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Drachenblut - Teil 31 bis 32

31


Aber diesmal war die Aussicht aus dem Fenster nicht so interessant, wie die, die sich im Sitz neben ihm befand. Sie unterhielten sich viel, machten Pläne für die nähere Zukunft und Evren schlug Azhdahar immer wieder vernichtend bei den Rennspielen, die sie hier spielen konnten. Aber Azhdahar war ein lieber Drache und schlief auch ein wenig. Dabei hielt er Evren an sich gedrückt, der an seine Schulter gelehnt schlief.

So verging die Zeit bis Mexiko City fast wie im Fluge und wider Erwarten war das Umsteigen auch problemlos verlaufen. Eine kleine Propellermaschine brachte sie bis in die Nähe des Fundortes, wo eine kleine Landebahn zur Versorgung der Bevölkerung in den Wald geschlagen war, von dort aus mussten sie dann laufen. Doch jetzt musste Evren nicht mehr durch die Gegend irren, er wusste genau, wo es lang ging. Der Morgen war noch jung und so machten sie sich, nach einem Frühstück und einem Kleiderwechsel, auf in den Dschungel. Evren fühlte sich wie zu Hause. Er liebte diese Gegend.

Sobald sie im Dschungel waren, blieb Azhdahar stehen und holte tief Luft. „Fast wie Zuhause“, rief er und stieß einen lauten Schrei aus, so dass die Raubtiere der Umgebung wussten, dass er da war und sich fern hielten. Endlich fühlte er sich wieder gut, nach den Flügen und der schlechten Luft in Mexiko City fühlte er sich wirklich befreit und streckte sich.

„Wir werden das Portal bestehen lassen, du kannst also regelmäßig hier her kommen und die Jaguare erschrecken“, lachte Evren und schüttelte den Kopf. Azhdahar war eben doch ein Prinz und ein Platzhirsch noch dazu. „Aber nun hast du gut gebrüllt, Löwe, komm, wir haben noch ein paar Meter vor uns.“ Evren war neugierig, ob jemand sein Camp gefunden und geplündert hatte oder ob alles noch so war, wie er es unfreiwillig verlassen hatte.

„Jaguare. Große Streuners und genauso kratzbürstig“, lachte Azhdahar und folgte Evren. Er hatte keine Schwierigkeiten voran zu kommen und als der Dschungel unwegsamer wurde, ließ er sich die Machete geben und machte ihnen den Weg frei. Mit traumwandlerischer Sicherheit vermied er es, eines der Tiere, die ihren Weg kreuzten, zu verletzen. Am meisten faszinierten ihn die Schlangen, denn die gab es auf Gidoria nicht. Evren trieb ihn nicht zur Eile, er ließ ihm die Zeit und machte auch für Arlan reichlich Bilder von Tieren, die sie aufscheuchten. Genauso von denen, die tapfer sitzen blieben und hofften, nicht gesehen zu werden.

Sie kamen etwas langsamer voran als erwartet, doch so hatte Evren noch ein bisschen mehr Zeit darüber nachzudenken, ob auch er ein Drache werden wollte. Das Bild des wütenden Azhdahars hatte ihm damals ziemliche Angst gemacht, so wollte er eigentlich nicht aussehen. Grübelnd folgte er seinem Gefährten.

Nach ein paar Stunden machten sie Rast und Azhdahar stieß die Machete in den Boden. Vor ihnen lag ein umgestürzter Baum, auf dem sie sich niederlassen konnten. „Was essen, Schatz? Ich brauche was zu trinken, auf jeden Fall.“ Er nahm Evren den Rucksack ab, denn der trug den Proviant, er selbst hatte ihre restliche Ausrüstung übernommen. Er hielt Evren eine Box mit dem vegetarischen Essen hin und runzelte die Stirn, weil Evren ihn nicht beachtete. „Was ist los, Schatz?“, fragte er und zog ihn zu sich.

„Ich bin unsicher“, gab er zu, denn genauso wie es keinen Sinn hatte, wenn Azhdahar versuchte ihn zu belügen, klappte das umgekehrt auch nicht. „Ich weiß, du würdest dich freuen, wenn ich dir ähnlicher würde, das hätte viele Vorteile. Vor allem, weil du auf Gidoria wieder mehr Kraft haben wirst und trainieren willst. Da wäre es gut, wenn ich robuster wäre, aber ich bin ein Mensch. Plötzlich zum Drachen zu werden und Hörner zu haben und Schuppen und...“ Evren wurde immer schneller und immer lauter, er war aufgelöst.

Erschrocken sah Azhdahar ihn an und fing schließlich die rudernden Hände ein. „Evren, Schatz, beruhige dich“, sagte er weich und zog Evren auf seinen Schoß. Beruhigend strich er ihm durch die Haare und nahm schließlich sein Gesicht zwischen seine Hände. „Ich liebe dich, so wie du bist“, sagte er deutlich und unterstrich seine Worte noch mit Küssen. „Es war nur eine Überlegung, die es dir leichter machen könnte. Du musst das nicht tun und ich wäre auch nicht enttäuscht. Robuster wirst du so und so, denn deine Selbstheilung wird sich meiner angleichen. Es dauert nur ein wenig.“

„Aber wir haben nur diese eine Chance. Wenn die Umagal durch ist und ich es verpasst habe, wird sich das nie wieder ändern lassen. Und außerdem will ich nicht, dass du immer auf mich Rücksicht nehmen musst. Du willst trainieren und du machst das gern. Die anderen werden lachen, wenn du dich zurücknimmst, weil mir etwas passieren könnte. Das ist Mist.“ Evren starrte auf den Boden vor sich, weil er sich immer noch bescheiden fühlte. „Ich will nicht, dass du noch ewig warten musst, bis ich mich angeglichen habe.“

Azhdahar tat es in der Seele weh, Evren so zu sehen, aber er war unwahrscheinlich gerührt, dass sein Liebling sich Sorgen um ihn machte und nicht um sich selbst. „Ganz so ist es nicht, Schatz. Was hindert uns daran, irgendwann, wenn du bereit bist, wieder hier her zu kommen und gemeinsam durch das Tor zu gehen. Du bekommst dann automatisch Blut von mir und der Umagal und ich von dir und bis es soweit ist, passen wir einfach auf. So schlimm wird das nicht.“

„Sicher?“, fragte Evren skeptisch und nickte dankend, weil Azhdahar ihm Wasser entgegen hielt. „Na gut, wenn das doch noch nachträglich zu machen geht, dann bin ich etwas beruhigter“, sagte er und grinste. „Aber wenn die ollen Blödies im Training über dich lachen, dann musst du das sagen. Dann müssen wir was machen.“ Oder er hetzte einfach Streuner auf die Bande, die würden sich noch umgucken!

Es war ziemlich sicher, dass keiner es wagen würde zu lachen, aber das sagte Azhdahar nicht. Er fand es viel zu schön, wie Evren sich um ihn Sorgen machte. „Machen wir das so.“ Er strich Evren noch einmal über die Wange und trank durstig selber etwas. Erst dann öffnete er die Dose mit dem Trockenfleisch und nahm sich ein paar Streifen raus. „Brot?“, fragte er, denn das hatten sie noch eingekauft, bevor sie los geflogen waren.

„Ja.“ Evren nickte und wirkte wesentlich erleichterter als eben noch. Nun spürte auch er den Hunger und fing an zu essen. Er hatte sich eine Tupperschüssel voll gebratenem Gemüse zu Recht gemacht und in die Reisetasche geschmuggelt. Es wunderte ihn sowieso, dass man das nicht beanstandet hatte. Doch jetzt ließ er es sich schmecken und blickte nebenbei immer wieder auf Karte und GPS. Nur gut, dass er die genauen Koordinaten im Kopf hatte, denn sie waren nirgends verzeichnet. Außer ihm kannte sie nämlich noch keiner.

„Sag mal, Kleiner“, fing Azhdahar an, schluckte aber erst runter, bevor er weiterredete. „Was machst du eigentlich, wenn dein Grünfutter alle ist und wir noch keine Umagal haben? Jagen ist kein Problem, aber das isst du ja nicht.“ Er sah Evren an und schlug sich dann grinsend vor die Stirn. „Entschuldige, ich habe ja deinen persönlichen Käsebällchen Bringservice vergessen.“

„Eben“, lachte Evren und grinste seinen Freund an. Er lehnte sich übermütig gegen ihn und erklärte nebenbei, dass man sich im Dschungel auch ernähren kann, wenn man weiß, was man essen kann und wovon man die Finger lassen sollte. „Aber mir ist es lieber, wenn Arlan mich versorgt. Da weiß ich, dass es nicht giftig ist und leckerer ist es außerdem.“ Zufrieden wischte er sich die fettigen Finger an der Hose ab, ehe er Azhdahar damit über das Gesicht strich.

Azhdahar fing die Finger mit den Lippen ein und leckte darüber. „Aber teilen willst du mit mir immer noch nicht“, murrte er gespielt, denn bei seinem Lieblingsfutter war Evren immer noch sehr eigen und überhaupt nicht großzügig. „Wirst du sie nicht langsam leid?“

„Das leckere Zeug?“ Evren blickte seinen Freund entsetzt an. „Wie kann man so was leid werden? Du isst doch auch deine Schokolade und hast sie noch nicht über.“ Evren konnte nicht einmal die Frage verstehen - es gab einfach nichts Besseres und neben Azhdahar waren die Käsebällchen einer der Gründe, warum er nach Gidoria wollte. „Ich verstehe dich nicht, Drachi, echt nicht.“ Und schon raffte er die letzten paar Bällchen an sich, gab aber großzügig dann doch einen ab. Aber wirklich nur einen.

„Ich frag nicht mehr.“ Azhdahar besah sich seine kümmerliche Beute, aber damit er die nicht gleich wieder weggenommen bekam, steckte er sich die kleine Kugel in den Mund. „Sollen wir weiter und wie weit ist es noch?“, fragte er kauend und legte seinen Kopf auf Evrens Schulter. Er linste auf das GPS, aber konnte nichts damit anfangen.

„Es sind jetzt noch fünfzehn Kilometer. Wenn wir nicht mitten im Dschungel schlafen wollen“, sie hatten nämlich kein Zelt mitgenommen, weil sie hofften, dass Evrens altes Zelt

noch da war, „sollten wir nicht lange rasten. Der Weg ist beschwerlich und wenn die Sonne untergeht, ist es stockdunkel.“ Nichts, was man unbedingt provozieren sollte.

„Dann los.“ Der Prinz klapste Evren auf den Hintern und stand auf, so dass sein Freund von seinem Schoß rutschte. Die Nacht mit Evren zusammen in einem Zelt war ein Lockmittel, dem er nicht widerstehen konnte. Drum packte er auch schnell alles wieder ein, ließ nur zwei Wasserflaschen draußen. „Fertig“, rief er nach ein paar Minuten, in denen Evren sich nicht bewegt hatte und zog die Machete aus dem Boden.

„Schade“, sagte Evren und lachte, erhob sich aber langsam. Er hatte es genossen, Azhdahar zuzusehen. Auch wenn es albern war und kitschig klang, doch er konnte von seinem Prinzen nicht genug bekommen. Im Augenblick verspürte er sowieso schon den Drang, ihn zu greifen und gegen einen der Bäume zu drücken, doch es fehlte die Zeit. Also seufzte er und folgte Azhdahar, der langsam losgelaufen war.

So kämpften sie sich durch den teilweise ziemlich dichten Dschungel, nur von kleineren Pausen unterbrochen. Sie teilten sich die Arbeit an der Machete so, dass sich jeder einmal erholen und den Anblick vom Rücken und dem Hintern des anderen genießen konnte.

Azhdahar sah sich zu Evren um und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Selbst er, der dieses Klima gewohnt war, war schweißgebadet. Es wurde langsam Abend und sie hatten nicht mehr viel Zeit, das Camp zu erreichen, aber zum Glück waren sie gut vorangekommen. So lange es hell gewesen war, hatten sie für Arlan noch Bilder gemacht, doch jetzt mussten sie sich sputen.

„Es sollten nur noch ein paar Schritte sein“, murmelte Evren und strengte sich an, etwas zu erkennen. Er lief hastig vorweg, leuchtete mit der Taschenlampe auf den Weg. Langsam kam ihm alles bekannt vor und er wurde noch schneller. Er war neugierig und angespannt. Innerlich hatte er beschlossen, sollte das Zelt nicht da sein, benutzten sie das Portal und schliefen bei ihm zu Hause. Das wäre sicherer. Doch dann...

„Da! Das Zelt!“

„Gut.“ Azhdahar war erleichtert und ließ seinen Rucksack neben das Zelt fallen. Etwas skeptisch sah er auf das kleine Gebilde, das nicht für zwei Personen gedacht war. „Du bist dir sicher, dass wir zwei da rein passen?“, fragte er grinsend, war sich aber sicher, dass sie das schafften. „Gibt es in der Nähe etwas, wo man sich waschen kann?“ So verschwitzt wollte er sich nicht hinlegen, auch wenn sie nach kurzer Zeit wieder so sein würden.

„Ja, da drüben ist ein kleiner Bachlauf. Er mündet in den Altar. Man kann es auch trinken. Es kommt aus einer Quelle aus der Nähe. Wasch dich, ich such schnell mein ganzes Zeug zusammen, was ich hier noch finden kann.“ Evren war gleich dabei sich umzusehen und zu retten, was noch zu retten war. Nebenbei untersuchte er das Zelt gründlich auf Ungeziefer. Man wusste ja nie.

„Nein, ich helfe dir, dann geht es schneller und wir gehen gemeinsam.“ Azhdahar wollte nicht, dass Evren nachher womöglich alleine durch den Dschungel lief. Er half alles, was sie noch fanden, einzusammeln. „Viel ist es ja nicht, was noch da ist. Gut, dass wir es nicht unbedingt brauchen.“ Er lehnte an einem Baum und beobachtete Evren, der halb im Zelt hing und Spinnen suchte. Dabei wackelte der runde Hintern hin und her, weil Evren in jede Ecke leuchtete.

Mit einer Decke bewaffnet wollte er die Biester verscheuchen, reichte dann aber alles Schlafzeug nach draußen. „Hier, schüttle das mal aus. Nicht das wir nachher unangenehmen Besuch haben“, rief er zu Azhdahar. Kurz fragte er sich, warum sie nicht einfach das Portal aufbauten und zu Hause schliefen, doch das war irgendwie nicht dasselbe. Zum Abenteuer gehörte das Zelt und das war so schön eng, dass sie sich die ganze Nacht berühren mussten. Evren grinste wieder dümmlich.

„Okay.“ Der Prinz schüttelte alles gründlich aus und untersuchte die Decke und das Kissen dann noch genau nach Krabbelviechern. Irgendwie war es ja schon lustig, wie sehr sein Freund sich vor Insekten ekelte, aber immer wieder genau dort hin fuhr, wo Millionen davon zu finden waren. „Alles okay.“ Er reichte Evren das Bettzeug und schnippte ganz nebenbei zwei Spinnen zur Seite, die gerade über Evrens Beine ins Zelt kriechen wollten.

„Gut“ Evren war ebenfalls fertig, warf schnell das Bettzeug rein und machte den Reißverschluss vom Zelteingang zu, damit nicht doch noch jemand da drinnen Quartier bezog. „Gehen wir uns Waschen“, schlug er vor und blickte auf sein niedergebranntes Feuer. Ob es sich lohnte, es zu entfachen? Oder brannte dann der Wald ab, während er schlief? Er ließ es bleiben. Alles was er wollte, war schlafen.

Azhdahar hielt ihm die Hand hin und zog ihn hoch. „Ich liebe dich“, murmelte er leise und küsste Evren. Das war den ganzen Tag über eh zu kurz gekommen. Aber jetzt, wo sie ihr Lager erreicht hatten, brauchte der Prinz einfach die Nähe seines Gefährten. „Ziehen wir uns gleich hier aus, dann können wir unsere Sachen gleich verstauen und sie werden nicht gestohlen.“

„Lustmolch“, lachte Evren, doch er hatte nichts dagegen. Im dämmrigen Schein der kleinen Lampe sah Azhdahar sowieso völlig anders aus. Er wirkte jetzt mehr wie ein Drachenprinz, ohne dass er sich verändert hatte. Verliebt schob Evren seine Hände in die Haare seines Freundes und störte sich nicht daran, dass sie verschwitzt waren - warum auch? Er mochte diesen Geruch, es zog ihn animalisch an. „Los, runter mit den Klamotten, Schatz“, grinste er frech und machte sich an Azhdahars Hose zu schaffen. Dass er mitten im Dschungel stand, ignorierte er dabei.

„Solange ich dein Lustmolch bin.“ Azhdahar küsste Evren noch einmal auf die Nasenspitze, dann machte er es ihm nach und schälte ihn aus seinen Klamotten. Das Hemd fiel zu Boden und auch das Shirt. Zeitgleich verloren sie ihre Hosen und standen sich nur noch mit einer Shorts bekleidet gegenüber. „Wo lang?“ Azhdahar nahm Evrens Hand und verschränkte ihre Finger.

„Willst du das da anlassen? Angst dass dir die Fische was abbeißen oder was?“, lachte Evren und warf auch noch seine Unterhose auf den Stapel, ehe er sich bückte um alles zu raffen und ins Zelt zu werfen. Verschmitzt sah er zu Azhdahar zurück.

„Ich dachte, du kümmerst dich darum“, grinste der Drache zog sie aber dann doch selber aus. Allerdings nicht einfach so schnell wie Evren, sondern er machte eine kleine Show daraus. Er drehte sich dabei, damit Evren auch alles gut im Blick hatte, aber letztendlich landete sie doch im Zelt, wie die anderen Sachen. Er musste nicht einmal tasten, denn Evren hatte den Weg der Unterhose mit dem Lichtstrahl der Lampe nachgezeichnet. Nun grinste er und ließ sich wieder auf die Füße ziehen. Auf Schuhe verzichteten sie lieber nicht. Man wusste nie, wer einen in den Zeh biss.

Noch ein letzter Kuss, dann liefen sie zur Quelle, denn Evren gähnte immer wieder, wenn er es auch zu verstecken suchte.

Das kühle Wasser des Bachlaufs war einfach nur herrlich und Azhdahar ließ sich schließlich ins Wasser fallen und streckte alle Viere von sich. „Anders als mein Wasserfall, aber durchaus ein Ort, an dem man sich wohl fühlen kann“, seufzte er zufrieden, genoss es aber nur kurz, denn Evren gähnte nun immer öfter. Darum zog er ihn an sich und schöpfte Wasser mit den Händen, das er über Evren laufen ließ. „Gehen wir schlafen“, sagte er schließlich und lächelte.

„Ja, gehen wir schlafen und morgen suchen wir dein Haustier und hoffen, dass es sich mit Streuner verstehen wird“, nuschelte Evren. Er lehnte sich gegen Azhdahar, doch zu mehr als einem Kuss war er nicht mehr in der Lage, auch wenn es ihn noch so ärgerte. Also gingen sie im Schein der Lampe langsam zum Zelt zurück und krochen hinein. Sie arrangierten sich noch ein wenig, bis jeder Platz und einen Zipfel von der Decke hatte. „Du bist das beste, was mir je passiert ist“, nuschelte Evren und legte seinen Kopf auf Azhdahars Schulter, langsam döste er ein.

„Du bist mein Leben“, erwiderte der Prinz noch leise und küsste Evren auf die Schläfe und strich lächelnd durch Evrens Haare, bis sein Gefährte eingeschlafen war. Er war auch müde, aber er lauschte noch ein wenig in die Dunkelheit. Der Dschungel hier hörte sich anders an, als auf Gidoria, aber es gab doch viele Parallelen. Auch hier herrschte niemals Ruhe und die wirklich gefährlichen Raubtiere gingen jetzt auf Jagd, aber hier waren sie sicher, darum schloss auch der Prinz seine Augen und schlief ein.



+++



Die Sonne musste schon weit am Himmel empor gekrochen sein, denn es war sehr hell im Zelt, als Evren endlich die Augen aufschlug. Kurz sah er sich um und grinste, als er Azhdahar unter sich sah. Es war das gleiche Bild wie die letzten Morgen auch und so beschlich ihn auch das gleiche Gefühl von Wärme und Zufriedenheit. „Guten Morgen, mein Herz.“ Nicht einmal die unbequeme Lage konnte ihm wirklich die Laune verderben. Sacht küsste er seinen Geliebten und strich ihm über das schlafende Gesicht, ehe er versuchte, ohne viel Geruckel, aus dem Zelt zu kriechen und sich anzuziehen.

Der Reißverschluss vom Zelt zippte leise und er kroch auf allen Vieren hinaus, suchte Shorts und Schuhe dabei und richtete sich erst einmal auf. Doch er verharrte in der Bewegung. Das träumte er jetzt oder? „Azi!“, rief er und wusste nicht, ob er lachen oder sich die Augen reiben sollte.

Er musste noch einmal rufen, bevor sich im Zelt etwas regte. „Hmm?“, brummte der Prinz verschlafen und gähnte erst einmal herzhaft. Mit noch geschlossenen Augen tastete er neben sich und machte die Augen erst auf, als er Evren nicht finden konnte. „Was 'n los?“, nuschelte er und streckte den Kopf aus dem Zelt.

„Komm gefälligst her. Ich glaube, dein Hofstaat hat sich gerade um unser Zelt versammelt“, murmelte Evren, der sich immer noch ungläubig umsah. Auf allen Bäumen, die das Zelt umgaben, hockten Umagals. Wo um alles in der Welt kamen die ganzen Echsen her? Und alle guckten ihn so komisch an. Das wurde Evren unheimlich und er zog sich lieber weiter an, während er - egal wo er hin sah - immer neue Umagals erblickte. Was passierte hier, verdammt noch mal?

„Mein Hofstaat?“ Der Prinz war eindeutig noch nicht wach, aber er kroch aus dem Zelt und stellte sich hinter Evren. Er wollte sich gerade vorbeugen und seinem Schatz einen Kuss auf die nackte Schulter geben, als er mitten in der Bewegung verharrte. Ungläubig riss er die Augen auf. „Umagals – überall.“ Er drehte sich einmal um sich selbst und zuckte ein wenig, als eine der kleinen Echsen dicht vor ihm auf das Zelt sprang und ihn mit schief gelegtem Kopf ansah.

„Ich glaube, die mag dich“, lachte Evren, der das immer noch nicht fassen konnte. Langsam, um sie nicht zu verschrecken, holte Evren die kleine Kamera, mit der er immer noch für Arlan alles aufzeichnete, was wichtig sein könnte und filmte die Unmengen an Umagals. Das mussten hunderte sein. Überall kleine, glänzende Leiber mit grünen Tupfen.

Am eindringlichsten beguckte er sich aber das vorwitzige Tier, das nun auf dem Zelt saß und den Prinzen musterte, gerade so, als würde sie überlegen, ob der Drache gut genug für sie wäre. Evren musste zwangsläufig lachen und so fragte er das kleine Tier, ob es sich nicht entscheiden könnte.

Wie zur Antwort schüttelte sie mit dem Kopf, fixierte aber gleich wieder Azhdahar, der grinste. „Ach komm, Kleine, ich bin der Prinz. Einen besseren Drachen als mich wirst du nicht kriegen“, lachte er leise und streckte vorsichtig eine Hand nach ihr aus. Er rechnete nicht damit, dass er sie berühren konnte, denn schließlich war die Echse ein wildes Tier, das sich normalerweise nicht berühren ließ, aber diese kleine Schönheit sah das wohl anders und flitzte am Arm des Prinzen hoch, bis zur Schulter, wo sie sich gleich zwischen den langen Haaren versteckte.

„So, womit das auch geklärt wäre“, lachte Evren und guckte die anderen Echsen an. Auch die schienen begriffen zu haben, was passiert war und zogen sich langsam zurück. Überwältigt von dem Bild filmte er eifrig für Arlan. Das mussten sie unbedingt noch einmal untersuchen. „Eigentlich könnten wir jetzt alles raffen und durchs Portal gehen oder?“, sagte er nachdenklich und guckte dem nackten Prinzen und seinem neuen Haustier zu.

„Ja, eigentlich schon.“ Azhdahar kicherte, weil die spitzen Krallen auf seiner Haut kitzelten, als die Umagal auf ihm herumkletterte, wie auf einem Baum. Sie brachte dabei seine Haare vollkommen durcheinander, so dass sie ihm ins Gesicht fielen. Darum fing er sie ein und wunderte sich noch einmal, dass das Tier keinerlei Angst zeigte. „Aber vorher ziehe ich mir noch was an oder?“ Mit so einer Entwicklung hatte keiner gerechnet. Vielleicht sollten sie das ab jetzt immer so machen, dass die Drachen hierher kamen und sich ihre Umagal aussuchten. Auf jeden Fall sollten sie mit den Wissenschaftlern darüber reden.

„Ja, wenn du nicht willst, dass deine Mutter dich wieder mit ihren großen Flügeln umschlingt und jeden anfaucht, der lacht, zieh dir bitte was über.“ Auch wenn es Evren nicht gestört hatte, seinen Freund noch eine Weile so zu sehen - wenn ihn allerdings alle anderen auch so sehen sollten, war das schon etwas anderes. Schnell stellte er eine Verbindung zu Arlan her - er musste jetzt mit ihm reden, damit er mit dem Portal nichts falsch machte.

Dabei behielt er aber Azhdahar im Blick, der sich anzog, immer wieder behindert von seinem neuen Haustier, das flink über ihn kletterte und schließlich auf dem Kopf des Prinzen thronte. Es sah fast aus, als wenn sie grinste, als sie zu Evren runter blickte und zischelte. Er wurde aus seinen Betrachtungen gerissen, als Arlan sich meldete und fragte, wie es ginge.

„Frage nicht - und ihr sagt immer, es gäbe kaum noch Umagals. Es gibt hunderte.“ Er legte gleich den Speicherchip auf den Transporter, damit Arlan sehen konnte, was er meinte. „Und der Prinz hat sein Haustier schon. Wir werden also gleich zurückkommen und deswegen musst du mir jetzt erklären, wie ich das Portal aufbauen muss, damit du mir das große schicken kannst, durch das ich schlüpfe, während Azhdahar und sein kleiner Freund durch das Ringportal gehen, damit das Blut sich mischt“, erklärte Evren eilig und raffte schon nebenbei alles zusammen, was er nicht hier lassen wollte.

„Wie, hunderte?“ Arlan wirkte ein wenig überfordert, aber er fing sich schnell. „Ihr kommt schon zurück, dann muss ich alles vorbereiten.“ Man konnte sehen, wie der junge Wissenschaftler durch die Gänge lief und einige Kollegen antrieb, den Transporter neben dem Käfig aufzubauen. „Wir bereiten hier alles vor und du meldest dich noch einmal, wenn ihr am Portal seid, okay? Bis gleich.“ Arlan winkte noch einmal und trennte die Verbindung, Er hatte zu tun.

„Tja“ Evren zuckte die Schultern und guckte zu Azhdahar. „Und wie baue ich das Ding jetzt so auf, dass ich auch auf Gidoria ankomme?“, fragte er, weil der Wissenschaftler ihn einfach sitzen gelassen hatte. Vielleicht hätte er die Info: „Prinz kommt heim“, nicht gleich preisgeben sollen, sondern erst mal dafür sorgen, dass er Hilfe bekam. Da saß er nun.

„Hey, Süßer.“ Azhdahar kam zu Evren rüber und küsste ihn sanft. „Wir packen zusammen und gehen zum Ringportal. Dort rufst du Arlan, der dir sagt, was du machen musst und dann gehen wir nach Gidoria. Wir sollten eh einen Platz suchen, wo der Transporter etwas geschützt ist.“ Er pflückte sich die Echse vom Kopf und hielt sie Evren hin. „Umi, das ist Evren. Vertragt euch.“

„Umi? Hat er dich armes Vieh echt Umi getauft? Alle Umagals werden über dich lachen“, sagte Evren dem kleinen Tier und strich über die seidig weichen Schuppen. Warum hatte er Tiere dieser Art vorher noch nie gesehen? In keinem Zoo, in keinem Buch. Kannten die Menschen sie gar nicht? „Möchtest du nicht lieber Jochen oder Karl-Eduard heißen“, lachte Evren und küsste Azhdahar übermütig, während Umi nun auf ihm herum krabbelte.

„Nein, möchte sie nicht, denn sie ist ein Mädchen.“ Jetzt wo Umi Evren erkundete, packte er alles zusammen. „Die Kleine scheint Haare zu lieben“, lachte Azhdahar, als die Echse auch Evrens Kopf vollkommen durcheinander brachte. „Sie scheint dich zu mögen, aber sie soll es ja nicht wagen, dich zu küssen, denn das darf nur ich.“ Er streichelte sie und sie krabbelte gleich wieder zu dem Prinzen zurück.

„Hast du etwa schon nachgesehen, ob sie ein Junge oder ein Mädchen ist? Du bist ja schnell!“ Evren schüttelte lachend den Kopf und befand, dass man eine weibliche Echse vielleicht Umi nennen könnte. Schließlich hieß Streuner eigentlich auch nur Streuner, weil er immer vor der Tür herum gestromert war, bis Evren ihn zu sich genommen hatte. So einen kleinen Kater konnte man ja schlecht sich selbst überlassen. Einen richtigen Namen hatte der Kleine nie bekommen, aber das änderte nichts daran, dass er das Tier liebte.

„Musste ich gar nicht extra nachsehen, das sieht man so. Die Männchen sind etwas dunkler und sie haben einen kleinen Kehlsack, den meine Süße nicht hat – also, ist sie ein Mädchen.“ Azhdahar sah sich um. Der Platz um sie war leer geräumt. Alles, was sie nicht mitnehmen wollten, war im Zelt verstaut. Sie konnten los. „Auf zum Portal. Ich bin echt schon gespannt.“

„Ja.“ Evren nickte. Er selber war viel zu nervös, um auf irgendetwas gespannt zu sein. Er musste erst einmal zusehen, wie sie zu einem Happy End kamen. Mit dem schweren Transporter in der Hand machte er sich also auf den Weg zum Altar, dort hin, wo alles begonnen hatte. Es fühlte sich komisch an.

Sie mussten nicht sehr weit gehen, da tauchte der halb unter Pflanzen verborgene Tempel auf, mit dem Altar davor. „Das ist beeindruckend“, murmelte der Prinz und schob einige Pflanzen weg, damit er besser sehen konnte. Vorsichtig strich er über den Altar. Selbst für ihn war es etwas Besonderes, denn diesen hatten seine Vorfahren schon vor sehr langer Zeit hier aufgestellt. Er wirkte ein wenig verwittert und hatte ein paar Sprünge, aber sonst war er für die Zeit, die er hier stand, noch sehr gut in Schuss. „Der Tempel wurde nicht von uns errichtet“, erklärte er, denn diese Bauweise war ihm völlig unbekannt.

„Davon gehe ich aus“, sagte Evren und stellte das Zeug ab. Schnell baute er den Kommunikator wieder auf und stellte die Portalplatte auf den Boden. Zwar hatten sie in seiner Wohnung schon einmal ein Portal eingerichtet, doch er war sich nicht sicher, ob er das allein hinbekam.

„Das haben wirklich die Azteken gebaut. Man hat sogar die Steinbrüche dafür gefunden“, erklärte er nebenbei und grinste, weil Azhdahar ziemlich kämpfen musste, damit Umi nicht schon durch den Ring sprang. Irgendetwas musste die Umagals anziehen.

„Hier geblieben, Süße“, lachte der Prinz schließlich und stopfte sich das Tier einfach unter das Hemd. Er hockte sich neben Evren und half ihm, das Portal betriebsfertig zu machen. „Arlan, du kannst das große Portal schicken, wir sind soweit“, rief er in den Kommunikator, als alles bereit war. Langsam wurde er auch nervös, denn nun dauerte es wohl nicht mehr lange und er wurde erwachsen. Was würde sich alles ändern? Würde sich überhaupt etwas ändern? Er wusste von anderen, dass es oft noch Tage oder Wochen dauern konnte, bis die Wandlung endlich einsetzte, weil das Blut erst wirken musste.

Evren zog ihn mit sich, etwas weiter von dem Portal weg, weil er wusste, dass das Reiseportal, um zwischen den Welten zu wandeln, um einiges größer und schwerer war, als das, was sie immer bei sich trugen, um schnell nach Hause gelangen zu können, wenn sie es mussten. Es dauerte keine Sekunde, da lag das glänzende Metall auch schon auf dem Boden des Dschungels und Arlan erklärte, was zu tun und wie die Edelsteinkristalle einzusetzen waren, damit sie ihre Energie bündeln und das Tor aktivieren konnten. Nun mussten sie noch den Code eingeben, der sie direkt in das Labor auf Gidoria brachte und dann war alles bereit.

Sie stellten alles, was sie mitnehmen wollten, auf den Transporter. Azhdahar hatte Arlan noch einmal eindringlich erklärt, dass sie Umi gleich aus dem Käfig holen mussten, damit er nicht auf sie fiel, wenn er ebenfalls durch das Portal ging.

Nun war es so weit. Der Prinz zog Evren an sich und küsste ihn. Er brauchte noch etwas Nähe und die Hoffnung, dass sie sich auf Gidoria unbeschadet wieder trafen. „Ich liebe dich“, murmelte er noch leise, dann machte er sich los und ließ Umi frei, die gleich auf den Altar hüpfte und ohne zu zögern durch den Ring ging. Man sah noch kurz die kleinen Blutstropfen auf ihrer linken Flanke, als sie sich ritzte, dann war sie verschwunden.

„Jetzt.“ Azhdahar streckte seinen Arm durch den Ring und sah noch einmal zu Evren, ob der auch so weit war, dann ritzte er sich und ließ sich von der Schwärze umfangen, im gleichen Augenblick war Evren durch das Tor getreten. Wie beim letzten Mal wurde er auch jetzt ohnmächtig, doch es dauerte nicht lange. Das Blut seines Drachen hatte ihn widerstandfähiger gemacht und so sah er sich um, aber er war allein. Was war passiert?

Hektisch sah er sich um. Nichts und niemand nahm Notiz von ihm. Er hörte nur Stimmen und ein großes Hallo für den Prinzen, also folgte Evren langsam den Stimmen. Er sah viele weiß gekleidete Gestalten, die sich um eine Person scharrten, aber auseinander geschoben wurden.

„Wo ist Evren? Ist er da?“, rief Azhdahar und machte sich frei. Er hatte erwartet, Evren zu sehen, wenn er aufwachte und nun bekam er Panik. Er stürmte los und wäre bald noch in seinen Freund hineingelaufen, der ihm entgegen kam. „Evren! Geht es dir gut?“, fragte er und schloss fest seine Arme um ihn. Es hatte geklappt. Sie waren beide auf Gidoria angekommen.

„Ja, alles im grünen Bereich. Ich war nur irgendwie allein da hinten in dem Raum und da dachte ich, ich suche dich eben. Na, Umi? Jetzt hast du das Prinzlein am Bein. Ob das die richtige Entscheidung war?“, lachte er und lehnte sich gegen seinen Gefährten, egal wie der Rest sie anstarrte. „Wie fühlst du dich? Ist was anders?“, wollte er wissen und suchte mit den Augen Arlan.

„Im Moment bin ich einfach nur froh, dich wiederzuhaben.“ Sanft strich der Prinz durch Evrens Haare und küsste ihn. „Meine Eltern kommen“, murmelte er leise, unterbrach den Kuss aber nicht. Seine Eltern sollten gleich sehen, was los war, genauso wie alle anderen. Das ersparte ihm viele Erklärungen. Als wirkliches Problem sah er es nicht, denn Beziehungen unter Gleichgeschlechtlichen gab es zwar nicht so sehr viele auf Gidoria, aber sie wurden akzeptiert.

Allerdings zuckte Evren zusammen, als sich der König räusperte, weil er dieses Verhalten nicht dulden wollte. „Dafür habt ihr nachher auch noch Zeit“, begrüßte er die Zurückgekehrten, doch seine Frau stieß ihm in die Seite. Ihr Baby war zurück, da sollte man sich freuen und ihn nicht gleich ruppig anfahren.

„Schatz, erzähl - wie war es“, kam sie freudig auf ihren Jungen zugelaufen und die Umagals der Herrscher flitzten zu Azhdahar, um auch ihren Neuzugang zu beschnuppern.

„Völlig anders, als wir gedacht haben.“ Evren immer noch im Arm haltend drehte Azhdahar sich zu seiner Mutter und ließ sich drücken. „Da hat sich aber einiges verändert, seid ihr aufgebrochen seid“, lachte sie und musterte Evren. Sie strich ihm über die Wange und signalisierte so, dass sie die Wahl ihres Sohnes akzeptierte, aber dann rümpfte sie die Nase. „Mein Sohn, du stinkst, gelinde gesagt“, sagte sie und schnupperte auch an Evren. „Puh, duschen und dann kommt ihr zu uns.“

„Äh, ja.“ Evren nickte und senkte den Kopf. Er wurde doch tatsächlich rot!

„So, alle haben gesehen, dass der Prinz mit seiner Umagal da ist, ab an die Arbeit!“ Arlan breitete die Arme aus und scheuchte die Drachen wieder an ihre Plätze - ein bisschen auch aus Eigennutz, denn er wollte nun ein paar Fragen stellen. Aber dazu kam er nicht, weil Evren gleich seinen Rucksack griff, um sich zu duschen, doch da fiel etwas aus der Tasche und er guckte nicht schlecht.

„Hey, ein blinder Passagier“, lachte Azhdahar und ging in die Hocke. Vor ihnen, auf dem Boden, saß eine junge Umagal, deutlich kleiner als Umi und wirkte ein wenig ängstlich, so wie sie sich umsah. „Wo kommst du denn her?“, fragte er weich und streckte vorsichtig eine Hand nach ihr aus, aber sie zischelte nur leise und flitzte auf Evren zu, hangelte sich an ihm hoch und verkroch sich unter seinem Hemd, um sich zu verstecken.

„Hoppla.“ Evren zappelte verwirrt, doch dann guckte er sich selber unter das Hemd. „Na?“, fragte er und grinste Azhdahar dann an. „Sieht wohl so aus, als hätte ich nun auch einen kleinen Freund“, grinste er und ließ das Tierchen erst einmal, wo es war, damit es sich beruhigen konnte. Sie einfach zurückschicken konnte er jetzt irgendwie auch nicht.

„Gehen wir duschen und gucken, ob das kleine Tier hier bleiben will.“ Evren wandte sich immer wieder ein bisschen, denn die kleinen Krallen auf der Haut waren ungewohnt. Man konnte sehen, wie es unter dem Hemd umherkrabbelte und ab und zu steckte sie ihren Kopf heraus, verschwand aber gleich wieder. „Ich glaube, sie hat sich dich ausgesucht, wie Umi mich. Sie möchte bestimmt nicht wieder zurück.“

Langsam gingen sie die Gänge entlang zu Azhdahars Räumen. „Sie haben die Tür repariert“, lachte er. „Jetzt kannst du wieder in deiner Kammer schlafen.“

„Ja, eine gute Idee“, neckte Evren. Sie wussten beide, dass das nicht passieren würde, weil entweder Azhdahar mit in die Kammer zog oder er seinen Gefährten mit in sein Bett zerrte. Aber das hinderte Evren ja nicht daran, seinen Drachen zu ärgern. „Nachher muss ich erst mal das Portal ausprobieren und bei mir ein paar Klamotten holen und Streuner“, überlegte Evren und griff, wie selbstverständlich, Azhdahars Hand, um ihn mit sich ins Bad zu ziehen.

Seine Tasche einfach fallen lassend, wo er gerade stand, zog Azhdahar Evren erst einmal zu sich, dabei tippte er kurz eine Bestellung an die Küche, denn schließlich hatten sie noch nicht gefrühstückt. Bevor er zu seinen Eltern ging, musste er unbedingt etwas essen. „Duschen und dann ein wenig essen und dabei entspannen“, bestimmte er. „Dann gehen wir zu meinen Eltern und danach lass ich mich vielleicht überreden, Streuner in mein Reich zu lassen.“ Er grinste, weil Evrens Echse aus dem Kragen guckte und lockte sie zu sich. „Dem kleinen Kerl hier musst du auch noch einen Namen geben. Ist ein Junge.“

„Ein Junge also.“ Doch als Evren nach ihm greifen wollte, war der kleine Kerl schon wieder in den Weiten des Hemdes verschwunden. „Wie hält man sie? Haben sie Höhlen? Wo schlafen sie? Was fressen sie?“ Er wollte da ja nichts falsch machen, als er vorsichtig das Hemd aus der Hose löste, um die kleine Umagal auf eine der Liegen im Bad zu setzen, damit sie nicht in der Dusche ertrank oder aus Versehen mit der Schmutzwäsche entsorgt wurde. Über Streuner mussten sie nicht reden, er wusste, dass Azhdahar nachgeben würde - die beiden Sturköpfe brauchten sich, ob sie das nun zugeben würden oder nicht.

„Das ist unterschiedlich. Die meisten leben bei ihren Drachen. Sie bekommen eine Art Kiste, als Höhlenersatz, wo sie schlafen und sich zurückziehen können. Kann ich dir nachher bei meinen Eltern zeigen. Aber eigentlich können sie sich frei bewegen. Unten am Berg gibt es ein großes Freigehege für sie, wo sie klettern und all die Dinge machen können, die Umagals eben so machen. Sie sind Vegetarier, wie du, am liebsten mögen sie Obst und Gemüse.“ Azhdahar setzte Umi zu der kleinen Echse, die sich gleich beschnupperten und dicht nebeneinander legten.

„Na ja, wenigstens scheinen sie sich zu mögen“, überlegte Evren, als er die Echsen beobachtete. Wer hätte gedacht, dass er so schnell zu einem Haustier kommen würde. Mal sehen, was Streuner dazu sagte, wenn er anstelle von einem, jetzt drei Drachen um sich hatte? Doch daran konnte er denken, wenn es so weit war - im Augenblick wollte er duschen und Azhdahar nackt sehen, um ein bisschen an dem stattlichen Körper herum zu spielen - das hatte er nämlich sträflichst vernachlässigt in den letzten Stunden.

„Ja, sie sind sehr gesellig und verspielt.“ Azhdahar sah noch einmal zu den Echsen rüber, aber dann ließ er sie sich beschnuppern, denn er hatte ähnliche Gedanken, wie Evren. Durch den Flug und den anstrengenden Tag gestern, hatte sie nicht wirklich Zeit für sich gehabt. Er wollte seinen Geliebten wieder im Arm halten, ihn küssen und berühren. Er merkte es körperlich, wenn sie länger nicht zärtlich zueinander waren. Es war wie ein Ziehen, das stündlich schlimmer wurde. An ihrer Bindung hatte sich - wie geahnt - trotz des Blutes der Umagal nichts geändert.

„Na, warum denn so schüchtern“, lachte der nackte Evren, dem es eindeutig nicht schnell genug ging, wie Azhdahar die Kleider ablegte. Also half er nach und küsste sich dabei über den Körper seines Drachen. Er verstand gar nicht, was dessen Mutter gehabt hatte, er roch doch lecker - verlockend, anregend.

Mutternasen waren wohl anders konstruiert. Mit geschlossenen Augen lehnte der Prinz sich gegen die Wand der Dusche und genoss die Küsse, die Evren auf seinen Schultern und Hals verteilte. „Das habe ich so vermisst“, murmelte er leise und sah Evren dabei wieder an. „Bei uns gibt es so etwas ähnliches, wie bei euch auf der Erde die Ehe. Ein Bund, zwischen zwei Drachen, die sich lieben. Könntest du dir vorstellen, diesen Bund mit mir einzugehen?“, fragte er leise und unsicher, denn er wusste nicht, was Evren davon hielt.

Irritiert hielt der inne und sah zu Azhdahar hoch. „Ist das dein Ernst? Du willst mich wirklich ein Leben lang an deiner Seite haben? Und es wird ein sehr langes Lebenslang sein“, grinste er schief, doch seine Augen leuchteten. Er hatte an derartiges noch keinen Gedanken verschwendet, doch jetzt schämte er sich dafür, dass Azhdahar der einzige war, der darüber nachgedacht hatte. „Sicher will ich das, wenn du mich schon so fragst“, lachte er und küsste seinen Drachen überschwänglich. Und mit den Schwiegereltern hätte er es auch schlechter treffen können.

Strahlend hob Azhdahar Evren zu sich hoch und lachte. „Natürlich will ich dich ein Leben lang um mich haben. Ich liebe dich und selbst wenn ich wollte, könnte ich niemanden außer dir lieben. Wir sind verbunden. Eigentlich brauchten wir den Bund gar nicht, aber ich will, dass du offiziell mein Gefährte bist.“ Der Prinz küsste Evren noch einmal, aber diesmal mit all seiner Liebe. Heute war der schönste Tag seines bisherigen Lebens und Evren ging es ähnlich. So begehrt zu werden war noch etwas anderes, als sich keuchend und schwitzend im eigenen Saft in den Laken zu wälzen - es war mehr.

„Liebe dich“, murmelte er und schloss die Augen - mit jeder Minute erschien ihm seine Entscheidung richtiger.



32

Unruhig lief Azhdahar auf seinem Balkon auf und ab. Sie waren seit ein paar Tagen auf Gidoria und irgendetwas hatte sich seit gestern verändert. Der Prinz war rastlos und er hielt es in geschlossenen Räumen nicht aus. Er sehnte sich nach Weite, wo nichts den Blick zum Horizont störte, nach frischer Luft und einer leichten Brise.

Selbst Umi hatte sich verzogen, weil es ihr zu nervig war, ständig aufgenommen und wieder abgesetzt zu werden. Sie hatte es vorgezogen, durch die Gegend zu laufen, genau wie Streuner, der seinem Namen wirklich Ehre machte. Den Kater hatten sie noch am gleichen Tag geholt und erstaunlicher Weise fühlte der kleine Kerl sich richtig wohl hier. Nach einer kurzen Phase der Unsicherheit hatte er sein neues Revier erkundet, das er nun frech gegen jeden verteidigte, auch gegen den König.

Azhdahars Vater hatte nicht schlecht geguckt, als er angefaucht wurde, nur weil er zufällig auf Streuners Sessel Platz nehmen wollte. Mehr als einmal hatte er Dienstboten verjagt, die von ihm nicht genehmigt ins Zimmer gekommen waren. Er war gefürchtet, aber keiner konnte ihm böse sein. Etwas wie Streuner hatte man hier noch nicht gesehen - klein und wehrhaft. Das kannte man nicht. Hier waren Tiere entweder klein und wehrlos oder groß und gefährlich. Das Prinzip Katze war hier völlig fremd. Außerdem war Streuner ein Schauspieler, er wusste ganz genau, wann es besser war, schnurrend auf dem Teppich zu liegen, als fauchend das Fell zu sträuben, wenn man Leckerchen zugesteckt haben wollte oder Streicheleinheiten einforderte.

Im Augenblick war der Kater eher weniger unterwegs - nur unter dem Bett, wo er in den ersten Strahlen der Morgensonne döste.

„Azhdahar? Alles klar?“, fragte Evren, der mit einer von Werners unvollständigen Tafeln am Schreibtisch saß und versuchte, sie zu ergänzen. Er beobachtete seinen Drachen schon eine Weile dabei, wie er Rillen in den Boden lief - rastlos und beständig. Er wirkte abwesend.

„Nein, eigentlich nicht.“ Azhdahar kam zur Tür und sah Evren an. „Ich glaube, du wirst bald ausprobieren können, wie es ist, mit einem Drachen zu fliegen“, grinste er schief und erschauderte wieder. Immer wieder liefen Schübe durch seinen Körper und seine Haut wurde an einigen Stellen für kurze Zeit dunkel und schuppig. „Ich möchte hier weg. Das ist mir alles zu eng. Lass uns zu meinem Wasserfall fliegen.“

„Echt?“ Ungläubig sah Evren seinen Geliebten an. Sie warteten eigentlich jeden Tag darauf, dass der Prinz sich endlich wandeln konnte - genauso wie der Rest des Hofes. Ein unausgesprochener Druck lastete auf ihm und so nickte Evren zu Azhdahars Vorschlag. „Ja, packen wir unser Zeug zusammen und verschwinden.“ Sogleich sprang er auf und weil Streuner die Hektik spürte, kam auch er unter dem Bett vor, fauchte wie üblich den Drachen an - was aber mittlerweile mehr eine Begrüßung war - und turnte um Evren herum.

Wie immer fauchte der Prinz zurück und durfte dann einmal kurz durch Streuners Fell streichen, es war schon wie ein Ritual. „Los, Dicker, wir wollen weg. Wenn du mit willst, pack zusammen, was du mitnehmen möchtest“, lachte der Prinz und fing Evren ein, der auf dem Weg vom Schrank zum Rucksack an ihm vorbeikam. „Hier.“ Er zeigte seinem Geliebten seinen Arm, auf dem sich gerade wieder kurz Schuppen bildeten.

„Cool“, konnte sich Evren nicht verkneifen und strich über die Schuppen. Grau hoben sie sich von der hellen Haut ab und Evren sah fasziniert zu, wie sie wieder verschwanden und die Haut weich und hell war wie vorher. Aus dem Augenwinkel sah er Streuner, der suchend durch das Zimmer lief. „Was denn los?“, wollte er von seinem Kater wissen. „Sag mir lieber, wo Umi und Sully sich rumdrücken“, denn die Umagals waren wegen Azhdahars Unruhe einfach verschwunden.

„Tut mir Leid, Schatz. Kein Lila und auch nicht pink.“ Azhdahar küsste Evren, ließ ihn dann aber wieder los. „Packst du, dann such ich unsere Echsen.“ Der Prinz brauchte Bewegung und da war ihm die Suche ganz recht. „Sie werden wohl wieder zusammen durch das Schloss stromern. Die zwei sind unzertrennlich.“

„Sie mögen sich eben - wie das Herrchen, so das Haustierchen“, lachte Evren und guckte noch einmal auf die Stelle an Azhdahars Arm. „Vielleicht wird es ja noch lila“, nuschelte er leise, ließ seinen Schatz nach einem Kuss aber ziehen. Er konnte ja ein paar Klamotten zusammenpacken, viel brauchten sie sicher nicht. „Streuner?“, rief er nach seinem Kater, der nun - wie die Echsen - auch verschwunden war.

„Ich werde den Schreien nachgehen, wenn ich die Echsen habe, da werde ich dann auch Streuner finden und mitbringen.“ Azhdahar hatte gerade noch gesehen, wie der Kater durch die schon geöffnete Tür geflitzt war. Wenn er nicht pünktlich da war, dann hatte er eben Pech und er musste hier bleiben. „Ich werde auf jeden Fall kontrollieren, ob du lila Stifte mitnimmst“, lachte er noch, dann machte er sich auf, ihre flüchtigen Haustiere zu suchen.

„Ha, den schmuggle ich, das merkst du gar nicht“, murmelte Evren lachend und griff wahllos aus dem Schrank ein paar Hemden und Unterhosen, die er in seinen Rucksack stopfte. Dazu ein paar Pullover für die kühlen Abende und das wichtigste aus dem Bad. „Streuner“, rief er noch einmal und hatte Glück - oder auch nicht. Denn Streuner kam nicht allein. Aus seinem Maul hingen zwei Umagals und sahen, mit der heraushängenden Zunge, ziemlich leblos aus. Evren wusste gar nicht, was er sagen sollte. Panik stieg in ihm hoch.

„Schatz, was ist?“, rief Azhdahar, der zur Tür rein kam. Er hatte Evrens Panik gespürt und war auf dem Absatz umgedreht. Allerdings wurde er genauso blass wie sein Gefährte, als er Streuner mit seiner Beute und stolz geschwellter Brust sah.

„Nein“, murmelte er leise und ging auf Streuner zu. „Lass sie los, Kleiner, bitte“, sagte er leise, damit Streuner sich nicht erschreckte und hockte sich vor den Kater. „Gib sie mir und du darfst mich so oft kratzen und beißen wie du möchtest.“ Er konnte sehen, dass die Echsen noch lebten, aber er wusste nicht, ob sie vielleicht verletzt waren.

Etwas pikiert, weil er nur helfen wollte, legte Streuner die Echsen ab und sah Azhdahar feindselig an. „Sag mal, Dicker, was hast du dir dabei gedacht?“, fragte Evren, doch er streichelte Streuner, damit er nicht das Gefühl hatte, nicht mehr geliebt zu werden. Sein besorgter Blick galt aber den Echsen, doch er sah zum Glück kein Blut. „Wie geht’s ihnen?“, fragte er und sah, wie sie sich wieder bewegten. Sie waren wohl nur vor Angst erstarrt.

„Nichts passiert.“ Azhdahar hatte sie untersucht und keine Verletzung finden können. Sie waren aber ein wenig verstört und versteckten sich. Umi wie immer in Azhdahars Haaren und Sully krabbelte unter dem Hemd des Prinzen herum. „Ach Streuner.“ Der Prinz kam zu Evren und strich einmal über das Köpfchen des Katers. „Du bist wirklich immer für eine Überraschung gut.“

„Mau“ - und das klang ziemlich beleidigt. Evren lachte leise. Nein, ein Tier wie Streuner hatten sie hier wirklich noch nicht erlebt. „Na los, raffen wir alle Tiere und machen uns vom Acker, ehe Werner wieder anruft, weil er wissen will, wie weit ich bin.“ Er meinte es nicht böse, im Gegenteil - er freute sich, dass Werner sich oft meldete, auch wenn er meistens mit Arlan reden wollte, weil der mehr wusste.

„Wie mein Schatz befehlen. Such du schon mal einen Flieger aus und pack ein, ich besorge noch Proviant. Schließlich haben wir eine Kleinfamilie, die versorgt werden will.“ Azhdahar übergab die Echsen an Evren, damit er sie in den kleinen Käfig packen konnte. Sie liefen zwar nicht weg, aber wenn sie draußen waren, war es besser, sie einzusperren. Sie hatten auch einen extra Formschönen herrichten lassen, mit großen, drahtgeschützten Fenstern und einer kleinen Sonnenterasse. Alles hinter Draht, damit den Tieren nichts passierte.

„Komm, Dicker, das gilt auch für dich“, sagte Evren und sah Streuner auffordernd an. Der schien zu begreifen, dass heute mal was ganz Neues passieren würde und war mit Feuereifer dabei. So liefen sie zum Landeplatz der Flieger und machten den Ersten startklar.

Sie saßen schon alle, als der Prinz mit einem großen Korb kam, den er im Frachtabteil verstaute. Streuner thronte auf Evrens Schoß und hatte die Vorderpfoten an der Scheibe, damit er sehen konnte. Azhdahar startete sofort, denn die Schübe kamen jetzt in immer kürzeren Abständen, so dass er schnell am Wasserfall sein wollte, denn wenn er sich auf dem Flug wandelte, hatten sie ein Problem. Die Flieger waren großzügig bemessen - doch sie waren nicht dafür gemacht, dass ein Drache in ihnen reiste - nicht in seiner animalischen Form. Sie würden Azhdahar dann aus dem Ding raus schneiden müssen. Besser nicht. Man wusste auch nicht, ob Evren den Absturz der Maschine überstehen würde, von den Tieren ganz zu schweigen.

Evren fragte nicht, warum der Prinz so raste, er legte ihm nur immer wieder die Hand aufs Knie, um ihm zu zeigen, dass er nicht allein war.

Dankbar für die Geste sah Azhdahar zu Evren rüber. Er nahm eine von dessen Händen und küsste sie. „Dort drüben.“ Er zeigte nach vorne, wo ein Berg zu erkennen war, aus dem sich wie ein helles Band ein Wasserfall in die Tiefe stürzte. Am Fuß hatte sich ein kleiner See gebildet, von dem ein Flüsschen sich durch die Gegend wand. „Ich habe mir dort eine kleine Hütte gebaut, wenn ich mal hier übernachtet habe. Nichts besonderes, ganz einfach. Ein Bett, ein Herd, Tisch und Stühle, mehr eigentlich nicht.“

„Reicht doch völlig. Mehr ist doch in einem normalen Zimmer auch nicht drinnen.“ Evren starrte fasziniert auf das rauschende Wasser. Auch wenn sie noch weit entfernt waren, zu weit, um es hören zu können, hatte er trotzdem das Rauschen im Ohr. Nachdenklich streichelte er Streuner. „Es ist wirklich schön hier, das muss ich schon sagen.“

„Es ist schon seit meiner Kindheit ein Lieblingsplatz. Auf den Bäumen dort hab ich Klettern gelernt und einige haben ein paar Scharten, wo ich mein erstes Schwert ausprobiert habe.“ Der Prinz lächelte, als er an diese Zeit zurück dachte. Dort hatte er seine Eltern immer für sich alleine gehabt und der König war einfach nur ein liebevoller Vater gewesen. „Isst du eigentlich Fisch? In dem See gibt es viele.“

„Ja, aber nur, wenn ich sie weder töten noch ausnehmen muss und wenn sie hinterher keinen Kopf mehr haben - wenn es nach Tier aussieht, habe ich arg Hemmungen“, erklärte er und streichelte dabei Umi, die neugierig aus dem Käfig gekrochen kam, weil Evren ihn geöffnet hatte.

„Ich werde ihn so zubereiten, dass du nicht siehst, dass es ein Tier war.“ Azhdahar freute sich, dass er für Evren fischen konnte, dann kamen sie länger mit dem Proviant aus. Sie konnten sich auch täglich was bringen lassen, aber dort hatte er es lieber einsam, ohne die Annehmlichkeiten des Palastes. Er hatte reichlich Käsebällchen mitgenommen, so dass Evren ein paar Tage welche hatte. Mittlerweile konnte man Einzelheiten erkennen und auch die Hütte sehen, die der Prinz selber gebaut hatte.

Doch er hatte sich nicht damit zufrieden gegeben, einfach eine Hütte zu bauen. Nein, er hatte sie in die Krone eines ausladenden Baumes gesetzt. Ein Baumhaus und Evrens Augen leuchteten. Das war der Hammer! Es musste herrlich sein, von dort aus den Sonnenuntergang zu sehen - die Drachen nannten ihr Zentralgestirn übrigens nicht Sonne, sondern Plexa, aber das hinderte Evren nicht daran, es weiterhin Sonne zu nennen.

„Herrlich!“

Es freute Azhdahar ungemein, dass Evren so offensichtlich begeistert war. Er selber war auch stolz auf seine Arbeit, denn am Anfang hatte er kaum gewusst, wie er mit einem Hammer umgehen musste. Es hatte unzählige blaue Daumen gedauert, bis er perfekt darin gewesen war.

Er flog noch eine Runde, so dass Evren alles gut sehen konnte, dann landete er neben dem See. Das war es, was er gesucht hatte und seine Unruhe fiel ein wenig von ihm ab. „Geh dich umgucken, ich bringe das Gepäck ins Haus.“

„Okay!“

Azhdahar konnte gar nicht so schnell gucken, wie er Streuner und Umi auf dem Schoß hatte. Sully hatte es vorgezogen, noch im Käfig zu bleiben, daran hatte er gut getan. Evren ließ sich auf das Gras sinken, zog sich die Schuhe aus und rannte einfach los. Er wusste nicht wo hin, er lief einfach - das weiche Gras unter den Füßen, Wind in den Haaren - es war ein Traum. Kurz sah er zu seinem Drachen zurück, doch dann lief er zum See und ließ sich einfach fallen - Azhdahar spürte deutlich auf seiner Haut, wie kalt das Wasser war.

Lachend winkte er Evren zu und ließ Streuner laufen, der es gar nicht schätzte, vom Prinzen festgehalten zu werden.

Tagsüber mussten sie sich keine Sorgen machen, da kamen keine gefährlichen Tiere und nachts schlief der Dicke sowieso bei ihnen, allein schon aus Prinzip, weil er Azhdahar damit ärgern wollte. Der Prinz brachte den Käfig mit den Echsen und ihr Gepäck hoch, verstaute alles und kam dann nackt wieder aus der Hütte und ging zum See. Lange würde es nicht mehr dauern, das spürte er und er wollte, dass Evren dabei war.

„Hey, ein leckerer Lustmolch. Und ich dachte, du wärst ein Drache“, lachte Evren, der immer noch bekleidet im kalten Wasser planschte. Er war lange nicht geschwommen, nun fragte er sich, warum eigentlich, denn es war herrlich und erfrischend. Er grinste, als er Streuner am Ufer auf einem Stein hocken sah und skeptisch mit der Pfote ins Wasser patschte. Das Prinzip See war dem Kleinen wohl ziemlich fremd.

„Schließt das eine, das andere denn aus?“, lachte der Prinz und kam zu Evren ins Wasser. Er zog ihn an sich und machte sich an die schwierige Aufgabe, seinen Schatz aus den nassen Sachen zu befreien, denn sie waren hinderlich. Immer wieder konnte man dabei sehen, wie sich seine Haut veränderte und jedes Mal blieben die Schuppen ein wenig länger. Evren sah diesem Schauspiel noch immer gebannt zu und küsste die Stellen sanft, wenn er sie erreichen konnte. Wie eine Gliederpuppe ließ er sich entkleiden und lachte, als Streuner angewidert von dem kalten Nass von dannen stromerte, schließlich gab es hier noch mehr zu sehen als nackte Menschen.

„Prinz der Lustmolche“, lachte Evren leise und lehnte sich gegen seinen Gefährten, als der endlich die nassen Klamotten auf die Steine am Ufer geworfen hatte.

„Evrens Prinz“, korrigierte Azhdahar lächelnd und drückte seinen Geliebten fest an sich. Er küsste ihn sanft und sah ihn dann an. „Es ist soweit“, sagte er leise und schloss kurz die Augen. Er konnte das Drängen in seinem Körper spüren und er wurde ein wenig aufgeregt. Es war der letzte Schritt, der ihn zu einem vollwertigen Drachen machte, darauf hatte er so lange gewartet.

„Schatz“, fragte Evren immer wieder. Er spürte den Schmerz in Azhdahar und der machte ihn nervös. Er konnte nichts tun, um seinem Freund dies hier zu erleichtern, da musste er ganz allein durch und das gefiel Evren gar nicht. Noch weniger, als er das leichte Zittern spüren konnte und sich die Haut unter der seinen plötzlich überall schuppig anfühlte. „Azhdahar, sag doch was“, murmelte er ängstlich und klammerte sich fester.

„Alles ist gut, Liebling.“ Azhdahar öffnete die Augen und sah Evren lächelnd an. Er begann sich zu verändern, darum machte er sich vorsichtig von Evren frei. „Du musst keine Angst haben.“ Noch einmal küsste er seinen Geliebten, dann ging er ein paar Schritte weg. Es tat nicht wirklich weh, aber er spürte, wie sein Körper sich veränderte. Er wuchs, seine Hände und Füße wurden zu krallenbewährten Klauen, aus seinem Rücken brachen Flügel hervor, die sich öffneten und dann ging es so schnell, dass man der Wandlung eigentlich nicht mehr folgen konnte. Einmal blinzeln und im See stand ein riesiger, wunderschöner Drache. Dunkelgrau, leicht metallisch, glänzten seine Schuppen im Licht der Sonne. Der große Kopf neigte sich zu Evren runter und Azhdahar schnaubte kurz, so dass die Haare seines Geliebten flogen. „Wie gefall ich dir?“, fragte er mit seiner jetzt dunklen, tiefen Stimme.

Überrascht starrte Evren auf das riesige Tier, das dort stand, wo eben noch sein Geliebter gestanden hatte - er konnte das nicht glauben. Doch er fing sich schnell und grinste. „Ich wollte einen lila Drachen, wie oft muss ich das denn noch sagen“, lachte er und strich über die schuppige Haut des mächtigen Vorderbeines. Er musste den Kopf weit in den Nacken legen, um an Azhdahar hinaufsehen zu können und Streuner, der eben zurückgestromert kam, gab fauchend Fersengeld in Richtung Flieger. Er hatte es ja schon immer gewusst, dass mit dem was nicht stimmte.

„Ich hoffe, du behältst mich auch so.“ Azhdahar lachte und besah sich im See. „Mit lila kann ich nicht dienen, aber ein wenig türkis hätte ich anzubieten.“ Vorsichtig bewegte sich der Prinz, damit er nicht zu viele Wellen machte und Evren ihn besser sehen konnte. Über seinen Rücken und am Kopf hatte er ein feines Muster aus türkisfarbenen Schuppen.

„Na gut, das ist ein Kompromiss“, lachte Evren und konnte es immer noch nicht fassen - das war sein Azhdahar! Dieses riesige, majestätische Tier. Das war unglaublich. Seine Finger strichen über die Haut am Bein und am Hals. Es war überraschend weich für seine Größe und so ging er langsam um das mächtige Tier herum.

Sein Schatz stellte sich in Pose, so dass Evren auch alles sehen konnte. Er breitete seine riesigen Flügel aus, die ebenfalls ein türkises Muster aufwiesen und hob den langen Schwanz aus dem Wasser. Azhdahar fühlte sich großartig, voller Kraft und unbesiegbar. Es war einfach unglaublich, wie anders er die Welt um sich herum jetzt wahrnahm. Er konnte besser sehen, riechen und hören und sein Drachenkörper hatte eine gewaltige Kraft.

„Protzer“, lachte Evren, doch er war wirklich überwältigt. „Darf ich aufsteigen? Ich zieh mir auch was an“, murmelte er und ging ein paar Schritte zurück. Er hatte das noch immer nicht ganz begriffen, aber was er begriff, war, dass Azhdahars Traum endlich in Erfüllung gegangen war.

„Sicher darfst du. Warte, ich helf dir.“ Azhdahar kicherte und von Evren erst unbemerkt, wickelte er seinen Schwanz um ihn. „Der Drachenaufzug. Nächster Halt, die königliche Drachenschulter“, rief er übermütig und hob Evren hoch. Der quietschte kurz erschrocken auf, als er den Boden unter den Füßen verlor, doch dann war es fantastisch. Er fühlte sich schwerelos und als er auf der Schulter seines Geliebten saß, konnte er unglaublich weit gucken. Er erblickte sogar Streuner im Flieger, der auf dem Sitz hockte und nicht begriff, was passiert war. Doch das war jetzt egal. Evren saß weit oben und klammerte sich so gut es ging an Azhdahars Hals fest. „Unglaublich“, rief er und lachte laut - das war kaum zu fassen.

„Geht’s?“, fragte Azhdahar besorgt und sah Evren an. Es war wirklich erstaunlich, wie biegsam und flexibel dieser Drachenkörper war, obwohl er so groß und massig wirkte. „Ich habe ein Geschirr anfertigen lassen, in dem du sicher sitzen kannst. Ich möchte ja nicht, dass du runter fällst. Mein Vater musste für die Maße Modell stehen. Er hat gemeckert, dass das für einen König unwürdig wäre, aber er hat es trotzdem gemacht.“ Er rieb mit seiner Nasenspitze über Evrens Brust und schnaubte wieder, brachte so seinen Geliebten zum Lachen, denn das kitzelte ungemein.

„Was mein Schwiegerpapa nicht alles für mich auf sich nimmt“, lachte Evren übermütig und breitete, jetzt wo er etwas sicherer saß, weil er sich daran gewöhnte, die Arme aus. Es war berauschend! Der Wind auf der nackten Haut und die riesigen Muskeln unter seinem Hintern, das war irre! „Lass uns fliegen!“

„Sicher? Ich habe Angst, dass du runter fällst.“ Azhdahar war besorgt, aber als er Evren ansah, der sich voller Vorfreude bequem hinsetzte, nickte er. „Aber nur ein wenig, zum Üben und nicht sehr hoch“, bestimmte er, denn das Leben seines Schatzes war ihm einfach zu wichtig.

Doch Evren war das egal. Er schloss die Augen und breitete die Arme weiter aus. Sein Kopf sank in den Nacken und er lächelte. „Bring mich zum Horizont und trag mich in unsere Welt“, sagte er leise und er wusste, dass Azhdahar ihn nicht enttäuschen würde.

„Alles was du willst, mein Herz.“ Der große Drache rieb noch einmal zärtlich seinen Kopf an Evren, dann breitete er seine Flügel aus und begann kraftvoll mit ihnen zu schlagen. „Festhalten, es geht los“, rief er, dann streckte er seinen Kopf, so hoch es nur ging und brüllte laut, damit jeder wusste, dass der Prinz von Gidoria endlich erwachsen war. Langsam erst hoben sie vom Boden ab, aber dann hatte der Prinz es raus und sie flogen los - immer der Sonne entgegen, die sich langsam dem Horizont entgegen neigte. Ein Spiel der Farben. Die Farben der Freiheit und ihrer ewig währenden Liebe.



Ende