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Der lange Weg vom W?lfchen zum Wolf - Teil 13 bis 16

13 - Zwergenaufstand

Zufrieden mit dem Ergebnis schob Leviathan Wölfchen aus dem Büro. Ihr Leben würde sich die nächste Zeit ziemlich verbessern, wenn sein Begleiter weiterhin so tollpatschig blieb. Er ignorierte die ihnen folgenden Blicke und schob Wölfchen aus dem Arbeitsamt. Mit ihm zusammen setzte er sich auf eine Bank und wartete auf die Kutsche. „Zwerg ist kein schlechter Job. Er wird dir gefallen. Mitten im Wald gibt es viele Tiere, auch Häschen. Da wirst du bestimmt viel Spaß haben.“

„Häschen? Da gibt es Häschen? Ob ich dann meinen Anzug anziehen und mit ihnen über die Wiese hüpfen kann?“ Das war ja nun wieder total auf Wölfchens Wellenlänge. Schon wieder viel besserer Laune wühlte er in seinem Rucksack nach einem Bonbon und kuschelte sich dabei wieder in den Drachenpuschel, dessen Gold immer noch ein bisschen auf den kleinen Wolf abfärbte.

„Das wird sich bestimmt machen lassen, in deinen Pausen.“ Sehr zufrieden lehnte sich Leviathan gegen die Banklehne und hielt sein Gesicht in die Sonne. Endlich eine Anstellung, wo er keine Kleider tragen musste. Er sollte sich überlegen, welche Jobs ihm noch gefallen würden und Wölfchen dahingehend beeinflussen. Er war einfach zu sehr Drache, um so eine günstige Gelegenheit nicht auszunutzen. Vielleicht hatte er so womöglich die Chance, seinem Vater zu zeigen, dass man auch etwas werden konnte, wenn man nicht ständig kreischende Weiber entführte und sie fraß. Wer hätte gedacht, dass der kleine Tollpatsch solch eine Goldgrube sein konnte.

„Ja, ich freu mich schon auf meine Pausen“, sagte der und störte sich plötzlich gar nicht mehr daran, eine dreckige Schwanzspitze zu haben und nach Terpentin zu riechen.

Sie brauchten heute auch nicht lange warten, bis ihre Kutsche kam, so wie die Tage vorher und es war auch nicht mehr diese einfache Standardkutsche. Die Verwaltung gab sich wirklich Mühe, sie bei Laune zu halten. „Du weißt, was in Schneewittchen so alles vorkommt?“, fragte Leviathan auf der Fahrt, damit es nicht so still war, denn Wölfchen war mit seinem Puschel beschäftigt und wohl so gar nicht in Plapperlaune. Fluffy saß wieder neben ihm und guckte raus, während Wölfchen zufrieden durch den flauschigen Puschel schnuffelte.

„Hö?“ Die übliche Wölfchen-Standard-Antwort. „Na da ist ein Mädchen, das Äpfel isst und sich die Haare kämt, stirbt und dann wieder lebt, oder so“, fasste er aber brav zusammen, was er wusste und war der Meinung, dass das eigentlich reichen müsste.

„Oder so“, seufzte Leviathan, aber eigentlich war das gar nicht schlecht, denn dann konnte viel falsch laufen und die Verwaltung und die Kinder waren zufrieden. Die restliche Fahrt ließ er Wölfchen in Ruhe, denn er selber musste nachdenken. Das, was die Fee von ihm wollte, war eine Gradwanderung und noch immer gefiel ihm der Gedanke nicht, dass Wölfchen ausgenutzt werden sollte. Er musste wirklich aufpassen, dass seinem kleinen Freund nichts Schlimmes passierte. Der Kurze war doch viel zu naiv, um zu begreifen, dass man ihm Schlechtes wollte. Das war einfach nicht fair. Vielleicht waren Drachen nicht gerade die größten Menschenfreunde, auch nicht gerade selbstlos - aber Fairness hatte ihm sein Vater immer gepredigt. Es sprach nichts dagegen einen anderen einmal zu übervorteilen, doch was hier passieren sollte, war nicht in Ordnung.

Wölfchen hing derweil zusammen mit Gisbert und Fluffy aus dem Fenster und beguckte sich die Gegend.

Nach kurzer Fahrt schon waren sie in einen Wald gekommen, in dessen Mitte sich das Haus der Zwerge befand, so wie er wusste. Ihm lagen Wälder nicht besonders, vor allem solch dichte wie hier, denn dort hatte der Drache keinen Platz für seine Flügel und blieb auch, wenn er sie dicht an sich gefaltet hielt, immer hängen. Wahrscheinlich war es im Zwergenhaus auch nicht besser, denn das war ebenfalls nicht für einen stattlichen Drachen von fast zwei Metern ausgelegt. Das konnte ja noch heiter werden, doch was tat man nicht alles, wenn man auf das große Geld hoffte.

„Oh“ oder „Ah“ oder „Ui!“, machte Wölfchen immer wieder und konnte den Kopf gar nicht so schnell drehen, wie er Dinge entdeckte. Vögelchen und Pilze, Eichhörnchen und Häschen und jeder wurde von Wölfchen persönlich begrüßt. „Guten Tag kleines Blümchen - Hallo Herr Eich-Heich, ich werde jetzt bei euch wohnen. Ich bin Wölfchen und will euer Freund sein!“

Er bekam keine Antworten, aber das störte Wölfchen gar nicht. Es gab so viel zu sehen und zu entdecken, dass ihm das gar nicht auffiel. Es war wirklich niedlich, wie die Ohren aufgeregt wackelten und der Schweif hektisch hin und her peitschte, weil Wölfchen ganz aufgeregt war. Das musste sogar Leviathan zugeben, der so etwas eigentlich gar nicht mochte. Er ließ ihn machen und griff nur ab und zu zu, wenn Wölfchen sich zu weit aus dem Fenster lehnte und abzustürzen drohte. Dann musste er wieder auf die Bank gezogen werden. Schlussendlich schlang Leviathan schützend seinen Schwanz um den kleinen Wolf, der für Warnungen akustischer Art im Augenblick sowieso nicht zugänglich war.

Das Pech an der Schwanzspitze des Wolfes fiel auch kaum noch auf - oder der Drache hatte sich daran gewöhnt.

„Hier ist es schön, hier bleibe ich“, legte Wölfchen fest und wirkte auf eine merkwürdige Art glücklich.

„Wart es doch einfach ab. Es gibt noch ganz viele schöne Ecken und Märchen im Märchenreich.“ Leviathan schmunzelte, weil Wölfchen völlig aus dem Häuschen war, weil er ein kleines Rehkitz erspäht hatte und ihm nun zurief, dass es ihn unbedingt im Zwergenhaus besuchen sollte, damit sie zusammen spielen konnten. Dabei fiel dem Drachen auf, dass Wölfchen für seine 16 Jahre noch sehr kindlich war. Eigentlich müsste er schon längst in der Pubertät sein, aber davon war nichts zu merken. So war das manchmal - es gab frühreife Dinger und Spätzünder und es war nicht schwer zu erraten, zu welcher Kategorie Wölfchen zählte.

„Ach, hier ist es herrlich. Ich möchte immer ein Zwerg sein und in der Pause ein Häschen. So viele neue Freunde!“ Wölfchens Augen strahlten, als er sich wieder auf die Bank setzte und den Puschel an sich zog.

„Gewöhn dich nicht zu sehr dran, denn es ist nur ein Job auf Zeit, aber du kannst dich ja bewerben, wenn eine feste Stelle ausgeschrieben wird.“ Dass das so schnell nicht passieren würde, musste er ja nicht sagen. „Da vorne ist das Zwergenhaus“, deutete Leviathan nach vorne und zu seiner Erleichterung lag es auf einer Lichtung, so dass er wenigstens ab und zu seine Flügel öffnen und ein wenig fliegen konnte.

„Hm.“ Wölfchen wollte darüber jetzt nicht nachdenken. Kaum dass der Wagen gehalten hatte, war Wölfchen schon auf die Wiese gehüpft, hatte die Schuhe ausgezogen und kugelte sich durch das weiche, satte grüne Gras. Lachend blieb er auf dem Rücken liegen und blinzelte in die Sonne. Das war viel besser als in Brunnen fallen müssen!

Man konnte einfach nicht anders, als nachsichtig über ihn den Kopf zu schütteln. Leviathan sah ihm zu, bis er leises Getuschel hörte. Vor dem Haus standen die anderen fünf Zwerge und sahen nicht sehr erfreut zu ihnen rüber. Sie waren gar nicht erbaut darüber, dass zwei ihrer langjährigen Kollegen hatten gehen müssen, damit dieser Wolf hierher kam. Sicher wussten sie auch, dass es ihrem Märchen wahrscheinlich gut tun würde, aber das hieß noch lange nicht, dass sie das gut finden mussten. Sie hatten schon viele Jahre hindurch ehrlich ihre Arbeit gemacht, sich an jede Regieanweisung gehalten, jeden Satz so gesprochen, wie er vor langer Zeit aufgeschrieben worden war.

Und jetzt war das einfach nicht mehr gut genug und dieser Dödelwolf sollte ihr Märchen kippen? Waren Quoten denn wirklich alles?

Zum Glück hatte Wölfchen davon keinen Schimmer, deswegen lief er unbedarft auf die Fremden zu und begrüßte sie strahlend und überschwänglich.

Für Wölfchen ungesehen, stand Leviathan hinter ihm und machte deutlich, was passierte, wenn einer jetzt etwas Falsches sagte. Er hatte sein grimmigstes Gesicht aufgesetzt und sah jeden Zwerg warnend an. Er musste sich nachher mit ihnen unterhalten, wenn Wölfchen beschäftigt war. „Los, tob dich noch ein wenig aus, bevor wir anfangen müssen. Noch ist Schneewittchen nicht da und wir haben noch frei“, sagte er zu Wölfchen, damit der Kleine beschäftigt war. Doch er bereute seine Worte, als ihm klar wurde, was passierte.

Wölfchen schüttete seinen Rucksack aus, weil er sein Häschenkostüm suchte und warf alle Klamotten - bis auf den Schlüpfer - von sich. Die Zwerge guckten nicht schlecht! Wieder mit seinem eigenen Puschel - wenn auch gestohlen - ausgerüstet, fühlte sich Wölfchen noch ein paar Stufen besser, räumte fix alles zurück in den Rucksack und hüpfte dann wie ein junges Reh über die Blumenwiese.

Kaum dass Wölfchen die ersten Häschen gefunden hatte, drehte Leviathan sich wieder zu den Zwergen um und scheuchte sie ins Haus. „Los, rein da, wir müssen reden“, knurrte er, damit keiner aus der Reihe tanzte. Er lehnte sich gegen die Tür, damit nicht einfach einer reinkommen oder abhauen konnte. „So, ich weiß, dass ihr uns hier nicht haben wollt, aber die Verwaltung legt großen Wert darauf. Es wird auch nur für ein paar Tage sein, dann ziehen wir weiter und eure Freunde kommen zurück. Lasst Wölfchen in Ruhe und seid nett zu ihm, dann kommen wir gut miteinander aus“, steckte er gleich die Fronten ab und man sah ihm an, dass er nichts anderes dulden würde.

„Du erwartest also allen Ernstes, dass wir uns von diesem Dödel im Häschenkostüm das Märchen versauen lassen? Wir haben Rapunzel gesehen und wir haben gestern auch Frau Holle gesehen. Der Typ hat doch von den Märchen keinen Schimmer und spielt sich auf. So nicht, Leute!“ Einer der Zwerge, ein junger Mann mit roter Mütze, war vorgetreten und stemmte die Hände in die Seiten. Er wollte nicht einfach so zusehen, wie der Depp alles in Scherben warf.

„Wenn Wölfchen euer Märchen versauen würde, wären wir wohl nicht hier. Sicher bringt er alles durcheinander, aber habt ihr auch einmal gesehen, wie die Einschaltquoten in die Höhe geschossen sind? Die Märchenwelt hatte über 300 Prozent mehr Zuschauer. Wir sind nicht scharf darauf, euch die Jobs wegzunehmen.“ Leviathan stieß sich von der Tür ab. „Wölfchen hat keine Ahnung, warum er in dieses Märchen geschickt wurde. Er möchte einfach nur seinen Job machen und tut niemandem etwas.“

„Die Quoten sind mir doch scheißegal!“ Der Zwerg sah nicht ein, dass er sich hier einfach so von einem dummen Wolf die Show stehlen lassen sollte. „Und ich nenne es sehr wohl versauen, wenn ein Märchen nicht mehr so läuft, wie es eigentlich erzählt werden sollte. Schlimmer noch, wenn es abgebrochen werden musste wie vorgestern Rapunzel.“ Er hatte keine Lust, dass dies ihrem Märchen auch passierte. Er war stolz, ein Zwerg zu sein.

„Das mit Eduard war nicht Wölfchens Schuld. Der bekloppte Prinz ist ihm gegen die Pfanne gelaufen“, grinste Leviathan, wurde aber wieder ernst. „Aber jetzt mal ehrlich. Ihr hättet es euch auch nicht gefallen lassen, was der von mir verlangt hat, nur weil ich zufällig den Part der Rapunzel gespielt habe. Wölfchen verbreitet Chaos, aber er würde ein Märchen nie absichtlich in Gefahr bringen und manchmal ist es nicht verkehrt, frischen Wind in ein eingefahrenes Märchen zu bringen. Gestern bei Frau Holle hatten alle Mitwirkenden sehr viel Spaß.“

„Das ist mir egal!“ Der Zwerg weigerte sich, das einzusehen. Er gab eben noch etwas auf Tradition. Man musste nicht alles modernisieren. Doch ein anderer Zwerg legte ihm die Hand auf die Schulter. „Gustav, reg dich ab. Der Kurze ist doch harmlos und so lange er die Rolle von Enrico spielt, so lange ist Schneewittchens Nummer eins nicht da und du kannst bei ihr landen.“

Gustav grummelte, aber seine ablehnende Haltung lockerte sich. Aus dieser Warte hatte er das noch nicht gesehen und vielleicht konnte er Schneewittchen endlich auf sich aufmerksam machen.

„Wölfchen ist ein netter Kerl, der nichts weiter möchte, als es jedem recht zu machen und gemocht zu werden. Seid nett zu ihm und wir bekommen keinen Stress.“ Das, was Leviathan sagte, war nicht als Drohung gemeint, aber es schwang eine Warnung darin, die besser beachtet werden sollte. Und in Anbetracht der Tatsache, dass der Kerl fast doppelt so groß war wie die meisten von den Zwergen, nahm man diese Warnung vielleicht besser ernst.

„Okay. Aber wenn abgebrochen werden muss wegen dem, fliegt er raus.“ Ganz wollte sich Gustav noch nicht geschlagen geben, weil er gern das letzte Wort hatte, doch er klang nicht mehr so energisch. „Hol den Hasenwolfzwerg besser, er sollte sich noch umziehen.“

„Aber sicher doch.“ Leviathan grinste und öffnete die Tür. Er pfiff kurz, damit Wölfchen auf ihn aufmerksam wurde und winkte ihn zu sich. „Komm, umziehen“, rief er und drehte sich noch einmal zu den Zwergen. „Ach so, wir sind Vegetarier. Es wäre schön, wenn ihr Wölfchen kein Fleisch anbietet, dann wird ihm schlecht.“

„Vege...“ Geschlossen rissen die Zwerge die Augen weit auf und wussten nicht, was sie sagen sollten. Wann erwischte man schon mal einen Wolf und einen Drachen, die kein Fleisch aßen! Das war wirklich ein echtes Dream-Team, aber wirklich! „Okay, soll mir recht sein“, sagte Gustav und schüttelte den Kopf, knurrte aber noch: „Ey! Der bleibt draußen“, als Wölfchen doch allen ernstes ein kleines Stinktier gefunden hatte und es gerade als seinen neuen Freund vorstellen wollte.

„Husch, lass den Kleinen wieder zu seiner Mama.“ Leviathan nahm Wölfchen das kleine, sich wehrende Tierchen ab und setzte es auf die Wiese, bevor noch ein Unglück passierte. „Zieh dich um, bald kommt Schneewittchen und dann müssen wir bereit sein.“ Er schob den Wolf in das angrenzende Zimmer, denn er selber hatte keine Lust, sich vor den Zwergen umzuziehen. Und die Zwerge ihrerseits hatten auch keine Lust, ein zweites Mal einen halbnackten Wolf sehen zu müssen.

„Aber er wollte mit“, murmelte Wölfchen und guckte noch mal zur Tür, während Leviathan ihn schob. Doch kaum war die Tür zu, war Wölfchen wieder bei seinem Job - er zog sich fix das Kostüm an und drehte sich vor dem Spiegel. Schön war was anderes, doch er durfte ja in der Pause wieder sein Häschenkostüm anziehen. Damit hielt er sich über Wasser.

Sein Gesicht hellte sich ein wenig auf, als er die Mütze aufgesetzt bekam, die zu dem Kostüm gehörte und wie gewünscht einen tollen Zipfel hatte. Der Drache fühlte sich auch nicht gerade wohl, denn er musste ständig gebückt laufen, wenn sie im Haus waren und die kleinen Betten, die hier standen, waren eine Zumutung. Da musste er ja schon alle sieben zusammenstellen, wenn er schlafen wollte, ohne dass ihm am nächsten Tag alles wehtat. Hoffentlich ließen sich die Leute von der Regie für ihren neuen Superstar und dessen Begleiter etwas Komfortableres einfallen - so ging das ja nicht!

Wölfchen hingegen stand vor dem Spiegel und drehte den Kopf ganz schnell, dass der Zipfel der Mütze wie ein Propeller über seinem Kopf rotierte. Er lachte und wollte Thano das zeigen, doch dann war ihm schummerig und er torkelte durch den Raum, drehte sich um sich selbst und donnerte gegen die Wand.

Leviathan schaffte es nicht mehr, ihn aufzufangen, so landete Wölfchen auf dem Boden, als die Zwerge ins Zimmer gestürmt kamen. „Was hat er jetzt gemacht?“, fragte Gustav knurrig, denn für ihn stand außer Frage, dass der bekloppte Wolf was angestellt hatte.

„Nichts, ihm war nur schwindelig.“ Leviathan sah gar nicht ein zu erklären, wie es dazu gekommen war. „Er kommt schon wieder zu sich.“ Er half Wölfchen, sich hinzusetzen und schlug ihm leicht auf die Wangen.

„Ein Rotationszipfel“, murmelte Wölfchen, auch wenn er noch ein bisschen schielte, grinste aber breit und Gustav schlug sich vor die Stirn. Irgendwie war das wohl eine Unart eines jeden, der die Zipfelmütze ausprobierte. Auch ein paar von ihnen hatten beim ersten Mal Propeller gespielt und es mit einer blutigen Nase bezahlt. Doch das sagte er lieber nicht, sondern sah den Wolf forschend an. Wenn er nicht so jung und naiv wäre, hätte man ihn echt als Konkurrenz sehen können, denn die enge Hose und der feste Hintern waren bestimmt ganz nach Schneewittchens Kragenweite.

„Komm, wir müssen aus dem Haus, damit Schneewittchen sich hier ungestört umsehen kann.“ Leviathan zog Wölfchen hinter sich her und setzte ihn an einen Tisch in der Kantine. Er bekam einen großen Kakao und ein paar Kekse, damit er nichts anstellte, bis sie ihren Auftritt hatten. „Wie ist Schneewittchen denn so?“, fragte er, denn er wollte vorbereitet sein, wenn es etwas in ihrer Nähe zu beachten gab.

„Wenn du Gustav fragst die süßeste und die niedlichste und die ... au!“ Der Zwerg am Kopfende - David - rieb sich den Arm und lachte, denn Gustav hatte rote Ohren bekommen. „Nein, im ernst. Sie ist okay. Sie lacht viel, sie macht die Hausarbeit, auch privat kann man mit ihr auskommen. Außerdem ist sie hübsch.“

Leviathan musste grinsen, als Wölfchen von allen ungesehen den Finger in den Mund steckte und so tat, als wenn er würgen musste. Nee, Mädchen waren nichts für ihn. Mit denen konnte er nichts anfangen und die mochte er auch nicht. Sie wollten ihn nur immer ärgern. Wenn es nach ihm ging, traf er nur mit ihnen zusammen, wenn er musste.

„Das hört sich doch gut an. Wir werden schon miteinander auskommen“, lenkte der Drache ab, damit die Zwerge nicht zu Wölfchen sahen.

„Hat die wenigstens einen schönen weichen Puschel?“, fragte Wölfchen, nicht ahnend, was für eine zweideutige Frage er gestellt hatte. Er verstand auch nicht, warum die Zwerge ihn schockiert ansahen, dann lachten und ihn als Ferkel betitelten. Alles, was er wissen wollte, war, ob eine solch hoch gelobte Person vielleicht einen schönen Puschel hätte, dann hätte auch Wölfchen ihr unter Umständen noch etwas Positives abgewinnen können.

„Er meint so etwas“, erklärte Leviathan und hielt seinen Puschel hoch, den Wölfchen sich gleich wieder krallte. Sein Blick sagte deutlich, dass keiner etwas dazu sagen sollte, wenn er nicht angesengt werden wollte. Er horchte auf, als er hörte, dass am Zwergenhaus geklopft wurde und riskierte einen Blick. Hübsch war die Prinzessin ja. Hoffentlich war sie auch so nett, wie die Zwerge meinten.

Gustav hing schon wieder am Fenster und seufzte, während Wölfchen sich immer noch fragte, was an einem Puschel ferkelig sein sollte. Der war doch ganz sauber und golden. Also tat er das, was er immer tat: „Thano, was haben die Zwerge denn gedacht? Gibt es noch andere Puschel?“ Und er machte große, unschuldige Augen.

„Hmm? Sie meinten etwas anders. Die Schambehaarung bei Frauen.“ Leviathan war abgelenkt, so sah er gar nicht zu Wölfchen runter, als er ihm das erklärte, denn gerade drehte Schneewittchen sich so, dass er ihr Gesicht ganz sehen konnte und pfiff leise. Die Kleine war eine wirkliche Schönheit. Der Spiegel hatte nicht gelogen.

Neben ihm japste Wölfchen sichtlich nach Luft. Was hatten die denn für Themen? „So was ist doch kein Puschel! Außerdem interessiert mich das voll gar nicht. So was darf man nicht Puschel nennen. Das ist eine Verunglimpfung aller weichen, flauschigen Puschel!“ Wölfchen war außer sich, er schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trocknen und lief immer um den Tisch. Das war ja so eklig!

Leviathan wurde auf ihn aufmerksam, weil er dabei leise vor sich hin murmelte und verstand erst gar nicht, was los war, nur als er was von Puschel und eklig hörte, wusste er, was los war. „Sie haben das falsch verstanden. So was ist kein Puschel“, versuchte er den Kleinen zu beruhigen, denn wenn der weiter so aufgescheucht durch die Gegend lief, stellte er noch etwas an.

„So was ist definitiv kein Puschel... das ist...“ Wölfchen schüttelte sich, er konnte gar nicht in Worte fassen, was er dachte. Dann wäre er ja noch rot geworden. Lieber griff er sich Gisbert und kuschelte sich Trost suchend an den Drachenpuschel. Der war sauber und an einer unverfänglichen Stelle und er war nicht an einem blöden Mädchen dran.

„Warten wir es ab, ob du das immer noch denkst, wenn du älter bist“, lachte Leviathan und sah auf den Monitor, damit sie ihren Auftritt nicht verpassten, aber Schneewittchen war erst dabei, sich durch das Essen zu probieren. Sie hatten also noch Zeit. „Lass dir nicht anmerken, dass du Mädchen nicht magst, wenn die Kameras laufen. Tu so, als wenn du dich freust.“

„Die hat ja nicht mal 'n Puschel, wie soll ich mich da freuen“, murmelte Wölfchen und beruhigte sich langsam wieder. Doch leicht war es nicht, nach diesem Schock. In seinem Kopf formten sich Bilder, die er eigentlich nicht haben wollte. So schüttelte er sich immer wieder, doch er schwieg sich weiter aus und fügte sich in sein Schicksal. Doch als er sich unbeobachtet fühlte, ließ er die Zunge aus dem Mund hängen. Was war denn an der so toll, dass alle am Bildschirm hingen und die Augen nicht abwenden konnten. An der war doch nichts Besonderes dran. Okay, die Haare waren toll, aber das war es auch schon.

„Mach dich fertig, wir sind dran“, störte Leviathan ihn in seinen Überlegungen und er bekam seine Lampe in die Hand gedrückt. Dann wurde er auch schon Richtung Haus geschoben. 



14 - Schnee-Flittchen ohne Puschel

Wie sich das für Zwerge gehörte sangen sie ihr Lied, was Wölfchen nicht konnte und so erfasste er nur die Melodie und summte, bewegte den Mund, wenn die Kamera auf ihn kam und sie kam verdächtig oft auf ihn. Was sollte das denn? Es irritierte ihn so sehr, dass er immer wieder stolperte und den armen Zwerg - ausgerechnet Gustav - vor ihm mit der Lampe eine nach der anderen verpasste.

Der knurrte, aber er konnte sich nicht umdrehen und dem Tollpatsch mal sagen, was er von ihm hielt. Aber er war zu sehr Profi, um aus seiner Rolle zu fallen. Mit den anderen betrat er das Haus und bemerkte, dass jemand von seinem Tellerchen gegessen hatte und David, dass jemand aus seinem Becherchen getrunken hätte. Suchend gingen sie durch das Haus und als sie im Schlafzimmer ankamen, stieß er Wölfchen in die Seite. „Versau es nicht. Du bist dran“, zischte er ihm zu und Wölfchen beschlich die Panik. Was sollte er denn jetzt sagen? Da lag diese Schnalle ohne Puschel in einem der Betten herum und pennte, während sie sich hier einen abwürgten.

„Wer hat mit meinem Gäbelchen gestochen?“, versuchte er einen der Sätze, die er sich gemerkt hatte und guckte lieb in die Kamera. Als die Regie leise meinte: „Falscher Text“, versuchte es Wölfchen noch einmal.

„Warum liegt die da und pennt - so gänzlich ohne Puschel?“ Und wieder guckte er extrem süß in die Kamera. Dabei war er doch so nervös. Er hatte keinen Schimmer, was er eigentlich machen sollte.

„Wer liegt da in meinem Bettchen“, flüsterte Leviathan ihm zu, denn Gustavs Kopf war so rot, als wenn er gleich platzen wollte. Nicht nur, dass dieser bekloppte Wolf seinen Text nicht wusste, er hatte auch seine Angebetete beleidigt. Noch ein falsches Wort und er würde komplett ausrasten und Wölfchen flog hochkant aus dem Märchen. Nur dass der kleine Wolf das nicht wusste. Er beeilte sich lieber die Worte von Thano laut zu wiederholen und stellte mit Verblüffen fest: „Wer hat in meinem Bettchen geschlafen? Und tut es noch immer?“, denn wie von Zauberhand war ihm sein Text wieder eingefallen.

Dabei lächelte er wieder so lieb, dass ihm einfach niemand böse sein konnte, außer Gustav vielleicht, aber das war ja auch verständlich. „Los, geh rüber und stups sie an“, zischte er und gab Wölfchen einen Schubs. Viel lieber hätte er das selber gemacht, aber das gehörte nicht zu seiner Rolle. Leider legte er so viel Schwung in den Schubser des unvorbereiteten Wolfes, dass der über seine eigenen Füße stolperte und der holden Schönen in die Arme fiel - kreischend und panisch nach Thanos Puschel greifend, damit er sich irgendwie vor der Kollision mit einem Mädchen retten konnte.

Vergebens. Gisbert war unerreichbar fern!

Schneewittchen, die von all dem nichts mitbekommen hatte schreckte auf, wurde aber von Wölfchen, der auf ihr landete, wieder zurück ins Bett gedrückt. Sie wollte sich gerade beschweren, als sie sah, was für ein Schnuckelchen auf ihr lag und wie fest sich der kleine Hintern unter ihren Halt suchenden Händen anfühlte. Nur ihrer jahrelangen Routine war es zu verdanken, dass sie nicht aus der Rolle fiel, sondern das erschrockene Gesicht zeigte, das von ihr verlangt wurde. Ihre Finger allerdings griffen fester zu und zogen Wölfchen fester auf sich, weil das keiner sehen konnte. Nicht einmal die weit aufgerissenen Augen und die zitternden Lippen. Wo war seine Bratpfanne, wenn er sie brauchte? Was würde er jetzt für einen beruhigenden Puschel geben?

Die Zwerge und Schneewittchen blieben in ihrer Rolle und so erfuhren sie, warum das Mädchen hier war und luden sie ein zu bleiben - den kleinen, betatschten Wolf fragte freilich keiner, ob die bleiben sollte. Er würde sie nämlich gern mit einer Bratpfanne vor die Tür jagen! Immer wieder versuchte er sich den Händen auf seinem Hintern zu entziehen, doch so rückte er nur dichter an das Mädchen. Das war ih!

Er wand sich und versuchte zu entkommen, aber gegen Schneewittchen hatte er keine Chance. Leviathan stand daneben und schließlich wurde es ihm zu bunt. Wölfchen sollte zwar Chaos verbreiten, aber nicht gequält werden, so drängte er sich rücksichtslos dazwischen und stellte es nach außen so dar, dass er diese Fremde auch einmal genauer betrachten wollte. Dabei schob er Wölfchen unauffällig aus ihrer Reichweite. „Nimm deine Finger von ihm“, zischte er warnend und seine Augen fixierten sie wütend.

Weil die Kamera gerade auf den Zwergen lagen, die beratschlagten, was zu tun wäre, um Schneewittchen zu beschützen, hatte sie eine kurze Atempause, in der sie den Drachen genauer fixierte. „Wir werden sehen, wem der süße Arsch gehört“, flötete sie fast lautlos und verfiel wieder in ihre Rolle, als die Kamera wieder umschwenkte. Wölfchen indessen hatte sich hinter seinem Freund in Sicherheit gebracht und untersuchte seinen Hintern, ob auch noch alles dran war. Die war ja gemeingefährlich! Er knurrte leise.

Leviathan konnte darauf nicht antworten, aber sein Gesicht machte deutlich, dass er diese Kampfansage durchaus verstanden hatte und sie auch annahm. Dieses unverschämte Weib vergriff sich nicht an Wölfchen, dafür würde er sorgen. Der Kleine kam nicht mehr in ihre Nähe. Die nächsten Minuten schaffte er das auch ohne Problem, denn sein kleiner Freund versteckte sich, so gut es ging, hinter ihm, aber als sie alle wieder unten im Zwergenhaus waren zog sie Wölfchen neben sich an den Tisch.

„Und du wirst neben mir sitzen, nicht wahr?“, fragte sie mit sanfter Stimme und drückte Wölfchen auf den Stuhl. Der konnte ja nun nicht einfach aufspringen und krakeelen, dass das Weib seine Finger wegzunehmen habe, also fügte er sich leise wimmernd in sein Schicksal - doch es war nicht das einzige. Denn so wie Schneewittchen sich mit dem Neuen befasste, war Gustav abgeschrieben, dem das wenig behagte. Ohne es zu wollen, hatte sich Wölfchen Feinde gemacht und merkwürdige Freunde und warum fingerte Schneewittchen da so dümmlich an seinem Schweif herum? Und warum wurde ihm dabei so komisch? Knurrend zog Wölfchen den vor sich! Kam denn nicht endlich eine Drehpause, in der er verschwinden konnte?

Leviathan konnte nicht viel für Wölfchen tun, denn sein Platz war genau am anderen Ende des Tisches und so musste er hilflos mit ansehen, wie Schneewittchen immer wieder Wölfchen betatschte und ihn dabei frech grinsend ansah. Er fieberte, genauso wie Wölfchen, der Drehpause entgegen, dann würde er sich dieses unverschämte Weib schnappen und ihr erklären, dass sie gerade ihr Märchen in Gefahr brachte.

Routiniert wie eh und je setzten Schneewittchen und die Zwerge ihre Unterhaltung fort, sie klagte ihr Leid - doch Wölfchens Leid bemerkte keiner. Ganz im Gegenteil. Als er weiter abrutschen wollte, schob ihn David, dem er so ein bisschen zu nahe kam, einfach wieder in Schneewittchens Richtung, die sich gleich wieder den weichen Schweif griff. Es gärte in dem kleinen Wolf, weil er ja eigentlich wusste, dass er sich ans Drehbuch zu halten hatte. Aber erstens hatte er noch keines gesehen und zweitens war er sich sicher, dass es nicht drinnen stand, dass er sich am Schweif packen lassen musste.

Also schoss er plötzlich hoch und knurrte: „Packst du die anderen Zwerge auch am Schwanz oder was soll das werden? Du hast ja nicht mal einen schönen Puschel. Also lass mich gefälligst los!“ Und zog Schneewittchen seinen Schweif aus den Händen. Unnötig zu erklären, dass in diesem Augenblick die Kamera auf Wölfchen lag.

Am Tisch war es mucksmäuschenstill und selbst Schneewittchen war einen Augenblick fassungslos. Das nutzte Leviathan und schnappte sich Gustav, der schon tief Luft holte und schob ihn Schneewittchen in die Arme. So konnte er Wölfchen neben sich ziehen. „Schneewittchen macht es bestimmt nicht wieder. Das war bestimmt ein Versehen“, knurrte er und fixierte die junge Frau, die wütend Gustav von sich schubste.

„Das werden wir noch sehen“, zischte sie, doch da hatte die Regie schon die Kameras abgeschaltet. Jetzt kam Werbung und die Darsteller mussten sich auf den nächsten Tag vorbereiten, an dem die Zwerge wieder in die Mine gingen und Schneewittchen das Haus hütete und mit einem Gürtel erstickt werden sollte.

„Pass mal auf, du dahergelaufener Drache. Das hier ist mein Märchen - ich bestimme, wo welcher Zwerg sitz und wenn ich den Kleinen da mit ins Bett nehme, ist das auch meine Sache, klar?“, herrschte sie und Wölfchen wurde blass. Mit der in einem Bett? Ohne einen Gisbert? Nein, das wollte er nicht, so klammerte er sich an Thano und bettelte um Schutz.

„Da sei dir mal nicht so sicher, Schlampe“, schoss Leviathan zurück und lächelte sie überlegen an. Anscheinend wusste sie nicht, warum Wölfchen und er hier waren. „Zieh dir in dein Bett, wen du magst, aber Wölfchen wird dort nicht landen. Versuche es und du wirst schneller ausgetauscht, als du dir vorstellen kannst.“ So langsam verlor Leviathan die Geduld und er überlegte, ob er nicht einmal eine Ausnahme machen und doch einmal eine Prinzessin fressen sollte.

Wölfchen neben ihm zitterte nur. Er war noch nicht einmal in der Lage seinen Puschelanzug anzuziehen und zu den Hasen auf die Wiese zu laufen. Was redeten die denn da?

„Sag bloß, der Arsch von diesem kleinen, schwulen Wolf gehört bereits dir? Dann ist mir ja alles klar“, ätzte sie und funkelte den Drachen weiter an. Der Kerl konnte wirklich noch ein Hindernis werden. Vielleicht machte sie vorher eine Eingabe, ihn austauschen zu lassen? Sie hatte sich diesen knackigen, kleinen Wolf in den Kopf gesetzt und sie würde ihn bekommen - koste es, was es wolle.

„Glaub, was du willst. Fass Wölfchen an und es wird dir Leid tun.“ Leviathan war nun definitiv wütend, aber er versuchte sich zu beherrschen, denn Wölfchen neben ihm zitterte. Darum legte er den Arm um ihn und drückte ihm seinen Puschel in die Hand.

„Leg dich mit mir an und du wirst dir wünschen, mir nie begegnet zu sein“, drohte er noch einmal und schob den Wolf aus dem Haus, damit er sich wieder beruhigen konnte.

„Die ist doof. Die ist so doof. Lass uns gehen!“ Wölfchen wollte da nicht mehr hinein. Er wusste zwar nicht, was ein schwuler Wolf war, aber so wie die das betont hatte, war das vielleicht nichts, was man sein wollte. Immer wieder wischte er über seinen Schweif, den Schneewittchen angefasst hatte und schüttelte sich. „Du lässt mich nicht allein, oder? Ich muss nicht bei ihr schlafen, so ganz ohne Puschel? Das wäre nämlich ziemlich gemein und du bist doch nicht gemein zu mir, oder Thano?“ Wölfchens Ohren hingen traurig runter und er guckte den Drachen erwartungsvoll an.

„Ja, die ist doof und du musst nicht bei ihr schlafen.“ Leviathan blickte zurück und sah Schneewittchen in der Tür stehen. So wie die junge Frau sie ansah, war es noch nicht vorbei. Es kratzte an ihrem Ego, dass man sich ihr widersetzte, denn bisher hatte sie alles bekommen, was sie wollte. Schließlich war sie der Star des beliebtesten Märchens. „Bleib in meiner Nähe, dann geht das schon.“

„Du darfst mich nicht alleine lassen.“ Wölfchen umklammerte Leviathans Arm und krallte sich wieder den Puschel, der konnte ihn immer noch am besten beruhigen. Er war verwirrt. Was wollte dieses Mädchen von ihm? Warum hatte die ihn so komisch angefasst und vor allen Dingen: was war mit ihm passiert, als er sich so seltsam gefühlt hatte? Sein Körper hatte merkwürdig geprickelt, als sein Schwanz angefasst worden war. Das war komisch gewesen und Wölfchen wollte das nicht noch einmal. Besser er passte auf seinen Schwanz auf.

„Ich werde es versuchen, Kleiner, und wenn es doch einmal nicht geht, weil es im Märchen so ist, dann versteck dich vor ihr. Egal ob das so im Drehbuch steht oder nicht.“ Leviathan kraulte Wölfchen die Ohren, die immer noch runter hingen und lächelte ihn aufmunternd an. Schneewittchen war eine nicht zu unterschätzende Gegnerin und der Drache sollte besser auf der Hut sein.

„Ja, das werde ich machen“, nickte Wölfchen. Beim Verstecken war er immer ganz gut gewesen und seine Brüder hatten ihn oft stundenlang nicht gefunden. Vielleicht hatte es auch daran gelegen, dass sie ihn gar nicht erst gesucht hatten, doch das war nun auch egal. „Wie lange müssen wir hier eigentlich bleiben?“, fragte der junge Wolf und sah zum Haus zurück, wo Schneewittchen immer noch in der Tür stand. Hatte die nichts anderes zu tun?

„Wahrscheinlich ein paar Tage. Ich weiß es nicht so genau.“ Er seufzte, als von der Regie das Zeichen kam, dass es weiter ging. Jetzt mussten sie noch einmal ins Haus, sich von Schneewittchen verabschieden und dann hatten sie wieder Pause. „Komm“, Leviathan zog Wölfchen mit sich, „es geht weiter. Bleib bei mir, dann kann sie dir nichts tun.“

„Gut, aber lass mich nicht allein.“ Wölfchen straffte sich und so gingen sie zurück zum Haus. Er fühlte sich immer noch unbehaglich, was wohl auch daran lag, dass die junge Dame noch immer an der Tür stand und auf sie zu warten schien. Konnte die sich nicht mit denen da drinnen beschäftigen? Der eine davon war doch ganz verrückt nach ihr. Aber das war wohl langweilig - man wollte doch immer das haben, was einem eigentlich nicht zustand. Schneewittchen bildete da keine Ausnahme.

Es war bestimmt kein gutes Zeichen, dass sie überlegen lächelte, als der kleine Wolf, dicht an Leviathan gedrückt, das Haus betrat und die vorgeschriebene Position einnahm. Sie mussten sich alle einzeln von der Prinzessin verabschieden und darauf hatte Schneewittchen nur gewartet.

„Kann nicht einer von euch hier bei mir bleiben und mir Gesellschaft leisten? Ich fürchte mich allein in diesem Haus“, jammerte sie und griff sich wieder Wölfchen, bevor Leviathan es verhindern konnte. Ihr war es egal, dass sie gerade das Märchen veränderte. Heute lief eh nichts so, wie es sollte und ihr würde man es nachsehen, schließlich war sie der Star. So blickte sie ängstlich in die Kamera und den restlichen Zwergen blieb nur, ihr zuzustimmen und zu gehen - den kleinen, verstörten Wolf mit ihr allein zu lassen.

Wölfchen machte große Augen, als die Tür sich hinter den anderen schloss und er nicht bei ihnen sein konnte. Eben hatte Thano noch versprochen, auf ihn aufzupassen, und nun war Wölfchen mit der Verrückten allein. Mit dem Rücken an der Wand schützte er seinen Schweif und sah sie abwartend an. „Und jetzt?“, fragte er schließlich, als nach einer ganzen Weile, in der Schneewittchen ihn nur anstarrte, nichts passiert war.

„Tja, was jetzt?“, schnurrte sie leiser und kam mit wiegenden Hüften näher. „Jetzt werden wir beide uns ein wenig näher kennen lernen und dann trinken wir zusammen Tee.“ Ihre Augenbrauen wippten dabei, so dass Wölfchen sofort klar sein musste, was sie meinte und dass er in der Falle saß. Nun gehörte dieser Knackarsch ihr und dieser dämliche Drache musste zusehen. Sie schenkte ihm ein schüchternes Lächeln in die Kamera und hoffte, er würde diese Kampfansage verstehen.

Anders als Wölfchen, der nickend zustimmte. Gegen Tee trinken war ja erst einmal nichts einzuwenden. Er trank gern Tee, denn der war lecker und gesund. „Gut, ich mach welchen“, erklärte er also und flüchtete in die Küche, so hatte er wenigstens etwas zu tun und musste nicht sinnlos herum stehen und auf Regieanweisungen warten.

Schneewittchen folgte ihm langsamer. Sie wusste, wo die Kameras waren und stellte sich so, dass man nur ihren Rücken sehen konnte, als sie sich hinter Wölfchen stellte. Sie plauderte weiter, als wäre nichts, aber ihre Finger griffen – von den Kameras unbemerkt - wieder den Wolfsschwanz, strichen kraulend an ihm hoch und legten sich schließlich Besitz ergreifend auf den festen Hintern. Erschrocken quietschte Wölfchen und drehte sich um, hüpfte beiseite, doch Schneewittchen hatte ihn am Schwanz gepackt und je mehr er daran zog, umso mehr tat es weh.

„Lass doch mal da los“, sagte er und ruckelte ein bisschen. „Das ist mein Schwanz, such dir einen eigenen oder lass dir einen wachsen. Du hast ja nicht mal einen Puschel!“

„Ich möchte keinen eigenen, sondern deinen. Hart und fest, tief in mir“, wisperte Schneewittchen in Wölfchens Ohr und tat so, als würde sie sich ängstlich an ihn klammern. Dabei rieb sie sich eindeutig an ihm und seufzte leise. Dieser Wolf war einfach nur Zucker, wie er sich sträubte. Sie musste ihn einfach haben.

„Lass das - du bist aufdringlich!“, knurrte Wölfchen und versuchte sich zu befreien. „Außerdem hat Thano gesagt, dass man nicht einfach anderen was in den Mund stecken darf wegen der Ba-Bake-rien und weil wir keine Familie sind!“ So weit kam es noch, dass die an seinem Schweif herum lutschte! Der war endlich wieder so schön sauber, da kam doch keine eklige Mädchenspucke drauf!

„Ach, was weiß er dämliche Drache schon. Der will dich doch nur für sich haben.“ Schneewittchen schnaubte, aber behielt ihr freundliches Gesicht bei. Leicht fiel es ihr nicht, denn sie wurde langsam wütend. Fuhr ihr dieser Drache doch in die Parade, obwohl er gar nicht da war. Von ihrem Körper verdeckt, drückte sie Wölfchen gegen den Schrank und fasste ihm in den Schritt. „Nicht in den Mund, Süßer. Das möchte ich ganz woanders spüren. Dort, wo es viel mehr gebraucht wird.“

Wölfchen traten die Augen aus dem Kopf, als er die fremde Hand da spürte, wo er sich noch nicht einmal selber anfasste! Das war ja wohl die Höhe! Sein Körper zitterte und plötzlich setzte es aus - er schubste Schneewittchen so gut es ging und nutzte die entstehende Verwirrung, um im Schrank hinter sich zu verschwinden. Dieses Mädchen war ja so eklig! „Außerdem ist Thano nicht dämlich, sondern schlau und er ist nett zu mir und du nicht. Du bist einfach nur doof und eklig!“

Von drinnen hielt er die Tür ganz fest zu - die sollte ihn nie wieder anfassen. Er hatte Angst.

Leviathan hatte, alles was im Haus passierte, auf einem der Monitore verfolgt und war immer wütender geworden. Jetzt war diese Schlampe eindeutig zu weit gegangen und er stürmte in das Haus.

„Du blödes Weib“, schrie er schon von der Tür und ließ Schneewittchen zucken. Mit allem hatte sie gerechnet, aber nicht, dass der Drache es wagte, das Märchen zu kippen. Sie wusste nicht, was bei Rapunzel geschehen war, denn sie las grundsätzlich keine Zeitungen und Nachrichten sah sie sich auch nicht an. Sie hatte aber nicht viel Zeit, sich darüber zu wundern, denn ein kleiner Feuerball flog auf sie zu und setzte ihr Kleid in Brand, dann wurde sie aus der Küche geschubst. „Fass ihn noch einmal an und du bist tot“, knurrte er wütend und gab ihr einen Tritt, so dass sie aus dem Haus flog.

Die fünf anderen Zwerge, die dem tobenden Drachen mit ungutem Gefühl gefolgt waren, nahmen ihre Angebetete in Empfang und löschten sie erst einmal, bis kleine Dampfwölkchen aus Haaren und Kleidern rauchten. Sie konnte nicht glauben, dass das jetzt wirklich passiert war. Das erste Mal in ihrer Karriere, dass nicht nur das Märchen abgebrochen werden musste, sondern sie auch noch aus der Kulisse geflogen war.

„Das… das…“, stotterte sie leise, aber Leviathan beachtete sie gar nicht mehr. Er öffnete die Schranktür und zog das zitternde Wölfchen zu sich. „Wir gehen jetzt, Kleiner“, sagte er weich und stand mit dem kleinen Wolf im Arm auf. So wütend wie er vorhin noch gewesen war, merkte man nun nichts mehr davon. „Bring unser Gepäck nach draußen“, herrschte er Gustav an, der sich ihm entgegen stellte und eigentlich eine Entschuldigung verlangen wollte, bei dem Blick, den er zugeworfen bekam, aber lieber den Mund hielt. Diesen Drachen sollte man besser nicht noch mehr reizen, sonst fackelte der noch das ganze Haus ab.

„Die wollte meinen Schwanz in den Mund nehmen! Dann wäre der voller Mädchenspucke gewesen und irgendwas hat sie von ganz tief genuschelt. Die macht mir Angst. Was will die von mir, ich hab der doch gar nichts getan. Das ist so gemein!“ Dabei hatte er doch heute alles richtig machen wollen und nun war das Märchen wieder abgebrochen worden. Die Hauptperson - egal wie eklig sie war - war angesengt, die Zwerge waren wütend und warfen gerade Wölfchens und Leviathans Gepäck vor die Tür und an allem war irgendwie wieder der kleine Dödelwolf schuld.

„Vergiss die blöde Kuh. Die wird schon noch sehen, was sie davon hat. Ich schätze, sie ist die längste Zeit Schneewittchen gewesen.“ Wenn die Verwaltung nicht alleine darauf kam, dann würde Leviathan da aber kräftig nachhelfen. So viel war auf jeden Fall mal sicher. „Komm, wir fahren in die Stadt und dann gleich zur Fee, wenn das Arbeitsamt noch auf hat.“ Leviathan packte ihr Gepäck in die Kutsche, die eigentlich auf Schneewittchen wartete und setzte Wölfchen drinnen ab. Da hockte der kleine Wolf nun und wusste nicht ein noch aus. Eigentlich war ihm versprochen worden, mit den Häschen über die Wiese zu toben, stattdessen war er an unaussprechlichen Stellen begrabbelt worden. Das war nicht nett.


15 - Frettchen, Sex und eine Ziege


„Ich glaube langsam, sie wird uns rauswerfen. Immer vermassle ich alles, dabei wollte ich das doch gar nicht. Aber die darf nicht einfach eklige Spucke auf meinen Schwanz machen.“ Da war Wölfchen ja eigen. Dass er das ständig mit Leviathans Puschel machte, übersah er dabei völlig, aber dem schien das nichts auszumachen, denn er hatte sich ja noch nie beschwert.

„Nein, sie wird uns nicht rauswerfen, denn du konntest ja nichts dafür, dass Schneewittchen eigentlich ein Schneeflittchen ist.“ Der Drache war noch immer wütend, wenn er an dieses Weib dachte. Die kam ihm nicht ungeschoren davon.

„Was ist ein Schneeflittchen?“ Wölfchen sah zu seinem Freund hinüber und ließ sich Fluffy in die Hand drücken. Der konnte immer ziemlich gut trösten. Noch immer versuchte er zu ergründen, was eigentlich los war und warum Schneewittchen so aufdringlich gewesen war, doch er fand einfach keine Erklärung.

„Was ein…?“ Leviathan schüttelte den Kopf. Er hatte ganz vergessen, wie unbedarft der kleine Wolf war. Wie sollte er das erklären, damit Wölfchen das auch verstand und nicht wieder zehn Folgefragen hatte. „Das war nur ein Wortspiel zu ihrem Namen. Soll heißen, dass sie sich einfach nimmt, was sie will und sich nicht darum kümmert, ob der andere das auch möchte.“ Die Erklärung war nicht ganz korrekt, aber alles andere war zu kompliziert.

Wölfchen wiegte den Kopf und sah noch einmal hinaus, als die Kutsche endlich anfuhr. Doch keiner winkte ihnen nach - alle scharten sich nur um das angebrannte Flittchen. Er seufzte. „Aha. Wenn sich Wolf-Dieter meine Kartoffeln nimmt und ich will das nicht, ist er dann auch ein Flittchen? Und sind die mit Frettchen verwandt?“

Seufzend ließ Leviathan den Kopf hängen. Genau das hatte er vermeiden wollen. „Nein, Flittchen können nur Frauen sein und sie sind nicht mit den Frettchen verwandt“, ergab er sich in sein Schicksal, denn mit jeder Antwort würde er wohl neue Fragen produzieren.

Zum Beispiel warum das nur Frauen sein könnten und mit wem die Frettchen denn sonst verwandt wären und ob er nicht ein Frettchen haben könne, wenn er schon kein kleines Stinktier haben durfte. Wölfchen wollte im Allgemeinen viel wissen. Aber man sah ihm an, dass er zerrissen war. Zum einen war er froh, dass er von diesem Mädchen weg war, das ihn so verwirrt hatte, zum anderen war mal wieder ein heilloses Chaos entstanden.

Es war gar nicht so einfach, die Flut von Fragen zu beantworten und hart bei der Verneinung nach einem Frettchen zu bleiben, wenn Wölfchen große, bettelnde Augen machte. „Kleiner, leg dir ein Haustier zu, wenn du fest in einem Märchen angestellt bist und nicht mehr herumreisen musst“, versuchte er dem Wolf zu erklären, warum das nicht ging. Einen Wolf hüten war ja schon schwierig genug, da konnte er nicht noch Haustiere gebrauchen. Schon gar nicht solche, die wie ein Aal einem immer aus den Händen glitschten.

„Hm, na gut.“ Wölfchen gab sich geschlagen und so griff er sich wieder Fluffy und Gisbert und guckte aus dem Fenster der Kutsche. Langsam war es ihm selbst peinlich, täglich bei der Vermittlungsfee aufzutauchen, doch er wagte nicht zu fragen, ob sie mal einen Tag aussetzen konnten, sie mussten ja Geld verdienen.

Leviathan war das ganze nicht im Geringsten peinlich. Er war einfach nur wütend. Was war nur aus den Märchen geworden? In jedem, bis auf Frau Holle, ging es schlimmer zu als in Sodom und Gomorrah. Die Märchenverwaltung sollte sich wirklich mal überlegen, ob nicht doch ab und zu Kontrollen durchgeführt werden sollten. Er wühlte in einer Tasche, denn zum Essen waren sie noch nicht gekommen und irgendwo mussten noch ein paar von Wölfchens Karotten sein.

„Kann ich noch mal was fragen?“, wollte Wölfchen wissen und sah sich zu seinem Begleiter um. Der nickte und zuckte die Schultern und so ließ sich Wölfchen auf seine Sitzbank fallen. „Schneewittchen hat mich da unten angefasst. Warum hat sie das gemacht? Und warum habe ich mich dabei so komisch heiß gefühlt?“ Das beschäftigte ihn mindestens genauso doll wie die Tatsache, dass er keinen kleinen, pelzigen Gefährten haben durfte.

„Äh…“ Leviathan blinzelte überfordert und seine Gedanken rasten. Wie sollte er das erklären? „Also, das ist…“, fing er an, schüttelte dann aber den Kopf. So ging das nicht. Er drehte sich zu Wölfchen. „Kleiner, weißt du, was Sex ist?“, fragte er, denn wenn er das erklären sollte, musste er erst einmal wissen, was der Wolf schon wusste.

„Dabei entstehen kleine Wölfe, hat Wolf-Dieter gesagt“, überlegte Wölfchen, wo er das Wort schon einmal vernommen hatte. „Außerdem sagt Mama, dass man sich dazu ganz doll lieb haben muss.“ Wölfchen nickte, ja, das hatte Mama gesagt. Er kratzte sich nachdenklich am Kopf. War da noch etwas? „Außerdem hat Wolf-Dieter immer noch was von: 'reinstecken', gesagt. Aber das macht man wohl nur mit der Familie, weil es sonst wieder Keime gibt“, mutmaßte er scharfsinnig.

„Ja, das ist soweit schon mal ganz richtig.“ Na, zumindest musste Leviathan nicht noch die Grundbegriffe erklären. „Nur dass man Sex nicht unbedingt nur macht, um kleine Wölfe zu produzieren, sondern weil es Spaß macht. Das wollte Schneewittchen von dir und das mit dem reinstecken stimmt auch, denn so funktioniert Sex.“

Etwas irritiert raffte Wölfchen seinen Schweif an sich und sah Leviathan fragend an. „Wenn sie an meinem Schwanz leckt ist das Sex? Und die ganzen Keime? Meine Güte, ist das unhygienisch.“ Entrüstet schüttelte Wölfchen den Kopf und beschloss, niemals in seinem Leben Sex haben zu wollen. Das war ja ih! „So was macht doch keinen Spaß sondern krank.“

„Nein, nicht dein Schwanz, sondern…“ Leviathan deutete auf Wölfchens Schoß. „Damit macht man Sex und darum hat Schneewittchen dich dort auch angefasst.“ Irgendwie war es niedlich, wie der kleine Wolf sich schüttelte und die Zunge raushängen ließ. „Du wirst das noch verstehen, eines Tages. Es kann sehr schön sein und um die Keime macht sich dabei niemand Sorgen.“

Wölfchen war baff - er starrte zwischen seinem Schoß und dem Drachen hin und her. „Damit macht man Sex? Da kommt doch nur Lulu raus!“ Ungläubig zog er den Bund der Hose etwas vom Bauch und guckte hinein, schüttelte den Kopf, sah wieder Leviathan an und zurück in seine Hose. „Das ist doch schmutzig. Wer steckt so was in den Mund.“ Er schüttelte sich allein bei dem Gedanken. All die Ba-kerien!

Leviathan griff sich an die Stirn und ließ den Kopf hängen. Was hatte er erwartet? „Nein, Kleiner, da kommt nicht nur Lulu raus, aber das zu erklären hat nicht viel Sinn, weil du es nicht kennst.“ Er wuschelte Wölfchen durch die Haare. „Dass dir heiß wurde, als Schneewittchen dich dort angefasst hat, hat auch mit Sex zu tun. Dein Körper reagiert auf die Berührung.“

„Mein Körper reagiert?“ Ein bisschen skeptisch, als könnte er das nicht glauben, guckte sich Wölfchen seinen Körper an. Was reagierte denn da? Er drehte sich ein bisschen hin und her und suchte Stellen, die so aussehen würden, als könnten sie reagieren. „Wie denn?“ Wölfchen guckte noch verwirrter als am Anfang dieser Unterhaltung.

„Ich besorg dir ein Buch, da kannst du nachlesen, was ich meine.“ Leviathan gab auf, denn so kamen sie nicht weiter. Wölfchen wusste einfach zu wenig über das Thema. „Und wenn du danach noch Fragen hast, werde ich sie dir beantworten.“

„Es gibt Bücher darüber?“, fragte der junge Wolf ungläubig und verzog das Gesicht. Was war denn alles an ihm vorbei gegangen? Er fühlte sich ziemlich unbehaglich und so untersuchte er heimlich Fluffy, ob der auch Anhängsel hatte, die für Sex gut waren. Er war verwirrt.

Das sah man ihm auch an und darum tat er Leviathan Leid. So viel Aufregung an einem Tag war bestimmt nicht gut. Darum gab er Wölfchen eine Möhre, dann hatte er zu tun. „Es gibt Bücher zu fast jedem Thema, das man sich nur vorstellen kann. Es gibt eine große Bibliothek, dort können wir einmal hingehen, wenn du möchtest.“

Wölfchen schluckte. „Sind da nicht viele Leute? Und bei denen soll ich was über Sex und Keime und irgendwas reinstecken lesen? Da sterbe ich doch vor Scham!“ Er schüttelte sich und warf somit das Thema von sich. Davon wollte er nichts wissen. Er würde einfach der Fee sagen, dass er so eine wie Schneewittchen nicht noch einmal wollte und ob sich nicht wieder eine Stelle als Hase finden ließe. Er hoffte, dass diese nicht belästigt wurden.

„Nein, dieses Buch sollst du da nicht lesen. Aber wenn du etwas anderes wissen möchtest, dann können wir gerne einmal dort hin gehen.“ Leviathan ließ Wölfchen in Ruhe, denn der war sichtlich verwirrt, so wie er Fluffy und seinen Lieblingspuschel knetete. Warum auch trafen sie auf sämtliche Perverse, die in den Märchen arbeiteten? Das war doch nicht normal oder war ein Großteil derer, die in einem Märchen arbeiteten, so? Dann sollte man sich wirklich zweimal überlegen dort zu arbeiten. Vielleicht hatte der Drache auch unterschwellig schon seine Berufung gefunden und würde jedes einzelne Märchen inspizieren und den Leuten Feuer unter dem trägen Hintern machen. Die Einstellung von Schneewittchen - sie wäre der Star und alles tanze nach ihrer Pfeife - war bezeichnend gewesen. Ein Kontrollorgan musste her.

„Hm!“ Wölfchen seufzte nur noch leise vor sich hin und rollte sich mit Fluffy und Gisbert zusammen. Er wollte hier weg und wusste doch nicht wohin. Aus jedem Märchen war er bis jetzt rausgeflogen. Vielleicht gab es keinen Platz für ihn.

„Hey Rudi“, sagte Leviathan weich und zog Wölfchen zu sich, damit der sich an ihn lehnen konnte. Das konnte man ja nicht mit ansehen. Der Kleine wirkte wie ein geprügelter Hund und dabei hatte er doch gar nichts gemacht. „Was ist los?“

„Hast du schon einmal darüber nachgedacht, was passiert, wenn man gar keinen Platz in dieser Gesellschaft hat? Wenn man einfach nur überflüssig ist, weil man nichts kann?“, fragte Wölfchen und drückte Fluffy an sich. Nun kamen sie wohl in das nächste Märchen und es würde wieder so laufen, dass zum Schluss Chaos herrschte. Vielleicht musste er sich damit abfinden - das war sein Schicksal.

„Glaubst du, dass du überflüssig bist?“ Leviathan sah Wölfchen an und schüttelte den Kopf. Vor ein paar Tagen hätte er diese Frage noch bejaht, weil da für ihn jeder, außer ihm selbst, nur überflüssig oder unwichtig war. Es gab die anderen nur, um ihn zu behindern und zu maßregeln, aber das hatte sich verändert. Zumindest, was diesen kleinen Wolf anging. „Du bist nicht überflüssig und du findest deinen Platz noch. Manchmal geht das eben nicht so schnell.“

„Aber ich bin nicht einmal ein richtiger Wolf. Als Hase war ich nicht zu gebrauchen. Von dem Desaster mit dem Pech wollen wir gar nicht reden und jetzt diese Durchgeknallte, die glaubte, mich da anfassen zu müssen und mich zu Dingen zu nötigen, die ich nicht kenne. Du weißt was Sex ist, ich habe keinen Schimmer. Dumm und nutzlos. Wolf-Dieter hat Recht gehabt. Ich hätte ihm glauben sollen.“ Nun war Wölfchen endgültig in die Suhle aus Selbstmitleid gefallen und ruderte träge darinnen herum.

„Das stimmt doch alles gar nicht.“ Leviathan zog Wölfchen an sich und kraulte ihm die Ohren. „Du wirst lernen was Sex ist und lass dir nicht einreden, dass du nutzlos bist.“ Es war schon komisch. Normalerweise war dem Drachen egal, was andere dachten oder wie sie sich fühlten. „Du hast nichts falsch gemacht.“

„Wenn ich nichts falsch gemacht habe, warum sind wir dann in drei Tagen aus drei Märchen geflogen? Warum haben meine Brüder über mich gelacht und warum haben mich meine Eltern rausgeschmissen? So was passiert nicht, wenn man alles richtig macht“, nuschelte Wölfchen und suhlte sich bis zu den Ohren in seiner Lache aus Selbstzweifel.

Leviathan verdrehte die Augen. Warum immer er? „Wir sind nur aus zwei Märchen geflogen. Frau Holle war nur für einen Tag und wir haben es bis zum Ende gespielt.“ Er konnte wahrscheinlich sagen, was er wollte, Wölfchen fand immer etwas, dass er vorbringen konnte, um klarzustellen, dass er nutzlos war. „Deine Brüder sind doof und Eltern machen gerne mal so etwas, wenn man sich nicht so verhält, wie sie es wollen. Mein Vater ist auch nicht anders. Nur dass er mich nicht rausgeworfen hat. Ich bin freiwillig gegangen. Wir werden ein Märchen finden, in das wir passen. Da bin ich mir sicher.“

„Und was, wenn nicht?“ Wölfchen schniefte leise in den goldenen Puschel, der auch langsam seinen Glanz verlor. „Was, wenn uns keiner haben will? Wie bekommen wir dann Geld? Ich wollte doch ein Gärtner-Wolf werden und wohlschmeckendes Gemüse anbauen. Aber dazu brauche ich viel Geld.“ So war das nun einmal.

„Hey, wenn du gleich aufgibst, klappt das auch nicht.“ Leviathan knuffte Wölfchen gegen die Schulter und guckte streng. „Wir werden einen Job finden – basta.“ Er bewegte seinen Schwanz so, dass der Puschel durch Wölfchens Gesicht kitzelte. „So und jetzt lach wieder. Du wirst dein Gemüse anbauen und wenn wir ein eigenes Märchen aufziehen.“

„Ein eigenes Märchen?“, fragte Wölfchen und hatte für einen kurzen Moment strahlende Augen. „Thano und das Wölfchen? Wie würde das gehen?“ Neugierig geworden setzte er sich wieder auf. Es war zwar nur Spinnerei, weil es keine neuen Märchen gab, doch die Idee war schön. Er als die Hauptfigur in seinem Märchen. „Werden wir Frettchen haben und Sex?“

„Ähm“. Ein wenig irritiert sah Leviathan in die strahlenden Augen und grinste. „Na ja, bei den klassischen Märchen wird das nicht klappen, aber es gibt auch Märchen für Erwachsene, da werden öfter mal neue kreiert.“ Er zuckte mit den Achseln, denn eigentlich hatte er das nur gesagt, um Wölfchen aufzuheitern. Und er hatte ja damit irgendwie auch Erfolg gehabt. Wölfchen grübelte nicht mehr darüber, in welchen Märchen er noch rausfliegen würde, sondern was er in seinem Märchen alles machen wollte. Mit Häschen spielen und Möhren anbauen. Mittlerweile saß er wieder aufrecht und plante nun vor sich hin, wobei er den Puschel in seinen Händen ganz aufgeregt knautschte.

Leviathan hörte zu und lachte immer mal wieder. Es war erstaunlich, wie schnell Wölfchen seine Stimmung wechselte. Jetzt wirkte er wieder fröhlich, wie immer. Keine Spur mehr von Selbstmitleid. „Nein, keine Stinktiere“, warf er zwischendurch ein, bevor da noch Unklarheiten aufkamen. Diese Viecher kamen ihm nicht in die Nähe, auch wenn sie noch so niedlich aussahen. Was Wölfchen wiederum überhaupt nicht verstehen konnte und zu schachern versuchte, doch Leviathan blieb hart. So gab es in ihrem Märchen eben keine Stinktiere.

„Außerdem hab ich Hunger“, murmelte Wölfchen mal wieder und plötzlich saß er stocksteif wie vom Blitz getroffen. Er hatte doch Zickrich versprochen, sich zu melden! Das hatte er in dem ganzen Stress ja völlig vergessen!

„Was ist los?“, fragte Leviathan, der Wölfchen eine Möhre hinhielt, die aber nicht beachtet wurde. Das war ungewöhnlich, denn normalerweise müsste sich jetzt die kleine Nase krausen und schnuppern, weil Futter in der Nähe war.

„Ich muss... kugeln, anrufen, mit dem Ding!“ Hastig wühlte Wölfchen in seinem Rucksack. Irgendwo musste er doch die Kommunikationskugel von Zickrich haben! Da war sie ja. Schon etwas zufriedener hatte Wölfchen das kleine Wunderwerk in Händen und wusste doch eigentlich gar nicht, wie man das benutzte. So guckte er Hilfe suchend zu Thano und grinste schief.

„Sag der Kugel, mit wem du reden möchtest“, wurde Wölfchen aufgeklärt und Leviathan schmunzelte. Das war wieder typisch Wölfchen. Hatte so etwas, wusste aber rein gar nichts damit anzufangen.

„Ah. Okay.“ Wölfchen nickte und guckte sich die Kugel an, drehte sie ein bisschen und begann dann einen ermüdenden Monolog an die Kugel, dass er gern seinen Freund sprechen würde, weil der ihm ja die Kugel mitgegeben hatte, damit er sich melden konnte und erzählen, wie es ihm ging. Nicht dass der sich noch Sorgen machte und dann was passierte. Nein, nein. Das wollte Wölfchen nicht, deswegen müsste er jetzt unbedingt mal mit Zickrich reden, wenn das möglich wäre.

Er wurde in seiner Rede durch Lachen gestört und sah irritiert neben sich. „Rudi, du musst der Kugel nicht deine Lebensgeschichte erzählen, damit kann sie nichts anfangen. Sag ihr einfach, wen du sprechen möchtest, dann macht sie die Verbindung und du kannst mit deinem Freund reden.“ Leviathan nahm die Kugel und hielt sie vor sich. „Ich möchte Zickrich sprechen“, sagte er und gab sie wieder an Wölfchen weiter.

„Aber die Kugel muss doch wissen, warum ich mit Zickrich sprechen möchte. Vielleicht glaubt sie ja, es wäre gar nicht wichtig. Dann stellt die keine Verbindung her. Aber es ist doch wichtig.“ Wölfchen war einmal mehr völlig überfordert, aber versöhnt, als er Zickrichs Gesicht sah. „Hallo!“, brüllte er so laut er konnte, damit Zickrich ihn im Sieben-Geißlein-Land auch hören konnte.

„Hey Wölfi, ich bin nicht taub.“ Zickrich hielt sich die Ohren zu und lachte. „Wie geht es dir, Kleiner?“ So weit er sehen konnte, ging es seinem Freund gut, was ihn ziemlich erleichterte. Er hatte sich wirklich Sorgen gemacht, weil Wölfchen sich auch nicht gemeldet hatte. „Hast du schon einen Job gefunden?“

„Na ja, mehrere schon, aber ich bin immer rausgeflogen“, nuschelte Wölfchen und drückte sich wieder in seine Ecke. Er hatte die Kugel auf den Knien und hielt sie fest, damit sie nicht zu Boden fiel und kaputt ging. Das würde noch fehlen, in seiner Liste von Tiefschlägen. „Ich war ein Hase und Pechmarie und ein Zwerg, aber nirgendwo wollten sie mich behalten.“

„Du warst das?“, entfuhr es Zickrich, bevor er es zurückhalten konnte. Er hatte von dem Chaoten gehört, der reihenweise Märchen kippte, aber wäre im Leben nicht darauf gekommen, dass Wölfchen das sein konnte. Wölfchen war doch gar nicht der Typ, der Chaos machte. Aber hieß es nicht, dass sie immer zu zweit waren? Wer war bei seinem Freund?

„Ja, das war ich“, seufzte Wölfchen und ließ die Ohren hängen. Wenn Zickrich das wusste, dann wusste es auch seine Familie und jetzt musste er sich dort erst recht nicht mehr blicken lassen, sie würden ihn nur wieder wegjagen, weil er so peinlich war. „Aber es war doch keine Absicht und dass Schneewittchen mit mir Sex wollte, konnte ich doch nicht wissen und die Bratpfanne, na ja - der Prinz ist von allein dagegen gelaufen.“

„Wie bitte? Die wollte…?“ Zickrich riss ungläubig die Augen auf. Stimmten die Gerüchte über Schneewittchen also doch. „Geht es dir gut, Kleiner? Ist dir auch nichts passiert? Soll ich vorbeikommen?“ Der junge Ziegenbock sah Wölfchen forschend an. Das musste für seinen Freund doch ein Alptraum gewesen sein, so naiv wie der noch war. Er hatte doch von solchen Dingen keine Ahnung.

„Nein, nein, Zickrich, du muss dir keine Sorgen machen. Thano ist bei mir und passt auf mich auf und ich darf immer seinen Puschel beschmusen, aber ihm nichts in den Mund schieben“, erklärte Wölfchen, damit sich sein Freund nicht noch den Schlaf raubte vor Sorge. Und abgesehen von den Niederlagen ging es ihm ja eigentlich ganz gut.

„Häh?“ Zickrich musste das erst einmal sortieren. „Wer ist Thano und wieso darfst du seinen Puschel beschmusen?“ Die Augen des jungen Ziegenbocks wurden schmal. Er wusste, im Gegensatz zu seinem Freund, dass man fremder Leute Schwänze nicht anfasste und dass Wölfchen das durfte, machte ihn misstrauisch. Was war das für ein Kerl und was wollte er von Wölfchen?

„Thano ist so wie ich. Er ist ein Drache, auf der Suche nach einer Aufgabe, weil er kein Fleisch essen mag und keine Prinzessinnen fressen und er hat einen tollen Puschel, mit dem ich schmusen darf und er sieht gut aus in Kleidern und er hat den perversen Prinzen...“ Wölfchen stoppte, als es neben ihm knurrte.

„Ein Drache?“ Zickrich wusste nicht, was er davon halten sollte, den besten Ruf hatten die nicht. Sie waren arrogant, eingebildet und unhöflich, so wie er wusste. Wie passte so einer mit Wölfchen zusammen? Er blinzelte etwas überrascht, als er einen Puschel in seiner Kugel hin und her schwenken sah, der aber schnell wieder aus seinem Blickfeld gezogen wurde.

„Das war Gisbert, der Puschel und ich darf immer mit ihm schmusen und schlafen“, erklärte Wölfchen und hatte den Fellball schon wieder beim Wickel. Er konnte eben nicht ohne. Wie war er nur all die Jahre ohne dieses tolle Ding ausgekommen. „Und Thano ist zwar manchmal maulig, aber ganz lieb!“

„Aha.“ Was sollte Zickrich auch sagen. Er musste erst einmal verdauen, was er gerade gehört hatte. Wieder hörte man leises Knurren und die Kugel wurde geschwenkt, so dass Zickrich den Drachen sehen konnte. Gerade wirkte er nicht besonders lieb, denn er guckte böse und brummte leise etwas vor sich hin, was der Ziegenbock nicht verstehen konnte. Schlecht sah der Kerl ja nicht aus, mit seinen silbernen, langen Haaren, aber das hieß ja nichts. Meistens waren es die gut aussehenden, die den Rest der Märchenwesen wie den letzten Dreck behandelten. Nur warum zogen diese beiden zusammen durch die Gegend? Doch das würde er nicht jetzt erfragen, später mal, wenn sie allein waren.

„Und weißt du zufällig, ob Mama auch schon weiß, dass ich der Idiot bin, der alle Märchen verhaut?“, fragte Wölfchen schlussendlich doch noch das, was ihm auf der Seele brannte.

„Ich denke nicht. Ich hab es auch nicht gewusst, erst als du es erwähnt hast. In deinen Verkleidungen hat man dich nicht unbedingt erkannt.“ Zickrich grinste. Eigentlich wäre er schon gerne dabei gewesen. Sein Peacemaker-Wölfchen kippte Märchen und entlarvte perverse Märchenfiguren.

„Na dann hab ich ja noch mal Glück gehabt. Sag's ihnen lieber nicht.“ Wölfchen war der Gedanke schmerzlich, dass seine Eltern ihn jetzt vielleicht noch mehr für einen Versager hielten. Das wollte er nicht. Wenn Zickrich schwieg, log er ja nicht, er sagte nur nicht alles, das war nicht ganz das gleiche und damit konnte das ehrliche Wölfchen leben.

„Geht klar.“ Zickrich kannte seinen Freund gut genug, um zu wissen, was in ihm vorging, darum wechselte er das Thema. „Was machst du jetzt? Hast du schon einen neuen Job?“, fragte er neugierig und nahm sich vor, sich dieses Märchen mal genauer anzusehen. Normalerweise interessierte ihn ja nicht, was die anderen machten, aber einmal wenigstens wollte er Wölfchen sehen.

„Nein, eigentlich nicht. Wir sind in der Kutsche auf dem Weg zurück zur Vermittlungsfee. Ich weiß nicht, was sie mir anbieten wird, wenn sie überhaupt noch eine Verwendung für mich hat. Schließlich habe ich mich einfach im Schrank versteckt, weil ich nicht mehr da unten angefasst werden wollte.“ Was wenn die Fee ihn jetzt auch für einen Feigling und Dummian hielt?

„Wie bitte. Sie hat dich da angefasst?“ Zickrich war ehrlich schockiert und wütend. Was bildete dieses Weib sich eigentlich ein. Niemand durfte Wölfchen dort berühren, wenn er das nicht wollte. „Diese Schlampe“, zischte er und ballte die Fäuste. „Die soll mir mal unterkommen, der werde ich einen Tritt verpassen und dann die Finger brechen, damit sie so etwas nicht noch einmal macht.“ Er war wütend. Was hatte sein Freund nur über sich ergehen lassen müssen?

„Zickrich!“, quietschte Wölfchen schockiert, er war doch Peacemaker-Wölfchen! Keine Gewalt! „Das darfst du doch nicht sagen. Man haut keinen anderen. Na ja, vielleicht wenn gerade keiner hinguckt oder wenn sie zufällig und selbstverschuldet gegen eine Bratpfanne laufen vielleicht“, überlegte er. „Außerdem hat mich Thano ja gerettet, ich war also nicht in Gefahr.“

„Ach ja, warum hat er diese Kuh nicht gleich davon abgehalten, dir was zu tun? Wenn er schon auf dich aufpasst, dann soll er das gefälligst auch richtig machen.“ Zickrich wusste, dass er ungerecht war, aber die Vorstellung, was Wölfchen alles passiert war, machte ihn verrückt. Leviathan in seiner Ecke knurrte nur. Dieser Ziegenbock konnte nur froh sein, dass er kein Fleisch mochte, sonst gäbe es in den nächsten Tagen Ziegenrollbraten. Schließlich hatte Wölfchen den Status, sich das Märchen aussuchen zu dürfen und mit dem Ergebnis heute konnte man doch zufrieden sein. An ihrer elitären Stellung würde sich also nichts ändern und wenn der mal bei den Geißlein spielen wollte, würde das sicher möglich sein.

„Er war doch gar nicht da!“, wetterte Wölfchen, der das Verunglimpfen des Heldendrachen aber gar nicht gut ertragen konnte. „Die Zwerge mussten weg gehen und ich hätte auch gehen müssen, aber die... die... das Frettchen hat mich einfach da behalten und wollte Tee und dann...“ Wölfchen bekam sich ja gar nicht mehr ein.

„Okay, okay, schon gut.“ Zickrich wedelte mit den Händen, denn es passierte selten, dass Wölfchen so heftig wurde. „Hauptsache er hat dich gerettet, aber eine Abreibung hätte sie verdient. Was denkt die sich eigentlich. Man sollte dieses Weib echt anzeigen.“

„Bringt doch eh nichts. Einem Zwergenwolf glaubt doch eh keiner“, brubbelte Wölfchen vor sich hin. Je weiter sie sich von dem Haus der Zwerge entfernten, umso mehr geriet das, was passiert war, schon in Vergessenheit. Wölfchen lebte eben nur im Augenblick und er vergab viel zu schnell.

„Sicher wird man dir glauben.“ Zickrich schnaubte. Das war wieder typisch Wölfchen. „Du hast doch Thano. Der kann schließlich bezeugen, dass du die Wahrheit sagst.“ Der junge Ziegenbock guckte kurz weg, als eine Stimme nach ihm rief. „Kleiner, ich muss Schluss machen. Die Schlussszene ist dran. Melde dich mal wieder, wenn du weißt, in welches Märchen du als nächstes kommst.“ Er winkte noch einmal, dann trennte er die Verbindung.

„Der hat gut reden“, nuschelte Wölfchen und steckte die Kugel wieder weg. Was hatte er den davon, wenn er Schneewittchen verpetzte? Ihre Zwerge waren doch ganz begeistert von ihr. Die mussten die Tussi doch aushalten und nicht Wölfchen. Das wäre irgendwie auch nicht fair. Es war ja nichts passiert.

„Aber er hat Recht. Was ist, wenn die das mit jedem so macht und keiner sagt etwas. Nur weil sie Schneewittchen ist und berühmt, darf sie sich noch lange nicht alles erlauben.“ Leviathan sah das ähnlich wie Zickrich, aber es war Wölfchens Entscheidung. Er sah auf seine Uhr. Sie brauchten noch etwas 15 Minuten bis zur Stadt und das Arbeitsamt war noch offen. Also erst einmal da hin und dann in ein Hotelzimmer. Eins mit einer riesigen Badewanne, in der er sich richtig ausstrecken und erholen konnte.

„Und dann schmeißen sie die raus und dann hat sie auch keinen Job und die Kinder mögen sie doch sicher, sonst wäre das Märchen doch nicht so beliebt.“ Wölfchen war aufgewühlt und hin und her gerissen. Er würde es auf sich zukommen lassen und sehen, was passierte. Wenn die Fee fragte, würde er nicht lügen - aber so wie Wölfchen es hielt: etwas nicht sagen war noch nicht lügen.

Leviathan ließ das Thema dann auch fallen. Es war deutlich zu merken, dass Wölfchen das alles peinlich war. So schwiegen sie, bis sie wieder in der Stadt waren.



16 - Flauschige Drachen und alte Elche


„Fahren sie unser Gepäck zum Märchen-Hilton und reservieren sie auf meinen Namen dort eine Suite. Wir kommen dann später“, wies der Drache den Kutscher an und drückte ihm eine seiner Visitenkarten in die Hand und ein großzügiges Trinkgeld. Erst einmal die Fee, dann das Vergnügen.

Es dauerte nur noch ein paar Minuten und sie wurden vor dem schon bekannten Gebäude raus gelassen. Wölfchen raffte noch schnell seine Sachen, weil er keinem mehr trauen konnte und drückte Fluffy an sich. Die Räumlichkeiten waren überraschend leer. Keiner war im Warteraum. So konnten sie zum Büro der Fee durchgehen und Leviathan klopfte an die Tür, die ein wenig offen stand.

„Kommt rein“, wurden sie aufgefordert und die Fee schien sie erwartet zu haben, so wie sie ihnen entgegen sah. „Nicht so gut gelaufen?“, fragte sie, auch wenn sie das schon wusste. Schließlich hatte gleich nach dem Vorfall wieder eine Flut von Mails eingesetzt. Die meisten mit dem Inhalt, dass Wölfchen bedauert wurde und Schneewittchen verdammt.

„Bin rausgeflogen“, gestand Wölfchen, weil er ja nicht lügen wollte und setzte sich steif auf einen der Stühle, drückte seinen Plüschie dabei fest an sich. „Tut mir Leid“, schob er noch hinterher und schwieg erst einmal zu den Vorkommnissen.

„Na ja, eigentlich nicht wirklich. Ihr seid gegangen, das ist ein Unterschied.“ Die Fee lächelte Wölfchen an. „Allerdings kann ich das verstehen. So wie Schneewittchen sich benommen hat, war das nicht korrekt und es wird eine Untersuchung geben.“ Die beiden hatten mehr in Gang gesetzt, als sie ahnten und irgendjemand in der Verwaltung war hellhörig geworden und es war jemand, der etwas zu sagen hatte. Die Fee hatte Anweisung bekommen, die beiden weiter in Märchen zu schicken, von denen es Gerüchte gab. Anscheinend waren der Drache und sein Wolf die Richtigen, um sie aufzudecken, wenn sie stimmten.

Prinz Eduard war schon seines Jobs als Prinz bei Rapunzel enthoben worden, nachdem man mit Rapunzel Rücksprache gehalten und die sein anrüchiges Verhalten bestätigt hatte. Zwar war es der Regie immer egal gewesen, was hinter den Kulissen passierte, doch nun war es vor der Kamera passiert und das konnte nicht geduldet werden. Die Märchen aufzupeppen war das eine, aber Dinge zu zeigen, die Kinder nicht zu sehen hatten, war schädlich.

„Oh, sie wissen schon, was passiert ist und dass sie mich angefasst hat - da?“, fragte Wölfchen mit wild zappelndem Schweif, die Ohren waren gespitzt und er lief langsam rot an.

„Ja, wissen wir.“ Das Gesicht der Fee wurde kurz streng, aber dann lächelte sie wieder. Schließlich konnte Wölfchen nichts dafür, er war nur das Opfer. Zum Glück hatte Leviathan ihn gerettet. Auch wenn sie nicht guthieß, was er mit Schneewittchen gemacht hatte, so konnte sie ihn doch verstehen. „Wie geht es dir? Hast du dich wieder etwas beruhigt?“

„Ja, ja. Mir geht es gut“, beeilte sich Wölfchen zu versichern, nicht dass er noch zu einem Doktor geschickt wurde, der ihm Spritzen gab. Allein bei dem Gedanken schüttelte er sich wie ein nasser Hund. „Ist halt nur so, dass wir schon wieder keine Stelle mehr haben und ich brauche doch das Geld auch“, murmelte er und holte tief Luft. Sein Magen knurrte plötzlich laut.

„Apropos Geld.“ Die Fee schlug sich gegen die Stirn und kramte in ihrer Schublade. „Hier habt ihr eure Kontokarten. Darauf wird immer euer Gehalt gebucht. Das, was ihr bisher verdient habt, ist schon drauf.“ Sie gab jedem eines der Plastikkärtchen und einen Umschlag. „Darin ist eure Geheimnummer, damit ihr was abheben könnt.“

„Wow!“ Wölfchen machte große Augen und die Scham und die Schmach fielen von ihm ab, wie Leviathan das schon gewohnt war. Wölfchen war eben viel zu leicht abzulenken. Ehrfürchtig drehte er die Karte in seinen Händen und wusste nicht, was er sagen sollte. Das war also sein Geld. Unförmig und man sah gar nicht, was es wert war.

Leviathan steckte seine Karte einfach in die Tasche. Sie kam später zu den anderen, die er schon hatte. „Habt ihr etwas Neues für uns?“, lenkte er die Aufmerksamkeit auf sich. Er wollte es hinter sich bringen und sich ausruhen. Etwas essen wäre auch nicht schlecht. Je eher sie einen neuen Job hatten, umso eher konnten sie hier weg.

„Ja, in der Tat.“ Die Fee tippte ein wenig auf ihrem PC herum und hatte dann wohl die Seite gefunden, die sie suchte, denn sie lächelte. „Hänsel und Gretel. Leider ist nur eine Stelle frei. Wölfchen wird den Hänsel spielen, für Leviathan haben wir einen Posten als beobachtenden Hasen vorgesehen.“

„Wie bitte?“ Leviathans Gesicht geschockt zu nennen wäre mehr als untertrieben. „Ein Häschen? Ich?“ Der Drache schluckte und schüttelte den Kopf. Was sollte der Mist denn? Das war doch nicht deren Ernst.

„Ja, so ist es“, grinste die Fee. „Ist leider das einzige und es geht auch nicht zu tauschen, da für Hänsel eine Höchst-Körpergröße vorgeschrieben ist.“ Sie konnte sich denken, dass es das für den Drachen nicht leichter machte, aber darauf konnte sie keine Rücksicht nehmen, besonders, seit die Nachrichten, die sie bekam, immer öfter davon handelten, dass man den Drachen in solchen Rollen sehen wollte. Allerdings musste der das wirklich nicht wissen. Nicht dass er ausstieg.

„Dann kann Thano ja mein Kos... Ach nichts!“ Wölfchen schlug sich die Hände vor den Mund, jetzt hätte er doch fast verraten, dass er noch immer das Kostüm hatte! Bloß nicht, dann bekam er es vielleicht noch weggenommen. „Thano, Häschen sind niedlich und flauschig. Du wirst es mögen, ein Häschen zu sein. Jeder liebt Häschen, alle werden dich mögen!“

„Na wunderbar, dann ist doch alles in Ordnung“, knurrte der Drache, der Wölfchens Begeisterung so gar nicht teilen konnte. Wie bescheuert sah das denn aus, wenn er im Hasenkostüm durch die Gegend hoppelte? „Kann man mich dann nicht ganz aus dem Märchen nehmen“, fragte er hoffnungsvoll, aber die Fee schüttelte den Kopf. „Nein, leider nicht, wenn wir dich in dem Märchen nicht unterbringen, erlischt unser Vertrag und ich kann dich dann mit Wölfchen nicht mehr zusammen vermitteln“, erklärte sie und Leviathan ließ den Kopf hängen. Was hatte er eigentlich verbrochen, dass ihm so etwas zugemutet wurde?

„Aber Häschen sind doch toll! Die werden nicht in den Käfig gesteckt und sollen gefressen werden.“ Erst als Wölfchen seine eigenen Worte vernahm, begriff er, was ihm bevor stand. Er sollte im Ofen braun wie Brot gebraten werden! Und vorher wurde er gemästet. Vielleicht noch mit Fleisch! Allmählich war es auch ihm lieber, wenn sie tauschten und Leviathan den Hänsel spielte. „Thano macht sich ganz klein, dann passt er schon in den Käfig“, schlug er mit zitternder Stimme vor.

Die Fee lächelte und wuschelte Wölfchen durch die Haare. „Keine Sorge, du musst nur in den Käfig, wenn die Kamera dort hin gerichtet ist. Ansonsten kannst du dich frei bewegen. Der Käfig ist auch nicht sehr klein, da kann Thano dich bestimmt besuchen kommen, aber er kann leider nicht den Hänsel spielen.“

„Aber ich will keine Schnitzel und Frikadellen. Ich will kein Fleisch und ich will auch nicht, dass die mir was in den Mund steckt. Es reicht, dass Schneewittchen das wollte und mir Ba-Ba-Bakerien geben wollte. Ich esse nur alleine und Dinge, die ich will. Wehe die steckt mir was in den Mund und Sex will ich auch keinen haben und...“ Wölfchen holte kaum Luft beim Reden und knete Leviathans Puschel bis zur Schmerzgrenze.

Verwirrt sah die Fee Leviathan an, denn sie wurde nicht schlau aus dem, was Wölfchen stammelte. „Kein Fleisch. Ich werde etwas für ihn kochen, was er gerne isst und was die Hexe ihm geben kann“, erklärte er und zischte auf, als seine Schwanzspitze schmerzhaft geknickt wurde, hatte aber keine Chance sie wegzuziehen, da der Wolf sie fest umklammert hielt.

„Ja, Thano kocht für mich. Da weiß ich, dass es keine Keime hat und mir nicht übel wird und...“ Wölfchen seufzte. Richtig anfreunden konnte er sich noch nicht mit dem Job, doch es half ja nichts. Schon Papa hatte immer gesagt, Jobs machen nicht immer Spaß. Also, Augen zu und durch.

„Ja, also… dann ist ja alles geklärt.“ Die Fee wirkte sichtlich verwirrt, aber sie fragte nicht weiter nach. Leviathan würde sich schon darum kümmern, dass es Wölfchen gut ging, da war sie sich sicher. „Dann bleibt ihr die nächsten Tage bei Hänsel und Gretel und ich suche inzwischen etwas Neues, wenn ihr damit fertig seid.“ Das war einfacher gelaufen, als sie gedacht hatte und keiner von beiden hatte Verdacht geschöpft. Sie hatte mit mehr Widerstand von dem Drachen gerechnet, doch das kleine, naive Wölfchen schien ihn gut im Griff zu haben - bemerkenswert.

„Gut, dann gehen wir jetzt.“ Wölfchen erhob sich und raffte seine Sachen, ließ Leviathans Puschel aber nicht los. Weg hier, sich baden - mehr wollte er nicht mehr.

Leviathan hatte nur noch Zeit der Fee zu sagen, wo die Kutsche sie morgen abholen sollte, da wurde er auch schon aus dem Büro gezogen. „Zieh nicht so“, knurrte er ungnädig, denn das mochte er gar nicht. Es reichte schon, dass sie ständig angestarrt wurden, da wollte er nicht noch Bilder in der Zeitung sehen, wie er von Wölfchen am Schwanz hinterher geschleift wurde.

„Oh, Tschuldigung.“ Wölfchen ließ natürlich sofort los und hüpfte beiseite. Nun hatte er Thano wieder verärgert, ohne zu merken warum. Das passierte in letzter Zeit öfter. Ob der Drache böse mit ihm war. Sicher war er es, denn nun musste er ein Häschen spielen und wollte das doch gar nicht. „Tut mir Leid“, sagte er also und hatte wieder eine wogende Stimmungsschwankung, die den Schweif auf den Boden sinken ließ und die Ohren hingen kläglich.

„Was tut dir Leid?“ Leviathan wedelte kurz mit dem Schwanz und streckte ihn, um ihn wieder zu entspannen. Dabei seufzte er leise, als der Schmerz langsam nachließ. Er war unzufrieden. Dieser Job war eine Zumutung, aber leider war er nicht in der Position, etwas anderes zu verlangen.

„Dass du sauer auf mich bist“, murmelte er und sah sich kurz um, schielte durch den langen Pony und sah dann wieder gerade aus. Er machte wirklich immer alles falsch und war sogar gemein zu denen, die ihm nur Gutes wollten. Er beschloss, Thano nicht mehr so sehr zu belagern und dafür wollte er jetzt klare Fakten schaffen. „Am besten nehme ich mir ein eigenes Zimmer, dann kannst du dich von mir erholen. Ich habe ja ein bisschen Geld verdient und morgen sehen wir uns ja dann im Hänsel-und-Gretel-Land.“

„Hö?“ Leviathan sah Wölfchen an. „Wieso bin ich sauer auf dich?“, fragte er und versuchte sich zu erinnern, wann das gewesen sein sollte, aber ihm fiel nichts dazu ein. „Du musst kein eigenes Zimmer nehmen. Unseres ist groß genug, da kannst du für dich sein, wenn du willst.“ Auch wenn er es nicht merkte, hatte seine Stimme einen enttäuschten Unterton.

„Ständig knurrst du mich an oder schimpfst. Das muss doch einen Grund haben und da du mich anknurrst, muss ich der Grund sein. Ich will doch nur, dass du nicht immer knurren und böse auf mich sein musst.“ Wölfchen war verwirrt, er wurde aus dem Drachen auch nicht schlau. War er ihm nun ein Klotz am Bein oder nicht? Er fühlte sich hilflos.

„Ich bin ein Drache, ich knurre immer, das hat nichts damit zu tun, dass ich böse bin. Ich bin eben so.“ Der Drache zuckte die Schultern Es war doch allgemein bekannt, dass Drachen mürrisch und nicht sehr gesellig waren. Das musste doch selbst Wölfchen wissen. „Ich mag es nur nicht, wenn an meinem Schwanz gezerrt wird, das ist alles.“

„Hm“, machte Wölfchen, auch wenn er damit noch nicht viel anfangen konnte. Alles was er begriffen hatte war, dass Gisbert für ihn wohl tabu war, denn er hing nun einmal an Thanos Schwanz und an dem durfte Wölfchen nicht ziehen. Er schlurfte weiter. Vielleicht sollte er wirklich langsam anfangen, sich nicht immer auf andere zu stützen und Hilfe zu suchen. So kam er doch nie zu sich selbst. Der Gedanke, mit Thano ein eigenes Märchen zu haben, war toll, doch es war nichts Reales. Besser er begriff das zu früh als zu spät.

„Was – hm?“, fragte Leviathan, der solche Antworten überhaupt nicht schätzte. Dann hatte er immer das Gefühl, dass er etwas verkehrt gemacht hatte und so, wie Wölfchen neben ihm herschlurfte, sah es ganz danach aus. „Was ist los?“, fragte er deswegen etwas freundlicher.

„Nichts!“, piepste Wölfchen und war wieder stumm. Er wollte sich jetzt nicht streiten und schon gar nicht mit Thano. Er hatte kaum Freunde, Thano auch noch lang anhaltend zu vergraulen war nicht sein erklärtes Klassenziel. Vielleicht hatte er es zu schnell für selbstverständlich genommen, dass der Drache ihn behandelte wie einen kleinen Bruder. Vielleicht hätte der sich gar nicht mit Wölfchen eingelassen, wenn der ihm nicht so auf die Pelle gerückt wäre. „Ich hol was zu essen“, erklärte er nach einem Räuspern und bog schlagartig nach links.

Das kam so überraschend, dass Leviathan noch zwei Schritte weiterlief, bevor er es richtig mitbekam und stehen blieb. „Was…?“, murmelte er und sah Wölfchen hinterher. Da stimmte aber etwas ganz gewaltig nicht. Drachen mochten Einzelgänger sein, aber sie waren nicht gefühllos und dass mit seinem kleinen Freund etwas nicht stimmte, merkte er sehr genau. „Warte“, rief er darum und lief Wölfchen hinterher. Er fasste ihn an der Schulter und dirigierte ihn zu einer Bank, die etwas abseits stand und drückte ihn auf die Sitzfläche. „Was ist los, Kleiner, und kein Ausflüchte?“, fragte er ernst.

„Was los ist?“, wiederholte Wölfchen absichtlich die Worte des Drachen und sah ihn unschuldig an. „Ich habe Hunger, das ist alles. Und da drüben gibt es Pommes!“, erklärte er sein plötzliches Umschwenken und hoffte, dass Leviathan das gemeint hatte.

„Nein, das meine ich nicht und das weißt du ganz genau.“ Leviathan setzte sich neben Wölfchen und sah ihn an. „Warum willst du auf einmal ein eigenes Zimmer? Magst du nicht mehr mit mir zusammen sein? Möchtest du lieber alleine sein?“ Der Drache war sichtlich verwirrt, denn er wusste nicht, was passiert war.

„Nein, das will ich nicht“, nuschelte Wölfchen. Was sollte das denn jetzt? „Nur meckerst du ständig und ich hab mich dir einfach aufgedrängt. Vielleicht warst du zu höflich, um zu sagen: los, Wolf, verpiss dich, ich kann dich nicht gebrauchen. Vielleicht wäre es besser, wenn du wieder deine Ruhe hast und dich nicht um einen Dödelwolf kümmern musst, der ständig von einem Unglück in das nächste stolpert“, versuchte er zu erklären und kam sich so schrecklich dabei vor.

„Dummkopf.“ Leviathan musste schmunzeln und schnickte Wölfchen gegen die Nase. „So gut müsstest du mich eigentlich kennen, dass ich nicht viel mit Höflichkeit am Hut habe. Schon vergessen? Ich bin ein Drache. Eins der eingebildetsten und unhöflichsten Geschöpfe, die es gibt.“ Er wuschelte dem jungen Wolf durch die Haare. „Du bist nicht lästig und wenn ich brumme, dann weil ich eben so bin. Das ist nun mal so.“ Nur war das eine Erklärung, die einen sehr sensiblen Wolf nicht befriedigen konnte. Aber Wölfchen nickte und schwieg, was sollte er darauf auch sagen.

Immer wieder wanderte Wölfchens Blick zum Fastfoodladen gegenüber und sein Magen grummelte, denn wirklich etwas gegessen hatte er noch immer nicht. Die Pommes lockten und er seufzte. Der Tag war echt für die Tonne.

„Na los, hol dir was zu essen und dann gehen wir zum Hotel.“ Es hatte keinen Sinn, weiter mit Wölfchen zu reden. Leviathan stand auf und streckte sich. Ihm steckte immer noch dieses Zwergenhaus in den Knochen, wo er sich die ganze Zeit hatte bücken müssen. Warum es da nicht auch eine Höchst-Körpergröße gab, war ihm ziemlich unklar.

„Ja, gut.“ Wölfchen nickte und machte, dass er weg kam. Es war ihm ganz lieb, dass er ein bisschen für sich sein konnte, denn er war verwirrter als am Anfang ihres merkwürdigen Gespräches. Eilig platzte er in den Laden und kaufte sich ein paar große Tüten Pommes und verstand nicht, warum der Verkäufer ihn angrinste, ihn beglückwünschte und erklärte, dass es ihm eine Ehre wäre, dem Wölfchen diese Pommes schenken zu dürfen. Brav bedankte sich der kleine Wolf und trottete - verwirrter den je - wieder nach draußen.

„Wow, das willst du alles essen?“, grinste Leviathan, als Wölfchen wieder bei ihm ankam und stibitzte sich ein paar der heißen, leckeren Stäbchen. Er hatte es sich auf der Bank bequem gemacht und ein wenig in der Sonne gedöst. Er hatte ab und zu ein paar Leute um ihn herum tuscheln gehört, aber sich nicht daran gestört. So lange seine Ehre nicht völlig den Bach runter ging und das Geld stimmte, so lange war sich ein Drache des Arbeitens nicht zu schade.

„Na ja, ich wollte ja nur halb so viele, aber der Besitzer hat gesagt, ich soll die nehmen und ich muss nicht bezahlen.“ Wölfchen wusste immer noch nicht, warum das passiert war, dabei hatte Mama Wolf immer erklärt, dass nichts auf der Welt umsonst war.

„Umsonst?“ Jetzt war Leviathan echt überrascht, denn das war wirklich selten. War Wölfchen schon so berühmt? Einerseits war das toll, aber es brachte auch Probleme, denn je bekannter sie wurden, desto weniger hatten sie ihre Ruhe. Aber noch war es nicht so weit und er zuckte mit den Schultern. „Gibst du mir was ab?“, fragte er stattdessen, denn jetzt merkte er, wie hungrig er selber war.

„Ja, sicher. Warum nicht. So viel brauch ich ja sowieso nicht.“ Wölfchen teilte die Anzahl der Tüten brüderlich - im Gegensatz zu seinen eigene Brüdern, die ihn dabei immer beschissen hatten - und auch die letzte übrig gebliebene Tüte teilte er noch gerecht, 45 Pommes für sich und 45 für Thano. So konnten sie einträglich mampfen und Wölfchens Laune hob sich wieder.

Schweigend aßen sie und Leviathan seufzte schließlich zufrieden, als er die leeren Tüten zusammenknüllte und in den Mülleimer warf. „Ich bin satt“, grinste er und rieb sich über den Bauch. „Jetzt noch in die Badewanne und dann schlafen.“ Wie zur Bestätigung gähnte er und sah zu Wölfchen rüber, der noch nicht ganz fertig war.

„Ja, baden und schlafen.“ Doch da war Wölfchens Sorge wieder. Er wusste, dass er unruhig schlief und er wusste auch, dass Leviathan darunter ziemlich zu leiden hatte. Vielleicht sollten sie wirklich getrennte Zimmer nehmen, doch er fing nicht wieder davon an. Er aß hastig alles auf und wurde knallrot, als er rülpste wie ein alter Elch.

„Respekt.“ Leviathan musste einfach grinsen und boxte Wölfchen gegen die Schulter. „Wenn es einmal so einen Wettbewerb geben sollte, dann gewinnst du ganz bestimmt“, lachte er, damit es Wölfchen nicht mehr so peinlich war. War doch nicht schlimm und anscheinend hatte es auch niemand mitbekommen. Was den peinlich berührten, rotglühenden Wolf aber nicht daran hinderte, sich in alle Richtungen verbeugend bei jedem zu entschuldigen, der vorbei kam. Keiner wusste, was der kleine Irre mit den spitzen Ohren von ihm wollte und Wölfchen wurde immer kleiner.

„Das ist nicht lustig, lass uns verschwinden“, nuschelte er und raffte Fluffy, der ihn trösten musste. Wenn Mama das gehört hätte, das hätte aber Kochlöffelhiebe gegeben!

Ohne auf Leviathan zu achten, stiefelte der Kleine los und der Drache lief einfach hinterher. Erst als Wölfchen in die ganz verkehrte Richtung wollte, griff er ein. Er schlang seinen Schwanz um seinen Freund und zog ihn so in die richtige Richtung. Erst jetzt fiel ihm auf, dass Wölfchen nicht mehr an seinem Puschel hing und wunderte sich. Irgendwie fehlte es ihm, die kraulenden Finger darin zu spüren, darum wedelte er auch vor Wölfchens Nase damit rum. Und das war ziemlich gemein.

Wölfchen hatte sich doch vorgenommen, sich nicht mehr so sehr an den Drachen zu hängen. Außerdem hatte der ihm immer erklärt, dass man so was einfach nicht machte. Nun versuchte der kleine Wolf, sich anständig zu benehmen, da provozierte Thano ihn. „Nicht“, nuschelte Wölfchen und versuchte schneller zu werden, um den Puschel hinter sich und somit aus dem Sichtfeld zu bringen.

Leviathan war so überrascht, dass er ihn einfach laufen ließ und keinen weiteren Versuch machte. Irgendetwas stimmte mit Wölfchen nicht, aber so wie es aussah, wollte er nicht darüber reden. Trotzdem machte der Drache sich ganz gegen seine Gewohnheiten Sorgen. Er hatte sich an Wölfchen gewöhnt. Das er plapperte und Chaos machte. So kannte er ihn nicht und es gefiel ihm auch nicht. Ebenso wenig gefiel es ihm, wie der kleine Wolf vorneweg stürzte, als würde er gejagt. Irgendetwas ging in dem kleinen pelzigen Kopf vor und er würde das noch rausbekommen. Es gab keine Geheimnisse, die Drachen nicht lösen konnten.

Derweil rannte Wölfchen mehr, als dass er lief. Er fühlte sich komisch. Sein Körper brannte und spannte und er wusste nicht warum, doch daran war er gewöhnt. Er wusste bei vielen Dingen nicht warum und er nahm sie hin. Hatte bis heute immer gut funktioniert.