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Drachenblut - Teil 13 bis 16

13

Während Evren an seinen Kugeln knabberte, tippte Azhdahar auf einer Fernbedienung herum und das Bild des Dschungels verschwand. Dafür hatte man den Eindruck, über eine große, von Bergen umsäumte Ebene zu fliegen. Sie war mit etwas ähnlichem wie Gras und vereinzelten Bäumen bedeckt und kleine Herden von Antilopenähnlichen Tieren grasten friedlich.

„Dort bin ich am liebsten, besonders an dem kleinen See, unter dem Wasserfall, dort drüben“, Azhdahar zeigte auf die Berge, wo man das herab fallende Wasser sehen konnte. „Dort ist man vollkommen ungestört und das Wasser ist herrlich.“

„Solche Flecken sind auf der Erde rar. Dort wo der Mensch sich angesiedelt hat, hat die Natur weichen müssen. Es gibt zwar Ecken auf der Welt, wo die Natur trotzen konnte, doch das sind Extreme wie Wüsten“, sagte Evren nachdenklich. Wenn er sich überlegte, dass auch die Erde einmal solch ein Paradies gewesen sein musste und wie wenig von diesem Bild heute übrig war, zog es ihm den Magen zusammen. „Kann ich auch hier her zurückkehren, wenn die Verbindung gelöst ist? Oder werde ich dann zum Sklaven degradiert?“, fragte er nachdenklich.

Überrascht sah der Prinz ihn an, aber dann lächelte er. „Wenn du möchtest, kannst du gerne wieder mit mir hierher kommen und keine Sorge, ein Sklave wirst du nicht sein.“ Azhdahar strich über Evrens Tattoo, das schon fast verheilt war. „Du bist jetzt ein Mitglied meiner Familie, da werden dir alle den Respekt entgegen bringen, der dir zusteht.“

„Na, dann habe ich ja noch mal Glück. Und mein hauseigener Drachen wird mich jeden Morgen zum Wasserfall bringen, wo ich baden werde und mich zurück tragen, wo mein Frühstück auf mich wartet. Das wird herrlich“, lachte Evren frech, besah sich dabei aber die Bilder, die sich langsam veränderten. So viel weites Grün und nicht ein Haus darauf gebaut. Es war wie ein Traum.

„Wieso habe ich gerade das Gefühl, dich doch besser auf der Erde zu lassen?“, brummte der Prinz, aber er grinste dabei. Langsam musste er doch wissen, dass Evren jede Gelegenheit nutzte, ihn zu ärgern. „Schau'n wir mal, aber ich bin dafür, dass du einen Flieger kriegst, dann kannst du neben mir herfliegen. Aber abgemacht, wenn wir wieder hier sind, dann zeige ich dir Gidoria.“

„Ach komm schon, wenn du mal ein großer, violetter Drachen bist und deine orangeroten Punkte in der Sonne funkeln, dann fällt so ein kleiner Mensch, wie ich, doch auf deinem Rücken kaum auf. Da kannst du mich auch durch die Gegend tragen.“ So leicht sollte ihm Azhdahar nicht davon kommen. Er hatte zugesagt - er würde Evren auch durch die Wolken tragen.

Allein bei der Vorstellung, so auszusehen, zuckte Azhdahar zusammen und schüttelte sich. „Sag mal, warum bist du eigentlich so darauf aus, dass ich ein hässlicher Drache werde?“, brummte er und klaute sich für diese Frechheit einige der Käsekugeln und lachte. „Du wirst nicht aufgeben, bis du wenigstens einmal auf mir geflogen bist und wenn du das hattest, wirst du darauf pochen, es immer wieder zu tun, weil du so etwas wie ein Gewohnheitsrecht hast.“

„Ja, sicher - mein Drache, mein Transportmittel. Außerdem finde ich violett und orange nicht hässlich. Ist doch 'ne scharfe Kombi. Okay, die Mädels werden dich auslachen, aber ich kann dich nie im hohen Gras verlieren - ist doch total praktisch!“ Evren fand schon, dass das ein arger Vorteil sein konnte, wenn man mal wieder aus Versehen seinen Drachen verlegt hatte. „Vielleicht binde ich dir auch noch ein Glöckchen an den Schwanz“, überlegte er und fing an, ein paar von den Getreidebratlingen zu knabbern. Die waren schön scharf.

„Glöckchen?“ Azhdahar klang einigermaßen entsetzt, denn das wäre mehr als peinlich und irgendwie traute er Evren zu, dass er das wirklich vorhatte. „Hier gibt es kein 15 Meter hohes Gras und wenn doch, werde ich es einfach niederbrennen“, entkräftete er eins von Evrens Argumenten und dann grinste er fies. „Außerdem solltest du wirklich nicht hoffen, dass die Mädels mich auslachen, denn dann fällt Sex mit ihnen flach und du wirst herhalten müssen.“

Evren schluckte und rückte ein bisschen ab. So oft wie Azhdahar das mit dem Sex jetzt schon betont hatte, wusste er nicht, ob er nicht doch eines Tages herhalten musste. Zumal er selbst noch keinen Schimmer hatte, wie das laufen würde, während sie verbunden waren. „Ist das nicht etwas heftig? Ein 15 Meter großer Drachen auf einen Menschen? Das könnte unschöne Wunden im hinteren Bereich geben“, murmelte er und versuchte sich das Bild nicht vor Augen zu führen. Das tat ja schon beim Hinsehen weh!

„Wie?“ Azhdahar blinzelte und lachte dann. „Was du dir so vorstellst. Keine Sorge, ich stehe nicht auf Männer, auch wenn ich dich gerne ärgere, so weit würde ich nicht gehen.“ Er wuschelte Evren durch die Haare. So locker und zufrieden hatte er sich noch nie gefühlt und es war einfach nur angenehm. „Macht dir die Vorstellung, wie groß ich als Drache bin, gar keine Angst?“, fragte er neugierig. „Mein Kopf alleine ist dann so groß wie du.“

„Ist doch schön. Vielleicht bist du dann viel klüger als jetzt“, lachte Evren. Noch hatte er gut lachen, denn er hatte keine Vorstellung, wie groß Azhdahar einmal sein würde. Im Augenblick war er handlich und der violette Himmelsstürmer würde ihn schon nicht fressen.

„Boah. Du bist so frech.“ Azhdahar nahm Evren die Schüssel mit den Käsekugeln weg und fing an, ihn auszukitzeln. „Du hast es dir gerade verscherzt, dass ich dir morgen Gelegenheit geben wollte, einen von uns in seiner Drachenform zu sehen und erforschen zu können. Du wirst also warten müssen, bis ich meine Umagal habe.“

„Was denn?“, quietschte Evren, denn leider war er ziemlich kitzlig. „Ich sagte doch nur, dass man mit einem größeren Kopf noch besser denken können muss, als jetzt sowieso schon, oh weiser Drache!“ Seine Stimme war schrill und er wand sich wie ein kleiner Wurm auf dem Laken, strampelte und rutschte aus seinem Shirt, als er fast zu Boden ging. „Da will man - ah!“ Evren wehrte sich redlich, doch er war wohl wenig überzeugend. Dabei wollte er doch noch einen echten Drachen sehen. Aber er kam nicht dazu, es zu sagen.

Azhdahar war zufrieden, dass er etwas gefunden hatte, womit er Evren Einhalt gebieten konnte, aber er war gnädig, denn er spürte das Ziehen in den Seiten bei sich ebenfalls. „So Kleiner, jetzt weiß ich, wie ich dich bestrafen kann, wenn du frech wirst. Also denk nach, bevor du redest.“ Der Prinz grinste fies, aber er hielt Evren einen Becher Wein hin. So wie der geschrien hatte, musste er Durst haben.

„Oh Drachi, wart's nur ab. In meiner Welt wird nach meinen Regeln gespielt. Du hast mich nicht um sonst gequält“, japste Evren, als er sich langsam aufsetzte, um etwas zu trinken. Sein Herz raste und sein Blut hämmerte durch seine Adern - sein ganzer Körper war in Aufruhr, ohne dass der wirklich wusste warum. Das Bild um sie herum hatte sich erneut geändert, doch im Augenblick hatte Evren kaum einen Blick dafür.

„Da krieg ich aber jetzt Angst“, spottete Azhdahar und lachte. Es mochte sein, dass er sich auf der Erde nicht auskannte, aber das hieß noch lange nicht, dass er sich was vorschreiben ließ. „Na gut, damit deine Rache nicht zu schrecklich wird, darfst du noch ein wenig spielen.“ Er nahm die Fernbedienung und drückte sie Evren in die Hand. „Du kannst selbst bestimmen, wo du hinfliegen möchtest und du kannst alles, was du genau betrachten möchtest, näher holen“, erklärte er und zeigte, wo Evren drücken musste. „So kannst du ganz Gidoria erkunden.“

Doch Evren kicherte nur leise, sah dabei aber Azhdahar an. „Du hast doch nur Angst vor meiner Rache, deswegen bist du jetzt so nett zu mir“, lachte er und stupste den Drachen in die Seite, denn es machte viel zu viel Spaß. Dabei wusste er schon, wie seine Rache aussehen würde und wie er Azhdahar in die Knie zwingen konnte - sollte der Drache nur glauben, er hätte Evren schon klein bekommen.

„Na, wenn das so ist, dann brauchst du mein Friedensangebot ja nicht und ich werde es auch nicht zu deinen Beutestücken packen.“ Der Prinz nahm Evren die Fernbedienung wieder weg und grinste. Beide konnten es nicht lassen. Wenn sie eine Chance sahen, sich gegenseitig zu ärgern, nutzen sie sie, allerdings hatte sich die Basis verändert. Sie war schon fast freundschaftlich zu nennen.

„Pf“, machte Evren nur. Wenn Azhdahar jetzt gehofft hatte, dass er bettelte, dann hatte sich der Drache getäuscht. Erpressung war nicht sein Ding, darauf würde er sich nicht einlassen. „Dann nicht, hast du weniger zu tragen“, sagte er und griff sich noch etwas vom Büfett und erhob sich. Er rollte die Schultern ein bisschen, streckte sich und ging auf den Balkon. Doch er grinste dabei - morgen um diese Zeit waren sie wohl quitt.

So wirklich zufrieden mit dem Ergebnis war Azhdahar auch nicht, aber er würde es trotzdem einpacken lassen. Allein schon deswegen, weil er sich das selber gerne ansah. Aber jetzt nahm er sich noch etwas zu Essen. Von allem nahm er ein wenig und probierte, ob es anders schmeckte, als die Gemüsebeilagen, die er kannte und hob überrascht eine Augenbraue. Das schmeckte viel besser, würziger, als das, was die Drachen vorgesetzt bekamen. „Das ist lecker. Warum kriegen wir so was nicht?“, murmelte er leise und nahm sich noch etwas.

„Vielleicht weil euer tierischer Anteil die Gewürze nicht verträgt?“, fragte Evren. Er lehnte im Türstock des Balkons und sah zu Azhdahar zurück. „Bei unseren Haustieren wird davon abgeraten, sie mit gewürzten Sachen zu füttern, weil sie davon krank werden und es nicht vertragen. Kann ja sein, dass eure Physiologie auch solche Konsequenzen hat.“ Evren zuckte die Schultern. Er wusste das auch nicht so genau.

„Oder es schmeckt einem Grossteil der Drachen einfach nicht, weswegen man das dann für alle anderen Drachen auch so anrichtet.“ Der typische Herdentrieb.

„Hm.“ Azhdahar nahm noch einen Happen. „Die Gewürze können es eigentlich nicht sein, denn die benutzen wir für unser Essen auch. Ich denke eher, dass es wohl schon seit ewigen Zeiten so langweilig gekocht wird, weil viele von uns erst gar kein Gemüse essen. Wir ernähren uns hauptsächlich von Fleisch. Wir brauchen es zum Überleben.“ Er winkte Evren zu sich, denn er vermisste es, ihn neben sich zu haben. „Wie sieht das eigentlich aus, wenn ich bei dir wohne. Du isst kein Fleisch. Trägst noch nicht einmal Leder. Ich brauche es aber.“

„Kein Problem: ich setze dich einfach irgendwo aus, wo du dich mit dem Zeug satt essen kannst und hole dich wieder ab. Tote Tiere kommen mir nicht ins Haus“, stellte Evren klar, da war er eigen. „Ich glaube schon, dass wir da einen Weg finden - vielleicht lass ich dich ja mit deinem toten Tier auf die Terrasse“, grinste er lausbübisch.

„Das ist nicht dein Ernst oder?“ Azhdahar war wirklich nicht sicher, ob Evren das ernst meinte. Zutrauen würde er es ihm schon. „Also, wenn ich nicht draußen essen will, darf ich kein Fleisch haben? Dann bin ich ja praktisch immer draußen. Ich hoffe nur für dich, dass es da, wo du wohnst warm ist. Kälte kann ich nämlich gar nicht gut vertragen. Wenn ich friere, werde ich ziemlich knurrig und schlecht gelaunt.“

„Dann stelle ich dir einen Heizpilz nach draußen. Die sind ziemlich effektiv“, versprach Evren lachend, doch er wusste insgeheim, dass er so unfair nicht sein würde. Sie würden schon einen Weg finden, bei dem er nicht mit dem toten Tier in Kontakt kam und Azhdahar nicht gleich Frostbeulen an wichtigen Körperteilen bekam. „Zur Not kannst du dir auch was bestellen“, räumte er ein. Das war dann schon zubereitet und nicht mehr blutig. Vielleicht war das ein Kompromiss, den er eingehen konnte.

So richtig beruhigt war der Prinz nicht, aber er musste das jetzt erst einmal so hinnehmen, denn soweit kannte er seinen Menschen schon, dass ein Pochen auf seine königlichen Rechte nichts brachte. „Gut, probieren wir aus, was wir tun können, nur ganz auf Fleisch verzichten kann ich nicht.“ Noch eine Schwierigkeit, die sie überwinden mussten. „Noch irgendwas, was du in deiner Wohnung nicht haben möchtest?“

„Hm?“ Evren überlegte, doch dann schüttelte er den Kopf. „Davon abgesehen, dass das Bett im Schlafzimmer mir und zwar mir ganz allein gehört, eigentlich nichts. Deine Lederklamotten kannst du gern tragen, damit kann ich leben“, gab er großmütig zu und kam zurück zum Bett, damit er seinen Teller noch einmal füllen konnte, ehe der Prinz das ganze Vegetarier-Futter vertilgt hatte.

„Ich werde nicht in diesem…“, Azhdahar überlegte, „Wirtschaftsraum schlafen. Was immer das auch sein mag. Allein schon der Name klingt so, dass es mir nicht gefällt. Du kannst in meinem Bett schlafen, also wirst du dein Bett mit mir teilen müssen.“ Der Prinz verschränkte die Arme vor der Brust und guckte grimmig. Er hatte zwar nicht viel Hoffnung, dass das bei Evren wirkte, aber versuchen konnte man es.

„Du erpresst dir allen Ernstes den Weg in mein Bett? Wenn das mal kein unmoralisches Angebot ist“, lachte er und staunte, mit welcher Vehemenz der Prinz an seinem Status festhalten wollte. „Am besten benimmst du dich heute Nacht gut, damit ich sehe, dass ich ohne dich nicht mehr schlafen kann. Dann nehme ich dich automatisch mit“, bot er frech an und rollte sich wieder auf das Bett.

„Ich erpresse nicht, sondern ich finde, dass es nur gerecht ist, wenn du mich bei dir schlafen lässt.“ Azhdahar grinste ein wenig und zog Evren wieder zu sich. „Außerdem geht es uns besser, wenn wir nahe zusammen sind und so haben wir beide, was wir brauchen. Eine ruhige Nacht und Nähe.“

„Ich glaube auch, dass wir die haben, wenn du auf dem Teppich schläfst und ich im Bett“, lachte Evren und rollte sich dichter zu Azhdahar hin. Er wusste selbst nicht, warum er den Drachen immer weiter provozierte. „Ich habe einen weichen, flauschigen Teppich vor dem Bett, der wäre ideal für dich. Ich würde dir sogar noch ein Kissen geben, ich bin doch kein Unmensch.“ Dann klimperte er mit den Wimpern und lachte.

„Ich gebe auf“, lachte Azhdahar und verdrehte die Augen. „Du hast aber auch auf alles eine Antwort und musst das letzte Wort haben. Ich werde mich einfach in deinem Bett breit machen und dann kriegst du mich da auch nicht mehr raus. Aber ich werde mit dir nicht mehr darüber diskutieren. Machst du das eigentlich nur bei mir oder muss jeder unter dir leiden?“

„Liebling“, säuselte Evren süffisant, „UNTER mir hat noch niemand gelitten. Du kannst gern Referenzen einholen, wenn wir in Berlin sind.“ Er plinkerte wieder mit den Wimpern und griff sich von Azhdahars Teller noch ein paar letzte Krümel - was immer es war. „Außerdem macht es viel zu viel Spaß, dich zu provozieren, weil do so lange durchhältst“, musste Evren zugeben.

„Jetzt habe ich nicht nur einen Menschen am Hals, sondern auch noch den, mit der spitzesten und schärfsten Zunge, die ich je erlebt habe. Ohne jeglichen Respekt und dazu noch frech.“ Azhdahar seufzte und küsste Evren auf die Nasenspitze, um ihn ein wenig aus der Fassung zu bringen, auch wenn er nicht viel Hoffnung hatte. „Aber zumindest habe ich keine Langeweile mehr, seit ich dich kenne.“

„Immer wieder gern“, murmelte Evren - wirklich etwas irritiert - und rieb sich über die Nase. Langsam wusste er nicht mehr, was er von Azhdahar wirklich halten sollte. „Ich werd schon dafür sorgen, dass dir die Bäume nicht in den Himmel wachsen.“ Doch dann musste Evren doch wieder lachen - sie beide waren schon welche. Wo würde das wohl noch enden?

„Häh? Bäume?“ Das verstand Azhdahar jetzt nicht, aber er zuckte mit den Schultern. War bestimmt ein Sprichwort von der Erde. „So, Schatz, jetzt wird geschlafen, damit du morgen auf der Reise nicht quengelig wirst“, grinste er und stand noch einmal auf. Er holte das Lernprogramm, dass Arlan vorhin für Evren mitgebracht hatte. „So, damit du morgen anfangen kannst, mich in meiner Sprache zu nerven“, murmelte er grinsend, als er es an Evrens Schläfe befestigte.

„Och, ich hätte auch noch andere Wege gefunden, dich zu nerven“, lachte Evren und erhob sich ebenfalls noch einmal. So gern er seine Jeans auch trug, schlafen wollte er darin nicht. Also zog er sie aus, ließ sie fallen, wo er gerade stand und krallte sich gleich die Decke, in die er sich einwickelte. Nicht dass der Prinz glaubte, er würde die noch teilen! Nichts da!

Nichts gegen nette Knuddeleien, aber mit einem Kerl im Bett? Haut auf Haut? Nein, das war Evren dann doch zu viel Körperkontakt.

Er wusste, dass Azhdahar das nicht so einfach hinnehmen würde, aber so eingerollt, dass der Prinz an kein Ende rankam, fühlte er sich sicher, auch als der Prinz wie erwartet an der Decke zog. „So geht das nicht“, schimpfte Azhdahar und hob einfach Evren mitsamt der Decke hoch und wickelte ihn, wie aus einer Rolle Geschenkpapier, aus und ließ ihn aufs Bett plumpsen. „Du wirst die Decke teilen müssen, sie ist groß genug für uns beide“, grinste der Prinz und legte sich neben Evren.

„Behalte aber ja deine Finger bei dir. Wenn ich in meiner Hose mehr als zwei Hände finde, dann mach ich dich lila, so viel steht fest“, grinste Evren schief, robbte aber so weit näher, dass man sich noch nicht berührte, aber auch kein wichtiges Körperteil im Freien lag und kalt wurde. Ein Balance-Akt.

„Mach deinen Schweinkram gefälligst woanders. Sobald auch nur eine deiner Hände in deine Hose rutscht, fliegst du raus. Du kannst mir das auch gar nicht verheimlichen, denn ich kriege das auf jeden Fall mit.“ Azhdahar sah Evren streng an, aber konnte das nicht lange aufrechterhalten und prustete los. Sie waren wirklich albern.

„Schlaf gut, Kleiner“, lachte er und wuschelte durch die hellen Haare. Evren knurrte.

„Gleiches gilt für dich. Wenn ich morgen einen Ständer habe, hast du mir was zu erklären, kleines Drachi“, schoss er zurück und zog noch mal an seiner Decke. Auch wenn es ihm vom Verstand her widerstrebte, sich an den Drachen zu kuscheln, landete sein Kopf doch auf Azhdahars Schulter. Evren wehrte sich nicht dagegen.

Azhdahar ließ es einfach geschehen, denn es fühlte sich gar nicht schlecht an. Er legte sich sogar so, dass er Evren durch die Haare streichen konnte, weil er das Gefühl einfach mochte, wie sie weich und seidig durch seine Finger glitten. Es war sowieso alles anders, denn noch nie hatte er jemandem erlaubt, die Nacht mit ihm in einem Bett zu verbringen. „Morgen früh gehen wir gleich zu Arlan und schauen, wie weit er mit meinem Pass ist“, murmelte er noch, dann ließ er Evren in Ruhe.

Von dem kam sowieso keine Erwiderung mehr, weil der Tag auch von ihm seinen Tribut gefordert hatte. Er schlief zufrieden ein und träumte wirres Zeug von violetten Drachen und anderen fragwürdigen Dingen. 



14


Wie eigentlich jeden Morgen wurde Azhdahar im Morgengrauen wach, aber als er sich strecken wollte, bemerkte er, dass nicht alles so war wie sonst, denn etwas lag schwer auf ihm drauf und ließ ihn sich nicht bewegen. „Hmm“, brummte er und öffnete seine Augen, um sie gleich wieder zu schließen und noch einmal ungläubig aufzureißen. Evren lag komplett auf ihm und hatte ihn mit Armen und Beinen umschlungen, so dass der Prinz sich nicht bewegen konnte und schlief tief und fest.

Nicht genau wissend, was er jetzt machen sollte, ruckelte Azhdahar ein wenig rum. Hoffentlich wurde sein Besetzer davon wach, denn er musste dringend ins Bad. Aber Evren hatte gelernt, auch in der unwirklichsten Situation schlafen zu können. Er übernachtete in Zelten überall auf dem Erdenball - da machte ihn ein bisschen Seegang nichts aus. Er knurrte, klopfte sich sein Kissen - Azhdahars Brust - zu Recht, wandte den Kopf in die andere Richtung und schlief weiter.

Nun hatte sein Drache aber ein wirkliches Problem, denn langsam wurde es dringend und dass Evren sich noch ein wenig enger um ihn klammerte, damit er nicht runter fiel, machte es auch nicht leichter. „Evren, aufwachen“, rief Azhdahar darum. Er wollte ihn nicht einfach runter werfen, denn so geweckt zu werden war wirklich nicht nett.

„Hm“, knurrte Evren. Was war das denn für ein komisches Tier und warum machte es Krach? „Streuner, bist du das?“, nuschelte er und zog die Decke über den Kopf. „Geh fressen und komm ins Bett, aber lass mich schlafen.“

„Evren, hol dir ins Bett, wen du willst, aber lass mich vorher raus, weil es sonst ein Unglück gibt.“ Azhdahar musste grinsen, denn es war ja recht interessant, was man hier erfuhr. „Ich kann dich auch ins Bad mitnehmen, wenn du mich nicht loslassen möchtest.“

„Hm?“ Evren war schon ziemlich irritiert, dass Streuner plötzlich auf ihn einredete. Das machte der Kleine sonst nie! Also musste er ein Auge öffnen, um zu sehen, was passiert war. „Azhdahar. Was machst du denn für einen Stress? Schon mal davon gehört, dass man Tage auch in Ruhe angehen kann?“, murmelte er und bemerkte nur allmählich, wo er lag und vor allen Dingen wie!

„Evren, ich muss dringend ins Bad und dass du auf meiner Blase rumliegst, hilft auch nicht gerade. Lass mich eben aufstehen, wenn ich wieder da bin, kannst du mich gleich wieder in Beschlag nehmen, wenn es dir so gut gefällt, mich so nah zu haben“, kicherte Azhdahar frech, denn Evren war es ziemlich peinlich, wie er sehen konnte. Er ließ sich ziemlich auffällig unauffällig von Azhdahar gleiten und rollte sich in einer fließenden Bewegung in die Decke und zum Rand des Bettes. Dabei brubbelte er irgendetwas in sich hinein und schüttelte den Kopf, merkte noch nicht einmal, dass er den Drachen entblößt hatte.

„Du schläfst definitiv im Wirtschaftsraum“, knurrte er leise.

„Was soll das denn? Du wirst da schlafen, denn schließlich bin ich ja hier das Opfer. Ich habe mich nicht wie eine Klammer um dich gelegt“, schoss Azhdahar gleich zurück, aber für eine längere Diskussion hatte er jetzt keine Zeit. Darum sprang er gleich auf und lief schnellen Schrittes zum Bad. Evren ärgern konnte er auch noch, wenn er eine leere Blase hatte. Dann konnte er die frechen Bemerkungen und die zusammengezogenen Brauen viel besser genießen.

„Von wegen Opfer. Du hast mich bestimmt an dich gerissen und was versucht“, brubbelte Evren, nutzte es aber aus, dass er das große Bett für sich hatte und rollte sich wieder zurück. Nun lag er in der Mitte, streckte Arme und Beine von sich und seufzte zufrieden, als er wieder die Augen schloss. So ließ es sich leben.

„Los rutschen“, hörte er kurz darauf und wurde auch schon zur Seite geschoben. Zufrieden seufzend legte sich Azhdahar wieder ins Bett. Nun konnte die zweite Runde ganz entspannt beginnen. „Also, das musst du mir mal erklären, wie ich dich an mich gerissen haben soll, wenn du mich mit Armen und Beinen umschlingst. Da sollte ich eher Angst kriegen, dass du mich bespringen wolltest.“ Evren so verlegen zu sehen, musste er einfach ausnutzen, denn oft kam das bestimmt nicht vor.

„Ich? Dich? Auch wenn du mir das nicht zu traust: Ich habe Geschmack. Ich häng mich doch nicht an einen wie dich“, knurrte Evren und rollte sich auf den Bauch, damit er Azhdahar besser mustern konnte. „Noch bin ich nicht so verzweifelt, vielleicht in einer Woche“, schob er noch grinsend nach. „Dann komm ich zu dir in den Wirtschaftsraum, da machen wir es uns gemütlich.“ Anzüglich wackelte er mit den Augenbrauen.

„Wie bitte?“ Azhdahar stützte sich auf einem Arm auf und piekste Evren vor die Brust. „Was soll das heißen: so einer wie ich? Ich bin der zukünftige König, der einmal über einen wunderschönen Planeten herrschen wird. Ich bin gut gewachsen, sehr potent und der begehrteste Junggeselle auf Gidoria.“ Er machte ein überhebliches Gesicht und schnaubte leicht. „Was bitte schön, ist an mir auszusetzen?“

„Launisch, rechthaberisch, prügelt sich gern, isst Fleisch - alles Dinge, die ich an meiner Frau nicht schätze. Lege sie ab oder das wird nichts mit uns beiden, meine Schöne“, lachte Evren und drückte sein Gesicht ins Kissen. Noch keine Stunde wach und schon wieder am Blödsinn labern. Irgendwas musste mit seinem Hirn passiert sein - das war nicht normal. Hoffentlich gab sich das auf der Erde, sonst gab es eine Menge unschöner Fragen, auf die er keine Antwort wusste.

„Launisch? Rechthaberisch? Also das ist ja mal wohl gar nicht wahr, da kannst du jeden fragen. Ich bin der reinste Sonnenschein.“ Azhdahar klimperte mit den Wimpern und kam mit dem Kopf ein wenig näher zu Evren. Niemand würde wagen, auch nur etwas anderes zu behaupten, wenn er an seinem Leben hing. „Das mit dem Fleisch stimmt, aber das brauche ich nun mal, wenn ich nicht sterben will, aber ich habe festgestellt, dass deine fleischlose Nahrung auch schmeckt.“

„Wir sollten die Rezepte mitnehmen, vielleicht kannst du dir ja das eine oder andere auch mal selber kochen“, konnte sich Evren nicht verkneifen. Doch dann erinnerte er sich schnell, dass das in seiner Küche passieren würde und dass er derjenige war, der sie aufräumen musste. „Oder ich koche lieber“, schob er deswegen hinterher. „Außerdem sollten wir langsam in die Puschen kommen. Wo werden wir eigentlich wieder rauskommen, wenn wir auf der Erde sind? Da wo das Tor war mit der Echse? Oder wo anders? Kann man sich das aussuchen? Dann wählt Berlin an, da müssen wir nämlich hin - ach so, das gab es ja damals noch gar nicht. Blöd! Die Kontinente haben sich verschoben, nicht das euer Tor unter Wasser liegt. Das wäre blöd, weil wir keine Kiemen haben - hast du Kiemen? Ich hab keine Kiemen!“, redete Evren plötzlich los, so lange bis der Drache ihm den Mund zu halten musste. Dann konnte Evren nur fragend gucken.

„Habe ich schon erwähnt, dass ich Menschen, die ununterbrochen reden am Morgen, so überhaupt nicht leiden kann?“, knurrte der Prinz mit rollenden Augen. „Einfach den Mund halten und gucken. Das wird deine Fragen bestimmt beantworten.“ Azhdahar ließ Evren los und befreite ihn erst einmal von dem Lerngerät und grinste dann. „In welcher Sprache haben wir uns gerade unterhalten?“, fragte er grinsend, weil ihm das selber erst gerade aufgefallen war, dass sie nicht mehr die alte Sprache benutzten.

„Was weiß ich? Im Augenblick will ich wissen ob ich die Luft anhalten muss, wenn ich durch euer Tor gehe oder nicht? Wenn ich nämlich irgendwo auf dem Meeresboden zu mir komme, könnte das unter Umständen negativen Einfluss auf meine Vitalität haben.“ Erst jetzt merkte Evren, dass etwas in seinen Ohren anders klang, doch er konnte das nicht sagen. Er sprach die Laute wie selbstverständlich. Hätte Azhdahar nichts gesagt, hätte er es noch nicht einmal bemerkt. Deswegen tasteten seine Finger suchend nach dem Chip an seiner Schläfe.

„Scheint auch bei dir zu funktionieren.“ Azhdahar drückte Evren das kleine Gerät in die Hand und stand auf, weil er die Fernbedienung brauchte. „Gib mal ein. Transporter Erde“, sagte er und drückte sie Evren in die Hand. „Ich weiß nicht, wie das bei euch heißt, aber du weißt bestimmt, ob du schwimmen musst.“

Evren tat wie geheißen und siehe da - ein Bild entstand und ein Pfeil deutete auf einen Punkt innerhalb einer Landmasse. Es war wie er befürchtet hatte und Evren seufzte. „Pangea, wie man es hier sieht, gibt es nicht mehr. Die Kontinente sind auseinander gedriftet und ich habe keinen Schimmer, was aus dem Stück geworden ist, wo das Ding steht“, muffelte er. Eigentlich hatte er auch nichts anderes erwartet, weil die Drachen ja schon ewig nicht mehr auf der Erde gewesen waren. Die Datenbank war, gelinde gesagt, für den Allerwertesten.

„Pangea? Heißt die Landmasse bei euch so und wieso gibt es die nicht mehr?“ Azhdahar sah sich das Bild an. „Aber das Portal ist doch so ziemlich mittendrin, da dürfest du mit Wasser keine großen Probleme kriegen.“

„Okay. Erdgeschichte im Schnelldurchlauf. Unter der Erdkruste arbeitet es. Der Kern der Erde ist aus Eisen, darum herum ist flüssiges Gestein. Oben eine dünne Kruste. Die verschiebt sich ständig. Im Augenblick hat die Erde fünf Kontinente. Asien, Europa, Amerika, Australien und die Antarktis. Aus welchem Stück Pangeas jetzt welcher Kontinent entstanden ist, weiß ich nicht aus dem Kopf und die übrigen 70 Prozent sind übrigens Wasser. Das steigt und sinkt. Kann also gut sein, dass das blöde Tor sehr wohl unter Wasser ist“, muffelte Evren und beschloss, diese Datenbank eigenhändig auf Vordermann zu bringen.

„Mist“, stimmte Azhdahar Evren zu. Das waren wirklich keine guten Aussichten. Da konnte eigentlich nur Arlan helfen, darum stellte er auch gleich eine Verbindung her. Er erklärte dem Wissenschaftler das Problem. „Schickt irgendwas, was ihr wieder zurückholen könnt, durch das Tor und macht Aufnahmen von der Umgebung, damit wir wissen, was uns erwartet und bring das her, wenn du das Ergebnis hast“, befahl er und trennte die Verbindung schon wieder, bevor Arlan antworten konnte. „So erledigt und jetzt Frühstück.“

Doch Evren konnte gar nicht an Essen denken. Er war aufgeregt, was für Bilder er gleich sehen würde und wo das Tor nun eigentlich stand. Es musste gut versteckt sein, denn sonst hätte es doch schon lange jemand gefunden und wäre durchgegangen! Er selbst hatte es ja auch aus Versehen benutzt, ohne es zu wissen. Wenn das noch nie vorher passiert war, dann musste es gut verborgen sein - was bedeutete, dass sie sich gleich in einer ziemlich unwegsamen Gegend wieder fanden und Evren überlegte schon, wie er dann an seine Sachen kam, die im mexikanischen Urwald lagen und wie er zurück nach Berlin kam. Streuner vermisste ihn sicher schon, auch wenn der Kleine einen ausgeklügelten, wassergekühlten Futterspender bekommen hatte, der täglich eine Ration Futter freigab.

Azhdahar merkte erst wie es um Evren stand, als er die Bestellung aufgegeben hatte. „Was hast du?“, fragte er, weil sein Mensch durch den Raum tigerte und immer wieder auf die Projektion der Erde blickte. „Geh duschen. Wenn du damit fertig bist, haben wir bestimmt schon ein Ergebnis.“

„Ja, okay.“ Evren nickte. Je schneller sie fertig waren, umso schneller kam er zurück auf seinen eigenen Planeten - wie das schon klang! Sein Planet. Unglaublich. So richtig hatte er wohl immer noch nicht begriffen, dass er die Erde wirklich verlassen hatte - die Landschaften waren sich so ähnlich, die Wesen sahen den Menschen so ähnlich. Es war, als hätte er die Erde nie verlassen. Hastig lief er also ins Bad und machte sich frisch, um schnell wieder da zu sein und mit einem leckeren Frühstück weiter zu machen.

Azhdahar sah ihm hinterher und erledigte noch ein paar Angelegenheiten. Er musste Kleidung und andere Dinge einpacken, die er brauchte. Sie sollten mit kleinem Gepäck reisen, da sie nicht wussten, wo sie landen würden. Darum packte er nur das Nötigste ein, da Evren ja gesagt hatte dass sie alles kaufen konnten. Was immer dieses kaufen auch war. „Frühstück ist da“, rief er laut, als der Diener wieder gegangen war.

„Fang ja nicht ohne mich an und lass die Finger von meinen Bällchen!“, brüllte Evren durch die Tür, da er sich gerade die Haare trocken rubbelte. Nur mit offener Hose und zerzausten Haaren kam er aus der Tür um zu sehen, ob der Drache sich auch an seine Anweisungen hielt.

Der saß grinsend am Tisch und sah Evren erstaunt an. „Welche Bällchen?“, fragte er unschuldig. „Zum Frühstück gibt es für dich Getreidebrei, wie alle Menschen es hier essen. Das gibt Kraft und Energie und macht satt.“ Zur Veranschaulichung seiner Worte hielt der Drache eine Schale hoch, aus der es dampfte und innerlich amüsierte er sich über Evrens Gesicht. Der stand da, starrte mit langem Hals in die Schüssel und sah dann Azhdahar wieder an.

„Das soll ja wohl ein Scherz sein!?“, fragte er knurrend und sah sich suchend um. Das konnte der Kerl unmöglich ernst meinen. „Gib mir mein Essen“, sagte er deswegen und ignorierte die grünliche Pampe. „Ich hoffe nur, dass ich mir auf der Erde was kaufen kann“, murmelte er vor sich hin, denn das da würde er definitiv nicht essen.

„Was denn? Das musst du doch gestern schon gegessen haben. Oder hast du da etwas anderes bekommen?“ Azhdahar musste sich das Lachen verkneifen, denn Evrens Gesicht war wirklich zu lustig. „Was kriege ich denn, wenn ich dir etwas anderes gebe?“, fragte er lauernd. So einfach wollte er es seinem Menschen auch nicht machen.

„Hilfestellung auf der Erde, damit du nicht gleich am ersten Tag im Knast landest. Und jetzt gib mir mein richtiges Essen, ehe ich sauer werde. Wenn ich nämlich hungrig bin, kann ich sehr ungenießbar sein.“ Hatte der Mist-Drachen ihm wirklich nur das Zeug da bestellt? Und das mussten die armen Menschen hier essen? „Ich will nicht lange diskutieren. Gib mir einfach was!“

„Uah“, machte Azhdahar gespielt ängstlich, aber er ging zum Schrank, wo er das Essen versteckt hatte und holte es. „Was ist ein Knast?“, fragte er lachend dabei. „Vielleicht ist es da ja schön und ich möchte da landen.“ Aber er wusste wieder etwas mehr über Evren. Er sollte zusehen, dass er immer reichlich gefüttert wurde.

Sofort leuchteten Evrens Augen und er eilte, um Azhdahar das Tablett aus den Händen zu nehmen. Nicht dass der es vielleicht noch fallen ließ oder schlimmeres. Mit seiner Beute warf sich Evren auf das Bett und trank von dem, was aussah wie Tee. Es war auch ein Kräuteraufguss, leicht gesüßt. Sehr angenehm.

„Knast. Gefängnis. Da kommen alle rein, die gegen das Gesetz verstoßen. Sie werden weggesperrt und nicht wieder raus gelassen. Kann sein, dass es dir da drinnen gefällt. Käme mir entgegen, denn so bin ich die Sorge um deine Unterbringung in meinem Bett los und die Jungs dort freuen sich über deinen hübschen Hintern.“

„Aha. Wenn das so ist, will ich da nicht hin, denn dein Bett ist bestimmt gemütlicher.“ Azhdahar legte sich zu Evren, denn das Essen war nicht nur für ihn. „Da ist Fleisch drin und da auch. Das ist für mich“, erklärte er lieber gleich, bevor Evren davon etwas nahm und stellte die Schüsseln vor sich ab. „Was gibt es denn bei euch zum Frühstück?“

„Also, ich esse gern mal ein gebratenes Ei, Brot, Saft, Kaffee - ja, Kaffee ist wichtig. Ab und an Müsli mit Milch. So Sachen eben“, nuschelte Evren, der schon angefangen hatte, sich ein paar lecker aussehende Flocken in den Mund zu stopfen. Überraschenderweise waren die süß und schmolzen förmlich auf der Zunge. „Für dich werden wir wohl was aus totem Tier bekommen müssen. Mal sehen, ob ich dich unter den Sonnenschirm auf die Terrasse oder auf den Dachgarten schicke.“

„Morgens muss ich nichts mit Fleisch essen. Ich werde probieren, was du so isst. Besonders diesen Kaffee, was immer das auch sein mag. Wenn er wichtig ist, sollte ich es probieren. Ei und Brot kenne ich, genauso Milch, aber das essen wir nicht zum Frühstück, sondern eher zwischendurch.“ Azhdahar nippte an seinem Tee und nahm sich auch ein paar Flocken. „Möchtest du Saft oder Obst haben?“

„Nein, das hier reicht. Wir wollen gleich los, da kann ich mich nicht voll stopfen. Aber wir sollten was mitnehmen. Ich weiß nicht, wo wir raus kommen werden und wo es was zu Essen geben wird.“ Eigentlich ging er auf Azhdahars Fragen kaum ein. Das konnten sie alles machen, wenn sie endlich wieder bei ihm zu Hause waren und er wieder in seinen eigenen vier Wänden wandeln konnte. Und außerdem gab es da noch so ein kleines Fellknäuel, was ihm fehlte.

„Wir müssen noch warten, bis Arlan uns gesagt hat, wo wir rauskommen und er meinen Pass fertig hat“, dämpfte Azhdahar etwas Evrens Tatendrang. „Was bedeutet eigentlich dieses Kaufen? Es muss wichtig sein bei euch, denn du hast es schon so oft erwähnt.“

Jetzt war es doch einmal an Evren, etwas irritiert zu gucken. Kannten die Drachen das nicht? Gut, sie kannten vielleicht das Wort nicht - aber das, was sich dahinter verbarg. „Früher hat der Mensch Ware gegen Ware getauscht. Doch es war in der modernen Zeit zu umständlich, immer Säcke mit Getreide oder Schweine mit sich zu führen. Man entwickelte eine Währung, gegen die alles getauscht wurde. Und weil man überall damit bezahlen konnte, heißt das eben kaufen und nicht mehr tauschen, weil man nicht Ware gegen Ware gibt, sondern Ware gegen Zwischenwährung.“ Evren zuckte die Schultern, besser konnte er das nicht erklären.

„Aha.“ Es war Azhdahar anzusehen, dass er es nicht wirklich verstand. „Aber warum nimmt sich nicht einfach jeder, was er braucht. Es gibt Dinge, die gehören einem persönlich, aber alles andere ist Allgemeingut. So wie die Flieger zum Beispiel. Bei uns funktioniert das wunderbar. Jeder hat eine Unterkunft, zu Essen und alles, was man zum Leben braucht. Das einzige mal, wenn wir was tauschen, ist bei Geschenken.“

„Du bist so naiv. Du wirst aus allen Wolken fallen“, sagte Evren mit leichtem Wehmut in der Stimme. Es war nicht abwertend gemeint. „Ich sagte doch, der Mensch hätte nicht so mächtig werden dürfen, wie er geworden ist. Für Geld verkauft der alles, sogar sein eigenes Leben oder das der anderen. Allgemeingut gibt es schon lange nicht mehr, weil sich jeder gerafft hat, was er kriegen konnte. Und was er nicht bekommen konnte, holt er sich durch Tricks.“ Das Geld hatte den Menschen verdorben - aber das war nicht mehr rückgängig zu machen.

„Ich glaube, so wie du das sagst, gefällt mir das nicht. Ich muss also aufpassen, dass man mir nicht wegnimmt, was ich habe. Heißt das auch, ich kriege nur etwas zu Essen, wenn ich es gegen dieses Geld tausche? Ich habe so etwas nicht.“ Zum ersten Mal überlegte der Drache, ob es wirklich richtig war, auf die Erde zu gehen. „Also ist es bei euch bestimmt so, dass der, der das meiste Geld hat, auch die Macht hat.“

„Ja, so kann man das sehen. Zwar streuen sich die Menschen gern Sand in die Augen, wenn sie glauben, sie wählen eine Regierung wegen ihrer Kompetenz, aber die Fäden zieht die Wirtschaft. Ohne Geld bekommst du gar nichts, Azhdahar.“ Doch das sah Evren nicht so eng. Er hatte genug davon, dass er einen Drachen für ein paar Tage oder Wochen mit durchfüttern konnte.

„Na toll.“ Der Drache war sichtbar sauer. „Ehrlich gesagt, frag ich mich gerade, ob ich mir das wirklich antun soll. Niemand weiß, wer ich bin. Die Menschen beuten nicht nur ihre Welt, sonders sich selber auch aus. Ich glaube, die Menschen haben es hier als Sklaven wesentlich besser als bei euch. Sie leben in Sicherheit, haben alles, was sie brauchen und alles, was unsere Wissenschaftler an Verbesserungen erfinden, kommt ihnen genauso zugute. Kannst du das von deiner Erde auch behaupten? Wenn wir die Umagals nicht brauchen würden, dann würden wir keinen Fuß mehr auf diesen Planeten setzen.“

„Hey, ich weiß selber, dass die Erde nicht das Paradies ist“, zischte Evren. Es war ja nicht so, dass Azhdahar nicht verstand, doch dass der gleich so herablassend wurde, wollte der Mensch dann auch nicht auf sich sitzen lassen. „Du kannst es auch lassen auf die Erde zu gehen und noch locker ein paar Jahre auf deine Umagal warten. Viel Spaß“, murmelte er, denn irgendwie traute er Azhdahar zu, dass der einfach hier bleib, weil man ihn dort nicht respektvoll behandeln würde.

„Ich bin gerne hier und auf ein paar Jahre kommt es auch nicht mehr an. Die Frage ist nur, ob du den Rest deines Lebens hier verbringen willst, mit mir verbunden, immer in meiner Nähe.“ Azhdahar war nun wirklich ziemlich sauer und das sah man ihm auch an. Dass Evren ihn immer nur mit kleinen Häppchen fütterte, gefiel ihm gar nicht. „Ich geh duschen“, knurrte er und stand auf. Er musste sich abkühlen, sonst hatten sie gleich wieder den schönsten Streit.

„Ja, kühl deinen Kopf“, knurrte Evren. Ihm war es ganz lieb, wenn der Drache noch eine Weile verschwand. Warum bekamen sie sich eigentlich immer wieder in die Haare? Aus der geruhsamsten Situation konnten sie einen Wirbelsturm vom Zaun brechen. Dabei war Evren eigentlich nicht streitsüchtig. Wieder einmal merkte er, wie viel er von Azhdahars Wesen schon übernommen hatte.

Wütend stapfte Azhdahar in die Dusche und fetzte seine Unterhose so heftig vom Körper, dass sie zerriss, aber das störte ihn nicht weiter. „So ein Arschloch“, knurrte er sauer und hob die Hand, um sie gegen die Fliesen zu schlagen, hielt aber inne, weil ihm wieder einfiel, dass Evren das auch merken würde. So wütend er auf ihn war, Schmerzen wollte er ihm nicht bereiten. Aber irgendwie musste er ihm das heimzahlen und er grinste fies, als ihm einfiel, was er machen konnte. Schon wieder besser gelaunt, stellte er sich unter die Dusche und ließ das warme Wasser über seinen Körper gleiten. Sanft fuhr er mit seinen Händen, über seine Haut und er seufzte leise, als er sich an eine Wand lehnte, damit er sich selber verwöhnen konnte.

Evren war derweil auf den Balkon getreten, damit der Wind des Morgens ihn etwas abkühlen konnte. Der Streit hatte ihn mehr aufgeregt als sonst, denn ihm wurde ganz warm und kribbelig. Er fühlte sich nicht mehr wohl in seiner Haut. Was war das nur? Er strich sich über das Gesicht und lehnte sich auf die Brüstung, atmete tief durch, doch effektiv kühlend war der Wind hier auch nicht.

Der Drache in der Dusche, fühlte sich gerade sehr wohl. Wohl wissend, wo er sich berühren musste, fuhren seine Hände über seinen Körper und ließen erregende Schauer durch seinen Körper laufen. Immer wieder seufzte er leise und das Wasser fühlte sich auch noch an, wie zusätzliche Finger auf seiner sensibilisierten Haut.

Auf dem Balkon fing Evren langsam an sich zu schütteln. Immer wieder sah er sich um. Seine Haut gaukelte ihm Berührungen vor. Das war zum verrückt werden. Zum Glück war Azhdahar jetzt nicht da, der nöhlen und ihn weiter nerven würde. „Oh, man!“ Evren atmete tief durch. Doch als er spürte, dass sich die Hitze anfing in seinem Schoß zu sammeln und sich langsam etwas hob, war ihm schlagartig klar, was hier los war.

„Dieses dämliche Kriechtier!“, zischte er und wandte sich um. Er rannte wie von Sinnen durch das Zimmer und riss die Tür zum Bad auf, egal was er jetzt sah.

„Nimm deine dreckigen Pfoten von dem stinkenden Schwanz, wenn du nicht willst, dass ich dir das Ding abreiße, du Kriechtier!“, brüllte er, rasend vor Wut. Wusste der Kerl nicht wann Schluss war?

Er wusste wahrscheinlich nicht, wie ihm geschah, als er blitzartig unter die Dusche gezerrt wurde. „Sag noch einmal dämlich oder Kriechtier zu mir und du wirst es bereuen“; zischte Azhdahar ihm zu und Evren hing nass in der Luft, denn der Prinz hatte sich wieder in seine Halbdrachenform gewandelt, was zeigte, wie wütend er war. „Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Du darfst beleidigen und abwertend über meine Welt reden, aber wenn man es dir zurückgibt, fängst du an, verbal um dich zu schlagen und bist beleidigt. Wenn du auf die Erde zurück willst, lass das lieber sein.“

„Leck mich, Arschloch!“ Evren dachte ja gar nicht daran, Angst zu haben oder klein bei zu geben. Der Mistkerl würde sich noch umgucken. Er hatte keine Lust auf weitere Diskussionen. Er wollte nur noch weg hier und zurück in sein kleines Reich - wo er König war und dieses dämliche Kriechtier nur einer unter vielen, der besser seine blöde Klappe hielt. Auch wenn der Griff um seinen Hals wehtat, versuchte er nicht zu zucken.

„Ganz bestimmt nicht“, knurrte Azhdahar und ließ Evren los. Jetzt, wo er seiner Wut Luft gemacht hatte, war sie wieder verraucht und er wandelte sich zurück. Aber trotzdem war er noch wütend auf diesen Menschen, darum verließ er das Bad auch ohne jedes weitere Wort, nachdem er sich flüchtig abgetrocknet hatte. Er zog sich etwas über und ging aus seinem Zimmer, ohne Evren zu sagen, wo er hinwollte. Am liebsten wäre er jetzt mit dem Flieger zu seinem Lieblingsplatz am Wasserfall geflogen, aber das ging ja nicht. Darum ging er das erledigen, was für ihre Reise noch wichtig war. Er musste sich bewegen und trainieren konnte er nicht.

Immer noch tropfnass stand Evren im Bad und sah mit Unglauben zu, wie der Prinz sich einfach aus dem Staub machte. Er zog also die nassen Klamotten aus, griff sich einfach etwas aus Azhdahars Schrank - schließlich war der daran schuld, dass Evren seine Klamotten vergessen konnte - und verließ das Zimmer ebenfalls. Was der komische Drache konnte, konnte er schon lange. Er hatte seinen Rucksack gegriffen und ging zum Transporter. Er wusste bereits, wie man die Dinger handhabte und setzte sich zu Arlan ab. Er wollte seinen Pass und sein Zeug und dann am Tor warten, bis das blöde Kriechtier sich auch bequemte. 


15


„Evren“, rief Arlan überrascht und sah auf. Er hatte den Pass des Prinzen gerade fertig bekommen und überprüfte noch einmal, ob auch alles stimmte. Er reckte den Kopf ein wenig, damit er hinter Evren sehen konnte, aber so wie es aussah, war der Mensch alleine. Das war ungewöhnlich. „Wo ist Prinz Azhdahar?“, fragte er, auch wenn es ihm ganz recht war, denn der Prinz machte ihn immer nervös.

„Tja, wenn ich das wüsste, wäre ich schlauer. Aber gelinde gesagt, ist er da, wo er mir am liebsten ist - weg!“ Evren hatte keine gesteigerte Lust, sich schon wieder über den Kerl zu unterhalten. „Der wird schon auftauchen. Kann ich meinen Pass wiederhaben?“, fragte er und kam näher. Seine Augen suchten nach Kisten oder Taschen, in denen vielleicht sein Zeug sein konnte.

„Oh.“ Arlan kratzte sich verlegen am Kopf. Er war neugierig, zu erfahren, was passiert war, aber das stand ihm nicht zu. Wenn der Prinz erfuhr, dass über ihn getratscht wurde, konnte er sehr ungehalten werden. „Dein Pass“, lenkte er darum ab, „ja klar, gleich. Ich bin mit dem von Azhdahar fertig und überprüfe nur noch einmal alles. Setz dich, ich hab gleich Zeit für dich.“

„Alles klar, mach dir keine Umstände. Ich hock mich da drüben in die Ecke und lese ein bisschen.“ Er hatte in seinem Rucksack noch einen Reiseführer von Mexiko gefunden, in dem konnte er lesen, wenn hier schon sonst nichts zu machen war, weil der Drache sich unbedingt hatte absetzen müssen.

„Kannst du gerne machen, aber du kannst dich auch umse…“ Arlan stockte. „Du sprichst ja unsere Sprache“, grinste er. „Ist das auch geklärt, ob unsere Lernprogramme auch bei dir funktionieren. Dort drüben in der Schachtel liegen welche. Such dir aus, was du noch lernen möchtest, dann pack ich es dir ein.“

„Stell mir zusammen, was ich wissen muss, wenn ich doch wieder hier her zurückkommen muss. Geschichte, Umgangsformen - ja, Umgangsformen wäre nicht übel, damit ich endlich mal verstehe, was das olle Drachi ständig zu motzen hat. Blöder Affe, der!“ Evren war immer leiser geworden, das letzte war nicht mehr für Arlan gedacht, sondern nur noch für sich selber. Er hockte sich auf einen Stuhl hinter einem Schrank und steckte die Nase ins Buch.

„Ja, kann ich machen.“ Arlan sah Evren an und seufzte. Es war ziemlich gut zu sehen, dass es in dem Menschen arbeitete. „Evren, ich weiß, dass es mich nichts angeht, was zwischen dir und unserem Prinzen ist, aber dir scheint es nicht gut zu gehen gerade. Vielleicht kann ich dir helfen.“ Er kam zu Evren rüber und gab ihm seinen Pass wieder.

„Er ist recht schwierig. Hab ich Recht?“, fragte er vorsichtig.

„Schwierig ist nicht das Wort, was mir als erstes einfallen würde“, sagte Evren, nickte aber dankend und steckte seinen Pass gleich weg, nicht dass er ihn noch liegen ließ. „Er ist zickig, arrogant und überheblich. Kurz gesagt, unausstehlich und er sollte bald hier auftauchen, denn umso schneller finden wir eine Umagal und ich bin das Kriechtier endlich los. Ich werde eine Woche lang feiern, das verspreche ich dir!“

„Das sind genau die Eigenschaften, die von unserem Thronfolger und späteren König erwartet werden.“ Arlan hatte sich das schon gedacht. „Drachen sind Krieger. Sie beugen sich nur jemandem, der stärker ist, als sie selber. Das bezieht sich nicht nur auf körperliche Stärke. Azhdahar ist darauf gedrillt worden, so unausstehlich zu sein, weil er sonst als König keine Chance hat. Er ist arrogant, das stimmt, aber er ist nicht schlecht. Er hat viele fortschrittliche Ideen, auch was die Menschen hier betrifft. Aber bei seinem Vater hat er keine Chance, solange er noch nicht erwachsen ist. Darum will er auch so unbedingt seine Umagal, damit er anfangen kann, alte, verstaubte Regeln und Gesetze zu ändern.“

„Dann sollte der Kerl endlich hier auftauchen, mit mir auf die Erde gehen, das blöde Umagal-Vieh holen und mich von seiner Gegenwart erlösen!“ Evren knurrte leise, das konnte doch alles nicht zu viel verlangt sein. Wo schlich das dämliche Kriechtier eigentlich schon wieder rum? Nie war er da, wenn er gebraucht wurde. Es war ja nicht so, dass er Arlan nicht verstand, aber er war trotzdem sauer.

„Ist es denn wirklich so schrecklich?“, fragte Arlan. Ihm war klar, dass Evren es nicht leicht hatte, denn was ihm passiert war, konnte einen schon mal durcheinander bringen. „Azhdahar ist bestimmt nicht leicht zu handhaben. Ich bin auch immer froh, wenn er nicht in meiner Nähe ist, weil er schnell wütend wird, aber er hat bisher fast nie jemanden ungerecht behandelt.“

„Fast nie - ich glaube, ich bin einer von den fast“, knurrte Evren. „Können wir nicht über was anderes reden? Ich habe keine Lust auf den Typen. Ich habe den noch lange genug auf dem Hals und bin froh über jede Minute, die ich den nicht an meinem Hacken habe.“ Demonstrativ öffnete Evren sein Buch.

„Schon verstanden.“ Arlan nickte und ließ Evren in Ruhe. Er suchte die Lernprogramme für ihn raus und sah immer mal wieder kurz zu dem lesenden Menschen rüber. Entgegen Evrens Hoffnungen glaubte der Wissenschaftler nicht, dass das Blut der Umagal die Verbindung zu Azhdahar aufheben würde. Abschwächen vielleicht, aber mehr auch nicht. Auf jeden Fall würde es nicht gehen, dass sie auf unterschiedlichen Planeten lebten.

„Evren, war da nicht noch etwas, was du mitnehmen möchtest? Der Prinz erwähnte so etwas, dass sich deine Wunschliste erweitert hätte.“

„Ach ja, so eine Art Bildtelefon. Das war witzig.“ Evren nickte. „Muss aber auch nicht, wenn das zu viel wird. Ich muss das ja alles tragen und da keiner weiß, wo wir rauskommen werden... ist bei euren Untersuchungen schon was Interessantes zurückgekommen? Wisst ihr, wo das Tor ist?“ Fragen kostete ja nichts, auch wenn Evren da ziemlich wenig Hoffnung hatte.

„Kein Problem, die wiegen nicht viel. Ich habe Azhdahar schon gesagt, dass wir alles in einen Koffer untergekriegt haben, den man noch gut tragen kann.“ Arlan schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn und sah Evren entschuldigend an. „Die Sonde. Entschuldige, das habe ich vollkommen vergessen. Sie ist wieder zurück, aber ich hatte noch gar keine Zeit, es mir anzusehen. Moment.“ Der junge Wissenschaftler kramte ein wenig rum und tippte gleich auf der Fernbedienung rum, als er sie gefunden hatte.

Aus einer vormals weißen Wand wurde plötzlich ein Monitor und nach ein bisschen Grisseln und Rauschen sah Evren plötzlich - Sand. Er guckte, guckte noch einmal. Doch es blieb Sand. Kein Strauch, kein Baum. Nichts zur Orientierung. Das erklärte zumindest, warum das Tor noch keiner aus Versehen benutzt hatte - machte den Weg nach Hause aber um einiges komplizierter. „Mist“, murmelte er leise. „Aber wenigstens nicht unter Wasser, das ist schon mal gut.“ Er sollte Wasser und Essen einpacken. Er hatte keinen Schimmer, wie lange sie brauchten, bis sie Zivilisation erreichen konnten.

„Tut mir Leid. Ich habe mal in den alten Aufzeichnungen gestöbert. Dort stand, dass das Tor in einem Felsen verborgen ist. Allerdings sollte drum herum Dschungel sein. Der Standort wurde ausgesucht, weil es unserem Klima ähnelte.“ Arlan tippte erneut und die Sonde bewegte sich, so dass man mehr der umgebenden Landschaft sehen konnte, aber das Bild blieb das Gleiche. Sand! Er bewegte die Sonde weiter, aber das Bild änderte sich nicht.

„Sand, Sand, Sand. So viel von dem Zeug gibt es eigentlich in mehreren Regionen der Erde. Das bringt mich noch nicht wirklich weiter. Aber nun gut. Wir werden schon etwas finden. Mein GPS wird sich einwählen, sobald wir auf der Erde sind. Ich finde schon nach Hause“, murmelte Evren vor sich hin und starrte immer noch auf den unendlichen Sand - hoffentlich nicht gerade so was wie die Sahara. Dann sah das nämlich nicht gut aus. Doch das sagte er lieber nicht.

„Zur Not kommt einfach wieder zurück, wenn ihr dort nicht wegkommt. Wir müssen uns dann was anderes überlegen.“ Arlan bewegte die Sonde noch ein wenig, aber es gab wirklich nichts mehr zu sehen. In seinem Kopf begann er schon, sich mit dieser Variante zu beschäftigen, damit er im Ernstfall schnell eine Lösung parat hatte. Er war nicht umsonst ein angesehener Wissenschaftler.

„Ja, werden wir machen. Dafür müssen wir aber trotzdem Proviant mitnehmen. Vielleicht sind wir ein paar Tage unterwegs. Wenn ich vor Ort bin, kann ich mich orientieren und entscheiden, ob es sich lohnt, loszugehen.“ Wenn es nicht unbedingt sein musste, würde Evren so schnell nicht in Azhdahars Reich zurückkehren. Dem Kerl musste mal das Ego gestutzt werden. „Lass am besten etwas zusammentragen, was nicht gleich verdirbt und Wasser. Habt ihr Rucksäcke, so wie meiner? Das transportiert sich dann besser.“ Nur wie er das mit seinem schweren Koffer voll Technik machte, wusste er noch nicht.

„Lass mal sehen.“ Arlan kam zu Evrens Rucksack und sah ihn sich genau an. „Ja, so was haben wir auch. Ein wenig anders, aber durchaus vergleichbar. Ich lasse euch Proviant für mehrere Tage zusammen packen, aber du kannst nicht zwei Rucksäcke tragen. Wir müssen alles, was ihr mitnehmt, so minimieren, dass ihr es auch über eine längere Strecke tragen könnt.“

„Ja, das wäre nicht übel. Da Azhdahar schon erklärt hat, er würde mein Zeug nicht schleppen, sollten wir wirklich alles auf ein Minimum reduzieren. Es kann sein, dass wir ein paar Tage durch diesen scheiß Sand waten werden.“ Das schmeckte Evren gar nicht und er wandte sich vom Bild der Sonde wieder ab. Es änderte sich ja doch nicht. „Soll ich dir helfen, beim Umpacken?“

Arlan war schon wieder am Überlegen und sah Evren erst etwas orientierungslos an, aber dann schüttelte er den Kopf. „Weißt du was, lass von dem, was du mitnehmen willst, alles hier. Ich gebe dir einen leistungsstärkeren Transporter mit, den kannst du leicht tragen und wenn du bei dir Zuhause bist, schicke ich dir deine Sachen. Das müsste klappen.“

„Ja, wenn das ginge, wäre das freilich perfekt. Das schont meine Schultern. Wie kann ich dich denn erreichen?“ So richtig konnte er das noch nicht verstehen, aber Arlan wusste sicher was er tat, denn er war ja Wissenschaftler. „Packen wir alles zusammen. Wenn das Riesenbaby sich bequemt, sich blicken zu lassen, will ich endlich los.“ Es ärgerte ihn sowieso, dass der Schmoll-Drachen abgezogen war, ohne ein Wort zu sagen.

„Warte, ich hol dir, was du brauchst und erklär es dir.“ Arlan ging kurz aus dem Raum und kam mit einem dunkelvioletten Kristall wieder. „Die Leistung des Transporters hängt vom Kristall ab. Diese hier sind die stärksten.“ Er gab Evren den Kristall in die Hand und holte eine der Transporterscheiben. „Er ist stark genug, damit wir etwas von hier zu dir bringen können und auch umgekehrt, dann…“ Arlan hielt inne, als die Tür sich öffnete und Azhdahar den Raum betrat. „Prinz“, grüßte er ihn, wandte sich aber wieder an Evren. „Dann haben wir eine ständige Verbindung, um Nachrichten und sonstiges auszutauschen.“

„Das ist gut. Dann lasse ich alles in dem Koffer hier und nehme vorerst nur diesen Transporter mit. Wenn ich dann daheim bin, wird er aufgestellt und dann? Muss ich was eingeben und siehst du, wenn ich den aktiviere? Wie läuft das?“, fragte Evren ziemlich angeregt und ignorierte Azhdahar mit Leidenschaft und Hingabe.

„Ich programmier dir noch die dazu passende Fernbedienung, so dass du nur das Symbol für meinen Namen drücken musst und die Verbindung wird hergestellt.“ Arlan musste lächeln, denn Evren war wirklich wissbegierig und das gefiel ihm. Nur wenige Menschen beschäftigten sich mit Technik. Er blickte auf, als Azhdahar sich räusperte.

„Wie sieht es aus mit meinem Pass und was hat die Sonde ergeben?“, fragte er brummig, denn er mochte es gar nicht, ignoriert zu werden. Das störte Evren noch immer nicht, der dem Drachen weiterhin den Rücken zukehrte, doch Arlan kam gleich eifrig zu ihm gelaufen. „Der Pass ist fertig. Hier ist er. Und die Sonde hat ergeben, dass das Tor zumindest nicht unter Wasser liegt. Es ist aber überall Sand. Evren, hast du erkannt, wo das war?“, fragte er den Menschen, doch der schüttelte nur den Kopf und nahm sich sein Buch.

Azhdahars Brauen zogen sich verärgert zusammen, aber er sagte nichts, weil er nicht unbedingt wollte, dass Arlan ihren Streit mitbekam. Darum machte er gute Mine zu diesem Spiel. „Gut, habt ihr noch etwas rausbekommen? Was müssen wir mitnehmen?“

Arlans Blick glitt zu Evren, doch der hatte sich in sein Buch vertieft. Er schien mit Azhdahar nicht reden zu wollen. Das ging ja schon wieder gut los. Er seufzte tonlos. „Also, Evren hat gesagt, die Wüsten wären dort ziemlich dünn besiedelt. Es wäre sicherer, Nahrung für ein paar Tage und Wasser mitzunehmen. Eine Art Schlafsack und ein Zelt vielleicht“, erklärte er und sah wieder zu Evren. „Noch was?“

Der Mensch schüttelte den Kopf.

„Gut, habt ihr das schon veranlasst?“, fragte der Prinz und Arlan nickte. „Die Küche weiß Bescheid und müsste alles gleich bringen.“ Er fühlte sich unbehaglich, denn das Azhdahar immer wütender wurde, war deutlich zu spüren. „Evren, wie sieht es aus mit eurem Geld. Gibt es etwas, dass ich anstatt dessen von hier mitnehmen kann, um zu tauschen?“

Weil er nun direkt angesprochen wurde, sah Evren von seinem Buch auf, doch seine Miene regte sich nicht. Was wollte der denn mitnehmen zum Tauschen? Schnitzel? Doch etwas musste er sagen und so ging er im Kopf durch und das erste, was ihm einfiel, war ein Spielzeug, was er seit vielen Jahren mit sich trug: „Glaskugeln“, sagte er trocken - der Mistkerl würde es noch bereuen, mit Evren so umgesprungen zu sein.

„Glaskugeln?“ Es war deutlich zu sehen, dass Azhdahar damit nichts anfangen konnte. „Geht’s auch etwas genauer? Was für Kugeln? Welche Farbe, Größe? Evren könntest du Arlan erklären, was wir brauchen? Ich muss zu meinem Vater, dann können wir gleich los, wenn ich wieder da bin.“

„Klar.“ Der Mensch zuckte die Schultern und verbarg sein Grinsen. Er würde das mit Arlan jetzt durchziehen und ihn später, wenn sein Scherz aufgeflogen war, darüber unterrichten. Nicht dass sein Blödsinn noch in den Chroniken landete. Aus seinem Rucksack holte er den kleinen Beutel mit den drei Kugeln und legte sie auf den Tisch. „Die rote ist ganz gut, da kriegt man ordentlich was für, die grüne hier ist nicht so viel wert. Die durchsichtige ist am meisten wert“, erklärte er bierernst.

„Gut, mach von allen welche, aber mehr von den durchsichtigen.“ Azhdahar blickte noch einmal auf die Kugeln und schüttelte innerlich den Kopf. Die Menschen waren schon komisch. „Ich schätze, ich brauche noch ungefähr zwei Stunden, dann können wir los. Ich bringe die Bänder für das Portal mit.“ Mit den Worten drehte er sich um und ging wieder.

Evren lag innerlich auf dem Boden und kugelte sich vor Lachen. Das Kriechtier würde aber blöd aus seinen Schuppen gucken, wenn er bemerkte, dass die Dinger wertlos waren. Dann konnte er damit spielen, solange wie er sich abregte. Doch Evren hatte seine Gründe dafür, warum er verschwieg, dass Gold und Edelsteine, was die Drachen durchaus besaßen, sehr wertvoll waren. Es war nicht nur pure Bosheit, rechtfertigte er vor sich selbst. „Dann mal los, ich guck dir zu“, sagte er zu Arlan und klopfte ihm grinsend auf die Schulter.

„Ja, klar.“ Arlan nahm die Kugeln und legte eine in einen kleinen Behälter. Diesen schob er in eine Apparatur und drückte einen Knopf. „Wir durchleuchten die Kugel, weil wir die Zusammensetzung brauchen. Dann können wir sie duplizieren. Dauert nicht lange“, erklärte er Evren dabei und legte alle drei Kugeln in die Apparatur. „So können wir so ziemlich alles damit herstellen.“

„Echt? Theoretisch auch einen Evren? Damit zwei dem Drachi auf die Nerven gehen könnten?“, grinste Evren frech. Nicht dass er das wirklich wollte, er war nur neugierig, ob sich das auf tote Materie bezog oder auch auf lebende Zellen. Sein Buch war, seit Azhdahar wieder den Raum verlassen hatte, uninteressant geworden.

„Nein, keinen Evren. Nichts Lebendes.“ Arlan lachte. „Das könnte ich unserem Prinzen doch auch gar nicht antun. Du bringst ihn schon alleine vollkommen aus der Fassung.“ Der Wissenschaftler grinste zu Evren rüber und zwinkerte. „Tut ihm irgendwie ganz gut. Wie viele soll ich machen?“

„Schade, ich hätte gern noch einen kleinen Evi zum spielen gehabt. So im Taschenformat“, lachte er leise und beobachtete den Strahl, der die Kugeln abtastete und ein Diagramm auf einem Bildschirm auswarf. „Mach nicht zu viele. Das Zeug ist schwer und außerdem habe ich selber genügend Geld, dass Drachi für ein paar Wochen durchzufüttern. Es wird ihm zwar nicht schmecken, von mir abhängig zu sein, aber anders geht das leider nicht. Ist eben 'ne Notsituation“, sagte Evren, denn er wollte sich nicht an dem wertlosen Zeug tot schleppen und dafür wertvolles Trinkwasser oder Nahrung hier lassen.

„Gut, aber du siehst das schon ganz richtig. Es wird unserem Prinzen nicht gefallen.“ Arlan zuckte die Schultern. Irgendwie war er ganz froh, nicht dabei zu sein, auch wenn er liebend gerne mit zur Erde gehen würde. „In ungefähr einer Stunde kann ich zehn Stück machen. Reicht das?“

„Ja, ist ja nicht so, als hätte ich keine und wäre auf ihn angewiesen. Muss er eben mal lernen, wie das ist, abhängig zu sein.“ Evren wollte weder Mitleid noch Rücksicht nehmen. Er würde dem Großkotz schon beibringen, wie man sich in Gegenwart eines Evren zu benehmen hatte. Neugierig beäugte er Arlans Handgriff. Das war interessant.

Arlan sah kurz zu Evren rüber und wusste nicht, wie er dessen Blick und Worte deuten sollte. „Evren, er ist stolz und gewohnt, dass er seinen Willen bekommt“, sagte er leise, aber dann schüttelte er den Kopf. Da sollte er sich nicht einmischen. Aber er mochte den Menschen und wollte nicht, dass er sich in Schwierigkeiten brachte, auch wenn er sich keine Sorgen um sein Leben machen musste.

Evren grinste. „Arlan, mach dir keine Sorgen. Ich werde dem Prinzlein nur zeigen, dass er eben nicht immer seinen Willen bekommt. Er hat sich mit mir den falschen Gegner ausgesucht. Ich mag nicht so stark sein wie der Prinz, aber ich bin nicht auf den Kopf gefallen und mich zu reizen, heißt schlafende Hunde zu wecken.“ Mehr verriet er noch nicht, aber Arlan konnte am Blitzen der Augen sehen, dass Azhdahar noch ziemlich in Schwierigkeiten und an den Rand seiner Nerven getrieben werden sollte.

„Irgendwie bin ich gerade froh, nicht unser Prinz zu sein.“ Arlan grinste schief, aber dann ließ er es dabei bewenden. Evren musste selber wissen, was er tat. „Sag mal, kann ich dir ein Aufzeichnungsgerät mitgeben, damit du Dinge, die für uns wichtig sind, aufnehmen und mir über das Portal schicken kannst?“, fragte er. Sie hatten schon einmal kurz darüber gesprochen und Arlan wollte so viel wie möglich erfahren, was für die Drachen wichtig sein konnte.

„Ja, sicher. Ich werde erst einmal wahllos draufhalten und euch schicken. Wenn ihr etwas seht oder hört, was wichtig ist, dann gebt mir ein Zeichen. Dann werde ich spezieller.“ Evren würde mal sehen, wie er sich als rasender Reporter machte und ob er der Drache nicht auch dazu anspitzen konnte, sich nützlich zu machen. „Erklär mir nur, was ich machen muss. Oder kennt sich Azi damit aus?“ Es würde Evren zwar wundern, aber möglich war es ja.

„Erst einmal wäre ich mit ganz allgemeinen Informationen zufrieden, so dass wir uns von der Erde ein neues Bild machen können. Azhdahar kann dir zeigen, wie du das Gerät bedienen musst. Ich werde ihm wohl auch eines mitgeben, schließlich weiß er am besten, was wir brauchen.“ Arlan machte sich schnell Notizen, damit er nachher nicht doch bei der Hektik des Aufbruchs etwas vergaß. „Wir wissen ja praktisch gar nichts mehr von der Erde.“

„Na ja, ihre relative Position im Universum hat sich nicht verändert und die Werte lassen sich berechnen“, lachte Evren und stieß Arlan mit der Schulter an. So schlimm war die Erde nicht, auch nicht schwer zu verstehen. Selbst die Menschen waren besser als ihr Ruf, wenn man erst einmal ihre Spielregeln kannte, mit denen Azhdahar aber ein paar Schwierigkeiten haben dürfte. Doch das kam später - erst einmal mussten sie aufbrechen. Wo der Prinz nur blieb?

„Na ja, aber viel mehr ist auch nicht gleich geblieben.“ Arlan lachte und überprüfte noch einmal die Einstellungen des Duplikators. „Gibt es noch etwas, was du unbedingt vor deiner Abreise sehen oder wissen möchtest? Wir haben noch über eine Stunde Zeit, bis unser Prinz wieder kommt.“

„Eine Stunde? Was treibt der Kerl noch? Wir wollen los! Ich habe keine Lust, die Nacht unvorbereitet in der Wüste verbringen zu müssen - mit einem nölenden Azhdahar. Der soll seinen Hintern schwingen“, knurrte Evren, doch er legte sein Buch endgültig wieder weg. „Erklär mir den Duplikator. Das sieht spannend aus.“



16


Völlig in ihr Gespräch vertieft, bemerkten Arlan und Evren gar nicht, wie die Zeit verging und so sah der Wissenschaftler auch erstaunt auf, als die Tür aufging und Azhdahar hereinkam. Der Prinz hatte sich von seinen Eltern verabschiedet und die Armbänder für den Transporter geholt, so dass sie, wenn die Vorräte aus der Küche da waren, auch gleich los konnten. „Seid ihr soweit?“, fragte er deswegen.

„Ist ja nicht so, als hätten wir auf dich gewartet, hm?“, schoss Evren zurück, doch seine Laune hatte sich wieder gebessert. Er hatte eingesehen, dass es keinen Sinn machte, den Prinzen zu reizen, wenn man gleich mit dem in einer Wüste ausgesetzt wurde. Was, wenn die Vorräte ausgingen und der Drache ihn fraß? Er nickte auf die beiden Rucksäcke, die fertig auf dem Tisch standen. „Greif zu - dann geht's los.“

„Ich habe so schnell gemacht, wie es ging. Schließlich habe ich einige Verpflichtungen.“ Azhdahar wirkte noch leicht gereizt, aber auch bei ihm war die Wut verflogen. „Gib mal deinen Arm. Du brauchst ein Armband, um durch das Tor zu gehen und auch, um das auf der Erde zu aktivieren, wenn du wieder zurück möchtest. Allerdings ist deins so programmiert, dass du nur mit mir zusammen zurückkannst.“

„Na, das war ja wieder klar. Du darfst mich zurücklassen, aber ich darf nicht alleine hier her kommen. Typisch!“ Evren stemmte die Fäuste in die Seiten und hob eine Braue. Das ging ja schon wieder gut los. Gerade beschloss er, Azhdahar keinen Schlüssel für seine Wohnung zu geben und ihn so lange auf der Terrasse bei Streuner warten zu lassen, bis Evren von Arbeit kam - gleiches Recht für alle. Nur mit dem Vorteil, dass Streuner mit seinem Halsband die Balkontür öffnen konnte, wohingegen ein großer Kerl wie Azhdahar den Alarm auslösen und die Polizei auf den Plan rufen würde.

„Ich kann dich nicht zurücklassen, schon vergessen?“, knurrte Azhdahar und ließ das Armband um Evrens Handgelenk einschnappen und prüfte, ob es auch richtig saß. Er hatte keine Lust, sich jetzt wieder zu streiten. „Außerdem habe ich das nicht speziell für dich so angefordert. Es ist halt eben so, dass die Bänder für die Menschen nur mit einem für Drachen funktionieren.“

Irgendwie kam sich Evren gerade vor wie ein Haustier, doch er schwieg besser. Wie gesagt - er hatte keine Lust, nachher gefressen zu werden, wenn der nölende Drachen vor Langweile alles aufgefressen hatte. „Gut, brechen wir endlich auf - ich will heim“, sagte Evren und zog Arlan für eine kurze Verabschiedung an sich. „Wir hören voneinander, nicht?“, grinste er und rollte die Schultern, ehe er den schweren Rucksack aufsetzte.

„Ja, sicher, du weißt ja, wie du den Transporter bedienen musst und wenn du etwas brauchst oder wissen willst, dann schick mir darüber einfach eine Nachricht.“ Arlan erwiderte die Umarmung und hoffte, dass Evren wieder hierher kam, wenn sie die Umagal für den Prinzen gefunden hatten. „Ach so, die Aufzeichnungsgeräte.“ Der junge Wissenschaftler lief los und kam mit zwei der kleinen Geräte wieder zurück und packte eins in jeden Rucksack. „Viel Glück. Ich hoffe, ihr findet die Umagal schnell.“

„Man wird sehen, ob es irgendwo noch eines von den Viechern gibt“, grinste Evren frech und sah Azhdahar herausfordernd an - er konnte einfach nicht anders. „Und jetzt los, ehe man es sich noch einmal anders überlegt und doch nicht in die Wüste will.“ Evren ging schon vor, weil Arlan ihm den Raum mit dem Tor bereits gezeigt hatte.

„Das habe ich gehört“, knurrte Azhdahar launig, aber sonst sagte er nichts dazu. Er konnte eh nicht zurück, da sein Vater verfügt hatte, dass er zur Erde musste. „Diese Wüste ist heiß und trocken?“, fragte er noch einmal nach. Er wusste nicht, was ihn erwartete, denn so ein Klima gab es hier auf Gidoria nicht. Hier war es zwar auch immer warm, aber gleichzeitig feucht.

„Ja. Heiß, sonnig, trocken. Hast du dir die Haut eingecremt? Hast du einen Hut mit?“ Evren sah über die Schulter zurück und zog sich gerade eine Mütze über den Kopf, die er aus seinem Rucksack gezogen hatte. Zwar lag ihm Wüstenklima auch nicht, aber es half nichts. Das blöde Tor stand nun einmal sinnbefreit mitten im Sand - daran war nichts zu ändern. „Mach doch, Azi, ich will los!“

„Nein, habe ich alles nicht, weil du es ja nicht für nötig gehalten hast, mir so was zu sagen.“ So langsam hatte Azhdahar wirklich wieder die Nase voll. Warum hatte er eigentlich vorher gefragt, ob er was brauchte. Nun hatte er keine Zeit mehr, so etwas zu holen. „Muss es halt ohne gehen“, knurrte er und folgte Evren in den Portalraum.

„Stell dich schon mal ins Tor, ich komme gleich.“ Azhdahar ging zum Eingabeterminal und fuhr mit seinem Armband darüber, um es zu aktivieren.

„Ist ja nicht so, als hättest du viel Zeit darauf verschwendet, hier im Labor zu sein. Ich wusste da auch noch nicht, wo wir eigentlich landen“, murmelte Evren leise, denn ausnahmsweise war er mal nicht schuld daran. Er hatte doch gar nicht die Chance gehabt, Azhdahar das zu sagen. Doch er schwieg sich aus und stellte sich neben den Drachen, dabei beobachtete er, was geschah.

Sobald Azhdahar das Portal aktiviert hatte und Evren neben ihm stand, ging die Reise auch schon los, auch wenn sie nicht wirklich viel davon bemerkten. Ein leichter Schwindel, der aber schnell nachließ und ein Verschwimmen des Gesichtsfeldes. Das erste, was Azhdahar bemerkte, war Hitze - trockene Hitze, die ihm unangenehm war, als er wieder etwas wahrnehmen konnte. „Wir sind wohl da“, sagte er überflüssigerweise, als er nur noch Sand sehen konnte.

Evren neben ihm starrte stur gerade aus - Weite. Gelbe, flimmernde Weite soweit das Auge blicken konnte. „Ja, scheint so. Endlich zu Hause“, murmelte Evren. Er stand wie angewurzelt, wagte kaum, sich umzusehen. Das GPS-Gerät, was er in der Uhr an seinem Handgelenk trug, suchte Kontakt zum Satelliten und dann würde er gleich wissen, wo er hier eigentlich war.

„Na, dass du hier Zuhause bist, hoffe ich ja mal nicht, denn das Klima ist nicht gerade angenehm“, bemerkte Azhdahar trocken und schüttelte den Kopf. Er fühlte sich komisch, irgendwie kraftlos, darum schüttelte er den Kopf, um das Gefühl loszuwerden, aber es blieb. „Was nun?“, fragte er und drehte sich langsam. Mitten in der Bewegung hielt er inne und tippte Evren auf die Schulter. „Evren, dreh dich mal um“, sagte er leise.

„Nicht jetzt - ich suche den Kontakt zum Satelliten, damit ich weiß, wo wir lang laufen müssen“, knurrte Evren und ließ erst einmal den Rucksack in den Sand sinken. Die Hitze raubte auch ihm die Kraft, er war lange nicht in der Wüste gewesen. „Mistding, jetzt such dir endlich den Funk, ich will wissen, wo ich bin und wie ich hier wegkomme, verdammt!“

„Dann frag doch die Menschen hinter uns, die uns gerade beobachten. Sie werden wohl wissen, wo sie sind.“ Azhdahar nahm Evren an den Schultern und drehte ihn nun selber rum. „Du kannst aber auch darauf warten, bis deine Satelliten dir das verraten.“

„Hä?“ Evren rieb sich über die Augen, doch das Bild blieb. Nicht verschwommen, sondern glasklar. Mit allem hatte er gerechnet, aber nicht damit, dass man das Tor, dass die Drachen vor tausenden von Jahren hier zurückgelassen hatten, als Torbogen für die Umzäunung einer Lodge benutzte. Das war Glück im Unglück! Vielleicht bekamen sie hier einen Wagen und konnten verschwinden - weit weg, bis zu einem Airport und dann ab nach Berlin. Das Bad in der eigenen Wanne rückte wieder in greifbare Nähe. „Ich glaub, ich spinne“, murmelte er leise und nahm den Rucksack wieder auf.

Azhdahar enthielt sich jeden Kommentars, auch wenn ihm etwas Bissiges auf der Zunge lag und folgte Evren einfach. Er blickte dabei so grimmig, dass keiner es wagte, sie anzusprechen. Auch wenn man sehen konnte, wie neugierig die Menschen waren, zu erfahren, wo diese beiden ungewöhnlichen Gestalten herkamen, die plötzlich in dem Torbogen gestanden hatten.

Das erste Mal war Evren nicht böse darüber, dass Azhdahar den arroganten Großkotz raushängen ließ, denn er verschaffte ihnen eine Verschnaufpause, um sich eine kleine Lüge auszudenken. Man würde wissen wollen, woher sie kamen.

Evren sah sich die Leute an, grüßte freundlich nickend, denn er wollte es sich nicht gleich verscherzen. Am besten besorgte er sich erst mal für eine Nacht ein Zimmer, dann konnte er weitersehen.

„Was jetzt?“, fragte Azhdahar flüsternd und schloss zu Evren auf. Er hörte es leise tuscheln und die Fetzen, die er auffing, ließen ihn die Stirn runzeln. „Sie sprechen eine der alten Sprachen“, sagte er schließlich überrascht. Damit hatte er nicht gerechnet, auch wenn das unlogisch war, denn schließlich sprach Evren auch eine dieser Sprachen. Ein Teil der damals zurückgelassenen Menschen musste überlebt haben, wenn sie die alten Sprachen unter das Volk auf der Erde hatten bringen können.

„Wir nehmen ein Zimmer, wir finden raus wo wir sind, wir mieten einen Wagen und suchen einen Airport - vorzugsweise in der Reihenfolge“, schlug Evren vor und kam langsam durch die Halle der Lodge, wo er auf einen Tresen zu hielt, von dem er glaubte, es könnte die Rezeption sein.

„Gut, machen wir das so, wenn du das sagst.“ Azhdahar folgte Evren ins Haus und sah sich unauffällig um, immer bereit, sich zu verteidigen, falls sie jemand angreifen sollte. Dazu war er einfach zu sehr Krieger, als dass er das hätte abstellen können.

„Guten Tag, meine Herren“, wurden sie von dem jungen Mann hinter der Rezeption begrüßt. „Was darf ich für sie tun. Sie sind keine Gäste unseres Hauses. Hatten sie eine Panne? Dann helfen wir ihnen gerne weiter.“

„Panne ist gut. Wir wurden irgendwie schlicht vergessen. Wir gehörten zu einer Art Survival-Truppe. Man setzt die Teilnehmer aus und die schlagen sich durch. Wenn es gar nicht mehr geht, hat man für alle Fälle GPS und ein Handy dabei und man wird geholt. Aber das wollten wir nicht. Deswegen würden wir gern wissen, wo genau man uns ausgesetzt hat, würden für die Nacht gern ein Zimmer mieten und morgen weiter zu einem Airport. Unser Ziel ist Berlin“, log Evren in sauberem Oxford-Englisch und lächelte Vertrauen erweckend. Die heutige Zeit war verrückt genug, dass solche Art von Reisen sicher angeboten wurden.

„Dies ist die Desert Elefante Lodge, an der nördlichen Skelettküste, zur Grenze nach Angola“, klärte der freundliche junge Mann Evren auf und lächelte. „Sie können gerne Zimmer bei uns mieten und das Lodge eigene Shuttleflugzeug bringt sie gerne zum nächsten Flughafen. Wir buchen ihnen auch die Flüge, wenn sie es wünschen, dann sollten sie uns nur sagen, wann sie fliegen möchten. Zahlen sie bar oder mit Karte?“

Das war Azhdahars Stichwort. „Ich mach das“, sagte er zu Evren und kramte den Beutel mit den Murmeln aus seinem Rucksack. „Wie viel macht das?“, fragte er, griff sich drei durchsichtige Kugeln und legte sie auf den Tresen. „Reicht das?“

Evren hielt sich die Hand vor die Augen - damit hatte er jetzt wirklich nicht gerechnet. Er wusste im ersten Moment gar nicht, was er sagen sollte, genauso wie der Angestellte, dem das Lächeln verging und der den Mann vor sich fragend ansah. „Wir sind keine Indianer und selbst die hat man vor vielen Jahren damit nicht bestechen können. Wir bevorzugen doch die Landeswährung“, erklärte der Mann und versuchte sich nichts anmerken zu lassen, aber er hielt die beiden Männer für nicht ganz dicht.

„Schon gut, er war etwas lange in der Sonne“, sagte Evren und holte aus seiner Tasche seine Kreditkarte für die Reisen. Dafür hatte er ein spezielles Konto. „Buchen sie bitte zwei Zimmer davon ab. Wir würden gern etwas essen und uns dann mit ihnen über ein Weiterkommen unterhalten. Aber jetzt muss ich erst mal raus aus den Klamotten und mein Begleiter raus aus der Sonne.“ Evren betete, dass der Prinz nur für ein paar Minuten die Klappe hielt, das konnten sie später klären!

Azhdahar sah zwischen dem Mann hinter dem Tresen, den Glasmurmeln und Evren hin und her. Es dauerte ein paar Herzschläge, aber dann wurde ihm schlagartig klar, was hier gespielt wurde. Seine Augen verdunkelten sich und seine Hand verkrampfte sich so fest um die restlichen Kugeln im Beutel, dass seine Knöchel weiß hervor traten. „Das wirst du mir büßen, Mensch“, zischte er wütend Evren zu, aber mehr sagte er nicht, denn so eine Blöße wollte er sich vor einem Fremden nicht geben. Mit versteinertem Gesicht blieb er neben Evren stehen und wartete darauf, dass sie in ihre Zimmer konnten.

Der Concierge nahm lächelnd die Karte entgegen und tippte alle nötigen Informationen in den Computer. „Sie bekommen Bungalow 3. Kwange wird sie dort hin begleiten.“ Er reichte Evren zwei Codekarten für die Tür und lächelte. „Ich wünsche ihnen einen schönen Aufenthalt in unserer Lodge.“

„Alles klar.“ Evren nahm seine Tasche wieder auf und steckte seine Karte ein. Er wusste, dass gleich die Luft brennen würde, sobald die Tür hinter ihnen zu war und er suchte schon im Geiste ein paar Argumente, um Azhdahar zu erklären, was ihn dazu veranlasst hatte. Er hätte nicht gedacht, dass er so früh auffliegen würde.

Für einen kurzen Augenblick dachte Evren, dass es keine gute Idee gewesen war. „Bitte sehr, die Herren. Wenn sie etwas wünschen oder brauchen, benutzen sie das Zimmertelefon.“ Der Mann verbeugte sich und ging wortlos, während Evren sich in dem luxuriösen Domizil umsah. Er konnte sich vorstellen, was nächsten Monat auf seinem Kontoauszug stand, doch das war egal - wenn er alles so viel hätte wie Geld, hätte er keine Sorgen.

Azhdahar hatte keinen Blick für seine Umgebung. Er streckte nur die Hand aus. „Ich möchte in mein Zimmer“, sagte er kalt. Er fühlte sich gedemütigt und Evren konnte er gerade nicht in seiner Nähe ertragen, denn er wusste nicht, was er dann machte. Dass Evren das mit voller Absicht gemacht hatte, verletzte ihn ungemein, aber das ließ er sich nicht anmerken.

Doch der Mensch ließ ihn noch nicht gehen, denn er konnte das nicht ungeklärt zwischen ihnen lassen, weil es ihm auf seltsame Art wichtig war, was der Drache dachte.

„Hör zu, Azhdahar, du kannst jetzt toben oder brüllen. Das ist mir egal“, sagte Evren ruhig aber eindringlich, „doch eines will ich dir sagen: hätte ich dir erzählt, du kannst mit Gold oder Edelsteinen bezahlen, hättest du Unmengen davon eingesteckt, weil du viel Macht willst. Aber lass dir gesagt sein: Wenn solche Mengen Gold oder Steine plötzlich dem überschaubaren Markt von einem Fremden auftauchen, haben wir schneller den Staatsschutz auf dem Hals als uns lieb ist.

Sie checken deinen Pass, werden merken, dass der gefälscht ist und dann sind wir am Arsch. Sie wollen wissen, woher das Zeug stammt. Vielleicht fliegt deine Drachen-DNS auf. Du landest im Labor. Es mag sein, dass es dir gerade gegen das Ego geht, dass ich für dich mit bezahle - aber ich hänge an meinem Leben und meiner Freiheit und zwangsläufig auch an deiner. Und wenn dir einer im Knast den Arsch versilbert, mein Lieber, merke ich das auch. Wenn dir einer die Fresse poliert, habe ich auch was davon. Denk bitte nicht nur an dich und dein Ego!“

Der Prinz sah Evren kurz unbewegt an, aber seine Augen loderten, nur seine Stimme war ruhig, aber eiskalt. „Für wie bescheuert hältst du mich eigentlich? Das stimmt doch alles gar nicht, was du mir da weiß machen willst. Du wolltest mich demütigen und mir aufzeigen, dass ich hier auf der Erde ein Nichts bin. Das ich zu tun habe, was du willst, wenn ich nicht auffallen will. Nur, wenn du nur Angst gehabt hast, dass wir auffliegen, was sollte das dann mit den Glaskugeln? Ist es nicht auffallend, was gerade passiert ist?“ Azhdahar schleuderte den Beutel mit den restlichen Kugeln vor die Wand, so dass sie laut scheppernd durch den Raum sprangen. „Du hättest auch einfach sagen können, dass du dich um diese Dinge kümmerst, aber das war dir nicht genug. Es hat dir Spaß gemacht, mich zum Idioten zu machen und das werde ich nicht vergessen.“ Wieder hielt er seine Hand auf. „Ich möchte in mein Zimmer.“

„Hier, geh schmollen.“ Evren hatte keine Lust auf eine Diskussion mit seinem Prinzen. Jetzt konnte er einen auf vernünftig machen, doch Evren wusste ganz genau, wie es gelaufen wäre! Er hätte das Gold genauso auf den Tisch geknallt wie die Glasmurmeln. Genau so hatte er es vorausgesehen. „Glaube von mir, was du willst - es ist sowieso nur das schlechteste“, knurrte er und warf sich aufs Bett. Er schloss die Augen und wollte nur noch seine Ruhe, damit er überlegen konnte, wie er - sie - nach Hause kamen.

„Was redest du davon, dass ich Macht will? Das einzige, was ich von der Erde will, ist meine Umagal und ich habe verstanden, dass ich hier auf der Erde kein Prinz bin.“ Azhdahar lehnte sich an eine Wand und sah Evren immer noch wütend an. „Sag mir, wo ich das ganze Gold und die Edelsteine hätte unterbringen sollen und so etwas, wie mit den Glasmurmeln, wäre ganz bestimmt nicht passiert, wenn du es für nötig gehalten hättest, mir zu sagen, dass ich damit vorsichtig sein soll – und komm mir jetzt nicht damit, wann du mir das hättest sagen sollen. Wie hättest du reagiert, wenn ich dieses Spiel mit dir abgezogen hätte. Du wärst genauso wütend wie ich jetzt.“

„Hat dich vorhin in der Lobby irgendjemand darum gebeten zu zahlen, Azhdahar? Nein, hat keiner. Es war für dich selbstverständlich und das hättest du eigentlich mir überlassen sollen, wenn du die Gepflogenheiten nicht kennst. Meine Güte, ist das so schlimm, wenn ich bezahle? Brichst du dir einen ab, wen du mein Geld annimmst?“ Evren verstand den ganzen Wirbel nicht. Es war ja nicht so, als würde er den Prinzen aussetzen und sich verpissen. Evren verschränkte die Arme hinter dem Kopf und musterte den Drachen.

„Ich weiß, dass du mir nicht viel zutraust und so erzogen bist, wie du nun einmal auftrittst und dass das wichtig für den zukünftigen König ist. Das sehe ich alles ein. Aber hier lass mich die Dinge regeln, okay?“, fragte er leise und holte tief Luft. Er hatte keine Lust auf Streit, sie hatten andere Sorgen.

„Evren.“ Azhdahar schloss die Augen und strich sich mit den Fingern darüber. „Es geht mir nicht darum, dass du bezahlst. Mach das, wenn du glaubst, dass das besser ist. Ich kenne das nicht, also macht es mir auch nichts aus.“ Er sah wieder zu Evren. „Ich habe dir vertraut und du hast mich lächerlich gemacht. Ich habe den Blick des Mannes gesehen, als ich die Glaskugeln auf den Tresen gelegt habe und ich habe dich gesehen. Du wusstest, dass das passieren würde. Du wolltest, dass ich mich lächerlich mache.“

„Erzähle du mir nichts vom Vorführen, Azhdahar“, sagte Evren und riss sein Hemd auf, was er aus dem Schrank des Drachen genommen hatte. „Guck dir das ganz genau an - erzähl mir nichts über Demütigung. Ich weiß, dass war nur zu meinem Besten, aber das hier kann ich nicht rückgängig machen. Ich werde es ewig tragen müssen. Ich würde sagen, wir sind quitt. Hier kratzt sich ein kleiner Angestellter einer Lodge mitten in der Wüste den Kopf über dich. Das ist morgen vergessen - das hier wird nie vergessen sein, Azhdahar!“ Evren verschmälerte die Augen und schlug sich gegen die Brust.

„An Kraft komme ich dir nicht gleich. Das hast du mir in der Dusche gezeigt. Das war meine Art dir klar zu machen, dass du nicht alles mit mir machen darfst, nur weil du es kannst.“

„Du hast das gemacht, weil du dich dafür rächen wolltest, weil ich dich habe tätowieren lassen?“ Azhdahar sah Evren völlig entgeistert an. „Du fühltest dich dadurch gedemütigt, dass ich dich geehrt habe? Weißt du eigentlich, dass die Menschen auf meinem Planeten ihr Leben dafür geben würden, was du einfach so bekommen hast? Du hast das königliche Siegel bekommen. Du gehörst nun zur Herrscherfamilie Gidorias und du bist der erste Mensch, dem wir dieses Privileg gewährt haben. Es mag sein, dass du es nicht entfernen kannst, aber du wirst froh darüber sein, wenn du wieder auf Gidoria bist.“

„Wenn ich wieder dort bin, Azhdahar, wenn“, sagte Evren leise. In seinem Kopf spukten eine Menge quere Gedanken herum, die er aber nicht aussprechen wollte oder konnte. „Du siehst in der Tätowierung das, was es ist: ein Siegel, eine Ehre. Aber ich kann damit nichts anfangen, für mich ist es Körperverletzung und nicht mehr. Ich verstehe deine Welt nicht, du meine. Wir sind quitt - lass uns bei Null anfangen Azhdahar.“ Evren klang müde, aber nicht gierend nach Schlaf, sondern nach einem Anker. Er fühlte sich wie eine Boje, schwamm auf, schwamm unter und wusste nicht, wo er wirklich hingehörte.

„Nicht wenn, Evren. Du wirst wieder nach Gidoria kommen, zwangsläufig. Wie willst du den Menschen erklären, dass du fast ewig lebst?“ Azhdahar stieß sich von der Wand ab und ließ sich in einen Sessel neben dem Bett fallen. „Es kann sein, dass eine Umagal unsere Verbindung löst, aber sie kann nicht das Vermischen unseres Blutes und unserer DNS auflösen.“

Man sah Evren an, dass er schockiert war, doch er versuchte sich das nicht weiter anmerken zu lassen. „Aha“, machte er und schloss die Augen. Eigentlich hatte er sich ausgemalt, wieder bei Streuner zu sein, seinen Forschungen weiter nachzugehen und sich - wenn die Verbindung endlich wieder gelöst wurde - eine nette Frau zu suchen und sich für ein paar Wochen das Hirn raus zu poppen, damit er das Geschehene und das Gesehene hinter sich lassen konnte, um sein altes Leben wieder aufzunehmen.

„Bleib hier auf der Erde, wenn es funktioniert, aber wenn eine menschliche Lebensspanne um ist, wirst du dir überlegen müssen, was du tust. Wahrscheinlich sogar früher, weil du nicht alterst und wie du mir eindringlich erklärt hast, ist das etwas, was eure Wissenschaftler auf den Plan rufen wird.“ Mit einem Seufzen ließ der Prinz seinen Kopf gegen die Lehne sinken. „Fangen wir von Null an, Evren. Aber noch einmal werde ich es nicht hinnehmen, wenn du mich demütigst, egal ob derjenige unwichtig ist.“

Evren hob wieder den Kopf, stopfte sich das Kissen, was er greifen konnte, darunter, damit er keinen Krampf bekam, wenn er Azhdahar ansah. „Dann fordere ich von dir den gleichen Respekt, Prinz. Wenn es noch Dinge gibt, die du mir antun musst, weil die königliche Etikette es verlangt, dann sage mir das vorher. Ich werde mich nicht wehren können, aber ich würde gern als gleichwertig behandelt und gefragt werden. Du hast mich ebenfalls wie ein Haustier behandelt, egal ob du nun Prinz bist oder nicht. So geht man miteinander nicht um, wenn man klarkommen will.“ Evren musste aber innerlich zugeben, dass der Drache Recht hatte. Er konnte auf lange Sicht nicht auf der Erde bleiben.

„Evren, was hätte es gebracht, wenn ich dir vorher gesagt hätte, dass ich dich tätowieren will? Du hättest getobt und dich dabei vielleicht sogar selbst verletzt und im Endeffekt hätte es nichts geändert.“ Azhdahar sah Evren mit einem schiefen Grinsen an. „Wir wissen ja, dass du das durchaus fertig bringst. Es war nicht fair von mir, das mag sein, aber ich war wütend auf dich.“

„Und ich war wütend auf dich - wir sind quitt, Azhdahar“, sagte Evren leise und streckte sich. „Aber wegen deiner Frage, was es gebracht hätte, es mir vorher zu sagen: ich hätte nicht das Gefühl gehabt, ein Stück Vieh zu sein, mit dem man machen kann, was man will. So baut man kein Vertrauen auf, Drachi!“, grinste er schief und besah sich die Glaskugeln, die auf dem Boden lagen.

„Das wollte ich auch gar nicht. Es war mir ehrlich gesagt vollkommen egal, wie du dich fühlst. Ich hatte das Recht dazu.“ Azhdahar hob eine Hand, weil er sehen konnte, dass Evren schon wieder protestieren wollte. „Menschen sind unsere Sklaven, auch wenn das wohl nicht mehr die richtige Bezeichnung ist. Früher war es so, aber auch wir Drachen entwickeln uns. Heute ist es so, dass die Menschen für uns arbeiten. Sie werden von uns dafür mit allem, was sie brauchen, versorgt und sie bekommen unseren Schutz. Theoretisch könnten wir mit ihnen machen, was wir wollen, aber so ist das nicht mehr. Sie haben Rechte und schon seit sehr vielen Jahrhunderten wurde keiner mehr von uns getötet oder misshandelt. Wir brauchen einander.“

„Und nur weil du das Recht hast, mich zu demütigen, machst du das - bläst dich aber auf wie ein Ballon, wenn ich meine Revanche dafür haben will? Azhdahar, wir sollten etwas Grundlegendes klarstellen“, sagte Evren und erhob sich. „Du hast mich als deinen Gefährten bezeichnet, behandle mich bitte auch so, dann werde ich das auch mit dir tun. Und jetzt geh ich duschen und suche an der Rezeption jemanden, der uns so schnell wie möglich wieder nördlicher bringt.“ Evren wollte nicht mehr diskutieren, denn sie drehten sich im Kreis und kamen auf keinen Nenner.