesem Märchen vorgekommen wären.

So schnell ihn seine Füße trugen, lief Wölfchen zum Haus von Frau Holle. Hoffentlich war er dort vor den Perversen sicher, die überall nur so wimmelten. Wenn er das gewusst hätte, hätte er sich nicht in dieses Märchen schicken lassen und Pech brauchte er auch nicht mehr, denn er war schon von oben bis unten schwarz. Leise schimpfend, damit ihn auch ja niemand hörte, brubbelte er vor sich hin und klopfte endlich an die Tür des einzigen Hauses weit und breit. Mit kriminalistischem Spürsinn ging der junge Wolf einfach davon aus, dass dort Frau Holle wohnte.

„Hallo, aufmachen!“

„Komm nur herein, junges Mädchen“, hörte er von innen und die Tür wurde geöffnet. Aber ganz entgegen seiner Rolle wurde er von Frau Holle nicht freundlich begrüßt, sondern er hörte nur ein sehr erschrockenes: „Wah, wer bist du denn und wie siehst du aus? So dreckig kommst du mir aber nicht rein, ich habe gerade sauber gemacht.“

Wölfchen wusste gar nicht, wie ihm geschah, als er Seife und Bürste in die Hand gedrückt bekam und ihm gleich die Tür wieder vor der Nase zugeschlagen wurde. „Hallo?“, fragte er, weil ihm das alles zu schnell gegangen war und er klopfte noch einmal. „Hallo? Das war doch nur die Schuld von den Broten, die haben erst gejammert und mich dann in den Ofen gelockt und die anderen haben bestimmt die Tür zugehalten und der Baum, der war auch gemein, hat mit Äpfeln nach mit geworfen und das tat weh und war gemein und jetzt will ich da rein. Hallo!“ Wölfchen klopfte und klopfte. Die musste ihn doch hören!

Die Tür wurde auch wieder geöffnet und der kleine Wolf unsanft von einer Hand, die ihn am Kragen packte, ins Haus gezogen. „Rudi, kann man dich nicht einmal alleine lassen, ohne dass du Chaos machst?“, hörte er eine bekannte Stimme. Leviathan hatte sich, nachdem er mit seinem Teil der Rolle fertig war, wieder zu seinem Freund in Frau Holles Haus begeben, damit sie noch ein wenig was trinken und sich unterhalten konnten. Schließlich hatten sie sich lange nicht gesehen.

„Thano“, fiepste Wölfchen wie ein Welpe und machte große Augen. Warum schimpfte der Drache schon wieder mit ihm? Er war doch gar nicht schuld gewesen. „Der Baum hat doch - und die Brote, die haben auch“, murmelte er leise, doch er wurde von der Hand noch immer festgehalten. Erst jetzt ging Wölfchen auf, dass das Frau Holle sein könnte, doch als er sich die Frau ansah, musste er feststellen, dass sie schlecht rasiert war. Er verzog das Gesicht. Eigentlich wollte er nur noch nach Hause. Die waren hier alle doof.

„Lass ihn los, Albrecht“, seufzte Leviathan und zog Wölfchen zu sich. „Los, machen wir dich erst mal sauber. Ist grad Mittagspause und dann erzählst du, was passiert ist.“ So wie Wölfchen aussah, war einiges schief gelaufen und das war gar nicht gut. „Albrecht, mach was zu essen, wir sind gleich wieder da“, rief er über die Schulter und schob den kleine Wolf ins Bad.

Doch Albrecht ging nicht gleich, sondern beguckte sich die beiden noch eine Weile. Irgendetwas war mit Leviathan passiert. Er hätte früher nie jemanden bemuttert. Er wäre nicht auf die Idee gekommen, sein Trinkgelage mit einem Freund für einen dreckigen Wolf im Kleidchen zu unterbrechen. Noch weniger hätte er dem Wolf geholfen, wieder sauber zu werden und sich anzuhören, was eigentlich passiert war. Hatte Levi jetzt einen neuen Freund, oder was? Doch er zuckte die Schultern und verschwand in der Küche. Hoffentlich hatte das Catering schon geliefert. Selbst zu kochen hatte er nämlich keinen Bock.

Halbwegs sauber führte Leviathan Wölfchen wieder aus dem Bad. Leider waren die Nachrichten seines neuen Freundes nicht sehr positiv. Anscheinend hatte man vergessen dem Wolf zu sagen, was er zu tun hatte und er hatte natürlich wieder alles durcheinander gebracht. „Du hast also den Baum geschüttelt und die Brote gerettet?“, fragte er noch einmal und überlegte, wie sie das wieder bereinigen konnten.

„Ich hab den Baum überhaupt nicht geschüttelt“, ereiferte sich Wölfchen. Er steckte immer noch in einem schmutzigen Kleid, weil die Regie meinte, dass das für die Pechmarie doch gar nicht so übel wäre und die Kinder sicher etwas daraus lernen würden. Sie hatten das Kleid nur etwas geklopft und gebürstet, damit er nicht den ganzen Dreck im Haus verteilte. „Der Baum hat mich beworfen und ich bin aus Versehen gegen den Stamm gelaufen!“, klärte Wölfchen auf und schob noch nach, dass das ziemlich wehgetan hatte.

„Zeig mal her.“ Leviathan strich durch Wölfchens Haare, konnte aber keine Beule oder sonstige Verletzung finden. „Ruh dich aus und iss etwas. Jetzt ist erst einmal Pause.“ So brummig und empört kannte Leviathan den kleinen Wolf gar nicht. Sonst war er immer fröhlich oder traurig gewesen. Er würde es ja nicht zugeben, aber irgendwie war der Kleine niedlich dabei, wie er brummig guckte und leise moserte und den Äpfeln und Broten Dinge an ganz ungesunde Stellen wünschte, wenn diese Wesen nur solche Stellen gehabt hätten.

„Hier, das Catering hat uns nicht vergessen!“, rief Albrecht zufrieden und kam mit einem Berg Hamburger um die Ecke. Das ließ beide Vegetarier ziemlich grün um die Nase werden. Wölfchen wusste nicht, was er sagen sollte und beschloss eine spontane Diät, während der Drache ungläubig in die Küche wollte, um zu sehen, ob nicht doch noch etwas Brauchbares da war. Dabei entdeckte Wölfchen den goldenen Puschel und hatte plötzlich Herzchen in den Augen und ein komisches Grinsen im Gesicht, als er wie hypnotisiert seinem Liebling folgte.

Egal wohin Leviathan auch ging, Wölfchen ging ihm nicht von der Seite und bei der ersten Gelegenheit griff er zu und drückte den Puschel an sein Gesicht. In seiner normalen Farbe war er schon wunderschön, aber so golden glitzernd war er einfach unwiderstehlich. Für den Drachen war das schon so selbstverständlich, dass er das gar nicht mehr wahr nahm, er bemerkte es erst, als er weitergehen wollte und gestoppt wurde.

„Komm mit“, sagte er nur und führte Wölfchen so zu den Salaten und dem Brot. Doch dessen Näschen hatte etwas ganz anderes gewittert. Zu den Hamburgern aus Mysteria King hatte man nämlich auch Pommes Frites geliefert und die raffte Wölfchen. Die Tüten rochen so gut und waren schön fettig. So hatte er die Tüten in der einen, den goldenen Puschel in der anderen Hand und brachte Albrecht dazu, laut zu lachen.

„Ihr seid ein echt schräges Paar!“

„Tja“, sagte Leviathan nur und klaute sich eine der Tüten. Pommes mochte er auch sehr gerne und wenn Wölfchen sich auch einiges bei ihm erlauben durfte, etwas musste er abgeben. Er stopfte sich eins der Stäbchen in den Mund, denn zu erklären, warum sie zusammen waren, hatte er keine Lust. Das ging niemanden etwas an. Und weil Leviathan nichts revidierte, dachte sich auch Albrecht seinen Teil. Nur Wölfchen bekam davon nichts mit, denn der kaute frittierte Stäbchen und flauschte den Puschel und war im siebten Himmel. Vergessen waren der böse Baum und die hinterhältigen Brote.

Der Drache dirigierte den kleinen Wolf zu einem Tisch, damit er seine Tüten ablegen konnte, denn sonst sah er seinen Puschel schon dreckig und fettig vor sich. „Mach ihn nicht dreckig, sonst muss ich ihn waschen und das ganze Gold ist ab“, neckte er den Kleinen ein wenig, denn ab und zu vertat der sich, flauschte die Pommes und biss in den Puschel.

„Hä?“ Wölfchen schreckte hoch - das Gold sollte abgehen? Das war nicht gut, nein, nein. Das sollte nicht passieren, der Puschel war doch so schön. Nun hatte Wölfchen wieder eine mittelschwere Krise. Das Beste wäre es gewesen, die Finger vom Goldpuschel zu lassen, doch das konnte Wölfchen nicht. Also starrte er zwischen Futter und Fell hin und her, mal zu Albrecht oder Thano, doch die konnten ihm auch nicht helfen. Er musste sich eben konzentrieren.

Es war wirklich niedlich, wie er die Hand mit dem Puschel immer von sich hielt, wenn er sich eins der Kartoffelstäbchen in den Mund schob und erst dann wieder die Nase in den Puschel steckte. Er hatte schon einen leicht goldenen Schimmer im Gesicht, weil das Gold auch an ihm haften blieb.

„Das ist unser zweiter Job und den haben wir wohl nur bekommen, weil die Vermittlungsfee Rudi mochte. Den ersten haben wir ja ziemlich verbockt – oder auch wieder nicht. Wenn der Prinz nicht so aufdringlich gewesen wäre, wäre alles gut gegangen.“

„Ja, es war in den Nachrichten“, lachte Albrecht, der über den merkwürdigen Wolf nur noch den Kopf schütteln konnte. „Man sah, wie du dem Kerl die Leviten gelesen hast und dann kam der Hasenwolf mit der Bratpfanne. Sie zeigten es in Zeitlupe, damit man jede Sekunde genießen durfte. Das blöde Gesicht von Eduard war echt klasse.“ Das war besser als jedes Homevideo gewesen und Albrecht hatte es sich aufgezeichnet, damit er es immer wieder angucken konnte. So was sah man nämlich nicht sehr oft.

„In den Nachrichten?“ Leviathan wurde blass. Dann wusste sein Vater über das Desaster Bescheid, denn er guckte jeden Abend die Nachrichten, weil er ja über die Vorgänge im Reich informiert sein wollte. Er konnte jetzt nur noch hoffen, dass er nicht erkannt worden war, aber das war unwahrscheinlich.

„Ja sicher. Es passiert selten, dass sich derartiges ereignet, dann kannst du aber mal davon ausgehen, dass die Sender sich darum gerissen haben. Mich wundert's, dass euch keiner aufgelauert hat, um ein Interview zu kriegen... Hey Goldjunge, du sollst den Puschel nicht so eindrecken!“, rief Albrecht zu Wölfchen rüber, der sich unbeobachtet gefühlt hatte und wieder mit dem ganzen Gesicht in dem herrlichen Spielzeug verschwunden war, nun mit roten Ohren wieder auftauchte und etwas murmelte, was zum Glück keiner verstand.

„Ist vergebliche Liebesmüh. Wenn Rudi einen Puschel hat, setzt alles bei ihm aus. Am Anfang hab ich ihn immer im Gewühl verloren, bis er meinen Puschel halten durfte. Dann bleibt er in meiner Nähe.“ Leviathan hatte sich noch Salat geholt, denn Wölfchen hatte alle Pommes aufgegessen. „Wie lange machst du denn noch hier? Wir sind leider nur einen Tag angestellt.“

„Ich habe noch eine Woche und dann werde ich zu Zwerg Nase versetzt“, sagte Albrecht und versuchte den irren Wolf zu ignorieren. Doch der war so eklig süß und niedlich, dass das einfach nicht ging. Er weckte selbst in gestandenen Drachen das Gluckengen und man war ständig in Sorge, ob der Kleine sich nicht gerade wieder selber umbrachte oder zumindest in Bedrängnis.

„Noch fünf Minuten!“, tönte es aus der Regie - die Pause ging wohl auf ihr Ende zu.

„Na ja, dann weiß ich ja, wo ich dich finden kann, wenn ich dich mal wieder besuchen möchte.“ Jetzt wo Leviathan seinen alten Freund wieder gefunden hatte, wollte er den Kontakt aufrechterhalten. „Wo es uns hinverschlagen wird kann ich noch nicht sagen, aber die Vermittlungsfee wird wohl morgen eher was für uns finden, wenn wir diesen Job hier gut machen.“

„Also: du machst dich aus dem Bild und wisch dem kleinen Strahlemann noch mal das Gold aus dem Gesicht, sonst schmeißt ihn die Regie gleich raus.“ Albrecht beeilte ich und raffte den ganzen Abfall vom Tisch, brachte alle in die Küche, in der es zum Glück keine Kamera gab und in der es immer aussah wie nach einem Zwergenaufstand, weil die Heinzelmännchen streikten und rasch setzte er wieder seine Mütze auf.

So zuckte Leviathan mit dem Schwanz, damit Wölfchen auf ihn aufmerksam wurde. „Geht gleich weiter“, erklärte er, weil der Kurze das bestimmt wieder nicht mitbekommen hatte. „Badezimmer“, sagte er nur knapp, denn waschen konnte Wölfchen sich auch alleine. Außerdem musste er noch seinen Salat aufessen. „Wie ist das? Kriegt die Pechmarie immer sehr viel Pech ab, oder nicht“, fragte er Albrecht. Es wäre schön, wenn nur so viel Pech wie nötig auf den kleinen Wolf runterregnen würde.

„Umfragen unter den Kindern der Menschen haben ergeben, dass sie es klasse finden, wenn die faule Socke eine richtige Packung bekommt“, erklärte Albrecht, als Wölfchen verschwunden war, um sich das Gold aus dem Gesicht zu waschen. Irgendwie hatte er auch Mitleid, denn der Wolf hatte das doch gar nicht verdient. Er war steht's hilfsbereit und ohne Arg. Vielleicht ließ es sich noch verhandeln.

„Vielleicht sollten wir eine Eingabe machen, dass man Rapunzel umschreibt und wir Eduard jeden Tag vermöbeln dürfen“, lachte Leviathan und machte, dass er aus dem Bild kam. Er blickte noch einmal über Wölfchen, ob auch alles in Ordnung war und schickte ihn dann nach draußen, damit er wieder an der Tür klopfte. Jetzt nicht mehr lange und sie waren mit dem Märchen durch.


12 - Quotenwölfchen


„Das Leben ist so ungerecht!“ Wölfchen rubbelte an sich herum, denn das Märchen war ohne größere Pannen beendet worden - leider genau so, wie vorgeschrieben. Ein ganzer Eimer Pech war über den armen Wolf gekippt worden, der nach Drehschluss zwei Stunden in Terpentin gebadet worden war. Man hatte nicht damit gerechnet, dass das Pech so schlecht aus dem Fell heraus ging. Ein Großteil war entfernt worden, doch die Schwanzspitze sah noch immer aus wie ein Tintenpinsel.

Neidisch sah der kleine Wolf auf Leviathans goldenen Puschel, doch den durfte er mit seinen schmutzigen Händen nicht anfassen - auch die waren noch nicht ganz sauber. Außerdem roch der Kleine wie eine Fackel und wurde seit dem von offenem Feuer ferngehalten. Nicht dass er noch in Flammen aufging.

Das Schlimmste aber war: einer von Wölfchens Lieblingsschlüpfern war nicht mehr zu retten gewesen und war feierlich in Frau Holles Vorgarten beigesetzt worden.

„Rudi“, knurrte Leviathan nur. Er hörte seit dem Aufstehen nichts anderes und langsam konnte er es nicht mehr hören. „So schlimm ist es auch nicht mehr. Wir behandeln deine Schwanzspitze nachher noch und dann kommst du in die Wanne, dann riechst du auch wieder besser. Jetzt müssen wir erst einmal zur Fee.“

„Ja, an deiner Stelle hätte ich auch die große Klappe!“ Heute war Wölfchen mal nicht der nette Wolf von nebenan. Er war wütend und er war sauer - er hatte gearbeitet, hatte allen geholfen und war bestraft worden. Er hatte keine Lust mehr auf diesen Mist und er war geladen.

„Bitte?“, machte der Drache und eine Braue hob sich irritiert. Das war er ja gar nicht gewohnt, dass der Kurze so kratzbürstig war. „Wenn ich dich erinnern darf, es hätte genauso mich treffen können. Ich kann da nichts für, dass du das Pech abbekommen hast.“ Das wollte Leviathan aber nicht auf sich sitzen lassen. Das hörte sich ja fast so an, als wenn er das so gedreht hätte.

„Hätte, hätte. Hast du aber nicht!“, sagte Wölfchen vorwurfsvoll und ging plötzlich schneller. Er war wütend, er war enttäuscht - alles zusammen. Im Augenblick wollte er niemanden sehen und eigentlich wollte er auch nicht zur Fee. Aber wenn er was essen wollte, brauchte er Geld und wenn er Geld wollte, brauchte er einen Job - ihm blieb also nichts anderes übrig. Er ging schneller, um den Drachen hinter sich zu lassen.

„Sag mal, ist jetzt gut?“, knurrte der Drache und stapfte muffelig hinter Wölfchen her. Er konnte nicht sagen, dass ihm der heutige Tag gefiel. Der Wolf war zwar nervig, wenn er aufgedreht und hibbelig war, aber so wie er jetzt war, war er ziemlich ungewohnt und vor allen Dingen ärgerlich. Darum holte er Wölfchen auch nicht ein, sondern gab ihm immer nur knappe Richtungsanweisungen.

Mit hängenden Ohren schlurfte Wölfchen durch die Straßen. Ein paar Passanten schienen ihn zu erkennen, doch sie wagten nicht, etwas zu sagen. Wölfchen hätte sie sowieso nicht wahrgenommen. Ihm hing die Nacht im Nacken. Er hatte keinen Puschel haben dürfen, hatte nicht im Bett schlafen dürfen, weil man Sorge hatte, der Gestank würde in die Matratze kriechen und diese müsste hinterher entsorgt werden. Alles in allem war das echt keine artgerechte Haltung gewesen.

Leviathan verdrehte die Augen und holte auf. So wie Wölfchen gerade drauf war, konnten sie unmöglich zur Fee. Das gab eine Katastrophe, wenn er dort auch so freche Antworten gab. „Hey Kleiner“, sagte er darum und legte ihm einen Arm um die Schulter, auch wenn er sein Gesicht ein wenig abwenden musste, damit ihm die Terpentindämpfe nicht in die Nase stiegen. „Nicht böse sein, das nächste Mal übernehme ich diesen Job.“ Zur Bekräftigung seiner Worte ließ er seinen Puschel vor Wölfchen schweben, damit er ihn greifen konnte.

Überrascht musste er feststellen, dass Wölfchen nicht wie sonst einfach zugriff, sondern nur schniefte. Er war immer noch in einer Depression, die sich gerade vom Level 3 auf 4 steigerte. „Jeder macht mit mir, was er will, weil er mich für dumm hält“, knurrte er und wusste auch nicht, was heute mit ihm los war. Das war bestimmt der mangelnde Schlaf. „Ich will nicht immer alles kaputt machen oder ausgelacht werden. Ich will auch mal cool sein.“

Ungeachtet der Leute um sie herum zog Leviathan den kleinen Wolf zu sich und legte die Arme um ihn. „Kleiner“, sagte er leise. „Du bist nicht dumm und ich glaube nicht, dass dich jeder dafür hält. Du hast dich doch in den Märchen gut gehalten. Rapunzel habe ich kaputt gemacht und bei Frau Holle hast du doch auch fast alles richtig gemacht. Dafür, dass wir keine Zeit hatten, uns vorzubereiten, waren wir gut.“ Vor ein paar Tagen wäre so etwas undenkbar gewesen, da hatte der Drache sich nur um sich selber gekümmert, aber seit Wölfchen war alles anders.

„Hm“ Wölfchen schniefte. Langsam wurde er wieder handzahm. Er lehnte sich gegen seinen neuen Freund und holte tief Luft. Er hatte das manchmal, dass er sich selber nicht wieder erkannte und vor sich selbst weglaufen wollte. Er hatte seinen Platz im Leben eben noch nicht gefunden. „Ich will nicht wieder Perverse und dreckig werden will ich auch nicht wieder. Ich möchte mal was Schönes.“

„Das kriegen wir bestimmt hin.“ Leviathan strich Wölfchen durch die Haare und kraulte ihm kurz die Ohren. „Die Fee wird etwas für uns finden, wo du zeigen kannst, was du kannst.“ Er drückte Wölfchen kurz, dann machte er sich los. „Na los, wieder lächeln. Wir lassen uns nicht unterkriegen, egal was für einen Job wir auch bekommen.“

„Ich will einen Schönen, mit einem Puschel, ohne Perverse und ohne Dreck“, fasste Wölfchen zusammen. „Und mit ohne jemand fressen!“, schob er noch hinterher, damit nicht wieder jemand auf die Idee kam, ihn zu Rotkäppchen zu schicken oder als Magd zum Gänseschlachten. Er schüttelte sich schon bei dem Gedanken daran. Schon besser gelaunt als eben noch machte sich Wölfchen mit Thano wieder auf den Weg.

„Ich werde darauf achten.“ Leviathan ließ den Arm um Wölfchen und sah sich einmal kurz um, weil er das Gefühl hatte, beobachtet zu werden. Er konnte aber niemanden sehen, darum zuckte er mit den Schultern und ging weiter. Sie mussten zur Fee. Zu spät kommen wurde nicht gern gesehen und verminderte ihre Chancen.

Mittlerweile hatte Wölfchen auch wieder den Puschel beim Wickel und spätestens jetzt wusste Leviathan, dass Wölfchen wieder der Alte war. So beeilten sie sich zur Vermittlung zu kommen und waren zeitig genug da, wieder eine der ersten Nummern zu ziehen. Leider nicht die allerersten, weswegen sie wieder Platz nehmen und das Getuschel der anderen ertragen mussten. Jeder hatte sie wohl erkannt.

Es war unangenehm, so im Mittelpunkt zu stehen, aber der Drache verhielt sich ruhig, denn noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, war nicht gut. Er wunderte sich sowieso schon, dass er noch keine Nachricht von seinem Vater bekommen hatte. Aber der war wohl immer noch wütend auf ihn. Leviathan seufzte. So hatte er sich sein neues Leben auch nicht vorgestellt, aber er wollte nicht jammern. Er hatte es sich ausgesucht und musste nun damit leben. Wölfchen neben ihm hatte sowieso alles ausgeblendet und spielte mit dem Puschel. Es fehlte nur noch, dass er sich wie eine junge Katze auf den Rücken warf und mit allen vier Pfoten gleichzeitig den Puschel balancierte. Doch das tat er zum Glück nicht, sondern seufzte nur immer wieder zufrieden.

Heute waren sie die zweiten in der Schlange und so folgte Wölfchen seinem Lieblingsspielzeug, als Leviathan sich erhob, weil Rumpelstilzchen gerade das Beratungsbüro verließ.

Die Fee sah ihnen schon entgegen und ihr Blick huschte einmal über den kleinen Wolf, aber da er offensichtlich zufrieden wirkte, lächelte sie. „Guten Morgen“, grüßte Leviathan höflich und ruckte mal wieder kurz an seinem Schwanz, damit Wölfchen aufmerksam wurde. Schließlich konnte er ja nicht alles alleine entscheiden. Doch Wölfchen winkte nur schüchtern der Fee zu und huschte, zusammen mit Gisbert, so hatte er den Puschel nämlich getauft, auf seinen Stuhl.

„Nun, was kann ich heute für euch tun?“, fragte die Fee, auch wenn sie genau wusste, warum die beiden hier waren.

„Wir brauchen einen neuen Job“, erklärte Leviathan gut gelaunt, denn nach dem gestrigen Tag hatte er ein gutes Gefühl, dass sie eine gute Anstellung bekommen würden. Schließlich waren sie ohne große Katastrophen durch das letzte Märchen gekommen und es hatte nicht abgebrochen werden müssen.

„Sehr gut, ich würde vorher gern noch etwas anderes mit ihnen besprechen“, sagte die Fee und sah dabei besonders auf Wölfchen, der das merkte und von seinem Puschel aufsah.

„Hö?“, machte er ziemlich intelligent und die Fee lachte leise.

„Ja, es geht um dich. Und zwar gibt es für Märchenfiguren, die noch nicht volljährig sind“ - sie wollte das Wort trottelig vermeiden - „die Möglichkeit einer Unfallschutzversicherung. Das bezahlt alles die Verwaltung, du musst nur deine Unterschrift unter das Formular setzen, damit man weiß, dass du die Bedingungen gelesen hast und einverstanden bist. Wäre das interessant für dich?“

Wölfchen zuckte mit den Schultern - Versicherungen. Mit so was hatte er sich noch nie befassen müssen.

„Eine Unfallversicherung?“ Leviathan sah zu Wölfchen und nickte. „Solltest du machen. Ist nicht verkehrt und wenn es umsonst ist, sowieso.“ Der Drache sah auch die praktische Seite. So verträumt wie der kleine Wolf war, war es eh schon ein Wunder, dass er sich noch nicht ernsthaft verletzt hatte. „Haben sie den Vertrag hier, dann kann er gleich unterschreiben.“

„Nein, dafür bin ich leider nicht zuständig. Dazu müsste er hoch in den ersten Stock zur Gesundheitsabteilung gehen“, erklärte die Fee und ihre Augen zeigten, dass sie noch etwas auf dem Herzen hatte, es aber noch nicht anbringen konnte. „Ich würde sie dann gern schon einmal zu den nächsten Wünschen befragen, während Wölfchen oben die Versicherungssachen klärt.“

Der kleine Wolf wiegte noch einmal den Kopf, denn wenn die Fee mit Thano reden wollte, dann blieb auch der Puschel hier und Wölfchen musste alleine durch das große Haus gehen. Nicht sehr ermutigend. Doch er nickte und verabschiedete sich von Gisbert - sie sahen sich ja gleich wieder, zumindest hoffte Wölfchen das.

Leviathan sah ihm hinterher und er konnte sich gerade noch so auf die Zunge beißen, damit ihm nicht doch noch ein: „Pass auf dich auf und komm gleich wieder“, heraus rutschte. Darum drehte er sich wieder zur Fee. „Haben sie etwas Passendes für uns? Schön wäre es, wenn Wölfchen sich dort nicht dreckig machen muss, denn er riecht ein wenig penetrant nach Terpentin. Etwas ohne offenes Feuer wäre auch angebracht.“

„Es geht mir momentan darum, dass er wohl unter den Menschenkindern eine Art Kultstatus erworben hat. Wenn sich auch die Eltern über die Verunglimpfung der alten Märchen beschweren. Die Kinder finden ihn toll und die Einschaltquoten schnellen nach oben und mittlerweile wird darum gebeten, einen Newsletter zu schicken, in welchem Märchen das Wölfchen zu sehen sein wird. Im Augenblick ist die Verwaltung bereit, für ihn jede Position frei zu machen, die er haben möchte“, erklärte die Fee die aktuelle Situation und eben flimmerte wieder eine Anfrage über den Bildschirm, wo man den Wolf heute sehen könnte.

„Echt?“ Leviathan riss erstaunt die Augen auf. „Wölfchen kann sich aussuchen, in welchem Märchen er mitspielen möchte?“ So etwas hätte er nie erwartet. Das war bisher, so weit er wusste, noch nie vorgekommen. Es war schon deprimierend, dass sie nicht beliebt waren, weil sie gute Arbeit lieferten, sondern weil sie bisher alles verkehrt gemacht hatten, was nur ging, und er selber nur davon profitierte, weil Wölfchen bei ihm war.

„Ja, die Kinder wollen ihn sehen. Er ist niedlich und so nett naiv. Die Kinder haben die Nase voll von den alten Märchen. Gut gegen Böse und als gestern ausgerechnet auf den kleinen Wolf das Pech ausgegossen worden war, stand der Server nicht mehr still und Beschwerden hagelten ins Haus, dass man den lieben Wolf doch so nicht behandeln dürfte.“ Die Fee nickte und drehte den Bildschirm so, dass Leviathan die Zahlen sehen konnte.

„Das sinkende Interesse an den Märchen, das wir in den letzen Jahren verzeichnen mussten, könnte jetzt einen Umschwung erfahren. Wir brauchen dich, damit du Wölfchen ein bisschen lenken und leiten kannst.“

„Wow, das ist ja ein Zugang von über 300 Prozent“, murmelte Leviathan, der erst einmal damit klar kommen musste, dass dieser naive, kleine Kerl dabei war, die Märchenwelt zu retten. „Wie meinen sie das?“ Leviathan sah die Fee misstrauisch an, denn so wie sie das mit dem Lenken und Leiten gesagt hatte, gefiel ihm das gar nicht. Er kannte doch die Märchenland Verantwortlichen. Die verheizten Wölfchen ohne Rücksicht auf Verluste, wenn nur die Einschaltquote stimmte.

„Na ja, er stolpert doch gern in alle möglichen Situationen. Sorgen wir dafür, dass es reichlich davon gibt“, sagte die Fee mit einem zuckersüßen Lächeln auf den Lippen.

„Wie bitte?“ Jetzt war Leviathan wirklich geschockt, denn dass die Fee das so unverblümt sagen würde, hatte er nicht gedacht. „Das werde ich ganz bestimmt nicht. Ich werde Wölfchen doch nicht absichtlich sich verletzen lassen, oder ihn in peinliche Situationen bringen. Er ist nervig und naiv, aber er ist ein Freund. Er ist sensibel und verletzlich. Das würde ihn kaputt machen, denn eigentlich möchte er nichts weiter, als gemocht zu werden.“ Leviathan war so wütend, dass er einfach sagte, was ihm durch den Kopf ging. Er mochte Wölfchen, auch wenn er das nie zugeben würde, noch nicht einmal vor sich selbst.

„Ich weiß nicht, wo das Problem liegt?“, sagte die Fee und drehte den Bildschirm wieder zu sich. „Die Kinder lieben ihn doch, gerade weil er nicht der typische Held ist. Und die Drehplätze sind voll von Personal. Keiner wird zulassen, dass er sich wirklich verletzt. Ein paar Missgeschicke hier und da.“ Um mehr sollte es doch gar nicht gehen.

„Ach ja?“ Leviathan glaubte da ja nicht so dran. Das gab es doch viel zu oft. Es gab immer welche, die sich profilieren wollten und das wurde dann auf Wölfchens Schultern ausgetragen. „Wenn er sich tollpatschig und ungeschickt anstellt, werde ich nur eingreifen, wenn es gefährlich wird, aber ich werde solche Situationen nicht provozieren“, stellte er klar.

„Lassen wir ihn einfach so weiter machen wie bisher, dann ist uns schon gedient“, sagte die Fee, die eigentlich nicht mit so viel Widerstand des Drachen gerechnet hatte. Hätte sie ihm mehr Geld anbieten sollen? Drachen hatten nun einmal nur das Ziel des Reichtums. Sie überlegte, doch da klopfte es schon und man hörte, wie sich jemand bei einem anderen entschuldigte, ihn umgerannt zu haben - Wölfchen war wieder da.

So konnte Leviathan nicht mehr antworten, was er von diesem Wunsch hielt. Wölfchen war doch vollkommen verloren, wenn er sich nicht um ihn kümmern würde. „Setz dich, Kleiner. Alles erledigt?“, fragte er und lockte den jungen Wolf wieder mit seinem Puschel zu sich. „Welche Rolle würdest du denn gerne spielen?“, fragte er, damit die Fee alles in die Wege leiten und sie endlich wieder gehen konnten.

„Ich?“, fragte Wölfchen etwas irritiert. Seit wann durfte er sich was wünschen? „Du weißt doch, dass ich gern ein Häschen wäre.“ Lieber spielte er wieder mit Gisbert, den er ja so lange nicht gesehen hatte. „Ich will einen schönen Puschel tragen, mit ohne Perversen und mit ohne Dreck“, fasste Wölfchen überlegend zusammen. „Und mit ohne jemand fressen!“ Das war wichtig.

„Häschen ist etwas schlecht. Da gibt es nicht so viele Stellen“, erklärte die Fee und tippte etwas. Wölfchen sollte möglichst in einem der Top 10 Märchen auftreten, darum listete sie alle auf, die Wölfchens Vorgaben entsprachen. „Was hältst du davon, ein Zwerg zu sein? Du musst niemanden fressen, machst dich nicht dreckig, weil die Zwerge in ihrer Mine ja nicht gezeigt werden und der Prinz will ja nur Schneewittchen“, schlug Leviathan vor, als er sich die Liste durchgesehen hatte.

„Ein Zwerg.“ Wölfchen rümpfte die Nase. Er wusste ja selber, dass er nicht gerade der größte aller Wölfe war, aber gleich ein Zwerg? Doch nun gut, Leviathan guckte so, als könnte man ihm trauen, so nickte Wölfchen. „Aber nur wenn Thano auch ein Zwerg ist. Er soll nicht wieder Kleider tragen. Dann kommt ja der Prinz, der Schneewittchen will und fasst ihm wieder unter den Rock und dann rennt der wieder gegen die Bratpfanne.“ Wölfchen war schon wieder in Sorge und knetete Gisbert heftig dabei.

„Äh… natürlich kann Leviathan auch ein Zwerg sein.“ Die Fee wusste zwar noch nicht, wie sie das machen sollte, aber wenn Wölfchen das wünschte, musste sie das möglich machen. Der Drache grinste, denn so eine Situation war wirklich einmalig. Wenn Wölfchen weiterhin so beliebt war, konnten sie ein gutes Leben führen und ein wenig mehr Gehalt war bestimmt auch drin. „Sind wir eben Zwerge.“ Das war nicht sein Traumjob, aber noch konnten sie nicht wählerisch sein.

„Gut.“ Wölfchen nickte zufrieden darüber, dass Thano ihm nicht gleich den Puschel entzog. „Bekomme ich dann auch eine Mütze? So eine Lustige mit einem Zipfel?“ Denn Zipfel waren ja fast so schön wie Puschel, aber wirklich nur fast. „Ist das auch wieder nur für einen Tag?“ Eigentlich wollte Wölfchen ja nicht immer nur herumreisen und den halben Tag in der Kutsche unterwegs ein. Aber so kam er in Ecken des Landes, die selbst seine vorlauten Brüder noch nie gesehen hatten. Das wiederum war echt cool!

Die Fee blickte kurz zu Leviathan und der erklärte, dass es schön wäre, wenn sie ein paar Tage bleiben könnten. Er selber hatte auch keine Lust, ständig herumzureisen, auch wenn das der Verwaltung bestimmt lieber wäre, denn so rückten immer mehr Märchen wieder auf der Beliebtheitsskala nach oben. Aber das war nicht sein Problem. „Sicher kriegst du eine Mütze und eine Lampe, weil die Zwerge ja eigentlich unter der Erde arbeiten.“

„Unter der Erde?“ Wölfchen raffte den schönen goldenen Puschel dichter an sich. Wollte er wirklich, dass Leviathan mit ihm unter der Erde arbeitete? Dann wurde doch Gisbert schmutzig! Es war wirklich nicht leicht, wenn man ein kleiner Wolf war und solch schwerwiegende Entscheidungen fällen sollte. Doch er nickte. Musste Thano eben aufpassen!

„Gut. Können wir dann los?“

„Wir müssen nicht unter die Erde. Das wird im Märchen nicht gezeigt. Wenn es heißt, dass die Zwerge im Bergwerk sind, haben wir frei.“ Irgendwie war es ja echt niedlich, welche Sorgen der kleine Wolf sich machte. Leviathan stand auf und nickte der Fee zu. „Ich denke, das Gehalt wird der Situation angepasst“, sagte er noch nebenbei und lächelte die Fee an. „Wir warten unten auf die Kutsche.“

„Natürlich.“ Sie nickte eifrig, denn auch ihr und der Verwaltung war klar, dass man den kleinen Wolf und seinen Begleiter bei Laune halten musste. Wenn sie zu geizig mit dem Geld waren, dann hatten sie vielleicht bald keinen kleinen Wolf mehr, weil er keine Lust hatte, sich für einen Hungerlohn mit Äpfeln bewerfen zu lassen. Zudem hatte er einen Drachen an seiner Seite. Die waren Meister, was Finanzen anging. Wenn sie sich nicht täuschte, dürfte das noch zum Tragen kommen. Dieser Drache ließ sich nicht die Butter vom Brot klauen - leider.