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Der lange Weg vom Wölfchen zum Wolf - Teil 23 bis 24

23 - Wenn Pelztiere Drachen besteigen müssen


So lagen sie noch immer, als sie am nächsten Morgen von der Rezeption durch einen Weckruf aus dem Schlaf gerissen wurden. Leviathan wurde nicht wirklich wach, murmelte aber: „Kaffee, Frühstück“, in die Gegensprechanlage und legte die Arme wieder um Wölfchen. Allerdings legte er sich jetzt auf die Seite und wickelte sich um den kleinen Wolf, der von all dem nichts mitzubekommen schien. Er hatte seinen Puschel, auf dem er herum kaute und fühlte sich rund herum wohl. Er war in der Nacht noch ein Stück gewachsen, doch weil er heute nackt geschlafen hatte, bemerkte er selbst das gar nicht.

„Njam“, schmatzte er zufrieden und rollte sich auf den Rücken, landete so direkt unter dem ihn beschmusenden Drachen - das war schön und Wölfchen grollte dunkel. Seine Stimme war tiefer geworden.

„Morgen, Kleiner“, murmelte Leviathan und strich Wölfchen über die Seite. So konnte jeder Morgen beginnen. Es war warm und er hatte jemanden neben sich, den er beschmusen konnte. Kaum einer wusste, dass dieser unnahbare Drachen sehr verschmust sein konnte. Vorsichtig knabberte er an dem Ohr seines Wolfes und zog ihn näher.

„'n Morg'n!“, nuschelte Wölfchen und reckte und streckte sich. Er fühlte sich gut und so strichen seine Finger durch Leviathans lange, silberne Haare. „Krieg ich Pommes“, fragte er grinsend und wunderte sich kurz über seine veränderte Stimme. Der Niedlichkeitsfaktor bei ihm schrumpfte immer mehr, doch das tat seinem Aussehen keinen Abbruch.

„Wenn du keine Pfannkuchen möchtest. Gefüllt mit Himbeeren oder Blaubeeren und mit Vanillesoße“, schmunzelte der Drache und kniff Wölfchen leicht in den Hintern, aber es war klar, dass er Pommes bestellen würde, wenn Wölfchen sie gerne haben wollte. Erst jetzt merkte er, dass der Körper in seinen Armen sich anders anfühlte. „Du bist wieder gewachsen und du siehst wirklich… rrrr… aus“, schnurrte er und besah sich den Wolf noch einmal genau. Dass er dabei die Decke beiseite ziehen musste und der eben noch gewärmte Körper anfing zu frösteln, kam Leviathan nur zugute.

Wölfchen sah an sich hinab, doch viele Veränderungen zu gestern konnte er nicht finden. Die Füße waren vielleicht noch etwas größer und er hatte Haare an Stellen, wo er früher keine gehabt hatte - an den Beinen und auf der Brust. Aber sonst? So drehte und wendete er sich ein bisschen, um zu ergründen, was an ihm so rrrr war.

So hatte Leviathan noch ein wenig Zeit, seinen neuen Wolf zu bestaunen. Immer wieder strich er über den sich windenden Körper. „Wir müssen dir bald neue Sachen kaufen. Noch kannst du von mir was anziehen.“ Er zog Wölfchen wieder an sich und küsste ihn. „Du wirst wirklich erwachsen.“

„Ja, ich glaube auch. Ich bin schon ganz pelzig“, murmelte Wölfchen. Ihm war das vorher nicht aufgefallen, aber nun, wo die Haare sprossen. Doch solange es seinem Drachen gefiel, solange störte sich Wölfchen auch nicht daran. Lieber ließ er sich küssen - das machte nämlich Spaß und von widerlichen Keimen und Ba-kerien hatte er auch noch nichts bemerkt.

„Pelzig an den richtigen Stellen“, lachte Leviathan und strich Wölfchen über die Brust. Drachen waren unbehaart, außer auf dem Kopf und im Schambereich. Die weichen Haare auf Wölfchens Brust gefielen ihm und fühlten sich auch gut an. Er zupfte leicht an einem der Härchen und grinste. „Komm, gehen wir duschen, wir werden bald abgeholt.“

„Ich will aber kein Pelztier sein“, nuschelte Wölfchen. Irgendwie starrte er immer neidisch auf Leviathans haarlosen Körper. „Wollen wir nicht tauschen? Du wirst das Pelztier und ich bin glatt und weich und...“ Wölfchen murmelte auf dem Weg ins Bad vor sich hin und guckte sich immer wieder von allen Seiten an.

„So schlimm wird es nicht werden, Kleiner. Ich mag es und glaub mir, Schuppen zu haben ist auch nicht toll. Wenn man die nicht pflegt, jucken die heftig.“ Leviathan schob Wölfchen unter die Dusche und drehte das warme Wasser an. Wenn sie fertig waren, war bestimmt auch schon das Frühstück da.

„Aber sie sehen besser aus als diese komischen Fusseln überall“, maulte Wölfchen und wischte auf seiner Brust herum, immer in der Hoffnung, er könnte das Gestrüpp doch noch loswerden. Allerdings musste er aufgeben, als die Haut rot wurde und Leviathan ihn davon abhielt, sich noch die Haut in Streifen vom Leib zu ziehen. Musste sich Wölfchen eben damit abfinden.

„Du gewöhnst dich dran, glaub mir.“ Leviathan strich Wölfchen noch einmal über die Brust, dann schob er ihn wieder aus der Dusche. Seine neue Veränderung machte dem Wolf wohl mehr zu schaffen, als er gedacht hatte. Leviathan allerdings gefiel das richtig gut, denn jetzt ging ihm Wölfchen nicht mehr nur bis zur Brust, sondern bis zur Schulter und der Körper war kräftiger und muskulöser geworden. Er hatte nichts mehr von dem kleinen Wolf, dem kindlichen Wolf-Rüdiger. Wölfchen war gereift - auch in seinem Verhalten. Er hatte zwar seinen Puschel-Fetisch nicht aufgegeben, doch er war nicht mehr so naiv. Wie das werden würde, wenn er sich dann in den Märchen nicht mehr so trottelig anstellte und nicht mehr so viel schief ging, wusste er noch nicht, aber da würde ihnen auch noch etwas einfallen.

Derweil stromerte Wölfchen, nachlässig in ein viel zu knappes Handtuch gehüllt, durch den Flur und ließ das junge Zimmermädchen mit dem Servierwagen schlagartig erröten.

Leviathan musste einfach lachen, als Wölfchen verschreckt die Arme von sich streckte und was davon murmelte, dass er keine Mädchen-Ba-kerien an sich haben wollte. Dass er dabei sein Handtuch verlor fiel ihm gar nicht auf, aber das Zimmermädchen lief noch roter an und floh panikartig aus dem Zimmer.

„Öhm!“ Da stand Wölfchen nun und kratzte sich am Kopf, kickte aber die Tür lieber zu, als ein Rudel alter Kobolde ihn so komisch anguckte. „Was hatte die denn plötzlich für ein Problem?“ Jedes Mal reagierten Mädchen so komisch. Die einen befingerten ihn an Stellen, die sie nicht zu befingern hatten, die anderen steckten ihm Sachen da hin, wo sie nicht hin gehörten und die dritten wurden rot und verschwanden wieder. Konnten sich diese Dinger nicht mal normal benehmen?

„Du hast ihr gefallen.“ Leviathan setzte sich an den Tisch und hob die Deckel von den Tellern und Schüsseln. Sofort verbreitete sich ein köstlicher Geruch im Zimmer und der Drache schnupperte. „Komm, sonst wird alles kalt. Für dich ist auch Kakao da“, rief er zu Wölfchen rüber, der immer noch mitten im Zimmer stand und zu verstehen versuchte, warum Mädchen so merkwürdig waren.

„Und weil ich ihr gefalle, rennt sie weg? Ich sag's ja, Mädchen sind völlig Banane!“ Wölfchen schüttelte den Kopf, griff sich sein Handtuch und schlenderte ebenfalls zum Tisch. Und weil sich Thano nicht darüber beschwerte, dass er sich gefälligst was anziehen sollte, tat Wölfchen das auch nicht. Er kletterte lieber auf einen Stuhl, der heute kleiner schien als gestern und häufte Leckereien auf seinem Teller, während er sich seinen Kakao schmecken ließ. Langsam fing er an, sein Leben wirklich zu mögen.

Leviathan sah ihm eine Weile einfach nur zu, während er die erste Tasse seines heißgeliebten Kaffees trank. Alles Niedliche war aus dem Gesicht verschwunden und vor ihm saß ein extrem gut aussehender, junger Wolf, der wohl reihenweise Mädchenherzen brechen würde und der Gedanke versetzte dem Drachen einen Stich. Er wollte nicht, dass Wölfchen eines Tages ging. Er konnte heute noch nicht sagen, was passierte, wenn Wölfchen auch geistig so reif war wie sein Körper jetzt und feststellte, dass ein Drache nicht das war, was er suchte.

Zum Glück aber hatte Wölfchen keine Ahnung, mit was für Gedanken sich sein Freund herum schlug, er saß auf seinem Stuhl, schaufelte Pommes und Gemüsebratlinge in sich hinein und grinste seinen Thano frech an, als er die Blicke bemerkte. „Koste mal“, sagte er plötzlich und hielt dem Drachen eine extralange Pommes vor die Nase, vermied es aber, sie ihm gleich in den Mund zu stecken - plötzlich war er etwas unsicher.

Der Drache legte den Kopf ein wenig schief und biss ein Stückchen ab, grinste und aß die Pommes blitzschnell bis zu Wölfchens Finger, zwickte kurz hinein und lehnte sich dann wieder in seinem Stuhl zurück. „Lecker“, lachte er leise und nahm etwas von seinem Blaubeerpfannkuchen auf eine Gabel. „Magst du auch mal kosten?“, fragte er und hielt sie Wölfchen hin. Allerdings beguckte sich Wölfchen erst einmal seine Finger. Die Bewegungen des Drachen waren zu schnell für ihn gewesen und er hatte nur die spitzen Fangzähne auf seiner Haut gespürt - mehr nicht. Er blinzelte zweimal, dann nickte er und weil er nicht merkte, wie Thano langsam den Happen leckeren Futters immer weiter zu sich zog, dachte sich Wölfchen nichts dabei, sondern kletterte einfach auf allen Vieren auf den Tisch, bis er seine Beute endlich hatte und sich zufrieden die Lippen leckte.

Aber nicht wie sonst knurrte der Drache, dass er solchen Blödsinn gefälligst lassen sollte, sondern besah sich Wölfchen mit sehr begeistertem Gesichtsausdruck. Er konnte gar nichts dagegen tun, dass seine Zunge über seine Lippen leckte und seine Finger schon wieder durch die Haare auf der Brust strichen. „Noch mehr?“, fragte er leise und lockend und nahm sich eine Erdbeere, die er sich halb in den Mund steckte.

Wölfchen setzte sich mitten auf dem Tisch auf seine Fersen und beguckte sich Thano und die Beere. Er verstand erst nicht, warum der die nicht einfach aß, doch dann blitzte das Raubtier in ihm auf und der Drang, Thano seine Beute zu stehlen. So kam er blitzschnell nach vorn geschossen und biss von der Beere so viel ab wie er erreichen konnte, ohne dem Drachen in die Lippe zu beißen.

Zwei starke Arme legten sich um ihn und hinderten ihn einfach daran, schnell wieder zu verschwinden und Leviathan nutzte die Gelegenheit, Wölfchen zu küssen. „Hm, lecker“, schnurrte er leise und versuchte Wölfchen seine Beute wieder abzujagen. Doch auch wenn er die Prüfung zum großen, bösen Wolf nicht bestanden hatte, so war er doch im Innersten immer noch ein Wolf und Wölfe gaben ihre Beute nicht so einfach auf - auch nicht, wenn ein Drache sie ihnen streitig machte oder gerade nicht, wenn ein Drache sie ihnen streitig machte. So wurde der Kuss schnell wieder wilder und Wölfchen rückte immer näher.

So musste Leviathan sich nicht mehr sehr anstrengen, den jungen Wolf auf seinen Schoß zu ziehen. Erst als von der Beere nichts mehr da war, löste er den Kuss und sah Wölfchen grinsend an. „Das ist eine wirklich sehr angenehme Art Obst zu essen“, lachte er leise und leckte einen Tropfen Saft aus Wölfchens Mundwinkel.

„Ja und es gibt keinerlei Ba-kerien, weil Obst es tötet“, grinste er frech, auch wenn es ihm als Pazifistenwölfchen eigentlich grundsätzlich widerstrebte, etwas zu töten. Doch bei Ba-kerien machte er gern eine Ausnahme. „Außerdem ist Obst gesund, man sollte viel mehr davon essen“, erklärte er und griff ich eine Traube, machte nun das gleiche Spiel wie eben mit der Erdbeere. Er klemmte sie dem Drachen zwischen die verlockenden Lippen und versuchte sie seinem Freund zu entreißen.

Natürlich leistete Leviathan symbolischen Widerstand, ließ sich aber nach kurzem Kampf erobern und küssen, bis auch das letzte Fitzelchen der Traube verschwunden war. Sie wiederholten das Spiel mit verschiedenen Obstsorten, aber schließlich hielt der Drache Wölfchen auf, als er wieder in den Obstkorb greifen wollte. „So gerne ich weitermachen möchte, Süßer, wir haben nicht mehr sehr viel Zeit, bis die Kutsche kommt“, erklärte er bedauernd und streifte noch einmal sanft die Lippen seines Wolfes. „Lass uns noch was essen und dann müssen wir uns anziehen.“

„Hm, na gut.“ Kurz ließ Wölfchen die Ohren hängen, doch er nickte. Sie mussten arbeiten, wenn sie Geld verdienen wollten. Da konnte das Faulenzen noch so schön sein. Außerdem wollte er seinem Vater doch beweisen, dass man, auch ohne jemanden zu fressen, erfolgreich werden konnte. Einmal im Leben wollte er es seinen blöden Brüdern zeigen. Also hopste er geschmeidig vom Tisch und strich dabei seinem Drachen noch einmal mit dem Schwanz über die Brust.

Leviathan sah ihm hinterher und seufzte leise. Der Kleine lernte viel zu schnell. Er aß seine Pfannkuchen auf und nahm sich noch einen Kaffee, erst dann fühlte er sich bereit für den Tag. „Komm, schauen wir, was mein Koffer für dich hergibt“, sagte er schließlich und sah sich Wölfchen noch einmal genau an. Ihm müssten jetzt eigentlich seine normalen Sachen passen, auch wenn die Hosen wohl noch zu lang waren, aber das war nicht das Problem, die konnte man umkrempeln.

Derweil kämpften Wölfchen schon wieder mit der Unterhose und fing sich immer mal wieder Gisbert zu einem kurzen Flausch, wenn gerade keiner hinguckte. Vielleicht war es auch Absicht, dass Thano oft nicht hinguckte und Wölfchen einfach flauschen ließ. So hatte er immer eine Hand am Puschel, mit der anderen zog er sich umständlich an. Shirt, Hose, Schuhe - und schon stand Wölfchen ausgehbereit. Die Sachen ließen sie hier, denn Leviathan ging davon aus, dass sie den Abend wieder hier verbringen würden.

Noch einmal ließ Leviathan seinen Blick über Wölfchen gleiten und nickte zufrieden. So konnten sie gehen. Er zog seinen Freund noch einmal an sich und hielt ihn in einer Umarmung. „Gehen wir“, murmelte er leise, bewegte sich aber nicht, denn am liebsten würde er hier bleiben. Allerdings verwirrte er Wölfchen damit. Weil er nicht wusste, was zu tun war, drückte er Thano einfach noch mal einen Kuss auf, weil die leckeren Lippen gerade so schön nah waren, dann griff er sich Gisbert und stiefelte los, Thano würde schon folgen.

Dem Drachen blieb auch gar nichts anderes übrig, wenn er seinen Schwanz behalten wollte. Lachend ließ er sich ziehen und legte schließlich einen Arm um Wölfchen, damit sie besser neben einander laufen konnten und er keine Angst mehr haben musste, dass ihm etwas ausgerissen wurde. Die Blicke vieler folgten ihnen, als sie durch die Hotellobby gingen, aber das beachteten sie gar nicht. Es war nichts Neues, dass man ihnen hinterher guckte, das war schon so gewesen, als Wölfchen noch kleiner gewesen war und wie ein festgewachsenes Anhängsel an Leviathans Schwanz gehangen hatte. Wölfchen grüßte wie immer sehr höflich, verzog das Gesicht, wenn die jungen Damen wieder rot wurden oder kicherten und war ziemlich froh, als sie gleich in die Kutsche steigen konnten, die bereit stand.

Man sah ihm an, dass er schon aufgeregt war, weil er nicht wusste, was heute auf ihn zukam. Er hibbelte wieder ein wenig herum, so dass Leviathan einen Arm um ihn legte und beruhigend über die Seite streichelte. Der Drache hoffte inständig, dass heute alles glatt ging und nicht wieder aufdringliche Frauen sich an Wölfchen ran machten, denn dann konnte er für nichts garantieren. Bei dem kleinen Wolf vor ein paar Tagen war es nur Mitleid gewesen und der Beschützerinstinkt, einen Schwächeren vor Schaden zu bewahren - doch heute war das anders. Dieser Wolf gehörte ihm - mit jeder Faser seines Leibes.

„Bist du jetzt eigentlich der Esel? Oder haben sie dir doch noch eine andere Rolle verpasst?“, fragte Wölfchen, denn er wusste sehr wohl, dass der Hund auf den Esel klettern musste und er machte sich ein paar Sogen, weil er selber nun viel schwerer war. Vielleicht sollte besser Fluffy die Rolle übernehmen, der war leichter.

„Ja, werde ich. Kannst du dir vorstellen, wie ich als Hahn oder als Katze aussehen würde? Vor allen Dingen bin ich dafür zu schwer.“ Allein bei der Vorstellung, wie er als Hahn oben auf der Pyramide hockte, ließ ihn leise lachen. „Bei meiner Größe passt der Esel schon am besten.“

„Und du hast einen sehr schönen Schwanz für einen Esel. Jeder Esel auf dieser Welt wäre neidisch.“ Wölfchen nickte und hatte schon wieder den Puschel beim Wickel, das würde sich wohl nie ändern. Aber zumindest hatte er heute noch nicht nach dem Hasenanzug gefragt.

„Wenn du das sagst, du bist ja schließlich der Experte.“ Leviathan lachte ein wenig und zuckte mit seinem Schwanz, sodass Wölfchen fester zugreifen musste, wenn er den Puschel nicht loslassen wollte. Dass so ein Kribbeln durch Leviathan lief, war ein angenehmer Nebeneffekt.

„Ja, Puschelexperte. Ob man damit Geld verdienen kann?“ Wölfchen überlegte fieberhaft, denn das wäre doch sein Traumjob - Puschelberater. Perfekte Puschel für jeden Wuschel, ob der Max heißt oder Kuschel. Seinen Werbeslogan hatte er auch schon. Vielleicht sollte er mal in Ruhe mit der Fee sprechen, aber nur, wenn auch für Thano etwas zu finden war, was dem Spaß machte und der keine Kleider mehr tragen musste oder Perverse ertragen, die dann wieder gegen Bratpfannen liefen.

Er dachte nach und Leviathan ließ ihn in Ruhe. Er selber sah aus dem Fenster und hing seinen eigenen Gedanken nach. Er sollte sich wirklich Gedanken um seine Zukunft machen, denn auf die Dauer konnten sie ja nicht Märchen randalieren. Sie brauchten einen festen Job und wenn es nach ihm ging, nicht unbedingt vor der Kamera. Eigentlich träumte er immer noch davon, Schneider zu werden. Vielleicht gab es ja was in der Kostümbildnerei. Und Wölfchen könnte dort seine Berufung als Puschelspezialist finden - oder als Kleiderpuppe, denn wem würde er lieber etwas auf die nackte Haut schneidern, als diesem Wolf.

So fuhren sie bis zum Set schweigend und Wölfchen war überrascht, als sie angekommen waren und aus der Kutsche gebeten wurden. Neugierig sah er sich um und beguckte sich die Beiden, die wohl die Katze und den Hahn spielen sollten. Sie sahen ziemlich schräg aus.

Die Haare der Katze waren rot getigert und ihre Ohren zuckten immer hin und her. Der Hahn war ein wenig kleiner als sie und wuselte um sie rum, hielt aber sofort an, als er die beiden Neuankömmlinge sah. Seine Haare sahen aus wie Federn und hatten die typisch schillernden Farben eines Hahns. Mit schief gelegtem Kopf sah er Wölfchen an und grinste. Da hatte aber einer seinen Drachen gut im Griff, so wie es aussah. Denn er zerrte Leviathan immer noch am Puschel mehr oder weniger hinter sich her, ohne das wirklich zu merken.

„Guten Tag“, grüßte er höflich wie immer und nickte auch den Leuten vom Set zu. Doch ein wenig mulmig war ihm schon, weil er keinen Schimmer hatte, was heute wieder passieren würde. Er war ja schon ganz froh, dass die Katze die einzige weibliche Rolle zu sein schien. Wenn er der so gut es ging aus dem Weg gehen konnte, dürfte nicht viel passieren - hoffte er.

„Hallo“, grüßte die Katze fröhlich und kam näher. „Seid ihr die zwei Neuen?“, fragte sie neugierig. „Ich bin Karla und das neben mir ist Gero.“ Bei der Vorstellung zog sie den Hahn neben sich und legte den Arm um ihn. Sie war dafür, gleich mal die Fronten zu klären und klar zu machen, dass sie zu Gero gehörte. Doch das interessierte Wölfchen nicht wirklich. Er hatte sowieso nur Augen für einen und so stellte er sich und Thano vor. Dabei hielt er sich aber dicht an den Drachen gedrängt, damit er nicht wieder mit einem Mädchen alleine war.

Ziemlich schnell kam auch noch der Regisseur dazu, der erklärte, wie das jetzt laufen würde. Kostüme anziehen und dann kamen die einzelnen Werdegänge, ehe sie sich alle zusammen taten. Damit konnte Wölfchen leben und auch damit, dass Thano der erste sein sollte.

Schließlich war er der zweite, der seinen Auftritt hatte und konnte so noch ein wenig Zeit alleine mit seinem Drachen verbringen. Leviathan schob Wölfchen, der sich neugierig umsah, zu den Garderoben, weil sie dort sonst wohl nie angekommen wären. Noch war er recht zufrieden mit ihren Mitspielern, denn keiner von ihnen schien es auf Wölfchen abgesehen zu haben und sie hatten sie nett aufgenommen, auch wenn sie wohl wussten, warum sie hier waren.

„Ist schön hier“, erklärte Wölfchen, als er von der Visagistin auf einen Stuhl gepresst wurde. Er musste noch etwas auf alt geschminkt werden, damit man sah, warum der Bauer den alten Hund davon jagte. Sein Kostüm sah auch sehr bequem aus und so musste die Visagistin ihn immer wieder zu sich drehen, weil er Thano beim Umziehen beobachten wollte.

Ein wenig enttäuscht war er, als sein Lieblingspuschel in dem Kostüm verschwand und nicht der ganzen Welt gezeigt werden durfte. Der Schwanz des Kostüms war doch mickrig dagegen und nicht halb so flauschig. Aber ansonsten sah sein Drache als Esel recht stattlich aus, war nur zu hoffen, dass er nicht unter seinen Mitstreitern zusammenbrach.

„Und dich soll ich dann besteigen?“, fragte er und begriff nicht, warum die Visagistin erst rot anlief und dann anfing zu lachen. Als er sie fragte, winkte sie nur ab und erklärte, er wäre fertig und könne sich auch anziehen. „Was denn?“, murmelte Wölfchen, als er ihr hinterher sah. Komische Frau.

„Vergiss sie einfach.“ Leviathan lächelte Wölfchen zu und hielt ihm seinen Anzug hin. Der war zwar nicht so flauschig wie das Häschenkostüm, aber auch ein wenig weich, so dass der Wolf sich darin eigentlich wohl fühlen musste. Der Hahn und die Katze kamen jetzt erst in die Maske, weil sie noch ein wenig mehr Zeit hatten.

Also schlüpfte Wölfchen in sein Kostüm, sucht vergeblich den Puschel, bis er feststellte, das Hunde - wie Wölfe auch - von der Natur nicht mit einem Puschel gesegnet worden waren und so hockte er in seinem Kostüm neben Thano und wartete darauf, dass es los ging.

Leviathan war der erste, der von seinem Bauern vertrieben wurde, weil er keine Säcke mehr tragen konnte, dann war es an Wölfchen, sich von seinem Bauern vertreiben zu lassen. Es lief verhältnismäßig harmonisch, von drei Stürzen und einem umgefallenen Flutlicht einmal abgesehen. Zum Glück wurde niemand verletzt, aber das dumme Gesicht des Wolfes würde wieder Quoten bringen.

Er hatte sich ziemlich erschrocken und so sprang er seinen Drachen förmlich an, als er ihn endlich sah und klammerte sich fest. Leviathan schmuste ein wenig mit seinem Kopf über Wölfchens, was natürlich auch festgehalten wurde und redete leise mit ihm. „Komm, leg dich auf meinen Rücken, ich trag dich“, sagte er laut und wackelte schnaubend mit dem Kopf, wie Esel es machte, von der Kamera ungesehen, ließ er seinen Schwanz aus dem Kostüm schlängeln, damit Wölfchen sich mit Gisbert beruhigen konnte. Das half auch ziemlich gut. Da lag er nun also auf dem grauen Esel, befingerte Gisbert ein bisschen und kam langsam wieder zu sich.

Derweil liefen zwei Szenen parallel, nämlich wie die Katze aus dem Haus getrieben wurde, weil sie keine Mäuse mehr fangen konnte und wie Wölfchen und Thano durch den Wald zogen. Natürlich passierte dem Regisseur viel zu wenig, deswegen ließ er kleine flauschige Häschen über die Wiese treiben, dass Wölfchen Herzchen in den Augen hatte.

Leviathan konnte auch nicht verhindern, dass Wölfchen auf die Wiese sprang und zu den Häschen rannte, jedes begrüßte und dann über die Rasenfläche tobte, weil er alle flauschen und herzen wollte. Es schien, als hätte er vollkommen vergessen, wo er war und vollführte Purzelbäume, wenn die Hasen Haken schlugen und lachte ausgelassen. Es kam auch vor, dass er gegen einen Baum donnerte, wenn er einem Hasen in sein Loch folgen wollte, doch dann schüttelte sich der Hund nur und weiter ging's.

„Ä-häm“, räusperte sich die Katze, die neben Leviathan getreten war und sah sich das eine Weile an. Sie wusste schon, was ihrem Märchen drohen würde, doch es mit eigenen Augen zu sehen war etwas anderes. „Ist der immer so?“

„Japp.“ Leviathan ließ Wölfchen nicht aus den Augen, aber dann blickte er doch zur Katze runter und grinste. „Oder doch wieder nicht. Normalerweise ist er schlimmer. Wenn er Häschen sieht, setzt es bei ihm vollkommen aus.“ Er hielt sich die Hand vors Gesicht, als Wölfchen über einen Stein stolperte und einen kleinen Abhang runterrollte. „Nix passiert“, hörte man ihn krähen, als er wieder aufsprang und kurz darauf kam er auch schon wieder angesaust - vorbei an Drachenesel und Katze und man hörte, wie er dem Hasen neben sich erklärte, er hätte auch so einen schönen Anzug mit Puschel gehabt, doch er wäre zu schnell gewachsen und könnte ihn nicht mehr tragen.

„Komischer Kauz“, lachte die Katze und schüttelte den Kopf. Doch als Wölfchen mit Schwung in den Catering-Bereich der Crew flitzte, der hinter der Kamera aufgebaut war, wurde es wohl dem Regisseur zu bunt. Außerdem hatten sie nicht ewig Zeit und mussten die Geschichte vorantreiben.

Sie versuchten Wölfchen Zeichen zu geben, dass er wieder zum Esel gehen sollte, aber der beachtete das gar nicht und unterhielt sich weiter mit dem Häschen. Erst als Leviathan pfiff, hob er den Kopf und kam angesaust, als mit Gisbert gewunken wurde. Die Katze wunderte das schon gar nicht mehr, auch nicht, als Wölfchen ohne zu zögern in die Arme des Drachen sprang und gleich den Puschel am Wickel hatte. Im Augenblick erinnerte er wirklich eher an eine kleine Katze als an einen Wolf, doch der Zweck heiligte die Mittel und das Märchen konnte weiter gehen.

Sie spielten die vorgesehene Szene mit der Katze, die zu dem Esel und dem Hund stieß - parallel wurde der Rauswurf des Hahnes gedreht und das Zusammentreffen aller vier Verstoßenen.

Sie liefen durch den Wald und kamen schließlich zu dem Räuberhaus. Schon von weitem war das laute Gegröle der Räuber zu hören, die gerade ihren letzten Raubzug feierten. Wie vorgeschrieben schlichen sie zum Haus und sahen durch das Fenster. Innen sah es gemütlich aus und die Tische waren voll mit Leckereien. Leviathan, die Katze und der Hahn diskutierten leise, wie es erwartet wurde, darüber, die Räuber zu vertreiben, nur Wölfchen sagte dazu nichts. Er versuchte zu verstehen, warum die Räuber vertrieben werden sollten.

Ein Pazifistenwölfchen durch und durch schüttelte er erst den Kopf, dann sah er die anderen Drei an. „Aber ihr könnt ihnen doch nicht einfach das Haus wegnehmen. Es gehört ihnen. Vielleicht, wenn wir nett fragen, lassen sie uns auch hinein und geben uns Essen ab. Aber man darf sie doch nicht einfach ihres Eigentums berauben. Man kann doch über alles reden. Die armen Räuber“, jammert er und schüttelte immer wieder den Kopf. Da merkte man gleich, wer in Konfliktbewältigung eine Eins hatte und wer nicht.

Er verstand auch nicht, warum er so verwirrt angesehen wurde. „Äh… das geht aber nicht. Wir müssen sie vertreiben“, sagte Gero, nur hatte er nicht damit gerechnet, dass er dann einen Vortrag bekam, dass das ja mal wohl auch anders ginge. Natürlich wurde alles aufgenommen und ausgestrahlt und der Regisseur bekam das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht.

„Gero“, sagte Wölfchen in einem Tonfall, der ahnen ließ, dass der Wolf jetzt ohne Punkt und Komma reden würde. „Man kann anderer Leute Eigentum nicht einfach wegnehmen. Egal ob sie böse sind oder nicht. Sie haben es gebaut oder erworben, das muss man respektieren. Wir werden jetzt höflich klopfen und dann werden wir fragen ob man... Thano, du zertrampelst gerade den Vorgarten mit dem leckeren Feldsalat, das kannst du doch nicht machen!“ Wölfchen kreischte panisch, er kämpfte unglücklich an zwei Fronten. Das war zu viel. Er ging in die Knie, um die Pflänzchen zu retten, während er weiter erklärte, dass Enteignung nicht das Mittel der Wahl sein durfte, wenn man friedlich miteinander umgehen wollte.

Es hatte etwas durchaus komisches, als ein, als Esel verkleideter Drache, panisch aus einem Beet sprang und sofort in die Knie ging, um dem immer noch brummelnden Wölfchen zu helfen, die Pflänzchen zu retten. Karla und Gero standen um sie rum – natürlich außerhalb des Beetes, weil sie angeknurrt worden waren und versuchten dem Wolf zu erklären, dass es zum Märchen gehörte.

„Das ist mir egal. Das gehört sich nicht. Was sollen die Kinder denn lernen? Dass es gut ist, Leuten ihr Eigentum wegzunehmen?“, fragte Wölfchen und richtete noch ein paar Pflänzchen auf. „Nein, das werde ich nicht unterstützen. Diebstahl ist nie die Lösung. Ich gehe jetzt klopfen und frage, ob sie ein Bett für die Nacht für uns haben“, legte er fest und wischte sich die Hände am Kostüm ab. Das hatte eh keinen Puschel, deswegen war es auch nichts, was man jetzt hegen und pflegen musste.

„Ab... aber…“, stotterte der Hahn und sah Leviathan an. Der Drache war hin und her gerissen. So wie Wölfchen vor ihnen stand und seine Meinung vertrat, gefiel er ihm ausgesprochen gut und eigentlich wollte er ihn nicht dadurch frustrieren, dass er ihm sagte, dass er es hinnehmen musste. Allerdings kamen sie so sonst nicht weiter und die Räuber wussten auch nicht, was ihnen bevorstand. Doch er zögerte zu lange, denn Wölfchen war schon zum Haus gelaufen und klopfte.

„Guten Abend? Wir sind Gero, Karla, Thano und Wölfchen und suchen was Nettes für die Nacht. Haben sie einen Platz?“, rief er durch die geschlossene Tür, damit die Herren wussten, was er wollte. So hatte er das schließlich in der Schule gelernt.

In dem Haus war es plötzlich totenstill und Leviathan beeilte sich, zu Wölfchen zu kommen, um ihm beizustehen. Im Haus waren zwar keine echten Räuber, aber man wusste ja nie, was für Gesellen hier mitspielten. Darum war er ein wenig angespannt, als die Tür sich öffnete und ein bärtiger Kopf herausgestreckt wurde. „Häh?“, fragte der Räuber irritiert und sah die beiden komischen Gesellen vor sich an. „Wurde was geändert? Haben wir was nicht mitgekriegt?“

„Guten Tag, ich bin Wölfchen und ich wollte nur vermeiden, dass man sie ihres Hauses beraubt. Es ist doch Platz für alle da drinnen und vielleicht hätten sie ein Eckchen für uns und etwas zu essen und dafür bringen wir ihnen ein schönes Ständchen - denn wir sind die Stadtmusikanten“, erklärte Wölfchen mit wild zuckenden Ohren.

„Bitte?“ Man sah deutlich, dass der Räuber ein wenig überfordert war und so war es für den Drachen keine Überraschung, dass ihnen erst einmal wieder die Tür vor der Nase zugeschlagen wurde. Man hörte leises Diskutieren, dann wurde die Tür wieder geöffnet. „Was soll der Scheiß? Los, geht auf eure Plätze und fangt endlich an. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.“ Dabei wedelte der Räuber mit einer Hand in Wölfchens Richtung und die Tür wurde wieder geschlossen.

Der Wolf starrte irritiert auf die Tür. „Wie unhöflich“, murmelte er und klopfte erneut. „Ich glaube, die Tür ist eben zugefallen, kann man uns vielleicht noch einmal öffnen, damit wir eintreten können?“, fragte er also höflich und wartete, während sich Katze und Hahn an den Kopf griffen. Die Gerüchte waren wirklich nicht übertrieben - der Wolf hatte eine Schraube locker.

„Verschwindet und macht gefälligst nach Plan weiter“, hörte man es nur von innen und Leviathan knurrte. „Komm Wölfchen, sie wollen es nicht anders“, knurrte er und zog seinen kleinen Freund wieder zu Karla und Gero. Allerdings nahm er sich vor, dass der unfreundliche Räuber nachher, ganz aus Versehen, in Flammen aufgehen würde, allein, weil er es geschafft hatte, dass Wölfchen mit hängenden Ohren neben ihm stand.

Der junge Wolf sagte kein Wort mehr, er wusste nicht, was er nun schon wieder falsch gemacht hatte, dass man ihn so vor der Tür stehen ließ. Er war nett und höflich gewesen, hatte gegrüßt, hatte erklärt was sein Begehren war - alles genau so, wie er es im Konfliktbewältigungsseminar gelernt hatte.

„Los, in Position“, forderte Gero, der das hier auch endlich hinter sich bringen wollte.

Er war so deprimiert, dass Leviathan das nicht mit ansehen konnte. Er zog Wölfchen an sich und küsste ihn sanft. „Du hast das toll gemacht“, sagte er leise, während sie auf Position gingen. „Wir werden die Räuber jetzt vertreiben, schließlich wollen sie das ja so und wenn wir hier fertig sind, fahren wir zurück ins Hotel und machen uns einen schönen Abend. Mit Pommes und so vielen Puscheln, wie du magst.“

„Äschd?“, murmelte Wölfchen, Als er auf den Esel krabbelte, damit die Katze und der Hahn sich auch in den Stapel einreihen konnten. „Ganz viele Pommes und ganz viele Puschel? Alle für mich? Und machen wir im Bad auch wieder so Sachen wie gestern?“, wollte er wissen, wohingegen Gero und Karla wohl lieber nicht wissen wollten, was genau da gestern gemacht worden war.

„Ja, alles für dich und wenn du magst, auch das, was wir im Bad gemacht haben.“ Leviathan lachte leise und wischte Wölfchen einmal mit Gisbert durch das Gesicht. „Los vertreiben wir sie, sie haben es nicht anders gewollt. Machen wir ihnen Angst“, gab er den Befehl und gleich setzte ein lautes Geschrei und Gebrülle ein.

Sogar Wölfchen machte mit, denn die Räuber hatten ihn sehr schlecht behandelt. Er knurrte und jaulte, bellte wie verrückt und als der Drachenesel sich regte, verlor Wölfchen das Gleichgewicht und purzelte durch das Fenster vor dem sie standen. Zum Glück war das nur aus Zucker und für den Bruch vorgesehen, so verletzte sich der Wolf nicht, als er durch das Zimmer rollte. Gefolgt von Katze und Hahn.

Damit er nicht alleine draußen blieb, kletterte auch Leviathan durchs Fenster ins Haus. Zu ihrem Glück waren die Räuber schon weg, so dass er nicht aus Versehen ein paar Feuerbälle loswerden konnte. Karla und Gero setzten sich sofort an den Tisch und nahmen sich etwas zu Essen. Der Drache hatte keinen Hunger und so wie es aussah, war auch nicht wirklich was für sie dabei, da von den Räubern wohl Fleisch bevorzugt wurde.

Wölfchen saß neben ihm und sah sich mit gehobenen Zähnen ebenfalls um. Da lagen wehrlose Fischlein, in Panade gewälzt und gebratene Flügel von Vögeln, die nun wohl nie wieder fliegen können würden. Wölfchen ließ die Zunge raushängen - das war doch eklig. „Das Essen guckt mich an“, murmelte er und streichelte - von der Kamera bemerkt - einem armen toten Huhn über den fettigen Bürzel.

„Guck nicht hin.“ Leviathan legte einen Arm um Wölfchen. „Nachher gibt es garantiert Augen freies Essen“, versuchte er den deprimierten Wolf aufzuheitern. Er beschloss, dass sie genug Unruhe in das Märchen gebracht hatten, so dass die Regie zufrieden sein konnte. Jetzt mussten sie nur noch den Rest hinter sich bringen und sie hatten endlich frei. Das gefiel ihm am besten an den Stadtmusikanten. Es war nicht sehr lang und zum Mittag konnten sie wieder gehen.

„Wäre schön“, maulte Wölfchen und griff sich etwas von der Deko, die mit den toten Tieren noch nicht in Kontakt gekommen war. Zum Glück lagen keine Häschen auf dem Tisch, sonst wäre der arme Wolf wohl wieder umgefallen.

Es dauerte auch gar nicht lange, da versuchten es die Räuber noch einmal, ihre Hütte zurück zu erobern, doch das gelang ihnen nicht, weil die Tiere das Haus verteidigten. Dass Wölfchen einem von den Räubern erst auf den Fuß trat und dann die Tür vor den Kopf schlug war wirklich keine Absicht gewesen. Schließlich war er Pazifist und die Tür war ihm schlichtweg aus der Hand gerutscht – zumindest war das die für ihn gültige Version.



24 - Ich hab die Märchen satt. Nur Irre!


Nachdem sie die Räuber erfolgreich vertrieben hatten, dauerte es auch wirklich nicht mehr lange und die Regie gab das Zeichen, dass sie fertig waren. Leviathan streckte sich erst einmal, weil das auf allen Vieren laufen doch sehr ungewohnt war. Wölfchen ging es nicht besser, doch er hatte sich ab und an aufgerichtet. Hunde konnten schließlich auch kurzzeitig auf zwei Pfoten gehen, wenn es sein musste. Doch jetzt wollte er nur noch hier raus und nach Hause. Deswegen zerrte er Thano hinter sich her zu ihren Klamotten. Nicht dass denen hier noch was einfiel und sie nicht weg kamen.

So hatte Leviathan kaum Zeit sich von Karla und Gero zu verabschieden, die ihnen grinsend hinterher winkten. Der Wolf und sein Drache waren echt ein schräges Pärchen, aber irgendwie konnte man ihnen nicht böse sein, auch wenn sie Chaos verursachten. Leviathan setzte sich neben Wölfchen und zog ihn an sich. Diese Nähe hatte ihm den ganzen Tag gefehlt, das fiel ihm jetzt auf.

„Man, waren das vielleicht blöde Räuber“, knurrte Wölfchen, weil er immer noch erbost darüber war, dass die Räuber lieber Prügel bezogen hatten, als sich mit Wölfchen um eine Lösung zu bemühen, die für beide Seiten hätte von Vorteil sein können. So kuschelte er sich dichter an Leviathan und ließ sich beschmusen. Das tat gut und milderte seine Laune ein wenig.

„Sie kennen es nicht anders. Sie wollten nichts verkehrt machen und zu dem Märchen gehört es nun mal, dass sie vertrieben werden.“ Leviathan sah lächelnd auf Wölfchen runter. Er fand seinen Freund einfach zum knuddeln, wie er so vor sich hin muffelte und immer wieder leise auf die blöden Räuber schimpfte.

„Mir doch egal. Die können sich doch auch mal dazu durchringen, nicht alles mit Gewalt zu lösen. Das führt doch zur Verrohung der Märchen und dann hauen sich die Kinder auch, weil sie denken, das ist richtig und dabei ist das gar nicht richtig. Die Märchen sind grausam geworden“, murmelte er und war sich irgendwie nicht sicher, ob er noch weiter in den Märchen arbeiten wollte. Doch was sollte er dann tun? Er hatte doch nichts gelernt, mit dem man Geld verdienen konnte.

Leviathan strich ihm beruhigend über die Seite und küsste ihn auf die Schläfe. „So ist das nun mal. Keiner will etwas an den Märchen ändern, nur weil sie schon seit Jahrhunderten so gespielt werden. Es muss ja nicht gleich radikal verändert werden, aber so kleine Dinge sollten ab und zu ruhig abgeändert werden.“

„Man könnte den Kindern ruhig ein paar Tugenden mitgeben, die schaden nämlich nicht. Auch wenn jeder das glauben sollte“, knurrte Wölfchen. Er war in seinem Element. „Die Märchenwesen sind doch total verkommen. Karla und Gero waren die einzigen, die in Ordnung sind. Aber die Weiber gestern mit ihrem Reingestecke und ihrer Mädchenspucke. Oder der durchgeknallte Prinz am Anfang der Woche. Das ist doch eine offene Psychiatrie!“ Er knurrte dunkel - wie ein richtiger Wolf eben.

Sein Drache sah ihn fasziniert an. Das war so überhaupt nicht mehr der naive Wolf, den er vor ein paar Tagen getroffen hatte. Das Kindliche verschwand immer mehr und Leviathan musste zugeben, dass sein Freund ihm so noch viel besser gefiel, denn so war er mehr ein Partner für ihn und nicht mehr nur jemand, den er beschützen wollte, auch wenn das noch nicht ganz verschwunden war. „Ja, es wäre wirklich gut, wenn ab und zu Kontrollen durchgeführt werden.“

„Vielleicht will ich so was machen“, überlegte Wölfchen und weil er ja noch immer ein bisschen der kleine Wolf war, war nun Gisbert wieder Mode, denn der konnte Wölfchen beim Nachdenken immer sehr gut helfen. „Ich muss mal mit der Fee reden. Auf die Dauer hat das mit mir in den Märchen doch keinen Sinn. Nicht eines lief ohne Probleme. Sollen die ihre Rollen selber spielen, aber ich werde ein Auge darauf haben, was die hinter den Kulissen machen, wenn die Kameras aus sind.“ Und das Schneefrettchen und diese Weiber aus Hänsel und Gretel waren die ersten, die sich warm anziehen sollten.

Leviathan wiegte den Kopf hin und her. So wirklich konnte er sich Wölfchen als Kontrolleur nicht vorstellen, aber so rasend schnell, wie sich sein Freund verändert hatte, konnte es durchaus was für ihn werden. „Frag sie und wenn sie etwas für dich hat, nimm den Job. Für mich wird sich auch was finden. Aber ich würde gerne weiterhin mit dir zusammen bleiben.“

„Das will ich auch!“ Wölfchen machte große Augen. Für ihn hatte gar nicht in Frage gestanden, dass er Leviathan verließ. Er mochte den Drachen und er war gern in seiner Nähe - nicht nur, weil er unglaublich geile Sachen mit ihm anstellte. Auch so. Thano war eben Thano und den gab man nicht so einfach her.

„Los, lass uns fahren - ich will in den Pool und von dir mit... du weißt schon“, grinste Wölfchen. Er wollte sich ablenken und nicht mehr nachdenken. Nicht heute. Er war fertig mit dem Tag.

„Ah ja, das volle Verwöhnprogramm“, lachte Leviathan leise und grinste Wölfchen dann an. „Sollst du haben, Kleiner. Du hast deine Arbeit heute toll gemacht und da hast du dir eine Belohnung verdient.“ Er hielt Wölfchen die Hand hin und zog ihn dann mit sich zur Kutsche. Die Fahrt in die Stadt war nicht so weit, so dass sie bald wieder im Hotel waren. Wölfchen nutzte die Chance, Gisbert mit Hingabe und Leidenschaft zu beflauschen, weil er glaubte, den armen Puschel heute ziemlich vernachlässigt zu haben. Auch Fluffy wurde nicht vergessen und Leviathan kam auch nicht zu kurz. Da konnte flauschen ziemlich in Arbeit ausarten.

Endlich wieder im Hotelzimmer ließ sich Wölfchen auf das Bett fallen - er war kaputt.

Leviathan legte sich neben ihn und betrachtete sich seinen Freund. Sanft strich er ihm mit einem Finger über die Wange und lächelte, weil Wölfchen noch immer Fluffy im Arm hatte. Das kleine Plüschie wirkte mittlerweile etwas deplaziert, aber wenn sein Freund daran hing, sollte er ihn ruhig behalten. Nur war der Kleine etwas ramponiert und um Wölfchen eine Freude zu machen, würde der Drache sich seiner annehmen und ihn reparieren. Ein paar Nähte mussten nachgenäht werden und ein Auge hing etwas weit nach unten. Doch leider musste das noch warten, denn um nicht wieder in etwas zu platzen, was sie vielleicht nicht sehen sollte, hatte die Fee aus der Jobvermittlung an der Rezeption eine Nachricht hinterlassen. Sie wollte sich in einer Stunde bei ihnen blicken lassen - sie müssten dringend reden.

Es blieb also wirklich nur Zeit für das nötigste, und das war eine Dusche und etwas zu essen. Wenn sie mit mehr anfangen würde, konnte es gut passieren, dass die Dame ihnen wieder in die Parade fuhr. So konnte Wölfchen noch so viel maulen, Leviathan vertröstete ihn auf später, aber er beschmuste seinen Freund wenigstens ein wenig, während der Dusche.

Mit einer großen Tasse Kakao mit viel Sahne wurde der kleine Wolf unter die warme Decke gepackt, damit die Fee kommen konnte und Wölfchen beschäftigt war. Leviathan hatte sich gerade zu ihm gelegt, als auch schon die Kugel in den Raum schwebte.

„Ich hoffe, ich störe nicht“, sagte die Fee, nachdem sie einen guten Tag gewünscht hatte und blickte vor allem Wölfchen eindringlich an. Es war erstaunlich, was der für eine schlagartige Entwicklung durchgemacht hatte. Doch leider war er jetzt nicht mehr so süß und knuddelig. Was nicht hieß, dass man ihn und seine Katastrophen nicht gern sah. Aber vieles wirkte jetzt nicht mehr süß, sondern albern. Aber das tat der Begeisterung der Kinder keinen Abbruch.

„Tach auch“, murmelte Wölfchen in seine Tasse. Er traute sich nicht, der Fee zu sagen, dass er eigentlich nicht mehr in ein Märchen wollte, weil da überall nur Irre waren.

Leviathan nickte der Fee zu und ihm fiel der forschende Blick gleich auf, auch dass die Fee etwas auf dem Herzen hatte. Da sie aber nicht mit der Sprache rausrückte und nur immer noch nachdenklich auf Wölfchen sah, nahm Leviathan das Gespräch in die Hand. „Was gibt es denn so Wichtiges?“, fragte er.

„Na ja“, sagte sie und sah sich noch einmal den Wolf an, widmete sich aber Leviathan. „Es geht um eure Jobs“, sagte sie und hätte nicht gedacht, dass Wölfchen ihr plötzlich ins Wort fiel.

„Ich hab die Märchen satt. Nur Irre!“, platzte er heraus und versteckte sich wieder hinter seiner Decke, weil er das eigentlich nicht so harsch hatte sagen wollen, wie das jetzt geklungen hatte. „Die Frauen wollen mit mir ihre Spucke teilen und die Männer drohen mir Prügel an. Ist es das, was man Kindern beibringen will? Sex und Gewalt? Ohne mich!“

Wie überrascht die Fee war, sah man daran, dass sie nichts sagte, auch wenn ihr Mund sich immer wieder öffnete und sie Wölfchen mit großen Augen ansah. Aber dann bildete sich ein Lächeln auf ihren Lippen. Hatte der Wolf ihr doch die unangenehme Aufgabe abgenommen, ihm zu erklären, dass er nicht mehr in den Märchen mitwirken sollte. „Was würdest du denn dann gerne machen?“, fragte sie.

„Ich weiß nicht. Ich glaube, ihr braucht jemanden, der den arroganten selbstverliebten Spinnern mal erklärt, dass sie sich nicht wie Diven aufzuführen haben, sondern den Kindern Werte vermitteln sollen. Die Weiber sollen sich gefälligst zurückhalten mit ihrer Geilheit und die Prinzen sind doch auch nicht besser. Vor der Kamera einen auf Lieb machen und hintenrum herrscht am Set Sodom und Gomorrah!“ Wölfchen schnaubte und kam unter seiner Decke vor. Er regte sich gerade richtig auf und sein Schwanz peitschte über das Bett.

„Hm.“ Die Fee strich sich nachdenklich über das Kinn. Sie hatte da vor längerer Zeit eine Idee gehabt, die sie auch dem Rat vorgetragen hatte. Dieser hatte ihre Idee auch durchaus positiv aufgenommen, aber bisher hatte sie noch niemand passenden gefunden. Allerdings sah es so aus, als wenn sie gerade jemanden entdeckt hätte.

„Sag mal, Wölfchen, was würdest du davon halten, eine Beratungsstelle zu leiten. Wir würden dir nach und nach alle Märchenakteure schicken, die auffällig sind. Sei es, weil sie Probleme haben oder unzufrieden sind oder sich daneben benehmen. Du scheinst genau der Richtige dafür zu sein, so wie mir die Verantwortlichen für die Bremer Stadtmusikanten berichtet haben.“

„Oh!“ Wölfchen machte große Augen und seine Ohren waren spitz aufgestellt. Er war aufgeregt, das war nicht zu übersehen. So viel Verantwortung für ihn? Doch dann legte er den Kopf schief. „Werden die mich denn auch ernst nehmen? Die Räuber haben das nicht getan und den Frauen aus Hänsel und Gretel konnte ich auch dreimal sagen, sie sollen mich nicht befingern. Die haben sich auch nicht an dem gestört, was ich sage.“ Er klang trotzig und deswegen zog er Gisbert zu sich, um ihn intensiv zu beschmusen.

„Oh doch, das werden sie.“ Die Augen der Fee blitzten listig, als sie Wölfchen ansah. „In deiner neuen Position müssen sie auf das hören, was du sagst, denn von dir hängt es ab, ob sie ihren Job behalten können. Zumindest bei denen, die wegen ihrer Verfehlungen zu dir geschickt werden. Nach und nach werden wir dadurch hoffentlich wieder saubere Märchen bekommen.“

„Ui“, machte Wölfchen und fühlte sich plötzlich ganz wichtig. Deswegen versuchte er auch wichtig zu gucken und nicht wie ein kleiner, verschüchterter Wolf. Doch dann fiel es ihm ein: „Was ist mit Thano?“, fragte er und robbte unmerklich etwas dichter an seinen Drachen. „Ich kann ihn doch nicht einfach allein weiter in diese grausigen Märchen schicken. Da lauern Perverse, die ihm ans Kleid wollen und das ist doch meine... Uups. Ist egal“, nuschelte Wölfchen und lenkte gleich wieder das Thema auf seinen neuen Job und wollte wissen, wie sie sich das nun vorgestellt hätte.

Leviathan und die Fee mussten einfach schmunzeln und der Drache freute sich wirklich, dass Wölfchen sich so um ihn sorgte. In ihm reifte eine Idee, die er aber erst noch für sich behielt, weil er mehr über den neuen Job seines Freundes hören wollte. „Hör dir erst einmal an, was du machen sollst. Für mich wird sich auch was finden, da bin ich mir sicher.“ Leviathan lächelte Wölfchen an und strich ihm einmal kurz über die Wange.

„Es soll eine Beratungsstelle hier in der Stadt werden. Es gibt ein paar passende Häuser, die dafür gut in Frage kommen, weil sie sehr zentral liegen und gleichzeitig könntest du dort auch wohnen. Wir würden dir dann nach und nach deine ersten Kunden schicken, von denen wir glauben, dass sie deine Hilfe nötig haben.“

„Ui. In der Stadt!“ Das war natürlich für einen Wolf vom Lande etwas ganz Besonderes. Seine Mutter wäre bestimmt stolz auf ihn, wenn er diesen Job gut machte. „Wann soll es denn losgehen?“, fragte er, wirkte aber etwas unsicher, weil er keinen Schimmer hatte, wie das plötzlich werden sollte. So rutschte er dichter zu Thano und ließ sich ein kleines bisschen - unauffällig - beschmusen.

„Da wir die Beratungsstelle ganz neu aufbauen müssen, werden wir einige Wochen brauchen, bis wir loslegen können. Du wirst noch ein paar Lehrgänge bekommen und dann kann es losgehen.“ Die Fee war wirklich mit sich zufrieden. So einfach hatte sie sich das nicht vorgestellt und sie war immer mehr davon überzeugt, dass Wölfchen genau der Richtige für den Job war.

„Ah, gut.“ Wölfchen nickte verstehend. Wenn er noch ein paar Lehrgänge bekam, dann war das gut. Denn das, was er in der Schule gelernt hatte, reichte bestimmt nicht aus, um Perversen ins Gewissen zu reden. „Und was mach ich so lange?“, fragte er, weil er ja dann so lange kein Geld verdienen konnte und das war ja eigentlich seine Aufgabe, deswegen hatten ihn seine Eltern in die Welt geschickt.

„Du wirst genug zutun haben, die Umbauten zu überwachen und deine Lehrgänge zu absolvieren.“ Die Fee lächelte und Leviathan drückte Wölfchen unter der Decke die Hand. Er freute sich, dass sein Freund eine Aufgabe bekam, die ihm Spaß machen würde. Darum wandte er sich selber an die Fee. „Ich habe da eine Frage“, fing er an. „Wenn wir das Haus für Wölfchens Beratungsstelle suchen, wäre es möglich, eines zu nehmen, in dem ich auch eine Schneiderwerkstatt einrichten könnte? Ich würde mich selbstverständlich auch an den Kauf- und Umbaukosten beteiligen oder ich kaufe das Haus und baue es um und die Verwaltung bezahlt Miete.“ Ihm war das gleich, solange er weiterhin bei Wölfchen bleiben konnte.

„Eine Schneiderei. Wie ungewöhnlich“, sagte die Fee, denn sie hatte dem Drachen vieles zugetraut, aber das sicher nicht. „Mir selbst ist es gleich, wie wir uns einigen, da sollten wir alle eine Nacht drüber schlafen und uns morgen noch einmal treffen, um alles zu besprechen.“ Sie war zufrieden, Wölfchen war zufrieden und irgendwie hatte sie das Gefühl, wenn der Wolf zufrieden war, war der Drache es auch. Am liebsten hätte sie sich auf die Schulter geklopft, doch das hätte nur Fragen aufgeworfen.

„Ja, machen wir das. Ich muss auch noch jemanden finden, der mit mir dort in der Schneiderei arbeitet.“ Leviathan atmete auf, denn so wie es aussah, ging sein Plan auf und es gab Wölfchen bestimmt auch Sicherheit, wenn er wusste, dass der Drache in seiner Nähe war. „Ich würde sagen, wir treffen uns morgen früh und besprechen die Einzelheiten.“ Leviathan nickte der Fee zu. Für ihn war das Gespräch beendet, denn auf sie wartete noch das eine oder andere Hochgefühl.

Auch Wölfchen verabschiedete sich brav und als die Feenkugel erlosch und verschwand, sah er seinen Thano fragend an. Er hatte das noch gar nicht richtig begriffen - er durfte allen Ernstes ein Pazifistenwölfchen sein, ein Peacemaker!

„Das wird bestimmt cool“, grübelte er und grinste plötzlich listig, wie es eigentlich nur Füchse taten. Ohne Vorwarnung warf er sich auf den Drachen, der neben ihm lag, und küsste ihn ausgehungert. Er hatte das Gefühl, das jetzt tun zu müssen, um sich besser zu fühlen. Das half schließlich meistens.

Leviathan ließ ihn machen und seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, das sein Wolf auch spüren konnte. „Du wirst ein toller Berater sein“, versicherte er, als sich ihre Lippen kurz voneinander lösten, „und wir werden zusammen bleiben, dafür werde ich sorgen.“

„Japp - mit keinem mach ich so gern so unanständige Sachen wie mit dir“, lachte Wölfchen und um zu beweisen, was er meinte, rückte er sich auf Leviathans Schoß zurecht. Auch wenn er vorhin noch kaputt und müde war - jetzt war der Wolf hellwach und auf Beute aus. Es dürfte eine lange Nacht werden.





++++



Zwei Monate später



„Hallo Schatz, endlich Feierabend?“ Leviathan reichte Wölfchen lächelnd die Tasse heißen Kakao, die er immer nach seinem Arbeitstag bekam, wenn sie sich abends in ihrer Wohnung trafen. Sein Wolf hatte viel zu tun und die Märchenverwaltung war sehr zufrieden mit den Ergebnissen. Mittlerweile baten viele der Märchenwesen um eine Sitzung, nur um sich einmal alles von der Seele reden zu können und dann gestärkt wieder ihrer Arbeit nachzugehen.

Anfangs war es nur schleppend angelaufen. Jeder kannte Wölfchen nur von seinen Auftritten in den Märchen und fragte sich, wie man sich von einer solchen Träne helfen lassen sollte. Doch nach und nach mussten sie feststellen, dass der Wolf ziemlich kompetent war. Seit fünf Wochen hatte er nun schon täglich Patienten, manchmal kam er nicht einmal dazu, eine Mittagspause zu machen. In der war er dann nämlich immer unten bei Thano in der Schneiderstube und ließ sich beschmusen, um Kraft zu tanken. Das brauchte Wölfchen einfach. Doch einen richtigen Energieschub bekam er dann meistens zum Abend. Mittlerweile hatte er auch den Dreh mit dem Sex raus und er hatte ihn gern und reichlich. Deswegen hob der Drache auch eine Braue, weil der Wolf so lüstern grinste.

„Ich hatte heute einen, der mir drei Stunden lang erzählt hat, wie es ihn anmacht, wenn er Elfen auf Lichtungen bespannen kann. Ich bin spitz wie ein Rettich, also entweder bespaßt du mich jetzt oder du duschst mich kalt“, lachte er und küsste Thano ausgehungert.

„Warum Wasser verschwenden“, lachte Leviathan und breitete die Arme aus, damit sein Schatz sich hineinwerfen konnte. Mit jedem Tag war ihre Bindung enger geworden und mittlerweile konnte er sich ein Leben ohne seinen quirligen Wolf gar nicht mehr vorstellen. Er fand ja, dass Wölfchen zu viel arbeitete, aber so lange er Spaß daran hatte, ließ er ihn machen. Er selber hatte schließlich auch einiges zu tun, denn er hatte einen Meister gefunden, der ihm alles beibrachte und so jeden Tag zeigte, dass Schneider genau der richtige Beruf für ihn war. Wölfchen verfügte mittlerweile auch über die umfangreichste Puschelsammlung des Reiches. Alle von seinem Drachen handgefertigt. Es gab grüne und rote und braune und gelbe. Es gab Drachenpuschel - von denen aber keiner so toll war wie Gisbert, das betonte Wölfchen täglich! - und Hasenpuschel, Eichheichpuschel und Rehkitzpuschel. Puschel in allen Größen.

Natürlich hatten es sich Zickrich und seine Gang nicht nehmen lassen, die neue Wohnung zu begutachten und Leviathan auf Herz und Nieren zu prüfen und die stolze Mama Wolf war auch schon da gewesen. Die Brüder von Wölfchen trauten sich nicht wirklich, weil ihr kleiner, dummer Bruder jetzt solch ein angesehener und erwachsener Wolf war.

Es hatte sich viel verändert in den letzten Wochen. Auch der Unterwäschegeschmack von Wölfchen. Die Liebestöter mit den Herzchen auf dem Hintern waren alle entsorgt worden. Dafür hatte Thano seinem Liebling ein paar geschmackvollere Modelle auf den makellosen Leib geschneidert. Aber meistens hatte Wölfchen sie nicht mehr lange an, wenn er abends zu Leviathan kam und mit ihm den Abend verbrachte.

„Ich habe dich heute Mittag vermisst, Liebling“, murmelte Leviathan leise und zog Wölfchen dicht an sich. Heute war wieder so ein Tag gewesen, wo sie sich kaum gesehen hatten und er war sich ziemlich einsam vorgekommen. „Ich liebe dich“, murmelte er leise und eroberte wieder hungrig die Lippen seines Freundes.

„Ich dich auch, weißt du doch“, nuschelte Wölfchen, denn ihm war es nicht anders ergangen. Es gab schon Augenblicke, wo er am liebsten schreiend aus seinem Büro gelaufen wäre. Doch er sollte seinen Patienten und Kunden helfen. Sie rechneten mit ihm und verließen sich auf ihn. Er konnte nicht einfach weglaufen, nur weil es schwierig wurde.

„Lass uns Essen bestellen und in deinem herrlich großen Pool verschwinden. Mir ist heute nach Schaumschlägern“, lachte Wölfchen und knöpfte seinem Schatz das Hemd auf, damit seine Nägel sanft über die nackte Brust streichen konnten.

„Habe ich schon erledigt, als ich gehört habe, dass du die Treppe rauf kommst.“ Meist kochten sie selbst, aber ab und zu leisteten sie sich den Luxus etwas in der Küche des Märchen-Hilton zu bestellen, so wie heute. Er hob Wölfchen hoch, damit der seine Beine um ihn schlingen konnte und ging langsam, Wölfchen immer wieder küssend, ins Bad, dass sie so hatten umbauen lassen, wie in der Suite des Hotels. Wenn sie auch keinen großen Luxus brauchten, so war dieser Pool ein Muss gewesen und er hatte sein Geld schon eingespielt, denn das Bad war nach einem langen Arbeitstag der Raum, in dem sie sich am längsten aufhielten.

„Was für ein schlauer Drache du doch bist“, grollte Wölfchen dunkel und belohnte seinen Thano mit einem besonders intensiven Kuss. Den hatte er sich wirklich verdient.

Auf dem Weg durch den Flur verloren sie ihre Kleider und dann verschwanden sie innig umarmt in den warmen Fluten und den Schaumbergen, die extra für Wölfchen aufgeschlagen worden waren, denn ein paar Angewohnheiten hatte der Wolf nicht abgelegt - sehr zu Thanos Vergnügen.



Ende


... danke fürs lesen ...